Der Grieche ist mein Bruder

Es ist nicht meine Aufgabe, Experte zu sein, nicht meine Aufgabe, alles wissen zu müssen, speziell, wenn es um das globale Finanzsystem geht. Niemand kennt es. Seit Monaten verfolge ich aber die Berichterstattung zu Griechenland und seiner unabwendbaren Pleite. Und – wie immer – gibt es in jeder Talkshow Experten, wie es Experten in jeder Zeitung gibt und weitere bei weiteren Medien. Alle wissen: Der Grieche muss umrüsten. Die Europäer bezahlen die Abwrackprämie, aber nicht an die Griechen, sondern an das Gebilde Staat. Da kommt niemand mit einem Koffer, holt ihn aus dem Kofferraum und übergibt Bargeld an einen anderen auf einem einsamen Parkplatz. Es sind naturgemäß Banken, die das abwickeln. Und abgewickelt ist durch diese kriminelle Soße vor allem der „kleine Grieche samt seiner Griechin“.
Wenn etwas von niemandem richtig durchdrungen werden kann, dann ist alles möglich und die Politik muss politische Maßnahmen ergreifen. So war und ist das auch mit ETEC.

Schlechte Geschäfte

Natürlich gibt es in Griechenland reiche Kerle. Das wissen wir doch alle, mindestens seit Onassis und seiner Sonnenbrille. Und es gibt eine ganze Reihe berühmter Griechen, die wir alle aus Theaterstücken kennen oder als geflügelte Worte mit uns rumschleppen. Odysseus, ja klar. Bei Zeus! Und alle die Anverwandten und Geblendeten. Wer hat da jemals genau durchgeblickt? Da fing die Verwirrung an.
Das Volk, das gemeine, leidet unter den international vorgeschriebenen Leistungseinschnitten. Die Kultur, die Renten, die Mieten, das Leben. Die Reichen verlegen ihr Geld ins Ausland. Der kleine Angestellte oder der Tänzer, sie müssen den Dreck ausbaden. „Es ist eine Karussell, das niemals mehr anhält“, sagt mein Grieche.

Ich bin nach Griechenland gereist, in den Schuldenolymp, habe Athens Orakel befragt, habe mich mit Zeus und Hades, seinem Bruder, dem Gott der Unterwelt, zusammengesetzt und bei einigen Ouzos die Weltordnung umgekrempelt.
Der Ort der alt-europäischen Dekadenz, das Land der Verschwender und Schuldenmacher.
Das Land der Griechen mit der Seele suchend, schweifte ich umher. Ich, der Retter der hellenischen Nation, der Steuerzahler, der seinen letzten Cent in die Antike steckt, damit sie nicht zusammenbricht. Ich hab das alles mit meinem Griechen vorbesprochen.

Eine open-air Bar. Der Kellner braucht Dekaden, bevor er sich sehen lässt. Fehlt mir die Geduld eines Sisifos? Ich sehe Zeus und Dionysos – mir gegenüber und sie lachen mich aus.
„Du bist zu spät“, singen sie.
„Angenehmes Wetter“, sage ich.
„Die Akropolis ist montags geschlossen“, sage ich.
„Das ist skurril“, singen sie.
„Die sind ja bekloppt“, sage ich.
Und wir enden alle drei in einer Bar, wo man mir Aphrodite vorstellt. Ich bin entzückt, falle aber vom Hocker und wache als Esel wieder auf.

Was hat Griechenland mit dem Ruhrgebiet zu tun? Sehr viel. Mein Grieche kommt zum Beispiel aus Griechenland, andere Griechen auch, ob „Poseidon“, „Akropolis“ oder „Mykonos“.
Otto Rehakles kommt aus Essen. Eine Griechin hat die Kulturhauptstadt erfunden. Wir sind auch pleite. Was will man mehr? Sehr viel Verbindendes also.

Die Choreographin Mariela Nestora war bereits mal auf PACT Zollverein. Sie sagt zu unserer Region „Ruhr“. „Ich war in Ruhr“, sagt sie. Und der Hund von Iris Karayan (Ja) heißt Tarmund und alle nennen ihn Dortmund, niemand weiß warum.

Die Griechen sollen sich ihr Leben nicht vermiesen lassen. Hier entstünde ein Land, das sich unter dem Jubel der Unschuldigen zu einem Paradies der globalen Verweigerung entwickelt. Hier würden die Menschen das tun, was ihnen lieb ist und nicht das, wozu sie verpflichtet werden. Ich wache auf, bin kein Esel mehr, sehe wieder aus wie vorgesehen. An der Wand vor mir sehe ich den verschwindenden Traumnebel an einem Strand. Mein Grieche steht dort und winkt mir zu. „Kalinichta“.

Ich erinnere hier an das Stück „Herkules und der Stall des Augias“ von Friedrich Dürrenmatt.

„Aufgrund des ständig anwachsenden Mistes wird das Leben in Elis immer unerträglicher. Deshalb beschließt Augias, Präsident von Elis, zusammen mit seinem Parlament, dem griechischen Nationalhelden Herkules ein ansehnliches Honorar und Reisespesen anzubieten und ihm den Auftrag zur Säuberung von Elis zu übertragen. Sein Sekretär Polybios erinnert ihn an seine gewaltigen Schulden und die Kosten, die die repräsentativen Pflichten eines Helden mit sich bringen.
… Kommissionen beraten in endlosen Sitzungen. Man weist darauf hin, dass unter dem Mist immense Kunstschätze verborgen sein könnten, die durch das Ausmisten verloren gingen. Die Beratungen verschleppen sich so lange, bis Herkules schließlich den ihm gewährten Vorschuss aufgebraucht hat. Herkules, der zudem von Gläubigern bedrängt wird, sieht sich gezwungen, im Zirkus des Tantalos aufzutreten. In dieser aussichtslosen Lage beschließen Herkules und Deianeira gemeinsam, das Land unausgemistet zu verlassen.“ (Quelle Wikipedia)

 




Rüttenscheid erlebt den Tischekrieg – Flashmob soll zeigen, was Gastronomen fordern

Der Bezirksbürgermeister von Rüttenscheid hat sich in letzter Zeit nicht gerade beliebt gemacht bei den Gastronomen. Denn Michael Roy (SPD) trifft häufig Entscheidungen gegen die Außengastronomie in dem ansonsten florierenden Stadtteil im Süden von Essen. Auslöser der Streits waren die Tische am Christinenpark und die Sitzgelegenheiten an der Siechenkapelle. Inzwischen haben zahlreiche Gastronomen genug von den schwer zu erlangenden Genehmigungen und den zahlreichen Vorschriften.

Und auch die Bürger sind in Bewegung gekommen. Die Facebook-Gruppe „Pro Außengastronomie Rüttenscheid“ hatte innerhalb kürzester Zeit rund 2.000 Fans. Ein Flashmob am 4. Juni soll nun zeigen, wie wichtig die Unterstützung der Außengastronomie ist. Dazu sollen um 12 Uhr alle am Flashmob Beteiligten mit einem Stuhl vor der Siechenkapelle auflaufen und sich dort für 30 Minuten niederlassen. Bislang haben sich rund 80 Teilnehmer angemeldet. Ob der Flashmob zum Erfolg führen oder doch nur ein nettes Event wird, bleibt abzuwarten.




US-Kräfte töten bin Laden

Gerade erst aufgewacht und die Welt ist plötzlich ein wenig anders: US-Spezialkräfte haben Osama bin Laden in Pakistan getötet. In seiner Rede erklärte US-Präsident Barack Obama:

The death of bin Laden marks the most significant achievement today in our nations’ effort to defeat al Qaida.

Er hat allerdings auch betont, dass “… the United States is not and never will be at war with Islam.”

Hier das Video von seiner Rede.




„Was du nicht kennst, das schieß nicht tot!“

Durch Zufall ist mir die Juli-Ausgabe des Verbandsorgans „Rheinisch-Westfälischer Jäger“ in die Hände geraten. Welch unverhoffte Chance zum Einblick in eine unbekannte Lebenswelt! Sonst sieht man die lodengrünen Herrschaften höchstens mal auf Halbdistanz, wenn die Meute zur Dortmunder Messe „Jagd und Hund“ schnürt. Was also bewegt denn wohl die organisierten Jäger im Lande?

Zunächst einmal Jagdpolitik: Man zeigt sich betrübt übers Amtsende des bisherigen NRW-Landwirtschafts- und Umweltministers Eckhart Uhlenberg (CDU). Kein Wunder: Verbandspräsident der NRW-Jäger ist der einstige Bundes-Landwirtschaftsminister Jochen Borchert (ebenfalls CDU). Unter den beiden Parteifreunden hat bestimmt bestes Einvernehmen über waidmännische Belange geherrscht, zumal Uhlenberg selbst passionierter Jäger ist. So dürften sie sich z. B. rasch und geräuschlos über die schrittweise Abschaffung der Jagdsteuer geeinigt haben (jährlicher Einnahmeverlust fürs Land: rund 8,3 Mio. Euro).

Wer aber weiß, was Rot-Grün nun im Schilde führt! Da kann es nicht schaden, wenn der Präsident höchstselbst im Editorial einige unverzichtbare Grundwerte markiert. Das Jagdrecht müsse ans Grundeigentum geknüpft bleiben, zudem ans jagdgenossenschaftliche Reviersystem. Auch in Naturschutzgebieten müsse das Jagen weiterhin flächendeckend erlaubt sein. Kurzum: Freier Schuss für freie Bürger!

Vom „Ansprechen“ der Schmalrehe
bis zur Kormoran-Verordnung

Wenn man als Laie von Ansitzdrückjagd, Schwarzwildbewirtschaftung, dem „Ansprechen“ der Schmalrehe oder der Kormoran-Verordnung liest, so schwirrt einem ordentlich der Kopf. Solche Stichworte werden in dieser Zeitschrift mit Kenner-Attitüde nur so hingeworfen, man ist schließlich unter seinesgleichen. Da wird ein den Jägern missliebiges Naturschutz-Gutachten verbal „zerfetzt“, weil es Befunde über Rehe ausgerechnet durch solche über „Weißwedel-Hirsche (!)“ ersetze, was natürlich bitteres Gelächter der Grünröcke hervorgerufen habe. Alles klar?

Die organisierten Jäger, das wird schon beim flüchtigen Durchblättern ihrer Postille deutlich, mühen sich, ihr Tun und Trachten so darzustellen, als stünde es allzeit im Einklang mit der Natur. Das Titelbild mit zwei Rehlein kündet von ungetrübter Idylle. Eine gebetsmühlenartig wiederholte Botschaft: Konflikte „zwischen Jagd und Forst“ gebe es praktisch nicht mehr, das jagdbare Wild könne auch nicht – so wörtlich – „als Buhmann“ für Waldschäden herhalten, wenn man sich die „Verbiss-Situation in deutschen Wäldern“ einmal vorurteilsfrei anschaue. Von Statistiken, die besagen, dass jährlich Tausende Katzen und Hunde der Jägerei zum Opfer fallen, erfährt man hier allerdings nichts.

Der blutige Laie, der sich vielleicht die Jägerei als halbfeudales Halali allhier auf grüner Heid‘ oder gar als wüstes „Abknallen von Tieren“ nebst instinktiver Freude am Schießen und Treffen ausmalt, soll sich gefälligst was schämen. Die Jäger reagieren ja bereits empört, wenn jemand die Herabsetzung ihrer Höchstpachtzeiten fordert. Ideologisch verblendete Widersacher sprächen von „Wohnzimmermentalität“, mit der es sich langjährig abgesicherte Jagdpächter in den Wäldern gleichsam bequem machten. Solch üble Nachrede sei eine „Sauerei“, schäumt das Verbandsblättchen.

Was lesen wir sonst noch? Beispielsweise einen ausgiebigen Autotest des Geländewagens „Daihatsu Terios Pirsch“, der nicht nur so heißt, sondern eigens für Jäger ausgerüstet ist und an Verbandsmitglieder (ebenso wie andere Marken) mit ohnehin handelsüblichen 15 Prozent Rabatt abgegeben wird. Der Test fällt ausgesprochen wohlwollend aus. Blättert man ein paar Seiten weiter, ahnt man einen möglichen Grund: eine Daihatsu-Farbanzeige preist eben jenes Modell an…

Ein weiterer, fachterminologisch gespickter Warentest stellt eine Doppelflinte aus italienischer Fertigung vor. Die „Fausti Style“, so erfahren wir glasklar im Resümee, „schießt sehr gut“, auch wenn der wahre Luxus vor allem aus englischer und belgischer Fabrikation komme. Gut zu wissen.

Mit den Flinten soll freilich nicht wahllos herumgeballert werden. Bewahre! Ein ausführlicher Artikel erläutert Details auf der Grundlage von Tier-Verhaltensstudien. „Führende Stücke“ (gemeint sind Eltern und sonstige Leittiere von Kälbern und Kitzen) dürfen demnach in der Setz- und Brutzeit gar nicht bejagt werden. Generell gelte überdies das klassische Gebot: „Was du nicht kennst, das schieß nicht tot!“ Klingt unfreiwillig komisch, aber bitte sehr. Es gibt jedenfalls penible Prozent- und Quotenregelungen, unter deren Fuchtel man sich eine ökologisch korrekte Jagd mit Taschenrechner vorstellen kann. Nimrods Jünger haben‘s nicht leicht.

Übers „Bild des Monats“ (suhlendes Wildschwein), den Bericht zum Landesbläserwettbewerb („ein voller Erfolg“), das Kalendarium (ab 16. Juli darf wieder der Waschbär aufs Korn genommen werden) und allerlei Tabellen der Bezirks-Schießmeisterschaften wühlt man sich schließlich zu den Kleinanzeigen vor. Präparierte Füchse finden sich hier ebenso annonciert wie Gewehre und Waffenschränke jeder Güte, Schießlehrgänge, Jagdhunde und Feldstecher. Auch einige spezialisierte Rechtsanwälte (Jagd- und Waffenrecht) bieten in diesen Spalten ihre Dienste an. Falls doch mal etwas schiefgehen sollte.




Ins Getriebe der Wirtschaft blicken

Rot – Gelb – Blau. Rot – Gelb – Blau.

Der Künstler Andreas Siekmann hat immer und immer wieder dieselben Farben genommen. Auf jedem Blatt. Seine Bilder bringen wirtschaftliches Geschehen auf den Punkt. Vorsichtiger gesagt: Sie stellen in immer neuen Versuchsanordnungen die Frage, wie man dies sinnvoll bewerkstelligen kann. Sie ranken sich um ein Zeichensystem der Piktogramme und reihen sich wie Argumentations-Ketten, oft mit frappierender Folgerichtigkeit, zuweilen mit spielerischen Ausläufern. 223 Blätter sind auf exakt vermessenen und installierten Tischen zu sehen. Hie und da kreuzen sich ihre Fluchtlinien, als wären es die Gelenkstellen der gesellschaftlichen Debatte.

Siekmann zeigt seinen zeichnerischen Zyklus „Aus: Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ (1996-1999), der in anderer Form bereits auf der documenta (2002) präsentiert wurde. Jetzt ist das prinzipiell endlos erweiterbare Konvolut als Leihgabe aus dem Museu d’Art Contemporani (Barcelona) ins Hammer Gustav-Lübcke-Museum gekommen.

Der 1961 in Hamm geborene Künstler lebt heute in Berlin. Er ist besonders auf der lateinamerikanischen und indischen Szene präsent, wo politische reflektierende und unterweisende Kunst noch keinen so schlechten Ruf hat wie hierzulande, wo man vor jedem Anflug von Pädagogik zurückschreckt. Doch Siekmanns Kunst bevormundet nicht. Er recherchiert und zeigt Resultate vor. Nur eben nicht in textlicher oder tabellarischer Form, sondern bildnerisch.

Sein zentrales, beängstigend zeitgemäßes Thema ist die Zurichtung des öffentlichen Raumes im Dienst der neoliberalen Ideologie. Sehr schlüssig und sinnlich nachvollziehbar führt er vor, wie die Städte zusehends privatisiert und kommerziell beherrscht werden. So ist etwa Frankfurt zum schnieken „Wohnzimmer“ im Schatten der allmächtigen Banken geworden. „Verdächtige“ Gestalten, die nicht in diese gründlich durchökonomisierte schöne neue Welt passen, werden per Überwachungs-Kamera als Bedrohung wahrgenommen und notfalls ferngehalten. Dafür stehen Fachkräfte bereit. Latente Gewaltsamkeit schwebt über den Szenerien, die nur beim allerersten Hinschauen harmlos wirken.

Produktionsschlachten, Arbeitskämpfe, Konzernfusionen und etliche weitere ökonomische Prozesse entfalten und verästeln sich auf den Blättern. Die eindringliche Sequenz namens „Ex und Hopp“ erläutert die allfällige Wert(e)vernichtung im laufenden kapitalistischen Wirtschaftsbetrieb.

Gelegentlich wird das gnadenlose Getriebe angehalten, und es kommen alternative Handlungsweisen in den Blick, auf dass das Ganze nicht fatalistisch erstarre, sondern Hoffnung übrig bleibe.

Man kann umhergehen, stehen bleiben und sich über die Tische beugen. Man kann sich aber auch auf Bürostühle setzen, damit geschäftig, seh- und wissbegierig zwischen den Bildern hin- und herrollen, was eventuell für komische Anblicke beim Ausstellungsbesuch sorgen könnte. Das ganze Arrangement hat etwas Lehrhaftes, erinnert (obwohl auf Tischen drapiert) an Wandzeitungen, Flugblätter oder Plakate – und ein wenig wohl auch an die Tafeln des Joseph Beuys. Kunst, über die öffentlich zu reden ist.

Ästhetisch greifen die Blätterreihen weit über Piktogramme oder Comic-Elemente hinaus – bis hin zur Abstraktion im Stile eines Mondrian oder Paul Klee. Man wird hier nicht mit simplen Schemata abgespeist.

Eine Spezialität für sich ist das verwaschene Blau in den Bildern. Es handelt sich stets um Blue Jeans, die sich als vielfältig besetztes Zeichen geradezu surreal selbstständig machen. Man glaubt ja nicht, was sich mit diesen Hosen alles illustrieren lässt! Siekmanns Phantasie ist dabei schier unerschöpflich.

Ganz bewusst bezieht sich Siekmann auf die Tradition der „Kölner Progressiven“ aus den 1920er Jahren. Bei Beuys hat er studieren wollen, doch dann ist er in die Klasse Ulrich Rückriems an der Düsseldorfer Akademie gekommen. Dessen eher minimalistische Skulpturenblöcke scheinen allerdings keinen Einfluss auf Siekmann gehabt zu haben, jedenfalls nicht an der sichtbaren Oberfläche. Vielleicht hat Rückriem einfach vorgelebt, wie man auf künstlerischen Wegen unbeirrbar bleibt.

Andreas Siekmann: „Aus: Gesellschaft mit beschränkter Haftung“. Gustav-Lübcke-Museum, Hamm, Neue Bahnhofstraße 9. Bis 8. August, Di-Sa 10-17, So 10-18 Uhr. Die Ausstellung ist Teil des Ruhr2010-Projektes “Mapping the Region“.

Bild: Konsumüberwachung (Bild: Andreas Siekmann/Lübcke-Museum)




Mythos Minox: Nicht nur für Spione

Wer weiß noch, was eine Minox ist? Selbst in manchen Fotofachgeschäften kann man nicht mehr sicher sein, dass dort einschlägige Kenntnisse über den einstigen Mythos der Kleinstbildfotografie (Negativformat 8 x 11 Millimeter) vorhanden sind. Ein Jammer.

Etwas ältere Leute, sofern nicht allseits desinteressiert, erinnern sich wahrscheinlich: Das waren doch diese Mini-Kameras, mit denen damals so viele Spione ihre illegalen Aufnahmen gemacht haben. Das ist zwar zu kurz gegriffen, aber sicherlich richtig. Die Liste prominenter Minoxianer früherer Tage ist jedenfalls lang, sie reicht von Queen Elizabeth bis Heinz Erhardt und Götz George.

Ausführlich erfährt man die Einzelheiten jetzt (etwas abseits von den üblichen Kulturpfaden) im Stadtmuseum zu Iserlohn. Dort breitet der Hagener Sammler Reinhard Lörtz noch bis zum 19. April seine Minox-Kollektion aus. Er weiß so gut wie alles über das Phänomen. Wenn sich Privatleute derart leidenschaftlich in ein Hobby versenken, so häuft sich eben manches Spezialwissen an.

Erfinder der fotografischen Winzlinge war in den 1930er Jahren der hochbegabte Tüftler und Autodidakt Walter Zapp (1905-2003), der anfangs in seiner Geburtsstadt Riga (Baltikum) wirkte. 1936 lag die noch nicht zum Verkauf bestimmte Ur-Minox vor. Zapp, so geht die Legende, war höchst betrübt, als er erfuhr, wer 1938 der erste Erwerber eines marktreifen Modells war: ein osteuropäischer Diplomat. Da fing’s also offenbar schon an mit den Heimlichkeiten.

Alles andere wäre aber auch verwunderlich gewesen. Denn eine Kamera, die flugs in jeder Jackentasche verschwinden konnte, rief geradezu nach hinterlistigen Anwendungen. So gab’s denn auch bald passendes Spionage-„Zubehör“ wie etwa Rasierpinsel, in deren Holzgriff der Fotoapparat über Staatsgrenzen geschmuggelt werden konnte.

Nach 1945 wurden die Kameras in Wetzlar bzw. zwischenzeitlich in Heuchelheim (Kreis Gießen) gefertigt. Im „Kalten Krieg“ kam die ganz große Zeit der Minox. Auch der DDR-Topspion Günter Guillaume, der sich das Vertrauen des Bundeskanzlers Willy Brandt erschlichen hatte, soll auf dieses offenbar zuverlässige Arbeitsgerät zurückgegriffen haben. Eine Folge war bekanntlich der Kanzlersturz im Mai 1974.

Kurios: Erst sehr spät ließ sich die Firma Minox die längst berühmte Markenbenennung schützen, als nämlich in den USA Salben und Seifen gleichen Namens angeboten wurden. Verwechslungsgefahr war da eigentlich nicht gegeben.

In der reichlich bestückten Iserlohner Vitrinenschau sieht man die praktisch lückenlos dokumentierte Entwicklung der verschiedenen Baureihen. Die Vielfalt der Geräte, die sich hinter Kürzeln wie Minox A, B (ab 1958), C (ab 1969), BL, LX verbergen, ergibt weit verzweigte Stammbäume. So unübersichtlich ist diese „Familie“, dass nur der Eingeweihte diverse Fälschungen als Markenpiraterie erkennt. Auch solche Täuschungs-Exemplare finden sich in der Ausstellung, überdies etliche Sonder-Editionen wie etwa jene Minox-Modelle, die für besonders betuchte Kundschaft mit einer 24 Karat-Goldschicht veredelt wurden.

Original-Schaukästen und andere Reklamemittel, die im Lauf der Jahrzehnte eigens für die Kultmarke eingesetzt wurden, zeugen vom wandelbaren Zeitgeist. Ein Stoffteddy mit Minox-Mütze ist das Relikt einer gemeinsamen Werbeaktion mit der nicht minder legendären Firma Steiff. Einschlägige Literatur und Zubehör (Filme, Stative, Taschen etc.) runden den musealen Minox-Kosmos ab.

Wie es bei solchen Ausstellungen mit Nostalgiefaktor häufig zu gehen pflegt: Der Ablauf der Zeiten erscheint (gewollt oder ungewollt) als allmähliche Entfernung von den einzig wahren, authentischen Ursprüngen, mithin als gewisse Dekadenz.

Reinhard Lörtz hat sich zunächst vor allem auf Trödel- und Sammlermärkten umgetan, später auch bei Internet-Auktionen. „Bis vor einiger Zeit konnte man dort noch fündig werden, heute ist der Markt weitgehend leergekauft.“

Natürlich haben sich Minox-Sammler in einem Club organisiert, der weltweit rund 400 (überwiegend ältere) Mitglieder hat. Eins steht für den Bahnangestellten Lörtz’ fest: „Wenn ich in ein paar Jahren pensioniert bin, habe ich endlich Zeit, ein Minox-Museum einzurichten – irgendwo in Westfalen.“

„Die Minox“. Noch bis zum 19. April im Stadtmuseum Iserlohn, Fritz-Kühn-Platz 1. Geöffnet Di, Mi, und Fr. bis So. 10-17, Do 10-19 Uhr (Karfreitag, Ostersonntag und Ostermontag geschlossen). Eintritt frei. Tel.: 02371/217-1963.




Kreuz und quer durch die DDR

Sammlung oder Sammelsurium? Anregung oder Wirrnis? Solche Fragen könnte man sich stellen, wenn man jetzt eine DDR-Ausstellung in Lüdenscheid anschaut.

Der umtriebige Bielefelder Privatmann Frank Föste hat zum Themenkreis „Kalter Krieg“ und Ost-West-Konflikt offenbar alles angehäuft, was er irgend bekommen konnte – teilweise unter etwas abenteuerlichen Umständen und vor allem gleich nach der „Wende“ vor 20 Jahren. Damals war plötzlich so vieles frei verfügbar – und niemand wusste, wie lange da noch so bleiben würde. So mag man seinerzeit gedacht und rasch zugegriffen haben. Einiges davon füllt nun einen ganzen Museumstrakt über und über. Dabei ist es nur rund ein Zehntel einer gewiss imponierenden Kollektion…

Betritt man die Raumflucht der in Minden (Preußenmuseum) zusammengestellten und von Lüdenscheid übernommenen Schau, so empfängt einen gleich eingangs die Warntafel „Sperrgebiet“. Auch ein Stück Stacheldrahtverhau, Original-Uniformen der Grenzer und ein „Mauerabschnitt“ in real-sozialistischer, unübersteigbarer Höhe stimmen geradezu gruselig auf die Relikte des (in Westdeutschland einst hartnäckig „Ostzone“ genannten) Gebildes ein.

Doch wer sich nicht schon etwas mit der Materie auskennt, bleibt womöglich bei den (durchaus reichlich vorhandenen) Schauwerten der vielen Objekte hängen. Ohne Führung dürften vor allem jüngere Besucher ratlos bleiben. Dicht an dicht und mitunter etwas wahllos reihen sich zahllose Exponate verschiedenster Art aneinander. Es ist, als habe man nichts auslassen wollen. Praktisch alle Lebensbereiche der verflossenen DDR (7. Oktober 1949 bis 3. Oktober 1990) werden irgendwie angetippt.

Lauter Schlaglichter und knappe Stichworte. Politik in manchen Facetten, Militär, Spionage, Wirtschaft, Auto und Verkehr, Jugend, Erziehung und Sport, Freizeit, Familie und Kultur. Nicht so sehr systematisch als vielmehr assoziativ wirken Aufbau und Abfolge. Propaganda der DDR und gegenläufige Ansichten des Westens gehen hier mitunter kreuz und quer durcheinander.

Mal nimmt man als Besucher die Perspektive früherer Zeiten ein, dann wieder blickt man von heutiger Warte aufs schon reichlich fern gerückte Geschehen zurück – mal empört oder fassungslos, dann vielleicht eher belustigt oder gar mit einem Hauch von Nostalgie angesichts „kultiger“ Objekte. Formulieren wir’s mal rundweg positiv: Die Auswahl ist aufregend multiperspektivisch und sie nimmt einem das Denken keineswegs ab. Da muss man schon selbst rote Fäden finden.

Man ist versucht, atemlos aufzuzählen, was man da im bunten Reigen vorfindet: Markante Zitate (auch auf dem Fußboden), Zeitungs- und Zeitschriftenausrisse, Flugblätter und Dekrete. Sodann Visa und viele andere Dokumente wie etwa Belobigungen für Kollektivarbeit, ein „Hausbuch“ zur perfiden Mieterkontrolle und schließlich die wachsende Flut der Ausreisebegehren. Ferner Fahnen und Embleme (FDJ, Junge Pioniere & Co.), allerlei Lenin-Figuren und sonstige kommunistische Devotionalien, Schautafeln und Tabellen, Orden und Ehrenzeichen, Partei-Souvenirs, Spitzel-Ausrüstungen der Stasi,  sowjetisch „inspiriertes“ Kriegsspielzeug, beispielhaftes Wirtschaftsgut Ost wie Meißner Porzellan oder Jenaer Glas, das berühmt gewordene „Ampelmännchen“ und, und, und…

Lauter Anstöße und Ansätze, hie und da auch Aha-Erlebnisse. Doch längst nicht jedes Schaustück spricht für sich selbst. Zu etlichen Exponaten wünscht man sich weitere Erläuterungen, die Zusammenhänge stiften könnten.

Man ahnt, dass es sich lohnen könnte, diese offenbar mit Feuereifer angelegte Sammlung weiter zu erschließen, sie behutsam zu ergänzen, Schneisen zu schlagen und sinnvolle Schwerpunkte zu bilden. Aber das alles wäre kostspielig und würde sehr viel Arbeit mit sich bringen.

Außerdem gibt es laut Föste ausgerechnet in Deutschland kein Museum, das sich speziell mit der Geschichte des „Kalten Krieges“ befasst. Er trägt sich deshalb mit dem Gedanken, seine Sammlung nach Dänemark zu geben. Will er mit dieser Ankündigung auf hiesige Büsche klopfen? Und klingt nicht doch gelinde Verbitterung durch, wenn er andeutungsweise von bislang vergeblichen Vorstößen spricht? Auf öffentliche Förderung wagt er nicht mehr zu hoffen.

„Vergessen? Schlaglichter auf Staat und Alltag in der DDR“. Bis zum 23. August in den Museen der Stadt Lüdenscheid, Sauerfelder Straße 14. Eintritt 4 Euro. Knappe Info-Broschüre. Geöffnet täglich außer Mo 11-18 Uhr. Führungen nach Voranmeldung für Gruppen möglich. Tel.: 02351/17 14 96.




Kunst 1968: Alles auf Anfang

Zu „1968“ ist nun wahrlich so manches gesagt und gezeigt worden. Da fällt einem kaum noch etwas ein. Die meisten Restbestände vom Dachboden der Zeitgeschichte dürften zum 40. Jahrestag anno 2008 auf den Tisch des Hauses gekommen sein. Oder etwa nicht? *** (siehe Fußnote). Man glaubte jedenfalls, über die damalige Rebellion in groben Zügen einigermaßen Bescheid zu wissen.

Umso mehr verwundert nun der Ansatz der Bielefelder Kunsthalle. Dort steht die Kunst des Jahres 1968 unterm Leitwort „Unschuld“. Ja, das Motto lautet sogar „Die Große Unschuld“. Während andere Museen die politischen Aspekte von 1968 rauf und runter buchstabiert haben, steht Bielefeld mit dem ästhetischen Zugang ziemlich einzig da.

Nanu? Unschuld? Auf diesen vermeintlich Harmlosigkeit aufrufenden Begriff ist man nicht gerade gefasst, wenn man an jene Zeiten zurückdenkt. Doch beim Rundgang durch die Bielefelder Schau leuchtet die Perspektive so manches Mal ein. Um den geronnenen Klischeesatz gleich zu verwenden: So viel Anfang wie damals war selten. Sinnbildlich für weite Teile der Auswahl könnte der leere Globus des bei uns weitgehend unbekannten Slowaken Július Koller stehen: Da nimmt der innige Wunsch nach tabula rasa (reiner Tisch), nach völligem Neubeginn Gestalt an. Alles auf Anfang.

Allseits offen und frei gab sich sich seinerzeit die Kunst, gaben sich auch zahlreiche Künstler im Dasein. Gar vieles schien möglich zu sein. Kaum etwas, was nicht zum Experiment, zur Umschöpfung und gründlichen Umdeutung anregte. Diese wunderbare, vielfach zukunftsfrohe Vitalität des Veränderungswillens mutet im historischen Rückspiegel nicht nur unschuldig an, sondern gelegentlich auch ein wenig unbedarft und nahezu naiv. Aber man gäbe reichlich was drum, wenn wenigstens ein Hauch dieser Stimmung durch unsere Gegenwart wehen könnte.

Die Kunsthalle hat sich ein immenses Pensum aufgeladen, das beinahe ihre Dimensionen und Möglichkeiten sprengt. 350 Arbeiten von 150 Künstlern sind zu sehen. Nicht nur alle Etagen des Hauses werden (zuweilen dicht an dicht) „bespielt“, sondern die Flut der Exponate ist hie und da bis an den Rand der Treppenhäuser, in die Flure und ins Kellergeschoss geschwappt.

In dieser Fülle und aus dem gehörigen zeitlichen Abstand zu 1968 wird man einiges gewahr. So etwa auch die Leidenschaft des Zeitgeistes für allerlei aufblasbare Hüllen – von Christos berühmter Riesen-„Wurst“ auf der documenta bis zu Hans Holleins durchsichtigem, aufblasbarem „Büro“, das zugleich auf die schier grenzenlose Mobilität der Lebens- und Denkweisen und auf die Lust an der Transparenz verweist. Solche „Architektur aus Luft“ war gewissermaßen ein Prägezeichen der geschichtlichen Stunde. Gleich daneben vermittelt ein Flugzeugmodelle von Panamarenko das freudige Vorgefühl fürs Abheben.

Ausstellungs-Kurator Roman Grabner geht in der Interpretation noch weiter – und dabei zum Ursprung zurück. Er macht in den Kunst-Hüllen von und um 1968 imaginäre Gebärmütter aus, von denen sich die Menschen wohlig warm umhüllt fühlen konnten – auch ein Schutz gegen grellen Konsumterror, anschwellende Gewalt und (Vietnam)-Krieg? So betrachtet, gewinnt das Wort „Unschuld“ nochmals eine andere Qualität.

Doch natürlich lässt sich die vielfältige Kunst nicht so ohne weiteres auf wenige Begriffe bringen. Das ist auch gar nicht das Ziel dieser keineswegs eindimensionalen Ausstellung. Sie rekonstruiert Partikel eines Zeitklimas und eines Energiestromes, der zumindest in Rinnsalen bis heute fließt. Und es drängt sich der Eindruck auf: Alles, was wir heute als Kunst akzeptieren, hat damals einen Neuanfang genommen.

Viele Protagonisten der Zeit waren allerdings ausgesprochene Sonderlinge und Einzelgänger, die jeweils ureigenes Neuland betraten. Zahlreich also die „Positionen“, deren Hervorbringungen den Betrachter in wahre Wechselbäder tauchen und die sich nicht einfach gesellschaftlich „verrechnen“ lassen.

Einige Beispiele: Der noch junge Sigmar Polke drehte das bis dahin gängige Kunstvokabular durch den Wolf – stets in dem Sinne, nichts „Höheres“ mehr gelten zu lassen. Umgekehrt erlangten bei ihm rüde Schimpfwörter (auf einer Art Bildteppich versammelt) „Museumswürde“, die freilich zugleich wieder grundsätzlich dementiert wurde. Eine windungsreiche Kunst gegen jede hierarchische Ordnung.

Die Wiener Aktionisten (Otto Muehl, Hermann Nitsch, Günter Brus) ergingen sich derweil in rituellen Orgien mit Blut, Urin, Kot und Sperma. Der zur rigorosen Askese neigende Brus riskierte bei Performances des öfeteren seine physische Unversehrtheit.

Die Anfänge der avancierten Lichtkunst (Dan Flavin) kommen ebenso in Betracht wie die Entgrenzungen der Body Art und der Land Art, die letztlich ins Unendliche zielte und von der im Museum nur vage Spuren gezeigt werden können. Die fast vollkommene formale Zurückhaltung der Minimal Art wird hier – gerade im Kontrast zu aufgeregteren Spielarten – als Quell erhabener Ruhe erfahrbar. Die Arte povera (mit „armen“ Materialien geschaffen) spendet weitere, nochmals anders gelagerte Energien, etwa mit den (Uterus-förmigen!) Iglus des Mario Merz. Und die feministisch oder matriarchalisch inspirierte Kunst beispielsweise der grandiosen Louise Bourgeouis lässt auch die Frage nach einer etwaigen „spezifisch weiblichen“ Ästhetik aufkommen. Schwieriges Gelände.

Ebenso plakativ vordergründig wie abgründig wirkt der „Auftritt“ des Andy Warhol mit einem Motiv von 1963, das er just 1968 erneut aufgriff. Er stellte einen Elektrischen Stuhl auf die Bildbühne und „porträtierte“ das furchtbare Möbel in schillernd wechselnder Farbgebung. Ob dies irgend eine Kritik an Hinrichtungen bedeutet oder nur das Spiel mit visuellen Werten, ist ganz und gar nicht gewiss. Explizit „politische“ Kunst (z.B. Edward Kienholz) wird in Bielefeld eher in Nischen gezeigt. Der brachiale Einbruch des Vietnam-Krieges in spießige US-Wohnzimmer ist dabei ein Standardthema.

Auch gegenläufige Richtungen, an die man bei der Stichzahl „1968“ nicht sofort denkt, wurden just damals eingeschlagen und füllen das Maß in Bielefeld noch üppiger: In der DDR orientierte sich der frühe A. R. Penck (bürgerlich Ralf Winkler) an archaischen Signaturen der Höhlenmalerei. Georg Baselitz irritierte mit Hund- und Jagd-Bildern die linken Präferenzen, er wurde zunächst geflissentlich ignoriert. Noch heftiger am kritischen Zeitgeist zielte Anselm Kiefer vorbei, der sich vor diversen Hintergründen unverdrossen mit dem Hitlergruß zeigte. Um das Mindeste zu sagen: Eine ausgesprochen störrische, monströse Arbeit, die bis heute Rätsel aufgibt.

„1968. Die Große Unschuld“. Kunsthalle Bielefeld (Artur-Ladebeck-Straße 5). Bis 2. August. Geöffnet täglich 11-18 Uhr, Mi 11-21 Uhr, Sa 10-18 Uhr. Pfingsten (31. Mai/1. Juni) geöffnet). Eintritt 7 €, ermäßigt 2 bis 5 €, Familie 14€. Katalog (576 Seiten) im Museum 28 € (im Buchhandel 49,95 Euro). Internet: http://www.kunsthalle-bielefeld.de

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*** Die neueste Debatte (um den 2. Juni 1967, Kurras und die Stasi) lassen wie hier mal geflissentlich außen vor.




Warnung vor den „Übermenschen“ – Michael J. Sandels Buch „Plädoyer gegen die Perfektion“

Wer möchte nicht manchmal perfekt sein? Doch wäre Vollkommenheit wirklich so gut? Und ist es nicht sowieso verwerflich, diesen übermenschlichen Zustand anzustreben? Um solche heiklen Fragen geht es in dem neuen Buch „Plädoyer gegen die Perfektion”. Nicht zuletzt taugt der Band als Beitrag zur Doping-Debatte.

Der Autor Michael J. Sandel lehrt Politische Philosophie an der Harvard Universität. Er gehörte zum illustren Kreis der Bioethik-Berater von US-Präsident Bush. Für die deutsche Ausgabe hat Jürgen Habermas das Vorwort geschrieben. Wir bewegen uns also in gewissen Geisteshöhen.

Doch Sandel hebt nicht ab. Er spürt dem wachsenden Perfektionsdrang auf verschiedenen Feldern nach, nennt konkrete Fakten und überzeugt durch klare Beweisführung.

Argumente zu Doping
und Gentechnik

Besonders die unentwegt fortschreitende Gentechnik weckt sein Unbehagen. Doch dabei bleibt der Autor nicht stehen. Er prüft gewissenhaft, worin dieses Gefühl wurzelt und ob es berechtigt ist.

Heute kann man mit bestürzend hoher Wahrscheinlichkeit (je nach Methode bis zu 91 Prozent) das Geschlecht eines Babys vorherbestimmen. Auch Muskelaufbau, Gedächtnis oder Körpergröße lassen sich vor der Geburt „programmieren”. Das weckt Begehrlichkeiten.

Wie man weiß (und bei Olympia bestätigt findet), versuchen besonders Leistungssportler, ihre Physis zu optimieren. Gewisse Dopingmittel können schon bald gentechnisch hergestellt werden, so dass sie kaum noch nachweisbar sind. Und: Manche Musiker nehmen Betablocker gegen Lampenfieber, damit sie cool bleiben. Wo sind die Grenzen des Erlaubten?

Der Autor unterscheidet sehr genau. Beim Sport müsse es im Kern darum gehen, natürliche (!) Begabungen vorzuführen. Was sich damit verträgt, soll zulässig sein. Sonst müsste man ja auch systematisches Training verbieten. Anders aber verhält es sich laut Sandel, wenn das gegebene Talent verschleiert und zum Zwecke bloßen Spektakels künstlich gesteigert wird.

Aus vielen Fallschilderungen arbeitet Sandel behutsam eine moralische Grundposition heraus, hinter die man nach seiner Ansicht nicht zurückfallen darf. Er nennt es die prinzipielle „Offenheit für das Unerbetene”. Das bedeutet: Eltern dürften ein Kind nicht nach ihren Wünschen zurichten, sondern sie sollten es zuerst grundsätzlich so annehmen, wie es nun einmal ist. Erst dann möge korrigierende Erziehung einsetzen.

Die Entwicklung von Kindern sei von Natur aus unvorhersehbar – und diese Unbestimmtheit mache einen Großteil menschlicher Freiheit aus. Jedes Leben solle deshalb als Gabe angenommen werden. Sandel spricht gar von Ehrfurcht und Demut – Worte, die im Rahmen von Kosten-Nutzen-Rechnungen nicht so gebräuchlich sind.

Die „voraussetzungslose Liebe”, so Sandel, werde der Sucht nach Perfektion häufig geopfert. Er kritisiert krankhaft ehrgeizige Eltern, die schon kleine Kinder auf intellektuelle, sportliche oder musikalische Höchsteistung trimmen. Nicht auszudenken, was geschieht, wenn man ihnen gentechnische Wege ebnen würde. Es wäre wie ein Rüstungswettlauf.

Unterdessen wanken Bastionen, die gefestigt zu sein schienen: Die „Eugenik” (zweifelhafte Lehre von der „Verbesserung” des Menschen, etwa durch „Zuchtwahl”) war wegen der Nazi-Verbrechen für Jahrzehnte diskreditiert. Heute erlebt sie in den USA offenbar eine Renaissance – unter gentechnischen Vorzeichen und mit marktliberalem Zungenschlag. Sandel warnt eindringlich davor.

Naturwissenschaft und Technik sind der moralischen Debatte meist ein paar Schritte voraus. Mit Büchern wie diesem kann die Moral ein wenig aufholen.

Michael J. Sandel: „Plädoyer gegen die Perfektion – Ethik im Zeitalter der genetischen Technik”. Verlag Berlin University Press. 174 S.; 24,90 Euro.

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INFO:

  • Der 1953 geborene Autor Michael J. Sandel ist Professor für politische Philosophie an der Harvard University (USA).
  • Eine seiner Überzeugungen lautet, dass dem „ungebundenen Selbst”, wie es der Liberalismus entwirft, Schranken gesetzt werden müssen; vor allem durch soziale Gruppen und Traditionen.
  • Diese Gegenposition zum Liberalismus wird in der Fachsprache Kommunitarismus genannt.



„Mao und die 100 Blumen“: Der Diktator mit dem ewigen Lächeln – Chinese Ren Rong zeigt seine Bilder in Hamm

Hamm. Sieht aus wie ein Palmzweig des Friedens, was da aus dem Mund des chinesischen Diktators Mao ragt.Dazu lächelt der Despot milde und zukunftsgewiss.

Um das Mindeste zu sagen: Solche Bilder des deutsch-chinesischen Künstlers Ren Rong können sehr mulmige Gefühle hervorrufen. Mao hatte schließlich einige Millionen Menschenleben auf dem Gewissen. Und nun diese aufgewärmte Propaganda?

„Mao und die 100 Blumen“ heißt die Ausstellung im Hammer Gustav-Lübcke-Museum. Der Titel folgt einer Kampagne des „Großen Vorsitzenden“ aus dem Jahr 1956, welche die vielfach blutige Kulturrevolution im Reich der Mitte ausgelöst hat.

Der 1960 geborene Ren Rong scheint dem Mythos Mao recht naiv aufzusitzen. Die Bildnisse des Machthabers erinnern von fern her an Andy Warhols herzlich unpolitische Prominenten-Porträts, aber natürlich auch an kommunistische Propaganda-Plakate, die in den späten 1960er Jahren bei nicht wenigen westlichen Studenten „Kult“ waren.

Und was fügt der Künstler hinzu? Er hinterlegt die Bilder beispielsweise mit traditionellen chinesischen Mustern. Er collagiert sie mit Familienfotos. Er verziert sie mit floralen Ornamenten oder mit seinem „Markenzeichen“: den so genannten „Pflanzenmenschen“, die sich auch als Metallskulpturen im Museum wiederfinden. Die über einige Bilder gezogene Wachsschicht verstärkt den Eindruck: Gar manches wirkt geglättet, hübsch, dekorativ. Kein Wunder, dass der Kunstmarkt darauf anspricht, erst recht im Vorfeld der Olympischen Spiele und weil China derzeit ohnedies „angesagt“ ist.

Mao zeigt bei Ren Rong in allen Situationen und Lebensphasen ein fröhliches Gesicht; ganz egal, ob herrscherlich allein oder zwischen gleichfalls frohen Kindern. Mit den pflanzlichen Beigaben versehen, erscheint sein Tun und Trachten einerseits auf fatale Weise als naturwüchsig. Doch man könnte in dem Verfahren auch eine klitzekleine, unbekümmerte Respektlosigkeit erblicken. Wirkt Mao da nicht hin und wieder ein wenig lächerlich? Zumal die Formen als Vertiefungen eingeritzt sind und somit Maos Oberfläche „beschädigen“. Aber das Letztere muss man sich schon etwas mühsam zurechtdeuten.

Nach seinen Ansichten zu Mao (und Adolf Hitler) sollte man Ren Rong lieber nicht befragen. Er gibt da reichlich krauses Zeug von sich – bei aller wohlmeinenden Würdigung der kulturellen Unterschiede. Es bewahrheitet sich hier abermals Goethe: Spruch: „Bilde Künstler, rede nicht.“

Seltsam genug, wenn Ren Rong seine Arbeitsweise auf deutsche Motive anwendet. Da sieht man beispielsweise den Bundestag und das Brandenburger Tor, in ähnliche Formen eingebettet wie zuvor Mao. Oder eine geisterhafte Flotte von Lufthansa-Flugzeugen – und im Vordergrund just Umrisse von weißen „Pflanzenmenschen“, gleichsam im Fluge erhascht. Vieldeutig ihre Gestik mit erhobenen Armen: Doch auch hier hat wohl hohle „Fortschritts“-Propaganda Pate gestanden. Sie wird hier ins halbwegs Witzige gewendet. Ideologie war gestern…

Ren Rong: „Mao und die 100 Blumen“. Gustav-Lübcke-Museum, Hamm, Neue Bahnhofstr. 9. Bis 17. August. Di bis Sa 11 -18, So 10-18 Uhr. Katalog 19,90 Euro

(Der Beitrag stand am 19. Juli 2008 in der „Westfälischen Rundschau“)




Zum Tod von Peter Rühmkorf: Hochseilartist der Sprache

Welch eine betrübliche Nachricht! Peter Rühmkorf ist tot, der wohl vielseitigste und wortmächtigste Gegenwarts-Lyriker deutscher Sprache. Man hat bang damit rechnen müssen, denn der 78-Jährige war seit längerer Zeit schwer krebskrank. In seinem letzten Lyrikband „Paradiesvogelschiß” hat er davon bewegendes Zeugnis abgelegt.

Zuletzt schrieb er von Angst getrieben, dass er dieses und weitere Werke nicht mehr werde vollenden können. Aus seinem geliebten Hamburg hatte sich der gebürtige Dortmunder bereits ins Lauenburgische Land zurückgezogen – fernab vom Lärm und Streit der Welt, dem der couragierte Mann nie ausgewichen war.

Just gestern hatte ihm die Stadt Kassel noch den „Literaturpreis für grotesken Humor” zugesprochen, der ihm nun posthum verliehen wird. Einer der früheren Preisträger war Robert Gernhardt gewesen, mit dem Rühmkorf eine enge Freundschaft und die unbändige Freude am Spiel mit der Sprache verband.

Entschieden links,
aber nie fanatisch

Rühmkorf war ein eminent politischer Kopf, ein ausgemachter Linker. Als Lektor beim Rowohlt-Verlag (ab 1958) mischte er kräftig im literarischen Betrieb mit. Legendär auch seine frühe Zeit beim einstigen Studentenkurier „Konkret”, wo er es auch mit dem späteren „Spiegel”-Chefredakteur Stefan Aust und der nachmaligen RAF-Terroristin Ulrike Meinhof zu tun bekam. Gerade selbstherrlich radikale, gewaltsame „Lösungen” waren Peter Rühmkorf jedoch zuwider. Und überhaupt: Die Literatur sollte nach seinem Verständnis nicht von Politik überwuchert werden.

In wenigen funkelnden Zeilen konnte er zuweilen das vermeintlich Niedrigste und das Höchste zusammenbringen – edelsten Wortklang und gewöhnlichsten Alltag. An solchen Bruchlinien bewegte er sich mit scharfer Intelligenz und mit einem ungeheuer differenzierten Wortschatz. Virtuos wie sonst keiner mehr, experimentierte er mit Versmaßen, Rhythmen und Reimformen. Ein ganz und gar staunenswerter Hochseilartist der Sprache.

Intensiv hat sich Rühmkorf mit der literarischen Tradition auseinandergesetzt – beginnend mit den Wurzeln in den „Merseburger Zaubersprüchen” und bei Walther von der Vogelweide, weiter über Klopstock und Hölderlin, bis hin zu seinen „Hausgöttern” Heinrich Heine und Gottfried Benn. Fürwahr eine weite Spanne.

Seine Lyrikbände sollten eigentlich zur literarischen Grundausstattung gehören. Die Tagebücher sind eine reiche Quelle deutscher Nachkriegsgeschichte aus linker Nahansicht. Vorwiegend war’s eine schmerzliche Bilanz der Enttäuschungen, die einem dennoch Mut einflößte. Mit seinem bereits 1967 herausgebrachten Band „Über das Volksvermögen” hat Rühmkorf zudem eine breite Schneise für überlieferte Volkspoesie geschlagen. Gar vieles geriet da zu frech-fröhlichen Inspirationsquellen: ordinäre Toilettensprüche, Kinderreime, Abzählverse, Reklameslogans und deren Parodien. Rühmkorf hat gezeigt, welches Widerstands-Potenzial in derlei (vorher übersehenen) Texten schlummert.

In einem Interview mit der „Zeit” hat Rühmkorf im Frühjahr sein Krebs-Martyrium geschildert und gesagt: „Ich habe keine Angst vor dem Absprung in andere Welten.”

In seinem letzten Gedichtband steht freilich dieser ebenso lapidare wie eindringliche Appell „An den Tod”:

„Fort – fort, /
dies kann die Welt noch nicht gewesen /
und bumms zu Ende sein. /
All diese Bücher wolln ja noch gelesen /
und die Hosen aufgetragen sein.”

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Peter Rühmkorf wurde am 25. Oktober 1929 in Dortmund geboren, wuchs in Niedersachsen auf und lebte mit seiner Frau Eva (frühere Landesministerin in Schleswig-Holstein) bis vor einiger Zeit in seiner Wahlheimat Hamburg.

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Wichtige Buchtitel:

„Irdisches Vergnügen in g” (1959, Gedichte)

„Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich” (1975, Essays/Gedichte)

„Haltbar bis Ende 1999” (1979, Gedichte)

„Bleib erschütterbar und widersteh” (1984, Essays)

„Außer der Liebe nichts” (1986, Gedichte)

„Lass leuchten!” (1993, Erinnerungen/Gedichte)

„Tabu I” (1995, Tagebücher von 1989 bis 1991)

„Wenn – aber dann. Vorletzte Gedichte” (1999)

„Tabu II” (2004, Tagebücher von 1971 bis 1972)

„Paradiesvogelschiß” (2008, Gedichte)




40 Jahre danach: Abrechnung mit den 68ern – Persönliche Erinnerungen und nachträgliche Analysen zur Revolte

Von Bernd Berke

Vierzig Jahre ist es nun schon her, doch das Thema scheint schier unerschöpflich: Was ist vom Mythos des rebellischen Jahres 1968 geblieben? Was wirkt weiter? Was hat sich womöglich „erledigt“? Mit solchen Fragen befassen sich in diesen Jahr etliche Buchautoren. Eine Auswahl:

Höchst provokant geht Götz Aly zu Werke, ein einstiger Mitstreiter der Revolte. Verglichen mit damals, vollzieht er eine komplette Kehrtwende. Schon der Titel seiner Abrechnung, „Unser Kampf 1968″, der gefährlich an Adolf Hitlers „Mein Kampf“ anklingt, lässt es ahnen. Zwar kann auch Aly bis heute die Anstöße zum Aufstand (verdrängte NS-Vergangenheit, Vietnamkrieg, Springer-Presse) nicht ganz leugnen, doch wendet er ansonsten alles gegen die studentischen Akteure.

Als wolle er sich und seine Generation nachträglich selbst bestrafen, bezeichnet Götz die Studentenrevolte als eine „Bewegung“, die manches mit den verhassten Vätern aus der NS-Zeit gemein gehabt hätte – bis hin zur Figur des Anführers, dem laut Aly „machthungrigen“ Rudi Dutschke.

Seine Quellen waren u. a. Akten vom Verfassungsschutz. Skepsis wäre da angebracht gewesen. Statt dessen: schnöder Verrat an der eigenen Jugendzeit! Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung vertritt ähnliche Thesen, doch ungleich leiser. Sein mit Anmerkungen gespicktes Buch „Acht und Sechzig. Eine Bilanz“ kehrt totalitäre Versuchungen und Tendenzen der Revolte hervor, wie sie seinerzeit schon der Philosoph Theodor W. Adorno angeprangert hat.

Andere sagen’s gänzlich anders: Laut Peter Schneider war Rudi Dutschke ein Mensch „reinen Herzens“, und Reinhard Mohr attestiert dem Studentenführer schlichtweg mitreißendes Charisma. Der Schriftsteller Peter Schneider (Romanerfolg „Lenz“) hat für „Rebellion und Wahn – Mein 1968″ seine Tagebücher von damals neu gelesen – mit wachem Sinn für beide Lebensphasen. Er macht die Impulse seiner jungen Jahre nicht nieder, sondern nimmt sie wichtig, ohne sie zu glorifizieren. Ein betrüblicher Befund: Das Private sei in jenen Jahren unterm Politischen verschüttet worden. So bemerkt Schneider heute mit Erstaunen, dass er damals eine Liebesgeschichte durchlitten hat, die im Grunde mindestens so bedeutsam war wie all die Demos, in deren Sog man anfangs eher per Zufall hineingeraten sei.

Reinhard Mohr („Spiegel online“) ist kein Achtundsechziger, sondern ein Nachgeborener. In „Der diskrete Charme der Rebellion“ betrachtet er die Dinge aus ironischer Distanz, was als Gestus des „Darüberstehens“ nicht immer angenehm ist. Recht ausführlich zeigt er die Vorgeschichte: Stumpf- und Biedersinn der Adenauer-Zeit; erste Gegenkräfte, etwa bei den Schwabinger Gaudi-Krawallen der frühen 60er Jahre.

Mohr schildert Konflikte zwischen dem strengen Studentenbund SDS und der „Spaßguerilla“ rund um die „Kommune 1″. Kommunarde Fritz Teufel, so erfahren wir, habe viele Groupies gehabt, während Dutschke verbissen die Klassiker las. Mohrs Fazit: Vieles sei neoromatische Halluzination gewesen, Selbstüberschätzung aus bloßen Stimmungen heraus – mit Ausläufern bis in die RAF-Terrorszene. Diese Schattenseiten vergisst kein Autor.

Rudolf Sievers verfolgt mit „1968 – Eine Enzyklopädie“ eine völlig andere Absicht. Mit Texten zum bewegten Jahr (Marx, Adorno, Marcuse, Enzensberger, Dutschke, Flugblätter usw.) will er den Zeitgeist von ’68 wieder lebendig machen. Manches liest sich mit Gewinn, doch man steigt nicht zweimal in den selben (Zeit)-Fluss.

Hans-Peter Schwarz hat sich einer Hassfigur der „68er“ gewidmet: In „Axel Springer. Die Biografie“ lässt er dem Mann, dessen „Bild „-Zeitung die Stimmung gegen Dutschke und Genossen seinerzeit anheizte, größtmögliche Gerechtigkeit widerfahren. Es waltet Verständnis für die Motive des Großverlegers. Springer habe „Schneid“ besessen und sich nicht gängigen Meinungen anbequemt. Als nach dem Attentat auf Dutschke die „Bild“-Lieferwagen brannten, habe er freilich tief betroffen über einen (Teil)-Verkauf seines Imperiums nachgedacht.

Die Kulturgeschichte der 60er Jahre, die nachhaltiger gewirkt haben dürfte als alle politisierten Debatten, kommt leider in allen Bänden zu kurz. Auch wird die „Provinz“ kaum in den Blick genommen. Meist nur Berlin, Frankfurt und Paris – das ist nicht die ganze Wahrheit.

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SERVICE

Die vorgestellten Bücher

  • Götz Aly: „Unser Kampf 1968″. S. Fischer Verlag. 256 Seiten, 19,90 Euro.
  • Peter Schneider: „Rebellion und Wahn. Mein ’68“. Kiepenheuer & Witsch, 364 Seiten, 19,95 Euro.
  • Wolfgang Kraushaar: „Acht und Sechzig. Eine Bilanz“. Propyläen. 256 S., 19,90 Euro.
  • Reinhard Mohr: „Der diskrete Charme der Rebellion“. Wolf Jobst Siedler Verlag (wjs). 238 S., 19,90 Euro.
  • Rudolf Sievers (Hrsg.): „1968. Eine Enzyklopädie“. Edition Suhrkamp. 475 Seiten, 18 Euro.
  • Hans-Peter Schwarz: „Axel Springer. Die Biografie“. Propyläen. 600 S., 26 Euro.
  • Außerdem zu nennen:
  • Gerd Koenen / Andreas Veiel (Hrsg.): „1968. Bildspur eines Jahres“ (200 Pressefotos der Zeit). Fackelträger, 190 Seiten, 29,95 Euro.
  • Lothar Menne: 1968. Unter dem Pflaster lagen die Träume“. Goldmann Verlag, 250 S., 14,95 Euro.
  • Michael Ruetz: „1968. Die unbequeme Zeit.“ Steidl Verlag, 224 S., 40 Euro.
  • Norbert Frei: „1968. Jugendrevolte und globaler Protest“. dtv premium, 288 S., 15 Euro.

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EXTRA

Generation ’68 im Revier

  • In Paris gingen sie auf die Barrikaden – und in Berlin. Aber an Rhein undRuhr – gab es da auch die zornige Generation ’68?
  • Der Autor Manuel Gogos beantwortet die Frage auf seiner Feature-CD „Die Revolution mit der Heizdecke“ (8,50 Euro) klar mit ja. In Bonn rauchten freche Studis die Zigarren des Rektors, in Köln rockte sich die Band CAN in Trance, selbst an den Werkstoren im Revier wurde erregt diskutiert. Was haben die Kinder der Revolution gewollt? Warum verflossen Pop und Protest?
  • Als Studenten auf die Barrikaden gingen und Arbeiter mehr Rechte einforderten, war Norbert Kozicki gerade 15.
  • Der Aufbruch faszinierte den heutigen Sozialwissenschaftler. Was den Pazifisten begeisterte: Die jungen Rebellen entdeckten ’68 eine neue, unblutige Waffe – die Sprache.
  • Genau das ist Thema von Kozickis Buch „Aufbruch in NRW. 1968 und die Folgen“ (7,95 Euro).
  • Beide Titel sind im Rahmen der „mediathek für Nordrhein-Westfalen“ ab sofort in den WR-Leserläden zu haben.

 




Brückenpläne an der Loreley – ein Risiko für den Status des Unesco-Weltkulturerbes?

Das Rheintal bei St. Goarshausen ist ein Inbegriff deutscher Romantik – auch für Japaner und Amerikaner. Nun ist die liebliche Gegend ins Gerede gekommen. Denn ausgerechnet im nahen Umkreis des berühmten Loreley-Felsens, den Heinrich Heine lyrisch besungen hat, möchte das Land Rheinland-Pfalz eine neue Brücke über den Rhein errichten.

Heines unsterbliche Loreley-Zeilen („Ich weiß nicht, was soll es bedeuten”) gelten in dieser Hinsicht nicht: Spätestens seit dem Dauerstreit um die Dresdner Waldschlösschenbrücke weiß man nämlich nur zu gut, dass solche Vorhaben schnell die Unesco als Hüterin des Weltkulturerbes auf den Plan rufen. Denn es könnte ja sein, dass die schönen Landschaftsbilder durch derlei Bauten empfindlich beeinträchtigt werden.

Seit 2002 genießt das mittlere Rheintal den prestigeträchtigen, auch touristisch bedeutsamen Welterbe-Status. Die Aufnahme in die Liste galt seinerzeit als kulturpolitischer Erfolg des Mainzer Ministerpräsidenten Kurt Beck, der mittlerweile bekanntlich auch SPD-Parteichef ist.

Im Februar (der genaue Termin ist bislang Geheimsache) wird sich eine Unesco-Kommission aus Paris ein Bild von der Lage an der Loreley machen. Die Mainzer Landesregierung will offenbar keinesfalls das Welterbe riskieren und hat im Vorfeld alle verlangten Papiere eingesandt.

Christian Schüler-Beigang, im Mainzer Bildungsministerium fürs Thema Welterbe zuständig, zur WR: „Wir halten uns strikt ans Unesco-Verfahren.” Anders als in Dresden, wo man die UN-Kulturorganisation praktisch vor vollendete Tatsachen gestellt habe, beziehe Rheinland-Pfalz die Unesco-Fachleute von Anfang an mit ein. Ohne eine Einigung werde es keine konkreten Planungen geben. Schon vor Vergabe des Welterbe-Siegels habe die Landesregierung deutlich gemacht, dass eines Tages eine Brücke nötig sein könne. Besonders die regionale Wirtschaft fordert den Bau dringlich. Bisher gibt es auf rund 100 Kilometern Rheinlänge (zwischen Koblenz und Mainz) keine einzige Rheinbrücke.

Auch Svea Thümler, Sprecherin des Mainzer Wirtschaftsministeriums, versichert: „Wir haben die Unesco frühzeitig in alle Entscheidungen eingebunden. Wir haben aus den Fehlern von Dresden gelernt.” Aus Finanzgründen bevorzuge man eine Brücke, werde notfalls aber einen Tunnel bauen – vielleicht mit Zuschüssen des Bundes? Ein Tunnel wäre nämlich mit etwa 72 Millionen Euro rund 30 Millionen teurer als eine Brücke und brächte das Land ziemlich in die Bredouille.

Befremdet zeigt man sich in Mainz über eine frühzeitige Stellungnahme von Prof. Michael Petzet, dem Präsidenten von Icomos (Deutscher Rat für Denkmalpflege), der die Unesco berät. Der einflussreiche Petzet lehnt nicht nur jegliche Brückenlösung ab, sondern auch einen Tunnel. Er empfiehlt, die Fährdienste zu erweitern. Aber würde deren Kapazität ausreichen?

Giulio Marano von Icomos kann sich nicht vorstellen, dass Rheinland-Pfalz gegen den Willen der Unesco die Brücke baut: „Sie werden die Pläne im Konfliktfalle wohl aufgeben.” Es seien ohnehin nur lokale Wirtschaftsinteressen im Spiel. Mainz habe sich nicht auf Vorschläge einlassen wollen, die Brücke an anderer Stelle des Rheins zu errichten.

Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, ist skeptisch: „In Dresden hätten wir auch nicht gedacht, dass sich alles so zuspitzt. Jetzt bloß nicht wieder Fakten schaffen wie an der Elbe!” Seltsam sei doch in beiden Fällen, dass man Brückenpläne erst aus der Schublade geholt habe, als das Welterbe bescheinigt war.

Schon Dresden, so Zimmermann, habe dem Ruf Deutschlands schwer geschadet. Europa und Deutschland seien bislang beim Welterbe eher bevorzugt worden: „Für manche Länder auf anderen Kontinenten wäre es ein gefundenes Fressen, wenn wir unsere Stätten nicht sorgfältig pflegen würden.” Noch so ein peinlicher Vorgang – und man müsse gar keine Anträge mehr bei der Unesco stellen. „Die würden dann sowieso gleich abgelehnt.”

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INFO:

Seit Heines Gedicht ein mythischer Ort

  • Kulturelles Welterbe ist das mittlere Rheintal. Die Loreley ist der berühmteste Ort dieser Region.
  • Die Loreley ist ein 120 Meter hoher Schieferfelsen bei St. Goarshausen.
  • Durch Heinrich Heines Loreley-Gedicht (1824) wurde die auf dem Felsen sitzende Jungfrau, die Schiffer ins Verderben zieht, zum Mythos.
  • In Dresden (Waldschlösschenbrücke im Elbtal) droht im Sommer 2008 schlimmstenfalls die Aberkennung des Welterbes.
  • Deshalb wurde jetzt in Dresden ein neuer, optisch gemilderter Brücken-Entwurf vorgelegt.
  • Ob man dort die Bedenken der Unesco zerstreuen kann, ist fraglich, denn die vierspurige Brückenbreite bleibt erhalten.



„Der Drachenläufer“: Im Land der Finsterlinge

Drachen steigen lassen und dem Geflatter hoch dort oben zuschauen – welch unschuldiges Spiel der kleinen Freiheit. Doch selbst das haben die Taliban seinerzeit in Afghanistan untersagt.

Damit sind die Sympathien natürlich gleich klar verteilt. Wer immer sich gegen derlei religiös bemäntelten Wahn auflehnt, gehört fraglos zu den Guten. Marc Forster („Monster’s Ball”) hat Khaled Hosseinis internationalen Buchbestseller „Der Drachenläufer” verfilmt und tut sich schwer, angesichts dieser Ausgangslage einen Spannungsbogen zu erzeugen.

Erzählt wird die Geschichte zweier Menschen, die wir anfangs 1978 als kleine Jungs in den Straßen von Kabul kennenlernen – noch vor der sowjetischen Invasion in Afghanistan. Da überwiegen noch „westliche” Sitten. Man tanzt, trinkt und flirtet. Amir und Hassan heißen die ungleichen Freunde. Amir ist Sohn eines wohlhabenden, freidenkerischen Vaters. Hassan ist gleichsam als Diener und überdies als Angehöriger einer weithin verachteten ethnischen Minderheit ins Haus gekommen.

Gemeinsam lassen sie Drachen steigen und gewinnen dabei einen großen Wettstreit. So innig sind sie befreundet, dass sie von einer miesen Straßengang bedroht werden (deren Anführer später ein übler Taliban wird). Doch dann lässt Amir seinen Freund in einer Notlage schmählich im Stich und denunziert ihn auch noch. Dieser Hassan ist so demütig, dass er noch die andere Wange hinhält. Fast schon ein kleiner Heiliger.

Als die Taliban die Macht ergreifen, geht Amir mit seinem Vater ins US-Exil, macht sein Examen, heiratet, wird Schriftsteller. Den Freund aus Kindertagen hat er längst aus den Augen verloren. Doch diese kalifornischen Episoden sind nur das Zwischenspiel. Die Probe auf mannbare Standfestigkeit und Edelmut kommt erst noch.

Zufall über Zufall in der oft vernehmlich knirschenden Konstruktion: Gerade als Amirs erstes Buch druckfrisch vorliegt, erreicht ihn ein dringlicher Anruf aus Pakistan. Es ist eine unabweisbare Botschaft aus der keineswegs abgeschlossenen Vergangenheit.

Beschwerliche, gefährliche Reise: Amir kommt – mit falschem Bart getarnt – zurück ins zerstörte, just von vollbärtigen Finsterlingen beherrschte Kabul. Hier kann er (rund 20 Jahre „danach”) einen Teil seiner alten Schuld abtragen, indem er wenigstens Hassans kleinen Sohn aus einem erbärmlichen Waisenhaus rettet. Im Grunde ein zwiespältiger Vorgang: Ein einziger Junge wird aus dem Elend geholt (besser als keiner, gewiss), um hernach allmählich an den Segnungen Amerikas zu genesen . . .

Der 128 Minuten lange, in den USA und in China gedrehte Film enthält manche Passagen, die den Kontrast zwischen westlichem Wohlleben und dumpfer afghanischer Schreckensherrschaft sozusagen mit breitem Pinsel ausmalen – bis hin zu einer Szenenfolge im verrotteten Fußballstadion von Kabul, wo nach lustlosem Kicker-Vorspiel eine Ehebrecherin gesteinigt wird. Obwohl man an solchen Stellen zutiefst erschrickt, wird man das Gefühl nicht los, dass es auch wohlfeile Genrebilder sind.

Aufdringlich wirken zudem die Leitmotive, die allemal auf eine universelle Gültigkeit der Geschichte ausgerichtet sind. Winke mit Zaunpfählen: Das Drachenfliegen muss partout immer wieder aufgegriffen werden, ebenso der schwerstens bedeutsame Schuss mit einer Steinschleuder. Hier hat eben alles mit allem zu tun, und die symbolträchtigen Vorgänge wabern etwas ermüdend hin und her.

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Über den Regisseur:

  • Marc Forster (38) wurde als Sohn eines deutschen Arztes und Pharmaunternehmers in Illertissen bei Ulm geboren. Aufgewachsen ist er im schweizerischen Davos.
  • Ab 1990 studierte er an der Filmschule der New York University. Er schrieb Drehbücher und bemühte sich lange Zeit mit wenig Erfolg um Aufträge.
  • Sein Durchbruch begann 2000 mit dem Umzug nach Los Angeles.
  • Schon sein zweiter Kinofilm „Monster’s Ball” bescherte Hauptdarstellerin Halle Berry einen Oscar.
  • Es folgten u. a. „Wenn Träume fliegen lernen” und „Schräger als Fiktion”.
    Derzeit arbeitet Forster am neuen „Bond 22” (Arbeitstitel).



Künstler ahnen die Katastrophe

Für die Ausstellung „1937 – Perfektion und Zerstörung” ist die Bielefelder Kunsthalle bis an die Grenzen des finanziell Machbaren gegangen. Wenn nicht mindestens 100 000 zahlende Besucher kommen, dürften (trotz erheblicher Sponsoren- und Stiftungsmittel) die künftigen Spielräume sehr eng werden.

Rund 420 Werke aus weit über 100 Museen der Welt bietet man auf, um das Umbruchsjahr 1937 im Spannungsfeld zwischen Ästhetik und Politik zu erkunden.

Es war das Jahr, in dem die NS-Machthaber die infame Ausstellung „Entartete Kunst” zeigten, mit der sie die gesamte Avantgarde diffamieren wollten. Am 19. Juli 1937 begann die schändliche Schau mit beschlagnahmten Bildern in München. Dort und an weiteren Stationen zog sie bis 1941 rund 2 Millionen (!) Besucher an. Sicherlich waren viele Verblendete darunter. Doch manche kamen auch, um ein letztes Mal große Kunst zu sehen – vor den gänzlich finsteren Zeiten.

1937 war auch das Jahr, in dem die Bombardierung der spanischen Stadt Guernica (durch die deutsche „Legion Condor”) einiges vom Schrecken des späteren Weltkrieges ahnen ließ. Picassos Guernica-Bild ist berühmt geworden, in Bielefeld sieht man Vorstudien dazu, neben weiteren malerischen Protesten gegen das Massaker. Der Weltenbrand hatte begonnen.

Die ambitionierte, dicht gehängte Schau (in der Einzelwerke bisweilen fast untergehen) beginnt freilich mit Einzelbeispielen für – Nazi-Kunst. Trefflich beschreibt Museumschef Thomas Kellein ein monströses Aktbild im heroischen Stil: „Das sind eigentlich keine Frauen, sondern Soldaten mit Brüsten.” Sinnleeres Heldenpathos verströmt auch die Skulptur „Prometheus” von Arno Breker. So sah er also aus, der damals diktatorisch verfügte bildnerische Zeitgeist. Ebenso uninspiriert wie verkrampft.

Bilder aller ernst zu nehmenden deutschen Künstler jener Zeit künden hingegen von Bedrückung, wenn nicht von apokalyptischen Visionen. Carl Hofers „Mann in den Ruinen” (1937) nimmt gar schon die Trümmerzeit vorweg. Überhaupt haben Maler wie etwa Grosz, Radziwill, Barlach oder Oelze („Erwartung”) so ziemlich alles Unheil kommen sehen. Bestürzende Belege für die seismographischen Kräfte wahrhaftiger Kunst. In Bielefeld vermeidet man es, Exilkünstler gegen „innere Emigranten” (z. B. Nolde) auszuspielen. Sie alle haben gelitten.

Die Ausstellung wartet überdies mit Querschnitten des Jahres 1937 aus verschiedenen Ländern auf. Beispiel Italien: Im Gefolge des technikgläubigen Futurismus herrschte dort fliegerische Begeisterung, verquickt mit Kriegslüsternheit. Viele Maler buhlten um die Gunst des Diktators Mussolini, sie wurden tatsächlich kaum behelligt. Die Breite der Ausdrucksmöglichkeiten blieb somit größer als in Deutschland.

Ganz anders in der Sowjetunion. Glückliche Familie begrüßt Panzer mit rotem Stern. Groteskes Flugzeug firmiert als „Schrecken der Lüfte”. Maler priesen Stalin auf ungemein peinliche Weise. Vielen hat es nichts geholfen. Sie wurden später trotzdem von Stalins Schergen umgebracht.

In den USA, wo damals zwei Millionen arbeits- und obdachlose Tramps unterwegs waren, setzte sich seinerzeit eine betont sozialkritische Malerei und Fotografie durch. Sogar ein frühes Bild des nachmaligen Tropfenbild-Künstlers Jackson Pollock bezieht realistisch Stellung.

Weitere Themen der Schau: die Politisierung des Surrealismus (Max Ernst, Magritte), die Fotografie zwischen Dokumentation und Propaganda. Schließlich der Aufbruch der Konstruktivisten – auf schmalem Grat zwischen geometrischer „Unschuld” und fataler Realitätsferne.

INFO/HINTERGRUND:

Im Vorfeld der von den Nazis erzwungenen Schau „Entartete Kunst” (1937) gab es in den Reihen der NSDAP Uneinigkeit über den kulturellen Kurs.
Propagandaminister Goebbels traute den Expressionisten zu, eine „deutsche” Kunst im NS-Sinne zu liefern.
Hitler lehnte diese Auffassung jedoch barsch ab – und setzte sich durch. Expressionistische Kunst wurde mit anderen Strömungen der Moderne verfemt und aus deutschen Museen entfernt.

Die Ausstellung: „1937. Perfektion und Zerstörung”. Bis 13. Januar 2008. Kunsthalle Bielefeld, Artur-Ladebeck-Straße 5. Täglich 11-18, Mi 11-21, Sa 10-18 Uhr. Eintritt 7 €, Katalog 32 €.




Der rastlose König aus dem Sauerland – Nicht nur ein Kuriosum der Historie: Theodor von Neuhoff regierte 1736 auf der Insel Korsika

Von Bernd Berke

Lüdenscheid/Korsika. Das sind besondere Urlaubserlebnisse: Wenn man auf unverhoffte Spuren aus heimischen Gefilden stößt. Da fliegt man auf die Mittelmeerinsel Korsika, schwebt schon über der gebirgigen Landschaft, blättert im Reiseführer und findet zwei Extra-Seiten über einen historischen Mann aus dem Sauerland. Kaum zu glauben: Er war als „Theodor I.“ der einzige König, den die Insel je hatte.

Theodors direkte Linie ist zwar vor geraumer Zeit ausgestorben. Doch ein weitläufig verwandter Nachfahre des „Königs aus dem Sauerland“ lebt mit seiner Familie in Lüdenscheid. Baron Alhard Freiherr von dem Bussche-Kessel wohnt auf Schloss Neuenhof. Zu Theodors 275. korsischem Thronjubiläum (2011) plant er schon jetzt ein umfangreiches Gedenk-Programm – mit Ausstellung, Vorträgen, Theater und Musik – auch von der heute französischen Insel.

Spieler, Diplomat und Geheimagent

Der Lüdenscheider Baron wünscht sich „endlich eine gerechte historische Beurteilung von Theodors Leistungen.“ In der Tat: Bisher hat der unstete Altvordere keinen sonderlich guten Leumund in der Geschichtsschreibung. Die freilich ist noch reichlich lückenhaft. So weiß man nicht einmal mit letzter Sicherheit, ob Theodor in Köln oder Metz geboren ist.

Jedenfalls ist er von sauerländischem Adel. Schloss Neuenhof gehörte jenen verzweigten westfälischen Neuhoffs, denen eben auch Theodor Stephan Freiherr von Neuhoff (1694-1756) entspross. Einen Teil seiner Kindheit hat Theodor auf dem Stammsitz seiner Linie verbracht: Gut Pungelscheid bei Werdohl, dessen Ruinenreste längst abgetragen sind.

Doch auf Dauer zieht es ihn in die Ferne. Theodor ist ab 1709 Page von Liselotte von der Pfalz, die ihn am prachtvollen Hof in Versailles einführt. Glanz und Intrigen wirken offenbar verführerisch. Nach und nach entwickelt er sich zum umtriebigen Abenteurer, der im Lauf seines Lebens in ganz Europa und Nordafrika herumkommt – als notorischer Glücksspieler, der zuweilen heftig Schulden macht, doch häufig auch in diplomatischer Mission. Es gibt Quellen, die in ihm gar einen „Agenten“ für wechselnde politische Auftraggeber sehen wollen. So habe er etwa für Schweden in Spanien spioniert und hernach für Österreich gekundschaftet.

Korsischen Widerstand gegen Genua organisiert

Und wie wird er König von Korsika? Nun, die Insel steht seinerzeit unter genuesischer Fremdherrschaft. Dagegen hat sich eine Unabhängigkeitsbewegung formiert. Durch Verhandlungsgeschick erwirkt der beredsame Theodor die Freilassung gefangener Korsen. Das kommt bei den Exil-Korsen in der Toskana derart gut an, dass sie ihm den Königstitel in Aussicht stellen – falls er Soldaten und Finanzmittel zur Befreiung der Insel organisieren könnte. Mit geliehenem Geld gelingt es Theodor, ein Schiff auszurüsten, in Tunis Söldner anzuheuern und auch Getreue aus dem Sauerland für die Rebellentruppen zu gewinnen. Er selbst trägt als Anführer ein bizarres Phantasiekostüm.

Die Korsen halten Wort. Am 15. April 1736 wählen Repräsentanten der Inselbevölkerung diesen Theodor zum König. Seine Leute drängen die Genueser vorübergehend zurück. Er erlässt eine fortschrittliche Verfassung, wendet sich pathetisch an die Herrscher Europas. Doch Glück und Königtum währen nicht lange. Schon am 11. November muss er die Insel fluchtartig verlassen und stets vor gedungenen Mördern auf der Hut sein. Zwei Rückkehrversuche enden kläglich.

Trotzdem: Bis heute hat Theodor bei manchen korsischen Unabhängigkeitskämpfern(die sich gegen Frankreich wenden) einen recht klangvollen Namen. Auf der Insel sind einige Straßen und Plätze nach ihm benannt.

Theodors zuweilen so pralles Leben endet betrüblich. Nach vielen weiteren rastlosen Wanderjahren landet der Zechpreller im Schuldturm von London. Berühmtheiten wie der Schriftsteller Horace Walpole und der Schauspieler David Garrick besuchen ihn.

Unter ärmlichen Umständen stirbt der einstige König am 11. Dezember 1756.

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HINTERGRUND

Phantasiestoff für Künstler

  • Als schillernde Gestalt hat Theodor von Neuhoff die Phantasie von Künstlern beflügelt.
  • Voltaire hat ihm in seinem „Candide“-Roman ein Denkmal gesetzt.
  • Giovanni Paisello komponierte die ziemlich triviale Oper „II Re Teodoro in Venezia“ (uraufgeführt 1784).
  • Auch der berühmteste aller Korsen, Napoleon Bonaparte, habe sich literarisch mit Theodor befasst, heißt es.
  • Nestroy schrieb das Stück „Prinz Friedrich von Korsika“, in dem Theodor vorkommt.
  • Jüngere Publikation: Michael Kleeberg „Der König von Korsika“‘, Roman (2001).



All die tiefen Wunden dieser Erde – Die documenta XII versucht die Abkehr von eurozentrischen Perspektiven

Von Bernd Berke

Kassel. Wer wollte bestreiten, dass „wir“ der so genannten Dritten Welt vieles Übles angetan haben – von kolonialistischen Zeiten bis zur heutigen neoliberalen Herrschaft der Geldströme. Bei der Kasseler documenta XII kann man in zahlreichen Details nachvollziehen, zu welch desolaten Verhältnissen dies führt. Da bleibt, um ein documenta-Schlagwort aufzugreifen, meist wirklich nur das notdürftig „bloße Leben“ übrig.

Was einer Weltkunstschau bestens ansteht, ja geradezu zwingend ist: Etliche Beiträge kommen aus Indien, China, Südamerika und afrikanischen Ländern. Mehr oder weniger verbrämte eurozentrische Sichtweisen herrschen in der sonstigen Westkunstszene genug.

Beim weitläufigen Streifzug durch die ersten drei documenta-Schauplätze (Fridericianum, documenta-Halle, Aue-Pavillon) beschäftigt einen manche ausufernde Dokumentation zum weltweiten Elend, zur Zerstörung ganzer Lebensräume, zu allen Wunden dieser Erde  doch auch zu sämtlichen Arten der Gegenwehr und der Dissidenz.

Anwachsende Archive des Widerstands

Auch im Rückgriff auf die letzten Jahrzehnte werden gleichsam alle Möglichkeiten des Nicht-Einverstandenseins eingesammelt, so dass sich angehäufte „Archive des Widerstands“ ergeben – bis hin zu unscheinbaren, fotografisch festgehaltenen Aktionen eines Jiri Kovada, der in den 70er Jahren seinen Widerwillen gegen kommunistische Prager Zustände mit kleinsten Gesten auf der Straße anmeldete. Insgesamt scheint’s, als solle auf diese Weise ein Aufbruchsgeist wie von 1968 erneut heraufbeschworen werden.

Aber ergibt sich hier auch eine bewegende Ästhetik des Widerstands? Zuweilen schon, etwa bei Romuald Hazoumé (Nigeria), der aus alten Benzinkanistern ein monumentales Flüchtlingsboot gebaut hat und es als ebenso unabweisbar machtvolles wie mehrdeutiges Zeichen der Migration in den Raum stellt.

Von vornherein ausgemachte Feinbilder

Doch in einigen Fällen erschöpft sich das Protest-Potenzial in agitatorisch anmutender Wandzeitungs-Ästhetik. Da „stimmen“ von vornherein die Feindbilder, über die man sich offenbar gar nicht mehr verständigen muss. Die meisten Künstler freilich mühen sich ab mit peniblen Materialsammlungen oder mit Fragen nach der künstlerischen Darstellbarkeit politischer Vorgänge überhaupt. Viel Grübelstoff.

Die Schau ist denn auch weit entfernt von einer etwaigen „neuen Übersichtlichkeit“. Man wird kaum eine Kunstrichtung nennen können, die nicht in irgendeiner Form fürsorglich eingemeindet wird, zuweilen gar in ein und demselben Werk – so etwa bei Luis Jacobs schier endlosen Formen-Mutationen oder beim gigantischen, wahrhaft verwirrenden Auftritt der Cosima von Bonin in der documenta-Halle. Weiße Linien sind um ihre vielteilige Installation gezogen, damit man erkennt, was noch dazu gehört und was nicht.

Ein Netzwerk aus Kleidungsstücken

Und wie steht es mit dem angestrebten Dialog der verschiedenen Werke? Nun, oft wird man ihn herbeireden müssen. Irgendeine Verbindungslinie findet sich immer, notfalls durch intellektuelle Spökenkiekerei.

Die vielleicht schönste Raumabfolge der documenta überwältigt den Besucher auf sanfte, doch nachdrückliche Weise im altehrwürdigen Fridericianum. Zunächst trifft man ganz unvermittelt auf eine stille Choreographie der Tanz-Künstlerin Trisha Brown. Eine Gruppe junger Balletteusen bewegt sich wie in Zeitlupe über ein Netzwerk aus Kleidungsstücken. Sie schlüpfen mühselig herein und heraus. Das Wechselspiel aus körperlicher Anspannung und befreienden Momenten ergreift wohl jeden, der den Saal betritt. Mit anderen Worten: Der Raum ist wundersam erfüllt.

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AM RANDE

Stadtreinigung entfernt Kunstwerk

  • Zwei Tage vor der Eröffnung ist das erste Werk der documenta schon zerstört. Eine Arbeit der aus Chile stammende Künstlerin Lotty Rosenfeld fiel gestern der Kasseler Stadtreinigung zum Opfer, bestätigten die Ausstellungsmacher einen Bericht des Hessischen Rundfunks.
  • Rosenfeld hatte weiße Kreuze auf Straßen in Kassel gemalt. Die nicht informierten Stadtreiniger rissen aufgeklebte Markierungen ab und entfernten die Kreuze.
  • Rosenfelds Arbeit entstand in Anlehnung an eine eigene Aktion 1979 im damals noch diktatorisch von Augusto Pinochet regierten Chile.

 

 




Jede Kulturhauptstadt lernt von den Vorläufern – Internationales Treffen mit Etat-Vergleich in Essen

Von Bernd Berke

Essen. Immer gern genommen: „Netzwerk“ und „Nachhaltigkeit“ lauten die Schlagworte, wenn etwas dauerhaft in Gang gesetzt werden soll. So auch jetzt beim Treffen der Kulturhauptstädte in Essen.

Das neu geknüpfte Netzwerk umfasst vorerst alle europäischen Kulturkapitalen der Jahre 2007 bis 2011. Wer künftig benannt wird, soll ebenfalls zum Kreis gehören und vom regelmäßigen Austausch profitieren. Auch aus etwaigen Fehlern der Vorläufer lässt sich etwas lernen.

Da wird etwa über den Umgang mit Politikern oder Sponsoren geredet – und über Visionen: Kultur soll europäische Wege noch mal anders bahnen als wirtschaftliche und politische Beziehungen.

Diesmal haben die Delegierten auch die Kulturhauptstadt-Etats miteinander verglichen. Und siehe da: Das doch recht kleine Linz (Österreich, 2009 an der Reihe) verfügt über 60 Millionen Euro öffentliches Geld. Essen und das Ruhrgebiet (2010) können nach jetzigem. Stand auf 48 Mio. Euro zurückgreifen. Sponsorenmittel nicht mitgerechnet. Apropos: Da wäre das Revier froh, wenn es die Marke von Liverpool (2008) erreichen könnte, wo aus Privatschatullen 12 Mio. Pfund (rund 17,6 Mio. Euro) fließen.

Glasgow als leuchtendes Vorbild

Beispiel für einen Lerneffekt des Essener Treffens: Stavanger (Norwegen, 2008) hat Projektvorschläge fürs Hauptstadtjahr völlig ins Belieben gestellt und gleich über 700 erhalten, darunter etlicher Unsinn. Man musste mühsam sortieren und dabei viele Leute enttäuschen. Im Revier (500 Projekt-Ideen) hat man zeitig vorgefiltert.

Parallel mit dem Ruhrgebiet treten 2010 Pécs (Ungarn) und Istanbul (Türkei) an. Einzelheiten sind noch nicht ganz spruchreif, doch das Trio will konkrete Vorhaben miteinander umsetzen, Künstleraustausch und gemeinsame Tourismus-Werbung inbegriffen.

Wohin die Reise gehen soll, skizzierte der Kulturmanager Sir Bob Scott am Beispiel Liverpool. Ab 2008 solle die Welt anders über die Stadt mit dem bislang schäbigen Image denken. Musterbeispiel: Glasgow (1990), das sein Erscheinungsbild gleichsam runderneuert hat. Im Ruhrgebiet ist man für eine solche Erfolgsgeschichte besonders hellhörig.




Günter Grass: „Ich lasse mich nicht mundtot machen“ – Der Schriftsteller beim Leseabend der RuhrTriennale

Von Bernd Berke

Duisburg. Von der heftigen Debatte um sein spätes Waffen-SS-Geständnis mag Günter Grass am liebsten nichts mehr hören: „Ich lasse mich nicht mundtot machen“, sagte er jetzt als Gast der RuhrTriennale in Duisburg.

Dem Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Frank Schirrmacher, warf der Literaturnobelpreisträger vor, ihn mit verdrehten Tatsachen als Schriftsteller und öffentliche Person demontieren zu wollen. Überhaupt sei ihm in den letzten Wochen aus manchen Medien „Hass und Vernichtungswillen“ entgegengeschlagen. Grass fügte hinzu, er habe sich gefühlt, als wäre er nun „frei zum Abschuss.“

Doch er .werde als Künstler alle Angriffe überleben und er werde nicht weichen, sondern sich weiterhin in gesellschaftliche Diskussionen einmischen. Grass: „Daran ist ja die Weimarer Republik zerbrochen – dass zu wenige Bürger sie verteidigt haben.“

Schauplatz der Tiraden war ein Leseabend im Rahmen der RuhrTriennale. Trotz des zeitgleichen Fußball-Länderspiels waren viele Hundert Menschen in die Duisburger Gebläsehalle gekommen, um Auszüge aus Grass‘ Jugenderinnerungen „Beim Häuten der Zwiebel“ zu hören – und um sich ein Bild von der gegenwärtigen Befindlichkeit des Autors zu machen.

Nach der Lesung nahmen Grass und Triennale-Chef Jürgen Flimm (beide sind „per Du“ miteinander) in zwei bequemen Sesseln Platz – zum Podiums-Dialog bei einem Gläschen Rotwein.

„Wer wird später noch Schirrmacher kennen?“

Der Autor bemühte einen epochalen Vergleich: In Anspielung auf den kleinlichen Goethe-Kritiker Wolfgang Menzel fragte Grass: „Wer kennt heute noch Menzel? Wer wird später noch Schirrmacher kennen?“ Selbstgewisser Blick vom Dichter-Olymp herab…

Was bei einer Lesung deutlicher wird als bei stiller Lektüre: Grass‘ Memoiren wirken sprachlich geglättet und erzähldramaturgisch, ja zuweilen gar anekdotisch mustergültig gebaut; selbst dann noch, wenn es um schlimme Kriegserlebnisse geht. Literarisch denkbar wäre ja auch ein schrundiger, zerrissener Tonfall, der menschliche Erschütterung direkter abbildet. Hier aber spricht ein beruhigter „Klassiker“, ein Souverän.

Im Zwiegespräch mit Flimm betonte Grass abermals, er habe erst im Verlauf der Arbeit an diesem Buch ein Geständnis über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS ablegen können: „Ich war vorher nicht in der Lage, es mitzuteilen.“ Er habe sich über seine prinzipiellen Vorbehalte gegenüber autobiographischen Texten hinweggesetzt. Die Erinnerung färbe vieles schön, daher sein Misstrauen. Er nehme aber für sich Anspruch, gerade die schmerzlichen Passagen sehr genau und gewissenhaft formuliert zu haben.

Gastgeber Flimm pflichtete Grass bei: Es sei letztlich Sache des Schriftstellers, wann er biographische Tatsachen preisgebe. Außerdem habe Grass nach dem Krieg als „kräftiger Demokrat“ tätige Reue geübt wie nur wenige. Für solche lindernden Sätze gab es Beifall aus dem Publikum. Die große Mehrheit seiner Leser hält offenbar durch alle Fährnisse treu zu Grass.




Gespräch mit Feridun Zaimoglu: Ein böses Schillern mitten in unserer Gesellschaft

Der deutsch-türkische Schriftsteller Feridun Zaimoglu war kürzlich Teilnehmer des „Islam-Gipfels“, zu dem Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble eingeladen hatte. Ein Gespräch mit Zaimoglu auf der Frankfurter Buchmesse.

Wie haben Sie die Vorgänge um die Absetzung der Mozart-Oper „Idomeoneo“ in Berlin erlebt?

Feridun Zaimoglu: Jedenfalls will ich nicht mit dem Chor der Wölfe heulen. Plötzlich wimmelte Deutschland von Aufklärungs-Hysterikern, die gesagt haben: Wir dürfen nicht vor dem Islam einknicken. Die Politiker haben doch erst die Droh- und Druckkulisse aufgebaut. Ein Schmierentheater. Diese Leute sollen sich mal entspannen. Ich bin für Bodenhaftung. Man muss nicht gleich alles symbolisch und ideologisch aufladen wie diese Aufklärungs-Spießer.

Erklären Sie uns diesen Begriff? Sonst ist „Aufklärung“ doch positiv besetzt, oder?

Zaimoglu: Ich sage als Deutscher, der dieses Land liebt und vom religiösen Wahn bitteschön unbehelligt leben will: Ich bin aufklärungsskeptisch. Aufklärung ist sehr billig zu haben. Wenn man den religiös Orthodoxen folgt, landet man in der heißen Hölle, folgt man nur der Aufklärung, so kommt man in eine kalte Hölle. Ausgerechnet jene, die die Einwanderer schon immer ausgegrenzt haben, nutzen jetzt wieder die Gelegenheit, um auf den Islam einzudreschen. Die kennen die deutsche Realität gar nicht. Da werde ich garstig.

Wie ist der „Islam-Gipfel“ aus Ihrer Sicht verlaufen?

Zaimoglu: Großartig. Ein historischer Schritt. Es ging gleich zur Sache. Minister Schäuble hat keine Friede-Freude-Eierkuchen-Veranstaltung daraus gemacht. Auch das liebe ich an Deutschland: die herbe Aussprache; höflich, aber nicht zimperlich. Allerdings herrscht jetzt schon Entscheidungspflicht.

In welcher Hinsicht?

Zaimoglu: Es geht um die Ausbildung von islamischen Geistlichen in Deutschland, um islamischen Religionsunterricht in deutschen Schulen und die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Der Islam ist nun mal die zweitstärkste Religion Deutschlands. Das muss man endlich realpolitisch zur Kenntnis nehmen. Ich bin glühender Verfechter eines „deutschen Islam“, etwa so: Wir sind hier. Wir leben, lieben und glauben in Deutschland…

Drängt es Sie, solche Fragen auch literarisch zu verarbeiten?

Zaimoglu: Ich muss immer körperliche Lust auf ein Thema haben. Als ich mit „Leyla“ anfing, hatte ich eben Lust, die Geschichte meiner Mutter zu erzählen. Übrigens haben mich die Plagiatsvorwürfe, diese infamen Lügen, damals sehr erschüttert. Da gab es Leute, die mich als Schriftsteller offenbar vernichten wollten. Aber es hat sich ja als heiße Luft erwiesen. Und das Publikum hat zu mir gehalten. Übrigens wird es eine Fortsetzung von „Leyla“ geben.

Viele Kritiker haben den Roman gepriesen. Tenor: Bisher hat er uns manche Kraftmeierei zugemutet. Jetzt aber ist er ein richtiger Schriftsteller.

Zaimoglu: Dass ich jetzt als deutscher Dichter angesehen werde, macht mich wirklich froh. Trotzdem stehe ich auch zu meinen früheren Büchern. „German Amok“ würde ich heute etwas anders schreiben, weniger grob gestrickt. Na gut. Schreiben ist für mich eine Sucht, es erfordert sehr viel Kraft, es laugt einen aus. Auch deshalb genieße ich jedes Lob.

In Castrop-Rauxel wird derzeit Ihr Theaterstück „Schwarze Jungfrauen“ gespielt – jeweils mit anschließender Diskussion. Was ist so provozierend an dem Stoff?

Zaimoglu: Es ist tatsächlich empörend, es fallen knallhart antiaufklärerische Sätze. Das Stück basiert auf Interviews mit jungen türkischen Frauen – und einiges, was ich da hörte, hat auch mich empört. Antiamerikanische und zuweilen antijüdische Auslassungen, die ziemlich ungefiltert auf die Bühne kommen. Man wird da in einen dunklen Sog hineingezogen. Ein böses Schillern mitten in unserer Gesellschaft…




Heikle Debatte um die Freiheit der Kunst: Absetzung der Mozart-Oper „Idomeneo“ in Berlin – aus Angst vor islamistischen Anfeindungen

Von Bernd Berke

Ach je, es ist wieder mal so weit: Wir haben eine neue Debatte um die Freiheit der Kunst! Abermals ragt die politische Sphäre bedrohlich in die kulturelle hinein. Die Deutsche Oper in Berlin hat (wie berichtet) die Mozart-Oper „Idomeneo“ aus Furcht vor etwaigen islamistischen Anfeindungen vom Spjelplan genommen. Jetzt hagelt es Kritik an der Entscheidung.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat den Entschluss der Opern-Intendantin Kirsten Harms (50) als „verrückt“ bezeichnet: Ein solcher Schritt sei lächerlich. Regisseur Hans Neuenfels, dessen „Idomeneo“-Deutung bereits 2003 ihre (von Tumulten begleitete) Premiere erlebte, hat die Absetzung als „Hysterie“ gescholten, sein Anwalt Peter Raue legt der Intendantin den Rücktritt nahe.

„So weit ist es gekommen…“

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) spricht von übereilter „Selbstzensur“. Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) meint: „So weit ist es gekommen, dass die Freiheit der Kunst eingeschränkt wird.“ Ähnlich äußert sich Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Börnsen: „Das schadet der Freiheit der Kunst auf unserem Kontinent.“

Man wüsste gern mehr über die Entscheidungswege. Hat die Oper (z. B. angesichts des Streits um Papst-Zitate und Mohammed-Karikaturen) etwa befürchtet, dass speziell diese Mozart-Version Probleme mit sich bringt – und vorsichtshalber angefragt?

„Unkalkulierbare Risiken“

Wohl kaum. Gestern hieß es, Berlins Landeskriminalamt (LKA) habe bereits im Juli vor einer Wiederaufnahme der Oper gewarnt, es habe zuvor einen anonymen Hinweis gegeben. Der Kulturverwaltung des Berliner Senats sei sodann eine „Gefährdungsanalyse“ übermittelt worden. Nicht von konkreten Drohungen ist die Rede, aber von „unkalkulierbaren“ Risiken.

Ist es vorauseilender Gehorsam, ein „Kniefall“ gar? Intendantin Kirsten Harms hatte offenbar Hinweise auf Gefahren. Berlins Innensenator Ehrhart Körting habe ihr die Bedenken mitgeteilt, sagte Harms gestern. Körting wiederum legt Wert auf die Feststellung, er habe nicht die Absetzung der Oper gefordert.

Wowereit für offensive Linie

Da möchte man nicht mit der Opernchefin tauschen. Sie trägt Verantwortung für die Sicherheit der Darsteller und des Publikums. Berlins Kultursenator Thomas Flierl bescheinigt ihr denn auch verantwortungsvolles Handeln. Bürgermeister Klaus Wowereit kontert, Kunstfreiheit müsse „offensiv“ verteidigt werden. Leicht gesagt.

Harms betont, „vorerst“ seien nur die vier November-Aufführungen gestrichen worden. Heißt das: Rückzug vom Rückzug möglich? Jetzt, wo vielleicht „schlafende Löwen“ geweckt worden sind?

Deutungshoheit des Regisseurs

Die Freiheiten, die sich manche Regisseure gestatten, sind nicht selten verstörend, sie können mitunter Gefühle verletzen. Abgeschlagene Köpfe der großen Propheten und Religionsstifter in einer Mozart-Oper zu zeigen, das zeugt von extensiver Auslegung der Deutungshoheit eines Regisseurs. Hans Neuenfels macht geltend, er habe sich mit sämtlichen Weltreligionen auseinandersetzen und einen „Aufstand gegen die Götter“ schildern wollen.

Wohin soll das noch führen? Es wären allerlei Gruppierungen oder auch einzelne Eiferer denkbar, die Theaterspielpläne (oder z. B. Kino- und Verlagsprogramme) durchforsten. Wenn ihnen etwas missfällt, was dann? Die Deutsche Oper hat ihnen jetzt ein fatales Beispiel geliefert, dass bereits vage Bedrohungen wirksam sein können. Wo bliebe die Freiheit der Kunst, die doch wohl unverbrüchlich zum aufklärerischen Kulturerbe zählt?

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HINTERGRUND

Konflikt mit den Göttern

  • Mozarts Oper „Idomeneo“ erzählt die tragische Geschichte des gleichnamigen kretischen Königs.
  • Dieser Idomeneo sieht sich – nach dem Trojanischen Krieg – vom Meeresgott Poseidon dazu gedrängt, seinen eigenen Sohn zu opfern.
  • Daraus erwächst der Konflikt zwischen Pflicht gegenüber den antiken Göttern und Treue zu den Menschen.
  • Bei Mozart endet die Sache (dem Geschmack seiner Zeit entsprechend) allerdings glimpflich.
  • Die triumphale Uraufführung war im Januar 1781 im Münchner Hoftheater.

 




Auf dem Markt der Meinungen – die Debatte um Grass und die Waffen-SS

Von Bernd Berke

Bitte, bitte, lasst die Debatte um Günter Grass und seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS nun langsam ausklingen! Lesen und Nachdenken wären jetzt erst einmal eine prima Alternative.

Seit einer Woche wogen Rede und Widerrede hin und her, drunter und drüber. Jede halbwegs prominente Gestalt hat sich mittlerweile geäußert, nur der Philosoph Jürgen Habermas nicht. Oder haben wir da im Getümmel etwas überhört? Der Meinungsmarkt ist übersättigt. Derlei aufgeregte Diskussionen bekommen wir wohl nur am Standort Deutschland hin. Vor allem erzkonservative Gemüter haben die Gelegenheit, ihrem langjährigen Widersacher Grass etwas heimzuzahlen, weidlich genutzt.

Besonders markig war der Aufschrei des Flensburger CDU-Hinterbänklers Wolfgang Börnsen, der in der „Bild“-Zeitung forderte, Grass solle seinen Nobelpreis zurückgeben. Börnsen wurde daraufhin von einer Nachrichtenagentur sogleich eilfertig als „Kulturexperte“ bezeichnet. Ausweislich seiner eigenen Internet-Seite hat Börnsen im Bundestag bislang praktisch nur mit verkehrspolitischen und maritimen Redebeiträgen geglänzt: „Promillegrenze in der Seeschifffahrt“, „Änderung des Seemannsgesetzes“, „Küstenwache optimieren“.

Inzwischen hat Günter Grass sein Geständnis auch bei Ulrich Wickert abgelegt. Seine Aussagen in der (bereits am Dienstag aufgezeichneten) ARD-Sendung „Wickerts Bücher“ waren freilich schon vorher auf dem „Markt“. Ebenso wie Grass‘ Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ früher in den Handel kam. Schlecht für die FAZ, die die ganze Debatte angestoßen und für heute eine achtseitige Sonderbeilage mit „exklusiven Vorabdrucken“ angekündigt hatte. Erledigte Fälle.




Sorge um Kulturtetat des Kreises Unna

Von Bernd Berke

Kreis Unna. Ist das denn denkbar: dass es auf Schloss Cappenberg (Seim) gar keine Kunstausstellungen mehr gäbe. Oder dass das ebenso schmucke Haus Opherdicke (Holzwickede) verkauft würde und der Kultur nicht zur Verfügung stünde?

„Ich halte inzwischen alles für möglich“, sagt Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD), Kulturdezernentin des Kreises Unna, im WR-Gespräch. Es gebe starke konservative Kräfte, die den Kulturetat des Kreises am liebsten „auf Null setzen“ würden. Sie befürchtet, dass in den laufenden Etatverhandlungen das Kulturbudget (jährlich 2,9 Mio. Euro) angetastet werden könnte. Die einstige Koalition von SPD und Grünen ist „geplatzt“, politische Mehrheiten müssen nun von Fall zu Fall gesucht werden. Am 7. März wird der Haushalt im Kreistag beraten.

Nicht nur die genannten Kulturstätten, die weit übers Kreisgebiet hinaus wirken, wären schlimmstenfalls gefährdet. Es geht auch um Zuschüsse für die Neue Philharmonie Westfalen (500 000 Euro). Zudem fördert der Kreis eine komplette Vorstellungsreihe im Lüner Hilpert-Theater, das Museum für Lichtkunst in Unna (47 000 Euro) und das Festival „Welttheater der Straße“ in Schwerte (Vorjahr: 25 000 Euro), zu dem Tausende pilgern.

Besonders peinlich wären Kürzungen mit Blick auf die Kulturhauptstadt-Bewerbung des Reviers, an der sich der Kreis z. B. mit dem Lichtkunst-Museum beteiligt. Warminski-Leitheußer ist als Dezernentin auch für Sozialpolitik zuständig. Kommt die studierte Juristin in Gewissens-Konflikte zwischen Sozialem und Kultur? Nein, denn: „Den Haushalt können wir nur sanieren, wenn es weniger Arbeitslose gibt. Einsparungen bei der Kultur bringen fast nichts und schaden nur“, betont sie vorsorglich.

Den Löwenanteil des Haushalts, rund 77 von 90 Mio. Euro, wendet der Kreis Unna für den Sozialbereich auf, insbesondere im Rahmen von „Hartz IV“. „Schon bei geringen Schwankungen nach oben würden die gesamten 2,9 Millionen Euro aus dem Kulturbereich nicht reichen, um hier auszugleichen.“ Kultur präge nicht nur das Image des Kreises, sondern vermittle auch Identität. Die Dezernentin: „Wir können doch nicht unsere Wurzeln kappen!“




Mit Herzblut für die wahre Freiheit – Einer unserer allergrößten Dichter: Vor 150 Jahren ist Heinrich Heine in Paris gestorben

Von Bernd Berke

Vielleicht treffen sie sich jetzt dort droben: Wolfgang Amadeus Mozart und Heinrich Heine. Falls ja, dann können der Komponist und der Dichter einander Hochachtung, aber auch wechselseitiges Mitleid bekunden. Allenthalben werden sie rituell gefeiert, weil sich biographische Daten „runden“. Heute vor 150 Jahren starb Heine nach langjährigen Leiden in seiner Pariser „Matratzengruft“.

Wie überaus betrüblich: Einer, der dem göttlich guten Leben im Diesseits derart zugetan war, musste so elendiglich enden. Nur zu verständlich, dass Heine zuletzt allen atheistischen Anwandlungen abschwor und um Gottgläubigkeit rang. Nur ahnungslose Schandmäuler können ihm dies verübeln.

Seine Werke gehören unverbrüchlich zur Weltliteratur. In Frankreich zählen die Bücher von „Henri“ ebenso zum ehernen Bestand wie bei uns – und mancher Japaner oder Russe kann wahrscheinlich das „Loreley“-Gedicht im deutschen Original aufsagen.

Sein Witz war kühn und treffsicher

Das berühmte „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ konnten nicht einmal die Nazis verschweigen. Allerdings schrieben sie die Zeilen einem „unbekannten Dichter“ zu.

Heine war Rheinländer jüdischen Glaubens, als junger Mann ließ er sich allerdings christlich taufen, denn: „Der Taufzettel ist das Entréebillet zur europäischen Kultur.“ Antijüdische Vorurteile gegen Heine steigerten sich schon bei einigen seiner Zeitgenossen zu erschreckenden Hasstiraden. Die üblen Klischees des 19. Jahrhunderts führten letztlich auch zur Bücherverbrennung von 1933.

Der Heißsporn Heine hat sich zu seiner Zeit mit nicht lauteren Mitteln gewehrt: Als der Dichter August Graf von Platen ihn mit antisemitischen Untertönen angriff, machte sich Heine öffentlich über dessen Homosexualität lustig – damals ein ungeheurer Skandal und wohl der schlimmste deutsche Dichterstreit überhaupt.

Nachwirkung zwischen Karl Kraus und Nietzsche

Heines Nachwirkung ist stets eine Streitfrage gewesen. Selbst ein ungemein kluger, doch hitziger Kopf wie Karl Kraus hat Heine als Vorläufer eines unverbindlich plaudernden Stils missverstehen wollen. Kraus-Zitat: „Ohne Heine kein Feuilleton. Das ist die Franzosenkrankheit, die er uns eingeschleppt hat.“ Heine habe „der deutschenSprache so sehr das Mieder gelockert (…), dass heute alle (…) an ihren Brüsten fingern können.“ Friedrich Nietzsche bezog die Gegenposition: „Man wird einmal sagen, dass Heine und ich bei weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind …“

Die Vaterstadt Düsseldorf hat sich mit Heine schwer getan. Schier endlos währte das Gezerre darum, ob die Uni seinen Namen tragen sollte 1989 war es so weit. Ehrenbürger ist er bis heute nicht.

Mit Herzblut hat Heine einige der schönsten romantischen Gedichte geschrieben. Doch sein flackernder, treffsicherer Witz und seine oft kühnen Formulierungen (er reimte schon mal „ästhetisch“ auf „Teetisch“) ließen wehe Idyllen und Schauermärchen der Romantik weit, weit hinter sich.

Gemischte Gefühle fürs aufkommende Proletariat

Er hat nicht nur höchst sprach- und formbewusste, sondern aufsässige Texte geschrieben – mit satirischer Stoßrichtung gegen schläfriges Biedermeier, starres Preußentum und aggressiv dumpfen Nationalismus (nationale Einigung ja, aber bitte unter freiheitlichen Vorzeichen). Ach, wüsste man doch, was der Erz-Journalist Heine zum jetzt so akuten Streit um Karikaturen und Pressefreiheit gesagt hätte!

Mit gemischten Gefühlen sah Heine das Proletariat heraufkommen. Er begriff die Notwendigkeit dieser Entwicklung, fürchtete aber auch die Barbarei der neuen Klasse – eine Schreckensvision, die im Realsozialismus grässliche Gestalt annahm. Im Grunde blieb Heine Monarchist, freilich ein aufgeklärtes Königtum, das per Verfassung alle (bürgerlichen) Menschenrechte wahren sollte.

Mit Potentaten und Zensoren in Berlin hatte er ebenso Probleme wie mit kaufmännischen „Pfeffersäcken“ in Hamburg, wo sein reicher Bankiers-Onkel Salomon und sein Verleger Campe lebten – zwei Menschen, mit denen er oft um Geld gestritten hat.

Welch eine Befreiung muss Paris bedeutet haben, damals die konkurrenzlose Weltmetropole mit rauschendem Kultur- und Gesellschaftsleben, an dem Heine ausgiebig teilnahm. Hier traf er prägende Gestalten jener Zeit – von Richard Wagner bis Karl Marx, von Hector Berlioz bis Balzac und George Sand.

„Dicht hinter Hagen ward es Nacht.. .“

Seinen Büchern kann man entnehmen, dass er trotz alledem wehmütig an seiner Heimat gehangen hat. Er hatte „das Vaterland an den Sohlen“ – wären es doch nur befreite Lande gewesen! „Denk ich an Deutschland in der Nacht…“

Der Rheinländer Heine hat die geradlinige westfälische Wesensart sehr geschätzt. In Göttingen sang und trank er mit Studienfreunden aus hiesigen Breiten.

Die Zeilen, die jeden Westfalen rühren, stammen aus der ansonsten eminent politischen Dichtung „Deutschland. Ein Wintermärchen“ und schildern Heines Reise nach Hamburg (1843), die durch Westfalen führte:

„Dicht hinter Hagen ward es Nacht, / Und ich fühlte in den Gedärmen / Ein seltsames Frösteln. Ich konnte mich erst / Zu Unna, im Wirtshaus, erwärmen…/ Den lispelnd westfälischen Akzent / Vernahm ich mit Wollust wieder.“

Und nun kommt’s:

„Ich habe sie Immer so lieb gehabt, / Die lieben, guten Westfalen, / Ein Volk so fest, so sicher, so treu, / Ganz ohne Gleißen und Prahlen (…) / Sie fechten gut, sie trinken gut, / und wenn sie die Hand dir reichen, / Zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie; / Sind sentimentale Eichen.“

Beileibe nicht nur wegen dieser Verse: Der Weltbürger Heine verdient unbedingt auch die westfälische Ehrenbürgerschaft.

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LEBENSDATEN

Kaufmannslehre und Romantik

  • Heinrich Heine (Bild) wird am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geboren.
  • Er erwirbt kein Reifezeugnis, sondern wechselt zur Handelsschule.
  • Ab 1815 Kaufmännische Lehrzeit in Frankfurt und Hamburg.
  • 1816 Unglückliche Liebe zur Cousine Amalie.
  • 1817 Erste Gedichte unter Pseudonym.
  • Ab 1819 Jura-Studium in Bonn, Göttingen, Berlin. Auch philosophische Vorlesungen, u. a. bei Hegel.
  • 1825 Examen, Promotion, protestantische Taufe.
  • 1826 Erster Teil der „Reisebilder“ (u.a. „Die Harzreise“, „Die Nordsee“).
  • 1827 „Buch der Lieder“ (zu Lebzeiten 13 Auflagen). Reise nach England.
  • 1828Norditalien-Reise
  • 1829 Umzug nach Berlin
  • 1837 Heine zieht nach Paris, berichtet von dort für deutsche Zeitungen.-•1835 Verbot der Schriften Heines im Dt. Bund.
  • 1836 „Die romantische Schule“
  • 1840 Streitschrift gegen Ludwig Börne (Folge: Duell mit einem Börne-Fan).
  • 1 841 Heirat mit der 18 Jahre jüngeren Mathilde, die er 1834 kennen gelernt hatte. Heine schrieb: „Sie hat einen sehr schwachen Kopf, aber ein ganz vortreffliches Herz.“
  • 1843 und 1844 Reisen nach Hamburg.
  • 1844 „Deutschland. Ein Wintermärchen“.
  • 1847 „Atta Troll“
  • 1848 Feb./März: Bürgerliche Revolution in Frankreich und Deutschland. Heine ist ab Mai für den Rest seines Lebens durch Krankheit ans Bett gefesselt („Matratzengruft“).
  • 1851 „Romanzero“
  • 1854 „Geständnisse“
  • 1856 (17. Februar): Heinrich Heine stirbt in Paris.



Neue Gewichtungen in der Kulturpolitik – NRW-Staatssekretär Grosse-Brockhoff über Finanzen und Schwerpunkte

Von Bernd Berke

Düsseldorf. Angesichts der prekären Haushaltslage des Landes mag man es kaum glauben. Doch NRW-Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU) ist sehr zuversichtlich, dass der Kulturetat des Landes in den nächsten fünf Jahren tatsächlich schrittweise aufs Doppelte anwächst: „Das steht schließlich im Koalitionsvertrag.“

Wie der Kulturpolitiker bei einer Gesprächsrunde mit Journalisten in Düsseldorf sagte, wappnet er sich freilich auch gegen Ressort-Neid bei den kommenden Haushaltsberatungen. Minister, die sparen müssen, könnten dann missgünstig auf die Kultur schauen; Vielleicht wird Grosse-Brockhoff die (offenbar mehrfach zugesagte) Rückendeckung von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers brauchen.

Keine Förderung mit der Gießkanne

Die Kultur sei keineswegs üppig ausgestattet, sagt der Mann aus der NRW-Staatskanzlei. Er rechnet vor, dass das Land Nordrhein-Westfalen bei den Kulturausgaben pro Kopf bisher bundesweit das Schlusslicht bilde. Auch wenn die Ausgaben der vielen größeren NRW-Städte das Gesamtbild günstiger gestalten, sei dies beschämend: „Eine Verdoppelung ist nötig.“

Was aber will er im Erfolgsfalle mit den steigenden Etatmitteln bewirken? Grosse-Brockhoff: „Es wird keine neuen ,Leuchttürme‘, aber auch keine Gießkannen-Förderung geben. Wir müssen Schwerpunkte setzen.“ Beileibe nicht jede Einrichtung könne nun ohne weiteres mit steigenden Landeszuschüssen rechnen. Immerhin: Der von Jürgen Flimm geleiteten RuhrTriennale gibt er eine Art Bestandsgarantie. Die Akzeptanz des Festivals sei mit den Jahren erheblich gestiegen.

Mehr Kulturschaffende in die Schulen

Grosse-Brockhoff will die Kulturpolitik neu sortieren und gewichten. Ein Hauptanliegen: kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen. Er möchte mit Fördermitteln erreichen, dass mehr Kulturschaffende aller Sparten in die Schulen kommen. Ihm schwebt eine Art Wettbewerb unter den Städten vor: Wer entwickelt das beste Modell, besonders für die Ganztagsschulen? Dabei sei vor allem die kreative Eigenart der Künstler gefragt – abseits von bürokratischen Richtlinien und dröger „Verschulung“.

Ein zweiter Punkt heißt „Substanzerhalt, genauer: Rettung von Archivbeständen. Grosse-Brockhoff: „Der Zerfall in den Archiven kann gestoppt werden, es fehlt bisher nur das Geld.“ Inzwischen betreffe der Schwund auch wichtige Filme und Videos, die dringend digitalisiert werden müssten.

Außerdem will der Staatssekretär das kulturelle Ehrenamt stärken. Vielen Instituten drohe über kurz oder lang ein Personalmangel, der nur durch freiwillige Dienste ausgeglichen werden könne. Wünschenswert sei eine Akademie, in der sich Helfer auf ihre Aufgaben (und auf etwaige Konflikte mit Hauptamtlichen) vorbereiten könnten.

Triennale auf Kosten der Szene finanziert?

Grosse-Brockhoff äußerte sich auch zur Bewerbung des Ruhrgebiets als „Europäische Kulturhauptstadt 2010″: Ich bin ganz energisch dafür, diese Riesenchance zu nutzen. Es wäre ein Aufbruch zu neuen Ufern“. Doch es gebe noch viel zu tun: Das Land, die Stadt Essen, die Region und die Wirtschaft sollten jetzt möglichst zügig eine Kulturhauptstadt-GmbH gründen. Überdies solle sehr bald eine namhafte künstlerische Leitung gefunden werden – eine spannende Personalfrage.

Solche konkreten Fortschritte müssten dann in Brüssel vorgezeigt und der EU-Jury schmackhaft gemacht werden. Der verbliebene Konkurrent Görlitz sei „sehr, sehr ernst zu nehmen“. Doch eigentlich sei das Ruhrgebiet geradezu prädestiniert, Europas Kulturhauptstadt zu werden.

Bei Durchsicht der letzten Landeskulturetats will Grosse-Brockhoff etwas festgestellt haben, was manche schon argwöhnten: Die RuhrTriennale, so der CDU-Politiker, sei von der vorherigen Landesregierung teilweise doch nicht mit zusätzlichem, „frischen Geld“, sondern auf Kosten der übrigen (freien) Szene finanziert worden. Eine Aussage, die noch für Debatten sorgen dürfte.

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Zahlen und Fakten

  • Das Land NRW gibt derzeit pro Einwohner und Jahr 14,60 Euro für Kultur aus. Beim deutschen Spitzenreiter Sachsen sind es 87,50 Euro, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern liegen jeweils bei 40 Euro
  • Der reine Kulturförder-Etat des Landes NRW umfasst rund 70 Millionen Euro im Jahr.
  • Wenn es nach den jetzigen Plänen geht, soll der Etat stufenweise steigen und in fünf Jahren etwa 140 Mio. Euro betragen.
  • Kulturstaatssekretär Grosse-Brockhoff sagt, zuletzt seien die Fördermittel in manchen Bereichen deutlich gesunken. So hätten sich von 2001 bis 2005 die Aufwendungen des Landes für Bibliotheken von 6,1 auf 4,1 Millionen Euro verringert.



Neuer Schub für die Revier-Bewerbung – Gespräch mit Oliver Scheytt über den Stand der Dinge in Sachen Kulturhauptstadt 2010

Von Bernd Berke

Essen. Wie steht’s mit den Aussichten des Ruhrgebiets in der Konkurrenz um die europäische Kulturhauptstadt fürs Jahr 2010? Die WR sprach mit Oliver Scheytt, der als so genannter „Moderator“ bei der Bewerbung federführend ist.

Frage: Es gibt Klagen, dass die Bürger noch nicht so recht begeistert seien von der Kulturhauptstadt-ldee.

Oliver Scheytt: Wir haben Leute befragt. Die meisten sagen bisher: Gut und schön, aber man weiß noch nicht viel darüber. Wir sind eben noch in der Bewerbungs-Phase. Wir können nicht dauernd Wind machen. Man kann nicht ständig über ein Programm reden, das erst 2010 stattfinden soll. In Kürze wird es aber einen neuen Schub geben: Es werden einige große Werbe-Kampagnen beginnen – auch mit viel Ruhrgebiets-Prominenz. Unser dreifaches Motto lautet: Wir wollen die Region mobilisieren, Meinungsführer überzeugen und Europa gewinnen.

Was ist in den letzten Wochen geschehen?

Scheytt: Wir haben uns darauf konzentriert, weiter Ideen und Geld zu sammeln. Es gab eine Sponsoren-Konferenz mit guten Resultaten. Jetzt kann wieder eine Mobilisierungs-Phase beginnen.

Was trägt die Region rund um Dortmund bei?

Scheytt: Im nächsten Jahr sind Regionalkonferenzen geplant, auch im östlichen Ruhrgebiet. Überhaupt ist Dortmund stets mit eingebunden – nicht nur durch den Kulturdezernenten Jörg Stüdemann. Der Kreis Unna bringt gute Kontakte in die Kulturhauptstadt des letzten Jahres mit, ins französische Lille. Wichtig auch das Zentrum für Lichtkunst in Unna. Lichtkunst ist ein zentraler Faktor der Bewerbung. Projekte wie das Hagener Schumacher-Museum, das „Dortmunder U“ (Museumspläne in einer Ex-Brauerei, d. Red.) oder der Umbau des Essener Folkwang-Museums sind ebenfalls starke Argumente. Wir wollen zeigen: Das Ruhrgebiet investiert in Kultur. Immerhin sind hier zwei neue Konzerthäuser in Dortmund und Essen entstanden.

Und wo bleibt die europäische Dimension?

Scheytt: Wir haben Vertreter aus den 196 europäischen Partnerstädten der 53 Kommunen und Kreise im Ruhrgebiet für Februar 2006 nach Dortmund eingeladen. Es liegen schon über 100 Zusagen vor. Ein solches Treffen hat es noch nie gegeben.

Werden dabei auch Themen wie die jüngsten Unruhen in Frankreich diskutiert?

Scheytt: Unbedingt! Schwerpunkte unserer Bewerbung sind ja Themen wie Migration, Strukturwandel und Stadtentwicklung. Hier kann das Ruhrgebiet wertvolle Erfahrungen einbringen.

Was sagen Sie zur Mahnung des NRW-Kulturstaatssekretärs Grosse-Brockhoff, dasRevier solle sich bloß noch nicht als Sieger über den Mitbewerber Görlitz wähnen?

Scheytt: Er hat völlig recht. Es gibt keinen Grund, überheblich zu sein. Unsere Bewerbung ist sehr viel komplexer als die von Görlitz. Daher ist sie vielleicht schwerer zu vermitteln. Andererseits ziehen wir unsere Kraft gerade aus der vielfältigen, dezentralen Struktur des Ruhrgebiets.

Wann könnte die Hauptstadt-Entscheidung fallen?

Scheytt: Wir rechnen mit dem Besuch einer siebenköpfigen EU-Jury im März 2006. Inzwischen stehen auch die Namen von vier Jury-Mitgliedern fest.

Werden Sie etwa versuchen, diese Damen und Herren zu beeinflussen?

Scheytt: Nein, nein! Aber wir informieren uns natürlich genau über ihre kulturellen Vorlieben.

Und was geschieht, wenn Görlitz gewinnen sollte?

Scheytt: Allein unsere Bewerbung ist bereits ein Erfolgsprojekt fürs ganze Ruhrgebiet, sie wirkt wie ein großer Durchlauferhitzer. Die Städte agieren schon jetzt immer mehr gemeinsam. Das wird bleiben und weiter wirken.

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Zur Person

Oliver Scheytt: Ein Mann mit vielen Ämtern

• Oliver Scheytt wurde 1958 in Köln geboren.

• Er hat Musik (Fach Klavier an der Essener Folkwang-Hochschule) sowie Jura studiert und ist promovierter Jurist. Seine Dissertation schrieb er über Musikschulrecht.

• Von 1986 bis 1993 war Scheytt in verschiedenen Funktionen für den Deutschen Städtetag tätig.

• Seit 1993 ist er Kulturdezernent der Stadt Essens und als solcher auch für Bildung zuständig.

• Seit 1997 ist er zudem Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, seit 1998 sitzt er im Vorstand des Kulturforums der Sozialdemokratie.




Das Beste vom Osten – Kunst vor der „Wende“ aus vielen Ländern in Hagen

Von Bernd Berke

Hagen. Was bleibt von Osteuropas Kunst aus kommunistischen Zeiten? Diese Frage erwägt jetzt ein vielfältiges Ausstellungs-Projekt im Hagener Osthaus-Museum.

Es geht dabei keineswegs um den grauslichen Sozialistischen Realismus, der die „Errungenschaften der Arbeiterklasse“ in heroisch-kitschigen Bildern pries. In den Blick rücken vielmehr allerlei Arten der widerständigen oder zumindest inoffiziellen und auf Autonomie beharrenden Kunst, die zwischen 1945 und 1985 im Osten entstanden ist.

Die letzte Hagener Schau des scheidenden Museumsdirektors Michael Fehr hat eine windungsreiche Vorgeschichte. Vor wenigen Jahren entstand eine „Fast Art Map“, also eine Landkarte osteuropäischer Kunst aus 22 ehedem sozialistischen Ländern einschließlich der DDR. Datenbasis waren die Vorlieben von just 22 Kunstkritikern, die jeweils ihre heimischen Favoriten benannten – insgesamt 226 Werke.

Aus der Befragung hat sich folglich eine Art Kanon oder Bestenliste ergeben. All das soll auf eine Museumsgründung in Berlin hinauslaufen. Auch Tourneen durch den früheren Ostblock sind geplant. Jetzt aber sind ausgewählte Arbeiten erst einmal in Hagen zu sehen. Eine bemerkenswerte Vorreiterschaft.

„Fahndung“ nach den Exponaten

Die Beschaffung der Exponate war nicht leicht: Diverse Gruppierungen, allen voran die slowenische Formation „Irwin“, beteiligten sich an der Fahndung. Gar manches war in den Wirren der politischen Wende oder durch Emigration der Künstler verloren gegangen. Zudem lautet eine vorsichtige These der Schau, dass „der“ Osten vor allem konzeptionelle Kunst hervorgebracht habe, sprich: Arbeiten, die auf ausgiebiger Denkarbeit beruhten und oft gar nicht so sehr auf materielle Dauer angelegt waren.

Zu den Urhebern der rund 50 Hagener Ausstellungsstücke zählt auch internationale Prominenz, so etwa Christo & Jeanne-Claude (signierte Plakate), Marina Abramovic (Fotografie von einer lebengefährlichen Feuer-Performance), Ilya Kabakov oder Komar & Melamid. Doch darauf kommt es nicht in erster Linie an. In der Gesamtansicht wird jedenfalls deutlich, dass wenigstens diese Künstler Osteuropas dem Westen nicht nachstanden. Schon in den frühen 1960er Jahren wurde auch dort mit ausgesprochen avancierten (Aktions)-Formen experimentiert.

Formen des Widerspruchs

Ein Künstler etwa plakatierte in Zagreb (Ex-Jugoslawien) überlebensgroße Fotoporträts zufälliger Passanten – listiger Protest gegen die ansonsten übermächtige Partei-Propaganda. Auf noch stillere Weise meldete Valery Charkasow Einspruch an: Ein Tisch und Besteck. Sonst nichts. Doch die Lage der Messer und Gabeln ergibt (in kyrillischer Schrift und russischer Sprache) den schlichtweg ergreifenden Satz: „Ich will essen.“

Die Hagener Schau fasert noch weiter ins Grundsätzliche aus. Bonner Student(inn)en der Kunstgeschichte haben spielkartenkleine Reproduktionen des gesamten Kanons (mithin 226 Werke) wie in Puzzles neu sortiert – nach Nationen, Themen und Genres. Lerneffekt: Eine solche Ausstellung könnte auch ganz anders aussehen. Oder: Die jetzige ist nur ein Vorschlag.

„East Art Museum“. Hagen, Osthaus-Museum (Hochstr. 73). 11. Sept bis 13. Nov. Geöffnet Di-So 11-18, Do 11-20 Uhr. Eintritt 3 €. Kein Katalog.

Internet: www.keom.de (Museum) und www.eastartmap.org (Gesamtprojekt – Homepage mit Debattier-Möglichkeit).




Kulturfachmann mit Hausmacht – Norbert Lammert in Merkels CDU-„Kompetenzteam“

Von Bernd Berke

Berlin/Bochum. Zunächst einmal ist es ein Signal: Dass die CDU-Chefin Angela Merkel gestern Norbert Lammert (56) als Kulturfachmann für ihr „Kompetenzteam“ benannt hat, bedeutet eben, dass die Christdemokraten das Themenfeld nicht vergessen haben.

Im Wahlprogramm hatte sich die CDU in Sachen Kultur deutlich kürzer gefasst als die anderen Parteien. Umso freudiger reagierte gestern der Deutsche Kulturrat auf die Nominierung Lammerts. Der dämpfte freilich gleich die Erwartungen: „Mehr Geld für Kunst und Kultur ist zwar wünschenswert, angesichts der dringend notwendigen Konsolidierung aber nicht seriös zu versprechen“, sagte Lammert gestern. Man müsse die Ausgaben anders gewichten als die bisherige Regierung – und zum Beispiel die Goethe-Institute stärken.

Was nach der Wahl geschieht, ist allerdings völlig offen: Ob Lammert einem etwaigen CDU-geführten Kabinett angehören wird und in welcher Funktion, das muss sich erst zeigen. Der Mann ist immerhin Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Vielleicht hat er ja Ambitionen auf die Präsidentschaft.

Als „Luftbuchung“ wird man Norbert Lammert bestimmt nicht bezeichnen können. Der in Bochum geborene, promovierte Sozialwissenschaftler hat sich immer wieder in kulturellen Debatten kundig zu Wort gemeldet, beispielsweise in Sachen Föderalismus (Kultur als Aufgäbe der Länder und/oder des Bundes?) oder Förderung der Hauptstadtkultur.

Lammert gilt mit seinem Einstieg ins Merkel-Team immerhin als Anwärter auf das eventuelle Amt eines Kulturstaatsministers. Er selbst ist auch der Gründung eines Kulturministeriums mit Kabinettsrang nicht abgeneigt. Ob es dazu kommen wird, steht aber noch dahin.

Falls Lammert einen solchen Posten bekommen sollte, könnte er – anders als seine Vorgänger – einen Trumpf ausspielen: Er verfügt über eine veritable „Hausmacht“ in seiner Partei, ist er doch seit 1996 Vorsitzender der einflussreichen CDU-Landesgruppe NRW im Bundestag. Als früherer Parlamentarischer Staatssekretär in diversen Ministerien (Bildung, Wirtschaft, Verkehr) kennt er zudem das politische Tagesgeschäft. Eine gewisse Durchsetzungsfähigkeit darf man ihm sicherlich zutrauen.

Lammert wurde am 16. November 1948 in Bochum geboren und studierte ab 1969 an der Bochumer Ruhr-Universität sowie in Oxford. Schon seit 1966 ist er Mitglied der CDU. Der Vater von vier Kindern nennt auf seiner persönlichen Internet-Seite „Musik, Fußball, Literatur“ als liebste Interessengebiete. Ohne den Schlenker zum runden Leder geht’s halt im Ruhrgebiet nicht.

Das Pendlerdasein zwischen der Hauptstadt Berlin und seinem Bochumer Wahlkreis scheint Lammert zu gefallen. Zitat von seiner Homepage: „Inzwischen fühle ich mich auch in Berlin zu Hause und genieße den Wechsel zwischen den beiden schönsten deutschen Städten.“ Offenbar ein Mann mit Humor.

 




Ein Fachmann für die Kultur – Grosse-Brockhoff als NRW-Staatssekretär

Von Bernd Berke

Wenn einem Kultur am Herzen liegt, so vernimmt man die Nachrichten aus Düsseldorf mit gemischten Gefühlen: Mit dem bisherigen Düsseldorfer Kulturdezernenten Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff ist eine gewichtige Persönlichkeit für kulturelle Belange in der NRW-Landesregierung gewonnen worden. So weit, so verheißungsvoll.

Dass der Mann keinen Ministerrang einnimmt, sondern beim neuen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers in der Staatskanzlei angesiedelt wird, zeugt allerdings von Halbherzigkeit. Was hat dagegen gesprochen, die Kultur endlich wieder als eigenständiges Ressort zu etablieren?

Unter der rot-grünen Vorläufer-Regierung war Kultur in einen Gemischtwarenladen einsortiert. Michael Vesper war für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport zuständig. In solcher Gemengelage hängt eben vieles von den Personen ab. Vesper hat sich durchaus achtbar und zunehmend sachkundig um die Kultur gekümmert.

Mehr privates Geld nötig

Dieser persönliche Aspekt lässt aber auch für die Zukunft hoffen, denn Grosse-Brockhoff (55) ist ein erfahrener Mann vom Fach. Schon ab 1981 war er Kulturdezernent in Neuss, seit 1992 versieht er dieses Amt mit einiger Fortune in Düsseldorf. Die dortige Museumslandschaft etwa kann sich wahrlich sehen lassen, und auch das Theater steht recht ordentlich da.

Sparzwänge gibt’s wie überall im Lande, und so hat GrosseBrockhoff sich frühzeitig mit neuen Modellen der so genannten Public-Private-Partnership befasst, sprich: Er hat Chancen ausgelotet, wie Kulturinstitute mit der Wirtschaft kooperieren können. Die von Grosse-Brockhoff eingeleitete Zusammenarbeit des eon-Konzerns mit dem Düsseldorfer Museum kunstpalast gilt hier – bei aller möglichen Kritik im Detail – als wegweisend.

Verfahren, die mehr privates Geld in den kulturellen Bereich lenken sollen, spielen auch in der Koalitionsvereinbarung zwischen CDU und FDP eine besondere Rolle. Kein Wunder: CDU-Mitglied Grosse-Brockhoff hat im Vorfeld der Landtagswahlen an der kulturpolitischen Positionsbestimmung seiner Partei entscheidend mitgewirkt.

Nur zwei Seiten im Koalitionspapier

Dass Kultur im Koalitionspapier von CDU und FDP nur rund zwei von 60 Seiten einnimmt, ist jedoch enttäuschend. Ein neues, sponsorenfreundliches Stiftungsrecht wird da ebenso in Aussicht gestellt wie die (vor den Wahlen versprochene) mittelfristige Verdoppelung des Landes-Kulturhaushaltes, der bislang nur 0,27 Prozent des gesamten Etats ausmacht. Ausdrücklich stellen sich CDU und FDP hinter die Bewerbung des Ruhrgebiets um die „Kulturhauptstadt 2010″ und erwähnen RuhrTriennale, Klavierfestival Rühr sowie Ruhrfestspiele als „Leuchttürme“.

Manchen Rheinländer hat diese nachdrückliche Betonung des Reviers bereits misstrauisch gemacht. Gelten Köln und Düsseldorf denn gar nichts mehr? Eine absurde Frage, zumal sich jetzt der bisherige Düsseldorfer Dezernent der Sache annimmt. Anlass zur Sorge gibt allerdings die Tatsache, dass regionale Kulturpolitik ansonsten im Koalitionspapier nicht vorkommt.




Eine Liebe in den finsteren Zeiten – Was der Philosoph Ernst Bloch seiner Freundin und späteren Frau Karola schrieb

Von Bernd Berke

Auch große Männer haben ihre Schwächen. Von dieser ehernen Regel machte der Philosoph Ernst Bloch (1885-1977 / Hauptwerk: „Das Prinzip Hoffnung“) keine Ausnähme. Ausgiebig nachschmecken kann man den Befund jetzt in dem Buch „Das Abenteuer der Treue“. Es versammelt Blochs Briefe an seine Freundin und spätere Ehefrau Karola.

1927 lernte Ernst Bloch die aus Polen stammende, kluge, eigenständige und herb-schöne Frau kennen. Doch bis sie einander wirklich dauerhaft fanden, brauchte es seine Zeit. Die Architektur-Studentin war 20 Jahre jünger als er, der bereits zwei Ehen und einige intellektuelle Meriten auf dem Lebenskonto hatte.

Einen Knacks bekam die frisch erblühte Liebe („auf den ersten Blick“), als herauskam, dass der bisweilen lebemännische Bloch mit einer anderen Frau geschlafen hatte – peinlicherweise mit Schwangerschafts-Folge. Außerdem wollte er noch mit einer offenbar zickigen „Ex“ ins Reine kommen. Der Denker musste schon alle rhetorischen Künste und seinen bodenständigen pfälzischen Humor (Herkunft: Ludwigshafen) einsetzen, um den Schaden allmählich zu begrenzen und Karola wieder an sich zu ziehen.

Debatten mit Brecht, Adorno, Kracauer und Benjamin

Karolas Schreiben sind leider verschollen, ein echter Briefwechsel wäre wohl noch lebendiger. Blochs Briefe (mit Fußnoten erschlossen) stammen aus den Jahren 1928 bis 1936, hinzu kommen Anhängsel bis 1949, als sich der Philosoph zunächst als Professor in der DDR (Leipzig) niederließ, bevor er dort kaltgestellt wurde und 1961 in den Westen (Tübingen) ging.

Zurück in die bewegten 20er Jahre. Im Freundes- und Bekanntenkreis taucht so manche linke Legende auf: von Bert Brecht und Kurt Weill über Siegfried Kracauer und Georg Lukács bis hin zu Walter Benjamin und Theodor W. Adorno. Man kannte sich, man trank, debattierte und stritt miteinander. Gewiss ist an deutschen Tischen seither nie wieder so hochfliegend diskutiert worden. Doch Illusionen machten sie sich auch: über die vermeintliche Schwäche der Nationalsozialisten, über das utopische Potenzial der stalinschen Sowjetunion…

Anfangs phantasierte sich Bloch eine Beziehung mit Karola als Brüderchen-Schwesterchen-Geschichte herbei. In geradezu mystischer Union sollte sie neben ihm am Projekt einer besseren Zukunft arbeiten – unter sozialistischen Vorzeichen, versteht sich.

Träume von einem „Harem“

Doch es ging zwischen den Liebenden (er nannte sie zärtlich „Mein liebes Kulmchen“ und unterzeichnete mit „Dein Bärlein“) nicht nur keusch und fleißig zu. Über längere Trennungszeiten hinweg (z. B. sie in Wien, er in Berlin) schwärmte er wortreich von ihren Brüsten und ihrem Schoß, in dem er sich bald wieder finden wolle. Er offenbarte ihr sogar seine „Harems-Träume“, sprich: Sex zu dritt mit einer weiteren Frau. Tröstlich: Sie, Karola, solle auf jeden Fall zum „Dreier“ gehören. „Und: den allergrößten Teil des Jahres möchte ich mit Dir allein sein.“

Natürlich berühren die Briefe vielfach ungleich ernstere, gewichtigere Themen. Die Misere beginnt mit Alltagssorgen (Geld, Wohnungen) und wächst sich über ideologische Kämpfe bis zur drohenden Verfolgung durch den NS-Staat aus. Flucht und Exil (Schweiz, Prag, USA) sind die Folgen. Viele Menschen aus Karolas Familie wurden im KZ umgebracht. Wahrlich, es waren finstere Zeiten.

Doch die Liebe der Blochs überdauerte alle Jahrzehnte. Sie haben das „Abenteuer der Treue“ – allen Anfechtungen zum Trotz – bestanden. Ganz ohne Kitsch und falsche Harmonie.

Ernst Bloch: „Abenteuer der Treue. Briefe an Karola 1928-1949″. Suhrkamp-Verlag. 266 Seiten, 19,80 Euro.




In schweren Zeiten – Nach dem Tod von Papst Johannes Paul II.

Ganz gleich, ob man die Ansichten des Papstes geteilt hat oder nicht: Seinen irdischen Tod hat Johannes Paul II. mit einer Fassung und Würde auf sich genommen, die wohl nur aus tiefstem Glauben heraus zu verstehen ist. Vor dieser Haltung müssten sich selbst hartgesottene Atheisten verneigen und sich fragen, wie es denn um ihre eigenen „Gewissheiten“ bestellt ist – jetzt und in der Stunde des Todes.

Es ist abermals Zeit, das große Wort zu zitieren, mit dem Papst Johannes Paul II. 1978 zu Beginn seiner Amtszeit ein Signal setzen wollte: „Habt keine Angst!“ Denn es kommen wahrlich schwere Jahre auf die katholische Kirche und auf ihren künftigen Oberhirten zu.

Große Aufgaben für den Nachfolger

Es wird für jeden Nachfolger eine ungeheure Aufgabe sein, aus dem Schatten des verstorbenen Pontifex herauszutreten. Karol Wojtylas historischer Einfluss ist unbestreitbar. Gewiss, nicht nur einzelne Persönlichkeiten machen Geschichte. Doch hätte der Papst seinerzeit nicht die polnische Oppositionsbewegung Solidarnosc auf so kluge Weise (ebenso behutsam wie wirksam) ermutigt, so gäbe es vielleicht heute noch eine Sowjetunion und eine DDR.

Auch stand Johannes Paul II. für Schritte zur Versöhnung mit den anderen Weltreligionen und für eine entschiedene Friedenspolitik ein. Wichtig war vor allem sein Einspruch gegen den Irak-Krieg. Andernfalls hätten fundamentalistische Kräfte der islamischen Welt mit noch mehr Furor vom „Kreuzzug“ reden können. Zudem wäre seine unbedingte Parteinahme für das werdende Leben in ein ungutes Zwielicht geraten. So aber verdient sie – über allen Streit hinaus – tiefen Respekt.

Wie ein Pop-Star, aber auch ein strenger Geist

Zuweilen gab sich dieser Papst wie ein Pop-Star, dessen Charisma auch junge Leute faszinierte. Er konnte allerdings auch ein äußerst strenger Mahner sein, der etwa in Nicaragua dem kritischen Katholiken und Sozialisten Ernesto Cardenal den Segen verweigerte und dem Schriftsteller stattdessen eine barsche Strafpredigt hielt. Doch auch der Materialismus und die Gier der westlichen Welt waren ihm zuwider. Erst recht, als sie auch in reinem Heimatland Polen Einzug hielten und die Menschen vor den neuen Super.“ märkten statt vor den Kirchen Schlange standen.

Sein Nachfolger wird Felder vorfinden, die Johannes Paul II. als Ödland hinterlässt. So gilt es, endlich die erstarrten oder ausgesetzten Reformen des II. Vatikanischen Konzils fortzuführen. Manche sprechen gar von einer „Gegenreformation“, die der polnische Papst im Sinn gehabt habe. Hier haben sich Konflikte angestaut, die nichts Gutes verheißen, ja eine Kirchenkrise größeren Ausmaßes befürchten lassen.

Bleibende Kraft des Glaubens

So muss der katholische Klerus ganz dringlich das Verhältnis zu den weiblichen Gläubigen klären. Fragen zur Empfängnisverhütung, zur Abtreibung und zum Zölibat sollten neu erwogen werden. Mehr noch: Die Gesten in Richtung anderer Religionen waren wertvoll, letztlich aber nur halbherzig. Nach wie vor verneint der Vatikan das gemeinsame Abendmahl mit protestantischen Christen.

Karol Wojtyla hat geradezu übermenschliche Anstrengungen unternommen, um die katholische Kirche nicht einer modernistischen Beliebigkeit auszuliefern. Unter seinem Pontifikat haben Geheimnisse und Mysterien des Glaubens wieder einen höheren Stellenwert erhalten. Tatsächlich kann man sich fragen, ob eine allzu bereitwillige Weltläufigkeit nicht zwangsläufig in Widerspruch zum Kern der Religiosität, zu Andacht, Einkehr und Jenseitigkeit geraten muss.

Wie immer ein neuer Papst und die Kurie sich hierzu stellen mögen: Es bleibt eine Gratwanderung. Wie weit kann und darf die Kirche den Menschen in ihrem Alltag entgegenkommen? Andererseits: Wie sehr muss sie es tun, damit die Kirche eine lebendige Gemeinschaft bleibt oder wieder wird?

Auch und gerade in der Amtszeit Wojtylas hat sich der Erosionsprozess zumindest in Europa beschleunigt. Viele Gotteshäuser stehen nahezu leer, manche müssen deshalb geschlossen, verkauft oder sogar abgerissen werden.

Hingegen zeugen wachsende Gemeinden in Südamerika, Asien und Afrika von bleibender Kraft des Glaubens und der Hoffnung. Ist es undenkbar, dass der nächste Papst aus den südlichen Breiten kommt?

                                                                                                           Bernd Berke




Mit starrem Blick nach vorn – zur weiterhin unübersichtlichen Lage beim Dortmunder Konzerthaus

Von Bernd Berke

Dortmund. Man kann es fast mit Händen greifen: Bei den Konzerthaus-Besuchern in Dortmund herrscht derzeit vielfach traurige Stimmung, es drücken die Zukunftssorgen. Seit der Entlassung bzw. „sofortigen Freistellung“ des Intendanten Ulrich Andreas Vogt (der bis 31. Juli weiter seine Bezüge erhält) gibt’s vorwiegend Molltöne an der der Brückstraße. Doch offenbar regen sich Gegenkräfte.

Abwartende Anspannung – so etwa könnte man die Gemütslage der Konzerthaus-Mitarbeiter umschreiben, einer spricht sogar von „Duldungsstarre“; wobei niemand im Hause namentlich zitiert werden möchte, weil öffentliche Äußerungen mit dem neuen Interims-Intendanten Albrecht Döderlein abgestimmt werden sollen.

Döderlein selbst, hauptamtlich Geschäftsführer des Dortmunder Theaters, wünscht sich nun vor allem „Ruhe für unsere Arbeit.“ Es gelte, „Status und die Aufgliedemng“ des Konzerthauses neu zu definieren, ohne das Niveau zu senken. Zur Auslastung (diverse Gerüchte pendeln zwischen 50 und 70 Prozent) mag er noch nichts verraten, man ermittle die Zahlen gerade. Das mit den 50 Prozent sei Unsinn. Die Auslastung liege im Schnitt höher, sie sei aber gegen Ende 2004 stetig gesunken.

Ein ungenannter Konzerthaus-Mitarbeiter zur WR: „Unser Image ist durch die Vorgänge in den letzten Tagen und Wochen schwer beschädigt worden.“ Es frage sich, ob man da noch einen hochkarätigen Nachfolger für Vogt finden könne.

Erste Sponsoren sind abgesprungen

Unterdessen scheint sich die ohnehin schon prekäre finanzielle Lage des Hauses zu verschärfen, sind doch schon Sponsoren abgesprungen, darunter Prof. Michael Hoffmann, der zugleich erzürnt vom Vorsitz der Theater- und Konzertfreunde Dortmund zurücktrat und die Stadtspitzen für die jetzige missliche Lage verantwortlich machte. Insgesamt steuern Sponsoren rund 600.000 Euro jährlich für Aktivitäten im Konzerthaus bei. Kein Pappenstiel.

Dortmunds Kulturdezernent Jörg Stüdemann (SPD) ist betrübt über den Rückzug Hoffmanns, der als Kulturförderer „unglaublich viel geleistet“ habe. Aber, so Stüdemann zur WR: „Die Suche nach einem Nachfolger für Herrn Vogt ist gar nicht so schwierig.“ Bis März will er fündig geworden sein. Er sei in den letzten Tagen kaum in Dortmund gewesen, sondern landauf landab auf Intendanten-Suche unterwegs – in welchen Städten wohl? Einige Interessenten hätten sich aus eigenem Antrieb gemeldet. Stüdemanns Folgerung: „Das Konzerthaus wird bundesweit immer noch hoch geschätzt.“

Gutachten voller Binsenweisheiten

Zwischenzeitlich erregte ein Gutachten die Gemüter, das dem bisherigen Konzerthaus-Management Versäumnisse vorhielt. So habe es zu viele Eigenveranstaltungen gegeben, und finanzielle Warnsignale seien übersehen oder gar ignoriert worden. Weder über den Urheber noch die Kosten dieser im städtischen Auftrag erstellten Studie will sich Stüdemann äußern. Derlei Diskretion sei branchenüblich, so der Dezernent, der versichert: „Es war kein Freund von mir, wie schon gemutmaßt wurde. Ich kannte ihn allerdings, denn er ist aus der Branche.“

Doch diese Studie ist wohl kein tauglicher Leitfaden fürs Kommende. Döderlein: „Es stehen praktisch nur Binsen-Weisheiten darin. Außerdem enthält das Papier erhebliche Rechenfehler. Das ist wohl mit der heißen Nadel gestrickt worden und kann nicht viel gekostet haben.“ Jörg Stüdemann lässt unterdessen wissen, dass gleich vier weitere Gutachten zu verschiedenen Aspekten der Konzerthaus-Zukunft vorliegen…

Ein absurdes Gedankenspiel

Matthias Nowicki, Verwaltungsleiter des Konzerthauses, macht mit einem Gedankenspiel die Absurdität der Lage deutlich: Selbst wenn das Haus sofort geschlossen würde, fielen Kosten fast in Höhe der laufenden städtischen Zuschüsse an.

Denn von den jährlich 3,9 Mio. Euro müssten in jedem Falle Zinslästen (1,2 Mio.) und Abschreibungen (1,5 Mio.) abgezogen werden, also insgesamt bereits 2,7 Mio. Euro, die nicht in die künstlerische Produktion fließen, aber halt gezahlt werden müssen. Hinzu kämen weiterhin Heiz-, Strom- und Wartungskosten, wolle man das Gebäude nicht verkommen lassen.

Eigentlich kein Wunder, dass die Stadt Ende 2004 zusätzliche Subventionen in Höhe von (offiziell) 1,4 Mio. Euro nachreichen musste, um die drohende Insolvenz des Konzerthauses zu vermeiden. Man fragt sich, wie der Konzerthaus-Betrieb überhaupt je ohne solche Defizite hätte laufen sollen. Und man rätselt, warum sich die Stadt und Vogt auf solche Bedingungen verständigen konnten.

 




Ungewisse Zukunft – Dortmunds Konzerthaus-Intendant Vogt kündigt

Kommentar

Die Nachricht kam wahrhaftig überraschend: Dortmunds Konzerthaus-Intendant Ulrich Andreas Vogt hat gestern seinen Vertrag zum 31. Juli 2005 gekündigt.

War es eine Art Kurzschlusshandlung, war er schlichtweg von Debatten um seine Arbeit; genervt? Oder hat Vogt etwa andere Pläne, über die er noch nicht öffentlich sprechen mag? Sind es nur Gerüchte, dass es ihn zu den Salzburger Festspielen ziehe?

Gewiss: In der Stadt hatte es mancherlei Kritik gegeben – nicht einmal so sehr an Vogts engagierter Amtsführung, sondern am zählbaren Resultat. Mit nur rund 70 Prozent Platzausnutzung geriet die „Westfälische Philharmonie“ finanziell ins Schlingern und meldete erhöhten Zuschussbedarf an. Bis Ende dieses Monats sollte Vogt ein neues, tragfähiges Konzept zur Steigerung der Einnahmen vorlegen. Was daraus wird, ist jetzt fraglich.

Nachfolger-Suche braucht Zeit

Stehen wir nun schon vor den ersten Trümmern des kulturellen „Leuchtturms“? Nein, so weit ist es denn doch noch nicht! Letzten Endes ist wohl jeder „ersetzbar“, auch ein so sachkundiger Seiteneinsteiger wie Vogt, der ja noch eine große Reinigungsfirma betreibt. Doch man möchte am liebsten gar nicht darüber nachdenken, was nun geschehen wird. Bis ein kompetenter Nachfolger gefunden ist, dürfte einige Zeit ins Westfalenland gehen. Bis sich der oder die „Neue“ auch noch eingearbeitet und mit den regionalen Verhältnissen vertraut gemacht hat, wird es noch etwas länger dauern.

Ein politischer Kern des Konflikts

Man sollte sorgsam darauf achten, dass Vogt in seiner verbleibenden Amtszeit die Bedingungen für einen halbwegs gleitenden Übergang schafft. Innig zu hoffen bleibt, dass das musikalische Programm nicht unter den Turbulenzen leidet.

Es müssen schon gewichtige Gründe gewesen sein, die Vogt zu seinem Schritt bewogen haben. Gerade in den letzten Tagen und Wochen hatte sich eine politische Bereitschaft bei SPD und CDU abgezeichnet, das Konzerthaus höher zu bezuschussen. Freilich sitzt seit kurzem an der Spitze des Aufsichtsgremiums eine umtriebige Politikerin der Grünen, die das ganze Projekt stets skeptisch bis ablehnend betrachtet hat. Gut möglich, dass in dieser Personalie ein Kern des Konflikts liegt.

                                                                                                                 Bernd Berke

 




Peter Rühmkorf: „Ich wollte Tag für Tag mein Ich zusammensetzen“

Den „großen Roman“ hat er nie geschrieben, als Dramatiker blieb er glücklos. Doch Peter Rühmkorf gilt vielen als wichtigster lebender Lyriker in Deutschland. Jetzt hat er – mehr als 30 Jahre „danach“ – unter dem Titel „Tabu II“ bei Rowohlt seine Tagebücher von 1970/71 vorgelegt. Es war die Zeit des beginnenden RAF-Terrors, des allmählichen Zerfalls der APO (Außerparlamentarische Opposition) – und eine Zeit, in der Rühmkorf in Hamburg eine heimliche Liebschaft hatte. Ein Gespräch mit Rühmkorf auf der Frankfurter Buchmesse.

Frage: 1970 waren Sie knapp über 40 Jahre alt, und da haben Sie etwas Erschreckendes geschrieben, nämlich dass ein Mann sich ab 40 am besten einbalsamieren lassen soll…

Peter Rühmkorf: Mh. Habe ich das wirklich geschrieben?

Nun, das genaue Wort lautete wohl „mumifizieren“. Aber Sie haben sich damals doch auch ganz schön ins Leben gestürzt: St. Pauli, die Kneipen…

Rühmkorf: Naja, einerseits war ich heimisch wie meine Katze, die in den Aufzeichnungen ja eine große Rolle spielt. Aber sie büxte manchmal aus. Und auch ich habe mich in die Welt begeben. St. Pauli hatte so einen gewissen Hautgout, dass es mich da öfter hingezogen hat. Ich war häufig mit dem Autor Hubert Fichte dort, der damals noch gelebt hat. Er kannte verschwiegenste Winkel auf St. Pauli. Damals ging es dort noch richtig familiär zu.

Jetzt wohl nicht mehr?

Rühmkorf: Heute weht da ein ganz scharfer Wind. Es gibt Bandenkriege.

Sie haben damals ein sehr junges Mädchen kennen gelernt, eine Schülerin, noch dazu Kapitänstochter.

Rühmkorf: Oh, das war eine gefährliche Partie. Mit Lolitas hatte und habe ich nichts im Sinn. Aber junge Mädchen in dem Alter, in dem die Schoten kurz vorm Platzen sind, die haben einen großen Reiz – vor allem dann, wenn man selbst so’n bisschen das Alter in die Knochen steigen fühlt.

Hatten Sie damals kein schlechtes Gewissen gegenüber Ihrer Ehefrau?

Rühmkorf: Doch, doch! Auch das hat mich an den Schreibtisch getrieben. Das wollte mit aufs Papier. Ich dachte kürzlich noch: Wenn das jetzt als Buch `rauskommt – hoffentlich lässt sie sich nicht scheiden! Als Flaneur kannte sie mich ja schon, das hat sie mit dem Mantel der Liebe zugedeckt. Aber ein festes Verhältnis in Hamburg über so lange Zeit, von dem sie absolut nichts wusste… Ich lese zu Hause nie Manuskripte vor, ich zeige immer nur Gedrucktes. Das Buch habe ich ihr mit Bibbern und Zagen in die Hand gedrückt. Aber wenn etwas gut geschrieben ist, dann überwiegt bei ihr das literarische Vergnügen. Es ist ein Pflaster für die Wunden.

Die Episode steht zunächst im Vordergrund, dann aber kommt mehr und mehr das Politische ins Spiel.

Rühmkorf: Die Außerparlamentarische Opposition hat sich damals in Gruppen und kleinste Grüppchen zersplittert. Der Zusammenhalt der Linken ging verloren. Fast wie seinerzeit in der Französischen Revolution. Aber gottseidank hatten sie 1970 keine Guillotine mehr! Man hat mich nur einige Male bei öffentlichen Veranstaltungen von der Bühne gepfiffen. Ich bin an den Rand der Linken gespült worden. Das war auch ein Motiv, dieses Tagebuch zu beginnen. Ich wollte wissen, welchen roten Faden ich in meinem Leben noch verfolgen sollte. Ich wollte mein eigenes Ich wieder zusammensetzen. Tag für Tag, aus dem Moment heraus, mit ganz knappen Skizzen.

Sie beschreiben die Baader-Meinhof-Gruppe als eine Art Tourneetheatergruppe des Terrorismus.

Rühmkorf: Ja. Damals gab es überall Mitmach-Theater, mobiles Theater, das die Menschen einbeziehen wollte. Die Schauspieler kamen von den Bühnen herunter. Alles fauler Zauber! Und Baader-Meinhof passte in die Zeit. Sie erschienen mir als das allermobilste Reise-Theater: gefälschte Pässe, Perücken, immer neue Gewänder, den Colt in der edlen Aigner-Tasche. Ein eigenartiges Spektakel, für das sich die ganze Republik interessierte…

INFO:

Am 25. Oktober 2004 wird der in Dortmund geborene Rühmkorf 75 Jahre alt. Er wird daher in diesem Herbst besonders oft gerühmt und ausgiebig veröffentlicht. Neben seinen Tagebüchern ist jetzt u.a. auch ein bebilderter Band zu seiner Biographie erschienen: „Wenn ich mal richtig ICH sag“ (Steidl Verlag).

Zur Erläuterung, weil sie indirekt im Gespräch vorkommt: Seine Frau Eva Rühmkorf war in jenen frühen 70er Jahren reformfreudige Gefängnisdirektorin und wurde später Kultusministerin von Schleswig-Holstein.

(Das Gespräch führte Bernd Berke / Der Beitrag ist in ähnlicher Form am 23. Oktober 2004 in der „Westfälischen Rundschau“ erschienen)




„Den Menschen nicht absacken lassen“ – Dortmunder Autor Josef Reding wird 75 Jahre alt

Von Bernd Berke

Dortmund. Er gilt als durchaus gesprächig, auch in eigener Sache. Doch literarisch äußert er sich sehr knapp und unprätentiös. Ohne Umschweife und fast schmucklos steuern Josef Redings Kurzgeschichten und Gedichte auf die Realität zu. Er möchte rasch wirken, da halten gedrechselte Feinheiten nur auf.

Reding, 1929 in Castrop-Rauxel als Sohn eines Filmvorführers geboren und seit 1965 in Dortmund lebend, wird heute 75 Jahre alt. Weit über 30 Bücher gibt es von ihm, übersetzt in 16 Sprachen und vielfach preisgekrönt. Den kurzen Formen blieb er durchweg treu.

Ein Gedicht über Dortmund beginnt so: „Meine Stadt ist oft schmutzig; / aber mein kleiner Bruder / ist es auch / und ich mag ihn. / Meine Stadt ist oft laut; / aber meine große Schwester / ist es auch / und ich mag sie.“

Einfache Sätze, klare Botschaft. Kein Wunder, dass solche lehrhaften „Gebrauchstexte“ Eingang in Schulbücher gefunden haben. Reding begreift Kinder als hoffnungsvolle Zielgruppe. Sie könnten die Welt noch ändern.

Früh die heiklen sozialen Themen aufgespürt

Sein erstes Buch („Silberspeer und roter Reiher“) erschien 1952, bevor Reding sein Abi machte. Zwei Jahre lang arbeitete er ganz handfest als Betonwerker, dann erst begann er ein Studium. Sehr zeitig erkannte Reding soziale Themen, die erst später breit debattiert wurden. So griff er etwa 1954 in „Trommlerbub Ricardo“ den Kolonialismus und die Ausrottung mexikanischer Indianer auf. Seine dokumentarische Textmontage „Friedland. Chronik einer Heimkehr“ (1956) schildert die Leiden der Heimatvertriebenen. Andere stießen erst jüngst auf dieses lange politisch verminte Themenfeld.

In Harlem und New Orleans engagierte sich Reding für die Bürgerrechtsbewegung des Martin Luther King (Buch: „Nennt mich nicht Nigger“). Drei Jahre lang lebte und half er in den Lepragebieten Asiens, Afrikas, Lateinamerikas. Reding stellt sich stets auf die Seite der Schwachen.

Seine Leitsterne sind Mitmenschlichkeit und notfalls gewaltloser Widerstand. Davon zeugen auch Tagebücher wie „Reservate des Hungers“ (1964) und „Menschen im Müll“ (1983). Redings Engagement ist christlich motiviert, Ethik geht im Zweifelsfalle vor Ästhetik. „Ich bitte im Grunde darum“, schrieb er einmal, „den Menschen nicht absacken zu lassen, ihn nicht aufzugeben.“ Doch in der Literaturgeschichte sind leider die gütigen, wohlmeinenden Menschen nur selten die Avantgarde gewesen.




Kulturhauptstadt 2010: Essen tritt offiziell an – Ruhrgebiet soll jetzt an einem Strang ziehen

Von Bernd Berke

Essen/Bochum. Eigentlich ging es „nur“ darum, welche Stadt mit ihrem Briefkopf für die Revier-Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt 2010 einsteht. Dennoch lagen die Nerven der beiden Kulturdezernenten Oliver Scheytt (Essen) und Hans-Georg Küppers (Bochum) gestern ziemlich blank, als die KVR-Verbandsversammlung zur Abstimmung schritt.

Noch bevor das Resultat verkündet wurde, sah man dem Mienen- und Gebärdenspiel der „Kontrahenten“ an, wie die Sache ausgegangen war. Küppers blickte ein wenig betrübt drein und nahm tiefe Trost-Züge aus seiner Zigarette, Scheytt hingegen schwoll an vor Stolz. „Natürlich bin ich ein bisschen enttäuscht“, bekannte Küppers später: „Aber jetzt ziehen wir den Karren gemeinsam.“ Oh, friedliche Kultur! Wenn etwa Schalke die Dortmunder Borussen schlägt, gibt es danach weitaus weniger verbalen Schmusekurs.

Bochum unterlag nur knapp

Essen (z. B. mit Weltkulturerbe Zollverein, Aalto-Oper und Folkwang Museum) hat also Bochum (Schauspielhaus, Jahrhunderthalle usw.) in der Vollversammlung des Kommunalverbandes Ruhrgebiet (KVR) mit 23 zu 20 Stimmen bei einer Enthaltung knapp distanziert. Bei einem Patt wäre gelost worden.

Ganz gleich, wie das Ergebnis zustande gekommen ist (Gerüchte wollten sogar von telefonischer Einflussnahme im Vorfeld wissen): Nun möchten beide Städte, möglichst im Verbund mit dem gesamten Ruhrgebiet, an einem Strang ziehen. Zunächst gilt es, die weiteren NRW-Bewerber Köln, Münster sowie den Kreis Lippe (um Detmold) auf die Plätze zu verweisen.

Insgesamt noch 16 deutsche Kandidaten im Rennen

So geht’s jetzt weiter: Bis zum 30. Juni wird die NRW-Landesregierung, beraten von einem hochkarätigen Fachgremium, ihre Entscheidung über den Bewerber aus dem Lande fällen. Dann führt der Weg politisch weiter bergauf: Das Bundesaußenministerium ist am Zuge, es bereitet die Entscheidung des Bundesrates vor. Ist klar, welche Stadt (oder Region) deutschlandweit den Vorzug genießt, so wird der Europäische Rat der EU wohl Ende 2005 darüber befinden. Fest steht jedenfalls: 2010 ist Deutschland mit einer Kulturhauptstadt an der Reihe. Insgesamt sind derzeit noch 16 Kandidaten auf dem Parcours – von Bremen und Lübeck bis Augsburg und Potsdam. Harte Konkurrenz.

Kosten-Horizont von 48 Millionen Euro

Beim Kommunalverband Ruhrgebiet (ab 1. Oktober 2004: RVR = Regionalverband Ruhr) wertet man die gestrige Abstimmung als „historisch“. Verbandspräsident Gerd Willamowski versprach, im Erfolgsfalle werde nicht nur Essen profitieren: „Die gesamte Region wird Spielfeld der Kulturhauptstadt sein.“

Willamowski betonte, dass eine Ernennung zur Kulturhauptstadt „ein riesiges Stadtentwicklungsprojekt“ bedeute – fast so wie (dem Revier entgangene) Olympische Spiele. Essen müsste, wenn es die Palme fürs Revier erringt, für die Jahre 2007 bis 2010 eigens insgesamt 6 Millionen Büro bereitstellen. Dezernent Oliver Scheytt hält dies für machbar. Hinzu kämen rund 12 Mio. Euro vom Regionalverband, (vielleicht) ebenfalls 12 Mio. Euro vom Land, 8 Mio. Euro vom Bund und 1 Mio. Euro aus EU-Töpfen. Macht 39 Mio. Euro. Da das gesamte Projekt auf 48 Millionen taxiert wird, sollen Sponsoren etwa 9 Mio. Euro aufbringen.

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Kommentar

Ein neues Ziel

Eitel Zuversicht herrschte gestern in Essen, weil die Kommune als „Bannerträger“ (so die Sprachregelung) für die Revier-Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2010 gewählt wurde. Von den wahrlich zahlreichen und gewichtigen Kandidaten aus anderen Landstrichen war da nur noch am Rande die Rede. Das Revier, so schien es, fasst überaus selbstbewusst ein neues, ein europäisches Ziel ins Auge. Salopp gesagt: Olympia war vorgestern, jetzt lautet die Parole eben: „Kulturhauptstadt“! Man darf sich auf spannende Debatten und eine hoffentlich faire Konkurrenz freuen.

Indem die Versammlung des Kommunalverbands Rühr (KVR) die Wahlentscheidung traf, bekam das Geschehen tatsächlich einen überörtlichen, regionalen Anstrich. Doch wir wollen nicht gleich wieder von der ominösen „Ruhrstadt“ sprechen.

Heikle Frage der Finanzierung

Es ist noch nicht heraus, wie sehr sich die anderen Gemeinden des Ruhrgebiets für die Bewerbung ins Zeug legen werden. Mit immerhin 12 Millionen Euro will der Kommunalverband (und künftige Regionalverband Ruhr) die Stadt Essen unterstützen, sollte sie sich denn bundesweit durchsetzen. Heikel wird es, wenn’s um das bei den Kommunen so knapp vorhandene Geld geht. Per Verbands-Umlage müssten auch jene Mitglieds-Städte besagte Summe mitfinanzieren, die vielleicht gar nicht viel vom Ertrag spüren würden.

Gibt es etwa „Spielverderber“?

Wenn KVR-Verbandsdirektor Gerd Willamowski schon jetzt verspricht, das gesamte Revier werde „Spielfläche“ der Kulturhauptstadt sein, so richtet sich der darin verborgene Appell weniger an die kleineren Revierstädte, sondern vorwiegend an Dortmund und Duisburg, die sich von Essen (und Bochum) ein wenig an den Rand gedrängt fühlen könnten. Hier wie dort glaubt man beim KVR noch vornehme Zurückhaltung zu spüren, was die Bewerbung angeht. Sollte es sich da etwa um „Spielverderber“ handeln?

Wohl kaum. Doch man wird aus Dortmunder, Hagener oder Duisburger Sicht gewiss fragen und sorgsam prüfen dürfen, ob die Veranstaltung die in Aussicht gestellte regionale Breitenwirkung entfaltet. In diesem Sinne: Glückwünsche nach Essen, Daumendrücken fürs Revier. Fürs ganze Revier.

                                                                                                                       Bernd Berke

 

 




Wenn der Schmerz nachlässt

Weihnachten ist bekanntlich ein Fest der frohen Botschaft, manchmal nicht nur im religiösen Sinne. Achtung, scharfkantige Überleitung: Auch NRW-Kulturminister Michael Vesper hat in den letzten Tagen und Wochen halbwegs frohe Kunde verbreitet.

Von exorbitanten, Existenz gefährdenden Kürzungen im Kulturbereich war anfangs die Rede. Überall ertönten Alarmrufe. Doch nach und nach stellte sich heraus, dass es allenthalben glimpflicher ausgehen wird. So bleiben die beiden NRW-Kultursekretariate (trotz finanzieller Opfer) nach eigenem Bekundem weiterhin „arbeitsfähig“.

Auch die Literaturbüros im Lande sehen sich vorerst auf ähnliche Weise gerettet. Und jüngst schrieb sogar (wie berichtet) Ministerpräsident Peer Steinbrück an Sebastian Heindrichs, den Intendanten des Westfälischen Landestheaters (WLT) in Castrop-Rauxel. Tenor: Es stünden Kürzungen bevor, doch die würden nicht gar so schlimm ausfallen wie ursprünglich befürchtet.

Schön, wenn der Schmerz auf diese Art etwas nachlässt Und man muss das faktische Vorgehen bewundern: Erst die fürchterlichen Instrumente zeigen, dann mit leichterem Besteck operieren Erst den ganz großen Hammer vorweisen, dann mit dem kleineren Klopfen. Anschließend sind alle dankbar für die (relativ) frohe Botschaft. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

Bernd Berke




Fernwirkungen menschlichen Tuns und Leidens – Alexander Kluges kolossales Buch „Die Lücke, die der Teufel lässt“

Von Bernd Berke

Da möchte man fast verzagen: 949 eng bedruckte Seiten erstrecken sich vor dem Leser, portioniert in rund 500 Kapitel mit Überschriften wie „Politische Ökonomie der Sterne“ oder „Das nachtödliche Gedächtnis für das im Schlaf Verarbeitete“.

Alexander Kluges mit Episoden, Essays und Fußnoten randvoller Band „Die Lücke, die der Teufel lässt“ ist in jeder Hinsicht gewichtig. Man kann sich die Lektüre freilich erleichtern, indem man (auch im Sinne des Autors) getrost kreuz und quer liest, schon mal Passagen auslässt, sich also freimütig umtut im ungeheuer vielfältigen Fundus, der mit mancher aphoristischen Zuspitzung ergötzt. Zitat: „Sozialismus setzt Überfluß voraus… Man könnte Sozialismus am besten auf einem Luxusdampfer ansiedeln.“

Der Misere Gegengifte abgewinnen

Büchner-Preisträger Kluge ist rastlos unterwegs zwischen allen Lebens- und Wissensbereichen, unstillbare Neugier treibt ihn um. Häufig verwendet er Dialog-Formen, die scheinbar fest gefügte Sachverhalte „verflüssigen“. Er sucht nach jener ominösen Lücke, die der Teufel lässt, sprich: nach Auswegen aus menschlichen oder politischen Zwangslagen. Kluge späht nach Fluchtpunkten und Perspektiven, forscht nach Gegengiften, die aus der Substanz misslicher Verhältnisse zu gewinnen wären.

Der auf allen Feldern staunenswert detailkundige Autor lässt sich auf jedwedes Phänomen ein. Ohne vorgeformte Meinung kann er umso tiefer die Abgründe etwa der NS-Zeit ausloten, so anhand einer gespenstischen Reise Hitlers. Zahllose Gespräche und Recherchen müssen der Niederschrift vorausgegangen sein.

Kann man die Nachgeborenen überhaupt warnen?

Sein Buch mäandert z. B. durch solche Themen: Sternenkunde, Zweiter Weltkrieg, Oper, Waffentechnik, Liebesalltag, U-Boote, Antike, Biosphäre, Marx und Islam, Kabbala und Mystik, Terrorismus. Einen von etlichen Schwerpunkten bildet die Atom-Katastrophe von Tschernobyl mit ihren möglichen Nachwirkungen für Hunderttausende von Jahren. Wie, so fragt Kluge, können Menschen Verantwortung über so lange Zeiträume hinweg übernehmen, und wie können sie die Nachgeborenen warnen? Denn wer weiß, welche Sprach- oder Bildform sich einmal durchsetzen wird.

Überhaupt erkundet Kluge Fernwirkungen menschlichen Tuns und Leidens. Er vermutet – neben allem Fragmentarischen – einen Zusammenhang: Mit epochalen Ereignissen komme jeweils eine Bewegung, ein Energiestrom in die Welt, der nicht mehr aufhört und alle künftigen Menschen betrifft. Eine Denkfigur mit Konsequenzen: Phantomhaft schmerzen uns Geschehnisse, die Jahrzehnte oder Jahrhunderte zurück liegen; vielleicht aber fließen uns aus den Tiefen der Geschichte auch Hoffnungsquellen zu. Diese Leitidee verfolgt Kluge bis in feinste Verästelungen und weit über alle Schulweisheit hinaus. Die stets vorläufigen Resultate teilt er in unverzierter, doch unversehens verdichtender Sprache mit. Und wo das Dokumentarische verstummt, montiert Kluge Fiktion und Phantasie hinein, die hier höchst real erscheinen.

Auch das Vergangene ist noch nicht durchweg entschieden

Kein Thema wird gleich über theoretische Kämme geschoren, sondern vielmehr auch emotional „aufgeschlossen“ und in oft geheimnisvolle Beziehungen gesetzt. Überzeugung, die sich beim Lesen einstellt: Einiges muss man als gegeben hinnehmen, gar vieles auf dieser (daher so spannenden) Welt ist noch nicht entschieden – selbst das Vergangene nicht.

Es gibt wenige Werke, die so viel Wirklichkeit und Reflexion umfassen. An Montaignes famose „Essais“ könnte man denken, oder an die ertragreichen Streifzüge von Klaus Theweleit. Sie sind einzigartig. Kluge aber auch.

• Alexander Kluge: „Die Lücke, die der Teufel lässt“. Suhrkamp Verlag, 949 Seiten. Kartoniert 24,90 Euro; Leineneinband 39,90 Euro.

• Am Montag, 8. Dezember 19.30 Uhr), liest Kluge im Dortmunder Harenberg City-Center aus dem Buch. Karten: 0231/9056166.

 




Das Theater sieht sich als Pflichtaufgabe – beim Berliner Kongress zur Krise der Bühnen

Aus Berlin berichtet
Bernd Berke

Ein ums andere Mal konnte man staunen beim Berliner Kongress „Bündnis für Theater“. Debattenbeiträge kamen in dichter Folge von Teilnehmern aus Dortmund, Siegen, Köln, Bonn, Düsseldorf, Krefeld und Münster. Schließlich wunderte sich auch Moderator Hansjürgen Rosenbauer: „Eine alte Befürchtung wird wahr: NRW hat Berlin übernommen.“

Offenbar ist an Rhein und Ruhr das Bewusstsein für die Finanzkrise der Bühnen am meisten geschärft. Prominente Berliner Theaterleute, die im schmucken Kronprinzenpalais ein „Heimspiel“ gehabt hätten, blieben hingegen der Veranstaltung fern.

Auf einen zentralen Begriff konnten sich praktisch alle Anwesenden einigen. Bundespräsident Rau, seit geraumer Zeit mahnender Fürsprecher der Theaterkunst und Miturheber des „Bündnis“-Gedankens, gab das Stichwort vor: Kulturförderung dürfe von der Politik nicht mehr als freiwillige Leistung, sondern müsse als öffentliche „Pflichtaufgabe“ verstanden und auch verankert werden.

Das Gejammer ist man leid

Fortan kam der Kongress immerwieder auf das Zauberwort „Pflichtaufgabe“ zurück. Stünde es erst einmal (wie in Sachsen bereits geschehen) in den Gesetzen, so könnten Kulturmittel nicht mehr ohne weiteres gestrichen werden. Endlich einmal dürfte man sich dann „auf Augenhöhe“ mit anderen Bereichen sehen. Kulturstaatsministerin Christina Weiss möchte überdies erreichen, dass derlei kulturelle Verpflichtungen nicht nur auf dem Papier sich ausbreiten, sondern „vor allem in den Köpfen“.

Theaterleute und engagierte Kulturpolitiker sind das jammervolle Krisen-Gerede offenbar ziemlich leid. Amelie Niermeyer, finanziell gebeutelte Intendantin in Freiburg: „Wenn wir immer nur die Krise beklagen, hört uns irgendwann keiner mehr zu.“ NRW-Kulturminister Michael Vesper bilanzierte zum Schluss, dies sei gottlob „kein Jammer-Kongress“ gewesen, sondern ein selbstbewusster Auftritt der Theaterschaffenden nach dem Leitsatz: „Wir bieten das, was die Gesellschaft braucht.“ Genau so müsse die Kultur auf die Politik zugehen.

Boulevardisierung greift um sich

Beklagt wurde freilich das mediale Umfeld. Die Boulevardisierung greife derart um sich, dass man damit nicht mehr konkurrieren könne. „Wir dürfen nicht alle Mensehen erreichen wollen“, lautete ein bemerkenswerter Befund. Gewiss wolle man sich um jedes Publikumssegment bemühen, doch wenn etwa bei der ZDF-Sendung über „Die größten Deutschen“ ein Daniel Küblböck mehr gelte als manche Klassiker, so dürfe man solchen Entwicklungen nicht hinterherlaufen.

In vier thematischen Foren sichtete der Kongress etliche konkrete Ansatzpunkte – von der theatergerechten Reform der Tarifverträge bis hin zu neuen Marketing-Konzepten. Dortmunds OB Gerhard Langemeyer erläuterte die womöglich bundesweit beispielhaften Vorteile des Theater-Eigenbetriebes, der über die Verwendung kommunaler Mittel selbstständig entscheidet. Essens Kulturdezernent Oliver Scheytt suchte schließlich nach starken Bündnispartnern fürs Theater und hoffte, sie in Schulen, Medien und Kulturbetrieben anderer Sparten zu finden.

Idealistisch gab sich Wolfgang Suttner, Kulturdezernent von Siegen/Wittgenstein. Wenn Menschen erst einmal von Kultur „angezündet“ seien, so sei diese „nicht mehr so leicht kaputt zu machen“. Ihm wurde freilich entgegengehalten, dass eine Mehrheit kulturell zu „erkalten“ drohe. Sollte denn am Ende alles eine klimatische Frage sein?

 




Sprache gegen die Diktatur in Schutz nehmen – Herta Müllers neues Buch „Der König verneigt sich und tötet“

Von Bernd Berke

Mit sprachlichen Reibungsflächen hat die 1953 geborene Autorin Herta Müller viele schmerzliche Erfahrungen gemacht. Aufgewachsen in einem gespenstisch schweigsamen, banatschwäbischen Dorf (deutschsprachige Minderheit in Rumänien), kam sie mit 15 Jahren aufs Gymnasium in der nahen und doch so fernen Stadt. Dort erst lernte sie nachträglich Rumänisch; noch dazu als Mädchen vom Lande den schnoddrigen städtischen Jargon mitsamt der ganz anderen Gestik.

Hinzu kam die verfälschende Zerrspiegel-Sprache des Ceausescu-Regimes, die in alle Beziehungen sickerte und gegen die man sich im Namen der wahren Empfindung tagtäglich wehren musste.

Als Herta Müller nach vielen Geheimdienst-Verhören, nach mancher Drangsal und Drohungen 1987 ins deutsche Exil ging, lernte sie westliche Sprechweisen und Wortfärbungen kennen. Ihr Befund, der uns zu denken geben sollte: Von existenziellen Leiden und Ängsten haben wir hierzulande meist kaum einen Schimmer, deshalb reden wir zuweilen so sorglos und unverantwortlich daher.

Unheimliche Macht der Gegenstände

In ihrem neuen Buch „Der König verneigt sich und tötet“ gibt Herta Müller Auskunft über Quellflüsse und Antriebe ihrer LIteratur, vor allem der Romane „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ und „Herztier“.

Basis des Bandes sind Vorträge im Rahmen von Poetik-Dozenturen. Doch sie lesen sich absolut nicht wie eine branchenübliche Nabelschau vom Schreibtisch-Rand, sondern durchaus dringlich verdichtet.

Kein Wunder, dass diese Autorin für sprachliche Nuancen so hellhörig ist. Doch letzten Endes traut gerade sie, die mit ihren Wörtern fast immer genau ins Herz der Dinge trifft“ der Sprache nicht über den’Weg. Selbst feinfühlige Literatur könne das Leben und Leiden nur ansatzweise erhaschen, und nur in ganz raren, glückhaften Schreib- und Lese-Augenblicken könne sie einen womöglich produktiven „Irrlauf“ (so Müllers Ausdruck) im Kopfe in Gang setzen. Als mächtiger erweisen sich allemal unscheinbare Gegenstände (ein Nachthemd, ein Möbelstück), die sich im Gedächtnis einnisten, dort in nervöser Verzweiflung sprachlos kreisen und nicht mehr weichen wollen.

Wider den byzantinischen Größenwahn

Mit dem Titel gebenden König ist auch der fürchterliche Ceausescu gemeint, der im geradezu byzantinisehen Größenwahn alles nach seinem fratzenhaften Bilde formen wollte. Herta Müller lässt ahnen, wie verstörend es für alle weitere Lebenszeit gewesen ist, unter ihm und seinen Bonzen das Dasein gefristet zu haben. Mit anhaltender Verzweiflung schildert sie etwa, wie schon Fünfjährige im Kindergarten dem System vollends verfallen waren und vielstrophige Lobeshymnen auf Ceausescu singen wollten. Ganz zu schweigen davon, dass Menschen aus dem Freundeskreis der Autorin entweder zu Verrätern wurden oder ihre Dissidenz mit dem Leben bezahlten. Auch als Leser erfasst einen da heißkalte Wut.

Doch der schreckliche „Monarch“ (der vom Westen mit Samthandschuhen angefasst wurde, weil er zu Moskau Distanz hielt) wird nach und nach in ein engmaschiges Bilder-Geflecht verstrickt; wird beispielsweise überblendet mit dem König beim Schachspiel, was wiederum zum armseligen Leben des (von den Kommunisten enteigneten) Großvaters führt und sich überhaupt biographisch kunstvoll verästelt.

Es ist, als schlüge jeder Bereich (Wort)-Wurzeln im anderen. Daraus erwachsen eine unvergleichliche poetische Durchdringung – und eine tiefe, untröstliche Traurigkeit.

• HertaMüller: „Der König verneigt sich und tötet“. Hanser Verlag, 199 S., 17,90 Euro.

• Mit einer Lesung von Herta Müller beginnt am Montag, 3. November (19.30 Uhr im Theater Fletch Bizzel, Humboldtstraße 45) das Dortmunder Literaturfestival LesArt. Infos/Karten: 0231/50 27 710.