In der kleinen Stadt die Welt erkunden – Michael Zellers poetische Mitbringsel aus Schwerte

Von Bernd Berke

Schwerte. Der Schriftsteller Michael Zeller (56), anno 1999 „Stadtschreiber“ in Schwerte, hat jetzt den poetischen Ertrag seines Aufenthaltes vorgelegt. „Mein schöner Ort“ heißt das Buch. Doch dieser Titel täuscht bruchlose Aneignung idyllischer Gefilde nur vor. Zwar hat Zeller viel Liebenswertes entdeckt, aber manches hat ihn auch befremdet.

Als Freunde ihn fragten, wo um alles in der Welt dieses Schwerte zu lokalisieren sei, fiel ihm zuerst das bundesweit durch Staus bekannte Westhofener Kreuz ein. Die Stadt liege eben an der Autobahn. Blumiger ausgedrückt: „Schwertes Lage ist am Weg“.

Vielleicht hat .der Autor den Ort in seiner Rand- und Durchgangs-Lage als etwas formlos empfunden. Jedenfalls hat er – wie zum Ausgleich – seine Beobachtungen in eine uralte Form gegossen: ins klassische Versmaß des Jambus. Zuweilen sprengen Zellers Zeilen dieses Korsett, doch die suggestive Kraft der (ungereimten) Verse bestimmt den Fluss der Dinge in den 37 „Gesängen aus dem deutschen Alltag“ (Untertitel). Ein Auf- und ein Abgesang zu dieser Strecke der Lebensreise umrahmen, melancholisch getönt, die vielfältigen Stadt-Erkundungen, die sich in etlichen Passagen als Welt-Erkundung erweisen.

„Ihro Gnaden, der Investor…“

Man könnte sich fragen, ob es richtig sei, alle Themen über den gleichen rhythmischen Leisten zu schlagen. Doch Zeller gebietet über viele Tonlagen, auch Rilke und Hölderlin sind ihm spürbar vertraut. Und so ist es ein höchst redliches, sprachlich ausgefeiltes Buch geworden, beileibe keine provinzielle Literatur, sondern gültig weit über Schwertes Grenzen hinaus.

Kostprobe: „Seine Herrlichkeit hält Einzug / Ihro Gnaden, der Investor / Er, der meistgesuchte Mann / in deutschen Städten dieser Jahre / später dann der Steuerfahndung…“ Ähnlichkeit mit lebenden Personen wohl nicht rein zufällig: Diesem windigen Herrn rollen die Stadtväter den roten Teppich aus. Vorsichtshalber hat Zeller diesen Gesang mit dem Untertitel „Träumerei“ versehen. Wir haben verstanden.

Zeller erschließt der Lyrik einen weithin unterschätzten Themenbereich: die Nischen und Niederungen des Kommunalwesens. In der „Wahlpolka“, welche eine Kandidatenkür fürs Bürgermeisteramt schildert, greift Zeller die glatten Zeitgeist-Formeln der Politiker auf: „Jeder will der Schönste sein / bei der spröden Modenschau / Aus meist ,ganzheitlichem Ansatz‘ / soll dereinst ,Vernetzung‘ sein / und es werde ,angestoßen‘ / und es werde ,eingestielt‘ / wenn erst mal die Wahl geschlagen…“

Spurensuche zwischen Ruhr und Autobahn

Leitlinie für Zellers Suchbewegungen im Ort ist immer wieder die Ruhr. An ihren Gestaden registriert er mit Wehmut das Aussterben alten Handwerks. Hier trifft er auch jene Jugendclique, die etwas gelangweilt herumhängt, weil es kaum geeignete Treffs gibt und die Fahrt nach Dortmund ziemlich teuer ist.

Zeller besingt Industriebetriebe und die Justizvollzugsanstalt, das Grün, den Beton und die Verödung, den Gesangsverein, die türkischen Bürger und den Skandal beim Sportverein. Mag die Stadt auch klein sein, so ist sie doch ein weites Feld. Wenn man nur richtig hinschaut.

Auf der Suche nach einer deftigen westfälischen Mahlzeit entdeckt Zeller in Schwerte – wie überall im Lande – fast nur schmucklose Pizzerien, Pommes- und Döner-Buden. Der Historie eines besonders öden Lokals spürte er nach und fand heraus, dass hier früher eine jüdische Schule sich befunden hat. Heute beten dort Moslems. Diesen Wandel bedenkend, schlingt Zeller ein Band um alle diese Religionen – darin ein später Nachfahre Lessings, der mit seiner „Ring-Parabel“ im „Nathan“ zur Toleranz aufrief.

Ein wenig darf man die Schwerter nun wohl beneiden, denn: Nicht jede Stadt ward so besungen…

Michael Zeller: „Mein schöner Ort“. Verlag Ars Vivendi. 164 Seiten (mit CD = Lesung des Autors aus dem Band), 44 DM. 




Ein Zeitreisender in fremden Weltzonen – „Nootebooms Hotel“

Von Bernd Berke

Bis in die letzten Winkel der Erde dringen sie vor und lassen ihre Leser später an der oft verstörenden Fremde teilhaben – die großen Reisenden der Literatur. Der famose, so früh verstorbene Engländer Bruce Chatwin („Traumpfade“, „Mein Patagonien“) zählte zu ihnen. Und auch der Holländer Cees Nooteboom („Rituale“) gehört dem Menschenschlag an, der immerzu in die Ferne strebt.

Mit „Nootebooms Hotel“ liegen nun gesammelte Aufzeichnungen aus den Jahren 1968 bis 2000 vor. Sie handeln nicht nur von entlegenen Ländern, sondern auch von Aufenthalten in Venedig oder Berlin, zudem von Erkundungs-„Fahrten“ durch Gefilde der Literatur, der bildenden Kunst – und nicht zuletzt von Zeitreisen durch die eigene Vorstellungswelt. Hinzu kommen Interviews und Begegnungen, etwa mit Federico Fellini, Umberto Eco oder just Bruce Chatwin – allesamt umgetriebene, ja besessene Leute, sozusagen herrlich „Verrückte“.

Selbst-Erfahrung wie im Auge des Orkans

Fern von touristischen Pfaden hat sich Cees Nooteboom oft allein in äußerst fremdartige Weltzonen gewagt; dorthin, wo ein Europäer im Grunde gar nichts mehr begreift. Beispielsweise in Gambia, Mali und Bolivien fand er sich an Orten wieder, deren Aura ihn seltsam ergriff, jedoch auch so ratlos ließ, dass er auf sein Inneres verwiesen war und irritiert in sich hineinhorchte.

Es ist bei dieser Selbst-Erfahrung wie im Auge des Orkans, wo die größte Ruhe herrscht: Ganz umfangen von nie geahnten Gerüchen, Geräuschen, Turbulenzen und Ritualen, gelangt dieser Reisende zu einem nahezu religiösen, wenigstens meditativen Glücksgefühl des inneren „Leer-Werdens“. Es erweist sich mit der Zeit als Zielgelände all seiner Bewegungen in der Welt, ja er verspürt in solchen Momenten „die Sehnsucht, nicht existieren zu müssen“. Davon macht sich ein ewig im Heimischen Verharrender wohl keinen Begriff…

Ur-Szenen des Menschseins

Nicht Mystizismus ist dies, bewahre! Sondern eine Vermessung der Fremdheit nach individuellem Maß, deren Resultate uns angehen. Nooteboom versteht es meisterlich, seine Erfahrungen zu vermitteln. Manchmal werden Fremdheit und Ausgesetztheit zwischen den Zeilen geradezu Angst erregend greifbar. Beispielsweise auf dem Markt in Mali meint man Ur-Formen oder Ur-Szenen der Menschheit und des Menschseins mitzuerleben, wie sie uns längst abhanden gekommen sind; ein Umstand, den Nooteboom zutiefst betrauert, wie er denn überhaupt viele unwiederbringlich verlorene Dinge und Zustände hegen möchte – ein Sammler, ein Bewahrer von hohen Graden und aus guten Gründen. Und hier erfasst den Mann, der ständig unterwegs ist, so etwas wie Heimweh nach der verflossenen Zeit.

Nootebooms Vorlieben sind ansteckend. Dass er unter allen Malern gerade Jan Vermeer und Edward Hopper mit unverbrüchlicher Zuneigung bespricht, zeugt von erlesenem Kunstverstand. Seine literarischen Exkursionen stimulieren die Leselust, etwa auf Bücher des bei uns weithin unbekannten Niederländers Slauerhoff, oder auf die Werke des berühmten Jörge Luis Borges, dessen labyrinthische Gänge durch Bibliotheken und Lektüren in Nootebooms Denken häufig wiederkehren.

Die Welt ist, wie sie nun einmal ist

Während sich die Texte der 60er und 70er Jahre noch vielfach engagiert mit politischen Verhältnissen befassen, freilich auch schon hinter den Schleier gängiger Ideologien blicken (Stichworte: Elend und Befreiung der „Dritten Welt“, Castro, Che Guevara), gelangt Nooteboom mit den Jahren zu einer abgeklärteren Haltung: Die Welt ist, wie sie ist, und so muss man sie zunächst einmal nehmen.

Ist es Resignation oder höhere Weisheit? Dreimal darf man raten. Eine bessere Einführung in Nootebooms Sinnen und Trachten als dieses Buch dürfte es jedenfalls schwerlich geben.

• Cees Nooteboom: „Nootebooms Hotel“. Suhrkamp-Verlag. 520 Seiten, 49,80 DM.

Nooteboom liest heute, 2. November 2000, beim Dortmunder Literaturfestival „LesArt“ aus dem besprochenen Buch: Im Theater Fletch Bizzel (Humboldtstraße) kommen ab 18 Uhr die Autoren Barbara Köhler und Andreas Maier zu Wort, um 20 Uhr beginnt Nooteboom. Karten: WR-Ticketshop 0231/9573-1369.




„Der Mensch entgleitet sich immerzu“ – ein Gespräch mit dem Schriftsteller Dieter Wellershoff

Von Bernd Berke

Frankfurt. Der in Köln lebende Dieter Wellershoff zählt seit Jahrzehnten zu den am meisten beachteten deutschen Autoren. Er hat nicht nur zahlreiche Romane, Novellen und Hörspiele verfasst, sondern ist auch als gewichtiger Theoretiker der Roman-Gattung hervorgetreten.

Am 3. November wird Wellershoff 75 Jahre alt – auch aus diesem Anlass ein Gespräch über seinen neuen Roman „Der Liebeswunsch“, geführt am Buchmessestand seines Verlages Kiepenheuer & Witsch.:

In ersten Kritiken zu Ihrem Buch ist bemerkt worden, es ähnele in gewisser Weise Goethes „Wahlverwandtschaften“: Zwei miteinander befreundete Paare, zwischen denen zunächst ein labiles Gleichgewicht herrscht, das dann durch Treuebruch aus der erotischen Balance gerät.

Dieter Wellershoff: Solch eine Vierer-Dramaturgie gibt es in der Tat auch in den „Wahlverwandtschaften“. Es ist aber auch eine Grundstruktur des Lebens. Goethe sieht eine anonyme Schicksalshaftigkeit walten, eine Art Chemie. Meine Figuren sind zwar auch Getriebene. es sind aber auch Elemente von Wahlfreiheit und Zufall dabei. Mein Roman hatte einen langen Vorlauf. Über anderthalb Jahrzehnte habe ich mich mit dem Thema beschäftigt, es hat allmählich immer mehr Stoff aufgesaugt. Es begann damit, dass sich eine Frau aus unserem ferneren Bekanntenkreis aus dem Hochhaus gestürzt hat – so wie meine Romanfigur Anja.

Sie ist das Opfer der Vierer-Konstellation…

Wellershoff: Ja. Ich verstehe den Menschen als Lebewesen, das sich immerzu entgleitet – im Gegensatz zum Tier, das immer dasselbe tut, will und fühlt. Deshalb kann sich der Mensch auch in beliebigen Möglichkeiten verlieren. Oder er kann in falschen Notwendigkeiten feststecken, zum Beispiel in einer unglücklichen Ehe. Während der Leser gleich am Anfang weiß, dass Anja sich umgebracht hat und dann erfährt, wie es dazu gekommen ist, machen die Figuren ihre Erfahrungen schrittweise – im „Dunkel des gelebten Augenblicks“, wie der Philosoph Ernst Bloch einmal gesagt hat.

Sie erzählen abwechselnd aus den Perspektiven Ihrer Figuren. Auf welche Person bezieht sich der Titel „Der Liebeswunsch“? Auf alle?

Wellershoff: So kann man es sehen. Explizit aber nur auf Anja, sie ist abhängig von Emotionen, sie heiratet aus Lebensangst. Sie ist wie eine Leerstelle, Liebe kommt ihr wie die letzte Rettung vor. Von dieser Ausschließlichkeit fühlen sich die anderen bedroht, sie wollen nicht verschlungen werden. Diese anderen haben ja praktischen Lebenserfolg. Anjas Mann Leonhard ist Richter, er wird zum Gerichtspräsidenten befördert. Paul, der ihr Geliebter wird, und seine Frau Marlene sind Ärzte.

Es gab zuvor längere Zeit keinen Roman von Ihnen .

Wellershoff: Der letzte liegt 17 Jahre zurück, ich hatte viele andere Projekte. Mit diesem neuen Roman bin ich übrigens sehr zufrieden. Ich werde in einigen Tagen 75 Jahre alt – und ich glaube nicht, dass man das dem Buch anmerkt. Es ist kein „Alterswerk“ mit den Spuren meines Alters.

Sie kommen bei Ihrem Thema nicht umhin, Sexualität zu schildern.

Wellershoff: Im 19. Jahrhundert hat man diesen Bereich nie dargestellt. Von Henry Miller bis Harold Brodkey ist es dann oft ziemlich rücksichtslos geschildert worden. In Brodkeys Text „Unschuld“ wird über 40 Seiten ein einziger Koitus vorgeführt: Ein Mann bemüht sich, eine frigide Frau zum Orgasmus zu bekommen. Das ist meine Sache nicht. Für mich ist Sexualität kein rein körperlicher Vorgang.




Sie meinen es ja so gut mit den Autoren – Über Sigrid Löfflers neue Zeitschrift „Literaturen“

Von Bernd Berke

Wenn Sigrid Löffler, nach all dem hässlichen Zank mit Marcel Reich-Ranicki, eine neue Zeitschrift herausbringt – na, da heißt es doch für die meisten Literaturfreunde: Nichts wie hin zum Zeitschriften-Laden! Aber lohnt es sich auch?

Am Dortmunder Hauptbahnhof gab’s das neue Produkt „Literaturen“, das seit gestern mit einer Startauflage von 70 000 Exemplaren offiziell auf dem Markt ist, schon am Vorabend. Nur: Die Verkäufer selbst wussten noch gar nichts von ihrem neuen Angebot, das schier unterzugehen droht im Wust der tausend bunten Spezial-Postillen.

Farbig kommt „Literaturen“ nicht daher, sondern es ist (offenbar ganz bewusst) im meist angenehmen, gelegentlich aber doch etwas kargen Schwarzweiß gehalten. Das Titelbild ist kläglich misslungen, das Layout im Heftinneren höchst konventionell, hie und da auch etwas fade geraten. Es gibt schon mal längere bildlose Textstrecken. Doch das kann sich eine Literaturzeitschrift wohl erlauben. Wollte man alle Beiträge auf den 152 Seiten (12 DM) lesen, so brauchte man schätzungsweise die gleiche Zeit wie für ein Buch mittleren Umfangs. Für diesen Aufwand darf man einen Gegenwert verlangen.

Zu den Inhalten also: Mit ausgesprochen populärer Schreibe hält sich „Literaturen“ nicht lange auf. Eher verschämt wird ganz hinten im Heft der Rummel um „Harry Potter“ abgetan, anhand eines Blicks auf die New Yorker Sellerlisten. Stephen King & Co. dürften hier keine weitere Heimstatt finden. Richtig so! Noch ein Trallala-Magazin zur Bestselleritis brauchen wir gewiss nicht.

Auf der Suche nach herzhaften Verrissen

Als solide Themenschwerpunkte dienen das Buchmesse-Gastland Polen sowie „Die Erfindung des Ostens“. Hierbei geht man von folgender Annahme aus: Der Westen habe den Osten auch gedanklich und literarisch „kolonisiert“, habe ihm seine Ideen aufgepfropft, nehme ihn also gar nicht recht wahr. Derlei falsches Bewusstsein soll natürlich aufgeweicht werden. „Osten“‚bedeutet übrigens nicht nur neue Bundesländer und Osteuropa, sondern auch Naher Osten. Da lässt sich ein Interview mit der Frankfurter Friedenspreisträgerin Assia Djebar (Algerien) gleich günstig mit unterbringen.

„Unter den Autoren der Zeitschrift finden sich einige der „üblichen Verdächtigen“ (Jan Philipp Reemtsma, Verena Auffermann, Ruth Klüger, Hubert Winkels), aber auch etliche Unbekannte. Sigrid Löffler. die als „verantwortliche Redakteurin“ firmiert, steuert einen längeren Essay über den Romancier Michael Ondaatje („Der englische Patient“) bei.Sie hat ihn in Kanada besucht. Eine schöne Dienstreise, ein kluger Text.

Gern Spaziergänge mit Schriftstellern

Besuche bei und Spaziergänge mit Schriftstellern (z. B. Durs Grünbein und Daniel Pennac, der eilfertig als „Kultautor“ gepriesen wird) scheinen eine bevorzugte Art der Annäherung zu sein. Überhaupt nähert sich das Blatt der Literatur und deren Urhebern mit Respekt. Einverstanden. Doch sie mögen offenbar überhaupt niemanden (auch nicht die Anzeigenkunden aus der Buchbranche) verprellen. Effekt: Unter den vielen Besprechungen, die auch in Sammel-Rubriken („Journal“, „kurz & bündig“) zusammengefasst werden, überwiegen bei weitem die Empfehlungen. Herzhafte, süffig formulierte „Verrisse“ sind“ hier kaum zu finden. Vielleicht ein Kontrastprogramm zum oft gnadenlosen Reich-Ranicki und dem „Literarischen Quartett“?

Wer in der Werbung „streitbare und meinungsfrohe“ Rezensionen verspricht, sollte allerdings nicht nur einen ordentlichen Überblick, sondern mehr Orientierung bieten. Was fängt man mit lauter positiven Kritiken an? Da stellt sich am Ende der Frust ein, aus Zeitgründen fast alle wichtigen Bücher zu versäumen.

 




Peter Handke, Serbien und das schiere Nichts – über sein Buch „Unter Tränen fragend“

Von Bernd Berke

Es ist schon ein eigenartiger Perspektiven-Wechsel, wenn man den Kosovo-Krieg einmal aus umgekehrter Sicht bilanziert findet: Hie die teuflisch vernichtende NATO, dort die heldenhaften Serben; hie kriegslüsterne „Kettenhunde“ der westlichen Presse, da die jugoslawische Propaganda, angeblich aus Notwehr geboren und daher zu bejahen…

So jedenfalls will es uns Peter Handke in seinem Buch „Unter Tränen fragend“ beibiegen. Es tut weh, derart Monströses von einem Schriftsteiler zu lesen, den man sonst aufs Höchste schätzt.

Zweimal hat sich Handke 1999 – mitten im Kriege – auf Reisen durch Rest-Jugoslawien begeben, aus Mitgefühl mit dem serbischen Volk. Schon die landesübliche Gastfreundschaft schildert er als Labsal. Setzte man ihm ein gutes Frühstück vor, so trübte sich die Wahrnehmung – und schon war der Dichter geneigt, beispielsweise die Vertreibungen im Kosovo im milderen Licht zu betrachten. Hier scheint seine sonst so wache Bereitschaft zum Mitleid zu schwinden.

Menschlich eingenommen von persönlichen Begegnungen (was man im Grunde gut verstehen kann), gerät Handke auch über die Landschaft ins Schwärmen: Die Donau erscheint ihm gar wie ein zweiter Ganges, eine entsprechende Würde uralten Herkommens und der Vergeistigung muss man sich wohl hinzu denken.

Belgrad kommt Handke zunächst „leuchtend unversehrt“ vor, später dann als Opfer der westlichen Vernichtungs-Maschinerie, die bei Handke wahrhaft apokalyptische Ausmaße annimmt, für alle Zeiten jedes Weltvertrauen zerfresse und sämtliche Gerechtigkeits-Utopien von 1968 als Heuchelei enthülle. Handke, sonst nie als Besinger der Fabriken aufgefallen, rhapsodiert gar vom „stolzen“ Automobilwerk, das von NATO-Bomben getroffen wurde.

Das wahrhaftige Erzählen vergiftet

Zumal Politiker und Zeitungen des Westens haben sich, glaubt Handke, ein für allemal moralisch selbst erledigt. Für den Dichter fast noch schlimmer: Sie haben zugleich die Möglichkeiten wahrhaftigen Erzählens vergiftet. Zwischendurch zurück in Frankreich, mag er die vermeintlich von Lügen verseuchte Sprache dort gar nicht mehr ertragen und sehnt sich nach serbischem Zungenschlag. Selbst am Bankautomaten erfasst ihn das Weh: In welcher Sprache soll er nun sein Konto abfragen?

Und das serbische Militär? Besteht offenbar nur aus ein paar harmlosen, versprengtenSoldaten. Umso größer der geradezu alttestamentarische Zorn, den Handke angesichts der NATO-Bombeneinschläge in sich anschwellen fühlt.

Sicher: Der Kosovo-Einsatz wird samt seinen diffusen Folgen inzwischen auch im Westen kritischer eingeschätzt. Doch Handke lässt sich derart hinreißen zur serbischen Sicht, dass sein Buch zwangsläufig ungerecht wird und Differenzierungen gar nicht mehr in Betracht kommen. Selbst der noble Stil dieses Autors scheint manchmal darunter zu leiden. Die zahllosen Einschübe in Klammem wirken verzweifelt hilflos.

Bemerkenswert ein poetisches Bild auf Seite 73: „Einem Kind wurde einst von dem Leiden eines anderen erzählt. Darauf ging das Kind abseits und umarmte die Luft.“

Auch Handke steht mit diesem Buch beklagenswert für sich allein. Und er umarmt wohl nicht einmal die Serben, sondern das schiere Nichts.

Peter Handke: „Unter Tränen fragend“. Suhrkamp-Verlag. 158 Seiten. 36 DM.




Der Mann mit den wuchtigen Meinungen – Kritiker Marcel Reich-Ranicki wird morgen 80 Jahre alt

Von Bernd Berke

Prägnante Szene bei der letzten Frankfurter Buchmesse: Am Stand der Deutschen Verlagsanstalt (DVA) wird Marcel Reich-Ranicki von Journalisten und Bewunderern umlagert wie ein Popstar. Einer ruft ihm die (müßige) Frage zu, wer denn wohl der größte russische Autor aller Zeiten sei. Von ihm erwartet man eben literarische Urteile wie von einer höchstrichterlichen Instanz.

Der Kritiker lässt sich – wie üblich – nicht lange bitten, mag sich diesmal freilich nicht so recht festlegen: Tolstoi sei ein ganz Großer gewesen, aber auch Gogol, Puschkin und Dostojewski hätten sehr gut geschrieben. Aha!

Bei Licht betrachtet, sind die Maßstäbe des höchst belesenen Reich-Ranicki, der am morgigen Freitag 80 Jahre alt wird, recht simpel: Entweder gefällt ihm ein Buch – oder es langweilt ihn. Entweder das Thema interessiert ihn – oder eben nicht. Man wundert sich schon, wie es jemand mit einem solchen Raster so weit bringen kann.

Den Beinamen wird er nicht los

Vielleicht liegt es daran: Reich-Ranicki vertritt seine stets glasklaren Meinungen mit solcher Wucht und Verve, dass man schwer dagegen an.kommt – und er versteht es wie kein Zweiter, die Klaviatur der literarischen Einflussnahme zu bedienen. Auch stillt er eine gewisse Sehnsucht nach eindeutigen, leidenschaftlichen, zuweilen auch etwas groben Stellungnahmen. Welt und Literatur sind unübersichtlich genug. Da soll uns einer Schneisen schlagen – notfalls mit der Machete. Den Beinamen „Literaturpapst“ wird er jedenfalls nicht mehr los, auch wenn er heute zugeben kann, nicht unfehlbar zu sein.

Mittlerweile ist er selbst Bestsellerautor. Über eine halbe Million Exemplare wurden von seiner bewegenden Autobiographie „Mein Leben“ bereits verkauft. Eindringlich schildert er seine Kindheit in Polen und Berlin, sein Leben in der NS-Zeit. Reich-Ranickis Eltern wurden im KZ umgebracht, er selbst musste sich vor den Nazi-Schergen versteckt halten. Wer will es ihm da verübeln, dass er später dem polnischen Geheimdienst angehörte und der KP beitrat? Bald sah er den Irrtum ein und wurde 1949 wegen „ideologischer Fremdheit“ aus der Partei ausgeschlossen.

1958 kam er nach Deutschland. Ab 1960 schrieb er für die „Zeit“, von 1973 bis 1988 war er Literaturchef der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Doch erst „Das Literarische Quartett“ (ZDF) hat Reich-Ranickis Show-Qualitäten zur Entfaltung kommen lassen. Man kann es als Konzentrat noch einmal nachschmecken: „Herrrlich! Grrrrässlich!“ heißen die dreistündigen „Quartett“-Auszüge, die das ZDF ab 1.50 Uhr in der Nacht zum Samstag zeigt, bereits freitags um 22.15 Uhr gibt es ein einstündiges Porträt im ZDF.

Literatur als Zuflucht eines „Außenseiters“

Deutschlands bekannteste Autoren wenden sich – mit Ausnahme von Siegfried Lenz – mit Grausen ab. Literaturnobelpreisträger Günter Grass ist Reich-Ranicki gram, seit der den Roman „Ein weites Feld“ (1995) verriss und auf dem „Spiegel“-Titelbild buchstäblich in der Luft zerfetzte. Als der Kritiker kürzlich die Hand zur Versöhnung reichen wollte, schlug Grass sie aus. Auch Martin Walser gehört nicht zu Reich-Ranickis Verehrern. Die Einsamkeit des Kritikers…

In mehr als einer Hinsicht ist dies tragisch, hat Reich-Ranicki doch bekannt, wie er sich seit seinen schrecklichen Erlebnissen im Warschauer Ghetto ohnehin stets als Außenseiter gefühlt hat – selbst in den Redaktionen der „Zeit“ und der FAZ. Als wahre Heimat hat er daher immer die (deutsche) Literatur begriffen.

Und es gibt noch eine Zuflucht: Seit 60 Jahren lebt er mit Teofila zusammen, die er unter schlimmsten Umständen im Ghetto kennen gelernt hat. Auch wenn er gelegentlich damit kokettiert, auf erotische Nebenwege erpicht zu sein – nehmt alles nur in allem, so ist er treu gewesen.




Unterwegs in das Zeitalter der Trance – Botho Strauß‘ neuer Prosaband „Das Partikular“

Von Bernd Berke

Hand aufs Herz: Wer weiß schon, was gemeint ist, wenn jemand „apotropäisch“ blickt, oder was unter dem „feirefizartigen Gehabe“ eines Menschen zu verstehen ist? So kennt man Botho Strauß. Ganz ohne Lexikon geht die Lektüre eben nicht vonstatten.

Doch die manchmal so überaus erlesene Wortwahl täuscht über eines hinweg: Kaum je seit seinen legendären Liebesverwirrungs-Beobachtungen „Paare Passanten“ (1981) ist Strauß kopfüber und kopfunter so tief in den Beziehungs-Alltag eingetaucht wie in „Das Partikular“. Der Titel bezieht sich auf das (alles Zufällige und historisch Bedingte aussondernde) „Auge Gottes“, das den Menschen sieht, wie er wirklich ist…

Die Alltagsnähe ist nur ein Quell, niemals das Ziel. Strauß benennt Dämonen und Phantome der Gegenwart, um sie zu bannen, um sich desto entschiedener von all dem abzustoßen, und zwar in Richtung jener von allem Tages-Geschwätz gereinigten Mythen und Trance-Zustände, denen dieser ungemein belesene Autor seit langem zustrebt.

Standbilder der Hingabe und Untreue

Ein flammendes Bekenner-Zitat entschlüpft Strauß auf Seite 74: „E i n m a l muß es so sein, daß das Zeitalter der Trance n i c h t zurückliegt.. . einmal m u ß es das j e t z i g e sein, das uns wirklich umgibt!“ Ja, das zur neuen Frömmigkeit bereite literarische Ich wähnt sich gar schon „im Vorhof der Seligen Zeit“.

Wir bleiben einstweilen nüchtern und stellen fest: Die vielen Prosastücke (und ein längeres Gedieht) dieses Bandes sind zu Kapiteln gebündelt, jedoch in zahllose Mikro-Episoden zersplittert, als wären von der Welt nur noch lauter winzige Spiegelscherben übrig, die es einzusammeln gilt. So klirren und glitzern denn auch die Worte.

Strauß kann den Dramatiker nicht verleugnen: Manche Passagen wirken wie theatergerechte Stellproben, welche die Anziehungs- und Abstoßungskräfte zwischen Männern und Frauen in kurz aufleuchtenden Szenenbildern festhalten – und wieder ins nebelhafte Nichts entlassen, aus dem sie offenbar gekommen sind. Andere Situationen verdichten sich gleichsam zu Skulpturen des Begehrens und des Hasses, devoter Hingabe und ruchloser Untreue, Erwartung und Enttäuschung.

Atemberaubend genaues Erzählen

Nur ein paar Tropfen aus dem wogenden Meer des zuweilen atemberaubend genauen Erzählens: Die Rede ist von einem Manne, der in Gesellschaft charmant und wendig ist, daheim, aber urplötzlich ein Rohling; von der Frau, die jedes Geschehen erst im Nachhinein verarbeitet, so dass sie unter einem anschwellenden „Erlebnis-Stau“ leidet; von allerlei Paaren mit „Zwitter-Gebrechen“ („einander Ungeschickte“), die nur noch spurlos beisammen sind. Doch wir werden auch Zeugen eines grotesk misslingenden Möbelkaufs – fast wie bei Loriot.

Seltsame Erscheinungen: ein abgründiger Kinderhasser, der den Erzähler in eine kafkaeske Hinrichtungs-Orgie hineinzieht; ein Mann, der die (berechtigte) Eifersucht seiner Frau mit windigen Ausreden zu zerstreuen sucht und dem geradezu übersinnliche Entlastung zuteil wird.

Die Magie kommt aus dem Internet

Allenthalben diese befremdlich gewordene Wirklichkeit, rätselhafte Momentaufnahmen, Vexier- und Wimmelbilder des Lebens, deren Grundelemente man zu kennen glaubt, die aber oft einen Dreh ins Mystische bekommen. Erzählt wird nuancenreich und mit ungeheurer ästhetischer Trennschärfe, wenn auch zuweilen mit Mahner- und Seher-Stimme, fern von jeder ironischen Tonlage. Ironie gilt Strauß ja als ein Grundübel dieser Zeit. Ernst und aufs Höchste gefasst sei der Mensch! Doch der Autor ist milder geworden, er hält nicht mehr so barsche Predigten.

Strauß‘ Suggestion verfehlt ihre Wirkung kaum: Wie, wenn nicht durch Trance, soll man sich all diesen flackernden Phänomenen entziehen? Als Vorbote der hypnotischen Zeit erscheint dem Autor das Internet. Irgendwann, so die Strauß’sche Science-Fiction, werde man jederlei Gestalt aus dem Netz in Echtzeit „herunterladen“ können; sie käme dann auf einen zu wie in einem traumhaften Zauberreich, „wie gerufen“. Fragt sich nur: Wollen wir sie reinlassen?

Botho Strauß: „Das Partikular“. Hanser-Verlag. 220 Seiten. 34 DM.




Bochumer Frage: War Shakespeare ein Antisemit?

Von Bernd Berke

Bochum. „Regt uns Shakespeare noch auf?“ So heißt heute ein Vertrag in Bochum. Um diese Frage rasch zu beantworten: Gewiss tut er das!

Denn die Festrede der Bochumer Shakespeare-Tage hält diesmal die prominente Autorin Mirjam Pressier („Bitterschokolade“). Sie behauptet in ihrem Buch „Shylocks Töchter“ unumwunden, der weltweit verehrte Dramatiker William Shakespeare sei Antisemit gewesen. Sie will dies anhand seiner Figur Shylock, des jüdischen „Kaufmanns von Venedig“, darlegen; wobei sie zugesteht, dass „Antisemitismus“ hier nicht im Sinne des 20. Jahrhunderts zu verstehen sei, allerdings als höchst problematische Vorform der später manifesten Judenfeindschaft.

Da wird es am morgigen Sonntag (ab 11 Uhr im Schauspielhaus Bochum, 800 Plätze) wohl manchen Unmut geben. Denn in der für alle Interessierten offenen Festversammlung werden viele der rund 300 Tagungsteilnehmer sitzen – und die sind nun einmal mehrheitlich Mitglieder der Deutschen Shakespeare Gesellschaft e. V., welche dem Meister aus Stratford-upon-Avon forschend, aber doch in erster Linie bewundernd nachspürt.

Prof. Dieter Mehl, Präsident der in Weimar ansässigen Shakespeare Gesellschaft, erläutert das Thema der Fachtagung, die sich bis Sonntag hauptsächlich im Museum Bochum abspielt: Es gehe ums „Weiterspinnen shakespeare’scher Ideen und Figuren auf literarischem Felde. Beispiele: Jane Smileys Roman „ 1000 Acres“, der die „König Lear“-Legende aufgreift, und Gertrud Fusseneggers neue Novellen „Shakespeares Töchter“, in denen eine Schwester der berühmten Liebenden Julia zu Wort kommt.

Die Shakespeare Gesellschaft will in Kürze eine Stiftung gründen, um reibungslos Spendengeld einsammeln zu können. Die Vereinigung, der naturgemäß zahlreiche Professoren und Englischlehrer angehören, hat 2260 Mitglieder aus vielen Ländern.

Sogar Engländer blicken mitunter neidvoll aufs Treiben der deutschen Shakespeare-Freunde. Die haben ein Problem weniger als die Briten: Dort ist Shakespeare vielen . Menschen durch übermäßige Schullektüre verleidet worden.

Infos: Tagungsbüro 0234/51 600-30 (Heute 8.30-18 Uhr).




Erstarrung vor dem Leben – „Liebesfluchten“: Bernhard Schlinks neue Erzählungen

Von Bernd Berke

Welcher deutsche Schriftsteller hat in den USA jüngst eine Millionenauflage erzielt? Nein, nicht der Literaturnobelpreisträger Günter Grass, sondern Bernhard Schlink. Er ist sozusagen der Autor der Stunde. Mit seinem Roman „Der Vorleser“ kam er (nach einem Auftritt in Oprah Winfreys TV-Talkshow) gar an die Spitze der Paperback-Bestsellerliste in der „New York Times“. Nun sind seine neuen Erzählungen „Liebesfluchten“ erschienen.

„Das Mädchen mit der Eidechse“, die Eingangs-Erzählung des Bandes, knüpft thematisch indirekt beim „Vorleser“ an. Ein kleiner Junge hat sich in besagtes Mädchen auf einem Gemälde, das daheim in Vaters Zimmer hing, so sehr verliebt, dass daneben später jede wirkliche Frau verblassen wird. Damit klingt das Motiv einer Flucht vor der Liebe an. Schlink schildert das Elternhaus dieses seelisch erstarrten Sohnes. Ruchbar wird das Syndrom einer Familie, in der niemals offen geredet wurde.

Doch der Autor belässt es nicht bei Privat-Psychologie. Das familiäre Schweigen hat tiefere (Ab)-Gründe: Die Herkunftsspur des Gemäldes führt zurück zur richterlichen Tätigkeit des Vaters in der NS-Zeit. Ist er ein furchtbarer Handlanger gewesen – oder ein heimlicher Widerstandskämpfer?

Auch in „Der Seitensprung“ verstören politische Vorgänge das Liebesleben. Schon vor der„Wende“ hat sich ein Westdeutscher mit einem ostdeutschen Paar angefreundet. Nach vielen problemlosen Treffen kommt es zur Aufwallung: Die Ehefrau schläft mit ihm. Vollends heillos wird die Wirrnis, als ihr Mann als ehemaliger Stasi-Mitarbeiter enttarnt wird. Er hat seine eigene Frau bespitzelt.

In „Der Andere“ setzt sich ein Witwer auf die Fährte jenes Mannes, mit dem seine Frau einst fremdgegangen ist. Statt den vermeintlich oberflächlichen „Geck“ bloßstellen zu können, muss er von ihm lernen, wie leicht er selbst das Leben hätte nehmen sollen.

Die Untiefen einer Ehe durchmessen

Überhaupt werden viele Verlust-Bilanzen aufgemacht: Noch so ein Erstarrter, der seine Defizite allzu spät erkennt, begegnet uns in „Der Sohn“. Erst auf einer gefährlichen Friedensmission in Mittelamerika dämmert diesem älteren deutschen Professor, dass er seinen inzwischen erwachsenen Sohn vernachlässigt hat.

Etwas schwächer als solche schon fast klassischen Stories ist „Die Beschneidung“ geraten. Recht vorhersehbar wirken sich in einer deutsch-jüdischen Liebesbeziehung geschichtlich geprägte Vorbehalte bis ins Intimste aus.

Auch die ausnahmsweise ironisch getönte Erzählung „Zuckererbsen“ (Der Titel bespielt auf Heinrich Heines Wachtraum vom Lebensgenuss an) zeigt nicht eben Schlinks stärkste Seiten. Die Abenteuer eines Mannes, der gleich drei Frauen dauerhaft beglücken will, passen nicht so recht zum sonst so wohltuend zurückhaltenden Erzählstil.

Atmosphärisch hochverdichtet erscheint jedoch das Schluss-Stück „Die Frau an der Tankstelle“. Auf 25 Seiten werden hier etliche Untiefen eines Ehelebens durchmessen – vom ungelebten Jugendtraum bis zum abermals verspäteten Versuch eines Neubeginns.

Schlink, von Haus aus Jurist, schreibt betont nüchtern, geradezu schmucklos. Er hat einen untrüglichen Blickt für Lebens-„Fälle“, deren Verhandlung sich lohnt. Mit wenigen Strichen vermag er die Grundlinien ganzer Biographien zu skizzieren, deren Fortgang oft schmerzlich offen bleibt.

Manchmal aber lässt sich Schlink verleiten, Geschehnisse fein säuberlich zu bereden und „einzuordnen“. Dann, aber nur dann gerät das sorgsam gewobene Geheimnis seiner Figuren in Gefahr…

Bernhard Schlink: „Liebesfluchten“. Diogenes-Verlag. 308 Seiten, 39,90 DM.




Zorn aufs neue Jahrtausend – Joseph von Westphalens drastischer Roman über die Millenniums-Hysterie

Von Bernd Berke

Hier zitieren wir einen, dem die ganze „Millenniums“-Hysterie mit Zeitzonen-Sonderflügen, Jahrtausend-Babys und maßlos überteuerten Silvester-Feten auf die Nerven geht: „Die Zahl 2000 ekelte mich an. Sie sah aus wie ein häßlicher kurzer Wurm“.

Wenn dieser Mann an den heute anstehenden Jahres-/Jahrtausend-Wechsel denkt, so erfasst ihn „ein seltsamer Schwellenzorn“. Schon der Titel, den Joseph von Westphalen (54) seinem Roman gegeben hat, ist deutlich: „Warum mir das Jahr 2000 am Arsch vorbeigeht“. Auf Seite 129 erklärt er die drastische Wortwahl: „Ich mag den Ausdruck. Es ist ein treffendes Bild berechtigter Interesselosigkeit.“

Aus dem „Trend“ Kapital schlagen

Doch der Ich-Erzähler des Romans weiß aus seiner Wut über das – Zitat – „Wichserdatum“ Kapital zu schlagen – und wie! Dieser Schriftsteller macht es sich zunutze, dass die Buchverlage händeringend nach Millenniums-Texten suchen, um den vermeintlichen Trend zu erhaschen. Der fiktive Autor lässt sich ein Projekt nach dem anderen abschwatzen und kassiert vorab satte Garantiehonorare. Auf die Restzahlungen bei Textlieferung („Unbedingt zur Buchmesse ’99“) kann er alsbald kalt lächelnd verzichten.

Wozu schreiben, wenn man auch so kassieren kann?

Denn im Lauf der Zeit kommen nicht weniger als 37 Verträge zustande, flotte 2000er- Broschüren für Zahnarzt- und Bankiers-Verbände inklusive. Das alles zu schreiben, ist natürlich nicht zu schaffen. Also fängt er erst gar nicht damit an, sondern transferiert die ergatterten Millionen lieber schon mal auf diverse Schweizer und Luxemburger Konten.

Juristisch betrachtet, so verrät ihm ein befreundeter Anwalt, sei ihm das Geld nicht mehr zu nehmen. Nun träumt der bislang arme Poet drauflos: Karibik, Palmen, schöne Frauen. Alles zum Greifen nahe. Und er übt bereits die Wonne praller Liebeslust mit jener freimütigen Kenianerin Nadja, die sich lasziv kleidet und bewegt „wie eine Eidechse“. Diese Beziehung, auf Treue zur Freiheit fußend, hat wahrhaft Zukunft. Sie verweist sozusagen schon ins übernächste Jahrtausend.

Die eigenen Pointen erklären

Die Liebesgeschichte grundiert also eine Satire auf den Literaturbetrieb, dessen Agenten lieblos zusammengefledderte Bücher auf den Markt werfen, die schon morgen keiner mehr lesen mag: Titel wie „Liebe 2000″, „Feinschmecker 2000″, ja sogar „Selbstmord 2000″ geraten da ins Angebot. Wie panisch manche Verlagsmanager durch jede Zeitgeist-Kurve mitfahren, zeigt sich gegen Schluss. Auf einmal wollen alle die „2000er“-Titel  stornieren – wegen akuter Übersättigung. Dem Autor, der eh nichts verfasst hat, kann’s recht sein.

Es ist auch eine stellenweise arg heftige Attacke eine stellenweise arg heftige Attacke auf die Macken unserer „Event“-Gesellschaft. Joseph von Westphalen erregt sich gern, man sieht seine Zornesadern geradezu anschwellen, doch dann neigt er wieder zum Erklären der eigenen Pointen – und nicht immer trifft er den passenden Ton. Als er auf die (allemal fragwürdige) gezielte Zeugung von Jahrtausend-Kindern zu sprechen kommt, schweben ihm gleich biblisch bekundete Untaten des Herodes (Bethlehemitischer Kindermord) vor.

Gefühle, die sich nach dem Stichtag richten

Und jene Kleinkrämer, die immerzu darauf verweisen, dass das neue Jahrtausend rechnerisch erst 2001 beginne, werden kurzum als „Faschisten“ gegeißelt. Hier geht’s weit übers läppische Ziel hinaus.

Vielfach aber spricht einem das Buch aus dem Herzen. Denn dies ist wahr: „Wer seine Stimmung, seine Wünsche, sein Amüsierbedürfnis, seine Gedanken, sein Gedenken, seine Vorsätze an Kalenderdaten bindet, der ist ein Tropf, ein Stichtagssachbearbeiter“. Ganz in diesem Sinne: Prost Neujahr, Potztausend!

Joseph von Westphalen: „Warum mir das Jahr 2000 am Arsch vorbeigeht oder: Das Zeitalter der Eidechse“. Roman. Eichborn-Verlag, 160 Seiten, 24,80 DM.




Im rhythmischen Urgrund der Poesie – Der Dichter Peter Rühmkorf wurde vor 70 Jahren in Dortmund geboren

Von Bernd Berke

Nein, diesen Mann können wir beim besten Willen nicht für „uns“ reklamieren: Der Dichter Peter Rühmkorf, der am kommenden Montag (25. Oktober) 70 Jahre alt wird, wurde zwar 1929 in Dortmund geboren, ist aber in Niedersachsen aufgewachsen. Und nun lebt er schon seit Jahrzehnten in Hamburg.

Kein westfälischer Autor also. Aber dafür der vielleicht sprachmächtigste und differenzierteste Lyriker, den die Deutschen haben. Bücher wie „Haltbar bis Ende 1999″ (erschienen 1979), „Außer der Liebe nichts“ (1986), „Einmalig wie wir alle“ (1989) oder der soeben herausgekommene Band „wenn – aber dann“ sollten eigentlich zur literarischen Grundausstattung gehören.

Aber halt! Gar so einfach ist es nicht. Zwar klingt sein Tonfall oft flapsig, witzig oder kalauernd. Doch etwas Lese-Erfahrung ist schon recht nützlich, wenn man sich seinen Texten nähert. Dann kann man ihre Kunstfertigkeit doppelt genießen. Denn sehr intensiv hat sich Rühmkorf mit den Traditionen der Gattung auseinandergesetzt – angefangen von frühen Wurzeln in den „Merseburger Zaubersprüchen“ und bei Walther von der Vogelweide, weiter über Klopstock und Hölderlin, bis hin zu Heinrich Heine, zum Expressionismus und Gottfried Benn. Wie unter den Gegenwartspoeten sonst nur noch Robert Gernhardt, treibt Rühmkorf ein äußerst virtuoses Spiel mit Versmaßen und Reimformen, die durch Kitsch und Werbung diskreditiert zu sein schienen.

Toilettensprüche als eine Quelle der Poesie

Doch Rühmkorf kennt keine Berührungsängste. Im Gegenteil, er nutzt vielfach Kinderreime, Abzählverse, Reklame-Slogans, ordinäre Toilettensprüche und dergleichen als unerschöpfliches Reservoir der „Anklänge“. In „Über das Volksvermögen“ (1967) hat er solche Quellen erschlossen und gezeigt, welches Widerstands-Potenzial in derlei Texten steckt. Und man sieht ihm gebannt zu wie einem Hochseilartisten der Sprache, wenn es ihm immer wieder gelingt, alltägliche Anstöße mit feinstens ziselierten Gedanken und genau ertasteten Regungen zu verschmelzen. Im rhythmischen Urgrund der Poesie werden das Höchste und das Niederste eins.

In den 50ern war er Lektor bei Rowohlt, wo seither die meisten seiner Bücher erschienen sind. Als überzeugter Linker schrieb er für jenes Studentenmagazin, das zur Zeitschrift „Konkret“ mutierte. Rühmkorf hat manche politische Enttäuschung verwinden müssen – nachzulesen in „Die Jahre, die ihr kennt“ (1972) und im bewegenden Tagebuchband „Tabu“ (1995), spürbar auch in solchen Zeilen: „Bei meinen Feinden zuweilen, finde ich Zuflucht vor meinen Genossen.“.

Ähnlich wie der Literaturnobelpreisträger Günter Grass, sieht auch Rühmkorf (der 1993 den Büchnerpreis erhielt) keinen sonderlichen Segen auf der deutschen Einheit ruhen: „D-Land: das mißlungene Verbrüderungswerk, die wahre Spaltung, die sich erst nach der Einheit zur Kenntlichkeit entwickelt hat“…

Das lyrische Ich fühlt sich „halb von Leuten überrannt und halb alleine“, so heißt es im neuen Gedichtband. Aus einer schmerzlich empfundenen aber lustvoll gehaltenen Außenseiter-Position heraus dichtet er funkenschlagend fort. Kaum zu überhören ist Alters-Melancholie, sind Entsetzen aber auch höhere Heiterkeit angesichts der verflossenen Lebensjahre: „…alte Männer merken sich“ / junge Mädchen / Jahr um Jahr ein Stück verstärkt, / leider bleiben selber unbemerkt“.

 

Peter Rühmkorf kommt am Dienstag, 16. November (19.30 Uhr), zu einer Lesung ins Dortmunder Harenberg City Center. Infos: 0231/9056-166.




Buchesse als Rummelplatz der Auflagen-Giganten – die Auftritte des Literaturnobelpreisträgers Grass und des Kritiker-Papstes Reich-Ranicki

Aus Frankfurt berichtet Bernd Berke

Auftritt der Auflagen-Giganten gestern auf der Frankfurter Buchmesse: Zuerst begab sich Literaturnobelpreisträger Günter Grass vor die Presse, dann wurde sein kritischer Widersacher Marcel Reich-Ranicki am Verlagsstand umlagert wie ein Popstar.

Grass‘ noble Geste: Damit über seiner eigenen Auszeichnung der „Alternative Nobelpreis“ nicht etwa vergessen werde, stand er gemeinsam mit dessen Träger, dem SPD-Bundestagsabgeordneten Hermann Scheer, Rede und Antwort. Scheer setzt sich seit Jahren unermüdlich für die Sonnenenergie ein. Beide befanden, Grass habe die nahende ökologische Katastrophe seinem Roman „Die Rättin“ visionär geahnt.

So inständig man auch über Sonnenenergie als Abhilfe reden wollte, die Frage nach dem roten Tuch der SPD, Oskar Lafontaine, ließ sich einfach nicht vermeiden. Der hatte – wie berichtet – am Mittwoch auf der Buchmesse wissen lassen, seine Freundschaft mit Grass sei „belastbar“. Doch Grass blieb bei seiner „Kündigung“: Lafontaine habe sich der Partei gegenüber „jämmerlich und erbärmlich“ verhalten.

Lafontaine soll endlich „die Klappe halten“

Da Lafontaine von allen Ämtern zurückgetreten sei, in denen er etwas hätte bewegen können, müsse er nunmehr wirklich „die Klappe halten“. Grass ist freilich Realist: „Ob es ihm gelingt, wage ich zu bezweifeln“. Lafontaine sei gewiss begabt, er habe immer mal wieder sehr richtige Dinge gesagt, es fehle ihm aber seit jeher an Geduld. „Dann folgt er wieder anderen Einfällen, und sein neuestes Thema ist nur noch er selbst…“ Außerdem sei Sonnenenergie wichtiger als all dies.

Grass beklagte den Hang zur Mystifizierung und zum nahezu priesterhaften „Sehertum“, der sich in der Literatur wieder breitmache – bis hin zur vom Philosophen Peter Sloterdijk angestoßenen Debatte um die Gentechnik. Hier werde eine Abkehr vom Erbe der Aufklärung sichtbar. Ein Schriftsteller müsse „in der Zeit stehen“. Es kennzeichne den wahren Autor, dass er schreiben müsse, dass er nicht umhin könne, persönlichen Verlust-Erfahrungen zu Welt-Erfahrungen gerinnen zu lassen.

Gute Schriftsteller erkennt man an den Zumutungen

Am Abend zuvor hatte Grass beim Empfang am dtv-Verlagsstand ein Ärgernis benannt: Jungen deutschen Autoren werde von der Kritik immer öfter empfohlen, sie sollten das Publikum mehr unterhalten. Das reiche beileibe nicht aus, so Grass: „Einen guten Schriftsteller erkennt man vor allem an den Zumutungen“. Und auf die einigermaßen müßige Frage, wer nach seiner Meinung im Jahre 2000 den Literaturnobelpreis bekommen werde: „Ach, das weiß ich auch nicht. Die Chinesen wären mal an der Reihe. Die haben sehr gute Autoren.“

Böse Zungen nennen es „Lunger-Journalismus“. Was damit gemeint ist? Nun, beispielsweise stundenlang vor dem Kanzleramt stehen, um einen Kernsatz von Schröder zu erhaschen. Fast so erging’s einem, als man gestern zu Marcel Reich-Ranicki vordringen wollte. Chaotisch war der Stand von DVA umlagert, wo er die Memoiren „Mein Leben“ herausgebracht hat.

Ein Mikrofon fand sich nicht, nur jeweils acht bis zehn Leute konnten ihm lauschen. Ohne wüstes Drängeln ging’s nicht ab. Manchen reichte im Geschiebe schon die vage Impression („Ich habe seine Glatze gesehen, ich geh‘ wieder“). Postwendend reagierte Reich-Ranicki auf Grass‘ Äußerung, Zumutungen seien in der Literatur wichtiger als Unterhaltung. „Im Grunde richtig, aber in Deutschland falsch, ganz falsch!“ rief er aus. Hierzulande muteten die meisten Autoren den Lesern unentwegt etwas zu, verstünden es aber nicht zu unterhalten.

 




Goethe, Grass und Görner im Rucksack – ein Rundgang durch die Hallen der Frankfurter Buchmesse

Aus Frankfurt berichtet Bernd Berke

Der Buchmesse-Rundgang gerät an manchen Stellen ins Stocken. Nicht nur, weil die Leute blättern oder einen Schwatz halten wollen, sondern weil Menschenknäuel rund um die Hochprominenz die schmalen Wege verengen. Beispielsweise gestern am Econ-Stand. War Oskar Lafontaine mal wieder da? Nein, nein, nicht immer nur er! Manfred Krug gab sich die Ehre des Signierens.

Schöne Anblicke: Nebenan verteilte eine Dame im Brautkleid Rosen, derweil stehen zwei Nonnen ganz dicht beim „Kommissar Stöver“, der heuer „66 Gedichte“ präsentiert. Von hinten ruft ein Zaungast: „Der sieht aber schlecht aus.“ Nun ja: Krug war nicht eigens „in der Maske“, ihm ist’s warm unter den Scheinwerfern.

Beim Durchzwängen merkt man, wie viele Besucher die unvermeidlichen Rucksäcke tragen. Das kostet Platz. Gewagte Überleitung: In diesen Beuteln steckt oft viel drin, in den Büchern mitunter auch. Beispielsweise im Brockhaus-Lexikon „Multimedial 2000″, das auf drei CD-Rom-Scheiben 89 000 Stichworte bietet und jederzeit übers Internet aktualisiert werden kann. Zu vielen Schlagwortcn bekommt man noch „Links“ (Verbindungen zu anderen Internet-Adressen), wo man beim Durchklicken noch mehr erfährt – weit übers Lexikon hinaus.

Die Belletristik treibt zwar oft die schönsten Blüten am Bücherbaum, doch die meisten Regale sind mit Ratgebern gefüllt. Es findet sich alles, womit man gesund, reich, schön und glücklich werden soll.

Der Sammler hat das Jahrhundert gern „komplett“

Die meisten Verlage haben irgendetwas zum Thema „Millennium“ im Programm, es ist eben die hohe Zeit der Rückblicke. Der Büchersammler hat das Jahrhundert gern „komplett“. Danach sehen und lesen wir weiter. Doch wer einmal mit Sachbüchern Tagesumsatz macht, schmückt sich auch gern mit der schönen Literatur, mit Dichtung „für die Ewigkeit“. Bestes Beispiel ist DuMont. Mit ihrer noch recht jungen belletristischen Reihe zählen sie schon zur Creme.

Wer einen Grass hat, zeigt ihn deutlich vor – in erster Linie Steidl und der Deutsche Taschenbuchverlag. Auch Goethe „zieht“ – zumal bei den „Hörbüchern“: I.utz Görners Gedicht-Rezitationen und der „Faust“ mit Gründgens stehen auf den beiden obersten Plätzen der akustischen Hitliste.

„Picknick mit Eckermann“

Auch Kochbuchverlage sind in diesem Jahr gern „Zu Gast bei Goethe“. Gelegentlich darf’s auch schon mal ein „Picknick mit Eckermann“ sein, Goethes Vertrautem der späten Jahre. Unterdessen bietet der Leipziger Miniaturbuch-Verlag Goethes „Faust I“ im Streichholzschachtel-Format. Das spart etwas von dem Platz ein, den die Rucksäcke kosten…

Manche Verlagskojen wirken traurig. Ein einziger Autor sitzt melancholisch herum. Andere hingegen geben sich triumphal, es sind die großen Gemischtwarenläden, die jedem etwas bieten: Bertelsmann besetzt eine ganze Standlandschaft; die Gruppe Droemer/Weltbild braucht turmartige Lichtsäulen, um all die Verlage zu nennen, die zu ihr gehören. Wer hat, der hat.

Über das Gastland Ungarn, das sich in der Halle 3 gediegen präsentiert, hat der Autor Peter Esterhazy Wesentliches gesagt: Man sei literarisch eine Weltmacht geworden, aber in der so besonderen Sprache eingekerkert. Wohl wahr. Die Übersetzer sind nicht zu beneiden. Bleibt der Rat: Achten Sie in der Buchhandlung Ihres Vertrauens auf die Ungarn – auf Namen wie György Dalos, Imre Kertesz, Laszlo Krasznahorkai, György Konrad, Terezia Mora und all die anderen.

Frankfurter Buchmesse: Bis einschl. heute (Freitag) nur für Fachpublikum. Samstag/Sonntag (9-18.30 Uhr) für alle zugänglich. Tageskarte 12 DM. Messekatalog mit CD-Rom und allen Adressen 45 DM.




„Ich tauge nicht für die Wirklichkeit“ – Gespräch mit Renan Demirkan, nicht nur über ihren neuen Roman

Von Bernd Berke

Frankfurt. Länger nichts mehr von der Schauspielerin Renan Demirkan gesehen oder gehört? Kein Wunder: Die film- und fernsehbekannte Frau, die von 1982 bis 1984 zum Dortmunder Theaterensemble gehörte und jetzt bei Köln lebt, hat sich eine Zeit lang ihrem zweiten Beruf gewidmet und ihren dritten Roman geschrieben.

Nach „Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker“ und „Die Frau mit Bart“ erschien jetzt bei Kiepenheuer & Witsch die durchaus nicht problemfreie Liebesgeschichte „Es wird Diamanten regnen vom Himmel“. Die WR traf Renan Demirkan am Verlagsstand bei der Frankfurter Buchmesse.

Warum muss Ihre Heldin, die allein erziehende Tanztherapeutin Rosa, in ihren Vierzigern ausgerechnet einen Porschefahrer lieben lernen? Und hat diese Frau autobiographische Züge?

Renan Demirkan: Ich komme drin vor in der Rosa, aber ich bin es nicht. Von autobiographischen Momenten können Sie bei mir immer ausgehen. Auch ich bin beispielsweise allein erziehend, bin in diesem Alter. Zentrales Thema des Romans ist die Sehnsucht. In meinem Alter wird der Alltag zum absurden Hindernisrennen auf dem Weg zum Glück, weil die Verpflichtungen so enorm gewachsen sind – durch Kinder, durch den Job. Und und und.

Und dieser Rick, der Mann mit dem Porsche?

Demirkan: Ich wollte zwei ganz unterschiedliche Charaktere haben. Rosa, die Moralistin, die Engagierte – und Rick, der Oberflächliche, der Zyniker. Doch die Sehnsucht der beiden ist dann doch die gleiche. Mich hat interessiert: Wie begegnet man sich ab einem bestimmten Alter? Wie sehen solche Anfänge aus? Ich bin jetzt fast 20 Jahre Schauspielerin. Was mich am Leben gehalten hat und die Lust bewahrt hat, ist, dass ich immer wieder neu anfangen wollte. Egal, wie schmerzlich die persönliche Situation war.

Gibt es denn immer nur Neubeginn? Nichts von Dauer?

Demirkan: Bitte fragen Sie mich diese Frage nicht! Ich kann immer nur vom Scheitern berichten. Ich bin immer weggegangen. Immer. Ich habe es nicht geschafft. Sonst würde ich nicht über Sehnsucht schreiben. Dieses verdammte Glück, dieser Ausnahmezustand. Ich musste mich sogar zwingen, das Buch halbwegs hoffnungsvoll enden zu lassen.

Wollen Sie vom Schauspielberuf Abschied nehmen?

Demirkan: Nee, nee. Es gibt da ein Fernsehspielprojekt mit dem WDR. Für mich ist von der Bühne zum Schreiben kein sehr großer Sprung. Beides gehört zu meiner schlimmen Sehnsucht nach inszenierten Welten. Ich tauge nicht besonders für die „wirkliche“ Wirklichkeit. Ich brauche größtmögliche Freiheit. Als Schauspielerin darf ich alles sein und bin doch innerhalb des Stückes durch die Rolle geschützt. Auch das Schreiben habe ich für mich entdeckt als eine Form des Beschütztwerdens, des Aufgehobenseins.

Erinnern Sie sich noch an Ihre Zeit am Dortmunder Theater?

Demirkan: Oh ja! Ich weiß noch gut, wie ich gewohnt habe: Saarlandstraße, Ecke Ruhrallee, unterm Dach, 90 Stufen hoch jeden Tag. Ich weiß noch genau, was ich gespielt habe. Am schönsten war Tschechows „Onkel Wanja“, da war ich die „Sonja“. Und Adolf Winkelmann hat mich da für meinen ersten Kinofilm „Super“ geholt. Es war eine wichtige Zeit. Ich hab‘ nur gute Erinnerungen.




Günter Grass: Streitbar ist der Geist – Der deutsche Schriftsteller erhält in diesem Jahr den Literaturnobelpreis

Von Bernd Berke

Seit so vielen Jahren stand Günter Grass immer wieder ganz oben auf den Favoritenlisten, wenn es an die Vergabe des Literaturnobelpreises ging. Nun endlich ist es so weit: Grass, der bereits 1959 mit der „Blechtrommel“ seinen wohl nachhaltigsten Bucherfolg hatte, wurde vom schwedischen Komitee auserkoren.

Noch vor wenigen Tagen, am 19. September, hatte Grass (auch auf Einladung der Westfälischen Rundschau) in Dortmund aus seinem neuen Buch „Mein Jahrhundert“ vorgelesen. Dabei wirkte er so vital und entspannt, als wüsste er schon Bescheid…

Selbst der „Kritikerpapst“ Marcel Reich-Ranicki bedauert längst, dass er Grass‘ „Blechtrommel“-Roman seinerzeit weit unterschätzt habe. Wenn man jetzt in Reich-Ranickis gerade erschienenen Lebenserinnerungen die Schilderung seiner allerersten Begegnung mit Grass liest, so spürt man die starke Ausstrahlung, ja das Charisma, das Grass schon damals besessen haben muss. Als junger Mann kam er seinerzeit auf Besuch nach Warschau. Furchterregend sollen seine Augen geblitzt haben, und der Mann wirkte offenbar ein wenig trunken. Wahrscheinlich lag es just daran, dass er sich seinerzeit an die Arbeit zur „Blechtrommel“ begeben hatte. Ein Wort-Besessener, trunken von Sprache.

Neben der geradezu barock ausufernden, lebensprallen und grotesken Schelmen-Geschichte des kleinwüchsigen Blechtrommlers Oskar Matzerath, die die furchtbare deutsche Vergangenheit aus der Zwergen- und Irrenhaus-Perspektive unerhört scharf insAuge fasste, sind die Novelle „Katz und Maus“ (1961) und der Roman „Hundejahre“(1963) jene Werke, die Grass schon früh in den Rang einer „Galionsfigur“ der deutschen Literatur erhoben.

Mit der Ausprägung der deutschen Einheit gehadert

Grass hat, in stärkerem Maße als etwa Heinrich Böll, stets die Fähigkeit besessen, Kontroversen um sein Werk und seine Person hervorzurufen. Gut in Erinnerung ist noch jeher heftige, weit in den politischen Raum ausgreifende Streit um seinen Roman „Ein weites Feld“ (1995).

Grass hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er von der vereinnahmenden Art, mit der der Westteil Deutschlands 1989/90 die Vereinigung der Nation betrieb, nichts hält. Noch kürzlich hat er mit Martin Walser darüber gestritten. Grass über die Ausprägung der Einheit: „Es liegt immer noch kein Segen drauf.“

Grass war übrigens alles andere als ein Freund der „realsozialistischen“ DDR. Den Arbeiteraufstand gegen das SED-Regime hatte er 1953 mit eigenen Augen verfolgt. 1966 wurde sein darauf fußendes Theaterstück „Die Plebejer proben den Aufstand“ uraufgeführt, in dem auch die zwiespältige Rolle Bertolt Brechts unter die Lupe kam. Das verzieh ihm die offizielle DDR erst 1987. Grass verließ zudem den Schriftstellerverband VS, weil er dessen Solidarität mit verfolgten DDR-Kollegen vermisste.

Häufig mischte er sich politisch ein

Immer wieder hat sich Grass, darin ein Erbe der Aufklärungs-Tradition, mehr oder weniger geschickt in die Politik eingemischt. Die Zahl der Aufrufe und Resolutionen, die seine Unterschrift tragen, dürfte Legion sein. Für Willy Brandt ging der entschiedene Pazifist auf SPD-Wahlkampftour. Das haben ihm viele konservative Geister auf ewig übel genommen. Als die SPD 1992 dem strittigen Asylkompromiss zustimmte, kehrte er der Partei allerdings den Rücken.

Politischer Unmut schlug sich vielfach auch in Beurteilungen seiner weiteren Werke nieder. Manche Kritiker behaupteten, Grass‘ politische Engagement mindere seine ästhetische Potenz. Diese Denkfigur hat sich zum Vorurteil verfestigt. Bücher wie „örtlich betäubt“ (1969), „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“ (1972), „Der Butt“ (1977),„Kopfgeburten“ (1980), „Die Rättin“ (1986), „Zunge zeigen“ (1988) und „Unkenrufe“ (1992) litten jedoch nur bedingt darunter, denn die breite Leserschaft blieb Grass treu.

Der am 1. Oktober 1927 in Danzig geborene Günter Grass, der seiner Heimatstadt einen Platz auf der literarischen Weltkarte sicherte, wirkte anfangs als Bildhauer. Auch ist er ein begabter Zeichner und Grafiker. Famoser Zufall: Noch bis zum 7. Oktober ist im Dortmunder Harenberg City Center eine Auswahl seiner Aquarelle und Lithographien zu sehen. Eine Ausstellung, die nun gleichsam besonders geadelt erscheint.

Ein Gefühl der Entwurzelung

Literarisch hatte sich Grass zunächst mit Lyrik und Kurzprosa hervorgetan. „Die Vorzüge der Windhühner“ hieß 1956 seine erste Veröffentlichung. Bereits 1955 hatte er sein Debüt bei der legendären „Gruppe 47″.

Grass, dessen Werke früher bei Luchterhand herauskamen und heute im Göttinger Steidl Verlag erscheinen, hat einmal gesagt, er empfinde sich immer noch als Mensch ohne Heimat, als Flüchtling: „Ich habe nirgendwo Wurzeln geschlagen“. So zog und trieb es ihn von Düsseldorf nach Paris, Berlin, für einige Monate gar nach Indien und zuletzt nach Lübeck, in die Vaterstadt von Thomas Mann und Willy Brandt. An Repräsentations-Wirkung kommt er – spätestens seit dem gestrigen NobelpreisEntscheid – nun wohl einem Thomas Mann gleich. Als sein literarisches Vorbild aber hat er stets Alfred Döblin („Berlin Alexanderplatz“) genannt.

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Kommentar

Längst überfällig

 

So ist manchmal das Leben: Da hatte Günter Grass gestern die Nachricht erhalten, dass man ihm endlich den lange erwarteten Literaturnobelpreis zuerkannt hatte – und dann musste er mittags zum Zahnarzt. Doch er wird es verschmerzt haben.

Das Stockholmer Nobelpreiskomitee hat eine längst überfällige Wahl getroffen. Grass repräsentiert wie kein zweiter lebender Schriftsteller den Aufbrach der deutschen Nachkriegsliteratur. Sein 1959 erschienener Roman „Die Blechtrommel“ wirkte in jenen Jahren befreiend. Auf einmal wehte wieder ein Hauch von Weltliteratur durch das Land.

Wie schon oft, so hat das Komitee auch diesmal einen eminent politischen Schriftsteiler gekürt. Sicher: Wenn Grass sich in die Zeitläufte einmischt, muss man mit seinen Positionen nicht immer einverstanden sein.

Heraus aus dem Elfenbeinturm

Grundsätzlich aber ist es wünschenswert, dass Autoren, speziell jene vom Range eines Günter Grass, nicht im Elfenbeinturm verharren, sondern sich gelegentlich beteiligen am Streit der Welt. Sie sind nicht selten in der Lage, einen anderen Ton in die Debatte zu bringen. Und es schadet ihrer poetischen Produktion keineswegs, wenn sie sich auf politischem Felde auskennen. Die strikte Grenzziehung zwischen beiden Bereichen ist ein altes deutsches Leiden.

Nun gratulieren sie alle – auch wenn sie schon mal mit Grass gehadert haben. Es ist gar zu schön, dass Bundeskanzler Gerhard Schröder Zeit gefunden hat, um „alles“ von Grass zu lesen. Welcher andere Autor kann das von sich behaupten?

Die kulturellen Wissenslücken

Die Auszeichnung für Grass schmücke die ganze deutsche Kultur, hieß es gestern mehrfach. Diese EinSchätzung ist mit Vorsicht zu genießen. Denn tags zuvor hatte ein Umfrage-Ergebnis ans Licht gebracht, dass es um das kulturelle Wissen – gelinde gesagt – nicht gut bestellt ist. Viele Deutsche kennen beispielsweise Goethes „Faust“ oder Leonardos Bild „Mona Lisa“ nicht.

Es ist ein wenig wie mit dem Spitzen- und dem Breitensport. Wenn alle nur zuschauen, wie einige wenige Höchstleistungen erbringen, so ist es doch etwas betrüblich. Nun muss ja nicht jeder gleich dichten. Aber etwas häufiger lesen dürfte schon sein. Beispielsweise die Bücher von Grass. Machen wir’s dem Kanzler nach.

                                                                                                                       Bernd Berke




Günter Grass: Der Gesichte ein Gesicht geben – Dortmunder Lese-Auftritt mit dem Buch „Mein Jahrhundert“

Von Bernd Berke

Dortmund. Rekordandrang zur „Kultur im Tortenstück“ im Dortmunder Harenberg City Center: Als Günter Grass gestern aus seinem Buch „Mein Jahrhundert“ las, lauschten ihm über 500 Menschen andächtig. Wäre mehr Platz gewesen, so wären gewiss doppelt so viele gekommen.

Zuerst fielen die Farben auf: Nicht nur, weil zugleich eine Ausstellung mit Grass‘ Lithographien und seinen farbenfrohen Original-Aquarellen zum Buch eröffnet wurde. Grass, mit dunkelgelbem Jackett und Weste angetan, erquickte sich auf dem Lesepodium aus einem Glase, das einen guten Rotwein darbot. Auch das ist Kultur.

Ein gemütlicher Frühschoppen also? Keineswegs. Der 71-Jährige hatte am Abend zuvor in Köln gelesen und hatte gestern noch einen Auftritt in Duisburg vor sich. Dortmund war freilich nicht nur das mittägliche Zwischenspiel, sondern ein Ereignis für sich. Hierher kam Grass auf Einladung der Westfälischen Rundschau, des Harenberg Centers und der Buchhandlung Krüger.

Offen gesprochen: Wir haben das „Jahrhundert“-Buch vor einigen Wochen nicht allzu günstig rezensiert. Und ich meine weiterhin, dass es nicht der ganze große Wurf des Autors geworden ist. Wahr ist aber auch: Beim Vorlesen, zumal durch Grass selbst, gewinnen die Texte ganz enorm.

Mit beinahe sprudelnder Lebendigkeit las Grass ein Dutzend Jahres-Episoden. Er trug die Geschichten fast wie ein Schauspieler vor, unterstrich die Worte durch Gesten. So wurden manche Gestalten, die sich aus den Tiefen des meist schrecklichen deutschen Jahrhunderts schwankend nahten, greifbar. Man verstand, was das heißt: der Geschichte ein Gesicht geben.

So etwa jene tanzfreudige Frau von 1921, die einen Brief an Kurt Tucholsky schreibt; der Galerist, der 1933 schaudernd den Nazi-Aufmarsch zur „Machtergreifung“ erlebt; die Kinder, unter ihnen der kleine Günter Grass, die 1937 „an der Pissbude“ auf dem Schulhof den spanischen Bürgerkrieg nachspielen. Oder die Trümmerfrau von 1946, die Dichter Brecht und Benn am Grabe Kleists, anno 1956; Willy Brandts historischer Kniefall 1970 in Warschau, der sogar einen konservativen Journalisten beeindruckt. Ein Text, der die Zuhörer besonders bewegte. Herzliches Lachen dann über jenen Opa, der sich 1978 plötzlich den Punkern anschließt. Doch auch da gab’s einen politischen Hintersinn.

Applaus zwischen den Episoden, Riesenbeifall am Schluss. Den Blumenstrauß, den er bekam, reichte Grass sogleich an seine Schwester Waltraut weiter. Die wohnt nahebei – in Lüdenscheid. Dann ging’s zum Signieren, wobei Grass, Pfeife rauchend, auch Sonderwünsche („Schreiben Sie bitte: ,Für Hans-Jürgen“‚) erfüllte. Auch hier ein frappierender Andrang. Man dachte schon, die Schlange höret nimmer auf…




Goethe zum Schmökern und Staunen – eine Bücherschau zum 250. Geburtstag des Dichters

Von Bernd Berke

„Rätin, er lebt!“ soll seine Großmutter erleichtert der Mutter zugerufen haben, als er endlich den ersten Schrei tat. „Mehr Licht!“ hat er angeblich selbst geflüstert, als er 1832 starb. Sozusagen zwischen den beiden Momenten verfasste er seine allzeit, aber immer wieder anders gültigen Klassiker vom „Werther“ bis zum „Faust“. Die WR hat einen stattlichen Stapel neuer Bücher über Goethe gesichtet.

Der muntere Knabe guckt oben aus dem Fenster. Doch was tut er denn da? Lachend wirft er Tassen und Teller aufs Straßenpflaster. Klirr! Drunten stehen Leute und feuern ihn an: «Mehr! Mehr!“ Das schöne Familien-Geschirr…

Die Szene, die Goethe selbst in seinen Lebenserinnerungen „Dichtung und Wahrheit“ beschreibt, trug sich in seiner Vaterstadt Frankfurt am Main zu – und kann jetzt auch im Comic-Strip betrachtet werden. Das Leben des Dichterfürsten in bunten Bildchen mit Sprechblasen? Ja, wenn es der Leseförderung dient. Das Goethe-Institut und die Stiftung Lesen haben sich in die Edition eingeklinkt. Folglich tauchen keine Kürzel wie „Ächz“ oder „Sabber“ auf, sondern vornehmlich edle Originaltexte des Olympiers („Zum Sehen geboren“ / „Zum Schauen bestellt“, Ehapa Verlag, 2 Bände, je 52 Seiten, je 19,80 DM).

Mit „Goethe – Sein Leben in Bildern und Texten“ (Insel Verlag, 414 S. Großformat, 39,80 DM) kann man visuell in die damalige Ära eintauchen: So also hat Goethes Puppentheater ausgesehen, so sein Geburtshaus und so die Stadt Frankfurt zur fraglichen Zeit.

Zwei weitere Bildbände widmen sich dem Zeichner und Kunstkenner. Erstaunlich preiswert: „Goethe und die Kunst“ (Hatje, 644 S., 49,80 DM). Hier werden auch Themen wie „Wolkenstudien der Goethezeit“ aufgegriffen. Und man lernt, dass Goethe wichtige Künstler seiner Zeit wie Turner oder Goya praktisch ignoriert hat. Er war eben auch nur ein Mensch. Freilich einer, der fleißig zeichnete und von dem 2700 Blätter erhalten sind. Etliche stellt das Buch „Goethe. Der Zeichner und Maler“ (Callwey, 208 S., 99,90 DM) vor. Stets spürbar: die Freude am prallen Blühen der Natur.

„Goethes äußere Erscheinung“ (Insel-Taschenbuch. 200 S., 27,80 DM) besteht aus vielen Goethe-Porträts und Eindrücken der Zeitgenossen. So schrieb der Mime Wilhelm Iffland: Goethe hat einen Adlerblick, der nicht zu ertragen ist.“ Und Freund Friedrich Schiller bemerkte: „Er ist von mittlerer Größe, trägt sich steif und geht auch so; sein Gesicht ist verschlossen, aber sein Auge sehr ausdrucksvoll.. .“

Viele wollen Goethe ans Leder. So wurde ausgerechnet der so oft in weibliche Wesen Vernarrte als schwul „geoutet“, als Rabenvater oder politischer Reaktionär gebrandmarkt. Hier setzt auch dieses Buch an: W. Daniel Wilson „Das Goethe-Tabu“ (dtv, 414 S., 24,90 DM),

Wilson möchte partout beweisen, dass Goethe als Geheimrat in Weimar ein perfides Spitzelsystem aufgebaut habe, welches sich nicht nur gegen Studenten, sondern auch gegen Autorenkollegen wie Herder und Fichte gerichtet habe. Zudem habe er gnadenlos junge Burschen als Soldaten außer Landes verkauft. Just das Gegenteil liest Ekkehart Krippendorf aus den Quellen heraus: In „Goethe. Politik gegen den Zeitgeist“ (Insel. 232 S., 44 DM) würdigt er den Dichter als Förderer der Toleranz und der Abrüstungspolitik.

Federn lässt der Mythos des Dichters wiederum im Roman von Hugo Schultz: „Goethes Mord. Der Seelenmord an J. M. R. Lenz“ (Edition Isele, Eggingen. 441 S, 44 DM). Hier wird ein Verhalten beleuchtet, das Goethe nicht gerade sympathisch macht. Kaum einen seiner Zeitgenossen ließ er neben sich gelten. Besagten Dichter Lenz hat er ebenso kühl abblitzen lassen wie Heinrich Heine, Heinrich von Kleist oder Jean Paul – wahrlich keine zweitklassigen Schreiberlinge.

Ein wenig ins andere Extrem verfällt Gertrud Fussenegger in „Goethe – Sein Leben für Kinder erzählt (Lentz-Verlag/Herbig, München. 224 S., 24.90 DM). Hier ist sozusagen jede Zeile von Dankbarkeit erfüllt. Aber der Text klingt durchaus kindgerecht und gaukelt kein Wissen vor, das wir Heutigen nicht haben können. Der historische Abstand wird nicht verkleistert, sondern mit Würde gewahrt.

„Hat er, oder hat er nicht – und wann mit welcher?“

Wer sich ausgiebig mit Dichters Erdenwallen befassen will, greift vielleicht zu den Wälzern von Nicholas Boyle: „Goethe“ (Verlag C. H. Beck. Band 1: 1749-1790. 884 S., 78 DM / Band 2: 1790-1803, 1115 S., 88 DM). Der Brite geht wirklich in die Einzelheiten. Einen dritten Band ähnlichen Kalibers will er noch nachreichen. Bemerkenswert übrigens, dass Sigrid Damm: „Christiane und Goethe“ (Insel, 49,80 DM), eine intensive biographische Erkundung über Goethe und seine Frau Christiane Vulpius, seit Wochen die Sachbuch-Bestsellerliste anführt.

Falls man es lieber knapp und alphabetisch sortiert mag, erwirbt man das „Taschenlexikon Goethe“ (Piper, 316 S., 16,90 DM). Der Text gibt sich flockig. Unter dem Stichwort „Frauen“ erhebt sich die Frage: „Hat er, oder hat er nicht – und wann mit welcher?“ Hehe!

Nähern wir uns den Texten des Meisters selbst: „Verweile doch“ (Insel, 512 S.. 39.80 DM) heißt eine Auswahl von 111 Goethe-Gedichten mit Interpretationen. Ausgerechnet Marcel Reich-Ranicki knöpft sich Goethes berühmte Kritikerschelte vor… „Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent“. Reich-Ranickis bezeichnender Befund: Das sei Volksverhetzung…

Dass auch Genies nicht immer auf einsamer Höhe stehen, lässt die schmale Kollektion „Goethes schlechteste Gedichte“ (Residenz-Verlag, 95 S., 19.80 DM) ahnen. Die Herausgeber haben hier vor allem auf‘ Gelegenheitslyrik (zu Geburtstagen, Jubiläen usw.) zurückgegriffen, die Goethe nebenbei aus dem Handgelenk schüttelte. Kostprobe: „Die Welt ist ein Sardellen-Salat / Er schmeckt uns früh, er schmeckt uns spat“. Nun ja. Gemein ist’s, solche lässlichen Sünden zu sammeln.

Ungleich ernsthafter gehen die Herausgeber der auf 40 Bände angelegten Gesamtausgabe vor. Soeben erschienen: „Goethes ästhetische Schriften 1816-20. Über Kunst und Altertum 1-11″ (Deutscher Klassiker Verlag. 1622 S., 198 DM). Titel und Preis lassen ahnen, dass wir es hier mit einem Monument penibler Germanistik zu tun haben. Die Erläuterungen beginnen bereits auf Seite 617, umfassen also rund 1000 Seiten und erdrücken Goethes Worte nahezu.

Auf Reisen war meistens ein Diener dabei

Eigentlich unglaublich: Für 99,90 DM kann man 22 Bände Goethe („Berliner Ausgabe“) nebst wichtigen Briefen, den Gesprächen mit seinem Vertrauten Eckermann und 120 Artikel aus dem Goethe-Handbuch erwerben. Allerdings nicht zum gemütlichen Schmökern, denn es handelt sich um einen Daten-Silberling für den Computer. Mit Suchfunktionen kann man z. B. herausfinden, an welchen Stellen Goethe etwa Worte wie „Liebe“ oder „Italien“ verwendet hat. Um den elektronischen Kraftakt „Goethe – Zeit, Leben, Werk“ (CD-Rom, 99,90 DM) mit Textmassen, Bildern und Tönen zu bestehen, haben sich die Verlage Metzler, Aufbau und Schroedel mit dem Südwestrundfunk (SWR) und der Stiftung Weimarer Klassik vereint.

Goethe unterwegs, Goethe als Feinschmecker – auf dem Buchmarkt gibt’s alles: „Goethe auf Reisen“ (Weltbild, 144 S., 39,90 DM) verknüpft den historischen Rückblick mit Reisetipps für heute. Goethes Touren waren weit beschwerlicher als unsere, er hatte aber meist einen Diener dabei.

Goethe war also ein Genießer, der sich manche Mühsal abnehmen lassen konnte. „Zu Gast bei Goethe“ (Wilh. Heyne Verlag, 215 S., 68DM) fuhrt uns an den Tisch des Lukullikers, der „Welsches Huhn mit Trüffeln“ oder  „Leipziger Allerlei mit Krebsen“ verzehrte. 40 Rezepte aus der Weimarer Hofküche kann man nachbrutzeln.

Der Dichter hasste Hunde und Raucher

Zum Schluss zwei besonders originelle Bücher. „Goethes merkwürdige Wörter“ (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 216 S., 58 DM) macht anhand von über 1000 Begriffen bewusst, wie weit wir uns sprachlich von Goethes Epoche entfernt haben. Der Blumenliebhaber hieß bei ihm noch „Blumist“, für Pedanterie schrieb er „Kahlmäuserei“. Sagte er „Geilheit“, meinte er Übermut und „Dreistigkeit“ bedeutete ihm Zuversicht. Ein gar schönes Museum der deutschen Sprache.

Angriffslustig gehen Oliver Maria Schmidt und J. W. Jonas in „Gute Güte, Göthe!“(Haffmans-Verlag, 220 S., 24 DM) zu Werke. Unter der Überschrift „bebende Bärte“ werden Goethe-Deuter der verflossenen Jahrhunderte dem Gelächter preisgegeben: lauter salbungsvolle Rechthaber und Erbsenzähler der komischsten Sorte. Welch eine herrliche Realsatire zur Wirkungsgeschichte Goethes!

Schmunzelnd lernen wir hier auch Goethes Abneigungen kennen: Der leidenschaftliche Weintrinker hasste Hunde, Raucher, Brillen, Lärm, Sauerkraut und das „Zerknaupeln“ (Kneten) von Kerzenwachs. Außerdem gab er geliehene Bücher nie zurück. Dem Haffmans-Band entnehmen wir das passende Schlusswort, ein Zitat von Walter Benjamin aus dem Jahr 1932 (100. Todestag Goethes): „Jedes in diesem Jahr über Goethe eingesparte Wort ist ein Segen“. Schon gut. Wir schweigen.

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Der Text stand am 28. August 1999 in der Wochenendbeilage der Westfälischen Rundschau.




„Die Ehe – das sind zwei Geschichten“ / Neuer Roman des Büchner-Preisträgers Arnold Stadler

Von Bernd Berke

Figuren in deutschen Romanen haben oft viel Zeit, über sich und ihr Leiden an der Welt nachzudenken. So auch in „Ein hinreissender Schrotthändler“, dem neuen Werk des kürzlich gekürten Büchner-Preisträgers Arnold Stadler. Sein ichschwacher Erzähler, dem kein eigener Name gegeben wird, ist ein mit 45 Jahren früh pensionierter Geschichtslehrer.

Die Ehe dieses Mannes, der mit einer Ärztin liiert ist, tröpfelt sozusagen nur noch dahin. Der Resignierende redet davon, als gehe es um Konjunkturdaten: „… die Ehe war ohnehin eine krisengeschüttelte Branche, die krisengeschüttelte Branche schlechthin…“ Kinder hat man sowieso nicht in die Welt gesetzt. Auch dazu äußert der Enttäuschte seine düstere Meinung: „Für meine Person wollte ich keinen sogenannten Stammhalter. Damit sie nachher auf dem Kindergeburtstag streiten und Krieg spielen und .sich umbringen wollen?“

Fremder Schönling in Trainingshose

Eigentlich kein Wunder, daß Gattin Gabi abtrünnig wird, sobald der Schönling Adrian auftaucht. Wie aus dem Boden gewachsen, steht dieser Asylbewerber eines Tages in seiner Adidas-Hose vor der Tür. Fortan geistert diese Kunstfigur wie ein Phantom durch die Handlung. Gelegentlich würgt er den Hausherrn und verlangt Geld. Trotzdem adoptieren sie ihn. Die einfachste Lösung. So kann er hier bleiben und die Ehefrau beglücken. Man findet sich mit allem ab, denn man ist ja finanziell „saniert“ und fährt seinen Benz. Ein gut wattiertes Unglück also.

Allmählich aber wächst beim Erzähler denn doch ein Gefühl nachhaltiger Entfremdung: „Meine Frau, und ich: das sind zwei Geschichten unter einem Dach, von denen ich nur die eine kenne.“

Anlässlich einer Beerdigung treibt ihn das Weh weg aus dem Wohnort Köln und hin in seine alte, hassgeliebte Hinterwäldler-Heimat, über die er mit seiner Frau (hochnäsige Hamburgerin) nie wirklich hat sprechen können: Kreenheinstetten bei Meßkirch.

Und nun weitet sich der Roman zum eindringlichen, aber gleichwohl köstlich unterhaltsamen Lamento über Kindheits-, Sprach- und Heimatverlust.

„Die Heimat wird immer weniger“ lautet eine Kapitel-Überschrift. In der Tat ist die ehedem hinterletzte, aber anheimelnd gewesene Provinz jetzt durchtränkt mit dem Gift der schnöden Gegenwart. Rosemarie, seine Freundin aus der Zeit kindlicher Doktorspielchen, verdingt sich als Immobilienmaklerin, ihr Mann verhökert japanische Geländewagen. Andauernd zirpen die Handys, und einen Selbsterfahrungs-Workshop für Sexaholics (Sexsüchtige) gibt’s auch schon in Meßkirch, wo einst der Schwergewichtsdenker Martin Heidegger grübelte.

Traurigkeit hinter der Maskerade

Glaubt auch niemand mehr an Gott, so bekommt man hier doch noch eine „Seele“. So heißt die landesübliche Brezel, bei deren Anblick dem Erzähler ganz warm uns Herz wird. Wie sich einst Marcel Proust vom Duft eines Gebäcks zur „Suche nach der verlorenen Zeit“ verleiten ließ, so auch Stadler und sein Antiheld.

Arnold Stadler würzt sein Klagelied mit komischen, schrulligen, abstrusen Details. Stilistisch gibt er sich oft bewusst lässig und streut so manchen Kalauer ein. Für das Lächerliche hochnotpeinlicher Situationen hat er einen besonders wachen Sinn. Kurz und gut: Die Sache liest sich munter ‚runter.

Doch hinter solcher Maskerade springen urplötzlich Traurigkeit, ja Untröstlichkeit hervor, manchmal in unscheinbaren Nebensätzen. Das Leiden am verfehlten Leben wird durch Stadlers Komik um keinen Deut verkleinert, sondern umso greller hervorgetrieben. Und dies ist wirklich eine Kunst.

Arnold Stadler: „Ein hinreissender Schrotthändler“. Roman. DuMont Verlag. 237 Seiten.




Das Leben als Mutprobe – zum 100. Geburtstag von Ernest Hemingway

Von Bernd Berke

„Es ist nicht schlimm“, sagte er. „Und Schmerzen machen einem Mann nichts.“ – Ein Zitat aus „Der Alte Mann und das Meer“. Der Tonfall ist unverkennbar. Punkt, fertig, keine Debatten. Keine Weicheier-Fragen wie „Wann ist der Mann ein Mann?“ Der Schriftsteller Ernest Hemingway hätte wohl schlicht geantwortet: „Immer.“ Und er hätte zur Bekräftigung den nächsten Whisky gekippt.

Dieser Kerl von altem Schrot und Korn wurde heute vor 100 Jahren in Oak Park (US-Staat Illinois) geboren. Die tonangebende Literaturkritik urteilt inzwischen sehr nüchtern über ihn. Maureen Dowd, Starkolumnistin der „New York Times“, behauptete gar: „Hemingway war schon eine Parodie seiner selbst, als er starb“. Und: „Zusammen mit anderen Macho-Schriftstellern wie Jack London, Irwin Shaw und Norman Mailer ist sein Werk aus der Mode gekommen.“ 1950 hatte im selben Weltblatt noch gestanden, Hemingway sei der wichtigste anglophone Autor seit Shakespeare.. .

Freizeit-lndustrie in seinem Namen

Über literarische Qualität wird kaum noch geredet, wenn der Name Hemingway fällt. Statt dessen steht er als (bröckelndes) Denkmal für ein kerniges Männerleben zwischen Hochseefischerei, Großwildjagd, Stierkampf, Kriegsreportagen und alkoholischen Exzessen. Die eine oder andere Frau gab’s als Gattin oder Geliebte auch noch –vorzugsweise demütig. Auf diesen etwas ranzigen Geschmack von Freiheit und Abenteuer, auf Hemingways „muskulösen Existentialismus“ (so der Kritiker Paul Ingendaay in der FAZ) gründet sich eine Freizeit-Industrie mit läppischen Ähnlichkeits-Wettbewerben, touristischen Routen entlang seiner Kneipen-Touren (Key West in Florida, Kuba) und Hemingway-Lizenzen für Gewehre, Füllfederhalter, Brillen oder Möbel.

Sein vielfach verfilmtes Werk, 1926 mit „The Sun Also Rises“ (deutsch „Fiesta“) beginnend und 1954 mit dem Nobelpreis für „Der Alte Mann und das Meer“ (1952) gekrönt, wird lukrativ ausgeweidet. Hemingways Söhne schustern posthum greifbare Fragmente zu schnellfertigen Büchern zusammen. Man darf vermuten, daß der alte Ernest dies ebenso gehaßt hätte wie den Umstand, daß ausgerechnet einer seiner Sprößlinge als Transvestit lebt.

Die erste Flinte mit zehn Jahren

Mit zehn Jahren bekam der Arztsohn Ernest Hemingway seine erste Jagdflinte. Das prägt. Mit 18 wurde er Reporter beim „Kansas City Star“. Die schmucklos-präzise Nachrichtensprache hat großen Einfluß auf seine späteren Bücher ausgeübt, die wiederum eine ganze Generation von Literaten geprägt haben. Hemingways knapper Stil, aus deutscher Sicht das pure Gegenteil etwa eines Thomas Mann, wurde als „Depeschen-Prosa“ bezeichnet. Tatsachlich versuchte er, jede überflüssige Emotion oder Reflexion aus seinen Romanen und Erzählungen zu verbannen. Seine besten Texte beginnen gerade deshalb wie von selbst zu funkeln. Solche Wonnen der Wortkargheit haben vielleicht die deutlichste Entsprechung in der Filmweit: Hemingway schrieb ungefähr so, wie Humphrey Bogart spielte.

Im Ersten Weltkrieg als Ambulanzfahrer schwer verletzt, verliebte sich der 19jährige Hemingway in die Krankenschwester Agnes von Kurowsky, der er in dem Roman „In einem anderen Land“ (1929) ein Andenken bewahrte. Vom „Toronto Star“ nach Paris entsandt, lernte er literarische Größen wie Gertrude Stein, Ezra Pound und F. Scott Fitzgerald kennen. Bald hörte er selbst zu den Berühmtheiten.

Stierkampf und Trunksucht

In „Tod am Nachmittag“ stilisierte Hemingway 1932 den spanischen Stierkampf zum Sinnbild menschlicher Existenz: das Dasein als unaufhörliche Mut- und Bewährungsprobe im Angesicht des Todes. „Die grünen Hügel Afrikas“ (1935) entstand nach einer Safari im damaligen Tanganjika, „Haben und Nichthaben“ (1937) war sein einziger Roman, der in Amerika spielte. Mit seiner Geliebten Martha Gellhorn zog er als Berichterstatter auf republikanischer Seite in den Spanischen Bürgerkrieg, die literarische Ausbeute hieß „Wem die Stunde schlägt“ (1940). Ins von den Deutschen befreite Paris zog er als einer der ersten US-Amerikaner ein.

Am 2. Juli 1961 erschoß sich der künstlerisch kraftlos gewordene, deprimierte und trunksüchtige Schriftsteller. War er am eigenen Männlichkeitsanspruch gescheitert? Mitten im „Kalten Krieg“ bemerkenswert: Sowohl US-Präsident John F. Kennedy als auch dessen Widersacher Fidel Castro, dem Hemingway 1959 nach der kubanischen Revolution die Ehre des Besuchs erwiesen hatte, bekundeten Trauer. Sozusagen unter Männçrn. Und noch ein Mann der politischen Tat nennt, wie man hört, „Papa Hem“ seinen Lieblingsautor: Bundeskanzler Gerhard Schröder. Aber daraus ziehen wir nun keine Schlüsse.




Immerzu Krieg mit Pausen – Günter Grass zieht in seinem neuen Buch „Mein Jahrhundert“ Bilanz

Von Bernd Berke

Alle ziehen Bilanz, auch Günter Grass. Im letzten von 100 Texten seines Buchs „Mein Jahrhundert“ läßt er seine verstorbene Mutter auferstehen. Und also redet sie 1999: „Nun aber soll ich erzählen, wie es früher gewesen ist. Sag ich ja, Krieg war, immerzu Krieg mit Pausen dazwischen“.

Jedem Jahr des verfließenden Jahrhunderts ist im „neuen Grass“ ein kurzer Text gewidmet. Nach der Lektüre muß man glauben, dies sei in seinen Untiefen vor allem eine deutsche Epoche gewesen. Nur sporadisch schweift der Blick über die Grenzen.

Die schlimmen Zeiten beginnen gleich anno 1900, als ein bayerisches Regiment auf Kaisers Befehl ausrückt, um den Boxeraufstand in China niederzuschlagen. Als Wegmarken folgen die Weltkriege mitsamt allen Vor- und Nachwehen, mit Massenarbeitslosigkeit, Inflation, militärischer wie mentaler Aufrüstung und späteren Prozessen gegen Kriegsverbrecher, aber auch allfälligen „Kameradschaftstreffen“. Vergangenheit, die nicht vergehen will.. .

Der Erzähler ist allgegenwärtig

Grass schlüpft in allerlei Rollenprosa, mischt Fakten und Fiktion. Als allgegenwärtiger Erzähler versetzter sich in Akteure der jeweiligen Zeit hinein, bringt sich aber auch gelegentlich selbst ins historische Spiel: z. B. 1953 als Zaungast des Ostberliner Arbeiteraufstands, 1959 just als Autor der „Blechtrommel“, 1965 als SPD-Wahltrommler.

Historische Stichproben: Grass leiht seine Stimme einem Mann aus der Menge, der 1908 als Kind die flammenden Reden des Sozialisten Karl Liebknecht gehört hat. 1910 denkt eine Frau aus dem Ruhrgebiet über die Krupp-Kanone „Dicke Berta“ nach, bevor 1911 der Kaiser von einer kampfkräftigen Flotte träumt. 1933 spricht ein liberaler Galerist, der Max Liebermanns Ekel vor dem NS-Staat beschreibt.

Ernst Jünger redet mit Remarque

1937 erscheint Grass selbst als kleiner Junge, der auf dem Schulhof den Sieg des Faschisten Franco im Spanischen Bürgerkrieg nachspielt. 1946 äußert sich eine „Trümmerfrau“, 1955 will ein Häuslebauer ein Atombunker-Loch im Garten graben und stürzt hinein. 1962 hören wir jenen Glaser, der den Angeklagtenstand für den Eichmann-Prozeß gebaut hat. 1989 wirken Szenen der Maueröffnung im TV auf einen Ostberliner wie ein Kalte-Krieger-Film, 1997 bekommt das geklonte Schaf „Dolly“ seinen Auftritt.

Grass hat einige Phasen des Jahrhunderts nicht Jahr für Jahr abgehandelt, sondern als verklammerte Fortsetzungsgeschichten. So läßt er Ernst Jünger und seinen politischen Gegenpart Erich Maria Remarque über den ganzen Ersten Weltkrieg plaudern, das Inferno des Zweiten Weltkriegs wird aus der verzerrten Perspektive eines Treffs früherer Frontberichterstatter ins Auge gefaßt.

Die Konstruktion schimmert durch

Detail-Recherchen ließ Grass von einem jungen Historiker erledigen, und offenbar hatte er die Zeittafel immer bei sich, so umständlich fügt er dies und jenes ein. Das Gerüst der Konstruktionen scheint häufig durch. Über weite Strecken liest sich das alles wie braver Schulfunk, wie ein geschichtliches Ratespiel. Elan ist kaum zu spüren.

Grass fordert den Leser nicht allzu sehr. Nach ein Paar Absätzen ist die Aufgabe jeweils umrissen. Sodann wird die Sache mit Anstand, aber ohne sonderlichen literarischen „Überschuß“ fortgeführt. Etliche erfundene Zeitzeugen scheinen dem Kern der Verhältnisse nicht näher zu kommen als ein distanzierter Beobachter.

Im Steinbruch der Geschichte

Erstaunlich unaufwendig und schmucklos kommt die Sprache daher. Fundstücke, die einen Zeitabschnitt auf den Begriff brächten, sind selten. Auch Grass‘ Aquarelle, einer Sonderausgabe beigegeben, illustrieren die Sachverhalte und Gefühlslagen nur.

Grass entwirft kein großmächtiges Panorama des Jahrhunderts, sondern ein hie und da schimmerndes Kaleidoskop ohne vorschnelle Gewißheiten. Durch Kreuz- und Querbezüge, wie etwa jene mehrfach aufgegriffene Geschichte martialischer Kopfbedeckungen (Pickelhaube, Lederkappe, Stahlhelm) gewinnt die Erzählung zuweilen etwas tieferen Atem. Doch insgesamt erleben wir ein ziemlich mühevolles „Abarbeiten“ im Steinbruch der Geschichte.

Günter Grass: „Mein Jahrhundert“. Steidl Verlag. 384 Seiten, 48 DM / Ausgabe mit Aquarellen des Autors: 416 Seiten Großformat, 98 DM (beide ab 10. Juli im Buchhandel)




Gehäuftes Dichterlob aus Dortmund – Das „Literarische Quartett“ gastierte in der neuen Botta-Bibliothek

Von Bernd Berke

Dortmund. Marcel Reich-Ranicki und die Seinen gastieren mit ihrem „Literarischen Quartett“ (ZDF) für gewöhnlich an Orten, die den schönen Künsten sehr zugeneigt sind. Gern plaudern sie beispielsweise in altehrwürdigen Universitäts-Städten wie Tübingen, in der Festspielstadt Salzburg oder zur Buchmesse in Goethes Geburtsstadt Frankfurt am Main. Nun aber ließen sie sich in Dortmund herbei.

Tagelang hatte sich das ZDF-Team in der Stadt- und Landesbibliothek umgetan, hatte Beleuchtungs-Feinheiten und dergleichen geprobt. In einigen Bereichen mußte dafür gar die Ausleihe eingeschränkt werden. Aber was tut man nicht alles für die Leute vom Fernsehen. Rund 150 Besucher durften die Live-Sendung am Ort des Geschehens genießen. Schön zu sehen, wie Sigrid Löfflers Teint (Minuten vor der Sendung) noch etwas nachgepudert wurde; nett zu hören, wie sich Marcel Reich-Ranicki nach dem Zustand des Mineralwassers erkundigte…

Als alles tadellos gerichtet war, fing’s denn auch an. Mag sein, daß man sich hier von Reich-Ranicki ein paar Einleitungssätze mehr erhofft hatte als nur die schlichte Mitteilung, man befinde sich diesmal in der neuen Bibliothek zu Dortmund, die von Mario Botta entworfen wurde. Punkt. Schluß. Schon schritt man zur üblichen Buch-Behandlung. Der kulturelle Wanderzirkus auf Durchreise. Wo waren wir eigentlich gestern?

Trösten wir uns damit, daß diesmal weder der Präzeptor noch seine Mitstreiter Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler oder die Gastkritikerin Eva Demski zu Verrissen aufgelegt waren. Vielleicht hat ja die milde Stimmung auch ein ganz klein wenig am Genius loci (Geist des Ortes) gelegen?

Marcel Reich-Ranicki ist in der Runde ein vulkanisches Ereignis

Dermaßen gehäuftes, zumeist auch noch einhelliges Lob für die besprochenen Bücher hat man jedenfalls im „Quartett“ all die Jahre über wohl noch nie vernommen. Reich-Ranickis Schlußbemerkung, man sei kein verlängerter Arm der Verlags-Werbeabteilungen, schien diesmal beinahe nötig.

Sigrid Damms Abhandlung „Christiane und Goethe“? Ein Meisterwerk! Hanna Kralls „Da ist kein Fluß mehr“? Unvergleichlich! Ernst Weiß‘ „Der arme Verschwender“, James Salters „Dämmerung“, Erri de Lucas „Das Meer der Erinnerung“? Oh, allesamt auch nicht zu verachten.

Was man daheim am Fernsehgerät nicht mitbekommt: Reich-Ranicki versinkt, wenn er zwischendurch nicht gezeigt wird, immer mal wieder in eine Art Erschlaffung, in einen Dämmerschlaf, aus dem er freilich schlagartig, ja fast explosiv auffährt, sobald er das Wort ergreift. Der Mann ist schon ein vulkanisches Ereignis.

An witzigen Momenten fehlte es auch diesmal nicht. Man hätte das Publikum in der Bibliothek gar nicht, wie zuvor geschehen, eigens bitten müssen, eine lebhafte Zuhörerschaft zu sein. Der Streit, ob Goethe ein übler Opportunist gewesen sei, hatte einfach Sketch-Qualität. Hellmuth Karasek verstieg sich zur gewagten Behauptung, ein Genius, der Gedichte wie „Wanderers Nachtlied“ verfaßt habe, dürfe ruhig auch ein Fiesling gewesen sein. Und Reich-Ranickis rhythmischer, nahezu lyrischer Merksatz, als der Name des Serbien-freundlichen Dichters Peter Handke fiel, dürfte gleichfalls in die „Quartett“-Annalen eingehen: „Es wird gebeten, über Handke nicht zu reden“.




Wie die Politik das Privatleben verdunkelt – Monika Marons bewegendes Erinnerungsbuch „Pawels Briefe“

Von Bernd Berke

Ein Lebenslauf besteht „aus Wendepunkten, an denen etwas geschehen ist, das nicht hätte geschehen müssen. Das beginnt mit der Geburt“. So zitiert die Schriftstellerin Monika Maron den großen Vordenker Niklas Luhmann. Das Zitat dient ihr als Leitlinie zur Erforschung der eigenen Familiengeschichte. „Pawels Briefe“ heißt ihr bewegender Erinnerungs-„Roman“.

Pawel Iglarz war ihr Großvater; ein polnischer Jude, der sich von hergebrachten Glaubensbindungen löste und Baptist wurde. Es bewahrte ihn in der NS-Zeit nicht vor Verfolgung. 1939 wurden er und seine Frau Josefa aus Berlin nach Kurow vertrieben, später wurden sie getrennt. Er kam ins Ghetto Belchatow, das 1942 „liquidiert“ wurde. Vielleicht wurde er dort ermordet, vielleicht in Kulmhof. Man wird es nie genau erfahren. Etwas ist geschehen, was nicht hätte geschehen müssen, nicht hätte geschehen dürfen.

Die eigene Herkunft fixieren

Ausgehend von den besorgten, erschütternd selbstlosen Briefen, die Pawel aus der schrecklichen Verbannung an seine Angehörigen schrieb, versucht Monika Maron („Flugasche“, „Stille Zeile 6″, „Animal triste“) die Familienhistorie zeitgeschichtlich zu verankern und auch ihre eigene Herkunft zu fixieren. Doch schon bald geraten vermeintliche Gewißheiten ins Wanken, und sie muß sich fragen, was man aus solcher Distanz überhaupt noch herausfinden kann. Eine Reise nach Polen zeigt vor allem, wie viele Spuren inzwischen verwischt sind. An jüdische Bewohner können sich selbst die Älteren nicht mehr erinnern. Furchtbare Löschung aus dem kollektiven Gedächtnis…

Mit-Diskretion und Scheu nähert sich die Autorin der Vergangenheit. Man spürt (und darf es nach der Walser-Bubis-Debatte doppelt bedenken): Erinnerung ist notwendig, doch sie läßt sich nicht in bestimmter Weise erzwingen. Mehr als fürs vielfach beschriebene „große Ganze“ interessiert sich Monika Maron für Einzelschicksale, die eben niemals in politischer Betrachtung aufgehen. Und sie stellt auch prekäre Fragen: Wie schuldig war ein junges Mädchen, das einen SA-Mann liebte und deswegen in seiner Horde mitlief?

Die DDR-Zeitschicht wird gleichfalls behutsam freigelegt, als könne da etwas zerbrechen. Stärker in den Blickpunkt rückt nun auch Monika Marons Mutter Hella, klug und lebenslustig, jedoch verführbar. Sie war einst mit dem damaligen Innenminister Karl Maron verheiratet und blieb über die DDR-Ära hinaus überzeugte Kommunistin.

Die Autorin will sich über eine solche Biographie kein Urteil anmaßen, der Mutter selbst stehe die „Deutungshoheit“ zu. Doch sie verübelt Hella die Nibelungentreue zur SED. Die Tochter selbst konnte ab 1981 nur noch im Westen publizieren und übersiedelte 1988 nach Hamburg.

Monika Maron schreibt einen klaren Stil, verlangt dem Leser aber etwas ab: Er muß sich auch auf Einzelheiten des Lebens ihrer Vorfahren einlassen. Eingefügte Fotografien aus dem Familienalbum halten Moment-Ansichten der „Wendepunkte“ fest. Oft verknüpfen sich, zuweilen exemplarisch, die privaten Geschehnisse mit Grundlinien deutscher Geschichte. An den oft schmerzhaften Schnittstellen wird es spannend.

Pawels Briefe erweisen sich als Hort fortwirkender Menschlichkeit. Hätte ihr gütiger Großvater nach dem Kriege noch gelebt, so findet Monika Maron, dann hätte allein sein Dasein im Familienkreis einen entschiedenen Einspruch nicht nur gegen den Faschismus, sondern auch gegen die SED-Herrschaft bedeutet. Und so sind die vergilbten Papiere ein Vermächtnis für alle, ein Mahnmal ganz eigener Art.

Monika Maron: „Pawels Briefe“. S. Fischer. 205 S., 38 DM.

Monika Maron liest am Mittwoch, 10. März, um 19.30 Uhr in der Reihe „Kultur im Tortenstück“ (Mitveranstalter: die WR und Bücher Krüger) im Dortmunder Harenberg City-Center aus ihrem Buch. Morgen (ZDF, 22.15 Uhr) wird das Buch auch im „Literarischen Quartett“ besprochen.




Die Hippie-Mutter ist so frei… – Ralf Rothmann versöhnt zwei Generationen in seinem Roman „Flieh, mein Freund“

Von Bernd Berke

Jetzt, wo Mitglieder der 68er Generation die Regierungsgeschäfte besorgen, ist es allmählich an der Zeit, diese Jahrgänge mit den eine Dekade später Geborenen zu versöhnen. Irgendwann muß jeder mit ins Boot.

Gelegentlich spukt dieses Projekt durch die deutsche Literatur der letzten Jahre. Nun nimmt sich der Autor Ralf Rothmann („Stier“, „Wäldernacht“) der Sache an. „Flieh, mein Freund“ heißt sein Roman. Der Ich-Erzähler, Spitzname „Lolly“, wurde vor 20 Jahren im Ruhrgebiet geboren, lebt nun in Berlin und salbadert im teils erlauschten, teils nachgestellten Jugendjargon („voll geil“) drauflos: von Null auf Hundert.

Es geht über Stock und Stein. Die flockige Rede handelt von Gott und der Welt, dem Einkauf bei Aldi, alten Damen, Katzen, Durchfall, Vaters affiger Werbeagentur, tausend Dingen – vor allem aber von Mädchen, Mädchen, Mädchen. Da hapert s also: Der schmalbrüstige „Lolly“ schielt fürchterlich und ist – Zitat – „nicht nur schüchtern; das ginge ja noch. Ich bin gleichzeitig immer geil… und dann werde ich melancholisch, weil ich alle Mädchen haben möchte und keins kriege…“

Vanina aus der Krähen-WG und ihr unförmiger Po

Schließlich kriegt er aber doch eine, nämlich die ihrerseits etwas verkorkste Vanina aus der feministischen „Krähen-WG“. Vanina hat freilich einen derart unförmigen Po, daß „Lolly“ sich seiner Zuneigung zu schämen beginnt. Ein sonderbares Identitätsproblem erwächst daraus, das „Lolly“ intensiv mit seiner Mutter bearbeiten möchte und die ist nun mal eine flippig gebliebene „Achtundsechzigerin“. Sie raucht in schönster Hippie-Manier noch täglich ihre Joints, liebt das (erotische) Chaos und hat sich vom Vater getrennt. Überkommt sie eine Laune, nagelt sie auch schon mal ein Zelt ins Zimmer – auf teuren Parkettboden. Kurzum: Sie ist ungleich frecher, selbstbewußter und vitaler als ihr Sohn, und es müßte mit dem Teufel zugehen, könnte er davon nicht profitieren…

Die Botschaft rollt gleichsam auf einer Einbahnstraße daher: Die „79er“ können von den „68ern“ noch eine ganze Menge Lebenslust lernen. Nun, eigentlich müßte man das von Fall zu Fall beurteilen.

Wovon handelt das Buch eigentlich?

Ralf Rothmann (selbst Jahrgang 1953) legt hier keinen geschlossenen Roman vor, sondern episodisches Patchwork mit ausfransender Stoffmenge. Rothmann zeigt uns sozusagen seine (zuweilen beachtlichen) erzählerischen Instrumente, wendet sie aber nicht wirklich an. Immer wieder stellt man sich die Frage: Worüber hat der Mann eigentlich schreiben wollen? Sollte es ein flottes Jugendbuch werden, eine Etüde auf schwierige Reifeprozesse, oder etwa eine Mixtur aus Reiseführer und Drogenkrimi? Darauf deutet der Rückblick auf die Jugenderlebnisse der Mutter im Mittelteil hin (Schauplätze: Barcelona und Mexiko), die in einem ganz anderen Stil geschildert werden als „Lollys“ Nöte.

Ab Seite 180 aber nimmt wieder „Lolly“ das Heft in die Hand. Von Liebeskummer um Vanina gequält, wirft er sich mit geradezu inzestuöser Intensität an die Brust seiner Mutter, als gelte es, die Generationen vollends miteinander zu verschmelzen. Schließlich überwindet er all seine Vorbehalte und tritt – Schluß mit schlampig! – als Werbetexter in Papas Agentur ein. Willkommen im bürgerlichen Erwachsenendasein!

Ralf Rothmann: „Flieh, mein Freund“. Suhrkamp-Verlag. 278 Seiten. 39,80 DM.




„Ich bin kein Brandstifter“: Gespräch mit Martin Walser – über seinen Roman und seine Friedenspreis-Rede

Von Bernd Berke

Dortmund. Mit seinem Roman „Ein springender Brunnen“ hat Martin Walser (71) einen grandiosen Erfolg erzielt. Lesepublikum und Presse waren beeindruckt von dieser stark autobiographisch geprägten Geschichte einer Dorf-Kindheit in der NS-Zeit.

In die politische Diskussion geriet Walser durch seine am 11. Oktober gehaltene Frankfurter Rede zur Friedenspreisverleihung des Deutschen Buchhandels, in der er sich gegen allzu eingefahrene Wege der „Vergangenheitsbewältigung“ und gegen die „Instrumentalisierung von Auschwitz für gegenwärtige Zwecke“ wandte. Daraufhin warf ihm Ignatz Bubis (Zentralrat der Juden in Deutschland) „geistige Brandstiftung“ vor. Jetzt las Walser im Dortmunder Harenberg City-Center (Mitveranstalter: Westfälische Rundschau und Buchhandlung Krüger) aus seinem Roman. Bei dieser Gelegenheit sprach die WR mit ihm.

Haben Sie mit derart barschen Reaktionen auf Ihre Frankfurter Friedenspreis-Rede gerechnet?

Martin Walser: Natürlich nicht. Mit so etwas kann man nicht rechnen. Solche Wörter können einem ja vorher nicht einfallen, mit denen man da beworfen wird. Wenn mich jemand als „geistiger Brandstifter“ bezeichnet, dann ist das seine Sache. Ich kann das gar nicht kommentieren, weil ich es auch nicht verstehen kann. Und mich mit Rechtsradikalen wie Frey und Schönhuber zu vergleichen, weil die angeblich „auch nichts anderes sagen“… Da habe ich ein anderes Sprachverständnis.

Sind Sie verbittert?

Walser: Verbittert nicht, aber entsetzt. Ich bin doch kein Dauerobjekt für Beleidigungen! Zum Glück gab es ja auch unendlich viele andere Reaktionen, so wie noch nie. Das Thema hat sich noch lange nicht erledigt. Die Affäre wird in der Entwicklung dieses Themas in diesem Land eine Wirkung haben – welche, das bleibt abzuwarten.

Ihr Roman ist fast durchweg begeistert aufgenommen worden. Waren Sie erstaunt?

Walser: Mh. Das darf mich nicht erstaunen. Es hat mich unheimlich gefreut. Ich habe noch nie so rasch so viele briefliche Leser-Reaktionen bekommen. Ich war mir ja beimSchreiben des Romans eines gewissen Risikos bewußt. Es hat mich gerührt, daß die meisten meine Auffassung teilen, daß man auf diese Art über „damals“ schreiben kann.

Ein paar wenige Rezensenten haben moniert, Sie hätten die Schrecken des NS-Regimes nicht erwähnt.

Walser: Ja. Das ist absurd. Dieses NS-Regime kann auch auf andere Weise vorkommen, ohne daß das Stichwort „Auschwitz“ fallen muß. Wer das zu einem Pensum macht, zu einer Pflichtaufgabe, der muß damit rechnen, daß er nur Lippenbekenntnisse bekommt. Die meisten haben aber begriffen, daß in meinem Text die NS-Zeit präsent ist, so wie sie aus der Perspektive des Kindes Johann präsent sein konnte.

Was bedeuten Lesereisen für Sie? Eher eine Last oder eine Chance, vom Publikum etwas zu bekommen?

Walser: Ich mache solche Reisen vielleicht zu oft. Ich werd s sicher nicht mehr sehr lange machen, aber diesmal schon noch. Ich probiere den Text eben gerne in Sälen. Man weiß ja nie so genau, wie die Leute reagieren. Ich hatte es mir diesmal sehr schwer vorgestellt. Meine bisherigen, oft neurotischen Romanhelden habe ich pointiert dargeboten. Das hat den Leuten eingeleuchtet, da haben sie sich wiedererkannt. Jetzt hab ich diesen fünfjährigen Johann im Jahr 1932. Da war ich nicht so sicher, ob das überhaupt vorzulesen ist. Doch es geht, sehr gut sogar. Ich muß sagen: Die Leute in diesem Land sind einfach fabelhaft. Da redet man immer vom Fernsehen – und dann kommen Abend für Abend viele hundert Menschen zu den Lesungen und hören zu und reagieren unheimlich lebendig. Toll! Es gibt noch eine literarische Gesellschaft. Das hat kein bißchen abgenommen. Wer das Gegenteil behauptet, hat keinen Kontakt mit der Wirklichkeit.

Vielleicht sind Sie eine rühmliche Ausnahme?

Walser: Nein, nein. Drei meiner vier Töchter schreiben ja auch. Sehr verschieden voneinander – und keine wie ich. Eine von ihnen schreibt sogar viel schöner, poetischer und schwieriger als ich. Und doch macht sie bei Lesungen ähnlich gute Erfahrungen.

Eine erstaunliche Familie. Haben Sie Ihre Töchter Johanna, Alissa und Theresia als Kinder zum Schreiben angehalten?

Walser: Um Gottes Willen, nein. Nicht einmal zum Lesen. Es ist halt so gekommen. Außerdem ist die Sache nicht so heiter, wie sie klingt: Ich kenne den Preis des Schreibens. Man schreibt nicht, weil es einem gut geht. Im Gegenteil.

Eigentlich wollten Sie ja keine Interviews mehr geben.

Walser: Nun ja, diese Kommentierungs-Funktion wird einem „über“ – daß man immer seine eigenen Sachen auslegen soll. Im Gegensatz zum Interview kommt beim Roman keine bestimmte Meinung heraus. Ein Roman bewegt sich schwebend und landungsscheu…

 




Die Räume der Literaten – Interview mit der Fotografin Herlinde Koelbl

Von Bernd Berke

Herlinde Koelbl zählt zu den renommiertesten Fotografinnen weit und breit. Zur Frankfurter Buchmesse, wo die WR mit ihr sprach, hat sie den aufwendigen Band „Im Schreiben zu Haus“ (Knesebeck-Verlag, 98 Mark) veröffentlicht. Sie hat dafür in den letzten Jahren 42 wichtige deutschsprachige Schriftsteiler daheim besucht – von Handke bis Simmel, von Walser bis Ernst Jünger, von Rühmkorf bis Elfriede Jelinek. In Bildern und Gesprächen spürt sie der Frage nach: Wie und wo entsteht unsere hohe Literatur?

Sie haben unter den Autoren Tag- und Nachtmenschen getroffen. Solche, die stets rastlos auf Reisen gehen, und solche, die lieber seßhaft sind?

Herlinde Koelbl: Ja, das sind gewisse Trennlinien. Und dennoch scheinen alle etwas gemeinsam zu haben, das schwer zu benennen ist. Schreiben als eigentliches Zuhause. Es sind jedenfalls drei Generationen von Schriftstellern. Die Älteren schreiben oft noch mit Bleistift oder Füllfederhalter, wie etwa Sarah Kirsch. Martin Walser benutzt Kugelschreiber, die auch kopfüber funktionieren, seit er einmal einen Bandscheibenschaden hatte und im Liegen schreiben mußte. Er schnürt seine Manuskripte mit Bindfäden zusammen. Und Ingo Schulze, ein jüngerer Autor, umarmt auf dem Foto seinen Computer. Es ist wie eine Liebesbeziehung zum Schreibgerät.

Wie ist die Idee zu diesem Buch entstanden?

Koelbl: Ursprünglich wollte ich nur Hände fotografieren. Schriftstellerhände. Die drücken sehr viel aus. Sehen Sie sich zum Beispiel die Hände von Ernst Jünger oder Hermann Lenz an. Sie vermitteln eine Ahnung von Großbürgerlichkeit, wie es sie heute nicht mehr gibt. Bei Peter Handke hatte ich mir ganz feingliedrige Finger vorgestellt, dabei hat er richtig männliche Hände – mit deutlichen Spuren der Gartenarbeit… Aus der Idee mit den Händen hat sich alles Weitere entwickelt. Die Handschriften, der hand-werkliche Aspekt des Schreibens…

Sie haben die Schreib-Zimmer fotografiert, die Schreibtische. Gibt es Entsprechungen zwischen diesen äußerlichen Situationen und den Werken?

Koelbl: Wahrscheinlich ja. Das Zimmer von Friederike Mayröcker ist über und über angefüllt mit Papierbergen. Andererseits gibt es ganz karge, leere Schreibtische, beispielsweise bei Reiner Kunze. Peter Handke hat verschiedene Schreibzimmer, eines wirkt tatsächlich wie eine Mönchs-Zelle. Wahrscheinlich hat dies einiges mit der Arbeitsweise und dann auch mit dem Werk zu tun.

Etliche Autoren sagen, daß sie eigentlich gar nicht gern schreiben.

Koelbl: Die meisten Bücher entstehen unter großen Qualen und schmerzlichen Umwegen. Und doch gibt es bei allen Schriftstellern immer wieder dieses ungeheure Glücksgefühl, das alle Qualen vergessen läßt, wenn das Werk gelungen ist.

Manche Schriftsteller, beispielsweise Sten Nadolny oder der inzwischen verstorbene Jurek Becker, haben Ihnen sehr viel über sich verraten. Über ihre Antriebe und Hemmnisse. Auch über Depressionen und Ängste.

Koelbl: Ja, das waren zwei besonders intensive Gespräche. Vielleicht kann ich recht gut zuhören. Und vielleicht braucht man den „sechsten Sinn“, die richtige Mischung aus Denken und Fühlen. Genug davon. Das ist ja eine Erfahrung, die auch viele Schriftsteller gemacht haben: Wenn man zu sehr über die Mechanik seiner Fähigkeiten nachdenkt, gehen sie eventuell verloren –  wie bei dem Ballettänzer, der seine Schritte erklären will und sie dann nicht mehr ausführen kann.




„Meine Figuren sollen nicht lange leiden“ – Interview mit der Krimiautorin Ingrid Noll

Von Bernd Berke

Ingrid Noll (63) ist die mit Abstand erfolgreichste Krimi-Autorin Deutschlands. Mit Büchern wie „Der Hahn ist tot“, „Die Apothekerin“ und „Kalt ist der Abendhauch“ stand sie jeweils Monate lang auf den Bestsellerlisten. Auch ihr neuer Roman „Röslein rot“ (Diogenes, 39 DM) schaffte wieder den Sprung auf Platz zwei – gleich hinter Donna Leons „Sanft entschlafen“. Ein famoser Doppelerfolg für den Züricher Diogenes-Verlag, der beide Krimi-Ladies unter Vertrag hat. Die WR traf Ingrid Noll auf der Frankfurter Buchmesse.

Sie haben erst im Alter von 55 Jahren mit dem professionellen Schreiben begonnen und erzielen Spitzenauflagen. Haben Sie ein Erfolgsgeheimnis?

Ingrid Noll: Ich habe einfach Spaß am Schreiben. Das teilt sich den Lesern offenbar mit.

Haben andere Autoren denn keinen Spaß an ihrer Tätigkeit?

Noll: Viele quälen sich fürchterlich und haben Angst vor dem leeren Blatt Papier. Das Gefühl kenne ich überhaupt nicht. Wenn mir nichts einfällt, schreibe ich eben nicht.

Warum werden in Ihren Büchern eigentlich so viele Männer zur Strecke gebracht?

Noll: Ja, das glauben die meisten. Wenn Sie mal in allen Bänden durchzählen, stimmt das gar nicht. Die Morde an Männern und an Frauen halten sich ungefähr die Waage.

In „Röslein rot“ erzählen Sie die Geschichte der frustrierten Ehefrau Annerose, die durch Familie und Hausarbeit beruflich viel zu kurz gekommen ist. Sie selbst haben drei Kinder und haben viele Jahre lang Ihrem Mann in der Arztpraxis geholfen. Ist diese Annerose etwa ein Selbstporträt?

Noll: Nein, nein! Ich bin nicht „zu kurz gekommen“. Ich habe drei Kinder, und alle waren keine „Pannen“. Im Gegenteil: Sie waren und sind mir viel wichtiger als meine Bücher.

Die Ehe dieser Annerose zerbröselt zusehends – bis hin zu Mordgedanken. Sehen Sie die Ehe als Schlachtfeld?

Noll: Ich selbst bin seit 39 Jahren verheiratet – und es geht immer noch gut. Allerdings war ich oft Beichtschwester für Bekannte und Freundinnen. Was ich da so gehört habe… Und auch mein Mann hat einiges aus seiner Praxis erzählt. Gerade Frauen, die man für glücklich hielt, zeigten ihm ihre blauen Flecken. Übrigens verwende ich so etwas nicht in meinen Büchern. Höchstens indirekt, verfremdet.

In „Röslein rot“ geschieht nur ein einziger Mord. Früher ging‘s reihenweise zur Sache.

Noll: Ach, ich war das viele Blut ein bißchen leid. Das heißt aber nicht, daß es beim nächsten Mal wieder so kommt. Ich lasse mich da ungern festlegen…

Mordaufklärung kommt bei Ihnen so gut wie nie vor, so als gäbe es gar keine Polizei, keine Kommissare…

Noll: Das interessiert mich auch nicht so sehr. Ich habe mich jetzt mal in einem Polizeipräsidium umgesehen. Ich fand es ziemlich langweilig. Die saßen ja alle nur an Computern.

Gibt Ihnen Ihr Mann schon mal Tipps in Sachen realistischer Morde?

Noll: Selbstverständlich. Ich frage ihn bei allen Todesarten. Auch weil ich will, daß die Figuren nicht so leiden müssen, sondern schnell tot sind. Manchmal sitzen wir ganz idyllisch in unserem Garten und überlegen, wie man Menschen um die Ecke bringt.. .(lacht).

Empfinden Sie Genugtuung über den Erfolg?

Noll: Dafür bin ich ein bißchen zu alt. Es steigt mir nicht mehr so zu Kopf. Ich stell’s mir schlimm vor, wenn jemand mit 20 schon ganz viel Erfolg hat. Denken Sie an Sportler oder Sänger. Und wenn die 30 sind, kräht kein Hahn mehr danach. Die verfallen dann in Depressionen, sind selbstmordgefährdet. In meinem Alter ist man dagegen gefeit. Dann weiß man: Herrgott, so was Besonderes bist du nun auch wieder nicht. Und irgendwann interessiert sich auch wieder keiner mehr für dich. Ich wäre nicht trübsinnig, wenn’s aufhört. Das ist nur ein kleiner Aspekt in meinem Leben – und nicht der zentrale.




Die Notwendigkeit des anderen Menschen – Milan Kunderas neuer Roman „Die Identität“

Von Bernd Berke

In Buchtiteln von Milan Kundera mischen sich oft Gelächter und gelinde Verzweiflung. Sprichwörtlich wurde „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“.

Der Tscheche, der seit 1975 in Frankreich lebt und 1987 den Dortmunder NellySachs-Preis erhielt, schrieb auch „Der Scherz“, „Das Buch der lächerlichen Liebe“ und „Das Buch vom Lachen und Vergessen“. Heute kommt sein neuer Roman „Die Identität“ in unsere Buchhandlungen. Jenseits des Rheins war’s der Bestseller Nummer eins.

In 51 kurzen Kapiteln wirft Kundera Schlaglichter auf die Liebesbeziehung zwischen Chantal und Jean-Marc. Sie ist ein wenig älter als er, hat eine Ehe und den Tod ihres Kindes erlitten und arbeitet nun gut dotiert in einer Werbeagentur. Er vagabundiert hingegen etwas ziellos im Alltag umher.

Auch dieser Roman hat etwas Vagabundierendes, er sammelt Impressionen ein, fast wie im zufälligen Vorübergehen. Kundera will den Momenten der Liebe nicht gleich einen Zusammenhang aufpfropfen, sondern das Vage und Unsichere einer solchen Verbindung aufleuchten lassen. Der Flüchtigkeit kommt er mit flüchtigen Mitteln bei.

Zurück zur Liebe. Wie sollen es die zwei ohne einander aushalten? Um ihre Gefühle zu prüfen, stellt sich die Frau den Verlust des Mannes vor, der Mann gar den Tod der Frau, „denn Chantals Tod begleitete ihn, seit er begonnen hat, sie zu lieben“. Angst erregende Vorboten des endgültigen Abschieds sind jene Augenblicke, in denen die Liebenden einander mißverstehen, weil sie just die Identität des anderen nicht mehr erkennen.

Es fragt sich, worin die Liebe noch gründet

Diese plötzliche Entfernung voneinander gipfelt in gänzlich verwirrender Verwechslung: Jean-Marc spricht eine fremde Frau an, die er irrtümlich für Chantal hält. Wie also sollen sie es unter solchen Vorzeichen noch miteinander aushalten?

Auf den Konflikt steuern die Geschichten-Splitter zu, als Chantal von einem Unbekannten reihenweise Liebesbriefe erhält. Sie, die neuerdings fürchtet, die Männer könnten sich bald nicht mehr nach ihr umdrehen, genießt die postalischen Huldigungen und verbirgt sie (im Kleiderschrank unter den BHs) vor Jean-Marc. Sie rätselt, wer wohl die zärtlichen Episteln geschrieben hat, wer sie da tagtäglich heimlich beobachtet. War’s der Bettler an der Straßenecke? Oder war es gar Jean-Marc selbst? Dann ahnte er ja, daß sie die Blätter versteckt. Identität wird zum Ratespiel, Vertrauen schwindet…

Fragt sich also, worin sich die Liebe noch gründet – nur in der Angst vor dem Verlust? Solchen Existenz-Fragen spürt das Buch anhand vieler kleiner Beobachtungen nach. Die Szenenfolge mündet schließlich doch im Plädoyer für dauerhafte Liebe. Gegen alle Unbill, gegen alle Gier nach Freiheit und erotischem Wechsel.

Kundera ist niemand, der geradewegs drauflos erzählt, pralle Epik ist seine Sache nicht. Lebensstoff wird mit Reflexion durchdrungen, die oftmals in aphoristischer Verdichtung daherkommt. So benennt Kundera z. B. die „drei Arten der Langeweile“, die der Mensch tagtäglich zu bekämpfen suche, oder er ermißt jenes Phänomen der Freundschaft, das letztlich auch einen Kern der Liebe ausmacht: Jeder Mensch bedarf zumindest eines anderen, der seine Taten und sein Fühlen über die Jahre hinweg bezeugt. Denn sonst verlöre man seine Identität. Und dann wäre das Sein unerträglich leicht…

Milan Kundera: „Die Identität“. Roman. Hanser Verlag. 163 Seiten. 42 DM.




Am Quell des Eigensinns – Martin Walsers unverkennbar autobiographischer Roman „Ein springender Brunnen“

Von Bernd Berke

Manche Völker haben gefürchtet, die Fotografie könne den Menschen die Seele rauben. Doch sie vermag vielleicht auch das Gegenteil: Als der fünfjährige Johann – ganz allein, ganz für sich – von einem Wanderfotografen aufgenommen wird und dann dieBilder sieht, erlebt er sich erstmals als abgesondert, aber auch geradezu königlich abgehoben von allen anderen Wesen – kurz: als beseeltes Individuum.

Martin Walser schildert Johanns Wachsen und Werden in seinem neuen, unverkennbar autobiographisch bestimmten Roman „Ein springender Brunnen“.

Wie der Autor selbst, so ist jener Johann 1927 in Wasserburg/Bodensee geboren. Noch bevor der Junge in die Schule kommt, haben die Nazis die Macht an sich gerissen. In drei subtil durchkomponierten Kapitel-Schritten breitet Walser Szenen aus den Jahren 1933, 1938 und 1945 aus.

Hier haben wir einen großen Entwicklungsroman, einen mit prallen Lebensdingen und sinnlichem Dialekt gesättigten Dorfroman – und einen politischen Roman aus provinziellen Bezirken des „Dritten Reiches“.

Walser, der gleichsam zu den Ursprüngen seines Schreibens vordringt, läßt sich nie dazu hinreißen, seine Figuren zu denunzieren, aber er umreißt ihr Tun und Treiben sehr deutlich. Das ist ungleich triftiger, als wenn uns jemand ein wohlmeinendes Heldenepos vorgesetzt hätte. Derlei hätten wir nicht so sehr gebraucht, dies aber ist ein notwendiges Buch.

Streckenweise könnte man argwöhnen, Walser wolle uns ein ländliches Idyll ausmalen, mit Genre-Szenen aus dem Bilderbuch. Ein bißchen „Waldbauernbub“ wie von Rosegger, ein wenig „Lausbubengeschichten“ wie von Thoma? Gewiß nicht! Der Autor läßt zwar ahnen, was „Heimat“ im friedlichen Sinne bedeuten könnte, aber er zeigt, daß gerade in solche Sehnsüchte die Nazi-Ideologie einsickern konnte wie schleichendes Gift. Das trügerische Gefühl wohliger Nähe und des Aufgehobenseins im Dorfe wird immerzu gebrochen.

Als im allzeit verschuldeten Gasthof der Eltern die NS-Versammlungen jede andere Geselligkeit polternd verdrängt haben, erträumt sich der inzwischen zehnjährige Johann eine Gegenwelt im Zirkus, der gerade im Dorf gastiert. Er verguckt sich in die kleine Artistin Anita (eine wundervoll zarte Kinder-Liebesgeschichte!) und beginnt Gedichte zu schreiben. Doch dann wird der Clown, der sich in der Manege ein paar zeitkritische Witze erlaubt hat, von braunen Horden halbtot geprügelt.

Aus sprachlichen Differenzen erwächst dichterischer Drang

Dieselbe Verstörung erfaßt Johann, als ein jüdischer Mitschüler aus dem NS-Jungvolk“ ausgestoßen wird. Doch Johann leistet nicht, was denn auch wenig glaubhaft wäre, heroischen Widerstand, sondern hegt statt dessen seine Eigenheiten, um sich innerlich abzusetzen. Gleichzeitig tut er mit bei der Hitlerjugend, und kann es später kaum erwarten, an die Kriegsfront zu kommen. Gerade sein an sich edler Wunsch, sich hilfreich zu bewähren, macht ihn anfällig für Mißbrauch.

Walsers Roman handelt zuinnerst auch von den Bewegungskräften der Sprache. Schon früh hat Johann vom Vater gelernt, kostbare Ausdrücke zu sammeln und anschaulich „in den Wörterbaum“ zu stecken. Für sexuelle Nöte steht zwar in der katholisch-prüden Gegend kein taugliches Vokabular zur Verfügung, eigentlich nur ein onanistisches Stammeln.

Doch auf Dauer erweist sich, daß Johann eben doch ganz andere Wortfelder durchstreift als etwa sein Freund Adolf, Sohn der lokalen NS-Größe Brugger. Bei den Bruggers wird fordernd und kernig gesprochen, niemals sanft und klingend. Aus solchen Differenzen erwächst Johanns im Keim schon dichterischer Drang, landläufige Redensarten überhaupt abzuwehren und solche zu finden, die wahrhaft für ihn selbst gelten – endlich ein Quell des Eigensinns, der Widersetzlichkeit. Schlußsatz des Romans: „Die Sprache, dachte Johann, ist ein springender Brunnen“. Er möge weiterhin reichlich sprudeln.

Martin Walser: „Ein springender Brunnen“. Roman. Suhrkamp-Verlag. 413 Seiten, 49.80 DM.




Zerstörte Sehnsucht nach dem ruhigen Leben – „Amerikanisches Idyll“ von Philip Roth

Von Bernd Berke

Seymour Levov, Sohn jüdischer Einwanderer in New Jersey, wird wegen seiner blonden Haare von allen Leuten nur „der Schwede“ genannt. Er brilliert als Baseball- und Basketball-Crack, wird Ausbilder bei den US-Marines, übernimmt die Handschuh-Fabrik seines Vaters und heiratet eine Schönheitskönigin.

Ein fast schon zu idealtypisches amerikanisches Leben. US-Autor Philip Roth, seit Jahr und Tag für den Nobelpreis im Gespräch, beleuchtet das Phänomen dieses überangepaßten Menschen, der niemals unangenehm auffallen will, in seinem weit ausgreifenden Roman „Amerikanisches Idyll“.

Im Frühjahr hat Roth dafür den Pulitzerpreis bekommen. Schon jetzt liegt das Buch in der schnellen, aber keineswegs schludrigen Übersetzung von Werner Schmitz vor. Leicht kann dessen Aufgabe nicht gewesen sein. Denn der Autor nähert sich, nach einer anfänglichen Baseball-Studie, nicht ohne Umschweife dem eigentlichen Thema. Etwas umständlich wägt er z. B. die Frage, ob ein Roman überhaupt der Wahrheit eines Menschen wie Levov beikommen könne. Manch ein Satz windet sich in dieser Phase über viele, viele Zeilen.

Wenn man diese Barrieren überwunden hat, so wird man freilich mit einer faszinierenden Geschichte belohnt: Als habe er seine anfänglichen Bedenken abgestreift, beginnt Roth nun wirklich zu erzählen. Und wie!

Wenn er etwa die quälenden Gespräche des liberalen Levov mit seiner 10jährigen, sich zunehmend linksradikal gebärdenden Tochter Merry wiedergibt, hält man mitunter den Atem an. Hat man je eine dichtere Fallstudie des Generationenkonflikts im weltweit rebellischen Jahr 1968 gelesen? Merry ist es, die das sorgsam ausbalancierte Leben, das amerikanische Idyll ihres Vaters ins Chaos stüizt. Sie knüpft Kontakte zur Terrorgruppe „The Weathermen“ und zündet aus wahnwitzigem Protest gegen den Vietnamkrieg eine Bombe vor dem Dorfladen. Ein Zufalls-Passant stirbt. Merry taucht in den Untergrund ab, wo sie weitere Menschenleben auslöscht.

Wie fühlt sich der Vater einer Terroristin?

Es ist der fürchterliche Bruch in der bisher so erfolgreichen Assimilierungs-Geschichte der jüdischen Familie. Bisher allseits bewundert („Er ist unser Kennedy“), kann Seymour Levov an sich selbst nur noch als Vater einer Mörderin denken. Wie besessen verfolgt er die Lebensgeschichte seiner Tochter bis zu den frühesten Anfangen zurück und zermartert sich das Hirn: Was habe ich falsch gemacht? Und nun bröckelt Levovs ganzes, bisher so intaktes Weltbild dahin. Verlust des Urvertrauens in den American Way of Life, zumal in diesen Jahren der Watergate-Skandal auffliegt.

Rückblenden in die 40er und 50er Jahre beschwören „bessere Zeiten“ herauf: Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg, Blüte des stolzen Handschuh-Gewerbes. Passagenweise gerät der Roman fast zum Lehrbuch dieses Metiers, wie er denn überhaupt manchmal selig in Details schwelgt. Roth gelingt die Gratwanderung: Er weckt Verständnis für Levovs Sehnsucht nach dem normalen, unaufgeregten Leben – und zeigt doch die schreienden Widersprüche zum Elend der Welt.

In allen Nuancen schildert Roth, wie Eltern sich fühlen müssen, wenn ihr Kind als Terroristin gejagt wird. Der Roman zeichnet in oft grandioser Manier die Spuren geschichtlicher Wirren im Leben einzelner Menschen nach, und er reicht auch ins Existentielle. Roth läßt uns zweifeln, ob vor manchen Tatsachen nicht jede Phantasie kapitulieren muß. Und er wirft die Sinnfrage auf, ob das Leben überhaupt „planbar“ ist, oder ob nicht schon ein kleiner Zufall den Zerfall herbeiführen kann.

Philip Roth: „Amerikanisches Idyll“. Roman. Hanser Verlag, München. 463 Seiten. 45 DM.

 




Der Kommissar sehnt sich nach heiler Welt – Donna Leons neuer Krimi führt die Bestsellerliste an

Von Bernd Berke

Eine US-Amerikanern mit ausgesprochenem Faible für Italien steht an der Spitze der deutschen Bestsellerliste: Donna Leon mit „Sanft entschlafen“. Was ist dran an diesem Krimi?

Suor Immacolata ringt mit ihrem Gewissen. Die junge Frau, bis vor kurzem Nonne und immer noch gläubig, will kein falsches Zeugnis ablegen wider ihre Nächsten, aber dann wendet sie sich doch an Kommissar Brunetti: Ausgerechnet in jenem Altenheim des Ordens, in dem auch Brunettis Mutter betreut wird, haben sich rätselhafte Todesfälle gehäuft. Und es sieht so aus, als seien die Verstorbenen zuvor gedrängt worden, ihr Hab und Gut der Kirche zu vermachen. Wer weiß, wer weiß…

Brunetti ist eine eingeführte Figur, Donna Leon hat bereits fünf Romane über die Fälle des beleibten Ermittlers vorgelegt, die allesamt in Venedig spielen. Eigentlich dem Wohlleben zugeneigt, ist Brunetti doch von einem Gerechtigkeitssinn beseelt, der ihn aus müßigen Tagträumen oder kulinarischen Vergnügungen reißt. Vollends zornig wird er, wenn er an Augiasställe wie die korrupte Verwaltung oder das marode Gesundheitswesen Italiens denkt.

Im vorliegenden Falle kann er aber nur äußerst diskret ermitteln. Schon ein falscher Zungenschlag kann alles verderben. Denn zum einen ist alles zunächst nur vager Verdacht, zum anderen muß Brunetti hohe Kleriker und adlige Herrschaften mit Samthandschuhen anfassen. Bei den ersten Befragungen kommt denn auch kaum etwas heraus.

Ein Geheimbund, mit dem man sich nicht anlegen sollte

Der Kommissar ist drauf und dran, die Akten zu schließen. Hirngespinste einer Frau, die im Kloster etwas weltfremd und überängstlich geworden ist? Doch dann wird just diese Suor Immacolata, die jetzt wieder bürgerlich Maria Testa heißt, Opfer eines schweren „Unfalls“, und kurz darauf kommt ein Zeuge in seinem Badezimmer zu Tode. Das kann wohl kein Zufall sein. Tatsächlich führt die Fährte alsbald zu Fällen von Kindesmißbrauch und zu einer erzkonservativen Geheimorganisation katholischer Fundamentalisten, mit der man sich nicht ungestraft anlegt.

Als Leser begleitet man diesen Brunetti bei seinen Nachforschungen gern. Beruflich mit einer verderbten Welt konfrontiert, die ebenso faulig ist wie das Brackwasser in Venedigs Kanälen, hat dieser Kommissar selbst etwas liebenswert Anheimelndes, verkörpert er doch eine Ahnung davon, was heile Welt bedeuten könnte. Denn er ist Fixstern in einem Mikrokosmos gelingender menschlicher Beziehungen – ganz so, als sei die Utopie des richtigen Lebens nur einen Schritt entfernt.

Wenn nur die Spitzen der Gesellschaft nicht wären…

Mit seiner feministisch und sozialistisch angehauchten Frau Paola führt er auch nach vielen Jahren eine gute Ehe nach dem Leitsatz „Was sich liebt, das neckt sich“; seine Kinder Raffi und Chiara sind recht wohlgeraten, seine Sekretärin ist stets charmant und überaus klug, die übrigen Mitarbeiter enorm diensteifrig. Nur: Sobald es höher hinauf geht zu den Gipfeln der venezianischen Gesellschaft, weht ein eisiger Wind.

Ein Krimi in (unaufdringlich) linksliberaler Tradition also, geschrieben auf beachtlichem Niveau und bis in bizarre Nebenrollen hinein auf prägnante Charakterisierungen bedacht. Kleine Besessenheiten der Figuren werden ebenso ironisch abgehandelt wie tiefere Einsichten, etwa über die Habgier und die Vergänglichkeit irdischen Besitzes.

Bemerkenswert, daß ein solch ambitioniertes Buch Platz eins unserer Sellerliste erklimmt. Keine Nahrung für Kulturpessimisten: Wo sich Werke z. B. von Donna Leon, Javier Marias, Peter Hoeg oder Umberto Eco so gut verkaufen, dürfte es um die Lesekultur nicht gar so schlecht bestellt sein, oder?

Donna Leon: „Sanft entschlafen“. Kriminalroman. Diogenes-Verlag. 336 Seiten, 39 DM.




Im Vollrausch durch die Techno-Szene – Rainald Goetz‘ wildwüchsiger Frontbericht „Rave“

Von Bernd Berke

Worum geht s eigentlich im Kern bei den Raves, jenen Endlos-Parties zu gewitternder Techno-Musik? Hören wir den 44-jährigen Veteran Rainald Goetz, der sich offenbar immer noch tapfer auf der Szene rumtreibt: „Mädchen kennenlernen. Drogen nehmen. Musik hören.“ Kommt einem bekannt vor.

Goetz weiß natürlich genau, wovon er redet, denn: „Ich ging hin und tanzte mit. Das Gefühl war toll.“ Geht’s vielleicht präziser? Aber ja: Es war – so Goetz – „schon hart. Aber irgendwie eben auch geil“.

Ist das der zeitgemäße literarische Sound der späten 90er Jahre? Oder stammelt da einer, der ein nahezu religiöses Erweckungs-Erlebnis gehabt haben muß und dem nun versierte Plattenaufleger („DJs“) wie Sven Väth oder Westbam als göttliche Wesen erscheinen? Jedenfalls durfte sich Goetz den Party-Gurus bis ins Allerheiligste nähern. Er stand gleich neben den Plattentellern – und er ruft dem Leser unablässig zu: „Ich war dabei“.

Immer sind sie die „Chefs im Exzeß“

Auf 271 Seiten seines wildwüchsigen, offenbar weitgehend unlektorierten Brachial-Buches „Rave“ nimmt uns der gleichsam „in Zungen“ redende Prophet Goetz mit durch die Techno-Clubs der Republik. Und er zeigt’s allen ahnungslosen Spießern mal so richtig. Denn er und seine weitverstreuten Cliquen sind, wie er auf Seite 224 stolz vermeidet, allemal „Chefs im Exzeß“.

Daran würde man nach der Lektüre nie zu zweifeln wagen. Denn mal hängen die Leute verdammt cool in München ab, dann wieder tanzen sie in Berlin bis zum nächsten Morgen – und gehen auch danach noch lange nicht auf ihre Zimmer, es sei denn zum Pim… nun ja, zur Triebabfuhr halt.

Und weiter geht’s: Mal werfen sie haufenweise Drogen in Köln ein, dann wieder saufen sie wie die Stiere in Frankfurt. Oder sie kombinieren gleich alle Rauschmittel. Auch Ibiza wird zwischendurch heftig heimgesucht. Echt stark, Alter!

Er kennt so viele schrille Leute 

Es dürfte schwerfallen, ein anderes Buch zu finden, dessen Personal sich mit Trunk, diversen Kräutlein und Chemie permanent so zielstrebig um den Verstand bringt wie hier. Prädikat: Zugeknallter geht s nicht. Seltsam nur, daß sich Goetz dermaßen über die Szene-Journalisten aufregt, die den Techno-Trends hinterherhecheln. Er selbst tut ja im Grunde nichts anderes.

Doch der Autor, der den Lesern schon so knallharte Bücher wie ,Irre“, „Krieg“ und „Kontrolliert“ vorsetzte, kennt so viele schrille Leute, also das gibt s gar nicht. Oftmals referiert Goetz den Saum des Wahnsinns streifende Dialogfetzen mit zahllosen Szene-Bekanntschaften, die immer hübsch namentlich aufgelistet werden (wobei die Mädchen meist als reichlich dusselige, aber zur Ausschweifung bereitwillige „Mäuse“ auftreten). Da lernt man, wie überaus „krass“ und „kaputt“ (Goetz-Zitat) es am Techno-Standort Deutschland zugeht. Freilich gibt’s trotzdem nichts Besseres: „Aber noch absurder und kaputter als jede noch so schlimme Drogenkaputtheit war natürlich generelle Abstinenz.“

Sprache zerhacken und in Trance fallen

Und so gerät das Buch streckenweise zur unreflektierten Feier sprachloser Trance. Es ist schon eine spezielle Art von Literatur. Seit sich der mit Gespür für Aufsehen begabte Ex-Medizinstudent Rainald Goetz vor Jahr und Tag beim Ingeborg-Bachmann-Autorenwettbwerb mit einer Rasierklinge die Stirn aufschlitzte, gilt er als Enfant terrible des belletristischen Betriebes.

Vielleicht läßt sich sein neues Werk ins beinharte Genre der Frontberichte eingliedern: Ganz früher erzählten die ergrauten Veteranen vom Weltkrieg, dann waren die 68er-Rebellen mit dem Prahlen an der Reihe, und jetzt sind eben die Techno-Heroen dran.

Phasenweise gelingt es Goetz, seiner atemlos zerhackten Sprache einen treibenden Rhythmus mitzugeben, der dem Thema durchaus entspricht und einen gewissen Sog ausübt. Doch die selbstgefälligen Endlos-Wiederholungen des „Ich war dabei“ zerren gehörig an den Nerven.

Rainald Goetz: „Rave“. Suhrkamp-Verlag, 271 Seiten. 38 DM.




In Paris die neue Leichtigkeit des Seins erfahren – Richard Fords beachtliche Novelle „Abendländer“

Von Bernd Berke

Ein Amerikaner in Paris: Charley Matthews aus Ohio hat gerade seinen Erstlingsroman „Das Dilemma“ herausgebracht und will nun seinen französischen Verleger besuchen. Doch der hat über Weihnachten plötzlich keine Zeit mehr für den Gast und das fällige Besichtigungsprogramm.

Nun müssen Charley und seine Begleiterin Helen selbst sehen, wie sie in der Metropole zurechtkommen. Mit dieser gelinden Ernüchterung beginnt „Abendländer“, das neue Buch des US-Autors Richard Ford, der zumal durch seinen grandiosen Roman „Der Sportreporter“ bei uns bekannt wurde.

Krise in der Lebensmitte: Fords trauriger Held Charley hat eine gescheiterte Ehe hinter sich. Ob er seine jetzige Gefährtin Helen liebt oder sie eben nur gern hat und mit ihr schläft, ist zunehmend fraglich. Auch so ein Dilemma.

Charley spricht lediglich ein paar Brocken Französisch und fühlt sich deshalb in Paris noch mehr auf sich selbst zurückgeworfen, zumal sich die von Historie allseits übersättigten Franzosen, wie Charley findet, so ganz anders bewegen und anders reden als US-Bürger. Abendland ist nicht gleich Abendland. Mißtrauische Seitenblicke auf vorlaute amerikanische (und deutsche) Touristen bestärken ihn in diesem Gefühl.

Zugleich fällt ein Schatten der Vergänglichkeit auf die Tage in Paris: Da Helens Krebskrankheit wieder auszubrechen scheint und sie schon tagsüber erschöpft im Hotel schläft, läßt sich Charley allein durch die Stadt treiben wie durch einen Ozean.

Schon bald genießt er es, die fremde Sprache nicht zu verstehen, denn es entlastet ihn von der sonstigen Bedeutungsschwere der Worte und verfeinert das Gespür anderweitig. Der ehemalige Dozent will die Chance ergreifen, vom trockenen Buchwissen zu ungeahnter Lebendigkeit zu finden.

Fühlt er sich zunächst unbehaglich, wie an einem seelischen Nullpunkt, so freut er sich bald darauf, in der Millionenstadt nur ganz am Rande vorzukommen und alle Eindrücke möglichst pur auf sich wirken zu lassen. Bloß keine Festlegung. Mal sehen, was mit einem geschieht, wenn man niemanden kennt und „unsichtbar“ ist. Neue Leichtigkeit des Seins.

Da ist einer (längst nicht mehr touristisch) unterwegs; unterwegs zum eigenen Leben. Scheinbare Belanglosigkeiten gewinnen nun plastische Bedeutung. Selbst ein Spielzeugkauf für seine schmerzlich vermißte Tochter wird zum Akt der Selbstfindung.

Richard Fords angenehm unaufdringlich instrumentierte Erzählung läßt Seite für Seite spüren, was es heißen kann, sich auf eine neue Lebensphase einzulassen. Ende offen – wie im wirklichen Dasein.

Richard Ford: „Abendländer“. Novelle. Berlin Verlag. 154 Seiten. 29,80 DM.




Mozarts Handschrift und die verrätselte Welt – Gerhard Roths Roman „Der Plan“

Von Bernd Berke

Konrad Feldt, Bibliothekar in der Nationalbücherei von Wien, leidet an einer Berufskrankheit Er ist vernarrt in Schriftgut jeder Sorte. Der Lesesüchtige betrachtet die ganze Welt wie einen Text, den man erst entziffern muß.

Diesen Buchstaben-Mann schickt der österreichische Autor Gerhard Roth (Romanserie „Die Archive des Schweigens“) in seinem neuen Opus „Der Plan“ durch Japan, wo Feldt Vortrage über die Wiener Bibliothek halten soll. Aber das ist nur ein Vorwand. Nichts Kulturbeflissenes hat Feldt im Sinn. sondern Kriminelles.

Jedenfalls versteht Feldt in Nippon auf einmal nichts mehr. Andere Sprache, fremde Schrift, verworrener Sinn. Fortan muß er sich alle Bestandteile der Wirklichkeit nach Art von Rebus-Rätseln zusammenreimen. Sein Text der Welt ist völlig durcheinander geraten.

Das macht Feldts Vorhaben um so gefährlicher: In Wien hat er einen unschätzbar wertvollen Papierfetzen mitgehen lassen, den Ausriß aus einer Notenhandschrift Mozarts zum „Requiem“. Den will er in Japan für eine Million Dollar an den Antiquitätenhändler Dr. Hayashi versilbern. Wie der aussieht, weiß Feldt nicht. Wird der Unbekannte etwa Mittelsmänner vorschicken, wird er versuchen, Feldt das Manuskript zu rauben?

Große Namen fallen wir reife Früchte

Die telefonische Verabredung verschwiegener Treffpunkte führt zu einem bedrohlichen Verwirrspiel, zu einer nicht mehr planbaren „Schnitzeljagd“, bei der es um Leben und Tod geht. Überall in diesem Labyrinth könnten Gefahren lauern, niemandem – vielleicht nur den eigenen Instinkten – kann man trauen.

Feldt legt sich die japanischen Eigenheiten nach Mustern zurecht, die ihm zu Gebote stehen: Immer wieder fallen ihm zu den Situationen, in die er gerät, Vergleichsmodelle aus europäischer Literatur und Malerei ein, was sich bei Roth vielfach zum „name dropping“ auswächst: Dante, Celan, Rimbaud, Pessoa, Botticelli und Pasolini werden flugs in einem Atemzug genannt – die großen Namen fallen auch sonst wie reife Früchte.

Seltsames geschieht: Frau Sato, einheimische Begleiterin, die man Feldt auf der Reise zur Seite stellt, wird seine Geliebte, entzieht sich dann aber auf ätherische Weise, um wie aus dem Nichts wieder aufzutauchen. Der Antiquar wird erschossen, Feldt entgeht dem Anschlag mit knapper Not.

Ein durch riskante Forschungen versehrter Erdbeben-Experte tritt auf wie ein Todesbote. Und siehe da: In heftigen finalen Erdstößen zersplittert am Ende die Welt wie beim Jüngsten Gericht – und damit verblassen auch die Rätselbilder von ihr. In den Momenten der Katastrophe scheint die Wirklichkeit gräßlich greifbar, nicht mehr verstellt vom Trug und Trost der Worte. Die Stunde der wahren Empfindung.

Roth erntet in diesem Roman (gelegentlich etwas unausgereifte) Früchte einer eigenen Lesereise durch Japan. Er wird nicht müde, etwa die Sitten in japanischen Schwitzbädern zu schildern. Und er mixt die Genres: Mal liest sich das Buch wie ein Reiseführer, dann wie ein Thriller, ein Kultur-Feature oder die Vorlage zu einem Katastrophenfilm. Ein Puzzlespiel für geübte Leser.

Gerhard Roth: „Der Plan“. Roman. S. Fischer Verlag. 301 Seiten, 39,80 DM.




Mann aus kaltem Marmor – Ernst Jünger starb mit 102 Jahren in seiner schwäbischen Zuflucht Wilflingen

Von Bernd Berke

Als der Zweite Weltkrieg endete. war der Schriftsteller Ernst Jünger bereits 50 Jahre alt. Selbst 1914, als der Erste Weltkrieg begann, war er kein Kind mehr, sondern ein 19-Jähriger. Jünger, der gestern mit 102 Jahren starb, hat eine ungeheure Lebensspanne, hat nahezu unser gesamtes Jahrhundert durchmessen. Manche haben ihn allein deswegen in mythische Höhen entrücken wollen.

In jüngster Zeit etwa näherten sich Autoren wie Botho Strauß und Rolf Hochhuth dem Phänomen Ernst Jünger „auf den Knien ihres Herzens“, wie jenes herrlich windschiefe Kleistsche Sprachbild lautet.

Falls man auch nur ein wenig liberalen Geist bewahrt hat, darf man dies nicht vergessen: Der am 29. März 1895 in Heidelberg als Sohn eines Apothekers geborene Ernst Jünger hat den Zerfall der Weimarer Demokratie und noch das Heraufdämmern der NS-Diktatur pathetisch gefeiert.

Vision vom perfekten Körper des Soldaten

Den Jugendlichen zog’s fort zur Fremdenlegion. Vielleicht hat er sich Freiheit und Abenteuer erträumt. In den Ersten Weltkrieg stürzte er sich dann – wie so viele – mit schäumender Begeisterung. Vierzehn Verwundungen trug er davon.

1920 erschien sein literarischer Erstling „In Stahlgewittern“. Weit entfernt von Ernüchterung nach den furchtbaren Schlachten, pries Jünger die „stählernen“ Soldatenkörper und deren „Erlösung“ im allumfassenden Blutrausch. Liest man diesen Text gegen den Strich, so kann er freilich eine höchst wertvolle Lektüre zur Entschlüsselung des Jahrhunderts sein. Dann enthüllt das Buch nämlich sehr präzise die Triebkräfte jener „Männerphantasien“, wie sie Jahrzehnte später von Klaus Theweleit namhaft gemacht wurden.

Jünger selbst schritt – äußerlich kalt bis ans Herz – so gut wie unversehrt durch alle kommenden Katastrophen, nie wieder warf er sich an vorderste Fronten. Der erklärte Geistes-Aristokrat legte sich eine Attitüde der Unnahbarkeit zu. Er stand über allem.

Proletarier als kraftstrotzende Titanen

1932 erschien Jüngers Buch „Der Arbeiter“. Der Autor ließ sich damals zwar auch vom bolschewistischen Menschenbild inspirieren, doch in den Proletariern sah er beileibe keine ausgebeutete Klasse, sondern kraftstrotzende Titanen, die mit dem Rhythmus eiserner Maschinen verschmelzen. Ein ähnlich mitleidloser Männerbund wie das Militär. Für Frauen war in dieser grausigen Welt eigentlich kein Platz, auch nicht für Opfer der Gewaltsamkeit.

Die Nazis verachtete Jünger insgeheim als niedere Plebejer, nachdem er selbst ihren Un- : geist mit heraufbeschworen hatte. Im besetzten Paris residierte er als einer der deutschen Statthalter im Stab des dortigen Wehrmachts-Befehlshabers. Das Inferno der Eroberung hatte er auch schon mal bei einem guten Glas Wein als ästhetisches Schauspiel goutiert. Ein Herrenreiter, der auf Ordnung hielt, sich aber vom flammenden Chaos faszinieren ließ und gelegentlich mit Rauschmitteln experimentierte. Derlei Erfahrungen komprimierte er in dem 1970 erschienenen Band „Annäherungen. Drogen und Rausch“.

Daß ihn gerade französische Intellektuelle so verehren, hat vielleicht mit deren Hang zu erzdeutschen Gegenbildern gallischer Leichtigkeit zu tun: Wagner, Nietzsche, Heidegger, Jünger. Vier tiefe teutonische Abgründe, in die man jenseits des Rheins mit wohligem Schaudern blickt.

Politik im Zeichen der Biologie

Einzelne mag Jünger mit Anstand vor dem Tode gerettet haben, doch das schlimme Ganze hat er ohne Gegenwehr geschehen lassen, als beträfe es ihn gar nicht. Stets neigte er dazu, Politik und Geschichte unter biologischen Vorzeichen zu sehen, wie unabwendbare Naturereignisse. An all dem änderte auch sein Werk „Auf den Marmorklippen“ (1939) wenig, das als Schlüsselroman über Konflikte zwischen NS-Bonzen gedeutet werden konnte. Das vierjährige Publikationsverbot, das die Alliierten 1945 über ihn verhängten, kam jedenfalls nicht von ungefähr.

Oft hat man Jüngers Sprachstil über die Maßen bewundert. Doch neben jenen wie aus kaltem Marmor perfekt gemeißelten Passagen gibt es auch Blendwerk. Die Klarheit ist im Kern oft schiere Banalität. Nicht selten schrieb Jünger unerträglich gravitätisch, indem er noch die geringsten Dinge aus seinem Umkreis zu Ausformungen des Weltgeistes erklärte.

Seine seit 1980 erschienenen Alterstagebücher „Siebzig verweht“ (inzwischen fünf Teile) zeigen ihn mit seiner Insektensammlung, mit Ur-Mutter Erde und der Ewigkeit eisig allein, erhaben über alle Gegenwart. Zu solchen überzeitlichen Höhen zog es auch Staatsmänner wie Kanzler Kohl und Frankreichs verstorbenen Staatspräsidenten Mitterrand hinan, die Jünger gemeinsam im oberschwäbischen Wilflingen besuchten, wo der Autor seit 40 Jahren zurückgezogen lebte.




Stückeschreiber, Macho, Poet und manches mehr – Bertolt Brecht vor 100 Jahre geboren

Von Bernd Berke

Bertolt Brecht würde am 10. Februar 100 Jahre alt werden. Theater und Verlage würdigen das Gedenk-Ereignis mit zahllosen Neuinszenierungen und Büchern. Stehen wir damit vor einer Wiederentdeckung seiner Werke, oder wird die Fülle der Publikationen jene „Brecht-Müdigkeit“ noch verstärken, die sich in den letzten Jahren bei manchen breit gemacht hat?

Was fällt einem denn zu Bertolt Brecht noch ein? Soll man etwa abermals seine berühmten Theaterstücke („Dreigroschenoper“, „Mutter Courage“ „Galilei“ und all die anderen) herbeten? Soll man wieder einmal die Vitalität seines Frühwerkes („Trommeln in der Nacht“, „Baal“, „Hauspostille“) gegen die ausgefeilten Techniken und Formeln späterer Arbeiten ausspielen?

Soll man gar, wie rigorose Kritiker dies getan haben, behaupten, sein ach so „trockenes“ Lehr- und Verfremdungs-Theater habe sich längst überlebt? Es werde nur ein Teil der Gedichte im Gedächtnis bleiben, befinden diese Skeptiker. Damit würde die einst überlebensgroße Figur der politischen Dichtung plötzlich zu einem Liebeslyriker schrumpfen. Darf das denn wahr sein? Nun, zumindest steht fest, daß Brecht (auch) wundervolle Liebesverse verfaßt hat. Beispiel, gewiß entstanden nach einer schönen Liebesnacht:

„Als ich nachher von dir ging / An dem großen Heute / Sah ich, als ich sehn anfing / Lauter lustige Leute. – Und seit jener Abendstund / Weißt schon, die ich meine / Hab ich einen, schönern Mund / Und geschicktere Beine. – Grüner ist, seit ich so fühl / Baum und Strauch und Wiese / Und das Wasser schöner kühl / Wenn ich s auf mich gieße.“

Laxheit in Fragen geistigen Eigentums

Mag sein, daß Brecht diese tänzelnden Zeilen geschrieben hat, während eine seiner häufig wechselnden Frauen für ihn schuftete; während sie seine Texte ins Reine tippte oder Ideen für ihn ausbrütete, die er hernach „nur“ noch zu formen brauchte – bevor er wieder mit ihr zu Bette ging. Möglich, daß manch ein Einfall in seinem Werk gar nicht von ihm stammt, sondern von der oder jener ausgenutzten „Muse“ – von Elisabeth Hauptmann etwa oder Margarete Steffin.

Brecht, genialer Verwerter traditioneller Vorlagen bis hin zur Bibel, hat derlei Fälle schon mal ganz cool mit dem Eingeständnis seiner „Laxheit in Fragen geistigen Eigentums“ beiseite gewischt. Der Kerl mit der Lederjacke war nicht nur als Analytiker, sondern auch als Praktiker ein Kenner der Ausbeutung. Er war ein Macho. Aber davon gab es unzählige – nicht nur in der Literatur. Wenn deren Worte allesamt „erledigt“ wären, so stünde es schlecht.

Natürlich kann sich die Beschäftigung mit einer Jahrhundert-Figur wie Brecht nicht darin erschöpfen. Sie kann nicht den Gegner Hitlers und den politischen Emigranten ignorieren, der sich („öfter als die Schuhe die Länder wechselnd“) über halb Europa bis in die USA durchschlug und listig ein Verhör des Ausschusses für „unamerikanische Umtriebe“ überstand. Man darf ohnehin den stilbildenden Theatermann nicht außer acht lassen. Und man kann seine internationale Wirkung gar nicht übersehen. Welcher andere deutsche Stückeschreiber wird denn weltweit nachgespielt?

Jede Generation erlebte ihn anders

Mit Bert Brecht hat jede Nachkriegs-Generation eigene Erfahrungen gesammelt bzw. zunächst versäumt. Wer nämlich bis in die frühen 60erJahre hinein, zu Zeiten der Adenauer-Republik, in Westdeutschland Pennäler war, kannte ihn vielleicht nur als böses Gerücht. Als ostzonalen Kommunisten eben, der sich – man wußte nicht so recht, wie – mit dem SED-Regime gemein gemacht haben soll. Auf unseren Bühnen und in den Schulen kam er damals nur in Einzelfällen vor. Man ließ dort lieber Idylliker wie Carossa und Bergengruen lesen…

Im Laufe der 60er änderte sich das gewaltig. Besonders im Vor- und Umfeld der Revolte von 1968 gehörte Brecht, als einer der wenigen Schriftsteller überhaupt, zum Pflichtprogramm. Obwohl man damals den „Tod der Literatur“ ausrief: Seine bunten Bände aus der Edition Suhrkamp standen neben denen von Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und Karl Marx. Und wie gut paßten einem, wenn man damals jung gewesen ist, etwa die sinnreichen „Geschichten vom Herrn Keuner“ ins Lebenskonzept: Jemand, der diesen „Herrn K.“ nach vielen Jahren wiedersieht, sagt ihm ins Gesicht, K. habe sich aber gar nicht verändert. Was anderen als Lob gilt, läßt diesen K. nur erbleichen. Ja, diese Verlegenheit hat man verstanden. Verändern wollte man sich und alles. Möglichst täglich.

Um die Mitte der 70er Jahre stellte sich die seither vielbeschworene „Brecht-Müdigkeit“ ein. 1978 glaubte Hellmuth Karasek feststellen zu müssen, Brecht sei „mausetot“. Im Zeichen einer „Neuen Subjektivität“ wurden linke Autoren wie Franz Xaver Kroetz abgewertet, während ein subtiler Einzelfall-Beobachter wie Botho Strauß plötzlich höchste Weihen genoß. Parallel dazu ließ man Brecht links liegen und holte Rilke wieder hervor.

Man kann wohl den Rückschluß wagen: Wer immer wieder so gründlich „umgewertet“ worden ist wie Brecht, dessen Werk muß eben genügend Wert und Substanz besitzen, um verschiedenste (Miß)-Deutungen zuzulassen.

Andererseits könnte man argwöhnen, man habe mittlerweile jeden denkbaren Aspekt in Brechts Oeuvre diskutiert, so daß man die Gesamtausgabe gleich in die Regale mit der vermeintlich folgenlosen Klassik stellen kann.

In diesem Gedenkjahr wird es aber dermaßen viele Neuinszenierungen seiner Stücke geben, daß Akzent-Verschiebungen nicht ganz auszuschließen sind. Wer weiß. Vielleicht entdecken wir hier und da doch noch einen „anderen“ Brecht! Und vielleicht kommt man ja eines Tages doch noch auf den Satz zurück, den sich der Mann mit der Zigarre einst als Grabinschrift gewünscht hat: „Er hat Vorschläge gemachte Wir / Haben sie angenommen“.

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Brecht-Zitate: „Erst kommt das Fressen…“

Was ist schon der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?

Der Radwechsel

Ich sitze am Straßenrand
Der Fahrer wechselt das Rad
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
Mit Ungeduld?

Dauerten wir unendlich
So wandelte sich alles
Da wir aber endlich sind
Bleibt vieles beim alten.

Alle Künste tragen bei zur größten aller Künste, der Lebenskunst.

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

Wenn die Irrtümer verbraucht sind / Sitzt als letzter Gesellschafter / Uns das Nichts gegenüber.

Wenn Deutschland einmal vereint sein wird – jeder weiß, das wird kommen, niemand weiß wann – wird es nicht sein durch Krieg.

Der junge Alexander eroberte Indien. / Er allein? / Cäsar
schlug die Gallier. / Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?

Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist /
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt1

Ja, mach nur einen Plan
Sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch nen zweiten Plan
Gehn tun sie beide nicht.
Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlecht genug.
Doch sein höh’res Streben
Ist ein schöner Zug.




Ein Roman wie eine träge Umwälzpumpe – „Morgen in der Schlacht denk an mich“ von Javier Marias

Von Bernd Berke

Jetzt ahnen wir, warum Borussia Dortmund 1997 gegen Juventus Turin das Finale der Champions League gewinnen konnte. Der spanische Autor Javier Marias („Mein Herz so weiß“) hat es 1994 vorausgesehen, als er seinen jetzt bei uns erschienenen Roman „Morgen in der Schlacht denk an mich“ schrieb: Juventus ist nachhaltig geschwächt, weil in Turin der Satanskult überhand genommen hat.

Der Ich-Erzähler des Romans, der über Hunderte von Seiten geisterhaft anonym bleibt und sich uns schließlich mit dem Namen Victor vorstellt, entnimmt den Befund einer italienischen Zeitung.

Diesem Victor ist nichts Satanisches, aber doch Gespenstisches widerfahren: Er hat Marta, deren Gatte gerade geschäftlich in London war, daheim besucht, mit ihr gespeist und sich schon auf den erotischen „Nachtisch“ gefreut. Doch da fühlt sich Marta plötzlich schlecht und immer schlechter. Sie stirbt schließlich in seinen Armen. Ein unerklärlicher, fast schon lachhaft absurder Tod. Martas zweijähriger Sohn bleibt allein im Kinderbettchen zurück. Als der Erzähler die Wohnung verläßt, nimmt er die Kassette mit rätselhaften Stimmen von Martas Anrufbeantworter mit und es sind 80 Romanseiten vorüber.

Bereits „Mein Herz so weiß“ begann ja mit einem solch mysteriösen Todesfall. Auch hat der anglophile Marias, 1997 Nelly-Sachs-Preisträger in Dortmund, erneut seinen Romantitel bei Shakespeare entliehen. Und wiederum bildet die gängige Marotte, halb angefangene Spielfilme im Fernsehen möglichst ohne Ton laufen zu lassen und irritiert dem verlorenen Zusammenhang nachzusinnen, einen Schwer- und Ankerpunkt der meist unendlich langsam sich fortwälzenden Erzählbewegung.

Charaktere sind nur Bausteine in einem Rede-System

Es gibt etliche weitere Parallelen zum vormaligen Bestseller. Hat Marias also sein Themenspektrum gefunden und gefestigt, oder soll man sagen: Er hat sich darin verfangen und verstrickt?

Mit Martas Tod beginnt eine Art Spuk, der Erzähler selbst kommt sich namenlos unwirklich vor. Auch andere Menschen erscheinen ihm wie verwunschen: Ob eine Straßenhure In Madrid identisch mit seiner Ex-Ehefrau ist, dessen ist Victor nicht einmal gewiß, als sie für Geld mit ihm schläft. Kurzum: Er fühlt sich wie auf der „Rückseite der Zeit“. Und er wird niemals müde festzustellen, daß ohnehin alles menschliche Sein so flüchtig wie geringfügig sei und der allfälligen Auflösung entgegenstrebe. Kaum variiert, werden derlei Denkfiguren immer wieder umständlich aufgegriffen und seitenweise nahezu wortgleich wiederholt. So kommt es, daß der Erzählstrom häufig stockt und quälend gestaut wird.

Auf verschlungenen Wegen lernt Victor, gleichsam ein Spion im Haus des Todes, nach und nach Martas Angehörige kennen – ihre Schwester Luisa, ihren Vater, den alten Tellez, am Ende ihren Ehemann Dean, der auf den allerletzten Seiten noch eine Enthüllung nachliefert.

Doch nur tapfere Leser werden sich dahin durchkämpfen. Die Figuren werden kaum zu Charakteren, sondern nur zu Bausteinen eines Rede-Systems. Sie alle äußern sich letztlich im gleichen Stil und greifen immer wieder exakt jene „philosophischen“ Stichworte auf, die der Erzähler längst vorgegeben hat. Kreuz- und Querbezüge werden eher künstlich herbeigeredet als kunstvoll geknüpft. Selbst der spanische König, dem auch ein Kapitel-Auftritt vergönnt ist, findet nicht aus diesem geschlossenen Kreislauf einer zum Fatalismus neigenden Melancholie heraus. Dieser Roman tuckert wie eine trage Umwälzpumpe vor sich hin: Alle bekräftigen immer wieder dasselbe…

Javier Marias: „Morgen in der Schlacht denk an mich“. Roman. Klett-Cotta, 428 Seiten. 44DM.




Wer den Schattenbereich des Daseins erkundet – Javier Marías nahm in Dortmund den Nelly-Sachs-Preis entgegen

Von Bernd Berke

Dortmund. Bescheidenheit ist eine Zier: Javier Marías (46) gab dafür ein Beispiel, als er gestern den Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund entgegennahm. Ein wenig „peinlich“ sei ihm die hohe Auszeichnung, sagte der spanische Autor der versammelten Presse. Denn vor ihm hätten doch wichtigere Schriftsteller diesen Preis bekommen.

Bereits in seiner Dankesrede hatte der Autor des Bestsellers „Mein Herz so weiß“ einen ähnlich tiefen Ton angestimmt. Angesichts der bisherigen Träger des seit 1961 verliehenen Preises fühle er sich nur „wie eine Fußnote am Seitenende“. Das mochte ihm das Publikum denn doch nicht durchgehen lassen. Ein allgemeines „Ooooh“ schallte durch den Saal. Sollte gewiß heißen: Nun aber halblang…

Desto optimistischer preschte Dortmunds Oberbürgermeister Günter Samtlebe vor. Er schloß seine Ansprache mit der unschwer zu entschlüsselnden Anspielung, man hoffe, auch künftig von Marias zu hören – „etwa aus einem skandinavischen Land“.

Nun, der Lorbeer des Literaturnobelpreises mag für Marías einstweilen noch etwas zu hoch hängen, doch die Lobrednerin Sigrid Löffler („Das literarische Quartett“) sprach wohl allen Anwesenden aus dem Herzen, als sie befand: „Einen unwahrscheinlicheren Bestsellerautor hat es lange nicht gegeben.“ Denn Javier Marías stelle ja keine geringen Ansprüche an die Leser, seine Bücher „können nicht einfach weggelesen werden. Ihre Substanz behauptet sich und widersteht dem Verbrauch.“

Tatsächlich ist es ein bemerkenswertes Zusammentreffen, daß man für die weithin renommierte Dortmunder Auszeichnung einen Mann gefunden hat, der hohe literarische Güte inzwischen mit kommerziellem Erfolg verbindet. Ein Umstand, der sicherlich auch für die Kultur des Lesens hoffen läßt.

Der Preisträger selbst, der zum allgemeinen Erstaunen bekannte, noch niemals einen Computer bedient zu haben, widersprach allen Schwarzsehern, die behaupten, der Roman als Kunstform sei tot. „Ich glaube nicht, daß die Welt darauf verzichten kann… Es gibt viele Dinge, die wir nur wissen, weil die Literatur sie uns gezeigt hat.“ Diese sei lebenswichtig, „wenn wir nicht zu Primitiven werden wollen, vollgestopft mit praktischem Wissen.“ Die Künste allein könnten vordringen in jenen diffusen „Schattenbereich“ des menschlichen Daseins, der dringend erkundet werden müsse.

Die Feierstunde in der vollbesetzten Bürgerhalle des Dortmunder Rathauses besaß – vom Niveau der Reden bis zur dezenten Kammermusik – jene Würde, die man von einer solchen international beachteten Veranstaltung erwartet. Werbung also für eine Stadt, die auf der literarischen Weltkarte sonst keinen zentralen Platz einnimmt.




Als die Rebellion noch ganz frisch war – Gespräch mit dem Autor F. C. Delius über seinen neuen Roman zur Studentenrevolte

Von Bernd Berke

Die Werkliste des Friedrich Christian Delius (54) ist lang. Das Spektrum reicht von herzhaften Attacken auf Konzerne („Unsere Siemens-Welt“, 1972) bis zum Romanzyklus über den „Deutschen Herbst“ des Jahres 1977. In „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ (1994) schilderte Delius die Gefühle eines kleinen Jungen zur Zeit der Fußball-WM 1954. Sein neuer Roman „Amerikahaus und der Tanz um die Frauen“ (Rowohlt-Verlag) spielt 1966, im Vorfeld der 68er Studenten-Rebellion. Ein Gespräch mit F. C. Delius auf der Frankfurter Buchmesse:

Warum die Revolte der 60er Jahre als Romanthema? Aus Nostalgie?

F. C. Delius: Ich bin im Grunde kein „68er“, sondern ein „66er“. 1966 fing die enorme geistige und kulturelle Bewegung an und erweiterte sich dann aufs Gebiet der Politik. Demonstrationen hatten noch einen ganz schlichten moralischen Impuls. Und eine dieser allerersten Demonstrationen – im Februar 1966 vor dem Amerikahaus in Berlin – versuche ich zu beschreiben. 1968 gab es bereits eine Verengung. Da waren viele schon überzeugt bis zur Selbstüberschätzung und sprachen von Revolution. Der Aufbruch ist eine Sache von 1966. Das war noch frei von Dogmatismus und Ideologie, es war die Erweiterung des Horizonts. Der erste Blick nach Vietnam…

Ihre Trilogie zum „Deutschen Herbst“ und das „Weltmeister“-Buch liegen vor. Jetzt also 1966. Haben Sie eine komplette Roman-Chronik der Republik im Sinn?

Delius: Den Ehrgeiz habe ich nicht. All diese Bücher haben sich aus ganz persönlichen Fragestellungen entwickelt. Mit den Romanen zum „Deutschen Herbst“ wollte ich meine Lähmung und meine Hilflosigkeit erkunden. Das „Weltmeister“-Buch hat mit meiner Kindheit zu tun.

Sie verknüpfen in Ihrem neuen Roman die politischen Vorgänge mit den sexuellen Problemen Ihrer Hauptfigur. Dieser Martin ist überaus schüchtern und kommt nicht recht an die Mädchen heran.

Delius: Es geht mir nicht nur in politischer Hinsicht um das Öffnen des Blicks, das Öffnender Person. Ich finde, daß immer ein Zusammenhang besteht zwischen dem Sexualleben und den politischen Gefühlen und Gedanken.

Im „Literarischen Quartett“ ist das Buch vor ein paar Tagen recht gut weggekommen. Aber die „Frankfurter Allgemeine“ hat Ihnen vorgehalten, Sie hätten „Ich war dabei“-Literatur geschrieben.

Delius: Das finde ich eher amüsant. Meine Figur ist ja gerade kein Held, sondern ein relativ schwacher Mensch mit einigen Macken. Er entspricht nicht dem Klischee, das sich von den 68ern gebildet hat. Damals waren viele arme Würstchen dabei, die trotzdem was bewegt haben und was Richtiges gedacht haben.

Für wen haben Sie das Buch in erster Linie geschrieben: Für die Apo-Generation, oder eher für jüngere Leute?

Delius: Ich denke beim Schreiben zunächst mal nicht ans Publikum. Ich muß erst gucken, daß das, was ich mir vorgenommen habe, auf die Reihe kommt. Erst dann kann es auf andere wirken. Aber gerade jüngere Leute finden das Buch glaubwürdig, weil ich nicht das Heldenepos eines fertigen Jung-Revoluzzers geschrieben habe, sondern von einem erzähle, der skeptisch beobachtet, der Angst hat und Scham kennt.

Was sagen Sie zu den landläufigen Vorwürfen, die deutsche Gegenwartsliteratur sei nicht welthaltig genug?

Delius: Das ewige Gejammer ist dumm. Die deutsche Literatur ist stärker, als man allgemein denkt.




Von „Pooh’s Corner“ bis zur „Lindenstraße“ – Gespräch mit dem Autor und Übersetzer Harry Rowohlt

Von Bernd Berke

Mit seiner Nonsens-Kolumne „Pooh’s Corner“ in der „Zeit“ hat sich Harry Rowohlt (52) eine treue Fangemeinde erschrieben. Die Beiträge liegen in zwei Büchern gesammelt vor (beide im Haffmans-Verlag). Doch der Sohn des berühmten Verlagsgründers Ernst Rowohlt gilt auch als einer der besten Übersetzer aus dem Englischen. Er war es, der Frank McCourts Bestseller „Die Asche meiner Mutter“ ins Deutsche übertrug. Druckfrisch liegen Padgett Powells „Edisto“-Romane (Berlin-Verlag) vor. Ein Gespräch mit Harry Rowohlt auf der Frankfurter Buchmesse:

Herr Rowohlt, den McCourt-Roman haben die meisten Leser geradezu verschlungen. Was machen Sie besser als andere Übersetzer?

Harry Rowohlt: Tja, ich weiß nicht. Eine gute Voraussetzung ist, daß Autor und Übersetzer wesensverwandt sind. Frank McCourt hab ich mal in New York angerufen, dort war es Vormittags elf Uhr. Und da war er, sehr zu meinem Entzücken, bereits besoffen. Man kann also von einer gewissen Wesensverwandtschaft ausgehen.

Haben Ihnen alle Bücher gefallen, die Sie übersetzt haben?

Rowohlt: Nein. Die ersten 40 waren ziemlicher Mist. Ich bin noch nicht lange in der Lage, mir die Sachen auszusuchen. Ich war mit dem Nachteil des Namens Rowohlt behaftet. Hätte ich früher etwas abgelehnt, hätte es gleich geheißen: Ja, das ist eben der Rowohlt, dieser arrogante Arsch. Vorteile hatte ich von dem Namen nicht. Ich war früher ziemlich arm, aber manche dachten, ich sei Millionenerbe. Von wegen!

Was bringt Ihnen die Frankfurter Buchmesse? Viele neue Aufträge?

Rowohlt: Bei dieser Messe habe ich zwei selbstgeschriebene Bücher, vier Übersetzungen und vier Tonträger mit Lesungen aus A. A. Milnes „Puh, der Bär“ und aus Texten von Flann O’Brien. Wenn also jemand ein Recht hat, sich auf der Messe rumzutreiben, dann doch wohl ich.

Wenn man Ihre Kolumne „Pooh’s Çorner“ liest, könnte man glauben, sie nähmen nichts auf der Welt ernst.

Rowohlt: Naja, wenn man in einem so hehren Umfeld wie der „Zeit“ seinen normalen Quatsch abdröselt, kann es passieren, daß man als etwas unernst verkannt wird. Im übrigen kenne ich keinen Schreibzwang. Ich muß nicht schreiben.

Also ist kein eigener Roman in Arbeit?

Rowohlt: Schon deshalb nicht, weil mein Kollege Eckhart Henscheid mir gedroht hat, wenn ich mit Romanen anfange, bricht er mir den rechten Arm. Und Robert Gerhardt hat den Unterschied zwischen „Ernstlern“ und „Spaßlern“ mal sehr klar gemacht: Die Ernsten brauchen in Deutschland viel weniger zu können als die, die über eine gewisse Leichtfertigkeit verfügen. Die Ernsten kriegen auch sehr viel mehr Geld. Sarah Kirsch liest 40 Minuten und kriegt 4000 Mark. Das krieg ich nicht, dabei les‘ ich viel länger als sie.

Besteht ihr Publikum eher aus jüngeren Leuten?

Rowohlt: Inzwischen ja. Es fing an mit diesen „Pinker-Elsen“, die immer zu Dichterlesungen gehen, aber die habe ich hoffentlich für alle Zeiten vergrault.

Allein schon durch Ihr äußeres Erscheinungsbild?

Rowohlt: Tja. Man tut halt, was man kann.

Stimmt es, daß Sie mal zu Ihren eigenen Lesungen nicht reingelassen wurden?

Rowohlt: Ja, früher mehrfach. Da hieß es: Nee, Sie kommen hier nicht rein, wir haben heute Abend eine Dichterlesung…

Damit wären wir bei Ihren Auftritten als „Penner“ in der „Lindenstraße“.

Rowohlt: Drei neue Folgen mit mir werden demnächst gesendet. Die Rolle habe ich mir übrigens selbst geschrieben. Einen Filialleiter wollte ich halt nicht spielen.




Die Druckware trotzt den Silberscheiben – Skeptische Töne zum Auftakt der 49. Frankfurter Buchmesse

Von Bernd Berke

Frankfurt. Probleme an allen Fronten des Buchmarktes: Die Umsätze wachsen bei weitem nicht mehr so üppig wie vor Jahresfrist. Die Europäische Kommission droht die für kleinere Verlage lebenswichtige Buchpreisbindung aufzuheben und damit den Lesestoff so zu behandeln wie jede beliebige andere Ware. Zudem bereiten das Hin und Her um die Rechtschreibreform sowie die immer schmalbrüstigeren Ankaufsetats öffentlicher Bibiliotheken Kopfzerbrechen – und das „Gespenst der Globalisierung“ erhebt gleichfalls sein schauriges Haupt.

Skeptische, ja stellenweise furchtsame Töne bestimmten gestern die Pressekonferenz zum Auftakt der 49. Frankfurter Buchmesse. Selbst das Geschäft mit elektronischen Publikationen, seit 1993 in die weltgrößte Bücherschau integriert, entwickelt sich nur im Kriechgang. Hatten Experten Anfang der 90er Jahre für die Jetztzeit einen satten Marktanteil von rund 20 Prozent vorhergesagt, so sind es nun tatsachlich gerade mal zwei bis drei Prozent.

Auch solche ernüchternden Zahlen lassen sich – mit etwas rhetorischem Geschick –freilich rasch ins Positive wenden. Gerhard Kurtze, Vorsteher beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, gestern in Frankfurt: „Das Buch hat sich als erstaunlich vital erwiesen“, sprich: Die gute alte Druckware hat dem Angriff der Silberscheiben (CD-Roms) und der virtuellen Text-Attacke aus dem Internet tapfer getrotzt.

Immerhin: Im deutschen Buchhandel ging’s zuletzt noch sanft aufwärts (1,7 Prozent Umsatzplus), aber die Konjunkturflaute wird nun (mit Verzögerung im Vergleich zu anderen Branchen) auch hier spürbar. Im Vorjahreszeitraum konnte man nämlich noch mit vier Prozent Steigerung prunken.

Appelle für den Erhalt der Preisbindung

In anderen Ländern sieht es sehr uneinheitlich aus: Die USA erleben beispielsweise einen Boom beim Bücherverkauf, in Frankreich und Italien weisen die Kurven hingegen nach unten. Der Buchmesse selbst geht’s unterdessen prima. Sie kann – fast schon Routine – abermals anschwellende Größe vermelden. Genau 9587 Aussteller sind diesmal in Frankfurt dabei – etwa 300 mehr als im letzten Jahr. Die stolze Steigerung hat man besonders osteuropäischen Verlagen zu verdanken. Dort scheint das zarte Pflänzchen des Buchgeschäfts allmählich wieder zu gedeihen. Daß die weltweit erzeugte, am Main präsentierte Titel-Produktion von rund 311 000 auf etwa 306 000 abgeschmolzen ist, läßt sich wohl verschmerzen.

Geradezu händeringend sind die Appelle an die EG-Kommission in Brüssel, die bewährte Buchpreisbindung doch um Himmels Willen beizubehalten. Andernfalls könnten wenige große Handelsketten mit knallhart kalkulierter -Billigware den ganzen Rahm abschöpfen, was wohl den Tod zahlreicher kleiner und mittlerer Verlage nach sich ziehen dürfte. Angesichts solcher Befürchtungen traf es sich gut, daß EG-Kommissionspräsident Jacques Santer gestern abend zur Messeeröffnung erschien. Man wird ihm einiges über den Segen der festgelegten Ladenpreise zugeflüstert haben.

Portugal ist der Schwerpunkt

Messedirektor Peter Weidhaas konnte auf erste Auswirkungen des diesjährigen Messeschwerpunkts Portugal verweisen: Insgesamt lägen in Deutschland nur 105 portugiesische Buchtitel übersetzt vor. Davon aber seien allein 40 in diesem Jahr herausgekommen, vermutlich aufgrund des Frankfurter Impulses. Mit rund 300 großen und kleinen Portugal-Veranstaltungen, die bis tief in die deutschen Regionen reichen, setzt man zudem auf Breitenwirkung. Hoffentlich kein Strohfeuer.

Weidhaas, der das Buch ein „Überlebensmittel“ und unabdingbar für „Zukunftsfähigkeit“ nannte, ermunterte dazu, nicht nur dem Hauptstrom der Messe zu folgen, sondern ruhig auch mal Unscheinbares und Kurioses aufzusuchen. Kein schlechter Vorschlag.

49. Frankfurter Buchmesse. Bis 20. Oktober (nur Samstag/Sonntag fürs breite Publikum, ansonsten für Fachbesucher). Tageskarte 10 DM, für Fachbesucher 25 DM.