Der letzte Rest von Zuversicht – Wilhelm Genazinos „Die Obdachlosigkeit der Fische“

Von Bernd Berke

„Lange konnte ich es nicht aushalten, dann drückte sich ein furchtbares Gemisch meine Kehle hoch, ein Gemisch aus bitterer Kraftlosigkeit und absoluter Glücksverfehlung“. Ein typischer Satz aus Wilhelm Genazinos Prosaband „Die Obdachlosigkeit der Fische“.

In einer Art Tagebuch häuft eine Lehrerin ihre Depressionen an. Ihre Ängste scheinen längst keine realen Anlässe mehr zu haben, sie heften sich an alles und jedes. Diese vor der Zeit gealterte Frau in den Vierzigern durchstreift, wenn sie sich denn hinaus traut, ihre Umgebung geradezu in dem innigen Wunsch nach Leid. Sie grast Stadt und Land nach beunruhigenden Seltsamkeiten ab. Alsbald fragt man sich: Ist diese Bemitleidenswerte noch in der Lage zu unterrichten?

Nur Resignation und ein flaumweiches Nachgebenwollen liest man heraus, wenn die Lehrerin lauter Verluste verbucht, lauter Vor-Zeichen von Wahn und Tod. Im Bus sitzen nur verhärmte, ärmliche Leute – furchtbar. In der Bäckerei flirten aufgekratzte Verkäuferinnen mit den Kunden – schrecklich peinlich. Auf der Kirmes blickt ein kleines Mädchen so eigenartig – unerträglich. So geht es weiter und weiter. Nichts kann genügen. Auch die seit Jahren bewußt auf Sparflamme gehaltene Beziehung zu einem Manne nicht. Und die Schule ist eh nur eine Zwangsanstalt.

Immer wieder finden die Gedanken der Frau ihren Fluchtpunkt in der Nachkriegskindheit zwischen Ruinen. Da gab es die stumm erduldeten Annäherungsversuche der Jungen, überhaupt die ständige Verstrickung ins Unechte. Wie sie das ausgehalten hat? Indem sie zum Beispiel weidende Schafe anblickte oder sich durch sonstige Zufälle ablenken ließ. Nur in solcher Absichtslosigkeit, die ihr in höchster Not zur Hilfe kommt, liegt eine letzte Ahnung von Glück und Gnade. Dies Spurenelement kann sie vielleicht auch jetzt retten. O, vage Zuversicht!

Ein Buch mit „Wirkung im Bauch“, das bei Lesern vielleicht sogar innere Kräfte freisetzt: Man möchte nämlich immerzu aufbegehren gegen diese Todtraurigkeit, möchte wütend werden oder der Erzählenden wenigstens einen Rest von Revolte wünschen.

Wilhelm Genazino: „Die Obdachlosigkeit der Fische“. Rowohlt. 124 Seiten, 32 DM.

 

 




„Die Welt ist doch eine Scheibe“ – Oder werden die Bücher bald aus der Steckdose kommen?

Von Bernd Berke

Frankfurt. „Die Welt ist doch eine Scheibe“. Dieser Spruch führt nicht zurück ins Mittelalter, als die Kugelgestalt der Erde noch unbekannt war. Er soll in eine goldene Medienzukunft weisen. Denn mit dem Reklame-Satz ist die Datenscheibe CD-Rom gemeint, die mehr denn je die Diskussion auf der Buchmesse beherrscht.

Es scheint, als sei die Messe-Premiere der elektronischen Lesemedien im letzten Jahr nur Vorgeplänkel gewesen, als dämmere den Verlagen erst jetzt die Tragweite der neuen Technik. Und schon preschen Leute vor, die behaupten, die CD-Rom sei nur ein Behelf. In einigen Jahren werde das „Buch“ direkt aus der Steckdose kommen – aus prall gefüllten Wissens-Banken via „Daten-Highway“.

Was ist auf den Silberlingen wirklich drauf?

Zukunftsmusik. Wer jetzt schon ein CD-Rom-Laufwerk sein eigen nennt, wird noch nicht immer helle Freude an den Platten haben. Bevor man ihn nicht kauft und verwendet, kann man einem „Silberling“ nicht ansehen, was wirklich drauf ist. So sind auch die Gründe für die enormen Preisunterschiede (ca. 30 DM bis 200 DM pro Scheibe mit einer Speicherkapazität von bis zu 600 Megabyte) zunächst nicht ersichtlich.

Erst beim Gebrauch kommt der Aha-Effekt: Wenn Verlage bis zu 2 Mio. DM pro CD-Rom investiert haben (nur noch im internationalen Verbund sinnvoll), ist der Nutzeffekt ungleich größer als bei unausgereiften Produkten: Nicht überall, wo „interaktiv“ draufsteht, ist’s auch drin.

Eins steht fest, man kann es beim Ausprobieren der Geräte an sich selbst und an anderen wahrnehmen – nicht die leicht verschleierten oder gar verklärten Blicke der Leser selbst von trivialeren Druckwerken, sondern fiebrig irrende Pupillen. Denn die elektronische Art des „Lesens“ züchtet Ungeduld. Allein die Apparatur diktiert das Tempo – und das ist bei komplizierten Anwendungen oft noch schleppend.

Vom Lexikon bis zur „Pussy-Parade“

Unterdessen herrscht in Messehalle 1 ein etwas anderes Getriebe als zwischen den Buchständen. Auf Anbieterseite überwiegen smarte Business-Typen. Interessenten sind vor allem Kids und Jugendliche, die ganz unbefangen die neuen Medien ausprobieren. In Frankfurt werden aber inzwischen auch die Vorteile der Druckmedien wieder zaghaft erwähnt – erster Katzenjammer nach der CD-Euphorie?

Jedenfalls schält sich die Erkenntnis heraus, daß man nicht einfach Gedrucktes auf Platte übertragen dürfe, sondern eigenständige Inhalte entwickeln müsse. Dazu hat sich die Verlagsgruppe Brockhaus/Meyer/Duden/Langenscheidt, wie in Frankfurt verkündet wurde, mit dem Software-Konzern Microsoft verbündet. Es ballt sich was zusammen. Und die Zukunftsschmiede mögen weder für die Buchpreisbindung garantieren noch für exklusiven Vertrieb über den Buchhandel. Die Branche steht vor einem Verdrängungswettbewerb.

Während Brockhaus und einige andere wirklich frappierende Lexikonprojekte hervorgebracht haben, ist das anderwärts mit Inhalten so eine Sache. Vieles tötet eher die Phantasie oder gehört in die Spielhalle. Und schon sieht man auch CD-Programme der schäbigen Art, z. B. eine Sammlung von computeranimierten Szenarien aus den Weltkriegen. Auch Beate Uhse hat die Hände nicht oder genauer: ganz entschieden in den Schoß gelegt. Ihre Sex-Fabrik ist mit einer Reihe von Scheiben vertreten, u. a. mit einer „Pussy-Parade“. Wenn das Gutenberg wüßte.

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Kommentar

Elektronik auf Frankfurter Messe auf dem Vormarsch

Das Buch im Computer

Etwa fünf bis 18 Prozent des Geschäfts mit dem Lesen, so gestern die Veranstalter der Frankfurter Buchmesse, könnten zur Jahrtausendwende mit elektronischer Ware abgewickelt werden. Die Spannbreite dieser Schätzung ist enorm. Schon deshalb läßt sie auf große Unsicherheit schließen. So richtig scheint man immer noch nicht zu wissen, auf was man sich da im Buchhandel eingelassen hat.

Doch die Geister, die man rief – man wird sie gewiß nicht mehr los. Der Buchmarkt ist ohne die Daten-Scheiben mit ihrem immensen Fassungsvermögen nicht mehr denkbar. Sie erobern auch jetzt schon auf der Messe immer mehr Raum und Aufmerksamkeit. Also muß man – wohl oder übel – mitmischen, will man den wirtschaftlichen Anschluß nicht verlieren.

Eher wie Beschwörung hört es sich an, wenn man darauf pocht, die „Inhalte“ würden gerade jetzt immer wichtiger. Buchverleger, so verkünden die Verbands-Funktionäre mit stolzgeschwellter Brust, hielten schließlich die Rechte an fast allem, was auf CD-Rom und anderen Datenträgern publiziert wird. Die stille und manchmal auch laut als Gewißheit verkaufte Hoffnung: Die Verleger würden diese „immer wichtigeren“ Inhalte schon nicht verkommen lassen.

Schon das kann man teilweise bezweifeln. Nicht jeder Verlag wird von edlen kulturellen Motiven geleitet. Zudem dürften sich schon bald große Elektronik- und Unterhaltungskonzerne lukrativer Datenrechte bemächtigen. Und denen ist es piepegal, was konsumiert wird. Hauptsache, es wird kräftig gekauft.

Bernd Berke, z. Zt. Frankfurt

(Kommentar erschienen 5. Oktober 1994)

 




Dortmunds etwas andere Buchmesse – Schau mit 3000 Bänden im Harenberg City-Center

Von Bernd Berke

Dortmund. Wir alle kennen den Reklamespruch aus dem Fernsehen. Hier die von Schleichwerbung bereinigte Fassung: „Für die einen ist es ,Mh-mh‘, für die anderen ist es die längste Praline der Welt“. Die Formel ist auf ein neues Kulturereignis anwendbar: Für die einen ist es eine Bücherschau, für die anderen ist es die „1. Dortmunder Buchmesse“… Mal ehrlich, verdient sie diesen Namen?

Lokalstolz beiseite. Wenn man nüchtern Zahlen vergleicht, wird schon einiges klar: Die Veranstaltung im City-Center des Dortmunder Harenberg-Verlages präsentiert jetzt rund 3000 Bücher, in der nächsten Woche werden auf der Frankfurter Buchmesse (an der Harenberg seit Jahren nicht mehr teilnimmt) etwa 320.000 Bände gezeigt. In Dortmund sind etwas über 200 deutschsprachige Verlage vertreten, hinzu kommen Anbieter von Kalendern und Datenscheiben (CD-Rom); am Main werden fast 8600 Aussteller aus aller Welt Geschäfte machen, die elektronischen Lese-Medien werden eine ganze Halle füllen.

Auch fehlen in Dortmund das internationale Flair und der schwunghafte Handel mit Lizenzen – das, was zu einer Großmesse gehört. Also: Erst kommt Frankfurt, dann lange nichts. Dann Leipzig, dann wieder lange nichts. Dann vielleicht Dortmund. Die Dortmunder Schau erspart also keineswegs die Reise nach Frankfurt, sie hat aber durchaus ihre Berechtigung. Hier herrscht nicht der Massenandrang, der vom Schmökern abhält. Also kann man in relativer Ruhe blättern – und die Lektüre auch gleich ordern. Denn nahezu alle Dortmunder Buchhandlungen machen mit, und sie haben eine Bestelltheke eingerichtet.

Das ist überhaupt eine herausragende Fähigkeit des Verlegers Bodo Harenberg und seiner Mitarbeiter: viele Leute unter einen Hut zu bringen. So sorgt er bereits mit einer Autoren-Lesereihe für mehr Furore als manch städtisches Kultur-Unterfangen. Und so kamen zur Eröffnungs-Gala der „1. Dortmunder Buchmesse“ praktisch alle, die Rang und Namen haben im (Kultur)-Leben der Stadt.

„Dortmunder Initial“ für Andrzej Szczypiorski

Sie kamen auch zu Ehren des polnischen Autors Andrzej Szczypiorski („Die schöne Frau Seidenman“), der im Rahmen der Gala einen neuen Literaturpreis, das „Dortmunder Initial“, entgegennahm. Die vom örtlichen Buchhandel gestiftete Auszeichnung sagte Szczypiorski, der vor fünf Jahren bereits den Dortmunder NellySachs-Preis erhalten hatte, sichtlich zu. Der grundsympathische Herr küßte die Trophäe, nannte Dortmund seine temporäre „Hauptstadt der Kultur“ und bedankte sich mit einer Lesung aus seinem „Selbstporträt mit Frau“.

Zuvor hatte Verleger Bodo Harenberg ein „Plädoyer für das Buch“ gehalten und „Freispruch“ für alle Leser beantragt. Als Gegengewicht zur „Einminuten-Kultur“ elektronischer Medien werde das Buch wieder an Bedeutung gewinnen, hofft Harenberg. Nun, auch sein Verlag lebt vielfach von bebilderten Info-Happen zum schnellen geistigen Verzehr. Was ja nicht verkehrt sein muß. Information verlangt eben Tempo.

Zurück zur „Buchmesse“. Die etwa 3000 Titel wurden auf Anforderung von den Verlagen nach Dortmund geschickt. Die wichtigsten Häuser sind dabei, wenn auch zum Teil mit schmalen Kontingenten. Man sieht ’94er-Neuerscheinungen aus der Frühjahrs- und Herbst-Produktion. Auf allzu spezielle Sachbücher wurde verzichtet.

Die Auswahlkriterien sind nicht recht ersichtlich, im Zweifel hatte wohl das Populäre Vorrang. Sortiert hat man nach Sachgruppen. Der größte Sektor heißt „Unterhaltung“. Dabei sind in der Hast ein paar fragwürdige Zuordnungen unterlaufen. So liegen Bücher des Romanciers Gerhard Köpf oder des als „Götterliebling“ gehandelten ostdeutschen Lyrikers Durs Grünbein gleich neben solchen von Heinz G. Konsalik. So fließend sind die Grenzen ja nun auch wieder nicht. Daß Bücher von Bertelsmann (dorthin verkaufte Harenberg seine „Chronik“-Edition) und Harenberg selbst ein kleines bißchen mehr auffallen als andere – wer will es dem Hausherren des City-Centers verdenken?

„1. Dortmunder Buchmesse“. Harenberg City-Center, Königswall 21. Bis 2. Oktober, tägl. 10-19 Uhr.




Konkursrichter über das eigene Leben – „Die Sache mit dem Hund“ von Lars Gustafsson

Von Bernd Berke

Konkursrichter lenken für gewöhnlich die (Lebens)-Pleiten anderer Leute in juristische Bahnen. In Lars Gustafssons neuem Buch „Die Sache mit dem Hund“ muß ein solcher Richter über die eigene Biographie befinden.

Der Ich-Erzähler lebt, wie übrigens der schwedische Autor seit Jahren auch, bei Austin (Texas/USA). Er steht kurz vor seiner Pensionierung und hat somit Anlaß zur Zwischenbilanz. Von seiner Frau, die dem Alkoholismus zuneigt, lebt er in gemessener Alltagsdistanz. In ihrer beider Haus am Strom, der manchmal bedrohlich über die Ufer tritt, erlebt er buchstäblich den Fluß der Zeit. Während dies allmähliche Verrinnen die Stimmung des Buches elegisch grundiert, kommt es zu deutlicheren Konflikten.

Der rätselhafte Tod des vor langer Zeit aus Holland zugewanderten Nachbarn und Philosophie-Professors Van de Rouwers bringt es an den Tag: Der Denker, seit vielen Jahren ein Leitstern des Konkursrichters, war nicht als Widerstandskämpfer gegen die Nazis in die USA emigriert, sondern ganz im Gegenteil, weil er den NS-Rassismus durch Zeitungsartikel unterstützt hatte.

„Die Grausamkeit hat große Reserven“

Für den Konkursrichter bricht eine Welt zusammen: An einem solchen Unmenschen hatte er sich geistig orientiert! Nach seinen Gerichtssitzungen streunt der Konkursrichter nun durch fremde Gegenden und versucht, mit sich ins Reine zu kommen. Wir erfahren zudem, daß er in wütender Aufwallung einen anderen Streuner, nämlich einen Hund, erschlagen hat – diese „Sache mit dem Hund“ bringt seine Gedanken noch weiter aus dem gewohnten Gleis. Ein Satz, der vielfach aufgegriffen wird, rückt dies in die existentielle Dimension: „Die Grausamkeit hat große Reserven“, sinniert der Richter – und findet plötzlich überall Beispiele des in der Welt waltenden Bösen. Auch bei sich selbst.

Gustafsson siedelt sein in ganz kurze Streiflicht-Kapitel unterteiltes Buch in einer seltsam zwiespältigen Atmosphäre an. Einerseits geht das texanische Kleinstadtleben seinen Kriechgang täglicher Korruption, andererseits dämmert „political correctness“ herauf, jene stets sprungbreite moralische Empörung im Namen aller möglichen Minderheiten. Weder das eine noch das andere „schmeckt“ dem Richter, eigentlich fühlt er sich durchweg unbehaglich. Konkurs eines Lebens – oder einfach die mürrische Einsicht, mit zunehmendem Alter immer mehr „von gestern“ zu sein? Jedenfalls ein Buch, das einen so schnell nicht in Ruhe läßt.

Das allmählich nachlassende Gedächtnis des Richters spiegelt sich in häufigen Wiederholungen von Satz- und Sinnfetzen, so als wisse die Hauptfigur gar nicht mehr so recht, was sie bereits berichtet hat. Zugleich sorgt dies Stilmittel für erhellende Querbezüge. Gustafsson erzählt in täuschend leichtem Plauderton mit jener großen Gelassenheit, die man von ihm kennt und die so schätzenswert ist.

Lars Gustafsson: „Die Sache mit dem Hund“. Roman. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Hanser Verlag, München, 240 Seiten, 34 DM.




„Es muß über uns kommen“: Botho Strauß‘ Miniaturen und Etüden „Wohnen Dämmern Lügen“

Von Bernd Berke

Die Mythen stecken mitten im banalen Alltag. Sogar eine „Frau in vierfarbigem Jogginganzug“ birgt ihr Geheimnis. Denn sie stößt unvermittelt Möwenschreie aus. Ihre schockierenden Liebeslaute mit Tierstimme rufen uralte, vorhistorische Zeit wach. Derlei Magie ins heutige Leben zu verpflanzen, war seit jeher ein Bedürfnis von Botho Strauß. Auch in seinem neuen Buch mit dem Trance-Titel „Wohnen Dämmern Lügen“ betreibt er die Mischung der Zeiten und versetzt uns in eine Doppelwelt.

Ob an der Supermarktkasse oder bei der schnöden Arbeit im Büro – überall kann sich hier unversehens jener Riß in der schmucklosen Hülle bloßer Gegenwart auftun und den Blick freigeben „bis in die Urnebel“. Um solch mystische Tiefenschau faßbar zu machen, spannt Strauß keinen großen Handlungsbogen, er läßt sie vielmehr in lauter Miniaturen und Etüden kurz aufglühen – aus rasch wechselnden Perspektiven und mit immer neuen Rollenentwürfen in 37 kurzen Kapiteln.

Es ist ein vielgliedriges Buch mit einprägsamen kleinen Szenen, aus denen allmählich ein Überschuß an Vision hervorgeht: Da sitzt ein Mann auf einem verlassenen Bahnhof und erwartet einen Zug, der vielleicht nie kommen wird. Da stapft ein maskierter Vater, dessen kleine Tochter beim Festumzug Magenschmerzen bekommt, in seinem grotesken Kostüm zornbebend mit ihr heimwärts. Da gibt es ein altes Übersetzer-Ehepaar, das sich nur noch der vergeblichen Suche nach dem einen, allumfassend richtigen Wort widmet. Und so weiter, dutzendfach.

Vor allem das ziellose Liebesweh jetziger Menschen, bei denen oftmals eine Person nur Durchgangsmedium auf dem Weg zu einer unerreichbaren dritten ist, bannt Strauß nicht zuletzt in Beschreibung von verqueren Körper-Haltungen, die den Kern künftiger Theaterstücke erahnen lassen.

„Worte wie Huld, Dank und Ehre in ihrer alten Ordnung“

Nach gelegentlich dunklen und hochmütig klingenden Predigten sowie sehr mißverständlichen Essays („Anschwellender Bocksgesang“), hat Strauß sich wieder spürbar den tatsächlichen Dingen des Daseins genähert.

Wort für Wort tastet er sich heran an die Umrisse eines eigentlich Unsagbaren, erkundet behutsam Neuland. Das führt – häufig in Rollenprosa, also nicht ohne weiteres zu verwechseln mit Strauß‘ eigenem Tonfall – von Niederungen der tagtäglichen Sprache, von den Wonnen der Gewöhnlichkeit bis hinauf zu quasi-religiösen Eruptionen. Da sollen dann „Worte wie Huld, Dank und Ehre in ihrer alten Ordnung“ auferstehen, da soll gar „Die Ewigkeit“ wieder auf die Tagesordnung gesetzt werden, denn: „Es muß über uns kommen, aus uns selbst kommt nichts mehr.“ Man wüßte schon gern, was er mit diesem „Es“ meint.

Die ausufernde, eifernde Rede voller Erlösungssehnsucht bildet zwar das Schlußstück des Bandes, doch Strauß relativiert den reißenden Wortfluß sogleich. Er legt ihn nämlich einem Mann in den Mund. der anfangs als Streithammel aus einer Kneipe geworfen wird und der schließlich im eigenen Sprachstrom geradezu ertrinkt und kollabiert. Was also ist es gewesen: Hellsicht oder Umnachtung?

Dieser wohlige Schauer von Kostbarkeit

Gewiß: Strauß bringt nach wie vor das eine oder andere, im Übermaß pretiöse Wort unter und erntet auch mit großer Gebärde entlegene Lektürefrüchte (z.B. Hamann oder Theodor Däubler). Doch das nehmen wir bei ihm längst gelassen hin, es vermittelt ja auch diesen wohligen Schauer von Kostbarkeit – ungefähr wie seinerzeit jener Werbespruch: „Zu wissen, es ist Platin…“

Entscheidend ist aber Strauß‘ beängstigend präziser Blick auf gärende (oder: bereits vergorene) Verhältnisse, wie sie sich ergeben aus allseitiger Auslösung von verläßlichen Bindungen. Wir sehen in seinem Buch Menschen, die unentschlossen zwischen losen Familienverbänden driften oder in Resten zerfallener Wohngemeinschaften verkommen. Wir erleben entgeisterte Straßenpassanten in einem untergründig gewaltsamen „Gerade-so-eben-noch-Frieden“, der die Gesellschaft in Gleichgültigkeit erstarren läßt. Wir erfahren von lauter Getrennten, Alleinerziehenden, in ihre diversen Unglücke Versenkten. Wer würde sich da nicht nach Erlösung sehnen? Sie muß ja nicht gleich ewig währen.

Botho Strauß: „Wohnen Dämmern Lügen“. Hanser Verlag, München. 203 Seiten, 34 DM.




Ein Lebenslauf als explosive Kettenreaktion – Paul Austers Roman „Leviathan“

Von Bernd Berke

„Vor sechs Tagen hat sich im nördlichen Wisconsin ein Mann am Rande einer Straße in die Luft gesprengt.“ So explosiv läßt der Amerikaner Paul Auster seinen Roman „Leviathan“ beginnen.

Was war das für ein Mann, der der Sprengladung zum Opfer fiel? Diese Frage umkreist das Buch. Denn der Ich-Erzähler und Schriftsteller Peter Aaron hat ihn gekannt, jenen Benjamin Sachs. Doch hat er ihn wirklich gekannt? Zitat: „Wenn es jedoch stimmen sollte, würde dies bedeuten, daß menschliches Verhalten undurchschaubar ist. Es würde bedeuten, daß niemals irgend etwas verständlich ist.“

Alles geschieht, und sei es noch so unwahrscheinlich. Immer wieder muß Peter Aaron seine Vermutungen widerrufen, wenn er – im Wettlauf mit staatlichen Stellen – das Leben von Sachs nachzeichnen will. Dessen Biographie scheint undurchschaubaren Regeln gefolgt zu sein. Es gibt in diesem Roman ständig Wendepunkte, die vom puren Zufall regiert werden. Die Mechanik dieser Zufälle wirkt jedoch so vielsagend, als habe ein großer Konzeptkünstler seine planende Hand im Spiel. Tatsächlich taucht eine Künstlerin, die mit neurotischer Beharrlichkeit in fremde Lebenslaufe eingreift und Chaos heraufbeschwört, als Maria Turner (sprechender Name: eine, die für Wendungen sorgt) auf.

Das Privatleben des Schriftstellers Sachs wird von seiner Kindheit bis zur Ära Ronald Reagan aufgefächert: seine sonderbare Ehe mit Fanny, seine schwierige Freundschaft mit dem Erzähler Aaron, sein stetes Getriebensein, seine düster-komplizierten Büßerphantasien, in denen er für alles und jedes die Verantwortung übernehmen und notfalls unter Einsatz seines Lebens Abbitte leisten will. Ein seltsamer Heiliger. Im Lauf der Erzählung wird Sachs zu einer Art Monument. Er gleicht manchmal fast seiner Lebens-Leitfigur, der Freiheitsstatue.

Sachs, der als Instanz nur den Naturapostel H. D. Thoreau gelten läßt und meint, der „Leviathan“ (apokalyptischer Drache, totalitärer Staat) namens Amerika habe alle Ideale verraten, wird in der Ellenbogen-Ära Reagan zum waidwunden Außenseiter. Ihm geschehen wildeste Dinge: Da erschlägt er in einer nahezu alttestamentarischen Situation eineu Mann, nistet sich bei dessen Witwe ein, gibt ihr jeden Tag 1000 Dollar und schläft mit ihr. Da stürzt er bei einer Party vom Dach und bricht sich beinahe das Genick – ein vertrackter Vorfall, aus dem er eine ganze Todes-Philosophie schmiedet. Schließlich driftet er in eine sonderbare Form des Terrorismus‘ ab. Ein Leben wie eine Kettenreaktion.

Paul Austers (von Werner Schmitz sehr flüssig übersetzter) Roman nimmt uns mit auf eine irritierende und spannende Such-Reise nach der Wirklichkeit eines Lebens. Eine Ankunft gibt es nicht. Aber immer neue Anläufe und Aufbrüche.

Paul Auster: „Leviathan“. Roman. Rowohlt-Verlag, Reinbek. 320 Seiten, 42 DM.




Die Phantome der Liebe – Richard Fords tragikomische Erzählung „Der Frauenheld“

Von Bernd Berke

Hier geht es offenbar ums Ganze. Zitat: „…er fragte sich, was möglich war zwischen den Menschen? Was war möglich, das wirklichen Wert hatte? Wie konnte man das Leben in den Griff bekommen, anderen geringen Schaden zufügen und doch mit ihnen verbunden sein?“ Zitat Ende.

Solche Worte kreisen wirklich um Grundfragen des Lebens. Doch keine Angst. Bei dem Amerikaner Richard Ford kommen die tiefsinnigen (und doch so einfach klingenden) Sätze erst ganz zum Schluß. Sie ergeben sich völlig ungezwungen aus einer Erzählung, die etliche Bedeutsamkeit mit wenig Erdenschwere verbindet.

Immerhin: Die Komplikation zwischen den Geschlechtern, die „Der Frauenheld“ Martin Austin erleidet, bilden sich zuweilen auch im verschachtelten Satzbau ab. Das liegt wohl nicht nur an der stellenweise etwas holprigen Übersetzung von Martin Hielscher.

Martin Austin jedenfalls ist ein Amerikaner in Paris. Zunächst kommt der Händler für Spezialpapiere dienstlich nach Europa, dann immer öfter und geradezu zwanghaft privat. Denn er lernt die französische Verlagslektorin Josephine kennen und – nein, nicht wirklich lieben, aber irgend etwas Verwandtes wohl doch. Er rätselt und rätselt an diesem „Etwas“ herum. Nun ja, man hat sich alsbald geküßt. Aber mehr geschieht – allen Treffs zum de Trotz – eigentlich nicht.

Austin bleibt in einem Stadium der Vorlust und Erwartung stecken. Immer wieder hämmert er sich ein, absolut „alles“ sei möglich, sein ganzes Leben könne sich mit Josephine über Nacht ändern, ohne daß er viel dazu beitragen müsse. Doch dieses „Alles“ gerinnt dann na wieder zu nichts. Josephine bleibt in ihrem ganzen Wesen für ihn undeutlich, denn sie ist gleichsam nur eine leere Fläche, auf die er seine flackernden Wünsche projiziert. Die ganze Sache mit der Liebe bleibt bis zum Schluß ein großes „Vielleicht“.

Ähnlich unentschieden, ohne rechte Zukunftsperspektive, ist Austins Ehe mit Barbara daheim in den Staaten. Bis Barbara schließlich die Trennung ausspricht. Als er erneut nach Paris flüchtet, ist auch Josephine seltsam reserviert. Und plötzlich ist dieser vermeintliche „Frauenheld“ mit den Phantomen seiner Einbildung furchtbar allein…

Richard Ford erzählt formal konventionell, aber was heißt das in diesem Falle schon. Die fortwährende Unentschiedenheit seines Anti-Helden hält das Geschehen in schöner Schwebe zwischen Tragödie und Komödie. Und alles klingt wahrhaftig, wie aus dem manchmal so undeutlichen Leben selbst geschöpft.

Richard Ford: „Der Frauenheld“. Aus dem Amerikanischen von Martin Hielscher. S. Fischer Vertag, Frankfurt am Main. 116 Seiten, 29,80 DM.




Für den Olymp kommt keiner in Frage – Marcel Reich-Ranicki über berühmte deutschsprachige Kritiker

Von Bernd Berke

Unser Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki hat ein Buch über seine berühmten Vorläufer seit Lessing geschrieben. Ja, gab es denn vor ihm überhaupt nennenswerte Kritiker?

Offenbar ja, denn der Band „Die Anwälte der Literatur“ (nein, nicht „Staatsanwälte“) umfaßt immerhin 23 Porträt-Essays. Und doch auch wieder nicht, denn die allermeisten finden vor Reich-Ranicki wenig Gnade.

Nehmen wir Gotthold Ephraim Lessing selbst, den vermeintlichen „Vater“ der deutschen Kritik. Der hatte zwar laut Reich-Ranicki einen aufrechten Charakter, verkannte oder unterschätzte aber viele literarische Talente seiner Zeit, schrieb etliche Rezensionen nur aus Gefälligkeit und hatte weder eine Antenne für Wieland noch für Goethe. Apropos: Goethe selbst sei der absolute Anti-Kritiker gewesen, denn er habe nur gefügige Leser gewollt.

Alfred Kerr war töricht, Walter Benjamin abseitig 

Und der berühmte Alfred Kerr? Nun gut, der lag oft intuitiv richtig. War aber ein unruhiger Geist, eitel bis dorthinaus, übersah Brechts Genie, urteilte töricht über Thomas Mann. Und Überhaupt: Er hat der Kunst kaum gedient. Schnell weggetreten, Kerr!

Das wohl krasseste Verdikt erlaubt sich Reich-Ranicki über Walter Benjamin. Dieser Egozentriker habe sich nur abseitige Themen ausgesucht, ansonsten aber alles verschlafen. Auch er kommt also keineswegs für den Rezensenten-Olymp in Frage. Wer aber dann? Friedrich Sieburg? War eher an kulturellen Seilschaften interessiert. Alfred Polgar? Ja, der vielleicht. War aber leider zu bescheiden. Es ist schon ein Kreuz. Der eine ist zu eitel, dem anderen fehlt’s an Arroganz. Und so passieren sie alle Revue: Heine, Börne, Tucholsky usw. Jeder hat gewisse Stärken, doch jedem läßt sich auch kräftig am Zeug flicken.

Am Ende einer großen Ahnenreihe

Besser ergeht’s dem nüchternen „Praktiker“ Theodor Fontane und Friedrich Luft, der auch „für den Gemüsehändler“ verständlich geschrieben habe. Unter den Heutigen nimmt Reich-Ranicki seine Jury-Freunde Walter Jens und Joachim Kaiser ins Visier. Sie kommen ungeschoren davon. Wie war das noch mit den Gefälligkeits-Kritiken?

Wer solch ein Buch verfaßt, stellt sich unausgesprochen selbst an den gloriosen Schluß der großen Ahnenreihe. Und wer seine Kollegen dermaßen durchschaut, wird doch wohl alle bei ihnen erkannten Fehler tunlichst vermeiden? Hier wollen wir höflich schweigen. Immerhin wird Reich-Ranicki an einer Stelle ungewohnt bescheiden: „Im Grunde müßte man wie Polgar schreiben können, um zu zeigen, wie er schreiben konnte.“

Nur wenige Worte über die jüngsten Vorwürfe (Tätigkeit für den polnischen Geheimdienst) an Reich-Ranickis Adresse. Da scheint es mehr um Entmachtung eines vielfach Ungeliebten als um Erkenntnis zu gehen. Hellmuth Karasek, Reich-Ranickis Mitstreiter beim „Literarischen Quartett“ im ZDF, hat im „Spiegel“ dieser Woche wenn schon nicht den Inhalt, so doch die Schwere der Vorhaltungen entkräftet, indem er den Zeitbezug wachrief. Auch das eine Gefälligkeit, aber eine notwendige.

Vorbildliche Kritiken von Reinhard Baumgart

Zurück zum Buch. Die besten Passagen sind jene, in den Reich-Ranicki die anderen Kri~ tiker ausgiebig zitiert. Die markantesten Stellen ergeben Ansätze zu einer Geschichte des Rezensionswesens. Die allerdings müßte noch – aus neutraler Position – geschrieben werden.

Eines der klügsten Porträts ü b e r Reich-Ranicki hat bereits 1964 Reinhard Baumgart verfaßt. Baumgarts gesammelte Kritiken sind jetzt in einem sehr lesenswerten Sammelband erschienen. Dieser Rezensent geht wohltuend behutsam und doch meinungsfreudig zu Werke. Er weckt zwar keine lautstarken Kontroversen wie Reich-Ranicki, ist aber ein leuchtendes Vorbild in Sachen angemessener Wahrnehmung von Literatur.

Marcel Reich-Ranicki: „Die Anwälte der Literatur“. Deutsche Verlagsanstalt (DVA). 360 Seiten. 39,80 DM.

Reinhard Baumgart: „Deutsche Literatur der Gegenwart“. Kritiken – Essays – Kommentare. Hanser Verlag, 600 Seiten, 68 DM.

 




Lachend die Zeichen der Zeit erkennen – Dicker Sammelband des vielseitigen Robert Gernhardt

Von Bernd Berke

Welcher deutsche Gegenwartsautor ist vielseitiger als Robert Gernhardt? Der 57jährige hat etliches auf Lager – von der Satire und dem niveauvollen Nonsens bis zum beachtlichen Roman; von der trefflichen Zeitkritik bis zum raffiniert gereimten Gedicht.

Mehr noch: Ohne Gernhardts Texte wäre Otto Waalkes nicht halb so gut gewesen. Und er ist einer der besten Cartoon-Zeichner. Wen wundert’s, daß der Vielfältige jetzt mit einem üppigen Sammelband zum Klassiker erhoben wird. Der Titel („Über alles“) weist schon auf Gernhardts kreative Bandbreite hin.

Seit seinen Anfängen beim Satire-Blatt „Pardon“ (frühe 60er Jahre), wo er mit F. K. Waechter und F. W. Bernstein „Welt im Spiegel“ schuf, jene legendäre Beilage für den  höheren Blödsinn, zählt Gernhardt zu den produktivsten Grenzgängern zwischen Ernst und Scherz, zwischen Sinn und Widersinn. Das ist – gerade in deutschen Landen – ein Vorzug sondergleichen.

Jenseits der gängigen Meinungen

Im Sammelband kann man genußvoll nachlesen, welch ein versierter Stilist dieser Mitbegründer der „Neuen Frankfurter Schule“ ist. Er läßt sich keine wolkigen Formulierungen durchgehen. Gerade indem Gernhardt seine kleinen Künstler-Eitelkeiten offen ausspricht, vermeidet er selbstgerechten Zungenschlag. Derlei stete Wachsamkeit macht auch den Zeitbeobachter aus, der sich schwerlich von gängigen Meinungen beirren läßt.

Im Rückblick ist es frappierend, wie behutsam und differenziert er z. B. 1982 eine Reise in die DDR beschrieben hat. Darin steckt schon das Unbehagen an der innerdeutschen Fremdheit, mit der wir uns heute plagen. Und Prägnanteres ist – zumal in dieser unterhaltsamen Kürze – auch über die deutschen „Fifties“ kaum geschrieben worden als Gernhardts mal eben neun Buchseiten langer Beitrag „Die geile Welt der 50er Jahre“.

Die neue Art der Geistes-Schnüffelei

Gernhardt geißelt nicht nur konservative Widersacher, sondern auch linke Auswüchse: Hinter manchen Spiegel gehören seine Texte über die Stellvertreter-Empörung, die im Namen von Minderheiten alle Geistesprodukte einschließlich Satire auf politische Korrektheit abklopft und dabei jedes Maß verliert. Verständlicher Seufzer: Da sei man mühsam der autoritären Schnüffelei der 50er Jahre entronnen und falle einer neuen, sich fortschrittlich gebenden Inquisition anheim, die einem gar noch die Mülltonnen inspiziert, um nachzusehen, ob man auch ja sortenrein gesondert hat.

Apropos Müll: Auch das ewig „betroffene“ Gewühle im Abraum der Psyche geht Gernhardt auf den Geist: „Daß Beziehungen problematisch waren, lag in ihrer Natur begründet, sie zusätzlich noch zu problematisieren war ungefähr so sinnvoll wie – ach, ihm fiel gar kein Vergleich für diesen Unfug ein … Die Panzerknacker problematisierten ihre Brüche doch auch nicht“.

Straßen, in denen Kanzler Kohl aufwuchs

Aufgelockert durch Zeichnungen und allerlei Gedichte (irgendeine Doktorarbeit wird gewiß mal seine lyrische Verwandtschaft zu Peter Rühmkorf nachweisen), werden mit Leichtigkeit, die bekanntlich so schwer zu erzielen ist, Grundfragen abgehandelt: Die Kapitel heißen „Kunst und Leben“, „Mensch und Tier“, „Mann und Frau“, „Wort und Bild“, „Zeit und Raum“, „Gott und die Welt“, „Spaßmacher und Ernstmacher“.

Gernhardt schlägt Funken aus unscheinbaren Dokumenten. So gewinnt er etwa den Unterwäsche-Seiten von Versandhauskatalogen eine kleine Nonsens-,,Philosophie“ der Geschlechter ab. Beim Gang durch die Straßen, in denen Kanzler Kohl aufwuchs, erspürt Gernhardt mehr vom Gepräge dieses Politikers als mancher Groß-Essayist. Oder er entlarvt Zeitgeist-Hanseln wie den Psycho-Autor Wilfried Wieck („Männer lassen lieben“) durch Vergleich mit dem großen christlichen Bekenner Augustinus. Da sieht Wieck ganz alt aus. Und der Leser hat abermals die doppelte Portion bekommen: Lachen und Erkenntnis auf einen Streich.

Robert Gernhardt: „Über alles“. Ein Lese- und Bilderbuch. Haffmans-Verlag, Zürich. 479 Seiten, 44 DM.




Schlimme Nachrichten dringen bis in den Elfenbeinturm – Zwischen Prosa und Lyrik: Sarah Kirschs Tagebuch „Das simple Leben“

Von Bernd Berke

„Das simple Leben“ nennt Sarah Kirsch ihr neues Buch. Doch dieses Dasein ist ganz und gar nicht einfach.

Das Leben der Dichterin spielt sich, unterbrochen von gelegentlichen Lesereisen, ganz bewußt in Klausur ab. Aus ihrem Prosa-Tagebuch mit lyrischem Grundton erfährt man, wie sie sich in ihr Werk versponnen hat, sich am stürmischen Nordseestrand, wo er noch nicht von Touristen erobert ist, verschließen will vor der Welt. Dort geht sie – ein nur scheinbares Idyll – mit ein paar getreuen Menschen, mit Schafen und Bobtail, Katz‘ und Esel um, läßt sie sich beim Anblick der Wolkenspiele in lyrische Stimmungen treiben.

Ganz ohne Ironie spricht sie von „meinem Elfenbeinturm“ und mokiert sich über die Alltags-Spießer ringsum. Doch derlei Anflüge von Hochmut können bei ihr entsetzlich rasch umschlagen, auch in akute Depression. Häufig erwähnt sie die (Seelen-)Wetterlage: „Herrschte das feinste Selbstmörder-Wetter wie ich es liebe“.

Suche nach rettenden Momenten

Die Gedanken sind unfrei. Sie werden überfallen und gefangen von den Nachrichten des Tages, die die friedliche Abgeschiedenheit immer wieder schmerzhaft aufreißen: Da sind die langfristigen Nachwirkungen von Tschernobyl, die Kriege am Golf und auf dem Balkan, Enthüllungen über Untaten der Stasi, das ganze deutsch-deutsche Getöse, die allseits geschundene Natur. Alltägliche Apokalypse.

Die Schreibende fühlt sich diesem schlimmen Weltgetriebe hilflos ausgeliefert. Sie sucht Rettung, indem sie das Private unter die Lupe nimmt und die große Politik gleichsam im umgedrehten Fernglas betrachtet. Dann erscheint beides gleich groß. Doch auch das Dichten im einsamen Gehäuse fällt zur Last: „Meingott es wird auch immer schwerer. Man erhascht ein Splitterchen vor alles versinkt.“

Articul und Akwareller

Sarah Kirsch bleibt, auch wenn sie ein Prosa-Tagebuch wie dieses schreibt, Lyrikerin. Die Wortfolge – freischwçbend ohne Satzzeichen – nähert sich jener von Gedichten, auch Zwischentitel deuten auf solche Herkunft. Und die hauchzarten Gefühlswerte ließen sich manchmal wohl überhaupt besser in Einzelzeilen gießen als in epischen Text.

Ein Besuch im elend verfallenden Greifswald löst Tränen aus. Ein übriges tun die seinerzeit (als sie gegen Biermanns Ausbürgerung sich auflehnte und fortging aus dem Osten) über Sarah Kirsch angelegten Stasi-Akten, die sich für sie jetzt lesen wie ein Schundroman. Gegen solch finstere Realität stellt Sarah Kirsch verzweifelt ihre eigene kleine Welt wie ein Märchen, in dem die Dinge etwas andere, zauberische Namen haben: Sie schreibt einen „Articul“, malt „Akwareller“, fährt auf eine „Insul“, trinkt jede Menge „Koffie“ – und macht sich auf solch beinahe sprachmagische Weise empfänglich und durchlässig etwa für die Geisterstimmen von im Meer Ertrunkenen. Spökenkiekerei?

Es bleibt der schwachen Menschin nur, der Natur im Kleinen ein wenig aufzuhelfen. „Schafe drehn“ heißt eine der letzten Zwischen-Überschriften: Einige Tiere sind in matschige Kuhlen geraten und können sich nicht mehr aus eigener Kraft aufrichten. Hier kann sie beistehen. Sonst scheint alles vergebens, wie ein Anrennen gegen Windmühlenflügel oder Vulkane. Letzter Satz des Buches, bedrohlich genug: „Der Ätna speit“.

Sarah Kirsch: „Das simple Leben“. Deutsche Verlagsanstalt (DVA), Stuttgart. 100 Seiten. 26 DM.




Ist Sprache nur mit Schuld beladen? – Kontroverse Debatte über Schreiben in gewaltsamer Zeit

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Kann man der rechten Gewalt mit Worten Einhalt gebieten? Darf man dabei hoffnungsvolle Gegen-Begriffe wie „Solidarität“ und „Utopie“ noch ganz unschuldig verwenden, als seien sie nicht vom zerfallenen Kommunismus in Mißkredit gebracht worden? Um solche gewichtigen Fragen drehte sich jetzt eine prominent besetzte Autorendiskussion beim Jahrestreffen des bundesdeutschen P.E.N.-Zentrums in Düsseldorf.

Motto des Abends und der gesamten Tagung der Autorenvereinigung: ein vieldeutiger Satz von Roland Barthes, der da lautet „Sprache ist niemals unschuldig“. Moderator Klaus Bednarz (ARD-„Monitor“) wählte als Einstieg in die Debatte über „Schreiben in gewalttätiger Welt“ eine Brecht-Geschichte vom „Herrn Keuner“. Der begegnet der Gewalt, indem er sie zwar nicht bejaht, aber zuwartet, bis sie endlich entkräftet von selbst verschwindet – und erst dann aufatmend „Nein!“ zu ihr sagt.

Haben die Begriffe „rechts“ und „links“ noch Sinn?

Daran entzündete sich die Kontroverse. Günter Grass befand, so sei es in Deutschland ja stets. Nachher, wenn es vorüber sei, seien immer alle dagegen – gegen die NS-Diktatur, gegen das SED-Regime usw. Die duldsame Brecht’sche List im Umgang mit der Gewalt sei gefährlich. Man müsse hier und heute widersprechen. Er, Grass, lasse sich auch von niemandem Worte wie „Utopie“ ausreden. Er werde wütend, wenn man sich – wie es gegenwärtig Mode sei – über eine so wichtige Sache wie „Betroffenheit“ lustig mache oder wenn man schlankweg behaupte, die Begriffe „rechts“ und „links“ hätten gar keinen Sinn mehr.

Herta Müller („Niederungen“, „Der Fuchs war damals schon der Jäger“), die die Ceausescu-Diktatur in Rumänien durchlitt, bezog vehement die Gegenposition: „Das Wort ,Utopie` kann ich nicht mehr hören. Wenn jemand ,Solidarität‘ sagt, muß ich kotzen.“ Unter Ceausescu seien derlei Worte mörderisch mißbraucht worden. Also sei die Sprache mit Schuld beladen.

Und was bleibt? Herta Müller: Nur die Verantwortlichkeit in jeder einzelnen Situation. Die großen übergreifenden Gedankengebäude hätten keinen Wert mehr. Für solche Sätze gab’s Beifall vom zahlreich erschienenen Publikum in der Düsseldorfer Kunsthalle.

Die Demagogen auf der Straße zur Rede stellen

Der zuletzt über die Maßen gelobte junge Lyriker Durs Grünbein (ehemals DDR) meinte, nicht Literatur sei derzeit Schauplatz des Meinungskampfes, sondern die Straße. Vielleicht müßten Autoren sich auf die Straße begeben, um dort die Demagogen zu stellen. Ähnlich wie Herta Müller, die als Beispiel die furchtbare Bedeutung des Wortes „Abholen“ zur NS-Zeit nannte, sah auch Grünbein viele Ausdrücke ideologisch „kontaminiert“ und verseucht. Selbst ein so harmlos klingendes Wort wie „Treuhand“ sei auch Nazi-Deutsch gewesen. Den Schriftstellern selbst dürfe man nie trauen, man müsse ihnen vielmehr „alles zutrauen“. Schöngeister seien oft zu Tätern geworden. Der Diktator und Massenmörder Pol Pot habe Lyrik geliebt…

Autor Dieter Wellershoff wehrte sich gegen den geballten Sprachzweifel. Sprache könne immer noch „Ort der persönlichen Wahrheit“ sein, sie sei nicht von vornherein mit Schuld behaftet.

Doch wie begegnet man nun als Schreibender der akuten rechten Gewalt? Sind radikale Skinheads überhaupt mit (literarischer) Sprache erreichbar? Da blieb man recht ratlos, denn die Aufklärungs-Versuche all der zurückliegenden Jahre scheinen ja bei etlichen Leuten wirkungslos verpufft zu sein. Überdies speist sich Gewaltsamkeit längst nicht nur aus Sprache, sondern aus Bildern und Verhältnissen. Durs Grünbein: Schon das heftige Zuschlagen einer Autotür enthalte verkapselte Gewalt, unsere übertechnisierte Umwelt mache uns aggressiv…

Nach solchen Gedankenflügen vernahmen Podium und Publikum am Schluß ziemlich verblüfft die Wortmeldung eines Exil-Afghanen, der die Frage nach Worten wie „Solidarität“ ganz praktisch entschied: „Wir Ausländer in Deutschland brauchen Solidarität!“ So einfach ist das.




Fußball weckt den Traum von Freiheit – F. C. Delius‘ Erzählung vom WM-Finale 1954

Von Bernd Berke

Denken Sie mal an 54, 58, 66, 70 oder 74. Das ist kein Zahlenspielchen. Die Ziffern stehen für Jahre mit legendären Fußball-Weltmeisterschaften. Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius weiß, wie sich solche Ereignisse mit Zeitgeist und persönlicher Biographie verknüpfen. Sein Buch „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ spielt im WM-Jahr 1954 und erscheint passend zur WM ’94.

Der Erzähler, unverhüllt Delius selbst, war (wie der Autor) 1954 elf Jahre alt. Als Sohn eines evangelischen Pastors ist er, wie er weitschweifig darstellt, in schier unentrinnbarer religiöser Umklammerung aufgewachsen; im Schatten eines wortmächtigen Vaters und Kanzelpredigers, in dessen Angesicht der Sohn nur stammeln oder verstummen konnte: „Mein verschupptes, verstottertes Leben“.

Allseitige „Gottesvergiftung“ im hessischen Dorf

Delius wird gar nicht müde, die allseitige „Gottesvergiftung“ des Kindes zu beschwören. Gleich zu Beginn schildert er eindringlich den Lärmterror sonntäglicher Kirchenglocken. Später beschreibt er u. a. die zähen Familien-Rituale bei den Mahlzeiten, wo er und seine Geschwister nach dem allfälligen Gebet verdruckst herumsitzen und mucksmäuschenstill sein müssen. Von den Gottesdiensten, die der Vater (der in des Sohnes Vorstellung nahezu mit Gottvater verschmilzt) zelebriert, ganz zu schweigen. Als ständïge Einschnürung empfindet der Junge dies alles. Und Liebe gibt’s nirgendwo, sondern allenfalls gütig sich gebende Strenge.

Ort der Handlung ist ein Dorf im hessischen Kreis Hünfeld, gleich an der innerdeutschen Grenze zu Thüringen. Hinter den Wäldern liegt zu jener Zeit Walter Ulbrichts kommunistisches „Reich des Bösen“, die „Zone“. Doch da gibt es ja auf hessischer Seite die US-Soldaten, denen auch der Erzähler kindlich vertraut.

Zimmermanns WM-Reportage als Klimax

Wo kommt in solcher Enge Hoffnung her? Damit wären wir beim Fußball. Denn der deutsche Provinz-Sonntag, den Delius uns miterleben läßt, ist just der 4. Juli 1954. An diesem Datum errang die deutsche Elf um Fritz Walter in Bern durch das legendäre 3:2 über Ungarn die Weltmeisterschaft. Höhepunkt des Buches ist die kaum minder berühmte Radioreportage von Herbert Zimmermann die der Junge unter lauter frommen Heiligenbildern im Arbeitszimmer hören darf (freilich nur ganz leise, weil die Familie ihren Mittagsschlaf hält) und der er schon den ganzen Tag entgegengefiebert hat.

Und hier nun kann sich das Kind, offenbar zu allerersten Mal im Leben, aus der Enge hinausträumen. Ja, Herbert Zimmermann wird ihm – mit seiner sich überschlagenden Jubelstimme – sogar unversehens zum Künder einer Ersatzreligion. Am liebsten würde der Junge laut mitschreien. Aber er darf ja nicht. Nur ein gleichsam festliches inneres Glühen bleibt ihm.

So klar denkt doch kein Elfjähriger

Bei Delius wird aus dem sportlichen Ereignis so etwas wie ein früher Vorschein des Aufbegehrens im Rebellenjahr 1968. Das „Wir sind wieder wer“, das manche Spinner nach dem WM-Titel schon wieder im Munde führten, kehrt der Autor zur Widerstands-Kraft um, die klerikale und provinzielle Fesseln sprengt. Wie sagte doch schon Herbert Zimmermann über den Torhüter Turek? „Toni, du bist ein Fußballgott“. Mit heißen Ohren, hin- und hergerissen zwischen Scham und Befreiungswunsch, hört der kleine Junge solche blasphemischen Worte.

Leider entgeht Delius, der erneut ein originelles Thema beherzt aufgegriffen hat, nicht der Gefahr, dem Jungen ideologisch arg auf die Sprünge zu helfen und seine Gedanken nachträglich zu trimmen. So glasklar und kritisch, wie der Kleine seine Umgebung registriert, denkt doch wohl kein Elfjähriger. Da redet halt der kluge Schriftsteller, der später aus ihm geworden ist.

Friedrich Christian Delius: „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“. Rowohlt. 120 Seiten, 25 DM.




„Starkes Stück Mord“: Revier ist Krimiland – Autoren aus ganz Deutschland kommen zur „Criminale“

Von Bernd Berke

Im Westen. Früher war das Ruhrgebiet vor allem Schauplatz sozialkritischer Literatur, heute ist es Krimiland. Nur folgerichtig. daß sich rund 80 literarische Mord-Spezialisten aus ganz Deutschland diesmal im Revier treffen.

Erstmals hat die Autorenvereinigung „Das Syndikat“ nicht öde Büchereien als Tagungs- und Lesungsorte ausgesucht. Auf Einladung des Sponsors IBA (Internationale Bauausstellung Emscherpark) kommt man vom 25. bis 28. Mai zur „Criminale ’94“ in Zechen und Industriehallen zusammen.

Autor und Mitorganisator Walter Wehner: „Es herrscht dort eine Atmosphäre, bei der man literarisch kaum noch etwas bieten müßte. Dreht man nur das Licht aus, ist es schon wie im Krimi.“ Sein Kollege Reinhard Junge befindet gar, das Ruhrgebiet entfalte womöglich die größten kriminellen Aktivitäten in ganz Europa. Woran er wohl dabei denkt?

Natürlich soll in Bochum, Gelsenkirchen, Essen und Duisburg das Grusel-Ambiente den Autoren nicht die Worte rauben. Literarische Qualität darf’s schon zusätzlich sein. Der Abend „Ein starkes Stück Mord“ bleibt dem Revierkrimi vorbehalten. Diesen Begriff hören Regionalmatadoren wie Leo P. Ard oder Reinhard Junge übrigens nicht gern. Man spreche ja auch bei Edgar Wallace nicht von London-Krimis.

Lust auf literarische Verbrechen machen schon Veranstaltungstitel, etwa die femininen Meucheleien „Frauen morden einfach besser“, moderiert von der Dortmunderin Sabine Deitmer („Bye-bye, Bruno“) oder Euro-Varianten wie „Die Leiche am Deich“ (Niederlande) und „Gift im Baguette“ (Frankreich). Europa stirbt, es lebe Europa.

Den Schlußpunkt setzt am 28. Mai die Verleihung des mit 10.000 DM höchstdotierten deutschen Krimi-Preises. Der nach dem Schweizer Autor benannte „Glauser“ soll – wie üblich – in kleinen, nicht fortlaufend numerierten Scheinen ausgezahlt werden.

Programm-lnfos: 0234/772275 oder 0209/1703-0.

 




Nur Sprache war ihre Heimat – Vor 125 Jahren wurde die Dichterin Else Lasker-Schüler in Elberfeld geboren

Von Bernd Berke

Die Dichterin Else Lasker-Schüler. heute vor 125 Jahren im späteren Wuppertaler Ortsteil Elberfeld geboren, gehört zu den großen Gestalten in der neueren deutschen Literatur. Sie schuf sich Heimat in der Sprache. Im Leben fand sie keine dauerhafte Bleibe.

Sie war eine leidenschaftliche Namens-Geberin. Ihren zweiten Ehemann Georg Lewin (vorher führte sie eine unglückliche Ehe mit dem Arzt Berthold Lasker) versah sie mit dem Künstlerpseudonym Herwarth Walden. Das behielt er bei, als er die berühmte Expressionisten-Zeitschrift „Der Sturm“ herausgab. Auch dieser Titel stammte von ihr. Ihren späteren Schwarm, den Lyriker Gottfried Benn, nannte sie in glühenden Gedichten „Giselher, den Tiger“ oder den Barbaren, sich selbst „Prinz von Theben“. Und so fort.

Wirkliche Heimat hatte sie nur in den Worten. Ansonsten blieb die Tochter aus einem wohlhabenden jüdischen Elternhaus, das fest im Rheinisch-Westfälischen verwurzelt war, unbehaust. Sie hatte nach ihren beiden Ehen nie wieder eine feste eigene Wohnung, darbte zeitweise in einem Berliner Kellerloch. Manche halten das für Bohème, doch es war Elend. In dem Gedicht „Frühling“ schrieb sie bittersüß: „Den Fluch, der mich durchs Leben trieb, / Begann ich, da er bei mir blieb, / Wie einen treuen Freund zu lieben…“

Als sie im Exil von Jerusalem am 22. Januar 1945 starb, war sie völlig verarmt. Deutsche Schmach: 1932 hatte der bessere Teil der Nation sie noch mit dem angesehenen Kleist-Preis dekoriert, 1933 mußte sie vor den Nazis in die Schweiz flüchten. Beim Grenzübertritt wurde sie, ganz verwahrlost, zunächst von der Sittenpolizei aufgegriffen…

Sternenweites Reich aus Träumen und Phantasien

Ihre Dichtungen sind nur zum Schein autobiographisch. Else Lasker-Schüler hat sich in ihnen ein zweites Leben zurechtgelegt und ihr irdisches Dasein verhüllt. Ihre Lyrik, beginnend mit dem Band „Styx“ (1902), ist ebenso feingliedrig wie schwärmerisch, ebenso visionär wie sendungsbewußt; sie entwirft ein kosmisch-sternenweites Traumreich aus (alt)orientalisch inspirierten Phantasien. eine märchenhafte Welt, gewoben aus christlichen und jüdischen Mythen. Ihre Liebesgedichte sprechen kostbar von grenzenloser, fließender Hingabe. Doch auch der Tod ist allgegenwärtig.

Sie ist keine unumstrittene Größe unter den modernen Klassikern. Manche trieben geradezu Kult mit ihrem Werk, andere taten sie leichtfertig als „Spinnerin“ ab. Auch die Germanisten haben sich an ihre höchst subjektiven Texte lange nicht so recht herangetraut. Vielleicht fehlten nur die gewissen „Schubladen“, in die man ihren Stil hätte einsortieren können. Mit dem Ansatz einer vermeintlich spezifisch „weiblichen Ästhetik“ kam man hier nicht allzu weit. Und dem Expressionismus, mit dessen wichtigsten Vertretern sie befreundet war, ist sie gleichfalls nur sehr bedingt zuzurechnen. Doch inzwischen gibt es, u.a. bei Artemis & Winkler und dtv, sehr brauchbare Sammelausgaben.

Auch die deutschen Theater haben sie schon beinahe schmählich vernachlässigt. Erst 1979 wurde ihr (schwer zu spielendes) Stück „Ichundich“ uraufgeführt. Mit dem „Arthur Aronymus“ dauerte es, nach der Zürcher Uraufführung von 1936, bis 1968. Erst da erlebte das Werk (in Wuppertal) seine zweite Inszenierung. Ihr heute bekanntestes Drama, „Die Wupper“ (geschrieben 1909), kam auch erst nach zehn Jahren, also 1919 auf die Bühne. Diese „böse Arbeitermär“ (Lasker-Schüler) sorgte 1958 im erzkatholischen Köln für eine beschämende Debatte über angebliche sexuelle Ausschweifung. 1991 gewann Frank-Patrick Steckel in Bochum das Stück entschieden fürs Gegenwartstheater zurück.




Für „Jason Dark“ ist morgens Geisterstunde – Besuch bei Deutschlands meistgelesenem Autor: Helmut Rellergerd

Von Bernd Berke

Raten Sie mal: Wer ist der meistgelesene deutsche Autor? Siegfried Lenz? Kalt. Johannes Mario Simmel? Schon näher dran. Heinz G. Konsalik? Naja. lauwarm. Also gut: Es ist Helmut Rellergerd. Nie gehört. stimmt’s?

Kein Wunder. Der Mann schreibt unter dem Pseudonym Jason Dark. Seit nunmehr 20 Jahren bringt er allwöchentlich seinen „Geister jäger John Sinclair“ in Heftromanen und Taschenbüchern unters Volk. Staunenswerte Statistik: Heftnummer 800 der Gruselreihe wurde kürzlich überschritten. Die Wochenauflage beträgt derzeit rund 800000, die Gesamtauflage 165 Millionen. Und Rellergerds Jahresbilanz ’93 sieht so aus: 57 Heftchen à 64 Seiten hat er verfaßt, dazu zehn Taschenbücher. Damit hat er ein halbes Jahr Vorsprung vor der aktuellen Titelproduktion. Er könnte unbesorgt in Urlaub gehen. Doch „Sinclair“ läßt ihn nicht los.

Anregungen aus Opern und von Shakespeare

„Ich hab jede Zeile selbst geschrieben“, betont Rellergerd. Für seinen Geisterjäger braucht er keine Geisterschreiber. Und auch keinen Computer; er tippt immer noch auf einer alten „Mechanischen“. Aber er wird doch wohl wenigstens nachts arbelten, stilecht zur Geisterstunde? „Quatsch. Immer vormittags.“

Der vor 48 Jahren in Dahle (bei Altena) geborene Autor wuchs m Dortmund auf, lebte lange Jahre dort. Im Brotberuf Lektor beim Bastei/Lübbe-Verlag in Bergisch-Gladbach, wo auch seine Hefte erscheinen, fühlt er sich heute noch als Westfale. Eigentlich wollte er mal bei Hoesch arbeiten. Doch dann kam die Bundeswehr-Zeit – und er fing an, Krimis zu schreiben.

Woher nimmt Rellergerd seine Ideen? Für eine Heftserie, die man landläufig als trivial bezeichnen würde, nennt er edle Inspirations-Quellen: „Vor allem gehe ich gern in die Oper. Da gibt’s ganz schön viele Gruselszenen.“

Engel kommen jetzt in Mode

Aber auch von Shakespeare, vor allem aus „Fantasy“-Stücken wie dem „Sommernachtstraum“, sei etliches eingeflossen. Und aus der Bibel sowieso. Rellergerds Trend-Tip; „Engel sind schwer im Kommen.“

Einen Berg von 150 000 Leserzuschriften hat er erhalten, adressiert an Jason Dark. Manche schildern ihr ganzes verpfuschtes Leben erhoffen sich Rat und Hilfe – gelegentlich auch gegen „böse Geister“. Andere machen Themenvorschläge: „Bei uns im Dorf ist neulich etwas ganz Seltsames passiert…“ Auch da hat er manchmal zugegriffen. Un als er mal in Linda de Mols RTL-Show „Kollegen, Kollegen“ aufgetreten war, ließ er bald den Roman „Die Hexe von Hilversum“ vom Stapel. Die Hexe hieß, nur unwesentlich verfremdet, Linda ver Mol. Ein Themen Jäger darf nicht allzu wählerisch sein.

Der Held wendet sich mit Grausen ab

Held „Sinclair“ ist Angestellter bei Scotland Yard. Aus gutem Grund: „Es gibt der Sache einen seriösen Anstrich.“ Denn schließlich hat ihn die Bundesprüfstelle „auf dem Kieker“. Starken Horror-Tobak würde sie nicht dulden. Doch noch nie ist der Geisterjäger auf dem Index gelandet. Denn: „Wenn Sinclair etwas Furchtbares sieht, wendet er sich mit Grausen ab. Der Rest bleibt der Phantasie des Lesers überlassen.“ Oder der Leserin. Rund 40 Prozent der Konsumenten sind weiblich. Die mögen den sanfteren Schrecken. Rellergerd: „Man liest mich sogar im Nonnenkloster.“

Von den über 800 Heften, in denen Rellergerd seinen Helden durch alle Welt gehetzt hat, spielten immerhin drei in Dortmund – zwischen Fernsehturm und Hauptfriedhof. Seit 1989 dürfen die Gespenster auch schon mal in Leipzig oder Dresden spuken. Schließlich gibt’s im Osten viele Leser.

Am Anfang waren die Blondchen

Rellergerd arbeitet natürlich nach Schema. Wie auch anders, bei dem Ausstoß? „Ich habe fünf bis sechs Grundmuster, die ich immer wieder neu mische und mit anderen Themen fülle.“ In den to 20 Jahren sei jedoch nicht alles beim alten geblichen. Frauenfiguren gäben sich schon mal etwas emanzipierter. Rellergerd: „Am Anfang waren es ja nur dumme Blondchen.“ Auch habe der Held jetzt häufiger schwache Momente und begehe Fehler.

Und Umweltthemen seien wichtiger geworden. Motto: „Die Erde schlägt zurück.“ Allemal ein Gruselstoff, der sich ins Esoterische ausphantasieren lässt. Per Wiedergeburt und dergleichen Brimborium bricht der alterslose Held auch schon mal in andere Epochen auf. Das eröffnet neue Themenfelder.

Rellergerd ist „froh, daß mich kaum jemand auf der Straße erkennt.“ Auflage machen und trotzdem anonym bleiben, das gefällt ihm. Doch manchmal fuchst es ihn, in der trivialen Ecke zu stehen. Als er hörte, ein Lehrer habe seiner Klasse die Sinclair-Lektüre verboten, gab er einen Band mit klassischen GruselStories heraus – von Goethe, Schiller & Co. Wenn die das geahnt hätten…

 




Ein Bär mit Verstand: „Pooh’s Corner“, Harry Rowohlts gesammelte Kolumnen

Von Bernd Berke

Es gibt sie – jene höhere Weisheit. die sich hinter trudelndem Unsinn verbirgt. Zu ihren Großmeistern zählt Harry Rowohlt. Das ist einer, der spürbar immer viel, viel mehr weiß, als er hinschreibt. Und eben das verleiht seinen Sätzen einen ganz besonderen Drall.

In seiner Kolumne „Pooh’s Corner – Meinungen eines Bären von geringem Verstand“, hat Rowohlt einen scheinbar nonchalanten, ja gelegentlich regelrecht „besoffenen“ Stil in der Wochenzeitung „Die Zeit“ zur Reife gebracht. Diese sprachlichen Aus- und Abschweifungen liegen jetzt, ergänzt um einige Essays und Filmkritiken, gesammelt vor. Das wurde aber auch mächtig Zeit!

Harry Rowohlt, namentlich erkennbar ein Sproß der berühmten Verleger-Familie, ist ein Querschädel und Originalkopf, der seine kleinen und großen Besessenheiten pflegt: vor allem die Liebe zum Trinker-Paradies Irland und zu dessen größtem Autor neben James Joyce, Flann O’Brien (den Rowohlt kongenial übersetzt hat); sodann sein Kultbuch von Kindheit an, „Pu der Bär“ („Winnie the Pooh“ von A. A. Milne, 1926), das der Kolumne den Titel gab.

Rowohlts Texte sind von schönster Gelassenheit, geschrieben mit feinem Ohr für jene Neben- und Zwischentöne, auf die es ankommt, doch jeder sich aufblähenden Schwerdenkerei abhold. Sie können mit Leichtigkeit hierhin und dorthin schlingern und allerlei Hintersinn am Wegesrand aufsammeln.

Der Fuchs und das Trinkerlied

Herrlich die überraschende Kombinatorik, mit der Rowohlt das Entlegenste zusammenholt und miteinander zünden läßt. Pröbchen gefällig? „Wenn wir zum Beispiel eine Flasche öffnen und zügig einschenken, hören wir—.“ Es folgt ein Notenbild, das sogar stimmt (selber testen!) und das wiederum genau den Anfangstakten von „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ entspricht. Rowohlts souveräne Schlußfolgemng: Das sei also nachweislich kein Jägerlied, sondern ein Trinklied…

Und wie war das noch mit Alzheimer? „Früher, wenn man sich keinen Namen merken konnte, hieß das vergeßlich. Inzwischen heißt das Alzheimer. Und wieder muß man sich einen Namen merken.“ Prägnanter kann man es nicht sagen.

Ähnlich gut wie „Pooh’s Corner“ sind übrigens die Filmkritiken, was sich gerade in der Zusammenschau erweist. Rowohlt schreibt ganz, ganz knappe Rezensionen. Ach, was! Es sind eben gar keine Rezensionen im üblichen Sinne, sondern Plaudereien haarscharf am Inhalt der Filme entlang oder gar daran vorbei. Und trotzdem, o Wunder, trifft er das (Un-)Wesen der jeweiligen Filme bis ins Herz. Das schaffen die meisten mit der zehnfachen Zeilenzahl nicht!

Und wer hat sich schon mal so schön flapsig aus einem Text und vom Leser verabschiedet wie Harry Rowohlt? Zitat: „Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen bedanken, die bis hierher gelesen haben. Ich weiß, was in Ihnen vorgeht. Ich habe es auch satt.“

Harry Rowohlt: „Pooh’s Corner“. Haffmans Verlag, Zürich. 272 Seiten. 28,50 DM.




Auf der Suche nach dem Gleichgewicht – Cees Nootebooms „Der Buddha hinter dem Bretterzaun“

Von Bernd Berke

Cees Nooteboom muß man, spätestens seit der letzten Buchmesse, als er mitsamt der niederiändisch-flämischen Literatur im Mittelpunkt stand, kaum noch vorstellen. Er gilt als Kandidat für den Literaturnobelpreis, sein Buch „Rituale“ steht seit Monaten auf der Bestsellerliste. Jetzt liegt eine neue Erzählung von ihm vor.

In „Der Buddha hinter dem Bretterzaun“ beweist er seine Meisterschaft an einem Thema, das man nicht mehr für prosatauglich gehalten hätte. Denn über Thailands Hauptstadt Bangkok, so meinte man, ist doch in mehr oder minder seriösen Reportagen schon alles gesagt worden.

Nooteboom läßt einen Reisenden durch die Metropole streifen und gleich der im Titel erwähnten Figur begegnen. Hinter jenem Bretterzaun belebt sich „ein dicker Woolworth-Buddha, zwanzigstes Jahrhundert…“ Der öffnet dem Reisenden die Augen: Nicht sofort alles aufschreiben (und damit abhaken), sondern den Fluß des Geschehens erleben, heißt die Devise.

In der chaotischen Stadt prallt scheinbar Unvereinbares aufeinander: z. B. traditionell gelebter Buddhismus und Sex-Industrie. „Versöhn‘ die Bilder“, lautet eine ins Paradoxe zielende Aufforderung des Zaun-Buddhas. Auf der Suche nach Gleichgewicht (nicht nach satter Zufriedenheit) zwischen den Widersprüchen befindet der Reisende: „Die Welt ist eine bittere Waage.“ Und er weist vorschnelle Moral-Urteile von sich: „Vergiß doch mal, daß du aus Europa bist. Hier sind die Huren Engel…“

Hier also geht vielleicht zusammen, was in Europa nicht ginge. Nur muß man anders reisen, anders wahrnehmen lernen. Nootebooms Reisender versucht es und merkt: Hier läßt sich sogar die Vielfalt vorhandener Waren, anders als im Westen, als Kultur erfahren. Hier gibt es ein Behagen in der Menge. Und es gibt das Glück einfachen Tuns. Die Fülle der Eindrücke übersteigt das Vermögen der Sprache. Zitat: „Einen Ozean kann man nicht aufschreiben.“

Der Mensch, so heißt es an einer Stelle, werde im Buddhismus nur als „Durchgangsstation“ für ein überpersönliches „Karma“ begriffen, auch kenne das Thailändische kein Wort für „Ich“. Und so wird auch der Reisende zum Strom, der alles in sich einfließen läßt: Götter und Gold, fremdartige Worte, Zeremonien, Sitten.

Ein schmales, aber „großes“ Buch: über das Reisen, das Fremdsein und die Wege der wirklichen Erfahrung.

Cees Nooteboom:, Der Buddha hinter dem Bretterzaun“. Erzählung. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt/Main. 85 S., 19,80 DM.




Weltgeist in der Erbsensuppe – Ernst Jüngers privatisierende Tagebücher „Siebzig verweht III“

Von Bernd Berke

Ernst Jünger ist der wohl umstrittenste deutsche Autor des Jahrhunderts. Sein Frühwerk („In Stahlgewittern“) half heftig mit bei der geistigen Aushöhlung der Weimarer Republik. Zwar hat er sich dann nicht direkt mit den Nationalsozialisten eingelassen, sich aber stets in deutschnationalen Kreisen bewegt. Jetzt liegt der dritte Band seiner Tagebücher „Siebzig verweht“ vor. Erbauungs-Lektüre für «Rechtsausleger“?

Jünger geriet in der NS-Diktatur (wegen „Auf den Marmorklippen“, 1939) gar in Gefahr. doch hat er allzeit mächtige Beschützer gehabt. Niemand anderer als Hitler hat Jünger vor Verfolgung durch den Blutrichter Roland Freisler bewahrt. Diesen durch Dokumente gestützten Sachverhalt teilt Jünger in seinem Tagebuch spürbar bewegt mit.

Der Garten und die Insekten

Trotz aller Bedenken dürfte Jünger, der bald 99 wird und somit ein deutsches Jahrhundert überblickt, als Zeitzeuge auf seine Art unentbehrlich sein. Wird er dieser Stellung im Tagebuch gerecht? Nun, eigentlich privatisiert er lieber, als daß er sich noch auf Zeitfragen einließe.

Die jetzt erschienenen Aufzeichnungen reichen vom l. Januar 1981 bis zum 28. Dezember 1985. In diese Zeit fällt u. a. die strittige Verleihung Goethe-Preises an Jünger. Da ergreift er ausgiebig die Gelegenheit, sich als wegen seiner Gesinnung unschuldig „Verfolgten“ darzustellen. Er stellt sich dabei gar in eine historische Reihe mit den Juden (Seite 247), was eine unglaubliche Verzerrung ist.

Seine gelegentlichen Treffen mit Kohl und Mitterrand erwähnt er nur beiläufig. Den Hauptteil der Notizen bilden indes private Ereignisse: Reisen, besonders auf Mittelmeerinseln und nach Paris; der Lauf der Jahreszeiten in seinem Garten zu Wilflingen (Schwäbisehe Alb); gelegentlich eitle Wiedergaben von Briefen seiner Freunde und Anhänger – und immer wieder seine Hauptleidenschaft, die Entomologie, sprich Insektenkunde. Über rare Käfer freut sich Jünger königlich.

Zudem denkt er nicht mehr in Jahren, sondern in Zeitaltern. Demnach stehen wir vor „dem Übergang in eine Feuerwelt“ (z. B. wegen der Kernfusion), die einen „Weltstaat“ ratsam erscheinen lasse, womit sich Jünger immerhin von nationalistischen Phantasmen entfernt. Rückblickend ringt er sich ja sogar zu folgender Ansicht durch: „Mit der Linken wären wir ohne Zweifel besser gefahren…“

Tunnelblick auf neuere Litratur

Allerdings ist Jünger erzkonservativ und elitär geblieben, was kluge Gedanken selbstverständlich nicht ausschließt. Doch schon die Sprache ist manchmal verräterisch. Das ist ein Soldat nicht etwa gefallen oder gar verreckt, sondern „vor Metz geblieben“ (Seite 503). Wie nobel.

Schließlich fasziniert ihn der prekäre Zuchtwahl-Gcdanke, nur anders gewendet: Wenn „Dekadenz und Barbarentum“ sich paarten, könne Fruchtbares entstehen… Wie er denn überhaupt dazu neigt, Gesellschaftliches unter biologischen Vorzeichen zu sehen. Und Jünger gerät oft ins Nebulös-Esoterische. Auch seine oft gerühmte Sprache wird dann manchmal ungelenk. Da raunt er von einer „titanischen Welt“, die eine neue Magie der Technik freisetze und neue Menschen zeuge, da sinniert er übers Wassermann-Zeitalter.

Manchmal wird es unfreiwillig lächerlich, so etwa wenn er den waltenden Weltgeist sogar noch auf seinem Suppenteller erblickt. Zitat Seite 446: „In einer Erbsensuppe gibt es weder Zahlen noch Individuen mehr. Die Erbsen sind mehr oder weniger deformiert… Das könnte der Zustand sein, den wir erreicht haben.“

Von seiner weltenthobenen Warte aus nimmt Jünger kaum Gegenwarts-Autoren wahr. Er nennt praktisch nur Bestseller von Umberto Eco („Der Name der Rose“) und Patrick Süskind („Das Parfüm“). Kein Böll, kein Grass, kein Walser. Welch ein Tunnelblick!

Ernst Jünger: „Siebzig verweht III“. Tagebücher. Verlag Klett-Cotta. 594 S., 68 DM.




Wenn Leselust sich mit der Lust am Bild vereint – Niederländische Malerei des Goldenen Zeitalters in der Frankfurter Schirn

Von Bernd Berke

Frankfurt. Die vier biblischen Evangelisten als „Literarisches Quartett“: Auf Jan van Bijlerts Gemälde beugen sie sich gemeinsam über ein Buch. Der Text bringt sie buchstäblich in Bewegung. Ihre Mienen sind gespannt. Das Geschriebene scheint eine lebhafte Debatte auszulösen. Ist das die vielbeschworene Leselust?

Ganz anders „Der Einsiedler“ des Adriaen van Ostade. Still in sich versunken sitzt der Greis da mit seinem Buch. Ein schwacher Schein aus dem Nirgendwo schimmert um sein Haupt – ein Geisteslicht in der Einsamkeit.

Bilder von Lesenden, entstanden im Goldenen Zeitalter der niederländischen Malkunst, versammelt jetzt eine herausragende Frankfurter Ausstellung mit dem nicht ganz zutreffenden Titel „Leselust“. Der Titel führt schon deshalb ein wenig in die Irre, weil eine ganze Abteilung den Vanitas-Darstellungen gewidmet ist, also der Vergänglichkeit des irdischen Lebens. Grundinventar auf diesen Bildern: ein Buch, ein Schädel. Beim Totenkopf ist eben auch die Leselust ans Ende gelangt.

Mal Gemeinschaft, mal Abgeschiedenheit

Die Schau zeigt, wie vielfältig Bücher (und Briefe) als sprechende Requisiten in der Malerei des 17. Jahrhunderts eingesetzt wurden. Einige Lehrmeister-Schüler-Szenen betonen den erzieherischen Aspekt, religiöse Bilder den der plötzlichen Erleuchtung. Bei Frans Hals‘ Porträts bekommen Bücher den Charakter von bürgerlichen Emblemen, Innungs-Zeichen, Statussymbolen.

Mal stiften die Bücher Gemeinschaft (wie bei den erwähnten Evangelisten), mal führen sie tief ins Alleinsein und an den Rand der Verschrobenheit (so etwa Quiringh van Brekelenkams „Lesender Eremit“), als sei Lesen ein bizarrer Zeitvertreib für darob halb erblindete alte Männer. Oder aber die wahre Lesewut mündet ins besessene Spezialistentum der Gelehrten. Und oft sorgt das Flackern des zum Lesen benötigten Kerzenlichtes für dramatische Effekte.

In den zahlreichen Szenen von Briefleser(inne)n geht es zumeist, wenn auch vorwiegend diskret dargeboten, um erotische Inhalte. Das Glühen der Wangen bei der Lektüre verrät es, und auch die sonstige Körpersprache ist beredt. Beim Liebesbrief erreicht wortwörtliche Lese-Lust ihren Gipfel.

Die Kunst der Augentäuschung

Die Ausstellung wartet mit einigen Spitzenstücken auf: „Das briefschreibende Mädchen“ von Vermeer van Delft, jene junge Frau im unnachahmlich sanften Licht und mit dem unvergeßlichen Blick, zählt gewiß dazu. Desgleichen Rembrandts „Alte lesende Frau“, die – von mattem Goldschimmer umglänzt – in ihrer Hinwendung nahezu körperlich eins wird mit ihrem Buch.

Doch man findet auch veritable Überraschungen. Irritierend zumal die Bilder von Cornelius Biltius, der vielfach „nur“ eine Art Pinnwand mit Briefen, Zetteln und anderen Klein-Utensilien zeigt. Diese Kunst der Augentäuschung mutet ebenso modern an wie Jan van der Heydens „Zimmerecke mit Raritäten“, deren Zusammenstellung schon eine fast postmoderne Kombinatorik zu verraten scheint.

Vollends verblüffend: Cornelius Norbertus Gijsbrcchts hat um 1670 (!) mit aufs Motiv zurechtgeschnittenen Bildformaten („Zwei Wandtaschen“) gearbeitet. So etwas galt dann fast dreihundert Jahre später (unter dem Begriff „shaped canvas“) als letzter Schrei…

„Leselust“. Niederländische Malerei des Goldenen Zeitalters. Schirn-Kunsthalle, Frankfurt (direkt am Römerberg). Bis 2. Januar 1994. Mo 14-18, Di-Fr 10-22, Sa/So 10-19 Uhr. Eintritt: Wochentags 9, Sonntags 6 DM. Katalog 49 DM.




Der Autor als Fabelwesen oder: Roman aus der Datenbank – Ulrich Holbeins Suada „Warum zeugst du mich nicht?“

Von Bernd Berke

Ist Ulrich Holbein ein Mensch oder eine Datenbank? Zu jedwedem Thema hat dieser Autor eine Flut von passenden Zitaten aus der gesamten Weltliteratur parat. So einen Kerl hat die deutsche Literatur lange nicht mehr gesehen.

Ist dieses Fabelwesen, 1954 in Erfurt geboren, jetzt in Nordhessen lebend, Deutschlands (post)modernster oder nur sein modischster Schriftsteiler, ein Gegenwarts-Kasper ohne weiteren Tiefgang?

Holbein nimmt praktisch sämtliche Einwürfe, die seinen Roman „Warum zeugst du mich nicht?“ betreffen könnten, in diesem selbst vorweg. Er hat seine eigene Kritik mitgeschrieben, aber auch die Lobhudelei auf sich selbst. Ein äußerst schwieriger Patron also. Stets mit dem Hirn schon eine Windung weiter, eine Ebene höher, so scheint es. Wie der Igel, der den Hasen immer schon zurufen kann: „Ick bün all hier“.

Kein Thema und alle Themen zugleich

Der Titel spielt sowohl auf die Zeugung eines Kindes als auch auf die Schaffung eines literarischen Werkes an. Die beiden Themenfelder werden vielfach übereinander geblendet und mit vielen Dutzend anderen derart versetzt, daß man von einem uferlosen, ja ozeanischen (ein Holbein-Lieblingswort) Buch sprechen kann. Es hat kein Thema, und es hat möglicherweise alle. Das schadet dem Fortgang des Romans ebenso wie Holbeins ungeheure Belesenheit. Diese veranlaßt ihn immer wieder zu bandwurmartigen Aufzählungen im Imponiergestus, als wolle er sagen: „Seht her, was ich euch noch zu bieten habe!“

Schon die Einleitung ist eine Suada des Größenwahns, bei der der Autor nur mühsam in eine Erzählerrolle schlüpft. Dieser Erzähler behauptet frechweg, er sei über alle Literatur zwischen Homer, Shakespeare, Goethe, Botho (gemeint: Botho Strauß) und Bodo (gemeint: Bodo Kirchhoff) weit, weit erhaben. Auch sein Psychoanalytiker ist längst durchschaut: So einem Durchblicker ist nun wahrlich auf Erden nicht zu helfen.

Uferlose Aufzählung statt Erzählung

Aufzählung statt Erzählung, das ist Holbeins größtes Leiden. Und wenn er denn einmal ins Erzählen gerät, so wird es schnell ziellos bizarr, so etwa beim Streifzug durch einen Sexshop der Zukunft, beim blutigen Vernichtungsfeldzug gegen seine eigenen Figuren (Metzelei per ComputerLöschtaste), bei seinen sarkastischen Exkursen in fernöstliche Heilslehren.

Ein gewisses Vergnügen an solchen Dingen trübt er allemal selbst, indem er schlichtweg überdreht. Holbein hat Mühe, seine Ideenfülle stilistisch zu bändigen. Er geht mit seinen Stoffen nicht ökonomisch um, er verschleudert sie en masse. Das Deutsch, das er schreibt, ist eben nicht von jener Edelgüte à la Handke oder Botho Strauß. Und: Seine Figuren bleiben seelenlos.

Holbein ist überdies ein Autor, dem man ständig mißtrauen muß. Führt er einen nicht andauernd hinters Licht? Das mag ja produktiv sein. Aber ist er nicht auch völlig scham- und herzlos, so wie er erzählt? So ganz ohne jede Überzeugung, wie einer, der sozusagen überhaupt keine Verwandten kennt? Da bewegt sich einer haltlos durchs Reich der Sprache, der offenbar immer nur mit Buchstaben umgegangen ist. Ein brillanter Essayist, der sich aufs Terrain des Romans verirrt hat.

Aber, wie gesagt: All diese Einwände sind dem Manne bewußt. Wie soll man ihm nur beikommen?

Ulrich Holbein: „Warum zeugst du mich nicht?“ Roman. Haffmans Verlag, Zürich, 262 Seiten. 36 DM.




Am Fenster sehen Krieg und Frieden völlig anders aus – Uwe Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“

Von Bernd Berke

Uwe Timm ist ein Wanderer zwischen den Themen. In „Heißer Sommer“ gab der Autor eine Innenansicht der Studentenbewegung zur APO-Zeit, in „Der Mann auf dem Hochrad“ erzählte er eine circensisch angehauchte Geschichte aus Großvaters Epoche, in „Morenga“ schilderte er Deutschlands Kolonial-Historie. Jetzt bemäntelt er mit einem scheinbar komischen Titel ein ernstes Thema: „Die Entdeckung der Currywurst“ handelt vom Kriege und vom kleinen Widerstand.

Timms namenloser Ich-Erzähler besucht die erblindete Frau Lena Brücker, die er seit seiner Kindheit kennt, in einem Hamburger Altenheim. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg soll sie die Currywurst erfanden haben. Doch Timm spart des Rätsels Lösung auf. Am Ende erweist sich die Sache mit der Wurst als eher beiläufige Münchhausiade.

Tatsächlich hat Lena Brücker ja auch eine viel interessantere Geschichte erlebt. In den letzten Kriegstagen, als schon alles in Schutt und Asche lag, hat sie den Deserteur Bremer in ihrer Wohnung versteckt. Bremer ist verheiratet, sie ist verheiratet. Doch die Ehepartner sind in den Kriegswirren fern.

Natürlich entwickelt sich zwischen Bremer und Lena eine Liebschaft auf Zeit. Nachts das lustvolle Matratzenlager, tags die Angst vor Blockwart und Gestapo, die Bremer um ein Haar aufspüren. Er zittert um sein Leben. Nur um eines muß man sich kaum Sorgen machen. Lena Brücker arbeitet in der Lebensmittel-Verwaltung und kann dort öfter etwas beschaffen.

Deutschland im Jahre „Null“ – eine Groteske

Und plötzlich ist der Krieg vorbei. Lena Brücker schwankt zwischen Freude und Entsetzen. Einerseits: der Friede! Andererseits: Wenn Bremer in seinem Versteck davon erfährt, wird er sie verlassen und zu seiner Familie zurückkehren. Also hält sie gleichsam Zeit und Atem an – und sagt ihm nichts. Sie läßt ihm seinen Irrglauben, nun kämpfe Deutschland gemeinsam mit Briten und Amerikanern gegen die Sowjets…

Bremer, ohne Zeitung und Radio, erlebt die langsame Veränderung des Lebens nur im Blick aus dem Fenster. Diese (sozusagen kleinbürgerliche) Perspektive hat Uwe Timm geschickt gewählt. In solcher Verfremdung und Ausschnitt-Verkleinerung wirken historische Ereignisse wie das Auftauchen britischer Soldaten oder die Entstehung des Schwarzmarkts ganz anders, wie unter einer Lupe. Deutschland im „Jahre Null“ – eine Groteske.

Timm, ein solider, gelegentlich etwas zu routinierter und beflissener Erzähler, übt sich in wirksamer Bescheidenheit. Heutzutage nennen die Verlage Jedes Buch über 100 Seiten ein „Roman“. Hier gibt man sich mit der Bezeichnung „Novelle“ zufrieden. Auch sonst ist das Buch eine zwischen Elegie und Zuversicht schwankende Feier des Unscheinbaren, des Unauffälligen – zumal des kleinen Widerstands kleiner Leute im großen Krieg. Hier werden keine Heiden aufgeboten, um zu zeigen, wie widerwärtig Krieg und Naziherrschaft waren. Komische, fast chaplineske Einfälle hat der Autor. Vielleicht die schönste Stelle: Ein Koch verköstigt die Leute vom Reichsrundfunk so übel, daß sie die angeblichen Triumphe der Wehrmacht am Mikro nur noch mit Würgelauten vermeiden können.

Kein großes Buch. Das will es auch nicht sein. Aber ein lesenswertes. Und schließlich: Wer möchte denn nicht wissen, wie die Currywurst erfunden wurde?

Uwe Timm: „Die Entdeckung der Currywurst“. Kiepenheuer & Witsch. 221S., 29,80DM.




Am Lebensabend ist die Illusion zerstoben – B. S. Johnsons erstaunliche Altenheim-Geschichten aus neun verschiedenen Perspektiven

Von Bernd Berke

Ein Autor, der in Deutschland immer noch „entdeckt“ werden kann (und sollte), ist der Engländer B. S. Johnson (1933-1973). Verdienstvoll, daß der Schneekluth-Verlag eine Werkausgabe in sieben Bänden ediert. In diesem Zusammenhang ist nun auch der Prosaband „Lebensabend. Eine geriatrisehe Komödie“ erschienen. Und das ist ein phänomenales Buch.

Johnson läßt uns die inneren Monologe einiger Altenheim-Insassen miterleben. Die acht Greise und Greisinnen sinnen alle über den selben Zeitabschnitt des selben Tages nach, von dem man also nacheinander aus acht verschiedenen Perspektiven erfährt.

Es beginnt mit einem Essen und offenbar nervtötender Heimarbeit, die die Alten für die Hausmutter ausführen müssen (sie kleben Knallbonbons zusammen), findet einen vorläufigen Höhepunkt in einer lächerlich optimistischen Senioren-Hymne, die die Greise zu singen haben – und mündet in „Ertüchtigungs“-Spielchen (z. B. ein bizarres Rollstuhl-Wettrennen) oder einen läppisch-schlechten Scherz rund um ein Päckchen, in dem sich Hundekot befindet. All‘ das schält sich aber erst ganz allmählich aus den zumeist stockend vorgetragenen Monologen heraus.

Am Schluss redet die resolute Hausdame

Johnson zeigt nun nicht nur, wie grundverschieden die acht alten Menschen das teilweise bedrückend groteske Geschehen erleben, wie ihre Gedanken in diverse Vergangenheiten und auch Verrücktheiten abschweifen. Jeder Figur gibt der Autor genau 21 Seiten. Und er benennt vorher – wie in einem ärztlichen Bulletin – ihre geistigen und körperlichen Gebrechen. Bei einem etwas verwirrten alten Mann etwa bildet sich der Gedankengang in lauter Sinnsprüngen oder gar in großen weißen Lücken auf den Seiten ab.

In jedem Abschnitt aber erfährt man vor allem, gleichsam aus intensiver „Innenansicht“, etwas von den Leiden des Alters, von verlorenen Illusionen und zerstobenen Lebensträumen. Das Buch weitet sich zu einer ebenso tiefgründigen wie leicht vorgetragenen Studie zum Prozeß des AIterns überhaupt.

Ein weiterer Clou kommt am Schluß. Da läßt Johnson als neunte Person die Hausdame reden, die all jene Spielchen und Arbeiten veranlaßt hat und die bereits die ganze Zeit als beängstigende Figur durch die Monologe der alten Leute gegeistert ist.

Erst hier erfährt man, wie obszön ihre Veranstaltungen wirklich waren und welche Theorien über Leben, Tod und Alter sie sich dazu zurechtgelegt hat. Am Ende fragt sich der Leser durchaus irritiert: Ist sie nun eine Wohltäterin mit reichlich derben, aber erprobten Methoden – oder ist sie eine Fürstin der Vorhölle?

B. S. Johnson: „Lebensabend – Eine geriatrische Komödie“. Schneekluth Verlag. 204 Seiten. 34 DM.




Zwischen Duschvorhängen und Ententüchern – Max Goldts Glossen aus dem schrägen bundesdeutschen Alltag

Von Bernd Berke

„Seltsam, daß er nie mit diesen knochigen, verbiesterten Squash-Spieler-Typen mit ihrem Ringelpiez-Humor und ihren Kater-Garfield-Duschvorhängen konfrontiert wurde, die (…) ihre solariumsverkokelten Hände falteten und altjüngferlich flöteten: Also, ich kann auch ohne Alkohol fröhlich sein …“ – Jawohl. Man sieht sie leibhaftig vor sich, diese Leutchen!

Derlei Beobachtungen gelingen Max Goldt in seinen Glossen häufig. Der Mann ist Kolumnist des Satireblattes „Titanic“ und hat sich mit „Onkel Max‘ Kulturtagebuch“ seine Fangemeinde erschrieben. Kennzeichen an der Oberfläche: fröhlich-kreatives Chaos. Doch Goldt kann erzkomisch und ernsthaft sein, manchmal im raschen Wechsel, manchmal gar beides zugleich. Hinter jeder Satzbiegung kann es wieder um was ganz anderes gehen. Das macht die Sprache geschmeidig. Dabei denkt und schreibt er wohltuend unaufgeregt, jedem Getue abhold. Und sehr oft, besonders, wenn er sich mit „Szene“-Moden befaßt, denkt man: „Da sagt’s mal einer!“

Man lese und genieße: Wie er die allgegenwärtigen „Kulturschnorrer“ erledigt; was er über die Polit-Plänkeleien von Kabarettisten oder über die in Talkshows herumgereichten „Meinungsnutten“ denkt; wie er nervtötende Selbstdarstellungs-Rituale schwuler „Subkultur“ brandmarkt, was er z. B. von englischen Rocktexten, Silvesterfeiern, Rauchern, Volksfesten, Quittenfrüchten, schwatzhaften Kinobesuchern oder gar von „Ententuch-Matronen“ hält…

Und dann jene kleinen Pfennigs-Wahrheiten. Zitat: „Wer hat nicht schon mal in einer fremden Stadt im öden Hotelzimmer gelangweilt im Telefonbuch geblättert, um nachzuschauen, ob da vielleicht Leute mit unanständigen Nachnamen wohnen? Natürlich nur, um anschließend entrüstet zu sein über diese Bürger, die keine Anstalten machen, das behördlich ändern zu lassen.“

Auch viele Splitter ergeben ein Bild, es herrscht hier nicht das schiere Chaos. Ja, Max Goldt erscheint gar als Mann von früher Weisheit und von Grundsätzen. Er ist nicht der total „abgedrehte“ Freak, für den man ihn beim monatlichen Überfliegen seiner „Titanic“-Kolumne halten könnte.

Er läßt öfter mal durchblicken, daß er sich alles ein bißchen ruhiger, höflicher, gelassener wünscht auf der Welt. Wenn es auf dieser befriedeten Erde so kurzweilig zuginge wie in seinen Glossen, dann wäre es mächtig in Ordnung.

Max Goldt: „Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau“. Haffmans-Veriag, 302 Seiten, 28.50 DM.




Doppelte Urangst des Schriftstellers – Schrecken der Leere und der Überfülle in Paul Austers „Die Erfindung der Einsamkeit“

Von Bernd Berke

Es ist ein Standardthema der Literatur: Wenn die Eltern sterben, treibt es Schriftsteller in die Krise, drängt es sie zur Selbstschau: Wie bin ich geworden, was ich bin? Der Weg führt dann durch (Un-)Tiefen der Kindheit.

Der US-Autor Paul Auster findet in seiner Erinnerung einen Vater, der sich allen entzogen hat, der gar kein Innenleben zu haben schien, bei dem man ihn hätte „packen“ können. Einen Menschen, der immer fühllos abwesend zu sein schien: „Die Welt ist für ihn wohl ein ferner Ort gewesen, ein Ort, den er nie richtig hat betreten können…“

Das Unterfangen, sich auf die Spuren eines solch undeutlichen Menschen zu setzen, scheint von vornherein zum Scheitern verdammt. Gewiß, Auster (bzw. der Ich-Erzähler) kann ein paar Eigenschaften oder Verhaltensweisen benennen: des Vaters jüdische Herkunft, seine Emigration aus Österreich, seinen Immobilien-Job im Clan-Verbund mit den Brüdern, seine Arbeits- und Sparwut usw. Doch all das fügt sich nicht zum Bilde. Es erwacht eine Urangst des Schriftstellers: Versagt die Sprache vor dem Leben? „Porträts eines Unsichtbaren“ heißt dieser erste Teil des Buches. Das Bedürfnis, den verstorbenen Vater schreibend herbeizubeschwören, führt zur Resignation. Zitat: „… der leere Wahn, irgend etwas über irgend jemanden sagen zu wollen.“

Der zweite Teil heißt „Das Buch der Erinnerung“. Wir sehen den Autor in erbärmlicher Schreib-Einsamkeit, unbehaust in einer kalten Bruchbude in New York. Da setzt wiederum einer, dessen Vater gestorben und dessen Ehe gescheitert ist, das Puzzle seines Lebens zusammen. Je mehr der Erinnerungsstrom fließt, desto mehr häufen sich „Zufälle“, unterschwellige Anklänge: Alles reimt sich aufeinander, alles hängt zusammen, jedes Geschehen scheint eine Anspielung auf ein anderes Geschehen (gewesen) zu sein. Ist das tröstlich oder bedrohlich?

Die Phantasie bevölkert das einsame Zimmer bis zur Überfülle mit persönlichen Erinnerungen und Zitaten aus der Geistesgeschichte. Doch auch diese beinahe wahllose Fülle von Gedächtnis führt, wie anfangs die Leere angesichts des Vater-Porträts, in die Resignation des Schreibenden: „Nie wird die Feder sich schnell genug bewegen können, um jedes Wort aufzuschreiben, das im Raum der Erinnerung entdeckt wurde. Manches ist für immer verloren… Und über nichts davon kann man irgend sicher sein.“ Vergeblichkeit, wohin man blickt!

Entstanden in den späten 70er Jahren und 1982 in den USA erschienen, wird das Buch hierzulande an jene „nachgereicht“, die von Austers Romanen wie „Im Land der letzten Dinge“ angetan waren. Der Autor hat wohl versucht, eine Lebens- und Schreibkrise zu überwinden. Diese Selbsttherapie wird für den Leser jedoch nie penetrant. Und sie bildet das Fundament seiner Romane.

Paul Auster: „Die Erfindung der Einsamkeit“. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Rowohlt. 256 S., 36DM.




„Darüber reden“: Julian Barnes schickt drei Menschen auf den Markt der Liebe

Von Bernd Berke

Ein Mann heiratet. Dann spannt ihm sein bester Freund die Frau aus und ehelicht sie seinerseits. Kein weltbewegendes Geschehen, wenn man es kühl betrachtet.

Doch kann ein solcher Vorgang bekanntlich die größten Bestürzungen auslösen. Dann wird man vielleicht fieberhaft dies tun: „Darüber reden“. So heißt das neue Buch von Julian Barnes, einem Autor, der seit „Flauberts Papagei“ und „Eine Geschichte der Welt in zehneinhalb Kapiteln“ auch bei uns immer stärker beachtet wird.

Auf 263 Seiten breitet Barnes die Liebeswehen seiner Figuren aus. Alles in direkter Rede, so als sprächen die handelnden/erleidenden Personen den Leser direkt an, als bäten sie ihn um „objektive“ Zeugenschaft und Beistand. Oder wenden sie sich gar an eine Art „höhere Instanz“, die ein Urteil sprechen soll? Jedenfalls fühlt man sich sofort aufgenommen in den kleinen Kreis, man wird sogleich ins Vertrauen gezogen.

Barnes weiß eben sehr, ja beinahe zu gut, wie man Leser ködert. Er schreibt hinreißend, überrollt einen geradezu mit seinem Stil, der gleichsam perlt und prickelt. Da erzählt einer ebenso „süffig“ wie etwa John Irving.

Die drei Hauptpersonen: Stuart, ein stocksteifer Bankmensch; sein Freund Oliver, genialischer Hallodri – und das Objekt ihrer gemeinsamen Begierde, die Gemälde-Restauratorin Gillian. Barnes deutet an: So wie Gillian verborgene Schichten alter Bilder sichtbar macht, so kehrt die Liebe nach und nach immer andere Schichten der Persönlichkeit hervor.

Alle drei reden ganz verschieden und wandelbar. Stuart wirkt zunächst tapsig und naiv, dann kommen seine unterdrückte Wut und sogar Durchtriebenheit zum Vorschein. Oliver steigert sich eingangs in selbstverliebte Sprachräusche, wird aber kleinlaut, als er sich in Gillian verliebt. Und Gillian redet am Anfang ganz knapp und nüchtern, bevor sie sich zunehmend erhitzt.

Der Leser weiß immer etwas mehr als dieses Trio (zumal weitere Personen ihn mit Zusatzinformationen versorgen) und kann mit einer Mischung aus Besorgnis und Vergnügen ihre seelischen Irrungen und Wirrungen verfolgen: Drei Helden des Alltags, gesegnet und gepeinigt mit dem ganzen Plunder des menschlichen Innenlebens. Auch wenn rings die Computer blinken und alles voraus“ berechnen – in der Liebe ist ja bisweilen jede(r) hilflos wie ein Kind.

Ein Buch ohne „Moral“. Zwar dreht es sich auch um solche Fragen: Was kann die Ehe heute noch bedeuten? Ist wirkliche Liebe zu dritt oder viert möglich? Wie steht es mit dem Verhältnis von Liebe, Sex und Geld? Doch das ganze Geschehen „dreht“ sich halt wie ein Karussell, spielerisch und bunt. Wenn man denn schon Essenzen aus diesem Buch ziehen will, so könnten sie etwa so lauten: Weder gegen die Liebe noch gegen ihren Verlust vermag man etwas.

Endlos könnte man eben „darüber reden“, wie sie einen gnadenlos erwischt und verläßt. Zu Zeiten hitzig – und doch im Grunde tief ernüchtert. Denn offenbar folgen ja all unsere‘ Gefühle nur den grausamen Konkurrenz-Gesetzen eines Marktes…

Staunenswert die Übersetzung. Hier hat man den nicht gar so häufigen Fall, daß ein fremdsprachig verfaßtes Buch so frisch klingt, als sei es gleich auf Deutsch geschrieben worden.

Julian Barnes: „Darüber reden“. Aus dem Englischen von Gertrude Krueger. Haffmans Verlag. 263 Seiten. 36 DM.




Leergepumptes Herzensbett – Jeanette Wintersons schwülstiger Liebesroman „Auf den Körper geschrieben“

Von Bernd Berke

Lassen wir Jeanette Winterson und ihre Übersetzerin für sich selbst sprechen.

Seite 89: „Sie wölbt ihren Körper wie eine Katze, die sich streckt. Sie drückt mir ihre Muschel ins Gesicht wie ein Füllen am Gatter.“ Hei!

Seite 100: „Sie küßte mich, und in ihrem Kuß lag die Komplexität der Leidenschaft… Ich war schüchtern wie ein ungezähmtes Fohlen.“ Mh!

Seite 124: „Ein Schatz war uns in die Hände gefallen, und der Schatz waren wir selbst füreinander.“ Aha!

Seite 138: „Ich will kein Kissen, ich will dein lebendiges, atmendes Fleisch.“ Ja, wer würde da schon ein Kissen vorziehen?

Seite 160: „Die körperliche Erinnerung tappt durch die Tür herein, die der Geist zu versiegeln trachtete.“ Wie bitte?

Seite 227: „In dem leergepumpten, ausgetrockneten Bett meines Herzens…“ Man sieht sie direkt vor sich, diese Schlafstatt. Vermutlich eine Luftmatratze.

Genug der Zitate. Man könnte sie, in ähnlicher Stilblüten-Güte, seitenweise fortsetzen.

Das Buch „Auf den Körper geschrieben“ (armer wehrloser Körper) kreist, wie man schon ahnt, um Liebe. Und ist es auch sonst elend geheimnislos, so läßt es doch über einen Umstand rätseln: Ist die Erzählerfigur, die da reihenweise Frauen erobert und dann stammelnd einer ganz großen Leidenschaft zu einer krebskranken Arztgattin anheimfällt, Männlein oder Weiblein? Da an keiner Stelle „penetriert“ wird und die Autorin bekennende Lesbierin ist, darf man getrost von Möglichkeit Nummer zwei ausgehen. Doch im Grunde ist auch das nicht interessant. Denn ganz gleich, um welche Ausprägung von Liebe es hier geht – sie wird unter Schwulst begraben. Nichts, aber auch gar nichts gegen einen großen Roman über lesbische Liebe. Aber vieles gegen derlei haltloses Geschreibsel.

Als „kluges, rätselhaftes, erotisches Buch“ preist der Verlag das Werk der britischen Bestseller-Autorin. an, die nun offenbar alle literarischen Skrupel fahren läßt. Man bekommt direkt Angst vor Frevel, wenn sie große Vorbilder wie Shakespeare oder das biblische Hohelied der Liebe aufgreift.

Auch die Übersetzung scheint ihren Teil zum Unglück beigetragen zu haben. Kostprobe: „War es um die verlorene Verbindung zu den Großen und Würdigen der Gesellschaft.oder war es um ihre Tochter?“ Ja, um was wird es denn wohl gewesen sein?

Hat das Lektorat des Fischer-Verlages geschlafen?

Jeanette Winterson: „Auf den Körper geschrieben“. Roman. Aus dem Englischen von Stephanie Schaffer-de Vries. S. Fischer Verlag. 236 S., 36 DM.




Literatur im Zeichen der Zahlenmystik – ein großer Roman dieser Zeit

Dieser Roman kommt mit enzyklopädischem Anspruch daher: Von Aach (Allgäu) bis Zyfflich (Niederrhein) will er Sein und Wesen der deutschen Nation faßbar machen. Das Titelbild – ein fast fertiges Puzzle dieses Landes – signalisiert ein spielerisches Element, doch enthält es auch einen subtilen Verweis auf Grübelzwang.

Das Leitmotiv einer anderen deutschen (Un-)Tugend wird hier auch schon früh angeschlagen: „alphabetisch geordnet“, heißt es da. Nur: Im Laufe der Lektüre wird klar, daß auch labyrinthisches Chaos in diesem Kosmos Platz hat. Der Autor, von dem wir hier den ersehnten Roman unserer Generation haben, bleibt ungenannt. Wie viele der ganz Großen {Shakespeare, Thomas Pynchon) tritt er hinter sein Oeuvre zurück und bleibt selbst eine Rätselfigur. Er geht mitunter sehr behutsam vor. Zitat Seite 395, aus dem furiosen Kapitel „Dortmund“: „Am Ostheck 44309 – Am Ostpark 44143 – Am Overhagen 44319″.

Die Wahrheit wird umschmeichelt

Also nicht gleich „Im“, sonder „Am“, später manchmal auch „Zum“. Keine faustische Suche nach der Weltformel, sondern vorsichtige Annäherung an die Gegenstände. Literatur der kleinen Schritte. Bewußtsein, daß nicht alles sagbar ist. Wahrheit wird nicht im Sturm erobert, sondern umschmeichelt.

Fast im selben Atemzug bezieht sich der Autor (oder: die Autorin?) auf eine machtvolle Tradition aus Bibel und Mittelalter: Zahlenmystik! Symbolkräftig die fünfstelligen Ziffern – scheinbar präzise und doch abstrakt, losgelöst von allem Wirklichen. Wann hat man zuletzt so sparsame und lakonische Prosa genießen dürfen?

Ganz im Sinne der Post-Moderne

„Das Postleitzahlenbuch“ (Verlag Postdienst — Deutsche Bundespost, 986 Seiten) ist in der deutschen Nachkriegsliteratur bestenfalls mit Monumentalwerken wie Arno Schmidts „Zettels Traum“ zu vergleichen. Ganz im Sinne der Post-Moderne sammelt es, scheinbar unterschiedslos, historische Bestände aus allen Epochen ein – von der Luthergasse über die Goethestraße bis zum Adenauerplatz.

Zugleich will der Autor Kunst und Leben innig verbinden. Kein Rückzug in den Elfenbeinturm, sondern festes Vertrauen auf alltägliche Anwendbarkeit von Literatur. Man kann dieses Buch auch in froher Runde nutzen, für Ratespiele etwa. Besonders Teil zwei — weit ausgreifender historischer Exkurs im Gewand eines Straßenverzeichnisses von 209 Gemeinden — bietet hierfür unschätzbare Materialien. Wo existiert noch eine Karl-Marx-Straße? Gibt es mehr Goethe- oder mehr Schillerstraßen? Und dann das „Ortsteileverzeichnis“. Zitat: „Kreuzberg — Schöneberg — Tiergarten“. Welche Fülle von Assoziationen in diesem Dreiklang!

Durchweg herrscht zeitgemäßes Verständnis von Literatur: Der Text ist nur ein Angebot, der Rezipient (sprich: Leser) muß es bei der Lektüre vollenden. Konsequent wird dies hier durchgehalten —bis zum Schluß, wo man unter der Überschrift „Ihr persönliches Postleitzahlenbuch“ Raum für eigene Kreativität findet.

                                                                                                                Bernd Berke




„New York – ein einziger großer Fluß voll Fusel“ – Henry Millers „Verrückte Lust“ nach über sechs Jahrzehnten erschienen

Von Bernd Berke

„Sein Blick verharrte auf Vanyas langem Gänsehals, der wie eine Leier bebte. So weich und glatt, ihr Hals. Weich wie Lamahaar.“ — Gänse, Leier, Lama? Da reitet einer geradezu auf den Sprachbildern, hierhin und dorthin.

Angenommen, es handelte sich um einen großen, der Sprache mächtigen Autor, läßt das Zitat auf zitternde Erregung schließen. Dieser Jemand heißt Henry Miller. Was nicht alle Tage vorkommt: Von dem 1980 gestorbenen Autor ist jetzt ein bislang nur dem Hörensagen nach bekannter Roman erstmals auf Deutsch erschienen. Ein frühes Werk, geschrieben im Jahre 1927, als der literarische „Spätstarter“ Miller aber auch schon 36 Jahre alt war.

Das Manuskript von „Verrückte Lust“ (Originaltitel sogar: „Crazy Cock“, also ein direkter Bezug aufs männliche Geschlechtsorgan) galt zunächst als verschollen und war dann über Jahrzehnte unbeachtet geblieben — bis man es 1991 in den USA edierte.

Die eingangs erwähnte Erregung ist nur zum Teil sexueller Natur. Überhaupt dürften Leute, die zu Millers Büchern der „Stellen“ wegen greifen, von diesem enttäuscht sein. Für seine Verhältnisse geradezu schamhaft, bricht der Urheber solcher Tabuknacker wie „Wendekreis des Steinbocks“ oder der „Sexus/Plexus/Nexus“-Trilogie, sogar seine Schilderungen unvermittelt ab, wenn sie dem Höhepunkt zustreben. Kein schlechter Kunstgriff, ist doch sein Thema auch die Unentschiedenheit des Begehrens.

Drei Menschen, im Grunde jeder für sich allein, unterwegs von nirgendwo nach nirgendwohin. Sie prallen aufeinander – fast wie vordem einsam kreisende Planeten bei einer Katastrophe im All. Unheilvoll sind sie alsbald ineinander verkeilt: Tony Bring, erfolgloser Schriftsteller, seine schöne Gefährtin Hildred und die geheimnisvolle, zwittrig wirkende Vanya. Sie alle brauchen und hassen einander. Beides zur gleichen Zeit. Und sie kommen nicht voneinander los.

Die Geschichte spielt im New Yorker Viertel Greenwich Village, das Miller als schmutzige Karikatur einer Bohème, als Filiale der „Großen Hure Babylon“ beschreibt: „New York war ein einziger großer Fluß voll Fusel.“ Und so treibt man sich denn auch hauptsachlich in übelsten Spelunken herum. In einer solchen arbeitet Hildred als Bedienung. Vor allem aber bestreitet sie ihren und Tonys Lebensunterhalt von Gefälligkeiten schmieriger Kavaliere, sprich: Sie prostituiert sich (was man aber nur in Andeutungen erfährt).

Zugleich entsteht zwischen Hildred und Vanya eine Beziehung, die einer lesbischen sehr ähnlich sieht. Tony schreit und tobt und will die ganze Wahrheit hören. Doch die quälende Ungewißheit bleibt, ja sie steigert sich zur Höllenqual. In einer seltsamen Höhle vegetiert das Trio mit- und gegeneinander dahin, einer Höhle, die die geradezu erschreckend-verschlingend kreative Vanya über und über mit ihren obszönen Kunstwerken ausgemalt hat. Eine geschlossene Anstalt, in die kaum einmal Tageslicht dringt: Irrsinn zu dritt, Schreie und Flüstern. Und wie etwa – gar nicht so gewagter Vergleich – bei Tschechows „Drei Schwestern“ das ferne Moskau zum erträumten, nie erreichten Inbild geglückten Lebens wird, so hier das noch fernere Paris.

Zwischendurch erwähnt Miller immer wieder den Lauf der Jahreszeiten, was dem Geschehen eine Art Naturnotwendigkeit verleiht. Zudem wirken die Figuren wie riesenhaft gemeißelt, unentrinnbar und überlebensgroß. Miller bezieht seine Bilder vornehmlich aus Religion und Biologie, aus Himmel und Blutbahn. Bisweilen schäumt seine Prosa auf zu atemlosen Aufzählungen, so als wolle er lauter starke Behauptungen hochtürmen. Befremdliches Großsprechertum. Sprache als Droge, vielleicht auch Sprache durch Drogen. Jedenfalls hat es bei der Lektüre streckenweise etwas Zermürbendes.

Ein recht unterschwelliges Geheimthema des Romans ist übrigens die Angst vor Begleiterscheinungen weiblicher Emanzipation. Fast moralinsauer bemerkt der Erzähler zum Beispiel, daß nun auch Frauen sich in Kneipen mit sexuellen Erlebnissen brüsten.

Noch mehr erschrickt man freilich über einen verborgenen Antisemitismus. Man stelle einmal alle Äußerungen zusammen, in denen hier von Juden die Rede ist – und wäge den Tonfall.

Vielleicht ist es ja so: Dem Eifersüchtigen, dem Verlassenen kommt alles beschmutzt und nichtig vor. Miller hat in „Verrückte Lust“, noch ziemlich roh bebauen und literarisch noch nicht auf später erstiegenen Höhen, die Niederungen seiner Ehe mit June Smith verarbeitet, die vorübergehend mit einer Lesbierin „durchbrannte“. Es war dies der größte anzunehmende Liebesunfall. Gegen einen männlichen Rivalen hätte er ja antreten können, aber wie denn gegen ein Weib kämpfen?

Henry Miller: „Verrückte Lust“. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Dirk van Gunsteren. Goldmann-Verlag. 244 Seite und 12 Seiten Nachwort von Mary V. Dearborn. 36 DM.

 




Rituale wie in einer Familienserie – Seit fünf Jahren gibt es das „Literarische Quartett“

Vieles, vieles wandelt sich auf dieser Welt, doch es gibt sie noch: die letzten Rituale. Zum Exempel „Das literarische Quartett“ (ZDF. 22.15 Uhr).

Zugegeben: Als die Sendung vor fünf Jahren – am 25. März 1988 – erstmals ins Programm kam, konnte man sich schon über die Unverfrorenheit ärgern, mit der MarcelReich-Ranicki etwa gleich seine Lieblingsautorin Ulla Hahn auf den Schild hob. Doch im Lauf der Zeit zeigte sich, daß es gerade jene krähende Chuzpe und unverwüstliche Selbstgewißheit des Literatur-„Papstes“ ist, von der diese Sendereihe lebt.

Manchen Versatzstücken, die todsicher in jeder Folge auftauchen, fiebert man direkt entgegen: Wann wird Marcel heute wieder ausrufen, daß ihn das Leben ganzer Kontinente – egal, ob Amerika, Asien oder Afrika – „nicht interessiert“, sondern nur, ob dort „gut geschrrrrieben“ wird? Wann wird er wieder lauthals verkünden, daß er sich bei einer Lektüre furchtbar gelangweilt habe? Wann hat er Sigrid Löffler so weit, daß Verbitterung ihre Mundwinkel umspielt? Und wann wird er dem „Buben“ Hellmuth Karasek wieder einen auf die Nuß geben?

Die Mischung aus festgefahrenem Ritual und Resten von Gruppendynamik ist das eigentliche Phänomen des „Quartetts“. Reich-Ranicki, Karasek und Löffler sind inzwischen so aufeinander eingespielt, sie haben eine so lange gemeinsame Profilierungsgeschichte, daß ihre Konflikte denen einer langlebigen Familienserie gleichen.

Schriller war es zur Gründerzeit, als Jürgen Busche den idealen Prügelknaben für die drei anderen abgab. Ein ums andere Mal mußte er sich literarisch belehren lassen und blickte dann drein wie ein armer Tropf. Fehlte nur noch das „Busche, setzen! Fünf!“ Echte Fans trauern diesen kultischen Szenen bis heute nach.

Seit Busche entnervt ausstieg, bittet man wechselnde Gäste als „Nummer vier“ hinzu, die manchmal so frech sind, Widerworte zu geben. Jedenfalls wäre es töricht zu verlangen, die Runde möge sich nur auf die Bücher konzentrieren. Der Spaß wäre glatt halbiert.

Für eine letztlich doch recht anspruchsvolle Kulturreihe ist die Sendung sehr erfolgreich. Man hat jetzt sechs statt wie zuvor vier Termine pro Jahr. Mindestens eine Million Leute schalten zur späteren Abendstunde regelmäßig ein. Bei den Verlagen gilt eine Berücksichtigung im „Quartett“ (gleichgültig, ob Huldigung oder Verriß) als höchst erstrebenswert. Werke, die man sich hier vorknöpfte, waren am nächsten Tag oft „Renner“ in den Läden.

Also bis zum Abend, an dessen Ende es unfehlbar wieder heißt: „Und also sehen wir betroffen: Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

                                                                                                                  Bernd Berke




Rhetorik ist mehr als nur Wortgeklingel – Zum 70. Geburtstag von Walter Jens

Zur alten Feuilleton-Zeit galt die Theaterkritik alles, die Fernsehkritik fast nichts. Das hat sich geändert. Maßstäbe für die TV-Renzension als achtbares Genre hat als einer der ersten Professor Walter Jens gesetzt, der viele Jahre lang in der Wochenzeitung „Die Zeit“ (unter dem Pseudonym „Momos“) das Bildschirmgeschehen kritisch begleitete. Es ist nicht das geringste Verdienst des Mannes, der heute 70 Jahre alt wird.

In seiner Wahlheimatstadt Tübingen hatte der Sohn eines Hamburger Bankiers bis 1988 den Lehrstuhl für Rhetorik inne. Das Wort „Rhetorik“ hat hierzulande einen schlechten Klang. Man argwöhnt, es gehe nur um schönes Wortgeklingel. Jedoch: Die Kunst der wohlgesetzten Rede zu veredeln und zu verbreiten – welch‘ eine notwendige Anstrengung in einem Land wie Deutschland. Man muß nur eine durchschnittliche öffentliche Ansprache hören und weiß Bescheid.

Als jemand, der wahrlich gut sprechen kann, hört sich Jens – verzeihliche menschliche Schwäche – recht gerne selbst reden, er genießt eben seinen eigenen Vortrag. Auch den Wohlmeinenden kommt er dann manchmal etwas penetrant vor, wie ein Besserwisser und Oberlehrer. Damit muß und kann er leben.

Es ging und geht Jens nie um die bloße Form der Rede. sondern um Inhalte. Er ist wohl das, was man einen Radikaldemokraten nennt. Viele beklagen oder bejubeln den „Tod der Aufklärung“. Doch Jens besteht darauf, daß die moralischen und freiheitlichen Ansprüche der Aufklärung endlich eingelöst werden. Oft hat er sich mit unbequemen Anmerkungen zu Politik und Kultur in der Bundesrepublik zu Wort gemeldet; manchen zum Verdruß, anderen zur Labsal.

„Feldzüge eines Republikaners“ heißt eines seiner Bücher. Manchmal beläßt er es (ähnlich wie seinerzeit Heinrich Böll) nicht beim verbalen Widerstand, sondern zieht handelnd zu Felde: So war der überzeugte Pazifist 1984 bei der Sitzblockade vor dem US-Raketendepot in Mutlangen dabei. Und so verbarg er US-Soldaten, die nicht am Golfkrieg teilnehmen wollten, in seiner Wohnung. Eine Haltung, die selbst dann Respekt abnötigt, wenn man seine Meinung nicht teilt. Sie ist mit persönlichem Risiko verbunden.

Der hochdekorierte Jens (Lessing-Preis, Heine-Preis usw.) hat den Acker der Sprache allseits gepflügt: Er ist nicht nur Redner, sondern auch Schriftsteller, Literaturhistoriker, Rezensent und Übersetzer. Mit dem Weggefährten Hans Küng, dem kritischen Katholiken, arbeitet der Protestant Jens seit Jahren an einer zeitgemäßen Übertragung des Neuen Testaments.

Auch im gesetzteren Alter ist Walter Jens kein bißchen leise. So empörte er sich kürzlich über einen Beitrag der Zeitschrift „Sinn und Form“, herausgegeben von der immer noch selbständigen Ostberliner Akademie der Künste. Dort hatte man unkommentiert einige Passagen aus Tagebüchern von Ernst Jünger gedruckt. Schon beim bloßen Namen des oft als kriegslüstern gescholtenen Autors von „In Stahlgewittern“ muß Jens rot gesehen haben. Er las den Abdruck als „gefährliches Symptom“ einer neuen nationalkonservativen Strömung und einer „unheiligen Allianz“. Seine Befürchtung: Die deutschen Intellektuellen könnten sich wieder einmal dubiosen Autoritäten hingeben. Man darf das nicht einfach als Hirngespinst abtun, da doch selbst ein Mann wie der Dramatiker Botho Strauß den Weltgeist neuerdings wieder „rechts“ wehen sieht.

Als Präsident der Berliner West-Akademie der Künste ist Walter Jens auch in die Wirren der deutschen Vereinigung geraten. In der Stasi-Debatte empfahl er, auch nach den Teil-Bekenntnissen von Christa Wolf und Heiner Müller, „Behutsamkeit, Nachsicht und Erbarmen“. Er meinte damit kein Verleugnen, sondern schlichte Menschlichkeit.

                                                                                                            Bernd Berke




Die vielen Meinungen und das Erlernen des Abschieds – Markus Werners Roman „Bis bald“

Von Bernd Berke

Allein in Tunesien, dem ganzen Elend des Pauschaltourismus auch noch als Single ausgeliefert, bekam Hatt seinen Herzanfall. Nun, schon daheim auf dem Krankenlager, erzählt er seine Leidensgeschichte.

Wie in so vielen Romanen, spielt auch hier die Trennung von einer Frau die zentrale Rolle, dazu der Tod des Sohnes, der an einem Hirntumor gestorben ist. „Ein Unstern“, so der Ich-Erzähler, sei über seinem Leben aufgegangen.

Doch vor allem steckt die Geschichte anfangs voller Meinungen und Ansichten über alles und jedes. Das schwankt ganz sonderbar zwischen heiligem Zorn, aphoristischer Dichte und haltloser Geschwätzigkeit. Da gibt es Haßtiraden gegen die Schweiz im allgemeinen und Geschäftsleute im besonderen. Da kritisiert dieser Hatt neumodische Sitzmöbel, äußert sich zur Gleichberechtigung, zieht gegen den „Terror der Nichtraucher“ zu Felde und gibt obendrein Geheimtipps für den Urlaub (Blockhaus in Finnland). Einer, der so viel zu meinen hat, muß doch wohl mächtig am Leben hängen. Der sagt dann immer „Bis bald!“ und kann von nichts Abschied nehmen.

„Die Welt ist unhaltbar“

Außerdem laboriert der Denkmalpfleger offenbar an beruflicher Prägung. Wo er geht und steht, will er auch gestrige, vermeintlich authentische Formen des Lebens behüten. Doch nichts läßt sich festhalten, alles zerrinnt – und das ist schrecklich: „Die Welt ist unhaltbar“ – so lautet denn auch ein Lieblingssatz dieses von der Gegenwart versehrten Menschen. Also doch einer, der sich insgeheim nach Tod und Erlösung sehnt?

Dringlichkeit bekommen all die sprunghaften Gedanken, wenn man erfährt, daß Hatt die ganze Zeit auf einen Anruf aus der Klinik wartet: Die Ärzte wollen ihm ein neues Herz einpflanzen und warten ihrerseits nur noch auf ein geeignetes Transplantat. Seine Gedanken kreisen um dieses Warten. Die unentschiedene, existentiell angespannte Situation zwingt ihn zur Konzentration aufs Wesentliche, auch zum Erlernen des Abschieds. Zunächst gleichsam probehalber, dann ganz konkret.

Von der Operationsliste streichen

Ganz am Ende ringt sich Hatt zu einem wahrlich lebenswichtigen Entschluß durch: Er läßt sich von der Operationsliste streichen, läßt also sein Leben los und erfährt dadurch eine seltsame Leichtigkeit des Seins. Von seinen allfälligen Meinungen hat er sich längst verabschiedet. Ob er sterben muß, erfahren wir nicht mehr.

Thematisch und sprachlich ist Markus Werners Roman „Bis bald“ ein sehr achtbares Werk. Vielleicht ist es hie und da ein wenig zu kostbar und hochgestochen geraten. Manches hätte man sich noch lakonischer gewünscht. Doch das sind Bagatell-Unfälle, ja eigentlich nicht einmal das.

Gelegentlich durchsetzt mit schweizerdeutschen Ausdrücken („Währschaft“), erinnert das Buch ganz nebenher auch an den Reichtum, den die deutschsprachige Literatur der Auffächerung in östlich-westlich bundesdeutsche, österreichische und schweizerische Varianten samt Regionalstilen (und Sonderformen wie dem Rumäniendeutschen) verdankt. Wie armselig wäre es doch, schrieben sie nur zwischen Flensburg und Freiburg in dieser Sprache.

Markus Werner: „Bis bald“. Roman. Residenz Verlag. 224 Seiten, 39 DM.

 




Eduard und die Liebe zu Frauen und Mäusen – Peter Schneiders amüsanter Roman „Paarungen“

Von Bernd Berke

Eduard ist Naturwissenschaftler, also rechnet er nach: Im statistischen Schnitt ist eine Liebesbeziehung in seiner Generation „nach drei Jahren, einhundertsiebenundsechzig Tagen und zwei Stunden“ vorbei.

Eduard ist aber auch eine Spielernatur. Also wettet er mit seinen Kumpanen aus der Szenekneipe „tent“, Theo und André: Wer hält wohl am längsten mit seiner jetzigen Freundin durch? So kommt Peter Schneiders Roman „Paarungen“ in munteren Gang – und führt durch herrlich-schreckliche Liebes-Labyrinthe. Denn es bleibt nicht bei der strengen Monogamie.

Im ganzen Roman wirkt ein „Spaltpilz“. Diesen Namen bekommt eine mysteriöse Figur, die immer mal wieder durch die Handlung geistert und vom Nachtseiten-Romantiker E. T. A. Hoffmann stammen könnte. Zudem spielt das Buch im noch gespaltenen Berlin – und dort grassiert der Trennungsvirus, der jede Liebe kleinkriegt, ganz besonders heftig.

Groteske Balance zwischen Freiheit und Bindung

Peter Schneider seziert die vermeintlich ach so freien und in Wahrheit doch so verkorksten Lebensformen der alten „68er“-Rebellen mit haarfeiner Ironie, ohne seine Personen menschlich zu denunzieren. Sie sind ja in wirklichen Nöten. Und doch ist es auch zum Lachen. Die Liebeshändel jener Leute, die heute so etwa zwischen 40 und 50 sind, enden in grotesken Balanceakten zwischen Freiheit und Bindung. Am Ende geht man fast so verdruckst fremd, wie es die verhaßten Väter einst getan haben.

Auch politisch ist man {schon vor der DDR-„Wende“) mächtig ins Trudeln geraten. So ist etwa Eduard im Bio-Labor dem Erreger der Multiplen Sklerose auf der Spur, träumt schon vom Nobelpreis und braucht nur noch eine einzige Versuchs-Maus, die er – als sei’s eine Figur von Goethe – zärtlich „Lotte“ nennt; wie denn überhaupt auch der Name Eduard auf Goethe verweisen könnte. Doch zurück zur Maus: Der vormals ungebrochen „Linke“ ist überaus entsetzt, als studentische Öko-Anarchisten das liebe Tierchen befreien. Wie er da plötzlich die Jugend und ihren missionarischen Eifer haßt! Und wie da eine Sehnsucht nach Einvernehmen mit seinen Eltern aufkommt! Das wiederum bringt die ganze schöne und früher so glasklare Sicht auf die Zeit des Faschismus durcheinander.

Handlinie mit zwei verräterischen Abzweigungen

Doch vor allem gerät Eduard in die erotische Mangel. Es tritt genau das ein, was eine bulgarische Handleserin ihm prophezeit. Seine Liebeslinie mit zwei Abzweigungen bedeutet: erwiderte Zuneigung zu drei Frauen. Die heißen Klara, Jenny und Laura. Und obwohl Eduard doch laut Laborbefund fast zeugungsunfähig sein soll, sind plötzlich zwei von ihnen schwanger – und die dritte, ehedem seine „Feste“, ist tödlich beleidigt.

Eduards Kumpanen es nicht viel besser. Eigentlich haben sie alle ihre Wette verloren. Mitunter kommen sie sich – fast der Labormaus vergleichbar – wie Versuchspersonen in einem großen Liebesexperiment mit ungewissem Ausgang vor. Eine ganze Generation, so eine Essenz der Geschichte, versagt vor den großen, dauerhaften Gefühlen. Und doch: So ganz tot ist auch die Utopie von einer lebbaren Mehrfach-Liebe ohne Ausschließlichkeit noch nicht.

Man findet in diesen Jahren nur selten deutsche Romane, die etlichen Tiefgang und Amüsement, die Zeit- und Seelenschau so unangestrengt verbinden. Klug gewählt hat Schneider Eduards Biologen-Beruf. Das bringt nämlich eine weitere Stärke des Autors ins Spiel: die essayistische Form. So sind seine Überlegungen zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Gesellschaft schon für sich lesenswert. Und er hat sie so stilsicher in den Romanverlauf eingefügt, daß sie gar nicht wie Fremdkörper wirken.

Peter Schneider: „Paarungen“. Roman. Rowohlt Berlin, 345 Seiten, 38 DM.




Jetzt werden auch Schriftsteller im Revier gesponsert – Initiativkreis Ruhrgebiet finanziert neue Lesereihe

Von Bernd Berke

Im Westen. Neues vom hochkarätigen Sponsorenzirkel der Revier-Wirtschaft: Der „Initiativkreis Ruhrgebiet“ steigt jetzt auch in die Literaturförderung ein. Vom 3. bis zum 27. November gibt es erstmals die Lesereihe „Poesie und Prosa – Junge Literatur im Ruhrgebiet“, die in neun Städten (darunter Dortmund und Unna) Station macht. Falls sie jetzt Erfolg hat, soll die Veranstaltung künftig alle zwei Jahre über die Bühne gehen.

„Ein Beweis dafür, daß der Initiativkreis nicht nur Glanz- und Glamour-Veranstaltungen wie Operngalas finanziert.“ So wertete Dr. Konrad Schilling das Engagement. Schilling, vormals Kulturdezernent von Duisburg, ist jetzt Kulturbeauftragter des Vereins „pro Ruhrgebiet“, der den Initiativkreis unterstützt.

16 Autoren aus dem Revier werden mit „Poesie und Prosa“ aller Genres (von der Jugendliteratur bis zum Krimi) vorgestellt. Bibliotheken und Literaturbüros der Region machten Vorschläge für die Namensliste. Hobby- und Arbeiterliteratur hat man ebenso „aussortiert“ wie Prominenz: Max von der Grün und Josef Reding sind beispielsweise nicht dabei.

Die 16, die nun in den einzelnen Städten (meist paarweise und nach Geschlechterparität) an den Lesestart gehen, haben allesamt schon Bücher herausgebracht, sind aber nur halbwegs arriviert. Kaum einer kann von seiner Literatur leben. Mitorganisator Gerd Herholz vom Literaturbüro Gladbeck: „Ein einzelner Autor hat es hier schon schwer, in der Nachbarstadt bekannt zu werden.“ Die Bündelung der Kräfte durch „Poesie und Prosa“ könne da Abhilfe schaffen.

Schwerpunkt in Dortmund

Schreibkünste scheinen besonders in Dortmund zu gedeihen: Mit Thomas Kamphusmann, Thomas Kade, Ewa Gust, Bettina Rolfes und Jürgen Wiersch lebt fast ein Drittel der beteiligten Autoren in dieser Stadt. Hinzu kommt die Krimi-Autorin Sabine Deitmer, die einen Leseabend moderiert. Überhaupt bleiben die Autoren nicht auf sich allein gestellt. Jeder Abend wird nicht nur moderiert, sondern auch musikalisch umrahmt.

Bringt die Literaturszene des Reviers genügend guten Nachwuchs hervor, um auch 1994 und 1996 „Poesie und Prosa“ angemessen zu besetzen? Gerd Herholz ist skeptisch: „Warten wir’s ab.“ Konrad Schilling hingegen meint: „In zwei Jahren werden wir die Qual der Wahl haben.“

Für „Nachwuchs“ will man schon diesmal ganz konkret sorgen: Am 27. November beendet ein „Stimmengewirr“ in Mülheim an der Ruhr die Literaturtage. So heißt die öffentliche Abschlußlesung eines Lyrik-Workshops, der von Hannelies Taschau und Thomas Rosenlöcher betreut wird.

Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist kostenlos. Der Initiativkreis wendet für das Projekt rund 125 000 DM auf.

Auskünfte und Programmfaltblätter bei: Initiativkreis Ruhrgebiet 0201/266 96 18 oder Stadt- und Landesbibliothek Dortmund 0231/502-3225 oder: Unna, Lindenbrauerei 02303/27 10 97.




Vom heiligen Recht auf Asyl bis zur großen Fremdenangst – Hans Magnus Enzensbergers Buch „Die große Wanderung“

Von Bernd Berke

Hat man von Hans Magnus Enzensberger schon einmal eine langweilige Seite gelesen? Wohl kaum. Er läßt von jeher seine Gedanken auch stilistisch funkeln. Doch paßt diese Leichtfüßigkeit auch zu jedem Thema? Paßt sie beispielsweise zur Asylpolitik?

Enzensbergers neuer Text „Die große Wanderung“ durchmißt auf bloß 76 Seiten eine imposante Gedankenstrecke. Geschrieben nach Hoyerswerda, aber vor Rostock und den Folgen, handelt das Buch in 33 kurzen Kapiteln von der weltweiten, nach des Autors Ansicht bei uns erst in Rinnsalen spürbaren großen Völkerwanderung, die den anonymen, aber unentrinnbar mächtigen Kapitalströmen rund um den Erdball folge.

Die Deutschen dürften sich, so stellt Enzensberger gleich klar, keinen Illusionen hingeben: Sie seien, bedingt durch geographische Mittellage und geschichtliche Verwerfungen, eh schon immer ein äußerst bunt gemixtes Völkchen gewesen. Von „Deutschtum“ keine Spur.

Negativer Beigeschmack seit der viktorianischen Ära

Enzensberger stellt ganz sachliche Erwägungen zur Asylpolitik im Hinblick auf Staatsfinanzen, Arbeitsmarkt und Bevölkerungsentwicklung an. Er unternimmt einen knappen Streifzug durch die Geschichte des Asyls seit der griechischen Antike (als die Gewährung von Zuflucht ein sakraler Brauch war) und meint, daß eine Unterscheidung zwischen politisch Verfolgten und Elendsflüchtlingen dem uralten Grundgedanken des Asyls widerspreche. Außerdem sei drückendes wirtschaftliches Elend ein ebenso massiver Grund zur Flucht wie Verfolgung. Negativen Beigeschmack habe das Wort Asyl überhaupt erst in der bigotten viktorianischen Ära bekommen, als man sich über Trinker- und Obdachlosen-Asyle empört habe.

Doch dann folgt, was „Linken“ nicht schmecken dürfte: Enzensberger äußert ein gewisses Verständnis für jene, die sich vom Zustrom der Asylbewerber bedroht fühlen. Fremde zunächst einmal instinktiv abzulehnen, sei menschliches Allgemeingut, befindet der Autor – und schildert als Beispiel jene wohlbekannte Szene aus dem Eisenbahnabteil, wo jeder neu Zugestiegene erst einmal unwillkürlich mit Mißtrauen behandelt werde – bis dann der nächste Neuankömmling die unbewußte Abwehr der „Eingesessenen“ auf sich zieht… Nur: Praktisch jeder ist halt irgendwann einmal Neuankömmling (gewesen).

Kritik an einer „Diskriminierung der Mehrheit“

Enzensberger geißelt auch jenen hilflosen Anti-Rassismus, der nur das seitenverkehrte Abziehbild des Rassismus sei, den er zu bekämpfen vorgebe. Hier drohe die Gefahr einer Verniedlichung (die jeden Ausländer zum edlen Gast stilisiere) und einer „Diskriminierung der Mehrheit“. Und: Multikulturelle Projekte seien zu oft gescheitert, um noch als Utopie durchgehen zu können.

Man mag Enzensberger vorwerfen, daß er mit scheinbar unbeteiligter Geläufigkeit über ein (tod-)ernstes Thema parliere. Daß er es an leidenschaftlicher, entschiedener Parteinahme fehlen lasse. Am Schluß holt er das übrigens nach, mit einem nun doch flammenden Appell an die Politiker, die endlich das staatliche Gewaltmonopol gegen rechtsradikale Umtriebe ergreifen müßten.

Doch fertige Lösungen bietet Enzensberger nicht an. Es geht ihm wohl vor allem darum, überhaupt erst einmal Denkblockaden aufzubrechen, manches besinnungslose Geschwätz der Tagespolitik zu relativieren. Er tut es mit unverwechselbarer Stimme.

Hans Magnus Enzensberger: „Die große Wanderung – 33 Markierungen“. Suhrkamp. 76 Seiten. 19,80 DM.




Grass: Das Geschenk der Einheit vergeudet – Kritische Töne auf der Frankfurter Buchmesse

Von Bernd Berke

Frankfurt. Ein Hauptgeschäft bei der Buchmesse ist der Verkauf internationaler Nachdruck-Lizenzen. Wenn dieser Handel getan ist, beginnt ein womöglich noch schwierigeres „Geschäft“, das der Übersetzung.

Nicht jeder Autor kann sich gleich mit einem ganzen Kranz renommierter Dolmetscher umgeben wie Günter Grass, der sich gestern in Frankfurt mit einem Dutzend beinahe anonymer Sprachkünstler aufs Podium begab, die just seinen umstrittenen Bestseller „Unkenrufe“ in alle möglichen Idiome übertragen haben — von Katalanisch bis Türkisch, von Dänisch bis Polnisch. Welche Untiefen sich dabei auftun können, machte der polnische Übersetzer deutlich, der die Aufgabe hatte, gebrochenes Deutsch redende Polen sprachlich ins Polnische „hinüberzuretten“.

„Auschwitz immer mitdenken“

Einmütig stellten die Übersetzer fest, daß Grass‘ Roman mit seiner Kritik an deutschen Zuständen allerorts auf größere Zustimmung rechnen könne als eben in Deutschland. Damit war man bei einem Thema der Messe. Die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock und anderswo lassen manche schon um die internationale Attraktivität des Buchmesseplatzes Frankfurt bangen. Nicht von ungefähr hatte zur Eröffnung Außenminister Kinkel seinen Redetext spontan geändert und Abbitte geleistet.

Und Günter Grass, seinerzeit einer der lautesten Mahner vor der deutschen Einheit, bei der man „Auschwitz immer mitdenken“ müsse, fühlt sich jetzt natürlich bestätigt: „Aber ich bin alles andere als froh darüber.“ Seine schlimmsten Befürchtungen seien übertroffen worden, meinte Grass: .„Was wir mit dem Geschenk der Einheit gemacht haben, ist nur noch beschämend.“ Grass verteidigte das Asylrecht als „Kronjuwel unserer Verfassung“ und nannte gar den heutigen Verteidigungsminister Rühe einen „Skinhead mit Scheitel“, weil er das Thema Asyl unnötig „heiß geredet“ habe.

Noch mehr Elektronik in den Hallen

Beim Rundgang durch die Messehalle 6 (deutschsprachige Verlage) fällt sofort auf, daß erneut mehr Elektronik Einzug gehalten hat als im Vorjahr. Da ist es wirklich nur noch Vollzug, wenn – wie berichtet – dieser Art von „Literatur“ 1993 eine Halle eingeräumt wird. Den Reiseführer von morgen etwa tastet man mit der Computer-Maus ab. Dann zeigt er einem Landkarten und Fotos und erzählt einem mit Schrift, Ton und vielen bunten Bildern, was Y-Dorf und X-Stadt alles zu bieten haben. Wozu dann noch reisen, möchte man fast fragen.

Noch schlimmer kommt es dann in der sogenannten „Rationalisierungs-Schau“ des Buchhandels, die man glatt für einen Ableger der Computermesse „Cebit“ halten könnte. Der Elektronik-Konzern Philips hat dort eine regelrechte „Spielhölle“ eingerichtet, übrigens einer der bestbesuchten Stände der Messe.

Auf der Suche nach einem oder gar dem Trend wird man bei rund 101.000 Neuerscheinungen kaum fündig werden. Natürlich gibt es Saisonware wie etwa die Olympiabücher, doch im Grunde zeigt sich immer deutlicher, daß man schlichtweg alles zwischen zwei Buchdeckel bringen und es dann verkaufen kann, wenn nur das Marketing bis hin zur „Außenhaut“ (sprich Umschlag) des Buches stimmt. Gestaltung wird immer wichtiger, Inhalte kommen erst lange danach.

Nochmals zugenommen haben die langen Reihen der Verlage mit esoterischem Programm, die uns alle möglichen Ersatzgötter und Lebenshilfen andienen. Dagegen wirkt der Bezirk der „linken“ Verlage schon wie ein kleines Reservat.




Es kommen weder bessere noch schlechtere Zeiten – Botho Strauß und seine „Beginnlosigkeit“

Von Bernd Berke

Es dürfte das Buch mit den erlesensten Fußnoten der Saison sein – derart entlegene Werke zitiert Botho Strauß. Und bei manchen seiner Fremdworte helfen nur Spezialhandbücher. Aber sind das schon Qualitäten, Zeichen eines „Sehertums“ gar?

Strauß hat neueste naturwissenschaftliche und kosmologische Forschungen zur Kenntnis genommen – und will, daß daraus Konsequenzen für Literatur und Leben gezogen werden. Sein Befund: Die Zeit der Dialektik (jenes diskussionsfördernden Dreischritts aus These, Gegenthese und vorläufiger „Versöhnung“) sei vorbei. Vorbei auch die Ära des Fortschritts, der Logik, der Ideologien und des „Prinzips Hoffnung“ eines Ernst Bloch (den Strauß ohne Namensnennung als „Roßtäuscher“ bezeichnet).

Immer schon da und ewig verweilend

Was haben wir statt dessen? Den „Steady state“ (letztlich gleichbleibender Zustand), den Strauß aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen herleitet und den er so skizziert: „Nichts beginnt, alles schwebt und weilt.“ Daraus folgt für ihn ungefâhr dies: Paradies wie Hölle sind immer schon dagewesen und bleiben ewig, es kommen weder bessere noch schlechtere Zeiten. Auch gibt es niemals eindeutige Gründe und Folgen, daher ist das Leben kein Fortschreiten, sondern ein stetes Auf und Ab, ein allseits zerstreutes Hin und Her, dessen Unübersichtlichkeit man gelten lassen und nicht durch „Begradigung“ aussichtslos bekämpfen muß. Also: formloser Fleck statt gerader Linie (daher der Untertitel des Buches).

Weltanschauliche Kraftakte?

Gleichwohl, so Strauß, bedürfe die formlose Natur hin und wieder auch der Zähmung durch „Linien“ – und es könne ja in einem künftigen, allgegenwärtigen Reich neuester Techniken auch Engelhaftes verborgen sein…

Strauß‘ Formulierungen sind – wie von ihm nicht anders zu erwarten – stets hochveredelt. Auch sind seine Thesen diskussionswürdig. Aber er scheint zu wollen, daß man sie hinnimmt. Gelegentlich jedenfalls verfallt er in den Ton eines „Gesetzgebers“ à la Friedrich Nietzsche. Möglich, daß man da noch einmal Botho Strauß‘ großartiges Buch „Paare Passanten“ von 1981 zur Hand nimmt, als er Ernst Blochs zeitweiligen Mitstreiter Theodor W. Adorno noch als „prunkenden Denker“ hervorhob. Möglich auch, daß man sich fragt, ob Strauß aus den außerordentlich hellsichtigen Beobachtungen bundesdeutschen Alltags nun in weltanschauliche Kraftakte geflüchtet ist.

Botho Strauß: „Beginnlosigkeit – Reflexionen über Fleck und Linie“. Hanser Verlag, München. 134 Seiten, 28 DM.




Ernst Jandl: Auch das Obszöne ist bodenlos traurig

Von Bernd Berke

Wenn Ernst Jandl zu öffentlichen Lesungen erscheint, kommen Zuhörerscharen wie sonst nur bei Popgruppen oder Opernstars. Es wird „Kult“ mit ihm getrieben.

Dem scheint er sich mit seinem neuen Gedichtband „Stanzen“ (Bezeichnung einer Strophenform) zu entziehen. Der Umschlag ist sinnigerweise in der Mitte gelocht, also ausgestanzt. Die Texte muß man sich, einem Wörterverzeichnis zum Trotz, erst einmal erarbeiten. Jandl hat seine Vierzeiler in einer – dem Niederösterreichischen entlehnten – Kunst-Sprache verfaßt, die abermals eher vorgesprochen als still gelesen sein will. Kostprobe samt Übertragungs-Versuch:

de schritt im fuazima / woan ned fun dia / glei bina aussä / s woitat kaana zu mia

(die schritte im Vorzimmer / waren nicht die deinen / gleich bin ich hinaus / doch es wollte keiner zu mir).

Dies Beispiel ist im Original noch relativ gut zu verstehen, bei anderen tut man sich schwerer. Dennoch ahnt man schon hier. welch einen Sprachverlust jeder „Übersetzung“-Versuch zwangsläufig bedeutet. Diese Differenz kennzeichnet Jandls Gedichte zugleich als wahrhaftige Sprach-Kunstwerke. Ohne Form ist hier der Inhalt nichts.

Jandl bewegt sich auf grenznahem Pioniergelände der deutschen Sprache. Er nutzt dabei eine volkstümliche Form für zuweilen derbkomische, im Grunde aber gar nicht so „volkstümliche“ Mitteilungen. Es geht nämlich unterschwellig fast immer um Alter,  Einsamkeit, körperliche Hinfälligkeit, Todesnähe. Verzweiflung ist der Grundton.

Selbst die auf den ersten Blick läppischen Sexual- und Anal-Scherze sind in diesem Zusammenhang bodenlos, auch das Obszöne kann hier jederzeit in Depression und Bitternis umschlagen. Der Kunst-Dialekt bewahrt gleichermaßen das dumpfe Brüten, ja die Brutalität der Mundart, aber auch ihren schlagenden Witz.

Das alles ist, um paradox mit einem Titel von Thomas Bernhard zu reden, „einfach kompliziert“, also scheinbar simpel und in Wahrheit schwierig. Dann und wann mischen sich auch hochdeutsche und englische Sprachbrocken hinein. Jandl mischt Elemente von Jazz und Rock, Rap-Gesang, Volksmusik und Bauerntheater. Er deutet dies im Anhang an, wenn er sein Verfahren erläutert – ein Umstand übrigens, der zeigt, wie sehr Jandl auf das Handwerkliche der Sprachgestaltung Wert legt. Er hat da nichts zu verbergen und braucht keine wolkige Geheimnistuerei.

Ernst Jandl: „Stanzen“. Luchterhand Literaturverlag. 150 Seiten, 48 DM (limitierte Auflage).




Heiner Müller: Am Bösen kann der Autor wachsen

Von Bernd Berke

Listig-verschlagen blickt der Dramatiker Heiner Müller den Leser vom Umschlag seines neuen Buches „Krieg ohne Schlacht“ an. Dreht man den Band herum, bläst Müller einem von der Rückseite her einen Schwall Zigarrenrauch ins Gesicht. Sieht so aus, als wolle er uns sagen: „Rutscht mir doch den Buckel herunter!“

Vielleicht hat er Anlaß zum Zorn. Gar manche haben den wohl wirksamsten Theaterautor der verflossenen DDR seit der Wende ins Zwielicht gestellt. Ähnlich wie Christa Wolf, so hat man auch ihm im nachhinein zu große Nähe zur SED unterstellt. Jetzt erzählt der Mann, der nach eigenem Bekunden ursprünglich aus Neid Sozialist geworden ist, sein „Leben in zwei Diktaturen“ (Untertitel).

Der erste Teil erstreckt sich über 360 Seiten, im Anhang werden Original-Dokumente abgedruckt. Der Haupttext ist aus Gesprächen mit Müller entstanden. Dennoch sind es meist lange Monologe. Da kann Müller glänzen, seine enorme Belesenheit samt Kenntnissen der Theaterwelt und ihrer Akteure erstrahlen lassen. Klare Einsichten stehen neben stammtischverdächtigem Geschwätz.

Aus der NS-Zeit, die Müller als Kind in Sachsen und Mecklenburg erleben mußte, gibt er nur kurze Anekdoten zum besten — mit trockenem bis sarkastischem Witz. Rasch ist das Buch in der Gründungsphase der DDR angelangt. Eine Leitlinie sind Müllers Stücke von „Die Umsiedlerin“ bis zur „Hamletmaschine“. Doch die politischen Passagen interessieren derzeit brennender. Leider verfällt Müller auch hier vielfach in Geschichten-Erzählerei nach dem Muster: Wie ich einmal bei Erich Honecker war und er mir die Hochzeit mit einer Bulgarin genehmigt hat…

Müller berichtet, wie er sich anfangs gar zu große Illusionen über die DDR gemacht hat. Er gibt auch „taktische Fehler“ zu. Seine Beschreibung gerät zum Lehrstück, weil sie die Widersprüche eines Autorenlebens in der DDR grell hervortreten läßt. Mal wurde Müller aus dem Autorenverband ausgeschlossen, dann wieder gehätschelt, oft wurden Aufführungen seiner Stücke unterbunden, dann sah er sich wieder geehrt.

Was hat Literatur mit Moral zu tun?

Wer sich durch solch ein Leben zwischen Zuckerbrot und Peitsche anders als mit moralischen Zugeständnissen lavieren kann, der werfe den ersten Stein. Müller nimmt für sich in Anspruch, daß Literatur überhaupt nichts mit Moral zu tun habe. Immer wieder zeigt er sich fasziniert vom „Bösen“ (RAF-Terrorismus, Massenmörder Charles Manson), an dem man als Autor nur wachsen könne. Auch Brecht sei erst ein ganz Großer geworden, als Hitler zur Macht kam. So hätten auch ihn, Müller, noch die schlimmsten Vorgänge in erster Linie als Stoff interessiert, aber fast nie im Kern seines Wesens berührt.

Manches ist ärgerlich: Müller gesteht, schon 1944 über die sowjetischen Gulags Bescheid gewußt zu haben. Warum hat er daraus so spät Konsequenzen gezogen und anfangs noch Stalin-Hymnen verfaßt? Höchst anfechtbar auch Müllers Meinung, die Stasi, die eben die Stimmung der Bevölkerung am besten gekannt habe, habe letztlich die DDR aufgelöst oder dies zugelassen. Außerdem stellt er Honecker & Co. eher als Gefangene des Systems denn als deren Betreiber dar.

Inzwischen hat Müller Abschied genommen von jeglicher Utopie. Überrascht erfährt der Leser, welchen „Kollegen“ Müller offenbar am meisten schätzt: Ernst Jünger, den viele für einen Verherrlicher des Krieges halten. Doch gerade dieses Thema, so Müller, habe Deutschlands Linke total versäumt: den Krieg in seiner nackten Wahrheit darzustellen. Da spricht ein „Preuße“.

Heiner Müller: „Krieg ohne Schlacht — Leben in zwei Diktaturen“. Kiepenheuer & Witsch. 426 S., 49,80 DM.




Literaturhaus ist im Ruhrgebiet noch ein Luftschloß

Von Bernd Berke

Gladbeck/Unna. Berlin hat eins. Hamburg hat eins. Frankfurt hat eins. Und dann ist da noch jene Metropole namens Ruhrgebiet mit ihren rund fünf Millionen Einwohnern: Sie hat keins. Nämlich kein Literaturhaus als Zentrum für Autoren und Leser.

Das Thema, schon seit vielen Jahren hin und her gewälzt, gerät derzeit mal wieder verstärkt in die Diskussion. Bei der Jahresversammlung des in Gladbeck ansässigen „Literaturbüros Ruhrgebiet“ stand es jetzt ganz oben auf der Tagesordnung. Dort war man sich schnell einig: Das Revier braucht unbedingt ein Literaturhaus. Doch einstweilen, so hieß es, sei es noch ein „Luftschloß“.

Weit weniger zögerlich gab sich ein Mann, den man als Mutmacher nach Gladbeck gebeten hatte. Uwe Lucks, Geschäftsführer des als vorbildlich geltenden Hamburger Literaturhauses, servierte den Literaturförderern des Reviers eine ganze Reihe praktischer Tipps aus echt hanseatischem Kaufmannsgeist. In Hamburg, so Lucks, habe man das Literaturhaus bewußt kommerziell aufgezogen. Man erziele nennenswerte Einnahmen aus der Weitervermietung, sogar für Hochzeiten im stilvollen Rahmen der alten Villa. Gerade deshalb bleibe der Kernbereich, die Literatur, von Zwängen unberührt. Man könne sich also auch Minderheitenprogramme und Flops erlauben. Zu den rund 80 eigenen Veranstaltungen im Jahr zählen hochkarätige Lesungen, Vortragsreihen und Diskussionen. Außerdem versucht man, die Tradition von Literatencafés wiederzubeleben.

Ähnliches schwebt auch den Leuten im Revier vor. Doch im Gegensatz zu ihnen hat der Hamburger Lucks gut Lachen, denn auf dem Weg über eine Stiftung spendete der Hamburger Verleger Gerd Bucerius Millionenbeträge für das dortige Literaturhaus. Lucks‘ bündiger Rat: „Präsentieren Sie den Politikern ein Wunsch-Haus, präsentieren Sie ihnen Mäzene und ein vernünftiges Konzept.“ Mit reichlich „Vitamin B“ (sprich: Beziehungen) werde sich der Rest dann rascher finden.

Verstreute Autorenszene, keine großen Belletristik-Verlage

Leicht gesagt, schwer getan. So optimistisch sich das Hamburger Beispiel auch anhörte – im Vorstand des Gladbecker Literaturbüros wurden Bedenken laut. Im Revier sei die Autorenszene verstreut, es gebe hier keine großen Belletristik-Verlage, und die Kirchturmpolitik der hiesigen Städte stehe einer zentralen Einrichtung wie einem Literaturhaus entgegen. Schwerlich werde eine Stadt zahlen, wenn das Haus im Nachbarort stehe. Mit Wohlgefallen hörten die Gladbecker vom entschieden unternehmerischen Denken in Hamburg, denn ein Literaturhaus im Revier solle keine Kuschel-Herberge für frustrierte Autoren werden.

Unterdessen versucht man beim Westfälischen Literaturbüro in Unna, das Thema Literaturhaus auch im östlichen Revier „warmzuhalten“. Man hat der Regionalkonferenz (Dortmund, Hamm und Kreis Unna) ein Konzept vorgelegt, das im Herbst auf politischer Ebene behandelt werden soll. Auch ein passendes Gebäude (Fachwerkhaus in Unna) hat man bereits ausgesucht.

Monika Littau, Literaturberaterin im Büro Unna: „Eigentlich hat ja Dortmund hier die lebendigste Literatenszene.“ Doch Unna scheine sich mehr ins Zeug zu legen als der große Nachbar. Falls es denn wahr wird, will man auch hier (nach Hamburger Modell) Mieteinnahmen erzielen, eine Buchhandlung und einen örtlichen Verlag mit aufnehmen. Vielleicht, so Frau Littau, könne dann endlich die ständige Abwanderung von Revierautoren in verlagsreiche Großstädte gebremst werden.




Anekdoten aus dem Leben eines eitlen Bordellfürsten – Wolf Wondratscheks eindimensionaler Roman „Einer von der Straße“

Von Bernd Berke

Sehen wir einmal davon ab, ob Wolf Wondratschek wirklich (wie es kolportiert wurde) gegen Bargeld die Lebensgeschichte eines eitlen Bordellfürsten aufgezeichnet hat, der auch noch in die Literaturgeschichte eingehen wollte.

Schauen wir lieber auf das schriftstellerische Resultat, auf die Romanstory über jenen Gustav Berger, genannt „Johnny“, der zwischen den Ruinen der Nachkriegszeit „wild“ aufwächst, alsbald Kinderbanden leitet, sich später (zur „Halbstarken“- und Rock’n’Roll-Zeit) im Knast gegen übelste Typen sozialdarwinistisch „durchbeißt“ und schließlich eine tolldrastische Zuhälter-Karriere in München und Hamburg macht.

Das alles hätte vielleicht den Stoff für einen Roman über die ‚, Kehrseiten der „Wirtschaftswunder“-Jahre abgeben können. Doch was haben wir da? Eine erzkonventionelle Erzählweise mit einem sogenannten „allwissenden Erzähler“, der aber dann doch manchmal reichlich beschränkt zu sein scheint. Eine markige Anekdote nach der anderen, die stets wie mit beifälligem Grunzen mitgeteilt werden. Fast alles entspricht haargenau den Erwartungen, rastet schnell ein, wirkt schrecklich eindimensional und wie naturwüchis – hauptsächlich, weil der Autor nur flott heruntergeschrieben und weniger nachgedacht hat.

Kaum verhohlen die Bewunderung, mit der hier der schmutzige Aufstieg des Helden begleitet wird. Geradezu bebend vor Respekt stammelt die Erzählstimme: „Mit seinen zweiundzwanzig Jahren war Johnny damit Deutschlands jüngster Bordellbesitzer.“ Jede Schlägerei, die „Johnny“ gewinnt, wird als männliche Tat geradezu jubelnd gefeiert, mit einer Gewalt-Choreographie wie in manchen Videoclips.

Ein kurzatmiger Roman, seiner immensen Überlänge zum Trotz. Der Autor sitzt eben einer naiven Vorliebe für bloße Schauwerte auf. Und irgendwann kann man dann das großsprecherische Gelaber über die Taten von „Finger-Hannes“ oder „Totenkopf-Fred“ dann wirklich nicht mehr lesen,, zumal auch die Sprache dürftig bis schlampig ist.

Von dem einstigen „Rock-Poeten“ und Lyriker Wondratschek („Chucks Zimmer“), der sich hier erstmals als Autor eines längeren Romans versucht hat, durfte man mehr erwarten.

Wolf Wondratschek: „Einer von der Straße“. C. Bertelsmann Verlag. 484 S., 44 DM