Als Winnetou bleibt er unsterblich: Abschied vom Schauspieler Pierre Brice

Pierre Louis Baron Le Bris ist im Alter von 86 Jahren gestorben. Hierzulande kannte man ihn nur als den perfekt en allemand parlierenden Pierre Brice mit dem netten „fransösischen“ Akzent. Noch besser kannten wir ihn als den ebenso perfekten Darsteller des Winnetou, der neben Lex Barker blutsbrüderlich durch die karstige Film-Landschaft Kroatiens ritt. Beide sind nun in den ewigen Jagdgründen, wie man so sagt.

Aber wie kaum ein anderer hinterlässt Pierre Brice bei seinen deutschen Fans den Eindruck solch einer vollkommenden Identifikation von Darsteller und Rolle. Niemand hätte in ihren Augen den edlen Helden nahezu jeder Kindheitslektüre spielen dürfen. Niemand hätte sich mit schwarzer Langhaar-Perücke so elegant in die unvermeidlichen Leggins zwängen können wie er. Keinem wäre es gelungen, so behend‘ den Pferderücken nach wildem Galopp zu verlassen und dabei die Silberbüchse wie ein Zepter den bösen Gegnern entgegen zu schwingen. Das konnte nur er, Pierre Brice – nicht zuletzt auch im Sauerland, beim Festival in Elspe, wo er ab 1976 für rund zehn Jahre mitwirkte.

Pierre Brice als Einnetou bei den Karl-May-Festspielen in Elspe (Sauerland), um 1978. (Foto: Elke Wetzig - Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de - Link zum Bild: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Piere_Brice_als_Winnetou,_Karl-May-Festspiele_Elspe_2.jpg)

Pierre Brice als Winnetou bei den Karl-May-Festspielen in Elspe (Sauerland), um 1978. (Foto: Elke Wetzig – Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de

„Nur wenige Leute wissen, wie ich vor und seit Winnetou gelebt habe und lebe. Winnetou war ein wichtiger Teil meines Lebens und ich habe ihm viel zu verdanken. Doch neben Winnetou haben noch viele andere Menschen und Situationen eine wichtige und prägende Rolle in meinem Leben gespielt.“ So schrieb er in seiner 2004 erschienen Autobiografie, der er – ohne eine Spur von Ironie – den Titel „Winnetou und Ich“ gab. So sehr er selbst diese Rolle, von deren Erfolg er völlig überrascht wurde, als die Seine wahrnahm, so viele andere Seiten an diesem Mann sind zu entdecken. Seiten, die den meisten seiner Bewunderer verborgen blieben.

Als Jugendlicher barg er in seiner Heimatstadt Brest (Bretagne) Verschüttete nach alliierten Bombardements aus den Trümmern. In dieser Zeit pirschte er als Bote für die Résistance durch deutsche Linien. Der glühende Patriot Pierre Brice meldete sich freiwillig, als sein Land glaubte, die Kolonien in Indochina verteidigen zu müssen. In Algerien mischte er als Fallschirmjäger mit. Der eher still wirkende Jüngling war damals so, wie sein Freund Alain Delon sich gern spielte. Der war im Übrigen mitverantwortlich, dass Pierre Brice daheim in Frankreich kaum Chancen hatte, übers Modeln und Tanzen hinaus zu kommen. Die zwei sahen sich zu ähnlich, so war sein Typ schon besetzt in einem Land, das jede Menge junger Stars zu bieten hatte.

Italien und Spanien waren seine frühen Bühnen als Schauspieler, B-Movies sein Genre, Sandalen- oder Mantel-und-Degen-Rollen seine üblichen Spielformen. Horst Wendtland war dann sein eigentlicher Entdecker. Sie lernten sich in Berlin kennen, wenig später bot der Produzent ihm die Winnetou-Rolle an. Pierre Brice schlug ein, obwohl ihm weder Autor Karl May noch die Figuren seiner Romane etwas sagten. Auch war ihm das Indianerbild nur aus amerikanischen Western bekannt, wo sie die ewigen Verlierer waren. Das war Pierre Brice unbehaglich.

Pierre Brice im November 2011 in Luxemburg (Foto: François Besch - Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/)

Pierre Brice im November 2011 in Luxemburg (Foto: François Besch – Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/)

Vielversprechend fand er seine Aufgabe also nicht. Große Erfolge wähnte er nicht auf sich zu kommen. Überraschung, das Gegenteil trat ein. Im Heimatland nahezu unbekannt, in Deutschland ein ruhmreicher Star, dessen Winnetou dem erfahrenen Westerndarsteller Lex Barker kaum Raum ließ. Karl May hob eben den edlen Apachen in ungeahnte Sympathiehöhen und mit ihm seine Idealverkörperung Pierre Brice.

Ich lernte ihn mal kennen, als er mit seiner Gattin Hella Krekel in Unnas WR/WAZ-Geschäftsstelle eine Massenhysterie auslöste, weil wir daselbst sein Erscheinen zur Autogrammstunde angekündigt hatten. Engelsgeduldig malte er seinen Schriftzug auf alles, was ihm als Untergrund angeboten wurde. Stets freundlich lächelnd, ein auch im wahren Leben grundsympathischer Mensch, dem Allüren offensichtlich so fremd waren, wie Charly Mays sächsische Heimat seinem Apachenfreund. Als die kleine Geschäftsstelle am Unnaer Markt an den Rand des Teilabbruchs gelangt war, ging dann auch die vorgesehene Stunde zu Ende. Wir tauschten einen warmen Handschlag aus, ich radebrechte artig mein Schulfranzösisch herunter und des lächelnden Stars warmer Bariton (17 Platten nahm er nebenher auf) antwortete auf Deutsch.

Pierre Louis Baron Le Bris durfte das Bundesverdienstkreuz im Revers tragen, er war Ritter der Ehrenlegion in Frankreich, wie Chris Howland würdigte man ihn mit dem „Scharli“, der für besondere Verdienste um das kulturhistorische Erbe von Karl May verliehen wird. Drei Starschnitte in der „Bravo“, 12 Ottos und fünf Bambis umkränzten seine bundesdeutsche Karriere. Er spielte mit Marcello Mastroianni, Sophia Loren und Catherine Deneuve.

Pierre Brice fühlte sich auf der Theaterbühne wohl, war im TV einer der Reisenden auf dem „Traumschiff“. Aber es konnte kommen, was wollte in seinem Darstellerleben. Immer, wenn er in der Republik zu sehen war, blieb er doch der ewige Winnetou.

Er hat dessen Filmtod (1965) lange überlebt, und er wird noch sehr lange in der Erinnerung vieler lebendig bleiben. Adieu, Pierre!




„In Pittsburgh roch es wie in Oberhausen“ – Wim Wenders‘ Fotografien in Düsseldorf

Foto: Wim Wenders/Courtesy Blain Southern

„Dust Road in West Australia“ (1988) (Foto: Wim Wenders/Courtesy Blain Southern)

Weit sind diese Landschaften, leer und von einem überdimensionalen Himmel überspannt: Die Handschrift des Filmemachers Wim Wenders drückt sich kongenial auch in seinen großformatigen Fotografien aus. Noch bis Mitte August ist die Ausstellung „4 REAL & TRUE 2“ des gebürtigen Düsseldorfers Wenders im Museum Kunstpalast in der NRW-Landeshauptstadt zu sehen.

Interessanterweise beobachtet Wenders „Menschenleere“ nicht nur in Weltgegenden wie dem Mittleren Westen der USA oder der australischen Wüste, die naturgemäß dünn oder gar nicht besiedelt sind. Er schafft diesen Eindruck auch in Fotos aus Japan oder Israel, in denen durchaus menschliche Ansiedlungen zu sehen sind, doch auch hier von Ferne, aus der Distanz.

Manchmal schlägt die Naturbetrachtung sogar ins Idyll um und nimmt Caspar David Friedrichsche Züge im Medium der Fotografie an. Die Landschaft selbst scheint zu sagen „Seht her, wie schön ich bin.“ Ganz ohne den Hinweis eines menschlichen Vermittlers, der dem Betrachter die Naturwunder erst erklären muss. Und so wirft man als Museumsbesucher einen ganz neuen und unverbrauchten Blick auf die Elblandschaft im Sommer oder die Morgendämmerung über dem See Genezareth.

Doch wohnt allen Bildern ebenso das narrative Element des Filmemachers inne, denn nahezu zu jedem gibt es eine Geschichte. „Der Weg nach Emmaus“ zeigt einen Pfad durch eine Gebirgslandschaft, sonst nichts. Trotzdem ist die Fotografie aufgeladen mit biblischer Geschichte, im Kopf des Betrachters laufen die Szenen der Begegnung von Jesus und seinen Jüngern ab, obwohl von ihnen auf dem Foto gar nichts zu sehen ist.

Ähnlich verhält es sich mit Wenders‘ Bildern von Ground Zero in New York: Die Sonne bricht durch die Wolken und beleuchtet zerstörte Hochhäuser und Krater im Boden; als Betrachter erinnert man sich sogleich an 9-11 und verknüpft die Ruinen unweigerlich mit der Tragödie der Terroranschläge. Absolut unheimlich sind Wenders‘ Bilder aus Fukushima nach der Reaktorkatastrophe, denn sie zeigen die unsichtbare radioaktive Strahlung als wellenförmige Linie auf der Fotografie. Wenders hat diese „Zerstörung“ der Fotos erst nach seiner Rückkehr aus Japan entdeckt.

In Armenien hat Wenders ein verlassenes und halb kaputtes Riesenrad fotografiert, das auf einem freien Feld steht. Hier erzählt erst der Gegenschuss die ganze Story: An der gegenüberliegenden Wand zeigt sein Foto eine verlassene russische Kaserne; mit den Soldaten ist auch ihr Vergnügungspark obsolet geworden.

Eine Entdeckung mit lokalem Bezug waren für mich die Wenders-Fotos aus einem Eisenbahntunnel in Wuppertal: Sie zeigen bunte Graffiti-Männchen – gemalt von den Zwillingen Os Gemeos aus Sao Paulo – deren leuchtende Gesichter in der Schwärze des Tunnel kontrastreich aufscheinen und irgendwie rührend wirken, als habe man die kleinen Gespenster bei ihrem geheimen Treiben im Dunkeln überrascht.

Und auch an das Ruhrgebiet denkt Wenders: In Schwarz-Weiß hat er eine (etwas trostlose) Straßenecke in Pennsylvania fotografiert, der Text dazu lautet: „In Pittsburgh roch es genauso wie in Oberhausen im Ruhrgebiet, wo ich aufgewachsen bin.“




Pionierin mit der Kamera: Frauenfilmfestival erinnert an die Dortmunderin Elisabeth Wilms

Als „filmende Bäckersfrau“ hat sich Elisabeth Wilms (1905-1981) lange Zeit selbst verstanden. Oft und penetrant wurde diese Formel später in journalistischen Titelzeilen aufgegriffen, bis sie vollends zum Klischee geronnen war.

Jetzt werden ausgewählte Arbeiten von Elisabeth Wilms in einem regionalen Schwerpunkt des Internationalen Frauenfilmfestivals in Dortmund gezeigt. In diesem Kontext ist es natürlich erst recht nicht ratsam, sie als Ehefrau vorzustellen, die lediglich ihrem Hobby gefrönt habe. Da klingt es doch weitaus besser, dass der Gatte Erich, als er nach Jahrzehnten der Plackerei 1964 die Bäckerei verpachtet hatte, von ihr fortan als Chauffeur und Stativträger beschäftigt wurde…

Kamera läuft: die Dortmunderin Elisabeth Wilms beim Dreh. (© Stadtarchiv Dortmund)

Kamera läuft: die Dortmunderin Elisabeth Wilms beim Dreh. (© Stadtarchiv Dortmund)

1932 hatte die gebürtige Münsterländerin just nach Dortmund eingeheiratet und Tag für Tag im Bäckereiladen des damals noch dörflich anmutenden Ortsteils Asseln gestanden, nebenher ihre Filmleidenschaft entdeckt und nach und nach ihr spürbar vorhandenes Talent staunenswert entwickelt. Unschätzbar wertvolles Zeitzeugnis: 1943 filmte sie das noch unzerstörte Alt-Dortmund. Welch ein Jammer, dass dies alles längst dahin ist.

Schnitt am Wohnzimmertisch

Elisabeth Wilms hatte ein Gespür fürs Wesentliche, das sie mit gekonnter Kameraführung umzusetzen verstand. Den Schnitt besorgte sie selbst am heimischen Wohnzimmertisch. Und als sie sich eine bessere Kamera leisten konnte, war das alsbald auch an der Qualität der Filme abzulesen.

Ihre ersten Streifen wie „Münsterland – Heimatland“ oder „Der Weihnachtsbäcker“ wurden 1944 von der Filmprüfstelle ausgezeichnet. Sie fügten sich – ob gewollt oder nicht – ins kritiklose Heimatbild der NS-Zeit. Was Betrachter_innen (so die Schreibregelung im Festivalheft) nicht ohne weiteres wissen können: Der Bäckermeister im Weihnachts-Film war nicht etwa Elisabeth Wilms’ Ehemann Erich. Der war damals als Soldat im Einsatz. Deshalb übernahm ein Kriegsgefangener seine Rolle. Und der Lehrling, der in dem anheimelnden Streifen vorkommt, ist kurz darauf gegen Ende des Krieges gefallen. Sprich: Der verborgene Hintergrund des Films ist ungleich bedeutsamer als das, was auf der Leinwand erscheint.

Trotz strenger Verbote machte Frau Wilms heimlich Aufnahmen während der Bombenangriffe auf Dortmund und Münster. Es war dies aber auch schon das Höchstmaß an Ungehorsam, das sie sich erlaubte.

Blanke Not in der Trümmerzeit

Weithin bekannt wurde Elisabeth Wilms mit Filmen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, die 1980/81 um ihre nachträglich aufgesprochenen Kommentare ergänzt wurden. „Alltag nach dem Krieg“ (1948) berichtet in bewegenden, höchst einprägsamen Bildern vom Elend der Dortmunder Bevölkerung in der Trümmerlandschaft.

Szene aus dem Wilms-Film "Alltag nach dem Krieg" (1948): Armenspeisung für Kinder. (© Elisabeth Wilms/KG Asseln)

Szene aus dem Wilms-Film „Alltag nach dem Krieg“ (1948): Armenspeisung für Kinder. (© Elisabeth Wilms/KG Asseln)

Mitten in den Ruinen hausten die Menschen unter heute unvorstellbar erbärmlichen, oft lebensgefährlichen Bedingungen. Es wird einem weh zumute, wenn man in all die ausgemergelten Gesichter schaut. Mit Szenen von Schwarzmarkt, Hamsterfahrt und notgedrungenem Kohlenklau erweist sich der Film als erstrangiges zeitgeschichtliches Dokument. Manch eine Einstellung wird man nicht so schnell vergessen – und das zeugt auch von der besonderen Begabung der Elisabeth Wilms, die mit diesem Film zu Spenden aufrufen wollte.

Wie die Westfalenhalle entstand

Mit teils riskanten Drehs hat Elisabeth Wilms 1951/52 den Bau der neuen Dortmunder Westfalenhalle filmisch begleitet. Es lässt sich so wenden, dass sie sich in dieser Männerwelt der Bauleute behauptet hat. Jedenfalls ist es ein interessanter Film, der auch als Lob der Arbeit und der vielen beteiligten Gewerke durchgeht.

Bei der Festival-Vorführung dürfte es freilich bestenfalls für nachsichtiges Lächeln sorgen, dass beim Eröffnungsprogramm der Halle „das schwache Geschlecht“ (O-Ton von damals) Gymnastik vorführen durfte. Für Unkundige sei’s gesagt: Damit waren Frauen gemeint.

Wirtschaftswunderbare Waschmaschine

Später drehte Elisabeth Wilms vielfach Auftragsarbeiten und Werbefilme – beispielsweise für eine Constructa-Waschmaschine, die der geplagten Hausfrau das Leben erleichtern sollte. Bevor der Ehemann sich gnädig zum Kauf herbeiließ, waren – mit gereimten Sprüchlein – rund 9 Minuten (!) einer zeittypischen Familiengeschichte zu absolvieren, in denen natürlich alles für die Waschmaschine sprach, die übrigens auch das Honorar für diesen putzigen Werbefilm darstellte. Den Chefs des unentwegt ins Bild gerückten örtlichen Stromversorgers VEW dürfte das Filmchen gleichfalls gefallen haben.

Fern von aller Renitenz

Elisabeth Wilms und ihre Filme können heute weder politisch noch feministisch vereinnahmt werden, dazu ist das in diesen Schöpfungen waltende Bewusstsein denn doch zu harmlos und kleinbürgerlich. Utopien oder Befreiungs-Sehnsüchte sind diesen Werken nicht eigen, von Rebellion ganz zu schweigen.

Gleichwohl war da eine begabte Pionierin am Werk, die zwar nicht anderen den Weg ebnete, aber recht konsequent ihren eigenen Weg beschritten hat; wobei sie es vergleichsweise leicht hatte: Ihr Film über eine Italienreise aus den 1950er Jahren zeigt gediegenen Wohlstand mit Opel Kapitän und imposantem Wohnananhänger. Daheim besorgte ihre Schwägerin den Haushalt. Auf solchen Komfort konnte damals wahrlich nicht jede Frau zurückgreifen.

Vermessung der „Komfortzonen“

Apropos Komfort. Das stilistisch und thematisch sehr weit gefächerte Dortmunder Frauenfilmfestival widmet sich diesmal dem äußerst dehnbaren Begriff „Komfort“ und schickt sich an, gleichsam rund um den Erdball in allerlei Formen „Komfortzonen“ (auch so ein Modewort) auszuloten bzw. deren Verlust zu ermessen. Der Ruhrgebiets-Schwerpunkt firmiert übrigens unter dem Leitbegriff „Arbeit“, der etwas bemüht mit „Komfort“ kurzgeschlossen wird: Ohne Arbeit gibt es meist keinen Komfort. Wohl wahr…

An diversen Orten der Stadt (Festivalzentrum im Dortmunder „U“, weitere Spielstätten im domicil, Schauburg und Cinestar) sind in den nächsten Tagen laut Broschüre „rund 40 Programme von der Quarkgebäck-Werbung bis zum iranischen Vampirfilm“ zu erleben. Selbstverständlich stehen vielfältige Bilder des Frauenlebens im Mittelpunkt – in aller Welt und zu verschiedenen Zeiten.

Der historische Reigen beginnt im frühen 20. Jahrhundert – mit 1917/18 gedrehten Stummfilmen von Rosa Porten, die seit der Entstehungszeit in Deutschland nicht mehr zu sehen waren. Da darf man von wohl einer kleinen Sensation sprechen.

Nähere Informationen zum Festival-Programm (14. bis 19. April):
www.frauenfilmfestival.eu




Er war Spock – und er war nicht Spock: Zum Tod des vielseitigen Leonard Nimoy

Leonard Nimoy ist mit 83 Jahren gestorben. Er war der eigentlich unsterbliche Mr. Spock mit den spitzen Ohren, der unverkennbaren Grußhand. Sein wortloser Griff an des Gegners Schulter konnte diesen in Sekunden lahm legen.

Ich ringe noch mit mir, ob ich nun im Gleichklang mit Sheldon Cooper („The Big Bang Theory“) trauern soll oder distanziert, wie es sich gehört. Aber Leonard Nimoy war ein großer Held meiner jungen Jahre. Sein markanter Kopf, sein schneidender Verstand, sein beinahe anerkennendes „Faszinierend“, wenn er als Spock etwas als überraschend empfand, das werde ich vermissen. Niemand konnte den Vulkanier so distinguiert geben, niemand wirkte so überzeugend überlegen, niemand konnte sanfter seiner unterbelichteten, allzu menschlichen Umgebung herablassend begegnen, als er dies tat.

Leonard Nimoys Eltern sprachen noch jiddisch, er trug seinen Geburtsnamen mit Stolz auch als multipler Künstler weiter durchs lange Hollywood-Leben. Seine Wurzeln hatte er in der Ukraine, zum hoffnungsvollen Kinderstar brachte er es schon in seiner Geburtstadt Boston. Er war Musiker, Sänger, Poet, Schriftsteller, Fotograf, produzierte Filme, führte Regie. Er war weit mehr als nur der unvermeidliche Star-Trekker Mr. Spock. Er taufte sein erstes Buch „I Am Not Spock“ (1977) und gestand im zweiten „I Am Spock“ (1995).

Bezeichnender Buchtitel von Leonard Nimoy

Bezeichnender Buchtitel von Leonard Nimoy

Leonard Nimoy spielte listig mit der Trekkie-Popularität, leistete sich eine Gastrolle in „The Big Bang Theory“, wo er Sheldon Cooper (gespielt von Jim Parsons) im Traum erschien. Er kannte seine vielen Talente, blieb stets auf dem Teppich, auch als er in „Kobra, übernehmen Sie“ die Anschlussverwendung nach der TV-Serie von „Star Trek“ fand. Sein Vorgänger Martin Landau war zu gierig bei den Gagenforderungen geworden, also nahmen die Produzenten den bescheideneren Leonard Nimoy. Wieder hatte er die Nase vorn, Landau sollte damals den Spock spielen, lehnte aber vorwitzig ab.

Er lieh seine ungebrochene Popularität gemeinsam mit William Shatner (Captain James Tiberius Kirk) erst kürzlich den Werbespots von VW – und fand die Autos natürlich „faszinierend“. Ob in „Fringe“, „A Woman Called Golda“, „Dragnet“ (Stahlnetz), „Outer Limits“ und immer wieder „Star Trek“ oder „Enterprise“, sein Charakterkopf füllte Leinwand oder TV. Leonard Nimoy war ein ruhiger und mit seinem spezifischen Erfolg zufriedener Mensch. „Lebe lange und in Frieden“ pflegte er ernster Miene mit sonorer Stimme zu sagen, hob dabei die Hand und spreizte je zwei Finger nach links und rechts ab. Seine chronische Lungenkrankheit, Folge jahrzehntelangen Kettenrauchens, setzte seinem Leben nun die Grenze. Aber er hat 83 Jahre lang zufrieden gelebt.




Lachen gegen die absurden Regeln der Welt: Vor 50 Jahren starb Stan Laurel

Stan Laurel auf einem historischen Foto, um 1920.

Stan Laurel auf einem historischen Foto, um 1930.

Diese Lache wird niemand vergessen, der sie je miterlebt hat. Erst ein zufriedenes Schmunzeln, ein amüsierter Lacher, ein sich steigerndes rhythmisches Quieken, schließlich atemlos gackernde Kaskaden, Falsett-Staccato, kreischendes Kichern: Stan Laurel reißt in dem Film „Blotto“ („Angeheitert“) von 1930 nicht nur seinen Partner Oliver Hardy in den Heiterkeitssturm mit, sondern infiziert unweigerlich auch die Zuschauer.

Es ist eine der vielen unvergesslichen Szenen, die der geniale Komiker Stan Laurel hinterlassen hat. Laurel, der vor 50 Jahren, am 23. Februar 1965, in Santa Monica in Kalifornien starb, wurde vor allem als einer der Partner des legendären Duos „Laurel & Hardy“ bekannt – im deutschen Sprachraum mit „Dick und Doof“ nicht sehr glücklich bezeichnet.

In „Blotto“ – das eigentlich so etwas wie „sternhagelvoll“ heißt – ist der Rausch freilich nur eingebildet. Die beiden Herren wollten sich mit einer von Mrs. Laurel versteckt gehaltenen Flasche Likör einen lustigen Abend machen. Sie bemerkten nicht, dass die Frau von Laurel den Inhalt heimlich ausgetauscht hat. Mit den Worten „Das war kein Likör, das war kalter Tee“ beendet die angesäuerte Gattin abrupt die drei Minuten exaltierter Erheiterung.

Es gibt noch andere solcher Lach-Szenen, etwa in „Scram“ von 1932 oder in der herrlichen Parodie auf Daniel François Esprit Aubers Oper „Fra Diavolo“ von 1933. Sie reißen die Zuschauer nach dem Prinzip der Steigerung mit, aber um die Spannung in solchen wort- und handlungslosen Szenen zu halten, braucht es ein überragendes komisches Talent. Stan Laurel hatte das.

Aus englischen „Music Halls“ nach Amerika

Geboren wurde Arthur Stanley Jefferson – so der eigentliche Name – 1890 im englischen Ulverston in eine Theaterfamilie. Seine Eltern waren Schauspieler, sein Vater bespielte Theater im Norden Englands. Schon mit neun Jahren soll er zum ersten Mal auf der Bühne gestanden haben; mit 16 debütierte er in Glasgow.

Seine Welt war die der „Music Halls“, also der Varieté- und Unterhaltungstheater, in denen artistische Shows, kurzweilige Sketche und Komödien, Operetten und musikalisches Lachtheater gespielt wurden.

1910 entdeckte der amerikanische Produzent Fred Karno sein Talent und nahm ihn mit in die USA, wo er Laurel als Ersatzmann für den damals ebenfalls noch unbekannten Charlie Chaplin einsetzte. Nach Jahren in einem Komiker-Trio und auf Unterhaltungsbühnen folgte 1917 Laurels Filmdebüt. Zehn Jahre arbeitete er für verschiedene Produzenten, drehte Kurzfilme und Parodien auf erfolgreiche Kino-Hits. In dieser Zeit entwickelte Stan Laurel seinen Stil mit seinen typischen zerfahrenen Gesten und seiner ratlos-naiven Mimik, die in der schon um 1925 anlaufenden deutschen Rezeption als „doof“ missverstanden wurde.

106 Filme mit „Laurel & Hardy“

Die Begegnung mit dem Produzenten Hal Roach 1918 erwies sich als folgenreich. Zwar wirkte Laurel bis 1925 mit verschiedenen anderen Filmschaffenden zusammen. Aber bei Roach begann er mit Oliver Hardy zusammenzuarbeiten, den er zwischen 1917 und 1921 in einem Film namens „Der glückliche Hund“ erstmals als Partner vor der Kamera hatte. 1927 begann mit „Leichte Beute“ („Duck Soup“) ihre gemeinsame Karriere als Komiker-Duo.

Der Kurzfilm „Music Box“ über einen katastrophalen Klaviertransport über eine lange, steile Treppe erhielt 1932 einen Oscar als beste Kurzfilm-Komödie. Bis „Atoll K“ („Dick und Doof erben eine Insel“) von 1950 drehten die beiden 106 Filme. Laurel war alles andere als „doof“: Er war der Kopf des Duos. Während sich Hardy vor allem als Schauspieler verstand, wirkte Laurel am Drehbuch mit, schrieb Gags, führte Co-Regie und bestimmte den Schnitt mit.

Große Zeit nur bis 1940

Ihre große Zeit sollte allerdings schon 1940 mit „Saps at Sea“ („Abenteuer auf hoher See“) zu Ende sein. Laurel hatte sich mit Hal Roach entzweit; der Vertrag des Duos wurde nicht verlängert, andere Filmgesellschaften zeigten wenig Interesse. So drehten Laurel & Hardy bis 1945 nur noch neun Spielfilme. Nach dem Krieg folgten bis 1954 mehrere Bühnentourneen durch die USA und nach Europa, bis Oliver Hardys Gesundheitszustand keine Auftritte mehr ermöglichte.

Eines der letzten filmischen Dokumente zeigt die beiden genialen Komiker in Farbe: Der stark abgemagerte Hardy besucht Stan Laurel zu Hause – ein Jahr später war der fülligere der beiden Schauspieler tot. Für Laurel ein schwerer Schlag, denn er verlor nicht nur einen langjährigen Filmpartner, sondern auch einen guten Freund.

Laurel lehnte künftig Filmangebote ab. 1961 wurde er mit einem Oscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Er starb im Alter von 74 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts. Zu seiner künftigen Beerdigung hatte Stan Laurel schon zu Lebzeiten verfügt: „Wer es wagt, bei meiner Beerdigung zu weinen, mit dem rede ich kein Wort mehr!“

Ein Laurel & Hardy gewidmetes Museum gibt es sogar in NRW: In Solingen ist das „Laurel & Hardy Museum“ samstags von 12 bis 17 und sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet: http://www.laurel-hardy-museum.de/

Eine „offizielle“ Webseite hält die Erinnerung an das Komiker-Duo lebendig: http://www.laurel-and-hardy.com/ , und ein Archivprojekt will die Briefe Stan Laurels sammeln, auswerten und zugänglich machen: http://www.lettersfromstan.com/

In Laurels Geburtsort Ulverston erinnert ebenfalls ein Museum an den großen Sohn der Gemeinde: http://www.laurel-and-hardy.co.uk/index.php  




Kommissar, Derrick und finstere Zeit: Herbert Reinecker vor 100 Jahren in Hagen geboren

Herbert Reinecker im Jahr 1995. Foto: ZDF/Hermann Roth

Herbert Reinecker im Jahr 1995. Foto: ZDF/Hermann Roth

Jeder kennt ihn, wenn vielleicht auch nicht bewusst: Herbert Reinecker gehört zu den erfolgreichsten Drehbuchschreibern des deutschen Nachkriegsfernsehens. Er ist der Schöpfer von Figuren, die Fernsehgeschichte gemacht haben: „Der Kommissar“ und „Derrick“. Zwischen 1952 und 1958 schrieb er rund fünfzig Filmdrehbücher: Für „Canaris“ bekam er 1955 das Filmband in Gold.

Aber Herbert Reinecker ist nicht nur der Grandseigneur der bundesrepublikanischen Filmunterhaltung. Er hat seine Karriere im Deutschland Adolf Hitlers begonnen und bis April 1945 für die nationalsozialistische Propaganda gearbeitet – als Journalist, Theaterdramatiker und Filmautor. Das Buch „Reineckerland“ beschreibt die Karriere des Autors detailliert und zeigt auch, wie Reinecker die alten Nazi-Verbindungen geholfen haben, in der jungen Republik Karriere zu machen.

Anders als etwa sein Derrick-Hauptdarsteller Horst Tappert, aber auch anders als spätere „moralische“ Größen in der Bundesrepublik wie Günter Grass hat Reinecker aus seiner Vergangenheit nie ein Hehl gemacht. Der Sohn eines Eisenbahners aus Hagen in Westfalen, geboren am 24. Dezember 1914, aufgewachsen in schlichten Verhältnissen, macht 1934 das Abitur und greift zu dem, was ihm die „neue Zeit“ bietet: Nach Anfängen bei der lokalen Zeitung redigiert er eine Jugendzeitschrift und macht das so gut, dass er nach Berlin geholt wird.

Mit der SS in den Krieg

1940 zieht er mit der SS als Berichterstatter in den Krieg. Noch im April 1945 schreibt er für „Das schwarze Korps“. Sein Schauspiel „Das Dorf bei Odessa“ ist das erfolgreichste seiner vier Dramen: Die Nazis sahen in Reinecker einen kommenden Vertreter ihrer Bühnenkunst. Mit „Junge Adler“ (1944) schreibt er das Buch zu einem Film, der neben „Hitlerjunge Quex“ der wohl wichtigste Jugend-Propagandafilm der NS-Zeit wurde.

Eine der erfolgreichsten Figuren Herbert Reineckers: Kommissar Keller (Erik Ode). Foto: ZDF/Neue Münchner Filmproduktion

Eine der erfolgreichsten Figuren Herbert Reineckers: Kommissar Keller (Erik Ode). Foto: ZDF/Neue Münchner Filmproduktion

Nicht zuletzt durch die Unterstützung alter NS-Kameraden wie Alfred Weidenmann schafft es Reinecker, sich Anfang der fünfziger Jahre als Drehbuchschreiber für den Film und das junge Fernsehen zu etablieren. Sein erstes Fernsehstück „Abteilung für Notwohnung“ schreibt er 1953. Da hatte er schon mit „Weg in die Freiheit“ ein wichtiges Filmdrehbuch an den Mann gebracht.

Fortan gehörte er zu den vielbeschäftigten Schreibern im deutschen Film. Im Interview erinnert sich Reinecker an seine Auszeichnung für „Canaris“; „Als mir der Innenminister den Preis überreicht hat, hab ich zu Alfred Weidenmann gesagt, du, ich glaube, jetzt gehören wir wieder dazu. Dann ging’s los mit vielen, vielen Spielfilmen.“

Moral, Disziplin, Pünktlichkeit: So beschreibt Martin Betz in einem Portrait Reineckers Erfolgsgrundlagen. Dazu kommen ein Blick für die Stoffe, ein Gefühl für die Zeit und für das spannende Erzählen, eine ungeheure Erfahrung.

Ob „Anastasia, die letzte Zarentochter“ oder der Kriegsfilm „Stern von Afrika“, ob „Die Trapp-Familie in Amerika“ oder Edgar Wallaces „Der Hexer“: Reinecker konstruierte seine Handlungen stets übersichtlich, dramaturgisch zielsicher und – wenn irgend möglich – mit einem Blick auf die Moral einer Story, die sich nicht in der bloßen Handlung erschöpft.

Schuld und Sühne als wiederkehrende Themen

Szene aus der Derrick-Folge "Das absolute Ende": Derrick (Horst Tappert) und Klein (Fritz Wepper) erleben eine böse Überraschung. Foto: ZDF/Michael Ewerbeck

Szene aus der Derrick-Folge „Das absolute Ende“: Derrick (Horst Tappert) und Klein (Fritz Wepper) erleben eine böse Überraschung. Foto: ZDF/Michael Ewerbeck

Das zeigt sich wohl am deutlichsten in seinen großen Krimi-Serien. 97 Folgen schrieb Reinecker zwischen 1968 und 1976 für „Der Kommissar, 281 Mal ließ er zwischen 1973 und 1997 den einsamen Jäger Stephan Derrick auf Verbrechersuche gehen.

Schuld und Sühne sind immer wiederkehrende Themen. Die Frage nach dem Bösen im Menschen treibt Reinecker um: Wie wird ein Mensch zum Verbrecher? „Herzlich willkommen beim Jüngsten Gericht“ heißt ein Buch, das Reinecker fünf Jahre vor seinem Tod im Jahr 2002 vorlegte. „Was könnten wir sagen, um vor dem höchsten aller denkbaren Gerichte bestehen zu können?“, fragt sich darin ein Bühnenautor. Es gehöre nicht viel Phantasie dazu, in dem Bühnenautor ein Alter ego Herbert Reineckers zu erkennen, meinte Michael Seewald in der FAZ dazu.

Unabhängig von der Frage nach möglicher eigener Schuld, die sich der willige Mittäter öffentlich nie gestellt hat, schienen Reinecker solche Fragen nicht losgelassen zu haben. Schuldhafte Verstrickungen gehören zu seinen Hauptmotiven, auch wenn er von sich selbst rechtfertigend sagt, er habe sich die Zeit und die Verhältnisse nicht ausgesucht. Der Frage nach der Moral stellte er sich in seinem Leben freilich immer wieder.

Als Hochbetagter war er der Überzeugung, die Welt rolle der Apokalypse entgegen. Vielleicht hat er in seinen Kriminalgeschichten – von so manchem als „moralinsauer“ missgedeutet – versucht, sich dem „dunklen Kern“ im Menschen, in der Geschichte mit dem verzweifelten Blick auf eine gefährdete Humanität zu nähern. In den Depressionen seines Alters, so sagte der 2007 verstorbene Reinecker einmal in einem Interview, träume er in ruhelosen Nächten „vom Krieg, nur noch vom Krieg“.




Unwiderstehliche Reize des Südens – die Halbinsel von Saint-Tropez

Der Süden zieht die Deutschen spätestens seit Goethes Italienreise immer wieder magisch an, und zu diesen Sehnsuchtsorten gehört für Mitteleuropäer auch die Côte d’Azur und dort besonders die Halbinsel von Saint-Tropez.

Nicht nur „Normalos“ wie wir machen dort gelegentlich Urlaub – seit seinen diversen Prozessauftritten weiß man auch von der Millionenvilla des ehemaligen Chefs des Essener Karstadt-Konzerns, Thomas Middelhoff, dort unten in Südfrankreich. Inzwischen hat er seinen Wohnsitz von Bielefeld ganz dorthin verlegt.

Das Dorf Ramatuelle über der Bucht von St. Tropez. (Foto: Pöpsel)

Das Dorf Ramatuelle über der Bucht von St. Tropez. (Foto: Pöpsel)

Zu den Orten auf der Halbinsel gehört jedoch nicht nur Saint-Tropez selbst, sondern auch die Orte Ramatuelle mit seinem schönen Strand Pampelonne und das Bergdorf Gassin zählen dazu. Ramatuelle hat für Franzosen und Deutsche zusätzlich einen besonderen Reiz, denn zum einen hat da der in Frankreich sehr bekannte Filmschauspieler Gérard Philipe gelebt. Er ist auch dort gestorben und auf dem Friedhof begraben, und sogar die kleine Grundschule des Ortes wurde vom Stadtrat nach ihm benannt.

Auch die Schauspielerin Romy Schneider wohnte zeitweise in ihrem Haus in Ramatuelle. Sie lebte zwar überwiegend in Paris, doch auch sie konnte sich dem Reiz des Südens nicht entziehen. Interessant ist, dass vor allem dort urlaubende Holländer sich gern an Romy als Sissi-Darstellerin erinnern. Herzensangelegenheiten sind wohl doch international gleich. Und Brigitte Bardot? Die wurde kürzlich 80 Jahre alt und lebt noch immer mit Katzen und anderen Tieren in ihrem kleinen Strandhaus am Rande von Saint-Tropez.




Klug und beschwingt: „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ in Bochum

Hier droht ein Nervenzusammenbruch. Szene mit (v.l.) Sabine Osthoff (Candela), Anna Döing (Marisa), Bettina Engelhardt (Pepa) und Matthias Eberle (Carlos). Im Hintergrund Katharina Linder (Lucia). (Foto: Diana Küster/Schauspielhaus Bochum)

Hier droht ein Nervenzusammenbruch. Szene mit (v.l.) Sabine Osthoff (Candela), Anna Döing (Marisa), Bettina Engelhardt (Pepa) und Matthias Eberle (Carlos). Im Hintergrund Katharina Linder (Lucia). (Foto: Diana Küster/Schauspielhaus Bochum)

Der langjährige Lebenspartner hat sich per Anrufbeantworter verabschiedet und das gemeinsame Apartment verlassen. Außerdem stellt sich heraus, dass er vorher verheiratet war und Vater ist. Und die Neue ist die Anwältin seiner Ex und nach eigenem Bekunden Feministin. Hemmungslos nutzt Iván, dieser Lump, die Frauen aus, mit ein paar belanglosen Worten – „Blablabla“ – bricht er scheinbar Mal für Mal mühelos ihren Willen.

Das wäre in Kürze die Grundkonstellation des Stücks, einer Beziehungskomödie ganz offenbar mit Neigungen zum politisch Unkorrekten und zu gewissen Schlüpfrigkeiten. Oder doch eher eine Tragödie? Gegeben wird im Bochumer Schauspielhaus das Musical „Frauen am Rande des Nervenbruchs“ nach dem gleichnamigen Film von Pedro Almodóvar aus dem Jahr 1987.

Wie dem spanischen Filmemacher, so ist auch Regisseurin Barbara Hauck vor kräftigen Klischees nicht bange. Den Hauptpersonen begegnen wir deshalb gleich zu Beginn natürlich beim Friseur, wo sie unter Trockenhauben sitzend bunte Magazine lesen und geziert Espresso trinken. Lucía (Katharina Linder), Candela (Sabine Osthoff) und Marisa (Anna Döing) entsprechen den gängigen Weibchen-Mustern voll und ganz, wackeln beim Gehen heftig mit dem Hintern und tratschen alles in Grund und Boden.

Pepa (Bettina Engelhardt), die aktuell Verlassene, lernen wir ein wenig später kennen, wenn sie das gemeinsame Apartment (weiter hinten, weiter oben auf der Bühne) verlassen vorfindet. Und an wieder anderer Stelle sehen wir bald schon das junges Paar Marisa und Carlos (Matthias Eberle), das endlich eine eigene Wohnung haben will und deshalb seine „klammernde“ Mutter (Lucía) samt gemeinsamer Wohnstätte loswerden muss.

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Stefan Hartmann (Ambite), Katharina Linder (Lucia), Bettina Engelhardt (Pepa), Lou Zöllkau (Ana Cristina), Nicola Mastroberardino (Taxifahrer). (Foto: Diana Küster/Schauspielhaus Bochum)

Die häufigen Wechsel der Handlungsstränge und Spielorte bewältigt diese Inszenierung mit einem Bühnenbild aus Plattformen, die sich nach Bedarf heben und senken und auf denen die Szenen spielen. Treppen verbinden sie (Bühne: Mara Henni Klimek).

Auch die Musiker sitzen auf einer Plattform und verschwinden deshalb ab und zu im Untergrund. Requisiten schweben bei Bedarf vom Schnürboden herab, Telefonhörer vor allem, zudem Verkehrsschilder und Ampeln, wenn als Spielort die Stadt Madrid gemeint ist. Dann kommt auch einige Male der launige Taxifahrer (Nicola Mastroberardino) ins Spiel, ein großer Kundinnenversteher mit gut sortiertem Notfallsortiment.

Das Auf und Ab der Ebenen strukturiert die aufgekratzte Handlung sinnvoll, ohne deshalb dem Tempo zu schaden. Einige Male ergeben sich dabei zudem so erstaunliche Perspektivwechsel, dass man vermeint, dreidimensionalen Kamerafahrten beizuwohnen.

Kinofilme auf die Theaterbühne zu bringen, ist in den letzten Jahren Mode geworden, die Qualität der Resultate schwankt. Diese „Frauen am Rande des Nervenbruchs“ allerdings wurden nicht in Bochum adaptiert, sondern stammen von den Amerikanern Jeffrey Lane (Buch) und David Yazbek (Musik und Liedtexte). Sie machten aus Almodóvars Film ein veritables Broadway-Musical, das 2010 in New York seine Uraufführung erlebte. Deutschsprachige Erstaufführung war 2012 in Graz. Aber natürlich verleugnet dieses Bühnenstück seine filmische Vorlage keineswegs, und in Bochum pointiert es sie sogar.

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Veronika Nickl (Paulina), Michael Schütz (Ivan). (Foto: Diana Küster/Schauspielhaus Bochum)

Der weltweite Erfolg von Amodóvars wahrscheinlich bedeutendstem Film liegt gewiss weniger im Gang der Handlung als in einer ungewöhnlichen Empathie und im Perspektivwechsel. Almodóvar hält zu den Frauen, zu allen, die hier vorkommen, er spielt sie nicht dramaturgisch gegeneinander aus. Und er zeigt, dass sie nicht wehrlos sind.

Wahrscheinlich stimmt es ja, dass das treulose und zynische Gebaren Iváns (Michael Schütz) sie eher an den Rand des Nervenzusammenbruchs als zum Griff nach dem Revolver treibt. Doch einerseits, das demonstriert die in die Handlung eingebaute Terroristenfahndung mit schusswaffenfuchtelnden Fahnderdeppen, wären Pistolen wohl auch keine Lösung. Andererseits entwickeln die von Iván betrogenen Frauen schließlich doch ein gewisses gemeinsames Selbstverständnis, aus dem Stärke erwächst, ein zartes Pflänzlein, für das das Wort Solidarität noch zu stark wäre. Aber immerhin.

Die Gesangsdarbietungen vermögen nur begrenzt zu überzeugen. Trotz Mikroports bleibt viel Text unverständlich, und angesiedelt irgendwo zwischen 60er-Jahre-Kino und Webber-Musical strotzen die Melodien nicht unbedingt vor Originalität. Immerhin jedoch singen Bochumer Theaterschauspieler besser als viele Kollegen anderer Revierbühnen.

Musiziert indes wird exzellent von einer (offenbar namenlosen) siebenköpfigen Kombo unter der Leitung von Tobias Cosler. Sie bringt eindrucksvoll auch die Ouvertüren vor und nach der Pause zu Gehör, die mit ihren manchmal schrillen Tönen auf moderat swingender Unterlage an das Weillsche Intro zur Dreigroschenoper denken lassen, die – ein Zufall? – sich dem Motiv der sexuellen Hörigkeit kaum weniger hingebungsvoll widmete als nun das Bochumer Almodóvar-Musical.

Anders als zum Beispiel Dortmund wählt Bochum zum Spielzeit-Auftakt die sichere Seite und verzichtet auf inszenatorische Experimente. Das ist nicht verwerflich. Diese „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ kommen erfrischend leicht daher, sind unterhaltsam, ohne seicht zu werden. Die gleichermaßen kluge wie beschwingte Einrichtung des Stoffs blendet tragische Valeurs keineswegs aus, ohne jedoch dem Publikum die Freude am Theaterbesuch zu nehmen. Wenn Pedro Almodóvar im Parkett gesessen hätte, wäre er wohl zufrieden gewesen.

Nächste Termine: 1. und 19. Oktober, 21. und 22. November 2014

http://www.schauspielhausbochum.de/spielplan/frauen-am-rande-des-nervenzusammenbruchs/




Wum und Wendelin machen jetzt politisches Theater: „Hamlet“ in Dortmund

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Unten körperlich, oben auf der Videowand: Eva Verena Müller als Hamlet (Bild: Edi Szekely/Theater Dortmund)

Am Schluß, und man vergibt sich nichts, wenn man es am Anfang schon erzählt, tanzen Wum und Wendelin auf der Bühne herum und wiederholen ungezählte Male aufgeregt und euphorisch den Satz „Wir machen jetzt politisches Theater“. Sie tun es, bis die ersten den Saal verlassen, sie tun es während des bald folgenden Massenexodus’, und ob sie es tun, bis der letzte Zuschauer den Raum verlassen hat, weiß ich nicht. Aber es ist ziemlich wahrscheinlich.

Es ist dies offenbar ein Akt der Zuschauervergrämung, lieblos wie respektlos, der für die Inszenierung allerdings den Vorteil birgt, daß eine echte Zuschauerreaktion unterbleibt. Diese Reaktion wäre vermutlich unerfreulich gewesen. Die Produktion heißt „Hamlet nach William Shakespeare“ und ist eine Regiearbeit des Intendanten Kay Voges, mit der das Dortmunder Schauspiel in die neue Spielzeit startet.

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Bettina Lieder als Ophelia auf der Videowand (Bild: Edi Szekely/Theater Dortmund)

Indes fällt es schwer, das Wort Schauspielproduktion zu gebrauchen. Meistens ist nämlich niemand auf der Bühne, läuft die Handlung als Video mit einer Vielzahl gleichzeitig gezeigter Bilder ab. Ob diese Videosequenzen live hinter der Bühne gespielt und gefilmt werden oder ob sie vorgefertigte Konserven sind, darüber gingen die Meinungen im Publikum auseinander.

Jedenfalls erzeugt diese Form der Stoffpräsentation große Distanz, man ertappt sich wiederholt beim unwillkürlichen Weggucken, beim quasi mechanischen Ignorieren des lästigen Geflimmers. Im Wechsel mit angemessen intensiver personalisierter Bühnenaktion wäre es gewiß sehr eindrucksvoll, aber so?

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Video mit (v.l.): Friederike Tiefenbacher (Gertrud), Carlos Lobo (König Claudius), Christoph Jöde (Laertes) (Foto: Edi Szekely/Theater Dortmund)

Immerhin erzählt (vorwiegend) das Video so etwas wie eine Geschichte. Mindestens eine, eher zwei. Die eine hat noch viel mit dem Shakespeare-Stoff zu tun, in dem Dänenprinz Hamlet (Eva Verena Müller) im Traum sein dahingeschiedener Vater und König (Sebastian Kuschmann) erscheint und seinen Nachfolger Claudius (Carlos Lobo) des heimtückischen Giftmordes an ihm bezichtigt.

Hamlet, ich mache es ganz kurz, sinnt auf Rache, scheitert tragisch und am Schluß sind die meisten Hauptpersonen tot. Trotzdem ist Hamlet in aller Regel der Sympathieträger und sein Stiefvater Claudius das leibhaftige Böse; auch sein Mordmotiv wird gemeinhin gutgeheißen, wenngleich es recht unchristlich-unerbittlich dem alttestamentarischen „Auge um Auge“ folgt. Daß Vatermord sich nicht gehört, verdeutlichen dann höhere Kräfte.

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Auf der Bühne: Bettina Lieder als Ophelia (Bild: Edi Szekely/Theater Dortmund)

Der Dortmunder Inszenierung aber reichen die eher klassischen Motive nicht, auch Handlungsum- und –weiterdeutungen im Sinne politisch-gesellschaftlicher Paradigmenwechsel – im Sinne von Heiner Müllers „Hamletmaschine“ vielleicht – interessieren sie nicht nachhaltig. Nein, mehr als alles andere ist der neue böse König Polonius das Gesicht des Überwachungsstaates, der rastlos herausforschen muß, was andere von seinen bösen Taten wissen. Er ist der Rasterfahnder, der mißtrauische Algorithmenprüfer, der Erzfeind alles Privaten. Er ist der Zyniker, der seine Feinde als Kollateralschäden entsorgt.

Nun gut. Es ist es ja nicht so, daß solche Denkfiguren Shakespeare gänzlich fremd gewesen wären, auch wenn er das Internet noch nicht kannte. Mit feinem Humor hat er bekanntlich Rosenkranz und Güldenstern (Frank Genser, Uwe Schmieder) zur Truppe fürs Grobe gekürt. In Dortmund enden sie (bzw. nicht) in den Strampler-Kostümen von Wum und Wendelin, und zumindest in diesem Punkt könnte man fast so etwas wie eine augenzwinkernde Annäherung an den großen Elisabethaner erkennen.

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Doppelpack: Hamlet (Eva Verena Müller) und Totenschädel (Foto: Edi Szekely/Theater Dortmund)

Das Theater verläßt man letztlich unzufrieden. Was wollte uns diese Produktion erzählen, was hat uns berührt, wo ist ein Mehrwert an Erkenntnis, der uns Unzulänglichkeiten freudig erleiden ließe?

Paul Wallfischs Sound-Design bringt sich ebenso unauffällig in Erinnerung wie die Bühne (Pia Maria Mackert). Das heftig agitierte Video, das Bilder und Szenen in häufig wechselnder Zahl und Einstellung abspult (Daniel Hengst, Lars Ullrich), läßt trotz durchgängiger HD-Qualität manchmal an die Ästhetik alter „Raumschiff Orion“-Folgen denken.

Auch über die Schauspieler ist nicht viel zu sagen. Hinter der Bühne (Live-Video oder Konserve?) chargieren sie nach Kräften, körperlich auf der Bühne bleiben sie darstellerisch eher blaß. Nach etwa der Hälfte der Spielzeit befinden sich die Darsteller, Hamlet vorneweg, zudem in einem Zustand der Dauererregung, der für das Publikum ermüdend ist, das Textverständnis (trotz Mikroport) nicht eben erleichtert und dramatische Wendungen kaum mehr nachvollziehbar macht. Es ist dies nicht die Schuld der Darsteller. Neben den bereits Genannten handeln Friederike Tiefenbacher (Gertrud), Michael Witte (Polonius), Christoph Jöde (Laertes) und last not least Bettina Lieder (Ophelia) halt, wie ihnen geheißen.

Und das politische Theater? Vielleicht war der Spruch von Wum und Wendelin (alias Rosenkranz und Güldenstern) ja auf die Zukunft gemünzt. Sonst müßte man unterstellen, daß dieser „Hamlet“ politisches Theater gewesen sein soll, politisches Theater auf Kinderzimmerniveau. Die Reaktionäre, wie man früher vielleicht gesagt hätte, müssen auf absehbare Zeit nichts befürchten.

Weitere Termine: 21.9., 1.10. www.theaterdo.de




Joachim Fuchsberger ist tot – Schauspieler, Showmaster, Schlagertexter

Howard Carpendale zwitscherte seine Schlagertexte, Jürgen Marcus posaunte sie, Gitta Lind schmalzte sie und sogar Udo Jürgens machte sie zu Erfolgen. Nebenher bescherte er den Stuttgarter Kickers ihre Vereinshymne: Die Rede ist von Joachim Fuchsberger, der als gebürtiger Schwabe erstaunliches Hochdeutsch sprechen konnte.

Fuchsbergers Spitzname „Blacky“ wird einerseits auf ein falsch intoniertes „Jackie“ (Fuchsbergers soldatesker Deckname als Nahkampfausbilder im 2. Weltkrieg) zurückgeführt und andererseits auf die Anekdote, er habe eine Moderation im Bayerischen Rundfunk mit  trunkener Zunge absolviert: zuviel Black and White (böser Whiskey der 60er Jahre). „Blacky“ Fuchsberger, der weißhaarige, talkende Teilzeit-Weise, ein Mit-Fundament und Mit-Denkmal des Deutschen Unterhaltungsfernsehens, starb im Alter von 87 Jahren in München.

Einen schulischen Abschluss hatte er nicht, daran hinderte ihn der großdeutsche Krieg, den er als Nahkampfausbilder (Dan-Träger im Judo) erlebte. Nach dessen Ende kam er zu uns in Revier. Weil man hier im Gegensatz zu Stuttgart unter Tage prima Geld verdienen konnte. Also schackerte er in Recklinghausen auf Zeche König Ludwig als Bergmann. Dann montierte er an Setzmaschinen im väterlichen Betrieb, versuchte sich als Chemigraf (die machten einst Klischees u.a. für den Zeitungsdruck). Schließlich strandete er wieder im Süden, in München, wo er für Hörfunk und Wochenschauen seine markante Stimme zur Verfügung stellte.

Da war er dann kurzfristig mit der Sängerin Gitta Lind verheiratet, für die er auch – wie anfangs angdeutet – das Schlagertexten in sein reichhaltiges Kreativ-Repertoire aufnahm. Aber die Entwicklung des Herrn Fuchsberger, der seit 1954 mit der Kollegin Gundula Korte verheiratet war, ist da noch längst nicht am Ende.

Es trieb ihn zu einer finalen Leidenschaft: Er wurde Schauspieler. Speziell der Bühne blieb er bis zu seinem Tode treu. Es begann mit wenig erinnerungswürdigen Nebenrollen, bis er als Gefreiter Asch in der Verfilmung von Hans Hellmut Kirsts Roman-Trilogie „08/15“ über Nacht populär wurde. Und dann natürlich die unvergleichlichen Filme nach Edgar Wallace…

Wisst Ihr noch?  Der Frosch mit der Maske – da ist er der jugendliche Hobbydetektiv Richard Gordon, Die Bande des Schreckens  – „Blacky“ als Chefinspektor Long (Vorlage für eine Figur in einer späteren Parodie namens „Wixxer“), Die toten Augen von London, Das Geheimnis der gelben Narzissen, Die seltsame Gräfin, Das Gasthaus an der Themse, Der schwarze Abt, Der Hexer, Der Mönch mit der Peitsche. Kennen wir alle noch, ich gestehe freimütig, dass auch ich fast alle gesehen habe. Und alle wiedererkannt hatten wir sie in der genialen Tobi Baumann-Klamotte Der Wixxer, in dessen 2. Auflage Neues vom Wixxer Joachim Fuchsberger als ehemaliger Scotland-Yard-Chef Lord David Dickham auftritt. Mit dabei waren damals noch Chris Howland, Ingrid van Bergen und Wolfgang Völz – ebenfalls Wallace-Veteranen aus den 1960ern.

Nach seiner filmischen Ausflügen durch nebelige London wendete sich Joachim Fuchsberger der Fernsehmoderation zu: Auf Los geht’s los oder Heut‘ Abend hießen seine Formate, die er bestimmt und lächelnd beherrschte („Je älter ich werde, desto intoleranter werde ich.“).  Es lief immer wieder tragisch  für ihn und seine Familie. Er fing sich nach einem Schimpansenbiss eine üble Hepatitis B ein, war lange krank, litt depressiv. Sein Sohn Thomas ertrank 2010 im Kulmbacher Mühlbach.

Zwischen seinen verschiedenen TV-Verpflichtungen trieb es ihn in seine zweite Heimat nach Australien, von wo er Reportagen fürs deutsche Fernsehen lieferte.

Kaum zu zählende Preise, eine ellenlange Filmografie, prägende Auftritte im Fernsehen oder als Stadionsprecher der Olympischen Spiele von 1972, als er eine Panik vermied, weil er n i c h t durchsagte, dass ein Gerücht von einem Terroranschlag aufs Stadion im Umlauf sei – wenige Tage nach furchtbaren Angriff auf das Olympische Dorf. Und das war gut so, denn das Gerücht stellte sich schnell als solches heraus.

Joachim Fuchsberger war einer der zentralen Menschen in der Unterhaltungskunst für eine ganze Generation. Altwerden ist nichts für Feiglinge, lautet der Titel eines seiner Bücher. Er war kein Feigling, wurde alt und blieb bis ans Lebensende ein schaffensfroher Mann.

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Trailer zu „Der Hexer“: http://www.youtube.com/watch?v=89GmTX1SuE8




Unsere kleine Stadt im Bann der Macht: „Dogville“ am Schauspiel Köln

Foto: David Baltzer

Foto: David Baltzer

Ich bin ein später Fan des Regisseurs Lars von Trier: In seine abgründigen Film-Welten bin ich erst bei „Antichrist“ eingetaucht, dann kam „Melancholia“ – großartig! Bei „Nymphomaniac I“ schlug die Besessenheit allerdings schon wieder in Ödnis um, so dass ich mir den zweiten Teil sparte. Dafür hole ich die älteren Filme jetzt im Theater nach: In der letzten Saison zeigte das Theater Essen Manderlay, adaptiert für die Bühne und inszeniert von Hermann Schmidt-Rahmer. Nun eröffnet das Schauspiel Köln die neue Spielzeit mit „Dogville“.

Zugegeben: Dieses Trier-Werk eignet sich besonders fürs Theater, weil bereits der Film theatralische Mittel nutzt. Nicht verwunderlich, dass Bastian Krafts Inszenierung nun seinerseits filmische Mittel einsetzt und das ziemlich raffiniert: Wie ein Spiegel hängt eine Aluwand über der Bühne und reflektiert das Geschehen in Großaufnahme, das gleichzeitig von zwei Live-Kameras aufgezeichnet wird. Ein Erzähler (Guido Lambrecht) fungiert dabei als eine Art Multimedia-Regisseur, der wie auf einem überdimensionalen Touch-Screen die Häuser der Bewohner Dogvilles als Projektion fürs Publikum sichtbar macht. Trotzdem drängt sich die ganze Technik nicht auf, sondern wirkt irgendwie pur, vor allem da sie von den schlichten Landei-Kostümen der Dorfbewohner kontrastiert wird.

Und die Story? Es geht um Macht. Genauer: Was macht Macht über andere Menschen mit Menschen? Grace (Katharina Schmalenberg) strandet im glitzernden Abendkleid in dem verschlafenen Kaff Dogville mitten in den Bergen. Nicht freiwillig: Sie wird erst von Gangstern, dann von der Polizei verfolgt und Tom (Gerrit Jansen), ebenso gutmütiger wie naiver Schriftsteller, überredet die Dorfbewohner, sie aufzunehmen. Als Gegenleistung soll sie arbeiten. Was für Grace als ländliche Idylle beginnt, endet im modernen Sklaventum. Sie schuftet, wird vergewaltigt und letztlich gefangen genommen – einfach weil die Dorfbewohner entdecken, dass sie ihnen ausgeliefert ist. Psychologisch genau zeichnet Bastian Kraft diese Entwicklung nach. Nette, wortkarge Teddy-Charaktere werden zu gefühllosen Sex-Bestien, freundliche, einfältige Frauen zu giftigen Hyänen.

Foto: David Baltzer

Foto: David Baltzer

Aber der alte Zyniker von Trier hat sich dazu einen überraschenden Schluss ausgedacht, bei dem das Opfer zum Täter wird, bzw. eigentlich schon immer der Täter war. Im filmischen Werk von Triers schließt daran nun die Geschichte von „Manderlay“ an, einer Plantage, die Grace von der Sklaverei befreien will: In Essen wird die Inszenierung in dieser Saison wieder aufgenommen. Für „Dogville“ muss man nach Köln fahren: Der Weg lohnt sich.

www.schauspiel-essen.de
www.schauspielkoeln.de




Das Leben ist ein langer, schmutziger Fluss: Filmischer Abgesang aufs Industriezeitalter

Foto: Matthew Barney

Foto: Matthew Barney

Detroit ist am Arsch: Verfallene Industrieanlagen, heruntergekommene, entvölkerte Stadtteile und ausgebrannte Autowracks. Und durch alles wälzen sich zwei stinkende, verseuchte Flüsse. Sechs Stunden dauert der filmische Abgesang auf das Industriezeitalter von Matthew Barney und Jonathan Bepler, den die Ruhrtriennale in der Lichtburg zeigte.

Natürlich beinhaltet dieses Epos noch viel mehr: Vorlage ist der Roman „Ancient Evenings“ (Frühe Nächte) von Norman Mailer. Die ersten zwei Stunden von „River of Fundament“ vergehen mit dem Leichenschmaus bei Mailers Witwe in New York, bei dem ein elitärer Village-Voice-Zirkel sich die Ehre gibt. Heimgesucht allerdings durch den aus einem mit Fäkalien angefüllten Abwasserkanal entstiegenen Mailer selbst, der mit Dreck und Kot bespritzt die Veranstaltung als obszönes Gespenst besucht. Untote Gefährten aus der ägyptischen Mythologie begleiten ihn, feiern schweinische Orgien und streben doch eigentlich nach Wiedergeburt.

Möglichweise als Auto? Um das neue goldene Modell eines Chryslers tanzen die Menschen im Autohaus herum wie um das goldene Kalb. Kein Wunder, denn hier hat der Teufel seine Finger im Spiel und lenkt den Fetisch ins Verderben, das heißt in den Fluss, aus dem das Wrack dann von zwei Blondinen – als FBI-Polizistinnen ausstaffiert – geborgen wird. Diese sind in Wahrheit aber die ägyptische Isis und ihre Schwester Nephthys, in inniger Familienfehde verbunden, weil beide wild auf Osiris, also Norman, also das neue Auto.

Foto: Matthew Barney

Foto: Matthew Barney

Ganz klar auf jeden Fall: Es ist die Gier, die uns ins Verderben stürzen wird und unser ganzes materialistisches Zeitalter gleich mit. Wer könnte das besser nachempfinden als die Ruhrgebietsbewohner bzw. ihre Vorfahren, die den Niedergang der Industrie am eigenen Leibe gespürt haben – so passt der Film schlüssig ins Programm der Triennale. Opulent wie eine Oper, verstörend in seinen Bildern und grenzüberschreitend sowie allumfassend im Thema nennen der Künstler Barney und der Komponist Bepler ihr Werk einen sinfonischen Film.

Zum Schluss wimmeln die Maden im Spanferkel des Leichenschmauses: Ein plakativeres Vanitas-Motiv gibt es kaum. Aber Barney ist eben weit davon entfernt, ein dezenter Künstler zu sein. Schön-schrecklich anzusehen ist er, sein Weltuntergang und von zerstörerischer Kraft.

Doch was kommt eigentlich danach? Wo sind die ganzen Nerds und körperlosen Gesellen, die uns bedrohen? Diese saubere statt der schmutzigen Gefahr, die nicht so offensichtlich nach Hölle, Gewalt und Ausbeutung stinkt? Aber vielleicht gibt es darüber ja bald einen neuen Film…

Weitere Infos: www.ruhrtriennale.de




„Göttliche Lage“ – eindrucksvoller Dokumentarfilm über Dortmunds Phoenix-See

Phoenix-See

Phoenix-See 2012

„Eine göttliche Lage“, so beschreibt einer der Menschen sein frisch erworbenes Grundstück am Dortmunder Phoenix-See. Das ist schon etwas her. Ob er das heute noch so sieht, bleibt offen. Es ist eine von vielen sorgfältig ausgesuchten Szenen und Bilder, die den Dokumentarfilm „Göttliche Lage – eine Stadt erfindet sich neu“ ausmachen, der nun nach fünfjähriger Herstellungszeit Premiere hatte.

Die Macher des Films, Ulrike Franke und Michael Loeken (Filmproduktion Loekenfranke), waren bereits mit ihrem Film vom Abbau eines Hochofens erfolgreich. Der Film über die chinesische Übernahme, den Abbau der Anlage („Losers and Winners – Arbeit gehört zum Leben“, aus dem Jahre 2006) wurde weltweit mit zahlreichen Preisen versehen und ist ebenso wie dieses Werk ein Beispiel. Die Filme bleiben nicht am Lokalen oder Regionalen hängen. Beide sind Gesellschaftsbilder, die exemplarisch sind für Veränderungen und Einschnitte in das Leben der Menschen, private ebenso wie berufliche. Beide zeigen Beispiele aus Dortmund, ein Ort, der sich stets bemüht, seine Innovationskraft herauszustellen und Neues der Vermarktung anzupreisen.

Der Phoenix-See in Dortmund-Hörde ist ein großer Eingriffe ins Stadtbild, hat einen Ort verwandelt, vom lauten und schmutzigen Stahlwerk „befreit“, hin zum stillen See, an dessen Ufern sich Investoren versammeln, die den Seeblick anpreisen, als sei es die Toskana, verlegt an den Gardasee.

Hier wird nicht mehr gearbeitet, am See wird jetzt gewandelt. Das Umfeld des Stadtteils, der sich als eigene Einheit sieht, passt da nicht recht ins Bild. Der Film zeigt sie und lässt sie zu Wort kommen, die Anwohner, wie auch in „Losers  and Winners“, ohne Kommentare der Macher. Man hat hier einen Glücksgriff getan. Die beiden älteren Herren, die – auf das Gebiet, später den See, schauend – ihre Kommentare abgeben wie zwei gelassene Chronisten am Rande des Spielfeldes des kleinen Lokalvereins. Sie sind ein roter Faden und sorgen ebenso für Erheiterung wie die Ausschnitte von Sitzungen der Phoenix-Gesellschaft, wie Gespräche über das architektonische Ambiente oder ein Einsatz von Larry Hagman (J.R.), der souverän, wahrscheinlich nicht genau wissend, wo er sich befindet, den See offiziell eröffnet. Sicher hat ihn eine Agentur irgendwo aus Deutschland einfliegen lassen. Das passt wunderbar in das Unternehmen – weil es eben nicht wirklich passt.

Wir schließen andere Figuren ins Herz wie die Budenbetreiberin aus Serbien, die lange aushält, bevor an ihrem Kiosk nichts mehr geht, wie den Streifenpolizisten, der die abgewrackten Häuser der Nachbarschaft abgeht und die Bewohner kennt. „Das ist doch ein Schauspieler“, höre ich mich denken. Aber nein, so sind die Menschen hier und haben so gar nichts gemein mit den gewünschten Mies-van-Der-Rohe-Villen am Ufer. Da sind die beiden Männer, die am Hügel ihre Wohnungen und Gelände aufhübschen wollen und eine Spalte in der neuen Bebauung als Ausblick aufs Wasser nutzen. Man erlebt viele kleinere Ansichten, die uns Veränderung vor Augen führen. Gleichzeitig ist aber dieser Film keine Anklage an „die da oben“. Es ist die Haltung der Macher, die ihn trägt.

Phoenix-See 2010

Phoenix-See 2010

Nach den gigantischen Bauarbeiten auf dem von der Industrie verlassenen Areal, die in wunderbaren Sequenzen Bagger und anderes Gerät wie in einem Science-Fiction-Film zeigen, die scheinbar als eigene Wesen ihre Arbeit verrichten, wird die Entwicklung zum jetzigen See eindrucksvoll dokumentiert. Das Wachsen der Landschaft, die künstlich zu einem Erholungsgebiet mutiert – wie viele sagen: ein Meisterwerk der Ingenieurstechnik.

Und am Ende sind es die Kleinigkeiten, die die Absurdität der Unternehmung deutlich machen: Das Problem „Kanadagänse“, die Europa zuscheißen und auch den See in Hörde als ihre Heimat entdecken, Neuanwohner, die sich über Lärm von Jugendlichen beschweren, neuerdings der Schilderwald mit Verbotslisten, die wunderbar auf das „wirkliche Leben“ hinweisen.

Das Dortmunder Kino „Sweet Sixteen“ war bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Publikum beteiligte sich engagiert und zahlreich an der Diskussion mit den beiden Filmemachern, Betroffene wie Beobachter. Auch dieser Film wird Preise gewinnen!




Fassbinders „Angst essen Seele auf“ – neu gedeutet am Maxim Gorki Theater in Berlin

Taner Sahintürk, Foto: Esra Rotthoff/Maxim Gorki Theater

Taner Sahintürk, Foto: Esra Rotthoff/Maxim Gorki Theater

Bei Intendantenwechseln suchen Schauspieler gerne oder gezwungenermaßen woanders ihr Glück: Zwei bekannte Gesichter aus NRW entdeckte ich so auf der Bühne des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin wieder. Taner Sahintürk aus Düsseldorf ist nun ins dortige Ensemble gewechselt, ebenso Anastasia Gubareva, die ich zuletzt auf der Bühne des Schauspiel Bonn gesehen habe.

Taner Sahintürk, gebürtig aus Castrop-Rauxel, wollte ursprünglich Fußballprofi werden und spielte als Nachwuchstalent bei Schalke 04. Später tauschte er Rasen gegen Bretter und diese Entscheidung scheint richtig gewesen zu sein. Anastasia Gubareva stammt ursprünglich aus Moskau, studierte an der Folkwang-Hochschule in Essen und kam nach ihrem Engagement am Theater Bonn in dieser Saison nach Berlin.

Beide spielen nun in der neuesten Inszenierung von Hakan Savaş Mican, der „Angst essen Seele auf“ von Rainer Werner Fassbinder für die Bühne eingerichtet hat. Die Sozial-Tragödie um den Türken Ali und seine Liebe zur Putzfrau Emmi (Ruth Reinecke), die an dem Rassismus ihres Umfeldes scheitert, wird hier zu einem Lehrstück des „postmigrantischen“ Theaters, für das die ebenfalls seit der Spielzeit 13/14 neue Gorki-Intendantin Shermin Langhoff steht – wenn man denn unbedingt Schubladen auf- und zuziehen will. Doch behandelt die Inszenierung zum einen explizit das Thema Rassismus und wie er sich seit Fassbinders Film von 1974 heutzutage in unserer Gesellschaft austobt; zum anderen setzt das Gorki auf ein Ensemble internationaler Herkunft. Dieses Konzept hat zwar Karin Beier in Köln auch schon verfolgt, doch einer guten Idee ist es ja eigentlich egal, wer sie hat.

In den siebziger Jahren hießen Migranten noch Gastarbeiter und der Krieg war auch erst halb so lange her. Folglich lässt Mican während der ganzen Aufführung leise Asche auf die Bühne regnen: Der Lebensmittelhändler an der Ecke verkauft Ali keine Butter, weil der seiner Meinung nicht richtig deutsch spricht und die Putzfrauen-Kolleginnen mobben Emmi, weil sie mit einem „Ausländer“ zusammen ist.

Das wirkt stellenweise tatsächlich ein wenig museal, denn heute interessiert es im Supermarkt niemanden, welche Sprache man spricht, Tante-Emma-Läden sind ohnehin passé. Und die Kollegen, nicht nur im Reinigungsgewerbe, kommen auch von überall her, so dass die Beschimpfung „Ausländer“ erst mal keinen Sinn ergibt. Das bedeutet leider nicht, dass Fremdenfeindlichkeit oder -hass ausgestorben sind, wie nicht zuletzt die NSU-Morde zeigten. Jedoch tragen sie inzwischen andere Masken.

Anastasia Gubareva, Foto: Esra Rotthoff/Maxim Gorki Theater

Anastasia Gubareva, Foto: Esra Rotthoff/Maxim Gorki Theater

So führt Mican eine Art Bänkelsänger (Daniel Kahn) ein, der Moritaten von der Liebe singt, und setzt somit stark auf die emotionale Seite der Angelegenheit. Was passiert mit einer Liebe zwischen ungleichen Partnern, die dauernd von außen, von den Vorstellungen der anderen bedroht wird? Muss sie scheitern?

Knapp ist es auf jeden Fall: Ali verliert dabei fast seinen Stolz und versucht, ihn mit einer Affäre mit einer jüngeren Frau wieder zu erlangen. Diese Zerrissenheit, das Ringen um den richtigen Weg, nimmt man Sahintürk ab, der Mann leidet wirklich. Auch Emmi muss kämpfen, besonders gegen die eigenen Kinder, wobei Anastasia Gubareva als Schwiegertochter es tatsächlich tausendmal schlimmer mit ihrem Macho-Mann getroffen hat als ihre Mutter mit dem vermeintlichen Chauvi aus dem Süden.

Zum Schluss steht – im Gegensatz zur Fassbinder-Vorlage – eine Utopie: Emmi verzeiht Ali den Seitensprung und sie beschließen, der Meute zu trotzen. Auf zu neuen Ufern.

Infos und Termine: www.gorki.de




„Paris um jeden Preis“: Kino-Komödie zum Konflikt der Kulturen

Maya stammt aus Marokko. Doch sie lebt schon 20 Jahren in Paris und ist mit ganzem Herzen Französin.

Die Sprache ihrer Heimat kann sie weder verstehen noch sprechen. Warum sollte sie auch, ist sie doch ständig mit ihren französischen Freunden unterwegs und in der Modebranche zuhause. Ihr ganzes Leben kreist um ausgefallene Stöckelschuhe und den neuesten Look. Wenn ihre Ideen für die aktuelle Kollektion ankommen, könnte sie endlich die lang erhoffte Festanstellung in einem bekannten Modezar bekommen.

Maya (Reem Kherici) muss sich unversehens in Marokko zurechtfinden. (Bild: © polyband Medien GmbH)

Maya (Reem Kherici) muss sich unversehens in Marokko zurechtfinden. (Bild: © polyband Medien GmbH)

Doch dann geschieht das für Maya völlig Unfassbare: Als sie nachts in eine Polizeikontrolle gerät, stellt sich heraus, dass ihre Aufenthaltsgenehmigung längst abgelaufen ist. Schon am nächsten Tag, da kennen die Franzosen kein Pardon, wird sie abgeschoben und sitzt im Flieger gen Marokko.

Plötzlich lebt die schicke Mode-Zicke mitten unter verschleierten Frauen, läuft sich mit ihren High-Heels auf staubigen Straßen die Füße wund und muss sich ständig die Vorwürfe ihres Vaters anhören, der meint, sie habe sich dem westlichen Satan verschrieben und führe ein lasterhaftes Leben. Fortan kreisen Mayas Gedanken nur um eines: Wie kann ich so schnell wie möglich wieder nach Paris kommen?

„Paris um jeden Preis“ ist ein ebenso flotte wie oberflächliche Komödie über alle Klischees, die wir über den Konflikt der Kulturen so gern pflegen. Ob Europäer oder Araber, Modemenschen oder Muslimbrüder, sie alle bekommen ihr satirisches Fett weg und werden durch den Kakao gezogen.

Aber richtig ans Eingemachte gehen und wehtun soll das nicht. Alles dreht sich um Reem Kherici, sie hat das Drehbuch geschrieben, führt Regie und spielt die Hauptrolle. Wahrscheinlich hatte niemand am Set den Mut ihr zu sagen, dass auch andere gelegentlich Luft zum Atmen brauchen und mehr als nur Stichwortgeber für überkandidelte Gags sein wollen.

Die um Maya alias Reem Kherici kreisenden Figuren sind mithin etwas flach und flau geraten, dafür aber immer brüllkomisch. Kaum verwunderlich, dass am Schluss alles so kommt, wie man es erwartet hat: Maya schöpft aus der ihr zunächst so fremden Heimat emotionale Kraft und kreative (Mode-)Fantasie und kehrt – rundum geläutert – auf (illegalen) Pfaden zurück in ihre Wahlheimat. Aber um jeden Preis, wer hätte das gedacht, muss sie, die das Leben und die Liebe ganz neu begriffen hat, nicht mehr in Paris leben. Geht’s noch ein wenig einfacher?

(Kinostart 22. Mai)




Der Menschenfeind und das wahre Leben: „Molière auf dem Fahrrad“

Einst war Serge Tanneur (Fabrice Luchini) ein ebenso begnadeter wie berühmter Schauspieler. Doch dann hat er der Welt Lebewohl gesagt und sich auf eine Insel im Atlantik zurückgezogen.

Aus dem einstigen Liebling der Medien ist ein muffeliger Mann geworden, der Schmeichelei und Heuchelei hasst und nach Wahrheit und Aufrichtigkeit strebt. Er ist der lebendig gewordene „Menschenfeind“ und könnte aus Molière altem Stück direkt in die Gegenwart geschmuggelt worden sein. Wenn Serge noch einmal auf die Bühne zurückkehren würde, müsste es – wen wundert´s – allein die Rolle des Menschenfeindes Alceste sein.

Filmszene mit Fabrice Luchini (li.) und Lambert Wilson. (Bild: Alamode Film)

Filmszene mit Fabrice Luchini (li.) und Lambert Wilson. (Bild: Alamode Film)

Doch als sein alter Kollege Gauthier Valence (Lambert Wilson) Serge in seiner Einsiedelei besucht und ihn zu einer Theater-Tournee mit Molières Klassiker überreden will, bietet der dem Eigenbrötler nicht den Alceste, sondern die Rolle des menschenfreundlichen Gegenspielers Philinte an. Was für ein Affront! Also genau der richtige Anlass für eine aberwitzig komische und zugleich tieftraurige Hommage an die Schauspielkunst.

In „Molière auf dem Fahrrad“ lässt Regisseur Philippe Le Guay zwei Schauspieler der Extraklasse aufeinanderprallen. Denn natürlich verhaken sich Serge und Gauthier ineinander, jeder will der bessere Schauspieler und der einzig wahre Menschenfeind sein. Doch je öfter sie bei ihren Sprechproben die Rollen tauschen und mal in die Rolle des Alceste und mal in die des Philinte schlüpfen, desto häufiger kommt ihnen das wahre Leben dazwischen.

Um Liebe und Hass geht es dabei, um Eifersucht und Zukunftsangst, um praktische Vernunft und menschliche Schwächen. Während die beiden Mimen mit Molières Versen auf den Lippen über die Insel radeln und sich manche rhetorische Schlacht liefern, zeigt ihnen die hübsche Francesca (Maya Sansa), wie schön und rätselhaft das Leben ist. Am Ende dieser Reise ins Innere der Kunst des Sprechens und Spielens bekommen alle etwas, aber eigentlich keiner das, was er gern hätte.

(Kinostart am 3. April)




Brigitte Bardot und die erotische Nostalgie

Heute Abend war Henri-George Clouzots Filmklassiker „Die Wahrheit“ (1960) im arte-Programm zu sehen. Da dachte ich spontan: Den schaust du dir noch einmal an. Wer spielt die Hauptrolle? Richtig: Brigitte Bardot! Mit diesem Film wurde sie erstmals auch als ernsthafte Charakterdarstellerin wahrgenommen.

Zuvor hatte die Bardot vor allem als blonde Lolita Männern – wie man früher zu sagen pflegte – „den Kopf verdreht“, vorwiegend in nicht allzu ambitionierten Filmen. Charakteristisch schon die (deutschen) Titel wie „Gier nach Liebe“, „Das Gänseblümchen wird entblättert“, „Und immer lockt das Weib“ oder „Mit den Waffen einer Frau“. Da wurde ganz anders fabuliert als im französischen Original.

Schwärmerei und Raserei

Mehr Markenzeichen ging damals nicht. In den 50ern und den frühen 60ern galt die Bardot als das weibliche Sexsymbol schlechthin. Ihre Ehen mit Roger Vadim und Gunter Sachs wurden legendär und zogen Klatschpresse samt Paparazzi zuhauf an. Wohl so manche Spießer-Phantasie wurde dabei aufgestachelt. Sie hatte das Zeug dazu, Männer zum Schwärmen oder gar zur Raserei zu bringen.

Szene aus "Die Wahrheit" (1960): Dominique (Brigitte Bardot) bringt den jungen Dirigenten Gilbert (Sami Frey) zur Verzweiflung. (© ARTE France/CPT Holdings Inc.)

Szene aus „Die Wahrheit“ (1960): Dominique (Brigitte Bardot) bringt den jungen Dirigenten Gilbert (Sami Frey) zur Verzweiflung. (© ARTE France/CPT Holdings Inc.)

Wer hätte damals gedacht, dass sie schon sehr bald für den hochintellektuellen Regisseur Jean-Luc Godard (1963 in „Die Verachtung“) spielen würde? Und wer hätte vorausgesehen, dass sie nach dem abrupten Ende ihrer Filmkarriere (1973) einmal als militante Tierschützerin und als Galionsfigur der französischen Front National, also der fremdenfeindlichen Rechtsaußenpartei, Aufsehen erregen würde? Kurzum: Sie ist einem inzwischen herzlich unsympathisch geworden.

Heute sind andere Typen gefragt

Auch erotische Moden haben ihre Zeit, insofern kann man geradezu von „erotischer Nostalgie“ sprechen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine wie die Bardot heute ähnlich Furore machen würde. Jetzt sind längst andere Frauentypen gefragt – und andere Männertypen als damals.

Trotzdem: Wenn man ein wenig älter ist, kann man immer noch gut nachvollziehen, was damals den Mythos der Bardot ausgemacht hat. Man ist ihr ja vielleicht selbst ein wenig auf den Leim gegangen; seinerzeit, als Brigitte Bardot ein gehöriges Stück Zeitgeist buchstäblich verkörpert hat.

Geilheit als Generationenfrage

War ihre flirrend unschuldige und doch so „sündige“ Ausstrahlung nicht auch ein Zeichen der Freiheit, eine Rebellion gegen starre Moral-Verhältnisse? Genau darum ging es in Clouzots Gerichtsfilm „Die Wahrheit“, der ganz grundsätzliche Kritik an der Justiz übt. Der Streifen hat bis heute Bestand – nicht zuletzt wegen der grandios agierenden Bardot. Dazu diese aufregende Pariser Atmosphäre…

Vor ein paar Jahren fiel einmal der Name Brigitte Bardot in einem freundschaftlichen Gespräch. Ein junger Mann, der damals auf die 30 zusteuerte noch heute (knapp) unter 40 ist, musste bekennen, dass er den Namen Brigitte Bardot noch nie gehört hat. Unfassbar! Da merkt man denn doch, woran die Geister sich scheiden. Auch Geilheit ist eine Generationenfrage…

Übrigens: Im nächsten September, so sagt der Kalender, wird Brigitte Bardot 80 Jahre alt. Kann man sich das vorstellen? Du meine Güte! Irgendwie nicht.




Mit Lebenslust altern und sterben – Der Film „Rosie“ kommt ins Kino

Sibylle Brunner als Rosie (Bild: Look Now! Filmverleih)

Sibylle Brunner als Rosie (Bild: Look Now! Filmverleih)

Rosie geht es gesundheitlich gar nicht gut. Trotzdem hat sie keine Lust, mit dem Trinken und Rauchen aufzuhören.

Der Rat ihrer Ärzte kann ihr gestohlen bleiben und gegen die Vorhaltungen ihrer (erwachsenen) Kinder ist sie immun. Wenn sie schon das verbitterte Gesicht ihrer schmallippigen Tochter Sophie sieht oder den besänftigenden Dackelblick ihres Sohnes Lorenz, dann wird ihr ganz anders. Rosie, obwohl bereits vom Tode gezeichnet, ist eine lebenslustige Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt und lieber sterben will als ihr viel zu großes Haus zu verkaufen und in einem Altenheim zu vegetieren. Rosie kämpft um ein Altern und Sterben in Würde.

Wie schwer das ist, das zeigt der anrührende Film von Regisseur Marcel Gisler. „Rosie“ ist ein Kammerspiel der großen Gefühle, die man nicht nach außen trägt, sondern in sich einbunkert. Ob Rosie (Sibylle Brunner), Sophie (Judith Hofmann) oder Lorenz (Fabian Krüger), sie alle schweigen beharrlich über das, was sie wirklich bewegt. Um sie zu verstehen, muss der Zuschauer zwischen den Zeilen der wenigen Worte lesen und die vom Marcel Gisler gefundenen Bildsequenzen dechiffrieren.

Das ist manchmal ziemlich anstrengend, aber meistens auch ganz schön aufregend. Wer sich darauf einlässt (und sich nicht vom Schweizer Dialekt verstören lässt), wird mit einem beeindruckenden und überraschenden Familienporträt beschenkt.

In Rosies Leben gibt es einige Geheimnisse, die nur langsam ans Tageslicht kommen. Da muss sogar Lorenz staunen. Der lebt, weit entfernt von seinem Schweizer Familienhaus, als Schriftsteller in Berlin und hat sich einen Namen gemacht als Autor schwuler Befindlichkeit. Zurück in seinem Heimatort, fühlt er sich fremd und merkt gar nicht, dass ihm dort, wenn er nur wollte, die große Liebe des Lebens begegnen könnte.

Das Leben könnte so schön sein, man muss es nur richtig anpacken und den Mut haben, seine Träume zu bewahren. Doch wovon soll man, von schuldbewussten Kindern in eine Seniorenresidenz abgeschoben, noch träumen?

(Start in ausgewählten Kinos am 27. März)




Ansichten eines Hörbuchjunkies (8): Der Hundertjährige, bei dem es nie langweilig wird

Jonasson_Jonas_Der_Hundertj_hrige_der_aus_dem_Fenster_stieg_und_verschwandNun kommt das 100-jährige Chaos auch als Film: Jonas Jonassons Erstling, der mich als Hörender platt machte. Das muss ich sehen.

Allan Karlsson soll zum so sehr besonderen Anlass seines 100. Geburtstages ein Fest im Altenheim von Malmköpping gegeben werden, eine Vorstellung, der Allan nur ungern und missvergnügt entgegen sieht. Und so fasst der ungewöhnlich rüstige ältere Herr einen wegweisenden Entschluss. Er öffnet das Fenster seines Altenwohnraumes, zwängt seine Gestalt trotz zugegebenermaßen rostiger Gelenke durch die Öffnung und entweicht in eine ihm fast unbekannt gewordene Freiheit. Wie der Titel schon sagt: „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“.

Und dann beginnt eine Handlung, deren Absurdität nur einer übertreffen kann, der Autor Jonas Jonasson selbst, was er auch mit dem Nachfolgewerk „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ tat. Doch noch sind wir bei Allan, der seine bewegungsallergische Gestalt hinaus in die nahe Ferne bewegt und an einer Bushaltestelle die erste Begegnung mit menschlichen Wesen der Gegenwart hat. Mit einem jungen Mann, der Allan bittet, mal kurz auf seinen Trolleykoffer aufzupassen, während er sich im WC erleichtern will.

Gutmütig willigt der alte Mann ein, klettert aber, als der Jüngling nicht schnell genug zurückkehrt, in den pünktlich eintreffenden Bus Richtung Strängnäs und entschwindet, mit Koffer und Inhalt, der aus sehr viel Geld besteht, wie sich später herausstellt.

Nun beginnt sich um Allan, während er sich immer weiter vom behaglichen Altenheim entfernt, ein Freundeskreis zu scharen, der seinesgleichen sucht. Es beginnt mit dem 70-jährigen Forstdieb Julius Jonsson, bei dem der gutherzige Kofferdieb einkehrt und alsbald wieder von dem ihn wütend verfolgenden Jüngling eingeholt wird, den die beiden Greise aber ungewollt nach kurzem Kampf einfrieren, weil sie vergessen, die Kühlung im Gefrierraum abzustellen, in den sie den Ganoven, Mitglied einer Rockerbande, einsperren.

Der sich zufällig erweiternde Freudeskreis gewinnt Julius, den Langzeitstudenten, hinzu, den ehemaligen Imbissbudenbesitzer Benny Ljungberg und die einsam auf ihrem Hof lebende Gunilla Björklund, auch „die Schöne Frau“ genannt, die eine aus einem Zoo in Växjö entflohene Elefantendame namens „Sonja“ ständig mit sich führt. Später gesellen sich noch der Rockerbandenchef und der ermittelnde Polizeibeamte dazu, der eine, weil er seinen Kindheitsfreund in der schrillen Gesellschaft wiedertrifft, der andere, weil er die Nase voll hat vom Leben des Beamten.

Zwischen die krassen Ereignisse rund um den wachsenden Kreis irrer Neuzeitgenossen streut Jonasson die Rückblenden auf das lange Greisenleben, vom begabten Jung-Sprengmeister, über den beiläufigen Geistesblitzer, der das Manhattan-Projekt in Los Alamos rettet und zum besten Kumpel von Harry Truman wird, mit Zwischenstation in China, wo er Maos Frau vor den bösartigen Attacken der Chiang Kai-chek-Gattin bewahrt bis zum Gefängnis in Teheran, wo Allan den staatsbesuchenden Churchill von einem fiesen Attentat bewahrt. Ach ja, und Stalin trifft er auch…

Episch breit und nie breit getreten, keine Sekunde langweilig, bunt und schrill wandert die Geschichte durch die Jahrzehnte, geleitet von einem zunächst beschränkt wirkenden Helden, dessen unbedarfte Art ihn stets die direktesten Wege gehen lässt, und der dabei über Brücken läuft, die kein anderer erkennt. Beiläufig zupfen Jonassons Figuren schier allem, was hohen Rang oder historischen Wert hat und an Institutionen, die mehr um ihrer selbst als wegen ihres gesellschaftlichen Gewichts existent gehalten werden, jede erdenkliche Maske der Seriosität ab.

Peter Weis‘ sonores Organ erzählt über 13 Stunden lang, als sei es sein eigenes Leben…

Jonas Jnasson: „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“. Gelesen von Peter Weis. 13 Stunden und 25 Minuten. Der Hörverlag.

Kinostart: 20. März 2014 (u. a. Camera und Cinestar (Dortmund) / UCI, Union und Casablanca (Bochum) / Cineworld (Lünen) / Schauburg (Gelsenkirchen) / CinemaxX und Lichtburg (Essen))




„Timm Thaler“ usw.: Drehbuchautor Justus Pfaue starb mit 72 Jahren

„Ich bin ja hier so einer, der sich gern mal bei Todestagen wirklich wichtiger Menschen in dieser Republik zu Wort meldet, der aber noch viel lieber aufzeigt, wenn solche Menschen Jahrestage haben, Geburtstage zum Beispiel.“ Das schrieb ich im Juli vergangenen Jahres in den revierpassagen und musste zerknirscht gestehen, dass ich seinen 80. Geburtstag verpasst hatte, ihm aber wenigstens ein Jahr danach noch Ehre erweisen wollte. Ich irrte, er war gerade erst 70 geworden. Dass Justus Pfaues Lebensweg knapp ein Jahr später mir den traurigen Anlass gibt, wieder über ihn zu schreiben, senkt meine Stimmung. Er starb mit 72 Jahren in Berlin.

Justus Pfaue, der eigentlich Norbert Sellmann hieß, das war der kluge Mensch, aus dessen Feder so viel Berühmtes stammte: “Timm Thaler”, “Patrik Pacard – Entscheidung im Fjord”, “Oliver Maass – Das Spiel mit der Zaubergeige”, “Bas-Boris Bode – Der Junge, den es zweimal gibt”, “Teufels Großmutter oder der Himmel auf Erden”, “Anna” und noch vieles andere. Justus Pfaue hat viele Kinderbücher, sehr viele Drehbücher und aus diesem Fachbereich seiner rastlosen Arbeit das eine oder andere auch für sehr, sehr bekannte Filme geschrieben, er war einer der bedeutendsten seiner Zunft in Europa, lebte wahlweise in München und Positano (Campagna, Italien), ein Ort, von dem John Steinbeck mal schrieb, dass er der einzig senkrechte auf der Welt sei.

Und – Justus Pfaue, Norbert Sellmann, geboren in Ballenstedt (Sachsen-Anhalt), hat lange in Unna gelebt.

Trotz seiner grundständigen Abneigung gegen alles, was mit Journalismus zu tun hatte, führte ich vor ungefähr 25 Jahren mal ein langes Telefonat mit ihm, das er dann abrupt abbrach, als es ihm anscheinend zu nahe kam. Was habe ich es genossen, diesen Medienphobiker kurzfristig „aufgeschlossen“ zu haben. Ich behielt vor einem Jahr auch artig mein Herrschaftswissen über Justus Pfaues Geburtsnamen, den anscheinend nicht einmal das allwissende Wikipedia kannte – heute, nach seinem Tod, wird er dort aber veröffentlicht. Die paar Handverlesenen in Unna, die ihn auch kannten, sind heute traurig.

Er war Jurist, forensischer Psychologe und gestochen scharf Beobachtender des menschlichen Alltags, woraus er sich bereits in Studienzeiten Material für seine späteren Produkte holte und für die „ZEIT“ und den Hörfunk Berichte oder glossierende Geschichten schrieb. Brigitte Horney, Peter Pasetti, Gerd Baltus, Loni von Friedl, Eberhard Feik, Elfriede Kuzmany, in neuerer Zeit Jürgen Vogel – alles Namen, die in den Rängen der Großen deutscher Schauspielerei zu siedeln sind. Sie alle rissen sich darum, in einer Serie oder einem Fernsehfilm mitzuspielen, dessen Grundidee von Justus Pfaue entwickelt worden war.

Bevor er so begehrt und offensichtlich auch von Fachleuten zu Recht bewundert wurde, zog es ihn durch viele Bereiche Unnas und immer mal wieder mit seinen Freunden ins Café Jokisch. Dann aber verlagerte es ihn in Richtung des deutschen Südens und er wählte München zu seiner Hauptresidenz. Zu den Unnaer Freunden hatte er nur noch vereinzelt Kontakt. Aber ganz verlor er sie nie aus dem Sinn, einen sollte ich damals ausdrücklich grüßen – trug er mir noch auf, bevor er das Gespräch so abrupt beendete.




And the Oscar goes to… – eine ganz persönliche Favoritenschau in letzter Minute

Weil ich ja so gern in Filme einziehe (ebenso gern wie in Bücher), hätte mich diese Oscar-Saison beinahe in die Obdachlosigkeit getrieben, wären da nicht doch noch zwei Außenseiter um die Ecke gekommen. Nach einigen Wochen extreme-movie-watching wurde ich quasi last minute noch fündig. Ein Glück!

Ich werde hier nur die wichtigsten Kategorien erwähnen, der Rest kommt bei mir so unter ferner liefen. Hauptsächlich weil so zeitaufwändig.

Zwei nominierte Filme beziehungsweise Darsteller, für die mein Herz dann Sonntagnacht ein paar Schläge mehr leisten muss, sind die, die ich zuletzt gesehen hatte.

„Philomena“ nominiert für „Best Motion Picture“ und „Best Leading Actress“ – Judi Dench
Eine schöne Geschichte, ein wenig traurig, ein wenig heiter. Bewegend. Vergangenheitsbewältigung einer alten Frau, die sich auf die Suche nach Anworten macht. Trotz ausgeprägt negativer Erlebnisse im Namen der Kirche verliert sie erstaunlicherweise ihren Glauben nicht.
Von mir Oscars für „Bester Film“ und „Beste Hauptdarstellerin“.

„Blue Jasmine“ bekam zwei Nominierungen:
für „Best Actress“ und „Best Supporting Actress“
Woody Allens „Blue Jasmine“ beschreibt den neuen Lebensabschnitt von Jasmine, die inzwischen völlig verarmt ist. Nicht zuletzt, weil der Ehemann vorher seinem betrügerischen Leben ein Ende gesetzt hatte. Jasmine kriecht bei ihrer Schwester unter, die aber ihre eigenen Probleme hat. Jasmine bewegt sich rasant in einer Abwärtsspirale zwischen Traum und Wirklichkeit.
Hier bin ich hin- und hergerissen zwischen Cate Blanchett und Judi Dench. Eigentlich ist meine erste Wahl doch Cate. Noch vor Judi.
Ach, ich würd mich für beide gleich freuen.

Nun mal zu meinen Vermutungen, wie die anderen Nominierten so abschneiden werden:

Kategorie „Best Motion Picture“
„American Hustle“

Ein Schelmenstück. Wer zieht wen geschickter über den Tisch, wer fliegt auf und warum. Witzig und turbulent erzählt und gespielt. Für mich allerdings kein Oscar-Kandidat.
„Captain Philips“
Ein amerikanischer Kapitän zur See fällt vor der Küste Ostafrikas in die Hände von skrupellosen Seeräubern. Durchgehend ziemlich spannend. Schlussszene mit Hanks schon oscarwürdig, aber ein Schluss allein kann doch nicht ausschlaggebend sein.
„Dallas Buyers Club“
Das Thema Aids, mit einigem Humor und genügend ernsten Untertönen erzählt. Unterm Strich eine Bad-Boy-Geschichte, deren Held, ein Rodeo-Cowboy, kriminell wird, um anderen helfen zu können. Mit seiner Southern-Boy-Schlitzohrigkeit sich selbst natürlich auch. Und weil ihn die Politik, das System, im Stich lässt. Mit einem Oscar für „Best Motion Picture“ könnte ich leben, aber muss nicht.
„Gravitiy“
Taumeln im Weltall. Abenteuer und Nervenkitzel. Wenn man bedenkt, dass bisher alle, die ohne Kapsel auf (filmischen) Missionen im Weltraum unterwegs waren, nicht zurück kamen, dann ist das schon ganz großes Abenteuer. Ziemlich früh werden die Hauptpersonen von zwei auf eine reduziert, die dann ganz allein und lost in space im dusteren All rumschwebt. Mit 90 Minuten Spielzeit durchaus Standard, aber gefühlte drei Stunden Spannung. Trotzdem war das Ende vorhersehbar. Wer in Hollywood lässt schon eine Sandra Bullock so im All verknuspern? Aber toll fotografiert. Excellent special effects, dafür allein müsste ein Oscar drin sein (Beste Kamera). Nix von mir.
„Her“
Science Fiction. Muss man mögen. Ich bin nur in ganz besonderen Fällen dafür zu haben. Dieser hier hat mich von Anfang an nicht erreicht. Bestimmt mein Fehler. Aber ich bin hier der Verteiler von Oscars, deshalb nix von mir. Also nix für whatever.
„Nebraska“
Vater und Sohn-Geschichte mit einem Hauch Road Movie, in „back tot he roots“ schwarz/weiß. Berührend, aber auch nicht ohne Witz und Charme. Wunderbare Vorstellung vom alten Bruce Dern. Best Motion Picture hab ich da nicht unbedingt gesehen, aber originelle Story. „Best Director“ allerdings, da wär ich für.
„12 Years a Slave“
Vergangenheitsbewältigungsfilme braucht jedes Land. Und viele haben sich schon getraut. Auch Amerika hat durchaus einiges zu bewältigen in seiner 238jährigen Geschichte. Viel Böses, Ungerechtes und Unschönes ist da passiert, das ja immer noch nicht wirklich bewältigt ist. So ist das überall auf der Welt und für jeden von uns. Es gibt immer was zu bewältigen, und das kann man immer in Filmen thematisieren. Das geht witzig (Inglourious Basterds, Django Unchained) aber es geht auch staatstragend. Das meine ich nicht abwertend, aber es nimmt jeder Geschichte die Leichtigkeit. Nun ist Sklavenhandel und –haltung nichts, das mit Leichtigkeit und Tralala verkitscht werden sollte. So gesehen, hat man sich in diesem Film des Themas würdig angenommen. Gute Darsteller, gute Geschichte, sehr viel Realismus. Und Epos nicht zu vergessen. Unglaublich brutal. Hollywood schwelgt derzeit in diesem Genre. Deshalb glaube ich, dass das der Abstauber des Abends werden könnte.
„The Wolf of Wall Street“
The American Dream. Sehr schnell sehr reich werden. Im schlimmsten Fall pflastern ein paar Leichen den Weg dahin. Bildlich gesprochen. Man braucht eine Idee, einen smarten Kopf und Chutzpe. All das hat der Wolf, der sein Glück an der Wall Street, dem Geldzentrum der westlichen Welt, sucht und findet. DiCaprio kann diese schmierigen Fieslinge gut (tendiert aber bisweilen zur Bräsigkeit). Egal, wie gut die Geschichte erzählt wird, ich kann diesen Storys über Abzocker, die sich ohne jegliche Skrupel über den Rest der Gemeinschaft (der sie nicht angehören wollen und können) erheben und sie um ihre Existenz bringt, einfach nichts abgewinnen. Insbesondere dann nicht, wenn es sich um wirkliche Ereignisse handelt. (Wie übrigens einige andere der Wettbewerbsfilme auch.)

Kategorie „Beste Regie“
David O. Russell „American Hustle“

Nun ja, netter Film, lustig und gut besetzt. Durchweg straff inszeniert (ein Gag jagt den nächsten). Aber Trophäen-Material? Nicht für mich..
Alexander Payne „Nebraska“
Schön erzählt, ruhig und tongue-in-cheek: Eine 800-Meilen-Reise des alten Mannes (von Billings, Monatana, nach Lincoln, Nebraska), der sein Gewinner-Los bei den Sweepstakes einlösen will. Kauzige Darsteller, (wunderbar Bruce Dern), flotte Handlung. Paynes Film „The Descendants“ hatte mich nicht so beeindruckt, aber „About Schmidt“ – unvergessen. Einen Oscar von mir für „Best Director“ – yeah!
Martin Scorcese „The Wolf of Wallstreet“
Ja, der Marty, hier war ich erst mal hin- und hergerissen. Bombast und satte Bilder. Sprachgewalt und Spielfreude. Thematisch nix für mich. Wenn sich die Motion Picture Jury auf ihn eingeschworen haben sollte, dann kriegt er ihn. Aber die können sich ja auch nicht vierteilen. Von mir nüscht.
Steve McQueen „12Years a Slave
Im Rahmen der land slide Nominierungen könnte er gute Chancen haben. Hollywood, I hear you knocking. Wird das echt der Abräumer? Schon wieder nix von mir.
Alfonso Cuarón „Gravity“
Nö. Obwohl ja toll fotografiert, tolle Technik, eindrucksvolle Bilder und all das. Aber NÖ.

Bester Hauptdarsteller
Christian Bale „American Hustle“

Siehe oben. Guter Schauspieler, durchaus. Aber nicht in diesem Film. Vielleicht wusste ich seine Leistung auch nicht richtig zu schätzen, weil ich den Film nicht so mochte? Egal. Nix (ich kann ja auch nur einen Preis pro Kategorie vergeben).
Bruce Dern „Nebraska“

Jaaa, jaaaa, jaaaaa. Bruce Baby. Herrliche Szene gegen Ende, als er am Steuer des (fast) neuen Pick-up Trucks durchs Heimatdorf schleicht und seinen Sohn anweist: „Duck dich, duck dich“. Den Oscar würd ich ihm am liebsten persönlich in die Hand drücken.
Leonardo DiCaprio „The Wolf of Wall Street“
Der hatte ein paar richtig gute Rollen in den letzten Jahren. Er verkörpert den gierigen Schmierlapp sehr lebensecht. Aber er ist mir so unsympatisch, dieser Film und seine Protagonisten. Nix von mir.
Matthew McConnaughy „Dallas Buyers Club“
Ja, damit könnt ich leben. McConaughey wird immer mehr zum Charakterdarsteller. Als Ron Woodroof, Elektriker und in seiner Freizeit Rodeo-Cowboy, der für ein paar Dollar auf wilden Stieren rumreitet, hat er mich überzeugt. Als Aidskranker auch. Er war so besessen von der Rolle, dass er 20kg Gewicht verlor, um den immer kränker werdenden Ron so realistisch wie möglich darstellen zu können. Wenn Dern den goldenen Knaben nicht bekommt, dann sollte McConnaughy ihn haben.
Chiwetel Ejiofor „12Years a Slave“
Siehe oben. Hollywood Choice. Verdient hätte er es bestimmt. Aber… aber…

Beste Hauptdarstellerin
Amy Adams „American Hustle“

Uh-uuh – no no.
Cate Blanchett „Blue Jasmine“
Die isses. Für mich jedenfalls (siehe ganz oben).
Judi Dench „Philomena“
Ja, ja, ja! Am schönsten fänd ich, wenn sie und Cate Blanchett einen bekommen könnten. Aber wenn Blanchett leer ausgeht, dann bitte, bitte Judi Dench.
Sandra Bullock „Gravity“
Die Mimik von Frau Bullock durchläuft geschätzte drei Phasen. Wenn man vergisst, dass es den schönen George (Clooney) schon ziemlich am Anfang zerdengelt, ruht die ganze schauspielerische Anforderung auf Sandra Bullock, die auch eine Art „happy end“ mimen darf. Warum sie für „Best Actress“ nominiert ist, entzieht sich meiner Vorstellungskraft.
Meryl Streep „August: Osage County“
NEE! Absolut nicht. Selten hab ich Streep so schrecklich gefunden. Eigentlich noch nie. Da häng ich ganz schnell mein Mäntelchen des gnädigen Vergessens drüber.

Bester Nebendarsteller
Barkhad Abdi „Captain Philips“

Nojo! Aber nö.
Bradley Cooper „American Hustle“
Nee, auch nicht.
Michael Fassbender „12 Years a Slave“
Im Rahmen der Anhäufungen von Nomis für gefühlt alle Sparten des Films. Und Fassbender ist ja ein guter Schauspieler, verdient hätte er einen Oscar allemal. Meinetwegen gerne.
Jonah Hill „The Wolf of Wall Street“
Wär ne Möglichkeit, aber lieber Fassbender. Am liebsten aber:
Jared Letho „Dallas Buyers Club“
Gerne den. Ein Gutes Team, er und McConnaughey.

Beste Nebendarstellerin
Sally Hawkins „Blue Jasmine“

Wär eigentlich okay, jedenfalls nicht so abwegig. Sie hat mir gut gefallen als die arme Schwester von Jasmine.
Julia Roberts „August: Osage County“
Um Himmels Willen, nein. Also wirklich!!!
June Squibb „Nebraska“
Leider weiß ich schon gar nicht mehr, welche Rolle die hatte. Offenbar hat sie mich nicht beeindruckt. Vielleicht war sie großartig, ’schullijung.
Jennifer Lawrence „American Hustle“
Ja! Mit Fug und Recht.
Lupita Nyongo’o „12 Years a Slave“
Könnte so ausgehen. Angesichts der Nominierungsschwemme durchaus möglich. Am besten 99 Oscars für alle, die maßgeblich an dem Werk beteiligt waren.
Auch für die Kabelträger.

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Die Oscar-Verleihung wird heute (Nacht vom 2. auf den 3. März deutscher Zeit) ab 1.30 Uhr bis 5.50 Uhr bei Pro Sieben übertragen)




Wer steckt eigentlich hinter dem „Oscar“?

Seit ich alljährlich meine persönlichen Gedanken zu den Oscar-Nominierungen niederschreibe, frage ich mich heute mal: „Who da fuck is Oscar“, obwohl das richtig heißen müsste, „Who da fuck is…“ diese ominöse „Academy of Motion Pictures“? Wer steckt dahinter? Kennt man die Leute? Sind das hoch dekorierte Aktricen und Akteure, Regisseure, Dekorateure, Requisiteure, Komponeure, Friseure, Couturiers, Make-up-Artisten, Drehbuchschreiber, Autoren, Kameraleute, Editoren, Cutter, Kabelträger, Besetzungsbüros, und andere Filmschaffende?

Oder gar Multimillionäre, Banker, Wheeler/Dealer, Money Traders, die Mafia vielleicht (an alle strenggläubigen Frauenrechtspersonen jeglichen Geschlechts: all diese Berufe auch für –innen, versteht sich von selbst)?

Ich hatte nie drüber nachgedacht.

Seit nun aber schon wieder so ein Mogelpaket mit Namen ADAC geplatzt ist und auch seit wir ja jetzt mit Gewissheit erkennen durften, dass dieser früher von vielen belächelte „Big Brother“ unser Leben nicht nur vollelektronisch überwacht, sondern auch steuert, hab ich mal ein bisschen recherchiert. Bei Wikipedia und Co. Da weiß man ja auch nicht immer, woher die Informationen kommen, ob sie komplett sind, und ob sie stimmen. Aber ich bin gutgläubig und nehm das jetzt alles mal als ziemlich wahr hin.

Ehrenamtlich und gemeinnützig

Ich wollte also wissen, wer genau die Bestimmer von Qualität und Leistung in der Illusionsfabrik Hollywood sind.

Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) wurde 1927 als eine ehrenamtliche und gemeinnützige Organisation gegründet. Das heißt soviel wie: Die kriegen keine Knete für ihr Schaffen. Die Gründungsmitglieder kommen tatsächlich aus den von mir vermuteten Bereichen und noch ein paar mehr. Aber mafiöse Verbindungen sind nicht dokumentiert (die werden sich hüten, so was an die Öffentlichkeit dringen zu lassen). Obwohl, da ging ja mal die Frankie „Old Blue Eyes“ Sinatra-Geschichte einer Mafia-Connection durch die bunten Blätter. Alles nur Gerüchte?

Die Mitglieder also arbeiten (immer noch) ehrenamtlich. Das ist vielleicht für einige der Weltstars ein Opfer, wo ich doch immer wieder lese, dass man in den Kreisen gern schon für einen kleinen Händeschüttler bezahlt werden möchte. Aber schließlich, was zählt, ist doch zuerst die Ehre, dann das Amtliche.

Angeschwollen auf über 6000 Akademie-Mitglieder

Aus den anfänglichen 36 Mitgliedern wurden dann in 86 Jahren über 6.000, darunter manche, deren Namen nur begrenzt bekannt waren und wurden. Mitglied wird man nur auf Einladung der AMPAS. Wer über die Jahre des Filmschaffens einen oder gar mehrere Oscars einsammelt, darf fest damit rechnen, in den erlauchten Kreis eingeladen zu werden.

Damit da nun nicht alles kreuz und quer und chaotisch durcheinander läuft, gibt’s natürlich eine Organisation wie im richtigen Leben mit Präsident(in), 1. bis 3. Vize-Präsidenten, Schatzmeister, Sekretariat und CEO, dessen oder deren Aufgabe sich mir nicht ganz erschließt. Aber auch in Lala-Land ist ein Verein ohne Geschäftsleitung nichts. Auch eine Non-profit-Gesellschaft braucht eine Sekretärin, und die bekommt hoffentlich trotz aller Ehrenamtlichkeit ein Gehalt.

Titel wie Vice President und CEO machen sich immer gut auf einer Visitenkarte bei einer Party oder bei einem Telefonat, auch wenn das eine finanzielle Luftnummer ist. Da hat man halt was Eigenes, wie ein Diplom oder einen Ehrendoktor, mit dem man Eindruck schinden kann. Namentlich in Erscheinung treten diese Herrschaften äußerst selten.

Es gibt unheimlich viel zu gucken

Nun also sitzen jährlich Tausende von ebendiesen Filmschaffenden zuhause rum und gucken Filme ohne Ende. Nebenbei werden sie ja auch noch selber mal hier und da ’ne Rolle übernehmen. Je nach Autor, Story und Regisseur kann das auch ne wochen-, monate- oder jahrelange Sache werden. Ob die sich dann nach einem anstrengenden Dreh abends noch in ihre Wohnwagen schleppen, um das Material für den nächsten Preisverleih zu sichten? Das ist nicht überliefert. Aber falls sie es tun, dann gab’s für die diesjährige Veranstaltung viel, viel zu gucken, denn einige der nominierten Werke sind tatsächlich 180 Minuten lang.

That’s a lot of viewing! Und sie bekommen dafür ja höchstens diese Beutelchen mit hochwertigen Sächelchen drin, die „Goody Bags“ (und die Ehre natürlich). Da ist Kram drin, die keiner der Hollywoodies braucht, aber nett zum verschenken an Freunde, Verwandte und Fans. Oder verscherbeln sie es bei Ebay? Eine Gucci-Sonnenbrille, die Uma Thurman mal angefasst hat, das bringt bestimmt was ein.

Mein Fazit also, da sie es alle nur für Krishnas (beliebig ersetzbar durch andere Gottfiguren) Lohn tun, hoffe ich auch, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen jurieren. Ganz sicher bin ich da ja nie.
Vielleicht sagt sich da auch mal die Eine oder der Andere: „Hach nee, die/den kann ich nicht ab, keine Stimme von mir, egal wie göttlich die/der da war“. Oder solche, die grad nen brandheißen Film zu verhökern haben, antichambrieren und verführen Stimmberechtigte mit Champagner in Jacuzzis, gefüllt mit lauwarmer Eselsmilch – und reichen dazu frittierte Elefantenhoden.

In 86 Jahren präsidierten nur drei Frauen

Erstaunlich finde ich, dass in den ganzen 86 Jahren nur drei Frauen Präsidentin der Akademie waren. Die erste war Bette Davis 1941. Nach zwei Monaten schmiss sie der Academy ihr Amt vor die Füße, da war sie 33. Offizieller Grund: zu viel Filmarbeit, um diesen Job ausfüllen zu können. Hinter vorgehaltener Hand entwichen allerdings die wahren Gründe, nämlich, dass sie stinksauer war, weil sie vermutete, dass sie nur als Pappkameradin, Quotenfrau quasi, ausgewählt worden war.

Dann folgten erst mal wieder Männer, von denen nur Gregory Peck zu Weltruhm kam. Fay Kanin musste bis 1979 warten, ihre Präsidentschaft dauerte vier Jahre. Wie im wirklichen amerikanischen Leben. Über Frau Kanin, die in Hollywood und der Filmbranche weltberühmt war, habe ich nicht viel erfahren können. Sie war nur einmal, mit Herrn Kanin, verheiratet und wurde 96 Jahre alt. Sie starb voriges Jahr.

Nun folgen ganz viele Männer, der bekannteste war Karl Malden. Erst voriges Jahr im Juli übernahm dann Cheryl Boone Isaacs. Sie ist African American und war bisher im Film-Marketing tätig. Sie hat die Marketing Kampagnen für „Forrest Gump“ geleitet, der ja dann einen Oscar für „Best Picture“ gewann. Wenn das keine Empfehlung für die Präsidentschaft ist! Wir werden sie dieses Jahr zur Eröffnung der Feierlichkeiten kennenlernen.

Auch wenn man den Eindruck gewinnen könnte, dass AMPAS eigentlich nur um sich selbst rotiert, stimmt das nicht. Sie unterstützen und fördern verschiedene Akademien rund um das Filmgeschäft. Sie vergeben Stipendien und gut dotierte Preise an Studenten und Schulen. Woher diese finanziellen Mittel kommen, konnte ich noch nicht rausfinden, wo doch alle Mitglieder ehrenamtlich arbeiten. Vielleicht fließt da Geld von den oben erwähnten Gönnern, Million-Dollar-Unternehmen und anderen Mäzenen.

Ein wenig eigener Senf muss sein

Noch in diesem Monat und vor der Übertragung der Oscar-Zeremonie (2. März) werde ich mich hier über einige Filme fürs diesjährige Event auslassen. Wie immer eine total subjektive Beurteilung, und ich ahne jetzt schon, dass Aufschreie durch die Reihen meiner Leser gehen werden.

Fünfeinhalb der neun nominierten Filme hab ich schon gesehen (manche davon durchlitten, besonders den halben). Da es meistens sehr lange Filme sind, muss ich sehen, dass ich mich kurz genug fasse, um alle wenigstens andeutungsweise zu würdigen. Und das dauert ja auch. Also, gedulden wir uns.

Leider bin ich ja nicht Mitglied in dieser ehrenwerten Organisation (das wär mein Traumjob, würd‘ ich glatt ohne Lohn, nur gegen Kost und Logis, machen), deshalb kann ich jetzt schon und ohne zweckorientierte Begleiterscheinungen meinen (bis jetzt) Lieblingsfilm für dieses Jahr nennen, der zwar nicht nominiert ist, dafür aber die leading (Cate Blanchett) und die supporting (Sally Hawkins) Lady: „Blue Jasmine“ von Woody Allen.

Noch diese Woche fange ich an, meinen Senf über diesen oder jenen nominierten Film zu breiten. Bis dahin: Hasta la vista, Baby.




Das Volk bei Laune halten – Filme mit Rühmann

Die Kinofilme mit Heinz Rühmann (1902-1994) zählen auch zum eisernen Bestand des Fernsehens. Immer mal wieder werden die Klassiker wiederholt – vor allem mit Blick auf ein gereiftes Publikum.

Wie ich darauf komme? Nun, heute war beim Kulturkanal arte mal wieder Helmut Käutners „Der Hauptmann von Köpenick“ (1956) zu sehen. Bei solchen Anlässen schwelgen viele in nostalgischen Gefühlen.

An alte Erfolge angeknüpft

Damals hatte der Film rund 10 Millionen Kinozuschauer und war somit der meistgesehene Streifen der Saison. Spätestens damit knüpfte Rühmann an seine Erfolge aus Vorkriegs- und Kriegszeiten („Die drei von der Tankstelle“, „Die Feuerzangenbowle“ und viele, viele andere) an.

Alle stehen stramm vor ihm: Heinz Rühmann als "Hauptmann von Köpenick". (© ARD/Degeto)

Alle stehen stramm vor ihm: Heinz Rühmann als „Hauptmann von Köpenick“. (© ARD/Degeto)

Man kann es nicht verschweigen: Bis heute streiten sich die Geister, inwieweit Rühmann in die NS-Zeit verstrickt gewesen ist. Goebbels und Göring haben sich jedenfalls hin und wieder für ihn eingesetzt. Er hat das Volk in finsteren Zeiten bei Laune gehalten…

Mit Uniform ein anderer Mensch

Zurück zum „Hauptmann von Köpenick“. Die allzeit junge Geschichte vom einfachen, verarmten Schuster Wilhelm Voigt, der weder Ausweis noch Arbeit hat, sich eine alte Uniform verschafft und fortan auf lauter unterwürfige Leute trifft, kann als Kritik am kaiserzeitlichen Militarismus verstanden werden. Wie kaum anders zu erwarten, hat Rühmann das allerdings nicht scharf ausgespielt, sondern letzten Endes eher milde und verschmitzt.

Ich gebe gern zu, dass ich diese Spielweise nicht immer sonderlich gemocht habe. Im sämigen Einverständnis mit seinem Publikum spielt Rühmann oft ein allzu versöhnliches Augenzwinkern mit. Doch andererseits trägt und prägt er ganze Filme wie nur wenige. Und der „Hauptmann“ ist fürwahr einer seiner stärksten Auftritte überhaupt.

Oft den „kleinen Mann“ verkörpert

In seinen jungen Jahren sollte der gebürtige Essener, dessen Eltern zeitweise die Bahnhofsgaststätte in Wanne (heute Herne) und dann das Essener Hotel „Handelshof“ betrieben haben, auf den Theaterbühnen zunächst Heldenrollen übernehmen. Das konnte schon wegen seiner geringen Körpergröße nichts werden. Und so hat er später bevorzugt jungenhafte Typen oder buchstäblich den „kleinen Mann“ verkörpert – am eindrücklichsten vielleicht im Fernsehfilm „Der Tod des Handlungsreisenden“ (1968) nach Arthur Miller. Oder eben auch im „Hauptmann von Köpenick“ nach Carl Zuckmayer. Da zeigt Rühmann anfangs den ganzen Jammer und die Resignation des im Leben Gescheiterten. Doch dann schwingt er sich auf – und wie!

Der Köpenick-Film überzeugt jedenfalls auf ganzer Linie, auch wegen weiterer Darsteller wie Martin Held, Josef Offenbach oder Wolfgang Neuss. Vor allem jedoch: Rühmann mag eine zwiespältige Größe sein, aber er ist ein Größe. Ursprünglich sollten Curd Jürgens oder Hans Albers die Rolle spielen, erst Regisseur Käutner hat Rühmann gegen Widerstände und Bedenken durchgesetzt. Die anderen Schauspieler hätten es anders gemacht, aber bestimmt nicht besser.




Action bis zum Veitstanz: Peter Thorwarths Film „Nicht mein Tag“

Der guten Ordnung halber: Ich war natürlich drin. Wenn ein Filmschaffender aus Unna auch mal außerhalb der Unna-Trilogie einen Film macht, gehört es sich für Unnaer, sich den anzusehen. Und das ohne Rücksicht auf die eigene Person.

Ich meine damit nicht, dass ich das Gesehene als anstrengend und folteresk bewerte, sondern dieses „ohne Rücksicht“ bezog sich auf unpassenden Cola-Genuss und Nacho-Verzehr (natürlich mit Käsesoße) während einer postweihnachtlichen Diät. Ansonsten: Peter Thorwarth hat eine unterhaltsame und professionell saubere Arbeit gemacht, die mir gefiel, weil sie meinem Spaßbedürfnis an diesem Tage entsprach.

Filmplakat zu "Nicht mein Tag" (© Sony Pictures)

Filmplakat zu „Nicht mein Tag“ (© Sony Pictures)

Nur entfernte er sich streckenweise so weit von Ralf Husmanns Romanvorlage, dass ich mich bisweilen richtig freute, etwas davon wiedererkennen zu dürfen. Das war zwar nicht absolut störend, aber mitunter gar nicht nötig, weil „Nicht mein Tag“ auch in seiner lesbaren Urform schon ebenso cool wie prima erzählt war und actiongeladene Wahnsinnsstunts nicht nötig hatte. Bisweilen, so hatte ich das Gefühl, gingen Peter Thorwarth und seinen Freunden ein wenig die Pferde durch und sie versuchten auf den einen Topact sofort noch einen topperen draufzusetzen.

Die Story: Nappo (Moritz Bleibtreu) ist ein Kleinkrimineller, hübscher Kerl, aber etwas frittenfettiger Typ, der seinen Traum vom antiken Ford-Mustang verwirklichen will und den adretten Banker Till (Axel Stein in S-Format) um einen Kredit bittet, während der in Gedanken schon beim Geburtstagsständchen für den flatulenten Zweigstellenleiter ist. Weil die beiden nicht zu Potte kommen, überfällt Nappo tags darauf die Bank, nimmt knapp 20000 Euro mit und dazu noch Till, der ebenso blöd wie mutig verhindert, dass der Räuber eine niedliche junge Kollegin entführt.

Nun verunsichern sie in Tills Familienkutsche die Autofahrer der Region, um in einem Schrebergarten das dortige Häuschen als Nachtlager zu nutzen. Nachdem Till aus dem Kofferraum entlassen ist, kommen die beiden ins Gespräch und sich langsam näher. Als sie feststellen, dass der Hunger sie plagt, schwärmt Till von „Kaninchen, lecker geschmort in Soße“. Wunderbar, wie der böse Nappo sich zur Seite dreht und wortlos einen Rammler umnietet, der zuvor noch fasziniert dem Gespräch lauschte. Das war Ralf Husmann. Till und Nappo klampfen Rock zur Akustikgitarre, trinken Bier und Till kommt die Klarheit, dass sein Leben anscheinend so verläuft, wie er es sich vor Jahren, vor der Ehelichung der Mutter seines Kindes, nun überhaupt nicht vorgestellt hatte.

Ab da verlässt der Plot die Vorlage vollends. Es gesellen sich allerlei bekannte Gesichter zur Erzählung, die roadmovig ein entferntes „Scheerburg“ (gemeint ist Cherbourg) zum Ziel haben soll, das aber nie erreicht wird. Till Schweiger in Kurzfassung („Till, Till, ich heiße auch Till!“), Ralf Richter, der Mustang-Verkäufer, Tom Gerhardt, die Stimme des Navis, das den Ford nach Amsterdam den rechten Weg weist.

Ferner gibt es Verwicklungen mit beraubten Albanern, volltrunkene Veitstänze mit Rockstars, Totalschäden am laufenden Band in Grachtenuferstraßen Amsterdams bis hin zur albanischen Entführung der Till-Gattin…

Schlussbild: Till-Gattin und der gemeinsame Sohn warten vor einer Kleinkriminellen-Verwahrstelle auf den Papa, der tritt durchs Tor, umarmt die liebe Familie und schreitet in ein neues Leben, das er so abwechslungsreich wie aufregend gestalten will, eben ganz anders als der White-Collar-Banker von einst. Happy, happy Ende!

Fast nichts erinnerte mehr an die drei Filme von Peter Thorwarth, die heute als Unna-Trilogie bekannt sind. Ganz viel rasantes Kino, glatt und professionell, wirklich nicht schlecht, aber eben völlig ohne die Haken und Ösen seiner Vorgänger, die das Ganze so authentisch-sympatisch erscheinen ließen. Gutes Handwerk, aber auch ein Zeichen, dass es nun einen ganz anderen Peter Thorwarth gibt. Einen, der zwar Ralf Richter noch dabei hat, aber einen Ralf Richter, der passend gemacht ist.




Schauspielerfest in Schwarzweiß – der Kinofilm „Das Mädchen und der Künstler“

Wir schreiben das Jahr 1943: Während die Welt in Krieg und Chaos versinkt, kämpft ein greiser Künstler mit seiner nachlassenden Schaffenskraft.

Der Bildhauer (Jean Rochefort) und seine junge Muse (Aida Folche). (© Camino Filmverleih)

Der Bildhauer (Jean Rochefort) und seine junge Muse (Aida Folche). (© Camino Filmverleih)

Noch einmal möchte der 80jährige Marc Cros (Jean Rochefort) eine Skulptur schaffen, in der die ganze Schönheit des Lebens und die Erhabenheit der Kunst zum Ausdruck kommen. Seine Frau Lea (Claudia Cardinale) spürt, dass ihr Mann einen kreativen und erotischen Reiz braucht. Damit er nicht vollends in Altersdepressionen versinkt, bringt sie eine junge Frau in sein Atelier. So wird junge Katalanin Mercè (Aida Folch), die tagsüber nackt Modell sitzt und des nachts Flüchtlinge über die Pyrenäen aus dem von Nazis besetzten Frankreich nach Spanien schmuggelt, zur Muse des Bildhauers. Sie beflügelt seine Fantasien und gibt ihm noch einmal die Kraft, dem Göttlichen in der Kunst ganz nahe zu kommen.

Regisseur Fernando Trueba setzt bei seiner filmischen Meditation über das Alter und den Tod, die Kunst und den Krieg ganz auf die stillen Momente des Daseins und die Beharrlichkeit großer Bilder. Die bäuerliche Welt am Rande der Pyrenäen, der Kampf mit dem künstlerischen Material in der Bildhauerwerkstatt, der gelegentliche Einbruch der kriegerischen Realität in die scheinbare Idylle, all das wird in wohl temperierten und atmosphärisch dichten Schwarzweißbildern ausgeleuchtet. Jedes grelle Licht und jeder harte Schatten gewinnen rätselhafte Bedeutung.

„Das Mädchen und der Künstler“ ist ein Fest für große Schauspieler und ein Lehrfilm über die Kunst der kleinen Gesten und sparsamen Worte. Im faltigen Gesicht von Jean Rochefort liest man wie in einem Buch. Das altersmilde Lächeln von Claudia Cardinale erzählt davon, dass wahre Schönheit nie vergeht. Faszinierend, wie der greise Bildhauer sich noch einmal gegen den Tod stemmt und es ihm unter Aufbietung aller verbliebenen Kräfte gelingt, die betörende Schönheit von Aida Folch in einem Kunstwerk festzuhalten.

Ab 25. Dezember in ausgewählten Kinos




Genie der Selbstzerstörung: Aus dem wilden Leben des Drummers Ginger Baker

Er ist wahrscheinlich der vielseitigste und einflussreichste Drummer der Rock-Musik.

Seine Lehrer waren Jazz-Größen wie Max Roach und Art Blakey, seine Mentoren Alexis Korner und Graham Bond. Seine musikalischen Meisterstücke hat er mit Supergruppen wie Cream und Blind Faith abgeliefert. Er hat in unzähligen Bands gespielt und mal in England oder Italien, mal in den USA, Nigeria und Südafrika gelebt. Oft ist er schon wegen seiner Drogensucht und Tabletten-Abhängigkeit für tot erklärt worden. Doch auch wenn es stiller um diesen kauzigen Weltenbummler und neugierigen Multikulti-Musiker geworden ist: Ginger Baker lebt.

Er ist noch immer angriffslustig und schlagkräftig wie eh und je. In einem Interview hat er jüngst behauptet, die Rolling Stones seien völlig unmusikalisch. Und als ihm die Fragen von Jay Bulger auf die Nerven gingen, hat er dem Regisseur kurzerhand mit seinem Gehstock verprügelt und die Nase gebrochen. „Beware of Mr. Baker“ heißt der dokumentarische Film, der jetzt in die Kinos kommt und Schlaglichter auf das abenteuerliche und ereignisreiche Leben von Ginger Baker wirft.

Exzentrisch: Schlagzeuger Ginger Baker im Januar 1970. (© NFP)

Exzentrisch: Schlagzeuger Ginger Baker im Januar 1970. (© NFP)

Jay Bulger hat den von unzähligen Abstürzen und Entziehungskuren schwer gezeichneten Musiker auf dessen Farm in Südafrika besucht und mit Fragen gelöchert. Während der zittrige Ginger Baker eher unwillig Einblicke in sein Leben gewährt und immer wieder ätzende Kritik an den meisten seiner Kollegen und Weggefährten übt, werden Fotos und Filmstücke eingespielt, Kommentare seiner Ex-Gattinnen und Kinder, Konzertmitschnitte, Reisedokumente, Hasstiraden und Liebeserklärungen von Kollegen.

Ginger Baker hat mit allen gespielt, mit seinem furiosen und variablen Spiel alle fasziniert und mit seinen Launen und Gewaltausbrüchen alle schier in den Wahnsinn getrieben: Ob Eric Clapton oder Jack Bruce, Steve Winwood, Carlos Santana oder Charlie Watts, sie alle verneigen sich vor dem Ausnahme-Drummer. Aber alle auch meiden diesen Derwisch des Schlagzeugs. Die (einmalige) Wiedervereinigung von Cream war denn auch beileibe keine Herzensangelegenheit von Eric Clapton und Jack Bruce: Es ging ganz schnöde ums liebe Geld. Ginger Baker, der stets über seine Verhältnisse lebt und ein Pferdegestüt sein eigen nennt, war wieder einmal pleite und benötigte dringend eine Finanzspritze.

Der zur Selbstzerstörung neigende Ginger Baker und der zur Selbstverleugnung fähige Regisseur Jay Bulger sind ein ideales Gespann. Während der eine meckert, stellt der andere hinterhältige Fragen. Beide ringen bis zum Nasenbruch miteinander. Das Resultat ist eine hoch spannende, musikalisch und filmisch gelungene Biografie.

(Ab 19. Dezember 2013 im Kino)

Trailer zum Film: http://www.youtube.com/watch?v=RkIiAkx4LtQ




Narr, Schamane, Anarchist: Zwiespältige Schlingensief-Werkschau in Berlin

Sein wichtigstes künstlerisches Mittel war die Provokation.

Ob er ein filmisches „Kettensägen-Massaker“ anrichtete oder mit dem Megaphon dazu aufrief, den FDP-Politiker Jürgen Möllemann zu töten; ob er die Spaßguerilla-Partei „Chance 2000“ gründete oder mit einem Fluxus-Oratorium „Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ betrauerte: Immer hatten die performativen Kunst-Events des gebürtigen Dortmunders Christoph Schlingensief etwas Flüchtiges und Chaotisches, wirkten sie wie hastig improvisierte Reaktionen auf politische Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Fehlentwicklungen, Entgleisungen des Zeitgeistes.

Christoph Schlingensief: "Freakstars 3000" (2003). Von links: Christoph Schlingensief, Horst Gelonneck, Kerstin Graßmann, Mario Garzaner, Achim von Paczensky. (© Filmgalerie 451 / Foto: Thomas Aurin)

Christoph Schlingensief: „Freakstars 3000“ (2003). Von links: Christoph Schlingensief, Horst Gelonneck, Kerstin Graßmann, Mario Garzaner, Achim von Paczensky. (© Filmgalerie 451 / Foto: Thomas Aurin)

Eigentlich kaum vorstellbar, dass all die Filme und Inszenierungen, Installationen und Aktionen eine museale Form annehmen könnten. Drei Jahre nach dem frühen Krebstod von Christoph Schlingensief präsentieren die Berliner „Kunst-Werke“ eine opulente Werkschau. Das ist nur möglich, weil Schlingensief, den viele für einen anarchischen Spinner und flüchtigen Ideenproduzenten hielten, ein notorischer Sammler und penibler Archivar seiner Kunst-Entäußerungen war.

So kann man jetzt, über mehrere Stockwerke und in unzähligen Räumen und Nischen, all das sehen, hören, nacherleben, was man längst auf der Halde der Kunstgeschichte wähnte: die Wiener Bau-Container, in denen einst (in einer Big-Brother-Persiflage) Ausländer hausten und auf ihre Ausweisung warteten; der aus sowjetischem Militärschrott gebastelte, auf einer Drehbühne installierte und von den Zuschauern begehbare „Animatograph“; der Mitschnitt jener Aktion, mit der Schlingensief hunderte Arbeitslose dazu aufrief, im Wolfgangsee zu baden, damit die Flutwelle bis an die Tür des Urlaubsdomizils von Kanzler Kohl schwappen möge; die mit versteckter Kamera heimlich gedrehten Bilder seiner „Parsifal“-Inszenierung in Bayreuth.

Auf Dutzenden Fernsehgeräten laufen in Endlosschleifen Videos, überall wabern akustische Pamphlete durch die Gänge. Alles, was man bisher vielleicht nur für Ausgeburten spätpubertärer Fantasie und geschmackloser Narretei gehalten hat, gewinnt, museal aufbereitet, fein beschriftet und kunstgeschichtlich einsortiert, plötzlich einen absurd anmutenden Kunst-Charakter. Und die Person, die – seien wir ehrlich – vielen Beobachtern zu seinen Lebzeiten mitunter heftig auf die Nerven gegangen ist, wird zum Gegenstand künstlerischer Verklärung.

Spätestens in jenem Andachtsraum, in dem das Vermächtnis Schlingensiefs – das von ihm inspirierte Operndorf in Afrika – weiterwirkt, beschleicht einen das verstörende Gefühl, in einen bizarren Kunst-Gottesdienst geraten zu sein. Aber Schlingensief war kein Heiliger, kein Wegweiser und kein Künder einer besseren Welt. Er war ein Störenfried, Schamane und Anarchist. Eine Nervensäge, ein permanenter Widerspruch. Ein Gesamtkunstwerk, das nur funktioniert, verstört, verärgert, solange er selbst den Provokateur spielt, den Ton und die Richtung vorgibt.

Ja, Schlingensief fehlt. Die deutsche Kunst ist ohne ihn um vieles ärmer. Aber im Museum wirkt er seltsam fehl am Platze, ins Unwirkliche entrückt, wie ein Denkmal seiner selbst. Irgendwie harmlos.

KW „Kunst-Werke“, Auguststraße 69, 10117 Berlin. Bis 19. Januar 2014, Mi-Mo 12-19 Uhr, Do 12-21 Uhr, Di geschlossen; Eintritt 6 Euro, ermäßigt 4 Euro.
Infos: http://www.kw-berlin.de/de/




Exzentrisches Leben eines Pianisten: Steven Soderberghs Kinofilm über „Liberace“

Der Inhalt – gebündelt.

„Liberace – Behind the Candelabra“, so heißt dieses Bio-Pic im Original, das in Deutschland unter dem Namen „Liberace – Zuviel des Guten ist wundervoll“ angelaufen ist. Ein umständlicher Titel, aber nicht abwegig.

Der Film behandelt im Wesentlichen die fünf Jahre seiner Beziehung mit dem jungen Tierpfleger Scott Thorson (Matt Damon) und basiert auf dem Buch „My life with Liberace“, das Thorson über diese Zeit geschrieben hat.

Plakat zum Film „Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll“ – mit Michael Douglas (li.) und Matt Damon. (© dcm 2013)

Als Liberace, genannt Lee, zufällig den 17jährigen Scott kennenlernt, verliebt sich der 30 Jahre ältere sofort in das schüchterne, hübsche Kerlchen. Scott bekommt eine volle Breitseite des überaus extravaganten Lebensstils des Pianisten. Scott ist glücklich, Lee ist glücklich. Lee kann dem Jungen alles und mehr bieten, wovon der je geträumt haben mag. Genau, zuviel des Guten ist eben wundervoll. Scott wird mitgerissen in den Strudel von Prunk, Pomp, Protz und Bombast. Er erlebt den liebevollen, fürsorglichen und den zickigen Lee. Sie leben zwischen überbordendem Privatleben und grandiosen Auftritten, zwischen Champangner und Drogen. Alles geht. Und wenn man grad mal denkt, mehr geht nicht, dann geht doch noch was, und mehr, und mehr.

Irgendwann ist aber auch Scott, der sein Gesicht auf Lees Wunsch liberacesk herrichten ließ, bedient. Sie zoffen sich wie die Kesselflicker, und der mit dem Geld hat das Sagen. Und das letzte Wort. Es kommt zur Trennung. Es folgt eine Klage, in der es um eine Abfindung für Scott (palimony bei unverheirateten Lebenspartnern) in Millionenhöhe geht, die der Stärkere, der Reichere, der Mächtigere gewinnt. Wie auch sonst?

Unter diesen Umständen kann der Film auch nur ein trauriges Ende haben. Allerdings gibt es auch eine nicht zu unterschätzende, versöhnliche Note.

Schöner Film.
Spannender Film.
Wundervoll bunt, exzentrisch und manchmal auch ein bisschen hysterisch.
Hingehen.

Steven Soderbergh ging betteln

Es grenzt an ein Wunder, dass es diesen Film überhaupt gibt. Hollywood zögert nach wie vor, das „heiße Eisen“ Homosexualität anzupacken, und so fand sich auch lange kein Studio, das dieses Risiko eingehen wollte. Es ging nur um fünf Millionen Dollar, vergleichsweise low budget.

„Zu gay“, sagten die Studiofürsten: „Wir wissen nicht, wie wir den vermarkten sollen.“ Eigentlich unverständlich, nachdem doch „Brokeback Mountain“ ein Riesenerfolg war. Und der war nicht mal witzig. Vielleicht passt es nicht in die gegenwärtig so kontrovers geführte Diskussion über same-sex-marriages, die erst in 13 von 50 Staaten legal sind.

Wir haben es Herrn Soderberghs Anstrengungen und dem Pay-TV Sender HBO (der uns auch „Boardwalk Empire“, „The Newsroom“ und „Six Feet Under“ bescherte) zu verdanken, dass dieser Film doch noch gedreht wurde.

Wer war Liberace?

Der Mann, der Valentino Liberace hieß und unter dem Namen „Liberace“ bekannt wurde, war Sohn eines italienischen Einwanderers. Er war ein musikalisches Wunderkind, das schon im Alter von sechs Jahren klassische Werke auswendig spielte. Mit 12 war er Solist beim Chicago Symphony Orchestra, später studierte er Musik. Er trat hin und wieder öffentlich auf. Das Fernsehen wurde auf ihn aufmerksam und er bekam seine eigene Fernsehshow.

Nach etwas zähem Beginn bekam er ein Engagement in Las Vegas. Damals fing er damit an, seine Auftritte flashy, prunkig und bombastisch zu zelebrieren. Seine reich verzierten Konzertflügel schmückte er seitdem immer mit protzigen Kandelabern.
Liberace war vermutlich Vorbild für einige Künstler des showbiz, aber selbst Prince, Jackson, Moshammer oder Glööckler scheinen Waisenkinder im Vergleich.

Liberace war eher der König Ludwig des Entertainment.

Kennt man hierzulande diesen Liberace eigentlich noch, oder hat ihn je gekannt?

Vielleicht die über 40jährigen. Und auch die nur vom Hörensagen. Aber wahrscheinlich eher nicht. In Kommentaren der US-Medien wurde er meistens lächerlich gemacht („Aber er hat seine Mami sehr lieb“) und seine Beteuerungen, nicht schwul zu sein, wurden mit vielsagendem Lächeln bedacht.

Oscarwürdige Darsteller – Maske und Ausstattung.

Die Maske hat Wunder vollbracht, als sie den 42jährigen Matt Damon (der mir gut gefiel in seiner Rolle) auf den 17jährigen Hänfling Scott zurechtmachte. Michael Douglas gibt einen außerordentlich glaubhaften Lee. Sehr dezent schwul in Gestik und Mimik, denn es galt ja damals, den prüden amerikanischen Fans seine wahre sexuelle Orientierung zu verheimlichen. Liberace hatte seinerzeit jeden, der öffentlich über seine Homosexualität spekulierte, sofort verklagt und immer gewonnen.

Generell gibt es viel schöne Musik, teilweise original Playbacks. Die Ausstattung ist an Glamour kaum zu überbieten.

Übrigens hat Douglas einige der Musiknummern selbst gespielt (und sehr viel dafür geübt, wie er gestand).

Außer Douglas und Damon spielen auch Dan Aykroyd, Debbie Reynolds, Rob Lowe und Scott Bakula mit.

Ich mochte den Film und empfehle ihn als sehr gute Unterhaltung. Amüsant und ohne Slapstick, lustig und heiter, ohne platt zu sein.

Von mir 5 von 5 Punkten.

Ach ja – und Oscars für alle!




„White House Down“ – Explodierende Monumentalbauten

Roland Emmerich, der Katastrophenfilm-Spezi, hat wieder einen Film gemacht, ganz nach dem Muster der anderen, zum Teil recht erfolgreichen: „Independence Day“, „Godzilla“ und „The Day After Tomorrow“. Er lässt gerne was explodieren oder auf alienöse Weise aus dem All zerdeppern. Er schafft draufgängerische Helden, die sich für nix zu schade sind, und die seit Jahren ihren Ruf als Haudraufs und Kill-’em-deads gefestigt haben.

Die Geschichte von „White House Down“ kann man schon erahnen: Böse Menschen wollen das Weiße Haus samt Präsident abfackeln oder niederreißen, in die Luft jagen oder ins All entführen. Das werden natürlich nicht nur der amtierende Präsident James Sawyer (Jamey Foxx) sondern auch die Guten Menschen zu verhindern wissen. Nicht ohne gewisse Kollateralschäden in Kauf zu nehmen. Das kennt man und erwartet man auch.

Prägnante Szene aus "White House Down" (© Sony Pictures)

Prägnante Szene aus „White House Down“ (© Sony Pictures)

In letzter Zeit ist der Obergute oft mal ein alleinerziehender oder dysfunktionaler Vater, der versucht, seinem wunderschönen, klugen und höchstens 14jährigen Nachwuchs zu beweisen, dass er ein oberprima Vater ist. Der Nachwuchs ist entweder vatergläubig oder vateragnostisch. Egal, bisschen Abwechslung muss sein.

In „White House Down“ ist der leitende Gute natürlich der POTUS (President of the United States), und sein Gefolge von ziemlich gut über mittelgut bis ungut wuselt um ihn herum, immer darauf bedacht, ihn zu beschützen.

Dauerjogging um die Präsidentenkarosse

Das möchte auch der Polizist John Cale (Channing Tatum) ganz dringend, und bewirbt sich als Personenschützer beim Secret Service. Den Personenschützer sieht man gerne im Dauerjogging um die Präsidentenkarosse rumtänzeln; jederzeit bereit, seinen Körper todesmutig vor den des POTUS zu werfen. Cale will seiner entzückend altklugen, politisch hochinteressierten 14jährigen Tochter Emily (Joey King) beweisen, dass er das Zeug für diesen Posten hat.

Das sieht aber leider die Chefin des Secret Service, Carol Finnerty (Maggie Gyllenhaal) anders. Sie meint, ihm mangele es an dem nötigen „R.E.S.P.E.C.T.“ – und nix is mit dem Macho-Job. Aber erst mal traut sich der um good vibes bemühte Vater John Cale nicht, das seinem entzückenden (sagte ich bereits?) Töchterchen zu beichten, und er macht eine Führung durch das Weiße Haus mit ihr. Wir erinnern uns, das Kind ist politisch nicht nur interessiert sondern auch extrem kundig. Wie die 14jährigen halt so sind.

Inzwischen plant der POTUS einen etwas umstrittenen Vertrag mit seinen Allierten zu schließen, der beinhaltet, dass im Mittleren Osten alle Truppen abgezogen werden sollen. Sowas kann natürlich nicht allen gefallen, das liegt in der Natur der Kriegsführung, die schließlich einen enorm wichtigen Wirtschaftszweig, Waffenherstellung und –handel unterstützt. Es sind aber nicht nur schwere Geschütze, Bomben und Granaten im Spiel, wenn’s ums Umbringen geht, sondern auch ganz normale aber schwere Dekorationsgegenstände. Und Fäuste natürlich.

Jetzt: Auftritt der Bösewichter. Denen sieht man das auch nicht immer an. Und man weiß nicht, ob sie wirklich Böse sind oder nur Undercover-Böse. Das ist der spannende Teil. Sobald sie aber eine Bombe geschickt platziert und zur Explosion gebracht haben, geht der Stress los. Zuerst fliegt mal das Dach über der Rotunda in die Luft und mit ihm leider viele unschuldige Menschen. Nun treten mehrere Pro-Präsident und Anti-Präsident-Truppen gegeneinander an, mit wechselndem Erfolg und Waffen, um an ihre jeweiligen Ziele zu gelangen.

Schließlich weiß man dann auch irgendwann, wer der Oberböse ist, und ja, er ist ein Interner. Mehr sag ich dazu jetzt nicht.

Entzückend schlaue Tochter des Personenschützers

Jedenfalls bleibt man lang genug im Unklaren über die Personenaufstellung, und Cale bekommt mehr als genug Chancen, seine Qualifikation für den Personenschützerjob unter Beweis zu stellen. Und natürlich auch, um seiner entzückend schlauen Tochter zu imponieren. Die ist auch furchtlos mitten in dem Chaos unterwegs, und alles nimmt ein gutes Ende. Anders wär ja auch blöd.

Für Herrn Emmerich war es sicher auch blöd, dass „Olympus Has Fallen“, ein gehobenes Katastrophenstück von Antoine Fuqua, vor seinem in die Kinos kam. Gleiches Thema, andere Feinde, und der Vater hat einen Sohn.

„White House Down“ ist kurzweilig unterhaltsam. Aber auch laut, brutal und marktschreierisch. Einige Überraschungen hat er trotz der Vorhersehbarkeit. Es ist nicht mein bevorzugtes Genre, aber das ist allein mein Problem.

Es ist auf jeden Fall ein Film für Fans von:

Katastrophenspektakeln

Verschwörungstheorien

Blow’em up and shoot’em down

Special Effects

Maggie Gyllenhaal (und da gehör ich auch dazu).

Alle zusammen sitzen wir in unseren puscheligen Kinosesselchen, rascheln mit übelriechendem Popcorn, klappern mit Alcopops im Rhytmus zu dem Hully Gully und seufzen: „Ach warum passiert so was denn hier nicht?“ Besonders VOR den Wahlen.

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Trailer zum Film (© Verleih Sony Pictures): http://www.trailerseite.de/film/13/white-house-down-kino-trailer-26708.html




Paul Kuhn ist tot: Viel mehr als „Der Mann am Klavier ohne Bier auf Hawaii“

Seinen ersten Fernsehauftritt hatte er als Achtjähriger während der Berliner Funkausstellung 1936. Er bespielte schon damals recht virtuos das Akkordeon. Anfang des Jahres 2013 sollte er, der noch hochbetagt täglich auf den Klavierstuhl kletterte und die Tasten anschlug, als wäre er gerade mal 17, auf Tour gehen. Er musste aber absagen, weil es wichtiger war, ihm einen Herzschrittmacher ans Herz zu legen.

Im März feierte er dann den 85. Geburtstag und lächelte wie immer verschmitzt in Kameras. An diesem Wochenende starb Paul Kuhn, der „Mann am Klavier“, der „auf Hawaii kein Bier findet“, der Count Basie als seine musikalische Basis betrachtete, wenn er sich als Bandleader definieren sollte, und Art Tatum als sein Vorbild, wenn er das Klavier bejazzte. Ausnahmsweise titelte heute die BILDende Zeitung mal etwas Zutreffendes: Sie schrieb von der „Jazz-Legende“ Paul Kuhn.

Was war nicht alles Gutes aus dem Landessieger Akkordeon Hessen-Nassaus des Jahres 1936 geworden. „Paulchen“ sammelte Ehrungen wie andere Briefmarken – und das in aller Stille, weil die meisten seiner Fans ihn eben nur mit dem „Mann am Klavier“, der auf „Hawaii kein Bier“ findet, gleichsetzten.

Schon 1953 wurde er als  Jazzpianist Nr. 1 in Deutschland gekürt. 1971 erhielt er die Goldene Kamera für seine Fernseharbeiten („Pauls Party“), 1976 den Deutschen Schallplattenpreis, 1976 die Hans-Bredow-Medaille für Verdienste um den Rundfunk, 2002 die German Jazz Trophy für Verdienste um die Jazzmusik, 2003 war er Klavierspieler des Jahres, 2003 erhiel er die Goldene Europa für sein künstlerisches Lebenswerk und 2010 den ECHO Jazz für sein Lebenswerk als Pianist, Dirigent und Komponist.

Der kleine Paul Kuhn, dessen Lächeln so gutmütig ansteckend wirkte, er war ein großer Künstler, konnte viel mehr als munter verswingte Big-Band-Medleys dirigieren, viel mehr als Schlagerchen intonieren und viel mehr als seine Frau Ute Mann mit ihren Singers begleiten. Er machte großartige Unterhaltungsmusik, sorgte mit seinen Freunden und Kollegen wie Greetje Kauffeld, Max Reger und Hugo Strasser dafür, dass die Unterhaltung musikalisches Niveau behielt und er weckte auch schon früh das Interesse sogenannter „ernsthafter“ Künstler. Mit Walter Richter und Hanns Lothar spielte er „Biedermann und die Brandstifter“, das war schon 1958. In der Tragikomödie „Schenk‘ mir Dein Herz“ war er an der Seite von Peter Lohmeyer zu sehen, das war noch 2010. Er spielte sich selbst, einen betagten Pianisten, der nach den ersten Tönen, die er den Tasten entlockt, offenbar in einen Jungbrunnen purzelt…

Tony Lakatos, Gary Todd, Willi Ketzer spielten mit ihm und das noch in Zeiten, da er wirklich erst auf dem Klaviersessel zur einstigen Beweglichkeit zurückfand. Niemand, der mit ihm Musik machte oder auch nur mal zu einer Session mit ihm stieß, hätte je ein Wort gefunden, das ihn unsympathisch hätte wirken lassen.

Und meine Jugend hat er streckenweise begleitet. Ich muss allerdings gestehen, dass es dabei weniger sein grandioser Jazz-Stil war (den lernte ich erst sehr viel später kennen). Aber seine Stimme war‘s, die eigentlich so gut wie keine war, aber genau das war es wohl. Nun wird er nicht mehr „den Mann am Klavier“ spielen und das „Bier auf Hawaii“ vermissen. Eine Stimme, ein Muntermacher, ein Gut-Laune-Lächeln, ein freundlicher kleiner Mann und großer Musikant mit so charakteristisch liebenswerten Lücken im Gebiss, der die Nachkriegszeit bunt erscheinen ließ, lebt nicht mehr. Tschüß Paul, du Berliner aus Wiesbaden.




„Lone Ranger“: Und der Film mit Johnny Depp hat mir doch gut gefallen

Filmplakat zu "Lone Ranger" (Disney Verleih)

Filmplakat zu „Lone Ranger“ (Disney Verleih)

Ist doch gut, dass ich dann und wann jede miese Kritik ignoriere, selbst der wortgewaltigen Omnipotenz niemals irrender SPIEGEL-Redakteure mutig misstraue und – wie diesmal geschehen – unserem Yannic und dessen gerade erst 14 Jahre alt gewordenem Instinkt Glauben schenke und mich ins Kino setze, um 149 Minuten lang Johnny Depp und Armie Hammer dabei zuzuschauen, wie sie die in Jahrzehnten des epischen Wild-West-Kinos mühsam inventarisierte Grundausstattung des von fast allen Helden durchrittenen Geländes zerlegen und nebenher  die Ultra-Bösen –  Butch Cavendish  (William Fichtner) und Latham Cole (Tom Wilkinson) – am Ende erlegen.

Nee, entgegen den Versprechen der Kritik und der Zerschreiber beim SPIEGEL blieb bei mir hängen, dass ich weder Zeit vergeudete noch spaßarm in meinem bequemen Sofasessel vor mich hin dämmerte. Ich wurde bestens unterhalten, empfand nirgendwo die sattsam versprochenen Längen des überlangen Filmes und hatte am Ende noch meine Freude daran, dass zu Hans Zimmers nicht enden wollender Musik ein gigantischer Abspann über die Leinwand rollte und der greise Johnny Depp/Tonto (sinngemäß-freundlich „Narr“) durchs Monument Valley Arizonas tappste, bis er kaum mehr zu sehen war.

Das mal vorab: Bevor ich ins Kino gehe, entscheide ich mich, ob der Film meiner aktuellen Stimmungslage entspricht. Einmal möchte ich unterhalten werden, mal ist mir nach Romantik, dann und wann habe ich Freude daran, dass der Streifen mir Nachdenklichkeit verpasst und auch Melancholie darf bisweilen eintreten, wenn ich einsam den Zuschauerraum flute. So, und wenn ich mich zur Unterhaltung entschieden habe, dann war dieser „Lone Ranger“ an diesem Tage genau das, was ich haben wollte. Komisch, drastisch, dramatisch, schrill, schräg und überraschend, dazu ein Film gewordener Comic, wenn beispielsweise „Lone Ranger“ Armie Hammer von Dach zu Dach mit seinem Schimmel über die Fassaden des Dorfes hoppelt und einen Zug verfolgt, der wiederum von einem zweiten Zug verfolgt wird und allesamt dann kollidierend die frisch fertiggestellte Bahnlinie quer durch den Kontinent in ihre Atome spalten – unwirklicher geht es nicht, aber toll in Stunts und Special Effects, so wie man sich das wünscht. Und tatsächlich, an diversen Stellen bedauerte ich fast, dass diese Sequenzen in jenem Kino nicht in 3D gezeigt wurden.

Johnny Depp, in abstruser Schminke, deren Rissfurchen sich ins bekanntermaßen hübsche Konterfei wühlen, in den Zwischenschnitten zum datternden Indianergreis mutiert wie in einer Kirmesausstellung, völlig zerknittert, aber immer noch die tote Krähe fütternd, die er als Kopfschmuck trägt, Johnny Depp also spielt den absurd-kauzigen „Tonto“ eben nicht so, als wäre dieser ein wildwesternder Jack Sparrow, obwohl alle wesentlichen Teile in der Produktionsmaschinerie von Jerry Bruckheimer dem Karibikfluch entsprangen. Hier gibt Depp den „Tonto“, der komisch, kurios, nachdenklich und manchmal fast philosophisch Situationen kommentiert, die keinem Alptraum hätten entspringen können, weil sich so was keine Fantasie vorstellen mag. Und wenn er mal keine Antwort mehr weiß auf das Ganze, füttert er seinen toten Vogel auf dem Haupt, macht ein Gesicht dabei, als grüble er vergebens über das Geschehene und komme zu keinen gescheiten Schluss – so eine Art Übersprunghandlung eines Clowns, den niemand ernst nimmt, bis der Clown Ernst mit ihm macht.

Kurz und gut: Mir hat der Film, den alle für überflüssig halten, gut gefallen. Mir hat – wieder einmal – auch Johnny Depp gut gefallen, denn keiner kann das, was er spielt, so gut darstellen wie er. (Und wer warf früher mal Heinz Rühmann vor, dass er bei der Auswahl seiner Charaktere röhrensichtig war.) Mir hat der ganze Nachmittag gut gefallen, obwohl er komplett vorüber war, als ich das Kino wieder verließ. Ich merke mir also: Kritiker sind immer so gut, wie sie das beschreiben, was ich nach einem Kinobesuch an Wahrnehmungen mitnahm. Sie mögen ja mit allem, was sie über den „Lone Ranger“ geschrieben haben, Recht haben, aber bei mir kam das eben ganz anders an.




„Killing Season“: DeNiro und Travolta sind kein Kino-Traumpaar

John Travolta, der aussieht wie Schwarzenegger als Waldmensch, trinkt Jägermeister, hat sich den Schädel rasiert, einen wuscheligen Bart wachsen lassen und spricht grammatisch korrektes Englisch mit etwas, von dem er zu denken scheint, es sei ein serbischer Akzent. Hin und wieder vergisst er das aber. Jedenfalls in der Originalfassung, die ich gesehen habe.

Früher waren Filme, in denen Robert DeNiro mitspielte, ein Garant zumindest für Spannung und meistens auch für Qualitätskino. Der Funke dieser Kombination DeNiro / Travolta ist schon verglimmt, bevor auch nur das kleinste Flämmchen glühen konnte.

Am besten die schlechte Nachricht zuerst, die ist ohnehin länger als die gute. „Killing Season“ (noch ohne deutschen Starttermin) ist ein schlimmer Film, den DeNiro, Travolta und das malerisch rauhe Gebirge zu 95% bestreiten; ein Film, der die beiden lange Zeit in den Appalachian Mountains einander jagen und aufeinander schießen lässt mit Gewehr und Pfeil und Bogen. Warum, das weiß man nicht genau, außer dass es anfangs einen wochenschauartigen Einspieler gibt von Kriegshandlungen und Erschießungen während des Bosnien-Kriegs.

Außerdem bekommt der düstere Emil Kovac (Travolta) ganz am Anfang des Films in einer Wirtschaft (vermutlich in Serbien) von einem finsteren Typen einen Umschlag mit Geld rübergeschoben, und der finstere Typ seinerseits einen Umschlag mit alten Akten. In einer Akte ist kurz ein Foto von DeNiro zu sehen. Das muss als Begründung für die folgenden 90 Minuten reichen. Danach ist Travolta dann in Amerika und trifft – von Travolta geplant zufällig – auf Colonel a.D. Benjamin Ford (DeNiro), und erst einmal freunden die Beiden sich an. Nach und nach entwickelt sich ein Katz- und Mausspiel, Schachspiel, ein Zwei-Personen Krieg.

Es war ja schon von Anfang an klar, dass Travolta einen Rochus auf DeNiro hat, weil der im Bosnien-Krieg was gemacht haben soll, wofür Travolta sich rächen möchte. Darum also jagen sie sich nun quer durch das unwirtliche, aber, wie gesagt, szenisch wunderbare Gebirge. Da durchbohrt ein Pfeil mal DeNiros Wade, und der muss den auf Anweisung Travoltas einfach so rausziehen. Ich finde ja, er hätte den mit den Zähnen rausbeißen sollen. Aber so tough ist er nun doch nicht. Geht aber auch so gut, blutet kaum, und DeNiro hoppelt weiter. Dann trifft ein Pfeil auch Travolta ins buschige Antlitz: linke Wange rein, rechte raus, das sieht aus wie Grillhähnchen auf dem Spieß (sorry, Mr. Travolta), hilft auch nicht beim Sprechen, egal ob mit oder ohne Akzent.

Travolta ist natürlich genauso hart wie DeNiro und nach dem Rausfriemeln sieht man alsbald keine Spur mehr von den Durchschüssen. Zwischendurch hängt Travolta den DeNiro mal koppheister an einem Ast auf, oder man sieht eine Variante des water boarding. Hier und da ist Verschnaufpause, die zu Gesprächen genutzt wird. Ganz am Anfang und ganz am Ende hat DeNiros Sohn mit Frau und Baby einen kurzen Auftritt, und zum Schluss siegt die Gerechtigkeit. Oder die Wahrheit. Oder was man dafür hält.

Es ist wirklich kein guter Film. Mich wundert, dass DeNiro diese Rolle angenommen hat. Bei Travolta wundert mich nix.

Für den Regisseur Mark Steven Johnson ist es der fünfte Film. Von den anderen vier hab ich nie gehört.

Keinen Stern für dieses Werk.

Jetzt die gute Nachricht: Ich gebe einen Gnadenstern für die dreimalige Einspielung von Johnny Cashs „Don’t take your guns to town“, beim zweiten Mal singt DeNiro mit.
Das war schön.

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Der Kinder- und Drehbuchautor Justus Pfaue wurde 70 – ein arg verspäteter Glückwunsch

Ich bin ja hier so einer, der sich gern mal bei Todestagen wirklich wichtiger Menschen in dieser Republik zu Wort meldet, der aber noch viel lieber aufzeigt, wenn solche Menschen Jahrestage haben, Geburtstage zum Beispiel. Da ist mir im vergangenen Jahr doch einer durchgegangen. 2012 wurde Justus Pfaue 70 Jahre alt.

Wie? Etwa vergessen? Das ist der kluge Mensch, aus dessen Feder so vieles stammt: „Timm Thaler“, „Patrik Pacard – Entscheidung im Fjord“, „Oliver Maass – Das Spiel mit der Zaubergeige“, „Bas-Boris Bode – Der Junge, den es zweimal gibt“, „Teufels Großmutter oder der Himmel auf Erden“, „Anna“ und noch vieles andere. Justus Pfaue hat viele Kinderbücher, sehr viele Drehbücher und aus diesem Fachbereich seiner rastlosen Arbeit das eine oder andere auch für sehr, sehr bekannte Filme geschrieben, er ist einer der bedeutendsten seiner Zunft in Europa, lebt wahlweise in München und Positano (Campagna, Italien), ein Ort, von dem John Steinbeck mal schrieb, dass er der einzig senkrechte auf der Welt sei. Und – Justus Pfaue kommt aus Unna.

Vor Jahrzehnten hatte ich mal das Glück und das Vergnügen, mit dem Mann, in dessen Geschichten bis heute gern die besten deutschen Schauspieler auftreten, zu telefonieren, obwohl der eine grundständige Abneigung gegen alles hegt, was mit Journalismus zu tun hat. Beinahe eine halbe Stunde dauerte das Gespräch, was gemessen daran, dass er ansonsten eher zweisilbig bis einsilbig daher kommt, geradezu inflationär anmutet. Ich gestehe, ich habe jede Sekunde genossen, weil ich um seine verschlossen-freundliche Art wusste.

Daher bewahre ich an dieser Stelle auch mein Herrschaftswissen über Justus Pfaues Geburtsnamen, den anscheinend nicht einmal das allwissende Wikipedia kennt. Nur ein paar Handverlesene in Unna wissen von ihm … und das ist auch gut so.

Er ist Jurist, forensischer Psychologe und gestochen scharf Beobachtender des menschlichen Alltags, woraus er sich bereits in Studienzeiten Material für seine späteren Produkte holte und für die „ZEIT“ und den Hörfunk Berichte oder glossierende Geschichten schrieb.

Brigitte Horney, Peter Pasetti, Gerd Baltus, Loni von Friedl, Eberhard Feik, Elfriede Kuzmany, in neuerer Zeit Jürgen Vogel – alles Namen, die in den Rängen der Großen deutscher Schauspielerei zu siedeln sind. Sie alle rissen sich darum, in einer Serie oder einem Fernsehfilm mitzuspielen, dessen Grundidee von Justus Pfaue entwickelt worden war.

Bevor er so begehrt und offensichtlich auch von Fachleuten zu Recht bewundert wurde, zog es ihn durch viele Bereiche Unnas und immer mal wieder mit seinen Freunden ins Café Jokisch (ungefähr da, wo heute ein überflüssiger Balkon die Unnaer Marktatmosphäre stört). Da half die „Kleine Jokisch“ gern mal dem Vater und bediente die Kundschaft. Der junge Justus und seine Freunde hatten es besonders gern, wenn gerade sie ihnen den Kaffee servierte, weil die „Kleine Jokisch“ ein sehr apartes Wesen war (und sie ist das auch heute noch).

Dann aber zog es ihn in Richtung des deutschen Südens und er wählte München zu seiner Hauptresidenz. Zu den Unnaer Freunden hat er nur vereinzelte Kontakt, und da er auf seine Privatsphäre damals wie heute empfindlich achtete, behalte ich auch in dieser Hinsicht mein Wissen für mich.

Nun kann ich ja auch nur noch nachträglich zum 80. gratulieren, worauf der Landsmann vom Hellweg, der richtig gebürtig eigentlich aus Ballenstedt (Sachsen-Anhalt) stammt, wohl aber keine nennenswerten Reaktionen zeigen wird. Ich tu’s trotzdem.




„Fantasia“ mit Live-Orchester in Köln: Beethovens Visionen und Disneys Arkadien

Nur noch wenige mediale Ereignisse schaffen es, eine reine, unverstellte, gleichsam kindliche Poesie in unser Leben zurückzuholen. Walt Disneys „Fantasia“ gehört dazu.

Der große Wurf des Altmeisters der filmischen Erfindungsgabe lässt sich heute als DVD oder Blu-Ray bequem aus heimischen Surround-Anlagen genießen. Aber eine Aufführung in großem Raum – und noch dazu mit Live-Orchester – wie jetzt in der Kölner Philharmonie vermittelt den Zauber der bewegten Bilder zur Musik doch noch einmal anders als eine heimische Anlage, die trotz aller technischer Perfektion eben doch „Pantoffelkino“ bleibt.

Die beiden Konzerte in Köln, bestritten von der Neuen Philharmonie Westfalen, waren in ihrer Szenenfolge eine Mischung aus „Fantasia“ von 1940 und der 2000 in die Kinos gekommenen Weiterführung, die Disneys ehemaliger Mitarbeiter Hendel Butoy und ein illustres Regieteam verantworteten. So mussten die Zuschauer etwa auf den legendären „Tanz der Stunden“ zu Amilcare Ponchiellis Ballettmusik aus „La Gioconda“ verzichten. Dafür war „Clair de Lune“ nach Claude Debussys raffinierter Stimmungsmalerei zu sehen. Die Sequenz war als Moment der Ruhe für den ursprünglichen Film gedacht, blieb aber dann außen vor. Erst eine 1996 erfolgte Rekonstruktion machte die Szene zugänglich, die zu den künstlerisch anspruchsvollsten der beiden Fantasia-Filme gehört.

Mickey in Disneys "Fantasia". Bild: bb-promotion

Mickey in Disneys „Fantasia“. Bild: bb-promotion

Dass die Wurzeln des Films zu den „comic strips“ der Zwanziger Jahre zurückreichen, sollte nicht dazu verführen, „Fantasia“ als Kinderfilm oder als lustig-anspruchslosen Zeitvertreib misszuverstehen. Ohne das durchschnittliche Publikum aus den Augen zu verlieren, wollte Disney etwas Begeisterndes, Unterhaltendes, Schönes aus den Mitteln von Musik, Bild und Farbe schaffen. Denn er war überzeugt, dass Wahres, Gutes und Schönes für jeden Menschen, nicht nur für eine elitäre Auswahl, zugänglich sei.

Ein Anspruch, den er auch nicht an das Geschäft verriet: Die Keimzelle des Films, die Szene, in der Mickey Mouse als „Zauberlehrling“ nach Paul Dukas‘ Musik auftritt, hat damals so viel gekostet, dass eine Refinanzierung ausgeschlossen war.

Heute noch lässt die aufwändige Machart der Szenen von 1940 staunen. Die sprühenden und funkelnden Sternchen und Tautropfen, die sich zu Tschaikowskys „Tanz der Zuckerfee“ über Blumen und Spinnweben ergießen, können mühelos mithalten mit den Farbexplosionen, die „Fantasia 2000“ zu Beethovens Klopfmotiv im Beginn der Fünften Symphonie auf die Leinwand wirft. In den winzigen, leuchtenden Feen, die ihre Lichtbahnen durch die Dämmerung ziehen, liegt auch der Zug zum Abstrakten, der in anderen (nicht gezeigten) Teilen – wie Bachs Toccata und Fuge d-Moll – expliziert wird und an der übrigens der deutsche Trickspezialist und Maler Oskar Fischinger entscheidend Anteil hatte. Er gilt als einer der Vorläufer der modernen Videoclips – und auch „Fantasia“ selbst lässt sich so verstehen: als frühe Form der visuellen Umsetzung musikalischer Impressionen. Denn in „Fantasia“ werden die Musikstücke nicht als „Untermalung“ von filmischen Sequenzen oder als klassische Filmmusik eingesetzt, die emotionale Affekte steigern soll. Das Gegenteil ist der Fall: Die Bildwelt der Szenen ist inspiriert und dominiert von der Musik.

Magie und Poesie: Das sind stets sehr subjektiv zu empfindende Zustände, und was dem einen kitschig oder banal vorkommt, kann beim anderen an tiefe Gefühle rühren. Als künstlerische Kriterien sind diese Begriffe eher mit Vorsicht zu genießen. Die niedlichen kleinen Zentauren, Einhorn-Jungen und Genien in der Filmfolge zu Beethovens Sechster Symphonie mögen also als kindlich, naiv oder unangemessen empfunden werden – selbst wenn man die perfekte Choreografie der Szenen würdigt. Aber: Ist vielleicht ihre bezaubernd naive Anmut, ihr jeder Realität entzogenes heiteres Spiel nicht doch eine Annäherung an jenes Beethoven’sche Arkadien, in dem die Landleute unbeschwert sind und der Sturm nicht wirklich bedrohlich? Und in dem die „frohen und dankbaren Gefühle“ eine visionäre Kraft habe, die in einem „realistischen“ Bild unweigerlich in den Kitsch abgleiten würde? Disneys Zeichner dagegen entwerfen eine Welt, die in ihrer Comic-Herkunft eine ganz sanfte, leise Ironie mitbringt, doch in ihrer reinen Imagination bezaubernd unerreichbar bleibt.

Unter dem Filmmusik-Spezialisten Scott Lawton – er ist Chefdirigent des Deutschen Filmorchesters Babelsberg und arbeitet seit 2005 mit dem Landespolizeiorchester Nordrhein-Westfalen – blieben die Musiker der Neuen Philharmonie Westfalen stets am visuellen Geschehen „dran“. Tempo und Rhythmus werden von den Bildern festgelegt und vom Orchester so gut wie durchgehend punktgenau platziert. Der Klang war kompakt, aber konturenreich und farbig. Die Musiker stellten sich rasch auf die unterschiedlichen musikalischen Welten ein: von der pointierten Rhythmik Tschaikowskys über die rätselvolle Clarté Debussys hin zu den Wagner-Resonanzen in Ottorino Respighis „Pini di Roma“, den klangmalerischen Finessen von Dukas‘ „Zauberlehrling“ und der gleißenden Brillanz von Strawinskys „Feuervogel“. Und mit der kraftvollen Marianna Shirinyan am Flügel fühlten sich die Westfalen auch in der chromatisch lasziven, nervösen Welt von Gershwins „Rhapsody in Blue“ hörbar zu Hause.




Köln: Filmklassiker „Fantasia“ mit Live-Begleitung

Filmmusik richtet sich normalerweise aus an den Bildern und Stimmungen, die der Produzent eines Streifens vorgibt. Im Falle von Walt Disneys „Fantasia“ ist das genau umgekehrt: Der Schöpfer von Mickey Mouse ließ Bilder zu Musik komponieren. Er gab seinen Zeichnern weltberühmte Musik zu hören und beauftragte sie, die Klänge in Bildern zu fassen.

Herausgekommen sind zauberhafte Filmsegmente, die Disney selbst zu einem Film zusammenfasste. In „Fantasia“ gibt es kurze erzählende Episoden wie jener legendäre Kampf Mickeys mit den widerspenstigen Besen zu Paul Dukas‘ „Zauberlehrling“; witzige Szenen wie das Ballett der Tiere zu Amilcare Ponchiellis „Tanz der Stunden“; ästhetische Choreografien wie zu Tschaikowskys „Nussknacker“ oder abstrakte Kompositionen wie Zeichnungen zu Toccata und Fuge d-Moll von Johann Sebastian Bach.

"Fantasia": Mickeys Kampf mit dem Besen. Bild: bb-promotion

„Fantasia“: Mickeys Kampf mit dem Besen. Bild: bb-promotion

Das zweistündige Zeichentrick-Werk sollte ursprünglich „Der Konzertfilm“ heißen, weil dem Besucher zur Musik die Fantasiebilder der Zeichner gezeigt werden sollten. Die Musik, so war geplant, sollte dennoch im Mittelpunkt stehen. Dazu arbeitete Disney mit dem Dirigenten Leopold Stokowski zusammen, der aufgeschlossen war für neue mediale Wege der Musikvermittlung – und der auch im Film auftaucht. Disney hat sogar einen neuen Kino-Sound erfunden, einen Mehrkanal-Ton, den er „Fantasound“ nannte.

Technische Hilfsmittel brauchen die Zuhörer in der Kölner Philharmonie allerdings nicht: Am 3. und 4. April wird „Fantasia“ live begleitet auf Großbildleinwand zu sehen sein. Die Neue Philharmonie Westfalen spielt unter Scott Lawton und mit Marianna Shirinyan am Klavier all die unsterblichen Stücke, die Disney für sein Fantasia-Projekt ausgesucht hatte. Der Klassiker der Filmgeschichte, der 1940 entstand und zwei Jahre später mit zwei „Ehren-Oscars“ ausgezeichnet wurde, beginnt jeweils um 19 Uhr.

Karten: (52 bis 79 Euro): (0221) 280 280.




Zeitgeist-Zeugen: Warum „Zero Dark Thirty“ beim Oscar nur einen Trostpreis erhalten hat

Populäres Kino ist, wenn es gut gemacht ist, stets ein Seismograph für den Zeitgeist. Mit manchmal erschreckend ausschlagenden Zacken wie „Zero Dark Thirty“ der Amerikanerin Kathryn Bigelow. Dass dieser Film über die Jagd auf Osama Bin Laden keinen der Oscar-Blumentöpfe gewinnen würde, war von vornherein klar: Er ist heiß umstritten, einige Republikaner im US-Kongress verlangten sogar eine Untersuchung.

Das Schockierende an dem Thriller ist aber nicht, dass er (angeblich) geheime politisch Informationen verwendet, sondern dass er kompromisslos die dunkle Seite entfesselter Brutalität unserer Zivilisation zeigt: In „Zero Dark Thirty“ taugt jedes Mittel, um ans Ziel zu kommen. Und der Film verschwendet weder in seinem Plot noch in seinen Personen auch nur einen Gedanken an eine Kritik dieses brutalen Utilitarismus. Erlaubt ist, was nützt.

Dunkelzone der Gesellschaft

Dass Kathryn Bigelow mit diesem erbarmungslosen Blick auf die ethikfreie Dunkelzone unserer moralisierenden Gesellschaften schon in der Vorauswahl nicht landen konnte, hat wohl wenig mit der Qualität ihrer Arbeit zu tun. „Zero Dark Thirty“ hat lediglich einen – wie es ein Magazin heute nennt – „Trostpreis“ erhalten: Paul N.J. Ottosson muss sich einen Oscar für den Tonschnitt  mit Per Hallberg und Karen Baker Landers für „Skyfall“ teilen. Auch die viel gerühmte und bereits mit dem „Golden Globe 2013“ und dem „Broadcast Film Critics Association Award“ ausgezeichnete Hauptdarstellerin Jessica Chastain ging leer aus: Ihr wurde die 22jährige Jennifer Lawrence („Silver Linings“) vorgezogen.

Bigelow hat sich mit ihrem schonungslosen Streifen zwischen alle Stühle gesetzt: Den Linken gilt er als Verherrlichung von Folter, die Rechten witterten gleich Verrat und Beweihräucherung Obamas, nur weil der am TV im Film irgendwelche geänderten Zeiten ankündigt. Das beziehen die CIA-Folterer auf sich und raten sich gegenseitig zur Vorsicht. Ihre Methoden könnten auf einmal political incorrect werden. Doch der Film bringt nichts, was sich nicht aus Medienberichten rund um Guantanamo und Abu Ghreib erschließen und mit ein wenig Fantasie fürs Perverse ergänzen ließe.

Die Szenen sprechen für sich

Aber ist „Zero Dark Thirty“ eine „Verherrlichung“ der Folter? Muss ein menschlich zutiefst abschreckendes Verhalten in einem Film noch durch beschwichtigende oder kritische Kommentare bewertet werden, um in eine moralisch einwandfreie Position eingeordnet zu werden? Das ist zumindest im Falle von Bigelows Film nicht nötig. Die Szenen sprechen für sich: Wenn dem hilflos an Kabeln hängenden Häftling Ammar zu Beginn die verschissenen Hosen heruntergerissen werden, damit vor den Augen der Agentin Maya – das ist Jessica Chastain – sein „Gehänge“ bloßliegt, dann spricht diese entwürdigende Szene eine deutliche Sprache, die auch ohne Kommentar abschreckend genug ist.

Brutale Szenen gehören heute zum Filmgeschäft, und in vielen B-Movies wird Ekelhafteres gezeigt als in „Zero Dark Thirty“. Was das Verstörende ist: Bigelow lässt die Täter keine Sekunde an ihrem Handeln zweifeln. Sie gehören nicht einmal so sehr zum Typ der „aufrechten“ Patrioten, die für ihre Nation alles, aber auch alles erledigen würden. Sie sind vielmehr perfekte Angestellte, völlig reibungsfrei funktionierende Rädchen des furchtbaren Getriebes, die sich höchstens mal interne Karrierekämpfe liefern oder bei der erfolgsarmen Fahndung nach Al-Qaida-Tätern ihr Gesicht nicht verlieren wollen.

Das Grauen beschleicht den Zuschauer, wenn er diese Menschen verfolgt: Ihre zwangshafte Fixierung auf den Erfolg, ihr eiskalter Umgang mit ihren Mitmenschen, ihre private und emotionale Verelendung. Wenn Maya endlich Osama erwischt hat und im Flugzeug ganz alleine nach Hause reist, laufen ihr Tränen über das Gesicht. Es sind nicht einmal Tränen, die vom Abfallen der jahrelangen Anspannung zeugen. Maya vergießt sie, weil ihr das einzige und ausschließliche Lebensziel, das sie über Jahre beherrscht hat, nun genommen ist. Eindrücklicher lässt sich die Enthumanisierung dieser Anti-Terror-Roboter nicht einfangen als in dieser simplen Abschluss-Sequenz.

Entlarvung der „erweiterten Verhörmethoden“

Der Film tritt nicht – wie unterstellt – für die „erweiterten Verhörmethoden“ ein, die er zeigt. Sondern er entlarvt ihre ganze Sinnlosigkeit und Inhumanität, indem er sie lapidar und unverbrämt darstellt. Damit tritt er nicht für die Rechtfertigung der Täter oder für das fragwürdige Ethos der Bush-Regierung und ihrer Apologeten ein, wie die Historikerin Karen Greenberg behauptet. „Zero Dark Thirty“ ist eine Studie darüber, wie der totale Kampf gegen den Terror seine Protagonisten entmenschlicht. Und er wirft ein unverbrämt grelles Licht auf die Nischen unserer Gesellschaften, in denen das Abgründige gedeiht und sich mit dem Mäntelchen einer Legitimität umgeben kann, die von den Tätern bürokratisch korrekt verwaltet wird und daher in ihren Augen als gerechtfertigt gilt. Und er stützt damit eine ethische Position, die – trotz aller bekannten Problematik – der Folter Null Toleranz entgegenbringt.

Dass der Oscar-Segen des besten Films stattdessen an „Argo“ ging, spricht eine deutliche Sprache: Ben Affleck mag seinen Thriller fulminant inszeniert haben, die politische Botschaft bleibt im Rahmen: Amerikaner werden vor Islamisten gerettet und eine auch nur indirekte Kritik an herrschenden Konstellationen ist nicht ersichtlich. Auch ein Zeitgeist-Zeugnis.




Vom Varieté bis zur Vorhölle: Die Comics und Trickfilme des Winsor McCay in Dortmund

Wer hätte das gedacht: Da präsentiert Dortmund die bislang wohl weltweit umfangreichste Retrospektive zum Werk von Winsor McCay.

Winsor Who? – McCay! Der US-Amerikaner, der von 1869 bis 1934 gelebt hat, gilt als eigentlicher Erfinder des Zeichentrickfilms, dessen frühe Standards er lange vor Walt Disney gesetzt hat. So geht die zeitsparende Folientechnik für Bildhintergründe auf ihn zurück. Überdies war er einer der genialen Pioniere des Comics.

Das Tor zum Schlummerland - Detail aus Winsor McCays "Little Nemo in Slumberland", 1906 (Bild: Katalog)

Das Tor zum Schlummerland – Detail aus Winsor McCays „Little Nemo in Slumberland“, 1906 (Bild: Katalog)

Diese besonders in Deutschland (NS-Zeit, Schundkampagne der 50er Jahre) lange unterdrückte bzw. gering geschätzte Kunstform entschied seinerzeit in den USA über Wohl und Wehe der Zeitungen. Nur wer die besten Comic-Zeichner hatte, konnte die Auflage nachhaltig steigern. Nachrichten aus Politik, Sport und Kultur waren demgegenüber fast zweitrangig. Die hatte ja, salopp gesagt, jeder. Der „New York Herald“ und später zahlreiche andere Blätter aber hatten Winsor McCay.

Die berühmtesten Serien McCays hießen „Dream oft the Rarebit Fiend“ (etwa: „Traum eines Käsetoast-Liebhabers“, ab 1904) und vor allem „Little Nemo in Slumberland“ („Der kleine Nemo im Schlummerland“, ab 1905). Vorbild dieser Kinderfigur war McCays Sohn Robert, der an Schlafstörungen litt und oft wüstes Zeug träumte. Während die irrwitzigen Käse-Episoden für ein erwachsenes Publikum gedacht waren, richtete sich Nemo in farbig gedruckten Wochenendbeilagen an ganze Familien und kam deshalb etwas entschärft daher.

Alptraumszene aus "Little Nemo in Slumberland", 1909 (Bild: Katalog)

Alptraumszene aus „Little Nemo in Slumberland“, 1909 (Bild: Katalog)

Das Kerngeschehen beider Langzeitserien, die sich über Hunderte von Folgen erstreckten, wird von phantastischen Träumen und Alpträumen bestimmt, die freilich stets unterhaltsam ausfabuliert werden. Tatsächlich findet McCay dabei zu einer fulminanten Bildsprache, die Elemente des Surrealismus vorwegnimmt und manche Fährte der Freudschen Traumdeutung kongenial vor Augen führt.

Derart tief und manchmal verstörend ist McCay ins irrlichternde, flackernde Traumreich vorgedrungen, dass es im Grunde kaum verwundert, wer sein Werk in den späten 1960er Jahren der Vergessenheit entrissen hat. Es waren Underground-Zeichner wie Robert Crumb, die in ihm gleichsam einen Vorläufer ihrer wilden und windungsreichen Trips gesehen haben. Die Ausstellung dokumentiert auch Ausläufer solcher Nachwirkungen.

Im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte (MKK) sind nun annähernd 200 Exponate aus allen Schaffensphasen zu sehen – zumeist ursprüngliche Entwürfe oder originale Zeitungsseiten, für die auf dem Sammlermarkt zuweilen zigtausend Dollar bezahlt werden. Schräg gegenüber im Foyer des RWE-Towers ergänzen einige zusätzliche Filme die Schau, die den Abschluss einer stark beachteten Tournee (u.a. Hannovers Wilhelm Busch Museum und Basels Cartoonmuseum) bildet – mit deutlich mehr Ausstellungsstücken als an den vorherigen Stationen.

Bildfolge aus "Dream of the Rarebit Fiend", 1913: Der Mann sagt, die Frau sei ihm ein Rätsel ("puzzle") - und schon löst sie sich in lauter Puzzleteile auf. (Bild: Katalog)

Bildfolge aus „Dream of the Rarebit Fiend“, 1913: Der Mann sagt, die Frau sei ihm ein Rätsel („puzzle“) – und schon löst sie sich in lauter Puzzleteile auf. (Bild: Katalog)

Der wahrhaft kundige Kurator der Schau, der gebürtige Dortmunder Alexander Braun, der notfalls stundenlang inspiriert und inspirierend über McCay sprechen kann, ist froh, dass just ein honoriges kulturgeschichtliches Museum den Schlusspunkt setzt, denn die anderen Stätten der Rundreise sind auf humorige Darstellungsformen spezialisiert. Hier aber erfahren die Comics nun die Nobilitierung, die solchen Künstlern und ihren Hervorbringungen gebührt. Heute nennen die Feuilletons bessere Comics ja auch ganz vornehm „Graphic Novels“.

Gewiss: Die Ursprünge McCays lagen im Varieté, im Vaudeville und in damals grassierenden Freak Shows. Mit seinen Filmen und sonstigen Vorführungen (z. B. als Schnellzeichner) hat der Workaholic, der bei Tag und Nacht in Schöpferlaune war, auch Jahrmarkts-Gelüste bedient, wie denn überhaupt das Kino anfangs eine Art Kirmesvergnügen gewesen ist und keine sonderlichen Hochkultur-Ambitionen gehabt hat.

Doch sowohl seine Filme als auch die Comics überwinden sehr rasch, ja quasi von Anfang an das starre Schema anderer Zeichner. Man sieht es schon am stets dynamisch wechselnden Zuschnitt der Bildformate, die – im Dienste der jeweiligen Geschichte – bis ins Extreme gehen können. Da werden beispielsweise ganze Bildfolgen mittels Zerrspiegel-Ästhetik in groteske Längenmaße gedehnt, andere verwirren durch endlose Treppenlabyrinthe. Und was der tausend Ideen mehr sind.

Zeichnung zum Trickfilm "Gertie, der Dinosaurier", 1914 (Bild: Katalog)

Zeichnung zum Trickfilm „Gertie, der Dinosaurier“, 1914 (Bild: Katalog)

Virtuos jongliert McCay mit den Zeichen- und Druck-Techniken des noch neuen Mediums, spannt weite, geradezu literarische Erzählbögen über viele Folgen hinweg und begibt sich alsbald immer mal wieder auf hintersinnige Meta-Ebenen, indem er etwa Dialoge mit seinen eigenen Figuren führt, die sich über schlampige Ausführung beschweren oder gleich in Tuscheflecken ertränkt werden. Höchst subtil sind Linienführung und Farbgebung, die durchaus an die Größen des Jugendstils heranreichen.

Und welche Visionen hatte dieser Selfmademan, der es übrigens zu einigem Wohlstand brachte! Zum US-Feiertag Thanksgiving denkt er sich einen Riesen-Truthahn aus, der ganze Häuser vertilgt – lange vor solchen Kinomonstern wie King Kong oder Godzilla. Seine immense Vorstellungskraft stellt er gelegentlich auch in den Dienst politischer Propaganda, so mit einem famosen Trickfilm über den Untergang der „Lusitania“ am 7. Mai 1915, die von einem deutschen U-Boot vor der irischen Küste versenkt worden war.

Fotografie von Winsor McCay, 1906 (Bild: Katalog)

Fotografie von Winsor McCay, 1906 (Bild: Katalog)

Dieser schreckliche Vorfall bewog die öffentliche Meinung in den USA, im Ersten Weltkrieg gegen Deutschland Stellung zu beziehen. Die Kriegserklärung folgte allerdings erst rund zwei Jahre später. Fürs Zeitungs-Imperium des Verleger-Tycoons Randolph Hearst, der ebenfalls in diesem Sinne gegen Deutschland agitierte, illustrierte McCay in jenen Jahren zahlreiche Leitartikel.

McCays Lusitania-Film nimmt Sequenzen vorweg, wie sie später die großen Katastrophenfilme geprägt haben. Und man traut seinen Augen nicht, wenn die Menschen (sich) en masse vom Schiff stürzen. Hat da einer etwa schon Schrecknisse wie die des 11. September 2001 vorausgesehen? Sagen wir so: Wie viele andere Künstler, so hatte auch McCay einen geheimen Zugang zur Vorhölle, er war in der Lage, überzeitliche Formen des Urbösen zu imaginieren.

Zweierlei sollte man als Besucher jedenfalls mitbringen: Erstens viel Zeit, um sich auf die Bildfolgen einzulassen. Zweitens einigermaßen belastbare Englisch-Kenntnisse, sonst hat man von all dem leider ziemlich wenig.

Winsor McCay – Comics, Filme, Träume. 23. Februar bis zum 9. Juni 2013. Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund (Hansastraße 3). Eintritt 6 Euro, ermäßigt 3 Euro. Katalog 49 Euro. Geöffnet Di, Mi, Fr, So 10-17, Do 10-20, Sa 12-17 Uhr. Mo geschlossen. Infos über Führungen 0231/50-26028. Internet: www.museendortmund.de
Ergänzende Filmschau im RWE-Tower, Freistuhl 7. Vom 25. Februar bis zum 12. April 2013, werktags 9-18 Uhr (von außen durchs Schaufenster 24 Stunden lang zu sehen), Eintritt frei.




Blutiger Unernst: Einige Gedanken zu Quentin Tarantinos „Django Unchained“

Den Job des Kopfgeldjägers erlernt Django (Jamie Foxx, rechts) von Dr. King Schultz (Christoph Waltz. Copyright: Sony Pictures Releasing GmbH)

Den Job des Kopfgeldjägers erlernt Django (Jamie Foxx, rechts) von Dr. King Schultz (Christoph Waltz. Copyright: Sony Pictures Releasing GmbH)

Wie grausam und menschenverachtend die Sklaverei war, weiß heutzutage wahrscheinlich jeder. Es gab Harriet Beecher Stowes Roman „Onkel Toms Hütte“, es gab in den späten 1970er Jahren die Fernsehserie „Roots“, deren Held Kunta Kinte vielen im Gedächtnis geblieben sein dürfte. Wem also sollte es neu sein, dass brutale Auspeitschungen einst eine gängige Praxis waren und manch weißer Farmer nicht zögerte, einen geflohenen Sklaven von seinen Hunden zerreißen zu lassen?

Trotzdem ist alles etwas anders, wenn der US-amerikanische Regisseur Quentin Tarantino uns das jetzt im Kino zeigt. Das Unrecht, das uns in seinem neuen Film „Django Unchained“ entgegen tritt, ist expliziter, himmelschreiender, bestialischer als das abstrakte Wissen in unseren Köpfen. Für seine ausführlichen Darstellungen von Gewalt hat Tarantino immer wieder Kritik geerntet. Indes zeigt „Django Unchained“ zunächst nichts, wogegen wir Einwände erheben dürften. Die historische Wahrheit sah womöglich noch grausamer aus.

Allerdings entwickelt sich Django, dieser körperlich und seelisch schon fast gebrochene Sklave, allmählich zum furchtbaren Rache-Engel. Dieser Mann, intensiv gespielt von Jamie Foxx, muss zum Titelhelden erst noch reifen. Dann aber steuert er unaufhaltsam auf ein bluttriefendes Finale zu. Der ihm nach Kräften hilft auf diesem Weg, ist der deutsche Zahnarzt Dr. King Schultz, der sein Geld in Wahrheit als Kopfgeldjäger verdient. Mit seinem gepflegten Bart, seinem Sinn für das Absurde und seiner übertrieben geschliffenen Sprache gibt er dem neuen Tarantino-Film die typisch ironische Tonlage vor. Christoph Waltz ist in dieser Rolle köstlich überdreht und wendig. Der auf einer Metallspirale wippende und wackelnde Riesen-Backenzahn, der den Kutschwagen des Doktors krönt, lässt von vorneherein keinen Zweifel daran, dass es Tarantino erneut blutiger Unernst ist.

Die Namen der Hauptdarsteller gleichen absichtsvoll schlechten Kalauern. In Anlehnung an Richard Wagner heißt Djangos Frau „Broomhilde von Shaft“: So mutiert die heroische Walküre, die auf einem Pferd durch die Lüfte reitet, zu einer Dienstmagd von Besenstiel. Der fiese Plantagenbesitzer Calvin Candie, von Leonardo DiCaprio fürwahr als Ekelpaket XXL dargestellt, lebt auf seiner Farm „Candyland“ das süße Leben eines reichen Südstaatlers. Und Django heißt mit Nachnamen natürlich „Freeman“.

Tarantino-Fans finden in Django die bekannte Handschrift wieder: Den virtuosen Mix zahlreicher Film-Zitate, den effektvollen Einsatz von Musik, den kleinen Gast-Auftritt des Regisseurs, den plötzlichen Umschlag von packender Dramatik in albernen Slapstick und nicht zuletzt die Verneigung vor dem Genre des Italo-Western. Der Auftritt des originalen „Django“-Darstellers Franco Nero ist dafür nur ein Beispiel. Tarantinos Schauspieler haben Gesichter, die Geschichten erzählen. Deshalb kann die Kamera schier endlos auf ihnen verweilen, kann in die dunklen Augen der Schwarzen eintauchen, als ließen sich in ihnen alle Rätsel der Vergangenheit ergründen. Als teuflisch dienstbarer Geist entfaltet Calvin Candies ergebener Haussklave Stephen (gespielt von Samuel Jackson) die ganze Schwärze, zu der die menschliche Seele fähig ist.

Aber der grandios finstere Diener hat sein Handwerk von den Weißen gelernt. Sie sind in diesem Film die wahren Dreckskerle. Tarantino zeichnet sie als fühllose, berechnende Tyrannen, die durch Unterdrückung herrschen und ihre Macht durch Lug und Trug sichern. Die Kultivierteren unter ihnen, und das ist vielleicht bezeichnend, wirken sogar noch zynischer und abstoßender als das ungewaschene Pack am Wegesrand. Es ist, als schlüge Tarantino das große Sündenbuch des weißen Mannes auf. Als wolle er die Geschichte umschreiben. Sein Django reitet als gerechter Rächer. Er bricht über alle Folterer und Menschenschinder herein wie das jüngste Gericht.

Das alles ist, wie gesagt, nicht ernst gemeint. Gleichwohl juchzt unser Herz, wenn Django seinem Pferd die Sporen gibt. Wenigstens im Kino sind die Bösen noch zweifelsfrei zu erkennen. Wenigstens hier erhalten sie noch ihre gerechte Strafe. Neu ist auch dieses Strickmuster nicht. Aber bei Tarantino geht die Seelenhygiene mit wahren Strömen von Blut einher. Da spritzt Erdbeersirup in Hektolitern – und wir finden das auch noch komisch.




Der Weg zu den Oscars (3. und letzter Teil): Darsteller, Drehbücher, Diverses

Wenn ein Film in 14, 12 und 11 Kategorien und für „Best Picture“ nominiert wird, bleibt es nicht aus, dass da einige Doppelungen vorkommen. Es ist ja ein Zusammenspiel von Drehbuch, Regie, Schnitt, Maske, Bühnenausstattung und nicht zuletzt der Schauspieler, die den Film erst in diese Kategorie hieven. Darum werde ich hier nur noch dann einen Film kurz kommentieren, wenn er nicht schon in „Best Picture“ vorkam. Da habe ich ja schon auf weitere Preisverdächtige hingewiesen.

„Best Actor“ (bester Schauspieler) ist fast komplett bei „Best Picture“ abgedeckt, ebenso wie „Best Director“ (beste Regie).

Bei „Best Actor“ kommt noch Denzel Washington dazu in „Flight“, gut gemachtes mainstream Kino über einen Piloten, der besoffen und bekifft ein Flugzeug vor einer Katastrophe bewahrt, und der sich am Schluss zum reuigen Sünder bekennt.
Auch Joaquin Phoenix ist unter „Best Actor“ nominiert für seine Rolle in „The Master“, den ich leider noch nicht gesehen habe.

Philip Seymour Hoffman wird für „Best Supporting…“ ebenfalls in „The Master“ nominiert. Auf den freu ich mich besonders. Einer der wandlungsfähigsten Schauspieler in ganz Hollywood.

Bei „Best supporting Actress“ kommt noch Helen Hunt für „The Sessions“ dazu. Ein Film nach einer wahren Begebenheit. Mark O’Brien (John Hawkes) liegt in einer eisernen Lunge und möchte seine Jungfräulichkeit verlieren, ehe er stirbt. Die Sexualtherapeutin Cheryl (Helen Hunt) machts möglich. Zu technisch für mein Empfinden. Lieblos und unsexy Helen Hunt. Erinnert mich vage an „Ziemlich beste Freunde“, ebenfalls nach einer wahren Geschichte. So wahr und tragisch beide Schicksale sind, so sehr schwingt immer diese Durchhalteparole mit: „Egal, ob halb gelähmt oder ganz, halbtot oder unmittelbar dem Tode geweiht, Hauptsache, wir ziehen das fröhlich und mit Zuversicht durch“. Von mir nix.

Unter „Best Actress“ wird Naomi Watts für „The Impossible“ aufgeführt. Solide Leistung in einem Mainstream-Film. Großer Aufwand mit special effects. Auch hier wird ein Trauma aufgearbeitet: der Tsunami. Drückt auf die Tränendrüse. Auch hier liegt eine wahre Geschichte zugrunde, die einer spanischen Familie. Amerikanische Kinokassen klingeln lauter, wenn es sich im Katastrophenfilm um eine amerikanische Saubermannfamilie handelt.

Bei „Best Original Screenplay“ (Originaldrehbuch) kommt noch „Moonrise Kingdom“ dazu, ein fröhlicher coming-of-age Film über zwei Schulkinder, die von einem Camp ausreißen und von der gesamten Inselbevölkerung gesucht werden. Ein Genre-Film, sowas muss man mögen. Nix für mich.

Zuguterletzt: die Filme „Lincoln“, „Silver Linings Playbook“, „Life of Pi“, „Argo“ und „Zero Dark Thirty“ sind auch für „Best Film Editing“ nominiert, und das ist oft, ja, meistens, schon ein sehr positives Omen für „Best Picture“.

All die anderen Nominierungen für Musik, Maske, Ton und Kabelträger berücksichtige ich hier nicht. Die sind ohnehin schon fast alle in den Hauptkategorien erwähnt.

Aber einen, den ich mit Spannung erwartet hatte, und der mich sehr enttäuscht hat, kommentiere ich doch noch: „Hitchcock“ für „Best Makeup and Hairstyling“. Der Film: nicht gut. Das Makeup: noch weniger gut. Hairstyling kann nicht gemeint sein. Sir Alfreds Asche wird in der Urne rotieren, wenn er Hopkins sieht. Helen Mirren, die ich sehr mag, gibt eine höchst unglaubwürdige Powerfrau. Sepia die Optik. Aber auch die Stimmung.  Dieser Film ist zurecht für nichts Wesentliches nominiert. Da ist auch Maske und Frisur zu viel der Ehre.

Mehr kommt nicht, das ist schon mehr als genug bis hierher. Vielleicht bin ich zu streng? Vielleicht sollte ich berücksichtigen, dass die Verleihung der Oscars einfach ein riesengroßes Fest für alle ist, die am Entstehen von Filmen beteiligt sind. Hier geht es nicht um absolut messbare Werte. Und ich bin natürlich nicht im Besitz der absoluten Wahrheit.

Das Medium Film wurde erfunden, um die Massen zu unterhalten, was davon Kunst war und ist, wurde später festgelegt von Menschen, die zu wissen glaubten, was davon denn nun weg könnte.




Der Weg zu den Oscars (Teil 2): Die Filme von Michael Haneke und Quentin Tarantino

„Amour“: Mein absoluter Favorit. Darf alle fünf Nominierungen gewinnen, wenn’s nach mir ginge. Aber besonders Michael Haneke („Best Director“), Emmanuelle Riva („Best Actress“). Mein ausführlicher Bericht steht hier: http://leah-live.blogspot.de/2012/10/liebe-ein-film-von-michael-haneke.html)

„Django Unchained“: Ach, Quentin Tarantino! Wie immer: Ironie, Spaß und rasante Action mit dem Tarantino-üblichen Maß an Schießen, Prügeln und Messerstecherei. Es muss nicht immer Sinn ergeben, es dürfen Fragen offen bleiben. Oder anders, Fragen sollten gar nicht gestellt werden. Einfach so hinnehmen, wie es angeboten wird.

Warum sollte ich mir Gedanken darüber machen, wieso so plötzlich und vor allem so bequem der etwas merkwürdige deutsche Zahnarzt Dr. King Schultz (Christoph Waltz, nominiert für „Best Supporting…“, den Golden Globe hat er schon) mitten im Wald auf einen Sklavenhändler trifft, und der ausgerechnet diesen Django im Angebot hat, der genau weiß, wo die vom Zahnarzt (und dem Sheriff) gesuchten Verbrecher„dead or alive“ sind, und wie sie aussehen? Dr. Schultz ist hauptamtlich als Kopfgeldjäger unterwegs, und er praktiziert die in Western weitverbreitete Regel: „Erst schießen, dann fragen“ oder „Nur ein toter Verbrecher ist ein guter Verbrecher“. Oder waren das die Indianer? Sein Gegenspieler ist der berüchtigte und gnadenlose Sklavenhalter Calvin Candie (Leo diCaprio).

Warum Tarantino nicht als „Best Director“ nominiert wurde, ist mir schleierhaft, aber wenigstens doch noch für „Best Original Screenplay“. Jamie Foxx (als Django) geht auch leer aus. Dass diCaprio, das Hollywood-Zugpferd, nicht nominiert wurde, ist eine Überraschung. An dieser Stelle empfehle ich gern noch mal „Lincoln“ zum besseren Verständnis des historischen Hintergrunds. Christoph Waltz schätze ich schon seit vielen Jahren sehr. „Parole Chicago“ – unvergessen. In der Rolle des Dr. Schultz ist Waltz ein hervorragender „Guter“. In Tarantinos „Inglourious Basterds“ ist Waltz ein hervorragender „Böser“. Ich nehm ihm beides ab. Tarantino hat Waltz zum Weltstar gemacht. Waltz hat „seinen“ Regisseur gefunden.

Es herrscht allgemeine Aufregung über den mindestens hundertfachen Gebrauch von „Nigger“. Heute möchte das zu Recht niemand mehr hören, aber „them was the times“, so hieß das Schimpfwort jener Zeiten eben. Wenn heutzutage hier (oder anderswo) ein Film über das Dritte Reich gedreht wird, dann spricht niemand über „Menschen mit unterschiedlicher Religion“ oder „…mit Migrationshintergrund“. Das ist so, als würde man in neueren Filmen, die vor 100 Jahren spielen, von einem „Smartphone“ sprechen, wenn man ein Morsegerät meint. In „Django unchained“ spricht man eben die Sprache, die zu Zeiten des Sklavenhandels üblich war.

Man darf, ja man muss sich allerdings darüber empören, wenn dieses Wort heute (mit der vollen Absicht zu beleidigen und erniedrigen) noch immer benutzt wird. Und es wird ja. Leider.

– Fortsetzung folgt –