Günter Grass wird 80: Lebenslustiger Pessimist

Es gab Zeiten, da war sein Ruhm kaum noch zu steigern. Als Günter Grass im 1999 den Literaturnobelpreis bekam, war er auf dem Gipfel der weltweiten Reputation angelangt.

Doch die moralische Instanz, die er über Jahrzehnte gewesen ist, hat Risse bekommen. Sein allzu spätes Eingeständnis, mit 17 Jahren Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, hat die Nation im Sommer 2006 wochenlang bewegt. Vor allem konservative Geister, die der linksliberale Grass zuvor vielfach mit polemischen Äußerungen verärgert hatte, witterten nun ihre Chance auf Revanche. Sie warfen ihm anmaßende Selbstgerechtigkeit vor. Aber waren sie selbst frei davon?

Das Lebenswerk des Mannes, der am 16. Oktober 80 Jahre alt wird, hat jedoch Bestand. Und sein Publikum hat treu zu ihm gehalten. Zudem wird schon seit Jahren eifrig für seinen Ruhm gesorgt. Eine umfangreiche Werkausgabe im Steidl-Verlag versammelt die Schriften für die Nachwelt.

Einen „lebenslustigen Pessimisten” hat sich Günter Grass einmal selbst genannt. Wahrhaftig gibt es ja den „barocken” Genussmenschen Grass, der seine Gäste gern als meisterlicher Koch verwöhnt. Doch man kennt auch den mürrischen Mann, für dessen Empfinden der Fortschritt gar zu schneckenhaft kriecht. In einer Phase freilich, um 1968, wollte Grass selbst die Entwicklung lieber bremsen und in Richtung Sozialdemokratie lenken. Der SPD hat er sich zeitweise mehr verschrieben, als es einem unabhängigen Autor guttun konnte.

Allein die Tiergestalten, die zentral in seinen Büchern vorkommen, liefern reichlich Stoff: „Die Vorzüge der Windhühner” (Lyrik-Erstling, 1956), „Katz und Maus” (1961), „Hundejahre” (1963), „Aus dem Tagebuch einer Schnecke” (1972), „Der Butt” (1977), „Die Rättin” (1986), „Unkenrufe” (1992) und „Im Krebsgang” (2002). Zwei philosophierende Ratten traten schon im Theaterstück „Hochwasser” (1957) auf.

Die Bildkraft dieser Menagerie beruht nicht auf Zufall. Grass, der eine Steinmetzlehre und Kunstakademien in Düsseldorf und Berlin absolvierte, hat literarische Einfälle stets anhand eigener Skulpturen oder Graphiken überprüft. Bei dem ungemein schöpferischen Autor ist kaum auszumachen, ob etwa ein Roman ursprünglich aus Bildern hervorgegangen ist –oder ob sprachliches Fabulieren den ersten Keim gesetzt und Bilder nach sich gezogen hat. Am Anfang war das Wort? Nicht unbedingt.

Unstrittig lässt sich der zentrale Ort im literarischen Universum des Günter Grass bestimmen: seine Geburtsstadt Danzig, ein Brennpunkt geschichtlicher Verwerfungen des 20. Jahrhunderts. Aus dem Fundus seiner Kindheit hat Grass unvergessliche Geschichten geschöpft.

Über Oskar Matzerath und die „Blechtrommel” (1959) herrscht Einvernehmen: Der Roman bedeutete den „Durchbruch” der deutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Er galt als Fanal gegen die Verdrängung der Nazi-Vergangenheit, obgleich er weder politisiert noch moralisiert, sondern die Zeitläufte mit saftigen Figuren darstellt.

Nach Erscheinen seiner Bücher überwog meist vorschnelle Erregung, denn Grass mischte sich vehement in gesellschaftliche Fragen ein. Wortgewaltig malte er die Apokalypse einer zerstörten Umwelt („Die Rättin”) oder begab sich in die Untiefen des Matriarchats („Der Butt”).

Er ist kein gewöhnlicher Schriftsteller, sondern ein Repräsentant, dessen Meinung zu vielen Themen gefragt ist – wie einst Thomas Mann, dessen Geburtsstadt Lübeck sich Grass zur Wahlheimat erkor. Beiden Größen widmete die Hansestadt Gedenkorte: Buddenbrook-Haus und Grass-Haus sind Pilgerstätten.

Feindselige Regungen hat Grass oft zu spüren bekommen. Für horrende Hysterie sorgte 1995 sein Roman „Ein weites Feld”. Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki zerriss den Band auf einem „Spiegel”-Titelbild buchstäblich in der Luft. Im Angesicht verflossener Zeit wirken solche Aufregungen geradezu lachhaft.




„Geliebte Jane“: Der Wille zur Romanze

Wie wird eine kluge Frau um das Jahr 1795 zur Schriftstellerin? Wie war das beispielsweise bei Jane Austen, die Klassiker wie „Stolz und Vorurteil” verfasst hat? Solche Fragen will der Film „Geliebte Jane” nicht nur stellen, sondern für alle Zeit beantworten.

Die Britin Jane Austen (1775-1817) galt den Biographen lange Zeit als „ältliche Jungfer”. 2003 erschien dann ein Buch von John Spence, der herausgefunden haben wollte, dass es doch eine leidenschaftliche Affäre gab, die Jane für ihr restliches (allzu kurzes) Leben geprägt hat. Ohne diese Episode, so die These, wäre sie eine ganz andere oder womöglich gar keine Autorin geworden.

Diesen Befund nimmt sich Julian Jarrolds Film so sehr zu Herzen, dass er ihr Schaffen fast nur aus diesem amourösen Punkt heraus zu erklären sucht. Es herrscht der Wille zur Romanze. Zu diesem Zweck wird Jane zur unwiderstehlichen Schönheit stilisiert: Die zarte, aparte Anne Hathaway spielt den Part. Schon ist man geneigt, an Liebe zu glauben. Entzückend!

Die Sache ist die: Ihre Eltern wollen Jane in eine Versorgungsehe mit dem furchtbar linkischen, maulfaulen, aber begüterten Mr. Wisley drängen. Jane müht sich, ihm und der Entscheidung aus dem Wege zu gehen. Quasi punktgenau taucht der sprühend intelligente junge Ire Tom Lefroy (James McAvoy) auf. Der macht sich anfangs nur lustig über das Landei Jane. Sie dreht sich im provinziell braven Tanze, er zeigt ihr danach die wüsten Boxbuden auf dem Jahrmarkt. So roh ist das Leben, Verehrteste!

Gegen Toms arrogante Attitüden setzt sie sich empört, dann seufzend zur Wehr. Vergebens! Die beiden verdrehen einander die Köpfe. Das ist nett anzuschauen, weil durchweg pittoresk ins Bild gesetzt und sehr ordentlich gespielt. Ein Kostüm- und Konversationsfilm mit kleinen, feinen Kamera-Seitenblicken für ironiehaltige Momente. Wo Fassung und Formen noch so streng gewahrt werden, gibt’s viel zu grinsen.

Leider ist auch besagter Tom finanziell abhängig – von seinem Onkel, einem „Kopf-ab”-Richter. Der mag die Liaison mit Jane partout nicht billigen, die für seine Begriffe zu frech und eigenständig denkt. Und schon zieht sich der Feigling Tom zurück. Geld frisst Liebe, Patriarchat tötet Gefühle.

Folge: Jane schreibt ihr Leiden fiebrig nieder und wird somit flugs zur großen Schriftstellerin. Diesen vorbestimmten, wundersamen Wandel freilich kann der Film nicht beglaubigen. Nicht jede Frau, die wir im Kino schreiben sehen, geht ohne weiteres als gereifte Schriftstellerin durch. Diese Jane ist einfach zu schön, um wahr zu sein.




„Ein fliehendes Pferd“: Beziehungsstress am Bodensee

Das ist fürwahr ein Alptraum, man stelle sich vor: Alter Schulkollege taucht nach 25 Jahren unverhofft auf – blutjunge Blondine im Schlepptau. Der Kerl gibt sich sturzvital, heftet sich penetrant an deine Fersen und gibt dir immer wieder nassforsch zu verstehen, wie falsch und fade du lebst. Und dann macht er sich flugs an deine Frau heran.

So erleidet’s in Martin Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“ (1978) der bedauernswerte Studienrat Halm. Rainer Kaufmann („Die Apothekerin“) bringt den behutsam umgemodelten Stoff jetzt mit prominenten Akteuren ins Kino. Sie holen aus der Tragikomödie tatsächlich etliche komische Nuancen heraus.

Klaus heißt die Kanaille. Mit jedem Wort lässt er den Deutsch- und Geschichtslehrer Halm spüren, dass dessen Alltag in blutleerer Routine erstarrt ist. Und er hat damit gar nicht so unrecht. Selbst im Urlaub löst und lockert sich nichts: Helmut Halm (Ulrich Noethen) und seine Frau Sabine (ihre wohl beste Rolle seit langem: Katja Riemann) verbringen seit vielen Jahren rituelle Ferien am Bodensee. Dort kann – anders als im Buch – der behäbige Halm in aller Frühe und Stille die heimische Vogelwelt beobachten. Der Ruf einer Rohrdommel als Höhepunkt des Tages. Nicht sonderlich aufregend. Der virile „Macher“ Klaus Buch (rasant: Ulrich Tukur) belustigt sich drüber und geht lieber auf Segeltörns – am liebsten bei gehöriger Gischt oder gar mitten im Gewittersturm. Heißa!

Jeder Satz ein Gegen-Satz, jede Tat ein Affront. Klaus drängt Sabine zur Untreue, während Halm sich eher verdattert in dessen Gespielin Helene (Petra Schmidt-Schaller) verguckt. So lädt sich die missliche Konstellation auch noch sexuell auf. Halm wahrt eine Zeit lang krampfhaft die Selbstbeherrschung. Aber dann! In dem bisher so stillen Mann schwellen Todeswünsche an. Ulrich Noethen macht den Zwiespalt erschütternd glaubhaft. Da tun sich Risse auf.

Drehbuch und Darsteller mussten die vielen inneren Monologe der Novelle in Handlung, Gestik und Mimik übertragen. Dem Ensemble-Quartett gelingt dies mit Bravour, auch Martin Walser soll’s gefallen haben.

Hinter all dem Dampf-Geplauder lässt der famose Ulrich Tukur Spuren von Verzweiflung durchscheinen, als nehme dieser Klaus gerade seine letzten Chancen wahr. Wie aus dem Nichts ist er aufgetaucht, wie ein Spuk verschwindet er schließlich. Das Ehepaar Halm ist wieder mit seinen (nunmehr aufgewühlten) Enttäuschungen allein. Gehen sie einander an die Gurgel? Beinahe. Doch dann fassen sie einen geradezu heldenhaften Entschluss . . .




Über Bücher reden, die man nicht kennt

Für die etwas edleren Anlässe könnte es ein nützlicher Leitfaden sein. Der französische Literaturprofessor Pierre Bayard weist uns in eine Kulturtechnik ein, die viele schon immer beherrschen wollten. Sein Buch heißt klipp und klar „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat.”

Nun ist der Monsieur, wie gesagt, Professor. Er bietet keine Larifari-Ratschläge an. Mit hochkarätigen Beispielen aus der Literatur beweist er Schritt für Schritt, dass Lektüre eine sehr relative Angelegenheit ist. Am Rande: Ich habe sein Buch komplett gelesen. War’s vergeudete Lebenszeit?

Die Lektionen beginnen mit dem Romancier Robert Musil. Der ließ im Jahrhundertwerk „Der Mann ohne Eigenschaften” einen Bibliothekar auftreten, welcher angesichts der schier unendlichen Masse möglichen Lesestoffs just nur noch wenige, streng ausgesuchte Bücher las. Welche? Nur noch die, die ihm „Überblicks-Wissen” boten, mit dem man alle ungelesenen Bücher souverän einordnen und bewerten kann.

Völlig ohne Anstrengung geht’s also nicht. Man muss etwas gelesen haben, um danach über Ungelesenes reden zu können. Doch es drängt sich diese etwas frivole Schlussfolgerung auf: Romanführer oder Rezensionen bringen schnelleren Bescheidwisser-Effekt als lästig lange Originalwerke. Da genügt es, wenn man flott querliest. Bestenfalls.

Auch der berühmte französische Lyriker Paul Valéry wird in den Zeugenstand gerufen. Dieser Dichter hat umfangreiche Aufsätze und Nachrufe ganz bewusst ohne Kenntnis der jeweiligen Werke verfasst. Ein paar Seiten Marcel Proust („Auf der Suche nach der verlorenen Zeit”) reichten ihm, um über dessen schriftstellerisches Verfahren so zu dozieren, dass es halbwegs kundig klang. Probate Methode: Man schlägt irgend eine beliebige Seite auf – und findet überall eine typische Essenz des Autors.

Weiter geht’s mit Lernschritten anhand von Umberto Eco („Der Name der Rose”), Shakespeare und Montaigne („Essais”), der jede Lektüre so rasch vergaß, dass sein Lesen bald dem Niemals-Gelesenhaben glich. Daraus folgert Bayard, dass man erst gar keine Gewissensbisse haben soll, wenn man ein Buch nicht kennt. Man vergisst es ja eh.

Sodann betrachtet der Professor mehr oder weniger knifflige Gesprächssituationen, in denen literarische Kenntnisse gefragt sein könnten. Frech gewagt ist halb gewonnen, ermuntert uns Bayard – in schlau eingefädelten, doch etwas weitschweifigen Übungen.

Wenn wir über Literatur sprechen, hat ohnehin jeder sein eigenes, höchst fragmentarisches „Phantombuch” im Sinn. Eben das macht Gespräche ja anregend. Und wenn man den fraglichen Band gar nicht goutiert hat, macht das nichts. Im Gegenteil: Dann hat man sogar noch mehr Freiheiten beim Reden.

Auch die klügsten Gesprächspartner wissen längst nicht alles – genau wie wir selbst. Bildungslücken hat jeder, man muss sie beim Plaudern nur geschickt und selbstbewusst umschiffen. Willkür-Beispiel, nicht von Bayard: Einfach mal keck behaupten, dass Günter Grass ein Stümper ist. Wenn Widerspruch kommt, wird einem schon eine Replik einfallen. Es reicht ja, wenn man Grass mal im Fernsehen erlebt hat und von der Person aufs Werk schließt. Falls das nicht wirkt? Geordneter Rückzug mit „wissendem” Lächeln…

Die Rezepte taugen auch für Berufskritiker. Honoré de Balzac hat es im Journalisten-Roman „Verlorene Illusionen” gültig vorexerziert. Ein wendiger Rezensent preist und verreißt dort nach Gutdünken – ohne jemals in die Bücher geschaut zu haben. Das Ganze erweist sich als zynisches Spielchen um Macht und Einfluss. Wer „das Sagen hat”, kann jeden Unfug in die Welt setzen. Hat da jemand „Literaturpapst” gerufen?

Zwischendurch funkelt es auch schon mal ironisch, doch im Grunde meint Bayard es ernst. Erst recht am Ende, wenn es sinngemäß heißt: Jedes Buch ist letztlich nur Anstoß für ein Gespräch über uns und unser Leben. Man soll sich deshalb nicht sklavisch an Texte halten, sondern selbst schöpferisch werden. Klingt doch human.

Pierre Bayard „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat.” Kunstmann Verlag, 220 Seiten, 16,90 Euro.

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  • Bayard ist nicht nur Literaturprofessor in Paris, sondern auch seelenkundiger Psychoanalytiker. Sein Buch war in Frankreich ein Bestseller und erscheint jetzt gleich in dreizehn Ländern.
  • Ein prägnantes Zitat aus dem Buch stammt vom Schriftsteller Oscar Wilde, der empfahl, sich höchstens zehn Minuten mit einem Buch zu befassen: „Um Lage und Wert eines neuen Weines zu bestimmen, braucht man kein Fass leerzutrinken.”



Aus der Provinz ins Herz des Bösen – „Tannöd“-Autorin Andrea Maria Schenkel legt ihren zweiten Krimi „Kalteis“ vor

Von Bernd Berke

Alte Regel der Literatur: Das zweite Buch ist oft das schwerste. Dies gilt wohl auch für Andrea Maria Schenkel, die gleichsam aus dem Nichts heraus mit dem durchaus achtbaren Krimi „Tannöd“ einen verblüffenden Bestsellererfolg erzielt hat. Seit gestern ist der Nachfolger „Kalteis“ auf dem Markt. Was ist dran?

Schon der Wortlaut des Titels klingt artverwandt. Vor allem aber hat Frau Schenkel die Machart ihres Erstlings als Masche aufgegriffen. Wieder geht es um einen historischen Kriminalfall, wieder um mehrfachen Mord.

Erneut ist Bayern der Schauplatz, was (sprachliches) Regionalkolorit nach sich zieht – über bloße Folklore hinaus. Und abermals hat die Autorin quasi nach Aktenlage“ geschrieben, sprich: Sie hat sich fleißig in Archiven umgesehen. Um etwaige Plagiatsvorwürfe (wie sie bei „Tannöd“ erhoben wurden) von vornherein auszuschließen, nennt sie ihre Quellen im Nachspann ganz penibel.

Die Geschichte spielt in den 30er Jahren. Gleich der Einstieg zitiert ein NS-Dokument vom Oktober 1939, das den Fall „abschloss“. Darin werden die sofortige Hinrichtung des Täters und absolute Geheimhaltung verfügt, der Serienmörder war „Arier“ und NSDAP-Mitglied.

Das wollen die Nazis nicht wahrhaben: Dass einer der Ihren, der sich als „aufrechter Deutscher“ gerierte, ein Vergewaltiger und Sexualmörder war, der immer wieder jungen Mädchen auflauerte.

Die Mischung des Erstlings als Masche aufgegriffen

Sodann werden Tathergänge rück- und vorwärts abgetastet – mit der vom Erstling her bekannten Mischung aus Erfindung und Dokumenten. Im Grunde stehen Täter wie Opfer früh fest, doch die literarische Montage verrätselt die Abläufe durch Zeit- und Perspektiv-Sprünge – eine forcierte Unübersichtlichkeit.

Schenkel rückt ihren Figuren gern mit dem Präsens ganz nah zuleibe. Dabei gelingen ihr durchaus spannende, dichte Passagen von schlichter Eindringlichkeit. Doch es sind keine ausgeführten Charaktere, die dabei entstehen, sondern soziale Typen. Welche Dramen sie erleben, steht bereits durch ihre Herkunft fest.

Diese Vorbestimmung trifft auch auf die blutjunge Kathie zu, die aus ärmlichen Verhältnissen der bayerischen Provinz nach München kommt, um hier ihr Glück zu machen. Dass ihre rührend naiven Träume nie wahr werden, fürchtet man sogleich. Zwar werden ihr ein paar eigene Attribute angeheftet, doch auch sie gewinnt wenig individuelle Kontur.

Nach und nach verliert diese Kathie in der Großstadt (Sittenbild über Sodom, Gomorrha und Gonorrhoe) jeglichen Halt und gibt damit ein ideales Opfer für begehrliche Männer ab. Man weiß: Dies wird ihr früher oder später zum Verhängnis werden. Zumal die Gewalttaten gegen andere junge Frauen derart detailsatt und drastisch geschildert werden, dass man schon von voyeuristischen Anwandlungen sprechen kann. Nur gut, dass dies kein Mann phantasiert hat. Andrea Maria Schenkel senkt ihre Sonden also wieder ins finstere Herz des „absolut Bösen“; ganz so, als gelte es, einen beschwörenden Exorzismus einzuleiten.

Durch „Tannöd“ dürfte der kleine Hamburger Verlag Edition Nautilus auf Jahre hinaus saniert sein. Hat das Lektorat Andrea Maria Schenkel etwa geraten, auf bewährte Manier in der Erfolgsspur zu bleiben? Wäre man gemein, so würde man dies „Wiedervorlage-Literatur“ nennen. Diese Autorin kann vermutlich mehr.

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ZUR PERSON

Senkrecht gestartet

  • Andrea Maria Schenkel wurde 1962 in Regensburg geboren. Sie lebt mit Familie in Nittendorf bei Regensburg.
  • Ihr Debütroman „Tannöd“ war ein Senkrechtstart und führte viele Wochen lang die Bestsellerliste an. Auflage bislang: etwas über 250 000 Exemplare.
  • Sie erhielt den deutschen Krimi-Preis und den „Glauser“ (fürs beste Krimi-Debüt).
  • Die dreifache Mutter verriet, sie habe ihren Erstling heimlich geschrieben – abends, wenn die Kinder im Bett lagen.
  • Startauflage des neuen Buches: 50 000 Stück.
  • Derzeit arbeitet sie bereits an ihrem dritten Werk. Diesmal soll es eine frei erfundene Geschichte sein.

 




Diese teuflischen Sommernächte – Martin Mosebachs Roman „Der Mond und das Mädchen“

Von Bernd Berke

Jede Menge Zukunft in Sicht: Junger Mann heiratet Tochter aus gediegenem Hamburger Hause und tritt in Frankfurt seinen ersten Bankjob an. Alles bestens? Nicht ganz. Im neuen Roman des aktuellen Büchnerpreisträgers Martin Mosebach ist dem Paar schon mal kein gemeinsamer Hochzeitsurlaub vergönnt.

Stattdessen fliegt die elfenhafte, nicht gerade rauschend lebenstüchtige Ina erst mal mit ihrer Mutter nach Ischia. Derweil muss Hans im brüllend heißen Hochsommer schuften –  und überdies noch eine Wohnung fürs erhoffte Eheglück finden. Der Leser erfahrt: Sie haben einander so herzlich lieb, dass ihnen all das nichts ausmacht. Die Trennung auf Zeit soll gar die Freude aufs Wiedersehen steigern. Und überhaupt scheint dieser Hans ja ein „Hans im Glück“ zu sein. Märchenhaft.

Ein junges Paar wird gründlich irritiert

Doch unvermischtes Gelingen erzählt sich selbst als Märchen schwer. Also schleichen sich immer mehr Irritationen in die junge Beziehung ein. Erst ganz leise, irgendwann unabweislich – spätestens, als Hans eine aparte Nachbarin (Schauspielerin) kennenlernt. Dies führt bis zur Lebenskatastrophe -– und in einer unverhofften Schlussvolte gnädig darüber hinweg.

Hans‘ anfängliche Such-Streifzüge durch Frankfurt lesen sich wie ein Städtebau-Roman. Da werden höchst ortskundig die Vor- und Nachteile diverser Wohnviertel und Straßen erwogen. Schließlich bekommt Hans eine Art Entscheidungs-Anfall und nimmt eine Behausung am tosenden Baseler Platz, nah beim Rotlicht-Viertel. Was wird die giftigeSchwiegermutter dazu sagen?

Ist diese Wohnung des Teufels?

Gattin Ina macht dekorativ noch das Beste draus, doch irgendwie ist der Wurm drin. Diese Wohnung, so scheint’s, bringt Unglück, ist vielleicht gar des Teufels. Ein beängstigend umtriebiger marokkanischer Hausmeister und die bizarre multikulturelle Hinterhof-Gesellschaft, in die sich Hans zuweilen aus dumpfer Wohnungsenge flüchtet – sie wirken wie Boten aus einer kaum begreiflichen Welt. Einmal fällt sogar das Wort „Hexensabbat“. Uber allem hängt der zauberisch fahle Mond, der nachts das bleiche Mädchen Ina bescheint. Kurzum: ein Sommernachtstraum, in dem die Dingwelt ihr geisterhaftes Eigenleben führt und die Menschen wie betäubt sind…

Teufel und Hexen? Nun ja, Mosebach neigt zum Zeitenthobenen, zum Jenseits, zur Religion. Zuletzt hat er sich als vehementer Befürworter traditioneller (lateinischer) Formen der katholischen Liturgie tiervorgetan. Überhaupt ist er ein entschieden konservativer Geist, was sich auch in seiner Erzählweise mitteilt. Ruhig mäandern die epischen Sätze dahin, oft auch ein wenig behäbig. Der Erzähler nimmt uns fürsorglich an die Hand. Oft schein1 er „allwissend“ zu sein wie in den guten alten literarischen Zeiten. Gern lässt er altväterlich klingende Lebensweisheiten in den Redestrom einfließen. Etwa solche: „Eine Frau, die sich unterordnet, gewinnt an Einfluss…“

Man kann sich als Leser freilich auch wohlig aufgehoben fühlen – fern jeder angestrengten Avantgarde. Hier gibt es keine Experimente. In den besten Passagen fühlt sich Mosebachs Sprache an wie seidige Sommerluft. Und wie ein Hauch von gestern.

Martin Mosebach: „Der Mond und das Mädchen“. Roman. Hanser Verlag. 191 Seiten. 17,90 Euro.

Am Mittw., 28. November (19.30 Uhr), liest Mosebach in der Reihe „Kultur im Tortenstück“ im Dortmunder Harenberg City-Center aus dem Roman.

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ZUR PERSON

In Frankfurt verankert

  • Martin Mosebach wurde am 31. Juli 1951 in Frankfurt geboren.
  • Er hat Jura in Frankfurt und Bonn studiert.
  • Seit 1980 lebt er als freier Schriftsteller in der Main-Metropole.
  • Seine Verankerung in der Stadt erinnert an den Büchnerpreisträger von 2004: Wilhelm Genazino, dessen Figuren oft ziellos durch Frankfurter Vororte streifen.
  • Mosebach schrieb zuvor Romane wie „Das Bett“ (1983), „Westend“ (1992), „Die Türkin“ (1999) und „Der Nebelfürst“ (2001).
  • Der Büchnerpreis gilt als wichtigste deutsche Literatur-Auszeichnung. Die letzten Preisträger vor Mosebach: Wolfgang Hilbig, Alexander Kluge, Wilhelm Genazino, Brigitte Kronauer und Ostkar Pastior.



Elke Heidenreich und ihr Ekel vor zwei alten Männern – Literaturkritikerin attackiert Günter Grass und Martin Walser

Von Bernd Berke

Ach, wie sanftmütig und human geht es doch in den Gefilden der Literatur zu. „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, befand schon Schiller – und sah Dichter mit höheren Weihen gewiss als leuchtende Vorbilder. Doch in Wahrheit ist es leider oft anders.

Kaum ein Feld, auf dem so viel Missgunst und Eitelkeit herrschen wie im schöngeistigen Bezirk. Nicht von ungefähr gibt’s einen üppigen Sammelband mit dem Titel: „Dichter beschimpfen Dichter“. Mitunter führen sich Poeten und Romanciers wie die sprichwörtlichen Kesselflicker auf.

Ähnlich ruppig kann es zugehen, wenn prominente Literaturkritiker sich ins Spiel bringen. Aktuelles Beispiel: Die unappetitliche Fehde zwischen der Rezensentin Elke Heidenreich und den (hauptsächlich in Ehren) ergrauten Autoren Günter Grass und Martin Walser. Sie hat sich somit die selben Watschenmänner ausgesucht wie ehedem Marcel Reich-Ranicki. Nicht sonderlich originell.

Kürzlich hatte Heidenreich (fast penetrant bekannt durch die Sendung „Lesen!“ im ZDF) den beiden Großschriftstellern im Magazin „Cicero“ gleichermaßen „ekelhafte Altmännerliteratur“ bescheinigt. Jetzt legte sie im Gespräch mit der Illustrierten „Bunte“ noch einmal tüchtig nach. Zitat: „Meine Meinung ist in der Tat, dass mich Grass seit einigen Jahren langweilt und Walser geradezu abstößt.“ Es klingt beinahe wie die verbitterte Klage einer enttäuschten Gattin: Der Alte ist mir widerlich.

Sie schmökert praktisch alles weg

Zwischenzeitlich hatten Grass und Walser die erste Attacke einmütig zurückgewiesen. Allerdings mit untauglichen Mitteln. Sie hielten Heidenreich vor, seit Jahren nichts mehr von ihnen beiden gelesen zu haben. Gerade da kann man die Dame nicht packen. Sie schmökert praktisch alles weg, was nicht niet- und nagelfest ist. Ob sie ihre Lektüren stets gründlich oder auch schon mal flüchtig hinter sich bringt, das können wir kaum wissen.

Man wird Grass und Walser nicht ohne weiteres gegen jeden Vorwurf in Schutz nehmen wollen. Beide haben ihre zwielichtigen Seiten. Grass hat gar zu spät und verdruckst seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS eingestanden. Walser sich in der Frankfurter Paulskirche beinahe um Kopf und Kragen geredet, als er Gepflogenheiten des Holocaust-Gedenkens schmähte.

Doch mit schneidigen Anwürfen à la Heidenreich wird man weder den Werken noch der Wirkung gerecht. Überdies ist die „Bunte“ nicht gerade das deutsche Zentralorgan der gepflegten literarischen Debatte. Das Blatt kommt am liebsten dann auf Kulturschaffende zurück, wenn sich „People“-Tratsch aus ihrem Tun und Lassen destillieren lässt. Hechelnd hat man’s lesen sollen: Als Peter Handke sich einst von seiner Geliebten trennte, ist sogar sein huldvoller Name in die Spalten geraten.

Elke Heidenreich hat also genau gewusst, in welchem Umkreis sie den Mund öffnet – und wieder etwas von dem Kredit aufgebraucht, von dem eine seriöse Kritikerin zehrt.




„Berliner Orgie“: Im schäbigen Garten der Lüste

Vor seinen Feldforschungen für dieses Buch hat Thomas Brussig nach eigenem Bekunden nie ein Bordell betreten. Das ganze Milieu der käuflichen Sexualität war ihm völlig fremd.

Der Autor wird in „Berliner Orgie” nicht müde zu betonen, wie unwissend und „unschuldig” er sich ans Thema herangepirscht habe. Er bescheinigt sich selbst „die köstliche Freiheit des Naiven” und stellt klar, dass es auch im Verlauf seiner jetzigen Recherchen kein einziges Mal zum Äußersten gekommen ist. Das hatte er vorher seiner Frau versprechen müssen. Ist ja schon gut. Jetzt wissen wir’s: Brussig („Sonnenallee”) ist offenkundig kein Asphaltdichter, sondern ein Gegenbild zu abgebrühten, szenekundigen Poeten wie etwa Wolf Wondratschek.

Brussig hat sich also staunend in diversen Rotlicht-Vierteln und Sexhandels-Bezirken der Hauptstadt umgetan. Seine Wege führen vom miesen Straßenstrich bis zum vermeintlichen Edelpuff, von der schummrigen Kontaktbar über die Escort-Agentur bis zum weitläufigen Swingerclub und in Porno-Kinos.

Die Namen der Stationen lauten branchenüblich verheißungsvoll: „Lustgarten”, „Sexyland”, „Artemis”, „La Folie”, „Tempel-Oase” oder „Villa Venus”. Doch hinter den glitzernden Fassaden sieht’s oft ganz anders aus. Wer hätte das gedacht? Mal ehrlich: Ein guter Journalist hätte mindestens ebenso tragfähige Ergebnisse erzielt. Doch Brussigs Name macht sich natürlich besser auf einem Buchdeckel. Wofür Schriftsteller sich früher allerdings geniert hätten: Er war im Auftrag des Berliner Springer-Boulevardblattes „B. Z.” unterwegs. Der Zeitungsverlag zahlte die Spesen. Problem des Autors: Fast überall war’s schwierig, Quittungsbelege zu bekommen. Jedenfalls erhoffte sich die Zeitung wohl knackige Resultate.

Die liefert Brussig freilich kaum. Vielfach schildert er redlich und nüchtern die schäbige Ödnis der Etablissements, in denen meist routiniertes Abzocken (Nepp mit Schampus & Co.) angesagt ist. Die Metropole Berlin erscheint dabei vielfach als trübes, ja nahezu „totes” Gelände – und das zur angeblich so brünstigen Zeit der Fußball-WM 2006. Vom Weltstadt-Knistern keine Spur. Aus Brussigs Streifzügen erwächst denn auch ein (weitgehend negativer) Stadtführer; stets werden die besuchten Adressen benannt.

Zuweilen gibt sich Brussig geradezu rührend gestrig. Herkömmliches „Anbaggern”, so meint er, bestehe hieraus: „Kreide fressen, Mit-Blumen-Antraben, den Romantiker mimen, Schwüre schwören usw.” Ist das wirklich noch so? Immer erst glühende Schwüre, bevor es lustvoll ins Bett geht?

Beim Sex für Geld hingegen, so Brussig, herrsche allemal Sachlichkeit. Hier hätten die Frauen das Heft in der Hand, sprich: Die Huren bestimmen die Regeln. Klingt fast nach Befreiung – und ist sicherlich nur der kleinere Teil der Wahrheit. Übrigens glaubt Brussig den Mädchen und Damen des Gewerbes auch ihre standardisierten Lebensgeschichten, als könnten es keine Legenden sein.

Nur zweimal lässt sich der literarische Berichterstatter zur Begeisterung hinreißen. Nach einem Stelldichein im Swingerclub sinniert er: „Die Orgien haben starken Eindruck auf mich gemacht.” Über ein anderes Lusthaus (ohne würdeloses Gefeilsche um die Preise) heißt es sogar euphorisch: „Ich habe die Zukunft der Prostitution gesehen.” Ob dieser starke Werbespruch dort wohl bald über dem Eingang prangen wird?

Thomas Brussig: „Berliner Orgie”. Piper Verlag. 205 Seiten. 16,90 Euro.




Lesen vor Ort in Dortmund-Hörde – Zum Welttag des Buches: Wo kleine Läden die Stellung gegen Handelsketten halten

Von Bernd Berke

Welttag des Buches – ein Tag für die Leser. Aber auch ein Tag für den Buchhandel. Auf dem Markt geht es ruppig zu: Handelsketten machen kleinen, familiengeführten Buchläden immer öfter das Leben schwer.

Viele Geschäfte sind verschwunden, andere halten die Stellung. Ein Beispiel: die alteingesessene Buchhandlung Neumann im Dortmunder Ortsteil Hörde. Die WR sprach mit den Inhabern, Heinz-Jürgen Loheide und Tochter Claudia Krommes.

Ist Dortmund-Hörde ein guter Platz, um Bücher zu verkaufen?

Heinz-Jürgen Loheide: Wir sind mit unserem Standort zufrieden. Und wir freuen uns schon auf den Phoenix-See, der ganz in der Nähe entsteht. Der Stadtteil wird dadurch bestimmt attraktiver. Dann wird sich wohl auch der Mix des Publikums zum Vorteil verändern.

Wie sieht die Entwicklung in der Großstadt Dortmund insgesamt aus?

Loheide: Ähnlich wie im ganzen Land. Es herrscht ein Verdrängungswettbewerb, der inzwischen auch kleinere Städte erfasst. Die gesamte Dortmunder Innenstadt wird mehr oder weniger durch eine einzige Buchhandlung (Mayersche mit zwei Häusern, d. Red.) abgedeckt. Reine Freude kommt dabei nicht auf. Im Sog eines Großen muss man sich anders orientieren und sich spezialisieren. Wir verkaufen vor allem Schulbücher – auch in andere Städte. Es gibt inzwischen EU-weite Ausschreibungen für Schulbücher, deshalb können und müssen wir uns auch in weiter entfernten Regionen bewerben.

Was bedeutet der „Welttag des Buches“ für Sie?

Loheide: Im Prinzip ist es immer gut, für das Buch zu werben. Aber man muss eine Menge tun, um Resonanz zu erzielen – nicht nur am „Welttag“. Wir beraten beispielsweise Schulen beim Aufbau ihrer Büchereien…

Claudia Krommes: Gelegentlich veranstalten wir auch kleine Lesungen – oder Aktionen für Kinder. Aber: Ob der „Welttag“ wirklich hilft, wage ich fast zu bezweifeln. Es gab ja kürzlich diese Meldung, dass zwei von drei Kindern zu Hause nichts vorgelesen bekommen. Ich fürchtet dass diese Einschätzung stimmt. Da sind die Eltern viel, viel mehr gefragt. Übrigens: Kinder hören gern dieselbe Geschichte mehrmals. Da muss man nicht immer gleich ein neues Buch kaufen.

Sind Bücher denn zu teuer?

Krommes: Manche glauben das, es ist aber wohl nicht richtig. Taschenbücher liegen nach wie vor meist unter der 10-Euro-Grenze, Hardcover unter der 20 Euro-Grenze. Hörbücher werden tendenziell billiger. Und es gab zuletzt viele günstige Sonderreihen, so dass die Preise sogar im Schnitt leicht gesunken sind. Was immer noch nicht allen bewusst ist: Wegen der Buchpreisbindung sind die großen Anbieter nicht günstiger als die kleinen. Gäbe es die Preisbindung nicht, so würden nur die Großen profitieren, die beim Einkauf höhere Mengenrabatte erzielen.

Wie wichtig ist die Bestsellerliste?

Krommes: Sehr viele Leute halten sich daran. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob die gekauften Bestseller immer gelesen werden. Manches dürfte nur fürs Regal sein. Aber ich will micli nicht beschweren. Auch davon leben wir ja. Entscheidend sind immer die Wünsche der Kunden.

Sellerlisten sind aber nicht der einzige Orientierungspunkt. oder?

Loheide: Nicht, weil S i e mich das fragen, sondern weil’s wahr ist: Wenn bestimmte Bücher in den regionalen Tageszeitungen erwähnt werden, merken wir das gleich am gestiegenen Interesse. Das ist für uns wichtiger als der Auftritt eines Autors in einer Fernseh-Talkshow.

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HINTERGRUND

Katalanischer Brauch als Ursprung

  • Der Welttag des Buches geht auf eine Initiative der weltweiten Kulturorganisation Unesco zurück.
  • Ursprung ist ein alter kaltalanischer Brauch: Am 23. April, zum Namenstag des Volksheiligen St. Georg, schenkt man sich dort seit jeher Rosen und Bücher.
  • Weitere Bedeutung des 23. April: Es ist der Todestag der berühmten Autoren Miguel de Cervantes und William Shakespeare.
  • Seit 1996 wird der Welttag des Buches auch in Deutschland gefeiert – mit zahlreichen Aktionen in Buchhandlungen, Verlagen, Schulen, Bibliotheken.
  • Nähere Informationen, auch zu einzelnen Veranstaltungen in der Region: www.welttagdesbuches.de

 




Wein, Weib und funkelnder Witz – „Denken wir uns“: Die letzten Erzählungen des verstorbenen Robert Gernhardt

Von Bernd Berke

Die meisten Rockgruppen machen es so: Am Beginn eines Albums stehen eingängige Titel. Robert Gernhardt (1937-2006) verfährt in seinem letzten Erzählband anders: Er stellt die vertrackteste Geschichte nach vorn. Danach wird alles leichter.

Sämtliche Erzählungen beginnen rituell mit den selben Worten: „Denken wir uns…“ Das klingt fast so traulich wie „Es war einmal“. Der Erzähler denkt sich vielerlei: den Kinderkarneval des Jahres 1944 mit ärmlichem Kostümwettstreit, den Lesesaal einer toskanischen Abtei, Delft im 17. Jahrhundert, das Weltgericht, ein junges Paar auf Bildungsreise – und das bittersüße Leben überhaupt.

Da hat ein erfahrener, seiner Wirkungen sicherer Autor noch einmal reiche Ernte gehalten und seinen Weltkreis ein letztes Mal ausgeschritten – mal munter, mal melancholisch; zwischen den Gravitationspunkten Wein und Weib, Hessen und Italien, zwischen Glück, Glanz, Ruhm und deren üblen Gegenkräften.

Tradition der fröhlichen Tafelrunde

Gernhardt belebt hier vielfach eine alte, im besten Sinne volkstümliche Erzähltradition, nämlich die einer Tafelrunde. Sprich: Ein paar Leute sitzen in der Kneipe und tischen im edlen Wettstreit Hörenswertes auf. Tendenz: feuchtfröhlich, doch auch von Weisheit durchtränkt. Lustvolle Leichtigkeit triumphiert dabei immer mal wieder über bloße Bildungshuberei. Beispielhaft wird’s in jener Episode, die uns ein närrisch verliebtes Paar im Leonardo-Museum zeigt.

Geschichten seien Gefäße für den flüchtigen Lebensstoff, heißt es an einer Stelle. Sie gehen selten bruchlos auf, auch fehlt mitunter die Pointe. Mit diesem Befund jongliert Gernhardt allerdings so, dass die Pointenlosigkeit eben doch mit Witz funkelt.

Auch etwas gröbere Mittel wendet Gernhardt feinsinnig dosiert an: Die bestürzende Wehklage des greisen mittelalterlichen Dichters Walther von der Vogelweide („Oweh, wohin sind entschwunden alle meine Jahre?“) steht im säurehaltig komischen Kontrast zu den haltlosen Aufmunterungen eines Senioren-Animateurs. Wie hohl klingen da all die sozialpädagogischen Sprüchlein!

Weil’s so schön ist, noch ein Beispiel: Überirdisch still ist es auf den Gemälden des Jan Vermeer. Gernhardt stellt sich vor, wie der Lärm des Tages in die Stube des Künstlers gedrungen sein mag. Vermeers Frau möchte putzen und stürmt samt Kinderschar herein. Töchterchen Saskia will gleich Papas Terpentin austrinken, und überhaupt geht’s hoch her.

Schluss mit dem Krach. Sie mögen ruhen in Frieden. Vermeer – und Gernhardt.

Robert Gernhardt: „Denken wir uns“. Verlag S. Fischer, 238 S., 18,90 €.

 




Kleiderhaken bürgen für Qualität – Max Goldts Buch „QQ“

Wenn man mal wieder nicht so recht weiter weiß im (Gesellschafts)-Leben, dann ist es an der Zeit, Max Goldt zu lesen. Er weist Wege, er schlägt Schneisen.

Sein neuer Band heißt „QQ”. Das Kürzel steht angeblich für „quiet quality”, also stille Güte. Nun ja. Gewiss. Der begnadete Kolumnist des Satireblattes „Titanic” steuert stets einen Schlingerkurs. Er kommt gedanklich von Hölzchen auf sonstwas, so dass man oft fürchtet: Jetzt trägt es ihn wirklich aus der Kurve, das kriegt er nicht mehr heil über die Runden. Doch man täuscht sich. Über dem assoziativen Gewimmel waltet denn doch sein gesunder Menschenverstand, der sich durch keine herrschende Meinung, keinen Trend und keinen Lifestyle blenden lässt.

Was lernen wir diesmal? Beispielsweise etwas über den Unterschied zwischen dem klugen und dem dusseligen Staunen. Zitat: „ . . . man sollte selbstdisziplinarische Maßnahmen ergreifen, um nicht an jene Grenze zu stoßen, hinter der das Staunen in Gaffen und entfesseltes Plappern übergeht.” Es folgt ein aberwitziges Beispiel: Jemand wird auf einer Party einem Moraltheologen vorgestellt, worauf man eben verschieden reagieren kann. Etwas weniger feinfühlige Variante: „Wow! Ich glaub, ich spinne: ein Moraltheologe! Ich dachte, die gäbe es nur im Fernsehen . . . Darf ich Sie mal fotografieren? Oh Schock, mein Akku ist fast alle . . .”

Mit Goldt sieht und hört man genauer hin: Da lernt man etwa den blasierten TV-Komponisten kennen, der für alle möglichen Sendeformate immerzu Mönchschöre einsetzt. Ferner geht’s um die bestürzend putzige Wesensart jener Frauen, an deren Handtaschen Teddy-Figürchen baumeln. Auch das soziale Prestige von Serien-Schauspielerinnen bei gewissen Privatsendern wird zeitdiagnostisch erörtert, es ist demnach vergleichbar mit dem eines Losverkäufers im Zoo. Wie präriehundsgemein!

Liebevoll geraten hingegen die kleinen Porträts wunderlicher alter Damen, die das Bild wahrer Großstädte laut Goldt mehr bereichern als jede schrille Jugend-Fraktion. Man schlürft dabei Formulierungen wie diese hier: „. . . während die andere mehr dem Typus des glückhaft im Eigenleben versumpften ,alten Mädchens‘ entsprach.”

Zwischendurch zerpflückt Goldt einen ebenso branchenüblichen wie bodenlosen Kritikersatz („Radikale Bestandsaufnahme des Lebensgefühls einer Generation”) in seine dummdreisten Bestandteile. Der Beitrag gehört in künftige Leitfäden für Leute, die über Kultur schreiben.

Ein Ausflug führt sodann in diverse Gaststätten. Als ein Qualitätsmaßstab wird da die Anzahl der Kleiderhaken hinzugezogen. Je mehr davon, umso solider und bodenständiger das Lokal! Sagen wir’s folglich mal so: Dieses Buch von Max Goldt ist ungelogen randvoll mit Kleiderhaken.

Max Goldt: „QQ”. Rowohlt Berlin, 156 Seiten, 17,90 €.




Martin Walser wird 80: Panoptikum der Mittelschicht

Handelsvertreter, Chauffeur, Werbefachmann, Studienrat, Leitender Angestellter einer Zahnersatz-Firma. Schon ein Auszug aus der Berufsliste, die Martin Walser in seinen Romanen erkundet, lässt ahnen: Hier ist einer durch etliche Untiefen des Kleinbürgertums gewatet. Der literarische Schwerarbeiter wird morgen 80 Jahre alt.

Der Gastwirtssohn vom Bodensee hat, wenn schon kein literarisches Universum, so doch ein schattierungsreiches Panoptikum der deutschen Mittelschicht errichtet.

Des Kleinbürgers ständiger Zwiespalt ließe sich analog zur Bundesliga skizzieren: mal Abstiegsangst, mal Überlegenheits-Phantasien. Mit Walsers Büchern, angefangen bei den famosen „Ehen in Philippsburg” (1957) und der Anselm-Kristlein-Trilogie („Halbzeit”, „Das Einhorn”, „Der Sturz” – 1960 bis 1973), kann man das Innenleben solcher Gestalten mit allen Anpassungsnöten und Versagensängsten nachfühlen.

Walser zeigt Menschen, die halbwegs „nach oben” gekommen sind, am dringlichsten nach ihrem Zenit – in Phasen des Innehaltens, wachsender Isolation, eben bei der „Seelenarbeit” (Roman, 1979) des Scheiterns. Bezeichnend auch der Titel des Romans von 2006: „Angstblüte”. Dieser botanische Ausdruck meint das allerletzte Aufblühen vor dem Vergehen.

Dieser Schriftsteller will aber auch im Wort bewahren, was noch nicht vollends beschädigt ist. Anfangs mit ätzender Schärfe registrierend, verfolgt Walsers Prosa später ein „Rettungs-Programm”. Ungestillte Sehnsucht nach Harmonie tritt gelegentlich (etwa in „Der Lebenslauf der Liebe”, 2001) redselig, ja fast kitschig hervor. Oder ist es milde Altersweisheit, die gelten lässt und gönnt?

Wie viele große Autoren, so wurzelt auch Walser in einer Region. Was Dublin für Joyce war, Köln für Böll und Danzig für Grass, ist der Bodensee für Walser. Doch all diese Ortschaften erweitern und verdichten sich in den Büchern zur Welt.

Regional verwurzelt,
doch politisch
stark verwandelt

Auch dies wird man nebenbei erwähnen dürfen: Walsers vier Töchter Franziska, Alissa, Johanna und Theresia verkörpern in Literatur, Schauspiel und Malerei eine derart geballte Kreativität, wie sie zuvor allenfalls in Thomas Manns Familie zu finden war.

Zu Zeiten des Vietnamkrieges hegte Walser noch Sympathien für den Kommunismus („Die Gallistlsche Krankheit”, 1972). Wer hätte damals gedacht, dass er einmal als CSU-Gastredner in Wildbad Kreuth auftreten würde? Folgte er ehedem einem sozialistischen „Auftrag” an die Literatur, so hält er sich nun längst an geistige Leitfiguren wie Nietzsche und Heidegger.

Sehr zeitig hat Walser das Schmerzliche an der deutschen Teilung verspürt und benannt. Man müsse diese „Wunde” offen halten, befand er 1987. Seine Romane „Dorle und Wolf” (1987) und „Die Verteidigung der Kindheit” (1991) umkreisten abermals das Themenfeld.

Wer von Walser spricht, muss seine Paulskirchen-Rede von 1998 erwähnen, die seinem Ruf ungemein geschadet hat. Was als intime Äußerung im kleinen Kreis vielleicht hinnehmbar gewesen wäre, geriet zum öffentlichen Debakel. In seiner Dankrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verstieg sich Walser in ein Lamento gegen die „Instrumentalisierung des Holocaust” und verbat sich jede moralische Belehrung über die NS-Verbrechen.

Für manche klang es, als wolle der Autor die deutsche Schuld relativieren. Man kann schwerlich in seinen Kopf schauen: Doch eine solche Ungeheuerlichkeit hat er wohl nicht im Sinn gehabt. Auch als er 2002 in „Tod eines Kritikers” gegen seinen Lieblingsfeind Marcel Reich-Ranicki anging, war dies eher ein unbedachter Zungenschlag, eine Geschmacksverirrung.

Wahrhaftig liest sich hingegen Walsers Auseinandersetzung mit dem NS-Alltag im autobiographischen Kindheits-Roman „Ein springender Brunnen” (1998). Als hätte Goethe es geahnt: „Bilde, Künstler, rede nicht!”




Goethe: Liebe, Geld und weise Worte

Kinder, wie die Zeit vergeht: Goethes Tod ist morgen auch schon wieder 175 Jahre her. Ist denn nicht alles über ihn gesagt? Offenbar sind nicht mehr die ganz großen Würfe über den angeblich größten Dichter der Deutschen gefragt, sondern eher anregende „Häppchen” zu Werk und Leben. Gepflegte Lektüre-Anstöße für eilige Leser. Dabei muss es ja nicht bleiben.

Der Germanist Gero von Wilpert rückt mit seinem vergnüglichen Buch „Die 101 wichtigsten Fragen – Goethe” dem Phänomen recht nahe. Was man da lernt! Der Dichterfürst war im Altersdurchschnitt 1,74 Meter groß – so viel zum Thema „Größe”. Wir erfahren, wie der Olympier sich in verschiedenen Phasen seines Lebens gekleidet hat (teils ziemlich geckenhaft); dass er 12 bis 20 Prozent (!) seines Jahreseinkommens für Wein ausgegeben hat, aber ein unwirscher Raucher-Feind gewesen ist. Auch Hunde und Brillen hat er gehasst.

Weiter geht’s mit dem historischen Tratsch: Goethe hatte angeblich wenig Humor, schlief für gewöhnlich etwa von 22 Uhr bis 5 Uhr morgens, besaß rund 6500 Bücher, war Pazifist, verabscheute Revolutionen, verschmähte vermutlich Sex ohne Anflug von Liebe (die ihn freilich manchmal rasch ereilte). Er hat leidlich gezeichnet, war aber unmusikalisch.

Goethe hat stets knallhart mit seinen Verlegern verhandelt. Wie hoch waren seine literarischen Gesamteinnahmen zu Lebzeiten? Nun, sie werden auf 140 000 Taler geschätzt, was etwa 5 Millionen Euro entspräche. Und wie weit ist er gereist? Insgesamt rund 40 000 Kilometer, für die damalige Zeit beachtlich. Aber in den Metropolen Paris, London und Wien ist er nie gewesen. Doch als junger Mann wäre er um ein Haar nach Amerika ausgewandert.

Genug, lieber Gero von Wilpert, an dieser Stelle erst mal genug! Nur noch ein nettes Anekdötchen. Goethe trat als Intendant des Weimarer Theaters zurück, weil gegen seinen Willen ein Hund auf der Bühne erschien . . .

Zwei weitere Bände wollen uns die Goethe-Lektüre anhand von konzentrierten Auszügen schmackhaft machen. Holger Noltze, der an der Dortmunder Uni Musikjournalismus lehrt, offeriert das Bändchen „Goethe für die Westentasche”, alphabetisch nach Sachgebieten geordnet. Die 56 Kapitel (jeweils strikt auf zwei Seiten begrenzt, wie zähneknirschend mag Noltze da zuweilen gekürzt haben!) sollen ganz verschiedene Zugangswege eröffnen. Aufs Stichwort Internet folgt hier Iphigenie. Das genüsslich schweifende Interesse am Gegenstand findet dabei nicht nur Hauptstrecken, sondern auch ein paar exquisite Nebenwege. Wir finden hier übrigens auch die ersehnte Vergleichsziffer zur Körpergröße: Während Goethe – wie gesagt – 1,74 maß, brachte es Schiller auf 1,81 Meter. Jetzt wissen wir’s.

Manfred Wolf geht in „Leser fragen – Goethe antwortet” gleichfalls nach dem Alphabet vor. Auch dieser Band ist gewiss als Anregung, nicht als Ersatz für die eigentliche Goethe-Lektüre gemeint. Der Zitatenschatz reicht von Aberglaube und Alter bis Zufall und Zustand. Die Fragen werden gestellt, als befinde sich Goethe im Interview. Dann antwortet er mit seinen weisen Sentenzen.

Aus dem reichen Fundus hier drei Beispiele. Goethes gereimter Rat im politischen Streit: „Nichts wird rechts und links mich kränken, / Folg ich kühn dem raschen Flug; / Wollte jemand anders denken, / Ist der Weg ja breit genug.” Übers Lesen: „Man liest viel zuviel geringe Sachen, womit man die Zeit verdirbt und wovon man weiter nichts hat.” Und zum Lebensgenuss, recht rustikal: „Ohne Wein und ohne Weiber / Hol der Teufel unsre Leiber.”

Hier vorgestellte Bücher:

Gero von Wilpert „Die 101 wichtigsten Fragen”. C. H. Beck, 166 S., 9,90 Euro.
Holger Noltze: „Goethe für die Westentasche”. Piper, 128 Seiten, 9,90 Euro.
Manfred Wolf: „Leser fragen – Goethe antwortet”. Eichborn. 128 S., 9,95 Euro.

Außerdem neu:
Goethe: „Der Mann von 50 Jahren”. Novelle. Insel-Taschenbuch, 115 S., 8 Euro.
Goethe: „Sämtliche Gedichte”. Insel, Sonderausgabe, 1141 Seiten, 15 Euro.

Daten und Fakten:

Johann Wolfgang von Goethe wurde am 28. August 1749 in Frankfurt/Main geboren. Er starb am 22. März 1832 in Weimar – morgen vor 175 Jahren.
Berühmteste Werke: „Die Leiden des jungen Werther(s)”, „Faust”, die „Wilhelm Meister”-Romane und zahllose Gedichte.
Auch naturwissenschaftlichen Ehrgeiz hat er entfaltet, so etwa bei eingehenden Studien zum Zwischenkieferknochen. Doch seine Farbenlehre fand nicht den Beifall der Fachwelt.




„Tannöd“: Plötzlich ein Bestseller

Fast schon märchenhaft: Eine bislang völlig unbekannte Autorin hat Anfang 2006 im Hamburger Kleinverlag Edition Nautilus ihr Romandebüt mit dem wenig aufregenden Titel „Tannöd” vorgelegt. Jetzt führt das Buch auf einmal die Bestsellerliste an. Woran liegt es?

Zunächst gab es im Januar für „Tannöd” den Deutschen Krimipreis. Das hat schon mal ein wenig geholfen. Viel wichtiger noch: Kurz darauf war am 19. Januar die Schauspielerin Monica Bleibtreu bei Elke Heidenreich („Lesen!” im ZDF) zu Gast. Just Bleibtreu war es, die den „Tannöd”-Text fürs Hörbuch gesprochen hat. Sie dürfte Elke Heidenreich bewogen haben, das Buch (und damit die CDs) zu empfehlen, was prompt geschah: „Fabelhaft! Ein unglaubliches Buch”, befand die Vorleserin der Nation.

Von Stund‘ an ging’s rasant bergauf. Jetzt hat der Krimi von Andrea Maria Schenkel sogar Daniel Kehlmanns Dauerbrenner „Die Vermessung der Welt” von Platz eins verdrängt. In Zahlen: 2006 wurden etwa 15 000 „Tannöd”-Exemplare verkauft, seit Januar sind laut Verlag bislang rund 85 000 hinzugekommen. Inzwischen ist die zehnte Auflage gedruckt.

Und was ist dran am Buch? Der Roman spielt Mitte der 1950er Jahre in einem entlegenen bayerischen Dorf. Inständige Stoßgebete zwischen den kurzen Kapiteln deuten darauf hin, dass etwas Schreckliches geschehen sein muss. Es hebt eine ganze Reihe von Zeugenaussagen an. Nach und nach entsteht das grausame Bild einer Bluttat auf dem Tannöd-Hof.

Vor allem aber gerät der Roman zur vielstimmigen sozialen Feldstudie mit regionalem Kolorit. Hofnachbarn, Lehrer, Postbeamter, Pfarrer, Bürgermeister und viele andere äußern sich – meist misstrauisch und wortkarg. Ihre kleine Welt ist ins Wanken geraten, man munkelt von Gier und Geiz, von Inzest und anderen schlimmen Verfehlungen.

Nach dem Mord sind sie alle wie gelähmt vor Entsetzen. Dass so etwas in ihrem Ort passieren konnte! Noch dazu mitten in der Wiederaufbauzeit, als man endlich seine Ruhe haben will. Diese Ruhe aber ist höchst trügerisch . . .

Das immer dichtere Bündel der Spuren führt schließlich nicht nur zum jetzigen Täter, sondern auch zurück in den Krieg, als „Fremdarbeiter” aus Polen und Frankreich hier gelitten haben. Es lastet eine Art Fluch auf dem Dorf. Der Fluch einer allgemeinen Schuld.

„Tannöd” ist kein gewöhnlicher Krimi. Ein erstaunlicher Erstling, zielstrebig und treffsicher erzählt. Doch es kommt nicht nur auf solche Qualitäten an. Ohne Elke Heidenreichs Fürsprache hätte das Buch wohl wenig Chancen gehabt. Solcher Einfluss macht schon beinahe Angst.

Andrea Maria Schenkel: „Tannöd”. Edition Nautilus. 125 Seiten, 12,90 Euro.




Alltägliche Vorfälle in schmerzlicher Nahsicht – Wilhelm Genazinos Roman „Mittelmäßiges Heimweh“

Von Bernd Berke

Dieter Rotmund ist Controller in einer Frankfurter Pharma-Firma. Doch den Vor- und Nachnamen des Finanzexperten erfährt man erst an weit verstreuten Stellen im hinteren Teil des Romans „Mittelmäßiges Heimweh“. Tatsächlich muss die neue Figur des Büchner-Preisträgers Wilhelm Genazino ihre schüttere Identität mühsam behaupten.

Der 43-Jährige lebt, getrennt von Frau und Tochter, in einem lieblos möblierten Appartment und vereinsamt dort zusehends. Buchstäblich mit Controller-Blick streift er in seiner Freizeit durch die Stadt. Das heißt, er registriert das Verhalten seiner Mitmenschen sçhmerzlich genau.

Gleich anfangs verändert ein surrealer Vorfall sein „Leben in wortloser Verdutztheit“: Abends in einer Kneipe verliert er unversehens ein Ohr. Er lässt es liegen. .Später wird er noch einen Zeh vermissen. Einfach so. Beinahe schmerzfrei. Durch diese groteske Absonderung  wird ihm die Welt noch fremder.

Was nimmt er von seiner Umgebung wahr? Immer wieder Anzeichen der Verwahrlosung im Stadtraum. Menschen „mit Gesichtern wie niedergebrannte Kerzen“. Viele kleine Peinlichkeiten. Lärm, leere Betriebsamkeit, stumpfes Sich-Abfinden mit herrschenden Zuständen. Untiefen des Angestellten-Daseins zwischen lauen Büroflirts und trostloser Blödelei. Kurzum: etliches Mittelmaß, das jede Sehnsucht dämpft.

Rotmund rückt sogar zum Abteilungsleiter auf, doch das Chefzimmer in der 14. Hochhaus-Etage steigert seine Vereinzelung. Besucht er seine Frau Edith und Tochter Susanne im Schwarzwald, so zeigen sich auch dort immer größere Risse. Einzige, halbwegs tragfähige Verbindung zur Außenwelt ist seine Vormieterin. Doch auch mit der hat es schließlich seine armselige, betrübliche Bewandtnis…

Auf Rotmunds ziellosen Gängen durch Frankfurt sammelt dieser Roman eine hohe Dosis von Alltagsgeschehen in ungemein präziser Nahansicht ein. Genazino schreibt eine immens verdichtete Prosa, deren Fluss man sich getrost anvertrauen kann. Da gibt es keinen falschen Zungenschlag, sondern stets diesen verlässlichen Grundton der Zurückhaltung und der Verwunderung. Oft nah am Rande sanften Irrsinns, doch immer bereit zum Staunen – und empfänglich für unverhoffte Aussichten auf ein besseres Weiterleben.

Wilhelm Genazino: „Mittelmäßiges Heimweh“. Roman. Hanser. 189 Seiten, 17,90 Euro.

 




Die Wut des Dichters auf die ganze Welt – Neu im Kino: „Brinkmanns Zorn“

Von Bernd Berke

Ein Mann rennt rastlos umher und brüllt den Himmel an wie ein Berserker: „Elender gelber Scheiß-Himmel“. Und so weiter. Minutenlang. Mit stetig wachsender Wut.

Das ganze Dasein widert ihn an. Besondere Hasstreue fesselt ihn an seinen Wohnort Köln und all die „Fressen“, die er dort erblickt. Auch die Straßen und Häuser findet er unerträglich. Und überhaupt.

Mit ähnlichem Furor hat er die Unwirtlichkeit der Welt in seinen Texten beschworen. Der Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann (1940-1975) hat nicht nur fulminante Bücher wie „Westwärts l & 2″ hinterlassen, sondern auch stapelweise Tonbänder, auf denen er seine Leiden ausgespien hat. „Brinkmanns Zorn“ heißt der Film, der sich anmaßt, nachträglich in sein Hirn zu kriechen.

Basis sind die Tondokumente, die Brinkmann 1973 und 1975 einsam am Schreibtisch oder bei ziellosen Gängen aufgenommen hat. Wir hören also seine wirkliche Stimme: Lippensynchron agierende Darsteiler verkörpern ihn, seine Frau und den sprachbehinderten kleinen Sohn Robert.

Eckhard Rhode als Brinkmann wirkt bestürzend authentisch. Der große Unduldsame bewies nur dann Langmut, wenn er seinem Sohn das Sprechen beibringen wollte. Doch als er nur noch zürnte, verließ ihn die Frau und nahm das Kind mit.

Mit Brinkmann irrt der Zuschauer durch die wirren 70er Jahre. Der wilde Blick der Kamera krallt sich oft an mikroskopischen Details fest. Jede Kleinigkeit kann hier den Zorn auslösen. Sogar die seltsam verwaschenen Filmfarben jener Zeit hat Regisseur Harald Bergmann erzeugt. Eine innige Rekonstruktion also, die den Zuschauer tief hinein zieht – und zugleich radikal wegstößt.

Der rasende Wildwuchs der Bilder entspricht einer Flüchtigkeit, die irgendwie hinaus will aus der Welt – wie der Autor, dem auf Erden kaum zu helfen war. Oder etwa doch? In England hat er sich 1975 offenbar beruhigt. Mit anrührender Zuneigung sprach er über Cambridge und London. Umso schmerzlicher: Nach einer Lesung wurde er dort von einem Auto überfahren.




Wenn Autoren zu Autonarren werden – Bildband folgt berühmten Schriftstellern auf Fahrstrecken und in die Garagen

Von Bernd Berke

Literarischer Geist und Technik stehen einander fremd, ja feindlich gegenüber. So weit ein gängiges Vorurteil. Ein neues Buch räumt jetzt mit dem Unsinn auf. Es handelt von berühmten Schriftstellern, die Autonarren gewesen sind.

Viele Edelfedern gaben sich freilich nicht mit einem x-beliebigen Fahrzeug zufrieden. Aldous Huxley („Schöne neue Welt“) bevorzugte die Luxusmarke Bugatti, Hermann Hesse („Steppenwolf“) hielt es mit Mercedes, für Truman Capote musste es schon ein Jaguar sein. „Dschungelbuch“-Autor Rudyard Kipling und Krimi-Schriftsteller Edgar Wallace nahmen fürstlich im Rolls Royce Platz. Sie legten wohl auch Wert auf die hohe Lauf-Kultur der Motoren.

Der Pole Witold Gombrowicz („Ferdydurke“) hingegen schält sich – wie ein Foto zeigt –  aus einer verbeulten Citroën-„Ente“. Bescheidenheit war seine Zier, wenigstens in diesem Punkt. Motorradfan Samuel Beckett („Warten auf Godot“) fuhr ebenfalls diverse „Enten“, wegen arger Sehschwäche allerdings zuweilen fast im Blindflug.

Françoise Sagan war wohl die Schnellste von allen

Ulf Geyersbach hat für seinen mit aussagekräftigen Schwarzweiß-Fotos illustrierten Band „…und so habe ich mir denn ein Auto angeschafft“ (O-Ton Thomas Mann) liebevoll gründlich recherchiert. Er folgt den Geistesgrößen gleichsam bis in die Garagen. Auch schreibt er einen gepflegten, dem Gegenstand angegossenen Stil. Und so haben wir denn ein Weihnachtsgeschenk für kluge Autofans und aufgeschlossene Literaturliebhaber.

Reichlich perlen hier die Anekdoten. Im Verhältnis zum Auto zeigt sich stets ein Stück des Charakters. Françoise Sagan („Bonjour tristesse“) war, wie auch sonst im Leben, am Steuer rastlos; eine Raserin, die kein Risiko scheute und in diverse Unfälle verwickelt wurde. Sie lenkte u. a. Modelle von Maserati und Aston Martin.

James Joyce und Carl Zuckmayer galten nicht als Fahrkünstler, sondern als Könige des eleganten Aussteigens. Wenn sich der Wagenschlag öffnete, zelebrierten sie ihre Auftritte. Vladimir Nabokov nutzte ein Oldsmobile gar als Schreibstube: Auf der Rückbank soll er seinen Skandalroman „Lolita“ verfasst haben.

Als James Joyce im Taxi Marcel Proust ins Gesicht paffte…

„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ glitt Marcel Proust gern mit etlichen PS durch die Landschaft, verguckte sich in den einen oder anderen Chauffeur und billigte dem Auto erheblich mehr Poesie zu als der Bahn. Doch als der Raucher James Joyce („Ulysses“) einmal zu ihm ins Taxi stieg und den Asthmatiker Proust anpaffte, war der pikiert. Genies unter sich…

Auch Thomas Mann („Buddenbrooks“) lenkte nicht selbst. Der Patriarch ließ sich von Frau Katia und den Kindern chauffieren. Tochter Erika brachte es später immerhin zu Rallye-Erfolgen zwischen Finnland und Marokko. Ihr Vater hingegen schätzte Autos als schützende „Austern“ – gegen die Zumutungen der schnöden Welt.

Einen expliziten Auto-Verächter gibt es auch in diesem Kabinett. Robert Musil („Der Mann ohne Eigenschaften“) konnte sich freilich von seinen spärlichen Einnahmen kein Kfz leisten. So war’s wohl auch Neid eines Besitzlosen.

Sodann die Fotos! Wer etwa den feinsinnigen Österreicher Arthur Schnitzler („Reigen“)in gen“) Beifahrer mit verwegener Rennbrille und Lederkappe sieht, dem wird dieses Bild bei künftigen Lektüren kaum aus dem Kopf gehen. Prächtig auch dieses Fundstück: Bert Brecht anno 1926 in hautenger Lederkluft, die Hände lässig in den Hosentaschen, Zigarre im Mundwinkel. Kurzum: coole Pose vor seinem neuen Opel.

Ein SteyrModell bekam der findige Brecht einst vom Hersteller als Gegengabe für gereimte Werbesprüche. Von ihm stammt aber auch dieses etwas garstige Gebrauchsgedicht: „Ford hat ein Auto gebaut / Das fährt ein wenig laut. / Es ist nicht wasserdicht / Und fährt auch manchmal nicht.“ So kann selbst aus Pannen Lyrik entstehen.

Ulf Geyersbach: „.. ..und so habe ich mir denn ein Auto angeschafft – Schriftsteller und ihre Automobile“. Nicolai Verlag. 126 Seiten Großformat, zahlreiche Schwarzweiß-Abbildungen. 34,90 €.

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ZITATE

Wie in der Höhlenzeit

  • Schriftsteller-Zitate zum Autofahren:
  • „Das Mindeste, was man von einem Großschriftsteller verlangt, ist darum, dass er einen Kraftwagen besitzt.“ (Robert Musil)
  • „Autofahren ist genau so ein Talent wie beispielsweise Dichten.“ (Walter Hasenclever)
  • „Leben ohne Auto in einer Welt ohne Pferde, das ist ein wenig unbequem…“ (Rudyard Kipling)
  • „Die Großmannssucht hat uns ja nun dahin gebracht, eine sehr prachtvolle 8cylindrige Horch-Limousine zu bestellen …“ (Thomas Mann)
  • „Bald werden wir auf unsere Vor-Auto-Zeit zurückblicken, wie wir jetzt auf unsere Höhlenzeit zurückblicken.“ (Virginia Woolf, 1927)
  • „Ich verwandelte mich in einen sehr schnellen Fahrer. In Arizona sieht man kaum je einen Verkehrspolizisten.“ (Raymond Chandler).

 




Bei Luther fängt es an: Die kostbaren Bücher von Dortmund / Uni-Bibliothek zeigt erstmals ihre erstaunlichen Schätze

Von Bernd Berke

Dortmund. Wer hätte gedacht, dass in Dortmund solche Bücherschätze verwahrt werden: beispielsweise eine Ausgabe von Martin Luthers saftigen „Tischreden“ aus dem Jahr 1568.

Unter dem edlen lateinischen Titel „rara sunt cara“ (Seltenes ist teuer) zeigt die Dortmunder Uni-Bibliothek fetzt erstmals öffentlich einige ihrer Kostbarkeiten.

Moment! Die Dortmunder Uni ist doch erst 1968 gegründet worden. Auf welche Weise ist sie zu derart alten Büchern gekommen, wie man sie eher in Oxford oder Heidelberg erwarten würde?

Nun, früher gab’s einen speziellen Etat zur nachträglichen Anschaffung solcher Bestände. Außerdem haben inzwischen aufgelöste Institute (wie etwa die frühere, in den 1920er Jahren gegründete Pädagogische Hochschule) der Dortmunder Uni ihre Besitztümer vermacht.

Insgesamt umfasst die Raritäten-Abteilung heute rund 1000 Bände. Auch Handschriften (so etwa von Altkanzler Willy Brandt) werden hier sorgsam betreut.

Eins der jetzt unter schützendem Vitrinenglas präsentierten Bücher ist sogar noch ein Jahr älter als das erwähnte, jüngst prachtvoll restaurierte Luther-Werk. Der Katechismus aus dem Jahr 1567 hat allerdings sichtlich unter den Zeitläuften gelitten und wäre wohl fällig zur Aufarbeitung. Bibliotheksdirektorin Marlene Nagelsmeier-Linke beruhigt: „Im Vergleich zu anderen Universitäten ist unser Etat für Restaurierungen noch ganz passabel.“

Man sieht in der kleinen Ausstellung auch schmucke Raritäten aus etwas jüngerer Vergangenheit: Ein Bändchen mit Schriften des Romantikers Novalis (gedruckt 1815); einen Berufsratgeber („Was willst du werden?“) von anno 1840; Upton Sinclairs Roman „The Jungle“ (Ausgabe von 1906). Oder die erste deutsche Patentschrift (1877), die sich auf die Herstellung von roter Ultramarinfarbe bezieht. Auch die Technik hat ihre Historie.

All diese Werke vermitteln jedenfalls ein Gefühl für die althergebrachte Würde von Büchern. Und das dürfte auch die tiefere Absicht sein, die die Bibliothek zu dieser Schau bewogen hat. Angesichts finanzieller Probleme und vielfaltiger digitaler Konkurrenz kann man für herkömmliche Bücher wohl gar nicht genug die Trommel rühren.

„rara sunt cara – Seltenes ist teuer“. Universitätsbibliothek Dortmund (Vogelpothsweg 76), am Hörsaal E 5. Bis zum 19. Januar 2007. Öffnungszeiten der Bibtiothek: Mo bis Mi und Fr 8-20, Do 8-22, Sa 9-16 Uhr.

 




Unterwegs zur neuen Ehrfurcht – Erzählungen von Botho Strauß unter dem Titel „Mikado“

Von Bernd Berke

41 filigrane Stäbe hat ein Mikado-Spiel, 41 feingliedrige Geschichten enthält das neue Buch von Botho Strauß. Es heißt „Mikado“.

Strauß taucht abermals ein in die Niederungen, doch auch in die Mythen der Paarwelt. Was hier zwischen Männern und Frauen geschieht, erwächst aus dem Alltag, steigert sich aber zuverlässig ins Fabulöse, ins Sagenhafte. Manchmal führt die Erzähllinie auch steil hinauf zu Visionen und quasi-religiöser Verzückung, die fremd in die jetzige Welt hinein ragen. Dabei ist es zweitrangig, ob die Figuren etwa als Busfahrer oder Rohrleger bezeichnet werden. Wirklich „handfest“ erscheint hier kaum jemand.

Gleich die erste Geschichte gibt sich flirrend rätselhaft. Nach Zahlung eines hohen Lösegelds liefert die Polizei die entführte und nun freigelassene Fabrikantengattin ab. Doch der Mann erkennt sie nicht mehr: Ist es denn nicht eine Fremde, die sich da im Hause einnistet? Allerdings weiß sie über alle alten Ehevorfälle genau Bescheid.

Der Band wimmelt vor undeutlichen, verwechselbaren Menschen; ganz so, als seien sie und ihre Beziehungen durchlässig geworden für Metamorphosen aller Art. Aus solchen Schwebelagen gewinnt Strauß vielfältige Querbezüge zur Mythologie. Eine Episode spannt den Bogen epochenweit: von der antiken Fadenzieherin Ariadne über den Schriftsteller Jonathan Swift bis zu deren heutigen „Nachgeburten“ (Strauß), die sich nur noch im schwachen Abglanz der alten Typenmuster erschöpfen. Sie ähneln bleichen Wiedergängern.

Etliche Personen sind gar eremitisch oder mönchisch aus der verwahrlosten Gegenwart gefallen. Für Strauß seit jeher ein Zeichen: Sie sind zu Höherem berufen – als Vorboten  eines gänzlich anderen Daseins des ehrfürchtigen Schweigens und Schauens.

Da sind etwa die zweisam einsamen Paare, die nicht mehr gesellig „scharwenzeln“ und die niemand mehr besuchen mag. Oder jene Leute, die jegliche Liebesraserei mitsamt der Sexualität hinter sich gelassen haben. Alleinsein, Askese und milder Wahn geleiten hier auf fromme Königswege. An den Wegesrändern wabert zuweilen Weihrauch; auch in der stellenweise überaus kostbar klingenden Sprache mit allerlei Raritäten-Einsprengseln (Lexikon bitte bereithalten).

Dem manchmal salbungsvollen Ton zum Trotz, entfaltet Strauß ein reiches, oft schmerzlich präzises Panorama menschlicher Leidens-Verhältnisse. Da liegen auch einige Nerven blank, es schwelen oder lodern Aggressionen. So malt sich der eingangs erwähnte Fabrikant insgeheim aus, wie er der Frau an seiner Seite beim Mikadospiel irgendwann ein spitzes Stäbchen durch die Wangen stoßen wird…

Für Strauß‘ „Mikado“-Geschichten gilt hingegen: Er hebt die imaginären Stäbchen beim Erzählen sehr umsichtig an, als wär’s eine kontemplative Übung. Nichts ruckelt.

Botho Strauß: „Mikado“. Carl Hanser Verlag. 173 Seiten. 17,90 Euro.




Die Weisheit passt in wenige Worte – Hattingen als Zentrum für Aphorismen: Autorentreffen und neues Archiv

Von Bernd Berke

Hattingen. Kleine Kunstform, großer Aha-Effekt. Auf solche Wirkungen zielen Aphorismen ab. Im Idealfalle sind es geistreich zugespitzte Weisheiten in wenigen geschliffenen Worten. Irgendwie passend, dass eine kleinere Stadt sich anschickt, zum Zentrum der knappen Sinnsprüche zu werden: Hattingen hat’s mit Kürze und Würze.

Schon zum zweiten Mal (nach 2004) treffen sich jetzt deutschsprachige Aphoristiker in der Ruhrstadt. Zudem wird heute im Hattinger Stadtmuseum ein Aphorismen-Archiv eröffnet. Es soll mit der Zeit wachsen. Kulturamtsleiter Dr. Jürgen Wilbert (61), selbst Aphorismen-Schmied aus Passion, darf als Ideengeber gelten. Zündfunke war eine Eingebung des Schriftstellers Elias Canetti: „Die großen Aphoristiker lesen sich so, als ob sie einander gut gekannt hätten.“ Wilbert folgerte: Ihre gegenwärtigen Nachfahren sollten einander tatsächlich kennen lernen – und zwar in Hattingen.

Randfiguren des Buchmarktes

Im Literaturbetrieb tun sich Aphoristiker schwer. Viele publizieren auf eigene Kosten, denn die Verlage setzen in erster Linie auf Romane. Jürgen Wilbert meint allerdings: „Von Romanen bleibt doch oft nur eine Wendung im Gedächtnis.“ Geniale Prosa kann damit zwar nicht gemeint sein. Doch mancher dickleibige Band schnurrt im Resultat vielleicht wirklich auf ein paar Kernsätze zusammen. So gesehen gäbe es keinen Grund, als Aphoristiker in Sack und Asche zu gehen.

Kommen die Sprüche etwa einer kurzatmigen „Häppchen-Kultur“ entgegen? Wilbert: „Nein, nein, es sind eben wohldosierte Worte!“ Zudem habe der Aphorismus einehrwürdige Tradition (siehe Infokasten). Die Zunft dürfe sich jedoch nicht in Selbstgefälligkeit wiegen, mahnt Wilbert. Das Treffen von rund 40 Satzdrechslern soll das Qualitäts-Bewusstsein schärfen. Gar mancher rasche Einfall erweist sich als spitzfindige Wortspielerei ohne sonderlichen geistigen Nährwert.

„Der Aphorismus zwischen Wortspiel und Erkenntnis“ heißt denn auch das Motto der Tagung, die gestern mit einem Vortrag des umtriebigen Vorzeige-Intellektuellen Roger Willemsen begonnen hat.

Diskussionsthemen sind u. a. die Abgrenzung zum Sprichwort sowie „Aphoristisches in der Werbesprache“. Beispiel aus einer Möbelreklame: „Für Ihr gesundes Sitzen stehen wir gerade.“ Klingt ja halbwegs pfiffig, aber ist’s ein Aphorismus reinen Wassers?

Kluge Sentenzen im Rap-Rhythmus

Man will freilich in Hattingen nicht nur fachlich unter sich bleiben, sondern öffentlich wirken. 16 Autoren schwärmen heute in sieben örtliche Schulen aus, um dort Gedankensplitter auszustreuen. Jürgen Wilbert: „Gerade Schüler sind für Aphorismen empfänglich, sie mögen ja kesse und lockere Sprüche.“

Vor allem ans jüngere Publikum wendet sich heute auch das Experiment mit dem„Apho-Rap“: Ein Rap-Sänger will kluge Sentenzen im tanzbaren Stakkato-Rhythmus li- vortragen. Weisheit fetzt…

Mit Aphorismus-Projekten hat sich Hattingen beim bundesweiten Wettstreit als einer U. von 365 Orten im „Land der Ideen“ hervorgetan. Nächster Schritt: Auch in der „Kulturhauptstadt 2010″ will man die gesammelten Geistesblitze leuchten lassen.

Heute ist Publikumstag beim Hattinger Treffen: Morgens stehen Lesungen in Schulen an. Ab 20 Uhr tritt im Stadtmuseum der Kabarettist Wendelin Haverkamp auf, ab 21 Uhr gibt es Freiluftaktionen auf dem Marktplatz, u. a. einschlägige Lichtkunst und den Aphorismen-Rap.

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HINTERGRUND

„Sprachkürze gibt Denkweite“

  • Große Vorläufer in der deutschsprachigen aphoristischen Literatur waren u. a„ Lichtenberg („Sudelbücher“), Goethe („Maximen und Reflexionen“), Jean Paul, Schopenhauer („Aphorismen zur LebensWeisheit“), Karl Kraus, Elias Canetti und Kurt Tucholsky.
  • Zitat-Beispiele:
  • „Sprachkürze gibt Denkweite.“ (Jean Paul)
  • „Vom Wahrsagen lässt sich wohl leben in der Weit, aber nicht vom Wahrheit sagen.“ (Georg Christoph Lichtenberg)
  • „Einer, der Aphorismen schreiben kann, sollte sich nicht in Aufsätzen zersplittern.“ (Karl Kraus)
  • „Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt.“ (Erich Fried)

 




Günter Grass: „Ich lasse mich nicht mundtot machen“ – Der Schriftsteller beim Leseabend der RuhrTriennale

Von Bernd Berke

Duisburg. Von der heftigen Debatte um sein spätes Waffen-SS-Geständnis mag Günter Grass am liebsten nichts mehr hören: „Ich lasse mich nicht mundtot machen“, sagte er jetzt als Gast der RuhrTriennale in Duisburg.

Dem Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Frank Schirrmacher, warf der Literaturnobelpreisträger vor, ihn mit verdrehten Tatsachen als Schriftsteller und öffentliche Person demontieren zu wollen. Überhaupt sei ihm in den letzten Wochen aus manchen Medien „Hass und Vernichtungswillen“ entgegengeschlagen. Grass fügte hinzu, er habe sich gefühlt, als wäre er nun „frei zum Abschuss.“

Doch er .werde als Künstler alle Angriffe überleben und er werde nicht weichen, sondern sich weiterhin in gesellschaftliche Diskussionen einmischen. Grass: „Daran ist ja die Weimarer Republik zerbrochen – dass zu wenige Bürger sie verteidigt haben.“

Schauplatz der Tiraden war ein Leseabend im Rahmen der RuhrTriennale. Trotz des zeitgleichen Fußball-Länderspiels waren viele Hundert Menschen in die Duisburger Gebläsehalle gekommen, um Auszüge aus Grass‘ Jugenderinnerungen „Beim Häuten der Zwiebel“ zu hören – und um sich ein Bild von der gegenwärtigen Befindlichkeit des Autors zu machen.

Nach der Lesung nahmen Grass und Triennale-Chef Jürgen Flimm (beide sind „per Du“ miteinander) in zwei bequemen Sesseln Platz – zum Podiums-Dialog bei einem Gläschen Rotwein.

„Wer wird später noch Schirrmacher kennen?“

Der Autor bemühte einen epochalen Vergleich: In Anspielung auf den kleinlichen Goethe-Kritiker Wolfgang Menzel fragte Grass: „Wer kennt heute noch Menzel? Wer wird später noch Schirrmacher kennen?“ Selbstgewisser Blick vom Dichter-Olymp herab…

Was bei einer Lesung deutlicher wird als bei stiller Lektüre: Grass‘ Memoiren wirken sprachlich geglättet und erzähldramaturgisch, ja zuweilen gar anekdotisch mustergültig gebaut; selbst dann noch, wenn es um schlimme Kriegserlebnisse geht. Literarisch denkbar wäre ja auch ein schrundiger, zerrissener Tonfall, der menschliche Erschütterung direkter abbildet. Hier aber spricht ein beruhigter „Klassiker“, ein Souverän.

Im Zwiegespräch mit Flimm betonte Grass abermals, er habe erst im Verlauf der Arbeit an diesem Buch ein Geständnis über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS ablegen können: „Ich war vorher nicht in der Lage, es mitzuteilen.“ Er habe sich über seine prinzipiellen Vorbehalte gegenüber autobiographischen Texten hinweggesetzt. Die Erinnerung färbe vieles schön, daher sein Misstrauen. Er nehme aber für sich Anspruch, gerade die schmerzlichen Passagen sehr genau und gewissenhaft formuliert zu haben.

Gastgeber Flimm pflichtete Grass bei: Es sei letztlich Sache des Schriftstellers, wann er biographische Tatsachen preisgebe. Außerdem habe Grass nach dem Krieg als „kräftiger Demokrat“ tätige Reue geübt wie nur wenige. Für solche lindernden Sätze gab es Beifall aus dem Publikum. Die große Mehrheit seiner Leser hält offenbar durch alle Fährnisse treu zu Grass.




Der Autor als inszeniertes Phänomen – Gespräch mit Klaus Modick über seinen Roman „Bestseller“

Es ist die Satire zum Literaturbetrieb schlechthin. In seinem Roman „Bestseller“ entwirft der Autor Klaus Modick eine aberwitzige Strategie: Man nehme den Tagebuch-Fund einer Erbtante, randvoll mit unausgegorenen NS-Erinnerungen. Dann schreibe man den Stoff zur Kolportage mit Liebesdramen um – und finde eine besonders hübsche Frau, die dafür als Autorin aus der Enkelgeneration die Bühne betritt. Fertig ist der Bestseller. Wäre es wirklich so einfach? Ein Gespräch mit Modick auf der Frankfurter Buchmesse.

Frage: Wie groß ist der Wirklichkeits-Anteil an Ihrem Roman?

Klaus Modick: Ziemlich groß. So geht’s tatsächlich ab im Literaturbetrieb. Das Buch speist sich aus meinen langjährigen Erfahrungen als Autor. Der Plot ist frei erfunden, aber es hätte so ähnlich passieren können. So furchtbar stark musste ich die Satire-Schraube gar nicht anziehen.

Haben denn alle Bestseller etwas Anrüchiges?

Modick: Nein, da muss man differenzieren. Promi-Bestseller, sagen wir mal von Eva Herman oder Dieter Bohlen, das sind synthetische Bücher, geplante Seller. Meistens werden sie von Ghostwritern geschrieben, weil manche Promis keinen richtigen deutschen Satz zustande bringen. Dann aber gibt es literarisch sehr respektable Bücher, die durch glückliche Fügungen zu Bestsellern werden. Beispiel Daniel Kehlmann.

Wäre das Bestseller-Rezept in Ihren Roman denn Erfolg versprechend?

Modick: Ich glaube schon. NS-Themen haben ja einen Dauerboom. Und zur schönen Autorin: Heutzutage steht das Buch als solches ziemlich nackt da. In der Eventkultur müssen Schriftsteller möglichst telegen sein, damit sie in Talkshows landen. Wir hatten ja in Deutschland das literarische „Fräuleinwunder“, das mit Judith Hermann anfing. Das Wunder hatte oft nicht nur mit den literarischen Qualitäten dieser Damen zu tun. Sie wurden als ansehnliche Figuren durchinszeniert und gestylt.

Hätten Sie selbst gern einen richtigen Bestseller?

Modick: Ich war mal nah dran an Platz 20 auf der Spiegel-Liste. Immerhin. Nun ja, in erster Linie geht’s mir darum, dass ich schreiben kann, was ich für richtig halte. Alles andere wäre Krampf. Aber ich muss eben auch vom Schreiben leben. Also: Ein Bestseller wäre mir schon lieb. Das heißt ja nicht, dass man seine literarischen Ambitionen verrät.

In Ihrem Roman schildern Sie die Buchmesse als Jahrmarkt der Eitelkeiten…

Modick: Na, das ist sie ja auch! Früher habe ich es als peinlich empfunden, hier am Verlagsstand „ausgestellt“ zu werden. Heute löst die Messe bei mir eine Mischung aus Interesse und Abscheu aus. Interesse, weil man halt doch mit sehr vielen Leuten ins Gespräch kommt. Abscheu just wegen der versammelten Eitelkeiten. Hier wird ja ständig am Autoren-Ranking gebastalt, das ist stressig. Überhaupt ist ist es hier so unglaublich hektisch, eine ständig aufgeheizte Atmosphäre. Nach zwei Tagen fühle ich mich wie „durchgezogen“. Und wehe, man ist mit einem Buch hier, das nicht so beachtet wird. Dann kann man auch schon mal depressiv werden…

Jetzt gehen Sie auf Lesereise. Stimmen eigentlich die Klischees von wegen: Nachher stundenlang mit Veranstaltern beim Italiener sitzen müssen…?

Modick: Ja, sie stimmen. Da muss man eben durch, immer verbindlich bleiben. Ich sehe mich wie eine literarische Wanderbühne. Jeden Abend das Beste geben. Das Lesen an sich macht ja auch Spaß, aber danach wird’s manchmal quälend.

INFO

Klaus Modick ist sozusagen ein „treuer Schluffen“: Am 3. Mai 1951 in Oldenburg geboren, lebt er heute wieder bzw. immer noch dort. Studien und germanistische Gastprofessuren führten ihn allerdings zwischendurch u. a. nach Italien, Frankreich, Japan und in die USA.
Längst zählt er zu den etablierten deutschen Autoren, doch ein veritabler Bestseller ist ihm noch nicht geglückt. Er gilt als ausgesprochen unprätentiöser Schriftsteller, der großen Wert auf alltagsnahe Unterhaltsamkeit legt.
Modick gilt als alltagsnaher, unprätentiöser und meist unterhaltsamer Autor.

Der neue Roman mit dem Titel „Bestseller“ (Eichborn Verlag) hat 271 Seiten und kostet 19,90 Euro.

(Der Beitrag stand am 6. Oktober 2006 in ähnlicher Form in der „Westfälischen Rundschau“, Dortmund)




Gespräch mit Feridun Zaimoglu: Ein böses Schillern mitten in unserer Gesellschaft

Der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu war kürzlich Teilnehmer des „Islam-Gipfels“, zu dem Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble eingeladen hatte. Ein Gespräch mit Zaimoglu auf der Frankfurter Buchmesse.

Wie haben Sie die Vorgänge um die Absetzung der Mozart-Oper „Idomeoneo“ in Berlin erlebt?

Feridun Zaimoglu: Jedenfalls will ich nicht mit dem Chor der Wölfe heulen. Plötzlich wimmelte Deutschland von Aufklärungs-Hysterikern, die gesagt haben: Wir dürfen nicht vor dem Islam einknicken. Die Politiker haben doch erst die Droh- und Druckkulisse aufgebaut. Ein Schmierentheater. Diese Leute sollen sich mal entspannen. Ich bin für Bodenhaftung. Man muss nicht gleich alles symbolisch und ideologisch aufladen wie diese Aufklärungs-Spießer.

Erklären Sie uns diesen Begriff? Sonst ist „Aufklärung“ doch positiv besetzt, oder?

Zaimoglu: Ich sage als Deutscher, der dieses Land liebt und vom religiösen Wahn bitteschön unbehelligt leben will: Ich bin aufklärungsskeptisch. Aufklärung ist sehr billig zu haben. Wenn man den religiös Orthodoxen folgt, landet man in der heißen Hölle, folgt man nur der Aufklärung, so kommt man in eine kalte Hölle. Ausgerechnet jene, die die Einwanderer schon immer ausgegrenzt haben, nutzen jetzt wieder die Gelegenheit, um auf den Islam einzudreschen. Die kennen die deutsche Realität gar nicht. Da werde ich garstig.

Wie ist der „Islam-Gipfel“ aus Ihrer Sicht verlaufen?

Zaimoglu: Großartig. Ein historischer Schritt. Es ging gleich zur Sache. Minister Schäuble hat keine Friede-Freude-Eierkuchen-Veranstaltung daraus gemacht. Auch das liebe ich an Deutschland: die herbe Aussprache; höflich, aber nicht zimperlich. Allerdings herrscht jetzt schon Entscheidungspflicht.

In welcher Hinsicht?

Zaimoglu: Es geht um die Ausbildung von islamischen Geistlichen in Deutschland, um islamischen Religionsunterricht in deutschen Schulen und die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Der Islam ist nun mal die zweitstärkste Religion Deutschlands. Das muss man endlich realpolitisch zur Kenntnis nehmen. Ich bin glühender Verfechter eines „deutschen Islam“, etwa so: Wir sind hier. Wir leben, lieben und glauben in Deutschland…

Drängt es Sie, solche Fragen auch literarisch zu verarbeiten?

Zaimoglu: Ich muss immer körperliche Lust auf ein Thema haben. Als ich mit „Leyla“ anfing, hatte ich eben Lust, die Geschichte meiner Mutter zu erzählen. Übrigens haben mich die Plagiatsvorwürfe, diese infamen Lügen, damals sehr erschüttert. Da gab es Leute, die mich als Schriftsteller offenbar vernichten wollten. Aber es hat sich ja als heiße Luft erwiesen. Und das Publikum hat zu mir gehalten. Übrigens wird es eine Fortsetzung von „Leyla“ geben.

Viele Kritiker haben den Roman gepriesen. Tenor: Bisher hat er uns manche Kraftmeierei zugemutet. Jetzt aber ist er ein richtiger Schriftsteller.

Zaimoglu: Dass ich jetzt als deutscher Dichter angesehen werde, macht mich wirklich froh. Trotzdem stehe ich auch zu meinen früheren Büchern. „German Amok“ würde ich heute etwas anders schreiben, weniger grob gestrickt. Na gut. Schreiben ist für mich eine Sucht, es erfordert sehr viel Kraft, es laugt einen aus. Auch deshalb genieße ich jedes Lob.

In Castrop-Rauxel wird derzeit Ihr Theaterstück „Schwarze Jungfrauen“ gespielt – jeweils mit anschließender Diskussion. Was ist so provozierend an dem Stoff?

Zaimoglu: Es ist tatsächlich empörend, es fallen knallhart antiaufklärerische Sätze. Das Stück basiert auf Interviews mit jungen türkischen Frauen – und einiges, was ich da hörte, hat auch mich empört. Antiamerikanische und zuweilen antijüdische Auslassungen, die ziemlich ungefiltert auf die Bühne kommen. Man wird da in einen dunklen Sog hineingezogen. Ein böses Schillern mitten in unserer Gesellschaft…




Ein Mörder schwärmt für altes Kino – Bodo Kirchhoff hat mit „Die kleine Garbo“ einen wüsten Kolportageroman verfasst

Von Bernd Berke

Ist Bodo Kirchhoff etwa zum Trivialautor geworden – oder kokettiert er nur mit trivialen Mustern? Sein neuer Roman „Die kleine Garbo“ ist über weite Strecken tollkühne Kolportage.

Kirchhoff, der bereits 2002 ein Buch mit dem kecken Titel „Schundroman“ vorgelegt hat, hat sich zwei Kontrastfiguren ausgedacht. Da hätten wir die 12-jährige Malu (Marie-Luise), einen frühreifen Fernseh-Kinderstar. Das selbstbewusste Mädchen schwelgt im Luxus und hat einen eigenen Chauffeur.

Auf der Schattenseite des Lebens kraucht hingegen Giacomo Hoederer. Der Kerl zieht Unglück magisch an. Durch eine schlimme Verkettung erschießt er ungewollt eine Kundin in der Bank. Auf der Flucht vor der Polizei stürzt er mit dem Motorrad in einen Straßengraben – bei eisiger Kälte in einer Einöde, wo man (gleichsam als Menetekel) nur das Heulen der Wölfe hört.

Entführung eines Teenager-Stars

Ausgerechnet Malus sündhaft teurer Wagen kommt dort auf dem Weg zum Fernseh-Dreh vorbei. Der Chauffeur steigt aus, es kommt zum Handgemenge mit Hoederer, aus dessen Waffe sich abermals ein tödlicher Schuss löst. Der Unglücksvogel ist also zum zweifachen Mörder geworden. Da ihm nun alles egal ist, entführt er die kleine „Malu“ und verlangt vier Millionen Euro Lösegeld…

So weit der wüste Actionfilm. Fortan schaltet der Autor zwei Gänge zurück und lässt uns an jeder Regung von Täter und Opfer teilhaben. Im engen Auto inszeniert er ein dialogreiches Kammerspiel.

Hoederer erweist sich als belesener Alt-Achtundsechziger, der mit der hektischen und seelenlos glatten Welt von heute hadert. Er mag’s lieber authentisch. Ein Fernsehgerät hatte er nie, hingegen schwärmt er von alter Rockmusik und Kinoklassikern, zudem von Greta Garbo und Maria Callas. Bevor er sich selbst erschießt (wie er immer wieder androht), will er dem Mädchen eine Art Unterricht erteilen – über das wahrhaftige Leben fernab vom Fernseh-Glamour.

Die kleine Diva hört immer genauer zu

Seltsames Phänomen: Nach und nach hört die vordem fahrige kleine Diva ihm immer aufmerksamer zu. Sie schwankt zwischen Angst, Trotz und Sympathie. Und er scheint sich ein wenig zu verlieben in diese „kleine Garbo“, wie er sie nennt. Ein letztes Aufglühen von Sinn in seinem heillosen Leben?

„Politisch korrekt“ ist das alles nicht. Aber mitunter doch recht spannend zu lesen. Kirchhoff beherrscht ja sein literarisches Handwerk, auch wenn er zuweilen die Zügel schießen lässt.

Zwischendurch schwenkt der Roman immer wieder hinüber in die Sphäre der (natürlich!) sensationsgierigen TV-Leute. Sie haben Ministerien und Polizei eingeschaltet, wollen aber insgeheim Geldübergabe bzw. Festnahme eigenmächtig dramatisieren und quotenträchtig live über den Sender schicken. Kirchhoff gibt sich hier wohlfeil medienkritisch, doch seine Schelte wirkt ein wenig säuerlich und abgestanden.

Bodo Kirchhoff: „Die kleine Garbo“. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt. 287 Seiten. 19,90Euro.

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ZUR PERSON

Luftwaffe und Pädagogik

  • Der deutsche Schriftsteller Bodo Kirchhoff wurde am 6. Juli 1948 in Hamburg geboren.
  • Nach abgeschlossenem Militärdienst bei der Luftwaffe und einem USA-Aufenthalt studierte Kirchhoff von 1972 bis 1979 Pädagogik an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.
  • Bereits während seiner Promotion über die Theorie des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan erhielt Kirchhoff 1978 seinen ersten Vertrag beim Suhrkamp-Verlag.
  • Bisher veröffentlichte Kirchhoff Erzählungen, Romane, Schauspiele und Drehbücher, wofür er zahlreiche Auszeichnungen erhielt.
  • Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Bodybuilding“, „Der Sandmann“ und „Schundroman“.



Auf dem Markt der Meinungen – die Debatte um Grass und die Waffen-SS

Von Bernd Berke

Bitte, bitte, lasst die Debatte um Günter Grass und seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS nun langsam ausklingen! Lesen und Nachdenken wären jetzt erst einmal eine prima Alternative.

Seit einer Woche wogen Rede und Widerrede hin und her, drunter und drüber. Jede halbwegs prominente Gestalt hat sich mittlerweile geäußert, nur der Philosoph Jürgen Habermas nicht. Oder haben wir da im Getümmel etwas überhört? Der Meinungsmarkt ist übersättigt. Derlei aufgeregte Diskussionen bekommen wir wohl nur am Standort Deutschland hin. Vor allem erzkonservative Gemüter haben die Gelegenheit, ihrem langjährigen Widersacher Grass etwas heimzuzahlen, weidlich genutzt.

Besonders markig war der Aufschrei des Flensburger CDU-Hinterbänklers Wolfgang Börnsen, der in der „Bild“-Zeitung forderte, Grass solle seinen Nobelpreis zurückgeben. Börnsen wurde daraufhin von einer Nachrichtenagentur sogleich eilfertig als „Kulturexperte“ bezeichnet. Ausweislich seiner eigenen Internet-Seite hat Börnsen im Bundestag bislang praktisch nur mit verkehrspolitischen und maritimen Redebeiträgen geglänzt: „Promillegrenze in der Seeschifffahrt“, „Änderung des Seemannsgesetzes“, „Küstenwache optimieren“.

Inzwischen hat Günter Grass sein Geständnis auch bei Ulrich Wickert abgelegt. Seine Aussagen in der (bereits am Dienstag aufgezeichneten) ARD-Sendung „Wickerts Bücher“ waren freilich schon vorher auf dem „Markt“. Ebenso wie Grass‘ Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ früher in den Handel kam. Schlecht für die FAZ, die die ganze Debatte angestoßen und für heute eine achtseitige Sonderbeilage mit „exklusiven Vorabdrucken“ angekündigt hatte. Erledigte Fälle.




Die ganze Vielfalt des Landes – Mediathek von WAZ-Mediengruppe und WDR startet im September / Bücher, CDs und Filme über NRW

Von Bernd Berke

Essen. „Wir in Nordrhein-Westfalen. Unsere gesammelten Werke“. So heißt eine neue Edition mit allmonatlich erscheinenden Büchern, DVDs und CDs, die Anfang September startet.

Starke Partner sind im Boot: Die WAZ-Mediengruppe, zu der auch die Westfälische Rundschau gehört, arbeitet bei diesem großen Projekt mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) zusammen. Dritter im Bunde ist der Essener Klartext-Verlag. Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ-Gruppe, und WDR-Intendant Fritz Pleitgen stellten die gemeinsame Edition gestern im Design-Zentrum der Essener Zeche Zollverein vor.

Auf vorwiegend unterhaltsame Weise soll die Reihe das Landesbewusstsein in NRW stärken – passend zum bevorstehenden 60. „Geburtstag“ unseres Bindestrich-Bundeslandes. Dabei kommen alle Lebensbereiche in Betracht: Geschichte, Politik, Wirtschaft, Kultur, Natur und Sport, aber auch der ganz normale Alltag in der Region.

Das breite Spektrum der neuen Reihe reicht vom Schimanski-Krimi bis zur Reden-Sammlung des langjährigen NRW-„Landesvaters“ Johannes Rau, vom regional getönten Kabarett auf CD oder DVD bis zum nostalgischen Film über Revier-Fußball. Alle Titel erscheinen zu günstigen Vorzugspreisen. Wer abonniert, genießt Zusatz-Rabatt. Monatlich kommen im Wochenrhythmus vier Titel heraus.

Man kann hier viele Entdeckungen machen, denn einige wichtige Werke waren seit längerer Zeit vergriffen. Sie erleben in der „Mediathek“ eine ersehnte Neuauflage. Andere Bücher, Platten oder Filme sollen eigens entstehen. Über die Qualität wacht ein hochkarätiges Experten-Kuratorium. Im weiteren Verlauf der langfristig angelegten Edition können auch WR-Leser Wunschtitel vorschlagen.

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Seite Das Land und die Region:

Die Bürger des Landes können sich mit den Büchern, Filmen und Platten der neuen „Mediathek“ im Lauf der Zeit eine NRW-Sammlung zulegen, die ihresgleichen sucht. Wenn man allein bedenkt, welche regionalen Filmschätze in den Archiven des WDR schlummern…

WDR-Intendant Fritz Pleitgen zeigte sich gestern in Essen sehr angetan: „Selten hatte ich so wenig Zweifel an einem Projekt wie an diesem.“ Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ-Gruppe, betonte den wachsenden Wert der Region, die den Geist der Mediathek präge: „In einer Welt der Traditionsbrüche, des schnellen Neuen, eisiger Globalisierung und undurchsichtiger europäischer Anpassungsprozesse hat die Verwurzelung und damit soziale Stabilisierung im Lokalen und Regionalen zunehmend große Bedeutung.“ Das hiesige Landesbewusstsein sei niemals provinziell, sondern stets weltoffen und tolerant.

In diesem Sinne geht’s im September los mit der Mediathek der WAZ-Mediengruppe, zu der auch die WR gehört, und des WDR. Das Leitmotto des ersten Monats heißt „Land in Sicht“: Die DVD-Scheibe „NRW – der Anfang“ führt mit rarem Bildmaterial zurück in die Gründerzeit des Landes. Die Städte an Rhein und Rühr liegen in Kriegstrümmern. Doch schon bald regen sich die Kräfte, die diese Region wieder aufbauen wollen.

Die Chose mit Rheinländern und Westfalen

Lust auf Zukunft weckt sodann das gleichnamige Buch mit den gesammelten Reden des unvergessenen „Landesvaters“ und Bundespräsidenten Johannes Rau. Natürlich spielt auch dabei das „Wir-Gefühl“ in unserem Land eine zentrale Rolle.

Gemeinsames „Wir-Gefühl“? Nun ja. „Der Westfale ist der natürliche Feind des Rheinländers.“ So lautet ein scherzhaftes Credo des Kölner Kabarettisten Jürgen Becker (WDR-„Mitternachtsspitzen“). Auf der September-CD macht er die Probe. Hier trifft er auf einen ganz sturen Westfalen: Rüdiger Hoffmann, den Meister der verbalen Langsamkeit. Das Fazit der beiden so unterschiedlichen Landsleute liegt zwischen Aufstöhnen und Umarmung: „Es ist furchtbar, aber es geht.“ Nämlich die Chose mit Westfalen und Rheinländern. Halbwegs. Irgendwie. Und mit viel Gelächter.

Markante Wiederentdeckungen

„Schönes NRW“ heißt die vierte Neuerscheinung, die das September-Programm abrundet. Dieser Reiseführer zu den historischen Stadt- und Ortskernen macht mit zahlreichen Farbfotos, Karten und Infos Appetit auf Erkundungsreisen durchs Land.

Die vier Starttitel dienen als Einführung ins NRW-Thema, sie sind eine gewichtige Basis der Edition. In den folgenden Monaten geht es vielfach spielerischer zu. Beispiel: der Oktober mit markanten Wiederentdeckungen. Da lock die DVD mit Raubein „Schimanski“ („Tatort: Schwarzes Wochenende“ von 1985). Als literarisches Kleinod folgt Irmgard Keuns Roman-Satire „Nach Mitternacht“, die im Köln der Nazizeit spielt. Die CD „Ruhrtour“ versammelt Hörbilder aus 50 Jahren zu einem akustischen Porträt der industriellen Kernlandschaft von NRW. Außerdem erscheint ein besonderes Geschichtsbuch mit demokratischen Lehrbeispielen. Hier erfährt man, wie die Menschen an Rhein und Ruhr ihre Geschicke erfolgreich selbst in die Hand nehmen.

Später folgen z. B. „Maus“-Geschichten für Kinder, Fußballfilme, Kochbücher, Texte des gebürtigen Düsseldorfers Heinrich Heine, diverse Ruhrgebiets-Romane und die Historie von Unternehmen wie Krupp. Nach und nach also: die ganze Vielfalt des Landes.

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INFO

Leserläden, Buchhandel und Internet

  • Offizieller Starttermin der neuen Mediathek ist Montag, 4, September.
  • Die Edition mit monatlich vier Titeln (jede Woche einer) umfasst im Medienmix literarische Texte, Sachbücher, CDs und DVDs – durchweg mit Bezug zum Land NRW.
  • Es wird mehrere Bezugsquellen geben: Leserläden der WAZ-Mediengruppe (also auch der Westfälischen Rundschau), normaler Buchhandel und Internet. Die Homepage wird in Kürze freigeschaltet.
  • Die Titel der Reihe könneu entweder einzeln oder im besonders günstigen Abo-Paket (monatlich vier Titel für insgesamt 21,90 Euro) erworben werden. Für WR-Abonnenten erfolgt die Lieferung frei Haus.
  • Einzelpreis pro Buch 7,95 Euro, für jede DVD oder CD 8,50 Euro.



Ein flexibler Sozialist mit Lebensstil – Zum 50. Todestag: 25 Gründe, sich mit Bert Brecht zu beschäftigen

Von Bernd Berke

Am kommenden Montag jährt sich der Todestag des „Stückeschreibers“ Bert Brecht zum 50. Mal. Wir machen es halblang: Hier sind 25 und nicht 50 Gründe, sich mit Brecht zu beschäftigen. Nicht alle lassen ihn sympathisch erscheinen. Doch man sollte sich seinen Werken zuwenden, weil…

l) …er sich angeblich die proletarisch wirkenden Klamotten zuweilen vom Maßschneider anfertigen ließ. Der Mann hatte schon Stil, bevor der Begriff Lifestyle aufkam.

2) Weil er 1916 – im Schüleraufsatz – den Satz des Horaz in der Luft zerfetzte, es sei süß und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben. Es war mitten im Ersten Weltkrieg.

3) Weil der flexible Sozialist souverän genug war, auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch zu antworten: „Sie werden lachen – die Bibel!“

4) Weil er mit 26 Jahren bereits drei Kinder von drei Frauen hatte. Man will ja keine Bücher von Stubenhockern, sondern von lebenserfahrenen Leuten lesen.

5) Weil er gern gesellig im Kollektiv gearbeitet und sich zur „grundsätzlichen Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“ bekannt hat, sprich: Er bediente sich nach Ermessen in literarischen Vorlagen oder im Ideenfundus seiner jeweiligen Geliebten – und verwendete das Brauchbare. Manche, vor allem Frauen, finden dies „unmöglich“, andere sprechen von hochmoderner, arbeitsteiliger Textproduktion.

6) Weil seine Werke für eines der härtesten Kritikergefechte aller Zeiten gesorgt haben: Herbert Jhering pries ihn himmelhoch, Alfred Kerr verdämmte ihn höllisch.

7) Weil er sich karrierestrategisch ganz bewusst gegen den bürgerlichen Romancier Thomas Mann in Stellung brachte. Er wählte auch seine Feinde mit Bedacht.

8) Weil er den Boxsport und das Autofahren literaturfähig gemacht hat. Für ein gezieltes Auto-Lobgedicht bekam er einst sogar einen Wagen jener Marke geschenkt.

9) Weil er überhaupt die Mechanismen des (Literatur)-Betriebs durchschaut und geschäftstüchtig genutzt hat. Passendes Standard-Zitat: „Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.“

10) Weil er ein erstrangiger Zeuge und Deuter des wirren 20. Jahrhunderts war und weil er ein langjähriges Exil durchlitten hat – nach seinen Worten: „öfter die Länder als die Schuhe wechselnd“.

11) Wegen seines exemplarischen Daseins zwischen den beiden deutschen Staaten in den frühen 1950er Jahren, wobei er sich – bei Licht betrachtet – doch nicht allzu sehr „verbogen“ hat.

12) Weil er im Gegensatz zu fast allen deutschen Autoren weltweit gespielt wird – von , Korea bis Südamerika.

13) Weil er 1942 in Kalifornien geschrieben hat, er suche dort unwillkürlich nach den Preisschildchen an den e Menschen.

14) Weil seine besten, haltbarsten Texte heute rare Bastionen eines noch nicht diskreditierten Sozialismus sind.

15) Wegen der nachwirkenden Gründung des „Berliner Ensembles“ 1949. Wo wäre sonst heute dessen Intendant Claus Peymann?

16) Wegen der Versorgung der Brecht-Erben, die auf „Werktreue“ pochen wie sonst nur noch die Wagnerianer in Bayreuth. Das hat schon mancher juristisch zu spüren bekommen, der sich arglos an Brecht gewagt hat.

17) Weil seine Gesamt- und sonstigen Ausgaben bis heute etliche Verlagsmenschen in Lohn und Brot halten.

18) Wegen solcher Zitate: „Alle Künste tragen bei zur größten aller Künste, der Lebenskunst!“

19) Weil er sich 1947 beim Verhör vor dem antikommunistischen US-Ausschuss gegen „unamerikanische Aktivitäten“ so listig aus der Affäre gezogen hat, dass man ihm nichts anhaben konnte.

20) Wegen seines „Epischen Theaters“, das einem alles stocknüchtern zeigen wollte – auch die eigenen Illusions-Mittel. Danach konnte man Brechts sinnlichere Texte umso mehr genießen.

21) Wegen der reichlichen Auswahl aus seiner gedankenscharfen, ungemein umfangreichen Produktion: In den 58 Jahren seines Lebens hat er über 200 Erzählungen, 48 längere Dramen, rund 50 Theater-Fragmente und über 2300 Gedichte verfasst, hat noch dazu inszeniert, Theorien ausgefeilt. Und, und, und.

22) Weil er ein feines Ohr für den Zusammenklang von Musik und Text hatte – siehe die Zusammenarbeit mit den Komponisten Kurt Weill. Hanns Eisler und Paul Dessau.

23) Wegen dieses Klassikers: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“

24) Wegen der meisten Theaterstücke.

25) Wegen der Gedichte.

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ZUR PERSON

Die langen Jahre im Exil

  • 1898: Am 10. Februar wird Bert(olt) Brecht in Augsburg geboren.
  • 1917: In München studiert Brecht Medizin.
  • 1918: Sanitätssoldat.
  • 1922: Ausgabe seines ersten Dramas „Baal“, Kleist-Preis und Heirat mit der Sängerin Marianne Zoff.
  • 1924: Umzug nach Berlin.
  • 1928: Die „Dreigroschenoper“ wird uraufgeführt.
  • 1929:Nach der Scheidung: Heirat mit Helene Weigel.
  • 1933: Brecht flieht vor den Nazis in die Schweiz. Bis 1941 Exil-Aufenthalte in Dänemark. Schweden, Finnland.
  • 1941: Flucht in die USA.
  • 1947: Rückkehr nach Europa, zunächst in die Schweiz.
  • 1949: Mit Helene Weigel gründet er im Osten der Stadt das „Berliner Ensemble“.
  • 1956: Tod am 14. August nach einem Herzinfarkt.



Gemischte Gefühle beim Abschied von sämtlichen Dingen: „Später Spagat“ – die letzten Gedichte von Robert Gernhardt

Von Bernd Berke

Robert Gernhardt ist kein purer Spaßvogel gewesen. Der kürzlich an Krebs verstorbene Dichter hat zuletzt immer öfter auch tieftraurige Töne anstimmen müssen. Wenn einer reihenweise Chemotherapien erduldet, steht jeglicher Humor auf existenzieller Probe.

Mit den erschütternden „K-Gedichten“ hatte Gernhardt bereits 2003 einige Bezirke der drei großen „K“-Fragen durchschritten: Krankheit, Krieg und Komik. Jetzt liegt seine letzte Lyrik unter dem Titel „Später Spagat“ vor. Manche Zeile scheint schon von verzweifelter Entkräftung zu zeugen, doch viele Verse sind zum Heulen gut.

Gewiss: Der Hang zur Komik und die Freude an Wein und Weib regen sich noch, doch es wächst und wächst die unmittelbare Angst vor dem Sterben. Aus diesem Spagat zwischen „Standbein‘ und „Spielbein“ (so heißen die beiden Hauptteile des neuen Bandes) ergeben sich immer wieder andere Mischverhältnisse. Mal überwiegt dunkle Furcht, dann wieder grimmig lachlustiger Trotz oder unbändige Unsinnslaune. Häufig durchdringen die Gemütszustände einander, bis hin zum Aufglühen der Gegensätze. In einigen Passagen scheint es so, als könne eine überaus gelungene sprachliche Form sogar den Schrecken des Todes mildern.

Freilich erinnert irgendwann alles ans nahende Ende, nach und nach wird’s ein Abschied von sämtlichen Dingen: Sowohl das Vergehen als auch das Aufblühen der Natur in seiner geliebten Toscana gerinnen hier zu Mahnzeichen der Vergänglichkeit. Der kundige Traditionalist Gernhardt greift derlei Gedankengut auch schon mal in passend barocken Fügungen nach Art eines Paul Gerhardt auf – wie er denn überhaupt den Formenvorrat zwischen Choral und Sonett bedient (zuweilen auch lustvoll zerfasern lässt), dass es gelegentlich noch mal richtig rauscht.

„Durch die Landschaft meiner Niederlagen…“

Mit Gott, an den er wohl nicht hat glauben können, hat der sterbenskranke Gernhardt gehadert. Zornesruf zum (leeren?) Firmament hinauf: „Der sich das erdachte, war furchtbar / Sein Denken ging einzig darauf, daß die Menschheit voll Furcht war…“

Womöglich aufkeimendes Selbstmitleid bekämpft Gernhardt mit bitteren Scherzen:

„Nach dem Befund: / `s liegt Darmkrebs vor‘ / leckt keiner sich die Finger. / Auch Lebermetastasen sind / nicht grad der Riesenbringer…“

Angesichts des Todes befällt selbst den schöpferischen Gernhardt das Gefühl, im Leben fast nichts vollbracht zu haben: „Durch die Landschaft meiner Nîederlagen / gehe ich in meinen alten Tagen.“ Und dann rechtet er streng mit sich selbst: Als Maler und Zeichner habe er nie die volle Wirklichkeit des Lichts und der Farben bannen können. Herrje, was sollen wir alle da einst sagen?

Im „Spielbein“-Teil erprobt Gernhardt noch einmal mit geradezu kindlicher Freude Formen wie den Schüttelreim, der bis in absurde Wortschöpfungen getrieben wird: „Was seh ich, Weib? Ein Tränlein quillt? / Das trocknet, eh das Quänlein trillt.“

Dann aber wieder der Schatten des Todes – und dieses genial einfache Gedacht für künftige Lesebücher:

„Ich bin viel krank. / Ich lieg viel wach. / Ich hab viel Furcht. / Ich denk viel nach. /

Tu nur viel klug! / Bringt nicht viel ein. / Warst einst viel groß. / Bist jetzt viel klein.

War einst viel Glück. / Ist jetzt viel Not. / Bist jetzt viel schwach. / Wirst bald viel tot.“

Robert Gernhardt: „Später Spagat“. Gedichte. S. Fischer Verlag. 121 Seiten, 14,90 €.




Im Lachen liegt die tiefste Weisheit – Klassiker mit Breitenwirkung: Zum Tod des großen Humoristen und Dichters Robert Gernhardt

Von Bernd Berke

Mag sein, dass er dem Schnitter ganz zuletzt noch ins Gesicht gelächelt hat. Doch welche Tröstung man sich auch vorstellt: Die Nachricht vom Tode Robert Gernhardts macht wohl alle seine Leser zutiefst traurig. Mit ihm verlieren wir den vielleicht wirksamsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart Seine Anhängerschaft reicht weit über die üblichen literarischen Gemeinden und Zirkel hinaus.

Es ist überhaupt kein Frevel am klassischen Erbe, wenn man Gernhardt in einem Atemzuge etwa mit Lichtenberg, Jean Paul oder Kurt Tucholsky nennt. Auch er gehörte zu den ganz großen Humoristen und Wortmeistern.

Szene vor Jahren am Schaufenster einer Dortmunder Buchhandlung: Ein paar Leute besahen sich die Auslagen, sie entdeckten Gernhardts Buch „Über alles“ nebst seiner gesammelten Lyrik. Nun ging’s aber hurtig zur Sache. Jeder kannte diverse Gernhardt-Zeilen und gab sie zum besten. Manchmal klang’s derb-lustig („Der Kragenbär, der holt sich munter / einen nach dem anderen ‚runter“), dann wieder äußerst feinsinnig. Und die Gruppe war durch die Verse derart animiert, dass die Fußgängerzone ein klein wenig „vibrierte. Da sage einer, Literatur könne nichts ausrichten.

Zwischen herrlichen Kalauern und lachender Weisheit, Drastik und Feingeist, die er unnachahmlich zu verknüpfen wusste, war Gernhardt nichts Menschliches, Komisches, Sprachliches fremd.

Das Elend mit den Rezensenten

Seine prägnanten Sinnsprüche zieren nicht nur etliche Anthologien, sie sind auch bereichernd ins verbale Volksvermögen eingeflossen. Vor allem ihm verdanken wir es, dass höherer Nonsens ungeahnte Breitenwirkung erzielen konnte. Selbst die Kinofilme eines Otto Waalkes wurden aus Gernhardts solider Ideen- und Wortmanufaktur beliefert.

Bei ihm stimmte stets der Tonfall des Geschriebenen, und viele Menschen haben das gespürt. Dass dieser ungemein sympathische, vielfach begabte Maler, Zeichner, Cartoonist und Dichter 68 Jahre alt war, wollte man irgendwie nicht wahrhaben, so frisch und hell war sein Geist. Und war es denn wirklich schon so lange her, dass Gernhardt (mit F. K. Waechter und F. W. Bernstein) reimend und zeichnend die legendären „Pardon“-Seiten „Welt im Spiegel“ („WimS“) schuf?

Nun ja. Das war tatsächlich zwischen 1964 und 1976, liegt also ein Stück des Weges zurück. Doch es ist noch gegenwärtig. Denn damals wurde der vordem meist biedere deutsche Nachkriegs-Humor auf eine neue Stufe gehoben. Diese Großtat der „Neuen Frankfurter Schule“ fruchtet bis heute. Ohne Loriot, Heinz Erhardt und eben Gernhardt& Co. wären ein Max Goldt oder Harry Rowohlt so nicht denkbar. Ohne den Mitgründer Gernhardt gäb’s wohl auch kein Satireblatt „Titanic“. Die Fackel wird also gottlob weiter getragen.

Tradition als Wegweiser und Widerstand

Schon gegen Ende der 60er Jahre; als der 1937 in Reval (heute Tallinn/Estland) geborene Robert Gernhardt noch unter dem Pseudonym „Lützel Jeman“ (Mittelhochdeutsch für: „Kaum jemand“) arbeitete, hätte man ahnen können, dass er keineswegs nur Scherze machen wollte. Da reifte ein eminent formbewusster Autor heran, der die Tradition als „Wegweiser und Widerstand“ begriff.

Doch die erste (undotierte) Jury-Auszeichnung bekam er erst mit 50 Jahren. Bis die Feuilletons sein Schaffen priesen, dauerte es elend lang. Erst seit Mitte der 80er, als sein Erzählband „Kippfigur“ erschien, gilt er hochmögenden Rezensenten als würdig. Zuletzt umwehte ihn gar eine Aura von Unantastbarkeit. Die erschütternden Gedichte über seine Herz- und Krebskrankheit dürften zu solcher Ehrfurcht beigetragen haben.

Auch als Kritiker war er eine Instanz. Manches gravitätische Werk hat er als puren Humbug entlarvt, doch hat er auch verborgene Pflänzchen ans Licht gezogen. Dichterische Hervorbringungen (etwa von Wolf Biermann) sezierte er so triftig und erhellend, dass ihm bestenfalls ein Enzensberger ebenbürtig war. Wie sonst nur noch Peter Rühmkorf, hat Gernhardt bewiesen, dass Gedicht und Reim sich auch heute nicht „beißen“ müssen. Willkürlich gehackter Zeilen-Salat eines krampfhaften Modernismus war ihm suspekt. In dem Band „Klappaltar“ hat er mit parodistischen Mitteln Goethe, Heine und Brecht auf ihre Substanz überprüft – und zwar „auf Augenhöhe“.

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GERNHARDT-ZITATE

Wie es der Wal treibt

  • Lyrische Kostproben:
  • „Dein Leben ist dir nur geliehn – / du sollst nicht daraus Vorteil ziehn, /Du sollst es ganz dem Andren weihn – / und der kannst nicht du selber sein. / Der Andre, das bin ich, mein Lieber – / nu komm schon mit den Kohlen rüber.“
  • „Paulus schrieb an die Apatschen: / ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.“ (im Gedicht „Weil’s so schön war“ im Band „Wörtersee“).
  • „Wenn einer eine Chemo macht / dann kann er was erzählen / und seine Umwelt Tag und Nacht / mit Selbsterlittnem quälen.“ (im Band „Die K-Gedichte“).
  • „Der Wal vollzieht den Liebesakt / zumeist im Wasser. Und stets nackt“‚ Gedicht“Animalerotica“, Band „Besternte Ernte“.
  • Die Basis sprach zum Überbau: Du bist~ja heut schon wieder blau! /Da sprach der Überbau zur Basis: Was is? (ïm Gedichtband „Besternte Ernte“).



Goethe muss natürlich unbedingt ins Sturmzentrum – Eine Traumelf deutscher Dichter und Denker aufstellen

Von Bernd Berke

Heute geht’s endlich gegen Argentinien rund. Aber gestern und vorgestern waren bei der WM erstmals spielfreie Tage. Seufz! Da wusste man ja fast schon gar nicht mehr, was man mit der leeren Zeit anfangen sollte.

Was tut man also? Sich doch mal wieder spielerisch mit Kultur und Fußball befassen. Etwa mit der reizvollen Idee, eine Traumelf mit ruhmreichen deutschen Dichtern und Denkern aufzustellen. Richtig gelesen.

Wer steht im Tor? Immanuel Kant! Der Mann hat sich in der T-Frage gegen Leibniz und Heidegger durchgesetzt. So abgeklärt wie er ist sonst keiner. Er bleibt nicht auf der Linie kleben, sondern denkt weit voraus. Und er dient der ganzen Mannschaft als Ansprechpartner in moralischen Sinnfragen.

Viel wild er wohl nicht auf den Kasten kriegen. , Denn wir haben ja hinten unsere Weltklasse-Viererkette – mit Hölderlin (dichtet, äh, dribbelt jeden schwindlig), dem willensstarken Nietzsche (gefürchtete Blutgrätsche!), E. T. A. Hoffmann (macht schon mit flackernder Miene dem Gegner Angst) sowie dem kompromisslosen preußischen „Abräumer“ Kleist. Die Härte! Aber Vorsicht vor gelben Karten, die Schiri Reich-Ranîcki so freihändig verteilt.

Fürs 4-3-3-System postieren wir vor die Abwehr kreative Spieleröffner, die auch Defensivaufgaben nicht scheuen: den schnörkellosen Büchner, den gewitzten Heine (bei Paris St. Germain unter Vertrag) und den listigen Lessing, der die ganze Dramaturgie eines Spiels lesen kann und mit allen Freiheiten hinter den Spitzen agiert. Ein solches Mittelfeld schmückt ungemein.

Weiteres Prunkstück ist der Angriff. In der Mitte lauert der wendige junge Goethe („Sturm und Drang“) auf Chancen. Von links bedient ihn der schlaue Bert Brecht mit frechen Flanken, von rechts kommt brachial Gottfried Benn, der auf dieser exponierten Position dem hüftsteifen Ernst Jünger den Rang abgelaufen hat. Jedenfalls: Unsere beiden ,Außen“ gehen konsequent bis zur Grund(satz)linie – und dann schnackelt’s.

Da können es sich der schwäbische Trainer Hegel (Devise: „Das Wirkliche ist vernünftig“) und sein Assistent Marx sogar erlauben, Joker wie Schiller, Thomas Mann, Eichendorff oder Fontane auf der Bank zu lassen. Ihre Stunde kommt noch – ebenso wie die der Talente Heinrich Böll und Günter „Odonkor“ Grass.




Die Clubbisierung der Welt – Frédéric Beigbeder legt einen Tagebuch-Roman vor

Von Bernd Berke

So kaltschnäuzig kann man Tagebuch führen: „11. September 2001. Die Twin Towers sind eingestürzt. Nachmittags Schwimmbad.“

Man muss eben Prioritäten setzen: Derselbe Autor (der mit „Windows on the World“ freilich ein ganzes Buch zum Tenor des 11. September lieferte) lässt sich hier lieber lang darüber aus, mit wie vielen schönen Frauen ein Mann schlafen kann – rein rechnerisch besehen.

Der Franzose Frédéric Beigbeder schätzt in seinem frivolen Journal „Der romantische Egoist“, dass weltweit auf 1000 Frauen eine „Granate“ kommt. Folglich gibt’s auf Erden mindestens 3,5 Millionen „hinreißende Frauen“. Frei nach Adam Riese: „Um mit allen zu schlafen, müsste man… 1000 Jahre lang zehnmal täglich poppen.“ Spätpubertärer Wahn also.

Als die Groupies Schlange standen

Der 1965 geborene Beigbeder hatte mit seinem Buch „39,90″ international Erfolg. Genau in jener Phase setzt sein Tagebuch-„Roman“ ein. Plötzlich wurde er in einem Atemzug mit Michel Houellebecq genannt, zu lauter schrägen Events eingeladen – und die Groupies standen Schlange. Wow!

Dieser Autor, der die unverhoffte Prominenz wohl nicht verkraftet hat, maskiert sich notdürftig mit dem Pseudonym Oscar Dufresne. Doch hinter jeder Zeile lugt, heftig mit Zaunpfählen winkend und nach Bedeutung gierend, Beigbeder selbst hervor.

Er zeigt uns stolz die Früchte seines Ruhms. In gelackter Coolness schildert er jede ausschweifende Club-Eröffnung zwischen New York, Paris und Barcelona, bei der er mitgemischt hat. Haufenweise zählt er Promis auf, die auch dabei waren. Vor allem verschweigt Beigbeder nie, wie wild er’s in Sachen Suff, Sex und Koks getrieben hat. Nur manchmal, des Nachts, fühlt er sich ein wenig einsam und weint. Prahlerei und Wehleidigkeit wachsen hier auf einem Holz.

Apokalyptischer Hedonismus

Der literarische Mehrwert ist gering. Es springen nur dürre Weisheiten heraus, so die These von einer „Clubbisierung der Welt“: Wenn irgendwo eine hippe Disco oder ein Swinger-Club aufmacht, ist das irgendwie die heißeste Sache auf dem Planeten. In lichten Momenten weiß der Autor: Diese Oberflächen-Welt ist eigentlich furchtbar öde, aber man muss alles rausholen. Ergo huldigt er einem „apokalyptischen Hedonismus“, sprich: Er sucht maximale Lust in katastrophalen Zeiten.

Seine parasitäre Existenz ist ihm bewusst, zuweilen packt ihn gar ein schlechtes Gewissen. Als „romantischer Egoist“ ist er zudem für Verliebtheiten und seelische Verletzungen anfällig. Dann preist er unversehens geschlechtliche Treue, um gleich darauf wieder fremdzugehen. Es tönt das alte, hier auch noch früh vergreiste Lied: Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach.

Frédéric Beigbeder: „Der romantische Egoist“. Ullstein. 285 Seiten. 19,95 Euro. 

 




Baltische Szene: „Beneidenswert jung, vital, aufregend“ – Internationale Kulturtage mit Estland, Lettland, Litauen / Dortmund als Zentrum des Festivals

Dortmund. (bke) Den gesellschaftlichen Wandel haben sie im Zeitraffer vollzogen. Nun stellen die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen ihre Kultur in NRW vor. Zentrum dieses „Scene“-Festivals ist Dortmund.

Dortmunds Kulturdezernent Jörg Stüdemann warb gestern für die vielfältigen Gastspiele des Baltikums – beinahe zum eigenen Leidwesen: Derart „jung, vital und aufregend“ sei die Kulturszene der drei Ostsee-Länder, dass man im Revier und in Westfalen geradezu neidisch werden könne.

Tatsächlich haben die Stadt und das Land NRW mit 123 Kooperations-Partnern vieles gestemmt. Erste Einzelveranstaltungen beginnen Ende April, Ausläufer des Festivals reichen bis zum September. Kernzeiten: Mai und Juni.

Besonders das musikalische Programm der Balten reizt sämtliche Geschmacksnerven. Es reicht von Klassik über Neue Musik und Jazz (Festival „europhonics“ im Dortmunder „domicil“ ab 5. Mai) bis hin zu elektronischen Experimenten und DJ-Aktionen.

Theaterspektakel in der Dortmunder Zeche Zollern II/IV: Der litauische Regisseur Gintaras Varnas bringt am 26. Mai „Das Wüste Land“ von Tankred Dorst auf die Bühne. Zuvor gibt’s am 14. Mai eine Gala im Dortmunder Opernhaus, mit Ballett und Musik aus allen baltischen Breiten.

Gewichtiges Ausstellungs-Doppel: Das Museum am Ostwall und die Phoenixhalle (früheres Hoesch-Gelände) präsentieren ab 14. Mai rund 20 baltische Medienkünstler, die mit Videos, Internet und wall und anderen Techniken Phantasieräume schaffen wollen. Die Schau heißt „mit allem rechnen“ und lässt somit Überraschungen erwarten.

Auch Film und Literatur füllen einige Seiten des üppigen Programmheftes. Andere NRW-Städte wie Münster, Duisburg, Bielefeld, Düsseldorf oder Bonn sind am Reigen beteiligt. Das Land gibt auch unter schwarzgelber Regierung weiterhin Zuschüsse.

Dortmund ist jedenfalls der Dreh- und Angelpunkt: Vor allem hier wird man erleben, wie sich die Menschen im Baltikum ihrer Identität mit kulturellen Mitteln vergewissern. Vielleicht ein dreifaches Vorbild für uns?

Infos/Programm/Tickets: Tel. 0231/50 277 10. www.scene-festival-nrw.de




O abgetropfter Ball, o rundes Leder! – Ludwig Harigs Fußballsonette im Vorfeld der WM

Von Bernd Berke

Die bevorstehende FußballWM beflügelt nicht nur Sport-Kommentatoren und zig Millionen Bundestrainer, sondern auch viele Schriftsteiler. In diesem Frühjahr sind zahllose Bücher mit literarischem Kick auf dem Markt. Sehr edel gibt sichLudwig Harigs schmale Gedichtsammlung „Die Wahrheit ist auf dem Platz“.

Der Umschlag ist nicht nur satt grün wie gut gepflegter Rasen, sondern trägt auch die weißen Linien-Markierungen eines Spielfeldes. Noch dazu fühlt sich der aufwändig hergestellte Band wie Samt und Seide an. Da macht schon das Anfassen Freude.

Und der Inhalt? Mythen und Schicksale zuhauf. Harig lässt große Turniere und Spiele der letzten Jahrzehnte in einer wahrhaft erhabenen lyrischen Form aufleben: Er bedient sich des Sonetts – wie beispielsweise einst Shakespeare oder Rilke. Die klassische Strophen-Aufstellung folgt zeilenweise dem 4-4-3-3 System. Das hehre kulturgeschichtliche Erbe zieht überaus kostbare, pathetische Formulierungen nach sich:

„O abgetropfter Ball! O eingeschlenztes Leder!“

Preziöse Sprache und würdevolle Form stehen zuweilen im krassen, komischen Gegensatz zur Schlichtheit der mitgeteilten Tatsachen. Man darf wohl annehmen, dass Harig (ähnlich wie sonst ein Robert Gernhardt) diesen rhythmisch grundierten Fallhöhen-Effekt ganz gezielt einsetzt. Beispiel:

„Ein Unentschieden macht den Sieg zuschanden / und schiebt den Riegel zu für künftige Trophäen.“

Wie wahr. Ein 0:0 ist kein Sieg und zeitigt keine Triumphe. Ein andermal riskiert Harig, der auch schon mal „Böller“ auf „Völler“ reimt, einen gar kühnen Vers:

„Der Fan lehnt sich zurück und cremt sich mit Nivea, / erwartet voll Respekt das Team aus Südkorea.“

Ganz klar. Typisches Fanverhalten. Gleich der Griff zum Cremedöschen, wenn’s hart auf hart kommt.

Diverse WM- und EM-Verläufe seit 1954 werden lyrisch besungen. Zum teutonenhaften deutschen Auftreten bei der erfolglosen WM 1998 heißt es:

„Denn Ordnung, Arbeit, Kraft, so höhnt ein Journalist, / womit die Deutschen sich und alle Welt betrügen, / sind nichts als Alibi, als fromme Lebenslügen.“

Auch zur WM 2002 klingt es aus deutscher Sicht mahnend und besorgt: „Es hilft die Tugend nicht, man muß auch Fußball spielen.“ Und zur EM 2004 in Portugal: „Taugt unser Fußball noch? Das ist die Gretchenfrage.“ Das Leiden an deutscher Holzklasse ist ebenem bleibendes Thema. Doch vor Monaten, wahrscheinlich beim munteren Confed-Cup 2005, sah Harig einen Lichtstreif:

„Am Fußballhorizont ein helles Dreigestirn / mit Klinsmann, Bierhoff, Löw erleuchtet unser Hoffen.“

Die leidige Torwartfrage hat Harig unterdessen subjektiv ganz eindeutig entschieden: Jens Lehmann soll es sein! Über Oliver Kahn heißt es hingegen nach glücklosem Match geradezu schadenfroh:

„Nun kann er sich nicht mehr gebärden als Titan / und nicht erkühnen, sich die Nummer eins zu heißen.“

Überhaupt erweist sich Harig als ausgesprochen bissiger Anti-Bayer. Zitat aus „Bayern gegen Arsenal“, mit Bezug zum deutschen Torwart in Londoner Diensten:

„Kommt Lehmann an den Ball, schon pfeift die feige Meute. / Es sind die Bayernfans ein schlimmes Publikum, / Zerstören die Idee von Spiel und Menschentum. / Hier herrscht der blinde Wahn vulgär gebliebner Leute.“

Wie gut, dass Westfalen und Saarländer anders sind. Immer nur Lyrik im Kopf und stets faire Sportsfreunde. Jau!

Ludwig Harig: „Die Wahrheit ist auf dem Platz. Fußballsonette“. Hanser Verlag, 80 Seiten, 12,50 Euro.

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ZUR PERSON

Passionierter Saarländer

  • Ludwig Harig wurde 1927 in Sulzbach/Saar geboren.
  • Zunächst war er als Grundschullehrer tätig, seit 1974 ist er freier Schriftsteller.
  • Besonders viel Beachtung fand seine Romantrilogie mit den Bänden „Ordnung ist das ganze Leben“, „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ und „Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf“.
  • Harig hat sich auch mit experimenteller Lyrik einen Namen gemacht.
  • Fußballthemen hat der passionierte Regionalist (Buch „Die saarländische Freude“) mehrfach aufbereitet.
  • Schon 1967 war sein Hörstück „Das Fußballspiel“ gesendet worden. Und zur Fußball-WM 1974 leistete er mit Dieter Kühn den literarischen Beitrag „Netzer kam aus der Tiefe des Raumes“.



Die Vorfahren reden mit eindringlichen Stimmen – Arno Geiger stellte seinen Roman „Es geht uns gut“ in Dortmund vor

Von Bernd Berke

Dortmund. Eigentlich wollte Arno Geiger (37) einen Anti-FamiIienroman schreiben. Doch quasi hinterrücks ist ein Familienroman daraus geworden, allerdings ein ganz besonderer. Und der heißt auch noch verheißungsvoll „Es geht uns gut“.

Der gebürtige Bregenzer hat dafür 2005 den erstmals verliehenen Deutschen Buchpreis erhalten. Die Auflage steuert nun auf fabelhafte 250 000 zu, in Österreich verwies der Roman sogar „Harry Potter“ auf Platz zwei. Ein wahrhaftiger Bestseller-Autor also, der sein Erfolgsbuch jetzt im Dortmunder Harenberg City-Center vorstellte. Abermals war’s ein literarisches Ereignis der Reihe „Kultur im Tortenstück“, die von der WR mitgetragen wird.

Beim Lesen wiegt sich Geiger innig im Text, er schmiegt sich mit dem Oberkörper in die Satzmelodien hinein. Worum geht’s? Der junge Antiheld Philipp erbt das Haus seiner Großmutter und „entsorgt“ nach und nach sämtliche Erinnerungstücke. Dann aber beginnen die Stimmen der vorherigen Generationen für sich zu sprechen; unaufdringlich aber eindringlich. Unabweisbar.

Geigers Geschichten gleiten ständig in neue Perspektiven, die Übergänge sind oft fließend. Anhand einiger Tagesdaten zwischen 1938 („Anschluss“ Österreichs) und 2001 schildert der Autor in erdnaher, oft fast beiläufig klingender Sprache Begebenheiten aus dem Familienleben – vom verräterisch unterkühlten Ehedialog bis zum Tod der Mutter durch Ertrinken in der Donau.

Dass im Alltag auch gesellschaftliche Verhältnisse wirken, erfährt man hier nachdrücklich. Jede Figur, jede Szene in diesem Roman hat eigenes Gewicht, eigene Gültigkeit. Nicht zuletzt dieses scheinbar absichtslose Geltenlassen auch vermeintlich unscheinbarer Vorgänge stiftet den Zusammenhang der Episoden. Die harmlos klingende Titelformel „Es geht uns gut“ wird nicht rundweg dementiert, doch vielfach relativiert. So ist das Leben.

Lebhaftes Interesse bei der anschließenden Diskussion mit dem Autor. Geiger verrät dabei eine Quelle seines reichhaltigen Erinnerungs-Materials: In Wien wohnt er am Naschmarkt. Vom Trödel hat er dort schon einige Male alte Fotos und Briefe erworben. Sie zeugen von Zeitgeschichte, wie sie tagtäglich bei den Menschen angekommen ist.




Neues aus dem versoffenen Alltag: Kroetz legt mit „Blut & Bier“ nach langer Schaffenspause „15 ungewaschene Stories“ vor

Von Bernd Berke

Lange nichts mehr gehört von Franz Xaver Kroetz. Er schien von der literarischen Bildfläche fast verschwunden. Auch die Schauspielhäuser der Republik haben ihn links (oder sonstwo) liegen lassen. Doch jetzt, zu seinem 60. Geburtstag, ist der kernige Bayer plötzlich wieder da – mit dem schmalen, aber durchaus heftigen Erzählband „Blut & Bier“.

Der Untertitel „15 ungewaschene Stories“ trifft ohne Wenn und Aber zu. Kroetz hat sich den ganzen, in erfolglosen Zeiten angesammelten Frust von der Seele geschrieben. Aggressionsgeladen setzt sich sein durchgängiger Erzähler (der kaum vom richtigen Kroetz unterscheidbar ist) an die Schreibmaschine. Zitat: „Hingefetzt, 7 eng beschriebene Seiten, 66 Zeilen à 75 Anschläge, keinen weißen Fleck auf dem Papier übriglassen, von links nach rechts rotzen, kotzen, klotzen.“

Meist angriffswütig, zwischendurch weinerlich

Wie „hingefetzt“ lesen sich denn auch die Geschichten aus dem versoffenen Alltag eines ebenso genialen wie verkannten Dichters. Meist angriffswütig, zwischendurch weinerlich. Unter all diesen Launen hat die dienstbare Ehefrau („das Loch“) zu leiden. Sie muss stets für reichlich Alkohol-Nachschub sorgen, ihm die lästigen kleinen Kinder vom Leibe halten, wenn er seine Räusche auspennt – und sie hat ihn nach all ihren Strapazen selbstverständlich oral zu befriedigen.

Solche Passagen scheinen idealtypisch zum Musterbuch eines früheren Feminismus zu passen: Männer sind halt Schweine. Der Kerl im Buch gibt sich jedenfalls alle Mühe, eins zu sein. In lichten Momenten weiß er selbst, dass er eïn Kotzbrocken ist, ein Möchtegern-Kraftmeier von der traurigen Gestalt. Daraus ergibt sich eine besondere Form der Ironie, sei sie nun freiwillig oder nicht.

Affäre ja – aber doch nicht mit einer Wildfremden

Nun der etwas widerliche Promi-Tratsch. Natürlich weiß man, dass Literatur das Leben nicht eins zu eins widerspiegelt. Wenn wir uns freilich an diese Erzählungen halten, so enthüllt Kroetz, dass er (oder eben seine literarische Ausformung) es im Suff mit seiner Schwiegermutter getrieben hat. Im biographischen Klartext wäre das keine andere als die im April 2005 verstorbene Schauspielerin Maria Schell. Wir wollen dies nicht als Tatsachenbehauptung verstanden wissen. Aber als Story „fetzt“ es. Zumal der Protagonist seiner Frau auch noch beibiegen will, es sei doch weniger schlimm, als wenn er mit einer Wildfremden gevögelt hätte. Bleibt ja in der Familie.

Irgendwo zwischen Bukowski und Hemingway?

Die Stories haben allemal Tempo und zuweilen bitteren Witz. Greifen wir mal hoch: Der trockene, schmucklose Stil liegt irgendwo zwischen Charles Bukowski und Ernest Hemingway, dessen Mythos Kroetz selbst mehrfach herbeizitiert. Er empfiehlt sich somit gleichsam als unser bajuwarischer Amerikaner.

Auch wenn man sich innerlich dagegen wappnet und wehrt, entfalten seine Geschichten einen gewissen Sog, eine wüste Faszination, etwa nach dem Husaren-Motto: dass der sich das traut!

Nebenher dementiert Kroetz, einst DKP-Mitglied, seine linke Vergangenheit aus den 70er Jahren. In einem fiktiven Interview – geführt bei 240 km/h in seinem Jaguar – brüllt der Autor heraus, er habe nie an die Arbeiterklasse gedacht, immer nur ans eigene Fortkommen: Er wollte nur „raus ausm Kellerloch“.

Franz Xaver Kroetz: „Blut & Bier – 15 ungewaschene Stories“. Rotbuch-Verlag, 155 Seiten, 16,90 Euro.

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ZUR PERSON

Franz Xaver Kroetz

  • Franz Xaver Kroetz (Bild) wurde am 25. Februar 1946 in München geboren, er wird heute 60 Jahre alt.
  • In den 1970er Jahren war er mit Theaterstücken wie „Wunschkonzert“, „Wildwechsel“ (1971 in Dortmund uraufgeführt), „Heimarbeit“ und „Stallerhof“ höchst erfolgreich.
  • Einem breiten TV-Publikum wurde Kroetz als Klatschreporter „Baby Schimmerlos“ in Helmut Dietls Serie „Kir Royal“ (1986) bekannt.
  • 1987 lernte Kroetz die Schauspielerin Marie-Theres Relin (Tochter von Maria Schell) kennen. 1992 heirateten sie, seit Anfang 2005 leben sie getrennt. Zwei Töchter und ein Sohn gingen aus der Ehe hervor.



Mit Herzblut für die wahre Freiheit – Einer unserer allergrößten Dichter: Vor 150 Jahren ist Heinrich Heine in Paris gestorben

Von Bernd Berke

Vielleicht treffen sie sich jetzt dort droben: Wolfgang Amadeus Mozart und Heinrich Heine. Falls ja, dann können der Komponist und der Dichter einander Hochachtung, aber auch wechselseitiges Mitleid bekunden. Allenthalben werden sie rituell gefeiert, weil sich biographische Daten „runden“. Heute vor 150 Jahren starb Heine nach langjährigen Leiden in seiner Pariser „Matratzengruft“.

Wie überaus betrüblich: Einer, der dem göttlich guten Leben im Diesseits derart zugetan war, musste so elendiglich enden. Nur zu verständlich, dass Heine zuletzt allen atheistischen Anwandlungen abschwor und um Gottgläubigkeit rang. Nur ahnungslose Schandmäuler können ihm dies verübeln.

Seine Werke gehören unverbrüchlich zur Weltliteratur. In Frankreich zählen die Bücher von „Henri“ ebenso zum ehernen Bestand wie bei uns – und mancher Japaner oder Russe kann wahrscheinlich das „Loreley“-Gedicht im deutschen Original aufsagen.

Sein Witz war kühn und treffsicher

Das berühmte „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ konnten nicht einmal die Nazis verschweigen. Allerdings schrieben sie die Zeilen einem „unbekannten Dichter“ zu.

Heine war Rheinländer jüdischen Glaubens, als junger Mann ließ er sich allerdings christlich taufen, denn: „Der Taufzettel ist das Entréebillet zur europäischen Kultur.“ Antijüdische Vorurteile gegen Heine steigerten sich schon bei einigen seiner Zeitgenossen zu erschreckenden Hasstiraden. Die üblen Klischees des 19. Jahrhunderts führten letztlich auch zur Bücherverbrennung von 1933.

Der Heißsporn Heine hat sich zu seiner Zeit mit nicht lauteren Mitteln gewehrt: Als der Dichter August Graf von Platen ihn mit antisemitischen Untertönen angriff, machte sich Heine öffentlich über dessen Homosexualität lustig – damals ein ungeheurer Skandal und wohl der schlimmste deutsche Dichterstreit überhaupt.

Nachwirkung zwischen Karl Kraus und Nietzsche

Heines Nachwirkung ist stets eine Streitfrage gewesen. Selbst ein ungemein kluger, doch hitziger Kopf wie Karl Kraus hat Heine als Vorläufer eines unverbindlich plaudernden Stils missverstehen wollen. Kraus-Zitat: „Ohne Heine kein Feuilleton. Das ist die Franzosenkrankheit, die er uns eingeschleppt hat.“ Heine habe „der deutschenSprache so sehr das Mieder gelockert (…), dass heute alle (…) an ihren Brüsten fingern können.“ Friedrich Nietzsche bezog die Gegenposition: „Man wird einmal sagen, dass Heine und ich bei weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind …“

Die Vaterstadt Düsseldorf hat sich mit Heine schwer getan. Schier endlos währte das Gezerre darum, ob die Uni seinen Namen tragen sollte 1989 war es so weit. Ehrenbürger ist er bis heute nicht.

Mit Herzblut hat Heine einige der schönsten romantischen Gedichte geschrieben. Doch sein flackernder, treffsicherer Witz und seine oft kühnen Formulierungen (er reimte schon mal „ästhetisch“ auf „Teetisch“) ließen wehe Idyllen und Schauermärchen der Romantik weit, weit hinter sich.

Gemischte Gefühle fürs aufkommende Proletariat

Er hat nicht nur höchst sprach- und formbewusste, sondern aufsässige Texte geschrieben – mit satirischer Stoßrichtung gegen schläfriges Biedermeier, starres Preußentum und aggressiv dumpfen Nationalismus (nationale Einigung ja, aber bitte unter freiheitlichen Vorzeichen). Ach, wüsste man doch, was der Erz-Journalist Heine zum jetzt so akuten Streit um Karikaturen und Pressefreiheit gesagt hätte!

Mit gemischten Gefühlen sah Heine das Proletariat heraufkommen. Er begriff die Notwendigkeit dieser Entwicklung, fürchtete aber auch die Barbarei der neuen Klasse – eine Schreckensvision, die im Realsozialismus grässliche Gestalt annahm. Im Grunde blieb Heine Monarchist, freilich ein aufgeklärtes Königtum, das per Verfassung alle (bürgerlichen) Menschenrechte wahren sollte.

Mit Potentaten und Zensoren in Berlin hatte er ebenso Probleme wie mit kaufmännischen „Pfeffersäcken“ in Hamburg, wo sein reicher Bankiers-Onkel Salomon und sein Verleger Campe lebten – zwei Menschen, mit denen er oft um Geld gestritten hat.

Welch eine Befreiung muss Paris bedeutet haben, damals die konkurrenzlose Weltmetropole mit rauschendem Kultur- und Gesellschaftsleben, an dem Heine ausgiebig teilnahm. Hier traf er prägende Gestalten jener Zeit – von Richard Wagner bis Karl Marx, von Hector Berlioz bis Balzac und George Sand.

„Dicht hinter Hagen ward es Nacht.. .“

Seinen Büchern kann man entnehmen, dass er trotz alledem wehmütig an seiner Heimat gehangen hat. Er hatte „das Vaterland an den Sohlen“ – wären es doch nur befreite Lande gewesen! „Denk ich an Deutschland in der Nacht…“

Der Rheinländer Heine hat die geradlinige westfälische Wesensart sehr geschätzt. In Göttingen sang und trank er mit Studienfreunden aus hiesigen Breiten.

Die Zeilen, die jeden Westfalen rühren, stammen aus der ansonsten eminent politischen Dichtung „Deutschland. Ein Wintermärchen“ und schildern Heines Reise nach Hamburg (1843), die durch Westfalen führte:

„Dicht hinter Hagen ward es Nacht, / Und ich fühlte in den Gedärmen / Ein seltsames Frösteln. Ich konnte mich erst / Zu Unna, im Wirtshaus, erwärmen…/ Den lispelnd westfälischen Akzent / Vernahm ich mit Wollust wieder.“

Und nun kommt’s:

„Ich habe sie Immer so lieb gehabt, / Die lieben, guten Westfalen, / Ein Volk so fest, so sicher, so treu, / Ganz ohne Gleißen und Prahlen (…) / Sie fechten gut, sie trinken gut, / und wenn sie die Hand dir reichen, / Zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie; / Sind sentimentale Eichen.“

Beileibe nicht nur wegen dieser Verse: Der Weltbürger Heine verdient unbedingt auch die westfälische Ehrenbürgerschaft.

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LEBENSDATEN

Kaufmannslehre und Romantik

  • Heinrich Heine (Bild) wird am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geboren.
  • Er erwirbt kein Reifezeugnis, sondern wechselt zur Handelsschule.
  • Ab 1815 Kaufmännische Lehrzeit in Frankfurt und Hamburg.
  • 1816 Unglückliche Liebe zur Cousine Amalie.
  • 1817 Erste Gedichte unter Pseudonym.
  • Ab 1819 Jura-Studium in Bonn, Göttingen, Berlin. Auch philosophische Vorlesungen, u. a. bei Hegel.
  • 1825 Examen, Promotion, protestantische Taufe.
  • 1826 Erster Teil der „Reisebilder“ (u.a. „Die Harzreise“, „Die Nordsee“).
  • 1827 „Buch der Lieder“ (zu Lebzeiten 13 Auflagen). Reise nach England.
  • 1828Norditalien-Reise
  • 1829 Umzug nach Berlin
  • 1837 Heine zieht nach Paris, berichtet von dort für deutsche Zeitungen.-•1835 Verbot der Schriften Heines im Dt. Bund.
  • 1836 „Die romantische Schule“
  • 1840 Streitschrift gegen Ludwig Börne (Folge: Duell mit einem Börne-Fan).
  • 1 841 Heirat mit der 18 Jahre jüngeren Mathilde, die er 1834 kennen gelernt hatte. Heine schrieb: „Sie hat einen sehr schwachen Kopf, aber ein ganz vortreffliches Herz.“
  • 1843 und 1844 Reisen nach Hamburg.
  • 1844 „Deutschland. Ein Wintermärchen“.
  • 1847 „Atta Troll“
  • 1848 Feb./März: Bürgerliche Revolution in Frankreich und Deutschland. Heine ist ab Mai für den Rest seines Lebens durch Krankheit ans Bett gefesselt („Matratzengruft“).
  • 1851 „Romanzero“
  • 1854 „Geständnisse“
  • 1856 (17. Februar): Heinrich Heine stirbt in Paris.



Sexuelle Lehrjahre in der Provinz – John Updikes erotischer Bildungsroman „Landleben“ bereitet würzige Essenzen auf

Von Bernd Berke

Ach, das wird wohl ein beschauliches Buch sein. wenn es schon „Landleben“ heißt. Sanftes Dasein im Einklang mit der Natur, milde Lüftchen des Lebens. Doch wenn John Updike der Autor ist, sieht die Sache etwas anders aus.

Mit „Landleben“ (Originaltitel „Villages“) legt Updike einen mächtigen Gegenentwurf zur Erotik der Metropolen vor. Statt „Sex and the City“ und dergleichen gibt’s hier würzige Essenzen des geschlechtlichen Treibens in der amerikanischen Provinz.

Der in Kindheit und Jugend (1930er/40er Jahre) arg verklemmte Owen Mackenzie wächst etwas ärmlich aber behütet in einem Nest bei Philadelphia auf. Die bösen Großstädte liegen weit hinterm Horizont, noch ferner dröhnt der Zweite Weltkrieg. Auch Owens weitere Biographie wird von kleinen Orten bestimmt, in denen die Zumutungen der Zeit nur gedämpft ankommen. Dennoch schleicht sich existenzieller Grundschmerz in den Alltag.

Am Beginn des Romans ist der Mann bereits 70 Jahre alt und hält Rückschau. Gleich sechs von 14 Kapiteln tragen den Titel „Kleinstadt-Sex“. Einzelkind Owen entdeckt die saftigen Freuden des Lebens zögerlich, dann aber gründlich. Ausgiebig erfahren wir von seinen ersten Petting-Versuchen in Autos. Als Student in Boston (einzige Großstadt-Episode) himmelt er Phyllis an, die als mathematisch hochbegabte Professorentochter unnahbar über allem zu schweben scheint. Sie wird seine Frau, gibt ihre Karriere auf. Beide haben vier Kinder. Und Owen gründet Computerfirma, die nach der Lochkarten-Ära erste Programme austüftelt.

Seine Qualitäten sprechen sich bei den Frauen herum

In den überschaubaren Zirkeln der Kleinstadt (Gartenpartys, Kinderfeste usw.)sammelt sich allseits Ehefrust. Reihenweise drängen sich vernachlässigte Frauen an Owen heran. Typisch Provinz: Mit jeder Affäre sprechen sich seine Qualitäten hinter vorgehaltener Hand herum, was ihm wiederum neue Damen zuführt.

Er lässt nichts anbrennen, zumal er ein „Forschungsprojekt“ verfolgt: Warum lassen sich Frauen überhaupt mit Männern ein? Nun, jede gibt ihm – ganz sinnlich – ihre ureigene Antwort. Und er begreift: Man muss einander nicht einmal sonderlich mögen, um tollen Sex zu haben. Es triumphiert die Biologie, die einfache Wahrheit der Körper. Kurzum: Owen absolviert in diesem fulminanten erotischen Bildungsroman seine verspäteten Lehrjahre – erst recht, als die freimütigen 1960er sich auch in entlegenen Winkeln auswirken.

So kennt man ihn: Updike schildert sexuelle Praktiken bis zur Neige. Doch als weltweiser Romancier stellt er die kleinen Ausschweifungen in große Zusammenhänge. Der Fraß der Zeit wird spürbar, wenn die Software-Entwicklung über Owens Firma hinwegbraust, oder wenn riesige Malls die Drugstores verdrängen. Melancholie erfasst auch die erotischen Eskapaden – bis Owen mit seiner zweiten Frau Julia illusionslos das sanfte Nachglühen einstiger Begierden genießt.

Noch mehr könnte man schwelgen, wäre das Buch nicht streckenweise so staksig übersetzt. Die Sprachebenen werden mitunter geradezu lachhaft vermengt. Da widmen sich diverse Damen in klinischer Diktion der „Glans“ (Eichel) des Probanden Owen, um sogleich danach nur noch lechzend vom „Ficken“ zu stammeln…

John Updike: „Landleben“. Roman. Rowohlt-Verlag, 414 Seiten, 19,90 Euro.

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  • ZUR PERSON

Kindheit auf einer Farm

  • John Updike wurde am 18. März 1932 in Reading (Pennsylvania / USA) als einziger Sohn eines Lehrers geboren und wuchs auf einer abgelegenen Farm auf.
  • Sein erstes Buch veröffentlichte er 1958. Es war ein Gedichtband.
  • 1959 kam sein erster Roman („Das Fest am Abend“) heraus.
  • Besonders bekannte Werke: „Hasenherz“ (1960), „Bessere Verhältnisse“(1981), „Rabbit in Ruhe“ (1990) und „Such mein Angesicht“ (2002).

 




Die eigene Wahrnehmung in Ruhe reifen lassen – Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer zu Gast in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Erst seit wenigen Tagen ist Brigitte Kronauer (64) Trägerin des Büchner-Preises. Mit derlei höchsten Weihen versehen, war sie jetzt zu einer Lesung der Dortmunder Reihe „Kultur im Tortenstück“ zu Gast.

Man darf die (von der WR und der Buchhandlung Krüger mitgetragene) Veranstaltung im Harenberg City-Center getrost als Rarität bezeichnen. Wie die Autorin im persönlichen Gespräch sagt, scheut sie vor längeren Lesereisen aus guten Gründen zurück. Sich dermaßen öffentlich preiszugeben, vertrüge sich nicht mit dem innigen Wunsch, die eigene Wahrnehmung der Welt in Ruhe reifen zu lassen.

Kronauer liest u. a. aus dem soeben bei Klett-Cotta erschienenen Sammelband „Feuer und Skepsis – Einlesebuch“. Auch hat sie ihr Reclam-Bändchen „Die Tricks der Diva“ bei sich. Dass sie in dieser gelben Heftreihe erscheint, ist ein Signal: Achtung, Klassikerin der Gegenwart! Sehr gepflegte Sprache! Bei ihrem Vortrag scheint hin und wieder die Lehrerin durchzuschimmern, die die gebürtige Essenerin einst (bis 1974) gewesen ist. Also lauscht man brav.

Manchen Kritikern galt sie zu Zeiten als „abgehoben“ und weltabgewandt. So ziemlich das Gegenteil ist der Fall. Alltägliches Frauendasein, Tiere, Natur, Kinder – sind das etwa entlegene Sujets? Sie greift zunächst mitten ins Leben hinein, wendet es freilich um und um, legt feinmaschige Sprachnetze darüber.

Es öffnen sich somit Blicke in andere Sphären des Bewusstseins, durch die Ritzen gewohnter „Wirklichkeit“ hindurch: Man vernimmt in Dortmund eine schwermütige und doch trostreiche Kindheitserinnerung über existenzielle Hilflosigkeit vor einer allzu üppigen Portion Griesbrei. Eine Kindergarten-Geschichte handelt von verwöhnten, sündhaft teuer herausgeputzten Sprösslingen piekfeiner Mütter. Gleichsam als „Untote“ geistern die vordem so goldigen Kleinen schließlich umher. Ein nobles Viertel in Kronauers Wohnort Hamburg bildet hierfür die Folie.

Eine weitere Passage spielt auf der Frankfurter Buchmesse, wo eine glamouröse Filmschönheit ihre gehabten Liebschaften öffentlich ausbreitet. Hier gleitet die Perspektive aus der vermeintlich banalen Außenansicht ins Innenleben. Aber geht es dort wesentlich reicher zu? Ein kurzer Absatz der Natur-Ekstase, für den Kronauer sich beim Dortmunder Publikum vorab entschuldigt („Es dauert auch nur eineinhalb Minuten“), klingt denn doch gar nicht so exzessiv. Nein, abgehoben schreibt sie nicht, sondern durchaus erdnah; behutsames Entschweben inbegriffen.




Das Ende der Vorurteile – Kinofilm „Unkenrufe“ nach der Erzählung von Günter Grass

Von Bernd Berke

Fürs „Buch zum Film“ hat Literaturnobelpreisträger Günter Grass ein Vorwort geschrieben. Er ist also wohl gnädig einverstanden mit der Adaption seiner 1992 erschienenen Erzählung „Unkenrufe“.

Leicht kann die Umsetzung nicht gewesen sein, denn Grass hat vielfach mit indirekter Rede und erzählerischen Mutmaßungen gearbeitet. Das alles musste fürs Kino konkretisiert, auf Figuren verteilt, zugespitzt oder ausgelassen werden. Daran gemessen, ist der Film des polnischen Regisseurs Robert Glinski passabel geraten. Und er bebildert getreulich manche sinnliche Grass-Spezialitat: von lukullischen Genüssen bis zum pittoresken Rikscha-Dienst mitten in Danzig, der auf die Kalkutta-Aufenthalte des Autors zurückgeht.

1989, kurz vor dem Fall der Berliner Mauer: Der Bochumer Kunsthistoriker Alexander Reschke forscht in seiner (und Grass‘) Geburtsstadt Danzig, die bekanntlich seit1945 Gdansk heißt und zu Polen gehört, nach einem besonderen Grabstein. Durch Zufall lernt er die polnische Kunst-Restauratorin Aleksandra Piatkowska kennen – verwitwet wie er selbst, des Deutschen mit charmantem Akzent mächtig und auch beruflich kompatibel. Deutsch-polnische Vorurteile gibt es zwar zuhauf, doch diese beiden lebensklugen Menschen umschiffen derlei Klippen höchst freimütig.

Alexander und Aleksandra

Alexander und Aleksandra – wenn das nichts wird! Zartfühlend, mit feiner Ironie spielen Matthias Habich und Krystyna Janda diese späte Liebe zweier gereifter Menschen. Sie verleihen dem Film menschliche Wärme – ebenso wie die weise Marktfrau Erna Brakup (Dorothea Walda), eine pralle Grass-Figur wie aus dem Bilderbuch.

Unsere beiden haben eine spontane Idee, deren Sinn der Film mit dem Untertitel „Zeit der Versöhnung“ überdeutlich ankündigt. Sie gründen eine polnisch-deutsch-litauische Friedhofs-Gesellschaft, die jedem Menschen am Ende dieses zerrissenen 20. Jahrhunderts die Beisetzung an seinem Geburtsort ermöglichen soll. So möge etwa der gebürtige Danziger, der in der Bundesrepublik lebt, seine letzte Ruhe in der alten Heimat finden – über alle ideologischen Gegensätze und Bedenken („Kein Deutscher in polnischer Erde!“) hinweg. Es finen sich Mittel und Wege.

Herzensgute Sympathieträger

In Rückblenden erzählt der Film aus der Kindheit Alexanders in der NS-Zeit und Aleksandras im Kommunismus, wo sie jeweils Außenseiter waren. Diese herzensguten Sympathieträger taugten eben nie fürs dröhnende Kollektiv.

Immer wieder kommt die sprichwörtliche Unke ins Spiel, die kommendes Unheil quakend verkündet. Als literarisches Zeichen mag das angehen, doch als real vorhandenes Tier im Film mag man’s schon bald nicht mehr haben.

Die Mauer fällt, die Blöcke beginnen sich aufzulösen. Wie skeptisch Grass diese historischen Vorgänge gesehen hat, weiß man. Auch die Friedhofs-Gesellschaft lässt er mit satirisch getönten Anstrengungen in kapitalistisches Fahrwasser geraten. Im deutsch-polnischen Komitee gewinnen Leute wie der Unternehmer Vielbrand (Udo Samel) die Oberhand, die die Idee gnadenlos kommerziell ausbeuten wollen.

Das ist nicht mehr die Welt von Alexander und Aleksandra. Sie ziehen sich nach Italien zurück: „Neapel sehen und sterben“. Filn und Buch finden ein trauriges Ende. Schon zu Beginn ist ja ein steinerner Engel symbolisch gestürzt…

Volker Schlöndorff hat, lang ist’s her, mit der Verfilmung von Grass‘ „Blechtrommel“ einen Oscar errungen. Dazu wird’s diesmal nicht kommen. Die recht konventionelle Dramaturgie wirkt so vorsichtig, als solle nur ja kein Schaden angerichtet werden. An Gedenk- und Feiertagen wird man das in diesem Sinne mustergültige Stück später im Fernsehen zeigen.




Heimatlose Engel – Cees Nootebooms „Paradies verloren“

Höchst merkwürdige Wandlungen und Metamorphosen gehen im neuen Roman von Cees Nooteboom vor sich. Die junge Alma gerät in ein Elendsviertel von Sao Paulo und wird dort von einer ganzen Horde vergewaltigt. Kann sie nach diesem höllischen Erleiden jemals wieder ein halbwegs normales Leben führen?

Raumgreifender Szenenwechsel. Ein paar Kapitel später durchstreift sie mit ihrer Freundin Almut die Weiten und Wüsten von Australien. Sie sucht ein Ersatz-Paradies in den nomadischen Mythen der Aborigines, der Ureinwohner also; ganz im Geiste des früh verstorbenen ,,Traumpfade“-Autors Bruce Chatwyn, der freilich nicht ausdrücklich genannt wird. Doch auch diese urzeitliche Vorstellungswelt ist von den Marktkräften der Zivilisation vernichtet worden. Die rätselhaften Bilder der Aborigines machen nur noch weiße Galeristen reich.

Die Suche nach dem verlorenen Paradies bekommt sodann absurde Züge: Bei einem Theaterfestival im abgelegenen australischen Perth verwandelt sich Alma in einen „Engel“, der sich in einem Schrank verbergen muss. Beim Suchspiel (denn um ein solches geht es) wird sie von einem gründlich frustrierten niederländischen Kulturredakteur entdeckt. Dieser Literaturkritiker verliebt sich sogleich in ihre melancholische Unergründlichkeit. Doch im chaotischen Gewoge der Abschluss-Party verlieren sie einander auf lange Zeit. Dabei hatten sie sich doch schon paradiesisch ausgezogen…

Drei Jahre später absolviert besagter Redakteur (der mit Vorliebe heimische Größen wie just Cees Nooteboom „verreißt“…) eine strenge Kur in einem gottverlassenen Schneedorf in Österreich. Und wer ist seine Masseuse? Richtig, es ist Alma. Doch wiederum entzieht sich die Weitgereiste – offenbar ist sie unterwegs in eine unbestimmte Sphäre, in der wohl die letzten, die gänzlich heimatlosen Engel sich bewegen. Und diese Wesen sind nun einmal nicht für Menschen bestimmt, wie sie sagt.

Überdies sorgt Nooteboom für eine ebenso wundersame Rahmenhandlung. Da trifft er im Flugzeug nach Berlin und im Zug nach Moskau jene Leserin, die eben „Paradies verloren“ in den Händen hält.

Eine solche Mär mag man sich nicht von jedem Autor erzählen lassen. Doch der selbst weltweit gereiste Nooteboom lädt seine bildkräftige Geschichte von unverhoffter Wiederkehr und Spiegelungs-Effekten mit zuweilen hinreißenden Alltags-Exkursen auf. Er kennt sich mit Fastenkuren ebenso aus wie in Kulturredaktionen und fernen Ländern. Und ganz ohne arroganten Gestus verabreicht er nebenher edles Bildungsgut – von den Engel-Darstellungen der Renaissance-Maler bis hin zu Miltons Dichtung „Paradise Lost“ Sie schildert die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies.

Ein Engel wies bekanntlich den beschwerlichen Weg ins irdische Jammertal. Zwischen Hölle und Himmel angesiedelt, ist es trotz allem das vielleicht interessanteste Gefilde überhaupt. Denn die Hölle hält niemand aus, und im Paradies – so heißt es hier – gibt es gar keine spannenden Missverständnisse mehr.

Cees Nooteboom: „Paradies verloren“. Suhrkamp, 157 Seiten, 16,80 Euro.

(Der Beitrag stand am 15. Juli 2005 in der „Westfälischen Rundschau“)