Ein knappe Skizze zur NRW-„Wahlarena“

Das politische Spiel (WDR-Fernsehen, 20.15 bis 21.45 Uhr) in der „Wahlarena“, übertragen aus Mönchengladbach, hat 90 Minuten gedauert. Und was ist da rund gewesen?

Das Publikum ist von infratest/dimap nach repräsentativen Gesichtspunkten ausgewählt worden. Immer wieder werden Befragungsergebnisse eingeblendet. Volkes Stimme. Pflichtschuldigst zelebriert und rasch abgehakt.

Einstiegsfrage nach dem Umgang mit den Benzinpreisen.

„Wir müssen weg vom Öl“, sagt Sylvia Löhrmann (Grüne). Ein schöner Satz. Sagt sich schnell.

Arena = Gladiatoren? Ach was! Es bleibt so zahm.

Mal wieder ein grausliches Studiodesign. Und eine wahrhaft fahrige Kameraführung. Bloß nirgendwo verweilen.

Norbert Röttgen (CDU): „Unsere Antwort heißt Elektro-Mobilität.“ Folgt eine kleine Fensterrede gegen die Ölkonzerne. Den kleinen Pendler dürfe man nicht – na? na? – „im Regen stehen lassen“.

Hannelore Kraft (SPD): „Ölkonzerne in den Griff bekommen.“ Auch das sagt sich flott. Wie denn überhaupt in dieser Sechserrunde (Arena) noch ungleich holzschnittartiger argumentiert wird als bei einem Duell. Doch früher hat es noch mehr gestanzte Sätze und betonierte Meinungen gegeben.

Joachim Paul (Piraten): Zur Pendlerpauschale wird eine Position „noch entwickelt…“ – „Wir Piraten kopieren gerne“ (z. B. Ideen aus anderen Ländern). Ein wohlfeiler Lacher.

Mehr oder weniger sprechen sich alle für die Förderung des öffentlichen Personennahverkehrs aus, die Piraten wollen auf Fahrscheine verzichten. Und wer bezahlt’s?

Freie Farbenwahl (Foto: Bernd Berke)

Freie Farbenwahl (Foto: Bernd Berke)

Thema Haushalt/Schulden

Christian Lindner (FDP): „Der Staat soll bescheiden sein.“ Die Wirtschaft muss schneller wachsen als der Staat. Ach, es gibt sie noch, die alte Tante FDP.

Kraft: Nicht zu Lasten der Kommunen sparen. Nicht zu Lasten der Kinder sparen. Und bloß nicht sagen, auf wessen Kosten man sparen will (gilt für alle).

Hier reden, so könnte man meinen, wandelnde Wahlplakate. Talking Heads.

Röttgen (CDU): Sparen mit uns ginge weitgehend schmerzlos. 2 Prozent der Subventionen einsparen, das täte nicht weh. Rotgrün geht euphorisch mit Steuereinnahmen um = verprasst das Geld. Vier Ausnahmen beim sparen: Familie, Schule, Kultur… (juchhu! Es hat einer Kultur erwähnt). Da vergisst man glatt die vierte Option. Röttgens traditionelle Suggestion: Sozis können mit Geld nicht umgehen.

Schwabedissen (Linke): Privaten Reichtum abschöpfen. Keine Kürzungsorgien im Haushalt.

Paul (Piraten): Bedingungsloses Grundeinkommen prüfen (auch fahrscheinfreies Fahren sollte just „mal ausprobiert“ werden). „Es gibt Überlegungen in Richtung Vermögenssteuer“… Aha. Und wohin führen die wohl eines fernen Tages?

Lindner: Rotgrüne Verschuldungspolitik wird zur Staatsphilosophie erklärt. „Legende der guten Schulden“ beenden…

Thema Arbeit/Löhne

Lindner (FDP): Bloß keinen Überbietungswettbewerb in Sachen Mindestlohn, etwa zwischen Gabriel und Gysi. Das führt nur zur höheren Arbeitslosigkeit.

Löhrmann (Grüne): Unterste Linie 8,50 Euro pro Stunde.

Kraft (SPD): „Auch da gilt es, klare Kante zu zeigen.“ (SPD-Wahlplakat „Klare Kante Kraft“)

Röttgen (CDU): Tarifparteien haben Vorrang.

Schwabedissen (Linke): 10 Euro Mindestlohn. Gewonnen! Ihr Lieblingswort: „absurd“.

Paul (Piraten): Für bedingungsloses Grundeinkommen. Kostet den Staat keinen Euro mehr = Nullsummenspiel. Es sollte wenigstens „mal untersucht“ werden. Dann übt mal schön.

Kraft (SPD): Arbeit ist wichtig für die Würde des Menschen. Wer könnte da widersprechen?

Der unvermeidliche Moderator Jörg Schönenborn würgt die laufende Debatte nach Minutenschema ab.

Thema Bildung/Kinder

Löhrmann (Grüne): Für Ausbau der Kitas und Verbesserung der Kitas. Das unsägliche „Betreuungsgeld“ einsparen und in Kitas stecken. Gegen aufgezwungene Kita-Pflicht. Doch wenn die Kitas gut sind, wären die Eltern schlecht beraten, wollten sie ihre Kinder nicht hinschicken. Statements wie aus dem Wahlomaten.

Lindner (FDP): Gegen Betreuungsgeld (hat aber im Bundestag dafür gestimmt).

Schwabedissen (Linke, zweifache Mutter): Für 150 Euro „Herdprämie“ lässt sich kein Kind erziehen. Kita sollte generell gebührenfrei sein. Auch für Millionäre?

Röttgen: 60-70% der Eltern lassen ihre Kinder in den ersten zwei Jahren ohnehin zu Hause. Die sollten gefördert werden – bei völliger Wahlfreiheit zwischen den Lebensmodellen. Ansonsten ist alles „in der Diskussion“ (hört sich in der faserigen Offenheit fast nach Piraten an).

Kraft (SPD): Wer Betreuungsgeld zahlt, glaubt wohl, er müsse keine weiteren Kita-Plätze schaffen…

Lindner (FDP): Erhalten Leute, die nicht in die Oper gehen, dann auch einen Scheck? (Juchhu, noch einer hat Kultur erwähnt – wie grinsbereit auch immer)

Paul (Piraten): Wir müssen erst mal kompetente Menschen befragen… Wir haben nicht auf alles eine Antwort, stellen aber die richtigen Fragen.

Lindner: Rotgrün trocknet Gymnasien in punkto Ganztagsbetreuung und Klassengrößen aus.

Löhrmann, Kraft & Röttgen (!) widersprechen gemeinsam. Oh, einsame FDP.

Schwabedissen (Linke): „Eine Schule für alle“ statt dieser chaotischen Schullandschaft.

Paul (Piraten): „Wir sind keine Linke mit Internet-Anschluss.“ Ein bis zwei Dutzend Schulen sollen neue Modelle erproben… Verwaltungskräfte einstellen, um Lehrer zu entlasten. Alle Lerninhalte digital vorhalten.

Schlussrunde/Koalitionsaussagen

Lindner (FDP): Wahrscheinlich ist eine große Koalition. Wir sind dann Opposition. Prinzip Hoffnung.

Kraft (SPD): Es wird wohl für Rotgrün reichen. Kann trotz vieler Nachfragen die Piraten nicht so recht einschätzen.

Paul (Piraten): Wir würden gern auf der Oppositionsbank lernen. Darüber hinaus jetzt keine Aussage.

Röttgen (CDU): Dies ist kein Lagerwahlkampf. Auch überraschende Koalitionen sind denkbar. Die Demokratie wird bunter.

Löhrmann (Grüne): Rotgrün bevorzugt.

Schwabedissen: Wer will, dass die SPD sozialdemokratisch ist und die Grünen ökologisch sind, muss die Linke wählen. Gut auswendig gelernt.

Und das Fazit? Diffus. Um das Mindeste zu sagen. Röttgen und Lindner rhetorisch gar nicht mal übel, aber mit ihren Positionen z. T. auf verlorenem Posten. Auch die Vertreterin der Linken gewandter als so manche ihrer NRW-Kollegen. Piraten bitte ein paar Jahre lang hinten anstellen und erst mal Positionen klären. Themen, bei denen die Grünen gern volkserzieherisch werden (Ökologie, Rauchverbot etc.), kamen kaum zur Sprache. Ich persönlich weiß immer noch nicht recht, was und wen ich am 13. Mai wählen soll. Zwischenzeitlich hatte ich schon erwogen, dem Wahllokal erstmals gänzlich fernzubleiben. Aber das darf ja wohl nicht wahr sein.




Gestern, heute, morgen am liebsten keine Grass-Debatte

Schon von Anfang an haben mich ein Unbehagen und eine ausgeprägte Unlust beschlichen, mich in die allfällige Grass-Debatte zu mengen. Schnellfertige Schuldzuweisungen, harsche Positionierungen und Denkverbots-Umständlichkeiten waren zu erwarten. Tatsächlich hat sich das mediale Gestrüpp inzwischen derart verheddert, wie man es aus manchen früheren Grass-Debatten kennt. Grass selbst möchte jetzt nicht mehr so recht zu seinem „Gedicht“ (literarisch drittklassig, weil platte Meinungsprosa, vom Inhalt mal abgesehen) stehen und sagt, er hätte es anders formulieren sollen. Mit anderen Worten: Die sprachlichen Mittel stehen ihm offenbar nicht mehr zu Gebote, er schreibt tatsächlich mit „letzter Tinte“.

Doch nun kein Wort mehr davon. Möge das Gerede über den eitlen Großdichter bald wieder abschwellen. Es gibt so vieles, was nicht gesagt werden mus…




F. C. Delius zieht Bilanz – diesseits und jenseits der Ideologie

Wenn ein Büchnerpreisträger seinen neuen Band „Als die Bücher noch geholfen haben“ nennt, so klingt das nach Resignation – und man möchte inständig hoffen, dass er es nicht so meint.

Tatsächlich scheint es, als hätte sich Delius hier noch einmal seines langen literarischen Weges vergewissern wollen. Zeitlich hebt es an mit dem eher unscheinbaren, doch recht glückhaften Auftritt des schüchternen jungen Schriftstellers beim Treffen der damals noch maßgeblichen „Gruppe 47“ im schwedischen Sigtuna.

Das ebenfalls ausgiebig geschilderte Nachfolgetreffen in Princeton/USA nutzte dann der junge Peter Handke ganz gezielt für seine furiose Generalattacke auf die „Beschreibungsimpotenz“ der deutschen Gegenwartsliteratur, also seiner lästigen Konkurrenz. Auch so hochfahrend konnte man sich damals also den Eintritt in die Kreise der Hochliteratur verschaffen. Im grob gewobenen Vergleich steht der bescheidene Delius jedenfalls nicht schlecht da. Auch so eine Marktstrategie.

Nicht nur im Vorfeld der APO-Jahre galt, dass Literatur, wenn sie den Namen verdient, vor platten Ideologien bewahrt – ein Credo, das Delius auch durch die teils dogmatisch erstarrende Nach-68er-Zeit beibehalten hat, als manche gar den „Tod der Literatur“ ausrufen oder die Literatur wenigstens in linke Dienste nehmen wollten. Auch in diesem Punkt möchte Delius sanft darauf hingewiesen haben, dass er damals nicht auf der falschen Seite gestanden hat. Was er sich freilich bis heute vorwirft, ist, dass er nicht vehementer gegen dröhnende Ideologen Einspruch erhoben hat. Wohl auch eine Frage des Temperaments.

Breit ausgemalt wird noch einmal der Konflikt mit dem eigentlich sehr literatursinnigen Verleger Klaus Wagenbach, der in den frühen 70er Jahren unter Einfluss von Baader-Meinhof-Apologeten geraten sei und daher sein Politprogramm für krude Stadtguerilla-Thesen geöffnet habe. Hier sitzt wohl noch ein Stachel: Derart ausführlich schlägt Delius noch einmal die Schlacht von vorvorgestern, dass es sich wie eine noch ausstehende, finale Abrechnung mit dem Wagenbach jener Jahre liest. Ganz so, als wollte Delius nun endlich seinen geistigen Nachlass ordnen und dabei seine damalige Rolle ein für allemal festhalten.

Doch beileibe nicht nur Wagenbach ist damals in den Strudel der Ideologie geraten. Zitat Delius: „Ein unerforschtes Gebiet: Wie sich die Sprache der Studentenbewegung zwischen 1967 und 1970 ins Offensive, vom Fragen zum Behaupten gewendet, vom Konkreten und Sinnlichen abgewendet, radikalisiert und es sich im Abstrakt-Allgemeinen bequem gemacht hat.“ Jeder, der damals in bissige Polit-Debatten verstrickt war, wird diesen Ansatz seufzend bestätigen. Es waren giftige Jahre, in denen am Streit um die „richtige“ Linie nicht selten Freundschaften oder Beziehungen zerbrachen.

Für einen Schriftsteller, der sich als Teil der Linken begriff, die literarischen Kriterien aber keineswegs preisgeben mochte, müssen jene Zeiten eine stete Gratwanderung, ein schwieriges Lavieren gewesen sein. Zumal Delius sehr frühzeitig – bereits ab 1963 – mit Autorenkollegen in der DDR (Günter Kunert, Wolf Biermann, später Heiner Müller, Thomas Brasch usw.) Freundschaft geschlossen hat, deren Texte er unter schwierigen Bedingungen im Westen zugänglich machte, wenn es nur irgend möglich war. So einer konnte den Moskauer Doktrinen nicht mehr auf den Leim gehen.

Übrigens hat Delius als Lektor beim Rotbuch-Verlag auch die spätere Nobelpreisträgerin Herta Müller erstmals hierzulande herausgebracht. Das ist denn doch ein bemerkenswerter Befund: Gerade linke Literaten und Lektoren haben damals offenkundig ungleich mehr für Autoren aus dem Osten (und somit indirekt für den Fall der Mauer) bewirkt, als die notorischen „Kommunistenfresser“.

Es ist überhaupt eine „Lehre“ dieses Buches: Wer sich den Sinn für literarische Qualität bewahrt und als Kompass nutzt, der widersteht so mancher falschen Lockung. Delius benennt auch einige andere, die auf solche Weise unbeirrbar Kurs hielten; unter den Generationsgenossen vor allem Nicolas Born und Peter Schneider, dazu verehrte Vorbilder von großer geistiger Unabhängigkeit wie etwa Susan Sontag oder Walter Höllerer.

Die Lektüre dieser Delius-Rückblicke setzt ein ausgeprägtes Interesse für Zeit-, Literatur- und Verlagsgeschichte mit ihren Kollektiv-Experimenten speziell der 1970er Jahre voraus. Der Autor breitet auch noch einmal seine langwierigen juristischen Auseinandersetzungen mit dem Siemens-Konzern (nach der fiktiven Festschrift „Unsere Siemens-Welt“, um die es einen erbitterten Satirestreit gab) und mit dem damaligen Kaufhauskönig Helmut Horten aus.

Zuweilen weiß man nicht so recht, was Delius bei seinen „biografischen Skizzen“ (Untertitel) angetrieben hat. Mal lesen sich die Kapitel wie bloße Reminiszenzen für die archivarische Schublade, anderes klingt nach Rechtfertigung und Apologie, wieder anderes nach Materialiensammlung für ein Lesebuch zum Zeitgeist und zum Werkhintergrund des Autors. An manchen Punkten wäre eine präzise Nennung der Zitatstellen dokumentarisch hilfreich gewesen.

Offen klafft schließlich die Frage, ob die Bücher heute weniger oder gar nicht mehr helfen. Der letzte Text des Bandes ist Delius’ Dankrede zum Büchnerpreis, in der denn doch den Worten wieder alles Gewicht gegeben wird: „…am Ende entscheiden in der Literatur (…) allein die Sätze, der Satz. Die Energie und die Unruhe, die sich zwischen zwei Punkten entfalten.“ Es möge so bleiben immerdar.

Friedrich Christian Delius: „Als die Bücher noch geholfen haben“. Biografische Skizzen. Rowohlt Berlin. 304 Seiten. 18,95 Euro.




Das Revier möchte auch mal wieder Kohle sehen

Bislang waren die Touristik-Werber der Region Ruhr stets gehalten, das Revier als normalisierte oder gar potente Gegend mit einmaligen Monumenten und weitgehend gelösten Strukturproblemen zu verkaufen.

Eindruck aus Dortmund-Dorstfeld (Foto: Bernd Berke)

Eindruck aus Dortmund-Dorstfeld (Foto: Bernd Berke)

Es sollten einem schier die Augen übergehen: Kulturelle und sonstige „Leuchttürme“, wohin man auch blickte, seit dem Kulturhauptstadtjahr 2010 war gar eine Nachhaltigkeit sondergleichen wirksam, hieß es vollmundig. Mit Pauken und Trompeten wurde eine wachsende „Kreativwirtschaft“ ausgerufen. Selbst die bislang zum Himmel stinkende Kloake namens Emscher wird renaturiert und fließt auf manchen Strecken schon als lieblicher Bachlauf, in Dortmund lockt ein neuer See die Immobilienbranche. Blühende Landschaften also, so wie es Kanzler Kohl einst dem deutschen Osten versprochen hatte?

Doch halt! Schwenk um 180 Grad. Sieht’s in jenem Osten nicht längst ungleich edler, schmucker, aufgeräumter und ziviler aus? Damit verglichen, so klagen Stadtväter im tiefen Westen immer mal wieder, sei das Ruhrgebiet eine Landschaft auf Abbruch. Hier würden Schwimmbäder geschlossen, im Osten hingegen neue errichtet – vom seit 20 Jahren munter ostwärts fließenden Solidaritätsbeitrag, für den unter Finanznot ächzende Revier-Kommunen horrende Kredite aufnehmen müssen. Mit ähnlichem Drall geht es beileibe nicht nur um Schwimmbäder, sondern auch um Jugendzentren, Kinderbetreuung, kulturelle und städtebauliche Pretiosen sowie halbwegs ordentlichen Straßenbau. Dortmunds OB Ullrich Sierau (SPD), der sich gern weit aus dem Fenster reckt, nennt den „Solidarpakt Ost“ denn auch ein „perverses System“.

Mit großem Aufschlag hatte sich gestern die „Süddeutsche Zeitung“ das Thema zu eigen gemacht und im alarmierenden Ton das „Verbrechen am Tatort Ruhrgebiet“ kommentiert. Wenn nicht jetzt sofort (statt 2019) der einseitig zugunsten des Ostens aufgehäufte Soli abgeschafft werde, so könne das Ruhrgebiet bald kollabieren. Natürlich sind die Medien des Reviers darauf eingestiegen. Tenor, wie zu erwarten: Jetzt sollen die anderen mal für uns zahlen! Kohle her! Da ist einiges dran, und es wäre gut, wenn darüber mal richtig hartnäckig geredet würde. Doch man mag nicht so recht daran glauben und ließe sich so gern eines Besseren belehren.

Selbstverständlich hat das plötzliche Aufkommen der Debatte vornehmlich mit dem NRW-Landtagswahlkampf zu tun. Der Verfall der Ruhrgebiets-Kommunen kann – nach dem Verständnis der SPD-Stadtväter – weit überwiegend dem schwarzgelb-regierten Bund angelastet werden. Hannelore Krafts CDU-Gegenkandidat Norbert Röttgen wäre somit ein Teil der Misere, wie jetzt punktgenau lanciert wird. Der Mann, der sich nicht offen für Düsseldorf entscheiden mag, ist angeblich ohnehin chancenlos. Mit dem „Soli“ will man ihn vollends erwischen. Oberschlau eingefädelt?

Und womit locken wir jetzt die Touristen? Mit dem blanken Elend? Nein, nein, es wird ja mal wieder alles himmelblau und rosig.




Sarrazin hat es wieder getan

Was wird das wieder für eine mediale Aufregung geben! Thilo Sarrazin („Deutschland schafft sich ab“) hat ein neues Buch fertig, das in einigen Wochen erscheinen wird.

Dem welthistorischen Anspruch entsprechend, wird Sarrazin sein Buch demnächst im Luxushotel einer deutschen Metropole der Presse vorstellen. Mehr über diesen Termin zu verraten, wäre allerdings grob fahrlässig.

Dem bloßen Buchtitel nach zu urteilen, schafft der Mann diesmal Europa ab – oder wenigstens den Euro. Jedenfalls auf dem Papier. Da darf man wohl manche Schwänke über verschwenderische Südländer, insonderheit Griechen, erwarten. Und weiter, weiter: Wenn der Euro erst einmal weg wäre, könnte ihn der Türke nie niemals nicht bekommen. Alsdann hätten wir wieder unsere starke Mark ganz allein für uns. Hach!

Von solcher Autonomie Deutschlands haben schon andere geträumt.

Aber lassen wir das. Vorerst ist’s ja nur eine spontane Spekulation zu Sarrazins Schreibe. Doch sie wird schon nicht völlig fehlgehen. Darauf so ziemlich jede Wette.




„Politische Verbrecher, Sozialdemokraten und Anarchisten“

Im kommenden Jahr will die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ihr 150-jähriges Bestehen groß feiern. Sie ging aus dem am 23. Mai 1863 gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) hervor und war zunächst großen Anfeindungen ausgesetzt – auch im „Rheinisch-Westfälischen Industriegebiet“, wie man damals das Ruhrgebiet noch nannte.

Die Erfolge der SPD bei der Wahl 1903 ängstigten die Bürgerlichen

Damals, zu Kaisers und zu Bismarcks Zeiten, rückte der Staat die Sozialdemokraten noch in die Nähe der „politischen Verbrecher“. Allerdings standen bis 1918 alle politischen Parteien unter Beobachtung der Sicherheitspolizei. Im Stadtarchiv Ennepetal zum Beispiel lagern noch heute die Akten, in denen die entsprechenden Anweisungen gesammelt sind: „Sozialdemokratie und unerwünschte Personen“ hieß das Kapitel im damaligen Amt Milspe, aber auch die Akten mit den Sammelbezeichnungen „Überwachung von Personen“ und „Tumultschäden“ gehören zu diesem Komplex. Im benachbarten Amt Voerde bezeichnete man den gleichen Vorgang mit dem Aktentitel „Politische Verbrecher, Sozialdemokraten und Anarchisten“.

Die Sicherheitspolizei in den Gemeinden musste jeweils über die Bezirksregierung genaue Berichte an das preußische Innenministerium liefern. Diese Berichte sind allerdings, da man noch keine Kopierer kannte, fast nie in den Akten enthalten. Lediglich über eine Wahlversammlung in einer Voerder Gaststätte aus dem Jahre 1903 ist ein Bericht überliefert. 400 Personen drängten sich in dem kleinen Saal, doch alles sei „in ruhigem Maße“ verlaufen. Das war neun Tage vor der Reichstagswahl 1903, bei der die SPD – zum Schrecken der Bürgerlichen – 82 Mandate erringen konnte. Das hatte die Ennepesträßer Polizei aber wohl so nicht erwartet, denn sie hatte noch kurz vorher an die Regierung berichtet: „Von einem Fortschritt oder Rückschritt der sozialdemokratischen oder anarchistischen Bewegung ist nichts zu berichten. Von den Sozialdemokraten hört man hier kaum noch etwas, da die allgemeine Geschäftslage auch den bisher unzufriedenen Arbeitern den Mund schließt, da sie sonst ihre Stellung verlieren.“

Reichskanzler Bismarck

Eine eigene sozialdemokratische Presse sei an der Ennepe nicht vorhanden: „Der Vertrieb sozialdemokratischer Schriften beschränkt sich auf das Halten der sozial-demokratischen Zeitschriften ‚Volkstribüne’ und ,Wahrer Jacob’.“

Die Beobachtung, aber auch das Bemühen der Parteien um Wählerstimmen richtete sich jedoch ausschließlich auf Männer. Frauen durften in Deutschland erst nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wählen – erstmals bei der Reichstagswahl am 19. März 1919.




Expressionen in Sachen Wulff: Er lässt den Zapfen streichen zur besten Gottschalk-Zeit

Was so durch die Republik wulfft, kann wirklich nicht unwesentlich genug sein, es weckt mediales Interesse – ich könnte auch die kühne Behauptung aufstellen: Die Kolleginnen und Kollegen bringen Nachrichten, die überhaupt nicht blöd genug sein können, Hauptsache diese haben etwas mit dem meistveröffentlichten, aber auch bedeutungslosesten Bundespräsidenten aller Zeiten zu tun – mit Christian Wulff.

Nun stellt eine Gazette in Köln fest, dass der Zapfenstreich für den unwürdigen Herrn aus Niedersachsen aller Voraussicht nach die Sehgewohnheiten vieler TV-Anhänger des immer jungen Thomas Gottschalk auf das Empfindlichste stören wird, weil er dessen relativ schnellflüssige, ja sozusagen überflüssige Talkerei doch glatt aus dem Programm drängen werde. Unglaublich das, da stört doch eine völlig unnötige Übertragung eine andere Sendung, deren Sehens-Wert so groß ist wie der oft herangezogene Sack Reis, der in China gegen die Mauer purzelt.

Die Tatsache, dass diese nachhallende Meldung der rheinischen Expresse einen aufmachernahen Beitrag wert erscheint, kann uns manches lehren. Entweder haben die nix anderes, haben die nix mehr. Oder sie werten das als werten Lesestoff, dann haben die Redakteure sie nicht mehr alle oder die rheinischen Leserinnen und Leser haben einen ausgemachten Knall. Noch eine Lehre: Heutzutage richten sich die Nachrichten mancher Blätter eben an Menschen, die so schlau sind, dass sie in der völligen Bedeutungslosigkeit des Leseangebotes noch Rudimente von Sinn erkennen. Das wären denn also besonders kluge Lesende.

Es wächst bei mir allerdings der Verdacht, dass sowohl die Nachrichtenverbreiter als auch die von ihnen angesprochenen Nachrichten-Wahrnehmer ähnlich durchschnittlich sind wie der Mann, dessen Zahnputzglas interessanter ist als er selbst und der einmal unser Präsident war. Ich gerate schon in Panik bei der Erwartung dessen, was sie uns alsbald vom neuen Mann im Schloss vorgauckeln werden.




Straßennamen erinnern an den Widerstand

Im schönen Münster tobt seit Monaten eine Debatte über politisch korrekte Straßennamen. In diesem Zusammenhang will ich hier einmal an einige „gute Beispiele“ aus der Stadt Ennepetal erinnern.

Die NS feiert den "Heldengedenktag" auf dem Hindenburgplatz in Münster

Da ist zum einen der „Hindenburgplatz“, den es auch in Münster in besonderer Größe gibt. In Ennepetal wurde nach Hitlers Steigbügelhalter ein Sportlatz an der Städtischen Realschule genannt – inoffiziell. Als der Platz in den 80-er Jahren mit Wohnhäusern überbaut werden sollte, kam aus dem Rathaus der Vorschlag, das Straßensystem in der neuen Siedlung nun auch offiziell Hindenburgplatz zu nennen. Aus der Redaktion der Westfälischen Rundschau heraus haben wir Kollegen damals heftig dagegen polemisiert, und in der Folge gab der Rat der Stadt die Idee auf und benannte die Siedlung nach einem lokalen Schriftsteller um in  „Wilhelm-Crone-Hain“.

Zum anderen wurden in Ennepetal bewusst mehrere große Straßen nach verfolgten Widerstandskämpfern gegen das NS-Regime benannt, die zum Teil bereits 1933 in „Schutzhaft“ kamen und von der Gestapo in der berüchtigten Dortmunder Steinwache inhaftiert wurden. Das waren Sozialdemokraten wie Gustav Bohm, Otto Hühn und Julius Bangert, aber auch der Zentrums-Politiker Ewald Oberhaus, der Kommunist Karl Polixa und vor allem zu nennen der Metall-Gewerkschafter Peter Alfs. Nach der Freilassung aus der Schutzhaft machte Alfs einen kleinen Tabakladen auf, der zu einem Treffpunkt der NS-Gegner und entsprechend beobachtet wurde. 1938 wurde er erneut von der Gestapo verhaftet und wieder nach Dortmund gebracht. Später kam Alfs zusammen mit den Widerstandskämpfern Karl Polixa aus Gevelsberg, Wilhelm Kraft aus Haßlinghausen und Otto Hühn, dem späteren Landrat des Ennepe-Ruhr-Kreises, in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Im Frühjahr 1945 organisierte die SS den so genannten „Todesmarsch“ aus dem KZ Sachsenhausen Richtung Norden. Im Wald bei Below wurden hunderte von Kranken erschossen, darunter auch Peter Alfs aus Milspe (heute Ennepetal) und Wilhelm Kraft, der ehemalige Bürgermeister von Haßlinghausen (heute Sprockhövel).

Auch Wilhelm Kraft wurde von SS-Leuten erschossen.

Das Urteil gegen Peter Alfs, nach dem er ins KZ kam, wurde erst 1955 aufgehoben, ein Jahr später wurde er offiziell für tot erklärt. 1978 ehrte ihn der Rat der Stadt Ennepetal durch die Benennung einer Straße mit seinem Namen. Nach Wilhelm Kraft wurde wenig später die neue Gesamtschule des Ennepe-Ruhr-Kreises in Sprockhövel benannt, und die Schulgemeinschaft bemüht sich sehr, das Gedenken an Krafts Wirken und den Widerstand gegen die Nationalsozialisten allgemein lebendig zu erhalten.




Politisch korrekte Straßennamen oder die Sucht nach Verdrängen

In Münster fällt es vielen aus heiterem Himmel ein: Hindenburgplatz, geht doch nicht, der war ja Steigbügelhalter des Unaussprechlichen. Oder: Agnes Miegel, kann man doch in einer gescheiten Kulturstadt keine Straße nach benennen, die reimte doch nicht nur im Blut-und-Boden-Wahn, sondern glühte gar nicht still und auch nicht heimlich den Gröfaz an. Eine Kommission wird ins Leben gerufen und forstet im Münsteraner Straßenschilderwald herum, ob denn noch mehr unwerte Namen aus ihm zu tilgen seien.

Damit wir uns nicht missverstehen. Ich halte keinen Platz für geeignet, den Namen Hindenburgs zu tragen. Ich bin ebenso wenig der Ansicht, dass die Droste des Ostens (sorry Annette von …, das hast Du nicht verdient, aber so nannte man die Miegel gern) es verdient hätte, dauerhaftend in unserem Gedächtnis zu verweilen (fand selbst ihr nicht gar so verdächtiges Wortgedudel schon als Schüler erbärmlich). Aber da entpuppen sich Gutmeinende wieder einmal als Vorantreiber des Verdrängens, Vergessens und Verächtens. Getreu dem Motto: Was wir nicht mehr sehen, lesen, wahrnehmen können, das hat dann auch wohl so nicht stattgefunden.

Wollte man ganz konsequent sein, dürfte man auch keine Straße nach dem "Franzosenfresser" Ernst Moritz Arndt benennen. (Foto: Bernd Berke)

Wollte man ganz konsequent sein, dürfte man auch keine Straße nach dem "Franzosenfresser" Ernst Moritz Arndt benennen. (Foto: Bernd Berke)

Nun, dann sollten die Hüterinnen und Hüter eines politisch korrekten Straßenraumes aber auch richtig konsequent sein. „Jahnstraße“, ganz schnell weg damit. Denn der Turnvater (ich kann mich noch bestens an verehrende Augen meiner Lehrer erinnern) gab schon lange vor der Zeit des Unaussprechlichen üblen Antisemitismus von sich. Lützowstraße, auch fort damit, kriegerischer Unrat – oder nicht, nannte sich damals doch Befreiungskriege. Sauerbruch sollte auch kein Pate sein. Der hat dem verletzten Putschisten – dem Unaussprechlichen – in München mal die Schulter behandelt. Aber auch mal einen Sozialdemokraten kuriert. Aber auch den Mörder von Kurt Eisner zusammengeflickt. Und flugs ward der Professor, als die braunen Machtverhältnisse ganz klar waren, ein Aufrufer zum hippokratischen Glaubensbekenntnis für den unaussprechlichen Adolf Hitler, dessen Namen völlig zu Recht kein Straßenschild mehr tragen darf.

Vermutlich wäre eine Schwarz(braun)Liste aufzustellen, die beliebig zu verlängern ist. Ich will es aber abkürzen. Vielleicht entspricht es ein wenig der germanischen Mentalität, einerseits unbeliebte historische Zeiträume aus dem öffentlichen Bild zu tilgen, gleichzeitig deren Vertreter aber in lebender Form – sofern von Nutzen – weiter im öffentlichen Raum agieren zu lassen. Die Nachkriegsjahre belegen das sehr deutlich. (Ähnlich ging es im nachhinein betrachtet zu, als die ehemalige DDR der nach wie vor BRD angeschlossen wurde.) Ein Vorschlag, der möglicherweise allen Verehrern des Siegers von Tannenberg ebenso gerecht wird wie den ebenso zahlreichen Kritikern: Nennen wir nicht nur Straßen, sondern auch Kasernen zukünftig ausschließlich nach unverfänglichen Paten. Blumen zum Beispiel. Ach nein, das wäre ja auch öde. Und ließe es zu, dass wirklich werte Zeitgenossen auch in Vergessenheit geraten könnten. Also plädiere ich für echte und gern auch ächtende Konsequenz, sofern das geht und wirklich gewollt wird.




Der bleiche Abschied des Christian Wulff

Abgang durch die Flügeltür: Wulff und Ehefrau, abfotografiert vom ARD-Fernsehbild

Abgang durch die Flügeltür: Wulff und Ehefrau, abfotografiert vom ARD-Fernsehbild.

Christian Wulff ist um 11 Uhr als Bundespräsident zurückgetreten. Die Beweggründe sind hinlänglich bekannt, man mag eigentlich schon gar nichts mehr darüber hören. Jetzt hat wenigstens diese Quälerei ein Ende. Freilich: Hinter den Kulissen wird gewiss schon um die Nachfolge gestritten. Es darf munter bis haltlos spekuliert werden. Durchaus denkbar, dass sich manche Politiker dieses Amt nicht mehr antun wollen.

Vor Wulffs Erklärung richteten sich die TV-Kameras immer und immer wieder auf die geschlossene Flügeltür, durch die Wulff den Saal betreten sollte. Es war das Nicht-Bild, gleichsam die weiße Leinwand dieses Vormittags. Durch Spalt unter der Tür sah man schließlich schon, wie jemand (nervös?) hin und her ging. Und ach, an solchen Tagen nehmen sich manche Fernsehleute unendlich wichtig.

Wulffs erste Worte rührten noch einmal an die Integrationsdebatte, die er nach eigenem Beteuern hatte befördern wollen. Für solche Zukunftsfragen, so seine Einlassung, werde ein Bundespräsident gebraucht, der uneingeschränktes Vertrauen genieße… Nach wie vor sei er überzeugt, von allen Verdächtigungen vollständig entlastet zu werden. Die Berichterstattung mancher Medien habe ihn und seine Frau „verletzt“.

Das war’s schon. Banal genug, ein bleichblasser Abschied. Grotesk das Missverhältnis zur mühsam gewahrten gravitätischen Form. Doch wie will man’s anders machen?

Für Sekunden habe ich es für möglich gehalten (für möglich halten wollen), dass Wulff – mitten im Satz – bitterlich weinend zusammenbricht und sich bebend an seine Frau klammert. Doch so etwas geschieht nicht im Staatstheater.

Angela Merkel erhob Wulff in ihrer schmallippigen Erklärung kurzerhand zum Integrations-Präsidenten, der wichtige Impulse gegeben habe. Beschönigung muss in solchen Fällen wohl sein. Über die Gegangenen nur Gutes. Man wird sehen, was die Ermittlungsbehörden noch herausfinden.

Doch von tragischer Fallhöhe kann man hier wahrlich nicht mehr sprechen. Allzu gewöhnlich waren die Umstände, die zum Rücktritt geführt haben.




Wie unterschiedlich Pfarrer doch sein können

Wie unterschiedlich doch Pfarrer sein können, wie unterschiedlich ihre spezifische Vorstellung von Seelsorge, wie widersprüchlich ihre gelebte Art zwischenmenschlicher Zuwendung.

Vor wenigen Tagen durfte ich wieder einmal Pfarrer Peter Hintze dabei erleben, wie er mit gütiger Miene seinen jungen Freund, unser aller Bundespräsidenten und Niedersachsens Ex-Ministerpräsidenten, Herrn Christian Wulff, gegen allgemeine Anfeindungen in Schutz nahm und dabei weder auf argumentativen Schwachsinn verzichtete noch auf moralin-gesäuerte Wortwahl. Nicht einmal die ewig bildenden Redakteure konnten auf eine Mahnung verzichten: Da gab es doch diese Gebote, von denen eines es untersagte, falsches Zeugnis zu reden.

Nehmen wir einmal an, dass Pfarrer Hintze einfach zu wenig wusste, dass er nicht wissentlich falsches Zeugnis ablegte, sondern schieren Unfug, aber mit dem erklärten Willen, sozusagen als letzter, real existierender Freund unserem Präsidenten seelsorgerisch zur Seite zu stehen.

(Foto: Bernd Berke)

(Foto: Bernd Berke)

Und dann hörte ich nach vielen Jahren den ruhig tönenden Bass von Pfarrer Alfred Buß, derzeit noch Präses und vormals Gemeindepfarrer in Unna-Königsborn. Der sprach von seiner Vorliebe für das evangelische Christentum, weil das selbstkritisch sein kann und flache Hierarchien bevorzugt. Der sprach von seinen Gedanken über Teilstrecken seines Lebensweges und davon, was er jeweils in diesen Zeiten gelernt habe. Er sprach auch von Fehlern, die ihm selbst unterlaufen waren, Fehlern, die er mutmaßlicher Weise noch machen werde und Fehlern, die die Menschheit ständig macht. Und dann sprach er von den seelsorgerischen Herausforderungen, die sich dem Gemeindepfarrer stellen, wenn er Menschen auf dem Weg hinüber begleiten. Dass seine Frau zur Niederkunft bereits im Krankenhaus war und er für sie daheim im alten Zechenhaus noch wichtige Dinge besorgen sollte. Und dass ihn just da ein Brandanruf eines Gemeindegliedes erreichte, er daher viel später in Krankenhaus zurückkehrte.

Wie unterschiedlich Pfarrer doch sein können. Alfred Buß kündigte in seinem Interview mit WDR5 an, dass er zum Ruhestand ins Zechenhaus nach Unna-Königsborn zurückkehren werde. Ich freue mich schon auf ihn, wieder öfter seinen satten Bass mit dem rollenden „rrr“ zu hören. Und mitzuerleben, dass so ziemlich ständig etwas Kluges dabei herauskommt, wenn er spricht.




Denkwürdige Vokabeln (5): Alternativlos

Sie hatte es zum Unwort des Jahres geschafft, das war 2010. Kanzlerins Lieblingsvokabel, unbedingt merkbar: „alternativlos“. Ganz geriet sie danach nie in Vergessenheit, weil Frau Merkel immer wieder mal etwas, was sie oder der unverzichtbare, aber ungeliebte Kollege Schäuble sich ausgedacht haben, oder eben mangels anderer, auf der Entscheiderhand liegender Möglichkeiten für unumgänglich (auch eine Möglichkeit, das zu beschreiben, was gemeint sein könnte) halten. Aber, dem Alltag sei Dank, seltener benutzt wurde das finale Abschusswort einer jeden kontroversen Diskussion indes schon.

Wir sehen einmal davon ab, dass eine Alternative ursprünglich und ausschließlich einmal gedacht war, um die Wahlmöglichkeit zwischen mindestens zwei Lösungen zu beschreiben – es ist der Lauf der Zeit, dass sprachliche Formen nun einmal lebendig sind und damit auch vielfältiger genutzt werden können. So bürgerte es sich spätestens mit dem vermehrten Auftreten neuer Bewegungen in der Politik ein, davon zu sprechen, dass sogenannte „Alternative“ sich einmengen in das, was drei Traditions-Gruppierungen für ihr ureigenes Geschäft hielten, in eben die Politik. Die „Grünen“ wurden, wohl auch, damit sich Journalisten im Text nicht wiederholten, immer häufiger zu „Alternativen“.

Ich interpretiere das wohlmeinend mal so: Die Damen und Herren Kolleginnen und Kollegen wollten mit diesem Etikett „alternativ“ andeuten, dass diese neue politische Bewegung immer eine andere Möglichkeit auf dem Weg zu richtigeren Lösungen anböte als die anderen Parteien – sie eine neue, bisher nicht bedachte Möglichkeit skizzierte. Also kann es in den Vorstellungen der Grünen die Vokabel „alternativlos“ nicht geben. Eigentlich…

Wie wenig Spaß NRW-Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens versteht, wenn es ums Rauchen geht, weiß ja auch ich, als Mehr-als-ein-Jahr-Nichtraucher und dennoch konsequenter Raucher-Mitfühler. Dass sie, Frau Steffens, aber sogar die Basis (ich meine damit die Grundfesten) der eigenen Partei verlässt und wesentliche Teile des kühnen Streitens gegen die Raucher als solche – auch nee, sie streitet ja mehr für die Nichtraucher – aber, dass sie ein Verbot von E-Zigaretten als „alternativlos“ beschreibt, gibt mir zu denken.

Wenn schon, dann richtige Zigaretten... (Foto: Bernd Berke)

Wenn schon, dann richtige Zigaretten... (Foto: Bernd Berke)

Ich persönlich halte diese Möchtegern-Kippe zwar für blöd. Wenn, dann muss es ordentlich Knarzen beim Inhalieren. Ich halte deren Bekämpfung unter anderem auch für eine Nettigkeit gegenüber der Tabakindustrie, die mit Recht fragt, warum das elektrisch ans Köcheln gebrachte Nikotin steuerfrei bleibt, das aus Tabak verbrannte indes durch Tabaksteuer unsere äußere Sicherheit mitfinanziert. Alternativlos empfinde ich das Verbot dieses Methadonprogrammes für Kettenraucher aber nicht.

Immerhin, ein Wort, dessen Notwendigkeit ich allein deshalb anzweifele, weil es, bei Gebrauch, jedes Gegenüber davon überzeugen soll, dass weitere Gedanken zum Thema wertlos seien, dieses Wort wird so noch breiter salonfähig gemacht. Denn nun nehmen es auch „Alternative“ in den Mund. Und doch nehme ich mir die Freiheit, mit dem Denken fortzufahren … und würde mir dabei mitunter gern eine anstecken, aber eine richtige, eine Aktive.




Moden und Marotten im Journalismus (2): Stocksteife Scheinobjektivität

Beim Deutschlandfunk halten sie traditionell große Stücke auf sich. Doch auch außerhalb der eigenen Reihen gilt der Sender viel. Gar mancher glaubt, er sei die Hörfunk-Entsprechung zur FAZ. Das lassen wir mal dahingestellt.

Höchst schätzenswert sind – nehmt alles nur in allem – die thematisch breit gefächerten Hintergrundberichte des DLF. Gerade in Zeiten des sonst weithin grassierenden Dudelfunks mit seinen lachhaften Kürzestbeiträgen, sind die ausführlichen Wortstrecken, die hier gepflegt werden, umso wohltuender. Noch auf jedem meiner Radios habe ich die Station gespeichert, um sie nach einfachem Knopfdruck hören zu können. So weit, so gut.

Nun aber, ach: die Nachrichten! Diese stets offiziös, ja vielfach halbamtlich und staatstragend klingenden Bulletins. Immer mal wieder wundert man sich, welche News hier in den Vordergrund geschoben werden. Wenn nichts Gravierendes geschehen ist, so rückt hier in der Regel ein Sachverhalt nach oben, zu dem Minister(in) XYZ oder ein Spitzenverband Stellung genommen haben.

Hier zählen Politikerworte noch etwas, hier werden sie getreulich und konjunktivisch einwandfrei referiert; oft genug auch dann, wenn sie von minderem Gewicht sind. Hier schafft es zwischendurch auch schon mal der Hinterbänkler mit zwei oder drei gestanzten Sätzchen an die Spitze der Neuigkeiten. Da wird „betont“, „eingeräumt“ und „nicht ausgeschlossen“, dass es nur so seine Art hat. Zudem gewinnt man den unguten Eindruck, hier werde ängstlich vorauseilend nach Parteienproporz austariert. Nie erlauben sie sich saloppe Ausdrucksformen, niemals ein Augenzwinkern. Wo käme man da hin?

Auf den Skalen älterer Radios werden Stationen noch namentlich genannt. (Foto: Bernd Berke)

Auf den Skalen älterer Radios werden Stationen noch namentlich genannt. (Foto: Bernd Berke)

Wie soll man das steifleinene Gebaren im Rahmen unserer Reihe nennen? Um eine Mode handelt es sich bei dieser betulichen Nachrichtengebung wahrlich nicht. Eher schon um eine Marotte, um etwas Verschrobenes. Es lassen sich tatsächlich Parallelen zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung ziehen. Man schaue sich nur allwochentäglich deren staubtrockene Anti-Schlagzeilen über dem Aufmacher der Titelseite an, beispielsweise gestern: „Russland lobt Assad: Sie sind sich Ihrer Verantwortung bewusst“. Dem entspricht im drögen Duktus etwa die DLF-Nachricht vom 7. Februar um 23 Uhr: „Syriens Staatschef Assad hat zugesichert, die Gewalt in seinem Land zu beenden.“

Der Unterschied zwischen den beiden mehligen Mitteilungen: Während man der FAZ-Zeile noch einen empörenden Nebensinn ablauschen kann, tönt der DFL-Satz in seiner Scheinneutralität schmerzlich falsch. Nein, das ist keine Objektivität, das ist erst recht keine liebenswerte Knarzigkeit und Knorrigkeit mehr, sondern kritikloses Herbeten vorgegebener Positionen – welchen Ursprungs auch immer.




Zum Gedenken an den Holocaust

Es war heute vor 67 Jahren, da befreiten Rotarmisten das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Es war heute, da sprach Marcel Reich-Ranicki, ein 91 Jahre alter, gebürtiger Pole jüdischen Glaubens zum Anlass im Deutschen Bundestag – und er sprach das bessere Deutsch. Es war heute – da sprach der Unnaer Bürgermeister, bevor ein Dutzend Schülerinnen und Schüler im Rathaus sich selbst eine Frage stellten: „Warum, warum gedenken wir?“ Sie, ebenso wie der Bürgermeister, gaben selbst eine Antwort auf die Frage: „Wir gedenken, weil nur so wir die Brücke des Unvergessens aus der Vergangenheit in die Zukunft schlagen können.“

Es war vor knapp 30 Jahren, da lernte ich Herrn Unna aus Hamburg kennen, ein Nachfahr des Professors Unna, dem man sehr wesentlichen Anteil an der Erfindung der Nivea-Creme nachsagt. Herr Unna aus Hamburg war ca. 1,80 Meter groß, trug blondes Haar und blickte mich aus wasserblauen Augen an. „Ja,“ lachte er, „ich war der Vorzeige-Germane in meinem Gymnasium!“ Sein sportlich-gestählter Körper und seine außergewöhnlichen Fähigkeiten beim Kunstturnen ließen den flugs erbraunten Sportlehrer immer wieder vor der gesamten Klasse schwärmen, was doch ein teutscher Junge so zu leisten vermöge. Der junge Herr Unna schmunzelte dann still in sich hinein. Schwieg aber.

Denn ehrlich boshafte Antworten verboten sich für einen klugen Menschen, sie bedeuteten Lebensgefahr. Herr Unna war – wie sein Vorfahr und dessen Vorfahren, die es aus dem westfälischen Unna nach Hamburg verschlug, jüdischen Glaubens. Und er widerlegte durch sein Sein, dass seine vielen Mitleidenden deshalb leiden mussten, weil sie anders waren. Viele waren eben so sehr nicht anders, dass sie sogar als germanische Vorbilder herhalten mussten.

Herr Unna erzählte mir dann vor knapp 30 Jahren, dass der größte Teil seiner Familie in den Todeslagern wie Auschwitz-Birkenau umkam. Er erzählte mir auch, dass er nicht als Lamm zur Schlachtbank gehen wollte, dass er floh, sich zunächst der britischen Armee anschloss, bewaffneten Kampf gegen die Nazis (nicht gegen Deutschland an sich) führte, dass er später der Hagana beitrat und Menschen nach Palästina schmuggelte: „So wie im Film ‚Exodus‘.“ Und dass er vielen Palästinensern Wasser brachte, weil er es verstand, es zu finden und nach ihm zu bohren.
Der Krieg war längst vorüber, da kehrte er nach Deutschland zurück und beobachtete mit wachsender Skepsis das politische Tun in Israel. Er schilderte übles Bauchgrimmen, wenn er an seinen israelischen Landsmann Begin dachte. Fast wie peinlich brummte er: „Faschisten sind überall!“

Ich habe Herrn Unna dann (leider) aus den Augen verloren, ließ mir nicht mehr von seinem Lebens erzählen, aber ich erinnere mich immer wieder an ihn, wenn ich lese oder höre, dass die Juden verfolgt und ermordet wurden, weil sie „anders“ waren. Nein, deshalb wurden sie nicht ermordet. Sie wurden ermordet, weil es keine Massenbewegung gab, die ihnen zu Hilfe kam, weil weggeschaut wurde. Und dass wir heute genau hinschauen, dazu dient das Gedenken an diesem Tag. Nie wieder darf dies stimmen: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ (Paul Celan).




Im „Kapp-Putsch“ ging es nicht nur um Worte

Wenn sich heute Bürger gegen Rechtsradikale wehren, dann geht es wie zum Beispiel in Dortmund eher um verbales Engagement, um Demonstrationen und Zusammenschlüsse. Zu Beginn der Weimarer Republik sah das ganz anders aus, da floss Blut, Menschen kamen um, sie wurden sogar wie im Krieg als „Gefallene“ betrachtet.

Grabstein der gefallenen Demokraten. (Foto Pöpsel)

Eineinhalb Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges und Ausrufung der ersten Deutschen Republik wagten die rechtsnationalen Gegner einen bewaffneten Aufstand. Zitat aus Wikipedia: „Der Kapp-Lüttwitz-Putsch oder Kapp-Putsch vom 13. März 1920 war ein nach fünf Tagen gescheiterter Putschversuch gegen die Weimarer Republik, der von Wolfgang Kapp und Walther von Lüttwitz mit Unterstützung von Erich Ludendorff angeführt wurde. Er brachte das republikanische Deutsche Reich an den Rand eines Bürgerkrieges und zwang die Reichsregierung zur Flucht aus Berlin. Die meisten Putschisten waren aktive Reichswehrangehörige oder ehemalige Angehörige der alten Armee und Marine, insbesondere der Marine-Brigade Ehrhardt, sowie Mitglieder der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP).“

Gegen diesen Kapp-Putsch gab es vor allem im Rhein-Ruhr-Raum sofort bewaffneten Widerstand. Bei Kämpfen am Bahnhof in Wetter kamen mehrere Männer ums Leben, und auch bei Remscheid forderten Schusswechsel Todesopfer.

Unter anderem wurden zwei 20-Jährige Männer aus Milspe (heute Ennepetal) erschossen. Der Milsper Gemeinderat beschloss, sie an einem Ehrenmal für gefallene Mitbürger zu bestatten. Als 1933 den Nationalsozialisten die Macht übergeben wurde, ließen die örtlichen Parteigenossen die Überreste der beiden demokratischen Kämpfer ausgraben und am Rande des Gemeindefriedhofs wieder bestatten.

Dort wurde nach dem Ende der Diktatur das Doppelgrab vom Rat der nun entstandenen Stadt Ennepetal in die Pflege übernommen, und wer eine Spur der ersten Demokratie in Deutschland sehen will, der findet noch den Grabstein mit der Inschrift:

„In unvergesslicher Erinerung.
Den Milsper Bürgern
Artur Klee, geb. 19. 8. 1899
Max Fuchs, geb. 27. 9. 1899.
In den Kämpfen bei Remscheid
am 19. März 1920 in Abwehr
der Reaktion für die Erhaltung der
Weimarer Republik für
Demokratie und Freiheit gefallen.“

Der Kapp-Putsch scheiterte übrigens, weil der Reichspräsident, die SPD-Minister in der Regierung, der Allgemein Deutsche Gewerkschaftsbund und der Deutsche Beamtenbund, später auch noch die Kommunisten zum Generalstreik aufgerufen hatten und dieser weitgehend befolgt wurde.




Politskandal aus der Bismarck-Zeit: Als der Kanzler gegen die Liberalen vor Gericht zog

Wenn man die Reinwaschungsversuche unseres Bundespräsidenten sieht, dann fallen sie gegenüber den Sitten in früheren Zeiten ja noch richtig harmlos aus. Hier soll deshalb an einen ähnlich ungewöhnlichen Vorgang vor mehr als 120 Jahren im Berliner Reichstag erinnert werden, den so genannten „Hödur-Skandal“.

Otto von Bismarck

Reichskanzler Bismarck hatte in einer Debatte über die Kolonialpolitik deren Gegner, die „Freisinnigen“ (Liberalen), beschimpft und ihre Wähler mit jenem Hödur aus der germanischen Sagenwelt verglichen, der blind sei und sich nur durch Verführung (durch die liberalen Führer) dem nationalen Fortschritt in den Weg stelle.

Diese Wähler-Beschimpfung führte im ganzen Reich zu Protesten in den liberalen Vereinen. Resolutionen wurden verfasst und verschickt, und eine davon kam aus dem Wahlkreis Hagen. Der liberale Verein Voerde (heute Ennepetal) hatte seinen Protest gegen den „dämlichen Hödur-Vergleich“ dem Kanzler per Einschreiben zukommen und in der Hagener Zeitung veröffentlichen lassen.

Weil dieser Protest den Reichskanzler ausgerechnet an seinem 70. Geburtstag erreichte, an dem sich die übrige Nation in einem regelrechten Bismarck-Taumel befand, ließ Bismarck über eine Anwaltskanzlei die Voerder herauspicken und vor Gericht bringen. Es folgte also am 18. Juli 1885 der „Hödur-Prozess“ am Landgericht Hagen, der später im Wahlkreis Hagen-Schwelm noch über Jahrzehnte für Gesprächsstoff sorgte. Der Staatsanwalt warf den sechs Beschuldigten – Kaufleute, Unternehmer und der Hagener Verleger – vor allem die Formulierung vor, der Reichskanzler habe sich mit seinem Hödur-Vergleich einer „bedauerlichen Anmaßung“ schuldig gemacht. Er forderte fünf Monate Haft, doch der Landgerichtsdirektor Consbruch verurteilte die Angeklagten „lediglich“ zu Geldstrafen. Außerdem musste das Urteil in der Hagener Zeitung veröffentlicht werden, was auch geschah. Zuvor hatten die Verurteilten noch vergeblich versucht, beim Reichsgericht in Leipzig Revision zu erreichen.

Die Voerder Liberalen sahen sich nach dem Urteil jedoch nicht als Verlierer, sondern sie feierten den Prozess, weil sie so Aufmerksamkeit für die Sache der Freisinnigen erreicht hatten, und sie ließen sich in einer Weise fotografieren, wie es sonst nur erfolgreiche Jagdgesellschaften zu tun pflegten.

Bei der anschließenden Wahl zum preußischen Abgeordnetenhaus wurden alle Verurteilten zu Wahlmännern gewählt, und ihre Partei errang im Wahlkreis Hagen-Schwelm einen deutlichen Sieg.




Christian Wulff und das „Stahlgewitter“

Wenn man der Süddeutschen Zeitung glauben darf (und das darf man meistens), so hat Bundespräsident Christian Wulff beim Neujahrsempfang für seine Mitarbeiter gesagt, er sei zuversichtlich, „dass dieses Stahlgewitter bald vorbei ist“. Damit meint er nicht etwa, er habe im Schützengraben um sein Leben gezittert, sondern er spielt auf die gelegentlich scharfe, wenn auch keineswegs lebensgefährliche Debatte um seine Amtsführung an.

Nur zur Erinnerung. Der Ausdruck „Stahlgewitter“ ist vor allem durch Ernst Jüngers Buch „In Stahlgewittern“ bekannt und berüchtigt geworden. Geschildert werden (teils rauschhaft empfundene) Fronterlebnisse aus dem Ersten Weltkrieg, an einer Stelle ist etwa von „Blutdurst, Wut und Trunkenheit“ die Rede.

Nach all den Diskussionen um günstige Kredite und Urlaube sowie über Wulffs Verständnis von Pressefreiheit, scheint der Noch-Bundespräsident nunmehr noch einen weiteren Schauplatz eröffnen zu wollen. Darf es denn wahr sein, dass unser oberster staatlicher Repräsentant die Kriegsmetapher dermaßen unreflektiert verwendet? Schon im Zusammenhang mit der „Bild“-Zeitung soll er ja das Wort „Krieg“ im Munde geführt haben. Geht es denn mal ein paar Nummern kleiner und weniger martialisch?

Wie ein Freund bei Facebook ganz richtig vorgeschlagen hat, sollte Christian Wulff mal einen Soldatenfriedhof aufsuchen. Vielleicht konmt er dort wieder zur Besinnung.

Soldatengräberfeld auf dem Dortmunder Hauptfriedhof (Foto: Bernd Berke)

Soldatengräberfeld auf dem Dortmunder Hauptfriedhof (Foto: Bernd Berke)




Denkwürdige Vokabeln (4): „Wulffie“

Ich möchte mich heute einmal mit einer denkwürdigen, des Nachdenkens würdigen bzw. merkwürdigen Vokabel beschäftigen, die es vor ein paar Stunden noch gar nicht gab, für die viele vermutlich die Urheberschaft reklamieren, die ich nun aber mal einfach erfinde: Diese Vokabel lautet „Wullfie“.

Sie ist zusammengesetzt aus dem Nachnamen eines Bundespräsidenten, der sich selbst als „Anfänger“ bezeichnet, daher auch sein nicht anfangendes, also beginnendes, sondern andauerndes keineswegs würdiges Verhalten, für das er sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit entschuldigt, und dem anglophonen „-ie“, das so ein wenig verniedlicht, Welpenschutzfunktion signalisieren soll. Was bedeutet diese Vokabel? Sie kennzeichnet zukünftig einen jeden Neuankömmling in einem Staatsamt, das höher angesiedelt ist, als sein vorangegangenes.

„Wulffie“ ist also der „Rookie“ oder der „Newbie“ der politischen Ämter, er wirkt ein wenig bärenbabytapsig, kann zwar schon Lebenserfahrung durch sonores Bariton-Auftreten heucheln, macht aber dann und wann noch Fehler, weil er ja ein „Anfänger“ ist, und wer wird es wagen, dem einen vorwurfsvollen Stein entgegen zu schmeißen?

Wulff-lastig: Ein Teil der Tagespresse vom 5. Januar 2012 (Foto: Bernd Berke)

Wulff-lastig: Ein Teil der Tagespresse vom 5. Januar 2012 (Foto: Bernd Berke)

„Wulffie“ das ist einer, der gern als Hai durchs Becken schwimmt, das selbige aber zornig als Haifischbecken geißelt, verfolgt ihn ein wesentlich größerer und zahnreicherer Artgenosse.

„Wulffie“ das ist einer, der das eigene Ich für viel wichtiger hält, als das Amt, das er ausübt, was zwar vielen seiner Kaste so vorkommt, aber erst durch anhaltenden Realitätsverlust einer solchen Person zur Real-Karikatur mutiert.

„Wulffie“, das ist das erschütternde Beispiel dafür, das man rückblickend sogar einen Helmut Kohl schätzen lernt, weil der zumindest bauernschlau und nicht nur südniedersächisch provinziell war.

So, nun habe ich genug auf eine Vokabel geschimpft und eine Person gemeint. Es gibt aber noch eines, was ich für verheerend halte. Das allgemeine Verhalten im Lande, das es gern unternimmt, zunächst kritiklos jemanden toll zu finden, Christian Wulff beispielsweise, oder einen Freiherrn aus Guttenberg’schem Hause, und anschließend ganz schlimm. Vielleicht wäre es eine neue, angenehmere Umgangskultur, von Beginn an ein wenig skeptischer zu sein, und sich vielleicht angenehm überraschen zu lassen. Dann gibt es aber auch die ewigen Entschuldiger. Sie unterscheiden sich extrem von einem „Wulffie“, weil es sein gutes Recht ist, sich auf – wenn auch einfältige Weise zu verteidigen. Sie haben nichts Unanständiges getan, nehme ich mal an, sie schimpfen immer wieder gern auf Beschreiber des unanständigen Tuns Prominenter. So als wären die an allem Schuld und nicht der Handelnde. Ulkige Veränderung in den Betrachtungsweise von denkwürdigen Handlungsweisen: „Der wäre ja blöd, wenn er den Vorteil nicht annähme!“

Folgerung: Wer so denkt, meint vielleicht, dass es schade sei, dass er selbst nicht in der Lage gerät, wie „Wulffie“ zu handeln. Denkwürdig, des Bedenkens würdig, merkwürdig: Schuldbewusstseinsverluste nicht nur beim Handelden, sondern auch bei vielen, die dem Handeln zuschauen.




Allen Krisen zum Trotz: Jürgen Habermas will das Projekt Europa retten

Die Euro-Krise scheint kein Ende zu nehmen. Die zögerlichen und halbherzigen, oft populistischen Reaktionen der Politik lassen ein Scheitern des europäischen Projekts als reale Möglichkeit erscheinen. Da kommt ein Buch von Jürgen Habermas gerade recht. Der bekannteste lebende Philosoph Deutschlands – wenn nicht sogar der ganzen Welt – hat einen Essay („Zur Verfassung Europas“) geschrieben, mit dem er in die Debatte um die Zukunft des Kontinents eingreifen und der sich ausbreitenden Europa-Skepsis einen philosophischen Antikrisenplan entgegensetzen will.

Wenn allerdings „Die Zeit“ meint, es sei „das Buch der Stunde“, werden falsche Erwartungen geweckt: Denn Habermas gibt keine Handlungsanweisung zur Rettung des angeschlagenen Euro. Es geht ihm nicht um Rettungsschirme oder Eurobonds, sondern, im doppelten Sinne, um die Verfassung Europas: Wie haltbar ist die europäische Idee und wie sollte eine europäische Verfassung im Sinne umfassender Demokratisierung und Transparenz aller Entscheidungsprozesse aussehen? Habermas will Denkblockaden beiseite räumen und dazu animieren, in der größten Krise auch die größten Chancen für eine Neugestaltung und Weiterentwicklung Europas zu sehen: Ein Scheitern der europäischen Idee, da hat Habermas Recht, würde die Demokratisierung Europas um mindestens ein Jahrhundert zurückwerfen.

Mit Blick auf die politische Klasse kann der Philosoph geradezu polemisch werden: Er spricht von „hinhaltendem Taktieren“, „selbstdestruktivem Verhalten“, bizarren Auftritten „nationaler Potentaten“, die keine verbindliche Idee mehr von Europa haben und, gemessen an überzeugten Europäern wie Willy Brandt oder Joschka Fischer, nur noch „europäische Schandflecken“ sind. Mag da jemand ernsthaft widersprechen?

Zentraler Kritikpunkt ist die zunehmende, sich verselbständigende Macht des Europäischen Rates der Staats- und Regierungschefs: Das sei „postdemokratische Herrschaftsausübung“. Mit der Idee umfassender, transparenter Demokratie habe das, was in Brüsseler Hinterzimmern und Kungelrunden beschlossen wird, nichts zu tun. Da ist er sich mit Hans Magnus Enzensberger einig. Beide haben fast gleich lautende Bücher veröffentlicht (Habermas: „Ach, Europa“, Enzensberger: „Ach Europa!“). Doch während Enzensbergers jüngster Essay („Sanftes Monster Brüssel oder die Entmündigung Europas“) sich wie eine politische Satire auf Demokratiekrise und bürokratische Uniformierung liest und darauf spekuliert, dass Europa an seinen inneren Widersprüchen zugrunde geht, träumt Habermas von einer „transnationalen Demokratie“. Mehr noch: Er entwirft die Utopie einer Verfassung, die nicht nur die europäischen Völker und Menschen versöhnt, sondern Grundlage einer „kosmopolitischen Gemeinschaft“ wird. Für alle, die es vergessen haben, zeigt Habermas noch einmal, welche Fortschritte Menschenrechte und Menschenwürde von der amerikanischen und französischen Revolution bis in die europäischen Einigungsverträge genommen haben. An die politische Klasse appelliert er, das bisher hinter verschlossenen Türen betriebene europäische Projekt endlich auf den „hemdsärmeligen Modus eines lärmend argumentierenden Meinungskampfes der breiten Öffentlichkeit umzupolen.“

Doch so richtig und wichtig die Vorschläge sind, so wenig Einfluss werden sie auf die aktuellen Entscheidungen haben. Die politischen Eliten haben sich längst vom intellektuellen Diskurs abgekoppelt, sie schielen nur noch auf Umfragewerte und Wahlen. Wenn Habermas früher über den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ philosophierte oder eine „Theorie des kommunikativen Handelns“ entwarf, ging ein Raunen durch die politischen Denkfabriken: vorbei und vergessen. Wahrscheinlich wird man in 50 oder 100 Jahren den Essay als Meilenstein der demokratischen europäischen Verfassung preisen. Einstweilen aber werden die europäischen Träume eines Habermas an der fantasielosen Realpolitik von Merkel und Sarkozy ungehört und ungelesen abprallen. Leider.

Jürgen Habermas: „Zur Verfassung Europas“. Ein Essay. Suhrkamp, 130 Seiten, 14 Euro.




Die 10 Millionen-Euro-Versuchung für Hagen: „Christie’s“ will Hodlers „Der Auserwählte“

Nun erwarte ich gespannt, was sich Jörg Dehm und Kolleginnen und Kollegen in ihre Sinne kommen lassen, wie sie denn mit dem unmissverständlich bekundeten Interesse von „Christie’s“ an Ferdinand Hodlers „Der Auserwählte“ umgehen wollen. Taxierte 10 Millionen Euro ist dem Londoner Auktionshaus das Bildnis wert, Hagens christdemokratischer Oberbürgermeister Dehm gerät vollends in Wanken und stubst die Chefs der im Rat der Stadt vertretenen Fraktionen kräftig an, dass sie mit im Gleichtakt wanken. 10 Millionen Euro, das wäre mal ein Wort fürs finanzgestresste Hagen.

Schon fühle ich mich an meine düsteren Gedanken mit schwacher Vision für eine nennenswerte Zukunft lokaler Kultur erinnert. Einst wollte ein gewisser Karl-Ernst Osthaus mit dem „Hohenhof“ ein Gesamtkunstwerk erschaffen, und sorgte gemeinsam mit dem Architekten Henry van de Velde dafür, dass außen wie innen in einem engen Zusammenspiel der „Hohenhof“ nicht einfach ein Jugendstilgebäude wurde, sondern eine vollendete Hülle für bildende Kunst.

Jener Karl-Ernst Osthaus hinterließ seinem Hagen indes nicht nur den „Hohenhof“, den man ja eigentlich ins UNESCO-Weltkulturerbe einordnen möchte, er hinterließ ein kaum zu überschätzendes Museum mit einer durchaus weltweit großartigen Sammlung, er rief die Folkwang-Bewegung ins Leben und schuf damit die Grundlage dafür, dass ein Großteil seiner Bemühungen schon in den frühen 1920er Jahren von den Hagenern versilbert werden konnten – nach Essen, mit dem heute der Name Folkwang verbunden ist.

Karl-Ernst Osthaus hatte einen Traum: dass Kunst und menschliches Leben miteinander versöhnbar seien. Oberbürgermeister Dehm und die anderen Hagener Politiker seien daran erinnert: Ferdinand Hodlers flächiges Gemälde wurde von Karl-Ernst Osthaus und Henry van de Velde geradezu in den Empfangsraum des „Hohenhofes“ eingepasst, sozusagen umbaut. Das Bild ist Teil der Architektur und diese, wenn man so will, der Rahmen des Bildes. Denkt bitte nicht im Traum daran, dieses (wegen versicherungstechnischer Randerscheinungen ins Osthaus-Museum ausgelagerte) Ensemble dauerhaft zu zerstören, um Geld für die Stadt zu erwirtschaften!




Trübe Gedanken im Dämmerlicht: Die Kultur und die Ruhe vor dem Sturm

Wer genau in die Gespräche hört, die Kulturpolitiker führen, die Finanzpolitiker führen, die Politiker ganz allgemein führen, der bekommt ohne Schwierigkeiten mit, dass wir uns im Auge eines Orkans befinden, der nicht nur dazu in der Lage ist, die Kultur aus der Fläche in der Republik zu radieren, sondern uns auf Jahre die Kultur zur gleichermaßen kostbaren wie kostspieligen Privatsache zu machen, die öffentliche Hand von dieser Infrakstruktureinrichtung komplett zwangszubefreien und sie denen zu überlassen, die noch mit ausreichend Finanzmitteln ausgestattet sind, sich solches Luxusgut leisten zu können. Einzelne Mäzene werden wieder an die Stelle des Staates treten, es bleibt deren gnädiger Spenderhand überlassen, welchem Kulturgut sie ihre finanzielle Gunst widmen.

Gerade einmal Bildung und ihre möglichst breite Wirkung ist noch in aller Munde, hat sie doch einen Aspekt wirtschaftlicher Verwertbarkeit, ist doch Wirtschaft in absehbarer Zeit darauf angewiesen, jede Restressource noch zu nutzen. Sie, die Wirtschaft, formuliert noch äußerst zurückhaltend, Politik eilt voraus, das Beste im Sinn, aber – wie am Beispiel konservativer Wandlung ablesbar – in Wahrheit Erfüllungsgehilfe interessierter Schichten mit Macht und Einfluss.

Es ist stiller geworden um mutmaßlich überflüssige Theater, es ist stiller geworden um Museen, deren Kosten aus dem Ruder laufen, es ist selbst stiller geworden um autonome Kulturprojekte, deren Kosten-Nutzen-Rechnung von jeher vielen als unausgeglichen erschien.

Das werte ich aber als vorübergehend als Ruhe vor dem Sturm, als Atemholen der Rotstift-Anbeter in immer farbloser werdenden Rathäusern. In ein paar Jahren werden unsere Städte in einem Eiltempo den Verödungsprozess beginnen, dessen Folgen irreparabel sein dürften. Wenige Metropolen behaupten sich, werden Horte der kulturellen Erbauung für weite Landstriche sein, während ebenso weite Landstriche im Dämmerlicht existieren.

Geisterhafte Erscheinung (Foto einer Fotokopie: Bernd Berke)

Geisterhafte Erscheinung (Foto einer Fotokopie: Bernd Berke)

 

Zunehmend werden die Gewählten sich dem nicht mehr zu widerstehenden Druck beugen, werden sie nachgeben, nachgeben müssen, weil dem Geld gefolgt wird, das nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung steht, weil Geldsinn an die Stelle des Allgemeinsinns tritt. Steuern werden zögernd gezahlt, Gesetzgeber zögern, Steuern einzutreiben – könnte ja das Geld vertreiben – die öffentlichen Mittel reichen nur noch für wirklich notwendige Dinge, Kultur wird eines der Opfer sein, das als erstes auf den Altar gelangt.

„Wir können das doch teurer anbieten, die können das doch zahlen!“ Es ging nur um die Kosten einer Vormiete, die ohnehin schon über 75 Prozent Deckungsgrad erreicht – ziemlich viel. Nein, das waren die Worte von Grünen, nicht die der ins selbe Horn tutenden CDU. Klar, wenn ich weniger rauche, nur noch ein Glas Wein trinke, dem Sektchen entsage, eigentlich allem entsage, was Freude macht, dann kann ich mir das noch sehr lange leisten.

Wie gesagt, nur genau hinhören: „Müssen wir das eigentlich anbieten, die Nachbarstädte haben doch Theater, da kann man doch hinfahren?“ „Wollen wir noch subventionieren, Kindergärten sind doch wichtiger?“

Ja, das sind trübe Gedanken im Dämmerlicht, aber ehrlich, sind die so weit hergeholt, wenn es schon ausreicht, als Mitglied mittleren Adels ein Interview zu geben und anschließend daraus ein gebundenes Stück Kulturgut auf dem Markt für jedermanns Eitelkeiten vertrieben wird? Wir sind auf dem Wege, so was von herunter zu kommen, viele merken das nur noch nicht.




Der RVR und die koordinierte Kultur

Heute verscherze ich’s mir mal mit – nun? – dem Regionalverband Ruhr (RVR). Und zwar so:

Der RVR-Presseservice (idr = Informationsdienst Ruhr) hat heute eine nichtssagend gravitätische Mitteilung versandt, die besagt, dass das „Erbe“ der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr (Ruhr 2010) nunmehr gesichert sei.

Da möchte man doch auftamen.

Dann freilich liest man, dass just der RVR den (Zitat) „Staffelstab“ übernehmen wird, um die „nachhaltige Entwicklung von Netzwerken und Projekten“ der gewesenen Kulturhauptstadt sicherzustellen.

Auch ist die gestanzte Rede von der neuen Programmsäule namens „Künste im urbanen Raum“, die vor allem auch Exzellenzprojekte anstoßen soll.

Eingebunden sind die Kultur Ruhr GmbH, die Ruhr Tourismus GmbH und das European Center für Creative Economy (ECCE). Hört sich gewaltig an, wenn man’s nur nicht hinterfragt.

Der von mir eigenmächtig hinzugefügte Fettsatz zeigt an: Da haben wir es mal wieder, das verwaltungsgemäße, mit leerlaufenden Floskeln durchsetzte „Kreativ“-Sprech, das meist nur mit bürokratischen Verfahrensweisen, aber nicht mit wirklichen Ideen jongliert. Wer so redet, lässt ahnen, dass Kultur nur abermals der Anlass ist für aufgeplusterte Strukturen. Den vermeintlichen Erfolg wird man später gewiss herbeireden.

4,8 Millionen Euro werden jährlich aufgerufen, zur Hälfte vom Land NRW und vom RVR beigesteuert. Kein immenser Betrag, wenn man ihn aufs ganze Revier verteilt. Doch natürlich wird dieses schöne Geld nicht einfach so versickern. Schon 2012 wird beispielsweise eine „Kulturkonferenz Ruhr“ einberufen, welche die „profilbildenden Projekte“ diskutieren und Zukunftsstrategien entwerfen soll.

Im Tunnel (Bild: Bernd Berke)

Im Tunnel (Bild: Bernd Berke)

Schon dem dürren Jargon ist abzulauschen, dass da viel heiße Luft in die Gegend geblasen wird. Bereits jetzt sind etliche Impulse der Kulturhauptstadt, sofern es sie überhaupt je gegeben hat, kläglich erloschen. Längst wieder eingekehrt ist der kulturelle Alltag mit Finanzsorgen an allen Ecken und Enden.

Kulturjournalisten des Ruhrgebiets werden wissen, wovon ich rede: Pressekonferenzen des RVR (vormals KVR), die kulturell wirklich spannend gewesen wären, wird man selbst mit der Lupe vergebens suchen. Ich kann mich an Termine erinnern, bei denen nach meinem Eindruck mehr Vertreter des RVR anwesend waren als Pressemenschen. Viele von ihnen hatten offenkundig keinerlei Funktion beim jeweiligen „Meeting“. Sie standen zinslos herum. Doch es gab gelegentlich Sekt und Häppchen. Gern wurden derlei Treffs am Freitag anberaumt, wenn man anschließend rasch ins Wochenende aufbrechen konnte.

Bitte, bitte, ich lasse mich gern eines Besseren belehren. Vielleicht weht ja beim RVR jetzt und demnächst ein frischer Wind, der alles Gestrige hinwegfegt.

Doch mal ehrlich. Auch dieser Satz klingt beim ersten Hinhören nicht wie eine Verheißung, sondern eher wie eine sanfte Drohung:

„Der Regionalverband Ruhr koordiniert mit einer neuen Stabsstelle künftig die Entwicklung der Kultur in der Metropole Ruhr.“

Hat da jemand „Stillgestanden!“ ge…flüstert?




Dortmund – Zwickau: Prekäre Partnerschaft

Gläserne Rathauskuppel in Dortmund (Foto: Bernd Berke)

Gläserne Rathauskuppel in Dortmund (Foto: Bernd Berke)

Städtepartnerschaften schlafen mit der Zeit meist ein. Nur wenn sich Daten unabweisbar runden, kommt es zu hehren Fensterreden unter Einsatz von Streichquartetten. Oder so ähnlich.

Dortmund ist verbandelt mit Amiens (Frankreich), Leeds (England), Buffalo (USA), Netanya (Israel), Rostow (Russland), Novi Sad (Serbien) und Xi’An (China). Eine stattliche Liste. Doch längst nicht jede Partnerschaft ist mit Leben erfüllt.

Hinzu kommt seit Dezember 1988 die innerdeutsche Städtefreundschaft mit Zwickau.

Zwickau. Moment. Da war und ist doch was?

Ja, sicher. Dort ist zu DDR-Zeiten der Trabant gebaut worden. Außerdem hat sich die sächsische Stadt in den letzten Jahren als ein Gravitationszentrum rechtsradikaler Umtriebe erwiesen. Mit entsetzlichen Folgen.

Sagt da jemand, dass im Westen der Republik für Dortmund ähnliches gelte? Dass zwischen beiden Orten vielleicht einschlägige, womöglich mörderische Verbindungs-Linien gezogen werden könnten? Also, das wäre ja…

Man könnte derlei prekäre Fragen zum Thema einer solchen Städtefreundschaft machen, über die Form wäre zu reden.

Zu manchen Anlässen begeben sich Lokaljournalisten in die jeweilige Partnergemeinde, um dort Stimmungen auszuloten. Wie wär’s? Vielleicht sogar im Austausch.




Hurra, hurra, „KT“ ist wieder da!

Der Gnade eines herbstlichen Himmels sei Dank: Wir haben ihn zurück, unseren lächelnden, Demut chargierenden, Fehler eingestehenden, dem Haargel entsagenden, neu frisierten Freiherrn. Woher bitte sehr könnte sich auch sonst eine BILD politisch nach Sinn heischende und dennoch endpopuläre Bilder klauben, wie bitte sehr gelänge es den anscheinend ZEITlosen der gleichnamigen Gazette, dem als mega-intellektuell vorverurteiltem Blatt, einen Hauch von Boulevard zu verpassen. „KT“, mittlerweile wohlvertraute Kurzfassung eines ellenlang getauften Adelssprosses mit wilder Entschlossenheit zur Rückkehr in die Bundespolitik, ist wieder da, frisch wie ehedem, geliebt, was nur wenige freudig zugeben, gefürchtet, was nur Horst Seehofer zugibt und vermisst, was die Medien zwar nicht zugeben, aber so schreiben und titeln, dass der Eindruck sich aufdrängt.

Groß aufgemacht: Guttenberg-Story in der heute erschienenen "Zeit" (Foto: Bernd Berke)

Groß aufgemacht: Guttenberg-Story in der heute erschienenen "Zeit" (Foto: Bernd Berke)

Und wir Medialen, mal so als Ganzes betrachtet, wir tun so ziemlich alles dazu, dass diesem Abschreiber, diesem Gedankendieb, diesem blendend daher schreitenden Weltreisenden in Sachen Politik, auch noch verzeihende Zeilen gewidmet werden. Herrn zu Guttenbergs strafwürdige Plagiate werden „Affäre“ betitelt, so als wäre das ein Nebenher-Bumms gewesen. Staatsanwälte halten das Vergehen, das sie vermutlich bei Heinz Kasuppke mit einer einstweiligen Erschießung bedroht hätten, für wenig gesellschaftsbedrohlich, da „ja kein materieller Schaden entstanden“ sei. Obwohl gerade das beim Urheberrecht gar nicht relevant ist. Funk, Fernsehen und Printmedien überschlagen sich, weil der elder statesman mit jugendlicher Anmutung die Politik der Bundesregierung bekrittelt – kann man machen, aber er?

Seien wir mal nüchtern. Unsere Medien sind genauso konditioniert wie vor acht Monaten, als der copy-and-paste-Doktor ins Gerede kam. „KT“ ist genauso mittelmäßig wie vor 14 Monaten, als er in Mediengerede kam. Sowohl Medien als auch „KT“ als ihr Produkt, Objekt, Marionette haben kaum mehr von dem, was ihre Kaste einmal auszeichnete. Kompetenz und Qualität. Ob Kurt Schumacher oder Ludwig Erhard, sie hätten heute keinerlei Chance mehr auf öffentlich wirksame Darstellung – nicht glamourös genug. Und diejenigen, die über sie berichteten, hätten es bei den heutigen Medien extrem schwer: Sie verstanden, worüber sie schrieben.

Noch mal zurück zu „KT“ und der aktuellen Promotion-Kampagne. Bewahre uns alle bloß davor, einen Westentaschen-Berlusconi im Adelsformat an wesentliche Positionen gelangen zu lassen. Auch wenn Helmut Schmidt über sich selbst sagte, er habe sich bisweilen als „Staatsschauspieler“ gefühlt. Er, Schmidt, konnte sich selbst schnell wieder vom Kopf auf die Füße stellen. „KT“ traue ich in dieser wie in anderer Hinsicht so ziemlich nichts zu. Sagt die Klarheit, Medien: Der Mann ist ein Schaumschläger mit plagiativer Energie.




Väterchen Franz fehlt uns, trotz alledem

Als Bernd Berke auflistete, „worüber wir inzwischen nicht geschrieben haben“, da stieß mir natürlich sofort Väterchen Franz auf. Bei Facebook gab es zu dem Thema und zur politischen Korrektheit ja schon ausführlichste und strengste Debatten, deshalb will ich hier mal etwas Persönliches beitragen.

So sah der Autor 1969 aus.

Im Jahre 1970 diente ich in der Bundeswehr, weil mein Antrag auf Wehrdienstverweigerung zu spät eingegangen war. Aber im Sommer war es dann so weit, und die Zivildienststelle bei der AWO in Dortmund-Brüninghausen wartete. Dort gab es am Randes des Altenheims statt einer Acht-Mann-Bundesbude eine schnuckelige Zwei-Zimmer-Wohnung für die beiden Zivis, einschließlich einer „Musiktruhe“ mit Plattenspieler, und da liefen immer wieder die Scheiben von Wader, Süverkrüp und Degenhardt, aber auch die Stones und die Beatles und sogar Reinhard Mey. Die „Schmuddelkinder“ und „Tonio Schiavo“ mit seinem Herner Paradies kannten wir natürlich auswendig, und die Diskussion, ob denn die DKP zur Volksfront gehört, die kam erst später im Studium. Emotional war das auf jeden Fall eine tolle Kiste.

Danke, Dr. Degenhardt, „Drecksack mit dem Ulbrichtbart“, wie er selbst mal zornig einen der Schmähbriefe an sich besang.

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Teaserbild in der Artikel-Übersicht: Cover einer posthumen Neuerscheinung. Am 2. Dezember kommt das Boxset mit 4 Degenhardt-CDs unter dem Titel „Gehen unsere Träume durch mein Lied“ (Koch Universal Music, ca. 23 Euro) heraus.




Worüber wir inzwischen nicht geschrieben haben

Holla! Als dieses Blog jetzt zwangsläufig für einige Tage offline gewesen ist, hat man erst einmal so richtig gemerkt, wie die Zeit verfliegt und wie die Ereignisse sich türmen.

Was hätte man nicht alles schreiben können, sollen, müssen!

Vom tödlich aggressiven Rechtsextremismus hätte man wohl auch hier nicht schweigen dürfen. Obwohl schon einem Karl Kraus zu Hitler nichts mehr eingefallen ist (ein Ohnmachtsgefühl, das er freilich höchst wortgewaltig zu entladen wusste).

Man hätte dem sauberen Signore Silvio B. einige Worte nachwerfen können.

Man hätte dem am Rande des Reviers (Schwelm) geborenen Franz Josef Degenhardt einen Nachruf widmen müssen. In anderen Atemzügen hätte man Wolf Biermann zum 75. Geburtstag gratulieren sollen. In beiden Fällen hätte es sich dringlich empfohlen, Worte wie „Bänkelsänger“ und „Barde“ zu meiden. Und es wäre gar zu schön gewesen, hätte man nicht den einen gegen den anderen ausgespielt.

Man hätte wohl auch das Gruselkabinett der neuesten „Dortmunder Peinlichkeiten“ (bald ein geschütztes Warenzeichen?) bebend, zornig oder lachend durchschreiten müssen. Angefangen mit dem inzwischen aufgegebenen, nichtsdestoweniger unsäglichen Vorhaben, dem „größten Weihnachtsbaum der Welt“ (ohnehin ein monströser Bastel-Fake aus ca. 1700 Rotfichten) einen Fußball statt eines Engels aufzusetzen. Der leider siegreiche Entwurf fürs künftige Deutsche Fußballmuseum gegenüber vom gleichfalls peinlichen Hauptbahnhof wäre auch zu bereden gewesen.

Ferner gab’s Absurditäten wie die „Hamster-Affäre“ (bitte selbst in die Suchmaschine des Vertrauens eingeben), in deren Verlauf eine Lehrerin eine Schülerin übelst gemobbt haben soll. Sodann hätten wir noch das bislang recht renommierte Dortmunder Institut für Kinderernährung, das sich Empfehlungen (etwa für „Fruchtzwerge“) offenbar mit Hersteller-Honoraren hat vergüten lassen. Und schließlich noch eine Zoo-Farce, in der mit angeblicher Billigung und tätiger Unterstützung des Direktors Männerakt-Aufnahmen in den Gehegen entstanden sein sollen. Sodom und Gomorrha?

Sagt selbst: Gibt es eine Stadt in Deutschland, die mehr unfreiwillige Komik zu bieten hat?

Mal ganz abgesehen davon, dass inzwischen die eine oder andere Ausstellung, diese und jene Aufführung ins Land gegangen sind. Aber mit unsinnigen Ansprüchen auf Vollständigkeit plagen wir uns ja eh nicht.

Trotzdem kommt man sich fast vor wie bei jener Baumarktkette, die dröhnend kundtut: „Es gibt immer was zu tun.“

Na gut. Packen wir’s an!




Gegen die Wand – eine milde Brandrede

Muss alles erst in den USA ausbaldowert werden, kommerzialisiert oder erfunden werden, bevor es nach Europa schwappt? In der Popmusik war das so (Ausnahme: Beatles), in der Filmgeschichte sowieso, in der Mode ab und an, im Bereich political correctness bis zum Erbrechen. Endlich und sicher zu spät protestieren dort in den Zentren (wie immer, denn der Landmann will ein Cowboy sein) die Menschen gegen all das, was das soziale Gefüge in Gänze zu zerstören droht: Gegen das Finanzsystem. Man konnte auch sagen: Gegen kriminelle Dummheit und Angst der Entscheidungsträger in der Politik, die es sicher nicht mehr sind, aber meinen, es noch sein zu können if they still have guts.

Deutschland schläft und die, die Autos abfackeln, sind dumme Pappnasen. Hier liegt man am liebsten auf dem Sofa und meckert. Diese ganze geistkorrupte Bande, eine Melange aus Mainstreamern des Kapitalismus und Staatsträgern, sind ein Gräuel und wir merken es nicht – besser gesagt: wollen es nicht merken. Man kann ja nichts machen.

Nun wäre es ja der Lauf der Dinge, wenn diese Bewegung auf Europa abstrahlt und man sich hier mal traut, auf die oft zitierte Kacke zu hauen, die Börse besetzt, Bankkonten auflöst. Die Griechen protestieren in ihrem Interesse, die spanische Jugend wird endlich mal laut. Die Briten hauen Nachbars Garten kaputt. Wohin mit der Wut, mit der Ahnungslosigkeit, mit dem Gefühl, verarscht zu werden? Und hier geht es nicht um den niedlich als Wutbürger bezeichnen Mitmenschen. Vielleicht gibt es ja bald den Wutburger bei McDonalds, so wie alles schnell vermarktet wird. Hier geht es um eine fast globale Tendenz, die Gemeinschaft hinters Licht zuführen. Der virtuelle Finanzmarkt hat alle infiziert. Jede Stimme, doch vernünftig zu bleiben, schleimt durch die Polit-Talk-Shows. Hunderte von Experten erklären, warum es so ist, wie es ist und jeder erklärt es anders.

Derweil werden in Griechenland die Armen zu Bettlern, in Ungarn tobt der ungebremste Nationalismus, in Russland schmieren sich die Neureichen Goldstaub aufs Brot.

Vielleicht gibt es ja bald genügend Mutbürger, die Dinge machen, die nicht vernünftig sind.

 

(Foto: Bernd Berke)




Dortmunder Saufraum – Never ending story

Jetzt will die Dortmunder Verwaltung den Saufraum, der tatsächlich so genannt wird, in einer ehemaligen Kneipe unterbringen. Besser geht’s wirklich nicht. Das kann man nicht erfinden. Gag-Schreiber würden damit vom Hof gejagt. Das zeigt wieder einmal, dass die Wirklichkeit die besten Zoten bietet. Im ehemaligen „Gypsy‘s“ noch dazu. Ich schlage vor, den Namen beizubehalten. Das wirft wenigstens ein paar Klischees durcheinander. „Schluckspechte beim Zigeuner“ – ein schöner BILD-Titel.

Aber inzwischen beschleicht mich die Vermutung, es handele sich hier um den einzigen und wirkungsvollen Schabernack, die sich eine Kommune leistet. Der „Saufraum“ ist eine Erfindung und wird zu einem Kunstprojekt. Ob da Jochen Gerz seine Finger im Spiel hat? Vielleicht gibt es dafür schon Besucherschulen. Kann sein, dass der Saufraum Schule macht – vom Bezirkssaufraum, über den regionalen zum Landes- und Bundessaufraum. Hier sind Witze jeglicher Art wegzulassen.

Es gibt sie schon fast zwei Jahre: die Saufraum-Diskussion in Dortmund. In der Nordstadt soll der öffentliche Trinker aus dem Straßenbild verschwinden und sich, zusammen mit Kumpanen, in einem Raum treffen, wo der unkontrollierbare Alkoholkonsum zumindest unter Beobachtung steht, von Fachpersonal, nicht von Kindern. Der Grüne Ordnungsdezernent, Herr Seitz, will ihn immer noch durchsetzen und die SPD findet das humorfrei immer noch fies.

Der Begriff „Saufraum“ ist mir nicht subtil genug. Er stammt von den Erfindern in Kiel. Hier im Ruhrgebiet gibt es doch das schöne Wort „Trinkhalle“. Man könnte auch „Raum zur Einnahme von Flüssigkeiten mit alkoholischem Gehalt“ sagen. Das hat was Wissenschaftliches. Der Saufraum könnte eine Humorinitiative der Stadt, ja, der ganzen Region sein. „Im Pott im Saufraum saufen!“ Dazu käme dann mittwochs der DJ der Blaukreuzler und hätte seine Dubliners-Plattensammlung dabei. Singen soll helfen und ist für manche ernüchternd.

Überhaupt sammelt der Mensch, nicht nur der Deutsche, bestimmte Gruppen in Kasernen, seien es Tiere in Zoos, vermeintlich Bekloppte in Klapsen, Kinder in Gärten und Erholende in Erholungspark, warum also nicht Trinker in einem Saufraum oder Raufer in einem Raufraum. Das hielte die Straßen sicherer und sauberer und man könnte hingehen und sagen: „Schau da, die Säufer!“ Gehört die mitgeführte Bierflasche nicht schon zum traditionellen Bild des Ruhrgebietlers? Öffentliches Trinken findet vor, bei und nach jedem Fußballspiel statt, bei allen Schützenfesten und sicher auch allen Hochzeiten und Beerdigungen. Zaun drum und der mobile Saufraum ist fertig.

Wenn man das gesellschaftliche Problem des Abdriftens nicht in den Griff bekommen kann und wird, sollten wir es dann nicht hinnehmen müssen, dass die Welt des Menschen ist wie sie ist? Ich will auch nicht, dass man mir vor die Tür kotzt oder dass ein Trunkenbold mir den Grünen Tee wegbolzt.

Seven drunken nights (The Dubliners)

As I went home on Monday night as drunk as drunk could be

I saw a horse outside the door where my old horse should be

Well, I called me wife and I said to her: Will you kindly tell to me

Who owns that horse outside the door where my old horse should be?

Ah, you’re drunk, you’re drunk you silly old fool, still you can not see…




Drei Meldungen – drei Erkenntnisse

Ich war mir nicht so sicher, ob diese Zeilen in ein kulturgeneigtes Medium wie dieses gehören, doch dann fiel mir ein, dass auch Kabarett als Kultur angesehen wird, dass auch Satire eine Kunstform darstellt, und so fragte ich mich, warum solle dann nicht auch Realsatire künstlerischen und kulturellen Beobachtungen unterworfen werden.
So seien sie denn genannt, die meiner Ansicht nach verwirrendsten Nachrichten des Tages:

Kanzlerin und Kabinett sind völlig perplex, weil die Herren Putin und Medwejew planen, wieder ihre Rollen zu tauschen.

Ein Herr Dirk Pfeil, hauptberuflich Insolvenzverwalter, ehrenamtlich FDP-Lenkungsfunktionär, hat das Rätsel gelöst: Nicht seine Partei ist zu dumm, die richtige Politik zu machen, die Wählerinnen und Wähler werden bewusst zu blöd gehalten (vermutlich von den politischen Konkurrenten), um die Politik der FDP zu verstehen.

Und dann noch Standard & Poor’s – ja, das ist eine von den drei mächtigen Rating-Agenturen in den USA, die ganze Länder in den freien finanziellen Fall herabstufen können. Also, Standard & Poor’s droht Strafverfolgung, weil sie während der Finanzkrise 2007 ein Hypothekenpapier falsch bewertet haben, und zwar so, dass sie offenbar gegen amerikanische Wertpapiergesetze verstießen.

Was lehrt uns das alles?
1. Es darf getrost deutsche Regierungen geben, die einerseits ganze Währungssysteme retten wollen, aber beim nächstliegenden Vorgang in der Außenpolitik ins Staunen geraten. Genauer: Naiv zu sein, ist kein Kabinetts-Ausschlussgrund.

2. Man kann durchaus mit Fingerspitzengefühl (siehe Opel) ein großes Unternehmen treuhänderisch durch eine schwere Situation lenken wie Herr Pfeil, und dennoch so dämliches Zeug erzählen, wie er das als führender Liberaler tut. Genauer: Es ist derzeit anscheinend Eintrittsvoraussetzung in die FDP, dass man nachweislich dazu in der Lage ist, quasi im Handumdrehen Quatsch von sich geben zu können.

3. Finanzexperten der höchsten Qualität zeichnen sich gegenüber denen, deren Geld sie waschen, aus, dass sie einem Schlüssel besitzen, der sie wieder ins Freie treten lässt, wenn sie die Kunden besucht haben. Genauer: Kriminelle Energie gehört anscheinend zum Erfolg mancher, die als Banker vor Seriosität beinahe platzen.

Das waren sie, die drei Top-Meldungen des Tages – und ich bin sicher, ich fände noch mehr, wenn ich mich nur bemühen würde.




Das Ruhrgebiet war gegen Nazis nicht immun: Schon 1932 füllte Hitler die Westfalenhalle

Die Neonazis beunruhigen Dortmund – zu Recht. Ein kleiner historischer Abstecher zeigt nämlich, dass das Ruhrgebiet keineswegs immun war gegen die Nazis um Hitler.

Die alte Westfalenhalle (Foto: Stadtárchiv Dortmund)

Vor gut 85 Jahren, Mitte Juni 1926, kam der Anführer der Nationalsozialisten zum ersten Mal ins Ruhrgebiet. Wegen seiner persönlichen Kontakte zu den Hattinger „Parteigenossen“ begann Hitler seine Rundreise in der Stadt Hattingen. Im Lokal „Märker“ traf er sich mit den örtlichen NSDAP-Mitgliedern, und auf der Treppe vor dem Lokal entstand ein Erinnerungsfoto, auf dem zum ersten Mal auch die Mädchengruppe der NSDAP Hattingen zu sehen ist. Anschließend fuhr Hitler weiter nach Bochum, Elberfeld und Essen, wo er jeweils vor großen Versammlungen seine umjubelten Reden hielt. Die Polizei hatte darauf bestanden, dass diese Kundgebungen als „Mitgliederversammlungen“ aufgezogen wurden, was den Ortsgruppen natürlich entgegen kam. An den Eingängen mussten die Zuhörer Personalausweis, den Partei-Mitgliedsausweis und eine Einlasskarte vorzeigen, und dennoch waren die Versammlungen überfüllt. Wer noch nicht Mitglied war, wurde gleich an der Kasse aufgenommen. Allein für Bochum schätzte die Polizei die Teilnehmerzahl im Evangelischen Gemeindehaus auf etwa 1000.

Im März 1932 war Hitler wieder einmal im Ruhrgebiet, und diesmal sprach er in der Westfalenhalle vor mehr als 18.000 begeisterten Anhängern. Es ging um die Reichspräsidentenwahl, in der Hitler später gegen den Amtsinhaber unterlag.

Bei den letzten freien Reichstagswahlen am 6. November 1932 erhielt die NSDAP entgegen ihren Erwartungen „nur“ 33,1 Prozent der Stimmen. Sie verlor reichsweit 34 Mandate, allerdings lagen die Verluste der Nazis im Ruhrgebiet unter dem Reichsdurchschnitt. Es gibt also im Revier keinen Grund, von einer besonderen Resistenz auszugehen.




Denkwürdige Vokabeln (2): „Märkte“

„Märkte“, sie herrschen, sie beherrschen Schlagzeilen, sie haben die Macht, politisches Handeln zu steuern – nur, wer oder was sind diese „Märkte“, namentlich die Finanzmärkte?

Nun, erst einmal sind sie in der Mehrzahl, was einerseits den Vorteil hat, dass sie Überzahl signalisieren, weiterhin den Vorzug mit sich bringt, Anonymität zu heucheln.

Dann scheinen sie ebenso menschenleer zu sein wie seelenfrei. Sie haben nur ein wirklich signifikantes Merkmal: Sie sind ungemein empfindsam und reagieren postwendend auf ein wie auch immer geartetes menschliches Fingerschnippen.

Weiterhin scheinen diese „Märkte“ ein stillschweigendes gemeinsames Einverständnis zu haben, jeden gegen sie gerichteten Angriff, wo er auch auf der Welt von wem geführt wird, mit einem Tsunamigleichen inneren Beben zu beantworten, und zwar weltweit im Gleichschritt. Wohlgemerkt, dies alles geschieht offenbar ohne jedes menschliche Zutun – „Märkte“ sind autonom und ihre Reaktionen kommen Naturereignissen gleich.

Dass möglicherweise hinter diesen Märkten doch noch so ein Pole Poppenspäler, so ein Josef Ackermann in jeweiliger Landestracht stehen könnte, muss natürlich ausgeschlossen werden. „Märkte“ lassen sich nicht von Menschen lenken, sie sind gelenkt, dass sie Menschen lenken.

Stelle ich mir nur solche blöden Fragen und gebe mir Antwort, oder unternehmen das auch die Kolleginnen und Kollegen, die so unverdrossen veröffentlichen, dass die „Märkte“ mal wieder nervös werden? Sicher nicht durch mein Geschreibsel.

Ausschnitt aus den heutigen Finanzmarkt-Tabellen der FAZ (Bild: Berke)




Denkwürdige Vokabeln (1): „Rechtspopulist“

Wieder einmal sorge ich mich – vermutlich ohne jeden Grund – um die Deutlichkeit der deutschen Sprache, sorge mich darum, dass sie da und dort einem Interessenmissbrauch unterliegt – vermutlich ebenfalls grundlos – sorge mich zudem, dass hinter dergleichen Missbrauch System stecken könnte – selbstverständlich auch ohne jeden Grund.

„Rechtspopulismus“ oder „Rechtspopulist“ – häufig gehört oder gelesen, nie ordentlich wahrgenommen oder selbst durchdacht. Was will diese sprachhistorisch noch frisch geborene Vokabel uns nur sagen? Also mir sagt der Begriff „Rechtspopulist“, dass es sich bei dergestalt bezeichneten Menschen um recht Rechte handelt, die indes im öffentlichen Meinungsbild nicht rechts genug sind, dass man sie mit dem „altertümlichen“ Faschist, Neonazi oder Nazi titulieren könnte. Jörg Haider im benachbarten Österreich wurde einst dieses Etikett verpasst, bisweilen wäre es auch für den deutschen Kollegen Jürgen Möllemann passend gewesen – allerdings eint beide der Umstand, dass sie von mittig einsortierten Parteien zwar skeptisch beäugt, jedoch nicht zurückgewiesen wurden. Schließlich wären oder wurden sie ja mal koalitionsfähig.

Beide sind nicht mehr, beide sozusagen Urväter des „Rechtspopulismus“, ihr definierender Begriff aber blieb. Und er änderte seinen Inhalt unmerklich. Merk- und denkwürdige Gestalten in den Niederlanden, in Dänemark, in Finnland oder auch Lendennachkommen des Herrn le Pen in Frankreich, sie alle hängen, in den Medien so beschrieben, dem „Rechtspopulismus“ nach. Also immer ein bisschen unterhalb der faschistischen Reizschwelle operierend.

Doch dann kam es zu Norwegens Breivik, der nicht nur wirres Zeug absonderte, sondern massenmordend auch noch Fanale in sein Land trompeten wollte. Auch diesen Menschen beschrieben die Medien als „Rechtspopulisten“. Da ich nun beim besten Willen nicht mehr erkennen kann, dass diesem Mann ein Handeln unterhalb irgendeiner Reizschwelle unterstellt werden darf, muss ich annehmen, dass große Teile der bundesdeutschen Medien Begriffe vollkommen unbedacht, unüberlegt, unkritisch benutzen. Ich werde sowohl die Medien als auch die Vokabel „Rechtspopulismus“ auch fortan kritisch begleiten. Muss ich mir Gedanken um mich machen…?

Abschnitt aus dem Duden-Universalwörterbuch (Foto: Bernd Berke)




Als der Widerstand wuchs: Gesichter der „Wende“

Des welthistorischen Tages wollen wir auch an dieser Stelle gedenken: Vor 50 Jahren, am 13. August 1961, hat das DDR-Regime mit dem schändlichen Mauerbau begonnen. Doch wir zäumen die Sache von hinten auf und betrachten ein Buch über die „Wende“ von 1989, die diese Mauer schließlich zu Fall gebracht hat.

Gesine Oltmanns (Foto: Dirk Vogel)

Gesine Oltmanns (Foto: Dirk Vogel)

Der Dortmunder Fotograf Dirk Vogel porträtiert in dem Bildband „Gesichter der Friedlichen Revolution“ insgesamt 63 Protagonist(inn)en jener bewegenden Phase deutscher Geschichte. Es sind durchweg aufrechte, anständige Charaktere, deren Lebensleistung hohen Respekt verdient. Unter teilweise großem persönlichem Risiko haben sie Courage in einer Diktatur bewiesen. Auch wenn einige es selbst nicht gerne hör(t)en, so darf man sie wohl Heldinnen und Helden der Zeitgeschichte nennen, Vorbilder weit über den Tag hinaus. Doch selbst Helden sind mitunter fehlbar.

Die kurzen Begleittexte zu den fotografischen Porträts stammen von 23 verschiedenen Autoren, sind also zwangsläufig von schwankender Qualität. Hie und da würde man sich wünschen, die Dargestellten mit deren eigenen Äußerungen wiederzufinden. So klingt manches etwas steril, weil praktisch nur von makellosen Menschen die Rede ist. Das liest sich schon mal wie Hagiographie oder landläufige Nachrufprosa. Ein Buch über Leute, die entschieden Widerspruch erhoben und Widerstand geleistet haben, dürfte ruhig etwas kontroverser sein. Hier aber hat es den Anschein, als würden (hochinteressante) Biographien im Idealzustand eingefroren und somit gleichsam stillgestellt.

Doch mit und zwischen den Zeilen lernt man auch hinzu. Von prägnanten Einzelheiten abgesehen, entsteht nämlich eine Art Typologie des Widerstands. Es werden die verschiedenen Triebkräfte sichtbar, die zur Friedlichen Revolution geführt haben. In erster Linie sind hier kirchliche Anstöße zu nennen. Auch sind die widerständigen Kräfte zuvörderst bürgerlich im traditionell besten Sinne.

Carlo Jordan (Foto: Dirk Vogel)

Carlo Jordan (Foto: Dirk Vogel)

Bei vielen stand am Beginn des Aufbegehrens die Verweigerung des Waffendienstes bei der NVA (Nationale Volksarmee der DDR), also ein im weiteren Sinne friedensbewegter Ansatz. Andere kamen über umweltpolitische Fragen (Tschernobyl, Bitterfeld, AKW-Bau bei Stendal), Frauengruppen oder kulturelle Impulse allmählich zur grundlegenden Kritik am SED-Staat. Fast alle sind von der Stasi drangsaliert worden und haben Haftstrafen verbüßt. Doch man erfährt auch, dass jede auf Einschüchterung angelegte Repression verschärften Widerstand erzeugen kann. Eines steht fest: „Ostalgie“ kann hier wirklich nicht aufkommen.

Im Gegensatz zu den Texten sind Dirk Vogels eindringliche Schwarzweiß-Fotografien (grundsolide aufgenommen mit Leica-M-Modellen der Jahre 1956 und 1963), obgleich den Personen jeweils individuell angemessen, nahezu „aus einem Guss“. Es wird durchweg ein beachtliches Niveau gehalten, Vogel erweist sich als Porträtist von einigen Graden. Schmerzliche und freudige Lebenserfahrungen (welch eine Euphorie hat 1989 geherrscht, die hernach vielfach enttäuscht wurde) meint man den Gesichtern anzusehen, zuweilen auch Charisma, Trotz oder Verzagtheit, mehr oder weniger milde Ironie über die wechselhaften Zeitläufte, doch praktisch keine Verbitterung. Und immer wieder leuchtet in den Gesichtern die spürbare Bereitschaft zur Mitmenschlichkeit auf. Lebensschätze, die in Wort und Bild aufgehoben werden müssen. Nicht zuletzt als Wegzehrung für kommende Zeiten.

Dirk Vogel hat Erfahrungen mit womöglich heiklen, jedenfalls vielschichtigen Themen gesammelt. So hat er sich fotografisch intensiv und leidenschaftlich mit jüdischem Leben in Deutschland, mit Sinti und Roma sowie mit dem Alltag behinderter Menschen befasst. Das alles verlangt Gespür für Nuancierungen und Empfindlichkeiten. Bemerkenswert überdies, dass ein Fotograf aus dem deutschen Westen dieses hauptsächlich östliche Feld bestellt. Vogel war 1989 Bundeswehr-Soldat in Niedersachsen. Als immer mehr DDR-Flüchtlinge kamen, sollte die Kaserne vielen von ihnen zunächst als erste Bleibe im Westen dienen. Die Begegnungen von damals waren prägend.

Walter Schilling (Foto: Dirk Vogel)

Walter Schilling (Foto: Dirk Vogel)

Ein wenig beneidet man den Fotografen, dass er für sein aufwendiges Projekt all diese Menschen der „Wendezeit“ persönlich kennen lernen durfte. Um nur einige aufzuzählen: Wolf Biermann, Marianne Birthler, Bärbel Bohley, Rainer Eppelmann, Lilo Fuchs, Katja Havemann, Roland Jahn, Freya Klier, Stephan Krawczyk, Vera Lengsfeld, Markus Meckel, Matthias Platzeck, Lutz Rathenow, Friedrich Schorlemmer, Konrad Weiss. Und all die anderen. Sie hatten jeweils die Wahl des Ortes und des Ambientes, doch die Kompositionen waren Aufgabe des Fotografen. Man ahnt dieses (niemals feindselige) Widerspiel in manchem Bild.

„Gesichter der Friedlichen Revolution. Fotografien von Dirk Vogel“. Mit einem Essay von Claudia Rusch. Herausgeber: Robert-Havemann-Gesellschaft e. V. (Archiv der DDR-Opposition). 144 Seiten, 19,80 Euro (ISBN: 978-3-938857-10-6)

Hier nochmals der Link zu sämtlichen Fotos des Bandes:
http://vogel-d.de/Frei/index.html
Ausgewählte Bilder sind verschiedentlich ausgestellt worden, u. a. in Berlin.
Am 3. Oktober 2011 (ab 19 Uhr) hält der Fotograf Dirk Vogel einen Vortrag beim Bochumer Kulturrat (Lothringer Straße 36 c) und stellt einige Bilder aus, siehe auch: http://www.kulturrat-bochum.de/index.php?id=141
Nach den Sommerferien 2012 (!) wird die Städtische Galerie Iserlohn alle 63 Porträts zeigen.

Alle Abbildungen sind dem besprochenen Band entnommen (Fotos: Dirk Vogel)




Die unselige Rückkehr eines Bestsellers

Meine mit mir stumm geschlossene Wette habe ich gewonnen. Am Tag, als die allgemeine Nachrichtenlage von ihm beherrscht wurde und der Name von Anders Behring Breivik in alle Sinne geriet, weil seine Taten unzählige Menschen fassungslos machten, an diesem Tag wettete ich mit mir, dass alsbald ein Buch, das nach vielen Wochen des Bestsellerseins völlig aus dem Interessenfokus geraten war, wieder auferstehen werde. Dass Thilo Sarrazins mobswissenschaftliches Epos darüber, dass Deutschland sich abschaffe, wieder zurückkehrt in die Bestseller-Liste des SPIEGEL. Eine Woche nach der grauenhaften Tat war es so weit: Der Sarrazin-Schwachsinn platzierte sich wieder an Nummer 13, derzeit rangiert er auf Platz 14.

Es gab schon einmal einen Wiederaufstieg, als die SPD ihn aus der Partei entfernen wollte. Das freute den Thilo, weil die Verkaufszahlen unvermittelt wieder anschwollen.

Dass Thilo dieses Mal ein freudiges Lächeln übers ansonsten humorfreie Gesicht huschen wird, unterstelle ich ihm nicht. Aber er sollte in ein tiefes, nachhaltiges Sinnieren darüber verfallen, was seine Wirrungen, die er da zu Papier brachte, anrichten. Dass die Wahnsinnstat eines islamophoben Mustergermanen die Verkaufsziffern eines Sarrazin-Buches anschieben, gibt einen Hinweis darauf, was auch bei uns in den Köpfen schnell beirrbarer Menschen angerichtet werden kann, wenn sie sich derartige Literatur ungeprüft und unkritisch reinziehen.

Ich will diesem gewinnsüchtigen Selbstdarsteller nicht unterstellen, dass er dumpfgeistige Gewaltbereite noch befeuern will. Aber ich kann ihm unterstellen, dass er es billigend in Kauf nimmt, dass sein Buch missinterpretiert wird. Und das ist schlimm genug. Wie ahnte Bert Brecht im „Arturo Ui“: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“




Die norwegische Katastrophe oder: Warum der Tod von Amy Winehouse zur Randnotiz wurde

Es sollten einige Gedanken werden, über Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison, Kurt Cobain und nun Amy Winehouse, die jede und jeder nur 27 Jahre alt wurden. Und dass sie allesamt so grenzwertig gute MusikerInnen waren und wohl nur deshalb das leisten konnten, was sie so virtous beherrschten, weil sie parallel dazu das taten, was sie so frühzeitig umbrachte. So blieben sie legendär, und auch Amy Winehouse wird legendär bleiben, ob sie bei You Tube nun volltrunken auf der Bühne zu sehen ist, oder ihre Wahnsinnstimme wuchtig gegen jeden Lebensfrust ansingt.

Aber ehrlich gesagt, je länger die Anschläge in Norwegen vor drei Tagen nachbebten, desto intensiver beschatteten sie jede andere Nachricht. Ich weiß gar nicht, ob ich alle Gründe aufzählen kann, ob sie sich mir erschließen, mir überhaupt je bewusst werden kann, warum der Schatten so weit reicht. Ich will doch versuchen, mich dem ein bisschen zu nähern.

Es gab schon viele Katastrophen und menschenverursachte Anschläge, die ähnlich viele und noch mehr Menschenleben beendeten. Dennoch halte ich das nun Geschehene für bisher einmalig. Denn dieser blond-blauäugig-christliche „Schützer“ des Abendlandes, ein Mustergermane, vermutlich in der eigenen Nachbarschaft auch ein Muster-Norweger, er hat seine offenbar minutiös voraus geplanten Morde anscheinend als eine Art Marketing verstanden. Er gab eilends auf, als Polizisten ihn stellten, provozierte keinen finalen Rettungsschuss eines nervösen Beamten – was ja angesichts dessen, was auf dieser Insel geschehen war, eine verständliche Reaktion hätte sein können. Nein, Anders Behring Breivik wollte die Chance wahren, seine „Botschaft“ zu verkünden, den Menschen zu erläutern, warum er sein Handeln für unausweichlich hielt. Der Mann ist kein Amokläufer, der den eigenen Tod als Fanal und Finale der Tat mit einplant. Er fühlt sich als messianischer Verkünder einer Botschaft – in seinen Augen der Botschaft drohenden gesellschaftlichen Unheils.

Es gab schon viele menschenverursachte Taten, viele, die unmenschlich erschienen. Aber dieser Anders Behring Breivik blieb anscheinend zu jeder Sekunde dieses schrecklichen Tages kühl, voraus berechnend emotionslos. Er schaute jungen Menschen in die Augen und tötete sie mit einer Pistole, er peilte sie über die Zeileinrichtung seines Gewehrs an und sah wohl mehr oder weniger ungerührt zu, wie sie umfielen. Das ist schon eine andere Dimension als die eines Bombenanschlages, wenn auch in der grausamen Wirkung gleich. Diese Art des Anschlages setzte er nach polizeilichen Ermittlungen kurz zuvor in der Hauptstadt Oslo um, damit auch die Regierung wisse, dass sie gemeint sei. Anders Behring Breivik suchte geradezu diesen „Kontakt“, wollte keine Anonymität. Er war ja auch in seinen eigenen Augen kein Täter, sondern Botschafter, vielleicht sogar Prophet. Und die Opfer, junge Menschen, die fröhlich den Sommer im Ferienlager verbringen wollten, sie waren keine Opfer, sondern – in der kruden Fantasie des „Jägers“ – Bannerträger des Kulturmarxismus, was immer das auch sein mag.

Der Mensch als solcher hat wohl von jeher seinen jeweiligen Gesellschaften Gläubigkeit verordnet, höheren Wesen die Verantwortung für das Schicksalhafte weitergegeben, Weltanschauungen erdacht, damit erklärbar wurde, was zu den jeweiligen Zeiten noch nicht so schlüssig erklärbar schien – kurz, er schuf sich Religionen. Und weil im Laufe der Jahrtausende immer mehr und immer neue Anschauungen hinzu kamen, einige Religionen es unternahmen, missionarisch tätig zu werden, wuchs langsam aber sicher immer stärker die Angst vor dem Neuen und Unbekannten – was keineswegs auf eine Region oder eine Religion beschränkt blieb.

Und weil die jeweils missionierende Religion ihre Anschauung oder ihre Weltsicht für die einzig wahre und gültige hielt, wuchsen aus der jeweiligen Heimat und der Sicht auf die Dinge und weltlenkenden Göttlichkeiten Alleinvertretungsansprüche. Und entlang des geschichtlichen Strahls entdeckten die Alleinvertreter natürlich auch Minderheiten, vor denen man die Mitmenschen Furcht lehren konnte, die für Pest oder ähnliche zeitgenössische Bosheiten der Umwelt verantwortlich waren. Derzeit werden im westlichen Europa gern mal die Muslime haftbar gemacht…

So auch bei Anders Behring Breivik, der nach den bisherigen Erkenntnissen gern das Armageddon voraussagte, natürlich in Form anonymer, quasi vermasster islamischer Horden, die vor nichts und niemandem Halt machen. Norwegen wird zu klein für den „Ansturm“, 1,6 Prozent Muslime bei knapp fünf Millionen Einwohnern. Dabei ist gerade Norwegen in unsere Augen doch traditionell tolerant, ist als reiches Land relativ geschützt vor um sich greifendem Sozialneid, scheint durch seine ungeheure Weite eher erfreut über Zuwanderungsinteresse. Wird auch sicher alles so sein, aber es wird immer hoffähiger nicht so zu sein, ob das in Finnland, in Dänemark, Norwegen oder direkt vor unserer Türe geschieht.

„Hoffähig“ würden solche Gedanken gemacht, sagte heute Morgen jemand im WDR-Tagesgespräch. Unter anderem durch jene, „die schreiben, was sich offen auszusprechen andere nicht trauen“. Sofort fiel das Stichwort „Sarrazin“. Diese Gattung pseudowissenschaftlicher Schnellschreiber, die Millionen damit verdienen, dass sie als sehr ernst zu nehmende Persönlichkeiten und mit verfeinertem Sprachgebrauch das aussprechen, was andere nur am Tresen gut abgefüllt von sich lallen würden. Oder nicht so ernst zu nehmende Menschen wie Udo Ulfkotte es publizieren oder in den Internet-News des Kopp-Verlags von Eva Hermann verlesen lassen. Islamophobie hat Modecharakter, man kann sich eines Vokabulars bedienen, das verwissenschaftlicht klingt und kann dennoch braune Gedanken gut blondiert verkaufen.
Jedem so gestrickten Veröffentlicher sollte massiver Widerstand begegnen, eine Form Widerstand, die ihn lächerlich macht, seine gedankenlose Fehlsicht publik macht, sein Vokabular auf das reduziert, was es darstellt: grunddumme Hetze.

Das waren sie, ein paar Gedanken der schlafarmen Nacht. Amy Winehouse kam in dem Gedankenwust auch immer wieder vor. Aber sie geriet zur Randnotiz. Gleichwohl bedauere ich ihre zukünftige Abwesenheit ebenso wie die von Janis Joplin damals – lang her.

Tagespresse vom 25. Juli 2011 (Bild: Bernd Berke)




Kultur und Infrastruktur

Wer es besser weiß, der möge mich ohne jede Hemmung korrigieren – das gilt übrigens stets und ständig, wer ist denn schon von Irrtümern verschont? Aber hat irgendwer einmal davon gelesen, dass ernst zu nehmende Menschen aus dem noch ernster zu nehmenden Bereich der Betriebs- oder Volkswirtschaft einen Straßenbau angezweifelt hätten, weil dieser sich womöglich nicht rechnen könnte – oder gar ein Minus gebären könnte?

Ich weiß, niemand käme auf solch eine ungeheuerliche Idee. Hingegen geht so etwas pfeilschnell, wenn Theater oder Orchester oder Museen nicht das einspielen, was der ernst zu nehmende Betriebs- oder Volkswirt errechnet hat. Oder wenig ernst zu nehmende Politiker.

Im kulturell noch immer beseelten Hagen war vor gar nicht allzu langer Zeit das Theater (wie vielerorts) flink zur Disposition gestellt, wenige Hände hoben sich für Bestandspläne, wenige Stimmen waren so vorlaut, Schließungsgedanken ins Reich der Absurdität zu debattieren.

Im wesentlich kleineren Unna entspinnen sich Auseinandersetzungen um die Finanzausstattung des internationalen Lichtkunstzentrums, deren Niveau an provinzieller Qualität schneller zulegt als „The Biggest Loser“ im Mob-TV abnehmen könnte.

Beispiele gibt es noch reichlich, Städte mit ergänzungsbedürftiger Fernsicht ebenfalls. Sie haben alle eines gemeinsam, dass sie nämlich um den Erhalt von gesellschaftlicher Infrastruktur streiten. Nichts anderes sind Theater, Museen, kulturelle Einrichtungen insgesamt, aber auch (man möge mir vergeben, dass ich dergleichen Alltägliches in Augenhöhe erwähne) Schwimmbäder oder Sportplätze und Turnhallen. Sie sind ebenso wie Straßen, wie Autobahnen oder Schienenstränge lebensnotwendige Infrastruktur.

Ich komme noch einmal auf die besagten Straßen zurück. Während sich furchtbar gern und ultra populistisch darüber gestritten wird, ob x-tausende Euro besser für Kindergärten oder Schulen angelegt sind als für ein Kultur-Objekt, werden Straßenbaupläne durchgewunken und abgenickt in einer stets silberpfeiligen Geschwindigkeit. Allenfalls zwisten Grüne bei diesem Thema, sie sind aber mit ausreichend begleitenden Radfahrgelegenheiten (selbstverständlich asphaltiert) zu sedieren.

Hingegen ist die „Hinterfragebereitschaft“ bei kulturellen Angeboten wesentlich ausgeprägter.

Ich kenne das nur aus den Lagerfeuer-Erzählungen noch erfahrenerer Menschen. Nach dem Krieg, Straßen und Schienenstränge, viele Autobahnen und Städte waren zerschlissen und zerstört – da sorgten zwei Männer namens Alfred Gleisner und Hubert Biernat im Kreis Unna dafür, dass die Keimzelle für ein Landesorchester gelegt wurde. Es existiert heute noch unter dem Namen Neue Philharmonie Westfalen. Hatten die denn keine anderen Sorgen?

Gute Frage – noch bessere Antwort: Die hatten erkannt, dass Straßen und Schienenstränge wieder aufgebaut werden können, dass aber, wenn man den Wiederaufbau der Menschen vernachlässigt, man irreparable Schäden hinterlässt.

Noch einmal zurück nach Hagen. „Sieben Sagen“ titelte das 3. Familienkonzert des Philharmonischen Orchesters Hagen. Wolfram Buchenberg hatte diese Musik für die Ruhr und ihre sagenumwobene Geschichte komponiert. Und wer miterlebte, wie begeistert Schulkinder sich als Teil des Orchesters einbrachten, sich vom Dirigenten Florian Ludwig lenken ließen, als hätten sie nie etwas anderes getan, wie sie nahtlos zum Teil eines Kultur-Betriebes wurden, der verschwendete keinen Gedanken daran, die roten Zahlen den Kindergärten und Schulen gegenzurechnen. Auch Infrastruktur, wie ich meine, die man nicht antasten würde, so lange es ausreichend junge Menschen gibt.




Das wandernde Tagebuch

Wie man dazu kam, wer weiß das schon?

Im Nachhinein kann man viel behaupten,

tut es dann vielleicht auch,

weil es mit der Erinnerung nicht soweit her ist.

Kurze Erinnerung.

Kleine Festplatte, auch genannt Hirn.

Aber immer behaupten, man wüsste es.

Ach, Frau Koch-Mehrin, damals bei Plasberg.

Und was kam noch alles danach,

vom Davor ganz zu schweigen.

Koch-Mehrin, was für ein Name !

Plötzlich tauchte die auf.

Blond und langbeinig, kein Mutter-Typ wie U.v.d.L. –

hier gemeint der Mutter-Typ des neuen Jahrtausends,

also nicht: Mütter aller Länder vereingt euch! –

das ist längst Vergangenheit.

 

In der Vergangenheit sitzt auch Camus und ruht.

Der gute Albert.

Oh Tipasa.

„Hochzeit des Lichts“

Und dabei ist es so finster…

Eine erschreckende Dunkelheit herrscht in deutschen Talkshow-Studios.

Und nicht nur dort.

Die UNTHINK-TANKS und ihre Truppen, haben ganze Arbeit geleistet.

So wie Mütter andere geworden sind,

so hat sich auch die Kriegsführung verändert.

Nur Guido Knopp will es nicht wahrhaben. Der tapfere Guido.

Der scheint jeden Morgen in der Sowjetunion aufzuwachen.

Und was macht eigentlich Guido II ?

Darf der noch?

Nach all dieser politischen Dekadenz.

Es war schon schwer das Maß zu überschreiten,

aber Guido hat es geschafft.

Und andere auch, aber nicht so wie Guido.

Zauberlehrlinge, die sich als Zauberer ausgeben.

Blond und langweilig, wollte in den Forschungsausschuss der Europäischen Union.

Da wachte manche Schnarchnase auf, spät, aber immerhin.

Man konnte ja mal was sagen, es half zwar nicht unbedingt,

aber man war für ein paar Minuten wenigstens mal wach.

Selbst der eine oder andere deutsche Literat hegte kurz

den Gedanken, die Seichtgebiete zu verlassen,

verwarf ihn dann aber wieder,

als er auf seinen Gehaltsstreifen schaute.

Dafür reicht es und dafür reicht es nicht.

Das ist ein gängiger Abwägungsprozess,

ob im Sport, in der Literatur, in der Politik, im Journalismus –

ja selbst in der Küche spielen sich solche Prozesse ab.

Es ist frühmorgens und man wägt ab,

ob der Kaffee noch reicht…

Man denkt an Camus und Algerien.

Ach, Algerien. Da sind die Tassen kleiner.

Wenn man also das algerische Maß zugrunde legen würde,

dann reichte auch der Kaffee.

Demzufolge ging es auch um Maßeinheiten, aber nicht vor allem.

 

„Das Maß ist voll!“ – dieser Satz und seine Bedingungen,

sind andere geworden.

Auch wenn Guido Knopp jeden Morgen in der Sowjetunion aufwacht,

heißt das nicht, dass Griechenland, Portugal und Spanien nicht

existieren Und wenn Frau Koch-Mehrin ihre Rechentheorien

so hart, aber nicht fair – in die Kameras verteidigt und vereidigt,

heißt es eben noch längst nicht,

dass das so ist.

Aber es wird durchgewunken.

Lange Zeit wird es durchgewunken.

Gleis frei für den ICE Guido, Gleis frei für den

Europa-Express Blondi.

Die Bediensteten des deutschen Journalismus stehen am Bahnsteig und staunen.

Manchmal sind sie auch ratlos.

Aber dann rauscht wieder so ein ICE an ihnen vorbei

und er ist schon weg, bevor sie ihr Laptop ausgepackt haben.




Monegassische Hochzeiten

Briefmarken, Fußball und Skat als Einbürgerungshilfen eines Ösi im Revier

Den Übergang vom Ösi zum Wösi (damals hieß das noch nicht so) schaffte ich mit 10 bei den etwa Gleichaltrigen durch das Fußballspielen, das ich im Essener Norden auf der Bleiche hinter unserem Kruppschen Wohnblock spielerisch lernte – und auf den abgeteilten Wiesen hinter den Häusern gegenüber, sowie auf unserer kaum befahrenen Sackgasse zwischen diesen Häusern, der Heegstraße nämlich, die heute zu einem großen Teil der in den 70er Jahren neuen Straßenführung von Essen nach Bottrop zum Opfer gefallen ist, und mit ihr die Häuser natürlich auch. Wenn wir heute mit dem Auto von Bottrop nach Essen fahren, fahren wir gleichsam durch unser Schlafzimmer. Virtuell natürlich. Aber wer weiß noch davon?

Skatspielen war auch wichtig. Das lernte ich ebenfalls mit 10 und durfte sehr bald (welch hohe, welch wirkliche Auszeichnung!) mit den alten Kruppianern und staublungigen Bergleuten, Rentnern und Frührentnern also, nach Herzenslust mitspielen. Und zwar immer bei uns, in der von meinem Opa, dem aus Ostpreußen stammenden und ebenfalls und maßgeblich Skat mitspielenden ehemaligen Walzwerker, gezimmerten Laube, die vordem ein Hühnerstall war. Da ging’s hoch her! Und auch meine Einbürgerung bei den Erwachsenen war hierdurch gelungen.

Als Konstante hatte ich meine Briefmarkensammelleidenschaft aus Salzburg mitgebracht. Damals sammelten noch viele Kinder und Jugendliche und Erwachsene Briefmarken. Und so gab es auch hier Anknüpfungspunkte und Übergangshilfen. Naheliegenderweise sammelte ich schwerpunktmäßig österreichische und deutsche Marken; lernte dadurch viel Geschichte, Erdkunde und vieles andere Wissenswerte kennen; sammelte aber auch Motivmarken aus dem Bereich vor allem der Tier- und Pflanzenwelt und des Sportes; nachdem ich zuvor eine ganze Zeit lang alle Briefmarken, die mir irgendwie in die Finger gekommen waren, also gestempelte und ungestempelte, geschnittene und gezackte, dreieckige und viereckige, aus welchem Land und aus welcher Zeit auch immer, in meine Sammlung einbezogen hatte.

Als ich vor einigen Tagen nun aus den Fernsehnachrichten, da bildbegleitet, wie nebenbei erfuhr, dass bei der aktuellen Fürstenhochzeit in Monaco ein Block Briefmarken mit dem neuvermählten Paar herausgegeben würde, fühlte ich mich sofort an meine einstige Sammelleidenschaft erinnert. Ich holte seit langem mal wieder meine alten Briefmarkenalben heraus und stieß gezielt auf meine monegassischen Marken der 50er-Jahre. Die drei Marken mit der Einzelansicht des Fürsten Rainier III fielen mir gleich ins Auge, auch die monegassischen Marken zu den Olympischen Spielen von Helsinki 1952 usf., vor allem aber, die fünf Briefmarken, die ich eigentlich gesucht hatte: die Marken mit dem damals Schlagzeilen beherrschenden Hochzeitspaar vom 19. April 1956. Dennoch war und bleibt das Jahr 1956 in meinem Gedächtnis vor allem das Jahr des am Radio von mir bewusst mitbekommenen Ungarnaufstandes und der fast gleichzeitigen Suezkrise, von der ich nur ein wenig zeitversetzt – in wieder aufgeweckter Erinnerung daran – ägyptische Briefmarken mein eigen nennen durfte.




Entnazifizierung im Revier: „Darum war ich in der Partei“

Über die Befreiung des Ruhrgebiets vom Nationalsozialismus durch alliierte Truppen habe ich hier vor einiger Zeit einige Hintergründe dargelegt. Nun soll es um die Entnazifizierung nach 1945 gehen.

Wenn die Amerikaner und ihre Verbündeten eine Stadt oder Gemeinde befreit hatten, dann setzten sie in der Regel sofort einen unbelasteten Bürgermeister ein. Manchmal brachten sie ihn sogar mit. Gleichzeitig hatten sie genaue Vorstellungen über die geplante „Denazification“. Noch vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht hatten die Besatzungsmächte am 25. April dazu eine Direktive erlassen, die vor Ort durch provisorisch eingerichtete Behörden und den Militärkommandanten umgesetzt wurde. In der britischen Zone, zu der auch das Ruhrgebiet gehörte, arbeitete die Besatzungsmacht mit einem Skalensystem von 1 bis 5. Die Kategorien 1 und 2 landeten vor Spruchgerichten. Dazu gehörten insbesondere Angehörige der verbrecherischen NS-Organisationen wie SS, Waffen-SS und des SD. Später kam die Unterscheidung zwischen A und B hinzu, nach welchen Kriterien Entlassungen aus dem öffentlichen Dienst, aber auch aus „finanziellen Unternehmen“ vorzunehmen seien. Wer unter A fiel, gehörte zu den „zwangsweise zu entlassenden Personen“. Solche Listen gab es wenige Wochen nach Kriegsende auch für Journalisten.

Wie das im Revier praktisch ablief, zeigen die Erlasse des Regierungspräsidenten in Arnsberg. Am 3. Juni 1945 verlangt er, dass sich die noch vorhandenen Mitglieder der Ortsgruppenstäbe der aufgelösten NSDAP „unter Aufsicht zu versammeln“ haben. An Ort und Stelle musste dann eine Liste aller ehemaligen männlichen und weiblichen Mitglieder der NSDAP in der jeweiligen Gemeinde angefertigt werden. Die beteiligten Funktionäre mussten eine eidesstattliche Erklärung abgeben, außerdem waren die Parteimitglieder nach dem Grund ihres Eintritts in die NSDAP zu befragen. Am 15. Juni seien die Listen abzugeben, eine Abschrift erhielt der Militärkommandant, bei wahrheitswidrigen Angaben drohte „strengste Bestrafung“.

Für das damalige Amt Milspe-Voerde – heute das Gebiet der Stadt Ennepetal – sind im Stadtarchiv diese Listen der einzelnen Ortsgruppen, nach Zellen geordnet, erhalten geblieben. Daraus ergibt sich zum einen, wie stark die Bevölkerung mit Funktionären der NSDAP und ihrer Gliederungen durchsetzt war, und zum anderen, wie feige die Menschen nach der Befreiung mit ihrer persönlichen Geschichte umgingen. Als Gründe für den Parteieintritt am häufigsten genannt wurden: Zwang der Behörden, Überredung durch die eigenen Kinder, Übernahme durch den BDM, wegen der Arbeitsstelle, wegen langjähriger Erwerbslosigkeit, Überredung durch die Frauenschaftsleiterin, aus taktischen Gründen (sehr oft genannt), wegen Aufforderung durch den Ortsgruppenleiter, um den Ehemann vor Angriffen seitens der Partei zu schützen, weil man es für einen guten Zweck hielt, um eine sichere Existenz zu bekommen, aus geschäftlichen Gründen, um im Beruf zu bleiben, weil man ohne Wissen übernommen worden sei.

Seltener werden die Gründe genannt, die wahrscheinlich für die meisten ehemaligen Parteimitglieder eher zutrafen: aus politischer Dummheit (mehrfach genannt), aus Überzeugung (nur wenige Nennungen), weil man Fanatiker war oder einfach „aus Dummheit“.
Einige Befragte machten auch persönliche Angaben: Ein Gastwirt sei nur eingetreten, um eine Konzession zu bekommen, ein anderer war Blockwart und eingetreten, „um meine Familie zu schützen“, ein dritter war körperbehindert und fühlte sich gezwungen, der Partei beizutreten, ein vierter sei „nur auf Anordnung des Dienstvorgesetzten“ beigetreten. Ein Unternehmer schrieb: „Weil ich im Anfang die Sache für gut und ehrlich hielt.“

Wie man sieht, wurde in den meisten Fällen der Parteieintritt als unausweichlich dargestellt. Einige ehemalige NSDAP-Mitglieder versuchten in dieser Befragung sogar, einen angeblichen Austritt zu konstruieren. Ein Unternehmer aus Gevelsberg schrieb, er sei im August 1944 aus der Partei ausgetreten, und das habe er auch in einem Schreiben am 10. Mai 1945 dem Herrn Amtsbürgermeister mitgeteilt. Zu dem Zeitpunkt war das Ruhrgebiet jedoch bereits mehrere Wochen besetzt, und das Deutsche Reich hatte am 8. Mai bedingungslos kapituliert.

Warum sich zahlreiche Sozialdemokraten und Kommunisten, aber auch engagierte Christen dem verbrecherischen Regime widersetzten und dafür Verfolgung und Tod in Kauf nahmen, die meisten Bürger der Hitler-Partei jedoch mit Überzeugung nachrannten, das bleibt ein großes Rätsel. Wenn man den persönlichen Notizen im Ennepetaler Stadtarchiv glaubt, dann waren es überwiegend sehr egoistische Motive – ohne Rücksicht auf die angekündigten Opfer.

Feierstunde zur Gründung der Stadt Ennepetal 1949




Kriegsende an der Ruhr: Bei Hattingen gab es „Friendly Fire“

Immer im Mai wird in Deutschland an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert. Im Ruhrgebiet erlebten die Menschen diese Befreiung, die es ja objektiv war, in den Wochen von Anfang bis zum 18. April, als die im sogenannten Ruhrkessel eingeschlossenen Soldaten der Wehrmacht kapitulierten. An einige Details dieser Militäraktionen soll hier erinnert werden.

Für die alliierten Truppen bedeutete die Stadtlandschaft Ruhrgebiet eine gefährliche Herausforderung. Deshalb näherten sie sich mit ihren Panzerverbänden von mehreren Seiten. Bereits am 3. März 1945 hatten deutsche Soldaten die Rheinbrücken in Düsseldorf gesprengt, andere Übergänge folgten. Bei Wesel gelang es britischen und amerikanischen Pioniereinheiten am 23. und 24. März, den Rhein zu überqueren. Nacheinander werden die Städte Dorsten, Dülmen und Hamm befreit. Gleichzeitig näherten sich von Süden durch das Sauerland und das Bergische Land Verbände in Richtung Ruhr. Am 2. April hatten sich bei Siegen die von Norden kommende 2. US-Division und die aus Süden kommende 3. Division getroffen, so dass der geplante Kessel großräumig geschlossen und zugezogen werden konnte.

Bis zum 11. April zogen die südlichen Truppen der Alliierten etwa der heutigen B 54 folgend über Olpe, Meinerzhagen und Kierspe Richtung Hagen, Ennepe-Ruhr und Wuppertal. Wenn es Widerstand gab, wurde mit Panzerwaffen zurückgeschossen, so zum Beispiel in Schmallenberg-Oberkirchen oder in Ennepetal-Voerde. Dort hatte eine deutsche Panzerbesatzung einen amerikanischen Panzer in Brand geschossen. Als Folge gingen zahlreiche Häuser im Dorf durch Granatfeuer in Flammen auf. Unna war am 11. April „überrollt“ worden, wie die Menschen es ausdrückten, während Dortmund von der Wehrmacht kampflos geräumt wurde.

Von Osten aus erreichten die alliierten Soldaten Bochum und die Ruhr, während von Süden amerikanische, britische und belgische Einheiten über Schwelm und Sprockhövel Richtung Hattingen vorrückten. Diese erreichten am Abend des 15. April 1945 den Fluss, doch bevor es zur Teilung des Ruhrkessels durch den Zusammenschluss der alliierten Einheiten kam, lieferten sich die befreundeten Truppen noch ein Gefecht – „Friendly Fire“ genannt, weil man sich nicht rechtzeitig erkannte. Diese und andere Details finden sich in den zunächst als geheim eingestuften Tagesberichten der 8. US-Infanterie-Division, die als Kopien im Stadtarchiv Ennepetal liegen.

Drei Tage später, am 18. April, kapitulierte die deutsche Wehrmacht im Ruhrkessel. Etwa 350.000 Offiziere und Soldaten kamen in Kriegsgefangenschaft, die meisten lagerten zeitweise in den Rheinwiesen bei Düsseldorf. Die NS-Gauführung hatte sich kurz vor der Überrollung noch einmal in Hasslinghausen versammelt, dann schlug man sich in Zivil in die Büsche.

Am 25. April trafen in Torgau an der Elbe amerikanische und sowjetische Truppen zusammen, am 8. Mai kapitulierte Deutschland bedingungslos – der Krieg war in Europa beendet, im Fernen Osten dauerte er noch bis zur Kapitulation Japans am 2. September.

Wie die Befreier mit den NS-Funktionären umgingen, soll bei anderer Gelegenheit erzählt werden.