Martin Walsers Tagebücher 1974-1978: Wachsende Verbitterung

Also schreibt Martin Walser: „Ich schlug Günter vor, in ein Pornokino am Ku’damm zu gehen. Günter wollte nicht. Ich habe Phantasie, ich geh doch in keinen Porno.“

Richtig geraten. Jener Günter ist Günter Grass. Nach einem langen Diskussionstag in der Berliner Akademie der Künste mochte er sich offenbar nicht „unter Niveau“ entspannen. Oder war es die unverhoffte Gelegenheit, dem Marktkonkurrenten Walser „Phantasielosigkeit“ zu unterstellen? Egal.

Die läppische Episode begab sich im Mai 1976 und ist in Martin Walsers Tagebüchern verzeichnet. Er hätte die Passage, in der Grass vermeintlich „besser wegkommt“ als er selbst, gewiss nicht in den neuen Band aufnehmen müssen. Doch er hat es getan. Auch sonst ging er in den jetzt erschienenen Tagebüchern der Jahre 1974-1978 nicht gerade schonend mit sich um. Seine Wahrheit muss heraus. Mit anderen Worten: Dies ist ein notwendiges Buch.

Man kann hier noch einmal tief in den Kultur- und Literaturbetrieb der 70er Jahre eintauchen, als Autoren wie Grass und Walser, Max Frisch, Heinrich Böll, Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger die hiesigen Debatten prägten. Als dominanter Präzeptor des Betriebs, ja als geradezu mythische Gestalt – jedoch mit manchen menschlichen Schwächen – erscheint der offenbar allzeit virile Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, der sich außerehelich gern mit ausgesprochen jungen Gespielinnen schmückte wie nur je ein „Pate“. Auf ähnlichen Anhöhen thronte Max Frisch, den Walser als eitlen Altvorderen schildert. Und Enzensberger? War demzufolge ein Hallodri. Das durfte man erwarten.

Doch hier geht es weder um Tratsch noch um bloßes name dropping. Das hat Walser wahrlich nicht nötig. Er hat die meisten Kulturschaffenden (und Politiker), die er erwähnt, sehr gut gekannt und weiß Treffliches über sie mitzuteilen. Dabei werden Strukturen und Mechanismen des Betriebs bloßgelegt. So erfährt man einiges über Mauscheleien im Vorfeld wichtiger Literaturpreise, über bezeichnende Interna des Leitfossils Suhrkamp-Verlag oder über die teilweise gehässige Konkurrenz zwischen Schriftstellern.

Auch Walser ist natürlich nicht gänzlich frei von Anwandlungen der Missgunst. Mehrfach lässt er Futterneid just auf Grass durchblicken, der für Lesungen deutlich höhere Honorare kassierte und zudem höhere Prozentanteile an Buchverkäufen einstrich. Im Zuge der damaligen Tendenzwende (Zurückdrängung linker Positionen während des deutschen RAF-Terrorherbstes) fallen auch bissige Bemerkungen etwa über Peter Handke, der sich auf „wahre Empfindung“ kapriziert, während Walser seinerzeit immer noch im Umfeld der DKP (deren Mitglied er nie war) angesiedelt wird. Dabei ist auch er längst in andere Richtungen unterwegs.

Allerdings plagt sich Walser mit einer typischen 70er Jahre-Befürchtung, nämlich der, dass er als Hauseigentümer zu den verhassten Besitzenden gezählt werden könne.

Andererseits treiben den doch einigermaßen arrivierten Autor ständige, kleinmütig (und kleinbürgerlich) anmutende Geldsorgen um. Zitat: „Böll und Grass haben ihre enormen Geldreserven. Ich habe nichts.“ Jeder selbst bezahlte Hotelaufenthalt und erst recht ein Autokauf bereiten ihm Kopfzerbrechen. Will sich etwa jemand darüber mokieren? Wer steht schon für alle Zeit auf sicherem Grund?

Den bleiernen Schwerpunkt des Bandes bildet denn auch ein existenzgefährdender Vorgang, bei dem Walser übel mitgespielt worden ist, und zwar vom damaligen FAZ-Literaturchef Marcel Reich-Ranicki. Der hat am 27. März 1976 Walsers Roman „Jenseits der Liebe“ total verrissen, ja geradewegs verbal zerfetzt und dabei die literarische Eignung Walsers grundsätzlich in Zweifel gezogen.

Walser protokolliert in jenen Tagen, Wochen und Monaten seine nachhaltige Verbitterung. In der Rezension Reich-Ranickis glaubt er einen veritablen Vernichtungswillen zu spüren. Der Kritiker wolle ihn, Walser, „heraus haben“ aus der Literatur. Daran arbeitet sich Walser mühsam ab – zwischen Selbstzweifeln, Selbstzerfleischung und Selbstbehauptung, zwischen Rachedurst, Verfolgungswahn und aufblitzenden Selbstmordgedanken. Seine nächste Begegnung mit Reich-Ranicki stellt er sich im Tagebuch so vor: „Ich sage Ihnen also, dass ich Ihnen, wenn Sie in meine Reichweite kommen, ins Gesicht schlagen werde.“

Martin Walser erhielt damals etliche Solidaritätsbekundungen, so auch vom Freund Jürgen Habermas. Doch so gut wie niemand von medialem Belang wagte es, Reich-Ranicki öffentlich zu widersprechen. Besonders enttäuscht ist Walser über sozusagen schulterklopfende Großkritiker wie Joachim Kaiser („Süddeutsche Zeitung“) und Rolf Michaelis („Die Zeit“), die ihre Ablehnung in fadenscheinige Komplimente kleiden.

Walser kommt immer wieder auf seine notorischen Bauchschmerzen zu sprechen. Psychosomatische Symptome? Wer weiß. Jedenfalls vernimmt man einen Grundton des Verzagens, wechselnd mit trotzigen Wallungen und nur gelegentlichem Übermut, der auf verschüttete Lebenslust schließen lässt. Erst ein mehrmonatiger Arbeitsaufenthalt in West Virginia/USA bringt Linderung durch Distanz.

Das Ganze ist kein geringes Lehrbeispiel für Rezensenten aller Kunstgattungen, denn hieran lässt sich ermessen, was eine rücksichtslose Kritik mit einem Autor machen kann. Sie kann ihm schlimmstenfalls an die Lebensgeister gehen. Diese Feststellung ist beileibe kein Plädoyer für lediglich ergriffen nachzeichnende „Kunstbetrachtung“, wohl aber eine Mahnung zum Anstand. Auch entschiedenste Kritik sollte ihre Grenzen kennen.

Das rastlose Leben auf Lesetourneen (deprimierende Hotels, Provokateure im Publikum usw.) hält nur selten Trost bereit. Walsers auffällige Marotte: Wie ein akribischer Kursbuchhalter nennt er all die An- und Abfahrtzeiten der Züge, die er benutzt. Seine nervösen Zettel-Kritzeleien, deren Faksimiles den ganzen Band durchziehen, zeugen in kryptischer Form von seelischen Aufregungen (mit einem damals entstehenden Walser-Romantitel gesagt: von „Seelenarbeit“), sie geben dem Leser zudem das Gefühl einer großen Nähe zum Entstehungsmoment der Notizen. Ein sinnreicher Kunstgriff dieser Edition, die im Anhang aufschlussreiche Erläuterungen zum zeitgeschichtlichen Kontext enthält. Der vielleicht einzige Schwachpunkt des Primärtextes sind pseudo-lyrische Einsprengsel. Walser war und ist kein Lyriker. Er hat gut daran getan, sich anders zu orientieren.

Zauber der Nähe in vertrauter Region, heilsame Verwurzelung: Penibel hält der in literarischer Fron weltweit gereiste Walser fest, bis zu welchem Punkt er jeweils im heimischen Bodensee hinausgeschwommen ist. Und was der zuweilen arg besorgte Vater von vier Töchtern übers Familiäre äußert, ist auch nachträglich interessant. Franziska, Johanna, Alissa und Theresia Walser haben schließlich ihre je eigenständigen Wege als Autorinnen und beim Schauspiel (Franziska) beschritten. Es gibt bewegende Stellen in diesem Buch, die besagen, dass das Wachsen und Werden der Kinder Walser mindestens ebenso wichtig ist wie die eigenen Werke. Beispielsweise diese Aufzeichnung vom 31.8.1975:

„Die einzige Freude, die ich hatte, sind die Kinder. Wenn es zweien von diesen vieren gut ginge, könnte ich im Anschauen dieses Gutgehens meine restliche Zeit verbringen…“

Martin Walser: „Leben und Schreiben. Tagebücher 1974-1978“. Rowohlt Verlag. 591 Seiten, 24,95 Euro.




Wer sich an Dekadenz berauscht

Der Schriftsteller Gerhard Henschel, der sonst schon mal ausgiebig in persönlich gefärbten Erinnerungen schwelgt („Kindheitsroman“, „Jugendroman“), hat sich diesmal auf anderes Terrain begeben. Dabei geht er abermals aufs Ganze: Sein neues opus magnum heißt „Menetekel“, ist so fußnotenreich wie eine veritable Doktorarbeit und verhandelt laut Untertitel nicht weniger als „3000 Jahre Untergang des Abendlandes“.

Mit Hunderten und Aberhunderten von markanten bis monströsen Zitatstellen führt der fleißige Sammler Henschel vor, dass es in allen, aber auch wirklich allen Epochen Kulturpessimisten und Apokalyptiker der finsteren Sorte gegeben hat. Mit sozusagen erektil anschwellender Phantasie, die selten von eigener Erfahrung gesättigt war (erst recht nicht von lustvoller), malten sie den bevorstehenden Untergang in grellsten Farben aus; vorzugsweise, indem sie den angeblichen Verfall der sexuellen Sitten in möglichst drastischer Behauptungs-Prosa schilderten.

Die gestrengen Beobachter gaben sich gern den Anschein, als hätten sie höchstselbst jeden Vorhang gelüftet, um ihn sodann mit ergötzlichem Ekel zuzuziehen. Nicht nur Henschels virulenter Verdacht: Sie geilten sich an den Objekten der eigenen Empörung auf, vielleicht gar insgeheim mit onanistischen Absichten. Oft genug aber auch mit kriegerischen.

Auf der Suche nach dem vermeintlich goldenen Zeitalter, das sie alle als heilsamen Kontrast beschworen haben, begibt sich Henschel historisch immer weiter zurück. Geradezu komischer Effekt dieser „Früher-war-alles-besser“-Retrospektive: In der jeweils vorherigen, angeblich noch so idyllischen und sittsamen Ära finden sich stets sehr ähnliche Klagen über Dekadenz. Und so weiter und so fort – zurück bis zum Anbeginn der schriftlich überlieferten geschichtlichen Zeit…

Auf Dauer gerät der Chor all der erzkonservativen Mahner ein wenig monoton, denn die Grundmuster ihrer jammervollen Klagen sind einander ziemlich ähnlich. Davon lässt sich Henschel leider anstecken, indem er all diese ausführlichst zitierten Positionen hernach mit der immergleichen, triefenden Ironie kurz und knapp abwatscht. Genauere Analyse überflüssig. Tenor: Diese Leute waren sexuell frustriert, haben auch anderen Menschen keine Lebens- und Liebesfreude gegönnt und sich just daher die tollsten, wüstesten Orgien ausgemalt, um sie den verhassten Feinden (Franzosen, Slawen, Juden etc.) zuzuordnen, sie mit (meist rechtslastigem) Furor zu verdammen und im Extremfall zur Ausmerzung aufzurufen.

Nicht immer treffen Henschels knappe Bemerkungen exakt den Kern der Verhältnisse. Zuweilen reicht ihm ein satirisches Zitat, um höhere Wahrheit wider die aufgetürmte Dummheit leuchten zu lassen, doch diese simple Methode verfängt nicht in jedem Falle. Auch verwirft Henschel jederlei Kritik an der permissiven Gesellschaft kurzerhand als lustfeindlich. So einfach ist das denn doch nicht.

Aufschlussreich herausgearbeitet sind hingegen häufig wiederkehrende „Argumentations“-Figuren wie das perfide Ausspielen einer deutschen/germanischen „Kultur“ gegen die niedere „Zivilisation“ vornehmlich der sündigen Franzosen. Hier erlaubt schon die schiere Fülle der Zitate manchen erhellenden Quervergleich. Aus ungeahnt aktuellen Gründen ist es auch verdienstvoll, dass Henschel das geläufige Gerede von der „spätrömischen Dekadenz“ stark relativiert. Von Guido Westerwelles ahistorischem Gefasel konnte er beim Verfassen des Textes noch nichts ahnen.

Die 14 Kapitel des Buches sind freilich von schwankender Qualität. Die übelsten „Franzosenfresser“, Antisemiten und Faschisten werden in den Orkus gestoßen, in den sie gehören. Doch das gleiche Schicksal ereilt auch einen Säulenheiligen der Linksliberalen, nämlich Günter Anders („Die Antiquiertheit des Menschen“). Er erscheint hier als unerträglich eitler Fatzke und haltloser Alarmist. So gerät er unversehens in eine Reihe mit Gestalten wie dem Ultra-Nationalisten und Schriftsteller Ernst Moritz Arndt (nach dem viele deutsche Straßen benannt sind) oder Oswald Spengler, von mörderischen NS-Ideologen ganz zu schweigen.

Behutsame historische Differenzierung scheint also nicht Henschels hauptsächliche Stärke zu sein. So könnte man argwöhnen – bis man die letzten Kapitel liest. Da geht es auf einmal schillernd, zwiespältig und widersprüchlich zu, also ungleich spannender als vordem, wo die Fronten überaus klar zu sein schienen. Das Kapitel über den Berserker-Poeten Rolf Dieter Brinkmann („Keiner weiß mehr“, „Westwärts 1 & 2“) führt einen wahrhaft sprachmächtigen Daseinshasser vor Augen, der sich um und nach 1968 zu monströsen Wutschreien auf alles und jeden verstiegen hat. Beim Rom-Aufenthalt etwa bespie er die Italiener verbal als „Spaghettifresser“ und „Sackkratzer“.

Schließlich betritt mit dem ebenso famosen Schriftsteller Ror Wolf ein Mann die Weltbühne, der seinerseits die schwärzesten Katastrophen kommen sieht, solche Befürchtungen aber zu Grotesken ballt. So gibt es also doch Warnungen, auf die man haarfein hören sollte!

Gerhard Henschel: „Menetekel – 3000 Jahre Untergang des Abendlandes“. Eichborn Verlag (Reihe „Die andere Bibliothek“), Frankfurt. 372 Seiten. 32 Euro.




Verdammt gemütlich – Klaus Modicks „Krumme Touren“

…und dann gibt es Autoren wie Klaus Modick, die zwar wohl kein weltliterarisches Format haben, die einem aber mit den Jahren sehr ans Herz gewachsen sind. Dieser Mann ist klug, er schreibt stilsicher, solide und verlässlich, dabei anregend genug. Er ist seiner (inwieweit begrenzten?) Mittel bewusst und handhabt sie spürbar freudig und souverän. Nichts Verquältes ist ihm eigen.

Der 1951 gebürtige Oldenburger, der seit einigen Jahren wieder in seiner Heimatstadt lebt, gibt sich zudem sympathisch unarrogant und bodenständig. Er ist mit provinziellen und familiären Alltagsdingen vertraut, aber längst nicht darauf beschränkt. Überdies schätze ich ihn als Generationsgenossen, als wäre er ein etwas älterer, hie und da vorbildlicher Bruder.

Warum diese umständliche Vorrede?

Weil ich von seinem neuen Buch gelinde enttäuscht bin.

„Krumme Touren“ enthält 19 Erzählungen. Besähe man’s in der Buchhandlung nur flüchtig, so würde man ziemlich in die Irre geführt. Auf dem Umschlag prangt fast formatfüllend das Bild einer Audio-Kompaktkassette. Darauf haben die Leute (Jüngeren sei’s gesagt) früher mal ihre Lieblingsmusik aufgenommen. So eingestimmt, erwartet man ein zeitgeistig abgeschmecktes Generationen-Buch. Auch der Klappentext kündet von typischen Erlebnissen aus Kinder- und Jugendzeit – und die ersten Texte lösen dies auch ein. Doch schon bald schweift der Erzähler durch ganz andere Gefilde.

Anfangs geht’s um so aufregende Dinge wie die erste Kindergarten-Liebe, später um die Suche nach „schweinischen Stellen“ in den elterlichen Buchbeständen, die Peinlichkeit der Tanzstunden (kulminierend im Abschlussball), um den mit heißem Herzen ersehnten Erwerb des „Weißen Albums“ der Beatles. Die Jahre, die ihr kennt. Jaja, genau so war’s: Tatsächlich findet man eigene Erlebnis-Valeurs bis in feinere Verästelungen wieder.

Doch ins heimelige Gefühl schleicht sich schon hier eine Spur von Unbehagen: Wird da nicht allzu beruhigt und betulich berichtet? Prasselt nicht ein imaginäres Kaminfeuer, wenn Modick frühere Urlaube wie in einem nostalgischen Bilderbuch aufblättert? 50er Jahre: Mit dem „Käfer“ der Eltern an die Nordsee, Blumenvase an der Windschutzscheibe. 60er und 70er Jahre: Im nunmehr obligatorischen VW-Bus mit Freaks und Joints unterwegs. Alles Individuelle, Bezeichnende scheint im Wabern solcher Generations-Gemeinschaft zu verschwinden. Aber vielleicht verhält es sich ja auch wirklich so, dass niemand allzu besonders ist, sondern alle beinahe restlos in ihrer Zeit aufgehen…

Dennoch hakt sich der Eindruck fest: Wenn „Großvater“ erzählt, wird’s verdammt gemütlich – aber nicht sonderlich aufschlussreich. Dann lauten Sätze über einen LSD-getränkten Frankreich-Trip auch schon mal so: „… und die Sonne der freien Liebe wärmte uns die Herzen beziehungsweise Hosen.“ Modick muss sehr erinnerungs- und/oder weinselig gewesen sein, als ihm dies unterlaufen ist. Doch er schwächelt auch im weiteren Verlauf des Bandes gelegentlich. Man erhofft sich von einem Schriftsteller seiner Liga beispielsweise originellere, genauere Bilder als dieses: „…rollte Donner über das Watt, und dann stürzte das Wasser wie aus Eimern gegossen vom Himmel.“

Die weiteren Geschichten sind von schwankender Qualität, sie ranken sich um dies und das und irgendwas. Sie wirken wie aus verstreuten Notizheften herbeigeholt, als hätte die Frage gelautet: Wie viele Seiten müssen wir noch füllen, bis es ein ordentlicher Band ist? Vor allem die Buchdeckel halten dieses Buch zusammen, weniger die Inhalte.

Einen Generationen-Bruch markiert am deutlichsten die Story, in der Gitarrengott Jimi Hendrix auf die Erde zurückkehrt und im elenden Talentschuppen DSDS scheitert. Etwas wohlfeil und vergilbt wirkt auch die Gegenüberstellung traditionellen Webens im ländlichen Italien und in einer Nordhorner Fabrik, wo ausgerechnet italienische „Gastarbeiter“ schuften. Die industrielle Entfremdungsstudie spielt anno 1964 und soll vielleicht just die vordem in der gleichen Zeit angesiedelte Nostalgie konterkarieren.

Es folgen u. a. eine Spökenkieker-Geschichte aus dem ostfriesischen Watt (recht altbacken), sodann – als arg konstruierte Liebes-Irrtümer – die vertrackten Phantasien eines Ehemannes über seine vermeintlich untreue Frau (Stoff für eine landsübliche ZDF-Komödie um 20.15 Uhr?) sowie eine wüste Groteske bzw. Räuberpistole über ein Date mit einer Blondine. Ferner erfahren wir, wie ein gutgläubiger deutscher Germanist in Japan an die Mafia gerät, wie absurd eine Kulturstiftung mit einem Künstlernachlass verfährt, warum man in der Ferne Heimweh nach deutschem Fußball haben kann und wie man im postmodernen Tokio in meditative Trance verfällt. Gedrechseltes Zitat: „Ich war gleichgültig und durchlässig, alles war gleich gültig durch Lässigkeit…“ Naja.

Kein schlechtes Buch, jedoch nur ein mittelprächtiges. Modick ist sonst besser, mehr auf der Höhe seiner selbst. Gewiss: Man schmunzelt immer mal wieder und lässt sich ja auch manches gern auftischen. Doch muss es denn nahezu durchweg so brav und so treuherzig sein? Zu wenig krumme Toren!

Klaus Modick: „Krumme Touren“. Erzählungen. Eichborn Verlag, 240 Seiten, 18,95 Euro.




Die Causa Helene Hegemann – Plagiat? Ach was! Oder doch?

Die Angelegenheit konnte schon frühzeitig Unbehagen wecken. Die wie verabredet wirkende Weise, in der die erst 17-jährige Helene Hegemann kurzerhand zur Autorin der Stunde (nein: des Jahrzehnts!) hochgejubelt wurde, hatte von Anfang an etwas haltlos Penetrantes.

Die überregionalen Feuilletons überboten einander mit äußerst umfangreichen Lobpreisungen für den mit Sex- und Drogenexzessen gesättigen Debütroman „Axolotl Roadkill“. Auch der sonst oft ätzend angriffslustige Maxim Biller stimmte als Rezensent in den Halleluja-Chor ein. Ein Effekt: Das Buch kletterte bis auf Platz fünf der Bestseller-Liste. All das spricht natürlich auch noch nicht g e g e n Hegemanns Buch.

Inzwischen hat sich allerdings herausgestellt, dass Helene Hegemann sich gleich absatzweise in Texten des Bloggers „Airen“ bedient hat. Der ist schon etwas älter als die Schriftstellerin und durfte daher wüste Berliner Locations („Berghain“) aufsuchen, von denen sie wohl eher vom Hörensagen wusste, über die sie aber jetzt kundig schreiben konnte. Vulgo: Hegemann hat entsprechende Passagen offenkundig abgekupfert, und zwar nicht zu knapp, quasi per copy and paste. Inzwischen sind auch Belege eines Kaufvorgangs beim Internet-Versand Amazon an die Öffentlichkeit gelangt, die darauf hindeuten, dass Hegemanns Vater (Dramaturg an der Volksbühne) seiner Tochter den bis dato nur unter Schwierigkeiten greifbaren Roman „Strobo“ (SuKuLTuR-Verlag) des besagten Airen besorgt hat.

Peinlich für die Autorin und ihre begeisterten Kritiker? Ach was! Die FAZ warf sich gleich mehrfach für ihr neues Idol Hegemann in die Bresche und erklärte nunmehr eilfertig, dass in Zeiten von Google derlei „Übernahmen“ völlig normal seien. Plagiate habe es im Lauf der Geschichte ohnehin immer gegeben. Erst recht sei das Kunstwerk sei im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit und im Zeichen der Remix-Kultur eben längst kein Original mehr, es erlange – so auch die Einlassung der Autorin – bestenfalls einen Status der „Echtheit“. Natürlich wurde auch wieder fleißig Bert Brechts legendär „laxe Haltung in Fragen des geistigen Eigentums“ zitiert. Wird in solchen Fällen immer gern genommen.

Kurzum: Fort mit allen kleinlichen Bedenken! Gerade indem man sich umstandslos im Web bedient, bekundet man demnach seine coole Zeitgenossenschaft. Wer sich Texte noch von A bis Z selbst herausquält, wäre also hoffnungslos von vorgestern und selbst schuld an seiner Mühsal?

Der Ullstein Verlag, in dem „Axolotl Roadkill“ erschienen ist, schätzt wenigstens die urheberrechtliche Lage realistischer ein und rückt eine unmissverständliche Quellenangabe in die zweite Auflage. Auch soll der unfreiwillige Ideengeber Airen angemessen entschädigt werden. Immerhin könnte man’s zur Not so hinbiegen: Sein Bekanntheitsgrad ist durch die Plagiats-Affäre immens gestiegen. Genau diesen Trost spendet auch die FAZ, die mutmaßt, Airen sei vielleicht „einfach dankbar für die Aufmerksamkeit, die sein Roman jetzt findet.“




Botho Strauß‘ Notate „Vom Aufenthalt“

„Wo warst du in deinen Tagen? Hast du eine Höhle oder eine Säule bewohnt? Im Letztlicht oder Lechzlicht gestanden?“

Fürwahr ein hoher Ton, nah am Rande des Strapaziösen. Keine leichte Kostprobe aus dem neuen Buch von Botho Strauß, das aber ungleich vielstimmiger instrumentiert ist und auch das Alltägliche nicht beiseite lässt.

„Vom Aufenthalt“ heißt der Band. Er enthält Hunderte von Notaten, die (oft unwirsch, vielfach elegisch) von der als heillos diagnostizierten Gegenwart wegführen sollen und gerade deshalb treffsicher ins Zentrum heutiger Zeitwirrnis zielen. Strauß sucht ein Menschenbild für ungewisse Zukunft zu entwerfen, aus dem Vorhandenen zu erspüren. Diese Anstrengung kommt zwar gelegentlich hochmögend, doch kaum einmal tönend prophetisch daher, wie manche gewiss wieder argwöhnen werden. Sondern? Zuweilen leicht wie ein Lufthauch.

Die Grundhaltung, die der Autor einnimmt und anempfiehlt, ist ein hellsichtig bewusstes Zögern und Zaudern. Die heilsame Weile, das Warten nach all dem übermäßigen Geschehen, also: Aufenthalt – wie auf einer Heimreise mit dem Zug. Endlich eine andere Zeitfülle!

Die Zeit wird nicht als Fluss empfunden, sondern als Abfolge von Sprüngen, zwischen denen Ruhezonen bleiben. In diesen Zwischenräumen regt sich die vibrierende Sehnsucht nach dem Moment, da alles ruhig hingespannte Erwartung ist, als wenn man auf eine noch leere Lichtung hinausblickt. Die inständig erhoffte Aussicht auf kreisförmige Wiederkehr früherer Zustände (hier „Einstweh“ genannt, als sei’s ein Heimweh). Ein konservatives, gar reaktionäres Ansinnen, das Denker wie Nietzsche und Heidegger heranzieht oder edle Raritäten-Winkel der Geistesgeschichte aufsucht?

Solches Verharren läuft aufs Bewahren und Wiederherstellen hinaus, was heute nach Straußschem Verständnis freilich kühne Erkundung und Expedition erfordert, will man das allzu Gewohnte und Immergleiche des Aufklärungs-Zeitalters hinter sich lassen. Daher die zumindest indirekt zu erschließenden Losungen: Schluss mit Geschwindigkeit und sinnloser Innovation. Schluss mit der landläufig scharfzüngigen, rundweg überinformierten Schlauheit und den daraus folgenden, rasch hingeworfenen Meinungen des Tages, hinfort mit feiger Toleranz, aber auch mit ironischen Ausflüchten. Schluss mit dem nur elend sportiven Sex des „Lustgelichters“. Statt dessen sei Zeit und Raum für Mythen, überlieferte Rituale und Geheimnisse.

Kein Zweifel: Mit alle dem versehen, würden wir wahrlich anders leben.

Auch kommen hier so unzeitgemäße Begriffe wie Scheu, Scham und Bescheidenheit auf, die gegen alle verworfene Frechheit wieder ins Recht und in Kraft gesetzt werden sollen. Überdies wird das barocke Bewusstsein der Vergänglichkeit (vanitas) wachgerufen.

Strauß preist zwar das Alleinsein auf den Klippen des Lebens und Lesens, ist aber nicht nur ein höchst empfindsamer Bewohner des Elfenbeinturms. Er wendet sich den Untiefen des Hartz-IV-Milieus zu oder sinnt übers Populäre in der Kultur nach, das er gelegentlich glückhaft in den USA, doch nimmer bei uns ins Werk gesetzt sieht. Zitat: „Das Populäre erleidet hierzulande oft das schreckliche Schicksal, von Intellektuellen gehütet und befingert zu werden. Auf diesem Weg kann es niemals zu Herzen gehen.“

Oberflächlich gelesen, wirkt Strauß einmal soldatisch stramm, wenn er „Dienst und Ehre“ den „mutlosen Befangenheiten des ,zivilen Ungehorsams’“ vorzieht (Seite 161). Wäre es nach dem lauen Zeitgeist gegangen, hätte er seinen Sohn „zur kritischen Memme erziehen müssen.“ Nichts da!

Doch wenn „Dienst und Ehre“ nun mehrschichtige Bedeutung hätten und sinngemäß nicht nur kriegerisch besetzt wären? Wenn man sie als kulturelle Errungenschaften gegen das Verwahrloste und Beliebige dächte?

Selbst der biblische Jesus, so heißt es einmal, sei schon zu geschwätzig ins Tägliche verwoben gewesen. Geradezu alttestamentarisch, sieht Strauß – in der Tradition von Sören Kierkegaard und Karl Barth – einen strengen, gar nicht gütigen und alles andere als „süßlichen“ Gott. Für Straußsche Verhältnisse fast schon ein leichthändig ausgestreutes Bonmot: „Eine protestantische Predigt, das ist in den meisten Fällen, als spräche ein Materialprüfer vom TÜV über den Heiligen Gral.“

Statt dessen soll ein einziges Aufmerken sein, wenn das Unantastbare, Unbegreifliche und Undeutbare Schatten wirft, wenn das umfassende, in diesem Buch mehrfach beschworene „totum simul, das große Allzugleich der Werke und Tage“ im – so wörtlich – „Vollmaß der Zeit“ erstrahlt. Zittrige Zukunftsvision zwischen Bangen und Hoffen: Dies große Gleichzeitige löst die lineare Historie und irgendwann auch die lineare Schrift auf. Und dann?

Man muss die An- und Absichten nicht rundum teilen, um sagen zu können: Hier gibt es Passagen, aus denen man jedes kostbare Wort trinken könnte. So gut dies heute noch geht, erfüllt Strauß seine Forderung nach „Sprachwachsamkeit“, die er etwa bei den großen Vorläufern Jean Paul und Heimito von Doderer gefunden hat. Künftige Generationen, so fürchtet er, werden in erster Linie das dünnflüssige, ungreifbare Virtuelle kennen. Etliche Stellen des Buches betreffen den Moloch Internet, vorwiegend als Menetekel. Den einst so schöpferischen Sozialtypus des Einzelgängers entlässt das Netz – Strauß zufolge – nur noch als Psychopathen „und schickt ihn, verblendet, umschlossen von Fiktion, mit Pumpgun in den Gewaltexzess.“ Wenn das kein gepflegter Kulturpessimismus ist!

Bemerkenswert, dass Strauß mehrfach seine Mutter erwähnt, mithin das Aufgehobensein im Vergangenen, in früher Nachkriegszeit. Schärfer denn je empfindet er, „dass er, wo immer er sitzt und in Zukunft noch sitzen wird, stets übrigblieb aus anderen Tagen.“

Weisheit des Alters wird schließlich gegen eine allseits erschöpfte Jugendkultur ins Feld geführt. Die wahren Abenteuer könnten dabei erst beginnen, findet Strauß. Er zitiert aus T. S. Eliots Gedicht „East Coker“ die Zeile: „Old men ought to be explorers.“ Und er übersetzt frei: „Alte Männer müssen Kundschafter sein.“

Strauß wird am 2. Dezember (also heute!) 65 Jahre alt. Demnach wär’s Zeit für weitere neue, womöglich zukunftsweisende Entdeckungen in althergebrachten Beständen.

Botho Strauß: „Vom Aufenthalt“. Carl Hanser Verlag. 295 Seiten. 19,90 Euro.




„Jugendroman“: Stoff des Lebens

Hat der Mann ein beneidenswertes Gedächtnis, oder hat er schon als Kind und Jugendlicher fleißig Tagebuch geführt und wertet dies nun ausgiebig aus?

Nach seinem „Kindheitsroman“ (2004) legt Gerhard Henschel jetzt ganz folgerichtig den „Jugendroman“ vor. Und wieder enthalten die Erinnerungen enorm viel Zeitkolorit. Ja, es ist, als würden jene früheren Jahre mitsamt den längst vergangenen Tagesnachrichten derart detailtreu herangezoomt, bis sie fast wieder „eins zu eins“ vor uns erstehen. So banal und wiederholungsträchtig manche Passagen im einzelnen klingen mögen (so ist der Alltag eben), auf Dauer ergibt sich ein Sog, dem man sich schwerlich entziehen kann.

Diesmal führt der Erzähler Martin Schlosser, der mit dem Autor innig verwandt, wenn nicht identisch ist, sich und uns zurück in die Jahre 1975 bis 1977, was auch die bleierne Zeit des RAF-Terrors einschließt, die jedoch fern von den Metropolen nur sehr verdünnt ankommt – wie denn überhaupt der ganze großmächtige Zeit- und Welt-Geist hier geringeres, geradezu menschliches Maß annimmt.

Henschel (Jahrgang 1962) war damals zwischen 13 und 15. Sein sympathisch unangestrengtes, unaufgeregtes Buch ist somit auch ein nachdrückliches Identifikations-Angebot an die in den frühen und mittleren 60ern geborene Generation der „Baby-Boomer“ – eine recht umfängliche Zielgruppe.

Damals hat Martins Lebensgeschichte eine erzwungene Wende genommen: Weil der Vater (Ingenieur bei der Bundeswehr) berufshalber von Koblenz ins entlegene emsländische Meppen umziehen muss, beginnt auch für die Familie ein neuer Abschnitt, sie wird gleichsam umgetopft.

Die bisherigen Straßen- und Schulfreunde sind auf einmal fern. Ein Gerüst des Buches bilden die schnoddrigen, leidlich witzigen Briefe des alten Kumpels Michael aus Koblenz, die vor allem von der elenden, mitunter bizarren Langeweile provinziellen Daseins zeugen. Martin kann das im offenbar noch öderen Meppen wahrlich nachfühlen.

Der Grundtonfall des „Jugendromans“ erinnert von fern her an den guten alten Salinger („Der Fänger im Roggen“), der ein immer noch gültiges Langzeitmuster für Bücher aus glaubhafter Jugendperspektive geschaffen hat. Ein spezifischer Sound ergibt sich freilich durch Bruchstücke des Jargons, wie er zur Mitte der 1970er in kleinbürgerlich deutscher Provinz üblich gewesen ist. Immer wieder werden auch damalige Einfluss-Kräfte verschiedenster Couleur aufgerufen, in deren Fadenkreuz man als Jugendlicher geraten konnte. Das Spektrum reicht hier von damals angesagten Komikern wie Otto Waalkes und Insterburg & Co. über die Box-Legende Muhammad Ali bis hin zu Antifiguren und politischen Popanzen wie Franz Josef Strauß oder Alfred Dregger.

Sind das alles nur Reminiszenzen an bloße, recht kurzlebige Zeit-Phänomene – oder schmeckt man hier etwas vom Aroma jeglicher Jugendzeit nach? Auch das. Und noch etwas mehr: Der konkrete Alltag der Familie Schlosser und der weiteren Sippe erweist sich als exemplarisch für den damaligen Zwischenzustand eines weiten Teils der Republik. Da gibt’s noch jede Menge „Spießigkeit“ und Biedersinn, doch nunmehr mit „aufmüpfigen“ Einsprengseln versehen. Die Sekundärtugenden gelten aber noch etwas, das Aufbegehren hat Grenzen. Wenn der Vater verkündet, es müsse im Garten wieder Unkraut gejätet werden, dann duldet er keinen Widerspruch.

Dennoch ertappt man sich bei einer retrospektiven Lektüre-Empfindung anheimelnder Art, etwa so: Ach, da ging’s uns ja noch gold. Oder wie es Martins Mutter freundlich aber bestimmt sagt, wenn’s mal ein kleines bisschen turbulenter und lustiger hergegangen ist: „Nu is’ aber auch gut“. Bloß nicht zu sehr über die Stränge schlagen. Alles mit Maß und mit Ziel…

Es gibt so gut wie keine Themen-Hierarchie beim Stoff, aus dem nun einmal das Leben vorwiegend besteht: Die Reparatur der Heizpumpe ist in diesem kleinen Kosmos ebenso bedeutsam wie die nächste (verhasste) Mathe-Arbeit, das zickige Verhalten der blöden kleinen Schwester nervt ungefähr ebenso wie eine (damals noch seltene) Niederlage des Lieblingsvereins Borussia Mönchengladbach, dessen tabellarische Fährnisse hier immer wieder nebst anderen Kick-Resultaten eingeschoben werden. Fernsehsendungen einschließlich vieler Spielfilm-Klassiker, Popmusik (Beatles, Cat Stevens etc.) und literarische Initiationen (Kleist) verzweigen sich zum kulturellen Geflecht, mit dem man solche Leiden ausbalanciert und sich die Langeweile einigermaßen phantasievoll auspolstert. Der unterwegs angereicherte Vorrat soll schließlich für viele weitere Jahre reichen.

Wohl allzeit typisch für die besagte Altersgruppe: Martins Interesse an Fußball lässt im Verlauf der drei geschilderten Jahre allmählich nach, stattdessen beginnt der Junge den „Spiegel“ zu lesen und sich politisch maßvoll zu empören. Außerdem keimt allerdings sehr scheue Erotik nach alter Konvention. Das noch etwas verschämte Begehr richtet sich auf „Stellen“ im elterlichen Buchbestand oder gar auf die Dessous-Seiten des Quelle-Katalogs, vor allem aber auf die insgeheim angebetete Mitschülerin Michaela Vogt, die schon per Vornamens-Ähnlichkeit auch den einstigen Kumpan Michael aus Koblenz verdrängt. Ob sie sich im (hoffentlich) nächsten Roman kriegen?

Gerhard Henschel. „Jugendroman“. Hoffmann und Campe, 541 Seiten. 23 Euro




Max Goldt: Zimbo, Zimbo und nochmals Zimbo

Skandal ! Betrug ! Ich habe „Ein Buch namens Zimbo“ gelesen – und nirgendwo auch nur die leiseste Äußerung darüber gefunden, was es mit diesem „Zimbo“ denn auf sich hat. Oder sollte ich ausgerechnet jene zwei bis drei Zeilen auf Seite xyz übersprungen haben, in denen mir Auskunft zuteil geworden wäre? Wohl kaum. Es wäre fahrlässig, in diesem kanari-knallgelben Buch überhaupt etwas auszulassen.

Ist aber auch schnurzegal. Denn es handelt sich ja um ein Werk von Max Goldt, der die Leser schon mal ganz gern nett nasführt. Doch im Grunde treibt er beileibe nicht nur Schabernack, sondern gibt vielfach ein vernünftiges Maß der tagtäglichen Dinge. Man unterschätze das nicht in einer Zeit, in der so vieles verrutscht ist. Wir könnten einen neu geeichten „common sense“ allemal gebrauchen. Der unaufgeregte Gebrauch des Verstandes kann – paradox genug – aufregend und überdies erzkomisch sein. Hier spürt jemand haarfein auf, was vorgeht im Lande und was anders werden sollte. Nun gut. Jetzt aber Schluss mit der öligen Jury-Prosa.

Was haben wir vor uns: Sprachlich bestens gefeilte Kolumnen? Unterhaltsame, ja höchst vergnügliche Ratgeberliteratur zur Lebenshilfe im besten Wortsinne? Alltagsphilosophie der dezent gehobenen Sorte? Mal dies, mal jenes. Aber darin erschöpft es sich nicht.

Selbst wenn man seit vielen Jahren Bücher von Max Goldt liest, staunt man immer wieder, welche Haltungen er im Einzelnen zu den Zeitläuften einnimmt. Er kann da sehr eigen sein. In einem Umfeld, das allerlei Schrankenlosigkeiten zelebriert, wagt er es beispielsweise, auch Verbote als mögliche Kulturleistungen zu preisen. Hohe Zeit für solche Gedanken!

Nur ganz selten beschleicht einen das Gefühl, dass Goldt auch schon mal willkürlich gewagte Gegenpositionen zum Gängigen einnimmt, um just ihre Tragweite zu erproben. Warum auch nicht, wenn dabei so viel herauskommt, was anderen im Leben nicht einfiele?

Dem politisch korrekten Herumgeeiere ist Goldt jedenfalls abhold, ohne deshalb freiheitliche Positionen preiszugeben. Irgendwann, so spottet er, werde in Zeitungen nur noch stehen, Gewalt sei von „Geschöpfen“ verübt worden – ohne Nennung der Herkunft, des Alters, der Religion und des Geschlechtes. Es könnte ja „diskriminierend“ sein…

Max Goldt erweist sich abermals als Meister der Abschweifung. Herrlich zu sehen, welche rasanten Kurven seine Texte bisweilen nehmen, um in tollkühnen Volten bzw. Loopings zum Ursprungsthema zurückzukehren – oder vollends artistisch abzuheben.

Das Themenspektrum ist mal wieder denkbar breit. Da geht’s z. B. um vermeintlich allgegenwärtige Klagen über Sodbrennen, um Vor- und Nachteile von Umhängetaschen oder um die nach seiner Ansicht unsinnige Wendung „kreatives Chaos“. Wahre Künstler seien keineswegs Chaoten, sie entwirrten vielmehr das Durcheinander, befindet Goldt. Ferner erfahren wir, wie erhellend ein Pakistani und ein Texaner deutsche Marotten (Hunde-Manie und Polit-Debatten-Rituale) beschreiben, wie sich Worte mit bloßer Tralala-Bedeutung anfühlen und wie das „Berliner Plusquamperfekt“ klingt. Und köstlich ist’s zu lesen, wie sich Rechthaber und Besserwisser der inzwischen allzu vielen „Irrtümer“-Lexika bedienen, um mal wieder zu triumphieren.

Manche Formulierungen Goldts sind so trefflich und kostbar, dass man sie am liebsten in Seidenpapier einschlagen und verschenken möchte. „Dieser eisige Beauty-Apparatschik“ – wer könnte damit wohl gemeint sein? Doch nicht etwa Heidi Klum? Nun ja, eventuell doch.

Goldts Kunstfertigkeit ist mittlerweile hoch dekoriert worden, auch mit dem Kleist-Preis. Des Autors Dankrede dafür steht gleichfalls in diesem Buch. Kategorien wie „Alltag“ und „Satire“ lehnt er zur Selbstbeschreibung ab, auch sei er gar kein Kolumnist. Ja, was zum Teufel ist er denn dann? Am Ende vielleicht ein „Zimbo“?

Max Goldt: „Ein Buch namens Zimbo“ (Untertitel: „Sie werden kaum ertragen, was Ihnen mitgeteilt wird“). Rowohlt Berlin Verlag, 198 Seiten, 17,90 Euro.

P. S.: Kürzlich ebenfalls bei Rowohlt Berlin erschienen und ideal auch für Goldt-Leser geeignet ist der prachtvolle Sammelband „Titanic – Das endgültige Satirebuch – Das Erstbeste aus 30 Jahren“ (416 Seiten, 25 Euro) mit zahllosen satirischen, parodistischen etc. Frechheiten sowie gepflegtem Nonsens im Gefolge der „Neuen Frankfurter Schule“ seit 1979. Prädikat: Gehört pfeilgrad in jede Hausapotheke.




Wo man endgültig stirbt

Ein Mann in den frühen Sechzigern kommt morgens in sein Arbeitszimmer. Am Schreibtisch sitzt seine Ehefrau. Er schöpft zuerst keinen Verdacht. Sie scheint in Lektüre versunken zu sein. Wahrscheinlich korrigiert sie wieder einen seiner Aufsätze – wie schon so oft seit so vielen Jahren.

Doch sie ist tot.

Sie hat ein letztes Schriftstück hinterlassen, korrigierende Anmerkungen offenbar, die sich freilich nach und nach als grundsätzlich gegen ihren Mann gerichtete Suada erweisen. Am Schluss dieser Ausführungen, aus denen fortan ausgiebig zitiert wird, verläuft ihre Handschrift zunehmend fahrig, schließlich taumelt sie ins Nichts.

Nach und nach scheint uns der Autor Matthias Politycki (wohl bekanntestes Werk: „Weiberroman“) nun die Anatomie der ehelichen Beziehung nachzureichen. Aber seine „Jenseitsnovelle“, der Titel deutet es schon an, soll nicht nur von dieser Welt sein. Zur „Novelle“ fällt einem die „unerhörte Begebenheit“ ein, die Goethe als gattungsbildend ansah.

Doch eigentlich geht es hier gemächlich zu. Stunde um Stunde hält Schepp nun Totenwacht, liest mit wachsendem Befremden, ja Entsetzen ihre finalen Aufzeichnungen, die bittere Bilanz eines langen Ehelebens.

Dieser Hinrich Schepp und seine Frau Doro haben sich gegen Ende der 70er Jahre kennen gelernt. Scheinbar unzertrennlich wurden sie, als er sich auf ihre Phantasie von Jenseits eingelassen hat. Ihre beunruhigende Vision: Nach dem irdischen Tod werde man zu einem See gelangen, der einen magisch anzieht und in dem man dann erst endgültig stirbt. Er sichert ihr zu, ihr in solchem Falle vorauszueilen und das Terrain zu sondieren. Für diese wohlfeile Zusage heiratet ihn Dorothee Wilhelmine Renate Gräfin zu Hagelstein (welch ein gebastelter Name!) – und opfert ihre mögliche Karriere.

Über Jahrzehnte hinweg hat sie sich einlässlich mit dem chinesischen Weisheitsbuch „I Ging“ befasst, wohingegen er sich als Sinologe eine entlegene, aber leidlich auskömmliche Expertennische gesucht hat. Esoterikerin trifft Skeptiker mit zynischen Anwandlungen. Kann das gut gehen? Wohl kaum. Sie sind einander immer fremd geblieben. Weiterer Dreh: Der vormals kläglich Kurzsichtige Schepp ließ eines Tages seine Augen lasern, sah auf einmal in mehrerlei Hinsicht klar und wurde ungeahnt welthungrig, menschengierig.

Doro hat am Ende noch einmal eine Erzählung hervorgekramt, die Schepp vor vielen Jahren begonnen und dann beiseite gelegt hat. Auch daraus wird streckenweise zitiert. Und Doro schreibt dazu ihre zornige Interlinear-Version. Noch eine Ebene also, noch eine Spiegelung – und es bleibt nicht das letzte Vexierspiel in diesem intimen Kabinett. Schepps Erzählung handelt von einem gewissen Marek, einem 70er-Jahre-Freak und chaotischen Alkoholiker mit Citroen-„Ente“; von der Szene- und Säuferkneipe „Blaue Maus“ und der Bedienung Hanni, die es Marek angetan hatte. Bei Politycki kleiden sich diese Episoden in süffige Genre- und Sittenbilder aus den 1970ern. Die Jahre, die ihr kennt…

Wie in einer Metamorphose wird das besagte Lokal zum „La Pfiff“, in dem die irrlichternde Dana bedient, die ausgerechnet ein Tattoo-Zeichen trägt, das dem „I Ging“ entnommen ist. Eine lockende Hure, doch gleichzeitig eine Unberührbare. Und überhaupt: Was ist real, was ist Fiktion? Was ist bloße Säufer-Hirngeburt? Hat Hinrich Schepp sich in Marek selbst porträtiert und seinen Willen zur Untreue verdruckst durchblicken lassen? Und welchen Anteil hat Doro an all dem? Offenbar einen gehörigen. Sie hat ja sogar Dana regelmäßig getroffen.

So wogt die Novelle recht gemächlich auf und nieder, manchmal plätschert sie leise. Der Autor streut gezielt Rätsel aus, betreibt routinierte Geheimnistuerei. Wie ungreifbar sind hier doch letztlich die menschlichen Beziehungen! Irgendwann beschleicht den Leser ein grauslicher Verdacht: Sind wir etwa schon im Zwischen- oder gar im Totenreich angelangt, in dem all üblichen Mutmaßungen über so genannte „Wirklichkeit“ keine Rolle mehr spielen?

Und tatsächlich. Auf Seite 121 hebt der ganze Bericht noch einmal von vorn an, zunächst mit exakt den gleichen Worten wie zu Beginn. Literatur in der Endlosschleife? Wo soll das nur hinführen?

Ja, wohin? Das Buch ist phasenweise umstandskrämerisch geraten. Politycki will seine Geschichte umwölken und zum Wabern bringen. Wir haben verstanden: Wir sollen nicht verstehen. Also gut. Dann bleiben wir eben hübsch ratlos und vermuten etlichen Tiefgang.

Matthias Politycki: „Jenseitsnovelle“. Verlag Hoffmann und Campe. 126 Seiten. 15,99 €.




Bloß keine Posen mehr

Dieser böse Blick fürs Beschädigte, fürs stets und dauerhaft Misslingende! Welch ein illusionsloses Buch, wie misanthropisch und pessimistisch das alles klingt. So sicher scheint sich die namenlose Ich-Erzählerin ihrer Weltverachtung zu sein, dass ihre Tiraden manchmal geradezu in einen Kolumnen-Plauderton verfallen. Ganz so, als müsse sie sich nur noch aus einem fertigen Fundus bedienen, um unentwegt den heillosen Nachteil des Geborenseins zu beklagen.

Die finstere Inventur klingt dann beispielsweise so: „Die Menschen hatten ihre niedlichen Momente, doch das täuschte nicht darüber hinweg, dass die meisten von überwältigender Einfalt und Niedertracht waren (…) Jeder fühlte sich dem anderen überlegen, und daraus bildete sich ein Dauerton der Aggression (…)“

Ja, zum Teufel, worum geht es denn überhaupt? Um Sibylle Bergs neuen Roman „Der Mann schläft“. Darin passiert – rein äußerlich besehen – nicht viel: Besagte, ein wenig in die Jahre gekommene Erzählerin hat nach langen, hie und da freudlos promisken Single-Zeiten und all ihren individuellen wie kollektiven Selbsttäuschungen, irgendwann d o c h den einen Mann kennen gelernt, bei dem sie sich zutiefst und ganz selbstverständlich geborgen fühlt. Als sie aber auf eine chinesische Insel vor Hongkong verreisen, verschwindet dieser Mann spurlos. Ob aus Untreue oder durch ein Unglück, das bleibt offen.

Die Frau ist jedenfalls untröstlich – vielleicht für alle verbleibenden Jahre. Oder wird sie sich trotz allem in ein anderes Leben schicken, in dem wenigstens andere (ein kleines Mädchen und dessen Großvater) an ihr Halt finden können? Auch das bleibt in der Schwebe. Doch scheinen am Ende die allergrößten Gefahren gebannt.

Pflegt man markante Passagen anzustreichen, so könnten die Seiten dieses Buches nach der Lektüre sehr „bleihaltig“ aussehen. Häufig möchte man ja Wort für Wort beipflichten, so ausgefeilt liest sich das, so aphorismentauglich gedrechselt. Gekonnt und gewitzt wird mit dem Klischee-Vorrat gespielt. Beispiel:

„Wir wirken wie zwei Figuren aus einem existenzialistischen Film, der sechs Stunden dauert und in dem kaum gesprochen wird, in minutenlangen Sequenzen rinnt Wasser an Scheiben hinunter, und ein nasser Hund eiert am Horizont entlang.“ Genau! Den Film kennen wir alle.

Hinterrücks beschleicht einen trotz aller Beschreibungskunst zuweilen ein gewisses Misstrauen: Kommt diese Suada, diese stellenweise schon pittoreske Verzweiflung übers schlimme Leben nicht manchmal allzu geläufig und meinungsförmig daher statt einfach nur zu schildern, was geschieht? Man könnte oft absatzweise zitieren. Aber müsste Literatur auf dieser Anspruchshöhe (im hochmögenden Umfeld des Hanser-Verlagsprogrammes) nicht sperriger sein, sich nicht entschiedener einem gar zu süffigen Konsum entziehen? Nun ja, wenn man’s denn gern puristisch und puritanisch hätte…

Die Ich-Figur will sich dem großen Ganzen verweigern, sie entwirft eine „Philosophie“ der selbstgenügsamen Langsamkeit und des somnambulen Rückzugs – am besten ins eigene Kämmerlein und dort am besten ins Bett, wo man still liegen bleibt und einander möglichst schweigend umarmt. Das lässt sich auch lesen als Absage an Ideen und Gefühle im Gefolge von „1968“ mit seinem Drang nach individueller Freiheit, Autonomie und Emanzipation.

Stattdessen: Eskapismus, wenn man so will. Aber bitte paarweise, wenn’s denn geht. Tenor: Bloß keine weiteren Ansprüche mehr ans Leben stellen, die werden ohnehin nicht erfüllt. Sich gegen alle Zudringlichkeiten wehren. Nur in einer solchen Haltung kann man die (dieser Lesart zufolge) furchtbar viele restliche Zeit halbwegs kommod hinbringen, die einem auf Erden gegeben ist. Man könnte das als furchtbar spießig missverstehen, als Rückkehr in alte, überwunden geglaubte Zweisamkeiten. Aber was heißt heute schon „spießig“, derlei einstige Streitbegriffe zählen kaum noch.

Die jederzeit mögliche Katastrophe blitzt immer wieder zwischen den Zeilen auf, so etwa in Visionen von abgetrennten Köpfen oder Gasmasken-Gesichtern. Auffallend überdies, wie der Erzählerin Menschen begegnen, die sonst in öder Normalität eines Immer-so-weiter-Machens ersticken und aus denen urplötzlich ganze Lebensgeschichten herausquellen, überaus reflektiert und druckreif formuliert – wie immer schon bereit liegend. Sie sprechen wie klügere Schattenbilder ihrer selbst. Oder sind es schon Geisterstimmen aus dem Jenseits, dem Totenreich?

Was bliebe zu tun? Nun, eher soll man das meiste bleiben lassen, wenn man eine Moral aus all dem zerren will. Der Mensch dürfte sich generell nicht mehr so wichtig nehmen, er sollte möglichst nicht einmal verreisen (was will er denn in der unbegreiflichen Fremde?), also auch außerhalb seiner engeren Sphäre kein Aufhebens von sich machen. Sich und anderen nichts mehr vormachen. Zitat:

„Irgendwann wollen sie doch alle nur nach Hause, egal, wie glänzend der Beruf ist, egal, wie obsessiv die Party war, sie wollen irgendwohin, wo sie die Schuhe ausziehen können (…) Wenn sie sich nur damit begnügen wollten, die Idioten, wenn sie nur nicht selbstgerecht durchs Leben jagen wollten (…)“ Endlich Ruhe…

Lebensläufe ganzer westlicher Mittelschichts-Generationen werden hier so gehörig eingedampft: „Als sie den Eltern entwachsen waren, hatten sie vielleicht kurz mit Millionen anderer den Aufstand geprobt, sich als Punker verkleidet oder Atomkraftgegner, um sich dann schnell einzuordnen in die Pullunder- und Halbschuhwelt, in der man eine Ausbildung macht, heiratet, zwei Kinder erzeugt und anschließend leise die Welt verlässt, ohne irgendeine noch so minimale Störung auf ihr hinterlassen zu haben.“ Kommt gut, nicht wahr? Die von allem Unwesentlichen entschlackte, bitterlich angespitzte Erkenntnis, dass alle Rebellion nur Pose war. Es könnte glatte eine Comedy-Vorlage sein.

Wie heute oft üblich, wird einem keine anstrengende Lesestrecke zugemutet. Sibylle Berg (Jahrgang 1962) erzählt nicht in einem langen epischen Atemzug, sondern gliedert den Stoff in ganz kurze Kapitel, die im unstet raschen Wechsel jeweils „damals“ und „heute“ spielen. „Damals“ heißt vor und während der Beziehung mit dem hernach verschollenen Mann. „Heute“ taumelt gleichsam nur noch unglückstrunken von Augenblick zu Augenblick und vergegenwärtigt das bestürzende Alleinsein der Frau am exotischen Rand Chinas.

Nicht nur am fernen Horizont sieht man hinter all dem die zerstörerischen Kräfte schrankenlos gierigen Wirtschaftens wüten – vornehmlich in Hongkong und bei einem Abstecher nach Tokio. Es sind Kräfte, die bewirken, dass der Mensch sich völlig abhanden kommt. Nicht nur ein einziger Mann wird verschollen sein…

Sibylle Berg: „Der Mann schläft“. Roman. Hanser Verlag, 309 Seiten, 19,90 €.

_________________________________________________________

Die Autorin (Homepage: http://www.sibylleberg.ch) liest einige Abschnitte aus dem besprochenen Buch. Link:
http://www.hanser-literaturverlage.de/extras/videos/sibylle-berg-liest-aus-der-mann-schlaeft.html

oder




Kann man Erdbeeren schälen? – Jürgen Beckers Buch „Im Radio das Meer“

Dieses Buch sollte besonders langsam und sorgsam gelesen werden. Jeder Satz will hier für sich stehen, als Fragment besehen werden – und sodann im größeren Ganzen. Jürgen Becker gibt seinem neuen Buch „Im Radio das Meer“ als Untertitel abermals eine Art Gattungsbezeichnung mit auf den Weg: „Journalsätze“.

Rückblick: 2003 war „Schnee in den Ardennen“ als „Journalroman“ erschienen, 2006 haben sich „Die folgenden Seiten“ als „Journalgeschichten“ angeschlossen. Roman – Geschichten – Sätze. Es mutet fast an wie Tucholskys berühmte Stufenleiter „Sprechen – Schreiben – Schweigen“. In Dreijahresschritten hat sich also die Form (bzw. ihre Bezeichnung) zusehends konzentriert, verkürzt.

Wenigstens zwei Möglichkeiten liegen nahe: Der Stoff kommt immer gedrängter und damit vielleicht wesentlicher daher. Oder er schnurrt allmählich auf eine Schwundstufe zusammen, als stünde der Autor kurz vor dem Verstummen. Solche Phasen hat es im Werk des Jürgen Becker tatsächlich schon gegeben. Doch in einem Lebenswerk, das mit feinstens justiertem sprachlichen Instrumentarium und bewundernswerter Konsequenz Bewusstseins-Felder erkundet, hat er immer wieder zu neuen Kräften gefunden.

Um den Duktus des (in drei Journal-.„Hefte“ unterteilten) Buches zu vergegenwärtigen, muss man eine Passage zitieren. An beliebiger Stelle per Zufall aufgeschlagen, auf Seite 116, liest sich das so:

„Wir rufen an. Ihr seid nicht da.

Im Traum zwei Köpfe Blumenkohl, riesig wie Wolken.

Samstags geht man in den Garten, sitzt unterm Sonnenschirm und liest die Wochenendbeilagen.

Ein Stück Schulkreide gefunden, ein altes Stück.

Zwischen den Rapsfeldern steht ein gelbes Haus.

Erst sah es wie ein Komma an der falschen Stelle aus. Dann, als es sich bewegte, sah man, dass es ein weinziges Krabbeltier war.“

Was lesen wir: Historische, biographische und gegenwärtige Splitter? Bruchstücke eines in kleinste Bestandteile zerlegten Daseins? Hochverdichtete Essenzen? Hie und da durchsetzt mit Banalitäten, die bis ins Absurde ausfransen? Lakonische Alltagsbefunde? Gar Literatur nach Twitter-Art? Übungssätze für dieses oder ein anderes Leben?

Man könnte noch einige weitere Mutmaßungen anstellen und träfe den Kern doch nicht. Dies und das steckt sicherlich mit drinnen, doch das Ganze entzieht sich, es ist ist nur sehr schwer auf ein paar Begriffe zu bringen. Dies ist ja nachgerade ein Thema des Buchs: Was wissen wir überhaupt? Nicht viel. Oft können wir nur vorsichtig nach etwas tasten. Eben dies führt der Text vor. Und jeder Satz dieser Inventur könnte einen betreffen.

Man ist versucht, eine Rezension gleichfalls in lauter einzelnen, isolierten Sätzen zu schreiben. Um sich etwas anzuverwandeln. Doch das wäre wohl anmaßende Mimikry.

Erst auf längere Strecken erschließt sich der spröde Charakter, ja der Zauber dieses Buches. Themen klingen an, sie vergehen sanft oder abrupt, dann wird vielleicht irgendwann wieder angeknüpft, zuweilen kontrapunktisch. Es ist eine quasi-musikalische Verfahrensweise der „Komposition“.

Übrigens endet jedes der drei „Hefte“, indem ein Konzert mit drei Orchestern und drei Dirigenten erwähnt wird: Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Bruno Maderna. Auch solche Hinweise bahnen Pfade durch den vielgestaltigen Text. In diesem Falle sind es Anspielungen (*** siehe Fußnote) auf serielle Musik – und damit auch auf Bauplan und Struktur dieses Textes.

Ein und derselbe Sachverhalt kann dabei plötzlich aus ganz anderer Perspektive betrachtet werden, was wiederum an die Lichtwechsel beim Herumgehen um eine Skulptur erinnert. Immer wieder andere, flirrende Ansichten. Auch Leerstellen und Sinnlücken tun sich auf, es gibt ungeahnte Widersprüche, Anlässe zum Missverständnis. Etliche Fallstricke der Sprache. Verblüffende Vergleiche und solche Feststellungen, beinahe aphoristisch: „Wenn man nur drei Pilzarten kennt, sammelt man nicht vier.“ Kindliche Fragen: „Kann man Erdbeeren schälen?“ Oder Erkenntnisse von diesem Schlage: „Einmal sagte der Schreiner, Schrauben kann man nageln, Nägel aber nicht schrauben.“

Im Textverlauf betrachtet, erhält ein unscheinbarer Satz wie „Schieß doch, schieß doch endlich“ doppelten Boden und grausamen Nebensinn. Fußball kann gemeint sein, doch auch Krieg oder anderweitige Gewalt. Beide Lesarten haben Vorläufer-Sätze, die jeweils darauf hindeuten. Und ein Satz wie der folgende weist geradezu ins Bodenlose: „Als nach dem Krieg die Schule wieder anfing, sagten die Lehrer Guten Morgen.“

Nach vielen Aussagen, die man zur Kenntnis genommen hat, die einen vielleicht sogar eingelullt haben, steht auf einmal diese: „Bei uns in der Nachbarschaft gab es keinen, den man abgeholt hatte.“ Die wenigen Worte reißen unvermittelt einen historischen Horizont auf. Nachträglich verwandeln sie, was vorher da gestanden hat. Und erst recht das folgende.

Nach und nach erkennt man einige Themenfelder in leichten Abwandlungen wieder. Man könnte versuchen, sie zusammensetzen, als wär’s ein Krimi-Puzzle, doch auch daraus ergäbe sich keine Lösung, sondern bleibende Irritation übers Diffuse: Ein Tankwart äußert sich häufig. Ein Geländewagen kommt immer wieder vor. Grenzland an der Elbe. Kriegszustände. Offiziere. Rauchen. Ein Angler. Telefone und Zeitungen. All das ruft Bilder, Spuren, innere Bewegung hervor, aber keine Schlüssigkeit. Darum geht es ja auch nicht.

Unterwegs in solcher kleinteiligen Lektüre, spürt man stets das Vergehen der Zeit, gerade weil die Geschehnisse so fein zerstäubt sind. Wehmut über das, was man nicht auf- und festhalten kann, zugleich die immerwährende Chance zum Neubeginn: „Ein Bahnhof kommt in jedem Lebenslauf vor.“ Und noch eine zeitliche Gewissheit: „Leute von Gestern. Morgen gehört man dazu.“

Der Autor verschwindet nahezu hinter den zahllosen Sätzen, die er vorgefunden und gesammelt zu haben scheint. Doch er hat das Sprachmaterial sorgfältig zergliedert, sortiert, arrangiert (und sei’s hin und wieder auch mit Hilfe des Zufalls). Steht die Reihung des Textes für ein „So-und-nicht-anders“? Wohl kaum. Es ist keine Bescheidwisser-Prosa, sondern eine permanente Suche nach möglichen Standorten, Widerspruch allzeit inbegriffen.

Man ahnt: Ein solches Buch kann keinesfalls nebenher, sondern nur auf der Grundlage eines über lange Zeit entfalteten Werks verfasst werden, aus dessen Fundus es schöpft. Das mag am liebsten von jemandem lesen, zu dem man in vielen Jahren der Lektüre ein Grundvertrauen gefasst hat. Beispielsweise von Jürgen Becker.

Jürgen Becker: „Im Radio das Meer – Journalsätze“. Suhrkamp Verlag. 245 Seiten. 19,80 Euro.

*** Es handelt sich um die Erstaufführung der Stockhausen-Komposition „Gruppen“, an der im März 1958 in Köln-Deutz drei Orchester mit besagten Dirigenten mitgewirkt haben.

INFOS

Jürgen Becker wurde 1932 in Köln geboren, er wuchs in Thüringen und im Harz auf. 1950 Rückkehr nach Köln. Er war u. a. als WDR-Mitarbeiter, Lektor bei Rowohlt und Suhrkamp sowie in der Hörspielredaktion des Deutschlandfunks tätig. Seit 1968 freier Schriftsteller. Vorwiegend lyrische Arbeiten und Mischformen zwischen Prosa und Gedicht.

Werkauswahl: „Felder“ (1964), „Ränder“ (1968), „Schnee“ (Gedichte, 1971), „Das Ende der Landschaftsmalerei“ (Gedichte, 1974), „Erzählen bis Ostende“ (1981), „Odenthals Küste“ (Gedichte, 1986), „Foxtrott im Erfurter Stadion“ (Gedichte, 1993), „Journal der Wiederholungen“ (Gedichte, 1999), „Dorfrand mit Tankstelle“ (Gedichte, 2007).




Wunder mit Widerhaken – F. C. Delius‘ Roman zur Erfindung des Computers

US-Amerikaner rühmen sich der Erfindung des Computers, doch irgendwann haben sie anerkannt, dass einst ein Deutscher die kreative Vorhut bildete: Konrad Zuse (1910-1995).

Stoff genug für Phantasien mit realistischer Sättigungsbeilage. Jetzt liegt ein Roman über Zuses Leben vor – verfasst vom vielfach bewährten Friedrich Christian Delius, der etwa auch schon das fußballerische „Wunder von Bern“ zum literarischen Spielfeld erkoren hat („Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“, 1994).

Der Titel des neuen Buches klingt artverwandt und beschwört ebenfalls „Wunder“ herauf: „Die Frau, für die ich den Computer erfand“ geht von der Fiktion aus, dass eben jener Konrad Zuse anno 1994 einen öden Braunschweiger Festakt zu seinen Ehren „schwänzt“ und statt dessen einem Journalisten zwölf Stunden lang (!) Bekenntnisse auf Band spricht, die erst posthum publiziert werden sollen. Schon die exorbitante Länge riecht nach Protest gegen den heute vielfach üblichen Häppchen-Journalismus.

Das denkwürdige Treffen begibt sich sozusagen in der mittleren Mitte Deutschlands – im hessischen Rhön-Kreis Hünfeld, zu Zeiten des geteilten Landes ein Grenzgelände des Kalten Krieges, auf dem West und Ost einander kriegsbereit belauerten (Stichworte: „Fulda Gap“, „Point Alpha“ bei Geisa). In dieser Gegend hat der gebürtige Berliner Zuse nach dem Zweiten Weltkrieg gelebt.

Der Romantext besteht – bis auf einen einzigen Satz – ausnahmslos aus den auf Band aufgezeichneten Passagen. Die Sprache liest sich dementsprechend lebendig und spontan, sie hört sich nicht „nach Papier“ an. Gut vorstellbar, dass auch Delius seinen Text zur Probe auf Band gesprochen hat. Aufgeteilt ist das Ganze in knappe Kapitel, was die einladende Lektürefreundlichkeit noch steigert. Man kann das Buch also recht glatt und zügig „weglesen“; eine Feststellung, die nicht etwa als vergiftetes Lob verstanden werden möge. Denn das Widerspenstige und die Widerhaken gegen oberflächlich flotten Zeitgeist und digitale Idiotie stecken im (vordergründig kulinarisch dargebotenen) Inhalt.

Zentrale, doch ungreifbare Gestalt ist eine gewisse Ada Lovelace (1815-1852), Tochter des romantischen Dichters Lord Byron und dazumal rares weibliches Genie der Mathematik, die bei Leibniz’ binärem Zahlensystem angeknüpft hat. Man sagt ihr nach, sie habe bereits die allererste Programmiersprache skizziert. Zuse stößt in den 1930er Jahren in einem Buch auf die jung verstorbene Britin und verliebt sich in sie – sozusagen im Überschwang eines erfinderischen Eros über Generationen hinweg. Jahrzehnte bleibt er ihr insgeheim treu, und sie beflügelt ihn, ja sie scheint ihn durch prekäre Situationen zu geleiten wie ein Engel.

Wunder über Wunder allein schon, wie es Zuse gelingt, die ersten Apparate in Berlin-Kreuzberg unter widrigsten Umständen zu bauen und dass er später seine Erfindung (eine monströse, aber schließlich wie geölt funktionierende Maschine mit dem Hilfsnamen „A 4“ bzw. „Z 4“) durch die kriegerischen Wirren nach Bayern rettet. Der erste Prototyp „A 1“ war 1938 noch ein mechanisch ratterndes Ungetüm gewesen, das notgedrungen aus lauter Ersatzmaterialien bestanden hatte.

Der erfahrene Schriftsteller Delius spielt in der offenbar gründlich recherchierten, jedoch mit erfinderischer Lust angereicherten Geschichte allerlei Themen und Motive durch, durchweg stilsicher, stellenweise kunstvoll, ja virtuos: Da geht es vorderhand um mögliche Verfehlungen und die Verantwortung des Ingenieurs im „Dritten Reich“. Sehr differenziert kommt hier Zuses spezielle Form des freimütig eingestandenen Mitläufertums zur Sprache. Er hat auch bei Berechnungen mitgeholfen, um deutsche Fliegerbomben zu optimieren. Hätte er sich weigern können? Hätte er dann noch weiter an seinen programmierbaren Maschinen arbeiten können?

Besessen und getrieben von seiner eigentlichen Aufgabe, an der er in 80-Stunden-Wochen gearbeitet hat, hat sich dieser Mann durch alle Fährnisse laviert. Der Roman scheint den Schluss nahezulegen, dass Zuse dabei wahrscheinlich anständiger geblieben ist als der allseits dienliche Raketenpionier Wernher von Braun. Ein irritierendes Flimmern ergibt sich freilich aus der (natürlich vom Autor Delius arrangierten) subjektiven Rede, die ja immerhin schönfärberisch und selbstgerecht sein könnte. Doch der uneitle Tonfall spricht wiederum gegen solchen Verdacht.

Ein weiterer Themenstrang ist die unaufhörliche Rivalität zwischen Künsten und Geisteswissenschaften sowie Mathematik, Natur- und Ingenieurswissenschaften. Zuse erscheint nicht als zorniger, doch als schroffer und schräger alter Mann, der sich aus den bislang lebenslang durchstreiften Gefilden der Logik endlich ins befreite Phantasieren hinein bewegt und nun frei von der Leber weg reden kann: „…die Zukunft gehört der Kunst. Ohne Kunst ist das Leben ein Irrtum…“, sagt er mit Anklang an Nietzsche.

Vor allem aber zitiert Zuse immer wieder aus Goethes „Faust“, vielleicht auf der Suche nach dem Faustischen und Mephistophelischen schlechthin. Doch er hat’s stets ein paar Nummern kleiner und damit menschlicher. Ada statt Mephisto, so lautet die Formel. Bei aller Knorrigkeit und Sperrigkeit und trotz opportunistischer Anwandlungen begegnet uns in Konrad Zuse, so wie Delius ihn darstellt, eine vorwiegend sympathische Figur, die durch Schattierungen und Schraffuren genauer, wahrhaftiger wird.

Nicht ungern sieht dieser Zuse sich endlich als Erfinder gewürdigt, doch sind ihm eitle Allüren fremd. Ihm geht es schlichtweg um die Richtigkeit der Sache. Dass die Amerikaner ihn (nicht zuletzt mit gezielt eingesetzter Dollar-Power) in den 1960er Jahren rasant überholt haben, das hat ihn geschmerzt, doch irgendwann hat er auch das verwunden. Man stelle sich mit F. C. Delius vor, was da hätte entstehen können: Ein weltweit führendes „Silicon Valley“ rund um Fulda und Hünfeld – das wäre doch auch zu irrwitzig gewesen, oder?

Friedrich Christian Delius: „Die Frau, für die ich den Computer erfand“. Roman. Verlag Rowohlt Berlin. 284 Seiten. 19,90 €.




Denis de Rougemont: Ein Buch für Krisenzeiten

So kann’s einem manchmal mit Büchern ergehen: Da wurde vor Jahr und Tag (über 15 Jahre her?) im Radio eine literarische Lesung gesendet. Man ist buchstäblich hellhörig geworden. Dieser Tonfall, diese elegante Gedanken-Bewegung! Diese wunderbare Mischung aus Ernst und Leichtigkeit. Man hat sich eine Notiz gemacht: Das solltest du bald mal lesen. Aus bald wurde in diesem Falle „irgendwann“ und dann nahezu nie. Für lange Zeit. Man hat die Anregung schmählich vergessen, die Notiz irgendwo vergraben. Anderes hat sich vor- und aufgedrängt. Punktum.

Aber es soll wohl so sein, dass man das Buch doch noch – zum zweiten Male – „entdeckt“. Eines rechtzeitigen Tages taucht der Zettel aus chaotischen Untiefen wieder auf. War es ein Erinnerungsblitz? Egal. Man nimmt es als Wink der Vorsehung. Wofür? Auch das wird sich finden.

„Natürlich“ war besagtes Buch inzwischen längst vergriffen. Sehr betrüblich. Hätte man einen Verlag, so würde man es liebend gern neu herausbringen. Wer macht’s? Zum Glück gibt es immerhin Antiquariate und deren hilfreichen Online-Verbund unter http://www.zvab.de

Auf diesem Wege ist auch dieser schmale Band (208 Seiten) hin und wieder noch erhältlich: Denis de Rougemonts „Tagebuch eines arbeitslosen Intellektuellen“, 1937 auf Französisch herausgebracht (Originaltitel „Journal d’un intellectuel au chômage“ – französische Sprachfeinheit: Manchmal heißt es auch „en chômage“) und zuletzt 1991 auf Deutsch im Kleinverlag Anton Hain (Meisenheim/Frankfurt) erschienen.

Es ist ein eigenwilliges, selbstdenkerisches, klarsichtiges und trotz allem sanftmütiges Buch, mit kaum verwechselbarer geistig-seelischer Tönung. Der gebürtige Schweizer Denis de Rougemont (1906-1985) entfernte sich damals notgedrungen von der aufgeregten und sündhaft teuren Metropole Paris, lebte mit seiner Gefährtin höchst bescheiden auf einer entlegenen Insel (Île de Ré) und sodann in ländlicher Festlandsprovinz (Cevennen-Dorf). Dieser fast schon klösterliche Rückzug geht einher mit einer inneren Distanz zum zentralistisch organisierten Literaturbetrieb – und mit einer persönlichen Neubesinnung.

Die meist dürftige Auftragslage des Schreibenden (genauer: Schreiben-Müssenden) erweist sich als harte Schule: Der Zwang, mit dem Nötigsten auszukommen, bringt hier jedoch keine Verwahrlosung mit sich, sondern riecht verdammt nach Glück. Kaum zu glauben und doch glaubhaft. Ganz ohne jeden Zynismus. Und ohne naive Schwärmerei vom einfachen Leben. Schon das macht dieses Buch zum stillen Ereignis, zu einem Vademecum gerade auch für Krisenzeiten. Zitat: „Vielleicht ist das die Ursache des Glücks in unserem Leben: Seinen natürlichen Rhythmus finden, und die Mittel daraufhin einschränken.“

Denis de Rougemont will nicht etwa, dass man schicksalsergeben ärmlich vegetiert, sondern plädiert dafür, „jedem Menschen, wer er auch sei, das ,Existenzminimum’ zu sichern, das ihm erlaubt, seinen Fähigkeiten zu folgen.“ Plausibel klingt bei ihm auch der Gedanke, dass (Zitat) „man mit sehr wenig auskommen kann, ohne aufzuhören, aus dem vollen zu leben.“ Die eigentliche Misere liegt nach seiner Auffassung hierin: „Wenn alle Geheimnisse verraten, geleugnet, verhöhnt sind, bleiben nur noch die Routine und die Streitereien ums Geld.“

Ungemein spannend zu lesen ist zudem die kritische Selbstbefragung des Autors in seinem Verhältnis zum „einfachen Volk“. Er hielt sich seinerzeit auch mit abendlichen Vorträgen zu Politik und Gesellschaft über Wasser und fürchtete, als Intellektueller mit seinen Begriffen und seiner ganzen Denkweise nicht verstanden zu werden. Er begibt sich auf die Suche nach einer unabweisbaren Nützlichkeit der Schrift und nach neuen Formen der Brüderlichkeit, die möglichst auch Klassenschranken überwinden sollen. Eine humane Grundannahme: Die Wahrheit ist konkret und verwirklicht sich stets in der Begegnung zwischen bestimmten Menschen.

Daraus ergeben sich dringliche Fragestellungen, über die man (so lässt der Autor durchblicken) im auf Neuheiten töricht versessenen Paris nonchalant oder auch aufgekratzt hinweggehe. Das marxistische Vokabular jedenfalls, findet Denis de Rougemont, sei als Instrumentarium nur sehr bedingt tauglich, es dringe überhaupt nicht „nach unten“ durch und verzerre die wahren Verhältnisse. Wie gesagt: Wir befinden uns in den 30er Jahren. Was man schon damals hat wissen können, wenn man hat wissen wollen…

Kein geringes Problembündel fürwahr, denn welchen Sinn und Zweck hat der ganze schöne Intellekt, wenn er sich nicht in der Breite auswirken kann? Wenn seine Resultate überwiegend auf Gleichgültigkeit treffen? Gewiss kein Zufall, dass das Buch ausgerechnet 1968 bei Gallimard in Paris erneut herausgegeben wurde. Und heute? Solche Fragen schlummern – unter veränderten Vorzeichen – immer noch, auch wenn sie nicht täglich zu Markte getragen werden.

Hier noch drei prägnante Zitatstellen, verbunden mit einer nachdrücklichen Empfehlung:

„Denn es ist auch ein Trost, sich vor einen inneren Zusammenbruch gestellt zu sehen und ihn überwinden zu müssen. Es gibt Tage, wo man viel darum gäbe, wenn man einen guten Grund zum Verzweifeln hätte, einen tauglichen, gebieterischen Grund…Vor dieser Versuchung, zu verzweifeln, könnte uns dann eine einzige Tugend retten, die Demut. Bin ich nicht wichtig, so wird die Welt größer.“

„Ich bin überzeugt, dass die wahre Lösung, die praktische Lösung der Krisenpsychose, die den Nerven des Bürgertums so schwer zusetzt, nirgends anders zu finden ist als im ‚Geist der Armut’… Der Geist der Armut ist ohne Zweifel nur jenen gegeben, die an etwas anderes glauben als ausschließlich an ihr Leben, ihren Erfolg, ihre Bequemlichkeit, ihren Rang usw., oder selbst an ihren geistigen Wert.“

„Dies ist vielleicht die große Veränderung, die die Schwelle zur Reife kennzeichnet: der Moment, da man entdeckt, dass die Welt keine andere Antwort bereithält als die, die man den Mut hat ihr zu geben.“

___________________________________

INFO:

Der in Couvet bei Neuchâtel geborene schweizerische Pastorensohn Denis de Rougemont stellte sich in die geistesgeschichtliche Tradition von Sören Kierkegaard und Karl Barth. Er kann – grob gesagt – als eher konservativer Antifaschist (aus christlicher Haltung heraus) sowie als früher, entschiedener Verfechter des europäischen Gedankens bezeichnet werden. Überdies gilt er als Vordenker ökologischer Bewegungen. Bürgerbeteiligung und Selbstverwaltung sollten nach seinem Dafürhalten die Machtkonzentration in Politik und Wirtschaft einschränken.

Weitere Schriften (Auswahl):

„Penser avec les mains“ (Mit den Händen denken)
„Der Anteil des Teufels“ (Orig. „La part du diable“, dt. bei Matthes & Seitz, Berlin, 1999)
„Die Liebe und das Abendland“ (Orig. „L’amour et l’Occident“ / noch greifbar)

„Die Zukunft ist unsere Sache“ (dt. bei Klett-Cotta, 1980)

Übrigens: Sein allererster Artikel von 1923 handelte vom Schriftsteller Henry de Montherlant und der „Moral des Fußballs“. Wahrhaftig ein vielseitiger Denker.




Enzensberger: Festlegen gilt nicht

Wenn man jemals gedacht haben sollte, jetzt wüsste man aber, worauf dieser Hans Magnus Enzensberger hinaus will, so war er meist schon wieder ein paar Schritte oder Windungen weiter.

Auch als älterer Mann ist er gedanklich noch wendiger als die allermeisten Jüngeren. Allein schon der Tonfall des mittlerweile 79-Jährigen klingt auch im neuen Gedichtband „Rebus“ freiweg – wie in seinen frühen und seinerzeit zornigen Aufbruchsjahren. Oder will man es etwa nur gerne so haben und hört es sich so zurecht?

Es schwingt da mittlerweile auch eine gereifte Gelassenheit mit, die die letzten Dinge längst ins Auge gefasst hat und den Tod kommen sieht. Revolte? Umsturz? Ach was! Obwohl es doch einst so schön war, die Utopie zu erträumen. Zitat aus dem abschließenden Gedicht „Coda“, das von fern her an Bert Brechts selbstkritisches Lebensfazit „An die Nachgeborenen“ gemahnt: „Daß nicht alles Mögliche möglich ist, / tut mir leid…“

Vielleicht noch ein leiser Anklang an Brecht, in diesem Falle an die „Fragen eines lesenden Arbeiters“. Enzensbergers Gedicht „Angewohnheiten“ hebt so an:

„Wie oft musste Plato sich schnäuzen, / der heilige Thomas von Aquin / seine Schuhe ausziehen, / Einstein sich die Zähne putzen, / Kafka das Licht ein- und ausschalten, / bevor sie zu dem kamen, / was ihnen aufgetragen war?“

Und was sagt uns das letztlich? Etwas sehr Bedenkenswertes: Dass nämlich der vermeintlich unbedeutende Alltagskram, den wir alle miteinander teilen („Kochen, Waschen, Treppensteigen“), in seiner ganz gewöhnlichen Friedlichkeit viel unentbehrlicher sei als all die großen Werke…

Das Titelwort „Rebus“ erinnert an jene kombinierten Buchstaben- und Bilderrätsel, die sich eben just „mit den Dingen“ (wörtliche Übersetzung aus dem Lateinischen) abgeben. Der Titelumschlag zeigt ein Lehrbuch-Bild aus der Hirnzellenforschung. Enzensberger hat oft Klage geführt gegen unsere grundsätzlich gespaltene Kultur: hie Geistes-, dort Naturwissenschaften, fast immer getrennt von einem Graben gegenseitigen Nichtverstehens. Seinen Gedichten ist gelegentlich zu entnehmen, dass er über solche Gräben hinwegsetzen will. Würde das Wort „ganzheitlich“ nicht so inflationär entwertet klingen, so wäre es hier angebracht.

Die Überschriften der Zyklen lauten wie knappe Befunde: „Gleichgewichtsstörung“, „Es gibt Probleme“, „Schwere Koffer“ (lastendes Gepäck der Erinnerung bis zurück in die Weltkriegszeit) und „Erste Person Plural“ (kollektive Erfahrungen in einer zwangsläufig diffusen „Wir“-Form). All diese durchaus noch unentschiedenen Bilanzen werden ausgesprochen lakonisch aufgesetzt. Unaufgeregt. Oft unterschwellig ironisch. Doch im Bewusstsein, dass da einiges ins krisenhafte Schlingern geraten ist – und dass der Mensch dem Verfall zu keiner Zeit entkommt. Das alte, natürlich nie erledigte Thema der Vergänglichkeit.

„Als ich zwanzig war, lange her / kam ich mir vor wie ein Toter, der keine Zukunft hat“, heißt es einmal weit rückblickend. Kaum ein prinzipieller Unterschied: Damals wie heute reicht, wenn man’s recht bedenkt, die halbwegs gesicherte Lebensperspektive im Grunde nur bis zum nächsten Tag. Man übersteht und überlebt, bis auf weiteres. Allem westlichen Luxus und allen momentanen Glücksgefühlen zum Trotz: „Auch das blühende Leben ist rutschig.“ Und selbstverständlich hat dieser Autor den Vorwurf des Jammerns auf hohem Niveau („Der hat gut reden“) stets schon klug mitbedacht.

Hinter jeder Zeilenbiegung kann hier eine kleine oder größere Überraschung lauern, hier gilt keine Festlegung, hier herrschen allemal schwer lösliche Widersprüche. Enzensberger ist eben nie so recht zu fassen. Nur ganz selten stört ein wenig seine Marotte des Aufzählens, diesmal z. B. auf Seite 85, im Gedicht „Bringschulden“. Da erfährt man nahezu komplett, was der Mensch „bringen“ kann – vom Opfer bis zum Ständchen…

Doch ein solcher Einwand ist läppisch im Vergleich zum reichlichen Gewinn, den man sich hier erlesen kann. Weitläufig sind die Felder, die in den kurzen Gedichten (gleichwohl ohne Eile) durchmessen werden, groß ist die Zeiten- und Themenfülle dieser Inventur zwischen Physis, Psyche und Gesellschaft. Nur zum Beispiel die Feier der vitalen Vielfalt, über alles nicht zu leugnende Elend hinaus: Diese immer noch wirksame Sinnlichkeit unserer wechselnden Jahreszeiten (ach, auch in dieser Hinsicht verwöhntes Europa!), sogar die wundersame Lebendigkeit der babylonischen Sprachverwirrung: „…sagen am Ende nicht / fünftausend Sprachen mehr als die eine?“

Und weiter, weiter, angetrieben von Ungewissheit (nur Scheitern und Niederlage seien gewiss): Der lebenslängliche Konflikt zwischen der Chemie in grauer Hirnmasse und dem widerspenstigem „Ich“, welches doch so schwammig zu sein scheint: „Je mehr du herumbohrst / in diesem Sumpf, / desto sinnloser.“ Das bedrohliche, womöglich aber auch beruhigende Nichts. Der flüchtige, jedoch erregende Augenblick: „Alles, was du spürst, ist gleich gültig. Das bloße Leben, bis in den kleinen Zeh.“ – Man beachte: „Gleich gültig“ statt „gleichgültig“, welch ein fundamentaler Unterschied!

Das Leben pulst und zittert also Tag für Tag fort und fort. Hingegen werden die großen, abstrakten Systeme und Behauptungen mit der Zeit relativiert. Vermeintlich felsenfester Glaube und Unglaube, Staatswesen („Leviathan“), angeblich weltbedeutende Werke. Ganz zu schweigen von den Torheiten neuester technischer Moden und der grassierenden, sinnleeren Betriebsamkeit…

Am besten, man begibt sich nicht in die Hauptströmung, sondern ergeht sich „dazwischen“ als jemand, der ruhig in eigenem Fahrwasser paddelt und aus der Distanz etwa dies amüsiert und befremdet wahrnimmt: „Alles, was wichtig ist, / zieht am Ufer vorbei – / Oberlandesgerichte, Tankstellen, / Mehrzweckhallen.“

Hans Magnus Enzensberger: „Rebus“. Gedichte. Suhrkamp Verlag. 120 Seiten, 19,80 €.




Andere Luft, anderes Licht

Unter dem schlichten Titel „Auf Reisen“ versammelt Matthias Zschokke (geboren 1954 in Bern, seit 25 Jahren vorwiegend in Berlin wohnend) Skizzen aus wechselnden Gegenden. Das Buch firmiert als „Erzählung“, als bestehe es aus Erfundenem. Dabei handelt es doch von unterwegs Vorgefundenem. Von anderer Luft, anderem Licht, anderem Sein.

Fast schon erheiternder namentlicher Anklang: Ein besonderer Schwerpunkt des im Zürcher Ammann-Verlag erschienenen Buches sind Impressionen aus Amman (Jordanien). Zschokke schildert (jenseits aller politischen Konflikte) diese stets auf Würde bedachte Kultur als immense Bereicherung. Allein schon die althergebrachten Rituale öffentlichen Rauchens könnten Lockung genug sein. Auch verstreiche die Zeit in jenen Breiten ganz anders als bei uns. Gerade fürs unendlich gelassene Dahindämmern an den Rändern zu einer vollkommenen Stille hat Zschokke ein empfängliches Sensorium.

Die orientalischen Aufenthalte gipfeln in einem Zitat mit Goldrand: „Jeder Europäer sollte dringend dann und wann nach Arabien, um sich daran zu erinnern, wie Menschen miteinander umgehen können, wenn sie nur wollen.“ Wir lassen das mal so stehen. Freimütig gesteht der Autor, Schattenseiten auszublenden, denn: „An Schlechtes zu denken tötet das Vergnügen und verdirbt die Laune.“

Jeder aufgesuchte Ort erhält hier – mitunter in wenigen Absätzen – sein spezifisches Gewicht. Man spürt in manchen Passagen, was eine Stadt tatsächlich unterscheidet, im besten Falle einzigartig macht. Die etwas mutwillig erscheinende Abfolge im Buch sorgt zuweilen für Wirrnis, dann aber auch für erhellende Kontraste. Gerade eben noch ist man in Berlin aufgebrochen, dann flugs im beschaulichen Baden-Baden gewesen, schon findet man sich in Budapest mit seiner unnachahmlichen Patina, seinem abgeblätterten Charme wieder.

Hier wie dort sucht der allzeit (auch gastronomisch) genussgeneigte Autor die Stätten traditioneller, reich entfalteter Badekultur auf. Sein spezielles Vergnügen. Auch in Porto (seltsam melancholisch), Rotterdam (eher langweilig) oder im Elsaß (entgegen dem Ruf: vielfach mieses Essen) macht er Station. Bei Abstechern in Gegenden der heimischen, doch gelegentlich sehr fremdartigen Schweiz (Zürich, Genf, Ascona, Chur, Hasliberg) sucht sich Zschokke offenbar seiner Herkunft zu versichern. Schließlich gibt es ein paar passende Exkurse ins Land der eigenen Kindheit, dessen geheimnisvolle „Geographie“ ja jeder späteren Reise zugrunde liegt.

Die meisten Episoden und Einsprengsel betreffen freilich Zschokkes Erfahrungen in New York, wo er eine Zeit lang gelebt hat. Dieses Inbild einer Metropole erhält hier etwas vom alten Glanz zurück. Die Stadt erscheint als weltweit wandelbarster, immer noch sturzvitaler Schauplatz andernorts ungeahnter Konzentrate, kühnster Lebensentwürfe. Wo, wenn nicht hier? Nirgendwo mehr Gegenwart, mehr Möglichkeiten, mehr Toleranz. Im Vergleich kommt ihm Berlin grau, still und fast menschenleer vor. Zschokke scheint sich da hart am Rande altbekannter Klischees zu bewegen, und doch kommt einem frisch und lebendig vor, was er gleichsam atemlos zu berichten hat.

Übrigens plädiert der Autor keineswegs für „exklusive“, exotische Ziele, sondern gerade für viel besuchte Stätten. Aus albernem Abgrenzungs-Bedürfnis heraus versäume man sonst viel. Zitat: „Wir umfahren Venedig, meiden die Pyramiden, wenden uns ab vom Schloß Neuschwanstein, um dafür Livorno, Ouagadougou und Schloß Thun aufzusuchen.“

In diesem Buch kann man mancherlei anregende Lebenswürze nachschmecken. Es könnte Gelüste wecken, wieder einmal ausgiebig unterwegs zu sein. Woher und wohin auch immer.

Matthias Zschokke: „Auf Reisen“. Ammann Verlag, Zürich. 235 Seiten. 19,90 €.




Wilhelm Genazino: Der grobe und der feine Witz

Vorbemerkung:

Folgendes kurzes Interview ist bereits im Herbst 2004 in der Westfälischen Rundschau erschienen. Auf mehrfachen Wunsch kommt hier eine Wiederholung (gibt’s im TV doch auch allweil).

Auf Band hatte ich seinerzeit viel mehr Fragen und Antworten aufgezeichnet. Im Blatt musste es bedeutend kürzer erscheinen. Leider habe ich keine Langfassung aufgeschrieben. Da ich den Schrieb direkt aus meinem Word-Verzeichnis hole, kriege ich die übliche Westropolis-Schrift nicht hin. Mit dem Firefox-Browser (ermöglicht Nutzung des Word-Editors) kann ich mich partout nicht im Blog anmelden. Teufel auch!

Bis vor kurzem galt er noch immer als literarischer „Geheimtip“: Doch seit Wilhelm Genazino der Büchner-Preis zugesprochen wurde, kann davon keine Rede mehr sein.

Die WR traf Genazino bei der Frankfurter Buchmesse am Stand des Carl Hanser Verlages, wo zuletzt sein autobiographisch getönter Erzählband „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ und die Essay-Sammlung „Der gedehnte Blick“ erschienen sind.

Sie erhalten in Kürze den wichtigsten deutschen Literaturpreis. Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen?

Wilhelm Genazino: Ungläubig. Aber ich freue mich natürlich, klar. Bis vor wenigen Jahren stand ich eher am Rande. Ich hab’ mich da gar nicht unwohl gefühlt.

Geduldige Beobachtungen von Randfiguren ziehen sich auch durch Ihr Werk.

Stimmt. Ich passe zu meinen Figuren. Deswegen mag ich auch die Vorstädte. Da geht es weniger künstlich zu, glaubwürdiger, nicht so aufgedonnert wie in der Fassadenwelt der Innenstädte.

In Ihrem Essay-Band entwickeln Sie auch eine Humor-Theorie. Sie unterscheiden zwischen innen- und außengeleitetem Humor. Was verstehen Sie darunter?

Es gibt sehr verschiedene Arten des Vergnügens. Diese furchtbare Fernsehreihe „Pleiten, Pech und Pannen“, das ist sozusagen der Massenhumor. Da passiert immer wieder dasselbe: Ein Mann fliegt vom Fahrrad, eine Torte fällt einer Frau auf die Bluse, ein Kind rutscht im Gummiboot aus… Es ist dieser öffentliche Schadenfreude-Humor mit ganz groben Effekten. Die komische Empfindung hingegen braucht gar keine Witze als Anlass. Hier geht es um stille Wahrnehmungen, darum, dass man etwas für sich als komisch entdeckt. Eben war ich in einem Messe-Bistro, da stehen drei Tische – und auf jedem ein handgeschriebenes Schildchen: „Die Tische gehen nur über die Bedienung!“ Man weiß ja, was gemeint ist. Aber das so auszudrücken, das ist einfach großartig. Damit könnte man im Fernsehen nicht landen. Der Witz ist viel zu leise, so etwas kommt eher in der Literatur zum Vorschein – bei Lawrence Sterne, bei Italo Svevo oder bei Jean Paul.

Ihr Buch enthält auch eine Betrachtung über gescheiterte Autoren.

Es gibt viele großartige gescheiterte Bücher. Es ist oft ein Kennzeichen großer Romane, dass die Autoren zwischendurch ihr Thema verlieren. Auf einmal weiß man nicht mehr: Wovon ist hier eigentlich die Rede, was ist hier los? Das gibt es selbst bei Thomas Mann. Häufig sind es die besten Stellen, an denen ein Autor deliriert; diese Latenz-Phasen, bevor er wieder in seinen Roman zurückfindet.

Was hat es mit dem „gedehnten Blick“ auf sich, den Sie auf ein altes Kinderfoto anwenden, in dem sie nach und nach immer wieder andere Dinge entdecken?

Wenn man etwas sehr lange anschaut, dann merkt man, dass das Auge das verwandelt, was es sieht. Es bleibt nicht bei dem, was es einmal erkannt hat. Solches Hinschauen haben wir verlernt. Das Fernsehen ist ja sozusagen eine Sehens-Abgewöhnungs-Maschine, allein durch die Häufigkeit der schnellen Schnitte. Man wird gezwungen, ein Geschehen zu verfolgen. Aber das hat mit Sehen nichts mehr zu tun. Eine fatale Entwicklung.

„Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ spielt zu Beginn der 60er Jahre. Was war das für eine Zeit?

Die Zeit, in der ich jung war. Eine bescheidene Zeit, eine armselige und verschämte Zeit. Das Entsetzen der Nachkriegsjahre stand noch den Menschen ins Gesicht geschrieben. Damals gab’s noch nicht diese künstliche Entsetzens-Kultur. Allerdings ist damals in Deutschland gnadenloser Kitsch produziert worden, der im Grunde dem NS-Kitsch geähnelt hat. Und das hört bis heute nicht auf: Auch diese unselige Volksmusik ist ein Spätling der NS-Zeit…




Thomas Bernhard: Er hasste die Preisreden – und nahm das Geld

Literaturpreise sind doch eine wunderbare Sache, sie bedeuten etwas Ruhm und Geld für den Autor, der sonst vielleicht arm und unbeachtet geblieben wäre.

Solche milden Gaben können aber auch Zorn erregen. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, so ist er hier zu finden: Aus dem Nachlass von Thomas Bernhard ist jetzt der schmale, aber ergiebige Band „Meine Preise“ erschienen, in dem der unbequeme Österreicher einige seiner Auszeichnungen durch den Wolf dreht. Klingt schon mal vielversprechend, denn Bernhard war als schimpfwütiger Rohrspatz der Literatur ohnehin kaum zu übertreffen.

Gelegentlich grinst einen hier das ganze absurde Elend des Literaturbetriebs zwischen Streichquartetten und blödsinnigen Festreden an. Ein bilanzierendes Bernhard-Zitat lässt den ewigen Zwiespalt ahnen: „Ich haßte die Zeremonien, aber ich machte sie mit, ich haßte die Preisgeber, aber ich nahm ihre Geldsummen an.” Welch eine lästige, stocksteife Notwendigkeit also. Hinfahren, abholen und alles andere vergessen. Das wäre wohl ratsam.

So kennt man ihn: Thomas Bernhard ist zutiefst beleidigt, wenn er einen Preis n i c h t kriegt – und er ist oft stinksauer, wenn er dann einen bekommt. Eigentlich kein Wunder. Denn tatsächlich kann er hanebüchene Szenen schildern: Da wird er von einem ahnungslosen Laudator mit der gleichzeitig geehrten Preisträgerin verwechselt („Frau Bernhard”), auch hernach wird der Schlendrian nicht korrigiert. Oder: Der Autor, der mal wieder in Begleitung seiner Tante erschienen ist, wird von der versammelten Festgemeinde im Saale gleich gänzlich übersehen und irgendwo hinten in Reihe soundsoviel platziert. Man kennt den Dichter überhaupt nicht, mit dem man sich schmückt.

Thomas Bernhard rächt sich nicht zuletzt damit, dass er ganze Städte (wie etwa Bremen) wortgewaltig als kulturlose Orte niedermacht. Man ahnt es: Derlei süffige Stadtbeschimpfungen aus berufenen Federn wären gewiss mal eine Extra-Edition wert.

Als schiere, mit voller Absicht betriebene Demütigung empfindet es Bernhard, dass man es wagt, ihm den kleinen (und eben nicht den großen) Österreichischen Staatspreis anzudienen. Diese mindere Ausführung trage doch fast jeder Nachwuchsschreiberling mit sich herum, befindet der Mann, der sich selbst zeitweiligen Größenwahn attestiert.

Als es den Schriftsteller selbst einmal in eine Jury verschlägt, merkt er, wie man dort „naturgemäß” (Bernhards Lieblingswort) nach kenntnisfreier Willkür, Lust und Laune entscheidet. „Nehmen wir doch Hildesheimer”, ruft da einer unvermittelt in die Runde. Alle anderen sind gleich einverstanden, denn das Mittagessen wartet ja schon.

Bernhard windet auch einige bunte Girlanden in seine Betrachtungen. So erfährt man, wie er sich von einem Preisgeld einen schicken Sportwagen gekauft und alsbald zu Schrott gefahren hat oder wie er ein marodes Haus anzahlen konnte.

Der Autor, der sich sonst (wie auch seine Preis-Dankesreden im Anhang belegen) vor allem auf pessimistische Litaneien verstand, wird hier sichtbar als jemand, dem es auch gegeben war, luftig leicht zu erzählen, ohne dabei an Schärfe zu verlieren.

Thomas Bernhard: „Meine Preise”. Suhrkamp. 144 Seiten. 15,80 Euro.




Triebstau und Freiheitsdurst – der Roman „Empörung“ von Philip Roth

Das ist das Wunderbare an Literatur: Dass sie einen in alle Zeiten und Rollen eintauchen lässt. Wollte man nicht immer schon mal wissen, was ein US-Student 1951 (zur Zeit des Koreakrieges) so getrieben und wie er sich dabei gefühlt hat? Bitte sehr: Der famose Philip Roth lädt in seinem Roman „Empörung” unsere Phantasie mit solchen Erlebnissen auf.

Der Student heißt Marcus Messner, ist Sohn eines jüdisches (koscheren) Metzgers in New Jersey und weiß auch anschaulich von diesem blutigen Metier zu berichten, weil er seinem Vater einige Zeit im Geschäft geholfen hat.

Nun aber besucht Marcus das College – und wird seines Erzeugers nicht mehr froh. Denn der macht sich auf einmal derart viele Sorgen um seinen Sohn, dass er ihm nachspioniert und ihn am liebsten vor aller bedrohlichen Welt wegsperren würde. Bisher konnte man vernünftig mit dem Manne reden, doch nun? Es ist fürchterlich. Auch die Mutter leidet sehr.

Marcus zieht die Konsequenz und schreibt sich an einem anderen, weit vom Elternhaus entfernten College ein. Dort erlebt er nun diverse Reifeprüfungen des Lebens – keineswegs nur geistige.

Da ist vor allem die bezaubernde Olivia Hutton, die es ihm gleich beim ersten Date oral besorgt – und das in jenen prüden Zeiten, die sonst meist nur den sexuellen Triebstau kennen. Wow! Er kann’s kaum glauben, dass ihm so viel Gutes widerfährt.

Doch aus der unverhofften Fleischeslust erwachsen Sorgen. Olivia erweist sich als Problemfrau sondergleichen. Mit ihren nicht einmal 20 Jahren ist sie schon Alkoholikerin und hat einen Selbstmordversuch hinter sich. Außerdem sind Marcus‘ Zimmergenossen auf dem Campus unerträgliche Stinkstiefel, so dass er mehrmals umzieht – bis es dem Dean (etwa: Dekan) zu bunt wird. Er bittet Marcus zur hochnotpeinlichen Aussprache übers Sozialverhalten (Vorwurf: ständige Flucht vor unangenehmer Realität). Dabei steigert sich der eloquente, eigensinnige Student aus lauter Freiheitsdurst in eine Empörung hinein, ja er redet sich wohl schier um Kopf und Kragen . . .

Wenn man das alles mit fliegendem Atem liest, möchte man meinen, es mit dem Buch eines ganz jungen Autors zu tun zu haben, der aus unmittelbar praller Erfahrung berichtet. Frisch und frech klingt alles hier. Philip Roth ist 1933 geboren, er kannte also die Zeit um 1951 als ganz junger Mann. Und sie ist ihm offenbar sprühend lebendig geblieben. Staunenswert.

Marcus und viele seiner Altersgenossen fühlen sich allseits gefesselt – von starren gesellschaftlichen Konventionen, religiösen und familiären Rücksichten. Da droht sich etwas gewaltsam zu entladen. Doch die Revolten der 60er Jahre sind noch weit entfernt. Jungspunde, die nicht spuren und über die Stränge schlagen, werden um 1951 kurzerhand in den schrecklichen Kriegseinsatz nach Korea geschickt. Dieses mögliche Verhängnis schwebt jedenfalls als vage, düstere Verheißung über dem gesamten Geschehen dieses Romans und färbt insgeheim jede Handlung ein.

Philip Roth lässt den Leser nicht nur schwelgen und bangen, sondern gibt dem Buch gegen Schluss eine ungeahnte Wende, die alles Vorherige in ein anderes Licht stellt. Viel mehr wollen wir hier nicht verraten, sonst würde der Kunstgriff des Romanciers an Wirkung einbüßen. Nur so viel: Schmerzlinderndes Morphium ist im Spiel. Doch es gibt Schmerzen, die letztlich niemals aufhören . . .

Philip Roth: „Empörung”. Roman. 201 Seiten. Hanser Verlag. 17,90 Euro.




Suhrkamp – verhext?

Der traditionsreiche Suhrkamp-Verlag zieht von Frankfurt nach Berlin um. Mit diesem Entschluss hat sich Siegfried Unselds Witwe Ulla Berkéwicz nicht nur über den Willen von 80 Prozent der Verlagsmitarbeiter hinweggesetzt, sondern auch über die (geistige) Verwurzelung dieses Verlages im Umkreis der „Frankfurter Schule“. Ob sich Adorno nun im Grabe umdreht?

Wie der Süddeutschen Zeitung (heutige Ausgabe) zu entnehmen ist, hat Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit offenbar seit langem heftig gelockt, dass Suhrkamp an die Spree kommen möge. Wer weiß, ob und aus welchen Töpfen da womöglich noch Subventionen / Ansiedlungs-Prämien fließen. Falls es so wäre, könnte man von einem handfesten Skandal sprechen. Wie gleichfalls in der SZ von heute steht, ist just Hessen einer der größten Geber beim Länderfinanzausgleich, Berlin hingegen das Empfängerland mit den meisten Ansprüchen. Somit hätte es Hessen den Berlinern ermöglicht, etwaige Subventionen überhaupt erst aufzubringen, um einen der wichtigsten deutschen Verlage abzuwerben, ihn von Hessen nach Berlin zu holen.

Das Satireblatt „Titanic“ hat die Suhrkamp-Chefin Ulla Berkéwicz einst als „schwarze Witwe“ und als „die neue Yoko Ono der deutschen Schriftkultur“ bezeichnet. Beatles-Kenner wissen, was damit gemeint sein könnte. U. B. gibt offenbar ohnehin ein geradezu hexenhaftes Feindbild ab. Auch mit dem Umzugsbeschluss (oder besser: Umzugsbefehl) hat sie sich außerhalb Berlins wohl keine neuen Freunde gemacht.




Im Billiggetümmel der Vorstädte – Wilhelm Genazinos Roman „Das Glück ins glücksfernen Zeiten“

Gerhard Warlich hat einst Philosophie studiert. Brotlose Weisheit, wie sich sehr bald zeigte. Irgendwann verdingte er sich als Auslieferungsfahrer einer Großwäscherei. Jetzt ist er dort seit vielen Jahren Geschäftsführer. Immerhin. Aber ist der 41-Jährige auch glücklich?

Diese schwierige, vielfältige Frage wird im neuen Roman von Wilhelm Genazino genauestens durchbuchstabiert. Der Ich-Erzähler mit dem sprechenden Namen Warlich sucht „Das Glück in glücksfernen Zeiten” (Titel), doch er verzagt immer wieder.

Er führt ein Leben auf Beobachter-Posten und nimmt Alltags-Ereignisse bis in die letzten Verästelungen wahr – wie es Genazinos Streuner und Flaneure seit jeher tun. Dabei verstrickt er sich in ziellosen inneren Aufruhr, den er mit einer „Schule der Besänftigung” ruhigstellen möchte – ein rätselhaftes Vorhaben, das er seinen Mitmenschen kaum vermitteln kann.

Bei seinen Streifzügen durch die Stadt und das „Billiggetümmel der Vorstädte” (Zitat) blickt Warlich in die Abgründe landläufiger „Normalität”. Lauter Halbverrückte und fast Verwahrloste scheinen durch die gesichtslose Gegend zu irren. Die (von Rentner-Schwärmen durchzogene) Tristesse erzeugt ständiges Unbehagen.

Spitzeln im Auftrag
der Großwäscherei

Eigentlich versteht Warlich all diese „Gespenstereien” (oft wiederkehrendes Wort) überhaupt nicht. Am liebsten möchte er still kapitulieren. Da klafft die offene Frage, ob es nicht vielleicht vielen so ergeht: Sie verstünden das große Ganze nicht mehr und schauten nur fassungslos den verstreuten Einzelheiten zu.

Ungeheuerlich abermals, welch immens reichen Erzählstoff Wilhelm Genazino aus der feingliedrigen Betrachtung gewöhnlichster Ereignisse gewinnt. Es ist, als würden die alltäglichen Vorgänge in all ihrem möglichen Schrecken, aber auch als Verheißung ungeahnter Möglichkeiten erstrahlen. Die Sprache, in der Genazino den widrigen Verhältnissen nachspürt, wiegt kein Gramm zu wenig und keins zu viel.

Warlich unternimmt eine desolate Werbetour durch Hotels, um sie von den Vorzügen „seiner” Wäscherei zu überzeugen. Auch soll er im Auftrag des kontrollsüchtigen Besitzers Eigendorff (noch so ein Name) Fahrer bespitzeln, die ihre Liefertouren zu locker angehen – und wird selbst überwacht. Horror aus der Arbeitswelt. Da braucht man keine künstlichen Monster.

Noch mehr gerät Warlich aus der Balance, als seine Partnerin Traudel (Sparkassen-Filialleiterin) Druck ausübt: Sie will partout ein Kind. Auch sie sucht eben nach neuem Glücksgelände. Er lässt sie im Unklaren, flüchtet sich in eine heillose Hinhaltetaktik.

Dieses ebenso sanftmütige wie schmerzvolle Buch kann, obwohl es auch komische Gefilde streift, schwerlich „gut ausgehen”, allenfalls glimpflich. Die drängende Überfülle unscheinbarer Ereignisse treibt Warlich in nervliche Zerrüttung. Alles erscheint ihm so kompliziert, dass er lieber „Generalverzicht” üben will. Am Schluss sieht es gar so aus, als hätte er in der Psychiatrie eine neue Heimstatt gefunden, in der er nicht über Gebühr behelligt wird. Soll man diese Weltverweigerung etwa Glück nennen? Oder besiegen die „glücksfernen Zeiten” alles und jeden?

Wilhelm Genazino: „Das Glück in glücksfernen Zeiten”. Roman. Hanser Verlag. 158 Seiten, 17,90 Euro.




Ein Lieblingsbuch der Engländer – James Boswell: „Dr. Samuel Johnson“

Vorfälle aus dem 18. Jahrhundert kommen nur gar zu oft in altertümlicher, gravitätischer Sprache daher. Deshalb scheinen uns das Zeitalter und die Menschen von damals so fern zu liegen.

Jetzt aber liegt ein Buch wieder vor, das einen mit all seiner Lebendigkeit sehr rasch vom Gegenteil überzeugt. Wir reden von James Boswells famoser Lebensbeschreibung über „Dr. Samuel Johnson”.

Der Titel klingt staubtrocken, dahinter aber verbirgt sich anregender Lesestoff über viele hundert Seiten. Der Band empfiehlt sich nachdrücklich zur (Wieder-) Entdeckung. Nicht von ungefähr gilt dieses Werk bis heute als ein Lieblingsbuch der Engländer.

Besagter Johnson (1709-1784) war Studienabbrecher im schon damals ehrwürdigen Oxford, doch später ein lebenskluger Gelehrter, wie er im Buche steht. Vom Naturell her etwas faul, zwang er sich oft zu übermenschlicher Tüchtigkeit. Alle Achtung!

Kunst des
kultivierten
Gesprächs

Zudem war Johnson ein Genie der gehobenen, beredsamen Geselligkeit. Im London jener Jahre (damals die Welthauptstadt schlechthin) scharte er einen weitläufigen Kreis von Schriftstellern, Denkern, Malern und Schauspielern um sich. Man tafelte und trank, redete dabei recht freimütig über alles und jedes, was die Gemüter irgend bewegte. Das reicht vom ganz gewöhnlichen Alltag übers politische Tagesgeschäft (dessen Gebräuche oft stark an heute erinnern) bis hin zu Fragen von der Art, ob man Freunde und Verwandte im Jenseits wiedersehe (manche ja, manche nicht) und ob dies ein freudiges Ereignis sein werde. Kommt drauf an, denn (so Johnsons bemerkenswerte Ansicht): „Nach dem Tode sehen wir einen jeden in seinem wahren Licht.” Oha!

Fast immer geht es in den Gesprächszirkeln meinungsfreudig, häufig weise oder zumindest originell und schlagfertig zu; mal ist die Stimmung verhalten melancholisch, mal geradezu kalberig albern, ganz selten mit einem Stich ins Törichte.

Gewiss, da gibt es ziemlich zeitgebundene Themen und Urteile (etwa über Frauen und Ehe), die allerdings gerade aus weitem Abstand heraus historisch interessant sind. Im übrigen kam schon Johnson zur Loriotschen Einsicht, dass Männer und Frauen im Grunde nicht zusammen passen (aber einander brauchen).

In den allermeisten Momenten hat man jedenfalls den erstaunlichen Eindruck, mittendrin zu sitzen und aktuellen Streitgesprächen zu lauschen. In jedem Satz kann eine Überraschung lauern. Die Kunst des Gesprächs erwächst hier allemal aus edlem Wettstreit möglichst scharfsinniger Argumente. Wenn das keine Kultivierung ist!

Der Autor muss rundweg gepriesen werden: Der Schotte James Boswell (1740-1795) war rund 30 Jahre jünger als Samuel Johnson, den er bewunderte. Doch dieser fein-sinnige Beobachter hatte durchaus seinen eigenen Kopf und Willen. Amüsant die Sticheleien des überzeugten Engländers Johnson gegen alles Schottische. Boswell hat’s nicht krumm genommen. Auch Amerikaner und Franzosen bekamen schon damals ihr Fett weg. Wie gesagt: Es ist ein Lieblingsbuch der (gebildeten) Engländer.

Wir Deutschen kennen als entfernt vergleichbares Unterfangen Eckermanns getreulich notierte Unterhaltungen mit dem greisen Geheimrat Goethe. Diese erscheinen freilich geradezu devot vorgetragen, monologisch strukturiert und klassisch geglättet, während Boswells Aufzeichnungen auch in der herrlichen Übersetzung als quicker Quell sprudeln.

Gottlob hat dieser Boswell die munteren Dialoge bei Tisch und sonstwo zunächst in einer Kürzelsprache spontan mitgeschrieben und erst später genau ausgeführt. Somit sind wir hier ganz nah am ersten Eindruck der frischen wörtlichen Rede. Welch eine anregende Zeitreise!

James Boswell: „Dr. Samuel Johnson”. Diogenes, 848 S., 26,90 €.

INFO:

  • Zum Gesprächszirkel um Samuel Johnson zählten (neben dem Biographen James Boswell) u. a. der Maler Sir Joshua Reynolds, der Schauspieler David Garrick, der Autor Oliver Goldsmith sowie der Politiker und Philosoph Edmund Burke. Zuweilen gesellten sich kluge Damen hinzu.
  • Samuel Johnson ist bei den Briten „unsterblich”, weil er praktisch im Alleingang das erste große Wörterbuch der englischen Sprache schuf, das über 150 Jahre lang Maß aller Dinge war. Außerdem verfasste er eine englische Literaturgeschichte seiner Zeit.



„Payback“: Das Leben besteht aus Schuld und Schulden – Margaret Atwood denkt über Tage der Abrechnung nach

Auf den ersten Blick scheint es ein Buch der Stunde zu sein. Unter dem Titel „Payback” (Rückzahlung) befasst sich die weltweit prominente kanadische Autorin Margaret Atwood mit Krediten, Zinswucher, Schuldnern und Gläubigern. Erste Ausläufer der jetzigen Wirtschaftskrise spielen schon mit hinein.

Doch Atwood bedient offenkundig keine kurzatmige Aktualität, sondern bereitet ihr Thema gründlich auf. Sie beginnt nicht etwa erst bei Adam und Eva, sondern setzt viel früher an: in den unvordenklichen Urzeiten der Evolution, in denen unser genetisches Erbe entstanden ist.

Daraus erwächst eine Kernthese. Die Idee eines gerechten Gleichgewichts zwischen Schuld(en) und Abzahlung sei tief in uns eingesenkt, sie habe sich – in wechselnden Formen – durch alle Epochen und Kulturen erhalten. Sprich: Wir ernten irgendwann, was wir gesät haben, jedes Soll und Haben wird im „großen Buch” verzeichnet und eines Tages abgerechnet.

Lektionen reichen
von der Urzeit
bis zur Börsenkrise

Atwood durchpflügt ganze Bereiche der Weltgeschichte, um praktisch immer und überall auf „Schulden” jeder Sorte als treibende Kraft zu stoßen; ganz so, als ließe sich die Welt aus diesem einzigen Beweggrund heraus erklären. Eigentlich keinWunder, denn natürlich findet Atwood überall das, was sie so innig gesucht hat. Immerhin hat sie einige sarkastische, lakonisch schnoddrige Wendungen parat („Raub und Plünderung sind ja schön und gut, aber . . .”), die mit gelegentlich angestrengter Lehrhaftigkeit versöhnen.

Da wird beispielsweise der tiefere Zusammenhang zwischen Geldschulden und Sündenschuld erwogen. Auch kommen Schuldknechtschaft, altertümliche Figuren wie der „Sündenesser” (der eine Schuld für eine Gegenleistung tilgt), Opfer und Blutrache in den weitschweifigen Blick. Ein Fazit: Im Leben bleibt man fast immer etwas schuldig.

Der Faustische Pakt mit dem Teufel (auch da droht der Tag der Abrechnung) wird ebenso ausgiebig erläutert wie die Dickens-Figur des kaltherzigen Geizhalses Ebenezer Scrooge, der zur Weihnachtszeit geläutert wird und mit seinen angehäuften Reichtümern fortan nur noch Gutes bewirkt. Auch Shakespeares Schulden-Klassiker „Der Kaufmann von Venedig” wird traktiert. Atwood buchstabiert all diese Fundstellen bisweilen etwas langwierig.

Immerhin: Man lernt dazu, man lernt nicht aus, auch gibt es manchen Geistesblitz. Doch auf Dauer kommen einem die Lektionen doch etwas umständlich vor. Auch das heutige, sich nüchtern gebende Wirtschaftsleben, so ahnt man jedenfalls, ist im Grunde von alten Mythen durchwirkt. Doch manches, was Atwood auftischt, wirkt wie aus dem Hut gezaubert.

Die Schrift, so erfahren wir, sei vor allem erfunden worden, um Schulden zu notieren, nicht etwa für poetische Ergießungen. Keine große Überraschung. Ein paar Seiten später sind wir plötzlich wieder bei weit überzogenen Kreditlinien und der in dieser Hinsicht bis dato so laxen US-Mentalität. So rollt das Ganze etwas ziellos vor sich hin.

Man hegt Hoffnung, dass am Ende eine literarisch unterfütterte Schulden-Theorie mit Nutzanwendung in der heutigen Krise stehen möge. Doch diese Hoffnung wird einigermaßen enttäuscht. Statt dessen wird der geizige Scrooge auf heutige GmbH-Verhältnisse getrimmt und (wie das Original) von Geistwesen auf lehrreiche Zeitreise mitgenommen. Doch hier soll er im finalen, globalen Schnelldurchgang sinngemäß lernen, dass man Geld nicht essen kann und dass wir die Erde von unseren Kindern nur geborgt haben. Klingt ausgelutscht? Wohl wahr! Tatsächlich läuft hier schließlich alles auf herzlich gut gemeinte Öko-Appelle hinaus. Nun ja.

Warum für diese Zeigefinger-Prosa gleich fünf (!) Übersetzerinnen ‚ran mussten, ist unerfindlich. War es etwa eine Gruppenübung im Rahmen eines Förderprogramms?

Margaret Atwood: „Payback. Schulden und die Schattenseiten des Wohlstands.” Berlin Verlag. 265 S., 18 €.




Wie die USA vor 50 Jahren waren – Jetzt in der Werkausgabe: „Amerikafahrt“ des Schriftstellers Wolfgang Koeppen

Da ist einer soeben in New York angekommen und schreibt: „Schon sah ich einen Wolkenkratzer brennen, den Broadway lohen, schon las ich die Schlagzeilen auf allen Zeitungen der Welt. Gewaltige Katastrophen schienen hier in der Luft zu liegen.”

Wann ist das gewesen? Kurz vor oder nach dem 11. September 2001? Weit gefehlt. Es war im Frühjahr 1958. Da hat jemand latente Gefahren gewittert, die in jener Mega-Stadt vielleicht von jeher in der Luft gelegen haben. Der Mann hieß Wolfgang Koeppen und zählte zu den wichtigsten deutschen Schriftstellern nach dem Krieg.

Es ist ungemein spannend, jetzt – im Rahmen der höchst verdienstvollen Werkausgabe – wieder zu lesen, was Koeppen damals auf seinen Wegen kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten bewegt hat.

Koeppen lässt eindeutige Vorlieben erkennen: San Francisco und Boston erscheinen ihm wie nahezu himmlische Orte, Salt Lake City und New Orleans hingegen als öde, überhitzte Höllenbezirke auf Erden. Die Fegefeuer der aus Faszination und Furcht gemischten Gefühle brennen in Washington, Texas und Los Angeles. Doch New York ist in jeder Hinsicht ein herausragender Sonderfall.

Mit dem soliden Halbwissen darüber, was mittlerweile aus den USA geworden ist, staunt man als Leser, wie Koeppen offenkundig schon manche Essenzen des Kommenden herausgefiltert hat – schlichtweg durch geduldig teilnehmendes, im besten Sinne subjektiv getöntes Beobachten. Historisch geschärftes Bewusstsein und die Wachhheit eines klugen, hochsensiblen Zeitgenossen vereinen sich hier zur vertrauenswürdigen Zeugenschaft.

Gewiss, man spürt den geschichtlichen Abstand. Gerade das macht einen weiteren Reiz dieses Buches aus. Koeppen spricht durchweg noch – wie damals allgemein üblich – von „Negern”, wenn er Menschen meint, die wir heute politisch korrekt Afro-Amerikaner nennen. Aber: Er begibt sich (anders als damals die allermeisten Weißen) in die Wohnviertel und Kneipen der Farbigen, benennt Symptome und Formen der täglichen Unterdrückung.

Überhaupt nimmt Koeppen Vorgänge wahr, die tiefer reichen und länger währen als kurzatmige Aufregungen der Tagespolitik. Er ist durchaus zur Bewunderung bereit: Beispielsweise preist er die aus vitaler Vielfalt erwachsende, fortwährende Kraft zur Selbsterneuerung, die die Staaten ja jüngst wieder bewiesen haben. Weiterer Befund: In den USA könne sich jederzeit Geld in Geist verwandeln – allerdings auch umgekehrt …

Die Dominanz von Auto und Fernsehen entgeht Koeppen natürlich nicht. Schon 1958 gibt es dort eine TV-Show, die ihm geradezu brutal vorkommt: „Sie waren Leute aus dem Publikum und wurden auf eine Art Thron gesetzt. Dann traten Komiker vor sie hin, freche, mit allen Hunden gehetzte Kerle, die darauf aus waren, die Personen zum Lachen zu bringen.” Und wehe, wenn nicht! – Mal gespannt, welcher Privatsender diese Idee bald aufgreift.

Zielgenau charakterisiert Koeppen die gravierenden Unterschiede zu Europa, seien sie nun klimatischer oder mentalitätsgeschichtlicher Art. Er hat gar eine spezifisch amerikanische Form menschlicher Einsamkeit entdeckt, die er so bildhaft beschreibt, dass sie geradezu als landschaftlich umrissenes Phänomen greifbar wird. Überhaupt sieht man unentwegt imaginäre Fotografien oder Kinobilder vor sich, wenn man diese famosen Reise-Impressionen liest. Koeppens Stil animiert die Einbildungskraft. Kein Zweifel: große Literatur!

Wolfgang Koeppen: „Amerikafahrt und andere Reisen in die Neue Welt”, Suhrkamp-Verlag, Werkausgabe in 16 Bänden (Band 9), 333 Seiten, 34,80 Euro.

__________________________________________

ZUR PERSON

  • Wolfgang Koeppen wird am 23. Juni 1906 in Greifswald geboren.
  • Unstetes Leben in der Weimarer Republik. Jobs als Platzanweiser, Eisverkäufer, Schiffskoch. Umzug nach Berlin, erste Publikationen.
  • 1934 Romandebüt mit „Eine unglückliche Liebe”.
  • Koeppen verfasst ab 1938 Drehbücher für die Ufa.
  • Ab 1946 Beziehung und später Ehe mit Marion, die zunehmend unter Alkoholismus leidet. Ihr Briefwechsel erschien Anfang 2008: „. . . trotz allem, so wie du bist”, Suhrkamp, 457 S., 32,80 €.
  • Wichtigste Romane: „Tauben im Gras” (1951) und „Das Treibhaus” (1954) über das damalige politische Bonn.
  • Die Reisen nach Russland, Amerika und Frankreich unternahm Koeppen in den 50er Jahren im Auftrag von Alfred Andersch, damals Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk.
  • Legendär sind Koeppens lang andauernde Schreibkrisen. Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld hatte sehr viel Geduld mit ihm und half stets mit Vorschüssen. Davon zeugt ebenfalls ein Briefwechsel.
  • Koeppen starb am 15. März 1996 in München.



Der ganze Wahnwitz in einem Buch – „Narratorium“ von Ulrich Holbein

Jetzt wollen wir’s aber wissen: Welches Buch hat in dieser Saison die größte thematische Spannweite? Welcher Band versammelt in hochkonzentrierter Form den meisten Wahnsinn?

Nun, da mag es einige Kandidaten geben, doch die reichhaltigste Fundgrube in beiderlei Hinsicht dürfte das „Narratorium” sein. Im Titel klingt Doppelsinn an: Es geht um schier unerschöpfliche Vorräte an Erzählstoff (also „narrative” Qualitäten), zugleich aber um Narretei und Besessenheit jeder denkbaren Sorte. Da steht nun der finstere Terrorfürst Osama bin Laden neben einem Fuzzi wie Dieter Bohlen, der erzpessimistische Denker E. M. Cioran neben der erotischen Tanzikone Josephine Baker, Jesus neben Hitler, Klaus Kinski neben Kafka, Joseph Beuys, Bhagwan, Rudolf Steiner, Janis Joplin oder Prinz Charles. Und so weiter. Gütiger Himmel, hilf!

255 Kapitel zum Kopfschütteln

Der enzyklopädisch belesene, allzeit scharfzüngige Autor Ulrich Holbein hat recherchiert wie ein Berserker. Er ist in Auswahl und Darstellung nicht zimperlich; er jagt echte Genies (z. B. den Romancier Jean Paul), Visionäre und halbwegs harmlose Apostel, doch auch Diktatoren und Mörder durchs Panoptikum.

Holbein hat ein radikal subjektives, verstörendes, höchst unterhaltsames Lexikon der „Verrückten” aus zweieinhalbtausend Jahren Menschheitsgeschichte zusammengetragen. Die meisten Gestalten haben tatsächlich gelebt, einige der Porträtierten sind fiktiv, haben aber das kollektive Bewusstsein geprägt. Man lernt hier bizarre Leute kennen, von denen man noch nie gehört hat. Und über die, von denen man schon etwas wusste, erfährt man oft noch Bestürzendes.

In rasanten, stark zugespitzten und süffig formulierten Porträts filtert Holbein die Essenz von 255 größtenteils irrwitzigen Lebensläufen, garniert mit typischen Zitaten und Selbsteinschätzungen der Beschriebenen. Da kommt man aus dem Kopfschütteln oft gar nicht mehr heraus. Religiös, aber auch weltlich Verzückte und Verirrte aller historisch verbrieften Zeiten betreten da die Bühne; ferner Schamanen und Sonderlinge, Weltverbesserer, Gurus, Exzentriker, Extremisten, Unholde, Verbrecher und überhaupt auffällige Gestalten jeder Schattierung.

Methoden zur „kunstgerechten Kreuzigung“

Wir greifen willkürlich ein Beispiel heraus: den irrlichternden Freigeist namens „Mynona” (alias Salomo Friedlaender), der von 1871 bis 1946 sein schrilles Wesen getrieben hat. Dieser Mann, den man mit Fug randständig nennen könnte und der doch auch etwas Genialisches hatte, dachte sich mit Akribie Methoden zur „kunstgerechten Kreuzigung” von Heilanden aus, schrieb Abhandlungen über die „Funktion der Milz auf der 3. transzendentalen Ebene” sowie „über Stimmbandverkümmerung in der Vagina von Hermaphroditen”. Seltsam genug.

Zudem focht „Mynona” leidenschaftlich für die Nichtverbesserung von Druckfehlern und verlangte im Laden stets „Toilettenpapier mit Trauerrand”. Genug, genug. Es ist nur ein Bruchteil seiner gehäuften Absonderlichkeiten. Jetzt rechnen Sie das mal auf 255 Lebensläufe hoch! Dass „Mynonas” Biographie in der NS-Zeit eine tief tragische Wendung nahm, verleiht der Darstellung – weit über kuriose Aspekte hinaus – historische Tiefenschärfe. Genau diese Einordnung in größere Zusammenhänge ist die Stärke des Buches. Ulrich Holbein ist ein Durchblicker sondergleichen – und klingt manchmal selbst ganz schön hochmütig. Geschenkt.

Glückliche Erschöpfung nach der Lektüre

Und der Nutzen? Wenn man das Buch gelesen hat, darf man glücklich erschöpft feststellen: Man hat gedanklich den ganzen Kreis dessen durchschritten, was Menschen anrichten können. Auch lernt man, mit welchen Ideen und Taten sich Menschen im Lauf der Zeiten verführen ließen. So erkennt man womöglich die Muster wieder und wappnet sich gegen böse Wiederholungen.

Diese ungeheure alphabetische Ansammlung erträgt man allerdings nur dosiert. Schon einzelne Lebensbilder strapazieren Toleranzbereitschaft und Vorstellungsvermögen, nötigen aber auch immer wieder ungläubiges Staunen ab über ungeahnte Grenzgänge des Lebens.

Wer man auch sei: Am Ende dieser aufregenden Lektüre kommt man sich selbst in aller Bescheidenheit wohl „fürchterlich normal” vor. Wenn das kein Zugewinn an höherer Weisheit ist!

Ulrich Holbein: „Narratorium”. 255 Lebensbilder. Ammann Verlag. 1008 S., 39,90 Euro.

(Der Autor Ulrich Holbein, Jahrgang 1953, lebt abseits vom großen Getriebe im hessischen Knüllwald. Bisherige Bücher von ihm hießen z. B. „Die vollbesetzte Bildungslücke”, „Ozeanische Sekunde”, „Das Schwein der Erkenntnis”, „Typologie der Berauschten”, „Weltverschönerung”).

Weitere Infos u. Debatte im Internet: http://www.narratorium.net




Ein Mann und acht Kinder – Günter Grass‘ neuer Band „Die Box“

Man kennt das von früher: Gelegentlich wurde man zu Dia-Abenden eingeladen – und die konnten sich arg hinziehen. Heute zeigt man Fotos gern auf dem Laptop, digital sind’s noch mehr als ehedem. Warum diese Einleitung? Weil uns Günter Grass jetzt gleichsam zum literarischen Diavortrag einlädt. Schier uferlos erzählt er dabei Anekdoten über seine vielen Kinder.

Um das Mindeste zu sagen: Acht Kinder mit vier Frauen stehen biographisch zu Buche, davon sechs „eigene” und zwei, die halt innig zur Patchwork-Familie hinzu gehören. Vielleicht, so lässt Grass in seinem neuen Buch „Die Box” durchblicken, gebe es ja irgendwo sogar noch weiteren Nachwuchs. „Mariechen”, der zierliche, ebenso mädchen- wie hexenhafte Hausgeist dieses Buches, fasst es in diese Worte: „Achachach. Son Kuddelmuddel.” Das alles ist freilich noch kein literarischer Potenzbeweis.

Die Zauber-Kamera sieht einfach alles

Der Nobelpreisträger greift diesmal keineswegs in düstere Kriegs-Vergangenheiten. Diese Debatten hat er offenbar gründlich satt. Er möchte statt dessen endlich einmal seine Kinder zu Wort kommen lassen, die einst wohl unter seinem steten Schaffensdrang gelitten haben. Zum Spielen hatte er jedenfalls keine Zeit, wie er eingesteht. Offenbar will er späte Abbitte leisten für etwaige Unbill, für Unordnung und frühes Leid. Dieser Impuls hat etwas Anrührendes. Wie jeder Mensch, so will eben auch Grass von den Seinen geliebt werden. Zudem ist es angenehm, dass der politisch oft volltönend selbstgerechte Autor sich diesmal fast völlig zügelt.

In welcher Form bringt Grass die Kinder zur Sprache? Nun, in neun Kapiteln treffen sich die Sprösslinge an wechselnden Orten, um an diversen Esstischen über frühere Zeiten (60er bis 90er Jahre) und ihren berühmten Vater zu reden. Da mithin alles im Sitzen geschieht, ist dem Buch von vornherein eine gewisse Statik eigen. Für etwas Bewegung sorgen nur einige der aufgetischten Erinnerungen. Ein Tonband läuft jedenfalls immer mit. So die Fiktion. Doch natürlich führt der Patriarch Günter Grass Regie.

So kommt es, dass eher milde Kritik an „Vatti” einfließt und keines der Kinder unverwechselbare Kontur gewinnt. Sie reden alleweil wild durcheinander – über Schulprobleme, kleine Nöte oder Vergehen von „damals”. Kommt in den besten Familien vor. Nebenher läuft Zeitgeschichte bis nach dem Mauerfall mit. Als Leitlinie dienen Vaters Bücher seit den „Hundejahren”.

Das Stilmittel der vielfach mittendrin abgebrochenen Sätze wirkt penetrant. Überdies hat sich Grass eine recht erkünstelte „Jugendsprache” ausgedacht. Die mittlerweile längst erwachsenen Kinder-Figuren dürfen hier getrost schon mal für Papa Partei ergreifen, etwa so: „ . . . wie er das jedesmal hingekriegt hat: ein Bestseller nach dem anderen, gleich was die Zeitungsfritzen darüber zu meckern hatten.”

Was aber besagt die Titel gebende „Box”? Es handelt sich um eine alte Afga-Kamera, mit der „Mariechen” (Vorbild: Grass‘ 1997 verstorbene Haus- und Hoffotografin Maria Rama, der das Buch gewidmet ist) das wirre Familienleben über Jahrzehnte begleitet hat. Der Clou: Ihr Apparat kann zauberisch in Zukunft und Vergangenheit blicken, woraus sich etliche Dunkelkammer-Phantasien zwischen Hoffnung und Ängsten ergeben. Doch auch dieses Motiv, das schriftstellerische Fabulierlust aufruft, wird etwas über Gebühr strapaziert.

Wie bei einem liebenswert umständlich präsentierten Dia-Abend vernimmt man also die familiären Erinnerungen. In den besten Momenten findet Grass zu einer ungeahnten Leichtigkeit; beispielsweise, wenn er auf seine allzeit „starken Frauen” und seinen Mutterkomplex zu sprechen kommt. Doch, ach, wie viel stockender Redefluss bis zu solchen Inseln!

_________________________________________________

INFO

  • Günter Grass: „Die Box”. Steidl Verlag, Göttingen. 215 Seiten, 18 Euro.
  • Am 29. August ist der offizielle Erscheinungstag. Allerdings liegt der Band bereits seit Tagen im Buchhandel vor.
  • Unbewiesene Vermutung: Der Steidl Verlag habe diese Strategie bewusst gewählt, um gleich zu den Lesern zu gelangen – ohne den „lästigen Umweg” über die Rezensenten.
  • Die heftige Kritik am Vorgänger-Buch „Beim Häuten der Zwiebel” (mit Grass‘ allzu spätem SS-Eingeständnis) mag dabei eine Rolle gespielt haben.



Ringelnatz: Witz kann Wunder wirken – zum 125. Geburtstag des Dichters

Wer seine Verlobte „Maulwurf“ und seine Frau „Muschelkalk“ nennt, der muss doch wohl ein lustiger Vogel sein. Stimmt: Der Mann hieß Hans Bötticher und gab sich 1919 den ungleich bekannteren Künstlernamen Joachim Ringelnatz. Doch schierer Witz ist nicht die einzige Zierde des Dichters gewesen, der heute vor 125 Jahren in Würzen bei Leipzig geboren wurde.

Seine berühmtesten Verse sind ins literarische Volksvermögen geflossen. Sie bilden ein unverzichtbares Bindeglied so ungefähr zwischen Wilhelm Busch, Christian Morgenstern, Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Heinz Erhardt und Robert Gernhardt. Ringelnatz steht also in der hochkomischen Tradition, welche die Deutschen zuweilen so bitter nötig hatten und die sich immer noch am schönsten in Reime ergießt. Mit der heute gängigen Comedy für eine übersättigte Spaßgesellschaft hat das herzlich wenig zu tun.

Auf so manche skurrilen Ideen, auf so manches kleine „Nebenbei“, das Ringelnatz anflog, muss man erst einmal kommen. Da fuhren Braten und Spiegelei bedeutsame Gespräche in Topf und Pfanne. Da werden Ameisen auf Australienreise geschickt, und eine männliche Briefmarke (ein zackiger „Briefmark“) sehnt sich nach einer Prinzessin. Wie sinnig: Die Deutsche Post bringt dieser Tage eine Sondermarke heraus, die sich auf besagtes Gedicht bezieht.

Ringelnatz selbst, beileibe nicht nur Komiker, sondern auch praktizierender Melancholiker (und Alkoholiker), muss eine groteske Figur gewesen sein. Klein von Wuchs, krumme Beine, ellenlange Nase. „Etwas schief ins Leben gebaut“, so hat er sich selbst gesehen. Noch schräger wurde sein Lebenslauf, nachdem er des Gymnasiums verwiesen wurde. Grund: Er hatte vor dem Lehrer mit einem Pausenausflug zur Völkerschau geprahlt, wo ihn eine Samoanerin tätowiert hatte. Unerhört! In einem späteren Zeugnis stand das Prädikat „Schulrüpel ersten Ranges“.

Die Jobs, mit denen er sich notdürftig am Leben hielt und seinen Schnaps bezahlte, sind zahlreich: Er fuhr unter übelsten Bedingungen als Matrose zur See, liebte jedoch zeitlebens das Meer und schuf die versoffene Seemannsgestalt „Kuttel Daddeldu“. Er war Buchhalter, Privatbibliothekar und betrieb einer Tabakladen, der rasch pleite ging. Zeitweise verdingte er sich als Schaufensterdekorateur, Schlangenbändiger und gar (in Frauenkleidern) als „Wahrsagerin“ im Bordell: Harte, bizarre Schulen des Lebens. In seinen Erzählungen wimmelt es von unglaublichen Zufällen, die ganze Biographien bestimmen.

Viele Jahre zog er als „reisender Artist“ und hintersinniger Vortragskünstler umher. Auch im legendären Schwabinger Künstlerlokal „Simplicissimus“ („Simpl“) trat er auf, von da an leuchtete sein Stern erst richtig hell und grell. Was gäbe man drum, wäre man bei solcher Gelegenheit dabei gewesen.

Milieu zwischen Kneipe und Bordell

Ringelnatz-Zeilen schmecken häufig nach „Milieu“, nach (Hafen)-Kaschemme, Boxbude, Bordstein und Bordell – bevor ein Bert Brecht solche Zutaten mit revoltierendem Gehabe anrichtete.

Doch Ringelnatz war äußerst zartsinnig und sponn feinste Sprachfäden. Folgt man einer Charakterisierung Erich Kästners, so wird bei Ringelnatz noch das Banalaste zum kleinen Wunder. Dieser Mann besaß zwangsläufig Bodenhaftung, doch mit wenigen Worten konnte er auch ganz sanft und federleicht zu herrlichstem Phantasieflug abheben. Das ist nicht zuletzt etwas für Kinder, die mit offenem Munde staunen wollen.

Der ungemein produktive Dichter (20 Bände von 1910 bis 1934) war auch ein sehr begabter Zeichner; ein Doppeltalent, wie es so manchen Großkomiker auszeichnet.

Dass ihn die Nazis verfemten und ihm Auftritte verboten, verwundert nicht. Sie konnten weder seine Wirklichkeit noch seine Leichtigkeit verstehen.

Ringelnatz hat jene finsteren Zeiten nicht lange ertragen müssen. Das „herzbetrunkene Kind“ (Selbstbeschreibung) starb am 17. November 1934 in Berlin an Tuberkulose. Seine Grabplatte ist aus – Muschelkalk.

______________________________________________

  • Ringelnatz-Verse:

„In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaus¬see
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da ver¬zichteten sie weise
Denn auf den zweiten Teil der Reise …“

***

„Ein männlicher Briefmark erlebte
Was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin be¬leckt.
Da war die Liebe in ihm erweckt.

Er wollte sie wiederküssen,
Da hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens.
Das ist die Tragik des Lebens!“

***

„War einmal ein Bumerang,
War ein weniges zu lang,
Bumerang flog ein Stück,
Aber kam nicht mehr zurück.
Publikum – noch stundenlang –
Wartete auf Bumerang.“

Buch: „Sämtliche Gedichte und Erzählungen“. Zwei Bände. Diogenes Verlag, zus. 1280 Seiten, 29,90 €.

(Der Beitrag stand am 7. August 2008 in der „Westfälischen Rundschau“)




Westfalen – das Land der wenigen Dichter

Seien wir ehrlich: Eine literarische Traditionslandschaft von hohem Rang ist Westfalen leider nicht. Zum Vergleich: Schwaben kann mit Wieland, Schiller, Hölderlin, Mörike, Hegel und etlichen anderen prunken – und wen haben „wir”?

Seit kurzem gibt es eine neue, umfangreiche Internetseite zur westfälischen Literatur – und selbst da muss man sehr intensiv suchen, um aufs Feld ganz großer Dichtung zu gelangen. Über 2000 Autoren sind verzeichnet, doch selbst Fachleute dürften die allermeisten kaum kennen.

Vielleicht liegt’s, wie Goethe gesagt hätte, am Fehlen von „Basalten und Schlössern”. In klassischen Zeiten blühte die Literatur vor allem im Umfeld des Adels. Westfälische Autorenschaft entwickelte sich hingegen vor allem in Kirchen- und Juristen-Kreisen. Vielfach lief es freilich auf Heimatdichtung mit engerem Horizont hinaus. Nach der Industrialisierung kamen entschieden linke Positionen hinzu – bis zum zeitweise wirksamen Dortmunder Werkkreis Literatur der Arbeitswelt (ab 1961).

Ein Kritiker, ein
Sozialist und ein
erschlagener Bischof

Doch in der NS-Zeit neigten manche Schriftsteller auch zu schrecklichen Blut- und Boden-Ergüssen; allen voran Josefa Berens-Totenohl, die in Meschede-Grevenstein aufwuchs.

Es ist lehrreich, auf www. literaturportal-westfalen.de die Funktion „Schauplätze” aufzurufen. Hier kann man – Ort für Ort – erfahren, wo Autoren gelebt und wo Dichtungen gespielt haben. Beispiele:

In Altena wurde 1893 Friedhelm Sieburg geboren, der als „Großkritiker” der FAZ von sich reden machte. Er war sozusagen der Reich-Ranicki der 50er und frühen 60er Jahre.

Der Romantiker Karl Leberecht Immermann hat sich über Arnsberg so geäußert: „…die Gegend um Arnsberg ist die schönste, die ich je gesehen habe…” Später wurde vor allem der von hier stammende Sozialist Wilhelm Hasenclever (1837-1889) bekannt, der für die Rechte der Arbeiter kämpfte und schrieb.

Dortmund könnte sich rühmen, dass der kürzlich verstorbene Peter Rühmkorf 1929 hier geboren wurde. Doch der große Lyriker wurde Hamburger aus Passion. Immerhin: Der Dadaist Richard Huelsenbeck (1892-1974) hat in Dortmund seine Jugend verbracht und liegt hier begraben. Nicht zu vergessen Max von der Grün („Irrlicht und Feuer”), Inbegriff engagierter Arbeiterdichtung in der Nachkriegszeit.

In Gevelsberg haben keine großen Autoren gelebt, aber hier wurde anno 1225 Engelbert I. (Kölner Erzbischof) durch den Grafen Friedrich von Isenburg ermordet. Dieser ungeheuerliche Vorfall war ein nachwirkendes literarisches Motiv – für den mittelhochdeutschen Dichter Walther von der Vogelweide wie für die Vorzeige-Westfälin Annette von Droste-Hülshoff.

Größter literarischer Sohn von Hagen war der Lyriker Ernst Meister (geboren 1911 in Haspe, gestorben 1979 in Hagen), eine prägende Gestalt deutscher Dichtung.

Das doch recht kleine Hilchenbach wächst auf der literarischen Landkarte zur veritablen Größe heran – wegen Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817). Goethe war es, der (nach einem Treffen in Elberfeld) ein Manuskript von Jung-Stilling unter dem Titel „Heinrich Stillings Jugend” herausbrachte. Der Hilchenbacher beschreibt darin das einfache, schlichte Leben Siegerländer Bauern, Eisenschmelzer und Schmiede.

Auf Schloss Cappenberg, wo der preußische Reformer Freiherr vom Stein lebte, fand sich häufig der romantisch-patriotische Dichter Ernst Moritz Arndt ein. Zudem spielt eine Ballade von Annette von Droste-Hülshoff („Die Stiftung Cappenbergs”) dort.

Unna steht in den literarischen Annalen wegen Philipp Nicolai (1556-1608), der hier ein paar Jahre Stadtpfarrer war und berühmte Kirchenlieder wie „Wachet auf, ruft uns die Stimme” schuf. Vor allem aber verdankt Unna Heinrich Heine einigen Ruhm. In „Deutschland. Ein Wintermärchen” (1841) fügte Heine die unsterblichen Zeilen: „Dicht hinter Hagen ward es Nacht . . . / Ich konnte mich erst / Zu Unna im Wirtshaus erwärmen . . .”

Einem Studiengenossen aus Westfalen schrieb Heine Verse ins Stammbuch, die auf ein literarisches Defizit der Region hindeuten könnten:

„Mein Fritz lebt im Vaterland der Schinken, / Im Zauberland, wo Schweinebohnen blühen, / Im dunklen Ofen Pumpernickel glühen, / Wo Dichtergeist erlahmt und Verse hinken . . .”

__________________________________________________

INFO:

  • http://www.literaturportal-westfalen.de/
  • Der Netz-Auftritt steht unter Regie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und wurde maßgeblich von der Stiftung Westfalen-Initiative finanziert.
  • Angeblich gibt es für keine andere deutsche Region eine ähnliche Netz-Präsenz.
  • Man kann auf einer Zeitleiste suchen, aber auch nach Autoren- oder Orts-Alphabet („Schauplätze”).
  • Außerdem lässt sich nach Verlagen, Archiven usw. fahnden.
  • Anmerkung: Münsterland, Bielefeld/Ostwestfalen und Lippe-Detmold fallen in diesem Beitrag unter den Tisch. Einfach mal so.



Briefwechsel Bachmann/Celan: Dunkle Leidensgründe

Ich habe eine bedrückende Lektüre hinter mir, die dennoch (oder: gerade deswegen) einen eigenartigen Sog ausübt und mich weiter beschäftigen wird. Der demnächst neu erscheinende Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan ist nichts anderes als qualvoll – und doch nachdrücklich empfehlenswert.

Wie die beiden doch so Sprachmächtigen einander mit ausgesuchtesten, abgewogensten Worten umschlichen haben! Sie konnten (wenigstens brieflich) offenbar nie rundheraus sagen, worum es ihnen wirklich ging. Noch prekärer wurde die Situation dadurch, dass Celan in Paris Frau und Kind hatte. Und ab 1958 lebte Ingeborg Bachmann mit Max Frisch in allzeit problematischer Beziehung. Lauter Störgeräusche.

Zwischen den beiden Briefschreibern türmte sich Rücksichtnahme auf tausenderlei Empfindlichkeiten auf. Das heißt: Vor allem die Bachmann fühlte sich hier in der Bringschuld – vielleicht damals (die Briefe stammen wesentlich aus den Jahren 1948 bis 1961) eine typische Frauenhaltung.

Doch Celan war, aus dunkelsten Leidensgründen, wohl einer, dem auf Erden nicht mehr zu helfen war; auch nicht durch die allergrößte Einfühlung, die man Ingeborg Bachmann wohl attestieren darf. Diese vergebliche Liebesmühe hält man auch als Leser nur dosiert aus.

Vielleicht hätte das eine ganz große Liebe werden können. Doch die höchst unterschiedliche Herkunft, die abgründig verschiedenen Erfahrungen haben es verhindert. Sie war die Tochter eines österreichischen NSDAP-Mitglieds, er ein lange Zeit staatenloser Jude deutscher Sprache aus Czernowitz. Es war und blieb eine Liebe im Schatten von Auschwitz.

Veritable Besprechungen des Buches sollen bis zum 18. August zurückgehalten werden. So bittet der Suhrkamp-Verlag, der den Briefwechsel dann unter dem Titel „Herzzeit“ herausbringt. Deshalb lasse ich’s hiermit gut sein. Aber es liegt mir am Herzen und auf der Seele.

Links zu Leben und Werk der beiden Autoren:

http://www.ingeborg-bachmann-forum.de/
http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Celan




Kafkas Ängste sind noch wach

Klingt nach unerbittlichem Anspruch: „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer ins uns.” Den Satz hat Franz Kafka geschrieben. War der Schriftsteller, der am 3. Juli vor 125 Jahren in Prag geboren wurde, nur schwierig und lebensfern? Aber warum wird er bis heute weltweit gelesen und zitiert? Warum wirkt er so zeitlos wie sonst wohl keiner aus seiner Epoche?

Probleme und Personal eines Thomas Mann scheinen uns vergleichsweise weit entrückt, sie betreffen in erster Linie das Bürgertum von damals. Kafka (1883-1924) hingegen hat, wie niemand zuvor und niemand seither, die anonymen, ungreifbaren Mächte im modernen Leben beschrieben. Wahrlich: Die Lektüre seiner Romane „Das Schloß” und „Der Prozeß” oder einer Erzählung wie „Die Verwandlung” (deren Hauptfigur Gregor Samsa sich in einen Käfer verwandelt) kann Alpträume nach sich ziehen. Die Ängste vor einer „kafkaesken” Welt haben sich keineswegs erledigt.

Die Rätsel wurzeln
in der Wirklichkeit

Man zieht sein Werk nicht ins Profane hinab, wenn man feststellt: Manches in Politik und Wirtschaft trägt jene surrealen Merkmale, die Kafka beschworen hat: allfällige Tendenzen zur Überwachung, das Mysterium gewisser Weltmarktpreise, das Gefühl des Ausgeliefertseins an namenlose Mechanismen. Von den Zuständen in Diktaturen jeder Sorte ganz zu schweigen. Kafka hat solche globalen Grundmuster gültig gezeichnet. Aber es ist in jeder Faser pure Literatur, niemals politische Stellungnahme.

Seine Texte sind bewusst rätselhaft und mehrdeutig gehalten, doch sie wurzeln in wirklichen Verhältnissen. Überaus klar ist zudem Kafkas Sprache. Von allem Zierat befreit, ruft sie in raffinierter Einfachheit den ewigen Schrecken des Menschen auf, hilf- und schutzlos zu bleiben, die ungeheuerliche Welt nicht mehr zu begreifen. „Einer muß wachen. Einer muß da sein”, heißt noch so ein markantes Zitat des Mannes, der in einsamen Nächten so besessen geschrieben hat, als hätte er geahnt, dass er mit 40 Jahren an den Folgen einer Tuberkulose sterben würde.

Der Alltag war Kafka nicht fremd. Täglich von 8 bis 14 Uhr arbeitete der Jurist bei einer halbstaatlichen Unfallversicherung und setzte sich für gesundere Arbeitsbedingungen in den Fabriken ein.

Das Leiden unter
dem Brotberuf

Unter dem Brotberuf, der ihn am Schreiben hinderte, hat er freilich arg gelitten: „Vielleicht werde ich von den Fingerspitzen aufwärts allmählich zu Holz”, schrieb er verzweifelt. Erst die „letzte Arbeitsminute” sei das „Sprungbrett der Lustigkeit”. Denkbar, dass der eine oder andere Bürojobber diesen Ausspruch nachvollziehen kann. Auch einen lakonischen Lieblingsspruch aller Cineasten hat Kafka formuliert: „Im Kino gewesen. Geweint.” Mehr muss man häufig nicht sagen.

Keiner kann wissen, „wie es sich angefühlt hat, Kafka zu sein”. Das hat sein Biograph Reiner Stach, der sich seit vielen, vielen Jahren eingehend mit dem Autor befasst, jüngst wieder betont. Man mag noch so viele Details über Kafkas notorische Entschlussschwäche, sein asketisches, kränkelndes Dasein, sein prekäres Verhältnis zum Vater oder seinen offenbar neurotischen Umgang mit Frauen zutage fördern: All das besagt recht wenig für die Deutung des Werks. Auch hilft es nichts zu erfahren, dass dieser Kafka zuweilen auch herzlich albern sein konnte. Ja, und?

Geradezu bizarr mutet an, das in einem neuen Buch rund 30 Seiten der läppischen Frage gewidmet werden, wie Kafkas Weg ins Büro ausgesehen hat. Wohlgemerkt: Hin- und Rückweg werden dabei gesondert abgehandelt. Sonderbare Auswüchse.

Ungeklärt ist auch Kafkas Blick auf die Nachwelt. Seinem Freund Max Brod hatte er aufgetragen, all seine Manuskripte zu vernichten. Brod hat sich gottlob nicht daran gehalten. Genau das habe Kafka geahnt, heißt es.

INFOS:

Franz Kafkas Werke liegen im S. Fischer Verlag vor.

Biographien:

Reiner Stach: „Kafka. Die Jahre der Erkenntnis” (S. Fischer Verlag, 729 S., 29,90 €). Der erste Band „Die Jahre der Entscheidungen” erschien 2002.

Louis Begley: „Die ungeheure Welt, die ich im Kopf habe” (DVA, 335 S., 19,95 €).

Klaus Wagenbach: „Franz Kafka.” (Wagenbach Verlag, 256 S., 39 €).

Hartmut Binder: „Kafkas Welt” (Rowohlt Verlag, 688 S., 68 €).




Der Ball muss ins Buch – Lektüre zur EM

Zur Fußball-EM darf’s passende Lektüre sein. Auf dem Tisch liegt ein Stapel mit Neuerscheinungen. Das Spektrum reicht sozusagen vom Grottenkick bis zum legendären Match. Also hinein ins Strafraum-Getümmel, wo zunächst keine Treffer fallen – aber dann!

„Unsere Jungs” (Chronik Verlag, 198 S. Bildbandformat, 29,95 Euro) klingt schon im Titel ebenso kreuzbrav wie ‚ranschmeißerisch. Tatsächlich ist der DFB federführend an diesem Buch über 100 Jahre deutsche Länderspiele beteiligt. Der noch einfallslosere Untertitel („Tore, Titel, Triumphe” – fehlen nur noch die Tränen) gibt die Richtung vor: aufgewärmte Begeisterung aus dem Archiv, gedrucktes Ballgeschiebe.

Nicht viel trickreicher kommt das Mini-Buch „Fußball – Deutsch / Deutsch – Fußball” (Langenscheidt, 130 S., 5 Euro) daher. Männer, Frauen, Ärzte und Chefs wurden in der Erfolgsreihe schon sprachlich aufgegabelt. Bestenfalls Lektüre für Minuten: enorm kleinteilige Texte, immer hübsch bunt unterlegt und mit Promi (hier: Gerhard Delling) garniert. Irgendwie launig, aber nicht wirklich lustig. Leser und Fans werden klar unterfordert.

Monströs mutet das „Praxiswörterbuch Fußball” (Langenscheidt, 523 S., 16,95 Euro) an, in dem rund 5200 (!) Fachbegriffe auf Deutsch, Englisch und Französisch stehen. Wahrscheinlich ist es der ideale Lesestoff für international tätige Spieler, Schiris, Trainer – und ärztliche Betreuer. Schon gewusst, wie man Kreuzbandriss übersetzt? Bitte sehr: „cruciate ligament rupture” (engl.) und „rupture du ligament croisé” (frz.). Wer weiß, wann man’s braucht.

Pure Zahlen- und Faktenhuberei beschert „Deutschlands Fußball. Das Lexikon” (Herbig-Taschenbuch, 828 S., 20 Euro) mit 14 500 Einträgen und beigelegter CD-Rom (1400 Fotos). Von den zahllosen Pfeilen, die jeweils auf andere Stichworte verweisen, kann einem schwindlig werden. Gewiss nichts zum Schmökern, sondern höchstens zum Nachschlagen und Rechtbehalten bei Wetten.

Der österreichische Autor Franzobel sondiert in „Franzobels großer Fußballtest” (Picus Verlag, 240 S., 16,90 Euro) vor allem die Mentalität der gastgebenden EM-Nationen Österreich und Schweiz. Etwas speziell, aber bitteschön. Er tippt übrigens auf Italien, Spanien oder Frankreich und hofft auf Holland. Unentschlossener Hallodri!

Jetzt kommt der erste literarische Lattenkracher. Thomas Brussig (zuletzt bei „Berliner Orgie” in Rotlicht-Bezirken unterwegs) stimmt in „Schiedsrichter fertig” (Residenz Verlag, 92 S., 12,90 Euro) eine lange, absatzlose Klage-Litanei an: Der Schiri erscheint als bedauernswertes Neutrum in einer fanatisierten Welt, immerzu von lügnerischen Spielern bedrängt und oft gnadenlos ausgepfiffen. Ein Bild des Jammers.

„Titelkampf” (Suhrkamp Taschenbuch, 284 S., 8,90 Euro) heißt der Band, den die ebenso sprach- wie ballsichere Deutsche Autoren-Nationalmannschaft (so ‚was gibt’s! Moritz Rinke und Albert Ostermaier sind die „Stars”) beisteuert. Die gesammelten Geschichten und Gedichte schürfen oft erstaunlich tief und zeichnen prägnante Charakterbilder von Spielertypen und Fans. Willkürliches Reim-Beispiel: „Auf eines starken Bussards Flügeln / die Italiener niederbügeln.” Hoho! Das müssen die Holländer gelesen haben.

Als Nabokov und
Handke über
Torhüter schrieben

Hinterm nostalgischen Seufzer „Früher waren mehr Tore” (Diogenes-Taschenbuch, 302 S., 9,90 Euro) steckt eine erlesene Sammlung klassischer Stories und Buch-Auszüge – oft von ganz illustren Autoren. Vladimir Nabokov und Peter Handke haben z. B. über Torhüter geschrieben. Selbst Friedrich Dürrenmatt und Jaroslav Hasek („Schwejk”) kamen literarisch nicht am Leder vorbei. Ein Buch wie ein Sonntagsschuss. Die Vorentscheidung!

Den Siegtreffer per Fallrückzieher markiert freilich der unvergleichliche Ror Wolf, dessen gesammelte Fußball-Texte in neuer Ausgabe vorliegen: „Das nächste Spiel ist immer das schwerste” (Verlag Schöffling & Co., 300 S., 19,90 Euro). In langjähriger, besessener Feinarbeit (die er, gleichsam aus Selbstschutz, um 1982 abgebrochen hat) ist dieser Autor tief in die Mechanik der fußballerisch angetriebenen Sprach-Maschinerie eingedrungen. Collagen aus Reporter-Jargon und Fan-Gerede bringen das ganze Metier zur Kenntlichkeit. Großer Sport!

_____________________________________________

WEITERE EMPFEHLUNGEN

Nick Hornby: „Fever Pitch – Ballfieber” (Kiepenheuer & Witsch, 335 S., 9,95 Euro). Fiktives Tagebuch eines Fans (FC Arsenal London). Fußball als harte Schule des Lebens. Hornby gilt seither als Kultautor.

Tim Parks: „Eine Saison mit Verona” (Goldmann-Taschenbuch, 520 S., 9,90 Euro). Italienische Ball- und Seelenkunde.

Theo Pointners Fußball-Krimis im Dortmunder Grafit-Verlag: „Rechts-Außen” (8,90 Euro) und „Tore, Punkte, Doppelmord” (8,40 Euro).

Martin Arnold (Hrsg.): „Abenteuer Fußball. Auf den Bolzplätzen dieser Welt” (Verlag Die Werkstatt, 224 S., 19,80 Euro). Reise zu exotischen Spielfeldern der Erde. Spannende Sozialstudie in Zeiten der Globalisierung.

Dietrich Schulze-Marmeling: „Holt euch das Spiel zurück. Fans und Fußball” (Verlag Die Werkstatt, 271 S. – vergriffen; übers Internet antiquarisch erhältlich). Erhellende Perspektive „von unten”. Vom selben Autor gibt’s Vereins-Historien, etwa über Borussia Dortmund.

Christoph Biermann: „Fast alles über Fußball” (Kiepenheuer & Witsch, 200 S., 9,95 Euro). Fleißig gesammelt: Komisches und Kurioses beim Kick.

F. C. Delius: „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde” (Rowohlt-Taschenbuch, 128 S., 6,90 Euro). Roman rund ums 1954er „Wunder von Bern” – aus Kinderperspektive erzählt.

Siobhan Curham: „Club der Fußballwitwen” (Droemer/Knaur, 8,90 Euro). Frauen nehmen Rache an Gefährten, die sich nur noch für Fußball interessieren. Gemein!




Zum Tod von Peter Rühmkorf: Hochseilartist der Sprache

Welch eine betrübliche Nachricht! Peter Rühmkorf ist tot, der wohl vielseitigste und wortmächtigste Gegenwarts-Lyriker deutscher Sprache. Man hat bang damit rechnen müssen, denn der 78-Jährige war seit längerer Zeit schwer krebskrank. In seinem letzten Lyrikband „Paradiesvogelschiß” hat er davon bewegendes Zeugnis abgelegt.

Zuletzt schrieb er von Angst getrieben, dass er dieses und weitere Werke nicht mehr werde vollenden können. Aus seinem geliebten Hamburg hatte sich der gebürtige Dortmunder bereits ins Lauenburgische Land zurückgezogen – fernab vom Lärm und Streit der Welt, dem der couragierte Mann nie ausgewichen war.

Just gestern hatte ihm die Stadt Kassel noch den „Literaturpreis für grotesken Humor” zugesprochen, der ihm nun posthum verliehen wird. Einer der früheren Preisträger war Robert Gernhardt gewesen, mit dem Rühmkorf eine enge Freundschaft und die unbändige Freude am Spiel mit der Sprache verband.

Entschieden links,
aber nie fanatisch

Rühmkorf war ein eminent politischer Kopf, ein ausgemachter Linker. Als Lektor beim Rowohlt-Verlag (ab 1958) mischte er kräftig im literarischen Betrieb mit. Legendär auch seine frühe Zeit beim einstigen Studentenkurier „Konkret”, wo er es auch mit dem späteren „Spiegel”-Chefredakteur Stefan Aust und der nachmaligen RAF-Terroristin Ulrike Meinhof zu tun bekam. Gerade selbstherrlich radikale, gewaltsame „Lösungen” waren Peter Rühmkorf jedoch zuwider. Und überhaupt: Die Literatur sollte nach seinem Verständnis nicht von Politik überwuchert werden.

In wenigen funkelnden Zeilen konnte er zuweilen das vermeintlich Niedrigste und das Höchste zusammenbringen – edelsten Wortklang und gewöhnlichsten Alltag. An solchen Bruchlinien bewegte er sich mit scharfer Intelligenz und mit einem ungeheuer differenzierten Wortschatz. Virtuos wie sonst keiner mehr, experimentierte er mit Versmaßen, Rhythmen und Reimformen. Ein ganz und gar staunenswerter Hochseilartist der Sprache.

Intensiv hat sich Rühmkorf mit der literarischen Tradition auseinandergesetzt – beginnend mit den Wurzeln in den „Merseburger Zaubersprüchen” und bei Walther von der Vogelweide, weiter über Klopstock und Hölderlin, bis hin zu seinen „Hausgöttern” Heinrich Heine und Gottfried Benn. Fürwahr eine weite Spanne.

Seine Lyrikbände sollten eigentlich zur literarischen Grundausstattung gehören. Die Tagebücher sind eine reiche Quelle deutscher Nachkriegsgeschichte aus linker Nahansicht. Vorwiegend war’s eine schmerzliche Bilanz der Enttäuschungen, die einem dennoch Mut einflößte. Mit seinem bereits 1967 herausgebrachten Band „Über das Volksvermögen” hat Rühmkorf zudem eine breite Schneise für überlieferte Volkspoesie geschlagen. Gar vieles geriet da zu frech-fröhlichen Inspirationsquellen: ordinäre Toilettensprüche, Kinderreime, Abzählverse, Reklameslogans und deren Parodien. Rühmkorf hat gezeigt, welches Widerstands-Potenzial in derlei (vorher übersehenen) Texten schlummert.

In einem Interview mit der „Zeit” hat Rühmkorf im Frühjahr sein Krebs-Martyrium geschildert und gesagt: „Ich habe keine Angst vor dem Absprung in andere Welten.”

In seinem letzten Gedichtband steht freilich dieser ebenso lapidare wie eindringliche Appell „An den Tod”:

„Fort – fort, /
dies kann die Welt noch nicht gewesen /
und bumms zu Ende sein. /
All diese Bücher wolln ja noch gelesen /
und die Hosen aufgetragen sein.”

________________________________________________

Peter Rühmkorf wurde am 25. Oktober 1929 in Dortmund geboren, wuchs in Niedersachsen auf und lebte mit seiner Frau Eva (frühere Landesministerin in Schleswig-Holstein) bis vor einiger Zeit in seiner Wahlheimat Hamburg.

________________________________________________

Wichtige Buchtitel:

„Irdisches Vergnügen in g” (1959, Gedichte)

„Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich” (1975, Essays/Gedichte)

„Haltbar bis Ende 1999” (1979, Gedichte)

„Bleib erschütterbar und widersteh” (1984, Essays)

„Außer der Liebe nichts” (1986, Gedichte)

„Lass leuchten!” (1993, Erinnerungen/Gedichte)

„Tabu I” (1995, Tagebücher von 1989 bis 1991)

„Wenn – aber dann. Vorletzte Gedichte” (1999)

„Tabu II” (2004, Tagebücher von 1971 bis 1972)

„Paradiesvogelschiß” (2008, Gedichte)




Rühmkorfs „Paradiesvogelschiß“: Auf jedem Blatt ein goldener Spruch

Es gibt wohl keinen lebenden deutschen Lyriker, der an den gebürtigen Dortmunder Peter Rühmkorf (78) heranreicht. Der Mann gehört in die ganz großen Traditionslinien deutscher Dichtung; vielleicht gar auf die Höhen eines Heinrich Heine, auf den er sich immer wieder bezogen hat.

Jetzt ist der Gedichtband „Paradiesvogelschiß” erschienen. Rühmkorfs Gesundheitszustand, so hört man, sei sehr bedenklich. Er hat geglaubt, das Werk schon nicht mehr vollenden zu können. Der passionierte Hamburger, seit Jahrzehnten in der Hansestadt verwurzelt, hat sich mit seiner Frau in ein Reetdachhaus im Lauenburgischen zurückgezogen. Auch das ist ein Zeichen des Abschieds.

Die wunderbar klappernden Verse des einleitenden Gedichts „Paradiesvogelschiß” erinnern von fern her an Fontanes „Ribbeck von Ribbeck”. Sie besagen, dass manches, was man im Leben als „Mist” beklagt, sich irgendwann als Geschenk erweisen kann. In diesem Falle düngt der zunächst verhasste Vogelmist einen Baum mit zauberhaften Blättern, von denen man – alt und schwach geworden – Witz und Ideen pflückt: „Und genieß dich getrost als Beschenkten!”, heißt es am Schluss. Man spürt da ein abendliches Glänzen.

„. . . auf jedem Blatt steht ein goldener Spruch” – Diese Zeile dient zugleich als Überschrift für den folgenden Teil, der über die Hälfte des Buchs einnimmt. Er besteht vorwiegend aus Zwei- und Vierzeilern, die auf den Seiten wie versprengt aussehen. Oft reißen Gedanken unvermittelt ab. Eine Wort-Werkstatt, in der manche Silbe unbehauen liegen bleibt. Zudem finden sich Zitate, die von schwindenden Schreibkräften und Lebensgeistern künden: „Früher die ganze Flur / Dir zu Belieben, / fast eine Furche nur / ist dir geblieben.”

Schwundstufen auch ringsum: Rühmkorf schreibt mehrmals, dass Lyrik insgesamt bedroht sei, weil immer weniger Menschen die Feinheiten verstünden. Er fürchtet folgenlose Flüchtigkeit wie beim Fernsehen: „Gedichte, die den Lesenden enteilen / flott wie bei ntv die Durchlaufzeilen . . .”

Vor diesem Erwartungshorizont scheint das dichtende Ich zu verzagen. Umso erhebender, wenn es sich denn doch immer mal wieder zu funkelndem Galgenhumor aufschwingt. Beispiel:

An den Tod

Fort – fort, /
dies kann die Welt noch nicht gewesen /
und bumms zu Ende sein. /


All diese Bücher wolln ja noch gelesen /
und die Hosen aufgetragen sein.

Man könnte die sanft verzweifelten und doch ungemein standhaften „Krebsgedichte” des verstorbenen Robert Gernhardt (über seine Chemotherapien) mit diesen späten Gedichten Rühmkorfs vergleichen. Die Kunst des Reimens stand bei beiden in hoher Blüte. Sie traten gelegentlich gemeinsam auf.

Rühmkorf hält im dritten Teil des Bandes Rückschau aufs Leben. Oft milder gestimmt als ehedem, dennoch auf dem Posten. Versöhnlicher Seufzer: Er habe sich mit Anstand behauptet, sei hie und da „noch einmal davongekommen”, habe dies und das genossen. – Man liest es mit Freuden und Wehmut.

Peter Rühmkorf: „Paradiesvogelschiß”. Gedichte. Rowohlt. 140 Seiten. 19,90 €.




Elche!

Um 1963 war F. W. Bernstein (gemeinsam mit Robert Gernhardt und F. K. Waechter) Mit-Urheber der „Neuen Frankfurter Schule“ des parodistischen Humors. Diese drei Hochbegabten schufen damals die legendäre Beilage des Satiremagazins „Pardon“: „Welt im Spiegel“ (WimS).

Bernstein verdanken wir auch den ewigen Zweizeiler-Klassiker

„Die schärfsten Kritiker der Elche
waren früher selber welche.“

und natürlich so manches andere Kleinod höheren Witzes.

Seine gesammelten Gedichte sind im Verlag Antje Kunstmann erschienen. Eine nachdrückliche Buch-Empfehlung! Daraus, ganz willkürlich gewählt, das

Beziehungslied

Ich und du, Müllers Kuh,
geht’s bei uns nicht friedlich zu?
Ach ich ach ich ach ich glaub,
ich bin stumm und du bist taub.

Ab und zu sagt Müllers Kuh
ganz unheimlich leise:
Mmmmmmann o Mann,
das kann ja kein Schwein
aushalten!

Ich wage zu behaupten: Ohne Bernstein, Gernhardt & Waechter wären manche Entwicklungen in den Bereichen Comedy und Cartoon (Bernd Pfarr, Rattelschneck etc.) so nicht denkbar gewesen. Auch für Kolumnisten wie Max Goldt haben sie erste Breschen geschlagen. Und selbst ein Mann wie Walter Moers dürfte sich ihnen verpflichtet fühlen.




Alter Mann liebt junges Mädchen – Martin Walsers Goethe-Phantasien

Oje, das könnte wieder Vorwürfe hageln! Martin Walser bringe „sabbernde Altmännerphantasien” zu Papier, haben böswillige Kritiker(innen) dem Schriftsteller zuletzt vorgehalten. Und was legt er nun vor? Altmännerphantasien!

In seinem Roman „Ein liebender Mann” geht es um den 73-jährigen Dichterfürsten Goethe, der sich heftig in die 19-jährige Ulrike von Levetzow verguckt. Die Episode ist historisch verbürgt, jedoch bis heute geheimnisumwittert.

Wer will es Walser (80) verübeln, dass er sich tief in eine solche Liebe einfühlt? Und sein Buch hat ja auch so gar nichts Geiferndes, nichts ungebührlich Geiles an sich. Im Kern handelt es von der existenziellen Verunsicherung des Mannes, dem alle Welt „Größe” nachsagt. Doch wie’s da drinnen aussieht . . .

Eine Art Rechtfertigung steht gleich im allerersten Satz: „Bevor er sie sah, hatte sie ihn schon gesehen.” Diese mädchenhafte Frau mit den engelhaft schwerelosen Bewegungen und dem bannenden Blick hat also buchstäblich selbst ein Auge auf den alten Herrn Goethe geworfen. Drum fühlt er sich zu kleinen Kühnheiten ermutigt.

Und tatsächlich. Wenn die beiden – Arme untergehakt – im traulichen Gespräch miteinander durchs Kurgelände von Marienbad (Böhmen) spazieren, kann ihnen nichts und niemand etwas anhaben. Lachend trotzen sie allen neugierigen Blicken und ignorieren das Tuscheln der Leute. Es gibt Momente, da ist es ihnen, als bestehe gar kein Altersunterschied. Und irgendwann der erste scheue Kuss.

Von Goethes letzter großer Liebe weiß man nicht allzu viel Verlässliches. Walser hat somit genug Freiraum zum sprachmächtigen Fabulieren. Er versetzt sich innig in den betagten Geheimrat hinein, folgt manchen Windungen schwankender Gefühle.

Der Klassiker Goethe tritt gleichsam als sein eigenes Denkmal auf. Gar sehr ist dieser bürgerliche Kleinunternehmer (er beschäftigt Diener, Sekretäre usw.) mit literarischem Adelsanspruch auf sein Selbstbild bedacht. Oft stellt er sich vor, wie ihm etwa Menschen nachschauen, von denen er sich gerade verabschiedet hat. Was halten sie von seinem Gang? Wirkt er genialisch genug?

Doch wenn er die Tür hinter sich schließt und an Ulrike denkt, steigen fiebrige Vorstellungen in ihm auf. Ja, es entfahren ihm sogar Schmerzensschreie. Peinlich. Wie soll er sich zusammenhalten? Zumal etliche kleine Vorfälle ihm bedeuten, dass er nicht nur körperlich, sondern auch geistig ein Mann von gestern ist. Welch ein Zeitenwandel: Die ersten jungen Mädchen träumen schon von künftigen Rechenmaschinen.

Goethes innerer Widerstreit durchzieht den gesamten Roman – ebenso wie die mal jauchzende, mal elegische Schwärmerei für die junge Frau. Sehr ausgiebig malt sich Walser das aus. Es könnte auf Dauer langatmig werden.

Im Sinne der Roman-Ökonomie ist es gut, dass sich Hindernisse aufrichten. Ulrike tritt fast stets im Anstands-Gefolge ihrer verwitweten Mutter und zweier Schwestern auf. Kaum wittert die Mutter Goethes Interesse (das in einem stümperhaft übermittelten Heiratsantrag gipfelt), da entzieht sie ihm Ulrike durch familiäre Abreise. Es bleibt ihm nur das Sehnen – und das Schreiben.

Schlimmer noch: Ein steinreicher, smarter Schmuckhändler will sich an Ulrike heranmachen. Widerlich! Was, wenn sie ihn erhört? Goethe leidet aus der Ferne höllische Eifersuchtsqualen. Er verfasst Briefe an Ulrike, und man weiß nicht recht, ob er sie je abschickt, ob sie von seiner Schwiegertochter Ottilie abgefangen werden – oder ob er sich das alles nur einbildet.

So weit geht die wahnhafte Verwirrung des ehedem so heiter-ausgewogenen Genies, dass er sein bisheriges Werk als lebensferne „Kulturlüge” verachtet und sich in Selbstmordgedanken ergeht – wie einst seine Figur Werther.

Der fast von aller Welt verehrte Dichter als letztlich bestürzend einsamer Mann. Die Liebespein als schiere Notwendigkeit des Lebens. Das ist schon flammender Rede wert. Herzlos, wer sich davon nicht berühren lässt.

Martin Walser: „Ein liebender Mann”. Rowohlt. 285 Seiten. 19,90 Euro.

____________________________________________________

INFOS

  • Walser hat den Roman „Ein liebender Mann” in nur acht Wochen geschrieben – in völliger Abgeschiedenheit.
  • Es ist sein erster historischer Roman. Bisher hatte er stets die Angestelltenwelt der Gegenwart im Blick.
  • Nach der „Urlesung” in Anwesenheit des Bundespräsidenten (Mittwoch) las Walser gestern zum Auftakt des Festivals Lit.Cologne.
  • Am Sonntag, 27. April (18 Uhr), wird Martin Walser das Buch im Dortmunder Harenberg City-Center vorstellen – in der Reihe „Kultur im Tortenstück”. Karten: 0231/90 56-166.



Klassische Lyrik im Rap-Sound

Es klingt wie ein simples Patentrezept: Wenn Kinder keine Gedichte mehr auf herkömmliche Art lernen wollen, dann sollen sie die Verse eben rappen. Mit dem rhythmischen Sprechgesang kehrt vielleicht die Freude an der Lyrik zurück.

Die Hoffnung mancher Eltern und Pädagogen hat einen Namen: „Junge Dichter und Denker” oder kurz „JDD” nennt sich die sechsköpfige Kindergruppe aus Buchholz (Nordheide/Niedersachsen). Die Mädchen und Jungen zwischen 11 und 15 Jahren haben kürzlich eine CD mit berühmten „klassischen” Gedichten herausgebracht – frisch und frech im Wechselgesang vorgetragen, mit vorwärts drängendem Beat unterlegt. Da klingen die Verse von alten „Haudegen” der Literaturgeschichte zuweilen so, als hätten diese gerade erst zur Feder gegriffen und mal eben ganz spontan unsterbliche Verse hingefetzt.

Laut neudeutscher Formulierung auf dem Plattencover haben folgende Leute die „Lyrics” (also: Texte) geliefert: Goethe, Schiller, Mörike, Heine und Fontane. Wow! Ihre Ohrwurm-Hits heißen beispielsweise „Erlkönig”, „Heidenröslein”, „Der Handschuh”, „John Maynard” und „Loreley”. Und das alles mit Kinderstimmen gerappt – man stelle sich vor.

Gewiss: Da klingt die eine oder andere Zeile auch schon mal putzig. Manchmal haben die Kontraste zwischen edler Wortwahl und lockerem Gesang ihren ganz eigenen Verfremdungs-Reiz. Aber nicht jede kostbare sprachliche Wendung lässt sich ins coole Rap-Schema zwängen.

Allerdings gibt es auch viele Passagen, die einen musikalischen Rhythmus bereits in sich tragen: Beispielsweise das „Walle! Walle! Manche Strecke . . .” aus Goethes „Zauberlehrling” und natürlich Fontanes „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland”. Beide Gedichte haben sich ja schon vor etlichen Jahren bei Achim Reichel als rock-tauglich erwiesen. Auch die zugespitzte Dramatik in den Balladen von Schiller und Fontane eignet sich für diese Darbietungsform.

Jede Gruppe braucht ihre Legende: Die ursprüngliche Idee zum ganzen JDD-Projekt soll die elfjährige Nicola gehabt haben. Sie musste für die Schule Mörikes „Er ist’s” („Frühling lässt sein blaues Band…) auswendig lernen, verspürte wenig Lust dazu – und auf einmal kam ihr der Rap in den Sinn: Die immergrünen Frühlings-Zeilen nahmen dabei zusätzlich Fahrt auf. Gemeinsam mit anderen feilte Nicola den Song nach und nach aus; dann kamen immer weitere Texte hinzu. Inzwischen können die Kinder eine Menge Gedichte auswendig. Na, wenn das nichts ist!

Jedenfalls traf es sich bestens, dass Nicolas Vater Addo Casper lange Musikmanager war und als Entdecker der „Fantastischen Vier” gilt. Er ließ seine Branchenkontakte spielen – und schon bald gab’s einen Plattenvertrag für Nicola und die anderen Kinder. Der Produzent Achim Oppermann sorgte sodann für den professionellen Zuschnitt. Es folgten Auftritte in diversen TV-Sendungen und jüngst in Til Schweigers Film „Keinohrhasen”. Das übliche PR-Programm also.

Bei all dem ahnt man, dass es sich um Nachwuchs aus so genannten „besseren Häusern” handelt, der ohnehin eher zum Lesen neigt. Ob das Gedichte-Rappen auch in sozialen Brennpunkten rasch weiterhilft, darf bezweifelt werden. Auch könnte man einwenden, dass hier sehr verschiedene Gedichte mehr oder weniger über einen musikalischen Kamm geschoren werden. Aber immerhin: Es ist ein Zugang zur Welt der Dichtung, den man nicht fahrlässig verschütten sollte.

__________________________________________

Info:

  • „Junge Dichter und Denker – JDD”. CD bei edelkids (ca. 16 Euro).
  • Die Gruppe besteht aus Nicola (11), Laura (11), Konstantin (12), Tim (12), Friederike (14) und Philipp (15).
  • Das Prinzip ist vielseitig anwendbar: Die sechs Kinder haben inzwischen sogar schon das Einmaleins gerappt, um Spaß an Mathe zu vermitteln.
  • Geplant sind gerappte Volkslieder. Ein Erfolgsrezept geht in Serie…



Woran Goethe glaubte

Düsseldorf. Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) war von Haus aus Protestant, sein Vater gar ein recht strenger, orthodoxer Lutheraner. Warum ist einem das nicht bewusst? Weil der Dichter weit über Konfessionen hinaus gedacht hat und als Weltbürger vielfältige Toleranz walten ließ.

Auf seiner berühmten Italienreise ließ er sich auch von der sinnlichen Bild- und Symbolkraft des Katholizismus „anstecken”. Und im Umkreis seines Werks „Der west-östliche Diwan” hat er sich auch mohammedanische Anschauungen anverwandelt.

Mit der weihnachtlichen Ausstellung „Goethe und die Bibel” betritt das Düsseldorfer Goethe-Museum wahrlich ein weites Feld. Von der Taufanzeige bis zu Goethes letzten Gesprächen mit seinem Vertrauten Eckermann reicht der zeitliche Bogen der ansprechenden Vitrinenschau. Zahlreiche Originalausgaben, zeitgenössische Illustrationen und Handschriften sind zu sehen. Wer viel davon haben will, muss sich hier über manches Schriftstück beugen.

Jenseits der
amtskirchlichen
Verkündigung

Schon als Kind hatte Goethe in Frankfurt reichlich religiöses Anschauungs-Material. Der Vater besaß eine umfangreiche Büchersammlung zu geistlichen Fragen, so auch eine bebilderte Merian-Bibel (1704), in der Goethe neugierig geblättert hat, als er des Lesens noch unkundig war.

Ein mächtiger Foliant wie die „Unparteyische Kirchen- und Ketzerhistorie” (1699) des Gottfried Arnold führte Goethe später auf Wege jenseits der amtskirchlichen Verkündigung. Hinzu kamen Einflüsse der gefühlvollen Frömmigkeits-Strömung des Pietismus, deren Anhänger den Weg zum (ganz persönlichen) Glauben in stiller Einkehr suchten.

Goethe hielt denn auch alsbald die offizielle Kirche mit ihren Riten und Dogmen für bloßes Menschenwerk und zeigte eher Sympathien für eine pantheistische Naturreligion. Seliger Grundgedanke: Gott ist in allen Dingen, in jeder Pflanze und jedem Stein. Passende Goethe-Weisheit, mit kaum verhohlenem Selbstbewusstsein hingeschrieben: „Die Natur verbirgt Gott. Aber nicht jedem.”

Stets legte Goethe überdies Wert darauf, dass Vernunft und Glauben einander nicht widersprechen. In diesen Zusammenhang gehört auch seine intensive Beschäftigung mit den Büchern des Philosophen Immanuel Kant. Überhaupt dachte der „Dichterfürst” im Horizont der Aufklärung. So fand er es „in meinen Augen wichtiger als die ganze Bibel”, dass der Mensch die Bewegung der Erde um die Sonne nachgewiesen hat.

Goethes Bibelkenntnis kann durch Hunderte von Fundstellen im Werk belegt werden. Er hat sich auch zum Atheismus geäußert. Zitat aus „Dichtung und Wahrheit”: „Allein wie hohl und leer ward uns in dieser tristen atheistischen Halbnacht zu Mute, in welcher die Erde mit allen ihren Gebilden, der Himmel mit all seinen Gestirnen verschwand . . .”

Besonderes
Interesse
an einer Sekte

Allen Anfechtungen zum Trotz, hat Goethe wohl zeitlebens seinen Glauben nicht verloren, wenn er auch wechselnden Gottes-Vorstellungen anhing. In einem Brief schrieb er: „Des religiösen Gefühls wird sich kein Mensch erwehren, dabei aber ist es ihm unmöglich, solches in sich allein zu verarbeiten . . .”

Sein Hauptwerk „Faust”, an dem er Jahrzehnte arbeitete, enthält etliche religiös inspirierte Passagen – vom „Prolog im Himmel” bis zur Formel über Gretchen: „Sie ist gerichtet . . . ist gerettet.” Sprichwörtlich wurde die mädchenhaft bange „Gretchen-Frage” an Faust: „Nun sag‘, wie hast du’s mit der Religion?”

Ein emsiger Kirchgänger soll Goethe jedenfalls nicht gewesen sein. Lange Zeit bewegte ihn jene Frage, die auch heute noch viele Menschen umtreibt: Wie kann Gott das Böse, wie kann er Katastrophen zulassen? Die Nachrichten übers schreckliche Erdbeben von Lissabon, das am 1. November 1755 rund 70 000 Todesopfer forderte, erschütterten seinen bis dahin naiven Kinderglauben.

Als gereifter Mann befasste sich Goethe eingehend mit der Hypsistarier-Sekte, die im 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. in Kappadokien (heute Anatolien) „das Beste” aus antiker Götterwelt, Judentum und Christentum vereinen wollte. Solche Offenheit kam dem großherzigen Naturell Goethes gewiss entgegen: Nichts von vornherein ausschließen, alles wohlwollend wägen – und dann zur Synthese schreiten.

„Goethe und die Bibel”. Goethe-Museum, Düsseldorf, Schloss Jägerhof (Jacobistraße 2). Bis 20. Januar 2008. Di bis Fr und So 11-17, Sa 13-17 Uhr. Vom 24. bis 26. Dezember und Silvester/Neujahr geschlossen. Tel.: 0211/899 62 62.




Peter Handke: Mal provokant, mal priesterlich

Es muss ein starker Auftritt gewesen sein, damals im Jahre 1966: Frontal attackierte ein 23-Jähriger mit Beatle-Frisur und dunkler Brille die in Ehren ergrauten Nachkriegs-Größen der deutschen Literatur. In Bausch und Bogen warf der zornige junge Mann der in Princeton (USA) tagenden „Gruppe 47” fruchtlose „Beschreibungs-Impotenz” vor.

Das nachfolgende Geraune kann man sich ungefähr vorstellen: Wie kann dieser Jungspund es nur wagen, uns alle auf diese Weise . . .

Der Provokateur hieß Peter Handke und hatte seinerzeit nur einen Text („Die Hornissen”) veröffentlicht. Jetzt wird er 65 Jahre alt und hat ein Werk von enormer Fülle und Prägekraft geschaffen.

Längst hat er eine Gemeinde um sich geschart, die seine zuweilen geradezu priesterlich gesetzten Worte gläubig aufnimmt. Seit er allerdings im Kosovo-Konflikt ab 1996 ungeahnt starrsinnig für Serbien und den Diktator Slobodan Milosevic Partei ergriffen hat, verweigerten ihm einige die „Jüngerschaft”. Tatsächlich war seine Querköpfigkeit in diesen Fragen vielleicht biographisch und psychologisch, nicht aber politisch nachvollziehbar.

In seinen besten Büchern hat Handke sich als „Seher” erwiesen, gesegnet mit feinster Beobachtungs- und Formulierungs-Gabe, die sich besonders den unscheinbaren, vergehenden und bedrohten Verhältnissen behutsam zu-wendet. So über alle Maßen detailsinnlich geht es dabei oft zu, dass es keineswegs nur verstiegene Innerlichkeits-Prosa ist, sondern eine höchst eigene, durchaus welthaltige Literatur.

In Text-Gebirgen wie „Mein Jahr in der Niemandsbucht” oder „Der Bildverlust” konnten sich Leser auch schon mal verirren. Doch seine Bücher bergen stets kostbare Funde. Sie gleichen langen Wanderstrecken, wie denn dieser Autor auch buchstäblich ein großer Wanderer der Literatur ist. Das Gehen als eine Daseinsform – wie das Schreiben.

Berühmt wurde seine von Widerspruchsgeist getriebene „Publikumsbeschimpfung” (Uraufführung durch Claus Peymann 1966), die im Handstreich das gesamte Zeichen-System des Theaters verwarf. Gewiss wirkten der allen Systemen abholde Protest-Furor von 1968 und die Lebensimpulse der Rockmusik (über die er wunderbare Texte wie „Versuch über die Jukebox” geschrieben hat) auch bei Handke. Im Bann der damals herrschenden Pop-Kultur interessierte sich der leidenschaftliche „Kinogeher” (just so hieß auch Handkes Übersetzung eines Buchs von Walker Percy) für Kulturphänomene wie James Bond, Schlagertexte und Fußball. Von wegen nur weltfremd!

Immer entschiedener richtete Handke sein Augenmerk aufs Projekt einer „Rettung” des geduldigen, unverstellten, von keiner schnellen Meinung getrübten Blicks auf die Welt. Gelegentlich schwelgte er dabei in verklärender Ding-Betrachtung. Doch seine Literatur erschloss auch utopisches Gelände.

Nicht das geringste Verdienst Handkes ist es, dass er auf andere herausragende Autoren aufmerksam gemacht hat, die vergessen zu werden drohten – zum Beispiel Heimito von Doderer, Hermann Lenz oder Emmanuel Bove.

Manche seiner Titel wurden sprichwörtlich: Handke beschwor die existenzielle „Angst des Tormanns beim Elfmeter”, stellte eigensinnig klar „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms”, wog „Das Gewicht der Welt” und beschwor „Die Stunde der wahren Empfindung”.

Überdies hat er ungemein innige Texte aus familiärer Nahsicht verfasst: Nach dem Freitod seiner Mutter entstand ihr bewegendes Lebensbild „Wunschloses Unglück”. In der „Kindergeschichte” kam die zwiespältige Beinahe-Symbiose mit seiner ersten Tochter Amina zu leuchtender Sprache. Man sieht: Auch an der Schwelle zum Elfenbeinturm macht das alltägliche Leben nicht Halt.

______________________________________________

Zur Person:

  • Peter Handke wurde am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten/Österreich) geboren. Er wuchs bei Mutter und Stiefvater in ärmlichen Verhältnissen auf.
  • 1945 bis 1948 lebte die Familie in Berlin.
  • Zurück in Kärnten, besuchte Handke die Schule eines katholischen Priesterseminars und ein Internat. 1961 Abitur in Klagenfurt.
  • Ab 1961 Jura-Studium in Graz – ohne Abschluss.
  • 1965 Erstlingsbuch „Die Hornissen”.
  • Weitere Lebensstationen: u. a. Düsseldorf, Berlin, Paris, Kronberg/Taunus, Salzburg.
  • Seit 1991 lebt Handke in Chaville bei Paris.
  • Handkes Lebensgefährtinnen: die Schauspielerinnen Libgart Schwarz, Sophie Semin und Katja Flint.
  • Umfangreiche Internet-Seite: http://www.peterhandke.at/



Rituale statt Rebellion – Interview mit Martin Mosebach

An Martin Mosebach (56) scheiden sich manche Geister: Den Einen gilt der Frankfurter Schriftsteller und Büchner-Preisträger als Vorbote oder gar Leitgestalt einer „konservativen Wende”, die Anderen rühmen Werk und Wirkung. Jetzt hat Mosebach seinen Roman „Der Mond und das Mädchen” bei einer Lesung im Dortmunder Harenberg-Center vorgestellt – Gelegenheit zu einem Gespräch.

Was hat sich mit dem Büchner-Preis für Sie verändert?

Martin Mosebach: Die wichtigste Änderung war schon eingetreten, nämlich das Bewusstsein, dass ich jetzt einen Einschnitt erreicht habe in meiner Arbeit. Ich möchte einen Neuanfang versuchen. In welche Richtung, das wird sich zeigen. Der Preis hat das Gefühl eines Einschnitts nur noch bestätigt. Aber meine Romane unterscheiden sich ohnehin sehr stark voneinander. Ich bin niemals den gleichen Pfad gegangen.

Was können Sie mit dem Begriff „konservativ” anfangen”, der Ihnen immer wieder angeheftet wird?

„Konservativ” empfinde ich als ein sehr defensives Wort, ein Wort in Verteidigungshaltung. Das entspricht nicht meinem Lebensgefühl. So ängstlich bin ich nicht. Aber die Worte „aggressiv” oder „offensiv” wären auch falsch. Ich beziehe mich gar nicht so sehr auf Andere. Ich bin nicht besonders stark auf die Öffentlichkeit hin ausgerichtet.

Ganz anders als Grass?

Ja, er definiert sich selbst als politischen Menschen. Das trifft auf mich nicht zu.

Sie haben gefordert, die alte lateinische Liturgie in der Katholischen Kirche wieder einzuführen. Haben Sie damit etwas bewirkt?

Nun, eine Debatte habe ich bestimmt angeregt. Sie schwelte schon lange, wurde aber von der offiziellen Kirche nicht zugelassen. Ich glaube, dass der Ritus ein essentielles Bedürfnis ist – für die Religion, aber auch ganz allgemein für die Humanität. Der uralte Kultus verbindet uns mit der ganzen Menschheitsgeschichte. Das rituelle Empfinden ist im Westen seit längerer Zeit verkümmert, aber dabei darf es nicht bleiben.

Sie sind Jurist und haben im Nachhinein gesagt, sie hätten dieses Fach gern engagierter studiert. Warum?

Weil alles, was man wirklich intensiv lernt, letztlich interessant ist. Etwas langweilig zu finden, ist eigentlich ein Zeichen für Unerwachsenheit. Doch leider habe ich schlampig studiert. Die juristische Sprache ist eine Schule der Klarheit und Präzision.

1968 mit dem Rücken
zum Zeitgeist erlebt

Wie sehen Sie die Rebellion um 1968? Sind Sie „Anti-Achtundsechziger”?

Ich bin ein „Nicht-Achtundsechziger”. Ich habe mit dem Rücken zu allen Phänomenen von „68” gelebt. Auch die kulturellen Aspekte der Zeit – wie etwa die Musik – haben mich nicht berührt. Ich war in einer Art Emigrations-Zustand.

Ging das denn damals?

Ja. Ich habe die bedenkliche Gabe, Dinge, die mir nicht passen, zu verdrängen. Man selbst stellt ja auch eine Welt dar. Die war mir wichtiger.

Viele Ihrer Romane spielen in Frankfurt am Main. Sie haben Frankfurt eine der hässlichsten Städte genannt, die aber – als Vision – auch schön sein könnte.

Ich weiß gar nicht so genau, worin mein Verhältnis zu Frankfurt besteht. Die Stadt ist mir vollkommen selbstverständlich. In den Romanen wird sie zu einer Stadt der Phantasie, und meine Schilderungen strotzen vor Unwahrscheinlichkeiten. Ich schreibe nicht nach Stadtplan. Aber die Sprache erzeugt die Suggestion, es sei von realen Orten die Rede. Und schauen Sie mal, wie Nabokov oder Proust ihre Elternhäuser beschrieben haben. Wie krass sich das von der Realität unterscheidet! Romane sind eben keine Fotografien und keine Reportagen.

Und die Hässlichkeit?

. . . wird immer dann als besonders schmerzlich empfunden, wenn man die Schönheit noch kennt, die durch sie verdrängt worden ist. Denken Sie an den Kölner Dom und die absurde Domplatte. Wer nicht weiß, wie der Domberg vorher ausgesehen hat, wird unter dieser schwächlichen Brutalität viel weniger leiden. Es scheint, als habe im 20. Jahrhundert Schönheit nur entstehen können, wenn sie nicht beabsichtigt war: Fabriken sind gelungen, Opernhäuser fast nie.

_____________________________________________________

INFO

Martin Mosebach wurde 1951 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte Jura in Frankfurt und Bonn. Seit 1980 ist er freier Schriftsteller. Er lebt in Frankfurt, schreibt seine Bücher aber meistens im Ausland, um den nötigen Abstand zu haben.So spielt zwar auch sein jüngster Roman „Der Mond und das Mädchen” (Hanser Verlag) in Frankfurt. Verfasst hat ihn Mosebach aber in Marokko.

Weitere Romane: „Das Bett” (1983), „Westend” (1992), „Die Türkin” (1999) und „Der Nebelfürst” (2001).

Der Georg-Büchner-Preis, den Mosebach in diesem Jahr erhalten hat, gilt als wichtigste deutsche Literaturauszeichnung.

Aufsehen erregte Mosebachs Dankrede, in der er die Französische Revolution als Gesinnungsterror brandmarkte und zur Nazi-Diktatur in Beziehung setzte.

___________________________________________________________

(Der Beitrag stand am 30. November 2007 in der „Westfälischen Rundschau“)




„Siehst du, jetzt fangen wir an! – Wie Romane beginnen

Vor zwei Tagen haben die Stiftung Lesen und die Initiative Deutsche Sprache den angeblich schönsten deutschsprachigen Prosa-Anfangssatz gekürt. Es war Günter Grass‘ lapidarer Einstieg in den „Butt“: „Ilsebill salzte nach.“ Nun denn.

Der Autor dieser Zeilen ist vor fast einem Jahr aufs selbe Thema gekommen, der folgende Artikel stand zu Silvester 2006 in der „Westfälischen Rundschau“, für Westropolis ist er jetzt rundum neu – gleichsam „remastered“. Und vielleicht taugt er auch zum nächsten Jahreswechsel, der ja nicht mehr allzu weit entfernt liegt:

Ein altes Jahr verrinnt, ein neues fängt an. Mit welchen Haltungen man wortwörtlich etwas Neues (und vielleicht Großes) beginnen kann, das lässt sich vielleicht bei den Schriftstellern ablesen. Wie haben sie ihre Romane eingeleitet? Wie lauten die ersten Sätze, die ja oft die schwierigsten sind?

„Es war ein launischer Frühling“

Nun, viele Autoren beginnen schlicht mit einer Naturbeobachtung oder einem Landschaftsbild. Oft schildern sie das Wetter: „Es war ein launischer Frühling“ (Virginia Woolf, „Die Jahre“). „Es war ein klarer, kalter Tag im April“ (George Orwell, „1984“). „Da eine Hitze von dreiunddreißig Grad herrschte…“ (Gustave Flaubert, „Bouvard und Pécuchet“). Oder, fast wissenschaftlich genau: „Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts…“ (Robert Musil, „Der Mann ohne Eigenschaften“).

Gertrude Stein („Ida“) stellt sinnigerweise eine neue Erdenbürgerin voran: „Ein Baby wurde geboren namens Ida.“ Andere nennen einfach erst einmal Epoche, Jahreszeit, Datum, Ort, um in den Erzählfluss zu gleiten. Vladimir Nabokov behauptet just in den Anfangssätzen eines Romans („Die Gabe“), vor allem deutsche Schriftsteller würden stets mit einem Datum beginnen. Wer’s glaubt . . .

„Ich beginne ein Unternehmen, das ohne Beispiel ist…“

Entschlossene Charaktere greifen sofort kräftig in die Harfe, um die schrecklich weiße erste Seite (oder die leere Datei) zu füllen. Sie trumpfen mit Besonderheiten auf. Es hat wohl generell etwas mit ihrem Zugriff aufs Dasein zu tun. „Zugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt…“ Diesen Satz stellt Günter Grass an den Beginn seiner „Blechtrommel“.

Irmgard Keun steigert sich gleich in Gefühle hinein: „Das war gestern abend so um zwölf, da fühlte ich, dass etwas Großartiges in mir vorging.“ („Das kunstseidene Mädchen“). Noch eine Spur weihevoller formuliert Peter Handke: „Einmal in meinem Leben habe ich bis jetzt die Verwandlung erfahren.“ („Mein Jahr in der Niemandsbucht“). Nabokovs genial-skandalöse „Lolita“ fängt mit haltloser Schwärmerei an: „Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden.“ Am höchsten hinaus will Jean Jacques Rousseau mit seinen „Bekenntnissen“: „Ich beginne ein Unternehmen, das ohne Beispiel ist und das niemand nachahmen wird.“

„Den 20. ging Lenz durchs Gebirg“

Häufig fangen jedoch gerade aufregende Bücher betont unscheinbar an. Aber dann! Michel Houellebecq steigt in „Ausweitung der Kampfzone“ so lakonisch ein: „Am Freitagabend war ich bei einem Arbeitskollegen eingeladen.“ Georg Büchners Erzählung „Lenz“ steuert knapp auf den Leser zu: „Den 20. ging Lenz durchs Gebirg.“ Jonathan Swifts Ich-Erzähler lässt in „Gullivers Reisen“ wissen: „Mein Vater hatte einen kleinen Besitz in Nottinghamshire.“ Adalbert Stifters „Nachsommer“ hebt nüchtern an: „Mein Vater war ein Kaufmann.“ Herman Melvilles grandioser Wälzer „Moby Dick“ raunt uns eingangs kurz zu: „Nennt mich Ismael.“ Richard Fords Roman „Der Sportreporter“ meldet kurz: „Ich heiße Frank Bascombe. Ich bin Sportreporter.“

Gängig ist auch das Beschwören einer Bedrohung. Der vielleicht berühmteste aller ersten Sätze steht in Franz Kafkas „Der Prozess“: „Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Wolfgang Koeppen im Nachkriegsroman „Tauben im Gras“: „Flieger waren über der Stadt, unheilkündende Vögel.“ Thomas Pynchon in „Die Enden der Parabel“: „Ein Heulen kommt über den Himmel.“

Überboten werden solche Rätsel durch komplette Konfusion. Etwa so: „Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß nicht.“ (Albert Camus, „Der Fremde“). Bei Rainald Goetz („Irre“) heißt es wie in Trance: „Ich erkannte nichts wieder.“ Nullpunkt-Gefühle auch bei Rolf Dieter Brinkmann („Keiner weiß mehr“): „Man hörte nichts mehr. Sämtliche Geräusche waren verstummt.“

„Wie froh bin ich, daß ich weg bin“

Das schiere Gegenteil sind behagliche Sätze wie dieser: „Eduard – so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter – Eduard hatte in seiner Baumschule die schönste Stunde eines Aprilnachmittages zugebracht…“ (Goethe, „Wahlverwandtschaften“). Noch behäbiger: Iwan Gontscharows fauler Antiheld „Oblomow“ liegt schon im ersten Satz zu Bette – und bleibt praktisch den ganzen Roman über liegen…

Verzagte Anfänge sind nicht selten, sie können durchaus fesselnde Romane einleiten: „Ich will nicht mehr kämpfen. Ich bin’s leid.“ (Ralf Rothmann, „Flieh, mein Freund!“). „Als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war ich erst recht am Ende.“ (Günter Herburger, „Flug ins Herz“). Schon anfangs am Ende. Unerhört…

Nun aber vorwärts! Etwas mehr Dynamik, bitte. Es bietet sich geradezu an, ein Buch mit einem Aufbruch oder einer neuen Freiheit beginnen zu lassen. Etwa so: „Wir starteten in la Guardia, New York, mit dreitägiger Verspätung infolge Schneestürmen.“ (Max Frisch, „Homo faber“). Goethes „Werther“ sagt’s rückblickend so: „Wie froh bin ich, daß ich weg bin.“ Der Ägypter Nagib Machfus bejubelt in „Miramar“ eine Ankunft: „Alexandria. Endlich!“ Alfred Döblin schreibt: „Er stand vor dem Tor des Gefängnisses und war frei.“ („Berlin Alexanderplatz“).

„Nie habe ich einen Roman mit größeren Hemmungen begonnen“

Eine weitere Sorte bezieht sich aufs Metier selbst. „Erzähl du. Nein, erzählen Sie!“ (Grass, „Hundejahre“). Bange Variante: „Nie habe ich einen Roman mit größeren Hemmungen begonnen.“ (Somerset Maugham, „Auf Messers Schneide“). Jean-Paul Sartre ermuntert sich in „Der Ekel“ selbst: „Das Beste wäre, die Ereignisse Tag für Tag zu notieren.“ Ein kluger Mann baut gegen etwaige Kritik vor: „Ich will mich für die Erzählung, die ich Ihnen anbiete, entschuldigen.“ (Harold Brodkey, „Profane Freundschaft“).

Die größten Romanprojekte gehen übrigens nahezu läppisch an den Start. James Joyce lässt im ersten Satz von „Ulysses“ einen Mann („stattlich und feist“) mit Utensilien zur täglichen Nassrasur auftreten. Marcel Proust („Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, Vorspiel in „Combray“): „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.“ Und Thomas Manns sprachgewaltiger Roman „Buddenbrooks“ macht mit solchem Gestammel auf: „Was ist das. – Was – ist das…“ Botho Strauß rattert sich in seinen Roman „Der junge Mann“ derart hinein: „Zeit Zeit Zeit.“

Eine Strategie des Spannungsaufschubs verfolgt der wundersame Robert Walser. Er legt mit „Jakob von Gunten“ los und bremst sogleich: „Edith liebt ihn. Hievon nachher mehr.“ Hitchcock!

Hans Christian Andersen mag keine Umschweife. Der Erzähler des langen Märchen „Die Schneekönigin“ ruft eingangs: „Siehst du, jetzt fangen wir an!“ Vielleicht sollten wir genau so unverkrampft ans Neue herangehen.




Biermann revisited

Gestern Abend in der Schwerter Rohrmeisterei Wolf Biermann (wird in ein paar Tagen 71) live erlebt.

Musste mal sein, nach so vielen Jahren. Er ist schließlich einer, der stets „begleitend mitgelaufen“ ist auf dem Lebensweg. In mehr oder weniger großer Entfernung. Von „So oder so – die Erde wird rot“ bis zum Kulturkolumnisten der „Welt“ ist’s eben ein weiter Weg. Da kann man nicht jede Strecke mitgehen. Er ist keine Instanz mehr, aber doch einer, auf den man dann und wann hört. Und sei’s, um sich des Abstands zu vergewissern.

Seine notorische Eitelkeit ist immerhin hie und da halbwegs selbstironisch gebändigt. Wie er seinen eigenen Lebenshunger immer und immer wieder feiert. Je nun: Neun Kinder hat er mit diversen Damen in die Welt gesetzt, darin Günter Grass vergleichbar. Der jüngste Spross ist gerade mal 6 Jahre alt und heißt Molly, wie Biermann vaterstolz verkündete.

Dabei hat er etwas von einer traurigen Gestalt. Er betont unentwegt, wie er nach seiner DDR-Ausbürgerung 1976 sich neue, „westliche“ Themen habe aneignen müssen – und steckt doch ersichtlich bis heute ganz tief in diesem DDR-Trauma. Davon kommt er nicht los. „Frische Früchte vom alten Baum“ hatte er versprochen. Nun, so frisch sind sie eben nicht.

„Heimkehr nach Berlin Mitte“ ist ein dreistündiger, langwieriger Abend. Biermann scheint sich in seinem alten Berliner Wohnzimmer (Chausseestraße 131) im Freundeskreise zu wähnen und erzählt sehr, sehr viel, will gegen Schluss gar nicht mehr aufhören, obwohl schon das Saallicht grell aufleuchtet. Zuvor erläutertet er jedes Gedicht(lein) ausführlichst, vielfach mit pädagogischem Unterton. Anschließend singt er’s dann jeweils noch. So tragfähig aber sind die meisten seiner neueren Texte nicht, dass sie eine solche Verdoppelung aushielten.

Natürlich sind da auch einige intensive Momente. Seine andauernde Trauer um die einstigen Mit-Dissidenten Robert Havemann und Jürgen Fuchs ist einfach wahr und wahrhaftig. Gewiss auch seine (unerfüllte) Sehnsucht, das Frankreich der Troubadoure betreffend.

Nach dem Verlust aller Gewissheiten (bis auf jene, dass Heinrich Heines „Freiheitskrieg“ aus dessen Gedicht „Enfant perdu“ fortzuführen sei) besingt Biermann den „Phantomschmerz der Utopie“. Manchmal hätte man halt gern wieder die gedanklichen Krücken von einst. Und, so der bekennende Atheist: Auch das Christentum sei eine taugliche Krücke – wenn es denn der inneren Stärkung dient.




Unterwegs in eine stille und gütige Welt – „Die Unbeholfenen“ von Botho Strauß

Wo brüten sie gleichsam über der Weltformel, wo denken sie über unser aller Rettung nach? Botho Strauß führt uns mit seinem Buch „Die Unbeholfenen” in ein eher unscheinbares Fachwerkhaus inmitten eines schäbigen Gewerbegebiets.

Dort denkt eine merkwürdige Gruppierung über die offenbar zerstörerischen Triebkräfte der Gegenwart nach – und darüber, ob man Einhalt gebieten und umkehren kann. Das klingt nach Erweckung.

Der Ich-Erzähler namens Florian Lackner fühlt sich zunächst unbehaglich fremd in diesem Kreise. Am Gängelband seiner neuen Liebschaft Nadja ist er in die Abgeschiedenheit ihres elternlosen Familienverbands geraten. Zwei Schwestern (davon eine Stumme, die sich nur per SMS verständigt), einen Bruder (im Rollstuhl) und ihren arroganten Ex-Liebhaber Romero hat sie um sich geschart.

Das Spinnennetz
der Gegenwart

Wenn sie sich in meist hohem, manchmal beinahe priesterlichem Ton mitteilen, ist es weder Monolog noch Zwiesprache, sondern eine Art Reigen des Redens, ein Weiterreichen der Worte – wie in einem Denker-Orden oder einem Geheimbund.

Man vernimmt Bruchstücke einer wehen Zeitdiagnose, aus der man noch und noch zitieren könnte – ob nun einverständig oder ablehnend. Bewusstseinskrise und Verluste, wohin man nur blickt. Unsere technisch überrüstete, jede existenzielle Not dämpfende „Komfortgesellschaft” lässt demnach kein wirkliches Lebensschicksal mehr an uns heran, wir führen nur noch ein Schattendasein. Ob Strauß sich für diesen Befund wirklich überall im Lande umgesehen hat? Und ob er dabei alle Gegenden der Erde im Sinn hatte?

Spätestens durchs allgegenwärtige Spinnennetz des Internet, so Strauß weiter, sind wir dermaßen überinformiert, dass diese Fülle in umfassende Demenz umschlägt. Nichts geht uns mehr wirklich und zuinnerst an. Gesteigerte Endzeit-Vision: Das herkömmliche Menschenbild wird mehr und mehr biotechnischen Neuronenspeichern ausgeliefert, die irgendwann gänzlich unsere Stelle einnehmen werden. Schließlich ist von einem alles niederwalzenden Feuerball die Rede . . .

Heilserwartung ist nicht fern

Schleichende und rasende Apokalypse also. Solche Ängste ziehen seit alters her Heilserwartung nach sich. Bei Strauß ist es nicht anders. Bloßer Verstand hilft nach seiner Lesart nicht weiter. Dringlich ist die Sehnsucht seiner Figuren nach einem für alle heutigen Menschen verbindlichen Leitbild, ja nach neuem Heiligtum. Verzückung statt Aufklärung. Trance statt Scharfsinn. Auch „vordemokratische Ideale” werden raunend beschworen, doch nicht konkret benannt. Vielleicht sind ja auch Edelmut und Minne der Ritterzeit gemeint?

Wer meint, Strauß wärme hier den fatalen deutschen Hang zu rauschhaftem Untergang auf, der irrt gründlich. Zielgebiet ist eine nicht luxuriöse, eine karge, stillere Welt, in der man einander gütige Schonung angedeihen lässt und in Anschauung großer Symbole innerlich aufblüht.

Nicht so sehr Menschen aus Fleisch und Blut reden in dieser Abhandlung, sondern Lektürefrüchte (Wolfram von Eschenbach, Hölderlin, die Romantiker) und Mythen, aus denen Einsprüche gegen herrschende Stimmungen fließen. Eine „Bewußtseinsnovelle” nennt Strauß seinen gedankenreichen, mitunter gedankenschweren Text. Das äußere Geschehen bleibt begrenzt. Erst recht gibt es keine „unerhörte Begebenheit”, wie sie in der Novellen-Gattung traditionell üblich war.

Dennoch geht es nicht nur um die Hirnwindungen, sondern auch um die Körper. Man merkt, dass der Autor viel fürs Theater gearbeitet hat. Häufig notiert er, wie sich seine Personen im Raum postieren: miteinander, ohne einander, gegeneinander. Wie bei einer Bühnen-Stellprobe.

Am Ende nimmt der Erzähler Abschied von den Geisterstimmen. Man spürt Erleichterung. Wohin er so entspannt aufbricht, bleibt ungewiss. So wie unsere Zukunft.

Botho Strauß: „Die Unbeholfenen.” Hanser Verlag, 123 Seiten, 12,90 Euro.

_________________________________________________

ZUR PERSON:

  • Botho Strauß wurde am 2. Dezember 1944 in Naumburg/Saale geboren.
  • 1967-1970 Redakteur und Kritiker der Fachzeitschrift „Theater heute”.
  • 1970-1975 Dramaturg der Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin.
  • 1977 Uraufführung seines Stücks „Trilogie des Wiedersehens”.
  • Weitere wichtige Werke: „Groß und klein” (Stück, 1978), „Rumor” (Roman, 1980), „Paare, Passanten” (Prosa, 1981), „Niemand anderes” (Roman, 1987), „Die Zeit und das Zimmer” (Stück, 1989), „Wohnen, Dämmern, Lügen” (Prosa, 1994), „Mikado” (Prosa, 2006).
  • Höchst umstritten war sein Essay „Anschwellender Bocksgesang” (1993). Manchen linksliberalen Kritikern gilt Strauß seither als potenziell „rechtslastig”. Ein weites Feld.