Spröder Charme und Lockung des Geldes – Impressionen aus Europas Kulturhauptstadt Stockholm

Aus Stockholm berichtet
Bernd Berke

Man stelle sich vor: Ein Theater, das auf seinen sieben Bühnen bis zu 1400 Aufführungen im Jahr abliefert und von morgens 10 Uhr bis zum späten Abend in Betrieb ist. In dem Gebäude herrscht schon tagsüber ein Kommen und Gehen wie in einer deutschen Großstadt-Fußgängerzone am Samstag. So etwas gibt s vielleicht nur in Stockholm, der neuen „Kulturhauptstadt Europas“.

Stockholms „Stadsteater“, einst mit sozialistischer Zielsetzung städtisch gegründet und künstlerisch meist im Schatten des königlichen „Dramaten“, befindet sich im riesigen Glas- und Beton-Kasten „Kulturhuset“ am „Sergels Torg“ inmitten der Stadt.

Melancholie am Saum des Kontinents

Nein, schön ist dieses Zentrum der schwedischen Hauptstadt nicht. Man erschrickt über Architektursünden sonder Zahl. Eine Internationale Bauausstellung, die einige Scheußlichkeiten hatte mildern können, wäre im Kulturjahr keine üble Sache gewesen. Immerhin gibt’s eine Fachkonferenz zum Thema.

Es lastet zu dieser Jahreszeit immer noch eine fast durchgehende Dämmerung auf der Stadt. Derlei Düsternis hat wohl schon manchen Winter-Touristen mit sanfter Melancholie erfüllt. Die Schweden trösten sich mit der Vorfreude auf helle Mittsommerwochen.

Besucher der Euro-Kulturhauptstadt, die mit rund 1200 Veranstaltungen lockt, tun jedenfalls gut daran, sich vor allem die Altstadt rings ums königliche Schloß anzusehen. Hier spürt man den (spröden) Charme dieser Kapitale. In besagtem Schloß verrichtet König Carl XVI. Gustav nur noch seine Amtsgeschäfte, ansonsten residieren er und seine Gattin Silvia draußen vor den Toren der Stadt – im idyllischen Schloß Drottningsholm.

Bestens erhaltenes Barocktheater

Auf dem gleichen Areal erhebt sich auch das 1764-66 erbaute, wohl besterhaltene Barocktheater der Welt mit einer fabelhaften Illusionsbühne und funktionierender Maschinerie. Hier gibt es im Sommer Ballett und Musiktheater vor historischer Kulisse, in diesem Jahr z. B. Opern von Gluck. Für König und Königin sind zwei Zuschauersessel in der ersten Reihe reserviert.

Peter Wahlqvist, Intendant des Stadsteater, hofft mit allen Veranstaltern der „Kulturhauptstadt“, daß Schweden nun ein wenig aus seiner kulturellen Randlage in Europa herausfindet. Umgerechnet rund 120 Mio. Mark stehen zur Verfügung, mit rund 60 Ländern in aller Welt kooperiert man. Bereits der famose Auftakt war außereuropäisch: Ein japanisches Feuerwerk zauberte tausend Farben an den Himmel über Stockholm.

Robert Wilson, Peter Brook und Pina Bausch gastieren

Mit gutem Geld lassen sich Berühmtheiten des Welttheaters in die von Ostsee-Schären umsäumte Millionenstadt holen. Beispielsweise Robert Wilson, Robert Lepage, Peter Brook und – erstmals seit über 16 Jahren in Schweden – Wuppertals Tanztheaterchefin Pina Bausch. Wilson inszeniert August Strindbergs „Ein Traumspiel“, Lepage führt im Stockholmer E-Werk bei Fernando de Rojas „Celestina“ Regie, Brook zeigt Mozarts „Zauberflöte“, Pina Bausch unter anderem „Café Müller“.

Die bekanntesten Kulturschaffenden Schwedens steuern gleichfalls Neues bei: Film- und Theaterregisseur Ingmar Bergman sorgt für die Uraufführung von Per Olov Enquists Stück „Bildermacher“, der Dramatiker Lars Noren hat sein Drama „Personenkreis 3:1″ für die Bühne eingerichtet (zu neuesten Querelen zwisehen Noren und Bergman siehe Meldung auf dieser Seite).

Ein 69 Meter langer Mythos der Seefahrt

Das meistbesuchte Museum der Stadt heißt „Vasa Museet“. Hier kann man das erst 1961 geborgene, 69 Meter lange Kriegsschiff „Vasa“ fast im Originalzustand bestaunen. König Gustav II Adolf hatte es anno 1625 in Auftrag gegeben. Der Größenwahn des Monarchen, nachträglich eine weitere Kanonen-Etage obenauf setzen zu lassen, brachte die Dimensionen des Schiffs völlig aus der Balance. Schon bei der Jungfernfahrt im Jahre 1628 vor Tausenden von Zuschauern, kenterte und sank der „stolze“ Dreimaster – in Schweden ein Mythos von „Titanic“-Ausmaßen. Just vor diesem Schiff sollen im Rahmen des Kulturjahres die Berliner Philharmoniker spielen. Das werden erhabene Momente sein.

Programme der Euro-Kulturhauptstadt sind (in englischer Sprache) erhältlich über: Box 16398, SE-10327 Stockholm, Schweden (Tel.: 0046 8-698 1998).




Kultur muß bohrende Fragen stellen – August Everding in Dortmund: Musicals sind nur „Amüsemang“

Von Bernd Berke

Dortmund. Die dichte Bühnen-Landschaft des Reviers findet er einfach großartig. Daß man hier gelegentlich zwei Varianten derselben Oper in zwei benachbarten Städten sehen könne, sei doch eine Gnade. Dies sagt einer, der es wohl wissen muß: August Everding, Generalintendant der Bayerischen Staatstheater, Präsident des Deutschen Bühnenvereins und Inhaber vieler anderer ehrenvoller Kulturämter. Gestern weilte der gebürtige Bottroper – „erstmals seit 30 Jahren“ – in Dortmund.

Bei einer Pressekonferenz im Dortmunder Harenberg City-Center, wo er am Abend aus seinem Buch „Zur Sache, wenn’s beliebt“ las. machte sich der ungebrochen vitale und redegewandte Everding (nächtliche Schlafzeit: vier Stunden) abermals für öffentlich geförderte Kultur stark. Er verstehe gut das Unterhaltungsbedürfnis und den Run aufs Musical, er selbst inszeniere hin und wieder ein solches. Aber wirkliche „Kultur“ sei das alles nicht – und auch kein echtes Amüsement, sondern, wie der Berliner schnoddrig sage, bestenfalls „Amüsemang“. Nach einem Musicalabend „sind alle Fragen gelöst und alles ist befriedet“. Kultur müsse hingegen bohrende Fragen stellen, müsse eine Art Unfrieden stiften. Dies werde eine Produktion, die ohne öffentliches Geld wirtschaften müsse, niemals riskieren.

Mit einem halben Liter Wasser durch die ganze Wüste

Subventionen tun also not. Everding kennt die Zahlen, kennt die Verhältnisse genau: „Private Sponsoren geben jährlich 550 Mio. DM für Kultur. Bund, Länder und Gemeinden wenden pro Jahr 15 Millarden DM dafür auf – ungleich mehr also, aber nur „gerade mal ein Prozent des Bruttosozialprodukts.“ Sollte dieser Betrag gekappt werden, dürfe sich Deutschland nicht mehr Kulturnation nennen.

Irreführend sei schon die landesübliche Wortwahl. Everding: „Es ist ganz falsch, wenn man sagt, die Theater sollten „sparen“. Sparen könne im Grunde nur, wer zuviel Geld habe. Beim Theater komme man sich aber inzwischen so vor, als müsse man „mit einem halben Liter Wasser durch die ganze Wüste gehen.“ Und wie soll es dann richtig heißen? Everding: „Wir können nicht sparen, sondern uns höchstens noch mehr einschränken.“

Berliner Größenwahn? – „Ich bleibe in München!“

Einschränken? Ja, beispielsweise durch Theaterfusionen, wie es sie landauf landab immer häufiger gibt. Everding sieht darin freilich kein Allheilmittel. Eine Kooperation wie bei der Rheinoper Düsseldorf / Duisburg habe sich bewährt, beim neu gebildeten „Schillertheater“ (Wuppertal und Gelsenkirchen) müsse man die Entwicklung abwarten. Grundsätzlich gelte: „Jedes Stadttheater ist erhaltenswert, der Vielfalt wegen.“

Everding nahm in Dortmund auch zu neuesten Gerüchten Stellung, die Wiens Burgtheater-Intendant Claus Peymann – wie berichtet – in einem „Spiegel^-Gespräch aufgebracht hatte. Everding, so hatte Peymann lanciert, sei weit und breit der einzige Mann, der ein gigantisches Berliner „National-Theater“ der Zukunft leiten könne und der (im Verein mit Berlins Kultursenator Radunski) auch gezielt darauf hin arbeite.

August Everding stellte gestern klar: „Ich bleibe in München!“ Eine Zusammenfassung der Berliner Bühnen unter dem Dach eines National-Theaters wäre nach seiner Meinung sowieso Größenwahn. Everding allergisch: „Wenn ich schon das Wort ,national‘ höre…“




Die Winnetou-Klischees muß man ganz rasch vergessen – Ausstellung über indianische Kulturen in Münster

Von Bernd Berke

Münster. Vorurteile beiseite: Wenn wir ganz allgemein von „den Indianern“ reden, dann ist es ungefähr so. als wenn sich ein Nordamerikaner sämtliche Deutschen in kurzen Lederhosen und mit Maßkrügen vorstellt. Das und noch viel mehr lernt man jetzt in einer Ausstellung des Münsteraner Naturkundemuseums.

„Prärie- und Plains-Indianer“ heißt die mit 700 Exponaten ausgesprochen umfangreiche, jedoch sinnfällig gegliederte Schau. Mit den Plains sind die großen Grasebenen gemeint. Der Überblick richtet sich auf einen riesigen Landstreifen zwischen Mississippi (Osten) und Rocky Mountains (Westen), der sich nordwärts von Texas bis ins kanadische Saskatchewan erstreckt. In diesem Gebiet konnte man einmal rund 50 Grundtypen indianischer Kulturen deutlich unterscheiden, mit Verzweigungen waren es rund 1000 Untergruppen. Um nochmals den Vergleich mit Europa heranzuziehen: Manche dieser Stämme, wie zum Beispiel Sioux, Navajo, Arapaho, Shoshoni oder Cree, hatten weit weniger miteinander gemein als etwa Deutsche, Engländer und Franzosen.

Phantasien aus dem Kinderzimmer

Die Ausstellung beginnt mit dem liebevollen Nachbau eines mitteleuropäischen Kinderzimmers, in dem so gut wie alle Indianer-Klischees versammelt sind, die durch unsere Phantasie spuken. Wir sollen uns also Winnetou & Co. aus den Köpfen schlagen. Fast ein bißchen schade, aber wünschenswert. Auch auf Zeitgeist-Varianten des Klischees, die Verehrung der „edlen Wilden“, der spirituellen Lehrmeister im ökologischen oder esoterischen Sinne, sollen wir uns am besten gar nicht erst einlassen. findet Museumsdirektor Dr. Alfred Hendricks.

Nahezu alle Medien werden genutzt, um die Botschaft zu übermitteln: Filme und Dias führen ins Thema ein, Fotoabzüge dokumentieren das Leben in den heutigen Reservaten, Pflanzen und ausgestopfte Tiere repräsentieren die natürliche, inzwischen weitgehend vernichtete Umwelt, neuere indianische Kunst läßt den Spagat zwischen Aneignung hergebrachter Traditionen und Bewußtseinswandel ahnen. Einige Werke sind eigens für diese Ausstellung entstanden, so etwa ein fünf mal fünf Meter großes Sandbild von Joe Ben Junior.

Pferde und Zelte sind nur Nostalgie

Besonders anregend sind die Installationen und Aufbauten, etwa mit authentisch eingerichteten Tipis (Sioux-Sprache für: „benutzt, um darin zu wohnen“), Zelten also, die heute freilich fast nur noch zu besonderen Festivitäten (Powwows) aufgestellt werden. Längst wohnen auch Indianer in Häusern aus Stein oder Holz. Und sie sitzen auch nur noch ganz selten auf Pferden. Die Reittiere wurden damals übrigens erst von den Spaniern nach Amerika gebracht und lösten bei den indianischen Völkern nur ganz allmählich die Hunde als bevorzugte „Transporteure“ ab.

Starke Kontraste sind ein Prinzip der ebenso gelehrsamen wie unterhaltenden Schau. Zum Thema indianische Nahrungsgewohnheiten sieht man einerseits karges Trockenfleisch und Beeren, andererseits eine Vitrine mit Hamburgern und Supermarkt-Waren. Beabsichtigter Aha-Effekt: Mit diesem wertlosen Zeug haben wir die einst so naturnahen Indianer verdorben.

Das Aha-Erlebnis mit der Glühbirne

Überhaupt wird’s stellenweise gar zu schlicht pädagogisch: Um in einen Raum zu gelangen, der von der zerstörerischen Besiedlung durch die Weißen handelt, muß man über die lebensgroße Fotografie zweier indianischer Menschen schreiten. Soll selbstverständlich heißen: Wir haben die Kultur der amerikanischen Ureinwohner mit Füßen getreten. Da sieht man geradezu die Glühbirne vor sich, mit der einem ein Licht der Erkenntnis aufgehen soll.

„Prärie- und Plains-lndianer“. Westfälisches Naturkundemuseum. Münster, Sentruper Straße 285, direkt am gut ausgeschilderten Allwetterzoo (Tel. Museum: 0251/591-05).Bis 14. April 1996, tägl. außer montags 9 bis 18 Uhr. Eintritt 5 DM, Kinder 2 DM. Gruppenführung nach Voranmeldung 30 DM. Begleitbuch zur Ausstellung soll in Kürze erscheinen.




Als die alten Chinesen ihre Erfindungen machten – Ausstellung in Hildesheim spannt Bogen über 5000 Jahre

Von Bernd Berke

Hildesheim. Wir wissen nicht, wer Rad und Feuer erfunden hat. Wir wissen aber, wer zuerst Schießpulver und Papier hergestellt hat. Es waren Menschen im alten China. Eine große Ausstellung in Hildesheim zeigt nun, daß die Ostasiaten der übrigen Welt noch auf vielen anderen Gebieten weit voraus gewesen sind.

Kein Jahr ohne opulente China-Schau. Wenn Dortmund schon mal keine zeigt (wie 1990 und 1993), springen eben andere ein. „China – eine Wiege der Weltkultur“ heißt die Präsentation im Roemer- und Pelizaeus-Museum. Sie ist den Dortmunder Highlights an Bedeutung ebenbürtig, konzentriert sich aber nicht auf eine Epoche wie etwa die Tang-Dynastie, sondern spannt den Bogen vom Neolithikum bis ins 19. Jahrhundert. Mit rund 300 Exponaten aus einem Zeitraum von 5000 Jahren werden Resultate der ungeheuren chinesischen Erfindungsgabe vorgeführt.

Auch Papiergeld hielten zuerst Chinesen in den Händen. Auf einem ausgestellten Schein wird etwaigen Fälschern ausdrücklich mit Enthauptung gedroht. Die alten Chinesen waren nicht nur Urheber des Papiers, sondern auch – lange vor Gutenberg – des Druckes mit beweglichen Lettern. Sie haben nicht nur als erste Porzellan produziert, sondern auch Lack und Seide. Fast nebenbei setzten sie auch noch Maßstäbe in der frühen Medizin und der Astronomie. Außerdem waren sie wagemutige Seefahrer, die alsbald zu großen Entdeckungsreisen aufbrachen. Aus all diesen Bereichen hält Hildesheim etliche Kostbarkeiten bereit.

Verblüffend praktische Alltagsdinge

Doch nicht nur Großtaten sind zu preisen. Die Ausstellung enthält auch verblüffend praktische Alltagsdinge, etwa jene rundum vergoldete Dienerinnenfigur. (ca. 150 v. Chr.) aus der Han-Dynastie, die als Palast-Lampe fungierte und.im berühmten Grab der Fürstengemahlin Dou Wan gefunden wurde. Der Lampenruß wurde in den Arm der Dienerin geleitet und verschmutzte daher nicht den Raum.

Frappierend auch jene mannshohe Figur (Ming-Dynastie, um 1443), an der sich Lehrlinge der Akupunktur übten. Der bronzene Modellmensch ist mit numerierten kleinen Löchern übersät. Er wurde mit Wasser gefüllt und sodann gänzlich mit Wachs überzogen, so daß man die Stellen nicht mehr sehen und die Flüssigkeit nicht austreten konnte. Der Akupunktur-Nachwuchs mußte nun unter dem strengen Blick der Lehrer zustechen. Nur wenn die richtigen Punkte getroffen wurden, rann Wasser aus der Figur. Solche Prüfungen müssen ziemlich spannend gewesen sein.

Goldfäden und Doppel-Phallus

Prachtvollstes Schaustück ist wohl das Grabgewand besagter Fürstin Dou Wan. Es besteht aus über 2000 Nephrit-Plättchen (eine Art Jadestein), die von feinen Goldfäden zusammengehalten werden. Das hervorragend erhaltene Gewand hüllte die Verstorbene wie ein Schuppenpanzer ein und sollte ihr ein Fortleben im Jenseits garantieren. Im Grab ihres Gatten Liu Sheng fand sich auch Frivoles: der Doppel-Phallus aus Bronzeblech mag, wie der Katalog erwägt, schon dem Lebenden als Requisit beim Liebesspiel gedient haben. Als Grabbeigabe erlangte das Stück symbolisch-rituelle Funktion.

Bereits in Dortmund konnte man über Spontaneität und Alltagsnähe des Kunsthandwerks zumal aus der Tang-Dynastie staunen. In Hildesheim ist’s nicht anders.

Altchinesische Kaisergräber bergen unterdessen noch ungeahnte, seit Errichtung nie gesehene Schätze. Nicht einmal zu Maos Zeiten, weiß Hildesheims Museumsleiter Prof. Arne Eggebrecht, haben sich Archäologen ins Innere gewagt. So machtvoll wirkt die Ehrfurcht vor den Jahrtausenden.

„China – eine Wiege der Weltkultur“. Roemer- und Pelizaeus-Museum, Hildesheim (Tel.: 05121/93690). Ab Sonntag, 17. Juli., bis 27. November 1994. Eintritt 12 DM. Täglich (auch montags) 10-18, donnerstags 10-20 Uhr. Katalog 65 DM.




Das Prinzip Hoffnung prägt die Kulturpolitik – Dezernenten von 25 Kommunen tagten

Von Bernd Berke

Krefeld. Seitdem das Land Nordrhein-Westfalen an der Kultur spart, rücken die Städte enger zusammen. Immer öfter wird bei Veranstaltungen kooperiert, was die Finanzen schont. Schaltstelle ist das Wuppertaler Sekretariat für gemeinsame Kulturarbeit. Doch auch dort wird jetzt der Rotstift angesetzt.

Gestern versammelten sich die Kulturdezernenten aller 25 Mitgliedsstädte des Sekretariats in der idyllischen Krefelder Villa „Haus Greiffenhorst“. Was sie zu bereden hatten, war weniger behaglich. Der Vorsitzende dieses Kreises, Dortmunds Kulturdezernent Dr. Gerhard Langemeyer, sagte, den Kernbestand an gemeinsamen Veranstaltungen wolle man retten, doch man werde „fundamental nachdenken“ und Opfer bringen müssen. Sprich: Nicht alle Festivals und Austauschprogramme des Sekretariats sind gesichert.

Langemeyer erinnerte an die Alarm-Parole der letzten Städtetags-Konferenz: „Städte in Not“. Beispiel Dortmund: 10 Prozent weniger Landeszuschüsse für die Kultur schon in diesem Jahr, das bedeute ein Minus von 400 000 Mark. Man werde vor allem bei Gastspielen kürzer treten müssen. Im nächsten Jahr werde alles wohl noch schlimmer kommen.

Sekretariats-Leiter Dr. Dietmar N. Schmidt meinte, die Kulturdezernenten hätten zwar nicht durchweg „in Molltönen geredet“. Doch als er ein bereits gedrucktes Programm-Faltblatt gemeinsamer Aktivitäten der Städte vorstellte, tat er’s nicht ohne Vorbehalte: „Ich gehe davon aus, daß es stattfindet“, hieß die vorsichtige Standardformel bei nahezu allen Tanz-, Musik- und Theater-Festivals.

Ganz exakt konnte Schmidt den Geldschwund seines Sekretariats zwar nicht beziffern. Doch es dürfte sich um eine runde Million DM handeln – bei etwa 15 Millionen Gesamtvolumen, in denen allerdings auch schon private Sponsorenmittel enthalten sind. Schmidt findet die Kürzung der Landesmittel „schizophren“, da die Städte doch gerade durch jene Zusammenarbeit sparen könnten, die nun geringer gefördert werde. Man sei, so Schmidt etwas geknickt, „kalt erwischt worden“.

Krefelds Kulturdezernent Roland Schneider beschwor unterdessen die solidarische Schicksalsgemeinschaft der Kommunen. Konkurrenz zwischen den Städten dürfe in diesen schweren Zeiten nicht mehr im Vordergrund stehen.




Dem alten China ins Auge blicken – Famose Dortmunder Ausstellung „Chinas Goldenes Zeitalter“

Von Bernd Berke

Dortmund. Unter einer Besucherzahl von 200.000 fängt man in Dortmund gar nicht erst zu rechnen an. Doch es ist keineswegs Größenwahn, was Macher und Förderer der großen Dortmunder Ausstellung zur Tang-Dynastie gestern an den Tag legten. Wenn es nach Bedeutung und Qualität geht, müßte „Chinas Goldenes Zeitalter“ die Erfolgs-Schätzungen tatsächlich spielend übertreffen.

Selten wird man eine archäologische Ausstellung finden, bei der man einer fernen Vergangenheit so direkt ins Gesicht blicken kann. Es ist kaum zu fassen, wie unmittelbar und frisch die Exponate wirken. Besonders die Gesichter der Menschenfiguren zeugen von einer vitalen Charakterisierungs-Kunst, die einen sofort gefangen nimmt. Die Kameltreiber und Reiter aus „grauer Vorzeit“ sind z. B. mit Blicken und Bewegungen dargestellt, als hätten sie gestern noch gelebt. Wenn man es nicht wüßte, würde man gar nicht glauben, daß all diese kostbaren Stücke aus der Zeit von 618 bis 907 n. Chr. stammen.

Die „Inszenierung“ der Dortmunder Schau hat das Ihre geleistet, um die Objekte ins rechte Licht zu rücken. Geradezu ein erhabenes Gefühl vermittelt jener Gipfelpunkt der Ausstellung rund um den 18 Tonnen schweren Sarkophag des altchinesischen Heerführers Li Shou. Hier hat man eine Achse gebildet, so daß die Besucher durch ein Portal auf eine steinerne Schildkröte (sie birgt die Grabinschrift) blicken. Dahinter erhebt sich machtvoll der Sarkophag.

Doch neben solch monumentalen Momenten hält der Rundgang auch viele, gleichsam intimere Situationen bereit. Man kann mit den Exponaten beinahe vertraulich werden, so geschickt sind sie zwischen den „Wänden aus Leinentüchern verteilt, die die Abfolge der 120 Prunkstücke gliedern. Einziger Nachteil: Bei großem Andrang dürfte es zwischen den zeltartig gehängten Bahnen etwas eng werden.

Die Damen waren frei – und modisch

Die Tücher sind eine dezente Anspielung auf die berühmte Seidenstraße, an deren Endpunkt die alte chinesische Hauptstadt Chang’an (heute Dortmunds Partnerstadt Xi’an) lag. Handel und Wandel entlang der Seidenstraße belegen u.a. alte Münzen und Darstellungen fremdländischer China-Gäste mit imposanten Bärten.

Von Chang’an ausgehend, erfuhr das Reich der Mitte in der Tang-Dynastie eine Blüte. die bis heute wirkt. Sogar Rockgruppen nennen sich heute in China nach Tang-Begriffen. Kein Wunder! Es war, zumindest für den Adel, eine Epoche der Freiheit. Auch Frauen lebten freizügig und selbstbewußt. Die Sache mit den eingeschnürten Krüppel-Füßchen kam erst viel später.

Doch der Mode huldigten auch die Tang-Damen. Einige herrlich farbige Stücke beweisen es. Anhand dieser Frauenfiguren kann man sogar den Wechsel der Haartrachten und Kleider studieren. Auch der Körperbau war der Mode unterworfen. Anfangs hatte man(n) es lieber schön schlank, ab dem 8. Jahrhundert dann gern etwas fülliger. Und die Spiegel, in denen sich die Schönen betrachteten, sieht man in Dortmund auch.

Spektakulärer als die Terrakotta-Schau

Famos die handwerkliche Qualität der Keramik. Makellos weißes Steinzeug ist hier zu sehen, wie es in jener Zeit schwerlich anderswo auf der Welt entstanden sein dürfte. Dazu all‘ die prachtvollen Löwen wen und Drachen, die buddhistischen Skulpturen und Schriftsäulen (Stelen) – man kommt aus dem Staunen nicht heraus. Die 1990 in Dortmund gezeigte Terrakotta-Ausstellung, die eher militärische Aspekte hervorhob, war weniger spektakulär.

Wer wollte es unter diesen glücklichen Umständen den chinesischen Ausstellungs-Partnern verdenken, daß auch sie am Erfolg teilhaben wollen. Acht Prozent der Eintrittsgelder fließen ihnen zu. Außerdem bekamen sie 300 000 Dollar „Bereitstellungsgebühr“. Dafür übernahmen sie auch einen Teil der schwierigen Transportarbeiten.

Schließlich: Dortmund erhofft sich gegen starke Konkurrenz u. a. in Essen („Von Monet bis Picasso“) und Hildesheim („Bernward und die Ottonen“) von der Ausstellung erheblichen Image-Gewinn und viele Besucher von außerhalb, die Kaufkraft mitbringen.

„Chinas Goldenes Zeitalter“. Dortmund. Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Königswall 14. Ab Sonntag, 22. August. Bis 21. November. Täglich 10 bis 20 Uhr. Eintritt 12 DM. Katalog (312 Seiten) 44 DM.

 




Rhetorik ist mehr als nur Wortgeklingel – Zum 70. Geburtstag von Walter Jens

Zur alten Feuilleton-Zeit galt die Theaterkritik alles, die Fernsehkritik fast nichts. Das hat sich geändert. Maßstäbe für die TV-Renzension als achtbares Genre hat als einer der ersten Professor Walter Jens gesetzt, der viele Jahre lang in der Wochenzeitung „Die Zeit“ (unter dem Pseudonym „Momos“) das Bildschirmgeschehen kritisch begleitete. Es ist nicht das geringste Verdienst des Mannes, der heute 70 Jahre alt wird.

In seiner Wahlheimatstadt Tübingen hatte der Sohn eines Hamburger Bankiers bis 1988 den Lehrstuhl für Rhetorik inne. Das Wort „Rhetorik“ hat hierzulande einen schlechten Klang. Man argwöhnt, es gehe nur um schönes Wortgeklingel. Jedoch: Die Kunst der wohlgesetzten Rede zu veredeln und zu verbreiten – welch‘ eine notwendige Anstrengung in einem Land wie Deutschland. Man muß nur eine durchschnittliche öffentliche Ansprache hören und weiß Bescheid.

Als jemand, der wahrlich gut sprechen kann, hört sich Jens – verzeihliche menschliche Schwäche – recht gerne selbst reden, er genießt eben seinen eigenen Vortrag. Auch den Wohlmeinenden kommt er dann manchmal etwas penetrant vor, wie ein Besserwisser und Oberlehrer. Damit muß und kann er leben.

Es ging und geht Jens nie um die bloße Form der Rede. sondern um Inhalte. Er ist wohl das, was man einen Radikaldemokraten nennt. Viele beklagen oder bejubeln den „Tod der Aufklärung“. Doch Jens besteht darauf, daß die moralischen und freiheitlichen Ansprüche der Aufklärung endlich eingelöst werden. Oft hat er sich mit unbequemen Anmerkungen zu Politik und Kultur in der Bundesrepublik zu Wort gemeldet; manchen zum Verdruß, anderen zur Labsal.

„Feldzüge eines Republikaners“ heißt eines seiner Bücher. Manchmal beläßt er es (ähnlich wie seinerzeit Heinrich Böll) nicht beim verbalen Widerstand, sondern zieht handelnd zu Felde: So war der überzeugte Pazifist 1984 bei der Sitzblockade vor dem US-Raketendepot in Mutlangen dabei. Und so verbarg er US-Soldaten, die nicht am Golfkrieg teilnehmen wollten, in seiner Wohnung. Eine Haltung, die selbst dann Respekt abnötigt, wenn man seine Meinung nicht teilt. Sie ist mit persönlichem Risiko verbunden.

Der hochdekorierte Jens (Lessing-Preis, Heine-Preis usw.) hat den Acker der Sprache allseits gepflügt: Er ist nicht nur Redner, sondern auch Schriftsteller, Literaturhistoriker, Rezensent und Übersetzer. Mit dem Weggefährten Hans Küng, dem kritischen Katholiken, arbeitet der Protestant Jens seit Jahren an einer zeitgemäßen Übertragung des Neuen Testaments.

Auch im gesetzteren Alter ist Walter Jens kein bißchen leise. So empörte er sich kürzlich über einen Beitrag der Zeitschrift „Sinn und Form“, herausgegeben von der immer noch selbständigen Ostberliner Akademie der Künste. Dort hatte man unkommentiert einige Passagen aus Tagebüchern von Ernst Jünger gedruckt. Schon beim bloßen Namen des oft als kriegslüstern gescholtenen Autors von „In Stahlgewittern“ muß Jens rot gesehen haben. Er las den Abdruck als „gefährliches Symptom“ einer neuen nationalkonservativen Strömung und einer „unheiligen Allianz“. Seine Befürchtung: Die deutschen Intellektuellen könnten sich wieder einmal dubiosen Autoritäten hingeben. Man darf das nicht einfach als Hirngespinst abtun, da doch selbst ein Mann wie der Dramatiker Botho Strauß den Weltgeist neuerdings wieder „rechts“ wehen sieht.

Als Präsident der Berliner West-Akademie der Künste ist Walter Jens auch in die Wirren der deutschen Vereinigung geraten. In der Stasi-Debatte empfahl er, auch nach den Teil-Bekenntnissen von Christa Wolf und Heiner Müller, „Behutsamkeit, Nachsicht und Erbarmen“. Er meinte damit kein Verleugnen, sondern schlichte Menschlichkeit.

                                                                                                            Bernd Berke




Prag zwischen „Tutti Frutti“ und ambitioniertem Theater

Von Bernd Berke

Prag. Die Theater in Prag kämpfen, ähnlich wie jene in den neuen Bundesländern, mit Zuschauerschwund. Manche Vorstellungen werden gar mangels Masse kurz vor Beginn abgesagt – wiederum eine Anti-Werbung, die die letzten Getreuen vergrault. Seit die Tschechen unbeschränkt reisen und fast wie im Westen einkaufen können, aber auch härter arbeiten müssen, herrscht im Theaterparkett oft gähnende Leere.

Zudem bannt der TV-Kanal „OK 3″, der einen Verschnitt gratis überlassener westlicher Produkte (auch „Tutti Frutti“ von RTL) sendet, viele Leute in den heimischen Fernsehsessel. „OK 3″ ist Vorhut und Schnupperware für das demnächst startende Privatfernsehen.

Noch haben sogar die Theaterleute, die jetzt auf Einladung der Ruhrfestspiele in Prag deutschen Journalisten ihre Situation schilderten, eine Illusion: Das Privat-TV werde zwar anfangs seicht sein, nach einer gewissen Frist aber auch Kultur bringen. Wenn man sieht, was „OK 3″ schon jetzt an sexuellen Gewagtheiten anbietet, beschleichen einen da arge Zweifel.

Händeringend Sponsoren suchen

Früher hat der sozialistische Staat die Theaterschulden stillschweigend beglichen. Nun sucht man händeringend Sponsoren. Denn nun müssen die Bühnen (wie bei uns) mit Subventionen auskommen, die nicht mehr steigen. Ganz im Gegensatz zu den Preisen. In den Geschäften am Prachtboulevard Wenzelsplatz muß man inzwischen nahezu soviel Geld auf den Tisch legen wie in Deutschland – und das bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von rund 4200 Kronen (etwa 250 DM) in der Hauptstadt.

Nur Theater, die ganz besondere Qualität bieten oder sich gekonnt auf „Marktlücken“ spezialisieren, halten sich in diesem Umfeld gut. Die berühmte „Laterna Magika“ etwa hat keine Probleme, ihr Haus zu füllen. Freilich sind die Besucher zum großen Teil Touristen, vor allem aus Deutschland.

Wo man alles darf, wird es schnell beliebig

Bis zur sanften Revolution anno 1989 war es in der damaligen CSSR verboten, „dekadente“ Dramen von Beckett oder lonesco zu spielen, für den Erwerb der Aufführungsrechte an anderen West-Stücken fehlten Devisen. Jetzt kann man schier alles auf die Bühne bringen. Und da liegt das Problem. Denn wo man alles darf, wird vieles unverbindlich. Dafür hat das Publikum eine feine Antenne.

Da hilft es gar nichts, sich an die tschechische Tradition des psychologischen Theaters (Tschechow-Pflege bis zum Überdruß) zu klammern. Doch mit allzu wilden Experimenten darf man den Tschechen auch noch nicht kommen, sind sie doch durch die jahrzehntelange Isolation auf ästhetische Wagnisse kaum vorbereitet. Und eine kompetente Theaterkritik, die an Neuerungen heranführen könnte, entwickelt sich erst jetzt ganz allmählich.

Die Opern verzeichnen zwar einen etwas besseren Besuch als die Sprechtheater, doch man steckt auch hier noch tief in Konventionen. Außerdem können die Tschechen ihre besten Sänger nie im eigenen Lande erleben. Die Gagen, die diese Stars verlangen, werden nur in Westeuropa, Japan und Amerika bezahlt.

Und so spielt man tapfer nach dem Prinzip Hoffnung. Oder man trauert jener Hoch-Zeit des Theaters im Jahre 1989 nach. Damals gehörten die Bühnen zu den Zentren des Aufbegehrens. Es ist, als sei das schon Jahrzehnte her.

 




Kongreß über Kunst und Psychiatrie erkundet die „Heilkräfte“ der Kultur

Von Bernd Berke

Münster. Die Vergangenheit ist nicht vorbei: Wenn vom 1. bis zum 5. Oktober rund 500 Experten in Münster ihren Kongreß „Kunst und Psychiatrie“ abhalten, wollen die deutsehen Teilnehmer immer noch Schäden aus der NS-Zeit beheben.

Nirgendwo sonst hätten sich seit jenen Jahren Vorurteile gegen psychisch Kranke so hartnäckig festgesetzt wie in Deutschland, ließen die Kongreß-Organisatoren gestern wissen. Da treffe es sich gut, daß man vom Nachbarn mehr Toleranz und Offenheit lernen könne. Denn die Niederlande seien weltweit führend im gezielten therapeutischen Einsatz der Künste. Während in unseren Kliniken bildende Kunst, Tanz oder Theaterspiel oft nur als „Beschäftigungstherapie“ verabreicht würden, gelte kulturelle Betätigung in den Niederlanden als unverzichtbarer Behandlungsfaktor.

Veranstalter des Wissenschaftler-Treffens ist denn auch der 1975 gegründete „Niederländisch-deutsche Verein für seelische und geistige Gesundheit“, dem namhafte Psychiater, aber auch Forscher anderer Fachrichtungen aus beiden Ländern angehören. Der Kongreß soll nicht abgeschottet tagen, sondern sich möglichst stadtweit bemerkbar machen. Mitorganisator Dr. Wolfgang Pittrich vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe: „Die Bevölkerung soll sozusagen ständig über Kunst und Psychiatrie stolpern“. Zu diesem Zweck wird vor allem auch die örtliche Kulturszene mobilisiert, die z.B. Theateraufführungen und Filmprogramme zum Kongreßthema vorbereitet. Neben Profis und freien Kulturschaffenden betritt auch eine Gruppe. ehemaliger Drogenabhängiger aus Hamm im kulturellen Rahmenprogramm die Bühne. Außerdem laufen zeitgleich mehrere Ausstellungen mit Bildern von psychisch Kranken. Bei Vorträgen, Workshops und Exkursionen (in psychiatrische Anstalten) wollen die Teilnehmer allerdings auch mal unter sich bleiben.

Das Themenspektrum ist denkbar breit. Da geht es u. a. um „Kunst und Krankheit“ am Beispiel solcher Genies wie Vincent van Gogh oder Friedrich Hölderlin. Andere Vortrage tragen Titel wie „Patienten schaffen Kunst am Bau“, „Selbsterfahrung durch Farben“ oder „Therapeutische Arbeit mit Mitteln des Tanztheaters“.

Die Referenten kommen aus den Niederlanden und der ganzen Bundesrepublik, auch Fachleute aus Dortmund, Witten und Siegen sind dabei. Besonderheit: Der Referent fürs Hölderlin-Thema heißt Helmut F. Späte und kommt aus Halle/DDR; er ist einer der wenigen Spezialisten in seinem Land. Auch dort herrscht ansonsten jede Menge Nachholbedarf, was moderne Psychiatrie-Konzepte angeht.

Die Schirmherrschaft über den Kongreß hat Bundesbildungsminister Möllemann übernommen. In einem bereits formulierten Grußwort erinnert er an die lange Tradition heilkräftiger „Kunsttherapie“, auch wenn sie früher noch nicht so hieß: „Ich denke hier nur an den Isenheimer Altar von Mathias Grünewald, der Anfang des 16. Jahrhunderts zur Heilung und Tröstung von Kranken in Auftrag gegeben wurde.“

(Nähere Auskünfte und Kongreß-Prospekt beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Abt. Gesundheitswesen, Warendorfer Straße 24, 44 Münster. Tel. 0251/591-3260 oder 591/3840).




Verlockungen des Ruhrgebiets sind Thema in New York – Festival „Ruhr Works“ mit Kultur aller Sparten

Aus New York berichtet
Bernd Berke

New York. Die Kultur des Ruhrgebiets „hat in New York erste Anker werfen können“! Das befand NRW-Kultusminister Hans Schwier, der sich gegenwärtig in der Metropole am Hudson River über Erfolg und Fortgang des Projekts „Ruhr Works“ informiert. Diese Festivalreihe der Essener „Kulturstiftung Ruhr“ hat seit September einem gewissen Teil der kulturversessenen New Yorker Szene „Aspekte des Reviers“ nähergetragen.

Für den meisten Gesprächsstoff haben dabei die Tanztheater, Gastspiele von Susanne Linke (Essen) und Reinhild Hoffmann (Bochum), gesorgt. Die ehrwürdige „New York Times“ berichtete allein neunmal über einzelne Veranstaltungen der Reihe, die noch bis Januar 1990 mit Gastspielen aus den Bereichen Musik, Tanztheater, Literatur. Film und Kunst andauern wird. In dem New Yorker Weltblatt war sogar der schöne Reim von „Allure of the Ruhr“ die Rede (Verlockung der Ruhr/Reiz der Ruhr).

Die Kulturstiftung Ruhr will es, wie hier bekannt wurde, „nicht bei dem Ankerwurf“ an der US-Ostküste belassen, sondem zu weiteren Ufern aufbrechen. 1991 soll ein ähnliches Festival in Sao Paulo starten, 1993 ist Tokyo an der Reihe. Minister Schwier zur WR: „Es ist sinnvoll, gerade in solchen Wirtschaftsmetropolen unsere Kultur zu zeigen.“ So soll es denn in New York auch schon erste Anfragen nach Investititionsmöglichkeiten im Revier gegeben haben – wohl nicht veranlaßt, aber vielleicht beflügelt durch die kulturellen Gastspiele.

Andererseits darf man auch nicht in verfrühten Jubel verfallen. Ehrlich gesagt droht die New Yorker Revier-Reihe, die auch einige programmliche Schwachpunkte hat, doch etwas im Gewimmel dieser Riesenstadt „unterzugehen“. 35 000 gedruckte Programm-Magazine von Ruhr Works können die Millionenbevölkerung wohl kaum überschwemmen. Die Stadt bietet einfach enorm viel – von den Rolling Stones, die soeben hier aufgetreten sind, bis hin zu den laufenden Ausstellungen über Velazquez, Picasso und Braque. Günstige Fügung allerdings: die Frage einer „deutschen Wieder-Vereinigung“ wird auch in New York heftig diskutiert. Das schafft unverhofftes Interesse für solche Belange, indirekt also auch für deutsche Kultur.

Immerhin kamen jetzt zum Beispiel rund 500 Vernissage-Gäste zur Eröffnung einer von vier Revierfotografen bestückten Ausstellung im derzeit führenden Künstlerviertel SoHo, das bis vor einiger Zeit verfallen war und nun plötzlich die meisten, besten und teuersten Galerien der gesamten Stadt beherbergt. In seiner explosiv-kreativen Atmosphäre entfernt an Berlin-Kreuzberg erinnernd, ist dieses quirlige Stadtquartier Schauplatz eines unablässigen „Gallery Hopping“, eines Lieblingssports der hiesigen Kunstszene, der einfach darin besteht, von Galarie zu Galerie zu laufen und „in“ zu sein. Mit dem, was sich allein in diesem Bezirk an Galerien ballt, kann zum Beispiel ganz Köln nicht konkurrieren.

Seltsam übrigens, nach über 6000 Kilometern Flug, hier fotografische Ansichten des Ruhrgebiets wiederzufinden – von Dortmund, Essen oder Bottrop. Noch seltsamer und schwer in Worte zu fassen: diese Aufnahmen lassen eine gewisse unterschwellige „Verwandtschaft“ zwischen dem Revier und New York erahnen. Als Bochums Ex-Theaterchef Claus Peymann vor Jahren sagte, das Revier sei New York, wisse es aber nicht, hatte er wohl nicht ganz Unrecht. Bestärkt wird dieses Gefühl noch durch einen Besuch in der Clocktower-Gallery, die ebenfalls Revierfotos zeigt und außerdem mit einem fast konkurrenzlosen Dachterrassen-Rundblick auf Manhattans Skyline lockt.

Beim New Yorker Goethe-Institut, das Ruhrworks mitorganisiert, zeigt man sich übrigens mit dem bisherigen Verlauf der Revierreihe zufrieden. Es gebe, so Institutsleiter Jürgen Uwe Ohlau, in der Bunderepublik nur ganz wenige Regionen, deren kulturelle Substanz für solche Projekte ausreiche. Das Ruhrgebiet gehöre auf jeden Fall dazu.




„DGB muß der Kultur mehr Stellenwert geben“ – WR-Gespräch mit dem scheidenden Geschäftsführer der Ruhrfestspiele

Von Bernd Berke

Recklinghausen. „Der Deutsehe Gewerkschaftsbund muß der Kultur endlich mehr Stellenwert einräumen als bisher.“ Das forderte gestern, in einem Gespräch mit der Westfälischen Rundschau, der scheidende DGB-Geschäftsführer der Ruhrfestspiele, Dr. Fred Eckhardt.

Mit seiner Forderung benennt Eckhard, der nach zwölf Jahren in Recklinghausen um Lösung seines Vertrags bat (WR berichtete), zugleich einen Hauptpunkt, der ihn zu diesem Schritt bewogen hat. Seine Entscheidung, so Eckhard, habe subjektive und objektive Gründe. Subjektiv: Als künftiger Leiter einer Berufsfachschule für Theatertanz und Theaterpädagogik könne er in seine alte Heimatstadt Hamburg zurückkehren und endlich wieder vorwiegend künstlerisch tätig sein.

Doch nicht nur persönliche Interessen sind der Grund für den Wechsei. Eckhard: „Die Sparzwänge bei den Ruhrfestspielen sind in den letzten Jahren immer mehr gewachsen. Dieser Druck schlägt auf die künstlerischen Ergebnisse durch.“ Seit Jahren müsse man mit einem gleichbleibenden Etat stetig steigende Kosten bewältigen. Sogar längst zugesagte Gastspielreisen – z. B. in die UdSSR – müßten mangels Finanzmasse auf die lange Bank geschoben werden.

Die beiden Träger der Ruhrfestspiele (Stadt Recklinghausen und DGB) hätten gewiß ernsthafte Geldsorgen. Doch sei die finanzielle Ausstattung der Festspiele zunächst auch eine Frage des Bewußtseins. Eckhard: „Im Grundsatzprogramrn des DGB steht, daß sich die Gewerkschaften auch für kulturelle Belange der abhängig Beschäftigten einsetzen sollen“. Dies sei, obgleich es Zeichen eines Umdenkens gebe, noch nicht ausreichend der Fall. Die Basis in den Einzelgewerkschaften, aber auch der DGB-Bundesvorstand müßten dringend darüber reden, ob sie hauptsächlich eine „Tarif-Maschine“ sein oder ob sie auch kulturelle Zeichen setzen wollten.

Der große Apparat des DGB erweise sich in Kulturfragen oft als schwerfällig, man müsse viel schneller auf die Herausforderungen der „Freizeitgesellschaft“ reagieren. Die mißliche Situation der Ruhrfestspiele, die „endlich wieder eine Perspektive brauchen“, vergleicht Eckhard mit der eines leckgeschlagenen Ozeanriesen: „Da kann man doch auch nicht sagen: ,In vier Wochen laufen wir Singapur an, dann wird alles repariert‘.“

Eckhard nennt Zahlen: Zehn Mio. DM wären für eine halbwegs vernünftige Renovierung des Festspielhauses (vorsintflutliche Bühnentechnik, 23 Jahre alte Bestuhlung) und anderer Festspieleinrichtungen vonnöten. Und: „In der Jubiläumssaison 1986 hatten wir ausnahmsweise eine Million Mark Zusätzlichen Jahresetat“. Stoßseufzer: „Damit konnten wir tolle Sachen veranstalten. Wenn wir nur diese Zusatz-Million in jedem Jahr hätten…“

Einen Hoffungsschimmer sieht Eckhard im Gutachten des Berliner „Deutschen Instituts für Urbanistik“ (DIFU). Die Expertise entsteht unter Leitung von Prof. Dieter Sauberzweig und soll im Frühjahr vorliegen. Die Studie, so Eckhard, könnte den Ruhrfestspielen gangbare Wege in die Zukunft weisen. Dann dämpft er freilich die eigenen Erwartungen. Bis das Gutachten alle Gremien passiert habe und „greifen“ könne, würden auch die Festspiele 1990 ins Land gehen – eine kaum noch erträgliche Durststrecke.

Eckhards Appell: „Wir sind es den Gründern, die in der Hungerzeit nach dem Krieg kulturellen Weitblick bewiesen haben, schuldig, die Festspiele zu stärken“.




Johannes Rau beim SPD-Kulturkongreß: „Theatersterben findet in NRW nicht statt“

Von Bernd Berke

Castrop-Rauxel. „Ein Theatersterben findet nicht statt“, dieses Trauerspiel sei endgültig „vom Spielplan abgesetzt“; die Landesregierung werde die kulturelle Vielfalt in NRW sichern und ausbauen. Das betonte Ministerpräsident Johannes Rau am Samstag in seiner Eröffnungsrede zum SPD-Kulturkongreß in der Europahalle zu Castrop-Rauxel. Kultur sei auch bei knappen Kassen nicht überflüssig, sondern notwendig, ja sogar „not-wendend“ (Rau), indem sie – als „humaner Stachel gegen Sachzwänge“ – Gegenwelten entwerfe.

Ein „Zukunftsgespräch“ über NRW-Kultur führten vor schätzungsweise 500 Zuhörern dann Experten und Macher am runden Tisch. Erst vor Wochenfrist hatte die CDU in Mülheim eine Debatte zur Revierkultur veranstaltet (WR berichtete). Die Teilnehmerzahl beim SPD-Zukunftsgespräch war rund zehnmal größer. Deutlich wurde – im Unterschied zur CDU – eine entschiedene Skepsis gegenüber privaten Kultur-Sponsoren; außerdem wurden beim SPD-Treffen größere Vorbehalte gegenüber Kommerz-Produktionen wie dem Bochumer Musical „Starlight Express“ geäußert. Beiden Parteien gemeinsam: Kulturpolitik ist, obgleich intensiver als zuvor diskutiert, noch keine dringliche „Chefsache“. CDU-Landesvorsitzender Norbert Blüm hatte der Mülheimer Runde lediglich ein kurzes Grußwort übermittelt, Johannes Rau kam jetzt immerhin selbst nach Castrop-Rauxel, verließ die Halle aber kurz nach seiner Rede, was den Kölner Literaturprofessor Karl-Otto Conrady zu der „Dallas“-Frage veranlaßte: „Wo ist J. R.?“

Eberhard Kloke: Nicht viel mehr als die „Lustige Witwe“

Es wurde kein durchweg rosiges Bild der NRW-Kultur gezeichnet. Willi Thomczyk vom Herner „Theater Kohlenpott“ sah die „Freie Szene“ vom Land als bloßen kulturellen „Lückenbüßer“ behandelt, es drohe da „ein Ausverkauf wie bei Kohle und Stahl“, die Finanzen hätten eindeutig Schlagseite zur „Hochkultur“. Gegen zuviel Repräsentationskultur wandte sich auch Bertram Müller vom Düsseldorfer Kulturzentrum „Die Werkstatt“: „Von den Subventionen für die Düsseldorfer Oper könnte man 40 Kultur-Werkstätten für jedermann betreiben“. Anlaß genug für die Mahnung Roberto Ciullis („Theater an der Rühr“, Mülheim), „Hoch“- und „Basiskultur“ nicht gegeneinander aus- zuspielen. Bochums Generalmusikdirektor Eberhard Kloke, vor einer Woche schon der CDU zu Diensten, hob erneut zu seiner Rundumkritik an NRW-Spielplänen an. Tenor: Landauf, landab werde derzeit nicht viel mehr als die „Lustige Witwe“ gespielt.

Das „Gießkannenprinzip“ bei der Mittelvergabe kritisierte Rainer Glen Buschmann (Musikschule Dortmund) : Man solle lieber wechselnde Schwerpunkte setzen und Besonderheiten fördern. Literaturprofessor Conrady schrieb der SPD Versäumnisse ins Stammbuch: Die Partei sei „seit 10 bis 15 Jahren nicht mehr Stimmführer“ in Sachen Kultur, weil ihr vielfach der „Mut zur Utopie“ gefehlt habe.

Ein anderes Defizit machte Eugen Gerritz, kulturpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, aus: Die Zeitungslandschaft in NRW biete kein Forum für tiefgreifende Kulturdebatten. Die Gesichter hellten sich etwas auf, als NRW-Kultusminister Hans Schwier ankündigte, man sei „auf dem besten Wege«, eine (u.a. aus Lotto und „Spiel 77″ finanzierte) neue Kulturstiftung auf die Beine zu stellen.




Kultur soll Zentralpunkt städtischer Politik werden – Forderung der Dezernenten nach NRW-Projekt „Kultur 90″

Von Bernd Berke

Im Westen. Wenn 31 Städte drei Jahre lang den „kulturellen Ernstfall“ geprobt haben, ist allemal viel Text fällig: Das jetzt erschienene „Handbuch Kultur 90″, hervorgegangen aus der Praxis der Projektreihe „Kultur 90″, umfaßt 390 Seiten im Großformat. Am heutigen Samstag wird der voluminöse Band als Arbeitsgrundlage dienen, wenn die Kulturdezernenten der beteiligten NRW-Städte im mit 1200 Mensehen vollbesetzten Essener Aalto-Bau Bilanz ziehen. Prominentester Gast: NRW-Ministerpräsident Rau.

Jede Stadt hat bei „Kultur 90″ seit 1985 mit vielen Einzelveranstaltungen ihr Spezialgebiet „beackert“. So widmeten sich die Dortmunder dem „Spannungsfeld Kultur und Alltag“, Schwerte zog Linien zwischen „Kultur und Frieden“, Hagen zwischen „Kultur und Sport“, Siegen legte den Schwerpunkt auf „Kultur und freies Theater“, Bergkamen lotete Beziehungen zwischen „Kultur und Alter“ aus, Unna wählte das Thema „Kultur und Kleinstadt“.

Die Kulturdezernenten hoffen, daß ihr unter Anleitung des Wuppertaler Sekretariats für gemeinsame Kulturarbeit entstandenes Bilanzbuch eine Pflichtlektüre in den Rathäusein wird. Ihr Ziel: Kultur soll zur Leitschnur aller kommunalpolitischen Entscheidungen werden. Dr. Karl Richter vom Wuppertaler Sekretariat: „Zur Zeit stehen eindeutig wirtschaftliche Belange im Vordergrund“. Angesichts der – im Gefolge neuer Technologien – drohenden „Freizeit-Katastrophe“ (Wie kann wachsende Freizeit sinnvoll gefüllt werden?) dürfe dem Kommerz nicht das Feld überlassen werden. Ein um politisehe, ökologische und soziale Aspekte erweiterter, ganzheitlicher Kulturbegriff (Richter: „Kultur bedeutet: Wie wir leben!“) müsse daher ethisch-moralischer, aber auch finanzieller Fixpunkt kommunaler Politik werden.

Damit dieser Ruf nicht verhallt, haben die Kulturdezernenten – parallel zu ihrem Abschlußbericht – eine Resolution verfaßt, inklusive Präambel eine Art „Grundgesetz der Kulturarbeit“ in den Städten. Kernpunkte der zehn Forderungen: Kultur als Pflichtaufgabe der Gemeinden („Bürgerrecht Kultur“), Aufstockung der Kulturetats auf 10 Prozent der städtischen Haushalte (das liefe bei den meisten Kommunen etwa auf eine Verdoppelung hinaus; als leuchtendes Vorbild wurde Frankfurt genannt); höher honorierte, bessere und qualifiziertere Besetzung der Kulturausschüsse und Kulturverwaltungen.

Bei einem Treffen der Kulturdezementen gestern im Essener Rathaus, stellte Essens Oberbürgermeister Reuschenbach gleich klar, daß er diese Forderungen derzeit für „utopisch“ halte. Das wollten die Dezernenten, die sich „im Vorfeld der Möglichkeiten“ wähnen und jede Menge „Handlungsbedarf“ sehen, natürlich so nicht gelten lassen.

Essens Kulturdezernent Godde: Viele der Resolutions-Forderungen seien „Selbstverständlichkeiten“. Auch schwebe man nicht im luftleeren Raum, sondern beziehe sich auf die Praxis von „Kultur 90″. In der Projektphase, so räumten die Kulturdezernenten ein, seien neben Zukunfts-Perspektiven auch Defizite deutlich geworden: Mitunter blockierten starre Verwaltungsstrukturen die Kulturarheit, manche Einzelprojekte bei „Kultur 90″ seien daher auch so gut wie gescheitert.




„Strukturwandel auch für die Kultur nutzen“ – Dortmunds Schauspielchef Guido Huonder im Rundschauhaus

Dortmunds Schauspielchef Guido Huonder (4. von links) im Kreise von Rundschau-Redakteuren. (WR-Bild: Franz Luthe)

Eigener Bericht

Dortmund. (bke) Der Strukturwandel im Revier habe auch ein Bewußtsein für die Wichtigkeit von Kultur geweckt: „Dieses neuerwachte Bewußtsein müssen wir nutzen, um den Politikern klarzumachen, daß Kultur kein freiwilliger Geschenkartikel, sondern eine Pflichtaufgabe ist.“ Das sagte Dortmunds Schauspielchef Guido Huonder bei einem Redaktionsbesuch im Dortmunder Rundschauhaus.

Huonder, dessen Ensemble bundesweit gefragt ist und bei mehreren renommierten Festivals die Stadt repräsentiert (heute, Samstag, 20 Uhr, gibt’s im Dritten TV-Programm die Dortmunder Fassung von Taboris „Mein Kampf“ beim NRW-Theatertreffen), erklärte sich im Kampf gegen Etatkürzungen „total solidarisch mit den anderen Revier-Theatern“, denn „im Ruhrgebiet gibt es kein einziges Theater zuviel“. Der gebürtige Schweizer ist da fürs: „Kantönlidenken“: „In der Schweiz ist jede Stadt stolz, daß sie alles hat.“

Früher 45 Ensemblemitglieder, heute nur noch 25

In Dortmund, so Huonder, habe man zuerst die bittere Erfahrung gemacht, die nun z. B. auf Essen zukomme. Die in Dortmund vor Jahren veranlaßten Einschnitte „werden jetzt erst eigentlich spürbar“. 1975 habe das DO-Ensemble noch aus rund 45 Schauspielern bestanden, heute seien es 25. Folge: So gerne man auf Festivals für die Stadt werbe, so schmerzlich sei es, daß man an den betreffenden Tagen daheim nicht mehr spielen könne. Die Personaldecke sei einfach zu kurz. Huonder: „Ich kann meine Leute nicht auswringen.“ Ohnehin müsse man „am Rande der Ausbeutung“ arbeiten: „Unsere Erfolge sind ein Ding von Arbeit und Maloche“.

Die oft als Spar-Chance erwogenen Kooperationen mit anderen Bühnen brächten erfahrungsgemäß gar keine Einsparungen, sondern sogar Mehraufwand. Eine zentralisierte Werkstatt für mehrere Revier-Theater könne hingegen sinnvoll sein. Weitere Konsequenz der Festival-Verpflichtungen sei ein höherer Erwartungsdruck. Es sei aber eine Qualitätsgrenze erreicht, die mit den jetzigen Mitteln nicht überschritten werden könnc.

Gerne mal einen Widerhall aus Politikermund hören

Der gute überregionale Ruf ist hochwillkommen, aber: „Ich bleibe gern auf dem Teppich“. Allerdings, so Huonder, würde er gerne öfter mal einen Widerhall der Erfolge aus Politikermund hören. „Das würde etwas in der Öffentlichkeit bewirken“. Viele Politiker hätten aber immer noch nicht gemerkt, daß „Kultur eine feste Größe ist, die man eigentlich gar nicht anrühren darf.“

Man müsse eben endlich weg von der Diskussion, ob Kultur nötig sei, und lieber darüber reden, welche Kultur man wolle. Denn: „Kultur ist der Humus einer Stadt“. In einer der reichsten Nationen der Welt müsse doch einfach das Geld dafür vorhanden sein. Vorsicht sei jedenfalls beim Anzapfen mäzenatischer Geldquellen geboten. Im Erfolgsfall könnten Politiker versucht sein, die Kulturschaffenden vollends auf private Geldgeber zu verweisen.

Theatermann vermißt ein übergreifendes Konzept

Huonders rhetorische, bislang noch zu verneinende Frage: „Gab’s einmal ein kulturpolitisches Konzept in Dortmund?“ Der Theatermann träumt jedenfalls von einem solchen Konzept, das – gleichsam eine große Inszenierung auf der „Bühne Stadt“ – die gesamte örtliche Kultur einbezieht und bündelt, aber dennoch das Einzelne, Individuelle „zum Blühen bringt“.

Auch zum Bochumer Musical-Unternehmen „Starlight Express“ äußerte sich Huonder. Er glaubt – „wenn wir gutes Theater machen“ – nicht an Besucherschwund in Dortmund, fürchtet aber eine „Amerikanisierung“, die als Vorbild in Politiker-Köpfen spuken könnte. „Starlight“ das sei bloße Importware ohne rechte Ecken und Kanten – „und ohne Revier-Power“.




DGB sucht nach neuen Wegen in der Kulturarbeit – Beispielhaftes Projekt mit Jugendlichen

Von Bernd Berke

Hattingen. Neue Wege in seiner Kulturarbeit mit Jugendlichen soll der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) beschreiten – wenn es nach dem Team geht, das gestern in Hattingen den Abschlußbericht eines ungewöhnlichen Projekts vorgelegt hat, bei dem nicht – wie so oft – typische Gewerkschaftsthemen (35-Stunden-Woche usw.) nur noch umgesetzt wurden, sondern bei dem Erfahrungen und Bedürfnisse Jugendlicher den Anstoß gaben und Themen, Medien und Darstellung bestimmten.

Ilse Brusis, als Mitglied des DGB-Bundesvorstands an dem Modellversuch interessiert, nannte gestern den Hauptgrund für die Aktivitäten, an denen 12 Gruppen mit insgesamt rund 150 Jugendlichen beteiligt waren: Immer mehr Jugendliche gehen, so Frau Brusis, auf vorsichtige Distanz zur Gewerkschaft, die sie oft genug nur noch als Institution mit zahllosen bürokratischen Gremien erleben. Also müsse sich der DGB auch auf dem kulturellen Sektor etwas einfallen lassen, um attraktiver und lebendiger zu werden. Das Projekt (Kosten für drei Jahre: 380.000 DM) solle ein erster Schritt sein, die vorliegende Bilanz eine Anregung.

Von traditioneller Gewerkschafts-Kultur sind die meisten Gruppen in der Tat weit entfernt: Manchem altgedientem Gewerkschafter mag z. B. die Art nicht gefallen, wie sich eine Bergkamener Projektgruppe jugendlicher Bergarbeiter kritisch äußerte: Unter Anleitung eines Künstlers entwarfen sie eine Gipsfigurengruppe, die zeigt, wie lebenswichtige Solidarität unter Bergleuten zwar „vor Ort“ funktioniert, in der Freizeit aber nicht mehr. Da herrscht Vereinzelung. Die Bergkamener bauten auch ein bizarres „Traumauto“, einfach weil sie gerade alle den Führerschein machten und das Thema deshalb akut war. Und sie drehten einen Videofilm, der direkt in der Arbeitswirklichkeit ansetzt und u. a. einen „Kumpel“ unter Tage zeigt, der sich durch den Berg zur Freiheit vorarbeitet und plötzlich an einem Südseestrand steht.

Weitere Projektgruppen: Junge Bergarbeiter in Gelsenkirchen spielten ein Stück über Südafrika, eine Jugendgruppe von Opel in Bochum absolvierte einen Theaterkursus. und in Herne erarbeiteten deutsche und türkische Jugendliche gemeinsam ein Stück über Ausländerfeindlichkeit. Prinzip war jeweils, daß den Beteiligten keine gewerkschaftlichen Thesen vorgegeben wurden.

Projektleiter Jürgen Krings vom „jungen forum“ der Ruhrfestspiele glaubt dennoch, daß das Mißtrauen „orthodoxer“ Gewerkschafter unbegründet sei, denn: „Hier werden gewerkschaftlich wichtige Fähigkeiten wie Miteinander-Reden ganz nebenbei entwickelt.“ Freiere kulturelle Arbeit nach Art dieses Projekts schaffe „ein Stück sozialer Heimat“. Zwei beteiligte Jugendliche aus Bergkamen bestätigten das. Die Gewerkschaft, so sagten sie gestern, sei ihnen durch das Kulturprojekt nähergerückt.




Cappenberg zeigt Kunst des Orients

Von Bernd Berke

Cappenberg. Zuerst Cappenberg, dann Berlin – mit dieser Ausstellungs-Folge warten jetzt erstmals die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Kreis Unna auf. Noch bevor „Verborgene Schätze“ (Titel der Schau) islamischer Kunst an der Spree vorgezeigt werden, sind die 329 Exponate im Schloß Cappenberg zu sehen (bis 23. November), und das, obwohl sie dem weltberühmten „Musèum für Islamische Kunst“ in Berlin gehören. Doch dort waren sie in der Studiensammlung nur Fachleuten zugänglich.

Die ältesten Stücke stammen aus dem 8. Jahrhundert n. Chr., die „jüngsten“ aus dem 19. Jahrhundert. Woll- oder Seidenteppiche aus der Türkei, Persien und dem Kaukasus machen, vielfach als ehrwürdig gealterte Fragmente, einen Großteil der Präsentation aus. Experten unterscheiden türkische und persische Teppiche an unterschiedlicher Kolorierung (Türkei: kraftvollere Farben) und Motivik, außerdem gibt es einen spezifisch türkischen Knüpfknoten. Die Stücke entstammten ursprünglich ganz unterschiedlich strukturierten Werkstätten. Zu unterscheiden ist dörfliche Handarbeit von Produkten aus Hof- und städtischen Manufakturen.

Schmuck, Waffen, Kult- und Alltagsgerät aus dem ganzen islamischen Kulturräum füllen die Vitrinen. Sie stammen u. a. aus Ägypten, Iran, Irak und Syrien, aber auch – ehedem Vorposten islamischer Kultur – ausSpanien und Indien. Sinnfällige Exponate sind etwa ein Kinderhemd aus dem 13. Jahrhundert und ein türkischer Leuchter aus der gleichen Zeit, der mit „höfischen“ Szenen illustriert ist, die zeigen, wie sich’s die Herrschenden damals wohlsein ließen – beim Gelage mit Musikbegleitung, bei Polo-Spiel und Falkenjagd.

Beispiele der hochentwickelten Buchkunst bezeugen, daß die islamische Kultur der abendländischen lange Zeit überlegen war. So erzeugte man im Orient Papier bereits im 9. Jahrhundert, in unseren Breiten arbeiteten Papiermühlen erst rund 500 Jahre später.

In Cappenberg sträubt man sich auch diesmal gegen jede noch so behutsame Ausstellungs-„Architektur“. Wände und Vitrinen müssen reichen. Die Innensansicht des Schlosses soll nicht verfälscht werden. Auch Didaktik, belehrende Hinführung zu den Ausstellungsstücken also, scheint im Schloß weiterhin verpönt zu sein. Man sollte also entweder an den sonntäglichen Führungen teilnehmen oder sich, auch wenn’s der Geldbörse wehtut, mit dem 25 DM teuren Katalog ausrüsten, um wirklich etwas von der Ausstellung zu haben – außer bloßer Augenlust.




Dortmund: Neues Büro hilft der „Freien Szene“ von NRW – Sprachrohr und Finanzierung

Von Bernd Berke

Dortmund. Noch’n Kulturbüro für Nordrhein-Westfalen: Nach den Literaten, die mit Anlaufstellen in Düsseldorf, Unna und Gladbeck bedacht wurden, und den Filmemachern, die in Mülheim ihre Zentrale bekamen, ist jetzt die „freie Szene“ der übrigen Sparten mit einer Einrichtung in Dortmund an der Reihe.

Das neue „Kulturbüro NW“ soll sich landesweit um Beratung und Förderung der „Freien“ in Sachen Theater, Musik und bildender Kunst kümmern. Träger ist die (gleichfalls in Dortmund ansässige) „Landesvereinigung für freie Kulturarbeit e. V.“, jener Dachverband der lokalen Kulturkooperative,. deren älteste seit nunmehr 12 Jahren in der Westfalenmetropole wirkt. Jochen Brockstedt, Vorsitzender des Landesverbandes, der rund 400 Künstler und Kulturgruppen vertritt, hält Dortmund für den idealen Büro-Standort: „Hier gibt es die vielfältigste freie Szene des ganzen Landes“. Dieses Argument „zog“ auch offiziell, obgleich Dortmund in unmittelbarer Nachbarschaft agile Konkurrenz erwachsen war. Unna hatte sich nämlich ebenfalls beim Kultusministerium beworben.

Das Dortmunder Büro soll den „Freien“ nicht nur zu einer vernehmlicheren Lobby-Stimme verhelfen, sondern auch zu Geld. Bisher freilich fließen die Mittel aus Düsseldorf noch spärlich. 150.000 DM sind es im Startjahr 1986 (Zum Vergleich: Die örtliche Dortmunder Kooperative verfügt im Jahr über rund 200.000 DM). Doch immerhin: Mit dem genannten Betrag können bereits sechs Projekte auf die Beine gestellt werden, darunter ein Landesrockfestival (Dortmund, im Herbst), ein Treffen „alternativer“ Blasorchester (Dortmund, zu Pfingsten), ein Straßentheaterfestival in Bielefeld und der Aachener Kulturspaß „Gaudimax“. Einstweilen „gestorben“ ist das Vorhaben, ein umfassendes Handbuch der freien Szene zu erstellen.

Jochen Brockstedt hofft, daß das neue Büro in Dortmund bald auch hauptamtlich besetzt werden kann. Vorerst wird man sich per Arbeitsbeschaffungsmaßnahme behelfen müssen. Dennoch will man das Fernziel nicht aus den Augen verlieren. Brockstedt träumt von einem „kulturpolitischen Zentrum“, das in Dortmund viele einschlägige Aktivitäten unter einem Dach versammeln soll.

Hier die Adresse der neuen Einrichtung, die übrigens auch Projekte von Nichtmitgliedern der Landesvereinigung fördern will: „Kulturbüro NW“. Ruhrallee86, 4600Dortmund 1. Tel.: (0231)12 27 45.




Oberhausen: Schwimmbad soll Kulturzentrum mit Theater und Kino werden – Privater Verein treibt einmaliges Projekt voran

Von Bernd Berke

Oberhausen. Fast 400 Zuschauer sitzen im Schwimmbecken und schauen gespannt aufwärts. Droben, im Bereich der Startblöcke, wird nämlich Theater gespielt.

So oder ähnlich könnte es bald aussehen, wenn es nach einem privaten Verein geht, der in Oberhausen etwas Einmaliges vorantreiben will: Das stillgelegte Ebertbad (Baujahr 1896) soll zum Kulturpalast mit festen Spielstätten furs Theater (TIP) und Stadtkino sowie Zentrum für zahlreiche weitere Aktivitäten werden.

Die Kultur soll also keinesfalls „baden gehen“ – im Gegenteil. Und: Das Riesenprojekt soll die finanzschwache Stadt keinen Pfennig kosten. Durch Teilverkauf des Grundstücks bei Erhalt des Schwimmbads käme die Kommune gar zu Geld.

Der Verein, erst im Dezember ’85 gegründet, hat bereits ein vorläufiges Nutzungskonzept entworfen. Man will unbedingt verhindern, daß kommerzielle Interessenten das Schwimmbad erwerben und dann eventuell sogar abreißen. Beim „Verein Ebertbad e. V.“ rechnet man sich gute Chancen aus, sitzen doch (u. a. neben renommierten Architekten) Angehörige aller Ratsfraktionen (SPD, CDU, „Bunte Liste“) in seinen Reihen. Vereinsvorsitzender Michael Groschek, Mitglied der SPD-Ratsfraktion, nennt drei Möglichkeiten:

• Die optimale Lösung würde voraussetzen, daß für den theatertauglichen Umbau des Schwimmbades Mittel aus dem NRW-Städtebauministerium (Minister: Christoph Zöpel) fließen. Mindestbedarf: 120 000 DM. In der Tat existiert ein 40-Millionen-Topf „für beispielhafte Umnutzungen“ im Kultur- und Freizeitbereich. Heute sollen erste Vorgespräche mit einem Zöpel-Referenten beginnen.

• Die Normal-Lösung sieht vor, daß sich das TIP (Theater im Pott) mit seinem eigenen Etat sowie der Gastronomie- und Saunabereich mit ihren Erlösen jeweils selbst „tragen“, so daß auch keine Folgekosten auf die Stadt zukämen. Neueste Variante: Eine große Mülheimer Tanzschule bekundet ernsthaftes Interesse, einen Trakt zu kaufen.

• Bei einer „Notlösung“ (an eine „Null-Lösung“ mag man gar nicht denken) würde man zähneknirschend mit kommerziellen Nutzern kooperieren müssen.

Bis zum 15. Februar will jedenfalls der Verein der Oberhausener Stadtverwaltung ein ausgefeiltes Konzept samt Wirtschaftlichkeitsberechnung vorlegen. Vorüberlegun— gen lassen ein wahrhaft buntes Treiben erwarten. Prof. Roland Günther („Bunte-Liste“) vom Vereinsvorstand glaubt, daß man zahlreiche Kulturformen „durcheinanderwirbeln“ müsse, um dem Kulturgetto zu entrinnen. Neben Kino, Theater und Tanz schweben ihm und seinen Mitstreitem u. a. vor: eine „Traumgrotten“-Landschaft im Gewölbe unter dem Schwimmbecken, ein Miniatur-Theatermuseum (in den früheren Umkleidekabinen!), eine Theaterschule, eine Buchhandlung, Studios für lokalen Rundfunk (Voraussetzung: Neues Landesmediengesetz) und für Sprühfans sogar eine „Sprayer“-Wand im Hof. Kurz: Oberhausen soll eine „Theater-Vision“ (Günther) selten gekannten Ausmaßes erleben.

Was das Projekt für eine Revierstadt außerdem bedeuten könnte, erläutert Michael Groschek: Da Arbeitslosigkeit oft soziale Isolation und somit kulturelle Verarmung nach sich ziehe, könne hier ein Gegenzeichen gesetzt werden, auf daß „die ökonomische Krise nicht noch auf weitere Bereiche übergreift“. Drängt Roland Günther: „Im April sollten wir anfangen.“




Kultur soll die Städte retten – 28 NRW-Kommunen starteten Kampagne „Kultur 90″ mit Expertenanhörung

Von Bernd Berke

Essen. Die 90er Jahre könnten, wenn nicht rechtzeitig und entschlossen gegengesteuert wird, unerquicklich werden: Immer mehr Technik, immer mehr Umweltgifte, immer mehr Fernsehkanäle – und immer weniger Arbeitsplätze.

Vor diesem düsteren Szenario wollen sich unter anderem jene 28 NRW-Städte zwischen Aachen und Bielefeld retten, die sich gestern bei einem Hearing (Anhörung) auf dem Essener Messegelände von Experten – mehrheitlich Professoren verschiedenster Fachrichtungen – den Ist-Zustand erläutern und Zukunftsperspektiven abstecken ließen.

Die erhofften Retterinnen“ vor den kommenden Übeln sinnentleerter Freizeit und bedenkenlosen Konsums heißen „Kultur“ und „Kreativität“. So firmierte das gestrige Hearing denn auch unter dem Motto „Kultur 90″. Es war der Auftakt zu einer Vielzahl von Veranstaltungen und Aktionen in den beteiligten Städten, von denen man sich eine Beispielsammlung für künftige Kulturarbeit erhofft. 1987 sollen die Ergebnisse der Kultur-Kampagne bei einer weiteren Anhörung in Essen ausgewertet werden.

Die in ihrem Umfang wohl beispiellose (wenn auch bislang zwangsläufig wenig konkretisierte) Unternehmung, die vom in Wuppertal ansässigen Kultursekretariat koordiniert wird, fährt sozusagen zweigleisig: Einerseits soll mit wissenschaftlicher Rückendeckung den kommunalen Entscheidungsträgern die Dringlichkeit höherer Kulturetats vor Augen geführt werden (zum Vergleich: in Frankfurt sind derzeit rund 11 Prozent des Stadtsäckels für Kultur bestimmt, im Revier zwischen 2,8 und 4,6 Prozent).

Neben der finanziellen Ausweitung des Sektors soll überhaupt der ganze Kulturbegriff erweitert werden: Nicht nur „Repräsentations“- und „Alternativ“-Kultur spielen da eine Rolle, sondern es sollen z. B. auch kulturträchtige Aspekte von Umwelt, Spiel, Sport und Gesundheit ebenso einbezogen werden wie Medien, Technik, Wirtschaft(sförderung), Mäzenatentum und Vereinswesen.

Die einzelnen Themen (Muster: „Kultur & Technik“, „Kultur & Jugend“ usw.) wurden mittlerweile auf die Städte verteilt, deren Kulturämter bei der Auswahl mitwir,kten. BeispieIe: In Dortmund soll man sich vorrangig ums Generalthema „Kultur & Alltag“ kümmern, Unna zeichnet für „Kultur & Kleinstadt“ verantwortlich, Hagen widmet sich dem Bereich „Kultur & Spiel, Sport“, Siegen hat sich „Kultur & Freie Gruppen“ ausgesucht, Witten erkundet Zusammenhänge zwischen „Kultur & Gesundheit“, in Köln sollen Wechselwirkungen zwischen „Kultur & Geld“ dingfest gemacht werden, Bochum sondiert unterdessen das verwandte Thema „Kultur & Wirtschaft“.

Einstweilen liegen nur grobe Leitlinien, aber keine detaillierten Pläne für einzelne Veranstaltungen vor, die diesen Erkundungen dienlich sein sollen. Auch die Finanzierung des Großprojekts ist noch nicht ganz geklärt. Ratsentscheidungen in den einzelnen Städten sind abzuwarten. Das Wuppertaler Kultursekretariat wird gewiß sein Scherflein beisteuern, außerdem will man bei bestimmten Themen die einschlägigen Landesministerien ansprechen.

Ein Kraftakt also, von dem man allerdings nur in Umrissen weiß, wie er sich entwickelt. Dr. Karl Richter, Leiter des Kultursekretariats, bemühte denn auch den Begriff der „Utopie“: Man befinde sich nun „im Vorfeld der Möglichkeiten“. Schon jetzt aber müßten die Kommunen begreifen, daß die Kultur „ins Zentrum der Politik rücken“ müsse.




Ruhr-Kultur für Bonns Meinungsträger – Regierung glänzte durch Abwesenheit

Von Bernd Berke

Bonn. Lang genug hat’s ja gedauert, doch nun macht das Ruhrgebiet in der Bundeshauptstadt mit Macht von sich reden – und das auch noch als Hort der Kultur. „Ruhrgebiet Kulturgebiet“ heißt der Vorstoß, mit dem der NRW-Minister für Bundesangelegenheiten, Günther Einert, die in Bonn natürlich zahlreich vertretenen Meinungsträger und Meinungsmacher aufs Revier aufmerksam machen will.

Gleich 1500 dieser „Multiplikatoren“, darunter allein 30 Botschafter, waren gestern Abend in der NRW-Landesvertretung (Bonn, Dahlmannstraße 2) zugegen, als Ministerpräsident Rau die Ausstellung eröffnete. Bundespräsident von Weizsäcker will die Exponate morgen in Augenschein nehmen. Für die illustren Gäste wurden vornehmlich Spitzenstücke etablierter Kultur aus Museen des Reviers nach Bonn gebracht, so aus dem Folkwang-Museum Essen Gemälde von Emil Nolde und Christian Rohlfs, Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck aus dem gleichnamigen Duisburger Museum, dazu Jugendstilexemplare aus dem Essener Plakatmuseum und Leihgaben aus dem Ikonen-Museum in Recklinghausen.

Ferner gab’s am gestrigen Eröffnungsabend einen Live-Querschnitt durch die Revier-Kultur: Das Bochumer Schauspielhaus zeigte seine Produktion „Wer nie bei Siemens-Schuckert war“, und mit „Teddy Technik“ war eine Rockband der Revierszene vertreten. Schließlich traten, flankiert von Kultusminister Schwier sowie den Revier-OBs Krings (Duisburg) und Reuschenbach (Essen), Galionsfiguren der Ruhrgebiets-Kultur aufs Podium: unter anderem Hansgünther Heyme (Essens künftiger Schauspieldirektor), Pina Bausch und der Filmemacher Michael Lentz.

„Befremdliches“ Desinteresse

Mit der nicht in allen Punkten reviertypischen Auswahl kam man der verwöhnten Bonner Prominenz entgegen. Mit aktueller Revier-Kunst, so vermutete man in Einerts Haus wohl zu Recht, kann man in Bonn „nichts werden“. Also mußten absolute Attraktionen her – ein Ansinnen, das den beteiligten Ruhrgebiets-Museen aus konservatorischen Gründen zunächst Bauchschmerzen bereitete.

Die Idee zu dieser bisher wohl umfangreichsten Kultur-Präsentation einer Region im Bonner Regierungsviertel, ist bereits fünf Jahre alt. Als 1984 der Kommunalverband Ruhrgebiet (KVR) einstieg, gewann sie ihre jetzige Gestalt. Nun sind bis zum 19. April das Foyer und etliche Sitzungszimmer im Ministerium für Bundesangelegenheiten der Kunst vorbehalten. Für die Ausstellung (werktags zwischen 9 und 16 Uhr allgemein zugänglich) wurde allenthalben geworben. Das Plakat, eine Anspielung auf „Kunst und Kohle“, ziert zahlreiche Bonner Litfaßsäulen. Auch bei den Schulen wurde gezielt die Werbetrommel gerührt. Die Veranstalter hoffen nun auf etwa zwei- bis dreihundert Besucher pro Tag.

Vermißt wurden am Eröffnungsabend Spitzenvertreter der Regierungskoalition. Weder der Kanzler noch einer seiner Bundesminister ließen sich blicken. Landesminister Günter Einert fand derlei Desinteresse am Revier „auffallend und befremdlich“.




„Marktplatz Ruhrszene“: Literatur an der Wäscheleine, Schülerzeitung auf Video und vieles mehr

Von Bernd Berke

Bochum. Mit rund 150 Auftritten und Selbstdarstellungen in 80 Kojen hat von Freitag bis gestern der 4. „Marktplatz Ruhrszene“ etwa 9000 Besueher in die Bochumer Ruhrlandhalle gelockt. Vor zwei Jahren waren 12 000 Besucher in die Essener Grugahalle gekommen.

Die Talentbörse des Reviers wurde in Bochum erstmals auf drei Tage ausgedehnt. Am Freitag hatte der „Schulhof Ruhrszene“ Premiere, bei dem Schulklassen aus dem Revier ihre Künste vorführen konnten, darunter gar eine „Schülerzeitung auf Video“. Die jüngsten Teilnehmer des „Schulhofs“ waren 10 Jahre alt. Gestern wurde beschlossen, diese Talentprobe der Allerjüngsten zum festen Bestandteil des „Marktplatzes“ zu machen.

Neu gegenüber den ersten drei Marktplätzen in Dortmund, Essen und Hamm war auch die Einrichtung eines eigenständigen Literatur-Forums, als dessen sichtbarste Ankündigung eine 50 Meter lange „Wanne-Eickeler Literaturschlange“ auf einer Wäscheleine hing. Zwar etwas abseits im „Judo-Raum“ der Halle postiert, hatten die Autoren diesmal immerhin keine übermäßige Stimmgewalt nötig, um gegen die wieder besonders vielfältig vertretene Rockmusik anzukommen. Der Gelsenkirchener Arbeiterdichter Richard Limpert machte sich allerdings einen verbitterten Reim darauf: „Die Literaten sind geprellt, hinterm Lokus abgestellt“.

Auf der Bühne 3, die der Kleinkunst vorbehalten war, konnten am Samstag vor allem die Dortmunder Blasmusiker von „Atemgold“ und die Duisburger Travestie-Truppe „Pink Chatal Revue“ das Publikum für sich gewinnen. Exotisches war ganz offensichtlich „angesagt“.

Zwischen Bauchrednern, Clowns, Feuerschluckern, Kabarettisten, Musikern (von Rock bis Renaissance), Pantomimen, Puppenspielern, Tänzern und Zauberern aus dem Revier sorgten gestern unter dem Motto ..Szene der Nachbarn“ auch Amateure und Halbprofis aus anderen Ländern und Regionen für Abwechslung. Folkore aus der Türkei, Griechenland, Spanien und Afrika gehörten ebenso dazu wie etwa „plattdeutsche Disco-Musik“ made in Papenburg. Ziel des Veranstalters (Verein „Pro Ruhrgebiet“): Die Ruhr-Szene solle nicht ausschließlich „im eigenen Saft kochen“.

Für den „Marktplatz Ruhrszene“ muß, zumindest bei den Auftrittswilligen, kaum noch geworben werden. Dermaßen etabliert, wird sich der „Marktplatz“ allmählich auch selbst „historisch“. So kamen unter dem Titel „Ruhrszene-Spitze“ einige der erfolgreichsten Gruppen der letzten Jahre, darunter vor allem solche aus Dortmund („Ace Cats“, „Rocktheater Nachtschicht“, „Acoustic Groove Band“), erneut ins Programm.

Vom Erfolg der Letztgenannten können die meisten der über 1000 Mitwirkenden nur träumen. Immerhin war Fachpublikum (Konzertveranstalter, Plattenproduzenten) angereist, darunter – zur Überraschung aller – sogar Talentsucher eines belgischen Privatsenders namens „Distel“.




Aus den Schatzkammern Perus – Villa Hügel zeigt: „Kunst und Kultur im Lande der Inka“

Von Bernd Berke

Essen. Museen in aller Welt wollten diese unermeßlichen Schätze zeigen. Doch Washington, London, Brüssel und andere Metropolen müssen auf dieses Ausstellungsereignis verzichten: „Peru durch die Jahrtausende“, ein überwältigender Querschnitt durch „Kunst und Kultur im Lande der Inka“ und die bei weitem größte, außerhalb des Ursprungslands gezeigte Ausstellung über den Andenstaat, ist (nach Station in Oberösterreich) ab heute in der Essener „Villa Hügel“ zu bewundern.

Mit dieser Schau wollen die Peruaner für Forschungshilfe aus den deutschsprachigen Staaten danken. Kaum zu erwarten, daß in unseren Breiten jemals wieder ein so umfassender, repräsentativer Überblick zu diesem Thema gezeigt werden kann.

Die Ausstellung umfaßt weit über 3000 Jahre peruanische Kulturgeschichte – von den ersten Anfängen der Zivilisation (etwa 2300 v. Chr.) über die großen Kulturen der Vor-Inka-Zeit (Chavin, Frias, Nazca usw.) und Zeugnisse des legendenumwobenen, doch relativ kurzlebigen Inka-Reichs seilst (ab etwa 1200 n. Chr.), bis hin zur Zeit der Eroberung Perus durch die spanischen Konquistadoren, die übrigens die meisten Goldschätze einschmolzen (16. Jhdt. n. Chr.). Ein Ausblick auf heutige Probleme Perus rundet die Ausstellung ab.

Allein 540 Kostbarkeiten stammen aus peruanischen Sammlungen. Sie werden ergänzt durch Exponate aus den wichtigsten deutschen Völkerkundemuseen. Insgesamt sind über 800 Stücke ausgestellt. Nicht nur Laien, auch Fachleute werden jetzt laut Ausstellungsorganisator Dr. Ferdinand Anders (Klosterneuburg, Österreich) von Lehrmeinungen oder Legenden Abschied nehmen müssen (apropos: auch Erich von Däniken, der immer noch behauptet, in der Vorzeit seien „Außerirdische“ in Südamerika gewesen, fand sich gestern zur Vorbesichtigung ein). Neueste Grabungskampagnen in Peru, so Dr. Anders, ließen in Kürze sensationelle Aufschlüsse erwarten.

Die wichtigsten Ausstellungsstücke können hier nicht annähernd aufgezählt werden. Am überraschendsten: ein silbernes Kleinod, das immer noch als Taufschale verwendet wird, und zwar in der Nicolaikirche in Siegen! Das am höchsten versicherte Stück ist indes die „Venus von Frias“, das wertvollste peruanische Einzelstück aus Gold (22 Karat) überhaupt.

Es beginnt mit Streiflichtern zur Landeskunde, gefolgt von Figurinen mit historischen Trachten. Derart eingestimmt, kann man chronologisch Kunst- und Handwerksgegenstände (oder auch: durch Bandagierung spitz gemachte Schädel usw.) der verschiedensten Epochen Revue passieren lassen.

Drastische Sexualdarstellungen stehen neben bizarren Statuetten verkrüppelter Menschen oder Szenen, die Priester beim Menschenopfer zeigen. Stelen und Obelisken sind als Kopien zu sehen. Mit einfachen Mitteln wird größtmögliche Ausdruckswirkung erzielt: Dies belegen zahlreiche Keramik-Arbeiten in unglaublich fein abgestuften Pastelltönen, von großen Fertigkeiten zeugende Metallarbeiten oder auch ein Poncho aus bunten Vogelfedern.

„Peru durch die Jahrtausende“. Villa Hügel, Essen. 29. Februar bis 30. Juni, Katalog 32 DM. Tägl- außer Mo. 10-18 Uhr, ab 16. April 10-19 Uhr (auch montags).




Neue Kulturstiftung Ruhr will das Revier auch im Ausland zum Begriff machen

Von Bernd Berke

Essen. Einen Chirurgen benötige die Kultur des Ruhrgebiets zwar keineswegs, „wohl aber immer wieder frische Blutzufuhr“. So bildhaft begrüßte Ministerpräsident Johannes Rau gestern in der Essener Villa Hügel den Start eines hocheingeschätzten Projekts: Seit gestern gibt es die „Kulturstiftung Ruhr“, die laut Satzung alle überörtlichen Maßnahmen fördern soll, die geeignet sind, das Revier als „einheitliche Kulturlandschaft von Rang“ im In- und Ausland darzustellen.

Die Initiative ging von der Krupp-Stiftung und ihrem Kuratoriumsvorsitzenden Berthold Beitz aus. Die Stiftung bringt in den nächsten zehn Jahren je 1 Million DM in die Kulturstiftung Ruhr“ ein. Prof. Paul Vogt, Direktor des Essener Folkwang-Museums und neben Beitz im Vorstand der Stiftung, umriß die Förderungs-Aufgaben der neuen Institution wie folgt:

  • Aus- und Weiterbildung eines qualifizierten künstlerischen Nachwuchses
  • Dokumentation herausragender ruhrgebietsspezifischer Ereignisse
  • Unterstützung von Pilotprojekten mit besonderer Bedeutung für das Ruhrgebiet
  • Ausstellungen oder ähnliche Veranstaltungen, die Maßstäbe für das Kulturleben im Revier setzen können und dessen internationales Ansehen fördern.

Wie gestern weiter mitgeteilt wurde, werden erste Projekte im Sommer dieses Jahres spruchreif. Einzelheiten wurden noch nicht verraten.

NRW-Kultusminister Hans Schwier gab sich in Essen zuversichtlich. Kulturförderung sei indirekt auch Wirtschaftsförderung. Mit Blick auf den Landeshaushalt meinte Schwier, man habe endlich die „Talsohle erreicht“ und werde sie durchschreiten, indem man künftig auch im Kulturbereich wieder schrittweise aufgestocken werde. Bei diesem Normalisierungsprozeß, so Johannes Rau, könnten private Initiativen wie die soeben gegründete Stiftung wichtige „Signalwirkung“ haben und öffentliche Anstrengungen beflügeln. Insofern sehe er in der Stiftung nicht nur einen Geldgeber, sondern auch einen „Hoffnungs-Stifter“. Kultur werde gerade in sozial weniger rosigen, zur Resignation neigenden Zeiten zur „Lebensfrage“. Das Revier sei eben nicht nur eine Region der Arbeit, sondern zähle zu den wichtigsten Kulturzentren der Welt.

Ein Wermutstropfen fiel gestern dennoch in den Freudenbecher. Berthold Beitz beklagte die nach seiner Ansicht kleinlichen Richtlinien des deutschen Stiftungsrechts. Ursprünglich habe man die „Kulturstiftung Ruhr“ mit einem Grundkapital von 10 Millionen DM ausstatten wollen. Dies sei aus steuerlichen Gründen nicht möglich gewesen. Nun müsse man den Betrag auf zehn Jahre verteilen, was enormen Zinsverlust bedeute. Beitz drastisch: Es sei steuerlich einfacher, afrikanische Fußballer zu fördern als einheimische Kultur. Um das Mindestkapital aufzubringen, griff Beitz in die Privatschatulle. Betrag: 100 000 DM. Da die Stiftung sich als „Sammelbecken“ verstehe, könne jedermann sein Scherflein beitragen.




Revier-Lexikon ist nicht durchweg zuverlässig

Von Bernd Berke

Wer hat schon immer parat, daß der Schauspieler Heinz Drache in Essen geboren ist, daß Rudolf Platte aus Dortmund und der Groß-Verleger Gerd Bucerius aus Hamm stammt?

Und weiter: daß es schon 1925 ein Rundfunk-Landesstudio in Dortmund gab, daß in Bochum 1863 eine Shakespeare-Gesellschaft gegründet wurde, daß es im Revier ungefähr 4200 Sportplätze gibt, daß Sigi Held 422 Bundesliga-Einsätze für Borussia Dortmund bestritt?

Für alle, die schon immer besser übers Ruhrgebiet Bescheid wissen wollten, sollte es eine neue Informationsquelle und Gedächtnisstütze sein: das „Revier-Lexikon“ (326 Seiten, 24,80 DM), natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit und im Bielefelder Univers-Verlag erschienen. Von Aake (Frachtschiff der Ruhrschiffahrt im 18. und 19. Jahrhundert) bis Zymzicke („schnippische Person“) – der Band soll in (zu) knapper Form über Landschaft, Wirtschaft, Kultur, Sport, Städte und Menschen dieser Region Auskunft geben. Warum ist eigentlich bisher noch niemand auf diese Idee gekommen?

Auf einem anderen Blatt steht, wie der Einfall verwirklicht wurde. Herausgeber Alfred Lau, Ulrich Krause, leitender Redakteur, und ihr Team haben leider auch den begrenzten Rahmen nicht immer zur Zufriedenheit gefüllt. Die krause Mischung aus brauchbaren Informationen und schludrig aufbereiteten Stichwortartikeln läßt zwar hie und da Lesevergnügen aufkommen, aber es bleibt eher beim Vergnügen der unverbindlichen Art. Wäre man weniger gutwillig, könnte man sagen, daß hier die Grenzen zwischen seriöser Lexikondarstellung und unterhaltenden Teilen reichlich fließend sind.

Mit der Zuverlässigkeit, die man billigerweise gerade von einem Buch verlangen darf, das sich „Lexikon“ nennt, hapert es an zahlreichen Stellen. Nicht nur viele der mitgeteilten „Fakten“ über die Zeitungslandschaft des Reviers (bis hin zu Geburtsdaten) sind grundfalsch. Unsinnig z. B. auch die Behauptung, es habe im Mittelater „Schwerter aus Schwerte“, also Waffenschmieden in der Ruhrstadt gegeben. Solche groben Schnitzer sind einfach ärgerlich. Sie machen auch mißtrauisch gegenüber Informationen, die sich nicht unmittelbar nachprüfen lassen. Vor einer eventuellen zweiten Auflage muß dringend korrigiert werden. In der derzeitigen Form ist das Buch sein Geld nicht wert.

Im selben Verlag ist auch ein „Kleiner Kunst- und Kulturführer Ruhrgebiet“ (14,80 DM) erschienen. Durch die Beschränkung aufs Thema Kulturkann Autor Alfred Wolf mehr in die Details gehen als die Redaktion des „Revier-Lexikons“. Alphabetisch nach Städten geordnet, erweist sich der 144-Seiten-Band als nützlicher Führer durch den wahren „Dschungel“ an kulturellen Begebenheiten und Institutionen an Ruhr und Emscher. Dankenswerterweise werden nicht nur die „klassischen“ Sparten berücksichtigt, sondern auch Kabarett, „Alternativ“-Theater oder Rockmusik.




„Der Hang zum Gesamtkunstwerk“ – weit mehr als eine Besessenheit

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Ein ehrgeiziges Projekt macht Station in der Landeshauptstadt: „Der Hang zum Gesamtkunstwerk“, bisher lediglich in Zürich und dann nur noch in Wien zu sehen, dokumentiert ab heute in der Düsseldorfer Kunsthalle eine „Besessenheit“ europäischer Künstler in den letzten 150 Jahren: „Aufs Ganze“ zu gehen, alles zugleich ausdrücken zu wollen, universelle Utopien zu entwerfen, sämtliche Kunstformen (Dichtung, Musik, Malerei, Theater, Film, Architektur usw.) zu verschmelzen und damit in alle Bereiche des Gemeinwesens hineinzuwirken.

Der Ausstellungsmacher Harald Szeemann faßt den ohnehin kaum definierbaren Begriff des Gesamtkunstwerks (Urheber: Richard Wagner) weit: Goethes humanistisches Bildungsideal zeugt danach ebenso vom Hang zur Totale wie etwa die Anfänge des „Bauhauses“ (bevor es zur Stil-„Schule“ wurde), JosephBeuys‘ Arbeiten ebenso wie die eines Philipp Otto Runge, der das Einssein des Künstlers mit dem Universum ersehnte (Außerdem u.a.: Duchamp, d’Annunzio, C.D. Friedrich, Lissitzky, Schlemmer).

Merkwürdig genug: Der unübersehbare „Hang“ entstand, als die Künstler aus dem Mäzenatentum der Kirchen und des Hochadels „entlassen“ und ihrer Individualität überantwortet wurden. Seit dem Verlust eines einheitlichen Weltbilds also ist die Vorstellung von Gesamtkunst lebendig, sie wird somit zu einem Rettungsversuch.

„Einladung zur Meditation über die totale Freiheit“

Harry Szeemann, der dem Besucher „eine Einladung zur Meditation über die totale Freiheit“ anbieten möchte, trug eine Fülle von Beispielen für Kunst mit Totalanspruch zusammen: Zu Richard Wagner (der der Verwirklichung eines Gesamtkunstwerks immerhin nahekam), finden sich monumentale Entwürfe für Bühnenbilder und für das Bayreuther Festspielhaus. Wahlverwandt: Filmregisseur Syberberg, z. B. mit Modellen zu seinem „Hitler“-Film.

Von Robert Wilson, Großmeister des sprachlosen Theaters, sieht man Skizzen für eine Multimedia-Oper, die er in Los Angeles (Olympia ’84) ins Werk setzen will. Der Anthroposoph Rudolf Steiner ist u. a. mit Architektur-Entwürfen vertreten, Joseph Beuys mit 21 angebohrten Basaltblöcken (Titel: „Das Ende des 20. Jahrhunderts“). Walter Gropius entwarf für Erwin Piscator ein „Total-Theater“, Wladimir Tatlin für die junge Sowjetmacht einen schneckenförmig gedrehten Turm als „Monument für die III. Internationale“. Beide Projekte verblieben im Stadium der „Kopfgeburt“, wie vieles in dieser Ausstellung. Um die Entwürfe dennoch dreidimensional vor Augen zu führen, hat man eigens Modelle nach den Vorlagen gefertigt. Manches ist bereits in der Verkleinerung so monströs, erhebt einen so gebieterisch-totalitären Anspruch, daß man für die Nicht-Verwirklichung dankbar sein muß.

Anderes, so der rekonstruierte „Merzbau mit der Kathedrale erotischen Elends“ (das Original wurde 1943 im Bombenhagel zerstört), wirkt eher andächtig als aggressiv. Die Ausstellung verlangt Vorkenntnisse und ist ohne Zusatzinformationen kaum sinnvoll zu bewältigen. Da sie einen wesentlichen Aspekt der europäischen Moderne vergegenwätigt, lohnt sich der Weg an den Rhein aber unbedingt.

„Der Hang zum Gesamtkunstwerk“. Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz: bis 10. Jli, di-so 10-18 Uhr, Katalog 45 DM




Kulturbörse in Essen erneut ein Erfolg – 14000 beim „Marktplatz Ruhrszene“

Von Bernd Berke

Essen. „Lesungen auf Wunsch“ gab es an einem Stand, ein paar Kojen weiter versuchte sich einer als Zauberkünstler, nur Schritte entfernt gab’s Marionettenballett. Aus der Halle schallte derweil harte Rockmusik. Vielfalt, aber kein Chaos: Der „Marktplatz Ruhrszene“, jene vom Verein pro ruhrgebiet aus der Taufe gehobene und von manchen als Rummelplatz bezeichnete Kulturbörse des Reviers, hat am Wochenende in der Essener Grugahalle seine zweite Bewährungsprobe bestanden.

Hatte es 1982 in Dortmund noch die eine oder andere kleine Premierenpanne gegeben, so war das Spektakel diesmal nahezu perfekt organisiert. Zeitverzögerungen waren gering, bei insgesamt 1000 Mitwirkenden lag nur eine einzige kurzfristige Absage vor. Niemand zweifelt daran, daß die Veranstaltung alljährlich zur Dauereinrichtung wird.

Gehofft hatte man, daß 10 000 kämen. Dann aber tummelten sich annähernd 14 000 Besucher am Samstag und Sonntag in der Halle und im Foyer, wo sich über 200 Amateur-Gruppen, Initiativen und Solisten aus 53 Städten vorstellten. Bunt das Programm: Rockmusik (einer der Höhepunkte: der Auftritt von „Herne3″ am späten Samstagabend), Kunsthandwerk, Varieté und Zirkuszauber, Theater, Fotografie, Zeichnungen, Autorenlesungen, Kabarett usw.

Zwar das Gros, doch längst nicht alle 200 Programmpunkte (die aus 500 Bewerbungen ausgewählt wurden) erfüllten den Anspruch, das eigenständige Kulturprofil der Ruhrregion zu dokumentieren. Warum zum Beispiel (von der Duisburger Gruppe Birds of Passage schlecht gespielte) Countrymusic hier unverzichtbar sein sollte, war kaum einzusehen.

Im Gegensatz zu Dortmund ’82 fand diesmal von Anfang an auch Laienpublikum Einlaß. Ebenfalls neu, daß diesmal Eintritt (5 DM, 2 DM für ermäßigte Karten, der Erlös geht an den Ruhrszenefonds zur Unterstützung hiesiger Künstler) berappt werden mußte. Doch das tat dem Besucherandrang keinen Abbruch. Ließ sich der Verkauf am Samstagmorgen noch schleppend an, so hatten bereits am ersten Tag 7000 Menschen die Halle durchstreift, darunter auch wieder einige professionelle Kulturmanager, so daß erneut einige Gruppen die Chance zu unverhofften Auftritten oder gar Studioproduktionen erhielten.

Füllten am Samstag vornehmlich Jugendliche die Halle, so lockte das mit Puppen- und Clownsdarbietungen bewußt familienfreundlich konzipierte Sonntagsprogramm auch zahlreiche Ältere an. „Bühne 4″ war freilich ein Flop. Gedacht als Forum für Spontanauftritte, blieben diese Bretter fast die ganze Zeit über gähnend leer. Erst am Sonntag wagten sich mehrere Mutige hinauf. In Dortmund war’s vor Jahresfrist beinahe umgekehrt gewesen: Dort hatte man mit plötzlichen Eingebungen kaum gerechnet, wahrend es an Auftrittswilligen nicht mangelte.