Der Weg zu den Oscars: Was taugen die nominierten Filme? (Teil 1)

Ich hab’s geahnt. Es ist soweit: „Ich bin zu alt für diesen Scheiß!“ So resigniere ich immer öfter vor den Werken, die zur Prämierung bei den Oscar-Festivitäten (diesmal am 24. Februar) freigegeben werden. Die Ausbeute wird geringer. Also meine jetzt.

Das geneigte Hollywood-Publikum bekifft sich ja nach wie vor am eigenen Ruhmesdunst, rotiert im Glanze der Ritte in Sonnenuntergänge, Shoot-outs und Show-downs. Das muss so, denn wozu sonst der ganze Firlefanz.

Nun ist es ja auch nicht so, dass ich plötzlich keine Filme mehr mag, aber offenbar haben sich (mein) Geschmack und (deren) Angebot etwas auseinandergelebt. Tapfer hab ich nun an Auge und Hirn vorbei laufen lassen, was an Krumen vom Tisch des Freundes „in da bizzness“ zu meinen Füßen fiel.

Wie voriges Jahr konzentriere ich mich auf die Nominierungen in den Hauptkategorien. Mein Töpfchen Senf steht bereit:

Best Picture

„Beasts of the Southern Wild“: Ein unsentimentaler, leider wenig beachteter Film über eine bunte Gruppe von Menschen, die im „Bathtub“ – einer kleinen Insel im Mississippi-Delta von Louisiana – leben. Alle Darsteller sind Laien. Die phantasievolle und sehr niedliche kleine Hushpuppy (Quevenzhané Wallis ist für „Best Actress“ nominiert) philosophiert viel für eine Sechsjährige und nimmt ihr Leben in die Hand, als ihr Vater stirbt. Benh Zeitlin „Best Dirctor“. Aber egal. Für mich auch in diesen beiden Kategorien leider chancenlos. Schade um die schöne Geschichte. Es sei denn, Hushpuppys Niedlichkeitsfaktor obsiegt. Und der rekordträchtige Nebensatz: jüngste Oscargewinnerin aller Zeiten.

„Silver Linings Playbook“ – musste ich nach gefühlten drei Stunden abbrechen, was echten 40 Minuten entsprach. Verspürte das starke Verlangen nach Valium. Robert de Niro und Jacki Weaver für „Best supporting…“, David O. Russell „Best Director“, Bradley Cooper „Best Actor“, Jennifer Lawrence „Best Actress“. Bin ich so verpeilt? Von mir gibt’s nix, bin immer noch gerädert, wenn ich nur dran denke. Und vielleicht tu ich damit all den Darstellern großes Unrecht. But who said life is fair?

„Lincoln“: Eine Geschichtsstunde für Amerikaner und alle, die an amerikanischer Historie interessiert sind. Etwas dröge. Im Zusammenhang mit „Django Unchained“ wertvolle Verständnishilfe zur Sklavenbefreiung. Nicht besonders unterhaltsam für den europäischen Kinogänger, aber sehr gute Schauspieler: Tommy Lee Jones und Sally Field für „Best supporting…“, Daniel Day Lewis „Best Actor“, Steven Spielberg „Best Director“. Wenn solche Oscars dazu beitragen könnten, dass das Leben des bunten Volks derer, die sich alle Amerikaner nennen, friedlicher vonstatten gehen könnte, dann sollen sie meinetwegen abräumen. Alles.

„Les Miserables“: Ein Musical, gar nicht mein Genre. Galeerensträflinge, die in Reih und Glied im hüfthohen Wasser stehen, an armdicken Tauen zerren und dabei singen… danke, nein danke! Sorry, Anne Hathaway („Best Supporting“), Hugh Jackman („Best Actor“), ihr seid sicher toll, aber ich hab euch nicht sehen können.

„Life of Pi“: Oh je, oh je. Das Buch hab ich nicht geschafft. Der Film, so dachte ich, wird einfacher. Schöne Bilder, viel Meer, viel Abenteuer, tolle Tricks mit Wasser, Dschungel, Tiger und seafood. Und am Ende hab ich mich dann doch gefragt: wie denn, was denn nun? Ich bin zu wenig Emo, Epi und Eso für solche Filme, die bestimmt ganz, ganz toll und wunderschön sind. Nur eben für mich nicht. Ang Lee ist auch für „Best Director“ nominiert.

„Argo“ Eine moderne „Cloak and Dagger“-Geschichte (Mantel- und Degenstück). Ein aufwändiges „böhmisches Dorf“ wird aufgebaut in Form eines Filmsets im Iran, wo nach der Stürmung der amerikanischen Botschaft sechs Mitarbeiter in die kanadische Botschaft flohen. CIA und Kanadier schmieden die Befreiungspläne. Unter dem Vorwand, einen Film drehen zu wollen, etabliert sich ein kanadisches Team, um die Flüchtlinge als „production crew“ außer Landes zu schaffen. Alan Arkin ist für „Best supporting…“ nominiert. Das ist ein spannender Film und sicher auch Aufarbeitung eines amerikanischen Traumas. Eines der vielen. Wie z.B. auch

„Zero Dark Thirty“. OMG – Terroristen und deren Bekämpfung und Verhörung. Sehr brutal (Folterungen in epischer Breite), eine verbissene, aber sehr gute Jessica Chastain („Best Actress“ Nomi) auf der (erfolgreichen) Jagd auf Bin Laden, auch für „Best Original Screenplay“ nominiert. Spannend, aber nichts für schwache Nerven.

– Fortsetzung folgt –




Schurke und Biedermann: Ausstellung zum 100. Geburtstag des Schauspielers Gert Fröbe

Gert Fröbe in "Es geschah am hellichten Tag". Foto: Filmmuseum Düsseldorf

Gert Fröbe in „Es geschah am hellichten Tag“. Foto: Filmmuseum Düsseldorf

Den irren Blick wird so schnell niemand vergessen. Dieses gehetzte Angesicht, gezeichnet von Gier und Angst zugleich. Brutal und erbarmungswürdig, boshaft und hilflos. Die Studie über einen Kinderschänder wurde zu Legende: „Es geschah am hellichten Tag“ mit Heinz Rühmann als Kommissar, 1958 erschienen, war einer der viel beachteten deutschsprachigen Filme der Fünfziger Jahre.

Die Rolle des Mörders übernahm ein Schauspieler, der damals schon seit zehn Jahren aus dem deutschen Film nicht mehr wegzudenken war: Gert Fröbe. Ihm schien die Rolle der Bösewichter auf den fülligen Leib geschneidert zu sein. In dem Skandalfilm „Das Mädchen Rosemarie“ (1958) hatte er den Generaldirektor Bruster verkörpert, einen skrupellosen Wirtschaftskapitän der Nachkriegszeit. Und schon 1957 war er als menschenverachtender Mr. Gillis im prominent besetzten Film „Robinson soll nicht sterben“ (mit Horst Buchholz und Romy Schneider) aufgetaucht.

Aus Anlass des 100. Geburtstags des gewichtigen Sachsen (genaues Datum: 25. Februar 1913) zeigt das Filmmuseum Düsseldorf noch bis 28. Februar eine Studio-Ausstellung. Sie entstand gemeinsam mit dem Sammler Markus Grieb aus Dortmund. Zu sehen sind zahlreiche, wenig bekannte Fotos aus Fröbes Jugend und von seinen Bühnenauftritten. Präsentiert werden auch Original-Drehbücher, etwa von „Goldfinger“ – Fröbes größter internationaler Erfolg – und von „Es geschah am hellichten Tag“; außerdem sind Briefe und Reproduktionen von Gemälden des Hobbymalers zu sehen.

Kaum bekannt ist, dass Fröbe 1937 seine Schauspielerkarriere am Stadttheater in Wuppertal begonnen hat. Zuvor hatte er sich 1933 bis 1935 als Bühnenmaler in Dresden ausbilden lassen und Schauspielunterricht bei Erich Ponto, Paul Günther und Lothar Müthel in Berlin genommen. Nach Wuppertal folgten Engagements in Frankfurt und Wien. Er selbst sagt zu dieser Zeit: „Ich habe mehr als zwanzig Jahre Theater gespielt. Habe in der Provinz angefangen – was viele Kollegen heute als unwürdig bezeichnen. Es muss eben nicht gleich München oder Berlin sein … Als Schauspieler muss man sowas wie eine Persönlichkeit werden. Wenn man auf die Bühne kommt, müssen die Leute sagen: Ah da kommt jemand! – Dazu muss aber in einem etwas gewachsen sein. Und dazu trägt alles bei: die Liebe, die Trauer, der Schmerz, die Hoffnung und auch das Unglücklichsein. Das alles trägt dazu bei, die Persönlichkeit zu formen, von der man eines Tages sagen kann: das war ein vernünftiger Schauspieler.“

Fröbe hat sich schon in jungen Jahren als Künstler, wenn auch nicht unbedingt als Filmschauspieler gesehen. Geboren und aufgewachsen ist er in Zwickau-Planitz. Mit der Welt des Theaters kam er im Stadttheater seiner Heimat in Berührung, wo er kleine Handlangerdienste leistete. Nebenbei verdiente er sich als Stehgeiger sein Geld. Der 1,85 Meter große Mann war damals noch spindeldürr und wurde wegen seines rötlichen Haares „Der rote Geiger“ genannt.

Fröbe liebte es, Anekdoten aus seinem Leben zu erzählen. Seine Rezitationsabende waren legendär; von Kleinkunst fühlte er sich ein Leben lang angezogen. Bei seinen Besuchen in der DDR gab er heimlich Vorleseabende. Aber er galt auch als der „Mann mit den tausend Gesichtern“ – für einen Schauspieler durchaus ein Kompliment. Seine darstellerischen Facetten reichten vom abgründig Bösen („Via Mala“, 1961) über banal brutale Typen und Kriminelle bis hin zu gemütvollen Knallchargen („Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten“ 1965 oder „Der Raub der Sabinerinnen“ 1982). Fröbe konnte auch auf der Seite des Gesetzes mit seiner Charakterkunst brillieren, so als Kommissar in drei Dr. Mabuse-Filmen anfangs der sechziger Jahre.

Fröbe noch spindeldürr in seinem Debütfilm "Berliner Ballade" als sprichwörtlich gewordener Otto Normalverbraucher. Foto: Filmmuseum Düsseldorf

Fröbe noch spindeldürr in seinem Debütfilm „Berliner Ballade“ als sprichwörtlich gewordener Otto Normalverbraucher. Foto: Filmmuseum Düsseldorf

Eine seiner Rollen sollte sprichwörtlich werden: Als „Otto Normalverbraucher“ begründete Fröbe seine Filmkarriere in „Berliner Ballade“ von 1948. Vier Jahre später tauchte er als deutscher Offizier in dem Kriegsfilm „Entscheidung vor Morgengrauen“ auf. Unter den vielen Tagesproduktionen der folgenden Jahre fällt seine Rolle als Detektiv in „Herr Satan persönlich“ auf. Und kurz vor dem Aufsehen erregenden Kindsmörder-Drama von 1958 war er ebenfalls mit Heinz Rühmann in der Halbstarken-Moralgeschichte „Der Pauker“ als geistig einfach gestrickter Catcher mit goldenem Herzen zu erleben. Für seine Darstellung des kleinen Gauners Paul Wittkowski, der sich als falscher Pfarrer ausgibt, erhielt Fröbe 1961 den Ernst-Lubitsch-Preis für die beste komödiantische Leistung im deutschen Film. „Der Gauner und der liebe Gott“ zeigt ihn von einer liebenswert durchtriebenen Seite. Zahlreiche weitere Auszeichnungen folgten.

„Es geschah am hellichten Tag“, dessen Drehbuch Friedrich Dürrenmatt erstellt hatte, war für Fröbe ein entscheidender Meilenstein, der ihm die wohl größte Rolle seiner Schauspielerkarriere bescherte: In „James Bond 007 – Goldfinger“ (1964) besetzte Regisseur Guy Hamilton den Widersacher Bonds, Auric Goldfinger, mit dem deutschen Mimen. Bond-Darsteller Sean Connery soll später Fröbe als seinen einzigen echten Gegenspieler gewürdigt haben. Wie vielseitig dieser Mann war, zeigt ein Film wie „Der Räuber Hotzenplotz“ (1974). Fröbe einmal nicht als finsterer, dämonischer Typ, sondern als verschmitzter Kinderliebling.

Am Ende seiner Karriere fand er zur Kleinkunst zurück, zu der ihn einst kein Geringerer als Karl Valentin ermutigt hatte. Dass sein Abschied im Fernsehen stattfand, dass seine letzten Auftritte in den Serien „Der kleine Vampir“ und „Die Schwarzwaldklinik“ stattfanden, war so nicht geplant: Fröbe starb am 5. September 1988 unerwartet an einem Herzinfarkt. In einem Nachruf fasst der „Spiegel“ die Lebensleistung des Schauspielers zusammen: „Kein Zweifel, Fröbe hatte Format. Er füllte Bühne und Leinwand, in jeder Hinsicht. Aber noch wichtiger ist: Er hatte die schauspielerische Intelligenz, dieses Format, diese raumgreifende Fülle in Frage stellen zu können. Er spielte nie so ganz sich selbst, sondern kommentierte mit Skepsis und Schlauheit menschliche Ungetüme. Vielleicht blieb deshalb die Sympathie auf seiner Seite.“




Vor 45 Jahren: „Zur Sache Schätzchen“

Als ich heute morgen wie gewohnt meiner Leib-und-Magen-Sendung „Zeitzeichen“ lauschte, überkam mich das gewaltige Grinsen. Das hatte den Vorteil, dass auf dem Bahnsteig niemand die scheibenwischende Bewegung vollzog, weil ich eben nicht lauthals lachte und man hätte denken können, dass ich wohl einen an der Waffel habe. Es beim Grinsen zu belassen, fiel mir leicht, hat dieser Gesichtsausdruck doch etwas von wohlwollender Weisheit und warmer Rückschau.

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Was da mein zugegebenermaßen träumerisches Nostalgie-Gemüt bewegte? Am 4. Dezember 1968 wurde der Film „Zur Sache Schätzchen“ von May Spils uraufgeführt und führte dazu, dass ein Schwarz-Weiß-Streifen mit dem possierlichen Budget von 350.000 Mark (Für die, die nur Euro kennen, das waren ca. 175.000 Euro.) mitten in den Bierernst aufrührerischer Zeiten ausgelassene Heiterkeit kübelte und Typen als solche geradezu adelte, die den Tag vergammelten und sekündlich saucoole (den Begriff gab es zwar noch nicht, aber coole Typen gab’s) Sprüche absonderten und die uniformierte Staatsgewalt nicht mit Eiern oder ähnlichem bewarfen, sondern sie nach Strich und Faden verarschten, eben nicht ernst nahmen.

„Zur Sache Schätzchen“ war kein großer Film und auch nicht die Antwort auf das frankophone Kino seiner Zeit. Es war nicht einmal ein Spross des „Neuen deutschen Films“, der im allgemeinen ziemlich schwermütig daherzukommen pflegte. Aber er war ein Film, den mensch nie vergaß, den mensch sich noch heute anschauen kann. Er ist zeitlos und er zeigt, was in der Zeit, zu der er spielt, los war.

May Spils, die eine Hypothek, die sie auf den elterlichen Hof aufnahm, verfilmte, schrieb das Drehbuch gemeinsam mit Freund Werner Enke. Und der war dann auch Hauptdarsteller des Films – oder mehr seiner selbst. Denn bisweilen erschien er erst gar nicht am Set oder wollte gleich wieder verschwinden, weil er an dem Drehtag „so Scheiße aussah“. Die geliebte May und das „Schätzchen“ Uschi Glas mussten dann angestrengt sein fabelhaftes Aussehen preisen, um ihn bei der Arbeit zu halten. Produzent Peter Schamoni dankte es den beiden immer wieder mit ungespielter Erleichterung.

Dafür schenkte Werner Enke der deutschen Umgangssprache jede Menge Floskeln, die ihr bis dahin nicht wirklich bekannt waren. „Fummeln“ im Sinne von zwischenmenschlichem Körperkontakt (damals höchstens mal im Sinne von „Fummel nicht in den Haaren rum!“ benutzt) beispielsweise oder „abgeschlafft“ für antriebsarm oder so was. Ich maule heute noch allzu rasante Chauffeure mit den Worten an: „Fahr‘ nicht so einen harten Reifen!“. Das sagte Werner Enke zu einem Freund, der sein Auto von einer Münchner Straßenbahn schleppen ließ. Und wenn es wieder mal ganz übel kommt, so Schicksal oder ähnliches, dann kommt unweigerlich: „’s wird böse enden.“ Aber ich gestehe, so schön sonor und gelangweilt wie Werner Enke kriege ich das nicht hin.

Das „Schätzchen“ war d e r Erfolgsfilm der End-60er und ihres Stimmungsbildes. Millionen amüsierten sich über die anarchisch-flippigen Ideen, die eine Handlung begleiteten, die eigentlich keine richtige war. Sie begeisterten sich am possierlichen Uschi-Glas-Figürchen und ihrer Film-Figur. Irgendetwas zwischen Setzkasten und begabter Schauspielerei. Reichlich Nacheiferer liebten den luschigen Werner und wollten wie er sein, was vielen nicht schwer fiel, denn sie waren längst wie er. Und ich kann noch heute über abgeschlaffte Scherze grinsen, obwohl ich seit dem 4. Dezember 1968, also vor 45 Jahren, schon reichlich mehr im Kino sah und manche Filme besser waren. Aber das „Schätzchen“ konnte eben zeitlos sein und zugleich zeigen, was in der Zeit los war.

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Hier ein Trailer zum Film: http://www.youtube.com/watch?v=P9EsMknKgSI




Bankberater können die Welt nicht retten – Bruce Willis will’s allerdings auch nicht

zur Verfügung gestellt vom DumontVerlag Wär schon schön, wenn man jemanden in seinem Leben hätte, der einen aus der Bredouille holt und rettet. Der ehemalige Bankberater von Tilman Rammstedt ist dieser Jemand anscheinend nicht. Dieser wäre am liebsten eine Salzstange und würde sich zu den anderen Salzstangen in den Einkaufswagen legen. Man kennt das.

Das Leben ist kompliziert geworden und keiner mehr da, der es einem erklären kann. Geschweige denn, dass Tilman Rammstedt wüsste, wie der Abgabetermin seines neuen Buches einzuhalten sei. Die Idee hat er: Er dichtet dem melancholischen Bankberater einen Überfall auf seine eigene Bank an. Dieser geht natürlich grandios schief, aber wie jetzt weiter? Das hypochondrische, an der Welt leidende Alter Ego Tilman Rammstedts kommt auf die nahe liegende Lösung: Hollywood. Dort sind sie doch zu finden, die Weltenretter – und wer könnte besser geeignet sein als der Experte für sechste Sinne und langsames Sterben, Bruce Willis, um in die Rolle des Bankberaters zu schlüpfen und dessen Schieflage zu begradigen? Beflügelt von seinem Lösungsansatz, setzt Herr Rammstedt sich an die Tasten und hackt ellenlange Mails an Herrn Willis hinein. Er bedrängt den Filmstar, umschmeichelt ihn, fleht und bettelt, wird zeitweilig beleidigend und nötigend. Bruce Willis jedoch antwortet nicht und Rammstedt beginnt zu fürchten, dass er sein Buch umbenennen müsse in „Die Abenteuer des Bruce Willis, die abrupt endeten, als er von einer Harpune durchbohrt wurde, weil er sich zu fein war, auch nur eine einzige Mail zu beantworten

Tilman Rammstedts neues Werk Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters besteht aus diesen Emails, die sich mit Erinnerungen an seinen mittlerweile ehemaligen Bankberater abwechseln. Dieser Bankberater kennt zumindest die halbe Wahrheit und langsam beginnt Rammstedt einzusehen, dass dies doch so wenig gar nicht ist. Denn „das meiste war schließlich einfach und der Rest nicht so schwer„: Ein Baum ist wie ein Festgeld. Es muss fest stehen und langsam wachsen. Nicht mehr und nicht weniger.

Der Bankberater steht dabei symbolisch für jeden, der beratend tätig ist und von dem die Leute erwarten, dass sie ihnen die Welt erklären, auch wenn das längst niemand mehr kann. Es hätte auch ein Steuerberater sein können, aber bei diesen lohnt es sich vielleicht nicht so sehr, wenn sie die eigene Kanzlei überfallen. Wer sich beim Titel des Romans Insiderwissen zur Finanzkrise erwartet hat, liegt völlig falsch. Dieses Thema kann man sich allenfalls dazu denken, man kann es aber auch lassen. Denn das ist nicht das Thema des Tilman Rammstedt. Genauso wie das Buch nichts mit Katzen zu tun hat, auch wenn eine auf dem Cover thront. Die Katze steht allenfalls für den toten Hund, der im Zweifel eine größere Hilfe ist als der Actionstar. Wen das irritiert, dem sei gesagt, das lernt man direkt als Anfänger bei jedweden sozialen Medien. Ohne sogenannten „Cat-Content“ und Banken-Bashing geht heutzutage fast nichts mehr.

In diesem Buch findet sich ein ganzes Konglomerat derzeit erfolgreicher Literaturprinzipien. (Briefroman, die direkte Ansprache von Ikonen der Popkultur und Metafiktion – die Thematisierung von Fiktion der Geschichten und Charaktere). Vor allem das Prinzip der Metafiktion reizt Rammstedt bis zum Äußersten aus. Er schaltet sich nicht nur gelegentlich ein, sondern ist klar erkennbar der Ich-Erzähler, welcher von der Schwierigkeit berichtet, aus einer guten Idee einen Roman zu machen. Gerade, wenn der Abgabetermin näher rückt und Bruce Willis immer noch nicht geantwortet hat. Er tut dies nicht mitleidheischend, sondern durchaus gewitzt. Es ist ein großer Lesespaß, wenn er dem stummen Willis damit droht, jederzeit Hubschrauber auffliegen lassen zu können oder wenn er seinen eigenen Verlag inständig bittet, ihm aus dem gut bestückten Verlags-Fundus doch bitte ein Buch zukommen zu lassen, in dem ein Gefängnisausbruch erklärt wird.

Die Emails haben deutliche Längen, da gerät der Autor gelegentlich ins Schwafeln. Doch die Einschübe mit den Erinnerungen an den Bankberater und dessen traurige Parabeln sind bei aller Lakonie sprachlich ungeheuer dicht und ausgefeilt. Bei aller Überspitzung ist Rammstedt da sehr nahe dran an der Realität.

Der Ausgang der Abenteuer bleibt ungewiss. Auf Seite 155 weiß Tilman Rammstedt noch nicht, an welcher Stelle der Geschichte er sich befindet. Auf Seite 999 verabschiedet er sich und wünscht Bruce Willis viel Glück. Leider haben es die Seiten 156-998 nicht mehr ins Buch geschafft und es bleibt somit der Phantasie des Lesers überlassen, ob Rammstedt sein so sehnlich erwünschtes glückliches Ende bekommt. Vielleicht hat er ja sogar statt Hollywood das Ruhrgebiet um Hilfe gebeten und Helge Schneider gefragt. Diesen hatte nämlich ich dauernd vor Augen, wenn es um den Bankberater ging. Warum auch immer.

Sicher hätte Helge sich gemeldet und sehr wahrscheinlich wäre ihm auch etwas eingefallen. Auf jeden Fall hätte er verstanden, dass man „manchmal ein Ziel erst hinter sich lassen muss, um es zu verstehen.“ So bleibt neben diesen Ungewissheiten noch die Frage offen: Werden wir je wieder einen Bruce-Willis-Film sehen können, ohne daran denken zu müssen, dass dieser Tilman Rammstedt im Stich gelassen hat?

Tilman Rammstedt: „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“. DuMont Verlag. 999 156 Seiten, €18,99.




Geschüttelt, nicht gerührt: Vor 50 Jahren ward der Bond-Kult geboren

Die geneigte Leserin, der überzeugte Leser, sie ahnen ja schon lange, dass es bei meinen Beiträgen eher mal um Kultur des allgemeinen Alltags geht, da aber auch dann und wann um Kult und alles, was damit in Zusammenhang steht. Und Kult sind sie ja nun mal, die heuer 50 Jahre alt gewordenen 007-Filme, die James Bond-Streifen, die Mütter aller modernen Action-Blockbuster.

Ja, man kann es tatsächlich allerorten nachlesen, im Jahre 1962 lief – heute vor 50 Jahren – „James Bond jagt Dr. No“ in den Kinos an und legte die Basis für einen fünf Jahrzehnte währenden Dauererfolg, der bisher kaum eingebüßt hat, an Faszination für die Kinobesucher und an Gelddrucksicherheit für Anleger, die ihr Bares in eine Produktion schießen. Es war vor 50 Jahren, als vor staunenden Augen Ursula Andress breitwandfüllend dem Meer entstieg und von Sean Connerys Virilität in unwiderstehlichen Bann gezogen wurde. Jener Sean Connery, der dritte Wahl war, weil eigentlich Cary Grant am Zuge sein sollte, und wenn der nicht, dann – man lese und staune – Roger Moore, der dem Bond schlechthin später folgen sollte, und der Sean Connery noch heute als besten Bond-Darsteller aller Zeiten rühmt.

Eine Million umfasste das Budget der Produzenten Albert Broccoli und Harry Saltzman, das Hundertfach spielte der Erstling ein, was den Schotten Sean bis heute wurmt und sauer auf seine alten Mitstreiter macht, denn er fühlte sich im Nachhinein nicht ausreichend am Erfolg beteiligt. Und wenn der brummige Highlander sich vor Augen führt, dass die Reihe, die immer noch sein darstellerisches Branding trägt, inzwischen über 4 Milliarden Dollar klingeln ließ, beißt er im Stillen sicher in jede sich bietende Tischkante, dass er sich die behaarte Brust und seinen Duktus nicht hat als Gebrauchsmuster schützen lassen. Übrigens trug er schon damals ein Toupet, das half, sein früh gelichtetes Haupthaar aufzufüllen.

Broccolis Nachfahren steuern noch heute das Produktionsschiff der Gelddruckmaschine 007, schießen aber so rund 200 Millionen in einen Streifen, müssen nicht mehr Büros mit Pappkartons ausstaffieren und Kunstleder an die schalldichte Türe von Geheimdienstchef „M“ kleistern. Sie müssen auch ganz sicher nicht mehr händeringend nach einem gescheiten Regisseur fahnden, bis gnädiger (oder glücklicher) weise Terence Young sich bereiterklärt, den Ruhm zu ernten. Heute ist es der Ritterschlag Ihrer Majestät, der einen Teamchef am Bond-Set unversehens träfe.
Um beim Kult zu bleiben: „Miss Moneypenny“ (Lois Maxwell, deutsche Stimme Beate Hasenau), Chef „M“ (Bernard Lee, Siegfried Schürenberg), Tüftler „Q“ (Desmond Llewelyn), der seit „Liebesgrüße aus Moskau“ den schrulligen Erfinder spielte, dessen Werke von 007 Bond, James Bond regelmäßig zerlegt wurden und dies bis zu seinem Tod 1999 als dienstältester Darsteller des Teams durchhielt. Sie allein sind schon Legende.

Ach ja, und die Gegenspieler, um nur wenige zu nennen. „Dr. No“, das weiß man kaum mehr, wurde von Joseph Wiseman gespielt und vom großen Friedrich Joloff gesprochen, der auch gleich auf die Bösewichter bei Bond abonniert blieb. „Goldfinger“ mit dem unvergessenen Gert Fröbe, oder „Blofeld“ mit Donald Pleasence und später Telly Savalas oder „Le Chiffre“ in „Casino Royal“ mit Peter Lorre. Es ließe sich noch fortsetzen, denn kaum jemand, der was konnte, sagte Nein, wenn er um Mitwirkung gefragt wurde.

Ach, und noch mal ja. Es war ein Journalist und Ex-Geheimdienstler namens Ian Fleming, der die Figur ersann und selbst seine Bücher mehr als 100 Millionen Mal verkaufte, was an sich schon Erfolg genug gewesen wäre. Stattdessen aber begründete er mit seinen Eiskaltkriegs-Geschichten die erfolgreichste Spielfilmserie aller Zeiten mit 22 Folgen und sechs Hauptdarstellern, damit die Sache nicht so auffällig wurde mit dem Altersfortschritt. Schließlich sind Sean Connery und Roger Moore inzwischen schon weit jenseits der 80. Damit James immer schön frisch blieb, versuchten sich auch George Lazenby, Timothy Dalton, Pierce Brosnan und Daniel Craig daran, den beiden wunderbar snobistischen Briten nachzueifern. Jedem gelang das mehr oder weniger, aber meist seiner jeweiligen Zeit gemäß.

Das Muster der Spannungs-Stories ist eigentlich simpel. Smarter Typ (Bond) jagt kruden Bösewicht (Blofeld, Goldfinger und Co.), schießt oder schlägt alles, was sich diesem Ansinnen in den Weg stellt, über jeden sich bietenden Haufen (Beispiel: Beißer in Moonraker)und vernascht nebenbei noch ein paar hübsche Mädels, deren Zahl inzwischen Legion ist und deren Darstellerinnen von Honore Blackman (Pussy Galore) bis Halle Berry (Jinx Johnson) reicht. Karin Dor war auch mal eine und zog sich fürs Fremdgehen den heiligen Zorn von Donald Pleasance zu – natürlich eine Sache für James. So einfach geht das. Und daher, fürs Einfache, einfach mal Glückwunsch zum 50. und darauf einen Wodka Martini, geschüttelt, nicht gerührt.




Lorne Greene starb vor 25 Jahren und blieb der ewige Ben Cartwright in „Bonanza“

Nein, mir fällt nichts Gescheites ein dazu, dass 9/11 sich mal wieder jährt, ja ich hielt und halte das, was seinerzeit jede und jeden aufregte und anrührte, ebenso für schlimm, Menschen verachtend und terroristisch.

Nein, mir fällt dennoch nichts Gescheites dazu ein, denn schlimm, Menschen verachtend und terroristisch ist ziemlich Vieles auf dem Planeten, alles davon jährt sich pro Jahr einmal und niemand denkt daran, warum auch, schließlich haben wir uns daran gewöhnt, dass Schlimmes, Menschenverachtendes und Terroristisches zum Alltag gehört – oder?

Statt dessen geriet ich heute Morgen ins Schmunzeln, als ich meine erklärte WDR-Lieblingssendung „Zeitzeichen“ hörte, während ich den Weg zur Arbeit absolvierte. „Zeitzeichen“ beschäftige sich mit dem 25. Todestag eines gewissen Lorne Greene, dem „Pa“ meiner einstigen erklärten Lieblingssendung im TV, dem Ober-Cartwright von der „Ponderosa“ aus der legendären US-Serie „Bonanza“, deren klassische Titelmelodie mir sofort durch den Kopf schoss und immer noch drin randaliert.

Jeden Ausstrahlungssamstag hockte ich bereits auf dem heimischen Sofa und erwartete mit Spannung die vier Schrot-und-Korn-Kerle, wie sie mit entschlossenen Mienen auf ihren Pferden durch die Pampa hoppelten und schließlich, anscheinend durch Selbstzündung, der Landkartenausschnitt dramatisch in Flammen aufging. Dann ging’s los: Lorne Greene (Pa), Pernell Roberts (Adam), Dan Blocker (Hoss) und Michael Landon (Joseph, auch Little Joe genannt) galoppierten für Weltgerechtigkeit. Die Männer-WG wurde komplettiert durch den wackeren Hop Sing, einen stimmfistelden Koch mit Migrationshintergrund, dessen Unfähigkeit, ein gescheites „R“ von sich zu geben, auf chinesische Herkunft schließen ließ.

Lorne Greene, der eigentlich Lion Hyman Green hieß, in d e r Rolle seines Lebens. Er schuf sie, lebte sie und spielte sie, wie er zugab, indem er seinen eigenen Vater darzustellen versuchte. Streng, sonore Stimme (während des 2. Weltkrieges war er „The Voice of Canada“) und am Ende immer gütig zum kleinen Joe, sorgte er schnappend befehlend dafür, dass „Joseph“ seine Füße vom Tisch nahm und sogar der urgewaltige Hoss sparsam aus den blauen Augen schaute, wenn „Pa“ es krachen ließ.

Von 1959 bis 1973 war er, der eher mal durch seine Stimme (seine deutsche war die des großen Synchronsprechers Friedrich Schütter) bekannt war, denn durch seine Art der Darstellung, Ben Cartwright. Auch danach blieb er Ben Cartwright, ob er nun den Chef im „Kampfstern Galactica“ gab oder den besorgten Vater in „Erdbeben“ und immer wollte er eigentlich wieder seine drei Söhne zurück haben. Dan Blocker starb 1972 überraschend als erster der Familie, was bald darauf auch zur Einstellung der Serie führte. Ein Wiederaufguss der „Bonanza“ (so heißen auch Goldadern) stand kurz bevor, dann starb auch Lorne Greene. Er wurde auf dem „Holy Cross Cemetery“ in Culver City beigesetzt. Sein Grabstein nennt seinen Namen, aber auch den von Ben Cartwright. In direkter Nachbarschaft liegt Michael Landon, sein „Sohn Joseph“, der 1991 starb.

Das Amerika, das von diesen Romantikern vorgelebt wurde, verblasste im Laufe der Jahre immer mehr und wurde ersetzt von den USA, die in Vietnam Krieg führten, die Salvador Allende wegschafften, die bis auf den Tag es den Menschen schwer machen, naiv begeistert von den Staaten zu sein. Daher wahrscheinlich auch meine Freude, heute Morgen nichts von 9/11 (nur der guten Ordnung halber, das ist der 11. September, der Tag, an dem die Twin Towers in New York einstürzten) gehört zu haben, dafür aber an Lorne Greene erinnert wurde und mir die Anfangsmelodie von „Bonanza“ noch immer durch den Kopf schießt.




„Blauer Engel“, „Verräterin“ und vergessene Kriegsheldin: Marlene Dietrich starb im Mai vor 20 Jahren

Ich hockte vor meinem altersreifen TV-Gerät, zappte vor mich hin und meine Augen wurden unversehens an den Bildschirm gefesselt. Und meine Augen begannen zu tränen, weil mein Gehör dafür sorgte, dass ich keine Kontrolle mehr hatte über den Tränenfluss.

Marlene Dietrich, mondän-divenhaft in Weiß gewandet, sang Pete Seegers „Where Have All The Flowers Gone“ mit deutschem Text. Als sie zur Textstelle „Wo sind die Soldaten hin …“ gelangte, wurde sie wütend-laut, ruckte ihre Körperspannung sichtbar und änderte sich ihre Mimik von traurig in zornig, gab sie in ihrer Emotionalität vor dem Publikum offen zu, dass sie aktive Kriegsteilnehmerin war, dass sie beinahe in deutsche Gefangenschaft geraten war, dass sie auf ihre Weise gekämpft hatte, Hitler und Hitlers Deutschland zu besiegen. Nicht das Deutschland, in dem sie zur Welt gekommen war, sondern das Deutschland, das sie zwang es zu verlassen, damit sie aufrecht bleiben konnte.

Eher beiläufig erfuhr ich, dass sie vor 20 Jahren am 6. Mai starb, woran ich mich zwar blass erinnere, woran ich im Mai allerdings von niemandem so nachhaltig erinnert wurde, dass ich mich daran erinnern könnte, obwohl ich ja eigentlich recht aufmerksam durchs Leben gehe. Und was lehrt mich das? Es lehrt mich, dass Marlene (eigentlich Marie Magdalene) Dietrich dem Deutschland, in dem sie zur Welt kam und das sie in seiner dunkelsten Zeit regelrecht ausspie, dass sie diesem Deutschland auch heute noch nicht recht geheuer ist. Dass unterschwellig vielleicht doch noch die Haltung im Innersten mancher Vaterländler wabert, die sie als Verräterin schimpften und ihr in Gestalt eines jungen Mädchens vor einem Auftritt während ihrer Europatournee 1960 in Düsseldorf gar ins Gesicht spuckten.

„Die Dietrich, das ist doch gar keine Deutsche mehr“, maulte meine Mutter einst. Teile meiner Verwandtschaft fanden drastischere Ausdrücke für diese menschliche Ikone, die dem deutschen Film ebenso wie der Hollywood-Fabrik fabelhafte Höhepunkte gab. Und Teile meiner Verwandtschaft zeigten sich vollkommen unversöhnlich, weil die Dietrich dem Vaterland aller Vaterländer den Rücken kehrte und eine neue Staatsbürgerschaft annahm, die der Vereinigten Staaten von Amerika. Und noch unversöhnlicher wurden alle die, die „stets von nichts gewusst hatten“, wenn sie über Marlenes Kriegseinsatz sprachen, weil sie und nicht Lale Andersen wehrkraftzersetzend „Lilli Marlen“ über alliierte Wellen sang und nachdenklichere Deutsche vor dem Rundfunkgerät hocken ließ als den Nazis lieb war.

Marlene Dietrich wurde in den Staaten hingegen von ihren „Boys“ geliebt, weil sie den frontnahen Einsatz suchte, auf dass sie helfen konnte, diesen „Boys“ ein wenig Erholung vom täglichen Grauen zu bescheren. Sie liebten sie, weil sie durch Lazarette krauchte und die oft kraftlosen Hände geschundener Soldaten hielt. Sie liebten sie so nachhaltig, dass sie noch als Veteranen zu Hunderten nach Las Vegas tourten, um ihre Marlene (begleitet von Burt Bacharach) singen zu hören und vielleicht einen ihrer begehrten Händedrücke zu erhaschen, die sie fröhlich ihren „Boys“ anbot. Und die USA vergaßen auch nicht, welchen persönlichen Einsatz sie gezeigt hatte, als sie half, ein Deutschland zu bezwingen, das nie mehr ihres wurde. Sie erhielt die „Medal of Freedom“, die höchste zivile Auszeichnung, die die USA zu vergeben haben.

Es wundert nicht, dass Spencer Tracy ihr im persönlichen Gespräch sagte, nur sie könne diesen Satz aussprechen, glaubhaft aussprechen: „Wir haben von nichts gewusst.“ Sie tat es als Frau Berthold, Generalswitwe gegenüber Richter Haywood (Spencer Tracy) in ihrem letzten großen Film „Das Urteil von Nürnberg“. Wie sehr müssen ihr diese Wörter zuwider gewesen sein.

Mir schwollen noch einmal die Augen, bis sie überliefen. Da stand Marlene, wieder in Weiß, zart und stark auf der Bühne des Warschauer Kongresszentrums und sprach brüchiger Stimme in Französisch das Publikum an, beschrieb ihre unendliche Bewunderung für Polen und seine Menschen und endete mit einem kaum mehr hörbaren „Je vous aime!“ Wie schlecht muss man sich fühlen, wenn man daran mitgewirkt hat, dass ihr lange und hartnäckig Ehrungen in ihrem Geburtsland verweigert wurden, sich auch Prominente öffentlich über ihre Lebensleistung herablassend äußern konnten, ihr erst 2002 posthum die Berliner Ehrenbürgerschaft verliehen werden durfte.




Zwei Tage Kulturschock in New York – der neue Film von Julie Delpy

Sommerlochzeit. Das Gros der Kulturschaffenden hat sich in die Sommerpause verabschiedet. Da man derzeit eh den Eindruck hat, der Sommer finde nur noch in Filmen statt – eine gute Zeit, mal wieder ins Kino zu gehen. Der Film, für den wir uns entschieden, spielt zwar in der Zeit um Halloween, ist aber dennoch eine sommerlich leichte wunderbare Abwechslung während des Monsuns: 2 Tage New York – die Fortsetzung von 2 Tage Paris, des Überraschungshits aus dem Kinosommer 2007.

Die Protagonisten sind älter geworden, aber nicht unbedingt reifer. Zumindest allerdings ein bisschen weniger sexbesessen. Der nervige Jack ist zum Glück Geschichte, von ihm ist nur noch am Rande die Rede. Hat er der Heldin Marion doch den schnuckeligen kleinen Sohn Lulu beschert. Marion (Julie Delpy) zankt sich nun mit Mingus (Chris Rock), einem um Klassen attraktiverem, schlagfertigerem und sympathischerem Mann als die Nervensäge Jack. Mingus hat die Tochter Willow mit in die französisch-amerikanische Patchwork-Familie gebracht, alle zusammen sorgen für ein liebevolles, aber geordnetes kreatives Chaos.

Fotografin Marion steht am Vorabend einer ihrer bis dato größten Vernissagen. Als konzeptionelle Beigabe und zur Beilegung ihrer finanziellen Engpässe plant sie als Höhepunkt den Verkauf ihrer Seele. Davon abgesehen, dass diese nur enttäuschende 5000 Dollar wert ist, muß Marion sich in diesen zwei Tagen wieder mit ihrer französischen Familie rumschlagen, die zahlreicher als erwartet angereist ist, um der Vernissage, den Halloween-Feierlichkeiten und der Familien-Intimität allgemein beizuwohnen.

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Julie Delpy allein ist schon Grund genug, ins Kino zu gehen. Ihre Rolle ist Lichtjahre weg von der ätherischen Sabeth aus „Homo Faber“. Delpys Marion ist eine gestandene Frau, kreativ, chaotisch, liebevoll. Ein Charakter, den man ihr unbesehen abnimmt und von dem man sofort glaubt, dass sie auch im wirklichen Leben diesen Reifeprozess durchlebt und sich genauso entwickelt hat. Wie in 2 Tage Paris zeichnete die Delpy nicht nur für die Produktion verantwortlich, sondern führte auch Regie. In der männlichen Hauptrolle glänzt diesmal der Komiker Chris Rock und er macht das großartig. Überzeugend schwankt er zwischen ernsthaft und komisch, überfordert und der Situation gewachsen. Wunderbar verschroben, eigenwillig und liebenswert wiederum Albert Delpy, auch im echten Leben der Vater der Hauptdarstellerin. Alexia Landeau als Rose, der stadtneurotischen Schwester Marions, Alex Nahon als der rücksichtslose Ex-Geliebte von Marion und nunmehr Geliebter von Rose sind die witzige Krönung des Ganzen. Natürlich fehlt auch der in einem Delpy Film obligatorische Glücksbringer-Auftritt von Daniel Brühl nicht. Nach dem militanten Veganer im ersten Teil verkörpert er diesmal einen unbeirrten Baumschützer, wenn er auch in Teil zwei das Fliegen nicht lernen darf.

Julie Delpy spielt mit den Klischees, von denen sie nicht ein einziges auslässt. „Der amerikanische Traum trifft die französische Revolution“, so hieß es in der Ankündigung und diese verspricht nicht zuviel. Zwei Tage Kulturschock reichen, um aller Leben gehörig zu verwirbeln. Nicht einmal die guten französischen Würste kriegt der Vater durch den Zoll und er muss lange warten, bis er ein auf dem Bürgersteig geparktes Auto findet, welches er aus hehrem Prinzip zerkratzen kann. Rose hüpft den lieben langen Tag ohne Höschen durch die Gegend und bringt nicht nur Mingus, den bis zu einer gewissen Grenze liberalen, aber im Herzen stockkonservativen Schwarzen, der sich von einem Pappkameraden in Gestalt Obamas beraten lässt, in die Bredouille. Es geht auch wieder um das freizügige Sexverständnis der Franzosen, die Prüderie der Amerikaner, aber wenigstens nicht so ausschließlich wie in 2 Tage Paris. Die Sprachschwierigkeiten sind dabei eher eine Hilfe als ein Hindernis. Denn mehr als einmal ist es nur gut, dass man aneinander vorbeiredet.

Mit seinen witzig-chaotischen Szenen führt der Film die romantischen Komödien Hollywoods vor und dreht sie gekonnt ins Surreale. Die Franzosen kennen keine political correctness und darauf Rücksicht zu nehmen, ist das Letzte, was ihnen in den Sinn käme. Sie benehmen sich überall daneben, das aber mit viel Charme. Manchmal überdrehen sich die Szenen ins Hysterische, das kann zugegebenermaßen nerven. Alles in allem ist es aber gerade das Überdrehte, Wahnwitzige, welches diese Großstadtkomödie so liebenswert macht. Neben der unvergleichlichen Julie Delpy natürlich. Versteht sich.

Der Film ist gut fotografiert, wie in jedem ordentlichen Großstadtfilm zeigt sich New York von seiner besten Seite. Direkt zu Beginn präsentiert Julie Delpy eine witzige Montage der meistfotografierten Sehenswürdigkeiten der Stadt, alle getarnt als Schnappschüsse von Marion und ihrer Familie.

Gleichwohl scheint mein Verständnis von einer federleichten Sommerkomödie ein anderes zu sein als das etlicher Zuschauer, die den Kinosaal fluchtartig verließen und mit dem Humor dieses Films wohl nicht allzu viel anfangen konnten. Vielleicht hatten sie sich auch von Chris Rock eher Comedy im Stile eines Mario Barth versprochen. Schließlich war Barth derjenige, der Chris Rock dareinst den Rekord „Live Comedian mit den meisten Zuschauern“ abjagte.

Fazit: Wer 2 Tage Paris mochte, wird 2 Tage New York lieben. Selten genug – diese Fortsetzung ist eindeutig auch ein Fortschritt.




Ernest Borgnine starb mit 95: Er konnte mit Nuancen Charaktere prägen

Wirklich nicht mit äußeren Erscheinungsmerkmalen gesegnet, die gemeinhin Hollywood-Stars glamourös erscheinen lassen, als Darsteller eher mal auf polternde, aber auch tapsig-liebenswerte Eigenschaften abonniert, der Kerl, dem man gern Zuverlässigkeit und Loyalität zuordnen würde, und er war stets von einem außergewöhnlichen Wiedererkennungswert: Ernest Borgnine, der sein bewegtes Leben als Sohn italienischer Eltern mit Namen Ermes Effron Borgnino begann, hat es mit 95 Jahren abgeschlossen und hinterlässt viel mehr Lücken, als man auf den ersten Blick meinen könnte, denn er war ein ganz großartiger Darsteller – im wahrsten Wortsinne.

1953 spielte er nicht nur seine erste nennenswerte Rolle in „Verdammt in alle Ewigkeit“, sondern blieb als tiefböser Seargent „Fatso“ Judson stets auf künstlerischer Augenhöhe mit Montgomery Clift oder Burt Lancaster, was für den damaligen Anfänger Borgnine keineswegs einfach gewesen sein mag. Kein Wunder, dass er mal gerade drei Jahre später für die Darstellung des Metzgers „Marty“ im gleichnamigen Film den Oscar in Händen hielt. Es war wohl kein Zufall, dass der Co-Produzent Burt Lancaster hieß. Ob er diese Rollen oder einen warmherzig-harten Kerl in „The Wild Bunch“ (Sam Peckinpah) oder den handfesten „Trucker“ Cobb im „Der Flug des Phoenix“ gab, immer war der rumpelige Zupacker mit der Zahnlücke, die sein einnehmendes Lachen freilegte, genau die Nuance anders, die seine Rolle von ihm erwünschte. Der „Phoenix“ wurde im übrigen von Robert Aldrich in Szene gesetzt, dessen ausgemachter Lieblingsdarsteller er war.

Und selbst so zeitgeistigen Streifen wie „Höllenfahrt der Poseidon“ (da war er der bullige Großstadtcop „Mike Rogo“, der mit stets verliebten Augen hinter seiner Frau „Linda“ schützend durch den durchgekenterten Ozean-Liner krabbelte) gab seine Art zu spielen cineastischen Mehrwert und gleichberechtigte Aufmerksamkeit neben Gene Hackman. Dabei gelang es ihm fast (das fast sage ich nur, weil es selbst in seinem Leben mal ein Fehlgriff gab) immer, sich und sein unverwechselbares Gesicht als Unikat zu bewahren – daher meine Vorliebe dafür, solche Menschen wie Ernest Borgnine Darsteller zu nennen.

Auch bei kleineren Aufgaben unterhielt er sein Publikum prächtig. So als Gast bei Tim Allens „Hör mal, wer da hämmert“ neben dem silberblickenden Jack Elam oder als Synchronstimme des „Meerjungfraumannes“ im „Spongebob“ – er blieb zwar nicht der ernsthafte Darsteller, der er sein konnte, aber hatte selbst viel Spaß und vermochte ihn auch noch im hohen Alter zu verbreiten.
Ermes Effron Borgnino hat meine Kinoerfahrungen eindeutig bereichert.




Romy Schneider starb vor 30 Jahren: Sie war eine große Künstlerin

30. Oktober 1974: Boxlegende Bubi Scholz, Schauspieler und Regisseur Burkhart Driest, dessen durchaus freundlich wirkende Augen aus einem Gesicht blicken, das anmutet, als habe es 12 Profirunden mit eben jenem Bubi überstanden und Romy Schneider talken sich (souverän geführt von Dietmar Schönherr) durch den Abend, der ja bekanntlich immer später wird, je schöner die Gäste sind.

Ein Gast indes wird an diesem Abend im Minutentakt schöner und beginnt langsam, aber sicher unverhohlen den Herrn Driest anzuglühen, was mir als Betrachter der Szene missbehagt und mir mal wieder Illusionen raubt, denn schon geraume Zeit glühe ich sie an, die Diva, den Superstar, die Kultschauspielerin Romy Schneider – natürlich nur aus der Ferne. Und dann entschlüpfen ihr die legendären Sätze: „Sie gefallen mir! Sie gefallen mir sogar sehr!“ Wobei sie mit der zarten Hand auf Burkhart Driests lederbejackten Arm tappt.

Vor 30 Jahren, acht Jahre nach diesem TV-Auftritt, starb Rosemarie Magdalena Albach, wie Romy Schneider bürgerlich gerufen wurde, weil ihr Talentgeber väterlicherseits Josef Albach-Retty war, den sie aber ebenso wenig als Vater erlebte wie Magda Schneider (der man heftiges Führer-Anhimmeln nachsagte) als ihre Mutter. Mehrheitsdeutschland verlor die „Sissi“, unseres Landes kleinerer Bevölkerungsanteil und ganz Europa eine brillante Schauspielerin, die in Frankreich sowohl vom Publikum als auch von der Kollegenschaft geradezu verehrt wurde.

Und doch, dahoam wurde sie bis heute mit den Kinokassenschlagern von Ernst Marischka verbunden, assoziiert noch immer schier jedermann und jede Frau die süße „Sissi“, wenn ihr Name fällt. Dabei freuten sich Regisseure wie Luchino Visconti, Claude Sautet, Orson Welles oder Otto Preminger, wenn sie Romy Schneider für eine Rolle verpflichten konnten. Und selbst so eine deutsche Filmikone wie Hans Albers japste einst nach dem gemeinsamen Spiel: „Das war nicht mein Film, das war ihr Film!“

Und während sie zum Unwohlsein vieler Deutscher, der gesamten deutschen Filmindustrie und eines einzelnen Herrn, gemeint ist ihr geschäftstüchtiger Stiefvater Hans Herbert Blatzheim, dem väterliche Freude über das Glück der (Stief)tochter fremd war, dafür aber die fremdverantwortete Überfüllung des eigenen Portemonnaies lieber, während sie dem „Sissi“-Image entsagte, weitere Aufgüsse dieses Jugenderfolgs ablehnte wurde sie beruflich immer besser und persönlich schöner. Unvergessen unter vielen anderen Filmen – zumindest für mich – ihre böse Laszivität in „Der Swimmingpool“ mit Alain Delon, dem sie Jahre zuvor sehr nahe war. Delon sorgte vor 30 Jahren dafür, dass Romy würdig ins Grab kam, er war ihr Freund geblieben.

Irgendwie straft deutsches Publikum Stars ab, die nicht heimattreu und blutbodenhaftend genug sind. So jedenfalls hat es den Anschein, z.B. auch Marlene Dietrich. Ziemlich still und wenig bewundernd vergehen Gedenktage unter anderem von Romy Schneider. Allenfalls käme irgendein Fernsehsender auf die großartige Idee, die „Sissi“-Trilogie zu wiederholen. „Trio infernal“ hingegen kennen zwar manche Ältere noch, aber dass der auch mit Romy Schneider war, kommt bisweilen überraschend.

Romy Schneider, sie führte ein ungeheures künstlerisches Leben und hat jeden ihrer Tagebucheinträge aus der Jugendzeit eins zu eins in Realität umgesetzt. Sie führte privat ein trauriges Leben, mit selbstsüchtigen Eltern, Stiefvätern, Liebhabern und musste liebste Menschen sterben sehen, obwohl noch viel vor ihnen lag. Wohl deshalb umkränzte man in der Öffentlichkeit ihren Tod mit „gebrochenem Herzen“. Lassen wir es dabei.




„Glück“ – und was daraus werden kann: Der neue Film von Doris Dörrie

Entlaubt, grau, desolat.
Baum, Himmel, Gegend.
So fängt der Film an. Schon weiß ich, was ich zu erwarten habe. Irgendwann wird zartes Grün sprießen, werden ein blauer Himmel mit entzückenden weißen Wolkenformatiönchen und ein lebendiges Stadtviertel zu sehen sein. Denn schließlich heißt der Film „Glück“ und das muss ja dann auch optisch zu erkennen sein.
Symbolik.

Nun kommt die Vorgeschichte: Irina erleidet ein brutales Schicksal in einem der von Kriegen zerrütteten Länder Osteuropas. Ihre Eltern werden ermordet, sie wird vergewaltigt. Sie taucht tief in einen Fluss ein. Überlegt sie Selbstmord zu verüben? Will sie die Entwürdigung, die Verletzung abwaschen? Vermutlich Letzteres, denn sonst wäre der Film nach 10 Minuten zu Ende gewesen, aber da taucht Irina auch schon in Berlin auf. Wie sie da hingekommen ist, erfährt man im Film nicht. Es steht im Buch „Verbrechen“ von Ferdinand von Schirach, das ich mit großer Begeisterung gelesen habe, und in dem „Glück“ einer von 11 Fällen ist, die er als Strafverteidiger verhandelt hat.

Und hier möchte ich kurz diese Filmbesprechung verlassen, um das Buch zu loben und zu empfehlen. Es ist ein hochspannendes Buch, in einem Stil, den ich gern „bare bones“ nenne. Unverschnörkelt, geradeaus, Fakten. Einfach erzählt, alles Wesentliche ist drin, und dennoch ist es nicht kalt oder unbeteiligt. Ich hab es in einer Nacht gelesen und sofort den zweiten Band „Schuld“ bestellt.

Zurück zum Film.
Natürlich ist es ein Klischee, dass alle Frauen, die aus den osteuropäischen Ländern kommen, illegal in Deutschland sind und ihr Geld auf der Straße verdienen. Aber das war die Buchvorgabe, und es trifft wohl hier und da für einige Frauen zu, egal woher sie kommen.

Nun trifft Irina (Alba Rohrwacher, sehr überzeugend, zurückgenommen in Gestik und Mimik) den jungen Punker Kalle (Vinzenz Kiefer). Der sieht so aus, wie sich der deutsche Michel den Straßenjungen vorstellt: mit strähnigen Zottelhaaren, mehreren Piercings in Unterlippe und Nase, fadendünnen Klamotten und einer stylischen Bikerjacke mit Nieten. Und mit Hund. Aber unter dieser Fassade steckt ein hübscher Teenieschwarm, der im Laufe der Geschichte das ganze Blech aus seinem Gesicht spurlos entfernt. Keine Stechlöcher, wo die Piercings waren, schön geschnittene Frisur, blankpoliertes Strahlegesicht. Alles aus Liebe zu Irina. Und weil er einen Job hat, für den er im Film aber zu blöd ist. Dass eine Zeitung gefaltet werden müsste, bevor sie in den Briefkasten passt, kann man als obdachloser Punk auch nicht wissen. Ist klar. Aber Kalle und Irina sind glücklich, irgendwie ist es egal, dass sie im neuen Ein-Zimmer-Heim Kundschaft bedient und er nichts gebacken kriegt. Die Liebe siegt. Das ist schön, und wenn ich wogende Mohnblütenfelder sehe, und mittendrin räkelt sich Irina, dann habe auch ich verstanden: das ist das reine Glück. Erwachsene, die glückselig in Kinderschaukeln dem schäfchenbewölkten Himmel entgegenschwingen? Achtung: Glück.

Ein schmuddeliger Punk, der für seine Freundin zum Sauberbubi mutiert? Noch mehr Glück.
Ja danke, ich habe verstanden.
Ist es das Glück, das Herr von Schirach meinte?

Der Film ist gefühlte drei Stunden alt, als es endlich zum dem Ereignis kommt, das von dem Anwalt – im Buch dem Ich-Erzähler von Schirach – vor Gericht verhandelt wird: die etwas unorthodoxe Entsorgung der Überreste (und man darf das wörtlich nehmen) eines dummerweise am falschen Ort zur falschen Zeit durch Herzinfarkt verstorbenen (und offenbar auch einzigen) Kunden von Irina.
Weil auch das in den malerischsten Farben beschriebene Glück irgendwann mal kinematographisch ein Ende nehmen muss, wird dann der eigentliche Kriminalfall in den letzten 10 Minuten zwischen einem Verteidiger (Matthias Brandt) namens Noah Leyden (hä???) und einer namenlosen Anklagevertreterin (Maren Kroymann) schwupp-di-wupp in einem Bistro ausgehandelt. Glück.
Zwischendurch gewährt uns der Anwalt noch schnell einige schnipselige Einblicke in sein eigenes familiäres Glück. Mit einer tollen Gattin und zwei gescheiten Kindern. Zu viel des Guten.
Dass Matthias Brandt, der kaum Möglichkeiten hatte, sein Rolle als Anwalt zu unterfüttern, hier so blass blieb, liegt wohl an der Aufbereitung des Drehbuchs.
Was in von Schirachs kompakte Geschichte hineininterpretiert wurde, ist hanebüchen. Überfrachtet mit Symbolik und überwältigend kitschig.

Allerdings gab es im Film tatsächlich eine Szene, die ich besonders erwähnen will: als Irina nach brutaler mehrfacher Vergewaltigung auf dem Tisch liegt und eine weiße mit Lämmchen bestickte Tischdecke komplett über sich zieht. Kitsch? Effekthascherei? Möglich. Aber das hat mich berührt.
Alba Rohrwacher ist ein Lichtblick im Film und ihrer Darstellung ist es zu verdanken, dass ich nicht vorzeitig das Kino verließ.
Ich habe ein Interview gesehen, in dem Herr von Schirach sich zufrieden über den Film äußerte. Frau Dörrie hatte große Hoffnungen für „Glück“ bei der diesjährigen Berlinale. Zu große Hoffnungen werden leider oft enttäuscht.
Vielleicht waren meine Erwartungen ebenfalls zu hoch (was ja bekanntlich auch Enttäuschung erzeugt), und ich habe mich zu sehr ans Buch geklammert?

Ich hatte meine Freundin, die das Buch nicht kannte, ins Kino mitgezerrt. Gerade WEIL sie das Buch nicht kannte.
Selten waren wir uns so einig.




Wer erweckt dieses frühere Kino zum Leben?

Blick durch die geschlossene Glastür: Foyer des früheren Film-Casinos in Dortmund. (Foto: Bernd Berke)

Blick durch die geschlossene Glastür: Foyer des früheren Film-Casinos in Dortmund. (Foto: Bernd Berke)

Ich muss gestehen: Ich bin überrascht. Heute habe ich bei Facebook das auch hier beigegebene Foto eingestellt und folgende Zeilen daneben gesetzt:

„Eine Schande, dass dieses Dortmunder Innenstadt-Kino seit Jahren geschlossen ist und vor sich hingammelt. Es ließe sich was draus machen. Dann müssten ‚nur noch’ ein paar Leute kommen und Filme gucken.“

Mit der Vielzahl qualifizierter Wortmeldungen und „Gefällt mir“-Markierungen, die diese knappe Äußerung hervorgerufen hat, hätte ich nicht gerechnet.

Bei dem früher ausgesprochen schmucken Kino handelt es sich ums einstige Dortmunder Film-Casino (Passage am Ostenhellweg, gegenüber von C & A), das 1956 den Spielbetrieb aufgenommen hat und bereits seit dem Jahr 2000 leersteht. Letzter Betreiber war Hans-Joachim Flebbe.

Wenn man durch die Glastür schaut, ahnt man noch heute, welch ein Kleinod hier verloren gegangen ist.

Jedes Mal, wenn ich daran vorbeigehe, frage ich mich, wie dieser Ort wohl wieder zum (kulturellen) Leben erweckt werden könnte. Ich denke, dass man hier (für einen winzigen Bruchteil der Kosten des „Dortmunder U“) beispielsweise eine prächtige Stätte etwa für so genannte „Kleinkunst“ und musikalische Darbietungen hätte schaffen können. Allerlei kulturelle Mischformen wären möglich gewesen, die diese Stadt gewiss bereichert hätten. Theater, Literaturhaus, Café. Der kombinatorischen Phantasie wären zunächst einmal keine Grenzen gesetzt. Nur als reines Kino dürfte man die Immobilie wohl nicht mehr betreiben, denn Dortmund ist alles andere als eine Cineasten-Stadt und hat mit Roxy, Camera sowie Schauburg Lichtspielhäuser, die den örtlichen Bedarf decken.

Manche Reaktionen aufs heutige Facebook-Posting haben gezeigt, dass dennoch auch einige andere Leute von einer neuen Nutzung träumen. Einer rief gar spontan aus: „Also, wer traut sich???“ Mit anderen Worten: Wer nimmt das Herz und das Geld in die Hand, um hier etwas zu bewirken?

Was das Herz angeht, scheint es etliche Leute zu geben, die dazu bereit wären. Eine Legende der Dortmunder Szene gibt gar zu Protokoll, er habe schon kurz nach der Kino-Schließung versucht, hier mit tragfähigem Konzept einzusteigen – leider vergebens.

Inzwischen, so andere Stimmen, wäre es schon baurechtlich (Brandschutz etc.) nahezu unmöglich, hier wieder eine „Versammlungsstätte“ zu gründen, mit welchem Konzept auch immer. Die Pacht, so heißt es weiter, sei dem Vernehmen nach exorbitant hoch angesetzt und schrecke etwaige Interessenten ab. Auch ist von einer offenbar hartleibigen Eigentümerin die Rede, die nicht mit sich reden lassen wolle. Wer könnte das Eis brechen? Oder sind schon alle Chancen vertan?

Zu vermuten steht, dass das ehemalige Kino seit zwölf Jahren (außer Verdruss) gar nichts mehr einbringt und somit totes Kapital darstellt. Ein absurder Zustand.




„Extrem laut und unglaublich nah“: Kinofilm über das Trauma des 11. September

Als ich vor fast elf Jahren am frühen Nachmittag bei Saturn in der Nähe der Fernsehabteilung rumstand und auf eine SIM-Card wartete, vertrieb ich mir die Zeit damit, die einzelnen Programme zu erkennen. Urplötzlich schalteten alle Geräte auf einen Katastrophenfilm um, in dem es mal wieder um brennende Wolkenkratzer ging. Es dauerte einen Moment, bis ich das „Breaking News“-Banner von CNN wahrnahm. Es war 14:45h. Das Datum der 11. September 2001.

Es gibt wohl Wenige, die einem nicht auf Anhieb sagen können, was sie an dem Tag gemacht haben. Jeder hat eine Geschichte dazu. Ein Landmark. Es wird auch viele geben, die dabei waren, die überlebt haben, die einen Menschen verloren haben, ihre Existenz oder den Verstand.

Überlebende. Hinterbliebene. Einzelschicksale. Jeder von ihnen könnte eine Geschichte erzählen. Diese hier, von Oskar Schell, hätte auch die von John oder Jane Doe sein können. Also nehm ich das so hin.

Ob so eine Geschichte erzählt werden muss? Warum nicht? Filme, in denen geschichtliche Katastrophen aller Art aufgearbeitet werden, gibt es viele: über Weltkriege, Terrorherrschaften, Weltuntergänge mit und ohne Vulkane, Überflutungen, Erdbeben, Feuersbrünste und Terroranschläge. Und wenn es dann noch um tatsächliche Begebenheiten geht, umso besser und umso Oscar-verdächtiger. Ein Film, in dem ein Einzelschicksal geschildert wird, erreicht vermutlich mehr Zuschauer als eine Dokumentation, sie lässt den Verlust deutlicher und tiefer empfinden als eine Doku das vielleicht kann. Ich glaube ja, dass die Amerikaner trotz all des „Dennoch“ – „Jetzt erst recht“ – „Yes, wie Can“ diese Katastrophe noch nicht verabeitet haben. Fast 4000 Menschen starben, 4000 Hinterbliebene. 4000 Geschichten, die erzählt werden könnten oder sollten. Eine stellvertretend hier für alle.

Kein Wunder also, dass der Film „Extremely loud and incredibly close“ für zwei Oscars nominiert wurde: in der Kategorie „Bester Film“ und Max von Sydow für den besten Nebendarsteller. Um es gleich vorweg zu nehmen. Mit von Sydow bin ich sehr einverstanden. Allerdings mit dem anderen Nominierten, Christopher Plummer („Beginners“) auch. Wir werden sehen.

Filmplakat (Verleih Warner Bros.)

Filmplakat (Verleih Warner Bros.)

Zurück zum Film im Titel. Ach ja – ach nein. Nach Ansicht des Regisseurs (Stephen Daldry – „Billy Elliot“, „The Hours“, „Der Vorleser“) und des Drehbuchautors (Jonathan Safran Foer) musste das ein Film werden, ich nehm das also auch so hin.

Oskar ist neun Jahre alt, als er der durch den Anschlag auf das World Trade Center seinen Vater verliert. Er hat Schuldgefühle. Kinder haben oft Schuldgefühle, wenn es um das Scheitern oder den Verlust der Eltern geht. Oskar wünscht sich, dass es seine Mutter getroffen haben sollte. Nicht den verständnisvollen Vater, der sich sehr intensiv mit ihm beschäftigte und auf seine vielen Talente einging. Oskar findet bei den Sachen seines Vaters einen kleinen Umschlag, auf dem „Black“ steht, und in dem ein Schlüssel ist. Er glaubt, dieser Schlüssel werde ihm etwas über seinen Vater offenbaren, seine Vergangenheit vielleicht, eine Nachricht. Fortan sucht er das Schloss, in das der Schlüssel passt. Er findet nichts. Als nächstes schreibt er aus dem New Yorker Telefonbuch die Adressen aller Blacks raus und macht sich auf den Weg, um alle zu besuchen, um dieses Geheimnis aufzudecken.

Er ist, wie gesagt, neun Jahre alt. Einen Jungen dieses Alters allein durch alle fünf Boroughs tigern zu lassen, ist tollkühn. Soll man davon ausgehen, dass die Mutter nichts davon weiß? Er ist eines dieser hochbegabten Kinder, die möglicherweise eine Verhaltensstörung haben, vielleicht Asperger oder ein andere Form von Autismus. Jedenfalls ist er intelligent genug, diese Suche akribisch zu planen. Dass er allerdings bei dieser Intelligenz auch davon ausgeht, dass er allein unterwegs sicher ist, wirft Fragen auf. Hat er doch panische Angst vor U-Bahnen, Zügen und Bussen. Jedenfalls gehen wir mit ihm auf diese zweijährige Reise, auf der er bald einen alten Mann („the renter“, der Mieter seiner Großmutter) kennenlernt, der ihn von nun an auf seiner Suche begleitet. Der Mieter spricht nicht. Er verständigt sich mit Zetteln und seinen beiden Händen, auf denen mit Filzstift „Ja“ und „Nein“ geschrieben steht. Zwischendurch sehen wir auch Tom Hanks, den guten Vater, in Rückblicken. Alles ist ein bisschen wie im Märchen. Der tote Vater, der Schlüssel, die Suche, der schweigende Mieter. Nirgendwo passt der Schlüssel, niemand weiß etwas darüber, und auch nichts über den Vater. Jeden Moment erwarte ich die gute Fee mit einem Zauberstab.

Zwei Reaktionen hat der Film in mir ausgelöst: einerseits hat der Junge mich sehr genervt. Diese altkluge, geschwätzige, besserwisserische Umtriebigkeit. Seine Unkindlichkeit. Andererseits überkam mich eine unüberwindbare Traurigkeit, als ich erkannte, was ihn so umtrieb: eine von vielen Nachrichten, die der Vater auf den Anrufbeantworter gesprochen hatte. Ich hab Sturzbäche geheult, wie damals bei Saturn, später zu Hause, per e-Mail verbunden mit Freunden und Verwandten in der Stadt, die einmal meine war.

Gleichgültig, ob diese Geschichte erzählt werden musste oder die eines Anderen, vielleicht gibt es für Viele den einen Moment, in dem sie einen packt. Wo man nicht mehr überlegt, ob das nun ein guter, schlechter, nötiger oder unwichtiger Film ist.

Vielleicht ist es wirklich kein guter Film, sondern einer, der aus ist auf Effekthascherei, das Ergattern des Vergangenheitsbewältigungs-Oscar. Andererseits, ist das nicht das Ziel der Filmemacher, einmalige, unverwechselbare Filme zu machen? Einen Hit, der obendrein auch noch ein Anliegen hat, ein Kassenschlager ist, mit Aussichten auf einen Preis wie einen Golden Globe oder Oscar?

Tom Hanks wächst mehr und mehr in die Rolle des Joe Everyman, der den Familienvater so überzeugend spielt wie den Buchhalter. Sandra Bullock gefiel mir in der Rolle der Mutter, no glitz, no glam, solide Arbeit.

Einen ganz bedeutenden Pluspunkt hat der Film auf jeden Fall: Oskar, gespielt von Thomas Horn, ist ein beruhigend unniedlicher Junge. Er ist auch im wirklichen Leben ein Schlaukopf: er lernt gerade Mandarin, und er war der Sieger in der Kinderversion von Jeopardy, wo er 31.000 Dollar gewann. In einem Interview zum Film für celebs.com (mit vielen „I mean“ und „amazing“) spricht ein 14jähriger Junge, als stünde er kurz vor seinem 41. Geburtstag. Aber vielleicht muss man so ein kleiner Klugscheißer sein, um diese Rolle so zu spielen, wie er es getan hat.

Der Film läuft derzeit u.a. in folgenden Kinos: Roxy (Dortmund), Union und Casablanca (Bochum), Lichtburg und CinemaxX (Essen), Schauburg (Gelsenkirchen), CinemaxX (Mülheim).




Hollywoods vergangener Charme

George Valentin (Jean Dujardin) kann noch nicht ahnen, dass Peppy Miller (Bérénice Bejo) ihm schon bald den Rang ablaufen wird. Das kesse Groupie steigt zur Diva des neuen Tonfilms auf. (Copyright: Delphi Filmverleih)

Einen Stummfilm über einen Stummfilm-Star zu drehen, der sich im Hollywood der ausgehenden 1920er Jahre dem Übergang zum Tonfilm verweigert, klingt in Zeiten computeranimierter Fantasy-Epen und fortschreitender 3D-Experimente fürwahr nach einem tollkühnen Unterfangen.

Der französische Regisseur Michel Hazanavicius hat genau dies im Jahr 2011 gewagt. Und Wunder über Wunder: Der 100 Minuten lange Schwarzweiß-Streifen, der fast ohne Geräusche auskommt und Sprache nur als kurze Zwischentitel einblendet, erhielt seither mehr als 30 internationale Auszeichnungen, darunter drei Golden Globe Awards, und ist bei der Oscar-Verleihung am 26. Februar in Los Angeles für weitere zehn Auszeichnungen nominiert.

Wie kann das funktionieren? Wie erklärt sich dieser Erfolg? Der Charme, den „The Artist“ beschwört – und auch selbst entwickelt – wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Der Film ist eine Verneigung vor einem Hollywood, das längst nicht mehr existiert. Natürlich ist da Nostalgie im Spiel, vielleicht auch die Sehnsucht nach Zeiten, in denen das Wort „Star“ noch eine Bedeutung hatte. Man muss aber nicht zwangsläufig zur „Früher war alles besser“-Fraktion gehören, um diesem Film etwas abzugewinnen. Wichtiger ist die Bereitschaft, sich auf ein entschleunigtes Tempo einzulassen, sich emotional von der großartigen Musik von Ludovic Bource mitnehmen zu lassen, der seine Kompositionen mit dem Royal Flanders Philharmonic Orchestra eingespielt hat, und ausgiebig in Gesichtern zu lesen.

Das fällt nicht schwer angesichts einer Riege von Darstellern, deren Charisma auch ohne Worte förmlich von der Leinwand sprüht. Jean Dujardin besitzt als Stummfilm-Star George Valentine beinahe eine Überdosis Charme: Er verbindet das Herzensbrecher-Schmunzeln von Clarke Gable mit dem strahlenden Optimismus und den Entertainer-Qualitäten eines Gene Kelly. Bérénice Bejo, Lebensgefährtin des Regisseurs, ist als Peppy Miller ein Charleston-Girl voller Pfiff und Liebreiz, das sich in eine glamouröse Diva verwandelt. Die Melodramatik, die sich aus dem Abstieg des Mannes und dem Aufstieg der Frau entwickelt, wird glücklicherweise ironisch durch den kleinen Jack-Russell-Terrier Uggy aufgebrochen, einen der talentiertesten Filmhunde Hollywoods.

Was „The Artist“ durch den Verzicht auf Worte gewinnt, zeigt sich in einer Schlüsselszene. In ihr steht der heruntergekommene Stummfilm-Star vor einem Schaufenster und betrachtet einen eleganten Frack, wie er ihn einst selbst zu tragen pflegte. Ein Polizist tritt hinzu, beäugt den einst berühmten Mann im nunmehr schäbigen Anzug misstrauisch. Was er sagt, bleibt unseren Ohren verborgen. Aber die Kamera zeigt spöttisch verzogene Lippen, eine furchterregend gefletschte Reihe blendend weißer Zähne und das gequälte Gesicht des Hauptdarstellers, der schließlich vor diesem brutalen Gesicht und dem unablässig plappernden Mund flieht. Wie verletzend direkt, ja unerbittlich grausam Worte sein können, wird in dieser Szene überdeutlich. „The Artist“ feiert nicht nur das alte Hollywood, sondern auch die Liebenswürdigkeit eines Genres, das mit dem Tonfilm für immer verschwand.




Der Weg zu den Oscars – eine ganz subjektive Betrachtung

Januar und Februar, aus mehrerlei Gründen nicht meine beliebtesten Monate, bescheren mir alljährlich zwei Höhepunkte: die „Golden Globes“ und die „Oscars“. Ich versuche ja immer, mich so gut wie möglich vorzubereiten und die wichtigsten Filme alle vorher zu sehen. Manchmal klappt das mit der Hilfe meines Freundes, der in Hollywood lebt und „in da bizzness“ ist. Meine Einladung hab ich auch schon, aber ich bin noch nicht ganz sicher, ob ich hinfliege.

Beim Filmschauen konzentriere ich mich nur auf sechs Kategorien, in denen einige Filme günstiger Weise mehrfach auftauchen.
Von den neun „Best Picture“-Nominierungen habe ich sieben gesehen. Gute Basis. Einen von den neun, „War Horse“, will ich nicht sehen. Absolut nicht mein Thema. Möglicherweise ist der fantastisch und künstlerisch und überhaupt, aber… nein.
Bis vor Kurzem hatte „Midnight in Paris“ auf meiner persönlichen Richterskala noch einen eindeutigen Vorsprung vor „The Help“, aber seit ich „The Artist“ gesehen habe, sind „Midnight…“ und „Help…“ eine Leitersprosse tiefer gerutscht.
Über „The Artist“ habe ich schon ausgiebig enthusiasmiert, und meine Rangfolge steht unumstößlich fest. Und wenn der alle 10 Oscars bekommt, für die er nominiert ist, dann ist es mir auch sehr recht.
„Hugo“ war so eine Mischung aus Fantasy und Puppentheater. Ich weiß nicht genau, was diesen Film so außergewöhnlich machen soll. Vielleicht, dass er starke autobiografische Züge des Regisseurs, Martin Scorsese, trägt? Das ist mir bisher immer ziemlich egal gewesen, ob etwas wirklich passiert oder nur erfunden war. Wenn eine Geschichte gut erzählt und gut umgesetzt wurde, kann sie meinetwegen auch von einem kleinen grünen Männchen mit Migrationshintergrund stammen.

„The Descendants“ ist auch so eine Geschichte mit viel Gummigehalt. Ausgeleiert. Interessant war die Konstellation um das Thema „Stecker ziehen“, das war auch der stärkste Moment des Films. Ist eine Szene Grund genug, um einen Film in die Reihe der besten neun zu hieven? Und vorhersehbar war er auch. Manchmal ist „vorhersehbar“ schön, weil es mit Vorfreude verbunden ist, aber manchmal bedeutet es nur „Langweile“.
„Moneyball“ : hier fehlte mir das Durchhaltevermögen und der Durchblick. Baseball ist nicht mein Gemüse. Ich bin froh, dass ich weiß, wie Football funktioniert. Soweit ich dem Handlungsstrang folgen konnte, ging es darum, mi geringen Mitteln eine Baseball Mannschaft zusammenzustellen. Und das hauptsächlich auf der Basis von elektronisch dargestellten Statistiken. Dieser Schalter in meinem Hirn wurde nie umgelegt, und Zahlenwerke sind so ziemlich das einzige Gebiet, dem ich mich starrsinnig verweigere. Aus diesem Grund war der Film für mich schlicht langweilig.
„Tree of Life“ mochte ich. Darüber hab ich hier berichtet. Auch wenn ich meine, dass er in den Kreis der besten neun (warum eigentlich nicht 10?) des Jahres 2011 gehört, dann doch erst auf Platz vier. Einem guten Platz vier.
„War Horse“ siehe oben.

Irgendwann werden die Filme auch lexikalisch. (Foto: Bernd Berke)

Irgendwann werden die Filme auch lexikalisch. (Foto: Bernd Berke)

In der Kategorie „Best Actor“ kenne ich nur Demian Bichir und seinen Film „A better Life“ noch nicht.
Brad Pitt (Moneyball) war in „The Tree of Life“ besser, allerdings legt er so langsam das „hübscher Bubi“-Image ab, und den reiferen Pitt weiß ich eher zu schätzen. Das geht mir mit Leo di Caprio ebenso.
Gary Oldman (Tinker Tailor Soldier Spy) hervorragend, ebenso wie John Hurt. Den hätte ich auch gern auf der Liste gesehen. Der Film allerdings hat mich nicht mitgerissen.
George Clooney (The Descendants), wer weiß, vielleicht wird aus ihm noch mal ein richtiger Charakterdarsteller. Auch einer, der mit zunehmendem Alter besser wird. Goes to show you: a pretty face isn’t everything.
Jean Dujardin (The Artist). Muss ich dazu überhaupt noch etwas sagen? Er ist zwar fast einen Tacken zu schön, aber idealissimo für diese Rolle. And the Oscar goes to….

Jetzt zu „Best Actress“.
Hier sieht es bisher noch mau aus. Nur drei von fünf Filmen hab ich gesehen. Da werde ich aber noch meinen Senf zu nachreichen – und vielleicht meine Meinung noch ändern.
Viola Davis (The Help) ist eindeutig besser als Rooney Mara (The Girl with the Dragon Tattoo), die zwar auch nicht schlecht ist, aber in meinem Hirn geistert noch die hervorragende Noomi Rapace aus der vierteiligen schwedischen Version herum, und zwar so sehr, dass Rooney Mara es schwer haben wird bei mir.
Glenn Close (Albert Nobbs), darf man die schon „große alte Dame“ nennen (obwohl sie erst 65 ist, und die großen alten Damen des Films immer etwas betagter sind)? Sie hat schon fünf Oscar-Nominierungen auf ihrem Zettel, und ich wünsche ihr, dass sie endlich mal gewinnt, bevor man wieder zum Todes-Oscar „Life Time Award“ greifen muss. Hier spielt die Dame einen Mann. Sowas ist nicht neu. Es ist allerdings nicht eine dieser fröhlichen Verwechslungsgeschichten, sondern die traurige Geschichte einer Frau, die ihr Leben als Mann lebt, weil die damalige Gesellschaft verbot, sich ihren Traum von einem kleinen Tabakladen zu erfüllen. Ihr Gesicht gibt den unscheinbaren Butler durchaus her. Der Film ist etwas blass, spielt in einem alteingesessenen Hotel in Dublin, in englisch-matten Tönen. Farbe und Sprache. Nominiert ist er für nichts.
Close hat allerdings schon drei Tonys, drei Emmys, zwei Golden Globes und einen SAG Award, also ist sie ja nicht gänzlich leer ausgegangen in ihrer Karriere.

Best Supporting Actor.
Christopher Plummer (Beginners) bekommt von mir ein dreifaches JA mit Sternchen.
Jonah Hill (Moneyball) rollt eher bergab.
Die anderen drei Filme: „Warrior“, Extremely Loud & Incredibly close“ und „My Week with Marilyn“ habe ich noch nicht gesehen. Vielleicht ändert sich noch was in meiner Bewertung, aber möglicherweise auch nicht.

Best Supporting Actress.
Bérénice Bejo (The Artist), ja, sehr gerne.
Janet McTeer (Albert Nobbs), nun ja, auch eine Frau, die einen Mann spielt. Hauptsächlich eine Leistung der Maske. Nicht schlecht gespielt, aber Oscar hätt ich jetzt nicht spontan gerufen.
Jessica Chastain (The Help), ja, gerne. Hier bin ich noch unentschlossen, ob ich für Chastain nicht doch etwas gerner votiere. Schwierig. Bejo war großartig. Aber Chastain auch. Auf jeden Fall werde ich zufrieden sein mit der einen oder der anderen. Vermutlich stehen die Sterne für Bejo besser.
Melissa McCarthy (Bridesmaids). Oscar? Warum? Nominierung? Doppelwarum.
Octavia Spencer (The Help). Die Nominierung geht für mich in Ordnung, aber gegen Bejo und Chastain sind die Chancen gering. Allerdings ist Chastain bei den Globes auch leer ausgegangen.

Best Director
Hier fällt mir die Wahl leicht. Ich kenne alle fünf nominierten Filme:
Woody Allen „Midnight in Paris“
Terence Malick „The Tree of Life“
Michel Hazanavicius „The Artist“
Alexander Payne „The Descendants“
Martin Scorsese „Hugo“.
Nun ratet mal!
Ich melde mich wieder, wenn ich die anderen Filme auch gesehen habe. Oder am 26. Februar bei den „Oscars“. See ya.




Bob Anderson: Der Mann, der Darth Vader war

Wer kennt Bob Anderson? Ich bin mir sehr bewusst, dass es auf diese Frage nur sehr wenige gescheite Antworten geben wird. Sporthistoriker mögen auskramen, dass unter seiner kundigen Säbelführung die britische Fechtequipe 1952 bis ins Viertelfinale vorstieß, er als Einzelfechter allerdings nur die Vorrunde überstand. Militärkundige des Königreichs mögen vielleicht Erinnerungen daran entstauben, dass dieser Bob Anderson während des Zweiten Weltkrieges – vielleicht ein wenig anachronistisch – Fechtunterricht auf Kriegsschiffen erteilte. Ganz Kundige, die etwas von Kino verstehen, könnten indes pistolenschussartige antworten: „Das war doch der Typ, der als betagter Knopp mit dem Laserschwert als Darth Vader herumfuchtelte.“

Ja, das war Bob Anderson, der am Neujahrstag 2012 ganz leise von der Lebensbühne abtrat und urplötzlich noch einmal das Nachrufinteresse ernst zu nehmender Medien auf sich zog. Nach Krieg und Sportlerkarriere zog es ihn nach Hollywood, den Stars beizubringen, wie man ebenso elegant wie glaubwürdig seine Gegner mittels Degenklinge ins geschauspielerte Jenseits befördert. Errol Flynn beispielsweise, den er so hart ran nahm, dass er ihn richtig verletzte, was ihm den bissig-bewundernden Beinamen „Mann, der auf Errol Flynn einstach“ eintrug. Doch Flynn dankte ihm das harte Training mit unvergleichlichen Fechtszenen, die er als gern gebuchter Held in Unterhosen ablieferte.

Auch hier schwingt Darth Vader das Laserschwert: Dreier-DVD-Box von George Lucas' "Star Wars" (Trilogie IV-VI). (Copyright: Twentieth Century Fox Home Entertainment/Amazon)

Auch hier schwingt Darth Vader das Laserschwert: Dreier-DVD-Box von George Lucas' "Star Wars" (Trilogie IV-VI). (Copyright: Twentieth Century Fox Home Entertainment/Amazon)

Bob Anderson stieg zum nachgefragten Stuntman und Trainer auf. Er machte später Kiefer Sutherland ebenso wie Charlie Sheen zu unschlagbaren Musketieren, machte Orlando Bloom und Johnny Depp zu filigranen Klingenakrobaten, ließ den völligen Fecht-Dilettanten Viggo Mortensen im „Herrn der Ringe“ heldenhaft aussehen – Bob Anderson war damals schon 80 Jahre alt.

Ja, und er gelangte zu schier ewigem Ruhm als er ausgerechnet mit einem plastilinen Leuchtprügel unter George Lucas in Star Wars kurzerhand für David Prowse einsprang, weil der partout nichts Gescheites mit dem Laserschwert anfangen konnte. Lucas wollte eigentlich Andersons Anonymität bewahren, aber Mark Hamill, der den Luke Skywalker gab, konnte nicht an sich halten und lüftete das Geheimnis: Aus ehrlicher Bewunderung für die Arbeit des „mürrischen Bob“, wie er wegen seiner perfektionistischen Trainingshärte gern genannt wurde.




Piccoli als Papst: Man muss wohl etwas katholisch denken

Ein Film, der mit einer Beerdigung beginnt – das ist normalerweise ein „Tatort“. Bei „Habemus Papam“ wird jedoch ein Papst beerdigt, und zwar Johannes Paul II. Die bekannten Dokumentaraufnahmen führen in einen Spielfilm ein, in dem es um einen fiktiven Papst geht, der von den Kardinälen im Konklave gewählt wird, der sich aber vor der Größe der Aufgabe fürchtet und flieht. „Ein Papst büxt aus“ heißt deshalb in Deutschland der (misslungene) Nebentitel.

Michel Piccoli als Papst. (Foto: Prokino)

Michel Piccoli spielt diesen erwählten alten Kardinal Melville, und natürlich spielt er ihn sehr gut. Das jedoch reicht leider nicht, um die etwas eindimensionale Geschichte über mehr als 100 Minuten zu tragen. Liebe und Sex und Kinder und alle daraus möglicherweise resultierenden Spannungen können bei diesem Thema nicht vorkommen. Da hilft auch der ganz und gar ungläubige Psychoanalytiker nicht weiter, den die Kirchenführer hinzuziehen, und entsprechend zieht sich die Handlung in die Länge. Sicher finden sich einige amüsante Szenen in Nanni Morettis Film, aber eben nur einige.

In Entstehungsland Italien war der Streifen ein großer Kinorenner. Vielleicht, weil die Hauptstadt Rom und der Vatikan eine so herausragende Rolle spielen, aber sicher auch, weil man wohl etwas katholisch denken muss, um uneingeschränkt Gefallen an einem Kirchenthema wie diesem zu finden.




Andreas Dresens Film „Halt auf freier Strecke“: Sterben muss nicht furchtbar sein

Der Arzt spricht ruhig die verhängnisvollen Worte: „Gehirntumor – gestreut – inoperabel“. Frank schaut starr, wartet vielleicht auf das „…aber“, Simone, seine Frau, findet keine Worte, Tränen tropfen wie von selbst aus ihren Augen.

Dr. Träger (auch im echten Leben Neurochirurg in Potsdam) schildert in Andreas Dresens Kinofilm „Halt auf freier Strecke“ nüchtern die Krankheit und ihren voraussichtlichen Verlauf. Er rettet sich in seine fachliche Kompetenz. Zwischendurch nimmt er ein Telefongespräch an, wendet sich dann wieder seinem Patienten zu, sachlich, die nackte Wahrheit. Was soll er auch machen? Ihn trösten, ihn in den Arm nehmen? Das wird dann die Sache seiner Frau, seiner Kinder, seiner Familie. Und es wird keine einfache Sache.

Nein, man kann nichts mehr machen. Vielleicht noch Chemo, aber wirklich helfen wird die nicht. Frank (Milan Peschel) geht weiter arbeiten. Er bedient einen Gabelstapler in einem Baumarkt. Die Kollegen, Freunde, Eltern, alle sind hilflos. Wie geht man damit um, wenn der Tod so sichtbar vor der Tür steht? Aufmunterung wie „Es wird schon wieder“ funktioniert nicht, denn es wird definitiv nicht mehr. Alle wissen das. Frank weiß das. Wir begleiten die Familie und beobachten den Zerfall eines Lebens. Irgendwann kann Frank nicht mehr arbeiten.

Szene am Familientisch (Bild: Pandora-Filmverleih)

Szene am Familientisch (Bild: Pandora-Filmverleih)

Seine Frau Simone (Steffi Kühnert) versucht, ein wenig Normalität zu erhalten. Ein Tag für die ganze Familie im Erlebnisbad. Ein neues Bett für Sohn Mika. Frank will es zusammenschrauben, muss aber dann doch den Freund um Hilfe bitten. Wir sehen das Ehepaar im Beerdigungsinstitut einen Sarg für die Feuerbestattung aussuchen. Als Abschiedmusik wünscht er sich „Three imaginary boys“ von The Cure. Er ist ganz da, er akzeptiert und plant seinen Abschied. Wir sehen ihm zu, wie er eine Art Videotagebuch führt. Mika übt Klavierspielen. Simone holt noch vor Tagesanbruch ihre Tram aus dem Depot. Der Dienst geht weiter. Das Leben geht weiter. Auch das, das bald zu Ende sein wird. Frank eigens beschafftes Spezialbett wird im Wohnzimmer mit Blick auf den Garten ausgerichtet. Manchmal spielt Frank noch Gitarre und singt dazu. Neil Youngs „Dead Man“.

Bald erweist sich das neue Einfamilienhaus über zwei Stockwerke als zusätzliche Belastung. Aber Simone schafft auch das. Arbeit, Familie, Krankenpflege. Wir leiden mit, wenn sich Frank schreiend vor Schmerzen windet. „Ich will nicht sterben“ brüllt er. Wir nicken innerlich, wir flüstern ein „ja“ weil wir verstehen, wenn Simone einfach nur noch will, dass es endlich aufhört.

Und so ganz nebenbei geht das Leben weiter. Die Tochter Lilli trainiert fürs Turmspringen; der neunjährige Mika begreift ein bisschen, dass sein Vater bald nicht mehr da sein wird. Jahreszeiten gleiten als Kulisse vorbei. Wochen, Tage, Stunden eilen dem Finale entgegen. Die Palliativärztin, Dr. Petra Anwar (auch hier, keine Schauspielerin, sondern echte Ärztin in Berlin) unterstützt Simone. Ja, sagt sie ihr, sie macht alles richtig. Sie gibt Frank den Halt, die Pflege, die Zuwendung, die er braucht, um in Würde zu Hause bei seiner Familie sterben zu können. „Sterben muss nicht schrecklich sein“ sagt Dr. Anwar.

Wir alle wissen, das Sterben gehört zum Leben, und es ist nicht immer gnädig, sanft oder schmerzlos. Wir wünschen uns, dass es schnell gehe. Ohne langes Leiden. Ohne lange im voraus zu wissen, wann es geschieht. Ex und hopp.
Doch die Verhältnisse, die sind nicht so.




John Carpenters „The Ward“ – ein November-Gruselchen

Das Genre Grusel, Horror, Gänsehaut und Co. ist ja generell nix für mich. Probieren tu ich’s trotzdem immer mal wieder, so vorurteilsfrei wie möglich, denn es gibt ja auch wirklich spannende und gute Filme dabei.

Im Vorspann zündet eine blonde junge Frau per Streichholz die Gardinen eines Farmhauses an, und während das Haus lichterloh brennt, kommt auch schon die ländliche Feuerwehr angetütatat, und das Nächste, was wir sehen, ist diese blonde Frau Kirsten (Amber Heard) in der Klapse. Ab hier jetzt denk ich schon, dèja vu, kennste: „Girl Interrupted“ aus dem Jahr 2000 (Regie James Mangold). Mit einer ziemlich jungen Winona Ryder und Angelina Jolie (das einzige Mal, wo sie mir gut gefiel – als Irre).

Zurück zu „The Ward“ jetzt. Nach einer halben Stunde tummeln sich da mindestens ein halbes Dutzend Darsteller (die mir alle unbekannt sind bis auf Heard, deren Namen ich schon mal auf der Besetzungsliste anderer von mir gemiedenen Gruselorgien gelesen habe). Und weil ja jeder weiß (auch die, die noch nie in der Geschlossenen waren), dass es da immer einen großen Aufenthaltsraum gibt, möbiliert mit Omas alten Sofas und Sesseln vom Speicher und ausrangierten Bürostühlen der Sechziger, hat man die uns freundlicherweise da hingestellt. Und der alte Schwarzweiß-Fernseher. Die Beleuchtung ist gern ein schmuddeliges Sepia mit tanzenden Staubpartikeln, also auch die Deko überrascht überhaupt nicht. Vermutlich aus ökonomischen Gründen wird allgemein zur Abendstunde am Strom gespart, denn ins solchen Filmen muss das Anstaltsinnere düster bleiben.

Szene mit Amber Heard aus "The Ward" (Bild: Concorde)

Szene mit Amber Heard aus "The Ward" (Bild: Concorde)

Die Insassinnen sehen aus, wie man sich die üblichen irren Frauen vorstellt. Kennen wir doch alle, die Ein oder Andere: auf den ersten Blick und Ton ein Girl wie du und ich, aber spätestens, wenn die verkniffene Krankenschwester dem widerspenstigen Opfer Medikamente in den Schlund rammt, merkt man, ach ja, klar, die muss irre sein, wenn sie die nicht will. Ansonsten: Die Insassinnen sind alle jung, hübsch, korrekt geschminkt und modisch gekleidet. Na ja, ein bisschen verhaltensauffällig. Aber sonst?

Und natürlich gibt es dann eine Irre, die in Wirklichkeit gar nicht irre ist, sondern nur ein bisschen traumatisiert und verwirrt und amnesiert. Kirsten. Da ist auch der Arzt, Dr. Stringer, der mich etwas an Seymour Philip Hoffman gekreuzt mit David McCallum erinnert, aber Jared Harris heißt, von dem ich auch noch nie gehört habe, weil er mir in der 4. Staffel von „Mad Men“ und in „Benjamin Button“ leider nicht aufgefallen war. Gefällt mir aber in der Rolle als Irrenarzt. Ein bisschen verwaschen, profillos, trotzdem fahl bedrohlich.

Es gibt die böse Schwester und die liebe Schwester (bad cop – good cop) und so nach 45 Minuten weicht der Film etwas von „Girl Interrupted“ ab, denn Kirsten berichtet nun, dass sie einen Geist sieht, der nachts rumschleicht. Doch irre? Wobei, nachts Gespenster sehen oder hören, meine Güte, wer hat das noch nicht? Sind wir deshalb gleich irre? Kleine Monster unterm Bett oder im Schrank… kennen wir doch alle.

Na gut, dann fällt von irgendwo eine halbverweste Hand mit Arm von der Decke, ohne Körper dran, aber die Gänsehaut will sich einfach nicht einstellen (selbst bei mir nicht, und ich bin ein extraweiches Weichei).

Ein diabolische Pfleger übernimmt jetzt das Gruselprogramm, gefolgt von einem krassen Schnitt auf die freundliche Architektur der Anstalt inmitten lieblicher Herbstlandschaft. Dann noch’n bisschen Zwangsjacke, Kreissäge, Zwangsbepillung und ne Verfolgungsjagd durch die düsteren Kellergänge der Anstalt, verbunden mit Hechelei, Schreierei und Möbelzusammenkracher und Umfallerei.

Mr. John Carpenter, you’ve done better before.
Alles in allem, bei weitem nicht so gruselig wie ich dachte.
Alles in allem, die ganz normale Irrizität.
Alles in allem, muss man nicht sehen.

Zwei fahle Sternchen auf meiner persönlichen Richterskala.




Vom lautlosen Fall zum großen Crash

Kevin Spacey als Banker, der seine Leute zu Höchstleistungen anspornt (Copyright: Koch Media GmbH)

Die Krise naht unsichtbar, unerwartet, unaufhaltsam. Sie ist wie eine schwarze Sonne, die sich langsam über den Horizont unseres Verstehens schiebt. Ihre ersten Strahlen fallen in die Augen eines jungen Bankers, der ungläubig auf den Bildschirm seines Computers starrt.

Die Dateien auf dem USB-Stick, den sein Boss ihm bei seiner Entlassung noch rasch zustecken konnte, künden von der prekären Finanzlage seiner Bank: von Überschuldung in einer Größenordnung, die die gesamte Finanzwelt ins Wanken zu bringen droht. Je mehr der junge Mann begreift, was die Daten auf seinem Rechner bedeuten, desto dunkler und fiebriger beginnen seine Augen zu glühen. Es ist ein Moment, in dem Nietzsches Wort Wahrheit wird: Wer lange in einen Abgrund blickt, in den blickt der Abgrund zurück.

„Margin Call“ oder „Der große Crash“, wie der Film des amerikanischen Regisseurs J.C. Chandor auf deutsch heißt, erzählt von der Pleite einer New Yorker Investment-Bank. Indes fällt der Name Lehman Brothers, und das ist gewiss kein Zufall, während der gesamten 105 Minuten nicht ein einziges Mal. Jede andere Großbank im hochspekulativen Geschäft, so die unausgesprochene Botschaft, hätte den Crash ebenso auslösen können. Wir Kinobesucher, die wir auch im Leben nur staunende Zuschauer des virtuellen und zugleich erschreckend realen Dramas sind, sollen die Tragödie nun aus der Innenansicht erleben. J.C. Chandor führt uns mitten hinein in die Welt der dicken Teppichböden und Bonuszahlungen. Er macht uns zu Fischen in einem Aquarium, in dem man Geld atmet statt Luft.

Wer aber auf den Auftritt allzeit gieriger Finanzhaie und Anlage-Analysten wartet, auf Prototypen des bösen Bankers ohne Gemeinsinn und Gewissen, wird das Kino weitgehend enttäuscht verlassen. Stattdessen begegnen wir einem warmherzigen Abteilungsleiter (Stanley Tucci), der auf seine unerwartete Entlassung sichtlich geschockt reagiert. Wir sehen einen sympathischen Jung-Banker und seinen noch recht unreifen Kollegen (Zachary Quinto und Penn Badgley), die ihrer ersten Million hinterher jagen und doch ständig um ihre Stelle zittern. Wir erleben kompetente Chefs, die es zwischen den Pflichten gegenüber der Firma und ihrem Verantwortungsgefühl für die Mitarbeiter schier zerreißt (großartig: Kevin Spacey). Wir sehen eine knallharte weibliche Führungskraft, die unter der Last der Verantwortung tapfer die Schultern strafft (Demi Moore), aber auch skrupellose Mittvierziger (Simon Baker), denen es nur um das eigene Überleben geht. Monochrom gezeichnet ist einzig der Vorstandsvorsitzende John Tuld, dem Jeremy Irons die boshafte Aura eines vertrockneten Reptils verleiht.

Ein junger Banker (Zachary Quinto) entdeckt die Wahrheit (Copyright: Koch Media GmbH)

Die Namen all dieser Akteure prägen sich dabei nicht wirklich ein. Denn nach den Spielregeln des Kapitalismus sind sie alle ersetzbar, vom kleinen Angestellten bis zum großen Vorstandsvorsitzenden. Sie sind nur Schachfiguren in einem Spiel, das ihnen mehr und mehr entgleitet. „Der große Crash“ ist ein leises Kammerspiel, eine Studie darüber, wie Geld Menschen verändert. In seinen besten Momenten schwingt sich der Film zu Situationen voller Symbolkraft auf, die teils berückend schön sind, teils beklemmend absurd. Da stehen drei Jung-Banker zum Beispiel auf dem Dach ihres Firmengebäudes und blicken hinunter. Kein Laut ist zu hören. „Es muss ein langer Fall sein bis nach unten“, sagt einer der Männer schaudernd. Als hätte dieser Satz eine hypnotische Wirkung, klettert der Erfahrenste der drei plötzlich auf das Geländer. Zum Absturz kommt es schließlich nicht – oder besser gesagt „noch nicht“, wie einer der Banker flüstert.

Der Fortgang der Krise spiegelt sich in vielsagenden Blicken, langen Gesichtern, in großen Augen, in denen nur mehr Rat- und Orientierungslosigkeit steht. Eine weitere Stärke des Films liegt in der bewussten Ausblendung der Außenwelt. Keine Nachrichten, keine Politik, keine normalen Bürger, ja nicht einmal Kunden kommen im Imperium der Glitzerfassaden und Teppichböden vor. Und keiner der Banker, die da so selbstverständlich Überstunden schieben und bis tief in die Nacht arbeiten, scheint so etwas wie ein Privatleben zu besitzen.

Trotz allem zeigt der Film auch Menschen. Zum Beispiel den Abteilungsleiter, der seit 34 Jahren für die Bank arbeitet und durch die extremen Verwerfungen in der Firma seine persönliche Hölle durchlebt. Ein einziges Mal zeigt die Kamera ihn als Privatmann: geschieden, ausgebrannt, verzweifelt. Er ist Top-Verdiener, Entscheidungsträger, Mitglied des Establishments, x-facher Millionär. Und dabei komplett ruiniert.




„Die Lincoln Verschwörung“: Gleiches Recht für fast alle

Um das gleich am Anfang zu klären, es geht hier nicht um die Hintergründe und den Ablauf der Verschwörung, die zu Lincolns Ermordung durch John Wilkes-Booth führte, sondern zu dem nachfolgenden Prozess der überlebenden Attentäter und der Mutter zweier Mittäter. Es ist allerdings ein Kostüm- und Historienfilm, ein Genre, das ich nicht so auf mein Banner geschrieben habe. Andererseits fand ich das Thema vom Grundsatz her interessant genug, um mir den Film anzusehen.

Robert Redford als Regisseur von „The Conspirator“ (Originaltitel) ist ein Fürsprecher der Gerechtigkeit für alle. Er hat inzwischen sieben Filme inszeniert, von denen ich besonders „Ordinary People“ sehr positiv in Erinnerung habe.

Hier also stehen die überlebenden Verschwörer und alle, die mit ihnen zu tun hatten, nun vor Gericht. Vor einem Militärgericht, wohlweislich, weil sich bei Mord an einem Präsidenten, dem obersten Befehlshaber, die Militärs diesen Fall nicht aus der Hand nehmen lassen wollen. Das ist, wie der widerwillig bestellte Anwalt (James McAvoy) der Angeklagten Zivilistin, Mary Surratt (Robin Wright) findet, gegen die Verfassung, die jedem Bürger eine Jury von „peers“ zugesteht. In einem Militärtribunal findet die Angeklagte allerdings keine Gleichstehenden.

Über solche Kleinigkeiten setzt sich Edwin Stanton (Kevin Kline), der Kriegsminister (sowas wie Verteidigungsminister, was ja paradox ist) großzügig hinweg. Wichtig ist für ihn, das Land „vom großen Schmerz des Verlustes“ schnell zu heilen und den Terror der Mörderbande im Keim zu ersticken. So gelangt auch Mary Surratt sofort ins Visier des gnadenlosen Ministers. Sie führte die Pension, in der Wilkes-Booth ein und aus ging, was sie automatisch als Keimzelle der Verschwörung abstempelt. Dazu kommt, dass der bereits getötete Wilkes-Booth ihren Sohn John des Öfteren dort besuchte. Ihre Beteuerungen, dass sie von Zweck und Inhalt dieser Treffs nichts wusste, stoßen auf taube Ohren. Allerdings neigt ihr Anwalt nach mehreren Gesprächen mit seiner Klientin doch zu der Auffassung, dass sie höchstwahrscheinlich unschuldig ist. Erschwerend kommt zu seiner Verteidigung hinzu, dass er nie allein mit Mrs. Sarratt sprechen darf, ein weiterer Verstoß gegen ihre Bürgerrechte. Jeder Einspruch, jeder Entlastungszeuge wird vom Tribunal abgelehnt. Wer sich in der amerikanischen Historie auskennt, weiß, wie der Prozess ausging.

Wer sich in der amerikanischen Historie auskennt, merkt auch die Analogie zu heutigen Verfahren, besonders was sogenannte „Kriegsgefangene“ angeht, Bürger islamischen Glaubens, oder mit einer Herkunft aus Krisengebieten, die gleichzeitig terroristische Hochburgen sind. Verfassung hin oder her, auch heute werden verfassungsrechtliche Bestimmungen mit Füßen getreten, aber mit umfangreichen Rechtfertigungsstatements und ordentlich Schuhwichse blankpoliert.

Gut gefallen hat mir Kevin Kline in seiner sehr untypischen Rolle als bösartiger Minister. Robin Wright, für mich ansonsten Königin der Eiswürfelmimik, ist hier gut besetzt und gar nicht so eisig. Auch James McAvoy ist glaubwürdig als junger, eher unerfahrener Anwalt. Überrascht war ich vom Anblick des „Gilmore Girls“ Rory, aka Alexis Bledel, als McAvoys love interest. Wie schade, so ein Image wie das der Serienheldin wird man schwer wieder los.

Dem Thema angemessen war leider auch die Beleuchtung. Immer wieder musste ich dem Impuls widerstehen, meine kleine Taschenlampe hervorzukramen. Vielleicht wollte Redford, ein Umweltretter, Strom sparen? Es war stellenweise – sogar bei Außenaufnahmen – so duster, dass der Film ebenso gut in Schwarzweiß hätte gedreht werden können. Oder Sepia.

Die Geschichte ist im Großen und Ganzen spannend erzählt, selbst wenn man den Ausgang kennt. Historiker mit Schwerpunkt USA und Menschen mit Interesse am geltenden amerikanischen Recht sind in diesem Film genau richtig.




„Melancholia“ – Poetischer Weltuntergang auf leisen Sohlen

Im ersten Teil des Films, „Justine“ (gespielt von Kirsten Dunst), befinden wir uns im eleganten Clubhaus eines Golfplatzes, wo ihre Hochzeit mit Michael (Alexander Skarsgard, Sohn vom berühmten Stellan, der in jedem skandinavischen Film präsent ist, und auch hier mitspielt) gefeiert werden soll. Arrangiert wurde die Fête von Schwager John (Kiefer Sutherland), der nicht aufhören kann zu betonen, wieviel Geld er für dieses Fest ausgegeben hat. Alle Freunde, Verwandte und Kollegen warten schon seit langem auf die Braut. Aber zwei Stunden zu spät – der wedding planner (Udo Kier) ist ein Nervenbündel – betritt sie lächelnd den Saal, und das Festessen kann beginnen. Tafel und Gesellschaft erinnern an „Festen“ von Thomas Vinterberg, allerdings nur optisch.

Es wird bald klar, dass Justine sich irrational verhält. Sie verlässt scheinbar grundlos den Tisch, sie spaziert auf den Greens herum, nimmt ein Bad, schläft ein Ründchen, aber zwischendurch kommt sie auf einen Happen, auf einen Schluck, auf einen Tanz, zurück in den Saal. Sie tanzt mit dem Vater (John Hurt), wechselt ein paar Worte mit Mutter (Charlotte Rampling), Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) und deren kleinem Sohn Leo (Cameron Spurr). In Justines Gesicht erkennt man eine gewisse Ratlosigkeit, in ihrem Verhalten Rast- und Ruhelosigkeit. Sie bricht unvermittelt in Tränen aus. Sie schaut durch ein Teleskop, sieht den zusätzlichen Planeten. Sie ist besorgt, will funktionieren, will glücklich sein und glücklich machen, will das Richtige tun. Monumentale Aufgaben, die ihre Depression vorantreiben?

Es kommt zu einem Eklat, und sie flieht die Feier.

Der zweite Teil, „Claire“, spielt im Haus von Justines Schwester, wo sie Unterschlupf gefunden hat. Immer wieder schweift ihr Blick zum näherkommenden Planeten. Das Familienleben mit Schwester, Schwager John und Neffen Leo ist nicht einfach. Die Beziehung von Justine und Claire ist nicht einfach. Claire fürchtet sich vor dem Planeten, fürchtet um ihr Leben und das von Leo. John tut die Gefahr eines Zusammenstoßes mit dem Hinweis „It’s a fly-by“ ab. Je besorgter Claire wird, desto ruhiger wird Justine. „I know things“ sagt sie.

Das Thema Weltuntergang war mir bisher nur aus Science-Fiction-Filmen bekannt. Mit viel Getöse, special effects und fulminanten Feuersbrünsten. Nicht so in „Melancholia“. Der Mikrokosmos dysfunktionale Familie ist der Untergang. Die Depressionen, die Melancholie, die Angst.

Der Titel des Films ist der Name des Gestirns, das auf die Erde zusteuert, und die Melancholie ist Thema.

Lars von Trier hat ja seit einigen Jahren von den meisten Vorgaben für die sogenannten Dogma-Filme Abstand genommen, aber ein bisschen was ist immer noch geblieben. Zum Beispiel die Handkamera. Stative oder Rollkameras sind was Schönes, und Regisseure wie Fassbinder haben geniale Sachen damit gemacht. Sie haben sie schweben, tanzen oder im Kreis rum fahren lassen. Sie haben sie starr stehen lassen, oder wie ein menschliches Auge benutzt. Lars von Trier bevorzugt die Handkamera. Das mag manche Menschen schwindlig machen, mich macht’s zum Teil des Geschehens. Diese Kamera schaut genau dahin, wo ich auch hinschauen würde. Ich fühle mich mittendrin.

Und grad wenn mir der Kopf anfängt zu schwirren vom Partygeschehen, kommen unvermittelt dazwischengeschobene, standbildhafte, gemäldeartige Ruhemomente. Zum Verweilen, Eintauchen, Erholen. Justine treibt ruhig auf einem Waldsee, ein Bild von der Schönheit eines Monet-Gemäldes. Personen stehen weit voneinander auf einer geheimnissvoll beleuchteten Wiese. Die Oberfläche des bedrohlichen Planeten strahlt in freundlichem Blau.

Die Besetzung hätte besser nicht sein können. Kirsten Dunst, die es noch nie auf meine top-ten Liste geschafft hatte, ist perfekt für diese Rolle. Die anderen sind keine Nebenrollen, es sind alles kleine Hauptrollen. Es ist ein Film voller „Wow“-Momente, voller „Trinkt, o Augen, was die Wimper hält“-Momente. Der malerisch schöne Anfang, der verstörende Verlauf, und die opulenten Bilder des Endes.

So merkwürdig das klingt: es ist trotz des düsteren Themas ein wunderschöner Film. Eine Augenweide, und wegen des wunderbaren Soundtracks auch eine Ohrenweide.




„What a Man“: Kassen lügen nicht

Also Kinokassen. We have a winner. Über eine Million Zuschauer. Das hat bei deutschen Filmen Seltenheitswert.

Aber von vorn: Da war es wieder, dieses (kalendarische) Sommer-Loch. Das ist für Kinofreunde besonders dann unerfreulich, wenn man wegen des Regens gern öfter mal ein paar Stunden im Kino verbringt. Es gab aber außer „Midnight in Paris“ rein gar nix, was ich hätte loben können. Alles andere, was es zu loben gab, habe ich schon abgearbeitet – und es ist inzwischen auch Oscar-bestückt.

Vor 14 Tagen hab ich mich quasi geopfert und „What a Man“ angeschaut. Man, oh man!

Nun ist ja Matthias Schweighöfer ein veritabler Schauspieler, der mir unter anderem als Marcel Reich-Ranicki in „Mein Leben“ gut gefiel. Und auch sonst so schon.

Jetzt hat er sich der im deutschen Film nicht als Königsdisziplin berühmten Sparte Komödie angenommen. Als Hauptdarsteller, Regisseur und Autor. Kann man machen, müsste man aber nicht. Ich will gar keine Vergleiche zu anderen, schiefgegangen Versuchen heranziehen. Was hat er sich nur dabei gedacht? Vermutlich nichts. In einem Interview fürs TV hörte ich ihn sinngemäß so in etwa plappern: „Da ham wir uns hingesetzt und die Story im hoppigaloppi zusammengeschmissen“. Check. Hoppigaloppi.

Alex (Matthias Schweighöfer) und Carolin (Mavie Hörbiger) sind ein Paar. Lehrer Alex ist das, was ich gern mal mitleidig als milque toast bezeichne. Ein Beta- bis Delta-Männchen. Was Wunder, dass das schnieke Model Carolin, blond bubikopfig gestyled, sich einen Anderen an Land zieht – und das Milchbrötchen Alex muss ausziehen. Der flüchtet zu seiner WirSindGuteFreunde-Freundin Nele (Sibel Kekilli). Nele ist so ein in-Name jetzt, Neles sind immer prima Kumpels, total anständig, lieb und verständnisvoll, wenn auch ein bisschen verrückt. Verrückt mögen wir, denn wenn man verrückt ist, dann ist man auf jeden Fall kein Spießer. Und schließlich will Nele nach China, um dort Tiere zu schützen, Pinguine, wenn ich nicht irre, und außerdem um sich selbst in die schützenden Arme ihres französischen Freundes Etienne zu werfen.

Sobald man den Überblick über die Aufstellung hat, weiß man auch schon, wie das weiter geht, und wo das hinführt. Das ist die Konstellation, aus der man die lustigsten Beziehungskomödien stricken kann. Vorausgesetzt, der Regisseur und der Autor können gut stricken. Hier wurde gestickt, bestenfalls gehäkelt. Dialoge, die ich hätte mitsprechen können, so voraussehbar waren sie. Ein paar Schenkelklopfer, ein paar Stammtischplattitüden zum Thema, man kennt das ja.

Gut, ich hab da tatsächlich einige Male spontan mitgelacht, weil manche Witze auch zum 30sten Mal komisch sind. Aber sonst? Alles so, wie man ahnt. Viel abgedroschene Kalenderweisheiten und Klischees. Vom Sexunfall bis zum letzten Gehechel zum Flughafen und dem beinahe und huch und ja doch und na sowas, etc pp.

Am besten von allen Darstellern hat mir Elyas M’Barek als Alex’ bester Freund Okke, Fachberater in Sachen Beziehungen, Sex, et al gefallen. M’Barek war mir schon in der TV-Serie „Türkisch für Anfänger“ sehr angenehm aufgefallen. Da kommt hoffentlich mehr.

Sibel Kekilli war mir ein bisschen fremd als die pinguinaffine Tierschützerin und Strickliesel. Aber das ist meine Schuld, ich hab sie noch so fest in meinem Hirn aus „Gegen die Wand“. Da muss sie einfach mal raus, dann kann ich sie bestimmt unvoreingenommener ansehen.

Diese Komödie ist nicht die Krone des deutschen Humors, aber so grottenschlecht ist sie auch nicht. Als Schweighöfers Regie-Erstling etwas enttäuschend. Da hab ich mehr erwartet, aber das ist allein meine Schuld.

Harmloses, leichtes Sommerkino. Also jetzt rein, solang noch Sommer ist.

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Filmtrailer:




Kino: „The Guard – Ein Ire sieht schwarz“ (die zweite Kritik)

Sgt. Gerry Boyle (Brendan Gleeson) ist ein irischer Polizist in Galway im malerischen Irland. Er hat’s gern easy. Nur nicht das Leben mit unnötigen Arbeitsstress belasten.

Als ihm der junge übereifrige Kollege Mc Bride (Rory Keenan) aus Dublin als Partner zugeteilt wird, ist er „not amused“. Er hat seine eigenen – man kan schon sagen unorthodoxen – Methoden, und das soll so bleiben. Einer Leiche, die aus einem verunfallten Auto purzelte, zieht er erst mal ein Tütchen Drogen aus der Hosentasche und steckt sie ein. Für den eigenen Bedarf. Außerdem: “Deiner Mama würde das gar nicht gefallen.” Boyle ist weder saublöd noch superschlau, aber er ist sicher ein gewieftes Schlitzohr.

Einem Mordopfer zieht er die handschriftliche Nachricht aus dem Schlund, liest sie, versteht nur Bahnhof, schmeißt sie weg. Zusammen mit Assi McBride rätselt er über die in Blut geschriebene Nachricht “5 ½” an der Wand. Fünf ganze und ein halbes Opfer, bietet McBride, dem halben sind nur die Beine abgeschossen worden.

Brendan Gleeson in "The Guard - Ein Ire sieht schwarz" (Bild: Ascot Elite Verleih)

Dummerweise gibt’s dann plötzlich Hinweise auf einen riesigen Drogendeal, der genau in Boyles Bezirk stattfinden soll. Von 500 Millionen ist die Rede. Dollars, also „eine halbe Milliarde“ wie der Chef Inspektor erläutert. Boyle wird dem eigens aus Atlanta angereisten schwarzen FBI-Agenten Wendell Everett (Don Cheadle) als Partner zugeteilt. Zu allem anderen ist Sgt. Doyle auch ein ungehobelter Trampel, der seine guten Manieren gar nicht vergessen kann, weil er keine hat. Er ist auch kein Rassist, aber er hat keinerlei Vorstellung vom Leben der schwarzen Bevölkerung in den USA. So fragt er den FBI Mann ganz unbedarft, wie denn das Leben in den Slums von Kenosha, Wisconsin (Everetts Heimatort) so sei. Everett ist Yale Absolvent und Rhodes Scholar und ebenfalls not amused. Als man den versammelten Polizisten die Fotos von den vier weißen Verdächtigen zeigt, äußert Boyle die feste Überzeugung, nur Schwarze und Mexikaner schmuggelten Drogen. Er zieht die Fettnäpfchen geradezu magisch an. Man kann nicht sagen, dass Everett und Boyle gute Buddys werden, aber sie raufen sich zusammen. Everett wird nie ganz schlau aus ihm, aber zusammen entwickeln sie im Film ein bisschen „good Cop/bad Cop“ Routine, aufgelockert mit Dialogen, die an „The Odd Couple“ erinnern. Witzig und originell.

Die Drogenbösewichte zitieren en passant neben Nietzsche und Bertrand Russell alle namhaften Philosophen und schmieren hier und da locker ein paar Cops, und am Schluss gibt es einen show down, der wirklich aus dem Rahmen des Üblichen fällt.

Der Regisseur, John Michael McDonagh hat dankenswerterweise auf die üblichen Klischees verzichtet. Er hat einen spannenden und – trotz Mord und Totschlag – heiteren Film gemacht.

Brendan Gleeson gefällt mir sehr als irischer Polizist, Fionnula Flanaghan in einer Nebenrolle als Gleesons totkranke Mutter ist großartig. Don Cheadle wirkt fast ein bisschen blass neben den anderen Darstellern.

Ich habe die Originalfassung gesehen und gestehe, dass ich mich sehr anstrengen musste, den Irish brogue zu verstehen. Wer den irischen Klang nicht ganz frisch auf dem Ohr hat, gehe besser in die synchronisierte Fassung.

Außerdem gibt’s einen schönen ohrenfreundlichen Soundtrack.

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Vergleiche auch Jens Matheusziks Kritik zum selben Film:
http://www.revierpassagen.de/4268/the-guard-ein-ire-sieht-schwarz-morgen-neu-im-kino/20110921_1942




Das Sexmonster greift an

Ob eine Dreiecksbeziehung mit Leiche, Blutorgien oder das kampfbereite Hirn von Hitler – der als Trash-Papst gefeierte Arthouse-Horrorfilmregisseur Jörg Buttgereit hat eine Vorliebe für Themen, die unsere Gesellschaft lieber verdrängen würde. Der Dortmunder Schauspieldirektor Kay Voges hat diesen Grenzgänger engagiert, mit dem Double-Feature „Green Frankenstein“ und „Sexmonster“ die Studio-Saison zu eröffnen. Mut, der sich gelohnt hat.

Haltet die Moral hoch! Foto: Birgit Hupfeld

Haltet die Moral hoch! Foto: Birgit Hupfeld

Jörg Buttgereit hat eigentlich Unmögliches möglich gemacht: Trash-Kultur im Theater, Film auf der Bühne, japanischer Monsterfilm ohne Monster, schmieriges Zitat der Sexploitation-Filme aus den 70ern ohne Nacktheit – der Regisseur bricht in jeder Hinsicht mit Erwartungen und Konventionen. Und hat stattdessen ein Konzept entwickelt, das so folgerichtig wie unterhaltsam ist, dass es sich auf weitere Theaterabende übertragen ließe:

Ausgangspunkt für die beiden Stücke „Green Frankenstein“ und „Sexmonster“ sind von Buttgereit geschriebene Hörspiele. Die Idee des „Kopfkinos“ setzt er konsequent um, indem er die Schauspieler in einem schmuddeligen Bahnhofskino agieren lässt, ständig wechselnd zwischen Zuschauer und Figur, mit Mikrofonen in der Hand und Text, der auf der Leinwand mitläuft.

So spiegelt Buttgereit nicht nur Zuschauer mit Zuschauern. Er sorgt auch dafür, dass das, was wir sehen, hauptsächlich aus uns selbst kommt.

Und das ist bei den verhandelten Themen eine starke Grundsituation: „Green Frankenstein“ erzählt von einem wütenden Monster in Hiroshima, das die Menschen vernichten will, weil sie das ökologische Gleichgewicht gefährden. „Sexmonster“ entführt in das zwielichtige New York, wo der Außenseiter Adam seine Chance wittert, als ihm der riesige Penis seines verstorbenen Freundes transplantiert wird. Doch anstelle eines erfolgreichen Liebhabers wird er zum triebgesteuerten Sexmonster.

Köstlich, wie die Schauspieler – Sebastian Graf, Bettina Lieder, Uwe Schmieder und Annika Meier, Christoph Jöde– sich in diese Abenteuer stürzen, die schrägsten mimischen Varianten testend, musikalisch brillierend, zur Beatbox mutierend, jede Situationskomik auskostend. Der Clou ist die Live-Performance des Geräuschemachers Dieter Hebben: Als er bei der Penistransplantation eine Porreestange ansägt, winden sich die männlichen Zuschauer.

So schräg, witzig, ungewöhnlich ist dieses dennoch cineastische Erlebnis, dass sich das Publikum schier ausschüttet vor Lachen. Unter all dem Trash und der Komik aber versteckt Buttgereit einen überraschend moralischen Subtext: Der Mensch, der sich gegen die Natur stellt und als Gott aufspielt, ist schließlich ein altes (Film)-Thema.

(Der Artikel stand zuerst in der Westfälischen Rundschau)

Teaserfoto: Birgit Hupfeld




Neu im Kino: „The Guard – Ein Ire sieht schwarz“

Bei The Guard – Ein Ire sieht schwarz, der morgen (22. September) offiziell in den deutschen Kinos startet, handelt es sich um einen irischen Kriminalfilm mit einer großen Portion schwarzen Humors.
Der bereits auf der Berlinale 2011 im Frühjahr gefeierte Film spielt im Westen Irlands und Brendan Gleeson spielt die Hauptrolle – den irischen Sergeant Gerry Boyle, der im Laufe des Films mehr oder weniger freiwillig mit eher ungeliebten Kollegen (aus Dublin und sogar den USA) arbeiten muss, um einen großen geplanten Drogenschmuggel zu verhindern.
Neben den beiden Hauptdarstellern gibt es noch einen weiteren Meta-Hauptdarsteller – die irische Insel bzw. deren Westen. Es gibt zahlreiche Landschaftsbilder, die die Schönheit und Schroffheit des westlichen Irlands einfangen. Wahrscheinlich werben deswegen auch irische Reiseunternehmen im Kontext des Filmes. Aber zurück zum Film:

 

Beschreibung

In den ersten zehn Minuten verschwindet eigentlich jede – falls überhaupt vorhanden – Grundsympathie für Seargent Boyle, denn dieser hält sich als Polizist nicht immer an alle Regeln – sowohl der Polizeiarbeit als auch des Anstands. Der neue Kollege aus Dublin kommt gerade rechtzeitig um einen – hier doch eher seltenen – Mordfall gemeinsam mit dem Sergeant zu aufzuklären. Doch muss dieser heftig schlucken, als der Sergeant ganz entgeistert reagiert, als er erfährt, dass sein neuer Kollege nicht das Haus, in dem die Leiche liegt, nach Wertgegenständen und Bargeld für die eigene Tasche abgesucht hat.

Doch hinter der extrem rauen Schale Boyles verbirgt sich ein guter Kern, was auch der amerikanische FBI-Ermittler Wendel Everett (Don Cheadle) feststellen muss, obwohl deren erste Begegnung eher unschön verläuft, als Boyle vor versammelter Mannschaft mitteilt, dass er sich über die Fotos der vier Verdächtigen wundert. Schließlich wären das alles Weiße und man wisse doch, dass nur Farbige – und noch Mexikaner! – Drogenschmuggel betreiben. Eine Auskunft, die der farbige FBI-Ermittler nicht wirklich gerne hört.

Doch die beiden müssen sich zusammenraufen, nachdem Boyle quasi kurz vor seinem eigenen Rausschmiss aus der Besprechung erwähnt, dass man nur noch nach drei Verdächtigen suchen müsse, da der vierte Verdächtige die kürzlich entdeckte Leiche sei. Daher müssen die beiden zusammenarbeiten, was natürlich nicht wirklich einfach ist, da der Ire natürlich weiterhin seine Vorurteile pflegt.

Aber Boyle ist doch nicht der Kotzbrocken, den er gerade am Anfang fast schon liebevoll darstellt, wie sich im weiteren Verlauf des Filmes zeigt. Auch wenn er die eine oder andere menschliche Schwäche hat, was grandios gezeigt wird, kümmert er sich beispielsweise liebevoll um seine todkranke Mutter, deren letzter Weg aus diesem Leben sich schon deutlich abzeichnet.

Bewertung

Zum großen Teil lebt der Film vom Wortwitz zwischen den beiden Hauptdarstellern, die sich deutlich unfreiwillig zusammenraufen müssen. Der irische Sergeant hat von „political correctness“ noch nie was gehört, respektiert seinen neuen amerikanischen Partner dennoch aufgrund dessen vergangener Leistungen, die er via Google herausfand.

Das Ganze ist natürlich an sich nur das „Beiwerk“ zur eigentlichen Geschichte, denn noch geht es um die Verhinderung eines milliardenschweren (!) Drogenschmuggels.
Dass Sergeant Boyle bei der Ermittlung auch noch auf eher ungewohnte Verbündete setzen kann ist eine der vielen Überraschungen in dem Film und sehr interessant dargestellt. Aber wenn es um Drogenschmuggel geht, versteht halt auch die IRA keinen Spaß.

Sowohl Sergeant Boyle als auch der FBI-Ermittler Everett werden sehr gut gespielt und die beiden Schauspieler hauchen ihnen glaubhaft Leben ein. Sie wirken – nun gut, bis auf einige der äußerst schlechten Eigenschaften des Sergeanten – stets glaubhaft und nicht überzeichnet, was den Film genau so auszeichnet, wie auch die Charakterisierung der Drogenschmuggler. Denn auch diese kommen im Film immer wieder vor und der Gentleman, der Philosoph und der Psychopath (oder war es ein Soziopath?) werden sehr gut dargestellt und agieren nicht als 08/15-Bösewichte, deren Doofheit drei km gegen den Wind zu riechen ist. Die skrupellosen Drei wirken auch nicht als unrealistisch, wenn sie beispielsweise die Schlechtigkeit der Gesellschaft kritisieren und sich selber damit indirekt einen Spiegel vor Augen führen (es aber nicht wirklich merken).

Insgesamt gesehen weiß „The Guard“ sehr deutlich zu gefalllen. Wer sich für kriminalistisch Stoffe interessiert, dabei auch rabenschwarzem Humor und einen gehörigen Schuss „political incorrectness“ mag, wird definitiv auf seine Kosten kommen.

 




Schokoladensüße Liebeskomödie

Angélique und Jean-René haben einiges gemeinsam: Sie sind beide sensibel und schüchtern, sie sind romantische Träumer und nicht ganz von dieser Welt, sie haben eine große Leidenschaft für Schokolade – und sie sind Singles. Eigentlich die besten Voraussetzungen, um sich ineinander zu verlieben und endlich den Partner fürs Leben zu finden.

Doch was beide miteinander verbindet, trennt sie zugleich. Angélique und Jean-René können zwar über neue Pralinen-Kreationen und gaumenfreundliche Raffinessen reden, sich auch insgeheim anschmachten. Aber ihre Gefühle können sie einfach nicht offen legen. Da helfen keine Psychologen, und auch die Leidensgenossen, die sich allwöchentlich bei den „Anonymen Romantikern“ treffen, wissen keinen Rat. Es sind also noch einige emotionale Klippen zu meistern und manche Widerstände zu überwinden, bis die schokoladensüße Liebeskomödie ein gutes Ende findet.

Dass es ein Happyend gibt, daran besteht natürlich von vornherein kein Zweifel. Doch was schön ist für Angélique (Isabelle Carré) und Jean-René (Benoit Poelvoorde), bringt den Kinozuschauer eher zum Gähnen. Es gibt einfach keine Überraschungen, alles läuft wie am Schnürchen, sogar die eingebauten Hindernisse sind so klein, dass man sie mit ein bisschen Fantasie leicht überwinden kann. Und so wird der von Regisseur Jean-Pierre Améris mit leichter Hand erzählte und von wunderbaren Komödianten gespielte Film leider zu einem überschaubaren Vergnügen.

Filmplakat (Delphi-Verleih)

Filmplakat (Delphi-Verleih)

Wundert sich jemand, dass die Schokoladenmanufaktur von Jean-René, diesem sympathischen Kauz mit dem dümmlichen Grinsen, kurz vor dem Ruin steht – und dann nur von der kokett lächelnden Angélique und ihren raffinierten neuen Kreationen gerettet werden kann? Bleibt nur noch die Frage zu klären: Was geschieht, wenn die beiden endlich aus dem Kreis der „Anonymen Romantiker“ ausbrechen und sich das Jawort geben wollen? Die Hochzeit, das darf man hier ruhig verraten, verläuft nicht ganz nach Plan. Aber auch das hätte sich der schmunzelnde Zuschauer denken können.

Ein charmanter Film über die amüsanten Verklemmungen empfindsamer Menschen, nicht mehr, aber auch nicht weniger.




Kino in 3D: Eindimensional ins Mehrdimensionale?

Nervig, blähend, sinnfrei, lautsprecherisch, effektkreischend, hightech-unterworfen – ich sollte noch ein wenig nachdenken, vielleicht fiele mir noch mehr ein um das zu beschreiben, was mir einfällt, wenn ich an das Kino in 3D denke, dessen eindimensionale Fantasie kaum noch zu überbieten ist. Was dem Trickfilm („Oben“, „Wall.e“ und auch „Avatar“) noch bemerkenswerten Reiz verschaffte, verkommt in diesen Tagen zum Spektakel. „Cowboys & Aliens“ oder „Die drei Musketiere“, um nur zwei Beispiele zu benennen.

Über das eigentümliche Epos um die Helden des Westens und ihre universal operierenden Besucher von anderen Sternen muss man nicht gar so viele Gedanken verlieren – absurder geht es kaum mehr. Man könnte auch Neandertaler gegen mit Faser-Kanonen bewaffnete „Frogs“ antreten lassen, die Vorfahren kehlig grunzen lassen, während die Gegner mit dem kommunizieren, wie wir uns so Computerunterhaltung vorstellen, das alles in der dritten Dimension – chic.

Zu den Musketieren habe ich ein beinahe familiäres Verhältnis. Das war der allererste Kinofilm in meinem Leben, Gene Kelly focht als bäuerlicher Gascogner unnachahmliche Kämpfe, bekam keinen Kratzer ab und pflasterte seinen Spitzen-Tanz mit beinahe ehrfürchtig fallenden Gegnern. Viel später ließ Richard Lester Michael York und Oliver Reed jeden sich bietenden Feind niedermetzeln und heftete den Helden reichlich subtile Komik an. Charlie Sheen, damals noch weitgehend nüchtern, und Kiefer Sutherland fochten sich dann durch die Handlung und bereiteten mir immer noch Freude. Was später dann auch John Malkovich gelang, als er mit seinen Freunden Leo di Caprio aus der eisernen Maske befreite.

Ich hege ernste Zweifel daran, dass die dreidimensionale Version auch nur annähernd an die Klasse dieser Vorläufer heran langt, auch wenn das ausgesprochen spektakulär werden wird. Nur, fliegende Festungen nach Art der Luftschiffe wirken derart albern, dass sie nicht einmal mehrdimensional attraktiv sind.




Rosel Zech ist tot – Große Schauspielkunst ohne Eitelkeit

69 Jahre wurde sie alt – Rosel Zech lebt nicht mehr. Ich kann meinen Eindruck von ihr nur so zusammenfassen: Diese Frau war so ungemein gut, dass sie die branchentypischen Eitelkeiten völlig missachten konnte – so etwa wie Michael Degen als männliches Gegenstück.

Rainer Werner Fassbinder war in ihrer Bewertung das einzige Genie, dem sie in ihrem Berufsleben begegnete. Irgendwie typisch für sie, dass sie ausgerechnet diesen drallen Typen dergestalt hochhob, war sie doch beruflich unter anderem auch auf Peter Zadek oder Luc Bondy und ähnliche Größen getroffen.

Zwei Sprachen – außer bestem Theatersprech – nannte sich auf ihrer Homepage: Sie sei des Englischen mächtig und beherrsche als Dialekt den der Berliner, den ihrer Heimat. Dort wurde sie als Roselie Helga Lina Zech, Kind eines Binnenschifferpaares geboren. In Hoya bei Bremen wuchs sie auf, beschloss mit 16 Lenzen Schauspielerin zu werden. Sie ging an die Max-Reinhardt-Schauspielschule und begann bald darauf eine beispiellose, wenn auch im Wesentlichen leise Karriere. Rosel Zech war eben besonders gut in ihrem Beruf.

So war es keineswegs ein Ausrutscher, wenn sie beispielsweise mit Dieter Hallervorden – heute würde man sagen – Comedy machte. Oder als würdige Oberin in beliebten Fernsehserien zu sehen war. Das machte sie ebenso professionell wie Theater oder bei Fassbinder die Veronika Voss zu geben.

Roselie Helga Lina Zech wird fehlen.




„Roller Girl“: Auf Rollen erwachsen werden

Bei „ROLLER Girl – Manchmal ist die schiefe Bahn der richtige Weg“ (im US-Original Whip it) handelt es sich um die Verfilmung des Buches Derby Girl von Shauna Cross. Der Film handelt von der 17-jährigen Bliss Cavendar aus dem texanischen Kaff Bodeen, die von ihrer Mutter von einem Schönheitswettbewerb zum anderen „Mutter-Tochter-Lunch“ getrieben wird und sich in Wirklichkeit gar nicht dafür interessiert. Bliss, die in Bodeen zur Schule geht und mit ihrer besten Freundin in einem Imbiss jobbt, kommt mit ihrer Mutter in die nahegelegene Großstadt Austin (Texas) und erfährt dort etwas vom Vollkontaktsport auf Rollschuhen namens Roller Derby, einer Art Mannschaftsrennen ((bzw. „Frauschaftsrennen“, da Roller Girl primär von Frauen gespielt wird)) auf Rollschuhen, wo es teilweise recht ruppig zugeht.

Gemeinsam mit ihrer Freundin machen sie sich heimlich (unter dem Vorwand ein Football-Spiel zu besuchen, was Ihnen beinahe Bliss‘ Vater nicht nur als Fahrer sondern auch als Mitzuschauer beschert) auf den Weg nach Austin, um sich das Rennen anzuschauen. Dort passiert es dann – um Bliss ist es geschehen, denn sie ist total begeistert von dem Spiel auf den Rollschuhen und will da mitmachen. Außerdem sieht sie auch Oliver, einen Zuschauer des Roller Derbys, für den sie zu schwärmen beginnt. Nach dem Derby spricht sie mit einer der Spielerinnen, die sie einlädt doch mal zum Training zu kommen, was Bliss gerne annimmt…

… im weiteren Verlauf erlebt man, wie Bliss langsam (bzw. eher schnell) aber sicher zum neuen Star ihres Teams wird, wie sie die Liebe mit dem Musiker Oliver, den sie beim ersten Mal nur am Rande gesehen hat, erlebt und wie sie versucht, ihre Wünsche mit denen der Familie (insbesondere der dominanten Mutter) in Einklang zu bringen.

Roller Girl ist in den USA schon vor zwei Jahren auf den Markt gekommen, hierzulande wird das Regiedebüt von Drew Barrymore (die auch eine Rolle im Film hat) am kommenden Donnerstag anlaufen. In der Hauptrolle der Bliss agiert die aus Juno und Inception bekannte Ellen Page.

Bewertung

Das ganze klingt schon ein wenig surreal – so nach dem Motto „coming of age on roller blades“. Auch wundert ein wenig die zeitliche Einordnung des Filmes – die Ausstattung (Autos, Gebäude, Fernseher, Polaroid-Kamera) lässt eigentlich den Schluss zu, dass es sich um einen Film aus einem eher weiter entfernten Jahrzehnt (siebziger Jahre?) handelt, wobei sparsam auch moderne Technik (Handy, Internet mit Google und Wikipedia) eingesetzt wird.

Doch wenn man sich erstmal von der Frage trennt, wann der Film spielt (wobei das für die kulturell-historische Einsortierung schon wichtig ist), dann erlebt man einen gelungenen Streifen, der die Probleme des Erwachsenwerdens, die erste Liebe, erste Enttäuschungen, das Abgrenzen von den Eltern usw. sehr schön thematisiert und dabei auch schöne, schnelle Bilder liefert.

Die Schauspieler liefern eine grandiose Arbeit ab. Gerade der Hauptdarstellerin Ellen Page nimmt man die Wandlung von der kleinen fast schon unscheinbaren Bliss zum „Ruthless Babe“ ab, die unter diesem Kampfnahmen für ihr Team bei den Rollerderbies antritt. Doch auch die anderen Schauspieler wissen, was sie tun – insbesondere Bliss‘ Vater (dargestellt von Daniel Stern) weiß zu gefallen.

Doch der Film ist nicht nur ein Lehrstück über das Erwachsenwerden (da hätte er auch großes Potential langweilig zu sein), sondern auch immer wieder witzig, denn es ist gelungen, im Drehbuch und den Dialogen immer wieder humorige Szenen einzubauen, die das Ganze auflockern und im Kinosaal für heiteres Gelächter sorgen – ohne dass es sich dabei um eine Knallbumm-Komödie handelt, wo ein vermeintlicher Gag auf den anderen folgt.

Das Regie-Erstlingswerk der bekannten Schauspielerin Drew Barrymore ist wirklich gelungen, so dass eigentlich nur die Frage offen bleibt: Warum brauchte dieser Film zwei Jahre, um auch in Deutschland seine Premiere zu feiern?

Bewerbung:

Nachfolgend der Trailer zum Film:




„Fliegende Fische müssen ins Meer“: Zauberhafte Kino-Komödie aus der deutschen Provinz

Noch gar nicht lange her, da spielte Meret Becker junge Frauen, die, auf dem Weg zu sich selbst, viele Irrungen und Wirrungen auf sich nehmen und manch emotionalen Umweg gehen mussten. Jetzt, ein paar Jahre später, ist sie zwar zur Leinwandmutter dreier Kinder geworden, aber eigentlich ist sie immer noch so überdreht und verrückt, Probinzunberechenbar und komisch wie ehedem. Irgendwie nicht von dieser Welt. Das ist auch gut so. Denn sonst wäre „Fliegende Fische müssen ins Meer“, der von Güzin Kar (Drehbuch und Regie) in Szene gesetzte Film über Lust und Leid des Lebens einer allein erziehenden Mutter in tiefster deutscher Provinz, wohl kaum zu dem geworden, was er ist: eine wunderbar leichte Komödie darüber, dass das Leben einfach kompliziert ist und doch spannend und schön sein kann.

Szenenbild (Foto: movienet)

Szenenbild (Foto: movienet)

Eine karge Inhaltsangabe (arbeitslose Mutter, drei Kinder von drei verschiedenen Männern, bedrängt von humorlosen Behörden, beäugt von miefigen Nachbarn) würde nach verdrießlichem Sozialdrama klingen. Das Gegenteil ist der Fall. Roberta (Meret Becker) stolziert mit roten Pumps und rotem Kleid durchs graue Dorf, verdreht dickbäuchigen Männern den Kopf und infiziert allmählich sämtliche Frauen mit erotischen Träumen. Das ist nicht weit vom Klischee, aber trotzdem lustig.

Wer etwas mehr Tiefgang möchte und miterleben will, wie sich Jugend und Intelligenz paaren und Wunsch und Wille zu einer praktikablen Lebensstrategie verbinden, sollte sich die junge Elisa Schlott ganz genau ansehen. Sie ist die Sensation des ebenso witzigen wie anrührenden Films. Elisa Schlott ist die 15-jährige Nana, Tochter von Roberta. Sie jobbt als Schleusenwärterin beim Wasserkraftwerk, würde aber gern das Leben und die Liebe erkunden, loslaufen in die Welt und Schiffskapitänin werden. Doch meistens muss sie auf ihre ausgeflippte Mutter aufpassen und ihre kleinen Geschwister versorgen. Und dann verknallt sich Nana auch noch in Eduardo (Barnaby Metschurat), diesen schönen, rätselhaften neuen Arzt, den es aus unerfindlichen Gründen in das abgelegene Dorf am Rhein verschlagen hat. Eduardo ist der halbseidene, geheimnisvolle Zauberer, der direkt aus einem alten Shakespeare-Stück in den neudeutschen Film entsprungen zu sein scheint – und wieder verschwinden wird, wenn seine Arbeit getan ist und jeder bekommt, was er braucht: eine Zukunftsperspektive.

Bilder und Dialoge balancieren gekonnt zwischen satirischer Wirklichkeit und magischem Realismus. Ein kleiner Film mit großer Wirkung. Ein Juwel.

(Kinostart: 25. August)




„Four Lions“: Die Grenzen der Komik

Als ich vor Monaten diesen Film in der OF sah, war ich dann doch zu angepisst, um selbst diesen Verriss zu posten. Inzwischen kann man die DVD kaufen. Wer dafür über €12 ausgeben möchte: selbst schuld. Selbst 80ct fürs Friday Special in der Videothek ist da noch zu viel. Aber wie es immer heißt, wir leben in einem freien Land, und jeder kann das halten, wie er will.

Nun aber doch. Passt auch grad in das Sommerloch:

So lustig kann ein Film über Terroristen gar nicht sein, als dass er mich nicht ängstigen würde. Mehr ängstigen als erheitern. Viele sagen, es sei der lustigste Film des Jahres. Totaler Slapstick. Eine schwarze Komödie. Sogar tiefschwarzer englischer Humor. Okay, der schwarze britische Humor hat sich mir nur selten erschlossen. Und eine Freundin von Slapstick bin ich auch nicht gerade.

Dass die vier Protagonisten ausgemachte Deppen sind, ändert nichts an der Tatsache, dass sie Mitbürgern im Namen ihrer Religion nach dem Leben trachten und bereit sind, dafür ihr eigenes „mit einem Lächeln im Gesicht“ zu opfern. Wobei, für die Vier ist es kein Opfer, denn im Jenseits warten ja nicht nur Gott sondern auch jede Menge hübsche Jungfrauen auf sie.

Sie leben in Nordengland und genießen durchaus die modernen Errungenschaften der Ungläubigen des versauten Westens, über die sie sich so erzürnen. Sie unterhalten sich in einem schwer verständlichen Mix aus Cockney/Paki/Afghani/Brit-Slang.

Sie planen also, sich als Mudjschaheddine für den heiligen Jihad in Menschenmengen zu begeben und sich zum geeigneten Zeitpunkt als Selbstmord-Attentäter in die Luft zu sprengen und alle ungläubigen Schweinebacken mitzunehmen.

Im Wohnzimmer bereiten sie per Video einen dilettantischen Bekenner-Rap vor, der voller törichter Statements ist. Dabei fuchtelt einer wild mit einer Waffenattrappe rum. Alles was sie „planen“ scheitert an ihrer Dummheit und Trotteligkeit. Dabei muss dann auch mal ein unschuldiges Tier dran glauben. So weit, so komisch (wobei bestimmt alle Tierschützer und –liebhaber sich empören werden, weil das Tier auch „in echt“ totging – soviel zur Komik).

Die aktuellen Medien sind nun täglich voll von solchen Attentaten, und nicht zu Unrecht haben Menschen überall in der Welt Angst. Es ist ja auch durchaus möglich, dass die echten Attentäter genau so dumm, so verbohrt und fanatisch sind, wie die im Film. Vielleicht unterhalten sie sich auf die gleiche hirnrissige Weise miteinander, wie die im Film. Wer weiß das schon? Tatsache bleibt, dass sie Mörder sind. Und wenn sie nicht die erwünschten Hunderte von Menschen mit in den Tod reißen, sondern nur drei oder vier, die dummerweise zur falschen Zeit am falschen Platz waren, ändert das auch nichts daran: sie sind Mörder.

Einer der vier Jihadisten ist ein britischer Konvertit, und der ist ein völlig verpeilter Fanatiker, der plant, eine Moschee in die Luft zu sprengen, es den westlichen Ungläubigen in die Schuhe zu schieben, um so die gemäßigten Moslems zu radikalisieren. Sie streiten sich andauernd über die Pläne, das Bombenbauen, das Beschaffen der Zutaten dafür, und all das hat auch eine gewisse Komik.

„Ist doch nur ein Film, ist doch lustig, nimm’s nicht so ernst, lach drüber“ werden manche sagen.

Gelacht werden soll (und kann auch bisweilen) über die Dummheit des Quartetts. Aber die Tragik ist ja, dass es ein ernstes und sehr heikles Thema ist. Und dass vermutlich genug (zu viele) Menschen in der Welt rumlaufen, die genauso strunzdumm, verbohrt und fanatisch sind, und tatsächlich so gestrickt sind. Die die Idee gut finden, und die zufällig noch genug Grips haben um erfolgreich zu sein.
Es gibt schon genug Filme, die sich mit Mord, Totschlag und sinnloser Gewalt in der Welt befassen.
Einen lustigen Film über Jihadisten hatte ich nie vermisst.

Was ist als nächstes dran, Mr. Chris Morris (Regisseur), eine Musical-Comedy über 9/11?




„Midnight in Paris“: Woody Allen und die Nostalgie

Der Herr Woody Allen filmt in den letzten Jahren so oft in Europa, dass ich den Verdacht habe, dass er in all den Städten einfach ausgestiegen und für ein Weilchen dageblieben ist, weil sie ihm gefielen. Wie Clint Eastwood in „The Bridges of Madison County“. Kaum hat er London, Barcelona und Paris erlebt, dreht er schon in Rom.

Aber jetzt „Midnight in Paris“: schon beim allerersten Bild, bevor der Vorspann kam, begann meine Verliebung. Ich nostalgierte sofort beim Anblick dieser zärtlichen Schwenks über Arondissements, Straßen, Alleen, Parks und der Brücken über die Seine! Diese liebevolle Musik! Genau da wär ich ausgestiegen aus dem Zug und wäre geblieben. Aber ich kenne Paris schon, und trotzdem bin ich ausgestiegen. Und eingestiegen, mitgefahren auf dieser romantischen Zeitreise.

Denn das ist es, eine Zeitreise. Ich kann über diesen Film gar nichts schreiben, ohne nicht wenigstens ein paar klitzekleine Spoiler preiszugeben. Die Reise geht in die Roaring Twenties. Oder waren es die Golden Twenties? Das Jazz-Age?

Szenenbild (Concorde Filmverleih)

Der junge Hollywood-Schreiberling Gil (Owen Wilson) ist allerdings erst mal mit Braut Inez (Rachel McAdams) und Schwiegereltern in spe als Tourist im Paris der Gegenwart unterwegs. Er hat seinen 400-Seiten Roman über den Betreiber eines Nostalgieladens in der Tasche. Seine zukünftige Familie – laute, neureiche Amerikaner, wie sie jeder Europäer zu kennen glaubt – muss er hin und wieder mal ausblenden. Und bei diesem Ausblenden findet er sich unversehens in Gesellschaft all der illustren Gestalten der bewussten Zwanziger. Plötzlich ist Hemingway sein Gesprächspartner, „Gert“ Stein (großartig: Kathy Bates) will sich mal seinen Roman ansehen, sobald sie damit fertig ist, Picassos abstraktes Gemälde einer schönen jungen Frau in Grund und Boden zu stampfen. Ansonsten hängt er ab mit Zelda und Scott, mit Salvador und Bunuel. Unversehens lebt er in seiner eigenen Nostalgie.

Er transportiert seine Begeisterung für das Lebensgefühl der goldenen Zeit in die Gegenwart, und die freundlichste Reaktion seiner Braut ist: „Your brain tumor is acting up“. Owen Wilson gehört nun wirklich nicht zu meinen Favoriten, aber für diese Rolle hätte ich mir keinen Anderen vorstellen können. Er ist der Woody in diesem Gil, der nicht nur seine Zeitreise in die Vergangenheit hat. Gil hat eine Zukunft.
Ich musste den einfach lieben, und so wird es vielen gehen, auch wenn man noch nicht franko-, pariso- oder bibliophil ist. Man wird es. Wenigstens für die Dauer dieses Films. Und vielleicht bleibt auch ein bisschen davon hängen. Mit einem Schuss Woodyphilie. Das wäre schön.

Samstagabend nochmal um 21:30h im Cinenova Open-Air in Köln.
Ab 18. August 2011 in den Kinos.

(Szenenbild – Rechte: Concorde Filmverleih)




„Nichts zu verzollen!“ – Komödie über Streitigkeiten an der Grenze zwischen Belgien und Frankreich

Der Film Nichts zu verzollen ist eine französische Komödie von Dany Boon, die sich der europäischen Einigung im Allgemeinen und der Abschaffung der Zollgrenzen zwischen Belgien und Frankreich im Speziellen widmet. Ort der Handlung ist das belgisch-französische Grenzörtchen Courquain, welches durch das Schengener Abkommen seine wahrscheinlich größte Besonderheit verliert – den Schlagbaum an der gemeinsamen Grenze.

Für den belgischen Zöllner Ruben (Benoît Poelvoorde) bricht dabei eine Welt zusammen, denn „die Camenberts“ ((so nennt er die Franzosen)) mag er nicht wirklich (und das ist noch sehr freundlich ausgedrückt). Seine inoffizielle „Mission“ (gegen die verhassten Franzosen zu stänkern und agieren) scheint dabei manchmal wichtiger als seine eigentliche Aufgabe als Zöllner, wie beispielsweise das Verhindern von Drogenschmuggel. Sein Gegenpart auf der anderen Seite, der Zöllner Mathias (Dany Boon), sieht das mit dem Streit zwischen Belgien und Frankreich nicht so, wiewohl er natürlich auch auf Rubens Provokationen reagiert – teilweise sogar recht heftig…

Das macht seine Situation nicht unbedingt einfacher, denn schon seit einem Jahr pflegt er eine enge Beziehung über die Grenze. Was grundsätzlich kein Problem wäre, wenn nicht gerade seine Angebetene Louise die Schwester von Ruben wäre, was auch der Grund dafür ist, dass er die Beziehung mit Louise versucht geheim zu halten.

Die Situation wird – gerade für Ruben – immer schlimmer, je näher der Tag der Grenzöffnung kommt. So haben die Vorgesetzten auf belgischer und französischer Seite beschlossen, dass nach Schließung der festen Schlagbäume mobile Grenzkontrollen eingerichtet werden sollen. Diese Grenzkontrollen sollen gemischt besetzt werden und auch wenn Ruben noch hofft, dass dabei männlich/weiblich gemeint ist, ist natürlich damit belgisch/französisch gemeint. Es kommt wie es kommen musste – und Ruben und Mathias gehören gemeinsam einer solchen Kontrolle an und müssen versuchen mit einem klapprigen Renault R4 und einen einem Drogenspürhund ihre hoheitlichen Aufgaben zu erfüllen.

Ohne zu viel verraten kann man sich denken, dass es zu dem einen oder anderen Konflikt verbaler und non-verbaler Art zwischen Mathias und Ruben kommt, was durch auftretende Drogenschmuggler, redselige Wirtsleute und mehr komplettiert wird.

Sprachliches…

Dany Boons Erstlingswerk Willkommen bei den Sch’tis wird auf dem Kinoplakat von Nichts zu verzollen genannt, und wer diese Komödie kennt, der wird sich bei diesem Film schnell an die besondere Sprache des Filmes erinnern. Dort war die picardische Sprache ein Thema, die – zur besseren Verständlichkeit für das deutsche Publikum – in der deutschen Fassung durch einen fiktiven deutschen Dialekt ersetzt wurde. Ähnlich ist es bei Nichts zu verzollen, wo sprachliche Unterschiede zwischen dem in Frankreich gesprochenen Französisch und dem in Belgien gesprochenen Französischen durch unterschiedliche Dialekte präsentiert werden (wobei laut der Kritik der „Rheinischen Post“ das nicht so gut ausgeprägt ist, wie bei den Sch’tis).

Während die teilweise sich ziemlich dämlich anhörende Sprache in den ersten paar Minuten noch ziemlich irritierend wirkt, gewöhnt man sich recht schnell daran und kann im Verlauf des Filmes die Belgier und die Franzosen schon sprachlich unterscheiden. Wer die Sch’tis nicht kennt, kann sich eine Kostprobe im Trailer anhören.

Inhaltliches…

Der Film ist unterhaltsam und spielt mit vielen Klischees, wobei das zum Teil etwas einseitig (pro französisch) ist. Zwar wirkt die Geschichte an manchen Stellen etwas übertrieben, aber das ist bei einer Komödie nicht unbedingt außergewöhnlich. Die Charaktere sind – fast schon logischerweise – teilweise sehr überzeichnet dargestellt, aber gerade das macht auch ein wenig den Reiz des Filmes aus. Die Geschichte selbst ist nicht besonders komplex und lässt sich teilweise auch gut vorhersehen, aber hier gilt dann die filmische Variante von „der Weg ist das Ziel“.

Fazit

Der Film Nichts zu verzollen! ist ein guter Unterhaltungsfilm, bei dem man immer wieder über die abstrusen Einfälle und Dialoge lachen muss. Die Geschichte selber wirkt zwar an der einen oder anderen Stelle etwas konstruiert, aber das stört nicht wirklich. Die Schauspieler gehen in ihren Rollen auf und gerade die Hauptdarsteller Mathias und Ruben brillieren als die beiden Gegenspieler des Filmes, die sich notgedrungen zusammenraufen müssen, weil es so von ihnen verlangt wird.

Ungewohnt ist die spezielle Sprache, doch hat man sich da nach wenigen Minuten dran gewöhnt, macht es sogar ein wenig Spaß und weiß zu gefallen. Außerdem zeigt dies auch den enormen Aufwand, der im Rahmen der Synchronisation betrieben wurde.

Der Trailer

Nachfolgend der Trailer zum Film:




„Beginners“: Glücklicher sein als zuvor

Irgendwann muss man ja mal anfangen. Mit dem Freuen, dem Lieben und dem Leben. Dem Verarbeiten. Das mit dem Leben vergisst man manchmal, weil es so viel von dem anderen Zeug gibt, dem Trauern, Leiden, Weinen. Da bleibt kaum Zeit zum Leben. Und wir wissen doch alle, wie endlich das Leben ist.

Endlich ist es für Hal (Christopher Plummer), der gleich am Anfang des Films schon tot ist. Sein Sohn Oliver (Ewan McGregor) räumt das Zimmer aus, in dem er starb, ordnet seine Papiere, schmeißt seine Pillen ins Klo und übernimmt Hals Hund Arthur. Arthur ist putzig und hat eine kleine Denkrolle.

Hal war 75, als er an Krebs starb. Seine Frau Georgia (Mary Page Keller) war vier Jahre vorher gestorben, und kaum war sie tot, entschloss sich Hal, seine „andere Seite“ endlich auszuleben, die er während seiner 40 Jahre dauernden Ehe unterdrückt hatte. „Ich bin schwul“, erzählte er seinem verdutzten Sohn „und ich will diese Seite in mir jetzt ausprobieren.“

Die Geschichte wird quasi auf drei Ebenen in flashbacks erzählt: Olivers Kindheit, die vier Jahre nach Hals Verkündigung und die Zeit nach Hals Tod. Ab und zu unterbricht der Erzähler (Oliver) den Ablauf, und zeigt in einer Art Slideshow Dokumente der aktuellen Zeit, was man aß, sang, womit man arbeitete, und wer ab Ike (Eisenhower) bis Baby Bush grad Präsident war. Eine coole Idee, das.

Filmszene mit Christopher Plummer (li.) und Ewan McGregor (Bild: Universal)

Filmszene mit Christopher Plummer (li.) und Ewan McGregor (Bild: Universal)

Es gibt überhaupt viele heitere Momente, eine Comedy ist es trotzdem nicht, eher das, was die Amis „Dramedy“ nennen. Heiter mit Tiefe.

Olivers Mutter hat eine Schrägizität, die mich an „Harold and Maude“ erinnert. Sie ist jedenfalls nicht das, was man sich so unter der lieben Mutti vorstellt. Hal hält sich in diesem Eheleben weitestgehend bedeckt. Er wusste schon als Dreizehnjähriger, dass er schwul ist, aber die Zeiten waren damals nicht so, er heiratete und blieb seiner Frau, die er liebte, auch treu. Nun, wo sie tot ist, hat er endlich sein coming out, geht in Tanzbars und Lokale, wo sich Schwule treffen. Er zieht den jüngeren, strubblig-attraktiven Andy (Goran Visnjic) an Land, der sich zu älteren Männern hingezogen fühlt. Sie sind glücklich. Andy liebt Hal aufrichtig, und dass er nicht monogam ist, nimmt Hal gelassen hin. Es ist Andy, der bei ihm ist, als er stirbt.

Oliver, der seine Kindheit nicht ganz unbeschadet überstand, hat Bindungsängste. Einige kaputte Beziehungen hat er schon hinter sich, da trifft er die französische Schauspielerin Anna (Melanie Laurent, bekannt aus „Inglourious Basterds“) auf einer Kostümparty. Sie wohnt während der Dreharbeiten in einem Hotel, wo sie ihrer frischen Verliebung ein Heim geben. A home away from home. Als Oliver sie überredet, zu ihm zu ziehen und ihr dafür extra zwei Schubladen in seiner Kommode freigemacht hat, weint sie. Freie Schubladen haben so etwas Eingezogenes. Endgültiges. Klaustrophobisches.

Am besten hat mir Christopher Plummer gefallen, dem man bei seiner Vitalität und Präsenz den Sterbenden gar nicht abnehmen will. Selten ist jemand im Film so souverän gestorben. Goran Visnjic spielt den sanft verlotterten Andy mit wundervoller Leichtigkeit, und auf Melanie Laurent, die schöne Anne, freu ich mich in neuen Rollen. Ewan McGregor ist sehr gut, glaubwürdig, in der Rolle des Sohns in einer dysfunktionalen Familie. McGregor ist leider auch einer dieser Schauspieler, deren Namen ich nie spontan mit einem Gesicht verbinden kann. Und wenn ich sein Gesicht in einem Foto sehe, frag ich mich „Wer ist das noch mal?“ Aber für diese Rolle ist er genau der richtige. Er ist kein Held, er ist ein Überlebender.

Es gibt in diesem Film keinen Bösewicht, der zu bekämpfen wäre. Harmonie schwebt über Handlung und Hauptpersonen, alle sind freundlich, liebenswert, sehen toll aus. Da könnte man jetzt mäkeln: „Ach, son Friede, Freude, Eierkuchen Gedöns.“ Ja, vielleicht. Aber die Herzlichkeit, die Wärme und die Aufrichtigkeit dieser Figuren ist so fassbar, geht ans Herz und an die Nieren, wenn man sich darauf einlässt. Alle wollen nur glücklicher sein, als sie am Anfang sind, und irgendwie werden sie es auch.

„Life, liberty, and the pursuit of happiness…“, die der Amerikaner gern als seine Grundrechte ins Gespräch bringt, das ist das Ziel. Allerdings ist das dritte Wort eigentlich property, und Besitz und Glück werden ja gern mal verwechselt. Aber das Glück, ganz im Vertrauen, wollen wir das nicht alle, und sonst gar nichts?

Viereinhalb von fünf Punkten auf meiner privaten Richterscala.




Im Kino: Udo ist eben doch nicht Kurt Krömer

Mal wieder ins Kino gegangen, weil im WDR ein Interview mit Kurt Krömer über seine Rolle als „Udo“ zu sehen und zu hören war. Hat es sich gelohnt?

Natürlich ist Kurt Krömer im Detail immer ein Hinsehen wert. Im Film „Eine Insel namens Udo“ spielt Krömer aber gar nicht seine Rolle als Kurt Krömer, sondern einen eher schüchternen, etwas zerbechlichen Mann, ohne Krömers markante Brille. Er ist der Kaufhausdetektiv Udo, der von allen übersehen wird – „schwersichtbar“ eben – bis die Managerin Jasmin kommt und ihn wahrnimmt, samt Flecken im Hemd und seiner schrulligen Art. Sie ist auf ihre Weise eben selbst ein wenig kauzig, und so endet diese Komödie dann auch etwas naiv romantisch.

Gelohnt hat sich der Kinobesuch wegen der teils witzigen Dialoge und der schrägen Bilder. Auch die Grundidee, dass Udo unsichtbar sein kann und nur von seinen engen Freunden und eben von Jasmin gesehen wird, hat einen gewissen Reiz. Allerdings habe ich mich in der Mitte auch ein wenig gelangweilt, denn die Geschichte wird doch sehr in die Breite gewalzt. Übrigens waren wir im Kino auch fast allein – „Bad Teacher“ zieht doch mehr Leute an.

Im Abspann konnte man lesen, dass ARTE und der WDR die Mitfinanzierer waren. Also aufgepasst: Demnächst auf Ihrem Bildschirm „Eine Insel namens Udo“. Wahrscheinlich um Mitternacht.




„Alles koscher!“ – britische Komödie, die mit religiösen Klischees spielt

Bei Alles koscher! handelt es sich um eine britische Komödie. Thematisch geht es um Religionen – neben der jüdischen, die ja auch schon im Titel mehr als deutlich angedeutet wird, auch um die muslimische Religion. Hauptperson des Films ist der muslimische Familienvater Mahmud, der in der Londoner Vorstadt mit seiner Familie lebt, dort eine kleine Firma hat und bezüglich religiöser Regeln es nicht ganz so genau nimmt, denn der westliche Lebensstil gefällt ihm (und seiner Familie) schon.

Problematisch wird das ganze nur, als sein Sohn Rashid seine große Liebe heiraten will. Eigentlich wäre das kein Problem, doch er braucht dazu die Einwilligung des Stiefvaters der Braut. Dieser ist jedoch niemand Geringeres als ein sehr bekannter fundamentalistischer Prediger. Das gefällt Mahmud nicht wirklich, auch wenn er seiner kleinen Tochter immer was vom Kampf gegen die Ungläubigen erzählt. Doch für das Glück seines Sohnes ist er bereit, sich auch mal zu verstellen (dauert ja auch nicht lange…).

Kurz zuvor ist jedoch Mahmuds Mutter gestorben und bei der Regelung des Nachlasses fällt ihm plötzlich eine Adoptionsurkunde in die Hände – seine eigene…
Er versucht daher herauszufinden, wer seine leiblichen Eltern sind und schafft es zumindestens seinen ursprünglichen Namen herauszufinden:
Heute heißt er Mahmud Nasir, früher war er Solly Shimshillewitz – ein Jude!

Da bricht ein Weltbild zusammen und er versucht seine leiblichen Eltern zu finden. Hilfreich ist dabei der jüdische Taxifahrer Lenny, den er vorher noch immer wieder mal verflucht hatte und der ihn jetzt belustigt als Teil der Weltverschwörung begrüßt. Lenny erinnert sich an einen Shimshillewitz, der in der Nähe wohnte und man versucht gemeinsam ihn zu suchen.

Natürlich kommt es da zu Komplikationen, vor allem nachdem der Schwiegerstiefvater in spe überraschend vorzeitig auftaucht und wissen will, ob seine Stieftochter in eine gottesfürchtige muslimische Familie einheiratet…

Alles koscher! spielt gewitzt mit den Klischees der Religionen und der Historie, teilweise sogar recht drastisch. Die Identitätsprobleme Mahmuds werden sehr gut dargestellt, sowohl schauspielerisch als auch szenisch, wenn er plötzlich nur noch Juden um sich herum sieht (was nicht so ganz verwundert, da sie in direkter Nähe zu einer Synagoge spielt).

Auch die Vermutungen von ihm mehr (seine Frau) oder weniger (sein Imam) nahestehenden Personen über den Grund seiner momentan bemerkbaren Verwirrung sind gut dargestellt und auch noch amüsant.

A propos amüsant: Der ganze Film ist – was bei einer Komödie eigentlich auch so sein sollte – durchweg amüsant, dabei aber auch gesellschaftskritisch. Es ist jedoch kein Film, wo man noch über den einen Gag lacht, wenn der andere schon im Anflug ist – aber insgesamt gesehen kommt der Humor definitiv nicht zu kurz. In der Kino-Vorstellung, in der ich den Film gesehen habe, gab es daher auch diverse laute Lacher an besonders lustigen Stellen.

Doch ein wenig Kritik muss auch sein – denn gerade am Ende des Films gewinnt man den Eindruck, dass die Drehbuch-Autoren das ganze in eine bestimmte Richtung drängen wollten und es daher dann nicht so ganz mit der Logik und Glaubwürdigkeit nahmen. Da war schon etwas zu viel Deus ex machina – aber irgendwie passt das ja bei einem Film zum Thema Religion(en).

Der Trailer „Alles koscher!“
Nachfolgend gibt es den Trailer zum Film – wobei ich persönlich vielleicht den Trailer erst nach dem Besuch mir anschauen würde (so versuche ich es generell bei Komödien zu halten – womit ich aber in diesem Fall nicht andeuten will, dass man gerade mal 100 Sekunden was zu lachen hat!) … aber der Vollständigkeit halber ist er hier:




„The Tree of Life“: Evolution und Alltag

Meine weise Oma mahnte gern: „Kind, geh nicht am Samstagnachmittag ins Kino, wenn es regnet.“ Sie hatte wie immer Recht.

Mein Leib- und Magenkino, das Metropolis in Köln, war krachend voll, obwohl der Film als OF angekündigt war. Solchen Informationen ist nie zu trauen: es war OmU. Es wird allerdings im Film ziemlich wenig gesprochen, und das bisschen Text wurde nur blitzartig kurz eingeblendet. So gesehen…

Der Film also, von dem ich nicht mal Trailer gesehen, von dem ich generell nur kurz eingestöhnte: „Hach, schön…“ vernommen hatte, begann dramatisch. Weniger die Handlung (erst mal keine für ne gefühlte Stunde) als die Bilder. Bilder in überwältigenden Farben und Beweglichkeiten. Überwältigend! GEO und National Geographics all rolled in one mit orchestraler Musik dazu. Die Evolution im Zeitraffer. Prächtige Szenen mit Vogelschwärmen, die balletös ihre Choreographien in den Himmel tanzen.

Es ist eine solche Wonne, den Meeren und Urwäldern, den Vulkanen und Gletschern, Meteoriten und der eruptierenden Sonne beim Evolutionieren zuzuschauen, dass man vorübergehend ganz vergisst, dass doch nun bald mal Brad Pitt, Jessica Chastain und Sean Penn ins Bild treten sollten. Das tun sie dann aber auch. Die Menschenstory des Films beginnt. Bezeichnend ist, dass es kleine Episoden sind, die nicht sofort in einem Zusammenhang stehen. So erkennen wir zwar an den Reaktionen der Eltern, Mr. & Mrs. O’Brian (Pitt, Chastain), dass etwas Schreckliches passiert sein muss, aber wir sehen nicht, wie, wir ahnen das Was.

Wir sehen in Flash-backs die Geburten der drei Söhne, wie sie in den Fünfzigern in der Kleinstadt Waco in Texas aufwachsen, ein ganz normales Leben führen. In der ruhigen Straße spielen, Unsinn machen, mit Nachbarskindern Streiche aushecken. Wir fühlen ihre vertrauensvolle Zuneigung zur Mutter, einer elfenhaften jungen Frau, die ihre Kinder liebt, ihnen Raum gibt, ihre starke innere Bindung zu ihnen, ganz besonders zu Jack. Ihre Liebe soll ihnen die Kraft geben, die unkontrollierten Ausbrüchen des Vaters durchzustehen. Der Vater ist ein strenger Mann. Er ist emotional verschüttet. Er bedrängt die Kinder, misshandelt sie seelisch. Besonders der älteste Sohn, Jack, leidet unter ihm, versucht sich mit ihm auseinander zu setzen. Mr. O’Brian wäre gerne ein guter, ein perfekter Vater, er möchte gern eine funktionierende, eine liebevolle Beziehung zu seiner Frau und den Söhnen, aber er kann aus seinem Korsett nicht raus. Er wäre gern ein Künstler geworden, ein Pianist, spielt aber nur Orgel in der Kirche und zu Hause am Klavier.
Es ist ein Leben, das Millionen von Amerikanern so gelebt haben, so auch in Zukunft leben werden.

Die kurzen Episoden sind immer wieder von den dramatisch schönen Bildern der Schnee- und Sandwüsten und Gebirge und Tetonen, der Saurier und Meeresbewohner umrahmt. Eine ruhige Stimme legt sich über die Szenen mit der Familie.
Trotz der Wucht der Bilder, trotz der tyrannischen Vaterfigur, trotz der elfengleichen Mutter ist es ein harmonischer Film.
Jessica Chastain ist… lieblich und herb zugleich. Worte, die ich eher bei der Beschreibung von Wein anwende. Sie ist Harmonie in einen schönen kleinen Körper gegossen. Es gibt eine Szene, in der sie auf dem räudigen Rasen vorm Haus steht und sich mit dem Gartenschlauch die Füße – schöne Füße – abwäscht. Ich rieche den warmen Sommerabend, spüre die flirrende Luft, höre die Abendgeräusche – und mittendrin Jessica Chastain, Mrs. O’Brian, die Waldfee mit dem plätschernden Wasser. Sinnlich.

Brad Pitt gab diesmal nicht den knackigen Helden. Die ersten Bilder zeigen ihn von hinten seitlich, was ihn bräsig und ein bisschen schweinebackig aussehen lässt. Später tritt er als korrekt gekleideter, disziplinierter Büroangestellter auf. Sean Penn – der “dignified” altert – ist der erwachsene Sohn Jack. Sean Penn ist… nun, Sean Penn, den ich sehr schätze.
Der Regisseur, Terrence (Terry) Malick hat erst vier Filme gemacht. Nun kenne ich drei davon. “A thin red Line” ist einer davon. An seinen Ersten, „Badlands“ erinnere ich noch sehr gut. Da spielte übrigens Sissy Spacek mit, damals grade 24, sechs Jahre jünger als Chastain in „Tree of Life“. Die beiden sind sich frappierend ähnlich. Ich bin nicht überrascht über die Besetzung in Malicks nächstem – bisher titellosem – Film, der 2012 rauskommen wird. Hier spielt Chastain wieder mit. Zusammen mit Javier Bardem. Vorsichtige Vorfreude ist angesagt.

Bis dahin schaut Euch „Tree of Life“ an, lasst es auf Euch wirken, lasst Euch darauf ein. Trotz einiger Abstriche, auf die ich bewusst nicht eingehe, ist das ein sehenswerter Film.

Von mir vier Sterne auf meiner eigenen Richterscala von Fünf.




„Source Code“: Floh im Kopf

Meine Oma war eine weise Frau. Und sie kannte alle guten Ratschläge, die eine Oma zu kennen hat. Einer der wichtigsten war „Kind, lass dir keinen Floh in den Kopf setzen“. Oma zitierte nicht immer ganz korrekt, aber doch treffend. Um so einen Floh im Kopf geht‘s hier.

Colter Stevens (Jake Gyllenhaal) findet sich als Passagier in einem Zug, der nach acht Minuten Laufzeit des Films explodiert. Und nun kommt so eine Art Molekülar Science ins Spiel. Ein militärisches Team von Wissenschaftlern hat ausgetüftelt, wie man Hirne von Menschen auch nach deren Ableben noch anzapfen kann.

Also haben wir hier einen Science Fiction-Film. Nicht so mein Fall, normalerweise. Weil das oft so weit hergeholt ist, dass es bereits ans Fantasy-Genre grenzt. Und viel Fantasie braucht man hier schon, und allerhöchste Aufmerksamkeit. Außerdem tendiert der Film auch stark in Richtung Thriller. Die Science, auf der diese Operation beruht, scheint jedenfalls ziemlich fragwürdig, auch wenn der Zweck die Mittel heiligt. Denn im Verlauf des Films wird Colter versuchen, die Vergangenheit zu verändern.

Vielleicht sollte ich hier davor warnen, weiterzulesen, weil es nicht ohne einige verräterische Hinweise abgeht, wenn ich überhaupt irgendwas über den Inhalt des Films erzählen soll – spoilers also –, aber ich verrat doch mal ein bisschen.

Colter also befindet sich plötzlich in diesem Zug und spricht mit der ihm unbekannten Christina (Michelle Monaghan), die ihn aber zu kennen scheint, und die ihn “Sean” nennt. Als Colter sich im Bordklo im Spiegel anschaut, erkennt er sich nicht, ein fremdes Gesicht blickt ihm entgegen. Nach und nach erfährt er, was die Militärwissenschaftler vorhaben. Colter, der nach eigenem Wissensstand grad einen Einsatz im fernen Osten hinter sich hat, ist in den Kopf eines Mannes gebeamt worden, der an Bord des explodierten Zuges war. Colter Stevens jedoch befindet sich in einem militärischen Labor, seine Ansprechpartnerin ist die Wissenschaftlerin Colleen Goodwin.

Im Zug gab es keine Überlebenden. Um dem Attentäter auf die Spur zu kommen, muss Colter also wieder und wieder die letzten acht Minuten vor der Explosion durch die Wahrnehmung des Passagiers Sean erleben. Er soll jede noch so kleine Handlung, Äußerung, Bewegung registrieren und ihr nachgehen. So, das hoffen die Militärs, wird er ihnen helfen, den Bombenleger zu finden und weitere Anschläge zu verhindern. Wie er seine Beobachtungen verwertet, bleibt Colter überlassen. Er hat Handlungsfreiheit, aber schnell sollte es gehen. Immer wieder laufen die acht Minuten an ihm vorbei, und er merkt, dass er sich an seine vorherigen Beobachtungen erinnert. Die anderen in seinem Abteil haben diese Erinnerungen nicht. Alles, was Colter in den jeweiligen acht Minuten tut, erleben sie zum ersten Mal.

Im üblichen Action-Thriller dieser Art gibt der Täter meistens nachträglich kleine Hinweise, er ruft an, droht, fordert, pöbelt oder hinterlässt ganz allgemein Spuren, denen die Polizei nachgehen kann. Das ist hier nicht der Fall, denn alle Spuren, die auf ihn hinweisen könnten, sind ja mit der Explosion in Feuer und Flamme verschmaucht.

Das alles ist wirklich sauspannend, wenn man es einfach auf sich wirken lässt. Hinterfragen sollte man die wissenschaftliche Durchführbarkeit nicht. Nicht umsonst nennt man solche Filme Science FICTION. Andererseits, Männer sind über den Mond spaziert, Herzen wurden verpflanzt, ganze Körperteile sogar… warum nicht auch Hirnaktivitäten?

Mir hat der Film gut gefallen, abgesehen von der hochgradigen Spannung seh ich Jake Gyllenhaal sehr gern, und Michelle Monaghan (keine der Hollywood- Zuckerbäcker-Cuties) auch.

Duncan Jones, der Regisseur, der ja schon 2009 mit „Moon” ein spannendes SciFi-Thema verfilmte, hat die richtige Einstellung: Man nimmt eine abwegige Idee und schaut mal, wohin sie führen kann. Übrigens ist Jones der Sohn von David Bowie und „Source Code” ist erst sein zweiter Film. Bleibt Sci-Fi vielleicht sein Thema? Wenn die kommenden Filme auch so spannend werden, why not? Da geb ich gern 4 Punkte auf einer Skala von 5.

(Foto: Szene mit Jake Gyllenhaal – Bild: Kinowelt Verleih)




Nostalgisches Kino: „Wasser für die Elefanten“

Jacob Jankowski ist irgendwas über die Neunzig, so ganz genau weiß er das nicht mehr. Eben noch mitten im turbulenten Trubel seines Familienlebens steckend, findet er sich in den Niederungen eines Seniorenheimes wieder. Hauptsächlich damit beschäftigt, etwas für seine Würde zu tun. Als ein Wanderzirkus seine Zelte auf dem Parkplatz vor dem Seniorenheim aufschlägt, träumt er sich in seine Vergangenheit zurück. In die Zeit, welche die schönste und zugleich auch die schlimmste seines Lebens war. Im Amerika der 30er-Jahre-Depression steht er – Student einer Elite-Universität – nach einem Schicksalschlag plötzlich vor dem Nichts und findet sich unvermutet wieder als Tierarzt bei „Benzinis spektakulärster Show der Welt“ , einem der legendären Eisenbahn-Zirkusse jener Zeit. Die Autorin Sara Gruen erzählt in ihrem Roman Jacobs Geschichte auf zwei Zeitebenen so zart und liebevoll wie leidenschaftlich und bildgewaltig. Das Buch (Rowohlt-TB) lag all jenen am Herzen, die sich nach einer seelenvollen Geschichte sehnten. Einer Geschichte mit einem ebenso überraschenden wie befriedigendem Ende.

Nun also der Film. Es heißt, Sara Gruen sei begeistert gewesen. Ihre Leser werden ihr größtenteils zustimmen. Der Film folgt der vorgegebenen bescheidenen Linie, verzichtet auf Effekthascherei und Sensationsgier. Darstellerisch überzeugte er mich nur bedingt. Es fragt sich, ob Robert Pattinson mehr als zwei Gesichtsausdrücke zu bieten hat, Reese Witherspoon kann eigentlich auch anders als nur unterkühlt. Ihre Marlena ist in der Buchvorlage nur vordergründig kühl, ihre besondere Gabe zur Zärtlichkeit kommt deutlich zum Tragen. Böse Zungen behaupten, der Elefant sei der beste Darsteller gewesen, aber es gab ja auch noch Christoph Waltz. Seine Rolle ist eine ambivalente, was ihm bekanntermaßen liegt. Folgerichtig ist sein August die Rolle, welche dem Zuschauer am endrucksvollsten in Erinnerung bleibt.

Die Film-Adaption erinnert an das gefühlige Kino  der 80er Jahre. Heute wirkt sie altmodisch. Im guten Sinne. Die nostalgische Atmosphäre des Films, seine wehmütige Dichte bieten Kino zum Träumen und zum Eintauchen in eine fremde Welt.

„Wasser für die Elefanten“ läuft – noch – in den großen Multiplex-Kinos in Essen, Bochum und Dortmund.