Zum Schluß bleibt noch die Altersmilde – Robert Gernhardts „Lichte Gedichte“

Von Bernd Berke

„Ist der Mensch nicht mehr im Bilde, / bleibt ihm noch die Altersmilde.“ Klingt fast nach Wilhelm Busch, ist aber von Robert Gernhardt.

Der Dichter (Jahrgang 1937), in den 60er Jahren Mitbegründer der „Neuen Frankfurter Schule“ subtil-parodistischen Humors, gilt längst als einer der wichtigen deutschen Schriftsteller dieser Zeit. In seinem neuen Lyrikband geht es denn auch um die allzeit großen Themen der Literatur – Liebe, Tod und Vergänglichkeit. Gernhardts nach wie vor sprungbereiter Witz hat eine tiefere Grundierung erhalten als ehedem.

Acht Kapitel hat das Buch. Es beginnt mit Lust- und Liebesdingen sowie elegischen Bemerkungen zur (schwindenden) Natur. Kunstsinnige Betrachtungen, Reise-und Alltags-Impressionen schließen sich an. Auch sportliche Momente eines Boris Becker, die erhabene Häßlichkeit eines Recklinghäuser Hotels oder das montägliche Unbehagen im fast menschenleeren Möbelhaus werden besungen.

Die Schlußteile („endlich“, „herzlich“) aber handeln vom nahenden Alter und vom Tode: „Das Leben ist ein Fenster / in dem du kurz erscheinst.“ Unmittelbarer Anlaß war eine Bypass-Operation, der sich Gernhardt unterziehen mußte. Aus dem lyrischen Tagebuch des Krankenhaus-Aufenthaltes: „So nach und nach bleiben / ich und mein Körper / allein.“

Hier bereitet der Reim keine Pein

Robert Gernhardt orientiert sich an alten Traditionen der Gattung. Er zählt zu den ganz wenigen Gegenwartsautoren, deren Gedichte sich reimen und sich dennoch nicht verstaubt anhören. Im virtuosen Spiel mit Sprachebenen läßt Gernhardt etwa den hohen Ton in kalkulierte Kalauer abstürzen und somit anders nachhallen: menschlicher, herzensnäher. So gewinnt er der Überlieferung unverhoffte Töne ab. Und man merkt, daß dieser Autor auch Maler ist, so fein unterscheidet er Farben und Licht in ihren Nuancen.

Das „Klinik-Lied“ geht so: „So lieg ich hier / und denke mir / mein Teil zu manchen Dingen: / Nicht alles muß gelingen / Du mußt’s nicht immer bringen. / Du mußt nicht immer siegen. / Nur laß dir eins beibiegen: / Beim Aufdernaseliegen / gib bitte nicht den Heitern – / versag nicht auch beim Scheitern.“ Ein sprachliches Kleinod, in seiner bewußt hergestellten Holprigkeit auch rhythmisch durchdacht. Es schöpft aus dem Verzagen eine weise Gelassenheit.

Resignation schleicht sich nicht nur in den persönlichen Bereich. Auch der Zustand der Welt ist beklagenswert: „Kaum atmest du wegen der Eichen auf / da gehn schon die ersten Kastanien drauf / Natur.. . / Kaum erholt sich dein Land von der Trockenheit / da macht sich bereits wieder Hochwasser breit / Natur“.

…doch nichts im Portemonnaie

Und der Kulturbetrieb? Hurtig wechselnde Moden, Dichternamen als schnellverderbliche Handels-Ware: „Eine Zeitlang war Peter Handke das Thema / Dann war auf einmal Durs Grünbein das Thema / Im Grunde war keiner der beiden das Thema / Das Thema war immer: Erfolg.“ Selbst der wird oft schäbig vergütet. Gernhardt entwirft den Beschwerdebrief des verschuldeten Picasso an den Kunsthändler Kahnweiler: „Erst hab ich blau in blau gemalt / Sie haben äußerst mau gezahlt. / Dann hab ich s mit Rosé versucht / doch nichts im Portemonnaie verbucht. / Nun wären also Kuben dran – / Sie schaffen nicht mal Tuben ran…“

Zum Menschentrost gibt es gottlob die Dinge, die keinen Überdruß dulden. Beispiels^ weise das – freilich auch schmerzliche – Liebes-Begehren („Freundinnen im Speisewagen“) oder die schöne Dauer des Beisammenseins: „Schneiden und Scheiden“ zeigt das stets bedrohte, aber unbedingt bewahrenswerte Idyll eines Paares beim gemeinsamen Pflaumenschneiden:
„Man kann beim Entkernen Gefühle erleben, / die schlichtweg erheben. / Zum Beispiel das, nicht allein zu sein / Dann das Gefühl, zu zwein zu sein. / Sowie die Gewißheit: Was immer ihr tut – es wird gut…“ Da vernimmt man eine fast volksliedhafte Einfachheit (nicht Naivität!), die schlichtweg berührt.

Robert Gernhardt: „Lichte Gedichte“. Haffmans Verlag. 263 Seiten. 36 DM.




Ein Mann sucht seine Frauenformel – Matthias Polityckis „Weiberroman“

Von Bernd Berke

«Wie sollte man dermaßen viel Frau aushalten? Wo man doch erst 21 war und sich nach einem Mädchen sehnte“, seufzt Gregor Schattschneider. Jaja, da gibt es Unterschiede. Gerade weil Gregor, Held in Matthias Polityckis „Weiberroman“, ständig im Gefühls-Chaos steckt, hält er formal auf Ordnung im Seelen- und Hormon-Haushalt: Er stellt lauter Frauen-Hitlisten auf, und einmal tastet er sich gar zu einer „Frauenformel“ vor, gegen die Einsteins Relativitätstheorie oder Heisenbergs Weltformel Kinkerlitzchen sind.

Gregor in drei Lebensphasen: Anfang der 70er Jahre erleben wir seine Pubertätsnöte in Lengerich (Münsterland), gegen Ende der Dekade studiert er in Wien – und ausgangs der 80er Jahre begegnen wir dem Taugenichts, der mit 32 Jahren immer noch kein Examen zuwege gebracht hat, in Stuttgart. Wie soll er auch sein Uni-Studium abschließen, wo er doch als Hauptfach das „Studium der Weiber“ gewählt hat?

Jugendliebe im Münsterland

1972 in Lengerich taucht eines Tages „Die Neue“ in der Foto-AG auf: Kristina heiß sie! Bisher haben die Jungs aus dem Gymnasium nur verächtlich von „den Weibern“ geredet, jetzt plötzlich beginnen sie von solchen Mädchen zu schwärmen. Herrlich nun die Detailmalerei, mit der Politycki eine Jugend in der damaligen Provinz schildert.

Es war die Zeit, da man in Parka und Jeans herumschlurfte, in der man samstags den Billigplattenspieler „Hit Master“ anwarf, um (per Mikrofon) die neuesten Rock-Scheiben aufzunehmen. Wehe, wenn plötzlich die Eltern ins Zimmer taperten. Dann war – wie symbolträchtig – die Aufnahme von Led Zeppelins „Stairway to Heaven“ (Treppe zum Himmel) wieder hin.

Der Autor versteht es wunderbar, in diese örtlich und zeitlich präzis verankerte Geschichte den Verlauf einer ersten Liebe einzuflechten – stets ironisch gebrochen und daher höchst glaubhaft.

Um jeden Blick wird gezittert

All die unsichere Zeichen-Deuterei, bei der vor jedem Blick der Angebeteten gezittert wird. Dann aber auch die Jungmänner-Ausflüge nach Osnabrück, wo die Stripperin Larissa auftritt, erstes Exemplar der nächsten erotischen Stufe, Vollweib nämlich.

Richtig auf den Frauen-Trip kommt unser Gregor erst in Wien. „Am Plüschrand der Ereignisse“ (welch‘ schöne Formulierung) spricht ihn im „Popclub“ eine gewisse Tania an – für den Wohngemeinschafts-Freak eigentlich eine unmögliche Ziege im weißen Overall und silbernen Stiefeletten. Die Zahnarzthelferin mit Wiener Dialekt scheint strohdoof zu sein. Wie sich Gregor vor seinen Kumpanen schämt, wenn sie den Mund auftut! Doch Tania hat andere Qualitäten. Bei dieser Gelegenheit müssen wir allerdings verraten, daß der Autor alle „Stellen“ geschwärzt hat. Wie überaus gemein…

„Was will uns dieses Playmate sagen?“

Groteske Quälerei einer ungleichen Beziehung: Gregors Lavieren zwischen fleischlicher Lust und geistiger Abneigung bereitet unbändiges Lesevergnügen. Klar, daß nebenher mancher Seitensprung und Kneipenzüge mit finalem Vollsuff fällig sind. Auch absolviert man im trauten Macho-Kreis „Playboy“ Seminare und analysiert die Aufklappseiten: „Was will uns dieses Playmate sagen?“

Nicht nur wegen solcher Ablenkungen erreicht die Aufregung um den „Deutschen Herbst“ der RAF-Attentate Gregor in Wien nur gedämpft. Politycki (Jahrgang 1955) porträtiert seine und Gregors Generation, die zwischen APO und Punk geistig heimatlos bleibt, als ziemlich unpolitisch. Zieht mal eine Demo vorbei, macht man sich über Rechtschreibfehler auf den Transparenten lustig.

Muskulöses Mädchen aus der Metzgerei

In Stuttgart läßt sich Gregor von der Chefstewardess Katarina aushalten, einer kühlen Schönen im Designer-Schick der neonbeleuchteten 80er Jahre. Nach fünf Jahren geht Gregor dieses Outfit so auf die Nerven, daß er ins andere Extrem fällt und sich der erbarmungswürdig schwäbelnden Metzgerei-Verkäuferin Karla („Mensch, kapiersch des ned, i ben schwanger!“) in die muskulösen Arme wirft. Im komischen Kontrast der beiden Frauen steckt viel vom zwiespältigcn Zeitgeist der 80er.

Pfiff bekommt das Buch auch durch Polityckis Maskierung als Autor. Er läßt „Ecki“, einen Freund Gregors, als Herausgeber einer Ausgabe des „Weiberromans“ auftreten, der eigentlich von Gregor stamme. Immer wieder mäkelt dieser Ecki in Fußnoten am Inhalt hemm. So nimmt man Kritikern den Wind aus den Segeln; Dabei war’s hier doch gar nicht nötig.

Matthias Politycki: „Weiberroman“. Luchterhand. 421 Seiten. 44 DM.




Die reine Gegenwart genießen – „Ein kurzes Buch über die Liebe“ von Jochen Schimmang

Von Bernd Berke

Der Erzähler geht so gern durch Kölns urige Quartiere. Dermaßen ans Herz gewachsen ist ihm sein „Veedel“, daß er sogar „Touristen aus anderen Teilen der Stadt“ mißtrauisch beäugt. Manchmal sucht er Kinos und noch öfter Kneipen auf. Und da er langsam in die Jahre kommt, schaut immer sehnsüchtiger den jungen Frauen nach.

„Ein kurzes Buch über die Liebe“, immerhin 45 Kapitel und 316 Seiten lang, hat der Kölner Autor Jochen Schimmang geschrieben. Hauptperson ist ein nicht sehr erfolgreicher Schriftsteller. Der belauscht anfangs im Straßenlokal ein junges Paar, dessen Liebe zu erkalten beginnt. So darf es eben nicht kommen, sagt er sich.

Die Probe aufs eigene Exempel bleibt ihm nicht erspart: Denn bald begegnet dieser Literat der jungen Vera, die mit dem Arzt Dr. Rüben verheiratet ist. Bei einer Autorenlesung sehen sie einander zum ersten Mal – und sind rasch ein heimliches Paar. Von Liebe wollen sie indes niemals reden. Sie vereinbaren statt dessen nebulös, einander „Gefühl und Härte“ zu geben und nehmen sich vor, ohne Ansprüche die erotische Gegenwart zu genießen.

Ein Bescheidwisser erzählt

Zu dumm nur, daß Vera die Frau seines Lebens zu sein scheint. So sehr wächst die Zuneigung, daß man einander gar nicht mehr verändern will. Hier hat sich Schimmang eine große Aufgabe gestellt: Nicht frühzeitiges Scheitern, sondern anhaltendes Glück zu schildern.

Schließlich aber die Schattenseite: Im Liebestaumel schmelzen alle selbstverordneten Regeln dahin, und dem zuvor auf seine Bindungslosigkeit bedachten Mann kommt der Satz „Ich will dich heiraten“ in den Sinn. Das kann nicht gutgehen…

Vom Erzähler vermittelt das Buch ein Doppelgesicht. Einerseits legt er es auf Ehrlichkeit an und gibt auch böse Phantasien zu, andererseits prunkt er mit seiner geballten Kennerschaft.

Unter dem Bescheidwisser-Gehabe leidet mitunter auch die Gabe zu genauer Beobachtung. In weniger inspirierten Passagen schrumpft das Erzählen zum bloßen Feststellen und Erwähnen, zum umständlichen Erörtern oder haltlosen Ausplaudern. Dann sieht es ganz so aus, als entspringe die Geschichte just dem etwas ungalanten „Geständniszwang“, von dem im Buch öfter die Rede ist.

Jochen Schimmang: „Ein kurzes Buch über die Liebe“. Roman. Verlag Schöffling & Co., 316 Seiten, 39,80 DM.




Warnung vor der „gelben Gefahr“ – Roman zur Übernahme Hongkongs durch China: „Kowloon Tong“ von Paul Theroux

Von Bernd Berke

Ab heute gehört die brodelnde Finanzmetropole Hongkong zur kommunistischen Volksrepublik China. Das historische Ereignis zwischen Bangen und Hoffen erschöpft sich nicht nur in Tagesnachrichten. Auch der Roman zum „Chinese takeaway“ liegt auf deutsch vor: „Kowloon Tong“ von Paul Theroux.

Theroux ist nicht irgendwer. Sein Buch „Mosquito Coast“ wurde 1986 von Peter Weir erfolgreich verfilmt, die Hauptrolle spielte Harrison Ford. Der Amerikaner Theroux, immer für einen Bestseller gut, zählt zu den großen Fernreisenden unter den Schriftstellern – ähnlich wie Cees Nooteboom oder der so früh verstorbene Bruce Chatwin. Auch in Hongkong kennt der weitläufige Mann sich bestens aus. Und so läßt er denn auch immer wieder Detailwissen über örtliche Gepflogenheiten einfließen, vorzugsweise über den Umgang mit Sex, Essen und Alkohol.

Wo der Geist der Kolonialzeit weht

In Hongkongs Viertel Kowloon Tong (etwa: „Teich der neun Drachen“) lebt Neville Mullard, genannt Bunt. Der ; inzwischen 43jährige ist als Sohn britischer Eltern in Hongkong aufgewachsen und hat soeben die traditionsreiche Textilfirma geerbt, die sein Vater mit einem nach Hongkong geflohenen Chinesen aufgebaut hatte. „Imperial Stitching“ heißt die Fabrik, die vor allem Aufnäher für Clubjacken und Livreen herstellt –very british. Der kolonialistische Geist ist hier noch rege.

Doch die Vorzeichen der Übernahme sind deutlich: Etliche Leute fahren über die Grenze und kaufen Immobilien in China, von dort wiederum strömen Heerscharen von Huren nach Hongkong, und viele Menschen besorgen sich anderwärts den Zweitpaß, um die Stadt jederzeit verlassen zu können. „Und man konnte nichts tun. Es war wie ein Tiefdruckgebiet, das Hongkong demnächst überziehen sollte“, heißt es einmal.

Herr Hung ist nur am Anfang höflich

Bunt, der jede Veränderung im Leben haßt, wohnt noch bei seiner königstreuen Mutter Betty, fährt den alten Rover, lauscht noch dem uralten britischen Radiogerät. Wie ein Uhrwerk absolviert er die Aufsicht über die Fabrik – und frequentiert verstohlen diverse Bordelle. Eines Tages aber wird alles anders. Da wird er mit einem Chinesen namens Hung konfrontiert. Der bietet ihm an, die florierende Fabrik zu kaufen. Bunt lehnt empört ab.

Hung läßt bald die höfliche Maske fallen. Es stellt sich heraus, daß er ein hohes Tier beim rotchinesischen Militär ist und schon mal das Terrain in Hongkong arrondiert. Die Fabrikfläche wird für eine Kaserne gebraucht. Hung kreist Bunt ein, indem er dessen Priyatleben ausspioniert. Bald hat er auch herausgefunden, daß Bunt sich eine Stickerin seiner Fabrik als heimliche Geliebte hält. Der Druck wird immer stärker, gewaltsamer.

Eine Welt der Dominanz-Verhältnisse

Theroux schildert eine Welt der Dominanz-Verhältnisse: Die Mutter herrscht über den Sohn, der gebietet via Geldbeutel über die Huren, während China sich allmählich Hongkong untertan macht. Sexuelle Obsessionen und Politik verschmelzen bedrohlich.

Der Autor plustert allerdings jenen Hung mit allen Mitteln zum überlebensgroßen Haß-Popanz auf und gibt sich überhaupt der Angst vor der „gelben Gefahr“ bedenklich bruchlos hin: „Für die Chinesen war die Welt ein einziger Spucknapf. – „Ganz China war eine Geheimgesellschaft“. – „.. .alle waren sich einig, daß China ein einziger Alptraum war“. Solche Sätze häufen sich vor allem im Schlußteil. Woran man sieht, daß weite Reisen nicht unbedingt zur Völkerverständigung führen, sondern manchmal die Abneigungen erst recht verfestigen.

Paul Theroux: „Kowloon Tong“. Roman. Aus dem Amerikanischen von Erica Ruetz. Hoffmann und Campe. 254 Seiten. 38 DM.




Dieses Leben, das die Menschen zermalmt – „Der Pianist“: Drei Erzählungen von Viktorija Tokarjewa

Von Bernd Berke

Will man erfahren, was entschlackter Stil ist, so sollte man die Erzählungen der Russin Viktorija Tokarjewa lesen. Mit ein paar prägnanten Skizzen-Strichen ist die Erzählsituation aufgebaut – und schon befindet man sich mittendrin.

Drei Erzählungen enthält ihr Band „Der Pianist“. In der Titel-Geschichte geht es um jenen Klaviervirtuosen Mesjazew, dessen Familienleben desolat verläuft. Nach einer Deutschlandtournee gerät er vollends in die Sinnkrise und kommt in ein Sanatorium. Dort lernt er die Vamp-Frau Ljulja kennen und (mitten im Schnee) körperlich lieben, wobei Eierlikör über ihren Pelzmantel rinnt – Bild einer Sinnlichkeit, die haltlos alles besudelt.

Eine verzehrende Sucht nach dem ganz anderen Leben bricht sich düster Bahn. Drang nach Freiheit und zugleich die Angst vor davor vereinen sich zu einem fatalen Gemisch. Die Episode führt nach und nach zur völligen Zerstörung des familiären Restzusammenhalts. Was bleibt, ist Melancholie. Dieser Zerfall spiegelt die mehr als mißliche gesellschaftliche Lage in Rußland, wobei die wenigen Polit-Einsprengsel zuweilen fatal klingen, so als seien Dissidenten in erster Linie Defätisten und als bedeute Demokratie vor allem Schrankenlosigkeit.

, Kosmische Liebe“ zeigt wiederum zwei tief vereinzelte Menschen, die sich für kurze Zeit ineinander festkrallen: Jelissejew, Fotograf einer Filmcrew, und seine Kollegin Lena, deren Mann gerade gestorben ist. Beide Lebensläufe werden im Fortgang ihrer kurzen und heftigen Beziehung wie im Brennspiegel eingefangen. Wir hören von allseits nutzlos verkümmernden Talenten, von Alkoholismus, Bindungsunfähigkeit und einem Selbstmordversuch. Alle leiden unter einem Leben, das die Menschen nach und nach zermalmt. Erneut stehen Einzelschicksale fürs große Ganze. Schale Lockungen des Westens werden in Kontrast gesetzt zur althergebrachten russischen Seelentiefe.

„Löffelweise Kaviar“ gibt es in der gleichnamigen Abschluß-Erzählung. Nick, nicht mehr ganz junges Schauspieltalent aus England, ist soeben von seiner Frau verlassen worden. Ein 83jähriger Milliardär bietet ihm nun die vermeintliche Chance seines Lebens: Nick soll mit ihm in dessen russische Heimat reisen und sich dort – gegen Bezahlung – stellvertretend für den siechen Greis kulinarisch und erotisch amüsieren.

Geldsegen und noch dazu Genuß sofort? Nein, es ist ein perfider Teufelspakt. Denn Nick muß wirklich alle Wünsche des Alten erfüllen, beispielsweise Kaviar buchstäblich fressen bis zum Erbrechen. Auch seine neue Liebe wird zerstört, als die Frau von der beschämenden Vereinbarung erfährt. Da fühlt sie sich als sexuelles Versuchsobjekt. Ein literarisch überzeugender, manchmal gar überwältigender Band. Wenn nur diese ideologischen Spurenelemente nicht wären…

Viktorija Tokarjewa: „Der Pianist“. Erzählungen. Diogenes. 167 Seiten. 34 DM.

 




Mitteilungen aus der Studierstube – Patricia Dunckers hitziger Roman „Die Germanistin“

Von Bernd Berke

Eigentlich fängt dieser Roman vielversprechend an: Angetrieben von einer mysteriösen Germanistin, begibt sich der Ich-Erzähler, ein junger Romanistik-Student aus Cambridge, auf die Suche nach dem Menschen, der hinter seinem Examensthema steckt.

Er schreibt seine Abschlußarbeit über den französischen Autor Paul Michel, von dem er natürlich alles mehrfach gelesen hat. Wie sich erweist, ist Paul Michel nicht nur ein Mann, dem schrankenlose Freiheit über alles geht, er ist zudem offensiv und selbstbewußt schwul – und eines Tages hat man ihn wegen einiger Gewalt-Eskapaden in eine Irrenanstalt eingewiesen. Die Germanistin findet: Man muß den Mann da herausholen, ihn retten. Und sie schickt den Studenten vor.

Der also reist – in Patricia Dunckers Roman „Die Germanistin“ – von England nach Frankreich und dringt bis zu diesem Paul Michel vor, der von 1947 bis 1984 wirklich gelebt hat, zwischenzeitlich als kommende Größe der französischen Literatur galt, dann für verrückt erklärt wurde und an Aids gestorben ist.

Schwülstige Schwärmerei

Michels wirrer Blick und das aggressive Benehmen machen dem Studenten zunächst angst, doch schon bald freunden sich die beiden an. Resultat: Paul Michel wird aus der geschlossenen Anstalt entlassen, bekommt immer öfter Freigang und darf schließlich mit dem Studenten durch Südfrankreich reisen. Natürlich vermittelt all das dem Studenten ein ganz neues Lebensgefühl, so daß die Autorin ausgiebig Gelegenheit bekommt, über die Beziehung zwischen ihren beiden Helden wie eine törichte Jungfer in schwülstige Schwärmerei zu geraten.

Fragt sich nur noch: Welches Interesse hatte die Germanistin an all den Fährnissen? Mit dieser Frage hält die Autorin das Interesse wenigstens auf Sparflamme. Ihre Figuren aber bleiben blutleere Phantome, ihre Szenen wirken meist geschmäcklerisch arrangiert und zurechtgebogen.

Zudem muß man sich durch viel angelesenes Zeug quälen, durch kaum entschlackten Archiv-Stoff und Mitteilungen aus der Studierstube, um zu den wenigen anschaulichenPassagen zu gelangen. Ein Roman-Konstrukt aus dem Elfenbeinturm der literaturwissenschaftlichen Fachwelt, künstlich erhitzt mit einer ständig beschworenen, aber nie beglaubigten Sehnsucht nach dem „wirklichen Leben“.

Die stärksten Stellen stammen von fremder Feder. Es sind Real-Zitate aus dem Briefwechsel zwischen Paul Michel und dem französischen Denker Michel Foucault, der den Jüngeren als seinen einzigen wahrhaftigen Leser schätzte und zugleich fürchtete. Um dieses innige Autor-Leser-Verhältnis kreisen auch Patricia Dunckers heiße Hoffnungen. Ach, wie vergebens!

Patricia Duncker: „Die Germanistin“. Roman. Berlin Verlag. 235 Seiten, 38 DM.

 




Lebensbilanz mit Verlusten – Sibylle Mulots Roman „Das Horoskop“

Von Bernd Berke

Mit seinem Roman „Netzkarte“ ließ uns einst Sten Nadolny teilhaben an einer Fahrt kreuz und quer durchs Netz der deutschen Bahn. Natürlich kam es dabei vor allem auf die menschlichen Begegnungen an. Auch Sibylle Mulot schildert in ihrem Buch „Das Horoskop“ den Verlauf einer langen Bahnfahrt. Wieder geht es um eine Bekanntschaft, die die Ich-Erzählerin schließt.

Der Weg führt von Basel nach Paris. Eine ausgedehnte Strecke, auf der wir nach und nach einiges über jene verhalten elegante Mitreisende Edit erfahren, die ihre Kindheit in Ungarn und Wien verbracht hat, Solotänzerin gewesen ist und einen französischen Fabrikanten geheiratet hat. Zu ihm kehrt sie jetzt zurück, nachdem sie ihre todkranke Mutter besucht hat. Und sie hat eine ganze Tasche voller Marzipan im Gepäck, die sie ängstlich durch den Zoll schmuggelt.

Was diese Frau innerlich beschäftigt: Ihr Sohn, für den sie doch – in offenbar grandios vergeblicher Liebesmüh – all das Schöne Marzipan besorgt hat, hat seit vielen Jahren jeden Kontakt mit ihr abgebrochen, ohne jeden zwingenden äußeren Anlaß, aber gewiß mit inneren Beweggründen. Edit kennt mithin weder ihre Schwiegertochter noch ihre Enkelkinder. Dieser Verlustposten ihrer Lebensbilanz setzt ihr so zu, daß sie schon eine Wahrsagerin aufgesucht und ihr Horoskop nach Wiedersehens-Chancen befragt hat.

Familie als Keim des Übels und der Hoffnung

Kunstvoll verknüpft Sibylle Mulot die Fensterblicke auf die vorbeiziehende Landschaft mit der allmählich sich abzeichnenden, zum Teil verdorrten „Landschaft“ dieses Frauenlebens. Als schließlich Paris in Sichtweite kommt und die Häuser immer dichter beieinander stehen, verdichtet sich auch das imaginierte Netz der familiären Bezüge und Beziehungen.

Und der Blick weitet sich ins Allgemeinere: Am Beispiel der gelinde verzweifelten, aber unverdrossen ihre Glücksansprüche behauptenden Edit lernt man, wie sehr die Menschen seelisch an ihre Familien gekettet sind, auch und gerade wenn Beziehungen – als seien es Bahnstrecken – „stillgelegt“ zu sein scheinen. Familie als Keim des Übels und der Hoffnung.

Die Ich-Erzählerin, leider immer eine Spur überlegter als ihre Mitreisende (was dem Buch gelegentlich eine etwas besserwisserische Note verleiht), wehrt sich innerlich gegen Edits Anspruch auf den Sohn und versucht, sich in die Lage von Kindern zu versetzen, die ihren Eltern ein für allemal Adieu sagen. Einerseits herrscht allseits Wahlfreiheit in den Beziehungen, andererseits strebt jeder Mensch nach Sicherheit und Halt. Gefühle sind Widersprüche, sie folgen keiner Logik und sind oft furchtbar ungerecht.

Ein elegischer Ton zieht sich durch diese Erzählung. Mit der Ankunft des Zuges tritt – nicht so paradox, wie es klingt – jene Überraschung ein, die man als Leser die ganze Zeit über erwartet hat. Doch vielleicht setzt erst mit dieser Ankunft die Wirkung dieses Buches ein.

Sibylle Mulot: „Das Horoskop“. Diogenes-Verlag, 125 Seiten. 29,90 DM.




In der Steppe vom Sandkorn erzählen – Peter Handkes Roman vom Abenteuer der Wahrnehmung

Von Bernd Berke

Peter Handke scheint die Ödnis zu lieben. Nachdem er seinen Lesern zuletzt das Langstrecken-Exerzitium „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ auferlegte, siedelt er auch seine neue Hauptfigur im Niemandsland an, wo kaum etwas von wahrer Empfindung ablenkt. Jener Apotheker von Taxham (Flecken bei Salzburg) wohnt in einer „Zwickelwelt“ zwischen Bahnlinie, Flughafen und Autobahn-Tangenten. Dort, wo die Ausläufer der Technik in spärlichen Bewuchs übergehen.

Dieser Apotheker wird als unauffälliger, aber „uneingemeindeter“ Mensch beschrieben. Mit seiner Frau lebt er in gütlicher Abgrenzung, die Kinder sind aus dem Haus, vielleicht hat er sie gar vertrieben. Der Mann fühlt sich mal aufgehoben, mal aber auch gefährdet in seinem Alleinsein. Doch der Erzähler will ihm das Geheimnis nicht entreißen: „Keine Erklärungen, keine Begründungen, in der Schwebe lassen „, heißt es einmal. Wie ein Aufbruch ins Ungefähre klingt ja auch der Titel: „In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus.“

Handke unterlegt seine Geschichte mit dem Prägemuster mittelalterlicher Abenteuer-Epen. Eine Art Prüfung hat auch der Apotheker zu bestehen. Er wird zum „Gezeichneten“, indem er ein dunkles Wundmal auf der Stirn trägt – vielleicht das Signal todbringender Krankheit, vielleicht aber auch der Verheißung. Jedenfalls verläßt er nun sein Haus und gerät in eine rätselhafte, verwunschen wirkende Welt. Zugleich verstummt er, um desto genauer zu schauen und zu hören. Zum Beispiel auf eine furiose Grundsatz-Rede über die tiefe Feindschaft zwischen Mann und Frau.

Ein fruchtbares Verirren, ein neues Maßnehmen

Zwischendurch wird er von zwei Desperados begleitet, einem ehemaligen Ski-As und einem Dichter. Ein seltsam dahertaumelndes Slapstick-Trio. Die ganze Reise aber erweist sich – wie könnte es bei Handke anders sein – als „fruchtbares Verirren“, als Gelegenheit zum neuen Maßnehmen an der Welt, an der Wunderkammer namens Wirklichkeit.

In der „Nachtwindstadt“ Santa Fe ereignet sich ein prachtvolles Fest mit faszinierenden Ritualen. Rotten eines völlig fühllosen Menschenschlages drohen im Landstrich die Oberhand zu gewinnen. Schließlich treibt es den Apotheker, diesen Abenteurer der Wahrnehmung, als Eremiten in eine Steppe hinaus. Die Schilderung dieser Wüstenei zwischen den Städten, an deren Rändern wahnwitzige Extremsportlcr aufkreuzen, ist vollends grandios. So aufregend kann Ödland sein, wenn jeder Flügelschlag eines Vogels und jedes Sandkorn, jeder Vorgeschmack und Nachklang so innig erzählt werden.

Der Dichter soll reden wie ein Bergsteiger am Seil

Staunenswert, wie Peter Handke unscheinbarste oder fremdartigste Erscheinungen mit größtmöglicher sprachlicher Einfühlung faßt. So gerüstet, kann er sich mit seinen Figuren erneut auf ferne Vorposten hinauswagen und so zusagen dem Niemandsland Neuland abgewinnen. Ob es auch fruchtbar ist?

Wo aber dieser Erzähler nichts weiß, da stellt er keine Behauptungen auf, sondern tastet sich fragend an die Dinge heran. Das eben unterscheidet Handke etwa von Botho Strauß. Er handelt nicht mit Meinungen, sondern mit Wahrnehmungen. Pures Erzählen der Gegenwart, das Schwerste von allem, ist ihm genug.

Bezeichnender Satz: „So dichten, wie Bergsteiger miteinander reden, während sie am Seil hängen“. Kein überflüssiges Wort also. Freudig bestätigende, knappe Feststellungen wie „Ja. So ist es.“ sind Zielpunkte solchen Schreibens, das freilich allzeit bedroht ist, auf schwindelerregender Anhöhe nur noch in sich selbst zu kreisen.

Peter Handke: „In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus“. Roman. Suhrkamp-Verlag. 316 Seiten. 48 DM.




So wienerisch hat’s hier noch nie geklungen – Großer Andrang zur Lesung von Ernst Jandl in Dortmund

Von Bernd Berke

So wienerisch hat es hier wohl noch nie geklungen. Der österreichische Dichter Ernst Jandl (71) trug bei seinem allerersten Leseauftritt in Dortmund lauter „Stanzen“ vor – Vierzeiler in alpenländischer Kunst-Mundart. Noch einer der verständlichsten Verse: „wissd bled samma r olle / owa so bled samma ned“.

Man hätte es ahnen können: Jandls famose Laut-Dichtungen haben schon andernorts Menschenmengen mobilisiert. So war s denn auch in Dortmund. Die Schlange im Museum für Kunst und Kulturgeschichte wand sich von der Rotunde im ersten Stock bis hinunter zur Hansastraße. Nach einigem Geschiebe kamen schließlich auch die Leute ‚rein, die nicht wohlweislich Karten reserviert hatten.

Jandl tat ihnen allen jedoch nicht den Gefallen, seine bekannten Zugnummern wie „Ottos Mops“ oder den Verwechslungs-Klassiker mit „lechts und rinks“ vorzutragen. Statt dessen also die Stanzen. Nach Art von Schnaderhüpferln, jenen Spottliedern mit abschließendem Jodler, täuschen diese Gedichte einen herzhaft volkstümlichen Tonfall vor. Aber die Inhalte! Alles , andere als gemütlich.

Körperlicher Verfall und Geschlechtsmerkmale

Jandls Alterswerk kreist vornehmlich um den nahenden Tod und körperlichen Verfall. Beispiel verzweifelter Komik und komischer Verzweiflung: „meine fiass schdeng im fuassboad / mei zahnbiaschdl schdeggd ma r im mäu / und dazwischen schauri zua / wia rosch in fafäu.“ Übersetzung wohl überflüssig.

Bei Teilen des Publikums machte sich vor der Pause schon mal ein wenig Unmut breit, weil Jandl viele drastische Zeilen über körperliche Ausscheidungen und – fast schon, besessen – über sekundäre Geschlechtsmerkmale wie „Dutteln“ verfaßt hat. Doch im Dialekt klang’s nahezu nett. Der Unmut gab sich also. Und die eisten lauschten Jandls Versen geradezu ergeben und ergriffen, um nur ja keine Feinheit zu verpassen. Schließlich hatte man ja auch 12 DM Eintritt berappt.

Doch was soll’s. Jandl ist unbezahlbar und unverwechselbar. Nicht zu vergessen: Jandl wurde vom Ziehharmonika-Spieler Erich Meixner begleitet. Der verlieh den Texten noch eine zusätzliche Dimension. Man konnte so recht „nachschmecken“, daß gar manche Strophe von Jandl wohl beim Heurigen entstanden sein muß.

______________________________________________________

(wegen eines Druckerstreiks im Dortmunder Lokalteil der Westfälischen Rundschau)

 




Autoren sollen die Schulbänke drücken – NRW-Literaturrat wagt neuen Vorstoß

Von Bernd Berke

Im Westen. Wenn es um Aus- und Weiterbildung von Schriftstellern geht, spielen derzeit zwei südwestfälische Orte in den Überlegungen des NRW-Literaturrates eine besondere Rolle.

Die „April-Akademie“, kürzlich von der Wiener Schule für Dichtung in Lüdenscheid abgeschlossen (die WR berichtete), gilt als ein Modellfall. Und die Fernuni Hagen könnte (mit ihren landesweit 29 Anlaufstellen) eines Tages Zentrale einer allseits gut erreichbaren Autoren-Hochschule werden.

Der Literaturrat ist Sprachrohr für rund 30 Institutionen – vom Schriftstellerverband (VS) bis zu den Verlagen und Buchhandlungen. Der Vorsitzende Dr. Eugen Gerritz hält nicht viel vom literarischen Geniekult. Bildende Künstler, Schauspieler und Musiker würden von Meistern ihres Faches ausgebildet, Schriftsteller aber werkelten allein vor sich hin, oft auch ohne Hilfe von kompetenten Verlagslektoren. Selbst Goethe, so das Paradebeispiel, sei sich nicht zu schade gewesen, in Leipzig eine Art Autorenschule zu besuchen. Ausnahmeschriftsteller wie Nabokov hätten Kurse abgehalten.

Bessere Bestseller angepeilt

Überhaupt sei das Feld anderswo viel besser bestellt: In den USA habe fast jeder Autor handwerklichen Schliff an einer Hochschule bekommen. Bei uns aber stecke die Literatur in „selbstverschuldeter Isolation“. An Schulen und Unis gehe es fast nur um Deutung, nicht ums Verfassen von Texten. Daraus folgt die trübe Aussicht: „Germanisten produzieren immer wieder Germanisten.“

Bei näherer Betrachtung betrifft Gerritz‘ Plädoyer für eine geregelte Autorenausbildung freilich nicht so sehr die Spitzenprodukte der Zunft, sondern eher die Qualität des breiten Text-Ausstoßes. „Ich möchte, daß wir bessere Bestseller bekommen“, präzisiert Gerritz. Ernstzunehmende Autoren im publikumswirksamen Sektor kämen heute fast nur aus den angelsächsischen Ländern. Außerdem erhofft sich der Literaturrat von ausgebildeten Autoren spezielle Fertigkeiten, zum Beispiel mehr professionelle Drehbücher für Film und Fernsehen, gekonntere Opern-Libretti, Schlager- und Musical-Texte. Jeder hört tagtäglich, daß in diesen Bereichen besonders viel im Argen liegt.

Gerritz will jetzt seine „10 Thesen gegen die Isolation der Literatur unter den Künsten“ in Einzelgesprächen und bei Fachtagungen den Kulturpolitikern schmackhaft machen. Auch Einrichtungen wie die Fernuni Hagen, der Dortmunder Studiengang Journalistik oder die von Rundfunkanstalten in Köln betriebene „Schreibschule e. V.“ sollen in die Debatte einbezogen werden. Gerritz zuversichtlich: „Heute geht es nicht mehr darum, ob man Literatur lehren kann, sondern nur noch: wie!“




Was die Walnuß der Eiche erzählt – Botho Strauß und sein Tagebuch „Die Fehler des Kopisten“

Von Bernd Berke

Botho Strauß ist beileibe nicht der erste Autor des Jahrhunderts, der aus der Stadt flüchtet. um innere Einkehr auf dem Lande zu finden. Aber er ist derzeit der Bekannteste. Ihn zog’s aus dem brodelnden Berlin in die Weiten der ostdeutschen Uckermark, eine Gegend „unter dem ärmsten Himmelsstrich“. Dort hat er sich und seinem Sohn Diu ein Haus bauen lassen, dort schrieb er sein neues Buch „Die Fehler des Kopisten“. Ist es das Dokument einer Flucht aus Zeit und Welt?

Also schreibt Strauß, auf einsamer Warte der Natur ansichtig: „Und die Eiche sagt, was das Rauschen der Walnuß ihr eingab.“ Oder auch: „Die Goldammern rasten in der Eiche. Ihr einfältiger Staccatoruf: Wie wie wie / hab ich dich lieb.“ Solche Sätze klingen fast nach Biedermeier und Gartenlaube; als wäre der Autor, der doch wie kaum ein anderer fähig ist zur trennschärfsten Wahrnehmung und Formulierung, selbst gern unterwegs zu einer grandiosen Einfalt angesichts dessen, was von der Schöpfung übrig ist.

Eines Tages kommt die „digitale Magie“

Andererseits sinnt er mit einigem Tiefgang nach über das verwehende Bild des Menschen zwischen Internet und Biotechnologie. Erst von einem nach-technischen Zeitalter erhofft er sich so etwas wie „digitale Magie“. Zwiespalt, Wirrnis oder höhere Weisheit: Einerseits registriert Strauß die (gescheiterten) Ost-Biographien im Dorfe. Sieht er jedoch einen Hirten, ist jener gleich Bote der Mythenwelt.

Nach „Salto rückwärts“ sieht in diesen Tagebuch-AufZeichnungen manche Passage aus. Nicht mit dem bitterernsten Furor seines vielfach mißverstandenen (weil mißverstehbaren) „Anschwellenden Bockgesangs“ predigt er hier die Rückkehr zu Mythos, Ritual und Kulthandlung, sondern manchmal geradezu entspannt, doch mit leiser Dringlichkeît, immer wieder aphoristisch zugespitzt: „Jedes Tabu ist besser als ein zerstörtes.“

Mit dem Papst einer Meinung

Seinen Fimmel für rare Fremdworte („mnemogene Reize“) hätschelt Strauß weiterhin und beschädigt damit seine Sprache. Daß er gern entlegene Lektüre zur geistigen Abgrenzung heranzieht, läßt solch eine Hinleitung ahnen: „Reck-Melleczewen zitiert das von Ortega angeführte Wort Hermann Weyls …“ Das vernimmt vielleicht mancher ebenso ehrfürchtig wie diese Redewendung: „Mit Aristoteles und dem Papst teile ich die Überzeugung, daß …“ Bescheidener und wahrhaftiger klingt dies: „Es ist kein Kunststück, aus jeder Masse Eliten zu züchten. Wohl aber ist es eins, die Verblödung in der Breitenausdehnung zu begrenzen.“

Einschulung führt ins Verderben

Mit dem Papst teilt Strauß übrigens manche Meinung. Schärfste Verwünschungen schleudert er gegen Marx und Brecht. Er geißelt die „pornographische Rundumbetreuung“ des Bürgers, die unweigerlich zu realen Perversionen wie Kindesmißbrauch führe. Seinen kleinen Sohn, der – von Strauß nahezu vergöttert – als bewegendes Zentrum all dieser Notizen fungiert, mag der Dichter nicht im Geiste kritischen Mißtrauens aufwachsen sehen, sondern in Glauben und Gebet.

Nüchterne demokratische Erziehung ist Strauß ein Greuel. Dius Einschulung kann aus solchem Blickwinkel nur ins allmähliche Verderben naturhaft-guter Anlagen führen. Strauß als später Nachfahre Jean-Jacques Rousseaus. Viel lieber sähe er seinen Jungen (und also die Welt) mit althergebrachten Formen des Kampfes, der Trauer und des Glücks vertraut. Formlosigkeit, aus der jegliche Gewalt hervorgehe, sei das Grundübel dieser Epoche. Und unser aller Leben? „So viel Vorgeschmack auf die Hölle. So wenig Nachgeschmack vom Paradies.“

Das Elend der Zeitgenossenschaft

Gegen gängiges Psycho-Gewäsch zieht Strauß zu Felde, gegen mediale Verseuchung und Zeitgenossenschaft überhaupt. Und er, der „Ungesellige“, der die Menge („die schnell bewegten Fleischklumpen“) abgründig verachtet, aber schönste Worte für Freude und Leiden im Angesicht einzelner Menschen findet, seufzt über den üblichen Umgang: „Irgendwann wird man der alltäglichen Durchtriebenheit müde.“

Wolkenzug, Tiere und Pflanzen der Uckermark bergen Trost, wecken aber auch brennende Sehnsucht. Vom „Einstweh“ nach Kindheit und Vergangenheit ergriffen, wird der Autor ganz schwebenden Sinnes oder wunderbar hellsichtig. Wie mitfühlend er das Dahinschwinden alter Menschen beschreibt! Als Beobachter und Diagnostiker, der sich bewußt weit außerhalb der Zeitströmung ansiedelt, bleibt Strauß unentbehrlich. Doch seinen Therapie-Angeboten mag man nicht immer trauen.

Botho Strauß: „Die Fehler des Kopisten“. Hanser. 208 S., 34 DM.




Neugierige Leute in fremden Badezimmern – Max Goldts erzkomische Kolumnen unter dem Buchtitel „Ä“

Von Bernd Berke

Mit eminent komischen Kolumnen im Satireblatt „Titanic“ ergötzt Max Goldt allmonatlich jene Leute, die er gern liebevoll als „Lesefröschchen“ anredet. Das Buch mit dem ergreifenden Titel „Ä“ versammelt Goldts neuere Beiträge.

Mit dem inflationär verwendeten Begriff „Kult“ sollte man vorsichtig sein. Aber Max Goldt wird es sich gefallen lassen müssen, daß man seiner Schreibe dieses Etikett aufpappt. Für solche blitzenden Nebenbei-Beobachtungen, die Goldt hundertfach zufallen, muß man eben wahre Muße und wachen Geist besitzen: daß im deutschen Fernsehen für alles geworben wird, aber nimmer für Salz; daß kein Mensch mal die Courage hat, die übliche Dekorations-Ananas am Frühstücksbüffet im Hotel aufzufuttern; daß ökologisch behauchte Schickis gern zum Edel-Bio-Türken gehen und sich dort mit „Grüß dich, Mehmet“ anbiedern.

Halsbrecherische Überleitungen

Wer, außer eben Max Goldt, wagt es schon, aus den Untiefen des täglichen Leben geschürfte Wahrheiten so gelassen auszusprechen: „Fast jeder, der in einer fremden Wohnung aufs Klo geht, macht das Badezimmerschränkchen auf und guckt, was drin ist.“ Und dann, diskret ins Naßraum-Detail gehend: „Resttröpfchengetränkte Klofußumpuschelungen sind nicht sehr hübsch.“

Goldt, der mit zuweilen halsbrecherischen Überleitungen durchs Gelände seiner Einfälle kurvt, hat ein feines Gespür für verschrobene Alltags-Komik. Von gängigen Meinungen läßt er sich dabei nie beirren. Und er schreibt gleichsam das intime Kollektiv-Tagebuch- seiner Generation mit: Wer, der heute so etwa zwischen 30 und 50 ist, hätte als Schüler denn etwa nicht die wöchentlichen Hitparaden („bis Rang 50″) in seine Schulhefte gepinnt? Aber kaum einer gibt‘s zu. Und bei folgenden Sätzen zu den tiefen Gräben von damals, ja, da weht einen doch das ganze Pennäler-Elend wieder an: „Ich war katholisch-Pelikan-Nesquick. Bei Kindern, die evangelisch-Geha-Kaba waren, roch es anders…“

Das Verhalten von lästigen Fetengästen weiß Goldt so trefflich zu skizzieren wie die gelangweilte Art des Personals in „Szene“-Kneipen. Die „Beschriftung der Bevölkerung“ (Texte auf Jacken und T-Shirts) entgeht ihm ebenso wenig wie der Witz am Warensortiment von Aldi. Wer je im ländlichen Schwaben war, wird vielleicht diese üble Übertreibung genießen: „Aus jedem Fenster blickt eine gute Hutzelantin mit kartoffelverdreckten Händen, die Arme auf ein Sofakissen gelagert. Im Hintergrund…ein Kanarienvogel oder sonst ein Zwitschikus…“

Wie man Deutsche in Paris erkennt

Gerade in Klischees stecken, wenn man sie so umstülpt wie Max Goldt, leuchtende Erkenntnisse. Was schwatzen die Leute denn schon im Internet? Mutmaßlich so etwas: „Was ist deine Levis-Größe? – 32/32 – Toll, ich habe auch 32/32, da können wir uns doch treffen, wenn du mal in Lüdenscheid bist.“

Und woran erkennt man deutsche Touristlnnen in Paris? Meistens „daran, daß sie sich um die Straßenmusikanten am Centre Pompidou scharen, mit dem Kopf wackeln und mit um den Po gebundenenPullovern ekstatisch tanzen… Die Deutschen müssen immer zeigen, wie unverkrampft sie sind, und ihre Ich-bin-die-Desirée-aus-Tübingen-und-habe-soviel-Körpergefühl-wie-der-gesamte-Senegal-Show abziehen.“ Ertappt!

Max Goldt: „Ä“. Kolumnen. 204 Seiten, 32 DM.




Wo man trinkt, da läßt sich’s dichten: „Wasser genügt nicht“ – Gasthausgedichte von Johannes Kühn

Von Bernd Berke

Seltsam, daß ein Ort, an dem so viel Freizeit hingebracht wird, nicht mehr poetische Texte hervorruft. Die Kneipe ist hierzulande nahezu dichtungsfreies Gelände.

Wo ist sie geblieben, die Tradition sinnenfroher Trinklieder? Ein Ire würde über derlei verbale Abstinenz nur den Kopf schütteln. Doch jetzt scheint endlich Abhilfe zu nahen: „Wasser genügt nicht“ nennt Johannes Kühn seinen Band mit Gasthausgedichten.

Kühn ist Stammgast in einem saarländischen Dorfausschank. Vom Ecktisch aus, den Stoß Papier vor sich, beobachtet der Lyriker das tägliche Treiben in diesem sozialen Biotop. Sein Gedichtband beginnt mit litaneihaften Einladungen des Wirtes, doch bitteschön an Tisch oder Tresen Platz zu nehmen. Ein therapeutisches Angebot mit pekuniären Triebkräften, denn verdienen will er auch, der gute Mann. Den Durst der Kundschaft würde er am liebsten herbeihexen:

„Seid ihr zu kurz gekommen / im Leben? Tretet ein bei mir! / Ich habe Gläser aus Kristall / mit langen Stielen. / Und was hineinkommt, das stammt / aus Weinbergen, / in die im Sommer / die rasenden Sonnentage springen, / die Trauben unter Blättern zu beglühn. / Sie blasen Flammen über jede Dolde.“

Zeilen von bezwingender Rhythmik und satter Sprachkraft, weit über den unmittelbaren Anlaß hinaus. Und es sind ja auch keine bloßen Kneipenlieder, sondern es ist der Blick auf die Welt aus besonderer Perspektive, gleichsam die optisch Brechung des großen Ganzen in jenem Glase, das vor dem Dichter steht. Denkt man an Oden von Friedrich Hölderlin, liegt man nicht so falsch. Den nämlich verehrt Kühn als Lehrmeister. Und in seinen allerbesten Momenten kommt er ihm nah.

Im Verlauf des Bandes wird das zuweilen komische, zumeist jedoch tragische Typen-Panoptikum vorgeführt, das sich im Wirtshaus einfindet. Wir hören von elend lauten Schwätzern, Sturzbetrunkenen, einsam vor sich hin sabbernden Gestalten. Manches gerinnt zur Genre-Szene wie auf alten Gemälden.

Ohne ein Wort Dialekt zu schreiben, vermittelt Kühn den anheimelnden, im Grunde aber stets etwas stumpfen und herb-säuerlichen Geschmack einer Region, die offenbar von wachsender Armut geprägt ist. Die Rest-Idylle dieses abgelegenen Winkels, in dem gelegentlich noch Schafhirten den Weg kreuzen, ist allzeit bedroht. Es ist, als seien manche Menschen, die hier auftauchen, die letzten ihrer Art, und als wolle der Dichter auch sie bewahren, indem er gegen das rasche Dahinschwinden von Natur, Geborgenheit und Heimat anschreibt. Angesichts gefällter Dorfbäume heißt es resignierend:

„Was brauchen wir? / Nur die Maschine, / die Sägemehl / zurückstanzt / zu einem Prachtbaum… Keinen Grashalm kann der Mensch bis heut erschaffen.“

Auch im Gasthaus entgeht man, allen Beschwörungen des Wirtes zum Trotz, nicht immer den Gedanken an die Ungastlichkeit der Welt. Und doch spendet die Kneipe als ein Ort der Zuflucht Hoffnung

„Zufrieden wird man nicht mit Morden, / doch mit Bier.“ Wie wahr, wie wahr.

Johannes Kühn: „Wasser genügt nicht“. Gasthausgedichte. Hanser Verlag. 132 S., 26 DM.

 




Marilyn Monroe und die Liaison mit dem Unglück – Neuer Deutungsversuch über ihre Ehe mit Arthur Miller

Von Bernd Berke

Es gibt diese exorbitanten Beziehungen, in denen Gefühlslagen ihrer Zeit in Liebesdingen zum Ausdruck kommen und dann von vielen, vielen Menschen nachgeträumt werden. Auch dann, wenn es eigentlich Alpträume sind. Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn, Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, John Lennon und Yoko Ono hatten solch beispielhafte Verhältnisse – oder auch Marilyn Monroe und Arthur Miller.

Aus exemplarischen Verbindungen zwischen berühmten Männern und Frauen bestreitet Rowohlt Berlin eine ganze Buchreihe. Jetzt ist Christa Maerkers Band zur Liaison Monroe/Miller erschienen.

Schon die Zeitgenossen, allen voran die Presse, sehen in der Verbindung zwischen dem Hollywood-Star und dem Dramatiker („Tod eines Handlungsreisenden“, „Hexenjagd“) eine geradezu mythische Qualität und bringen es auf die gemeine Formel: „Kopf heiratet Körper“. Die Autorin Christa Maerker sucht dies (wie so manche Biographen vor ihr) zu entkräften, wo sie nur kann. Sie schildert Marilyn Monroe als hypersensible junge Frau, die als Kind zwischen wechselnden Pflegeeltern und Heimen hin und her geschubst wurde.

Rilke-Lektüre in den Drehpausen

Ihr Vater hatte sich aus dem Staub gemacht, die Mutter war dauerhaft psychisch krank. Sarkastisch gesagt: Allerbeste Voraussetzungen für eine negative Muster-Biographie, für fortwährendes Unglück, das sich in der Ehe mit dem etwas unterbelichteten Ex-Baseballstar Joe DiMaggio Bahn bricht.

Die darstellerisch überaus begabte Marilyn (bürgerlich: Norma Jeane Mortenson), die sich völlig verwandelt, sobald sie nur in ein Kameraauge blickt, liest in den Drehpausen z. B. Rilke-Gedichte und straft damit das Klischee vom blonden Dummchen offenbar Lügen. Oder ist es nur ein Fall von verzweifelter Ambition, gar von Persönlichkeits-Spaltung? Im Gefolge der Psychologin Alice Miller entdeckt Christa Maerker in Marilyns Lebenslauf jedenfalls das „Drama des begabten Kindes“.

In Hollywood zählt vor allem Marilyns leiblich-weibliche Erscheinung. Dabei will sie eben kein Kurvenstar sein, sondern unbedingt ernsthafte Rollen spielen. Welch eine Schmach, daß ausgerechnet der sonst so stockseriöse Laurence Olivier sie beim ersten Augenschein ein „süßes kleines Ding“ nennt und sich sofort verknallt. Auch er also…

Der ideale Ersatzvater?

Sie sehnt sich danach, das Star-Gehabe abzulegen und – es sind die 50er Jahre – endlich für einen Mann kochen, putzen und waschen zu dürfen. All den Rollen-Zwiespalt bekämpft sie mit Alkohol, Tabletten, flüchtigen Liebschaften.

Geradezu magnetisch bewegen sich alsdann die Lebenslinien von Marilyn und Arthur Miller aufeinander zu. Miller schien, so befindet Christa Maerker, der ideale Ersatzvater für Marilyn zu sein, sie habe ihn „Daddy“ genannt. Freilich wird das frische Eheglück schon 1956 getrübt, weil (so die Deutung) beide „zu hoch geträumt“, weil sie zuviel Erlösung voneinander erwartet hätten. Bis 1962 quälen sich die zwei dahin, Marilyn tröstete sich mehr schlecht als recht mit Yves Montand, mit John F. Kennedy und anderen.

Vor lauter Liebe das Atmen vergessen

Christa Maerker kann gar nicht umhin, sich aus vorhandenem Material zu bedienen, zumal aus Millers Autobiographie „Zeitkurven“ und Donald Spotos Marilyn-Biographie. Man kann es ihr kaum verübeln, daß sie parteilich aus Frauenperspektive schreibt (im Zweifel immer für Marilyn) und Arthur Miller jede klitzekleine Verfehlung vorrechnet.

Gelegentlich stochert Frau Maerker etwas ratlos in den Quellen herum und kramt diverse psychologische Erklärungsmuster hervor, dann wieder gibt sie sich allwissend, als sei sie stets dabei gewesen. Über Marilyns erste Begegnung mit Miller schreibt sie: „Als Marilyn seine Hand berührt, vergißt sie zu atmen… Marilyn Monroe hält die Luft an, schüchtern, ängstlich, hoffnungsvoll und beseelt, und Arthur Miller stößt sie in einem Erleichterungsseufzer aus.“

Trotz Solcher Schwächen versteht es Christa Maerker, das Interesse an ihrer Darstellung wachzuhalten. Kein Wunder. Von vielfältig schillernden Phänomenen wie Marilyn Monroe wird man noch sehr lange reden und raunen.

Christa Maerker: Marilyn Monroe / Arthur Miller (Reihe „Paare“). Illustriert mit Schwarzweiß-Fotos. Rowohlt Berlin. 186 Seiten, 34 DM.




Nicht als Sau geboren, sondern zur Sau gemacht – Marie Darrieussecq und ihr erstaunliches Roman-Debüt „Schweinerei“

Von Bernd Berke

Wie schreibt man Bestseller? Schwer zu sagen. Aber ein Grundrezept scheint es zu geben: Man habe eine markante Idee, die sich auf dem Markt der Möglichkeiten behauptet. Sodann verbeiße man sich in den Einfall und treibe ihn auf die Spitze.

In Patrick Süskinds „Das Parfüm“ taugte das feine Geruchsempfinden der Hauptperson als besonderes Markenzeichen, in Sten Nadolnys „Die Entdeckung der Langsamkeit“ die besondere Zeit-Erfahrung des Heiden – und bei Marie Darrieussecq ist es nun eine junge Frau, die sich in ein Schwein verwandelt. Figuren, die man sich ein für allemal merkt.

Die namenlose Ich-Erzählerin des Romans „Schweinerei“ ist anfangs so attraktiv, daß es die meisten Männer mit ihr treiben wollen. Überall stellen ihr schmierige Typen nach: in der Metro, vor der Kabine im Schwimmbad und am Arbeitsplatz. Aus Not hat sie jenen Job bei einer Kosmetikfirma angenommen. Für einen Hungerlohn (gezahlt in Euros, denn man schreibt das Jahr 1999) ist sie dort im Hinterzimmer der vorwiegend perversen männlichen Kundschaft zu Willen.

Sie ist also sozusagen von lauter maskulinen Ferkeln umstellt, die sie zur Sau machen und mutiert allmählich wirklich zum Schwein, so als wüchse sich ihre verzweifelte Opferrolle zur Groteske aus. Es ist wie ein stummer, drastischer Protest: Zuerst wird ihre Haut seltsam rosig, dann wird sie immer fetter, bekommt Borsten und grunzt.

Mörderische Diktatur der Tierhasser

Immer gebieterischer meldet sich sodann die Lust auf Trüffel und rohe Kartoffeln, es wachsen Zitzen statt der Brüste – und schließlich wird ihr sauwohl zumute, wenn sie sich im Schlamm suhlt. Menschliche und tierische Empfindungen mischen sich qualvoll. Doch solche Zwischenzustände scheinen – in unmenschlichen Zeiten – am Ende auch eine Perspektive des Überdauerns zu eröffnen.

Die Metamorphose schützt allerdings nicht völlig vor der gierigen Männerwelt: Auch mit dieser „Miss Piggy“ wollen manche Herren ihr schmutziges Vergnügen haben. Und dann bricht auch noch eine fürchterliche Diktatur der Tier- und Naturhasser aus, deren Schergen die Silvesternacht aufs Jahr 2000 mit blutigen Sex- und Ekel-Orgien begehen. Ein bißchen Orwell, ein bißchen Marquis de Sade. Apokalypse allenthalben.

Marie Darrieussecq (geboren 1969), deren Romanerstling 1996 in Frankreich der Millionenerfolg war, schlägt sofort jenes stets etwas gehetzt wirkende Erzähltempo an, das sie bis zum Schluß durchhält. Sie wechselt nie den Gang, fährt geradeaus und in Kurven immer gleich schnell.

Ein machtvoller Mitteilungsdrang wird hier spürbar, ein sprachlicher Sog, der vielleicht kommende literarische Großtaten ankündigt. Doch diesmal braucht die Autorin noch viel zu viele Worte, um nur ja all die Einzelheiten des körperlichen Wandels ihrer Anti-Heldin zu beglaubigen. Überdies hat sie Mühe, solche Äußerlichkeiten mit inneren Vorgängen zu verknüpfen.

Die Hauptfigur ist naiv und damit immun gegen so manche Zumutung. Noch die viehischsten Taten nimmt sie achselzuckend zur Kenntnis. Als sie sieht, wie eine andere Frau nach einer massenhaften Vergewaltigung hingerichtet wird, heißt es über den Mörder lapidar: „Da war ich doch enttäuscht von ihm.“ Hinter solchen Bemerkungen verbirgt sich bodenlose Bitterkeit über eine Welt, die immerzu aus Tätern und Opfern besteht.

Marie Darrieussecq: „Schweinerei“. Roman. Übersetzt von Frank Heibert. Carl Hanser Verlag, 151 Seiten. 34 DM.




Damit die Erinnerung nicht erstarrt – Wilhelm Genazinos Prosaband „Das Licht brennt ein Loch in den Tag“

Von Bernd Berke

Alles, was einem geschehen ist, erstarrt allmählich in der Erinnerung. Ein vages Vorzeichen des Todes. Gibt es ein Entkommen? Wilhelm Genazinos famoser Prosaband „Das Licht brennt ein Loch in den Tag“ begibt sich auf die Suche nach dem Fluchtweg.

Durchaus rätselhaft erscheint dem literarischen „Ich“ die Welt. Es beklagt seine „Verlegenheit vor dem Leben“. Auch seinen Erinnerungen traut dieser Mann nicht. Also schreibt er Briefe an offenbar ferne Freunde und Freundinnen – stets verbunden mit der Bitte, den Verfasser eines Tages, falls nötig, an frühere Vorlieben, Gewohnheiten und kleine Obsessionen zu erinnern.

Ein solches weitverstreutes „Erinnerungsdepot“ könnte vielleicht Halt bieten. Denn dieser Ängstliche, der seine Briefe nur mit ,„W.“ unterzeichnet, mag sich andererseits nicht abfinden mit dem bloß archivarischen Gedächtnis. Er notiert als Gegenmittel: „Es genügt, das innere Fortsprechen der Ereignisse ernst zu nehmen und ihm zu folgen.“

Und also streunt er, scheinbar ziellos, durch seine Erinnerungen, wo er etwa Kindheits-Lieblingsworte wie „Pauspapier“ vorfindet Und er flaniert als anonymer Beobachter durch die Stadt. Sein schweifender Blick registriert, vornehmlich in Restaurants und auf Bahnfahrten, zumeist unscheinbare, aus seiner Sicht aber befremdliche Szenen aus dem Dasein der anderen: den Angestellten, dessen Attaché-Koffer in der Bahn aufspringt und den peinlichen Blick auf lachhaftes Spielzeug freigibt; die Hure, die mit eiskalter Routine ihre grotesk gestaffelte Preisliste herunterrattert; den Arbeitslosen, der in der City Kindertrompeten feilbietet; das tagsüber verkrustende Butterbrot, das den Geist einer ganzen Ehe versinnbildlicht. Und dies sind nur die faßbarsten Vorfälle.

Eine ganz eigentümliche Chemie der gemischten Empfindungen und Zwischen-Zustände kommt in den 115 Kurzkapiteln zustande, oft melancholisch grundiert und der Verzweiflung zugeneigt, aber kleinste Zeichen der Hoffnung aufsuchend. Und die liegen am Ende wohl gar nicht in der peinvollen Erinnerung, sondern im Trost des Vergessens, im „bildlosen Abschied“, wie es einmal heißt.

Das Außerordentliche an Genazinos Prosa: Sie erfaßt all die flüchtigen Vorgänge amSaum zwischen Wirklichkeit und Wahn, an der Grenze zum Unsagbaren in einer staunenswert unaufwendigen Sprache. So rätselhaft die Inhalte sein mögen, so wundervoll leicht ist dieses Buch doch zu lesen. Und diese lakonische, aber feinstens tarierte Sprache führt keinerlei Thesen, Beweise oder auch nur Meinungen mit sich, sondern nur banges Staunen und Fragen. In dieser unaufdringlichen, aber höchst eindringlichen Art ist das heute von kaum einem anderen Autor zu erwarten.

Wilhelm Genazino: «Das Licht brennt ein Loch in den Tag“. Prosa. Rowohlt-Verlag, 126 Seiten. 32 DM.




Konsalik, die Droge und der Fremdenhaß – zum Roman „Die Ecstasy-Affäre“

Von Bernd Berke

„Haben Sie schon mal einen Konsalik gelesen?“ fragte kürzlich süffisant die Frankfurter Allgemeine Zeitung, als es um den Streit über geplante WDR-Verfilmungen einiger Bestsellerromane ging. „Faschistoid“ lautet ein gängiger Vorwurf gegen den Fließbandschreiber Heinz G. Konsalik, dessen rund 150 Bücher schlankweg als trivial gelten. Was ist dran? Um das festzustellen, muß man ihn eben doch lesen. Zum Beispiel sein neues Produkt „Die Ecstasy-Affäre“.

Ecstasy also. Der Routinier Konsalik greift ein aktuelles, mutmaßlich medienwirksames Thema auf. Mit 75 Jahren wohl nicht der ideale Gewährsmann für diese Materie, schildert er die Glücks- und Ausdauer-Droge, die bei durchtanzten Nächten der Techno-Szene modisch wurde, als Ausgeburt schierer Dämonie. An diesen Pillen, so muß man hernach meinen, wird „unser ganzes anständiges Deutschland“ schändlich zugrunde gehen.

Gymnasiast lernt Bardame kennen

Konsalik zimmert sich eine hanebüchene Geschichte zurecht: Der pianistisch begabte, aber äußerst schüchterne Münchner Gymnasiast Robert Habicht (18) begegnet im Freibad der bildschönen Ulrike Sperling (33). Es kommt bald, wie es bei diesen Namen kommen muß: Habicht und Sperling vögeln, was das Zeug hält. Ulrike erweist sich als Bardame. die sich noch dazu als Chefin eines Ecstasy-Händlernetzes anheuern läßt, den armen Robert als Dealer einspannt und ihm vor gemeinsamen Bettspielen die mörderischen Aufputschpillen yerabreicht…

Dabei will der brave Junge Ulrike nur aus dem Bordell-Milieu retten, kommt er doch aus einer guten deutschen Familie: Vater bayerischer Regierungsrat und Briefmarkensammler, Mutter brave Hausfrau. Fassade, Fassade. Mit äußerst begrenzten Stilmitteln sucht Konsalik nun die Hölle zu entfesseln: Eine vietnamesische Mafia bemächtigt sich der gesamten Ecstasy-Infrastruktur, nachdem sie die polnische Konkurrenz bestialisch liquidiert hat. Dagegen, so Konsalik, seien selbst die deutschen Kriminellen nur arme Würstchen – ganz zu schweigen von der Polizei.

Um Logik und glaubhafte Charaktere schert sich Konsalik wenig. Es ist geradezu lachhaft, wie sich hier – oft von einer Buchseite zur anderen – die Leute wandeln, weil es dem Autor gerade in den Kram paßt. Er verteilt seine An- und Absichten mit der Zufalls-Gießkanne auf die Personen.

Erschöpfung nach der Botschaft

Es geht ihm ja auch offenbar um etwas anderes: Ecstasy dient lediglich als Anlaß, einen starken Staat zu fordern, der sich entschieden gegen „die“ Ausländer wehrt, die hier niemals als Normalbürger, sondern ausschließlich als Mafiosi jedweder Nation auftreten. Um seine Meinung (oder soll man sagen: seine paranoiden Ängste?) in die Handlung einzuschleusen, denkt sich Konsalik einen Kommissar namens Reiber aus, den er – mehr oder weniger geschickt – als Sympathieträger einführt und den er dann öffentliche Vorträge halten läßt.

Dieser Reiber zieht heftig gegen fremdländische Elemente, vom Leder und unterstellt der Politik pauschal, sie „streichele“ die Ausländer nur. Die ganze Hetze reicht mühelos für die Lufthoheit über den Stammtischen. „Faschistoid“? Wahrscheinlich bloß noch eine Definitionsfrage.

Daß bei den Tiraden einiges wirr durcheinander gerät, daß er Kriminalitäts-Statistiken gewaltsam zurechtbiegen muß, versteht sich fast von selbst. Nachdem Konsalik den Lesern immer und immer wieder eingehämmert hat, woran die deutsche Nation kranke, scheint er freilich zusehends das Interesse an seiner Story zu verlieren. Nach und nach läßt er fast alle Hauptpersonen umkommen und führt die ganze Affäre lieblos zu Ende. Seine „Botschaft“ hat er ja bereits dutzendfach ausposaunt.

Heinz G. Konsalik: „Die Ecstasy-Affäre“. Roman. Lübbe-Verlag. 477 Seiten. 39,80 DM.




„Mit Normen lässt sich Sprache nicht lenken“ – Gespräch mit Martin Walser, nicht nur über die Rechtschreibreform

Von Bernd Berke

Dortmund. Mit seinem Roman „Finks Krieg“ hat Martin Walser (69) tiefen Einblick ins Innenleben eines Ministerialbeamten gegeben, der im Zuge eines Regierungswechsels auf einen minderen Posten abgeschoben wird. Dieser Fink, einer wirklichen Person nachgebildet, aber literarisch zur Kenntlichkeit gebracht, wird zum angstgepeinigten Kämpfer für sein Recht. Walser stellte das bei Suhrkamp erschienene Buch jetzt mit einer Lesung im Dortmunder Harenberg City-Center vor. Dort traf ihn die Westfälische Rundschau zum Gespräch.

Sie haben die vor wenigen Tagen publizierte „Frankfurter Erklärung“ mitunterzeichnet, einen entschiedenen Protest vieler Autoren gegen die Rechtschreibreform. Kommt das nicht zu spät?

Martin Walser: Ich hatte immer mein Leid mit dem Duden und mußte mich immer gegen Lektoren durchsetzen, die unter Duden-Diktat meine Manuskripte korrigiert haben. Mit nachlassender Energie habe ich immer auf meinen Schreibungen beharrt.

Nennen Sie uns ein Beispiel?

Walser: Mein Paradebeispiel ist „eine Zeitlang“. Ich hab‘ stets „eine Zeit lang“ in zwei Wörtern geschrieben. Der Duden verlangt es in einem Wort, was ja völlig unsinnig ist. Es stimmt weder historisch noch rational. Nach der neuen Rechtschreibung dürfte ich’s auseinander schreiben. Das ist für mich ein Fortschritt. Nur: Es ist eine autoritär ausgestattete Reform. Sie behebt einige Idiotien und installiert dafür andere. „Rau“ ohne „h“, da möcht‘ ich mal wissen, wer sich das ausgedacht hat…

Und wieso erheben Sie erst jetzt Einspruch?

Walser: Nun, weil Friedrich Denk (Deutschlehrer und Literatur-Veranstalter in Weilheim, d. Red.), der die Sache angeregt hat, mich jetzt befragt hat. Ich selbst hätte gedacht: Na, schön. Das ist gut, das ist blödsinnig – und hätte es dabei belassen. Weil ich sowieso nicht praktiziere, was im Duden steht. Schauen Sie: In meinem Roman „Brandung“ steht die Wortfolge „zusammenstürzender Kristallpalast“. Das müßte ich in Zukunft auseinander schreiben: „zusammen stürzender“.

Eine Sinnverfälschung?

Walser: So ist es. Hoffentlich sehen die Leute nun, daß solche Sprachnormen relativ sind. Vielleicht bildet sich gerade dann ein bißchen mehr Freiheit gegenüber den Regeln. Denn Sprache ist doch Natur – und sie ist Geschichte. Beides läßt sich nicht mit Normen lenken. Ich schreibe ja mit der Hand, folge einem rein akustischen Diktat in meinem Kopf. Wenn ich das nachher lese: Das ist so unorthographisch, so grotesk. Wenn ich Ihnen das zeigen würde, würden Sie sagen: „Das ist ein Analphabet.“ V und F geht da durcheinander wie „Fogel und Visch“. Schreibend ist man eben nicht auf Duden-Niveau.

Mal abgesehen von der Rechtschreib-Debatte: Ansonsten hat sich – Stichwort: Deutsche Einheit, die Sie früh und vehement befürwortet haben – die Aufregung um Sie ein wenig gelegt.

Walser: Zum Glück. Aber ich krieg‘ immer noch genug ab. Ein Rezensent hat geschrieben, er höre in „Finks Krieg“, in der politischen Tendenz „Marschmusik“. Seit der Diskussion um die Einheit haben die mich in diese Richtung geschickt, diese Arschlöcher! Der Peter Glotz empfindet in meinem Roman „dumpf-deutsche Fieberphantasien“. Ein anderer hat sinngemäß geschrieben: „Der Walser hat sich vom linken Kämpfer zum CSU-Festredner der deutschen Einheit entwickelt.“ Und das in einer Buchbesprechung.

Worte, die sich in Sie hineinfressen?

Walser: Ja, ja, ja. Ich wandere geistig aus d i e s e r Art von Gesellschaft aus. Ich will damit nichts zu tun haben, mit diesen Einteilungen – links, rechts. Mein Hausspruch lautet: „Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr.“ In mir hat mehr als eine Meinung Platz. Ich hab‘ in den 70er Jahren erfahren, wie die Konservativen mit mir umgegangen sind. Damals hieß es: „Du bist ein Kommunist.“ Jetzt weiß ich, wie die Linken mit Andersdenkenden umgehen. Es ist noch verletzender. Und ich meine nach wie vor: Das größte politische Glück, das die Deutschen in diesem Jahrhundert hatten, ist diese Einheit. Die Misere steht auf einem anderen Blatt, aber sie hat Aussicht auf Behebung. Die Misere vorher war aussichtslos.

Und „Finks Krieg“, ist das der Roman über unsere politische Klasse?

Walser: Für mich ist es der Roman über einen leidenden Menschen. Übrigens war die Vorarbeit sehr quälend. Ich habe zwei volle Jahre Material studiert. Furchtbar. Immer nur notieren ist entsetzlich. Ein unguter Zwang. Ich bin auch nicht ganz gesund geblieben dabei. Ich habe manchmal gedacht: Vielleicht hört es überhaupt nicht mehr auf, vielleicht wirst du nie Herr des Verfahrens, vielleicht bist du nie imstande, frei zu schreiben. Mein neues Projekt hat deswegen gar nichts mehr mit Quellen und Recherchen zu tun. Es wird ein Buch über meine Kindheit – so, wie sie mir heute vorkommen möchte.




„Der Mensch ist niemals ganz zufrieden“ – Gespräch mit Gabriele Wohmann

Von Bernd Berke

Frankfurt. Seit Jahrzehnten zählt Gabriele Wohmann zu den etablierten Autorinnen. Die Mittvierzigerin Sue ist Hauptperson ihres neuen Romans „Das Handicap“ (Piper Verlag). Durch einen Treppensturz verliert sie die Sehkraft und muß sich in ihrer häuslichen Welt einrichten. Als sie durch besondere Umstände das Augenlicht wiedererlangt, betrachtet sie ihr Leben mit hellsichtigem Argwohn. Ein Gespräch mit Gabriele Wohmann auf der Buchmesse.

Wie sind Sie an Ihr Thema geraten?

Gabriele Wohmann: Es gab keinen biographischen Anlaß. Niemand, den ich kenne, ist von der Treppe gefallen. Wie man zu Themen kommt, sollte man sich als Autor wohl gar nicht fragen, sonst kommt man vielleicht zu gar keinem mehr.

„Die Summe des Elends ist immer gleich.“ Dieser Satz fällt, als Sue ihre Blindheit überwunden hat.

Wohmann: Der Mensch ist so. Ein Übel ist weg, aber sofort stellt man sich um und ist schon wieder nicht mehr ganz und gar zufrieden, weil jetzt etwas anderes nicht stimmt. Das erlebt man im Alltag dauernd.

„Freuden erschrecken auch“, schreiben Sie.

Wohmann: Ja, weil sich herausstellt, daß Sues Ehemann, ihr Fels in der Brandung, doch ins Wanken geraten ist und sie vielleicht betrogen hat.

Sie schildern Schwebezustände: die erste Verliebtheit, dann schon das Abflauen der Zuneigung. Gibt es dazwischen nichts, keine Erfüllung?

Wohmann: Ich hab‘ gern die kleinen Dramen, die sich im Kopf abspielen, wo die Phantasie viel Schöneres erbringt, als die Wirklichkeit es vermöchte. Mit „Erfüllung“ kann ich wenig anfangen, es führt zum Kitsch. Verliebtheit ist toll. Aber dann wird es immer prekär. Gewohnheiten, Kompromisse, Besitz-Verhalten…

Ihr Buch spielt in einer Sphäre, die weitgehend sorgenfrei sein könnte.

Wohmann: In den „besseren Verhältnissen“ kenne ich mich auch besser aus. Statt der materiellen stellen sich dort seelische Sorgen ein. Die interessieren mich am meisten.

Sind Sie eher eine Autorin für Frauen?

Wohmann: Ach, ich wäre ja dumm, wenn ich sagen würde, ich schreibe fiir die oder für den. Aber das Belletristik-Publikum scheint überwiegend weiblich zu sein. Die meisten Männer lesen offenbar lieber Sachbücher – oder Wälzer mit furchtbar viel Action.

Von „Action“ kann in Ihrem Roman keine Rede sein.

Wohmann: Ich zitiere Schiller: „Es geschieht viel, indem nichts geschieht.“ Das kann besonders spannend sein.

Sie erwähnen Alfred Hitchcock und Patricia Highsmith, Sie geben Sues Schwester den Hitchcock-Namen „Marnie“. Neigen Sie zum Psychothriller?

Wohmann: Als Leserin ja, als Autorin nein. Ich schweife zu sehr ab. Ich lege mich nicht gern auf Konstruktionen fest, die man für Thriller braucht.

Man hat Sie als „Vielschreiberin“ bezeichnet.

Wohmann: Idiotischerweise zieht es in Deutschland einen schlechten Ruf nach sich, wenn jemand viel schreibt. In angelsächsischen Ländern denkt man sich nichts dabei. Wer schreibt, ist doch heilfroh, wenn ihm noch viel einfällt. Aber hier wird immer gewartet auf die Schreibkrise und die Krämpfe. Ich finde das albern und schrecklich.

Von vielen Kritikern werden Sie heute ignoriert.

Wohmann: Stimmt. Das hat mit dem „Vielschreiben“ zu tun. Da sagt sich wohl mancher: Naja, schon wieder ’ne Wohmann. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde: „Das ärgert mich nicht.“ Es hat den Beigeschmack von „Bist du vielleicht schon tot?“ Aber ich bin’s ja nicht. (Lachend) Außerdem wird die Kritik vergessen sein, und ich werde vielleicht ein bißchen Nachwelt haben, verdammt nochmal!




„Es gibt auch frommes und notwendiges Verschweigen“ – Gespräch mit Hellmuth Karasek

Von Bernd Berke

Frankfurt. Der Kritiker Hellmuth Karasek, Mitstreiter von Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler beim „Literarischen Quartett“, zählt durch seine TV-Auftritte zur kulturellen Hoch-Prominenz. Sein neues Buch „Go West!“ (Hoffmann & Campe Verlag) zeichnet ein Bild der 50er Jahre, anhand der eigenen Lebensgeschichte. Die WR sprach mit Karasek auf der Frankfurter Buchmesse.

Herr Karasek, warum hören Sie beim „Spiegel“ auf?

Hellmuth Karasek: Dazu nur soviel. Der „Spiegel“ hat es einerseits ganz gern gesehen, daß ich auf vielen Hochzeiten tanze, weil das auch Werbung für ihn war, andererseits höchst ungern, weil das ein schlechtes Beispiel für eine strikte Kompanie von Journalisten gewesen ist.

Sie planen eine neue Fernseh-Talkshow?

Karasek: Ja, es ist ein Projekt für die ARD. Eine Versuchs-Folge soll in diesem Monat aufgenommen werden. Dann muß die Sache durch die Gremien hindurch.

Noch ein Literatur-Talk?

Karasek: Nein, es geht um gesellschaftliche Fragen. Thema der Pilot-Sendung ist der Zwang zur Öffentlichkeit, das Privatleben, das in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Auslöser war, daß Joschka Fischer plötzlich überall zu seiner Ehekrise befragt wurde, was ja mit seinem politischen Leben bei den Grünen nichts zu tun hat. Aber eigentlich ist es noch verfrüht, über dieses Vorhaben zu reden.

Falls diese Sendung in Serie ginge, müßten Sie dann beim „Literarischen Quartett“ kürzer treten?

Karasek: Nein. Das ginge wie gewohnt weiter.

Und die vielbeschworene Tennis-Serie, die Sie fürs Fernsehen schreiben wollten?

Karasek: Ich glaube, das wird wohl in diesem Leben nichts mehr. Der verantwortliche Hauptabteilungsleiter beim ZDF hat gewechselt, und der Nachfolger hat allzu einschneidende Veränderungen verlangt.

Zu Ihrem neuen Buch. Warum gerade jetzt eine Abhandlung über die 50er Jahre?

Karasek: Nun, das Buch ist ziemlich spontan entstanden. Ich habe aber das Gefühl, daß sich derzeit wieder eine ähnliche Zeitstimmung einstellt wie damals. Ich habe mir seit den 70er Jahren Erinnerungen an die 50er in Kladden notiert. Indem man diese Epoche beschreibt, kann man auch zeigen, was sich bis heute in Deutschland zementiert hat. Und manches kehrt seltsam wieder. Aids hat zum Beispiel einen großen Prüderie-Schub ausgelöst, nicht im Verbalen, aber die Promiskuität ist doch weitgehend vorbei. Man muß ja auch sehen, daß die Jahre nach 1968 eine Zeit der brutalen Wahrheiten waren. Inzwischen wissen wir wieder, daß es auch frommes und notwendiges Verschweigen gibt. Allerdings: Ich und andere haben die 50er erst im Lichte der Studentenproteste von 1968 verstanden.

So richtig populär sind Sie ja erst durchs „Literarische Quartett“ geworden.

Karasek: Schon richtig. Aber Marcel Reich-Ranicki ist noch bekannter.

Ja, den kann man ein paar Messestände weiter als Gummifigur kaufen.

Karasek: Richtig, ich habe die Figur sogar zu Hause auf dem Schreibtisch stehen (lacht) … damit ich ihn nicht vergesse. Aber im Ernst: Ich bin gerade heute um fünf Uhr morgens mit schlechtem Gewissen aufgewacht, weil ich noch zwei Bücher fürs „Quartett“ zu lesen habe. Ein schreckliches Gefühl, denn die Sendung naht.

Und was halten Sie von dem häufigen Vorwurf, daß es beim „Quartett“ eigentlich gar nicht mehr um Literatur geht?

Karasek: Also, eins steht fest: Wir lesen wie die Ackergäule. Mir geht es sehr um Literatur. Daß es nachher auch Behauptungs-Kämpfe gibt, mag sein. Aber Literatur war immer auch ein Streitgegenstand. Ich vergleiche das Quartett gern mit einem Caféhaus. Diese Institution hat viel für die Literatur bewirkt.

Ist die Sendung eigentlich in anderer Besetzung vorstellbar?

Karasek: Wissen Sie, wir sind ja nicht unsterblich. Reich-Ranicki ist 76, und er wird bestimmt irgendwann keine Lust mehr haben. Aber das nächste Jahr halten wir sicherlich noch durch.

Verstehen Sie die Autoren, die darüber klagen, daß Sie als Kritiker ungleich bekannter sind?

Karasek: Manche nehmen es einem richtig übel. Irgendwie verstehe ich das. Der Kritiker Alfred Kerr hat einmal sinngemäß gesagt: Dieses schlechte Theaterstück ist ein schöner Anlaß für meine brillante Rezension. Daraus spricht die typische Hybris, die Selbstüberschätzung der Kritik. Ich gebe zu: Mir ist dabei nicht ganz wohl.




Sündenfall eines liberalen US-Bürgers – T. C. Boyles Roman „América“

Von Bernd Berke

Delaney Mossbacher ist ein liberaler, durch und durch toleranter Amerikaner. Rassismus? Nein, Gott bewahre! Alle Menschen haben doch gleiche Rechte. Ausgerechnet diesem Wohlmeinenden passiert es, daß er mit dem Auto einen illegal über die US-Grenze gekommenen Mexikaner schwer verletzt. Es ist wie der erste Sündenfall.

Mit verdammt schlechtem Gewissen drückt Delaney dem blutenden Menschen 20 Dollar in die Hand, überläßt ihn seinem Schicksal und fährt heim. So beginnt T. Coraghessan Boyles erschütternder Sozial-Roman „América“.

Natürlich hat es mit dem hochnotpeinlichen „Freikaufen“ von der Verantwortung nicht sein Bewenden. Cándido, der verletzte Mexikaner, und seine Landsleute werden Delaney immer wieder begegnen wie ein Fluch.

Man könnte es Klassenkampf nennen

Nach dem Unfall wankt Cándido mit letzter Kraft ins Dickicht abseits des Highway bei Los Angeles. Dort haust er mit seiner schwangeren Frau América, die er in die USA mitgenommen hat, weil doch dort jeder sein Glück schmieden könne. Und nun vegetieren die beiden unfaßbar ärmlich dahin. Als „Illegale“ bekommen sie höchstens Tagelöhner-Arbeit – geschweige denn eine Wohnung. Jederzeit droht die Abschiebung. Also wird Cándido wohl kaum zur Polizei gehen, um den Unfall anzuzeigen. Er traut sich nicht einmal in die Klinik.

Boyle erzählt die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive Delaneys und Cándidos. Drastisch setzt er die Kontraste zwischen Wohlstand und elendem Obdachlosen-Dasein. Auf den Überlebenskampf Cándidos und América folgen stets Szenen aus dem vollklimatisierten, nur von seelischen Wehwehchen getrübten Leben der Mossbachers. Doch Boyle ist teuflisch genug, um dafür zu sorgen, daß man sich auch in Delaneys Haltungen einfühlt. Da gerät man in einen Zwiespalt, man wird hin- und hergerissen zwischen Mitleid und Kaltschnäuzigkeit.

Und dann schürt der Autor vollends das Inferno: Mit allen, auch mit holzschnittartigen Mitteln befeuert er den Konflikt zwischen reicher und armer Sphäre. Klassenkampf? So könnte man es tatsächlich nennen.

Hohe Mauer gegen alle Fremden

Unscheinbarer Keim des Übels: Koyoten fallen ins abgelegene Villenviertel ein und zerfetzen Delaneys Hunde. Dieser Vorgang wächst sich zum Inbild der Bedrohung aus i und verknüpft sich im Bewußtsein der Betuchten fatal mit dem „Einsickern“ zigtausender verzweifelter Mexikaner nach Kalifornien.

Bald macht sich unter den Begüterten eine Bürgerwehr-Stimmung breit. Man stemmt sich gegen alles Fremde: Zuerst werden Zäune um die Häuser gezogen, dann wird ein bewachtes Tor aufgestellt und schließlich eine hohe Mauer errichtet. Ein Frontbericht.

Delaney wehrt sich zunächst gegen die Verbarrikadierung. Im Kopf bleibt er lange Zeit liberal, aber im Bauch rumort es. Wenn er, der beruflich eine Öko-Kolumne verfaßt, nur an die Umweltverschmutzung denkt, die die im Wald campierenden Mexikaner anrichten! Nach und nach steigert er sich in den fürchterlichen Gedanken hinein: Gegen Einwanderer anzugehen, das bedeute letztlich Umweltschutz. Delaneys Frau, eine Immobilienmaklerin, hat ja eh schon immer vorm Preisverfall der Villen gewarnt, falls zu viele Fremdlinge in der Gegend auftauchen. Vorbei ist’s mit dem liberalen Denken.

Ein Roman, an dessen brisantes Themenspektrum sich in dieser Deutlichkeit bei uns derzeit kaum ein Autor herantraut. Manches ist auf dem Reißbrett konstruiert und umstandslos im Klartext ausfabuliert. Da bleiben kaum Rätsel übrig. Aber wer wollte bei diesem Thema auch noch mit subtilen Anspielungen aufwarten?

T. C. Boyle: „América“. Roman. Carl Hanser Verlag, 389 Seiten, 45 DM.

 




All der furchtbare Kleinkram des Lebens – Marlene Streeruwitz‘ Roman „Verführungen“

Von Bernd Berke

Eine unerbittliche Beobachterin schleichend katastrophaler Verhältnisse zumal zwischen den Geschlechtern ist Marlene Streeruwitz. In Theaterstücken wie „Waikiki Beach“ und „Sloane Square“ hat die österreichische Autorin dies auf beunruhigende Art bewiesen. Nun gibt es ihren Roman „Verführungen“. Und der ist nicht nur stilistisch ein Ereignis.

Typisches Zitat: „Der Tierarzt bestand nicht mehr auf Einschläfern. Frau Sprecher war glücklich. Der Kater hatte Leberkrebs. – Die Kinder hatten Osterferien. Hélène hatte nicht frei. Ihre Schwester wollte Barbara ins Waldviertel mitnehmen. Zu Bekannten. Mit Kindern. Auf einen Bauernhof.“

Stakkato aus atemlosen Sätzen

In einem solchen Stakkato äußerst knapper, atemloser Sätze oder Satzfetzen ist praktisch der ganze Roman verfaßt. Was auf den ersten Seiten noch gewöhnungsbedürftig ist oder gar etwas unbeholfen wirken mag, erweist sich mit wachsender Lesestrecke als angemessenes Kunstmittel. Denn Marlene Streeruwitz schildert den allmählich zerbröselnden Alltag einer alleinerziehenden Frau mit zwei Töchtern. Diese Wienerin namens Hélène gerät tatsächlich zusehends außer Atem. Und sie erleidet ihr Unglück wie in gestochen scharfen Einzelbildern und Nahaufnahmen.

Der ganze Kleinkram ihres Lebens türmt sich angsterregend auf. Einzelteile des anschwellenden Unglücks: Der ziemlich miese „Mädchen-für-alles“-Job in einem etwas zwielichtigen Werbebüro, das sich für obskure Heilmittel stark macht. Der ständige Ärger mit dem Macho-Chef, mit der fiesen Schwiegermutter. Die unabweisbaren Bedürfnisse der Kinder. Die daraus entspringende Zeitnot. Die Erinnerungen an den Vater, der Hélène geschlagen hat. Das nur noch haßerfüllte Verhältnis zum Ehemann, der Hélène verlassen hat und keinen Schilling herausrücken will. Die finanzielle Bedrängnis.

Ein angeblicher Pianist als Phantom

Und schließlich Helenes Sehnsucht nach Geborgenheit. Von Zeit zu Zeit trifft sich sich mit einem Schweden, angeblich Pianist mit Tournee-Verpflichtungen (den sie aber nie am Klavier zu Gesicht bekommt), der von großer Liebe redet, sich ihr freilich immer wieder wochenlang ins Unerreichbare entzieht, plötzlich doch wieder fordernd auf der Türschwelle steht und dann erneut nach Italien abtaucht. Ein Phantom.

All diese Verletzungen nimmt der Roman mit gnadenloser Präzision unter die Lupe, er zeigt sozusagen jeden Haarriss. So wird ein vermeintlich „gewöhnliches“ Leben buchstäblich bemerkenswert.

Die Menetekel mehren sich

Was der Handlung zudem Spannung verleiht: Es kommt, kaum unterbrochen von seltenen Glücksaufwallungen, eine immer bedrohlichere Stimmung auf; es mehren sich die Menetekel: Helenes Freundin kollabiert im Tablettenrausch, Ex-Ehemann Gregor entwickelt gefährlichen Jähzorn. Mal denkt die so vielfach heimgesuchte Hélène an Selbstmord, dann hegt sie nach außen gerichtete Gewalt-Phantasien. Auch dies – neben der sexuellen Lust – meint der Titel „Verführungen“.

Es herrscht in dem Buch eine ungeheure, stets sprungbereite Wachsamkeit gegen kleinste Anzeichen männlicher Machtausübung. Doch zum einen sind diese Passagen oft mit erschreckender Folgerichtigkeit entwickelt, und zum anderen gelangt Marlene Streeruwitz weit über begrenzt feministische Positionen hinaus. Sie spricht vom Glück, das allen Menschen zusteht.

Marlene Streeruwitz: „Verführungen“. Roman. Suhrkamp-Verlag. 295 Seiten. 38 DM.




Im Gewimmel der Ideen funkelt die Lebensweisheit – Bisher unveröffentlichte Texte von Jean Paul

Von Bernd Berke

Welch ein literarischer Schatzfund! Mit dem „Ideen-Gewimmel“ aus dem Nachlaß des Goethe-Zeitgenossen Jean Paul Friedrich Richter (1763-1825) wird dieser große Romanautor („Titan“, „Die unsichtbare Loge“. „Flegeljahre“), 171 Jahre nach seinem Tod, endlich auch als wortmächtiger Aphoristiker sichtbar.

Außer Georg Christoph Lichtenbergs „Sudelbüchern“ dürfte es keine ebenbürtige Sammlung von knapp gefaßten, in allen Facetten funkelnden Einfällen geben. Für die Herausgeber Thomas Wirtz und Kurt Wölfel war es keine leichte Aufgabe, diesen Strom von Texten zu kanalisieren. Demnächst sollen sechs weitere Bände erscheinen. Auch dann wäre erst ein Fünftel des riesigen Nachlasses von rund 40 000 Heftblättern publik.

40 000 Seiten lange nicht beachtet

Daß bisher nichts davon erschienen ist, hat mit den Wirren des Jahrhunderts zu tun: Herausgeber Eduard Berend mußte 1938 Deutschland verlassen, weil er als Jude verfolgt wurde. 1958 gelangten die Manuskripte, zuvor russisches Kriegs-Beutegut, nach Ost-Berlin zurück, wo sie den SED-Ideologen nicht gefielen und daher unbeachtet blieben. Manche Ideen blühten später in Jean Pauls Romanen, andere stehen unvermittelt als spontane Eingebungen da. Doch stets löst der Autor sein Ziel ein: „Der deutschen Sprache die Zunge lösen.“

An Goethe kam damals keiner vorbei. Im „Ideen-Gewimmel“ erfährt man, wie sich der Provinzbewohner (Meiningen, Coburg, Bayreuth) und oft einsame Schreibtischmensch am repräsentablen Weimarer Klassiker mal innerlich aufgerichtet, mal (auf)gerieben hat.

Maschinen, die Maschinen erfinden

Offenbar hat der Mann nur für die Literatur gelebt: „Oft weiß ich kaum, was ich eigentlich aus mir machen soll als Bücher.“ Haben die Herausgeber auch die Schreib-Eigenarten in ursprünglicher Form belassen (was das Lesen gelegentlich erschwert), so muten die Inhalte doch vielfach modern an. Jean Paul macht sich z. B. Gedanken darüber, ob man antike Hühnereier nach vielen hundert Jahren ausbrüten und die Tiere dann untersuchen könne, oder er sieht voraus, daß es Maschinen geben werde, die ihrerseits Maschinen erfinden…

Oft verdichtet sich resignativ getönte Lebensweisheit: „In der Jugend will man sonderbarer erscheinen als man ist, im Alter weniger sonderbar als man ist.“ Und ein Grundgesetz humanen Handelns lautet in Originalschreibweise so: „Nichts solte uns wohlthätiger machen als der Gedanke, daß wir diese-Welt nie mehr betreten und daß wir einige schöne Spuren zurüklassen sollen. Wie wenn du auf einen Tag in den Abendstern versetzt würdest und nie wieder: würdest du dort zerreissen und niedertreten?“

Dieser Schriftsteller hat sich für alles Erdenkliche interessiert: Er hat Herrscher und Fürsten gebrandmarkt, theologische Überlegungen angestellt, aber auch über Geschlechterkampf, Natur, Jahreslauf und Wetterzustände philosophiert. Dabei lugt schon mal der sehnsüchtige „Romantiker“ hervor: „Es gibt keinen Frühling, nur Frühlingstage, ja Abende – Ein Abend hat dem Herzen alles gesagt“. Dann wieder äußert er sich mit hintersinnigem Witz. Über die Ehe: „Das Paradies verlieren und den Paradiesvogel behalten.“ Über Mediziner: „Der Arzt und der Sargmacher verhalten sich wie der Vogelsteller und der Vogelbauermacher.“ Und übers Zölibat: „Wir müßten verhungern, wenn es unter den Gewächsen viele Nonnen gäbe.“

Zuerst den Wein, dann den Kaffee

Jean Paul war eben kein Freund der Enthaltsamkeit, er hat auch dem Alkohol zugesprochen, um sich in kontrollierten Schaffensrausch zu versetzen. Motto: „Entwirf bei Wein, exekutiere bei Kaffee.“

Prächtig, daß man just jetzt auch Jean Pauls sonstige Dichtungen zum günstigen Preis bekommt: Der „Zweitausendeins“-Verlag hat soeben die erstmals 1961 erschienene Hanser-Ausgabe der „Sämtlichen Werke“ (Herausgeber: Walter Höllerer, Norbert Miller) neu aufgelegt. Eine Fundgrube ist gar nichts dagegen.

Jean Paul: „Ideen-GewimmeI“. Texte und Aufzeichnungen aus dem unveröffentlichten Nachlaß. Eichborn-Verlag, 301 Seiten, fester Einband, 44 DM.

Jean Paul: „Sämtliche Werke“ in 10 Bänden. Verlag Zweitausendeins. Komplett 199 DM.

 




Ganz einfach durch die Lüfte schweben – Paul Austers neuer Roman „Mr. Vertigo“

Von Bernd Berke

„Da habe ich es zum erstenmal getan… Ganz langsam hob sich mein Körper… Ich war nicht weit vom Boden höchstens ungefähr eine Handbreit – , aber dort hielt ich mich ohne Mühe.“ Staunend stammelt dies ein kleiner Junge namens Wait. Er hat soeben einen Menschheitstraum verwirklicht: Fliegen aus eigener Kraft, ohne Hilfe von Maschinen.

Er ist nicht etwa ein Gaukler oder Scharlatan, sondern überwindet wirklich die Grenzen der Physik. Doch welch einen dornenreichen Weg hat der Ich-Erzähler in Paul Austers Roman „Mr. Vertigo“ bis dahin zurücklegen müssen! Sein Lehrmeister, der geheimnisumwitterte „Mister Yehudi“, hatte den vogelfreien Neunjährigen 1924 in St. Louis von der Straße aufgelesen und dann in Kansas jahrelangen Torturen unterworfen.

Harte Strecke bis zur Leichtigkeit

Wait, der eigentlich viel lieber Boogie hören und Baseball spielen möchte, lebt dort – völlig isoliert von Altersgenossen – in einer Art Minderheiten-Kommune. Yehudi selbst ist ungarischer Jude. Hinzu kommen eine alte Indianerin und ein behindertes farbiges Genie namens Äsop. Diese Gemeinschaft wirkt wie ein Humus für das Außerordentliche.

33 Stufen des Bewußtseins, so Yehudi, müsse Wait überwinden, um sein Ich zu reinigen und die nötige Trance zu gewinnen. Brutale Methoden: Wait muß schuften bis zum Umfallen, er wird geprügelt, wird lebendig eingebuddelt, und Yehudi amputiert ihm ohne Narkose einen Finger. Mit einer seltsamen Mixtur aus Verzweiflung und Schnoddrigkeit quittiert Wait diese Qualen. Später wird er den strengen Meister verehren, denn der hat ihn durch Heulen und Zähneklappern auf den Pfad der wundersamen Leichtigkeit geführt.

Eines Tages ist es nämlich soweit: Wait hebt wirklich ab. Alsbald vollführt er Saltos und besteigt imaginäre Treppen in den Lüften. Und der Meister geht mit dem Wunderknaben auf triumphale Tournee.

Schutzgeldkassierer in Chicago

Paul Auster, zuletzt als Drehbuchautor des exzellenten Films „Smoke“ erfolgreich, hat auch mit „Mr. Vertigo“ einen Stoff gleichsam aus dem Nichts gewoben. War dort der verwehende Rauch das Medium des Lebens, so ist es hier die schiere Luft. Auch den neuen Roman kann man sich gut und gerne verfilmt vorstellen: Schon die Tournee durch die US-Provinz der 20er Jahre ist gesättigt mit bildkräftiger Atmosphäre. Und bevor Wait das Schweben wegen ungeheurer Kopfschmerzen aufgeben muß (sein Preis für den Sieg über die Schwerkraft), fügt Auster noch eine Kriminalgeschichte (Entführung Waits und Lösegeldforderung durch dessen Onkel) hinzu.

Auch damit nicht genug: Nach dem Ende seiner Flugkarriere, das mit der Weltwirtschaftskrise („Schwarzer Freitag“) zusammenfällt und sozusagen die bessere alte Zeit beschließt, verdingt sich Wait in den Jahren der Alkohol-Prohibition ganz erdenschwer und bodennah als Schutzgeldkassierer bzw. Nachtclubbetreiber der Mafia von Chicago. Das Lokal heißt sinnigerweise „Mr. Vertigo“, übersetzt etwa: „Herr Höhenangst“.

Alle Fühler ausgestreckt

Auster verästelt die Handlung derart, als wolle er lauter kleine Fühler ausstrecken, um jeden Aspekt des damaligen Amerika zu ertasten. Dabei scheint ihm zuweilen die Autoren-Herrschaft zu entgleiten, es weht ihn hierhin und dorthin, als fliege er tatsächlich haltlos durch sein Werk.

Am Schluß läßt Auster mal eben rund fünfzig weitere Lebensjahre Waits im Zeitraffer abschnurren. Da franst die Story vollends aus. Der Autor hat uns endgültig schwindelig geschrieben. Gespannt und willig ist man all dem Auf und Ab, ist man all den Windungen dieses Romans gefolgt.

Und am Schluß erfährt man, daß doch eigentlich jeder Mensch das Zeug zum Fliegen habe. Na schön. Worauf warten wir noch? Legen wir das Buch beiseite. Breiten wir die Schwingen aus.

Paul Auster: „Mr. Vertigo“. Roman. Übersetzt von Werner Schmitz. Rowohlt-Verlag. 319 Seiten. 34,80 DM.




Ein Roman, so üppig wie tropische Blüten – John Updikes Buch „Brasilien“

Von Bernd Berke

Welch eine unglaubliche Geschichte: Da trifft ein schwarzer Junge aus den Favelas (Elendsvierteln) von Rio ein weißes Mädchen aus reichem Hause an der Copacabana. Sogleich schläft sie mit ihm und verläßt den ganzen gewohnten Luxus, um von Luft und Liebe zu leben. Auf der Flucht vor den brutalen Schergen ihres Vaters, eines hohen Diplomaten, ziehen Tristao und Isabel kreuz und quer durch Brasilien.

Ebenso erstaunlich ist, daß gerade John Updike diese erhitzte Romeo-und-Julia-Variante erzählt. Wollte der vielgerühmte Chronist der USMittelschicht mit seinem Roman „Brasilien“ etwa bewußt eine neue Kennmarke in seinem Werk setzen? Hat ihn einfach die Exotik der Schauplätze gereizt? Oder ist dieses Brasilien gar ein Gleichnis?

Updike treibt sein ungleiches und doch so verschworenes Liebespaar zwischen 1966 und 1988 durch das ganze Riesenland und durch mancherlei Unbill. Stationen des langen Liebes-, Lust- und Leidensweges sind Rio, Sao Paulo, Brasilia, Mato Grosso und entlegene Dschungelgebiete.

Gelegentlich muß Tristao mit einer in der Hosennaht verborgenen Rasierklinge hinlangen, um sich seiner Haut zu wehren. Zwischendurch werden dem Paar zwei Kinder geboren, fast wie die von Herodes verfolgte Heilige Familie ziehen sie da durch die Einöde. Später werden die Kinder von blutrünstigen Indianern geraubt. Unwiederbringlich.

Tristao schuftet als Fließbandarbeiter bei VW do Brasil, versucht sein Glück als Goldgräber und verdingt sich auch schon mal als Disco-Türsteher, während die in Elite-SchuIen erzogene Isabel als Näherin oder Hure tätig wird. Am liebsten aber greift sie für ihre oft extremen Liebesspiele auf Tristaos „Yamswurzel“ zurück. So naturpoetisch benennt Updike das Geschlechtsorgan seines männlichen Heiden. Er läßt sich keine Gelegenheit entgehen, eine seiner großen Stärken auszuspielen: die genüßliche Beschreibung von Sex in seiner Vielfalt.

Keine Lust mehr auf bürgerliche Langeweile

Doch der Autor will natürlich mehr. Er faltet die ganze neuere Geschichte Brasiliens (zwischen Militärregime, studentischem Aufbegehren, wirtschaftlichem Wildwuchs und galoppierender Inflation) vor uns aus. Er sucht auch in die tieferen Schichten der Mentalität vorzudringen und entdeckt darin eine vital-sprudelnde Mischung aus Schwermut und Leichtsinn.

Die Odyssee der bedingungslos Liebenden erweist sich auch als Zeitreise zu den Ursprüngen des Landes. Mysteriöser Scheitelpunkt der Geschichte ist jenes Traumzeit-Ritual, dem sich Isabel bei einem Schamanen im Dschungel unterwirft. Dessen Magie bewirkt, daß sie und Tristao die Hautfarbe tauschen: Sie wird schwarz, ihr Geliebter weiß und damit vollends karrieretauglich. Die uralten Zauber-Praktiken rufen die Vision einer multikulturellen Gesellschaft hervor, in der einer den anderen aus der Erfahrung seines Lebens heraus toleriert oder sogar liebt wie sich selbst.

All das konnte Updike in der Tat schwerlich mit einer US-Story beglaubigen. Er deutet ja an einer Stelle selbst an, warum er sich auf ein ganz anderes Gelände begeben hat: „Die Banalität, die bunt maskierte Langeweile des bürgerlichen Lebens – sie läßt den Geschichtenerzähler verstummen.“

Und verstummt ist Updike hier sicherlich nicht, ganz im Gegenteil: Phantasie, Sprache und manchmal auch ein etwas hohl tönendes Pathos wuchern in diesem Roman so üppig wie tropische Blüten.

John Updike: „Brasilien“. Roman. Rowohlt-Verlag. 316 Seiten, 42 DM.

 




Die Posen des jungen Werther – Joachim Meyerhoff im Einpersonen-Stück nach Goethe

Von Bernd Berke

Dortmund. Leuchtenden Blicks betritt der junge Mann die Bühne. Er schaut aus dem Fenster, labt sich am Anblick der Natur. Später wird die Liebe noch mehr Glanz in seine Augen bringen. Doch am Ende flackert der Wahn in den Pupillen. So sind „Die Leiden des jungen Werther“. Aber sind sie es wirklich?

Ist es wirklich noch Goethes Briefroman, der im Studio des Dortmunder Theaters in einer Ein-Mann-Produktion verkörpert wird? Joachim Meyerhoff firmiert als Regisseur, Bühnenbildner und Solodarsteller. Respekt vor seinem Mut! Er hat wohl weitgehend ohne Widerhall gearbeitet. Oh, einsames Spiel, passend zum Liebesweh…

Werthers unerfüllte Sehnsucht nach der schönen Lotte, die bereits dem braven Albert versprochen ist, hat nicht nur literarisch Epoche gemacht. Damals, im „Sturm und Drang“, wurden seine Stulpenstiefel, die blaue Jacke mit gelber Weste Mode – und auch sein Selbstmord wurde vielfach nachgeahmt.

Betrifft einen das noch? Wenn man je heftig verliebt gewesen ist: Ja. Und wie! Denn es ist ein reicher, ein unerschöpflicher Text. Meyerhoff“ traut Goethe offenbar nicht ganz über den Weg. Tatsächlich kann man den „Werther“ ja nicht mehr bruchlos spielen. Seine Briefe an den fernen Freund Wilhelm gerinnen hier – in sinnvoll gekürzter Form – zu Selbstgesprächen. Per Dia-Projektion wird jeweils ein Kernsatz des kommenden Abschnitts angezeigt. Dann flammt das zuvor erstorbene Licht wieder auf. Es bewirkt ein stetiges Auf- und Abtauchen der Figur.

Ein Herz pulsiert elektrisch

Und so sehen wir diesen „Werther“, wie er sich behutsam (und manchmal mit einem Anflug von Ironie) an die wunderschöne Sprache herantastet, wie er die Worte wägt, Stuhl und Tisch versuchsweise hin und her rückt. Es ist, als überlege er noch, wie er sich zum Text stellen soll. Mal nimmt er probehalber den Gestus eines Kongreßredners ein, mal hängt er sich an die Wand wie gekreuzigt, oder er reitet zitternd auf dem Stuhle. Solche gesuchten Haltungen erstarren leicht zu Posen. Und manchmal wird es seltsam komisch. Wenn Werther sagt, er habe Lottens Auge gesucht, so wühlt er in den Jackentaschen. Doch es gibt auch gelungene Szenen: Der anfangs glückliche Werther etwa, im beseelten Umgang mit den Requisiten, die er spielerisch leicht handhabt.

Man darf sich aber den „Werther“ leidenschaftlicher vorstellen, drängender, fiebriger. Gewiß: Auch der Dortmunder Werther zeigt eine Leidensmiene vor, windet und krampft sich in sich selbst hinein, spricht verzweifelt dem Rotwein zu. Doch das meiste scheint eher vom kühlen Hirn gesteuert zu sein, nicht so sehr vom heißen Herzen. Ein solches hängt nur als knallrotes Dekorationsstück in der Luft und pulsiert elektrisch.

Weitere Termine: 30. und 31. Januar. 3., 4., 16. und 17. Februar, jeweils 20 Uhr. Karten: 0231 / 16 30 41.




Stets ritterlich zu den Schriftstellern – Gesammelte Kritiken und Essays von Sigrid Löffler

Von Bernd Berke

Schon oft hat uns Sigrid Löffler Genugtuung und manchmal auch Vergnügen bereitet, wenn sie mit ironisch oder beleidigt gekräuselten Lippen den Herrschaften Reich-Ranicki und Karasek im „Literarischen Quartett“ des ZDF klug Paroli bot. Nun sind ihre Zeitungs-Kritiken, Glossen, Porträts und Essays als Sammelband erschienen. Gleichfalls ein geistiges Vergnügen?

Zunächst einmal erfährt man aus ihrem Buch einiges übers österreichische Innenleben, von der bedrohlich rechtslastigen „Verhaiderung der Republik“ bis hin zum allffälligen „Kulturkampf“ um Burgtheaterchef Claus Peymann sowie – bester Text im ganzen Buch – dessen im Zorn aus Wien geschiedenen Schauspielerstar Gert Voss.

Autoren wohnen meist sehr schön

Doch damit hat es längst nicht sein Bewenden. Denn Frau Löffler unternimmt etliche schöne Reisen, um ihre Lieblingsautor(inn)en in Augenschein zu nehmen. Sie sucht den empfindsamenKünder Peter Handke in dessen Pariser Domizil auf, jettet zur „Meinungsmaschine“ Susan Sontag nach New York, stattet den Schriftstellerinnen Antonia S. Byatt und Ruth Rendell Visiten in England ab. Beneidenswert.

Gemessen an solchem Aufwand, wirken die Resultate zuweilen etwas brav. Sigrid Löffler will den Verehrten eben nicht wehtun. Einfühlsam schildert sie schon die jeweiligen Wohnungen, so als erwäge sie, sich selbst dort niederlassen. Die etwas geduckte Haltung droht den kritischen Blick zu trüben.

Andererseits entstehen aus der Sympathie einige Porträts, die uns die Autoren wirklich näherbringen. Mehrmals nimmt man sich bei der Löffler-Lektüre fest vor: Von dem oder jener müßtet du doch mal (wieder) etwas lesen. Umso besser, wenn die Ansätze originell sind – wie beim Aufsatz über Martin Walser, der im professionellen und familiären Verhältnis zu seinen vier Töchtern (zwei Schauspielerinnen, zwei Schriftstellerinnen) ungewohnte Seiten zeigt.

Gelegentlich widmet sich Sigrid Löffler auch den vom Literaturbetrieb „vergessenen“ oder sonstwie randständigen Gestalten wie W. G. Sebald oder auch Peter Hacks, der seit der „Wende“ allgemein totgeschwiegen wird, weil er sich höchst verwegen zur alten Ulbricht-DDR bekennt und die Honecker-Ära schon als Niedergang des wahren Sozialismus begreift.

Auf der sicheren Seite

Gern nimmt Frau Löffler Autoren gegen das Gros der bösen Kritik in Schutz, z. B. Günter Grass und Peter Handke. In solchen Fällen wirkt sie geradezu ritterlich. Beinahe unnötig zu sagen, daß sie politisch immer den Aufrechten angehört. Maßvoller Linksliberalismus. der jeden mißverständlichen Zungenschlag sensibel meidet, dazu eine Spur von unverfänglicher Frauenbewegtheit. Mit solchen edlen Grundhaltungen steht sie stets auf der sicheren Seite, ist aber nicht durchweg gegen Anflüge gepflegter Langeweile gefeit. Es fehlt hier und da eine Prise von Provokation, die hellhörig machen würde.

Sprachlich fällt dies auf: Hat sie einmal einen vermeintlich besonders treffenden Ausdruck gefunden, so verwendet Sigrid Löffler ihn hartnäckig und unverwandelt weiter, auch wenn es dann schon mal unschön scheppert. So beharrt sie auf der Charakterisierung „intellektueller Pop-Star“ für Susan Sontag oder reitet auf Lieblingsworten wie „zugange“ und „angesagt“ herum.

Vor Klischees ist sie nicht immer sicher: Da nennt sie Wolfgang Kresnik kurzum einen „Tanz-Berserker“ und verknüpft – in einer Tirade gegen Wegwerf-Journalismus – das Wort „Blattmacher“ sogleich mit „Plattmacher“. Am Zeitmangel lag es nicht: Sie hat die Beiträge fürs Buch überarbeitet.

Doch alles in allem: Sie schreibt meist einen recht lockeren, eingängigen und verständlichen Stil. Das ist bei Kritikern ihres seriösen Ranges wahrhaftig keine Selbstverständlichkeit.

Sigrid Löffler: Kritiken – Portraits – Glossen. Deuticke-Verlag. 271 Seiten, 39,80 DM.




Im „Faust“ wird mit der Maus geblättert – Wie sich Goethes Weltendrama auf einer CD-Rom liest

Von Bernd Berke

Heute legen wir ’ne heiße Scheibe auf: Goethes „Faust“. Dabei geht’s nicht etwa um eine neue Punkgruppe, die sich frech den klassischen Namen anmaßt, sondern um Johann Wolfgang höchstselbst. Dessen Weltendrama ist jetzt auf einer silbernen Datenplatte (CD-Rom) erschienen.

Entsprechendes Laufwerk vorausgesetzt, kann man entweder ein Suchprogramm oder den kompletten „Faust I“ mit allen Begleittexten und sonstigen Zutaten auf die Computer-Festplatte holen. Letzteres kostet freilich mit happigen 8 Megabyte fast so viel Speicherplatz wie das gesamte „Windows“-System (Version 3.1), also die kleinen Bildfenster zum Anklicken mit der Maus.

Und was hat man davon? Nun, bestimmt keine gemütliche Lektüre zum Kaminfeuer. Die Seiten erscheinen mit einer gelbgrau melierten „Tapete“ hinterlegt. Hübschhäßlich.

Man blättert mit dem Mauszeiger. Dieser verwandelt sich zwar nicht in eine Faust (haha), wohl aber in ein kleines Händchen, das auf vor- und rückwärts gespitzte Symbol-Dreiecke deutet. Mit der richtigen Hand in einem richtigen Buch geht’s schneller, vom sinnlichen Gefühl beim wirklichen Blättern ganz zu schweigen. Jedenfalls könnte einem angesichts der flimmrigen Texte schon dieses „Faust“-Zitat einfallen: „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten…“

Wo der Hund begraben liegt

Aber die Computer-Ausgabe hat mehr zu bieten. Bestimmte Goethe-Sätze kann man z. B. so ansteuern, daß sich Fenster mit punktgenauen Erläuterungen öffnen. Früher hat man in den Fußnoten oder den Erläuterungen am Ende eines Bandes nachgesehen, nun gräbt man eben direkt unter der Text-Oberfläche. Sodann kann man sich, wenn einem der Sinn danach steht, müßige Späße erlauben: zum Beispiel nachsehen, in welcher Zeile zum ersten Mal Gretchen erwähnt wird und wo sie dann wieder auftaucht. Diese Statistik wollten wir immer schon mal aufstellen. Wir haben uns nur nicht getraut.

Außerdem merkt sich das System die zuletzt aufgeschlagene Seite und kniffelt – wie niedlich! – eine virtuelle Büroklammer an den Rand. Apropos Rand: Wo man ehedem vielleicht seine Anmerkungen hingekritzelt hat, kann man nun ein elektronisches Notizkärtchen aufrufen und seine Ergüsse darauf plazieren. Gepriesen sei der Fortschritt!

Noch’n Test: Wo kommt im „Faust“ das Wort „Hund“ vor? Suchfunktion starten – und man erfährt es. Stelle für Stelle. Erster Fundort: Seite 13 mit dem Zitat „Es möchte kein Hund so länger leben.“ Freilich interpretiert das Programm die Tiergattung doch recht eigenwillig und zeigt später ganz stolz „hund-ert“ oder sogar „gesc-h u n d-en“ vor. Liegt also auch da des Pudels Kern?

„Da steh‘ ich nun, ich armer Tor…“

All das hätte man notfalls ohne Computer bewältigt. Doch auf der (übrigens erstaunlich preiswerten) CD-Rom ertönen an einigen Stellen auch noch Schauspielerstimmen, die Textpassagen auf Abruf vorlesen. Und ein paar kleine Bildchen von alten Theaterzetteln, Goethes Handschrift usw. gibt’s obendrein.

So etwas nennt man heutzutage wohl mutimedial. Es könnte aber auch noch Leute geben, die ihr nüchternes Fazit aus dem „Faust“ beziehen: „Da steh‘ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“

Goethe: „Faust I“. CD-Rom im Reclam-Verlag (14,90 DM). In derselben Reihe: Kafka „Die Verwandlung“, Storm „Der Schimmelreiter“, Lessing „Nathan der Weise“, Schiller „Wilhelm Tell“ u. a.




Kinderbücher für alle „Menschen im Aufbruch“ – Inge Meyer-Dietrich erhält den 10. Literaturpreis Ruhrgebiet

Von Bernd Berke

Im Westen. Erstmals bekommt eine Kinderbuchautorin den Literaturpreis Ruhrgebiet: Inge Meyer-Dietrich (51) darf sich über die Aufwertung ihrer oft schmählich vernachlässigten Sparte freuen.

Die Preisträgerin stammt aus dem Sauerland. Sie wurde in Altena geboren, wuchs in Bochum auf und lebt heute in Gelsenkirchen-Buer. Kinderbücher („Plascha“, „Rote Kirschen“) lägen ihr am Herzen, weil sie so gern „Menschen im Aufbruch“ schildere, sagte die dreifache Mutter gestern. Die Auszeichnung, vormals an so bekannte Autoren wie Max von der Grün und Josef Reding vergeben, ist mit 15 000 DM datiert. Inge Meyer-Dietrich setzte sich gegen 34 andere Nominierungen durch, u. a. mit Geschichten über die gelungene Integration polnischer Kinder im Revier.

Für die beiden mit je 5000 DM gepolsterten Förderpreise waren diesmal satirische Texte gefragt. Die Jury bewertete 159 Einsendungen. Es kristallisierte sich übrigens kein Thementrend heraus: Scharf gespottet wird über alles und jedes, ob über Höhen der Politik oder Niederungen des Privatlebens – beziehungsweise umgekehrt.

Ein Förderpreis geht nach Dortmund: Ulla Diekneite (38) ist bisher als Mitglied des Kabarett-Duos „Extra 2″ (mit Conny Reisberg) hervorgetreten. Für den Wettbewerb verfaßte sie jene Kurzgeschichte über eine junge Frau, die verzweifelt einen Job sucht und der die abenteuerlichsten Qualifikationen abverlangt werden.

Jury bescheinigt sich selbst „gute Fischzüge“

Mit dem 28jährigen Studenten Thomas Brandt (Dusseldorf) kürte man außerdem einen Neuling im Kulturbetrieb. Sein Text handelt von einem ebenso fiktiven wie findigen Reisebüro, das Autobahn-Staus im Revier als Abenteuerurlaube anbietet. Brandt, der gerade über seiner Magisterarbeit brütet: „Wissenschaft ist mir eigentlich zu trocken. Ich erfinde lieber etwas.“

Der Revier-Literaturpreis, ausgelobt vom Kommunalverband Ruhrgebiet (KVR), wird zum 10. Mal vergeben. Vor drei Jahren wurde der Betrag für den Hauptpreis um 5000 DM erhöht. Heute ist man froh, wenn man ihn erhalten kann. Jurymitglied Volker W. Dcgener findet, daß man immer wieder „gute Fischzüge“ gemacht habe. Einige der früheren Förderpreisträger hätten sich zumindest in literarischen Nischen eingerichtet.

Schließlich wurde auch wieder die alte Klage über das Fehlen eines großen Belletristik-Verlages im Revier erhoben. Nur ein leuchtendes Beispiel wußte man zu nennen: „Grafit“ (Dortmund) habe sich im Krimifach bundesweites Renommee verschafft. Das kann doch nicht alles gewesen sein .. .




Jeder Dichter braucht seine eigene Legende – Gespräch mit Robert Gernhardt auf der Buchmesse

Von Bernd Berke

Frankfurt. Robert Gernhardt (57), früher von der Kritik eher als Satiriker, Parodist und erlesener Humorist behandelt, gehört seit ein paar Jahren im öffentlichen Urteil einer höheren Gewichtsklasse an und wird endlich als der ernsthafte Dichter wahrgenommen, der er (auch) ist. Ein Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse, wo sein neuer Band „Wege zu Ruhm“ (Haffmans) vorgestellt wird.

Fühlen Sie sich wohl mit Ihrem gestiegenen Ansehen bei der Kritik?

Robert Gernhardt: Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich nicht fest zugeordnet werden kann. Ich nehme mir nach wie vor die Freiheit, auch mal einen Band mit Bilderwitzen zu veröffentlichen. Die Freiheit hat nicht jeder.

Wenn ein Peter Handke zum Beispiel plötzlich Witze zeichnen würde…

Gernhardt: Ich glaube, das würde das Handke-Bild doch sehr verstören. Obwohl man als Literat immer noch mehr Möglichkeiten hat. In der Bildenden Kunst sind die Zuordnungen noch viel strenger.

In Ihren nicht durchweg ernst gemeinten Ratschlägen für angehende Schriftsteller in „Wege zu Ruhm“ haben Sie an alles gedacht, auch an die Wahl des richtigen Pseudonyms. Nach dem Klangvorbild von „Pablo Picasso“ wird z. B. scherzhaft „Igor lncasso“ erwogen, was ja schon auf erwartete Einnahmen hindeutet.

Gernhardt: Im Grunde würde ich von diesem Namen abraten. Der Künstler sollte eigentlich stets den Bedürftigen raushängen. Der Leser will in der Regel keinen satten Künstler. Zwei Sachen machen ja den Ruhm aus: das Werk und die Legende. Bei der Frage nach dem Werk habe ich mich an Georg Christoph Lichtenberg gehalten, der es in zwei Worte gefaßt hat: „Laßt’s laufen.“ Goethe hat auch seinen „Werther“ laufen lassen – und der läuft bis heute. Mein Buch handelt mehr von der Legende.

Sie empfehlen sogar, sich frühzeitig die richtige, also legendenträchtige Todesart auszusuchen.

Gernhardt: Richtig. Man stirbt besser nicht auf den Champs Elysées bei Gewitter, durch einen herabstürzenden Ast erschlagen, denn das ist Ödön von Horváth schon passiert. Es wäre also ein Plagiat. Das Lesepublikum will immer neue Legenden von Außenseiter-Künstlern.

Was passiert denn einem jungen Menschen, der Ihr Buch rundweg für bare Münze nimmt?

Gernhardt: Nun, er kann sich schon einiges zu Herzen nehmen. Zum Beispiel sollte er zusehen, daß er ausgefallene Berufe betreibt. Leichenwäscher, Nachtportier oder dergleichen.

Haben Sie so was mal gemacht?

Gernhardt: Das ist nicht so doll bei mir. Ich hab‘ mal am Tiefbau gearbeitet. Sie treffen da einen wunden Punkt. Ich sollte tatsächlich meine eigene Legende noch mal überprüfen. Einer Journalistin hab‘ ich mal untergejubelt, ich sei bei der Fremdenlegion gewesen, und sie hat’s geschrieben. Das wäre vielleicht ein Baustein für eine Legende gewesen. Oder auch, wenn man im Knast das Schreiben anfängt – wie Jean Genet.

Aber Sie werden doch der Legende zuliebe nicht in den Knast wandern wollen?

Gernhardt: Nein, nein. Aber wenn man schon mal drin ist, sollte man es nutzen. Auf jeden Fall „kommt“ Knast bei der landläufigen Kritik besser als Hauptseminar und Fortbildungskurse.

Den vielbeschworenen „großen Roman zur deutschen Einheit“ dürfen wir von Ihnen wohl nicht erwarten?

Gernhardt: Oh, nein! Den hat doch der Grass gerade geschrieben. Wenn ich eine Rolle habe im Restaurant zur deutschen Literatur, dann nicht am Fenster, sondern am Nebentisch oder im Bistro. Jawohl, ich gehöre zur „Bistro-Bande“.




Wenn die Zeit den Dichter krank macht – ein Gespräch mit Peter Rühmkorf auf der Buchmesse

Von Bernd Berke

Frankfurt. Peter Rühmkorf, 1929 in Dortmund geboren, zählt zu den versiertesten Sprach-Artisten der deutschen Literatur. Jetzt ist sein Werk „Tabu 1 – Tagebücher 1989-1991″ (Rowohlt, 624 Seiten, 54 DM) erschienen, scharfzüngige Zeitschau der „Wende“-Phase aus erschütterter linker Sicht – und bewegender Bescheid von den Leiden des Alterns. Ein Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse:

Sie Verraten in Ihrem Buch einige peinliche Dinge über Prominente. Zum Beispiel, daß der Dramatiker Rolf Hochhuth gelegentlich Selbstgespräche auf öffentlichen Toiletten führt. Ist das nicht Tratsch?

Peter Rühmkorf: Ich wollte kein Schlüsselloch-Buch schreiben. Trotzdem sind mir im Laufe der Jahre einige kleine Szenen über den Schirm gehuscht, die ich mitgenommen habe.

Am wenigsten haben Sie sich selbst geschont. Sie schildern detailliert ihre körperlichen Beschwerden.

Rühmkorf: Es kommt ja nicht nur auf den rohen Inhalt an. sondern darauf: W i e ist es gemalt? Wenn Rembrandt, der junge Dürer oder auch Horst Janssen sich selbst gezeichnet haben, wie unbarmherzig sind die mit sich umgegangen! Weil es einen berechtigt, scharf auf die übrige Welt zu blicken.

Warum die Zeit von 1989 bis 1991?

Rühmkorf: In meiner Biographie gab es bestimmte Brüche. Einen Bruch im Rücken, weil mir ’ne Bandscheibe rausflog. Dann starb mein altes Mütterchen. Und dann kam auch noch die deutsche Einheit.

Das Thema hat Sie offenbar sehr beschäftigt.

Rühmkorf: Zutiefst. Schon als die APO, die Außerparlamentarische Opposition der 60er Jahre, sich in Luftblasen auflöste, habe ich mich gefragt, wie mein Ego überhaupt noch zusammenhielt. Ähnlich war es hier.

Trügt der Eindruck, daß Sie den Prozeß der Vereinigung, den Sie als Vereinnahmung verstehen, noch schärfer kritisieren als Günter Grass?

Rühmkorf: Grass hat eine ganz andere Methode. Ich wollte zeigen: hier das Privatleben – dort der geschichtliche Horizont. Wo paßt es zusammen und wo klafft es unvereinbar? Und weil ich die Haltung zu meinem eigenen Lande bis in meinen Organismus hinein als kritisch erlebt habe, wollte ich diese Gemütslage festhalten. Ich reagierte damals auf den Zuwachs der Nation mit Verweigerungssymptomen, ich wurde krank.

Welche Rolle spielt der Rausch? Sie verzeichnen häufig ihren Alkoholkonsum oder auch Haschisch-Proben.

Rühmkorf: Ich bin ein Sucht-Charakter. Ich habe ein süchtiges Verhalten zum ganzen Leben. Ich bin auch arbeitssüchtig. Und ich habe ein Sucht-Verhältnis zum Fernsehen.

Es gibt wohl kein anderes Tagebuch, in dem Fernsehen so oft vorkommt.

Rühmkorf: Das stimmt. Ich habe hinterher fast einen Schrecken bekommen. Aber das Fernsehen hat etwas Verbindendes. Wenn ich immer nur über Leute spräche, die keiner kennt, wäre es uninteressant. Über den Schirm flimmern die bekannten Gestalten. Und: Die moderne Fernseh-Schnittechnik ist meiner literarischen Methode verwandt. Diese rasanten Abfolgen. Ähnlich ist es mit dem Tagebuch. In einem Moment sind wir in meinem Gärtchen, im nächsten auf der Bonner Bühne.

Sie sind mit Günter Grass befreundet, und Sie haben Arbeitskontakte mit dem Kritiker Marcel Reich-Ranicki gepflegt. Wie haben Sie den Streit um Grass‘ Roman „Ein weites Feld“ erlebt?

Rühmkorf: Ich habe Ranicki daraufhin einen gemeinsamen Auftritt abgesagt. Ich habe ihm nicht seine Kritik im „Spiegel“ verübelt, sondern, daß er Grass im „Literarischen Quartett“ in die Nähe von Goebbels gerückt hat. Da ist für mich ein Punkt erreicht, wo alle Solidaritäten aufgekündigt werden.




Die schnelle Gegenwart ist wie ein Spuk – Milan Kunderas Roman „Die Langsamkeit“

Von Bernd Berke

„Weshalb ist das Vergnügen an der Langsamkeit verschwunden? Ach, wo sind sie, die Flaneure von einst?“ So klagt Milan Kundera in seinem neuen Roman. Weiß er auch Rat und Hilfe?

Wer aus einem schlichten Überhol-Vorgang mit dem Auto einen literarischen und philosophischen Exkurs über „Die Langsamkeit“ (Buchtitel) entwickelt, muß seiner Mittel sehr sicher sein. Bei dem berühmten Tschechen („Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“), der seit vielen Jahren in Frankreich lebt, muß man nicht bangen. Neben dem Schweden Lars Gustafsson ist Kundera derjenige Gegenwartsautor, der hohe Reflexion und pralle Handlung am souveränsten verknüpft. Kein Vergleich mit dem schönen, aber konventionellen Themen-Vorläufer des Deutschen Sten Nadolny, der vor Jahren „Die Entdeckung der Langsamkeit“ betrieb.

Kundera hält die Romanform ungleich durchlässiger, offener. Ein Auslöser ist Vivant Denons Novelle „Nur eine Nacht“ aus dem 18. Jahrhundert über die Ehefrau eines Marquis und ihre erotische Eskapade mit einem Zweit-Liebhaber. Dem sagt sie nicht eilends: „Geh’n wir zu mir oder zu dir?“ Nein, sie betreibt im Vorfeld des Liebesspiels raffinierte Konversation, somit lustvolle Verzögerung. Keine wilde Jagd nach schnellen Multi-Orgasmen, sondern sorgsame Steigerung des Verlangens, selbst bei einer Eintages-Beziehung.

Kundera folgert: Aus solcher Langsamkeit erwächst wohlige Erinnerung, die heutige Rasanz hingegen fördere nur das Vergessen und Verschwinden. Die Essenzen der alten Novelle spielt Kundera auf verschiedenen Gegenwarts-Ebenen durch. Beobachter ist ein Autor, der mit seiner Frau ein abgelegenes Schloß aufsucht, wo sich all seine Gestalten wie im Spuk begegnen: zum Beispiel Vincent, Abgesandter einer hochmütigen Intellektuellen-Clique. Er steht für jene Ungeduld, die stets auf Revolte aus ist. Ein Gegenpol ist Berck, nur noch auf TV-Kameras begieriger Politiker und Eintänzer populärer Meinungen. Er steht für die Hatz nach Ruhm.

Historische Umbrüche nur als Minutendramen

Eile, wohin man auch blickt. Und schließlich ist da ein gleichsam aus der Zeit gefallener – tschechischer Insektenforscher, der ehemals von Kommunisten des Amtes enthoben und auf den Bau geschickt wurde. Nun, beim West-Kongreß nach der „Wende“ wird er zunächst mit Rührung betrachtet, dann aber alsbald wie ein Tölpel verhöhnt. Denn selbst ein epochaler Vorgang wie der Zusammenbruch des Realsozialismus ist im Zeitalter der Geschwindigkeit nur noch ein historisches Minuten-Thema. Und überhaupt: Die Krisengebiete des Erdballs verdrängen einander im löchrigen Gedächtnis der Medien-Konsumenten durch das schiere Tempo der Katastrophen.

Und so geraten auch die Figuren in einen Zustand der Formlosigkeit. Als würden sie allesamt vom Sog oberflächenglatter Schnelligkeit erfaßt, kommen sie in einer Art Geister- und Hexentanz samt erotischer Walpurgisnacht zusammen. Die ganze Historie mit ihren ehemals feinen Unterschieden droht als einziger Klumpen im Orkus der Gegenwart zu verschwinden.

Gegen derlei „postmoderne“ Gefahren setzt Kundera beschwörend (und nur verhalten hoffend) seine Wunschbilder der Langsamkeit. Man möchte ganz genüßlich langsam lesen, um dem Titel zu entsprechen – und tut’s doch schnell, weil Kundera mitreißend schreibt.

Milan Kundera: „Die Langsamkeit“. Roman. Hanser-Verlag. München. 150 Seiten. 34 DM.




Neuer Grass-Roman erhitzt die Gemüter – Heftiger Streit nach Reich-Ranickis Verriß im „Spiegel“

Von Bernd Berke

Schon lange hat es keine solch heftige Debatte mehr über Literatur gegeben wie jetzt, anläßlich des neuen Grass-Romans „Ein weites Feld“. Anlaß zur Freude? Nicht bei näherer Betrachtung. Denn es geht ja kaum noch um Literatur.

Für Aufruhr sorgt der gestrige „Spiegel“. Marcel Reich-Ranickis mehr als barsche Kritik an dem Buch („ganz und gar mißraten“) lieferte die Titelgeschichte, und eine Fotomontage auf dem Cover zeigt den gefürchteten Rezensenten-Papst, wie er Günter Grass‘ 784-Seiten-Opus buchstäblich in der Luft zerreißt – ritsch, ratsch! Reichlich geschmacklos, fürwahr.

Offenbar geht das Kalkül auf: Das Hamburger Magazin provozierte genau die Reaktionen, die es wohl beabsichtigt hatte. Grass selbst hat dem „Spiegel“ gestern den Abdruck eines fertigen Interviews untersagt. Der Göttinger Grass-Verleger Gerhard Steidl ließ es sich nicht nehmen, Reich-Ranicki einen „Harald Juhnke der Literaturkritik“ zu nennen. Und vor dem „Spiegel“-Gebäude stellte sich ein Häuflein von Demonstranten ein, das besagtes Titelbild mit dem iranischen Mordaufruf gegen Salman Rushdie und mit der NS-Bücherverbrennung 1933 in vage Beziehung setzte. Andere waren umsichtiger mit ihren Vergleichen.

Sperrfrist wurde zur Farce

Steidl hatte nicht weniger als 4500 Vorab-Exemplare vom „Weiten Feld“ an Kritiker und Freunde des Hauses verschickt, viele Autoren kommen pro Buch nicht mal auf eine vergleichbare Gesamtauflage. Schon damit war die ursprünglich vom Verlag genannte „Sperrfrist“ für Rezensionen („nicht vor dem 28. August“) eigentlich zur Farce geworden. Es begann denn auch folgerichtig allüberall eine Art Schnellesewettbewerb. Als dann das ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“ und „Das Literarische Quartett“ (Vorsitz: Marcel Reich-Ranicki) vorfristig zur kritischen Tat schreiten wollten, als dann gar der Band in den Schaufenstern des Buchhandels auftauchte, gab’s kein Halten mehr: Jeder wollte mit seiner Rezension zuerst am Start sein.

Der „Spiegel“ wiederum hatte mit dem Steidl-Verlag einen exklusiven Vorabdruck aus dem Roman vereinbart, der durch die frühzeitige Verbreitung des Buchs praktisch hinfällig war. Für den entgangenen Coup, so kann man mutmaßen, haben die Hamburger jetzt bittersüße Rache genommen. Hat etwa „Spiegel“-Kulturredakteur Hellmuth Karasek seinem Mentor und Mitstreiter vom „Literarischen Quartett“, Reich-Ranicki, eine furiose Titelstory versprochen, wenn, ja wenn er nur gnadenlos gegen Grass zuschlage? Natürlich ist es nicht so gewesen. Und es war gewiß nur Zufall, daß Reich-Ranicki noch im April ’95, als Grass in Frankfurt erstmals Auszüge aus dem Buche las, noch wohlabgewogene Lobesworte für den Autor gefunden hat…




Todgeweihter Mann mit Checkliste – Françoise Sagans Roman „Und mitten ins Herz“

Von Bernd Berke

Gleich auf der ersten Seite von Françoise Sagans neuem Roman „Und mitten ins Herz“ erfährt der Pariser Architekt Matthieu, daß er wegen Lungenkrebs höchstens noch sechs Monate zu leben habe. Schrecklich. Was wird er tun?

Er gerät nicht ins Stammeln, sondern hat sich sprachlich unter Kontrolle: „Von allem, was noch zu entdecken gewesen wäre, hieß es Abschied nehmen“, sinniert er in der Übersetzung gedrechselt. Nur selten denkt er wirr: „Die kommenden sechs Monate würden also nicht nur grausam, sondern auch noch unerquicklich werden“, findet er. Ist unerquicklich denn schlimmer als grausam?

Matthieu spürt seinen Empfindungen so systematisch nach, als habe er eine Checkliste: Noch einmal den vollen Rausch des Daseins genießen, endlich mit sich ins Reine kommen und „wesentlich werden“, Selbstmord begehen, bevor ihn die Schmerzen übermannen. All dies und vieles mehr hakt er routiniert ab. Von der Bedrängnis eines Todkranken spürt man wenig. Immerhin blinkt einmal schwarzer Humor auf: Matthieu freut sich diebisch, daß er nun keine Francs mehr in die Parkuhren werfen muß, denn die Mahnungen werden ihn eh zu spät erreichen…

Natürlich ist dieser Matthieu auch ein Frauenschwarm. Wir sind in Paris! Die mit etwas verblassendem Ruhm behangene Sagan („Bonjour Tristesse“, „Lieben Sie Brahms?“) bzw. die Übersetzerin gewinnen diesem Umstand solche Formulierungen ab: „Seit kurzem hatte er einen ziemlich heftigen Flirt mit diesem unbefangenen, hübschen Pflänzchen, das mit seinen Reizen nicht geizte.. .“ Oder solch einen Satz, wie von zerschlissenem Brokat: „Das Licht hatte sich durch die schweren Vorhänge gestohlen, die ihr Liebesspiel vor dem hellen Nachmittag verbargen.“

Mit der schlimmen Nachricht bei den Frauen hausieren

Jedenfalls klappert Matthieu an diesem einzigen Tag, den der Roman nahezu in „Echtzeit“ schildert, hübsch nacheinander die Hauptadressen seines Lebens ab, denn er will allen die medizinische Wahrheit über sich verraten: der jungen Geliebten Sonia, der etwas älteren Ex-Geliebten Mathilde, der Ehefrau Hélène und seinem besten Freunde auch.

Die Reaktionen enttäuschen Matthieu. Diese Menschen wissen seinen nahenden Tod nicht recht zu würdigen, sie sind im Grunde nur mit der Wirkung des drohenden Verlustes auf sich selbst befaßt – bis auf jene frühere Geliebte, die er nach etlichen Jahren der Trennung aufs Geratewohl besucht. Mathilde will sich, wie er wohlwollend zur Kenntnis nimmt, mütterlich um ihn kümmern: „Sie würde alles für ihn tun: Sie würde sein Leiden und Sterben mit ihm teilen und ihm die Augen schließen.“

Gar nicht nötig. Denn am Ende geschieht das, was jeder halbwegs versierte Leser spätestens nach der Hälfte des Buches ahnt: Matthieu bekommt einen Anruf und erfährt, daß die morgendliche Krebs-Diagnose ein bedauerlicher Irrtum gewesen sei. Der Tod ist wie ein „Ätsch!“-Effekt. Und der Roman nur ein Geplänkel.

Françoise Sagan: „Und mitten ins Herz“. Roman. Aus dem Französischen von Kirsten Ruhland-Stephan. Ullstein-Verlag, 188 Seiten, 34 DM.




Wie sehr uns Heinrich Böll fehlt – Zum zehnten Todestag des Literaturnobelpreisträgers

Von Bernd Berke

So lang ist es schon her: Am 16. Juli 1985 (Sonntag vor zehn Jahren) ist der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll gestoben. Wirkt der „gute Mensch von Köln“ noch nach?

Seine Erben lassen gelegentlich bisher unbekannte Schriften ans Licht kommen, demnächst soll etwa ein 1936 verfaßter Text erscheinen. Man ediert immer schön stückchenweise, damit das Geschäft nicht abreißt. Ebenso regelmäßig geraten die Bölls in Hader mit der Böll-Forschungsstelle an der Uni Wuppertal. Aber kann man das Nachwirkung nennen?

Es gibt heute keinen Autor von Rang, der an den Nahtstellen zwischen Literatur und Politik auch nur annähernd so viel Aufsehen erregt oder gar zum Repräsentanten taugt wie einst Böll. Günter Grass hat sich durch seine vorschnelle und gar zu harsche Ablehnung der deutschen Vereinigung ein wenig ins Abseits manövriert. Martin Walser hat den Gegenkurs eingeschlagen und zählt heute auch CSU-Finanzminister Theo Waigel zu seinen Freunden. Siegfried Lenz, sowieso nie sonderlich aufs Scheinwerferlicht versessen, hat sich noch mehr zurückgezogen. Hans Magnus Enzensberger gefällt sich in intellektuellen Volten, ist buchstäblich nicht zu fassen.

Von Botho Strauß zu schweigen, der sich weigert, den Vorwurf der Nähe zum Rechtsextremismus zu entkräften. Und die ostdeutschen Autoren hatten meistenteils damit zu tun, einander diverse Stasi-Tätigkeiten vorzuhalten.

Daß heute kein Schriftsteller, sondern ein Kritiker und Showstar wie Marcel Reich-Ranicki die Debatte via Fernsehen maßgeblich, ja beinahe monopolistisch bestimmt, ist ein Krisenzeichen. Kurz und traurig: Einer wie Böll, dessen Werke noch von vielen Menschen kontrovers diskutiert wurden, fehlt uns wohl.

Stimmen aus der Literatur werden heute ignoriert

Aber es sind eben ganz andere Zeiten. Eher unwahrscheinlich sind heute solche Vorgänge wie in den 70er Jahren, als etwa der erzkonservative Journalist Matthias Walden Heinrich Böll geistige Mit-Urheberschaft am RAF-Terrorismus vorhielt. Schwer nachzuvollziehen auch, daß prominente CDU-Politiker vom Rednerpult des Bundestages herab gegen Bölls Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ zu Felde zogen. Heute ist man in Bonn geschickter und ignoriert kritische Stimmen aus der Literatur einfach.

Gewisse schrille Stimmen, die uns im Brustton einer „politischen Korrektheit“ aufklären wollen, kann man ja auch nur schwer ertragen. Böll war engagierter Moralist, nach seinen Kräften stets zum Helfen und Eingreifen bereit. Solche ehrenwerten Positionen sind nun vielfach zum Betroffenheits-Kult erstarrt, der sich nur noch rhetorisch über alle möglichen Themen ereifert.

Zurück zum Eigentlichen: Soll man Bölls Bücher erneut lesen? Ja, das sollte man. Seine kirchenkritischen Romane („Und sagte kein einziges Wort“, „Ansichten eines Clowns“): treffen auch heute noch manche wunden Punkte des Klerus und der falschen Frömmelei. Wichtiger wohl noch: Rund 50 Jahre nach Kriegsende, auch angesiçhts der deprimierenden Ereignisse in Ex-Jugoslawien, sollten wir uns zumal Bölls Erzählwerke aus der „Trümmerzeit“ noch einmal vornehmen: „Wanderer, kommst du nach Spa…“, „Wo warst du, Adam?“ und all die anderen. Man kann daraus ermessen, was Gewissen ist. Man kann Gedanken an Schuld und Sühne daran knüpfen. Auf daß uns die Empfindlichkeit für ideelle Werte nicht ganz abhanden kommt.




Ein Volksfest für den Dichter aus Bochum – Zum 250. Geburtstag des „Jobsiade“-Verfassers Carl Arnold Kortum

Von Bernd Berke

Bochum. Wann ist ein westfälischer Dichter schon mal so gefeiert worden, wie es Carl Arnold Kortum (1745-1824) jetzt bevorsteht? Rund 150.000 Besucher erwartet Bochum ab Freitag zum großen Kortum-Volksfest in der Innenstadt. Dazu gibt es fünf Ausstellungen, Rundgänge auf Kortums Spuren sowie zahllose Aufführungen und Vorträge – bis in den Herbst hinein. Ist Kortum denn ein zweiter Goethe gewesen?

Das nun nicht gerade. Doch der Mann hat immerhin ein dauerhaftes Buch verfaßt, nämlich „Die Jobsiade“. In volkstümlichen Knittelversen und mit funkelnder Ironie erzählte Kortum die Geschichte des Jobs, Sohn eines Ratsherrn und Bummelstudent der Theologie, der sich lieber geistigen Getränken als geistlichen Exerzitien widmet. Als Jobs zum Examen antritt, heißt es, bewußt holprig und lakonisch: „Über diese Antwort des Kandidaten Jobses / Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes.“

Fundstücke kamen gerade rechtzeitig

Bochum und seiner Stadtwerbung konnte kaum Besseres passieren: Kortums Geburtstag jährt sich just am 5. Juli zum 250. Male, und passend zu diesem Datum sind wertvolle Dokumente zu seinem Leben und Werk aufgetaucht, die z.B. im Keller eines Privathauses lagerten. Der gebürtige Mülheimer Kortum, der in Dortmund das Gymnasium besuchte, praktizierte später als Arzt in Bochum und für das Bergamt in Wetter. In Dortmund, wo sein Onkel eine Apotheke betrieb, erlernte er auch die Grundzüge der Pharmazie. Folglich fanden sich umfangreiche Herbarien im Nachlaß. Die Pflanzen, die er sorgfältig eingeklebt und gezeichnet hat, zeugen von der frühen Flora des damals noch nicht so genannten Reviers.

Außerdem hat Kortum medizinische und philosophische Fachbücher gesammelt, die von unschätzbarem Wert sind. Und auch über Kortums alchemistische Geheimgesellschaft zur Umwandlung von Kohle in Gold (Mitstreiter: ein Arzt aus Schwerte) gibt es Belege. So vielfältig sind die Exponate, daß man sie auf fünf Bochumer Gebäude verteilt: Stadtarchiv, Museum, Medizinhistorische Sammlung der Ruhr-Uni, Bergbau-Museum und Evangelische Stadtakademie.

Innenstadt maskiert sich nostalgisch

Zum Kortum-Volksfest maskiert sich die Bochumer City vom 30. Juni bis 5. Juli nostalgisch: Rund 400 Strohballen werden zwischen Kortumstraße, Husemannplatz und Dr.-Ruer-Platz dekorativ verteilt. Es werden traditionelle Handwerksberufe (Böttcher, Besenbinder usw.) vorgeführt, zudem sollen 60 Künstlergruppen auftreten. Auf „alt“ getrimmte Giebelstände, an denen auch fürs leibliche Wohl gesorgt wird, runden das Bild einer Stadt ab, die sich für ein paar Tage in Kortums Zeiten zurücksehnt.

Übrigens: Am kommenden (Kortum-)Sonntag, 2. Juli, öffnen von 13 bis 18 Uhr sogar eigens die meisten Innenstadt-Geschäfte. Zum Ausgleich müssen die Kaufleute eine Einbuße hinnehmen: Am Samstag schließen sie nicht erst um 16, sondern schon um 14 Uhr. So will’s die Gewerkschaft.

 




Flammende Botschaften aus dem Märchenreich – Ausstellung zu Leben und Werk der Else Lasker-Schüler

Von Bernd Berke

Wuppertal. Als Lyrikerin ist Else‘ Lasker-Schüler (1869-1945) weithin bekannt. Aber als Zeichnerin? Man glaubte, höchstens 40-50 Beispiele für diese Zweitbegabung finden zu können, als man vor zwei Jahren mit den Recherchen begann. Doch nun sind es annähernd 150 Kunst-Blätter von Hand der Dichterin, die man in einer großen Wuppertaler Ausstellung sieht.

Wer genügend Muße mitbringt, kann sich in der Barmer Kunsthalle tief ins Leben und Werk der deutsch-jüdischen Autorin versenken. Eine Fülle von Briefen, Tagebüchern, Manuskripten, Fotos und AmtsDokumenten belegt einen unbehausten Weg durch die Zeitläufte – von der Kindheit im Geburtsort Elberfeld (heute Wuppertal) über die wechselhaften Berliner Bohème-Jahre, die Vertreibung aus NS-Deutschland, das Schweizer Exil und schließlich ins einsame Dasein zu Jerusalem, wo sie vor 50 Jahren (22. Januar 1945) völlig verarmt gestorben ist.

Ein fortlaufender Bilder-Fries mit historischen Fotos ruft den geschichtlichen Zusammenhang wach; zudem zieht sich eine Leiste mit knappen lyrischen Lasker-Zitaten durch die Räume – lichterloh flammende Botschaften aus einem Märchenreich, Reaktionen einer äußerst empfindsamen Frau auf die Zumutungen der Welt. Auswahl und Präsentation lassen Emphase spüren. Man will uns gar vieles zeigen. Um so bedauerlicher, daß kein Katalog die Eindrücke bündig bewahrt.

Edler Giselher und Prinz von Theben

In den Zeichnungen und druckgraphischen Arbeiten der Else Lasker-Schüler tut sich eine phantastische kleine Sonderwelt auf. Da firmiert etwa der angehimmelte Gottfried Benn als edler „Giselhe(e)r“, die Dichterin selbst sieht sich in den Rollen „Jussuf“ oder „Prinz von Theben“. Oft ist das erschütternd in seiner Verletzlichkeit: Jussuf, inständig um Weltfrieden bittend. Jussuf, der sich aus Verzweiflung erhängt hat.

Die persönliche Mythologie speist sich aus vielen Quellen: Biblische Themen und Figuren treten hervor, exotische Szenarien und Requisiten indianischen oder orientalischen Ursprungs, auch aus Tibet und Afrika – Motive, die gleichfalls in ihren Gedichten anklingen. Einmal schreibt sie in ihr Tagebuch: „Die kleinen Spatzen sind meine einzige Freude seit sechs Jahren.“ Gedichte und Bilder sind, bei aller kunstvollen Formung, Ausdruck einer bitterlich einsamen Seele, die sich aus realer Bedrängnis ins Sternenweite ergießen will. Wir schauen da in ein Geisterland, bevölkert von traumnahen Wesen, die einander gut sein sollen, jedoch auch von Angst-Gestalten.

Es gab – neben der Ehe mit Herwarth Walden – freundschaftliche Kontakte zu Franz Marc, Karl Schmidt-Rottluff und zum Hagener Christian Rohlfs, von dem ein wundervolles Dichterinnen-Bildnis gezeigt wird. Ihre eigenen Blätter sind denn auch ersichtlich im Umkreis des deutschen Expressionismus entstanden. Manchmal hat sie auch (ähnlich wie der Wiener Gustav Klimt) ihre Bilder mit kleinen Goldauflagen durchwirkt. Sie nahm dazu freilich glitzerndes Bonbon-Papier.

Naive Hoffnung auf Stalin und Mussolini

Kaum minder bewegend sind einige Dokumente: Beispielsweise die um 1919 angefertigten Berichte der schweizerischen Spitzel, die ihr einen Kommunismus-Verdacht anhängen wollten. Sodann ihr (vielleicht nie abgeschicktes) Telegramm an Josef Stalin: „Marschall, ihr seid der gütigste und liebste Mensch der Welt.“ An jeden hat sie halt ihr bißchen Hoffnung geheftet, von dem sie meinte, daß er den deutschen Nazis Einhalt gebieten könnte – sogar an Benito Mussolini.

Traurige Sensation: Erstmals finden sich in dieser Ausstellung Belege für einen bislang bezweifelten Briefwechsel, den sie mit dem italienischen Faschistenführer beginnen wollte. Else Lasker-Schülers naive Hoffnung, nicht von dieser Welt und doch damals von etlichen Juden geteilt: Mussolini sollte Hitler den Antisemitismus ausreden. Statt einer Antwort ließ der „Duce“ über sein Büro der Dichterin am 17.3.1938 „saluti fascisti““ ausrichten – „faschistische Grüße“. Und das zu jenen Zeiten einer Jüdin im Exil…

Else Lasker-Schüler. Ihr Leben, ihr Werk, ihre Zeit. Ab Sonntag (9. April) bis 28. Mai. Kunsthalle Wuppertal-Barmen, Geschwister-Scholl-Platz (Tel. 0202/563 6630). täglich 11-19 Uhr. Eintritt 10 DM. Familienkarte 20 DM, jeweils inklusive Begleitheft. Kein Katalog.




Enzensbergers neue Verse: Der Mensch im Gestrüpp der Gegenwart

Von Bernd Berke

Lyrik in Moll: Hans Magnus Enzensberger stimmt im neuen Gedichtband „Kiosk“ melancholische Töne an. Milde Alterweisheit oder Resignation?

Zunächst glaubt man einen Stümper am Werke zu sehen, der z. B. in dem Gedicht „Audiosignal“ lustlos Worte aneinanderreiht: „Lispeln Nuscheln Schwafeln Munkeln / Näseln Flöten Säuseln Mümmeln…“ So geht das auch weiter. Doch Enzensberger hat nicht etwa die Schreibkunst verlernt. Bei genauerem Lesen merkt man, wie sich aufschlußreiche Strukturen bilden und verzweigen, als seien es Gewächse. Das gilt für den ganzen, sinnreich komponierten Band: Jedes Gedicht vertieft die Perspektive der vorigen. Sie alle klingen schließlich zusammen wie eine Sinfonie.

Der Titel „Kiosk“ steht für ein Leitmotiv: die im vielfältigen Medien-Angebot abgebildete, ungeheure Unübersichtlichkeit der Welt, die jede Wissenschaft übersteigt und jede Planung über den Haufen wirft: „An der nächsten Ecke / die drei ältlichen Schwestern / in ihrer Bretterbude. / Zutraulich bieten sie / Mord Gift Krieg / einer netten Kundschaft / zum Frühstück an.“

Die immer wieder neue Mischung des Geschehens durchkreuzt menschliche Vorhaben, bis man „vor dem Strudel der Erscheinungen kapituliert“: „Absichten zählen kaum“ im wirren Weltgetriebe, verläßlich ist nur der ständige Wandel: „Bei dem, was der Fall ist, / bleibt es nicht.“ Nicht einmal die Krankheiten von ehedem haben Bestand („Keine Rede mehr von Stockflüssen, Herzkuchen und Vapeurs“), die Körper-Chemie hat sich windschnittig der Jetztzeit angepaßt. Wie denn überhaupt die rauschende Gegenwart auch jene erfaßt, die sich ihr entziehen wollen. Das festumrissene Ich verblaßt und mit ihm alles, was gestern und früher war. Der Renaissanceforscher, tagsüber mit alten Schriften befaßt, macht Feierabend: „Dann löscht er das Licht, / öffnet die magische Schranke / und fährt über den Freeway nach Haus / im glühenden Natriumdampf / der Peitschenlanlpen.“ Hört sich an wie ein Überfall.

Da wird der Erdbewohner auch schon mal des Treibens furchtbar müde, wird er von Anfällen apathischer Verweigerung heimgesucht, doch danach geht’s wieder „zurück / zu den ewigen Werbespots / für Mord und Totschlag.“

Kein Ausweg im Jammertal? Doch, es gibt in diesem zuweilen fast religiös, oft aber auch sarkastisch getönten Buch jene winzigen Momente der Hoffnung, der Tröstung, gar des Wunders. Beim Innehalten an der roten Ampel: der flüchtige Gedanke, einen ganz anderen Weg einzuschlagen. Oder jene Beobachtungen im stillen Abseits, bei denen man sich wieder sammelt. Und schließlich das „unbemerkte Mirakel“ der Unversehrtheit mitten in der Gefahr, als schreite jeder Mensch unbeschadet „über den See Genezareth“.

Hans Magnus Enzensberger: „Kiosk“. Neue Gedichte.“ Suhrkamp, 133 Seiten. 34 DM.




Geschichte ist wie ein flüchtiger Duft – John Updikes „Erinnerungen an die Zeit unter Ford“

Von Bernd Berke

Wie riecht Geschichte, wie schmeckt sie, wie fühlt sie sich an? Wie nähert man sich ihr mit allen Sinnen, ohne den großmächtigen Abstraktionen der Haupt- und Staatsakte aufzusitzen?

Solche Fragen bewegen den Geschichtsprofessor Alfred C. Clayton, den Ich-Erzähler im neuen Roman von John Updike. Auf Anfrage einer historischen Kommission soll sich Clayton an die Präsidentschaft von Gerald Ford (Amtszeit 1974-77) erinnern. Doch seine Antwort fällt anders aus, als es die stockseriösen Herren wohl erwartet haben. Für Clayton besteht die Ära Ford nämlich weniger aus großer Politik, als aus seinen eigenen Privatgeschichten. Gerade dort, so findet er, weht mehr vom Geist der Epoche als im öffentlichen Leben.

Die Essenz der Ford-Ära liegt für Clayton z. B. im unverwechselbaren Duft. Zeitgenössische Schnupper-Szene an der Uni: „Das Aroma von hundert jungen Mädchen, die plappernd, kauend, an Strohhalmen saugend auf den Sofas und Sesseln hingerekelt lagen (…) dieser Duft ist ein Zugang zur Wahrheit, zur historischen Wahrheit.“

Evolution des Geschlechtsverkehrs

Updike gibt natürlich wieder der Sexualität breiten Raum. Im Hinblick auf Fords Präsidentschaft skizziert er etwa eine Art „Geschichte des Geschlechtsverkehrs“ zwischen den 1950er und den 1970er Jahren – von unsäglicher Prüderie bis zum gleichfalls öden Orgasmuszwang vor dem Aids-Schock. Updike erweist sich einmal mehr als fintenreicher Großmeister des Bettlakens. Kein anderer weit und breit, der Sex so fruchtig darstellt.

Jener Prof. Clayton erzählt nicht nur sein Leben (Trennung von Ehefrau Norma samt Kindern, Hinwendung zu diversen Geliebten), sondern unterlegt eine zeitliche Vergleichs-Folie. Denn sein frustriert abgebrochenes Hauptwerk handelt von einem früheren, nach landläufigen Maßstäben glücklosen Präsidenten der Staaten, James Buchanan (im Amt 1857-1861). Dessen Epoche und die von Ford werden im ständigen Wechsel gleichsam aneinander gerieben. Auch hier will Clayton intime Beziehungen als historischen Kern herausschälen.

Was gestern war, ist trügerisch

Er muß freilich resignieren: Der zeitliche Abstand und die vielen Lehrmeinungen haben längst das Eigentliche überlagert. Das Gestern ist unfaßbar geworden: „Die Vergangenheit ist ebenso trügerisch wie die Zukunft, und wir existieren benommen in der Gegenwart…“

Noch in Maria Carlssons sehr eingängiger Übersetzung ist der Stilwechsel spürbar: Während die 1970er Jahre bewußt schnoddrig erzählt werden, fließt der Wortstrom durchs 19. Jahrhundert behäbiger, vielleicht aber auch humaner, dem Gang menschlicher Dinge angemessen.

Für deutsche Leser nicht ganz leicht zu verdauen sind zahlreiche Details aus der Zeit Buchanans, der sich zwischen Befürwortern und Gegnern der Sklaverei aufrieb und die Staaten in den Bürgerkrieg schlittern ließ.

Wie also begreift man Historie? Ihre flüchtigen Geschehnisse scheinen ja schnell vom Winde verweht. Updikes/Claytons Schlußsatz nach 425 Seiten: „Je länger ich über die Zeit unter Ford nachdenke, desto mehr habe ich das Gefühl, daß ich mich an nichts erinnere.“

John Updike: „Erinnerungen an die Zeit unter Ford“. Roman. Aus dem Englischen von Maria Carlsson. Rowohlt. 425 Seiten. 45 DM.




Die Welt muß noch entdeckt werden: Peter Handkes „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ – eine Expedition auf 1066 Seiten

Von Bernd Berke

Peter Handke ist ein hochtrabender Autor, und dicke Bücher sind stets langweilig. So weit die Vorurteile. Kann denn ein Handke-Buch mit 1066 Seiten spannend sein?

Daß sich in Handkes Riesenroman „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ nicht viel begibt, kann nur behaupten, wer Action-Maßstäbe anlegt. Man fühlt sich alsbald aufgehoben in der strömenden Ruhe des langen Erzähl-Flusses. Passendes und weitgehend eingelöstes Handke-Zitate: .„Obwohl sich nichts tat, ging es hoch her.“ Oder auch: „Was für ein Erlebnis, und wie es einen aufweckt, eine Spannung aus nichts und wieder nichts.“

Ein Vorort als Mittelpunkt

Handkes Ich-Erzähler, der Schriftsteller Gregor Keuschnig, wohnt – nach Trennung von seiner Frau – draußen in einer buchtförmigen Pariser Vorstadt. Straßen und Wälder, Häuser und Menschen, die anderen nichtssagend vorkommen mögen, werden ihm zum aufregenden Mittelpunkt des Lebens. Gerade in diesem Abseits sind seine Sinne geschärfter als im brodelnden Zentrum der Stadt. Hellwach für alle Erscheinungen, schildert er winzigste Beobachtungen aus der Umgegend. Die Welt will bemerkt“ sein. Dann sieht sie plötzlich ganz anders aus.

Entscheidend sind Nachhall und Rhythmus des Erzählens. Entsprechen sie den Vorfällen, dann werden Schreiben und sonstiges Tun womöglich eins, wie Ein- und Ausatmen oder wie das noch ganz beseelte Erzählen eines Kindes. So das vielfach umkreiste Ziel.

Sicher: Beobachtungen in der Vorort-Natur geraten gelegentlich in die Nähe schierer Tier- und Pflanzenidyllen. Doch das hat mit „Gartenlaube“ oder Hermann Löns rein gar nichts zu tun. Denn Handkes grundsätzliche, stets sprungbereite Skepsis („Was ist überhaupt erzählbar?“) setzt die nötigen Brüche und Gegen-Akzente.

Versessen auf Wirklichkeit

Erfindet Handke etwa das Schreiben noch einmal? Er unternimmt jedenfalls dies: Wie weitsichtige Biologen die Gene bedrohter Arten sammeln und für spätere Zeit einlagern, so ähnlich soll Sprache hier die geglückten Momente aufbewahren. Jene Augenblicke, in denen ein ungeahnt schöner Zusammenhang zwischen Menschen, Orten und Zeiten aufblitzt.

Schreiben als Versuch, lohnende Bruchstücke der Weit zu retten. Kein geringes Abenteuer. Wie denn auch die Lektüre dieses Buches, mit dem man bei menschlichem Lesetempo gut vierzehn Tage zu ringen hat, einer Expedition gleichkommt. Wer sagt denn, heißt es einmal, daß die Erde wirklich schon entdeckt ist?

Aus der sorgsam gehüteten, der Außenwelt jedoch zugewandten Distanz seines Vororts, schildert Gregor Keuschnig auch die Reisen und Lebenswege einiger Freunde bzw. er träumt sie einfühlsam-„seherisch“ herbei. So weitet sich der Horizont des denkbar wclthaltigen und auf Wirklichkeit (oder deren wahrhaftige Empfindung) geradezu versessenen Romans.

Deutschland nach dem Bürgerkrieg

Der Reigen der Schauplatze reicht vom deutschen Fußballstadion bis buchstäblich in die innere Mongolei. Jene reisenden Freunde wirken – auf ihren Wegen durch so viele Länder – wie einsame Pioniere einer künftigen Art der Wahrnehmung; jeder auf seine besondere Weise, alle aber als im besten Sinne „Unfertige“.

Es gibt derzeit nur ganz wenige literarische Anstrengungen, in denen so sehr das Dasein aller Welt gewürdigt wird, in denen erst einmal alles Geltung bekommt, ohne daß sich verkrustete Meinungen in den Vordergrund schieben.

Die „Niemandsbucht“ ist nicht nur ein Wander-, Wandlungs- und Bildungsroman in Fortschreibung von Goethes „Wilhelm Meister“-Tradition, sondern auch eine Zukunftsreise. Im Jahr 1997 spiele die Geschichte, heißt es zu Beginn. Deutschland habe soeben einen Bürgerkrieg aller gegen alle überstanden und könne sich nun endlich neu und stimmiger als je zuvor finden. Auch von einer Genesung Jugoslawiens wird geträumt. Verrückte Einfälle? Wortwörtlich genommen, ja. Doch hier sind es Bilder der gespaltenen, vielleicht aber heilbaren Welt.

Peter Handke: „Mein Jahr in der Niemandsbucht“. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/Main. 1066 Seiten. 78 DM.