Sechs Hinweise zum Fest: Was man ganz früher einmal „Das gute Buch für den Gabentisch“ genannt hat

Hui, hier kommen in jahreszeitlich üblicher Eile noch ein paar Hinweise auf Bücher, die sich (auch) als Weihnachtsgeschenke eignen. Den gereckten Daumen oder alberne Punktwertungen schenken wir uns – wie immer. Und überhaupt…

Unsterbliche Verse
Wenn man Ströme und Strömungen der europäischen Lyrik zurückverfolgt, so gelangt man früher oder später auch an diese ewig frische Quelle: Francesco Petrarcas Gedichtsammlung „Canzoniere“. Jetzt ist eine neue Auswahl der unsterblichen Verse erschienen, die um die zwischen Hoffen und Bangen geliebte Laura kreisen. Karlheinz Stierle hat in seiner Übersetzung versucht, den Reimen so gut zu folgen, wie es im Deutschen nur irgend geht. Eine Herkulesaufgabe, deren Resultat freilich leichthändig wirken muss. Die zweisprachige Ausgabe ziert jede gute Bibliothek. (Insel Verlag, 274 Seiten, 24,90 Euro).

Ins Gelingen verliebt
Wir bleiben in den Gefilden der Sehnsucht. Hanns-Josef Ortheil ist ein Schriftsteller, der ein Projekt verfolgt, mit dem man nur zu gern sympathisiert: Unermüdlich versucht er, glückhaft ausgehende Geschichten erzählbar zu machen, also nicht an den Klippen von Kitsch, Kolportage und Konvention zu scheitern. Man weiß ja: Negatives lässt sich in aller Regel süffiger vortragen und gilt unserem auf Abstürze versessenen Zeitgeist als glaubwürdiger. Mit „Liebesnähe“ unternimmt Ortheil den nächsten Anlauf in gegenläufiger Richtung. Ein Mann und eine Frau treffen sich per Zufall im Hotel – und es entspinnt sich etwas. Ortheil zieht virtuos an den Fäden dieser Verstrickung. Und in den schönsten Passagen klingt seine Sprache nahezu musikalisch. (Luchterhand, 394 Seiten, 21,99 Euro)

Zeiten der Trauer
Ein ungeheuerliches Buch an den Grenzen menschlicher Kraft. Der Niederländer A. F. Th. van der Hejden unternimmt es, den Unfalltod seines einzigen Kindes literarisch zu fassen. Das ist natürlich letztens unmöglich, doch kann man den Heroismus nur bewundern, mit dem dieser großartige Autor dem Tod sozusagen Hoheitsgebiete abtrotzt, wie er die Stirn erhebt gegen das Leiden, das nie mehr aufhören wird. Der 21jährige Tonio (der Vorname ist auch der Romantitel) wurde im Mai 2010 auf seinem Fahrrad tödlich von einem Auto erfasst. Dass der Roman schon vorliegt, lässt darauf schließen, dass van der Hejden von Anfang an keine andere Wahl hatte: Er musste wie besessen versuchen, das Unglück schreibend – nein, nicht zu bewältigen oder mit ihm „fertig“ zu werden, sondern es überhaupt zu ermessen, auszuloten. Die Lektüre ist schmerzlich, erschütternd, ja niederschmetternd, birgt aber auch Trost weit über den Tag hinaus. (Suhrkamp, 672 Seiten, 26,90 Euro)

Held des Scheiterns
Auf Italo Svevo kann man schwören. Seine (und ein paar andere) Bücher würde ich ohne Zögern auf jene einsame Insel mitnehmen. Jetzt ist sein epochaler Roman „Zenos Gewissen“ in neuer Übersetzung (von Barbara Kleiner) erschienen. Es gibt in der Weltliteratur schwerlich einen grandioseren Helden des Scheiterns als diesen Zeno, der zudem die Kunst des ziselierten Selbstbetrugs zur Perfektion erhebt. Allein seine hochkomischen Versuche, das Rauchen aufzugeben, gehören in jede Anthologie zum Tabaklaster. Auch in erotischen Angelegenheiten stellt er sich kaum geschickter an. Eine überaus subtile Neurosenbeschau. Ein Klassiker sondergleichen. Bloß nicht versäumen! (Manesse, 798 Seiten, 24,95 Euro)

Illustrierte Liederschätze
Zum 80. Geburtstag des famosen Künstlers Tomi Ungerer wurde kürzlich ein Standardwerk neu aufgelegt. „Das große Liederbuch“ verdient diesen Namen wahrhaftig. Hier werden reichlich Schätze verwahrt: 204 deutsche Volks- und Kinderlieder sind mit Texten und Noten versammelt. Ungerers herrliche Illustrationen machen den bemerkenswert preisgünstigen Band vollends zum Genuss. Und nein: Es ist in keiner Faser ein deutschtümelndes Buch, sondern die liebevolle Aufbereitung kulturellen Erbes. (Diogenes, 273 Seiten, 19,90 Euro)

Nachkriegs-Krimi
Schließlich ein Krimitipp: Der seit langem in Herne lebende Jan Zweyer hat seinen Hauptkommissar Peter Goldstein unter drei Regimes ermitteln lassen – in der Weimarer Republik (Buchtitel „Franzosenliebchen“), zur NS-Zeit („Goldfasan“) und nun in der deutschen Nachkriegszeit. „Persilschein“ spielt im Ruhrgebiet des Jahres 1950. Wie der Titel ahnen lässt, führt die Handlung in Abgründe der Nazi-Vergangenheit. Dass Zweyer seine spannenden Fälle vor akribisch recherchiertem Geschichtshintergrund ausbreitet, verleiht seinen Krimis zusätzliche Tiefenschärfe. Die nunmehr abgeschlossene Trilogie ist ein achtbares Stück Ruhrgebiets-Literatur. (Grafit Verlag, 320 Seiten Paperback, 11 Euro)




Das Testament

Erinnern Sie sich an die Kulturhauptstadt?

Es ist erst ein Jahr her, als die letzten Veranstaltungen in den Schnee gesetzt wurden. Eitel Sonnenschein war es nicht, aber für viele Eingeborene im Tal der 53 Kommunen waren die Gipfel der Metropolenträume durch den seichten Nebel immerhin sichtbar. Die Leuchttürme blinkten Zuversicht. Man feierte und  pappte sich Buttons ans Revers, besetzte die A40 und schickte gelbe Luftballons ins All, die Kunde tun sollten von der Überwindung der post-industriellen Depression. Die Beauftragten standen an den Fenstern ihrer Verwaltungs-zentren und malten ein wolkiges „Wir“ an die angehauchten Scheiben.

Day of Song

Ein Jahr ist es erst her, das Ende des Jahres der Erbauung, der singenden Massen, der lokalen Helden, der Umarmungen von Vergangenheit mit der Gegenwart. Die Touristen kamen, um das Ruhrmärchen zu erleben. Jetzt kommen sie, um Spuren der Nachhaltigkeit zu entdecken. Sie kommen auch, um den BVB zu sehen oder zu hören, wie es klingt, wenn 50.000 „Raaauuul“ rufen.

Das Fell des Bären

Das Fell des abgehalfterten Ruhr-Bären ist ein paar Millionen wert und man machte sich daran, es zu verteilen, um wiederaufzunehmen und zu erhalten, was der Masse Spaß gemacht hat. Inzwischen ist klar, dass die Taube doch das Leittier der Region ist, da sie als einziges Wesen am Turm des Dortmunder „U“ würdevoll hinter den Verwaltungsgebäuden wacht. Das Gebäude musste Federn lassen, ist weder langfristig bezahlbar, noch wirklich mit aufregendem Inhalt gefüllt. Nicht Menschen hat das Jahr hervorgebracht, sondern
Gebäudeerinnerungen.

Erinnerungen an einen Auftritt

Veranstaltungssaal in Oer-ERkenschwick

7. Dezember vor einem Jahr. Draußen herrscht alpineske Stimmung. Blitzeis, Schneeverwehungen, unschuldige weiße Landschaften. Abends sind die Abschieds-veranstaltungen angekündigt. Ich fahre wie auf Kufen nach Oer-Erkenschwick, um mein Bühnenprogramm über das vergangene Kulturhaupt-stadtjahr zum Besten zu geben. Die Schulaula liegt ein wenig seitwärts des Zentrums. Fünf Zuschauer sind gekommen. Auf der Bühne steht auch ein Weihnachtsbaum. Ein paar Häuser weiter läuft ein Adventskonzert. An den Abschlussparty-Orten tobt der Abschiedsbär, hier machen wir uns einen schönen intimen Abend. Illusion und Wahrheit in Gleichzeitigkeit – Oer-Erkenschwick gegen Duisburg, Essen,Dortmund, Gelsenkirchen.

Der Clan der Erben

Man traf sich am Montag auf PACT Zollverein und es war, als gelte es, etwas zu eröffnen. Voll besetzt und fast alle haben ohne Zettel gesprochen, denn es ist alles ja schon zigmal gesagt worden. Dass der Aufsichtsratsvorsitzende Wulf Bernotat einen Zettel braucht, liegt
daran, dass Kunst und Kultur nicht seine Metiers sind. Ein launiger Pleitgen führt sicher im Wechsel mit Oliver Scheytt durch die Talkrunden. Als Ehemaliger kann man schon mal nachfragen. Jetzt werden sich also eine Reihe anderer um das Erbe kümmern. Ruhr2010 hat das Volk über ein paar Veranstaltungen mitgenommen und es hat sich gefreut. Jetzt geht die neue Familie gemeinsam in die Leuchttürme und schaut, wie das Land unter ihnen beleuchtet wird. Ohne Dunkelheit sieht man den Leuchtturm nicht.

Die Erben übernehmen den Staffelstab

Winkender Mann (c) dman

„Die Kultur Ruhr GmbH wird um die eigenständige Programmsäule „Künste im urbanen Raum“ erweitert, um die Zusammenarbeit von Kultureinrichtungen zu unterstützen und Exzellenz-projekte zu initiieren.“ So heißt es nun.  Erstmals wird der RVR, zusammen mit dem Land, ab 2012 eine programmatische „Kulturkonferenz Ruhr“ organisieren. Regionaldirektorin Karola Geiß-Netthöfel: Wir wollen, dass die Metropole Ruhr weiter so bunt, vielfältig und vital bleibt, wie sie es im Kulturhauptstadtjahr gewesen ist.“

Urbane Kunst – damit ist zunächst die Bildende gemeint, die nicht nur hier inzwischen zur freien Szene zählt wie fast alles – von Popmusik über Handtaschenherstellung  bis hin zu
Karnevalsveranstaltungen. Als frei  galt eine Zeitlang der, der unabhängig von Institutionen arbeitet, ohne Haus – nämlich genau im Gegensatz oder als Alternative zu jenen in den behördlichenTheatern.

Und man wünscht sich für die Zukunft einen interdisziplinären Dialog. Dieser Dialog ist sowas von überholt und längst keine Rede mehr wert – in der europäischen und internationalen Wildnis der Kunst.

KRITISIEREN OHNE ZU NÖRGELN – oder kreatives Nörgeln

Wir müssen also wieder abwarten, was sich entwickelt in den Zentren der Nachfolge. Wollen wir also nicht nörgeln, was ja schwer genug ist, aber als Kreativer kann man das ja eben kreativ tun.  Und immer an alles denken, bevor der Hammer rausgeholt wird.  „Man muss ein Gefühl für die Gesamtlandschaft entwickeln“, wurde gesagt. Dies geschieht bisher über Begriffe wie „Metropole“. Man muss sich nur oft genug „Ich liebe Dich“ sagen.
Irgendwann ist es dann soweit.

Lokale Helden sollen wieder leuchten

local hero (c) dman

Das Local-Hero-Projekt war ein ausgezeichneter Gedanke, der auch hier und da wunderbar funktionierte. So kann man Heimat kennenlernen und künstlerische und überhaupt kulturelle Statements abgeben. Aber dass manche Verwaltungsleute aus irgendwelchen Bereichen dafür als Beauftragte eingesetzt wurden, die sich hier und da bemühten, nicht entdeckt zu werden, zeigte, dass die Unternehmung mit der Nähe zu Kunst und Kultur zunächst nichts zu tun hatte. Kulturhauptstadt ist eben eine kulturpolitische Veranstaltung, deren Geist man nicht per Dekret an handelnde Personen vermitteln kann.  Jetzt will man sie wieder aus dem Schrank zerren, damit sie sich kümmern! Möge die Übung gelingen! Kraftschöpfung also aus der Dezentralität.

Der Markt

Eigentlich geht es um den Erfolg am Markt, wie fast überall heute. Die Exzellenzen werden es schon bringen. Es gibt Bereiche, da ist der Markt das Todesurteil für freies Tun und Denken, aber eine große Fläche für Manipulation – siehe die Gesundheitsindustrie, die uns jeden Tag neue Krankheiten verordnet. Aber schweifen wir nicht ab. Wir müssen uns halt nur vernetzen, dann tritt Wirkung ein.

Der Künstler soll sich vertreten lassen. Man wird in Netzwerke und Institutionen gedrängt. Der Funktionär ist maßgeblich. Der Vermittler, der Agent, der Vertreter ist wichtiger geworden als der Künstler selbst, aber vielleicht war das schon immer so. Und hier regt sich nur einer künstlich auf.




Der RVR und die koordinierte Kultur

Heute verscherze ich’s mir mal mit – nun? – dem Regionalverband Ruhr (RVR). Und zwar so:

Der RVR-Presseservice (idr = Informationsdienst Ruhr) hat heute eine nichtssagend gravitätische Mitteilung versandt, die besagt, dass das „Erbe“ der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr (Ruhr 2010) nunmehr gesichert sei.

Da möchte man doch auftamen.

Dann freilich liest man, dass just der RVR den (Zitat) „Staffelstab“ übernehmen wird, um die „nachhaltige Entwicklung von Netzwerken und Projekten“ der gewesenen Kulturhauptstadt sicherzustellen.

Auch ist die gestanzte Rede von der neuen Programmsäule namens „Künste im urbanen Raum“, die vor allem auch Exzellenzprojekte anstoßen soll.

Eingebunden sind die Kultur Ruhr GmbH, die Ruhr Tourismus GmbH und das European Center für Creative Economy (ECCE). Hört sich gewaltig an, wenn man’s nur nicht hinterfragt.

Der von mir eigenmächtig hinzugefügte Fettsatz zeigt an: Da haben wir es mal wieder, das verwaltungsgemäße, mit leerlaufenden Floskeln durchsetzte „Kreativ“-Sprech, das meist nur mit bürokratischen Verfahrensweisen, aber nicht mit wirklichen Ideen jongliert. Wer so redet, lässt ahnen, dass Kultur nur abermals der Anlass ist für aufgeplusterte Strukturen. Den vermeintlichen Erfolg wird man später gewiss herbeireden.

4,8 Millionen Euro werden jährlich aufgerufen, zur Hälfte vom Land NRW und vom RVR beigesteuert. Kein immenser Betrag, wenn man ihn aufs ganze Revier verteilt. Doch natürlich wird dieses schöne Geld nicht einfach so versickern. Schon 2012 wird beispielsweise eine „Kulturkonferenz Ruhr“ einberufen, welche die „profilbildenden Projekte“ diskutieren und Zukunftsstrategien entwerfen soll.

Im Tunnel (Bild: Bernd Berke)

Im Tunnel (Bild: Bernd Berke)

Schon dem dürren Jargon ist abzulauschen, dass da viel heiße Luft in die Gegend geblasen wird. Bereits jetzt sind etliche Impulse der Kulturhauptstadt, sofern es sie überhaupt je gegeben hat, kläglich erloschen. Längst wieder eingekehrt ist der kulturelle Alltag mit Finanzsorgen an allen Ecken und Enden.

Kulturjournalisten des Ruhrgebiets werden wissen, wovon ich rede: Pressekonferenzen des RVR (vormals KVR), die kulturell wirklich spannend gewesen wären, wird man selbst mit der Lupe vergebens suchen. Ich kann mich an Termine erinnern, bei denen nach meinem Eindruck mehr Vertreter des RVR anwesend waren als Pressemenschen. Viele von ihnen hatten offenkundig keinerlei Funktion beim jeweiligen „Meeting“. Sie standen zinslos herum. Doch es gab gelegentlich Sekt und Häppchen. Gern wurden derlei Treffs am Freitag anberaumt, wenn man anschließend rasch ins Wochenende aufbrechen konnte.

Bitte, bitte, ich lasse mich gern eines Besseren belehren. Vielleicht weht ja beim RVR jetzt und demnächst ein frischer Wind, der alles Gestrige hinwegfegt.

Doch mal ehrlich. Auch dieser Satz klingt beim ersten Hinhören nicht wie eine Verheißung, sondern eher wie eine sanfte Drohung:

„Der Regionalverband Ruhr koordiniert mit einer neuen Stabsstelle künftig die Entwicklung der Kultur in der Metropole Ruhr.“

Hat da jemand „Stillgestanden!“ ge…flüstert?




Winkelmanns Theaterreise ins Dortmunder U

Sebastian Graf, Luise Heyer und Axel Holst in Winkelmanns Reise ins U. Foto: Birgit HupfeldDie Geschichte des Dortmunder U als Kreativzentrum ist bislang keine ruhmreiche: Erst das ewige Hin und Her um das Konzept, bevor die Fördergelder überhaupt flossen, dann zahlreiche Teileröffnungen, steigende Baukosten, Verzögerungen und das Gefühl, es noch immer mit einer Baustelle zu tun zu haben.

Regisseur Adolf Winkelmann („Contergan“) steckte dank seiner „Fliegenden Bilder“, die nun direkt unter dem goldenen U leuchten, mittendrin im Chaos – und hat seine schrägen Erfahrungen nicht nur in ein Buch, sondern auch in sein erstes Theaterstück gegossen. „Winkelmanns Reise ins U“ feierte im Dortmunder Schauspiel Uraufführung.

Nach den vielen Skandalen um das Dortmunder U wäre vieles möglich gewesen: Ein trockener Einblick in die Wirklichkeit, eine bitterböse Abrechnung, auch eine Selbststilisierung. Es spricht für Adolf Winkelmanns Humor, dass er selbst von einem „erfundenen Tatsachenbericht“ spricht, der sich irgendwo zwischen realen und fiktiven Absurditäten aufhält.

Die Satire tropft nur so aus jeder Szene, als der Künstler Winkelmann (großartig naiv gespielt von Axel Holst) und sein Filmteam ihrer Heimatstadt für den neuen Kreativturm ein filmisches Kunstwerk schenken wollen, das über den Dächern der Stadt leuchten soll. So viel arbeitsame Kreativität ist der Stadtverwaltung und ihrem Senator (Andreas Beck) unheimlich, die vor allem eines will: Finanzkräftige Investoren mit inhaltsleeren Wortwolken („Europäischer Kreativwirtschaftspott“) ködern und den Ruhm dafür einstreichen. Während also Winkelmann ein immer fantastischer werdendes Abenteuer erlebt, mit goldenen Filmstreifen und einer Unterstadt, in der Dortmund gegen seinen Untergang kämpft, baut die Stadt seine Kunst mit einem Krankenkassengebäude zu.

Regisseur Winkelmann macht nicht den Fehler, nur schwarz-weiß zu (über)zeichnen: Den grauen Stadtverwaltern, die jeden Vorgang genehmigt wissen wollen und ihren Lieblingssatz („Das kommt jetzt nicht ins Protokoll“) vor sich hertragen, steht ein chaotisches, überfordertes, konzeptloses Filmteam gegenüber. Seiner Sozialisation trägt Winkelmann durch starke Bilder, die gelungene Verschränkung von Video und Spiel und die filmisch kurzen Szenen Rechnung.

„Winkelmanns Reise ins U“ funktioniert auf mehreren Ebenen: Für jene, die die Protagonisten rund um den U-Turm kennen, sind ihre Bühnenkarikaturen ein herrlich amüsantes Fressen (vor allem, weil einige im Publikum sitzen) – auch deutlich zugespitzter als in seinem Buch. Das Stück aber ist auch eine liebevoll-kritische Bespiegelung des Ruhrgebiets und seiner Selbstzweifel. Und es bietet sich an als satirische Parabel auf das Gipfeltreffen von Kultur und Verwaltung, Kreativität und Bürokratie, wie es sich überall ereignen könnte.

Die Vision für das U ist am Ende grausig: Wegen zu hoher Betriebskosten wird es für die Öffentlichkeit gesperrt und von dem sich mit klugen Dienstplänen befassenden „Amt für Angelegenheiten des Dortmunder U“ besetzt.

(Dieser Text ist zuerst in der Westfälischen Rundschau erschienen).

Foto: Birgit Hupfeld




Kleine Stadt und große Namen

Dieser Blog heißt ja im Untertitel „Kultur und mehr im Ruhrgebiet“, und deshalb soll hier einmal auf eine erstaunliche Einrichtung am Rande des Reviers hingewiesen werden: In der Kleinstadt Ennepetal im Süden des Ruhrgebiets, fast schon im Sauerland, gibt es eine „Kulturgemeinde“, die mit fast 2.000 Mitgliedern und einer fünfstelligen Besucherzahl im Jahr in einem ungewohnten Verhältnis zur Größe der Stadt steht.

Auch Lew Kopelew war zu Gast. (Foto: Steidl Verlag)

Der inzwischen pensionierte Lehrer Hartmut Köhler hat die einst kleine Gruppe groß gemacht, indem er meist prominente Referenten oder Musiker in seine „Gemeinde“ holte und dort bei freiem Eintritt auftreten ließ. Nur von Mitgliedsbeiträgen und Spenden an den Ausgangstüren wird diese Arbeit finanziert.

Lew Kopelew und Gerd Ruge, Martin Walser und die Schwestern Labeque, Arved Fuchs und Christian Quadflieg, Heiko Engelkes, Wolf Biermann, Frank Plasberg und Max Raabe, Justus Frantz oder das Leipziger Gewandhaus-Orchester und demnächst wieder Reinhold Messner stehen unter anderem auf der langen Gästeliste. Manche Beobachter rümpfen die Nase: Populärkultur und reine Konsumabende seien das, aber auch das ist Kultur im Ruhrgebiet. 50 bis 60 Veranstaltungen organisiert die Kulturgemeinde im Jahr, und dazu gehören auch Besuche in den Schauspiel- und Opernhäusern der umliegenden Großstädte.

Manche Referenten kommen übrigens gern immer wieder, und das liegt auch daran, dass sie im Privathaus der Köhlers wie Freunde begrüßt und bewirtet werden.

Hartmut Köhler (rechts) mit Christian Quadflieg. (Foto: Jo Schöler)




Dortmund – Zwickau: Prekäre Partnerschaft

Gläserne Rathauskuppel in Dortmund (Foto: Bernd Berke)

Gläserne Rathauskuppel in Dortmund (Foto: Bernd Berke)

Städtepartnerschaften schlafen mit der Zeit meist ein. Nur wenn sich Daten unabweisbar runden, kommt es zu hehren Fensterreden unter Einsatz von Streichquartetten. Oder so ähnlich.

Dortmund ist verbandelt mit Amiens (Frankreich), Leeds (England), Buffalo (USA), Netanya (Israel), Rostow (Russland), Novi Sad (Serbien) und Xi’An (China). Eine stattliche Liste. Doch längst nicht jede Partnerschaft ist mit Leben erfüllt.

Hinzu kommt seit Dezember 1988 die innerdeutsche Städtefreundschaft mit Zwickau.

Zwickau. Moment. Da war und ist doch was?

Ja, sicher. Dort ist zu DDR-Zeiten der Trabant gebaut worden. Außerdem hat sich die sächsische Stadt in den letzten Jahren als ein Gravitationszentrum rechtsradikaler Umtriebe erwiesen. Mit entsetzlichen Folgen.

Sagt da jemand, dass im Westen der Republik für Dortmund ähnliches gelte? Dass zwischen beiden Orten vielleicht einschlägige, womöglich mörderische Verbindungs-Linien gezogen werden könnten? Also, das wäre ja…

Man könnte derlei prekäre Fragen zum Thema einer solchen Städtefreundschaft machen, über die Form wäre zu reden.

Zu manchen Anlässen begeben sich Lokaljournalisten in die jeweilige Partnergemeinde, um dort Stimmungen auszuloten. Wie wär’s? Vielleicht sogar im Austausch.




Zechen gab es auch im Sauerland

Wer das Wort Zeche hört, der denkt natürlich sofort an Kohlebergbau und an die Gruben im Ruhrgebiet. Allerdings war der Begriff in der frühen Neuzeit auch für Eisenerzgruben im Sauerland in Gebrauch. Auf diesen überraschenden Befund stieß der Historiker Wilfried G. Vogt bei seinen Forschungen über die Gewerbe-Entwicklung im Tal der Ennepe.

Hammerbuch des "Behlinghammer" im Ennepe-Tal von 1774. Er gehörte der Familie Harkort.

So gab es unterhalb der heutigen Ennepe-Talsperre auf dem Stadtgebiet von Breckerfeld eine Grube für Kupfererz, die in Urkunden als „Friedrichs Zeche“ auftaucht. Die Bezeichnung hat auch Sinn, wenn man an die ursprüngliche Bedeutung denkt: Eine „Zeche“ war der Beitrag, den die an einer Grube beteiligten Genossen zu leisten hatten. Im Falle von Friedrichs Zeche sind die beiden Genossen bekannt: Der Bergmeister Goldenberg, gleichzeitig ab 1773 Breckerfelder Bürgermeister, und der Chirurg und Feld-Doktor Nicolaus Caspar Saalmann, der später auch eine Apotheke betrieb.

Erzbergbau gab es an vielen Stellen im Sauerland. In einer der wichtigsten erhaltenen Quellen für diesen Bereich, dem „Altenvoerder Hütten- und Hammerbuch“, sind für die Jahre 1595 bis 1598 zahlreiche Erzlieferanten und ihre Erlöse aufgeführt. Das wertvolle Dokument befindet sich jedoch nicht am Entstehungsort, sondern es gelangte aus dem Nachlass des Grafen Westerholt-Gysenberg in das Stadtmuseum Hattingen.

Der Brandshauser Hammer im Tal der Ennepe etwa um 1920. (Foto:: Stadtarchiv Ennepetal)

Die Kenntnisse der Sauerländer Bergleute scheinen sogar international begehrt gewesen zu sein: In einer Quelle von 1564 fand Vogt einen Hinweis auf „Harmann and Peter of Breckerfilde“, die als Bergleute in Britannien aktiv waren. Da steckte hierzulande der Kohlebergbau noch in den Kinderschuhen.




Revierderby

Über das Derby an und für sich ist eigentlich alles gesagt. Die Formkurvenverläufe von Borussia Dortmund und Schalke 04 sind ebenso bekannt wie die jeweilige Verletztenliste. Alle Statistiken wurden abermals umgewälzt und liegen abrufbereit in den Datenspeichern. Mit teils absurdem Zahlenstoff füllen TV- und Hörfunkreporter dann wieder das Vakuum, wenn eine Palaver-Pause „drohen“ sollte. Ach, wie gut könnte man da auf manchen Wortschwall verzichten!

Auch die Prähistorie des Fußballklassikers im Revier ist wahrlich hinreichend aufgearbeitet worden. Heute finden sich, vorzugsweise in der regionalen Presse, mal wieder Rückblicke bis in die Vorkriegszeit, als Schalke dominierte. Seit den späten 40er Jahren hatte Dortmund meist mehr Erfolg. Doch wem sage ich das?

Zum Ritual gehört das ständige Kokettieren mit der alten Rivalität. In den Tagen vor dem Derby gibt es z. B. erfahrungsgemäß bei jeder hiesigen Pressekonferenz (wovon sie auch immer handle) eine neckische Anspielungen aufs Match, auch bei den meisten anderen Zusammenkünften ist dies eine Standardsituation. Selbst fußballfernste Geister geben sich auf solch augenzwinkernde Weise leutselig und volksnah. Man muss dann nur ganz arglos Worte wie „Gelb“ oder „Blau“ sagen – und schon wird wohlig wissend gefeixt.

Gelb vs. Blau - hier mit Fingerfarben (Bild: Bernd Berke)

Gelb vs. Blau - hier mit Fingerfarben (Bild: Bernd Berke)

Mal eben Schluss mit dem preiswerten Grinsen. Um das Selbstverständliche zu sagen: Gewalt zwischen beiden Fangruppen ist von Übel. Neuerdings trifft man ja feinsinnige Unterscheidungen etwa zwischen Hooligans und Ultras. Bitte, bitte, wenn es der soziologischen Wahrheitsfindung dient… Es ist allerdings gleichermaßen schmerzhaft; egal, von wem es was auf den Schädel gibt. Schon das Unwort „Zecken“, mit dem viele Schalker den BVB belegen, müsste gebannt werden. Klar doch: Beim Widerpart klingt auch nicht alles zivilisiert.

Freilich sollte man die traditionelle Gegnerschaft nicht weichspülen oder verwässern. „Der Bessere möge gewinnen“ ist der ewige Schnarchsatz für Schlafmützen. Natürlich sollen „unsere“ den Sieg davontragen. Wer denn sonst?!




„Grau“ von Jasper Fforde: Ansichten einer künftigen Diktatur

Ein Mann sieht rot.  Das ist auch gut so, denn Eddie Russett lebt in einer Welt, in der Farbe zu einer Ware geworden ist, welche die soziale Hackordnung bestimmt. Eine Welt, in der Machtbefugnisse alleine darauf basieren, welche Farbe man wie gut sehen kann.

Der walisische Autor Jasper Fforde (weltbekannt geworden mit „Der Fall Jane Eyre“ und weiteren „Thursday next“-Romanen) baut in seinem neuen Roman „Grau“ eine perfekt entworfene fiktionale Welt, überbordend vor Ideenreichtum und Phantasie. In seiner Anti-Utopie veranschaulicht er erschreckend, wie eine Diktatur funktioniert, was sie sympathisch macht und was angreifbar. Zum Beispiel die unüberschätzbare Macht der Neugier und der Wahrheit.

Vor kurzem machte das Bochumer Literaturmagazin Macondo sich selbst und zahlreich erschienenen Zuhörern in der Bochumer Rotunde die Freude einer ganz besonderen Lust am Hören. Jasper Fforde, den Macondo seit Anfang begleitet, inszenierte gemeinsam mit dem Schauspieler und Sprecher Oliver Rohrbeck eine bilinguale Lesereise. Fforde las aus der englischen Originalfassung „Shades of grey“ , Rohrbeck aus der von Thomas Stegers klug übersetzten deutschsprachigen Version.

Fforde erzählte eingangs von einem Hamlet-Experiment der besonderen Art. Vor etlichen Jahren habe es ein Treffen zahlreicher Hamlet-Darsteller aus etlichen Ländern gegeben, die jeder in ihrer eigenen Sprache Teile der berühmten Monologe darboten und trotz des babylonischen Sprachgewirrs sich in ihrer Darbietung blind verstanden. In Bochum erlebten wir die Premiere eines ähnlichen Experiments, in dem Fforde und Rohrbeck  einen Dialog aus „Grau“ zweisprachig vortrugen – was in der Tat erstaunlich gut funktionierte. Oliver Rohrbeck – bekannt als deutsche Synchronstimme Ben Stillers und vor allem durch seine Rolle des Detektivs Justus Jonas in der Hörspielserie „die drei ???“ – hat auch das Hörbuch zu „Grau“ eingelesen. Wie sehr ihm der widerspenstige Eddie Russett ans Herz gewachsen ist, zeigte seine wirklich Spaß machende Darbietung, die für mich ruhig hätte länger sein dürfen.

Dafür gab Fforde über die Lesung der grauen Kapitel hinaus spannende Einblicke in sein Schaffen. Die Tatsache, dass das Publikum trotz der Sprachbarriere wie gebannt an seinen Lippen hing, unterstrich eindrucksvoll, dass dieser Mann wahrhaft ein geborener Erzähler ist. So erzählte er von seiner Freude an ausgefallenen Gedankenspielen mit der „cold logic of the nonsense of the world“. In seinen bisherigen Werken habe er immer mit etwas gespielt, was bereits im Kopf der Leser sei und dabei versucht, die Vergangenheit zu ändern. Mit der Trilogie um Eddie Russett versucht er nun erstmals, eine Zukunft zu formen. Erschreckend einfach sei es gewesen, eine Hierarchie zu erfinden. Auf die Farbwahrnehmung als Grundlage für eine neue Gesellschaftsordnung kam er, weil Farben im Grunde nutzlos sind. Nichts als ein gutes Beispiel für „the way, we make a sense of the world“.

So ganz lässt ihn die Vergangenheit jedoch nicht los. Auch in „Grau“ findet man Anspielungen auf frühere Werke, so mit dem „red room/ green room“ auf Jane Eyre. Fforde ist ein Autor , der nicht nur in seinem Romanen gerne zwischen Welten gratwandert. Die vorgeblichen Grenzen zwischen „U“- und „E “ Literatur interessieren ihn nicht,  ein Autor von seiner Belesenheit und seiner Sprachmächtigkeit lässt sich davon nicht im Geringsten beeindrucken. Satz des Abends: „I love silly things. Silly! Not stupid.“

„Grau“ ist ein Buch, welches den Leser zwar so manches Mal in seiner Abstrusität befremdet, in seiner Konsequenz und vor allem in seinem Wiedererkennungswert fast schon genial ist. Darüberhinaus ist Fforde definitiv „einer der Glücksfälle, in denen gute Literatur und sympathischer Autor zusammentreffen.“ (Zitat Macondo).

Stimmungsvolle Bilder des Abends, welche unter anderem auch zeigen,  welche Konzentration unsere  „Revierpassagen“ bei der Widmung erforderten, bei Macondo.

Jasper Fforde: „Grau“. Roman. Eichborn Verlag, 490 Seiten, €19,95

 




Worüber wir inzwischen nicht geschrieben haben

Holla! Als dieses Blog jetzt zwangsläufig für einige Tage offline gewesen ist, hat man erst einmal so richtig gemerkt, wie die Zeit verfliegt und wie die Ereignisse sich türmen.

Was hätte man nicht alles schreiben können, sollen, müssen!

Vom tödlich aggressiven Rechtsextremismus hätte man wohl auch hier nicht schweigen dürfen. Obwohl schon einem Karl Kraus zu Hitler nichts mehr eingefallen ist (ein Ohnmachtsgefühl, das er freilich höchst wortgewaltig zu entladen wusste).

Man hätte dem sauberen Signore Silvio B. einige Worte nachwerfen können.

Man hätte dem am Rande des Reviers (Schwelm) geborenen Franz Josef Degenhardt einen Nachruf widmen müssen. In anderen Atemzügen hätte man Wolf Biermann zum 75. Geburtstag gratulieren sollen. In beiden Fällen hätte es sich dringlich empfohlen, Worte wie „Bänkelsänger“ und „Barde“ zu meiden. Und es wäre gar zu schön gewesen, hätte man nicht den einen gegen den anderen ausgespielt.

Man hätte wohl auch das Gruselkabinett der neuesten „Dortmunder Peinlichkeiten“ (bald ein geschütztes Warenzeichen?) bebend, zornig oder lachend durchschreiten müssen. Angefangen mit dem inzwischen aufgegebenen, nichtsdestoweniger unsäglichen Vorhaben, dem „größten Weihnachtsbaum der Welt“ (ohnehin ein monströser Bastel-Fake aus ca. 1700 Rotfichten) einen Fußball statt eines Engels aufzusetzen. Der leider siegreiche Entwurf fürs künftige Deutsche Fußballmuseum gegenüber vom gleichfalls peinlichen Hauptbahnhof wäre auch zu bereden gewesen.

Ferner gab’s Absurditäten wie die „Hamster-Affäre“ (bitte selbst in die Suchmaschine des Vertrauens eingeben), in deren Verlauf eine Lehrerin eine Schülerin übelst gemobbt haben soll. Sodann hätten wir noch das bislang recht renommierte Dortmunder Institut für Kinderernährung, das sich Empfehlungen (etwa für „Fruchtzwerge“) offenbar mit Hersteller-Honoraren hat vergüten lassen. Und schließlich noch eine Zoo-Farce, in der mit angeblicher Billigung und tätiger Unterstützung des Direktors Männerakt-Aufnahmen in den Gehegen entstanden sein sollen. Sodom und Gomorrha?

Sagt selbst: Gibt es eine Stadt in Deutschland, die mehr unfreiwillige Komik zu bieten hat?

Mal ganz abgesehen davon, dass inzwischen die eine oder andere Ausstellung, diese und jene Aufführung ins Land gegangen sind. Aber mit unsinnigen Ansprüchen auf Vollständigkeit plagen wir uns ja eh nicht.

Trotzdem kommt man sich fast vor wie bei jener Baumarktkette, die dröhnend kundtut: „Es gibt immer was zu tun.“

Na gut. Packen wir’s an!




Zum Tod der Musikjournalistin Sonja Müller-Eisold

Rund 55 Jahre lang hat sie für die Westfälische Rundschau (WR) über Oper, Ballett und Konzerte in der Region geschrieben. Welch eine Zeitstrecke, welch eine Lebensleistung! Jetzt ist die Dortmunder Musikjournalistin Sonja Müller-Eisold mit 80 Jahren gestorben. Eigentlich unfassbar, dass sie ihre angestammten Plätze in den Opern- und Konzerthäusern nicht mehr einnehmen kann. Wie sie denn überhaupt aus dem westfälischen Musikleben kaum wegzudenken ist.

55 Jahre lang für dieselbe Zeitung schreiben – solche Betriebstreue gibt es nicht mehr, kann es nicht mehr geben. Sie ging einher mit einer Zuverlässigkeit, wie man sie heute wohl vergebens sucht. Einen Termin ausfallen zu lassen oder sich auch nur zu verspäten, das war für Sonja Müller-Eisold prinzipiell ausgeschlossen. Im täglichen Wirrwarr der Redaktionsarbeit lernt man solche Festigkeit sehr zu schätzen.

Das Wirken der bei Dresden Geborenen ging freilich über derlei „preußische“ Sekundärtugenden weit hinaus. Auf der soliden Grundlage eines Studiums der Musikwissenschaften, das sie in Berlin mit der Promotion abschloss (über Mörikes Lyrik in Hugo Wolfs Vertonung), und eines Redaktionsvolontariats bei der Westfälischen Rundschau, reifte sie zur viel beachteten Kritikerin heran. Doch trotz ihres wachsenden Einflusses blieb die Gattin des früheren WR-Verlagsleiters Hans G. Müller (Heirat 1962, aus der Ehe ging die Tochter Andrea hervor) bemerkenswert unprätentiös. Wenn wir schon bei den Adjektiven sind: freundlich und ausgeglichen müssen hier ebenfalls stehen.

Über zweieinhalb Jahrzehnte durfte ich in der WR-Kulturredaktion mit SME (so ihr weithin bekanntes Kürzel) zusammenarbeiten. Sie war unsere feste freie Mitarbeiterin für alle Sparten der so genannten E-Musik und betreute etwa die Tage Alter Musik in Herne ebenso fachkundig wie die Tage Neuer Kammermusik in Witten. Zwischen solchen Festivals lagen ungezählte Opernpremieren und Konzertereignisse, an Wochenenden waren zuweilen mehrere Termine zu absolvieren. Bis zuletzt hat Sonja Müller-Eisold sich derlei Strapazen zugemutet – vor allem aus tiefer Freude an der Musik. Wer je ernsthaft geschrieben hat, wird wissen, dass bei einem solchen Pensum auch Routinen vonnöten sind.

Alljährlich besuchte Sonja Müller-Eisold die Wagner-Festspiele in Bayreuth. In der ganzen Republik dürfte es schwerlich Menschen geben, die beispielsweise den „Ring“ öfter gehört und gesehen haben als sie. Seit 1990 war sie Vorsitzende des Wagner-Verbandes in Dortmund. Auch nahm sie einen langjährigen Lehrauftrag an der Dortmunder Musikhochschule wahr.

Ihre Kritiken waren in aller Regel sanftmütig, sie taten nicht mutwillig weh. Gelegentlich hat man ihr beim Redigieren zurufen mögen: „Nun sagen Sie dem Regisseur doch mal kräftig Bescheid!“ Doch wenn sie mit einem Auftritt nicht einverstanden war, blieb sie auf noble Weise zurückhaltend und beließ es bei künstler- und also menschenfreundlichen Hinweisen, zarten Andeutungen zwischen den Zeilen. Und wenn man es nur recht bedenkt, hat solcher Zuspruch vielleicht oft mehr gefruchtet, als ein herzhafter „Verriss“ es vermocht hätte.

Durfte sie hingegen aus guten Gründen schwelgen, so war sie vollends in ihrem Element. „Beglückend“ war dann oft eines ihrer liebsten Worte. Es bezeichnet ihr inniges Verhältnis zur Welt der künstlerischen Klänge und zu den Musikschaffenden.

(Einzelne Daten und Sachinformationen, die mir sonst nicht unmittelbar vorgelegen hätten, entnehme ich dem heute in der Westfälischen Rundschau abgedruckten Nachruf).

Historische Grabstätte in Dortmund (Foto B. B.)

Historische Grabstätte in Dortmund (Foto B. B.)




Endlich im Museum: Blaubär, Arschloch und der Föhrer

Käpt’n Blaubär, dieser behäbig-gutmütige Lügenbär aus der „Sendung mit der Maus“?

Ist von ihm, Walter Moers.

Dann das Kleine Arschloch, diese respektlose Comic-Figur, ein Elfjähriger mit großer Nase und baumelndem Schniedelwutz?

Von ihm, Moers.

„Adolf, die kleine Nazi-Sau“, die scheiternde Witzfigur aus dem Clip „Der Bonker“?

Moers’ Idee.

Der Kontinent Zamonien, ein düster-sagenhafter Schauplatz einer ganzen Roman-Reihe – von Käpt’n Blaubärs Abenteuern für Erwachsene über Rumo bis zu einäugigen Buchlingen, die tief unter der Erde leben?

Eine grafische und wortgewaltige Schöpfung von: Moers.

Endlich darf Moers ins Museum

„7 ½ Leben“ hat Walter Moers schon hinter sich gebraucht – zumindest legt die gleichnamige Ausstellung in der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen das nahe.

Zum ersten Mal darf das Gesamtwerk des Zeichners, Grafikers, Autors ins Museum. Skizzen und Vorab-Collagen sind zu sehen, Storyboards und fertige Clips, Tuschezeichnungen, Objekte und Bücher.

Richtig: Bücher. An den Bänken sind Moers’ Romane befestigt. Wer viel Zeit mitbringt, kann so auch in der zamonischen Welt versinken, die Moers seit 1999 erschafft. Aus Text, besonderer Typografie und eingefügten Zeichnungen.

Bedrückend. Und heiter

Für seine Romane schafft Moers mit Tusche Szenen, die beides sind: bedrückend und heiter. Viele Figuren wirken lächerlich und verbreiten doch Angst und Schrecken. Das ist die Kunst seiner Fantasie: Alles kann jederzeit ins Gegenteil umschlagen – in die schrecklichsten Höllenqualen oder in ein rauschendes Fest.

Viele der Original-Zeichnungen sind auch in Oberhausen zu sehen. Und stellen den Betrachter vor eben dieses Rätsel: Sind das nun Endzeit-Visionen wie bei Pieter Bruegel? Angsteinflößende Kreaturen im Stil eines Gustave Doré? Oder spielt Moers nur wieder mit den Vorlagen?

Respektlosigkeit gegenüber da Vinci? Gerne doch!

Moers liebt die Persiflage. Ein paar Respektlosigkeiten gegenüber da Vinci, Rembrandt, Picasso, Munch und Miró? Sind immer drin. Moers imitiert die Werke, kopiert sich durch all die Stile der Kunstgeschichte und setzt immer sein Kleines Arschloch in die Mitte.

Auf die vermeintlich antike Vase, als goldverzierte Ikone, als Mona Lisa, als Schrei, als Warhol’sche Campbell-Dose – selbst als Snoopy-Ersatz auf der Hundehütte. Über dem letzten Bild schwebt die Denkblase: „Hier sollte eine heiter-besinnliche Schlusspointe stehen, aber mir fällt keine ein.“ Treffender und gemeiner kann man Charles M. Schulz’ Comics nicht entlarven.

Ein kotzender „Bürger von Calais“

Andererseits: Selbst bei Werken, die ihrerseits Tabus brachen, dreht Moers die Schraube noch etwas weiter. Bei Jeff Koons „Made in Heaven“ hockt das Kleine Arschloch in eindeutiger Pose vor der Frau, die sich auf dem Gras räkelt. Wenige Meter weiter würgt eine großnasige Steinfigur ihren Magen-Inhalt heraus, Moers‘ Version von Auguste Rodins „Bürger von Calais“.

Nicht umsonst warnt ein Schild: Dieser Teil der Ausstellung ist nur für Besucher ab 16 geeignet.

Harmlose Blaubär- und Hein-Blöd-Puppen

Harmlos dagegen geht es in einem anderen Gebäudeteil zu. Die Puppen von Käpt’n Blaubär und Hein Blöd sind ausgestellt. Ein Film zeigt, wie die Puppenspieler arbeiten, wie es hinter den Kulissen aussieht. So wird ganz nebenbei deutlich, wie Moers’ Ideen eben auch funktionieren: mit dem Kern erfolgreich sein, dann vermarkten – vom Musical bis zur Kuschelpuppe.

Es wäre allerdings unfair, Walter Moers auf den breiten Merchandising-Aspekt zu reduzieren. Zumal der personenscheue Künstler eher das neue Ufer sucht, als am alten Ausverkauf zu betreiben.

Was Moers in den 80ern schon konnte

Die „7 ½ Leben“ zeigen seine Entwicklung. Moers hatte zwar schon immer Talent im Zeichnen, im detaillieren Umsetzen und im textlichen Verdichten. Viele Ideen aus den späteren Romanen hatte Moers schon in den 80ern. Es brauchte allerdings Jahre, bis er den exakten Einsatz von Illustrationen und pseudo-wissenschaftlichen Grafiken dosieren konnte.

Harte Arbeit war das, davon zeugt das Tipp-Ex auf einigen Entwürfen, die in Oberhausen zu sehen sind. Am Ende jedoch kommt so etwas heraus wie das „Tratschwellen-Alphabet“. Das dem Betrachter einfach ein Lächeln abverlangen muss.
Mindestens.

Walter Moers‘ 7 1/2 Leben sind noch bis zum 15. Januar 2012 zu sehen. Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, Konrad-Adenauer-Allee 46, geöffnet Di-So 11-18 Uhr. Katalog 29 Euro.

 

(Eine ähnliche Version dieses Textes ist im Westfälischen Anzeiger erschienen).




Die Kunden-Universität

Die Hochschulen sind voll? Gut so! Im Jahr 12 nach Bologna darf sich der Studierende als Kunde im akademischen Betrieb fühlen. Der tut alles dafür, der Zielgruppe seine Dienstleistung möglichst schmackhaft zu machen. Studieren im Jahr 2011 – eine Collage.

Montag, 10 Uhr. Ursula Gather, Rektorin der Technischen Universität Dortmund, hat ihr professionelles Lachen aufgesetzt. „Gemeinsam sind wir stark“ steht auf dem schwarz-gelben Schal, den sie für die Kamera in die Höhe hält. Auch wenn sie inmitten von Studierenden sitzt: Die Tribüne des örtlichen Fußball-Bundesligisten ist nicht gerade vertrautes Terrain für die Statistik-Professorin.

Kay Voges’ Lachen ist gequält. Auch der Chef des Dortmunder Schauspiels reckt einen Schal in der Höhe, „Schal-la-la-la“ steht darauf. Klick – der  Fotograf der örtlichen Presse hat sein Bild im Kasten, Gather und Voges lassen den Schal wieder sinken.

Die Uni-Rektorin in schwarzem Mantel und der Schauspiel-Intendant in Lederjacke, sie sind hier, weil sie eine Mission haben. An diesem kalten Montagvormittag im Fußballstadion wollen sie das gleiche: die frisch Immatrikulierten erreichen, begeistern, für sich einnehmen. Die Studenten sind „Young Potentials“, sie sind ihre Zielgruppe. Kay Voges will sie in seine Theaterabende locken, die neuerdings mit einer Warnung vor Stroboskop-Licht beginnen und „Green Frankenstein & Sexmonster“ heißen. Ganz so viel Action hat Ursula Gather zunächst nicht zu bieten. „Sie sind die Stars von morgen an unserer TU“, ruft die Rektorin den 4000 anwesenden Neulingen zu. Dann sagt der Oberbürgermeister den Neu-Dortmundern Hallo. Es gibt ein Konzert, es gibt etwas zu gewinnen, sogar eine Gebärden-Dolmetscherin ist da. Eine simple Begrüßung der Erstsemester ist es nicht, die die TU da auf die Beine gestellt hat – es ist ein Event, ausgerichtet auf junge Leute, denen man einiges bieten muss, wenn man ihre Aufmerksamkeit will.

Bei David Kraß hat es nicht funktioniert: Er ist der Begrüßung im Stadion fern geblieben. „Ich hab das leider total verpennt“, sagt der 21-Jährige und streicht mit der Hand über seine üppigen Locken, einmal von hinten nach vorn und wieder zurück. Nach einer abgebrochenen Koch-Lehre entschied sich David, Mathe- und Sowi-Lehrer für Gymnasium und Gesamtschule zu werden. David Kraß: Einer von 115.000, die an diesem Montag in NRW ihr Studium beginnen. Und zwar nicht mit einem Event, sondern später am Tag mit der Vorlesung „Einführung in die Soziologie“ im HS 1 der EF 50. Dass sich hinter den Abkürzungen der Hörsaal 1 in der Emil-Figge-Straße 50 verbirgt, wusste David schon, als er zu Hause in Dortmund-Kirchlinde losfuhr, eine Dreiviertelstunde mit dem Bus, einmal umsteigen. Auch den Weg von der Bushaltestelle zu seinem Gebäude kannte er schon, dank der Orientierungsphase. Mehrere Tage lang konnte David alle Fragen loswerden, auf dem Programm stand unter anderem „Spiele, Informationen, Gespräche mit Höhersemestrigen“. Zum Abschluss dann ein Kneipenabend.

Um acht Prozent ist die Zahl der Studienanfänger an der TU Dortmund in diesem Wintersemester gestiegen, 4600 junge Leute haben sich fürs erste Semester neu eingeschrieben. Das ist vergleichweise wenig: In ganz NRW stieg die Zahl der Neu-Studenten um 18 Prozent. Das liegt vor allem an der Abschaffung der Wehrpflicht: Zusätzlich zu den jungen Männern, die nun direkt von der Schule zu Uni gehen, kommen noch jene, die gerade ihren Wehr- oder Zivildienst absolviert haben. Außerdem gab es in Niedersachsen und Bayern durch die Verkürzung der Schulzeit von 13 auf 12 Jahre gerade doppelt so große Abiturjahrgänge. Dieser Umstand hat sich jedoch zumindest in Dortmund nicht ausgewirkt – nur wenige Dortmunder Erstsemester kommen aus Bayern oder Niedersachsen.

Zahlende Kunden im akademischen Betrieb sind sie zwar nicht mehr, die Studierenden – die Studiengebühren in NRW sind seit diesem Wintersemester abgeschafft. Dennoch wird die Leistung einer Hochschule, und damit auch ihre Finanzierung, daran bemessen, wie erfolgreich sie den Arbeitsmarkt bedient. Je mehr Studierende sie mit Bachelor, Master oder dem Doktor-Titel entlässt, desto mehr Geld gibt es vom Land.

Walter Grünzweig kann diesen Umstand weitaus böser formulieren. Dann klingt es so: „Wir erhalten unser Geld vor allem dafür, dass wir möglichst viele Studierende möglichst schnell durch stromlinienförmige Curricula in Designerstudiengängen führen, die durch Verlaufspläne schon vorab auf ihre Gleitfähigkeit geprüft wurden“, sagt der Professor für amerikanische Literatur und Kultur an der TU Dortmund. Bis zum vergangenen Jahr war er als Mitglied des Rektorats für das Studium und die Qualität der Lehre verantwortlich. Grünzweig gilt als scharfer Kritiker des Bologna-Prozesses, der den deutschen Hochschulen seit Anfang des Jahrtausends das System angeblich europaweit vergleichbarer Bachelor- und Master-Abschlüsse und standardisierter Lehrveranstaltungen beschert hat. Grünzweig sagt öffentlich Sätze wie: „Kreativität entsteht durch radikale Interdisziplinarität“, oder: „Die Zeit meines Studiums war entscheidend länger als die Regelstudienzeit und erlaubte mir den Luxus von Lektüre und Reflexion außerhalb von Credits und Workloads.“ In Grünzweigs Seminaren – Vorlesungen hält er sowieso für überflüssig – beschäftigen sich die Studierenden jeweils auch damit, woran ihr Professor gerade forscht, ob das nun Walt Whitman oder „Bildung im transatlantischen Kontext“ ist. Mit Erfolg: Grünzweig erhielt im vergangenen Jahr den Ars legendi-Preis für exzellente Hochschullehre der Hochschulrektorenkonferenz. „Ich finde es falsch, jedes Semester die gleichen Seminare anzubieten“, sagt Grünzweig.

Sein Nachfolger im Rektorat, Metin Tolan, tut genau das. Die Vorlesungen des Professors für Experimentelle Physik heißen „Experimentelle Physik 1“ oder „Physik 3“. Dabei ist auch Tolan ein ausgezeichneter Lehrender: In seine als äußerst unterhaltsam geltenden Vorlesungen streut er gerne Filme ein, 2010 wurde er von einer bundesweiten Studentenzeitschrift zum „Professor des Jahres“ gekürt. Auf seiner Veröffentlichungsliste finden sich Titel wie „James Bond und die Physik“ oder der „Physik des Fußballspiels“. „Bologna hat mehr Stringenz ins Studium gebracht, sagt er, „war es denn wirklich besser, dass man früher zehn Semester lang studieren konnte, ohne einmal eine Prüfung machen zu müssen?“

Der Physiker und der Amerikanist stehen für unterschiedliche Auffassungen davon, was universitäre Lehre heute leisten müsste. In Grünzweig und Tolan stehen sich das Humboldtsche Bildungsideal und die Vorstellung von einer Hochschule als Berufsvorbereitung gegenüber. Sollte die Universität den Studenten als intellektuellen Dialogpartner ernst nehmen, wie Grünzweig es fordert – oder sollte sie ihn in den Mittelpunkt stellen, sich nach seinen Bedürfnissen ausrichten? Die Hochschulen haben die Antwort darauf längst selbst gegeben. „Der Student steht bei uns absolut im Fokus“, schwärmt Tolan, „für den Service, der heute geboten wird, hätte ich früher 500 Euro freiwillig bezahlt.“

Was mit „Service“ gemeint ist, lässt sich erahnen, wenn man David beim Studenplanbasteln beobachtet – oder vielmehr beim Stundenplan-Auswerfen. Denn wenn sich David im Onlinesystem der Uni einloggt, ist der Plan schon fast fertig. Das System hat seine Pflichtveranstaltungen bereits druckfertig eingefügt. Klickt David dann auf seine Vorlesung „Didaktik der Zahlen und Elementaren Algebra“, hat er sofort alles im Blick: Ort und Zeit, Telefonnummer und E-Mail des Dozenten, Literatur. Er kann sogar sehen, ob die Veranstaltung in jedem Semester oder nur einmal im Jahr angeboten wird. Und er kann sich den Idealverlauf eines Durchschnittsstudiums anschauen, um es genau so nachzustudieren.

David selbst nutzt das System allerdings kaum. „Ich habe mir mit Kollegen selbst ein Programm geschrieben, das wir übersichtlicher finden“, sagt er.  Außerdem hat er sich seinen Stundenplan mit 24 Semesterwochenstunden etwas voller gepackt als Otto Musterstudent: „Rausschmeißen kann ich später immer noch“. Den Mittwoch hat er sich frei gehalten, um den Vorlesungsstoff zu Hause nachzuarbeiten. „Eine Vorlesung braucht zwei Stunden Nachbereitung“, sagt David. Das hat er in der Orientierungsphase gelernt. Sein Plan ist es, vor allem am Wochenende nachzuarbeiten. Er will sein Studium in der Regelstudienzeit beenden, sechs Semester bis zum Bachelor, vier bis zum Master of Education. Mit Mathe und Sozialwissenschaften hat er eine gute Kombination gewählt. Die Einstellungsschancen sind bestens, und David ist hoch motiviert. Er freut sich auf Formeln und Aufgaben, die man lösen und abhaken kann, nach harten Monaten bei rüdem Umgangston in der Küche seines Ausbildungsbetriebs.

Freitag, 12 Uhr. Hoch-Zeit in der Hochbahn, die alle paar Minuten zwischen dem Süd- und dem Nord-Campus verkehrt. „Das Seminar war meeega-anspruchsvoll“, klagt eine junge Frau ihrer Kommilitonin, „man musste die Texte wirklich alle lesen! Die hat später danach gefragt!“ Ihre Kollegin schüttelt ungläubig den Kopf. Draußen nieselt es, der Himmel ist grau wie der Beton der Geschossbauten.

David ist um halb sieben aufgestanden, um um 8 Uhr an der Uni zu sein. Er wohnt noch zu Hause. Einen Führerschein hat er nicht, ebensowenig ein Laptop. Damit fällt er fast schon auf. Wer den Blick über die Klapptische einer x-beliebigen Vorlesung schweifen lässt, sieht Laptops in jeder Reihe. Auf vielen Monitoren ahnt man das blaue Logo des sozialen Netzwerks „Facebook“. Dank des kostenlosen W-Lan-Netzes muss kein Student auch nur für die Dauer eines Seminars auf Online-Präsenz verzichten.

In den fünf Tagen als Student hat David schon vieles gelernt: Dass man Vorlesungen, die gegen Mittag enden, am besten fünf Minuten vor Ende verlässt, da sonst die Schlange in der Mensa unerträglich lang wird. Dass man morgens zuerst seine Uni-Mails checken sollte, weil die Dozenten manchmal erst abens schreiben, dass ihre Veranstaltung am nächsten Morgen ausfällt. Dass es für jedes studentische Problem eine Vielzahl an Servicestellen, Beratungseinrichtungen und Webseiten gibt. „Gestern Abend habe ich um sieben Uhr noch eine Mail mit einer Frage losgeschickt und hatte um halb acht schon die Antwort“, sagt David halb verwundert, halb begeistert. Aufs Studium bezogen hat der Neu-Student vor allem eines gelernt: Dass man nicht alles auf Anhieb verstehen muss, was der Professor während der Vorlesung sagt. „Mathe ist schon teilweise echt heftig“, sagt er. Dafür ist ja die Nachbereitung da. Er nutzt nun auch die Zeitfenster zwischen zwei Vorlesungen zum Nachbereiten, zum Beispiel in der Uni-Bibliothek.

Die hat von 7 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts geöffnet, sogar am Wochenende. In dieser Zeit kann man dank entsprechender Automaten auch Bücher ausleihen und zurückgeben. Wer anschließend im Dunkeln zur S-Bahn oder seinem Auto laufen muss, kann sich sogar vom Wachdienst dorthin begleiten lassen. Dennoch ist man in der Bibliothek mit dem eigenen Service noch nicht ganz zufrieden. „Wir würde gerne mehr PC-Plätze und mehr Gruppenarbeitsplätze anbieten, an denen Studenten zusammen lernen und auch reden dürfen“, sagt Sprecherin Iris Hoepfner. In der ersten Woche des Wintersemesters bietet die Zentralbibliothek für die Anfänger zwei Führungen täglich. „Die werden ganz prima angenommen“, sagt Hoepfner erfreut, „im vergangenen Jahr hatten wir nur 120 Interessenten, jetzt sind es etwa doppelt so viele.“ 240 Studierende, das sind gerade mal fünf Prozent aller neu Immatrikulierten.

Wieder ein Montag. Endlich scheint mal die Sonne. Bei dem klaren, kalten Wetter wirkt der Campus plötzlich ganz freundlich. Vor dem Gebäude EF50 glitzert das Regenwasser-Biotop, die Mensa leuchtet in fröhlichem Orange. In der stilvoll mit dunklem Holz ausgestatteten Café-Ecke der Mensa riecht es süßlich nach Karamel-Macchiato. David ist mit seiner Nachbereitung immer noch im Rückstand – „am Wochenende hatte ein Freund Geburtstag“, sagt er, macht sich aber keine Sorgen. Er wird es schaffen.

Mehr Studenten schneller und effektiver durchs Studium zu schicken, das war die Hoffnung, die sich mit dem Bologna-Prozess verband. Dass sie sich nicht bestätigt, haben erste Studien schon erwiesen: Bachelor-Studenten vor allem der Ingenieur- und Naturwissenschaften stoßen vermehrt an ihre Leistungsgrenzen, scheitern öfter in Prüfungen und brechen früher ab als zu Zeiten des Diploms und Magisters.

„Die Leichtigkeitslüge“ heißt ein viel diskutiertes Buch von Holger Noltze, Professor für Musikjournalismus an der TU Dortmund. Darin vertritt er die These, dass Anstrengung und der Umgang mit Komplexität unpopulär geworden sind, dass Beliebtheit und Marktgängigkeit zum Maß aller Dinge werden. Mehr und mehr Energie werde darauf verwendet, die Zielgruppe zu umwerben und ihr eine Sache möglichst leicht zu machen, die in Wahrheit große, ernsthafte Anstrengung bedeutet.

Wüsste man nicht, dass Holger Noltze damit den Musikbetrieb und die Branche der Musikvermittler gemeint hat – man könnte dabei an den akademischen Betrieb denken.

(Der Artikel erschien in der November-Ausgabe des Magazins K.WEST)




Spielarten des Rock beim Dortmunder Westend-Festival

Crashkurs durch die Spielarten des Rock gefällig? Das Musikmagazin Visions hat die selbst gestellte Aufgabe beim Westend-Festival am Freitag und Samstag im FZW im jeweils flotten Dreiklang gelöst – mit so unterschiedlichen Künstlern wie Thees Uhlmann, Therapy? und Maximo Park. Da konnten selbst die Toten Hosen nicht Nein sagen.

Thees Uhlmann im FZW Dortmund. Foto: Normen Ruhrus

Thees Uhlmann im FZW Dortmund. Foto: Normen Ruhrus

„Ich weigere mich, die Regel zu akzeptieren, dass es eine Korrespondenz gibt zwischen Rock’n’Roll und älter werden.“ Thees Uhlmann, Jahrgang 1974, liefert am Freitag im FZW den passenden Auftritt zu seinen Worten: Triefend vor Schweiß, die schwarze Lederjacke längst in die Ecke gepfeffert, stürzt er sich mit unverminderter Energie als selbsternannter „ältester Newcomer Europas“ in jedes Lied seines ersten Soloalbums, sei es die Erfolgssingle „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“ oder „17 Worte“. Wer beim Hören der CD vielleicht noch skeptisch war, wird live mitgerissen von dem eingängigen, poppigen Sound und den ohrwurmfreundlichen Melodien. Die müssen auch die Toten Hosen überzeugt haben: Die Düsseldorfer Punkrocker mischen sich munter unter das Publikum.

Anfangs verfällt der Tomte-Mann ab und zu noch in seinen leicht nöligen, monotonen Gesang, erreicht aber zunehmend mehr Prägnanz und
Kraft. Uhlmann redet mit dem Publikum, als wäre es in seinem Wohnzimmer: „Ich bin die Ina Müller des deutschen Indie-Rock.“ Sicherlich sind seine Lyrics und die Haltung, die keine Angst vor Kitsch kennt, Geschmackssache. Aber: Thees Uhlmann und seine bemerkenswerte Band sind authentisch und emotional – die Bruce-Springsteen-Pose auf dem Poster im Hintergrund ist kein Zufall.

Felix Brummer von Kraftklub beim Westend-Festival im FZW. Foto: Normen Ruhrus

Felix Brummer von Kraftklub beim Westend-Festival im FZW. Foto: Normen Ruhrus

Klare Kante zeigen auch Kraftklub: Die Jungs aus Chemnitz haben sich beim Bundesvision Song Contest Platz 5 geangelt – und bringen auch im FZW die Leute zum Toben. Gegen die reflektierenden Momente von Thees Uhlmann setzen sie eine anti-intellektuelle,
brachiale Mischung aus Rock und Rap, immer mit mächtig selbstironischer Attitüde. In einer Linie stehen sie fast militärisch, allesamt gleich gekleidet in College-Jacken, Polohemden und roten Hosenträgern – Frontmann Felix Brummer salutiert gar zur Begrüßung – und positionieren sich zur Melodie von Becks „Loser“  als Verlierer aus Karl-Marx-Stadt, die in einem anderen Lied auf keinen Falls ins hippe Berlin wollen. Rotzig, erdig, dreckig sind die fünf, die treibende, tanzbare Rhythmen in die Körper ihrer Zuhörer schießen.

Andy Cairns, Sänger der Band Therapy?, beim Auftritt im FZW bei dem Westend-Festival von Visions. Foto: Normen Ruhrus

Andy Cairns, Sänger der Band Therapy?, beim Auftritt im FZW bei dem Westend-Festival von Visions. Foto: Normen Ruhrus

 

 

Nach dieser Demonstration deutscher Spielarten gilt das Scheinwerferlicht am Samstag internationalem Rock: Zurück in die 90er Jahre katapultiert „Therapy?“ die Fans mit der Live-Wiederbelebung ihres Erfolgsalbums „Troublegum“ – das sie so laut in die große Halle knallen lassen, dass es einem fast die Ohren wegfegt. Die nicht ganz so perfekte Aussteuerung lässt Andy Cairns Stimme manchmal sogar leider untergehen in dem martialischen Klanggewitter. Beim Publikum aber kommt vor allem eins an: Der dämonisch schauende und brüllende Cairns, der hüpfende Bassist Michael McKeegan und Schlagzeuger Neil Cooper haben Lust auf den Live-Moment, feuern den Pogo mit „Screamager“ oder dem Joy Division-Cover „Isolation“ an – möglicherweise ein bisschen Retro, aber voller Druck.

Paul Smith von Maximo Park beim Westend-Festival im FZW. Foto: Normen Ruhrus

Paul Smith von Maximo Park beim Westend-Festival im FZW. Foto: Normen Ruhrus

Neuzeitlichen Indie Rock werfen die Briten von Maximo Park in die Runde – und auf sie hat die Menge gewartet, feiert sie mit hochgereckten
Armen, die Refrains mitsingend. Der charmante Sänger Paul Smith kann sich auf seine Fans sogar so sehr verlassen, dass ihm Laura aus Reihe eins mit der erste Liedzeile von „Kiss me better“ aushilft – schließlich hat der einzige Deutschland-Auftritt 2011 die Jungs mitten aus ihrer Arbeit am neuen Album gerissen. Sonst aber ist ihnen keinerlei Schwäche anzumerken – ganz im Gegenteil: Im Anzug, eine Nelke im Knopfloch, schwankend zwischen Alex aus „Clockwork Orange“ und dem Witz von Monty Python, genießt Paul Smith den großen Auftritt, tanzt, spielt, reißt die Augen auf, flirtet, umarmt die Menge, ist mit Leib und Seele da. Zusammen mit seinen großartigen Musikern bringt er harmonische Melodien, treibende  Rhythmen und einen durchaus fordernden Gesangsfluss zusammen. Ob nun die Hits wie „Books from Boxes“ oder „Girls who play guitar“ durch die Halle fegen oder eine der ganz frühen B-Sides – die Zuschauer tanzen und feiern. Erst recht, als die Band einen Vorgeschmack auf das neue Album gibt, mal ganz intensiv und gesangsfokussiert, dann stark rhythmisiert und mitreißend. „Ich hoffe, wir sehen uns nächstes Jahr“, ruft Paul Smith am Ende glücklich – die Fans werden kommen.

Bei so viel Stärke werden die jeweils ersten im Bunde, am Freitag Imaginary Cities, am Samstag Japanese Voyeurs, eher zum Vorgeplänkel –
die ersten spielerisch und gut gelaunt, die anderen hart und grungig.

 

(Dieser Artikel ist in ähnlicher Form in der Westfälischen Rundschau erschienen).




Hoffmanns Spukgestalten

Hoffmann (Thomas Piffka, im Rollstuhl) ist verliebt und bereits in den Fängen der Puppe Olympia (Rebecca Nelsen). Foto: Thilo Beu

Die Geliebte glänzt durch Abwesenheit. Vielleicht ist Stella nur ein Traumbild, in dem der Dichter Hoffmann seine Idealfrau erblickt. Die Sehnsucht nach ihr befeuert zwar seine Phantasie, erwärmt aber nicht sein Leben. Das fühlt sich kalt und unbewohnt an: Wie sehr, das lässt Regisseur Dietrich Hilsdorf uns jetzt im Essener Aalto-Theater spüren. Dort begegnet uns der Titelheld von Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ auf komplett leer geräumter Bühne.

Dunkel und trostlos ist es um den Poeten, der da allein an einem Tischchen sitzt und trinkt. Keine ausgelassenen Studenten, sondern schwarz gekleidete Theaterleute strömen herbei, um sich von der Ballade von Klein-Zack unterhalten zu lassen. Hoffmanns Einsamkeit mildert das nicht. Deshalb flüchtet er in eine andere Welt, in der er drei Frauenentwürfe schafft: den Gesangsautomaten Olympia, die der Kunst verfallene Sängerin Antonia und die berechnende Kurtisane Giulietta.

Mit dem Beginn der drei Binnen-Akte könnte die Regie trefflich auf eine andere Ebene abheben. Könnte die Leere mit Leben füllen, könnte dem Zug ins produktiv Phantastische folgen. Aber Hilsdorf wählt einen anderen Weg: Er will Schauergeschichten nach Art des „Gespenster-Hoffmann“ erzählen. Vor blutroten Vorhängen zeigt er uns Spukszenen: Aus Olympia wird eine larvenhaft weiße Puppe im Rollstuhl, Antonia tauscht mit ihrer im Sarg aufgebahrten Mutter den Platz. Und die teuflisch verführerische Giulietta macht aus einem unbescholtenen Mann einen Mörder.

So lastet weiter nächtliches Dunkel auf der Bühne. Glutvolle Schwärmerei oder quirliger Esprit sind in dieser Schattenwelt Mangelware, vielmehr färbt die Gespensterblässe auf Offenbachs Opern-Torso ab. Die eigens für das Aalto-Theater erstellte Dialogfassung nimmt zusätzlichen Schwung aus dem Stück heraus. Natürlich ist Hilsdorf Meister genug, um der tausendfach verkitschten „Barcarole“ neuen, ironisch gebrochenen Zauber zu geben. Auch hält er dem Publikum gelegentlich den Spiegel vor, wenn er das gesamte Theater zur Spielfläche erhebt. Aber wo sich sein „Fidelio“ einst zum umfassenden Opernfest rundete, mühen sich „Hoffmanns Erzählungen“ durch manche Ebene, bevor sie sich zum apotheotischen Finale aufschwingen.

Seltsam schräg zur intendierten Schauerromantik steht der eher beiläufige Operettenklang aus dem Orchestergraben. Unter der Leitung von Stefan Soltesz lassen die Essener Philharmoniker Offenbachs Musik schlank und flink, aber auch recht folgenlos parlieren. Vieles klingt eher nivelliert als ausgewogen: Die Partitur bleibt auch in ihren besten Momenten seltsam kraftlos. Das Gesangsensemble ist gut besetzt, ohne wirklich zu glänzen. Mehr leidende Künstlerseele denn kraftvoller Dionysiker ist Thomas Piffka in der Hauptrolle. Er führt seinen schlanken Tenor mit Eleganz, löst die bis dahin offenbar angezogene Handbremse aber erst im letzten Akt, um richtig Kraft und Schmelz zu entwickeln. Rebecca Nelsen ist als Olympia ein verlässlicher Gesangsautomat, dem menschliche Mühen in der koloraturgepanzerten Mechanik indes nicht fremd sind. Die Muse Niklausse (Michaela Selinger), die Sängerin Antonia (Olga Mykytenko) und die Kurtisane Giulietta (Ieva Prudnikovaite) bilden ein ausgewogenes Trio. Trotz allem überwiegt am Ende das Gefühl, der große Dichter und Phantast habe in Essen mehr Wasser getrunken als Wein.

Termine und Informationen: http://www.theater-essen.de

(Der Artikel ist zuerst im „Westfälischen Anzeiger“ erschienen.)

 




Dortmunder Krallenfund: Raubsaurier im Ruhrgebiet

Hat der Raubsaurier so ähnlich ausgesehen? Man weiß es nicht. (Bild: LWL)

Hat der Raubsaurier so ähnlich ausgesehen? Man weiß es nicht. (Bild: LWL)

Hier geht’s um Dinosaurier im Revier. Nein, es sind keine gigantischen Hochöfen oder Gasometer gemeint. Für derlei Zeugnisse der historisch gewordenen Industrielandschaft erstrebt die Region jetzt gleichsam pauschal den Titel eines UNESCO-Weltkulturerbes. Vielleicht leben wir eines Tages alle in einem großen, großen Freilichtmuseum.

Davon erst einmal genug.

Parallel gab’s gestern eine Nachricht, die selbst die „Bild“-Redaktion elektrisierte und zur Dino-Schlagzeile anstachelte. Die Botschaft klingt ja so schön konkret, jedoch auch surreal, stellt sie einen doch vor gewaltige Zeitläufte: An einer Baustelle der B 1 (Ruhrschnellweg) ist in Dortmund die versteinerte Sichelkralle eines Sauriers gefunden worden. Geschätztes Alter: rund 91 Millionen Jahre. Damals war das spätere Ruhrgebiet eine Küstenlandschaft, das Gelände der heutigen Stadt Dortmund lag am Gestade eines Binnenmeeres. Eigentlich schade, dass sich das so grundsätzlich geändert hat.

Wir reden nicht von irgend einem gewöhnlichen Dino. Um ganz sicher zu gehen, haben sie sich beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) seit dem Fund ordentlich Zeit gelassen. Fachleute des LWL-Museums für Naturkunde in Münster haben sich zwei Jahre lang über das gute Stück gebeugt, es präpariert und gründlich analysiert. Das Resultat verkündete jetzt der LWL-Dino-Experte Dr. Klaus-Peter Lanser: „Es ist der bisher einzige Fund eines Raubdinosauriers in Deutschland aus dieser Zeit…“ Für Wissensdurstige etwas genauer: Raubdinosaurier oder Theropode aus dem mittleren Turon (frühe Oberkreidezeit).

Demnächst kann ein geneigtes Publikum die Überbleibsel des Vorzeitwesens anschauen; zunächst, am 26. und 27. November, bei den Westdeutschen Mineralientagen in den Dortmunder Westfalenhallen, ab 2014 in der Dino-Schau des Münsteraner Museums für Naturkunde. Dortmunder Lokalpatrioten werden hier aufmerken und vielleicht gar kolonialistisches Verhalten der Münsteraner wähnen, denn auch der Fundort Dortmund hat ein Naturkundemuseum mit Dino-Ambitionen. Doch die Gesteinsblöcke mit dem Knochenmaterial befinden sich nun mal in den Händen des Landschaftverbandes Westfalen-Lippe, dessen Zentrale just in Münster residiert.

So sieht das Fundstück aus. (Bild: LWL)

So sieht das Fundstück aus. (Bild: LWL)

Nur mal am Rande geflüstert: Vor mir liegt die entsprechende Dino-Pressemitteilung des Landschaftverbands. Wenn ich den Text mit dem heutigen Artikel einer Regionalzeitung vergleiche, so kann ich etwa 80 bis 90 Prozent wortgleiche Übereinstimmung feststellen. Trotzdem steht das Kürzel des Blattes unter dem Beitrag. Wie soll man das nun nennen? Missglückten Qualitätsjournalismus? Oder gleich Guttenbergiade?




Ortsbegehungen in Mahlers Welt

Nicht nur im laufenden Mahler-Gedenkjahr, auch lange noch darüber hinaus, werde ich sehr gerne zu dem schönen, geschmackvoll edierten Lebensbuch greifen, das der Residenz Verlag unter dem Titel „Mahlers Welt / Die Orte seines Lebens“ unlängst hat erscheinen lassen. Alle, die sich für Mahlers große Symphonik interessieren, sich für sie zu interessieren beginnen, sie vielleicht sogar schon lieben, werden sich mit diesem stattlichen Band auf Dauer anfreunden können.

Man könnte dieses Buch, wenn man es in einem durch liest, im fortwährenden Ausgang von den akribisch aufgeführten und detailreich kommentierten, recht zahlreichen Wohn- und Aufenthaltsorten und innerstädtischen Wohnadressen Mahlers her als eine besondere Art Mahler-Biographie lesen, oder aber es chronologisch und vom sehr hilfreichen Register her recht vorteilhaft als Nachschlagewerk benutzen. Zudem: Wer im letzten Jahr im Wiener Palais Lobkowitz die Ausstellung „Gustav Mahler und Wien“ gesehen hat oder eine der bedeutenderen Biographien zu Gustav Mahler (z. B. die von Jens Malte Fischer) bereits kennt, findet in diesem Buch eine gute Ergänzung.

Aber auch jener, der ohne allzu große Vorkenntnisse ist, und, ohne dass er den Zugang zu den Mahlerschen Kompositionen bereits gefunden hätte, unversehens auf dieses Buch stößt, könnte bei der fortlaufenden Erkundung und der fortlaufenden, durch etwa 600 Photographien gestützten Besichtigung der Orte von Mahlers Lebens einen zumindest sekundären Zugang zu Mahlers Schaffen gewinnen.

Ohnehin kann einem der Gedanke kommen, ob nicht auch so schon jedes Menschenleben auf seine Weise interessant ist und gebührendes Interesse verdiente; und wie es wäre, wenn man nicht nur das Leben der Berühmten, sondern auch das der Obskuren Revue passieren ließe; ja sogar, wie es wäre, wenn man das Leben Nahestehender oder auch das eigene Leben in der Chronologie der jeweiligen Wohn- und Aufenthaltsfolge in ihrem Leben einmal etwas genauer unter die Lupe nähme. Gewiss: die Vita der bereits Berühmten wird immer – auch buchmarktsmäßig gedacht – von größerem Interesse sein. Aber seit welchem Jahrhundert (wenn nicht dem Zeitalter der Renaissance in Italien) gibt es überhaupt ein Interesse an Künstler…-Viten? Und liegt diesem Interesse am Biographischen bei Künstler…n nicht fast immer die affektiv besetzte Beachtung der von den Künstler…n geschaffenen Kunstwerke ursächlich voraus?

Und war es nicht auch bei Gustav Mahler ähnlich? Wie schändlich lange hat es doch posthum gedauert, bis er in der Öffentlichkeit die ihm und seinem schöpferischen Werk auch nur einigermaßen angemessene Würdigung endlich und erst nach erfolgter Schleusenöffnung geradezu boomartig gefunden hat! Anlässlich des vorliegenden, über 400 Seiten starken Bandes „Mahlers Welt“ (ein Titel, der einen an den des größten Bucherfolgs von Jostein Gaarder erinnert), male ich mir aus, wie ein ähnlich zugeschnittener Band mit Blick auf andere Künstler aussähe, die ähnlich häufig wie Mahler von Ort zu Ort, von Adresse zu Adresse gezogen sind. Mir kommen da auf Anhieb Kleist, Grillparzer, Dostojewskij, auch Kafka, in den Sinn, um von den bedeutenden exilierten Künstlern mal ganz zu schweigen.

Wer also, sagen wir im Ruhrgebiet, z. B. wissen will, was Mahler mit dem Ruhrgebiet zu tun gehabt hat, wird im Register nach Ruhrgebietsstädten Ausschau halten und dabei auf die Seitenhinweise zur Stadt Essen stoßen. Auf Seite 261 erfahren wir, dass Mahler im Januar 1907 in Berlin unter anderem „den Gründer des Essener Folkwang-Museums Karl Ernst Osthaus“ getroffen hat, und auf den Seiten 303f. wird uns ausführlich mitgeteilt, was es mit Mahlers Mai-Aufenthalt 1906 in Essenfür eine Bewandtnis hatte. Auf S. 304 z. B. ist u. a. zu lesen: „Am 27. Mai um 17.30 Uhr fand im Städtischen Saalbau die zwiespältig aufgenommene Uraufführung von Mahlers VI. Symphonie unter der Leitung des Komponisten statt. Das aus 111 Musikern bestehende Orchster setzte sich aus den Städtischen Orchestern Essen und Utrecht zusammen. Mit der Eisenbahn wurde aus Paris von der Firma Musel Père et Fils, Paris IX.ar., 46 Rue de Douai, die in der Partitur vorgeschriebene Celesta herangeschafft, die laut erhaltenem Frachtbrief-Duplikat ein Gewicht von 101 kg hatte und 450 fl kostete.“

Je eine der etwa 600 in Einheitsgröße kleinen Abbildungen des Gesamtbandes findet sich auf den beiden Mahlers 1907er-Aufenthalt in Essen betreffenden Seiten 303 und 304. Auf Seite 304 ist der von 1904 bis 1943 existente zweite Essener Saalbau, ein „Jugendstil-Bau“, abgebildet, in dem Mahlers „Sechste“ 1907 uraufgeführt wurde.
Durchgängig sind die Abbildungen des Bandes kleiner als Postkarten, aber deutlich größer als die Briefmarkenabbildungen in älteren Michel-Katalogen. Dadurch bekommt zwar einerseits der jeweilige Text ein größeres Gewicht, andererseits verkümmert das Bild ein wenig zum bloßen Anhaltspunkt. Mir hat Letzteres allerdings nicht allzuviel ausgemacht. Mir hat die Einheitlichkeit in der jeweiligen Bildgröße des so unterschiedlichen Bildmaterials aus gesamtästhetischen Gründen durchaus gefallen. Zur Not hätte ich mir mit einer Lupe geholfen, wenn nicht ohnehin schon die Internet- und CD-Rome-Gewohnheit, kleine Bilder durch Zoomen jederzeit vergrößern zu können, bei mir inzwischen deutlich innerlich nachwirken und kleinste Bilder wie von selbst auch innerlich weiten würde.

Notorische Zweifler fragen jetzt vielleicht noch: 1.) Ist „Mahlers Welt“ denn nicht vordringlich in der von ihm komponierten Musik zu finden? 2.) Kann man denn erwarten, dass Mahlers „Welt“ sich aus chronologisch aneinandergefügten Stationen und Aufenthaltsorten als „Welt“ im wahrsten Sinne des Wortes zusammensetzen ließe?

Zur 2. Frage ist Folgendes zu sagen:
Erstens schränkt der Untertitel „Die Orte seines Lebens“ den Haupttitel „Mahlers Welt“ schon etwas ein.
Und zweitens wird in allen ortsbezogenen Beiträgen überzeugend und erfolgreich Wert darauf gelegt, sie in deutlichen Zusammenhang mit den jeweiligen Menschen und ihrer Geschichte zu bringen. Briefzeugnisse Gustav Mahlers und anderer werden da, wo ihr Ort ist, in die jeweiligen Artikel ebenso einbezogen wie passende, erhellende Dokumente und in unermüdlicher Akribie erzielte Rechercheergebnisse. Manchmal erfährt man sogar, wie nebenbei, wie eine bestimmte Straße einst zu ihrem Namen gekommen ist (vgl. beispielsweise auf S. 25 die Namensgeschichte des „Rennwegs“ in Wien).
Drittens ist auf diesem strikt faktenbezogenem Wege ein sehr informatives, reichhaltiges und anregendes Buch entstanden. Zur Freude derer, die noch mehr über Mahler erfahren wollen, und als verlockende Möglichkeit für jene, die über unverbiestert zuverlässige Biographie- und Kulturgeschichtsfragmente vielleicht doch noch einmal einen eigenen Zugang zu Mahlers Musikwelt zu finden trachten, auch wenn sie es vorher vielleicht gar nicht erhofft hatten.

Helmut Brenner / Reinhold Kubik: „Mahlers Welt. Die Orte seines Lebens“. Residenz Verlag. 408 Seiten, 39,90 Euro.




Ernst Meister: An den Grenzen des Daseins

Aus der Münsteraner Ausstellung (siehe Hinweis am Ende des Beitrags): Ernst Meister, Selbstporträt o. J., Pastell ung Kohle auf Papier (Foto: LWL)

Aus der Münsteraner Ausstellung (siehe Hinweis am Ende des Beitrags): Ernst Meister, Selbstporträt o. J., Pastell ung Kohle auf Papier (Foto: LWL)

„Abend erscheint.
Rauchig ist die Stadt
meiner Mutter, rauchig
die Stadt meines Vaters
von den Eisenöfen.“

Was haben wir da? Ruhrgebietsliteratur der bodenständigen, realistischen Art? Eigentlich ganz und gar nicht, obwohl sich die Verse auf Hagen beziehen. Es handelt sich um den Anfang eines Gedichts von Ernst Meister (1911-1979), der dieser Stadt sein Lebtag treu geblieben ist – wie der Maler Emil Schumacher. Da könnte man fragen: Was hatte Hagen, was andere Ruhrgebiets-Kommunen nicht hatten? Aus all den weiteren Revierstädten haben sich die Größen doch zeitig verabschiedet.

So fassbar konkret wie im anfänglichen Zitat klingt es im gesamten Auswahlband der Gedichte (Bibliothek Suhrkamp) kaum noch einmal. Statt dessen geht es um Ganze der flüchtigen Existenz – vor dem allgegenwärtigen, übermächtigen Horizont des Todes.

Die von Peter Handke getroffene Auswahl ist zur 100. Wiederkehr des Geburtstages von Ernst Meister erschienen. Vorlage war die 17-bändige (!) Ausgabe sämtlicher Gedichte Meisters (Rimbaud-Verlag, Aachen).

Handke schreibt im knappen Vorwort, er habe sich „spontan für die Gedichte in diesem Buch entschieden“. In Meister, so steht zu vermuten, verehrt er einen Vorläufer. Apropos: Zu den wichtigsten und fruchtbarsten Einflusslinien der gesamten Literatur im Ruhrgebiet zählt sicherlich, dass der junge Nicolas Born (aus Duisburg stammend) sich an den bereits etablierten Hagener Meister wandte, um vom Älteren zu lernen.

Meister ist allerdings unvergleichlich. Er steuert immer aufs Wesentliche zu. Jeder Zeile merkt man an, wie lang sie bedacht sein muss. Also muss man ihr gleichfalls lang nachhorchen, nachsinnen.

Auch ahnt man, wie viele mögliche andere Zeilen im Verlauf des Dichtens entfallen sein müssen, bis die Essenz übrig blieb. Diese ungemein komprimierte Lyrik bewegt sich nah und näher am Saum des Schweigens. Vielfach werden pflanzliche Kreatur oder Steine zu Zeugen des Daseins aufgerufen.

Wie ein Schock wirkt es, wenn in diesen Kontext unversehens Alltäglichkeit drängt:

GUTE NACHT

Gute Nacht
sagen sie abends um sechs
im Sägewerk.

Und ein Mann geht heute,
grau von sprühendem Holz,
satt die kreischenden Blätter,

nach Haus,

wo sein Kind schreit,
weil es Grimmen hat
und nicht
schlafen kann.“

Sonst aber geht es gleich bis zu den Grenzlinien des Lebens. Als Leser mag man sich vorkommen wie der Passagier eines Fährmanns, der sich weit, weit hinaus gewagt hat. Doch man kann ihm dort draußen vertrauen, auch wenn seine Stimme – im Höchsten und Tiefsten der Sprache – gelegentlich stammelt, stockt und strauchelt. Wer könnte denn geläufig reden, wenn es um die letzten Dinge geht?

Noch lebend, glaubt das lyrische Ich, schon die Totenschuhe anzuhaben („Anderer Aufenthalt“), „Ein lebend Tödliches“ lautet der bezeichnende Titel eines anderem Gedichts, wobei solche Überschriften stets in Versalien (Großbuchstaben) gesetzt erscheinen.

So rasch rauscht hier das Leben vorüber, dass es immer schon fast vorbei ist, der Jahreslauf eilt so:

„Daß man sah
des Jahres Zeiten,
die Blume geöffnet,
das Tropfen der Früchte,
der Äste Starrn.“

Die Totenwelt ragt unabweisbar in die lebende hinein. Und doch bleibt diese Lyrik vollkommen irdisch und diesseitig, sie wirft ihre Worte nichts leichtfertig ins Jenseits, will nicht visionär übers hiesige Leben hinaus reichen. Auch das Gedenken an die verstorbenen Eltern bescheidet sich so:

„…Vater und Mutter zum Beispiel,

grabsäuberlich,
Leben beglichen.
Ach, der Gedankensohn.“

Zeilen, die interpretierend schwerlich zu erschöpfen sein werden. Meister ist in Zonen gesegelt, in denen Genie an Scharlatanerie grenzen und unversehens parodierbar werden könnte. Es scheint jedoch, als hätte er solche Klippen samt und sonders umschifft.

Man sollte ihn von Mal zu Mal, man sollte ihn wieder und wieder lesen.

Ernst Meister: „Gedichte“. Ausgewählt und mit einem Vorwort versehen von Peter Handke. Bibliothek Suhrkamp. 150 Seiten. 13,90 Euro.

Bildnerische Ergänzung: Das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte zu Münster zeigt noch bis zum 27. November 2011 eine Studio-Ausstellung mit Aquarellen und Zeichnungen von Ernst Meister (geöffnet Di-So 10-18, Do 10-21 Uhr, Katalog mit Bestandsverzeichnis auf CD 19 Euro). Infos: http://lwl-landesmuseum-muenster.de




Anti-Ideal zur höheren Geigen-Tochter: Patricia Kopatchinskaja und Fazil Say in Essen

Patricia Kopatchinskaja Photo: Marco Borggreve

Patricia Kopatchinskaja Photo: Marco Borggreve

An Patricia Kopatchinskaja scheiden sich die Geister. Die moldawische Geigerin pflegt einen radikalen Stil. Ihr Spiel geht an die Grenzen, die intensiven Ausdruck von schierer Brutalität scheiden. Die Kritik sagt ihr nach, den „Schmutz“ in der Musik zu lieben – das Geräuschhafte, den bis zur Schmerzgrenze aufgerauten Ton. Die sie mögen, bewundern ihre unbedingte Wahrhaftigkeit, ihre kompromisslose Ausdruckssuche. Die sie ablehnen, kritisieren an ihr ungenierten Subjektivismus, gepaart mit dem Abschied von jeder traditionellen Ästhetik.

Nach dem bemerkenswerten Konzert in der Philharmonie in Essen lässt sich feststellen: Beide Sichtweisen haben gute Gründe. Aber: Was ist dann von der geigenden „Wildsau“ – wie sie sich selbst einmal bezeichnet hat – zu halten? Steht sie für den Auswuchs eines nach immer exaltierteren Novitäten gierenden Kunstbetriebs, in dem nur Aufmerksamkeit erzielt, was schräg, extrem und unerhört ist? Oder für einen kompromissloser Zugang zu Musik, die sich allzu leicht ins Ohr schmeichelt, weil ihre ursprünglichen Ausdrucks-Intentionen nicht mehr wahrgenommen werden?

Schon vor gut zwei Jahren hat die moldawische Geigerin gemeinsam mit ihrem Klavierpartner Fazil Say auf einer beim Label naїve erschienenen Disc demonstriert, dass sie von Beethoven und Ravel Politur und Perfektion abkratzt. Wer sich gelegentlich mal ins Konzerthaus Dortmund aufmacht, konnte dort schon 2006/2007 die Kopatchinskaja als „junge Wilde“ bestaunen. Ein Ruf, der ihr von einigen Musikkritikern auch willig vorausposaunt wird.

In Essen waren die Reaktionen im beachtlich gefüllten Parkett des Alfried-Krupp-Saales meist enthusiastisch, teils auch reserviert. Sie spiegeln getreu, wie die so gar nicht dem Ideal der geigenden höheren Töchter entsprechende Musikerin wahrgenommen wird. Nach dem ersten Satz von Schuberts a-Moll-Sonate dürfte klar gewesen sein: Es geht Say und Kopatchinskaja nicht um die Show. Auch nicht um den „Schmutz“ in der Musik. Sondern darum, eine Musik zu vergegenwärtigen, deren Tiefe sich heute in der Masse des Gehörten zu eben jener gepflegten Glätte nivelliert hat, mit der sie als erschütterungsloses akustisches Dessert niemanden verstört. Die nicht mehr aus der Ruhe bringt, es sei denn, es verspielt sich jemand.

Dieses gegenwärtig Setzen geschieht schon in den ersten Perioden: Say entwickelt die weichen Linien des Klavierparts aus dem Nichts. Die Geigerin fährt mit dem eröffnenden Vier-Ton-Motiv unwirsch in die Idylle. Aber im Nachsatz zieht sie sich wie erschrocken ins Träumerische zurück. Ein paar Sekunden machen klar, aus welchen Extremen Schuberts Stück besteht. Say spinnt in seinem ersten Solo den Gegensatz aus: Er lässt ein schwärmerisches Legato fließen, das für sich genommen reinster Kitsch wäre – würde nicht seine Geigenpartnerin die ätherische Schönheit mit dem erneuten Einwurf des verstörenden Anfangsmotivs als Illusion entlarven.

Patricia Kopatchinskaja gibt aber nicht die Hexe vom Dienst: Auch sie kennt die traumverlorenen Arielstöne, veredelt mit feinstem Vibrato. Auch sie kennt den „heiligen Gesang“ des zweiten Satzes, die sanfte Steigerung ins Hymnische, an die sich Fazil Say schüchtern herantastet. Aber sie kennt auch das heftige Temperament zu Lasten der makellosen Politur des Tons.

Bei Beethovens „Frühlingssonate“ hört man, was ein exponiertes Sforzato eigentlich ist. Die Musik drängt im Kopfsatz geradezu verzweifelt vorwärts, als sei ihr ein Dämon auf den Fersen. Kopatchinskaja lässt die Skalen blitzen, Say die Bässe dröhnen – aber man findet schwerlich einen Moment, der sich aus lauter Selbstgefälligkeit gegen die Musik richten würde. In den ruhevollen Kantilenen des „Adagio molto espressivo“ schnurrt der Tiger: Bei allem Furor ist Kopatchinskaja zur erfüllten Sanglichkeit fähig.

Das Programm ist sinnig zusammengestellt: Verbinden sich Beethoven und Schubert durch ihre Suche nach expressiver Erweiterung der Formmodelle, teilen Brahms‘ d-Moll-Sonate und Ravels „Tzigane“ die Idee des „Zigeunerischen“. Brahms‘ Allegro verschwimmt unter Fazil Says Händen in einem zu weichen Wattebett, aber nach der Exposition toben sich die beiden Musiker in erregter Passion aus: Doch selbst wenn Kopatchinskaja den Zusammenhalt der Phrasierung in Frage stellt, bleibt der Eindruck, hier gehe es einer Künstlerin um den unbedingten, selbst im gewagtesten Risiko verantworteten Ausdruck. Man kann diesen Kopfsatz ganz anders auffassen, schwerlich aber authentischer und persönlicher.

Das Adagio stellt in der Musizierhaltung die Rückbindung zu Schubert her: Die Geigerin spinnt hinreißend weite, doch mit Spannung erfüllte Phrasen aus. Im dritten Satz lässt sie hören, wie sie die Töne „reißen“ kann, doch nie überschreitet Kopatchinskaja die Grenze, jenseits derer der Kunst-Charakter des Klangs an die bloße Sensation des Geräuschhaften verraten würde. Und der Beginn von Ravels „Tzigane, rapsodie de concert“ ist wie ein ferner, rauchiger Reflex auf die Folklore, die der Komponist im Ohr gehabt haben mag, als er sich von der Geigerin Jelly d’Arányi und ihren ungarischen Weisen anregen ließ.

Es sind die Aspekte des Gebrochenen, nicht die Imitation des Folkloristischen, die Say und Kopatchinskaja interessieren – bis hin zur furiosen Steigerung und zum gespenstischen Klang-Irrlicht. Dass die beiden Musiker als Zugabe einen rumänischen Tanz Béla Bartóks wählen, steht in der Linie des Programms. Dass Kopatchinskaja in Jorge Sanchez-Chiongs „Crin“ (1996) mit ihrer Geige „schimpft“, amüsiert das Publikum. Und die Lacher haben beide auch mit der überraschenden Bearbeitung von „Für Elise“ von Fazil Say auf ihrer Seite.

Fazit des Konzerts: Der Anspruch der Kunst wird nie aufgegeben zugunsten einer exaltierten Selbstdarstellung. So riskant, so glühend, so entfesselt die beiden auch spielen mögen: Hinter jeder Note steht die Demut vor dem Werk. Ein bedeutendes Konzert, das hörbar macht, wie aufregend gegenwärtig Musik sein kann, wenn man sie aus der wohligen Sphäre berührungslosen Genusses befreit.

Patricia Kopatchinskaja ist in der Region wieder zu erleben: Am 11. November spielt sie im Konzerthaus Dortmund mit dem Philharmonia Orchestra London das Violinkonzert von Esa-Pekka Salonen. Am 29., 30. und 31. Januar ist sie in Köln zu Gast und spielt mit dem Gürzenich-Orchester unter Ulf Schirmer Mozarts D-Dur-Violinkonzert. Nach Essen kommt sie wieder ab 31. Mai zu einer Meisterklasse mit Sol Gabetta (Cello) und Henri Sigfridsson (Klavier). Die drei spielen am 2. Juni 2012 in der Philharmonie Klaviertrios. Mehr auf der offiziellen Webpage der Geigerin: http://www.patkop.ch/




Vestische Erleuchtung

Der Herbst ist da und mit ihm zum sechsten Male in Folge „Recklinghausen leuchtet“. Am 14. Oktober eröffnet, zieht die Veranstaltung wie bereits in den Vorjahren wieder viele Besucher in die schöne Altstadt der vestischen Kommune. Noch bis zum 30. Oktober erstrahlen 34 historische Gebäude und Privathäuser in einem sorgsam installierten Lichtermeer. Das diesjährige Leuchten findet im Rahmen des 775. Stadtjubiläums statt. Auch wenn Recklinghausen EU-konform auf moderne LED-Lichter setzt, liegt der Schwerpunkt auf den altehrwürdigen Ecken und Kanten der Innenstadt. Auf die alte Stadtmauer um die Engelsburg werden mittelalterliche Motive projiziert, der Stolz der Stadt, das Rathaus wird mit besonderer lichttechnischer Raffinesse geehrt.

 

 

 

 

 

Freitags, Samstags und Sonntags gibt es ab 19:00 stündlich eine musikalisch begleitete Videoprojektion. .Einen einzigen Verweis zur jüngsten Stadtgeschichte gibt es: der leergezogene Wohnturm des Löhrhofs darf noch einmal erstrahlen. Ein Tribut zum Abschied, bevor mit dem Bau der umstrittenen Recklinghäuser Arcaden begonnen wird. Mit dem bisherigen Verlauf des „Leuchtturmprojektes“ dürften die Organsatoren zufrieden sein. Die Innenstadt ist abends gesteckt voll. Besonders natürlich, wenn auch der Jugend etwas geboten wird, so wie mit der – wie man hört – gelungenen Präsentation des Recklinghäuser DJs Moguai. Im Gedränge wurden jedoch auch kritische Stimmen laut. Die wenigsten Besucher konnten mit der groß angekündigten Installation Zweischwung des Künstlers Helmut R. Schmidt etwas anfangen. Erreichen wollte man mit Schwarzlicht-Bestrahlung die Illusion eines luftleeren Raumes. Doch auch ein Selbstversuch brachte mich nur zu der Frage: Ist das noch Kunst oder darf mein Kind damit schon spielen?

Insgesamt betrachtet, ist es schade, dass RE-leuchtet nur auf der retuschierten DvD einen Eindruck als Gesamtkunstwerk hinterlässt. Lediglich einige wenige Geschäfte haben ihre Dekoration der Veranstaltung angepasst. In den meisten Gassen und Strassen sieht man das Leuchten vor lauter Licht nicht richtig. Natürlich ist es aus Sicht der Geschäftsleute verständlich, wenn man seine Auslagen nicht verdunkeln möchte, wo schon einmal so viele Passanten flanieren. Aber (da kann die Gymnasialkirche des Petrinums noch so schick bestrahlt sein) wenn die gegenüberliegenden Schaufenster die ganze Strasse in gleißendes Weiß tauchen, geht viel von der Wirkung verloren.

Weitere Informationen gibt es auf der Homepage des Veranstalters.




Promis imponieren uns gar nicht

Letzten Samstag habe ich wahrhaftig einen fernsehprominenten Schauspieler im Dortmunder Westfalenpark gesehen. Er war offenbar zu Besuch bei Freunden, mit denen er auch auf den Kinderspielplatz ging.

„Na und?“ rufen sie jetzt unisono in Berlinhamburgmünchenköln und wenden sich wieder stärkeren Reizen zu.

In Dortmund, erst recht in weiten Teilen des sonstigen Ruhrgebiets, sind Promis im Stadtbild tatsächlich immer noch etwas Seltenes. Das wird sich auch mit dem neuen Dortmunder Status als „Tatort“-Stadt nur unwesentlich ändern.

Doch was soll’s. Man schert sich um bekannten Leute ohnehin nicht sonderlich. Von Glamour lassen sich hier eh die wenigsten blenden. Es gibt es genügend andere Sorgen (und Freuden).

Einst sah ich den Schriftsteller Walter Kempowski trübsinnig über den Ostenhellweg schleichen – offenbar unerkannt wie nur je einer. Das war ihm ersichtlich nicht recht. Vielleicht hat er gar erwogen, die abendliche Lesung abzusagen.

Fast schon legendär ist der Dortmunder Journalistenkollege, der just Kempowski beim Interviewtermin mit „Guten Tag, Herr Kempinski“ angesprochen hat. Ums Haar wäre das Gespräch geplatzt, hätte man nicht sehr begütigend auf den Meister eingeredet.

Die Hamburger „Zeit“ hat’s erfasst, als sie Dortmund vor Jahren „die unaufgeregteste Großstadt der Republik“ nannte. Sofern es nicht gerade um Fußball geht, stimmt dies bis heute.

Während der in aller Regel aus schwäbischen Kleinstädten stammende Berliner immerzu krampfhaft starr an den unzähligen Promis vorbei blickt (schließlich ist man nun Hauptstädter und steht über derlei Kleinkram), bleibt man im Revier von vornherein unbeeindruckt. Jetzt sage bloß niemand, das sei geflunkert.

Jedenfalls kann man allen Paparazzi nur raten, ihre Wohnstatt nicht im Ruhrgebiet zu nehmen. Es lohnt sich einfach nicht. Die paar Sensationsfotos, die da anfallen, knipsen wir hier nebenher aus der Hüfte mit (siehe erregendes Foto).

Da hinten geht der Promi, ich schwör' (Foto: Bernd Berke)

Da hinten geht der Promi, ich schwör' (Foto: Bernd Berke)




Fiktive Bedrohung – Kettenreaktion im Ruhrgebiet

Einmal angenommen, in Nordrhein-Westfalen stünde ein Kernkraftwerk, welches tatsächlich ans Netz gegangen wäre. Angenommen, dieses Kernkraftwerk würde besetzt und das ganze Ruhrgebiet wäre von der Auslöschung bedroht, weil ein Superschurke und ein von Greenpeace gemobbter ehemaliger Schichtleiter die Finger am Knopf haben? Angenommen, die Krefelder Polizei hätte zeitgleich einen Mordfall, von dem ihnen nur ihr Bauchgefühl sagt, dass es ein Mordfall ist. Denn das Opfer ist zwar tot, es gibt nur dummerweise keine ersichtliche Todesursache.

Dies alles mal angenommen, haben wir die „Kettenreaktion“, den neuen Krimi von Sebastian Stammsen. Stammsen reihte sich im vergangen Jahr mit dem Computerspiel-Krimi „Gegen jede Regel“ in die Riege der erfolgreichen Ruhrpott-Krimi-Autoren ein. Er ist studierter Psychologe und war einige Jahre im baden-württembergischen Exil in der Kernenergieaufsicht tätig. Eine Kombination, die es ihm nahe legte, einen Krimi aus dem Umfeld der so genannten „Atommafia“ zu schreiben. Stammsen begann mit seinem Krimi im letzten Jahr, war Anfang 2011 im Groben „durch“ und ganz besonders stolz auf die eigentlich absurde Idee, auch noch einen Tsunami mit einzubauen. Dann passierte Fukushima und die Wirklichkeit übertraf seinen Roman um einiges. Also setzte er sich hin, strich als erstes den Tsunami, baute die Handlung um – noch realitätsnaher als im ersten Entwurf – und bezog sich in seinen Ausführungen zur Gefährlichkeit und zum latent schwebenden Risiko der Kernenergie auf den japanischen GAU.

Dann gab  es noch die Demonstrationen, es gab die Ausstiegsdebatte und schließlich sogar den Beschluss zum Ausstieg – all dies nunmehr brandaktuell in seinem Roman verarbeitet. Dabei hebt Stammsen nicht den Zeigefinger. Im Gegenteil – er lässt seinen Kommissar Wegener den Fall aus der Ich-Perspektive erzählen und nimmt sich als Autor so alle Freiheiten, die Geschichte in zuweilen erfrischend schnoddrigem Ton zu erzählen. Der eigentliche Plot gerät dadurch manchmal in den Hintergrund, auch regiert bei der Auflösung sehr der Kommissar Zufall. Allerdings wird schon aus dem Klappentext ersichtlich, dass es nicht Stammsens erklärte Absicht war, nur ein Genre einzuhalten.  Die wenigsten Leser wird dies stören. Auch wenn der Blutfaktor gegen Null geht – ob der gezeichneten Bedrohungsszenarien ist dem Leser gruselig und beklommen genug zumute. Umso dankbarer ist man, wenn Stammsen schmerzfrei und ohne falschen Respekt die Gelegenheit zu satirischen Seitenhieben nutzt. Sei es zur Kernenergie, „die seiner Einschätzung nach im Landtag ungefähr so viele Freunde hat wie die Hauptschule – gar keine“ oder sei es zu den Imageproblemen der Kanzlerin. Auf den Punkt gebracht und wirklich gelungen böse. So gekonnt, dass etliche seiner Anmerkungen jede Satire-Sendung aufwerten würden. Seine Charaktere sind alle gut gezeichnet, man hat den Ministerialbeamten ebenso vor Augen wie den prolligen anfänglichen Hauptverdächtigen, der „allerdings kein richtiger Mann war, sondern eher ein gealterter Halbstarker mit zerrissener Hose, Muskelshirt, verbrannten, aber muskulösen Oberarmen, jedoch ohne Deo“.

Markus Wegener ist ein Kommissar, den man gerne begleitet. Einer, in dessen Gegenwart man sich genauso sicher fühlen würde wie er sich unsicher beim Besuch des (fiktiven) Kernkraftwerks Neustadt unweit von Dortmund. Auch seine Partnerin Nina, sein Chef Reinhold, wie das ganze Team allsamt Protagonisten, mit denen der Leser gerne weitere Fälle löst.

Sebastian Stammsen, Kettenreaktion, Grafit-Verlag Dortmund 2011, 345 Seiten, 9,99 Euro.

 

 

 

 




Café zur Sehnsucht – Dortmund zeigt Francesco Cavallis Oper „L’Eliogabalo“

Eliogabalo (Christoph Strehl, M.) lässt sich von den Intriganten Zotico (Hannes Brock) und Lenia (Elzbieta Ardam) beraten. Foto: Jauk

Es war kein Geringerer als Claudio Monteverdi, der den 14jährigen Francesco Cavalli 1616 als Sänger an den Markusdom von Venedig holte. Und dieser junge Eleve wurde im Laufe des Jahrhunderts zum wohl berühmtesten venezianischen Opernkomponisten. „La Calisto“ oder „La Didone“ entpuppten sich als Glanzlichter der Spätrenaissance, mit Wirkung weit über Italien hinaus.

Cavalli hatte indes auch das Glück des Tüchtigen. Denn sein Aufstieg in Venedig ging einher mit einem Boom an Theatergründungen. 1637 eröffnete das Teatro San Cassiano, bald gab es bis zu sieben Spielstätten. Die Gattung Oper, ganz jung noch, gewann an Statur. Und Cavalli war einer ihrer wichtigsten Baumeister. Sein spätes Bühnenwerk allerdings, „L’Eliogabalo“, 1667 entstanden, sollte nicht mehr gefallen. Der Geschmack des Publikums wechselte schnell, das Werk geriet in Vergessenheit.

Es ist den Streitern für die „Historische Aufführungspraxis“ zu danken, dass uns Cavallis Opern erneut ins Bewusstsein gerückt sind. „L’Eliogabalo“ etwa brachte René Jacobs 2004 in Innsbruck heraus. Und nun hat sich das Theater Dortmund des Dreiakters um den dekadenten, lüsternen römischen Imperator Marcus Aurelius Antoninus (Heliogabal) angenommen. Frisch musiziert, in einer wunderbar unaufgeregten, bisweilen komödiantischen Inszenierung.

Die Geschichte über diesen Kaiser, der sich als Jugendlicher noch an die Macht putschte und mit 18 schon seine Mörder fand, hat Cavalli nicht als blutrünstiges Drama vertont, sondern als sorgsam gestaltete Abfolge von Gefühlsschwankungen und seelischen Nöten. Die Personen und Paare, die um den Sonnengleichen tanzen wie Gestirne, schwanken zwischen Liebe und Eifersucht, Loyalität und Abscheu.

Mit der Einführung eines Intrigantenpaars, eines buffonesken darstellerischen Elements also, begründete der Komponist zudem eine Tradition, die sich noch in Richard Strauss’ „Rosenkavalier“ wiederfindet. Als Buffo-Charakter mit philosophischen Anwandlungen ist darüber hinaus die Figur des Dieners Nerbulone zu sehen (den der Bassist Christian Sist herzerfrischend spielt und nuancenreich singt) – ein Typus, der seine Hoch-Zeit vor allem in den Opern Rossinis fand.

Gleichwohl hat Cavalli die kleinen Dramen der Hauptpersonen in den Vordergrund gestellt, die Regisseurin Katharina Thoma eindringlich nachzeichnet. Moderne Kostüme (Irina Bartels) symbolisieren dabei, dass die im Stück verhandelten Themen allgemeingültig sind. Und wenn auf der eigentlich spärlich möblierten Bühne, mit vielen hohen Portalen höfische Größe darstellend, eine Drehtür in eine kärglich bestuhlte Gaststätte führt (Ausstattung: Stefan Hageneier), dann entsteht vor unseren Augen das Café zur großen Sehnsucht.

Liebe und Lamento: Giuliano (Ileana Mateescu, l.) und Eritea (Tamara Weimerich). Foto: Jauk

Es ist in dieser leisen, dennoch berührenden Inszenierung wohl nur konsequent, dass Eliogabalo (markant gesungen von Christoph Strehl) sich nicht wie ein Tier, sondern eher in Don-Giovanni-Manier den Frauen (bisweilen auch den jungen Knaben) zuwendet. Beraten von den Intriganten Lenia/Zotico (Elzbieta Ardam und Hannes Brock als Urkomödianten) setzt er auf List und Tücke. Ein bisschen kläglich wirkt er dabei, alles andere als souverän.

Die Frauen, Eritea (Tamara Weimerich) zunächst, dann auch Flavia Gemmira (Eleonore Marguerre), wanken dennoch zwischen Hingabe an den Herrscher (mit der Aussicht, Kaiserin zu werden) und Treue zu ihren Liebsten. In der Mischung von rezitativischen Ausbrüchen, zweifelndem Lamentoso sowie inniger Liebeserklärung singen beide betörend schön und differenziert, wie auch ihre Partner John Zuckerman (des Kaisers Cousin Alessandro, Flavias Verlobter) und Ileana Mateescu (des Herrschers 1. Prätorianer, mit Eritea verlobt).

Dass selbst eine relativ kleine Rolle wie die der Atilia (unglücklich verliebt in Alessandro) mit Anke Briegel vorzüglich besetzt ist, gibt dem Dortmunder Intendanten, Jens-Daniel Herzog, in einem Punkt schon jetzt recht: Das beinahe durchweg neu verpflichtete Ensemble hat erhebliche Qualität. Die Dortmunder Philharmoniker wiederum, in kammermusikalischer Besetzung, um Cembalo/Organum (Andreas Küppers) und Theorbe/Barockguitarre (Johannes Vogt) klangfarblich bereichert, liefern unter der Leitung des Alte-Musik-Experten Fausto Nardi ein großartiges Beispiel feiner Gestaltung und rhythmischer Frische.

Eine durchweg gelungene Produktion also, deren Premiere aber leider vor halbvollem Haus stattfindet. Schon jetzt dürfte dem neuen Intendanten klar sein, wie viel es zur Publikumsbindung noch bedarf.

Infos zur Aufführung/Termine/Karten:

http://www.theaterdo.de/event.php?evt_id=1314&sid=4c1beb1c05cfcb34a811d02f849ce3de

 

 

 




Serientäter in Bochum – der neue Krimi von Theo Pointner

Vier Jahre haben treue Leser warten müssen, bis Kommissarin Katharina Thalbach und ihre Kollegen von der Bochumer Kripo zum zehnten Mal ermitteln. Band 9 „Highscore“ endete mit einem Cliffhanger erster Güte. Die Frage, ob Ex-Mann und Sohn der smarten Kommissarin ein Attentat überlebt haben, blieb offen.

Autor Theo Pointner hatte ob dieser langen Wartezeit ein Einsehen und spannt seine Leser in Band 10  „Abgesang“ nicht allzu lange auf die Folter. Schon auf den ersten Seiten wird die drängende offene Frage aufgelöst. Doch viel Zeit haben Katharina Thalbach, ihr – zur Überraschung aller – neuer Chef Berthold Hofmann und das Team nicht, sich um ihr Privatleben zu kümmern. Eine widerwärtige Mordserie hält Bochum in Atem. Ein Psychopath von äußerst brutalen Ausmaßen mordet erst das Kind und dann die Mutter. Ein 15jähriges Mädchen wird erstochen, bei der Mutter fand eine fast schon rituelle Tötung statt.

Ausgerechnet die Thalbach, sonst bei jeder Ermittlung ruhe- und rastlos getrieben, engagiert sich diesmal nur halbherzig. Zu sehr nehmen drängende Fragen ihres Privatlebens sie in Beschlag und lassen sie fast schon verzweifeln an der von ihr gewählten Art der Lebensführung. Als dann ein fünfjähriger Junge verschwindet, muss alles Private zurückstehen, denn nun ist klar: Die Bochumer Kripo hat es mit einem Serientäter zu tun und ihr läuft die Zeit davon.

„Abgesang“ ist ein handwerklich gut gemachter Krimi. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Es steht Krimi drauf, es ist Krimi drin und keine Mogelpackung. Solide und ehrlich, so wie man es auch den Menschen im Ruhrgebiet nachsagt. Glücklicherweise gehört „Abgesang“ jedoch nicht zu den Ruhrpott-Krimis, die nur vom Lokalkolorit leben. Für den heimischen Leser ist es sicher schön,  ihm wohlbekannte Schauplätze liebevoll gezeichnet im Roman beschrieben zu bekommen. Die Handlung könnte jedoch auch überall sonst in Deutschland angesiedelt sein, was Pointner und den Krimiprofis vom Dortmunder Grafit Verlag wünschenswerterweise eine Leserschaft über die Grenzen des Reviers hinaus erschließen könnte.

Pointner hält im Roman die Spannung und ein gutes sprachliches Niveau. Gelegentlich fällt ihm das Umgangssprachliche schwer, aber in der Regel schaut er sehr genau hin. Seine Figuren – ob Bildungsbürger oder angelernte Hilfskraft – überzeugen. Die privaten Probleme, mit denen die sympathische Kommissarin hadert, sind stets nachvollziehbar und mit ihrem drohendem Burnout auch auf der Höhe der Zeit.  Dem Aufbau des Plots tut es gut, den Mörder selbst zwischendurch immer wieder als Ich-Erzähler zu Wort kommen zu lassen, ohne überflüssige Hinweise auf seine Identität zu geben.. Die verquere Gedankenwelt des Täters wird dadurch ein wenig nachvollziehbarer für den Leser. Dessen Identität kommt die Thalbach noch vor dem ausgesprochen blutigen Finale – welches die Meßlatte von Slaughters Belladonna locker überspringt – auf die Schliche. Nach der Entlarvung ist die Versuchung groß, zurückzublättern, um nachzusehen, an welcher Stelle genau er sich schon verraten hat.

Der gebürtige Bochumer Theo Pointner ist studierter Betriebswissenschaftler und als solcher Leiter des Medizin-Controllings eines Krankenhauses im Ruhrgebiet. Als Autor ist auch er ein Serientäter. Mit nunmehr zehn Bänden um Katharina Thalbach hat er sich eine treue Fangemeinde erschrieben. So nett er allerdings eingangs zu seinen Lesern war, den offenen Plot aus dem Vorgänger-Buch aufzulösen, so sehr wird er die Fans von Katharina Thalbach mit dem wiederum offenen Ende von „Abgesang“ verstören. Es bleibt nur zu hoffen, dass der Titel des Buches nicht schon das Programm für die Zukunft ist.

Theo Pointner: „Abgesang“. Kriminalroman, Grafit-Verlag, Dortmund, 313 Seiten, 9,99 Euro.

 




Der preußische König zeigt sich milde

Von Überfällen auf Spielhallen oder über dreiste Handtaschenräuber liest man heutzutage, wenn die Polizei ihren Tagesbericht abliefert. Früher, als die Menschen noch quälenden Hunger kannten, ging es noch direkter zu: Da wurden sogar Grundnahrungsmittel wie Getreide gestohlen.

In Berlin saß ein milder König. (Foto: Pöpsel)

Für den Bereich Schwelm ist aus dem Jahr 1795 eine regelrechte „Hungerrevolte“ überliefert. Wenn es in Notzeiten zu Getreideknappheit kam, hatten die Magistrate der Städte die Aufgabe, die vom preußischen Staat verordneten Korn-Ausfuhrverbote und die Einschränkung des Branntweinbrennens zu überwachen. Weil im Winter 1794/95 in der Grafschaft Mark die Brotpreise sprunghaft in die Höhe schnellten, griff die Not leidende Bevölkerung von Schwelm zur Selbsthilfe, indem sie Fuhrwerke mit Getreide überfiel, das trotz des Verbots in das nahe Bergische Land ausgeführt werden sollte: Die Kaufleute erhofften sich auf den dortigen Märkten noch höhere Erlöse als in der Mark.

Von einem dieser Überfälle gibt es im Archiv der Stadt Schwelm einen genaueren Bericht. Fünf „Rädelsführer“ wurden festgesetzt und angeklagt. Sie richteten daraufhin ein Bittgesuch an den preußischen König und baten um Milde, und dem kam der Regent sogar nach. Ihnen wurde unter anderem zugute gehalten, dass sie ja im Sinne eines königlichen Erlasses gehandelt hätten, wonach verbotenerweise ausgeführtes Getreide zu konfiszieren sei.

Die königliche Kriegs- und Domänenkammer in Hamm drängte zwar später auf ein scharfes Urteil, weil man revolutionäre Stimmungen wie im absolutistischen Frankreich fürchtete, doch der König lehnte eine Revision des Urteils ab. Zudem ordnete er an, aus den Heeresmagazinen die Hälfte des für die Truppen vorgesehenen Getreides an die Not leidende Bevölkerung im Herzogtum Cleve-Mark zu verteilen.

Solche Einzelmaßnahmen konnten an der fortschreitenden Verarmung weiter Teile der Bevölkerung im 19. Jahrhundert jedoch nichts ändern. Revolutionär wurde diese Entwicklung dann in den Hungerwintern der 40-er Jahre bis hin zur Revolution im Jahre 1848.

Heute haben wir keinen mílden König mehr, und auch eine Revolution ist nicht in Sicht. Oder?




Sole Sentry rocken plugged und unplugged in der Hafenliebe

Kieron Gerbig - Foto: Sabine Musik

Kieron Gerbig - Foto: Sabine Musik

Die bisher im Bam Boomerang beheimatete Dienstag-Reihe „tuesday live“ bietet ab jetzt in der Dortmunder Hafenliebe lokalen Bands eine Bühne. Sole Sentry, die in Kulturcafés, Diskotheken und sogar Heavy-Metal-Kneipen, ein Standbein im Live-Sektor gefunden haben, werden am 11. Oktober in der Hafenliebe plugged und unplugged auftreten. Die Band um den gebürtigen Australier Kieron Gerbig verlangt von sich Tiefe, gepaart mit einem ordentlichen Schuss Rock. Im Interview erzählt Kieron, wie sich die Band entwickelt hat und warum er es liebt, seine Musik so zu präsentieren, wie sie auch geschrieben wurde.

Am 11. Oktober spielt ihr in der Hafenliebe in Dortmund. Die so genannte „Dienstags-Reihe“ soll lokalen Newcomer-Bands eine Plattform geben. Doch so neu seid ihr eigentlich nicht. Seit wann gibt es Sole Sentry?

Kieron Gerbig: Die Band gibt es schon länger, die Konstellation ist allerdings neu. Bevor ich zu Sole Sentry kam, spielte ich in der Band ‚Increase‘. Leider trennten sich unsere Wege und die Band wurde aufgelöst. Es ging mir gesundheitlich nicht gerade gut, doch nach einer erfolreichen Operation wollte ich sofort wieder mit der Musik loslegen. Und das nicht alleine, sondern mit einer Band.

Wie bist zu Sole Sentry gestoßen?

Kieron Gerbig: Ich schaute mir eine Menge Bands an und als ich die Jungs von Sole Sentry kennenlernte, wusste ich: Das ist die Band, mit der ich Musik machen will. Also schrieben wir neue Songs, machten unseren ganz eigenen Stil, es herrschte stetig Austausch zwischen den Bandmitgliedern, so änderte sich schließlich auch der Sound.

In der Hafenliebe werdet ihr plugged und unplugged spielen. Was macht ihr da genau? Ist es euch wichtig zu demonstrieren, dass eure Musik „handgemacht“ ist?

Sole Sentry - Foto: Sabine Musik

Sole Sentry - Foto: Sabine Musik

Kieron Gerbig: Ich für meinen Teil liebe es, die Musik so zu präsentieren, wie sie auch geschrieben wurde. Schnörkellos und an der Gitarre. Zumeist akustisch, um es dann gemeinsam im Kollektiv zu einem fertigen Song zu zaubern. Unplugged kannst du natürlich viel mehr Tiefe in die Songs reinlegen. Selbstverständlich mögen wir es auch zu rocken und zu zeigen wo der Hammer hängt. Daher unplugged und plugged.

Und warum Dortmund und nicht Sidney? Du bist gebürtiger Australier, aufgewachsen in Marl, lebend in Dortmund. Warum bist du im Ruhrgebiet geblieben? Wäre Australien nicht auch ein guter Ort als Musiker?

Kieron Gerbig: Hier bin ich mit meiner Musik etwas Besonderes, in Australien bin ich ein Australier unter vielen die rocken. Australien ist ein guter Ort für Musiker, die Happy-Musik á la Jack Johnson machen.

Vielen Dank für das Interview.

[youtube http://www.youtube.com/watch?v=bJnbgsFI4I4&w=560&h=315]




Theater auf Feldforschung und im Verschnittversuch

Zwei kleine Theatererscheinungen der letzte Tage, ein „Stück“ und ein „Tanzstück“, in Dortmund und in Köln gezeigt, drängen zum Nachdenken über den Nachwuchs.

Beginnen wir in Köln. Auf der „Bühne der Kulturen“ sieht man „Aus Drei mach Eins“, ein Versuch, drei kleine Tanzstücke zu einem abendfüllenden zu verknoten. Es ist ein Versuch und als solcher wird er auch vermittelt. Die Reihe „Next Generation“ sagt uns, hier sieht man was, was noch Zeit braucht, aber kommen wird. Aus dem Solo „Kehrseite“ von und mit Annekatrin Kiesel, dem Duo „Human inside“ mit Cornelia Trümper und Arthur Schopa und dem Musik/Tanz-Duo „Subcontinenscious“ mit Photini Meletiadis und Laurenz Gemmer wurde ein Abend zusammengesetzt. Muss nicht sein, aber einen Versuch war es wert.

Die einzelnen Konzepte passen nur scheinbar zusammen, behindern sich aber eher, werfen Fragen auf, die nicht aufkommen sollten. Im Zentrum steht das fast autistische Verhältnis des Tänzers zu seiner Musik und dem Klavier, das eine zwanghafte Liaison mit der Bewegungskünstlerin eingeht. Da sieht man, welch ein minimalistischer, aber starker Abend es hätte sein können. So war es ein Tanzabend mit konventionellen Intermezzi. Immerhin.

In Dortmund zeigte das 99-Cent-Theater aus Bochum ein Gastspiel, das sich – in veränderten Konstellationen und Inhalten – durch das Ruhrgebiet zieht, mal erarbeitet nach Beobachtungen in Essen, mal in Duisburg. Hier im Theater im Depot bietet die junge Truppe ihre „Eintagsfliegen“, einer von ihnen so genannten Feldforschung folgend. Diese Feldforschungsserien sind eine Modeerscheinung. Man hat sich am Dortmunder Flughafen aufgehalten. Die Beobachtungen dort sind nun als Konzentrat auf der Bühne zu besichtigen. Da  sieht man Stuhlsitzgruppen, einen Koffer, eine Erdkugel, die von der Decke hängt. Drei Akteure kommen und gehen, dann wird Text abgesondert, nicht viel, aber passgenau. Zugegeben, die Texte von Elisa Müller (über das Fliegen an sich) haben eine naiv-schöne Färbung.

Ansonsten ist das alles sehr dünn. Knappe 40 Minuten dauert der Abend. Inhalt für gerade mal fünf Minuten kann man nicht länger ziehen. Das war schon hörgerecht. Warum man Mikros für die kleinen Ergebnisse großer Forschung benutzt, könnte dem Verfremdungseffekt geschuldet sein, ist aber eher befremdlich. Auch hier ein Versuch, der allerdings die Bühnengröße von ca. 12 mal 8 Metern nicht schafft, nicht in 40 Minuten, nicht so dünn angewärmt.




Hier daafsse nichma bekloppt werden!

Materialien zur psychotherapeutischen Behandlung des Ruhrgebiets

 

Die Statistik ist wohl nicht mehr taufrisch, doch bemerkenswert: Im Ruhrgebiet warten Klienten im Schnitt 17 Wochen auf psychotherapeutische Hilfe. Im Bundesdurchschnitt sind es 12,5 und im Osten der Republik 16,1 Wochen. Grund für die offenbar eklatante Unterversorgung: In anderen Großstädten werden rund 40 Therapeuten je 100 000 Einwohner zugelassen, im Revier nur ungefähr 10.

Diese Zahlen hat Prof. Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung (Ausgabe vom 6. Oktober) genannt.

Welche Schlussfolgerungen könnten sich daraus ergeben? Ein paar knappe Ansätze:

Die spontane Reaktion: Wieder ein Bereich, in dem das Ruhrgebiet trübe Schlussfunzel ist und pfeilgrade mal wieder die „Süddeutsche“ das Elend aufgreifen kann. Zwischen Duisburg und Dortmund ist man erneut gekniffen. Abgehängt und eingemacht. Ach ja. Wann hört das jemals auf?

„Hier daafsse nichma bekloppt werden!“

Liegt es vielleicht an der hiesigen „Stell-dich-nicht-so-an“-Mentalität? Brauchen wir den ganzen Psycho-Zauber nicht? Hat sich daraus die gelegentlich robuste, ja zuweilen stiernackige Seinsweise regionaler Rathausfürsten entwickelt, die auch kulturelle Feinheiten nicht gelten lassen mögen?

Oder so besehen: Sorgen um die schiere Bezahlbarkeit des Lebens stehen hier oft im Vordergrund. Man darf sich keine feiner gesponnenen Leiden leisten.

Hypothese: In Freiburg, Heidelberg oder Tübingen gibt es signifikant mehr überempfindliche Hysteriker(innen) als in Gelsenkirchen oder Bottrop.

Ohnehin lassen sich Therapeuten lieber in schicken Städten wie Hamburg oder München nieder.

Traue keiner Statistik: Wenn (siehe oben) im Revier so wenige Therapeuten zugelassen werden, müssten dann die Wartezeiten im Verhältnis zu anderen Regionen nicht noch viel länger sein? Oder wird hier im raren Behandlungsfalle auch noch zügiger abgefertigt?

Weitere Vermutung auf traditioneller Basis: Der Gang in die Kneipe ersetzt im Revier nicht selten den Gang zum Psychotherapeuten. Immer noch. Paar Pilsken – und schon scheint es wieder zu laufen. Halbwegs. Gute Wirte sind bekanntlich nebenher Sozialarbeiter, Therapeuten und Beichtväter. Von rustikalen Wirtinnen ganz zu schweigen!

Noch’n Revierklischee: Wenn wenigstens der Fußballverein gewinnt, geht es manchen Leuten schon wieder ein wenig besser. Ein Pokal und erst recht eine Meisterschaft wirken heilsam. Selbst verlorene Spiele erzeugen starke, eindeutige Bilder ohne filigrane Verzweigungen und sonderlichen Hirnschwurbel.

Übrigens: Welche Interessen vertritt eine Organisation mit der monströsen Bezeichnung Bundespsychotherapeutenkammer? Der eingangs erwähnte Prof. Richter behauptet, schon jetzt leide fast jeder dritte Deutsche „innerhalb eines Jahres an einer behandlungsbedürftigen psychischen Krankheit.“ Will die Kammer womöglich die Schwelle für psychotherapeutische Intervention so niedrig setzen, dass fast jede(r) hilfsbedürftig ist und somit unentwegt neue Stellen in diesem Bereich entstehen? Will man die Segnungen der Psychotherapie noch breiter ausstreuen, nunmehr bevorzugt im Wilden Westen und im Wilden Osten?

Dafür danken wir schon jetzt. Auf Knien.

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Illustration: Fürs Bild (Titel „Auf der Couch“ / Foto: Bernd Berke) habe ich mich von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) inspirieren lassen, die ihre gewichtigen Themen öfter mal mit Playmobil-Figuren und anderem Spielgerät darstellt.




„Fliegender Holländer“ in Dortmund: Der aus der Kälte kam

Treu bis in den Tod? Senta (Christiane Kohl) und der Holländer (Andreas Macco). Foto: Stage Picture

Keine massigen Schiffe, deren Körper sich drohend auf die Bühne schieben. Keine blutroten Segel, die von furchterregenden Untoten zeugen. Auch eine das Grauen erregende Düsternis fehlt, eher regieren fahle Töne das Geschehen. So bleich, wie das Gesicht des „Holländers“, so blass, wie Sentas Hauttönung.

Das Spukhafte, generell gesagt, die Nachtseite der Romantik, weicht hier, in der Dortmunder Oper, einer graumelierten Kälte. Sie geht aus von dem verfluchten Seemann, und sie trifft auf eine kleinbürgerliche Welt frostiger Disziplin. Farbtupfer sind Attribute des Hässlichen, in den ihnen zugewiesenen Räumen wirken sie lediglich peinlich altmodisch.

Da ist es nur konsequent, dass am Ende der neue Dortmunder Opernintendant Jens-Daniel Herzog, in Personalunion mit dem Regisseur Herzog, die Bühne freiräumen lässt. Richard Wagners romantische Oper „Der fliegende Holländer“ findet ihr Finale in kalkiger Leere. Senta gibt sich die Kugel, der ewige Wandler über den Meeren verschwindet in schmutziger Gischt. Uns fröstelt.

Herzog bleibt diesem Ansatz, der Gemütszustände von Resignation und Leere zu illustrieren scheint, noch in der „Liebesszene“ zwischen dem Holländer und Senta treu. Da ist mehr kritisches Beäugen denn sehnsuchtsvolles Blicken. Da herrschen Zweifel, fehlt jede Seligkeit, regiert letzthin die blanke Furcht vor dem Scheitern.

Die Glut der Orchestersprache fängt Herzog andererseits durch große Aktion auf. In Dalands Schiffskontor herrscht buchhalterischer Gleichschritt, in der Spinnstube, eine Art Friseursalon, gebetsmühlenhaftes Summen und Singen, im Seemannsheim bierselige Stimmung harter Kerle, die von der stürmischen Wucht des „Holländer“-Chores indes an die Wand gedrückt werden. Mathis Neidhardt hat diese Räume gebaut, vor sich hingammelnde Orte des Alltags, eigentlich nur Staffage für ein kaltherziges Drama.

Sturm im Seemannsheim. Foto: Stage Picture

Wie ein Handlungsreisender, der den Tod sucht, tritt der Holländer auf. Groß, steif, nicht dämonisch. Andreas Macco gibt dieser Figur Würde mit starker Stimme, singt nuanciert, aber mit bescheidenen Klangfärbungen. Dem armen Steuermann (Lucian Krasznec, ein wundervoller lyrischer Tenor) rückt er jedoch bedrohlich zu Leibe.

Die Begegnung mit dem Geschäftsmann Daland wiederum wird zu einem distanzierten Prozess des Abschätzens und Kräftemessens. Wen Wei Zhang beweist dabei Statur, mit großer, felsenfester Stimme. Christiane Kohl als Dalands Tochter Senta ist eine Entdeckung. Glutvoll klingt ihre Ballade, dynamisch breit aufgefächert, mal mit herbem Unterton, dann mit leuchtender Süße. Doch alles wahnhafte Aufbrausen wird abgeschwächt von Zweifeln. Letzthin ist Erik (Mikhail Vekua, leider mit tenoraler Überzeichnung) der Einzige, dem man Gefühle wirklich abnimmt.

„Der fliegende Holländer“ in Dortmund: Kraftvoll die Chöre wie die Philharmoniker unter Jac van Steen – sie zeichnen ein wild musikalisches Drama nach, das die Regie mit Rauhreif überzieht. Romantik aus der Kühlkammer, mit einigen Hitze-Impulsen, gleichwohl mit gehöriger Suggestivkraft. Einhelliger Beifall.

(Der Text ist in ähnlicher Form in der WAZ erschienen).

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Informationen der Dortmunder Oper:
http://www.theaterdo.de/event.php?evt_id=1291&sid=289fbf944134efc6a6cf10b234de7551

 




Nicht fein genug?

Die Edeljuwelierkette Wempe hat mal wieder die Anzeige geschaltet, in der ein smarter, souverän entspannter, rundum arrivierter, aber noch nicht vollends saturierter Top-Entscheider-Vater seinem gleichfalls schon rundum veredelten Sohnemann (welcher gewiss zu den schönsten Hoffnungen berechtigt), gleichsam feierlich gelobt, ihm dereinst die aber so was von kostbare Uhr einer Nobelmarke zu vererben, denn: „…eigentlich bewahrt man sie schon für die nächste Generation“.

Unter dem Schmonzes steht eine Liste von Wempe-Niederlassungen. Vergleicht man diese mit der Aufstellung aller bestehenden Filialen auf www.wempe.de, so fällt auf, dass – abgesehen von einem Luxusschiff – genau drei Orte fehlen. Kampen/Sylt muss wohl wegen der Insellage aussortiert worden sein. Bei Mannheim und Dortmund kann man sich hingegen andere Gründe denken. Vielleicht sind diese beiden Städte einfach doch nicht fein genug für besagte Botschaft. „Mannemer Dreck“ ist sprichwörtlich – und Ruhrgebiet, nun ja! Sagt selbst. Ihr wisst doch Bescheid.

Reden wir nicht mehr drüber.




Duisburger Musik statt Dortmunder Fußball

Hab ich schon geschrieben, weshalb ich gestern das Dortmund-Spiel nicht gesehen habe? Nein? – Ganz einfach. Meine Frau und ich haben gestern das 2. Konzert der Duisburger Philharmoniker – schon unseres Abos wegen, vor allem aber wegen des verheißungsvollen Programms (Mozart + Bruckner) – dem live im Fernsehen übertragenen Fußballspiel natürlich vorgezogen. Und außerdem: War es nicht besser, musikalisch Gutes zu hören, als Dortmunds klägliches Debakel mitanzusehen?

Und dennoch: Akustisch mag es zwar vielleicht an unserem Sitzplatz – unserem immerhin doch gewohnten und längst bewährten Sitzplatz! – gelegen haben, leider aber: das 23. Klavierkonzert Mozarts, das ich doch seit langem so gerne mag, hat mir, von der Art der Darbietung her, nicht vollends gefallen; zumindest nicht so gut, wie ich es mir erhofft hatte. Die Ecksätze waren mir insgesamt eine Nuance zu schnell gespielt, die Orchester- und die Klavierpassagen traten mir nicht markant und durchhörbar genug hervor. Fast monophon erschien mir der Klang. Nur der 2. Satz hielt weitestgehend und durchaus beseligend das, was ich mir von dem gesamten Werk versprochen hatte. Da atmete alles. Und so ähnlich war es dann wieder auch bei der sich an den dritten Satz anschließenden Liszt-Zugabe des Pianisten und gleichzeitigen Dirigenten des Abends, Stefan Vladar.

So beschloss ich, endgültig erst nach der 7. Bruckner-Symphonie über das Gesamtkonzert zu urteilen, die mir nämlich seit langem ebenfalls sehr viel bedeutet: War es doch einmal genau die Siebte, die mich per Radio der großen Musik Bruckners erstmals begegnen ließ und durch die mir früh schon und bleibend mein Sinn für sie geschärft wurde. Wie verwandelt erschienen mir die Interpreten der 1. Hälfte nach der Pause: Diese Musik und die Art ihrer Darbietung zündete sofort und ließ über das ganze gewaltige Werk hin keinerlei kritische Anmerkungen bei mir auch nur ansatzweise in den Sinn kommen. Sehr gut (auf dem gewohnten hohen Niveau der Duisburger Philharmoniker) wurde das gespielt. Dem Orchester und dem Dirigenten sei ausdrücklich dafür gedankt.




Pinguin-Verlag in Dortmund? Nie davon gehört!

Auch wenn der Lexikon-Vorvater Friedrich Arnold Brockhaus hier geboren wurde, so ist Dortmund nie durch ein reges Buchverlagswesen aufgefallen. Das Defizit gilt bis heute.

Böser Fuchs, guter Hase (Copyright 1963 by editrice AMZ, Milano / Pinguin-Verlag, Dortmund)

Böser Fuchs, guter Hase (Copyright 1963 by editrice AMZ, Milano / Pinguin-Verlag, Dortmund))

Gewiss, vereinzelt wurden in der Stadt Verlage tätig. Um nur die trübe Gegenwart zu betrachten: Die kommerziell erfolgreicheren Zeiten von Harenberg sind längst vorüber. Eigentlich hält nur noch der Grafit-Verlag tapfer die Stellung, der vor allem mit (Regional)-Krimis gewachsen ist.

Und zwischendurch war da ja auch nicht sonderlich viel, oder?

Umso mehr fällt es auf, wenn man doch einmal ein Büchlein aus Dortmunder Produktion in den Händen hält. Durch Zufall ist mir jetzt ein schmales Kinderbuch in die Hände geraten, das irgendwann in den 1960er Jahren im Dortmunder Pinguin-Verlag erschienen ist. Die Lizenz kam aus Mailand und stammte aus dem Jahr 1963.

Pinguin-Verlag? Nie zuvor gehört. Soll man recherchieren und auf eine regionale Goldader hoffen? Wohl kaum. Schon der erste Eindruck beim Blättern und dann beim Befragen der Suchmaschinen lässt ahnen, dass hier geringfügiges Gut betreut worden ist. Offenbar haben sich die Pott-Pinguine vor allem auf dem lokal seit jeher lukrativen Gebiet des Fußballs betätigt und u. a. BVB-Mannschaftsbilder zu Markte getragen.

Erbärmlich kommt das besagte Bilderbuch daher, unbeholfen gezeichnet und gleich zu Beginn sprachlich fehlerhaft. Überdies scheint die spindeldürre Geschichte insgeheim einer windschiefen politischen Codierung zu folgen. Böse Titelfigur ist ein adeliger Fuchs („Baron Fox von Kolon“), der sich durch Spottgesänge des Hasen und seiner Clique dermaßen ehrverletzt fühlt, dass er den Hasen kidnappt. Dafür muss der Fuchs allerdings so gründlich büßen und der Hase darf so dämlich grinsgesichtig triumphieren, dass die Sympathien am Ende eher beim gebeutelten Hochadel liegen. Oder sollten die Kinder das Gegenteil lernen? Man weiß es nicht.

Man will es auch gar nicht wissen. Auch interessiert einen das weitere Schicksal des Pinguin-Verlages nicht. Es wird wohl quälend gewesen sein.

Und also lautet der Beschluss,
dass man nun nichts mehr schreiben muss.




Friedrich Seidenstücker: „Zille an der Linse“ kam aus Unna

Er ist d e r Berliner Fotograf, liebkoste Mensch und Alltag humorvoll und zeitkritisch, ein „Zille an der Linse“ – und quasi der Knautschke (legendärer Urvater vieler Bewohner des Nilpferdhauses im Zoo) der Tierfotografie: Friedrich Seidenstücker. Ihm widmet die Berlinische Galerie vom 1. Oktober 2011 bis 6. Februar 2012 eine Ausstellung, die 226 (nur 21 davon sind Neuprints) seiner Bilder zeigt und mit ihnen einen drallen und im wahren Wortsinne liebevollen Ausschnitt der Metropole von 1925 bis 1958.

Friedrich Seidenstücker (1882 bis 1966) hat in seiner Heimatstadt Unna nur eine kleine Skulptur als Spur hinterlassen, der man nachsagt, dass sie aus seiner formenden Hand stamme. Sein abbildendes Werk entstand in Berlin und blieb dort, weil diese Stadt Friedrich Seidenstückers Universum wurde.

In Hagen hatte er das Maschinenbaustudium begonnen, das er 1904 in Berlin-Charlottenburg fortsetzte. Während des 1. Weltkrieges war er, obschon mit Fotografie und Bildhauerei in Kontakt, Flugzeugkonstrukteur bei der Zeppelin Bau AG in Potsdam, was er einige Jahre später den Nazis verschwieg, so dass er die dunkelste Zeit relativ unbehelligt als (politisch) mäßig beachteter Fotograf „überwintern“ konnte.

Friedrich Seidenstücker: Frühling (1948). Copyright: bpk/Friedrich Seidenstücker

Nach dem Krieg dokumentierte Friedrich Seidenstücker Zerstörung und Wiederaufbau, bekam anlässlich seines 80. Geburtstages eine große Ausstellung, um danach langsam der Vergessenheit der Menschen anheim zu fallen, die im zerschlissenen Berlin mit immer neuen und moderneren Reizen beschäftigt waren.

1971 entdeckte das Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz bei einem Trödler Friedrich Seidenstückers Nachlass und erwarb den für 500 Deutsche Mark. Wohl getan, denn dieser Fund ermöglichte die Ausstellung in der Berlinischen Galerie. Und – wesentlich kleiner – eine Erinnerung an den Sohn der Stadt in Westfalen mit vier Buchstaben im dortigen Hellweg Museum. Wann, das weiß ich nicht mehr.

Ausstellung 1. Oktober 2011 bis 6. Februar 2012.
Berlinische Galerie
Landesmuseum für Moderne
Kunst, Fotografie und Architektur
Stiftung Öffentlichen Rechts
Alte Jakobstraße 124-128
10969 Berlin
http://www.berlinischegalerie.de
Tageskarte 8 Euro
Ermäßigt 5 Euro
jeden ersten Montag im Monat 4 Euro
Freier Eintritt bis 18 Jahre

Teaserbild: Friedrich Seidenstücker: Ohne Titel (Die Zwillinge Hilde und Helga Fischer), 1948. Copyright: bpk/Friedrich Seidenstücker




Currywurst hier und da

Bochumer Currywurst in Holland (Foto: Bernd Berke)

Bochumer Currywurst in Holland (Foto: Bernd Berke)

Unterwegs hält man hier und da nach Exporten des Ruhrgebiets Ausschau – und stößt dabei immer mal wieder auf die Currywurst. Nein, dies wird weder eine Grönemeyer-Hommage noch ein Wursttest.

Auch ist’s keine Weltsensation, original Bochumer Currywurst in Holland vorzufinden, aber immerhin… man fühlt sich ein klein wenig angeheimelt.

An der holländischen Nordseeküste machen bekanntlich sehr viele Revierbewohner Urlaub oder sie kommen mal eben am Wochenende. Da lohnt es sich wahrscheinlich, ihnen neben Frikandel & Fritjes auch ihre Currywurst anzubieten.

Andererseits mag es einen piefigen Beigeschmack haben, in Egmond aan Zee Currywurst aus Bochum zu ordern. Nochandererseits ist das aber piepegal. Oder auch wurst. Mit Meerblick und Salzgeruch isst man die Dinger ja sonst selten.

Um doch noch ein Wort in Geschmacksfragen zu verlieren: Die Soße in Egmond (der Ort, den Goethe immer falsch geschrieben hat, hohoho) war höllisch scharf und somit geeignet, den Getränkeumsatz zu heben.

Gezondheid!

Postkartenwerbung für die BO-Currywurst

Postkartenwerbung für die BO-Currywurst




Zweierlei Spiel

Der im Jahr 2010 bei Anagrama in Barcelona posthum veröffentlichte Roman „Das Dritte Reich“ von Roberto Bolaño ist jetzt bei Hanser in gediegener, auch rein äußerlich ansprechender Ausgabe in der Übersetzung Christian Hansens erstmals auf Deutsch erschienen. Schon 1989 wurde dieser Roman von Roberto Bolaño vorläufig abgeschlossen; in seinem Nachlass fand sich die maßgebliche Schreibmaschinenfassung, auf der die jeweiligen Bucheditionen auf Spanisch und Deutsch, in Original- wie Übersetzungssprache, fußen.

Der über 300 Seiten starke, tagebuchartig geschriebene Roman liest sich übrigens ganz anders als der nur zunächst missverständliche und dann doch zutreffende Titel „Das Dritte Reich“ es uns erwarten lässt. Schnell drin ist man in dieser Lektüre; und sie gelingt auch weiterhin mühelos.

Zwei Paare aus Deutschland, Udo und Ingeborg aus Stuttgart sowie Hanna und Charly aus Oberhausen, verbringen ihren Sommerurlaub in zwei verschiedenen Hotels eines vom Tourismus geprägten Ortes an der spanischen Küste in der Nähe von Barcelona, kennen sich vorher nicht, lernen sich im Urlaub mehr oder weniger kennen.

Eine Urlaubsgeschichte also? Ja und nein.

Man sollte sie nicht unbedingt schon im Urlaub lesen, lieber erst danach.

Udo Berger, 25 Jahre alt, macht mit seiner Freundin Ingeborg nicht den Urlaub, den man – zumal für den ersten gemeinsamen Urlaub – erwarten könnte: Er ist nur ganz selten am Strand, meistens hält er sich allein in seinem Hotelzimmer auf und beschäftigt sich vordringlich und geradezu arbeitsmäßig mit einem wochenlang andauernden Brettspiel, einem Kriegsspiel, des Namens „Das Dritte Reich“. Er, der Landesmeister in diesem Sport genannten Spiel, will nämlich unter anderem einen Artikel für eine Fachzeitschrift über neue zielführende Varianten dieses Spiels schreiben. Ehe Charly, der versierte Surfer, beim Windsurfen im Meer plötzlich unauffindbar verloren geht, ehe Hanna nach Oberhausen abreist und ehe auch Ingeborg den spanischen Küstenort wieder in Richtung Heimat verlässt, während Udo – vorgeblich zur etwaigen Identifizierung des verschollenen, wahrscheinlich zu Tode gekommenen, noch immer nicht aufgefundenen Charly – am Ort allein zurückbleibt, erfahren wir nicht allzu viele Details zum Spiel, das den Verlauf des 2. Weltkrieges in Europa imaginär je nach Spielerglück und strategischer Fähigkeit des jeweiligen Spielers (und Udo ist der amtierende Landesmeister) neu zu gestalten vermag.
Ein Tretbootsverleiher am Strand, der wegen seiner erschreckenden körperlichen Entstellung immer nur „der Verbrannte“ genannt wird, entwickelt sich zwischendurch – gleichsam aus dem Stand – zu einem Mit- und Gegenspieler des Udoschen Spiels. Zu einem zunächst harmlos erscheinenden, lange unterschätzten, schließlich übermächtig werdenden Gegner. Vielleicht zu einem Feind?

Erwähnt sei, dass noch einige andere geheimnisvolle und wichtige Personen in diesem Roman vorkommen und die Figurenkonstellation noch etwas dichter machen, abgesehen von dem Zimmermädchen Clarita und dem Nachtportier vor allem noch fünf weitere: die attraktive 35jährige Hotelchefin Frau Else und ihr geheimnisvoll im Hintergrund bleibender todkranker Mann, des weiteren die beiden spanischen Gelegenheitsbekannten des deutschen Urlaubsquartetts, El Lobo und El Cordero, sowie Conrad, der daheimgebliebene Freund und Telephonpartner Udos in Stuttgart.

Udo ergeht es wegen seines Spiels übrigens manchmal genauso wie vielleicht dem Buch Bolaños bei noch uneingeweihten, immerhin potentiellen Leser…n wegen seines Titels: Er wird des öfteren irrigerweise für einen Nazi gehalten, der den verlorenen Weltkrieg im Spiel nachträglich gewinnen will. Und wirklich hat er im Spiel die Position der Deutschen eingenommen und sein schließlicher Gegenspieler, der Entstellte, spielt den Part der Alliierten. Und es sieht so aus, als könnte der aus der Geschichte des 2. Weltkriegs bekannte Verlauf des Krieges auf Grund der strategischen und taktischen Fähigkeiten des professionellen Spielers entscheidend verändert werden und der Kriegsausgang schließlich ein anderer sein. Es ist aber der Verbrannte, der außenseiterische Anfänger, der schließlich überraschend doch gewinnt und so zu einem den geschichtlichen Resultaten ähnlichem Ergebnis gelangt, mit spezifisch der Figurenkonstellation des Romans geschuldeten Implikationen.

Mindestens zweierlei, wenn nicht dreierlei scheint mir in diesem interessanten und gut lesbaren Roman besonders wichtig zu sein. a) RB entwickelt in diesem relativen Frühwerk schon eine bestimmte Version seines Spiels mit Erzählschlüssen. Im Verlauf des Erzählens wird ein ganz bestimmter Schluss (bzw. ganz bestimmte Schlüsse) plausibel, fast zwingend nahegelegt; selbst wenn diese Schlüsse nun, wie es schließlich der Fall ist, nicht faktisch die des Romans sind, werden sie von uns Leser…n dennoch nicht vergessen und wirken gedanklich und atmosphärisch nach. b) Am Ende des Romans scheint Udo Berger, der auf den ersten Blick Gescheiterte, kein Spieler mehr zu sein; wir erinnern uns aber, dass er ja der Schreiber dieses Tagebuchromans ist und zwischendurch einen – bei Interpreten oft auf Unverständnis stoßenden, wie ich jedoch meine, durchaus verräterisch aufschlussreichen – Vergleich von deutschen Generälen als Militärstrategen mit ganz bestimmten deutschsprachigen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts gewagt hat. Man versuche doch einmal daraufhin das Kapitel „Meine Lieblingsgeneräle“ (S.248ff) ansatzweise parabolisch zu lesen. Was hier über die Verfahrensweisen beim Spielen dieses Kriegsspiels gesagt wird, wäre in Parallele zu setzen zu den Verfahren der genannten Schriftsteller. Auch die Romane, die RB fortan (also nach 1989) selber noch zu schreiben gedenkt, unterliegen den hier auf den Seiten 248f. angedeuteten vielfältigen Verfahrensweisen des Spiels. In diesem Sinne ist auch schon „Die Naziliteratur in Amerika“ und nicht erst „Die wilden Detektive“ und „2666“ ein großes Spiel, das die Offenheit für Varianten kennt. Wir erinnern uns, dass schon Cortázars großer „Rayuela“-Roman sich als ein Spiel gegeben hat, das an das uns meistens aus der Kindheit bekannte Hüpfspiel „Himmel und Hölle“ anknüpft.

Man wird es mir wohl kaum verargen, dass ich während der Schilderungen des Duells zwischen Udo Berger und dem Verbrannten im Roman mich auch an berühmte Schach-Duelle in Prosaerzählung (Zweigs „Schachnovelle“) und Film (Ingmar Bergmans „Das Siebente Siegel“) erinnert gefühlt habe; zumal die Ähnlichkeit des Kriegspiels „Das Dritte Reich“ mit dem allbekannten Schachspiel – in der Art nämlich, dass es dieses an Komplexität sogar noch weit übersteige – eigens und ausdrücklich im Roman selbst genannt wird.

Keine schlechte Pointe dieses ersten Bolaño-Romans scheint mir die zu sein, dass der Spieler A (der Kriegsspiel-Spieler) sich im Prozess fortlaufenden Tagebuchschreibens zuguterletzt in Spieler B (den Schriftsteller) verwandelt hat; und dass diese Verwandlung Bolaño, der A und B in Personalunion in sich vereinte, bereits mit seinem allerersten Roman und nicht erst beträchtlich später überzeugend gelungen ist.

Roberto Bolaño: „Das Dritte Reich“. Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Christian Hansen. Hanser Verlag, München. 320 Seiten, 21,90 €.




Auf Beutezug im Revier – neue Kurzkrimis aus dem Ruhrgebiet

In der Reihe Mordlandschaften des KBV-Verlags ist der zweite Band mit Kurzkrimis aus dem Ruhrgebiet erschienen. Nach der erfolgreichen Anthologie „Hängen im Schacht“ hat Krimi-Experte H. P. Karr erneut ausgewiesene Krimi-Experten auf einen Streifzug durch das mörderische Ruhrgebiet geschickt. Betitelt ist das Buch mit dem leicht abgenutzten Ruhrgebiets-Kalauer  „Schicht im Schacht“.

24 Autoren haben das Revier von Dortmund bis Duisburg nach literarischen Verbrechen durchsucht und reichlichst Beute gemacht. Es gibt Krimis über Malocher und Macker, unter und über Tage. Das Verbrechen blüht im Landschaftspark Duisburg genau wie in der Hattinger Altstadt und selbstverständlich auch auf dem „Ruhrschleichweg“ A 40. Vielfach ausgezeichnete Autoren haben sich in den kriminellen Untergrund unseres Reviers begeben: Jörg Juretzka, Horst Bieber, Peter Schmidt und der Gründer des Krimi-Festivals „Mord am Hellweg“ Herbert Knorr, um nur einige der bekannteren zu nennen.

Der Leser bekommt, was er erwartet. Zwar soll das Ruhrgebiet zwischen gestern und heute gezeigt werden, doch man scheut sich auch nicht, Ruhrgebiets-Klischees zu bedienen. Vielfach wird immer noch ein düsteres und schmuddeliges Bild der Region gezeichnet.

Einige Geschichten sind durchaus spannend, unterhaltsam auch durch skurril-komische Überzeichung. Hervorzuheben wären da „ZEN in der Kunst des Absahnens“ von Gerd Herholz sowie mein persönlicher Favorit, die Rotlichtballade „On the Road to hell oder als Herr Simanjec einmal tot war“ von Nina George. Andere wiederum haben selbst in der Kürze erhebliche Längen oder kommen einem sehr bekannt vor.

Das Buch steht unter dem Motto „Wenn nix mehr geht, dann iss Schicht im Schacht“.  Es ist anzunehmen, dass es eine Fortsetzung über kurz oder lang geben wird. Eine Extraschicht Aktualität wäre wünschenswert. Für kurzweilige Unterhaltung – häppchenweise genossen – ist die Anthologie dennoch gut geeignet.

Zum Buch gibt es einen Blog, in welchem Hintergründe zur Entstehung, zu den Krimis und zu den Autoren sorgfältig zusammengestellt sind. Weniger gelungen fand ich jedoch die dortige Einleitung, man möchte mit dieser Anthologie nunmehr im Jahr eins nach der Kulturhauptstadt die kriminelle Bilanz ziehen. Vor dem Hintergrund der tragischen Ereignisse bei der Loveparade hinterlässt diese Formulierung ein mehr als ungutes Gefühl und ist sicher überdenkenswert.

Herausgegeben wurde die Anthologie im KBV Verlag vom Autor und WDR-Krimi-Experten H. P. Karr, der in den Neunzigern mit seiner Figur Gonzo Gonschorekt einige lokale Berühmtheit erlangte.

„Schicht im Schacht“ (Hrsg. H. P. Karr). KBV Verlags-und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim. 278 Seiten, € 9,90




Francesco Tristanos Gebrauchsmusik – Klangmixturen mit Klavier

Francesco Tristano. Foto: Matthew Stansfield

Crossover? Das war gestern. Als Waldo de los Rios 1970 den „Song of Joy“ herausbrachte, die seichte Variante des Schlusssatzes von Beethovens 9., mit der „Ode an die Freude“. Oder als drei Jahre später das Electric Light Orchestra einen alten Chuck-Berry-Hit, „Roll over Beethoven“ coverte, mit den Anfangstakten der schicksalsträchtigen 5. Sinfonie als Intro. Oder etwa als der japanische Synthesizer-Guru Tomita die „Bilder einer Ausstellung“ Mussorgskys in ganz andere Sphären hob (1975).

Alles längst vergangen. Heute steht Francesco Tristano in den Startlöchern. Der junge luxemburgische Pianist (der seinen Nachnamen Schlimé abgelegt hat), der sich als ein Techno-Nerd sieht und Crossover ablehnt. Einer, der sich in Klangtüftelei und rhythmischem Minimalismus auslebt. Dem der Sound das wichtigste ist, unabhängig davon, ob die dazugehörigen Noten barocken, klassischen oder modernen Ursprungs sind.

Was das bedeuten kann, hat Tristano nun während der Ruhrtriennale in zwei Konzerten – oder besser: Performances – klar gemacht. Zum einen bei einem Soloauftritt mit Klavier, Keyboard und elektronischer Zuspielung, andererseits in Kooperation mit Instrumentalisten der Duisburger Philharmoniker sowie den Club-Musik-Berühmtheiten Carl Craig und Moritz von Oswald.

Tristano solo: „… Towards Meditation“ will er sich begeben, gewissermaßen auf eine Klangstraße Richtung Erleuchtung – mit einer Mixtur aus dröhnendem Bass-Sound, schwebend hohen Keyboard-Klängen (als wär´s ein Stück von Jean Michel Jarre), darin eingeflochten Werke von Bach, Debussy oder John Cage. Der Weg ist das Ziel, und der 30jährige Pianist lässt keinen Zweifel daran, dass er auf dieser Strecke ein Suchender ist. Sonst wäre die teils holprige Bach-Rhetorik ebenso wenig zu erklären wie der bisweilen manieristisch verzärtelte Impressionismus Debussys.

Was schwerer wiegt, ist die Tatsache, dass Tristano nur dann frei aufspielt, ja sich in Trance musiziert, wenn er die Gefilde einer gleichförmigen Rhythmik erreicht hat. Darauf scheint alles hinauszulaufen, auf eine Meditation im Geiste des Maschinellen, letzthin des Stupenden. Wer da über eine Mischung von Hochkultur mit, ja was eigentlich (niedererer Kultur ?) schreibt, formuliert floskelhaft am Problem vorbei.

Das macht das zweite, großbesetzte „Konzert“, wie der Soloauftritt Tristanos erneut in Bochums Jahrhunderthalle erklingend, überaus deutlich. Da ist der teils sphärische Klang und der Beat, da ist zwischendrin ein wenig Klaviermelos, da bettet sich Streicher- oder Bläsersound ins rhythmische Geschehen ein. Die Duisburger Symphoniker, das klassische Orchester also, wird zur Staffage eines Events.

Der Eindruck will sich einstellen, dass hier jemand sehr wohl auf alte Crossover-Zeiten schielt, als Welthits der Rockmusik ein orchestrales Gewand bekamen. Das letztendlich aber alles in die Dominanz des Rhythmus mündet. Die Jahrhunderthalle wird zum Dancefloor. Wer stille sitzen bleibt, entbehrt des ästhetischen Zugewinns. Insofern sind Francesco Tristanos Mixturen nicht mehr als ein Stück Gebrauchsmusik. Wie etwa die seichten Salonstücke des 19. Jahrhunderts. Ist dies die große Versöhnung von „E“- und „U“-Musik?

 




„Tatort“ Dortmund: Ja, hömma!

Nachtrag am 12. Oktober 2011:

Jetzt ist es heraus: Dortmund wird „Tatort“-Metropole. Und schon überschlägt man sich in der Stadt. Die Presse hat sich schon mal feine Mordgeschichten mit Lokalkolorit ausgedacht. Derweil versucht OB Ullrich Sierau (SPD), sich den Erfolg an seine Fahnen zu heften. Die Westfälische Rundschau zitiert das Stadtoberhaupt heute mit dem Satz: „Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass mein Werben für Dortmund als Krimischauplatz so erfolgreich ist. Ich finde es super…“

Ist ja gut, Herr Sierau, Sie allein haben das bewirkt, keine Frage. Die Leutchen beim WDR mussten das fertige Konzept nur noch abnicken.

Schon im Vorfeld hatte Sierau eine Idee für den ersten Dortmunder Fall lanciert: Fiese Typen sollten demnach einen erfolgreichen Start-up-Unternehmer bedrängen. Dabei hätte man ganz nebenbei erfahren, welch gutes Pflaster Dortmund den Studenten und den jungen Unternehmen bietet, wären da nicht jene Finsterlinge (vielleicht aus Schalke?).

Mal ganz im Ernst: Hoffentlich widerstehen die Autoren allen Anfechtungen, die Dortmunder „Tatort“-Folgen mit strukturpolitischen oder sonstigen Botschaften zu befrachten. Schreibt bitte einfach gute Krimis und zeigt Dortmund als normale Stadt mit solchen und solchen Seiten!

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Und hier der Text von 7. September:

Es wird mal wieder spekuliert, ob Dortmund künftig ein ARD-„Tatort“ sein wird. Doch diesmal klingen die Mutmaßungen so, als wäre einige Wahrscheinlichkeit im Spiele.

Auch ein möglicher Hauptdarsteller wird genannt: der 41-jährige* Jörg Hartmann, der vereinzelt schon Gastauftritte in „Tatort“-Folgen absolviert hat, freilich nie als Polizist. Auch bei „Bella Block“ hat er ‚reingeschnuppert. Überdies verströmt er den Stallgeruch des westfälischen Ruhrgebiets, ist er doch in Hagen geboren und in Herdecke aufgewachsen. Ja, hömma!

Sei’s drum. Im Oktober soll das Publikum „amtlicherseits“ (sprich: vom WDR) mehr erfahren. Bis dahin hält dessen Pressestelle selbst gegenüber den Journalisten aus dem eigenen Hause dicht. Ein Effekt: Abermals ist eine Dortmunder Zeitung vorgeprescht und hat dem Sender, der ja schließlich die in NRW angesiedelten „Tatorte“ herstellt, die Geschichte vorgesetzt. Da muss es also eine undichte Stelle geben, die besagte Zeitung erneut weidlich nutzt. Wer will es den Kolleg(inn)en verdenken? Jedenfalls mussten alle anderen interessierten Medien „nachziehen“, besonders zähneknirschend tat man’s gewiss beim WDR.

Frei nach Lautréamont: Begegnung eines Küchenmessers und eines Stadtplans auf der Arbeitsplatte. (Foto: Bernd Berke)

Frei nach Lautréamont: Begegnung eines Küchenmessers und eines Stadtplans auf der Arbeitsplatte. (Foto: Bernd Berke)

Abgesehen davon fragt man sich, inwiefern es das Image (und indirekt gar das tatsächliche Lebensgefühl) einer Stadt beeinflusst, wenn sie „Tatort“-Schauplatz ist. Nun, es kommt sicherlich immer auf die einzelnen Drehplätze (z. B. Nordstadt, Hohensyburg, Westfalenstadion, Dortmunder „U“, Galopprennbahn oder ländlicher Vorort) und vor allem auf den Zuschnitt der Stories an. Münster beispielsweise wirkt in der ARD-Krimireihe geradezu leichtsinnig humorvoll, während einst in Schimanskis Duisburg vorwiegend die finsteren und desolaten Seiten der Stadt überwogen. Köln, Düsseldorf und Essen waren oder sind gleichfalls nordrhein-westfälische „Tatort“-Städte, so dass Dortmund nun wirklich einmal an der Reihe wäre, bevor sich etwa Randgemeinden wie Mönchengladbach, Aachen, Siegen oder Bielefeld andienen.

Und doch wendet man sich schon jetzt mit Grausen, wenn man sich ausmalt, wie die Stadtspitzen eine solche (vermeintliche) Erhebung in den medialen Adelsstand bejubeln. Wäre das schön, wenn sie es nobel hinnehmen und schweigend genießen würden! OB Ullrich Sierau hatte sich bereits im Frühjahr als Chef des Besetzungsbüros geriert, indem er den gebürtigen Dortmunder und BVB-Fan Dietmar Bär (Freddy Schenk im Kölner „Tatort“) nachdrücklich als DO-Kommissar ins Gespräch brachte. Das wird ja wohl nichts.

Erst recht sollte man sich keine touristisch verwertbare Stadtwerbung versprechen. Erfahrungsgemäß gibt es pro Folge nicht allzu viele Schwenks mit wirklichem Lokalkolorit, Innenraum-Szenen können ohnehin ganz woanders (aus Kostengründen beispielsweise in Köln) entstehen.

Dem vagen Vernehmen nach könnte es in den Dortmunder Krimis vorwiegend bodenständig witzig zugehen. Falls die ganze Chose stimmt, dürften auch schon Autoren und/oder Regisseure** am vorbereitenden Werk sein. Sollte etwa der ortsansässige Adolf Winkelmann…? Nicht doch, oder?

Also gut, warten wir’s einfach demütig ab. Stolzgeschwellt einherschreiten, ansonsten (siehe oben) still genießen oder auch sich königlich über Nestbeschmutzung aufregen, das alles kann man später immer noch.

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*Laut Wikipedia ist Hartmann am 8.6.1969 geboren, laut seiner Agentur (Mieke Gotha) am 8.6.1970…

**Frauen sind mitgemeint




Reges Konzertleben in Bochum: Anton Bruckner als Urvater des Minimalismus

Steven Sloane, GMD der Bochumer Symphoniker

Stets sucht das Team um Bochums Generalmusikdirektor Steven Sloane nach kreativen Ideen, um die Jahreshefte der „BoSys“ auch optisch zu etwas Besonderem zu machen. Auf Überraschungen müssen Musikfreunde dabei immer gefasst sein: Die Programmübersicht kam in vergangenen Jahren schon im Gewand einer Kochrezept-Sammlung daher, in Einzelheften wie die Unterlagen zu einer Fernreise oder auch als Buch mit ehrwürdigem Leineneinband.

Die Nachricht vom Bau des Musikzentrums in der Innenstadt, am 9. März 2011 vom Rat der Stadt Bochum beschlossen, gab jetzt den Anstoß für ein Jahresprogramm in Form einer Zeitung. Zwischen graue Pappdeckel gefasst, informiert die 80-seitige „Bosy Times“ im ersten Teil über die Konzerte der Saison 2011/2012. Der zweite Teil zeichnet in einer „Sonderausgabe“ den langen Weg zum Musikzentrum nach. Was an der Victoriastraße entstehen soll, ist mehr als „nur“ eine längst verdiente Heimat für das renommierte Bochumer Orchester. In der Marienkirche wird ein Multifunktionssaal errichtet, der eine bauliche Einheit mit dem neuen Konzertsaal (mit rund 1000 Plätzen) bilden soll. Die Politik bezeichnet das als „KreativQuartier“, unter dessen Dach die freie Szene ebenso Platz finden soll wie Musikschul-Aktivitäten und musikalische Bildungsangebote für Kinder und Erwachsene.

Viele Musikfreunde, das zeigt diese Sonderausgabe, setzten sich kaum minder unermüdlich ein als Steven Sloane selbst: darunter der Förderkreis der Bochumer Symphoniker, die „Stiftung Bochumer Symphonie“ und namhafte Bürger der Stadt. Handschriftlich bekunden NRW-Kulturministerin Ute Schäfer, Bochums Kulturdezernent Michael Townsend und die Konzerthaus-Intendanten der Nachbarstädte Sympathie und Unterstützung. Im Umkehrschluss zeugt die Zeitung aber auch davon, dass noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten ist. So ungemein treu das Publikum der „BoSys“ auch zum Orchester steht, so groß scheint die Bevölkerungsgruppe jener, die Kunst und Kultur nicht als Notwendigkeit begreifen, sondern ihr mit dem Verweis auf bröckelnden Straßenbelag und verrottende Schulgebäude die verbale Keule übers Haupt ziehen.

In der „Bosy Times“ aber steht die Kunst an erster Stelle. Die kommende Konzertsaison der Bochumer Symphoniker stellt Anton Bruckner von einer überraschenden Seite vor, nämlich als „Urvater des Minimalismus“. In der Gegenüberstellung von Bruckner-Werken mit Kompositionen typischer Minimalisten wie Steve Reich, Philip Glass und John Tavener wollen Steven Sloane und sein Orchester verwandte Kompositionsschemata aufzeigen. Weil diesen Komponisten zudem ein starkes Interesse an Fragen geistlicher Natur gemein ist, trägt der Themenschwerpunkt der neuen „BoSy“-Saison den Namen „Spiritual Loops“: ein Begriff, der sich in dieser Kürze und Prägnanz nicht ins Deutsche übertragen lässt. Stehen „Loops“ in der Musikwelt doch für kleine, immer wiederkehrende Strukturen, die obsessiv um sich selbst zu kreisen scheinen. Der Sogkraft, die von den Wiederholungen ausgeht, spürt das Orchester unter anderem in nächtlichen Konzerten in einer Synagoge, einer Moschee und einer Kirche nach.

Prominentes Zugpferd für einen weiteren Themenschwerpunkt ist der Schauspieler und Moderator Harald Schmidt, den Steven Sloane für vier verschiedene Projekte gewinnen konnte. So kommt es im November zunächst zu einer „BosySchmidt Show“, in der das Orchester zur Big Band wird und der RuhrCongress zum Studio. Einer szenischen Einrichtung von Mozarts „Le nozze di Figaro“ im AudiMax der Ruhr Universität folgt im März 2012 eine Text-Musik-Collage zum Thema „Faust“. Und in einem Familienkonzert übernimmt Harald Schmidt Moderation und Klavierpart zu Benjamin Brittens berühmtem „Young Person’s Guide to the Orchestra“.

Bekannte Sänger und Solisten verleihen der Saison weiteren Glanz. Der Tenor Christoph Prégardien ist mit Orchesterliedern von Gustav Mahler zu erleben. Die Sopranistin Simone Kermes singt virtuose Arien von Vivaldi bis Bernstein, und in einem Gastspiel in der Philharmonie Essen begleiten die „BoSys“ im Oktober den derzeit stark gefragten Tenor Jonas Kaufmann durch einen Arienabend. Unter den Instrumentalisten ragen zum Beispiel die Pianisten Jonathan Gilad, Nikolai Tokarev und Alexander Lonquich hervor. John Adams’ Konzert „Dharma at Big Sur“ für elektrische Violine und Orchester wird Tracy Silverman interpretieren. Solist im Violinkonzert von Erich Wolfgang Korngold ist der in Moskau und der New Yorker Juilliard School ausgebildete Wahl-Amerikaner Philippe Quint. Kammerkonzerte und die an die Jugend gerichteten Angebote des „Ohrenkneifers“ vervollständigen das Angebot.

Wie sich das Musikzentrum auf die Arbeit der Bochumer Symphoniker und die oft beklagte Verödung der Bochumer Innenstadt auswirkt, wird noch zu beobachten sein. Steven Sloane, der seinen Wohnsitz in Bochum trotz seines Umzugs nach Berlin behalten hat, formuliert selbstbewusst: „Die Musik steht im Zentrum unseres Tuns – und bald auch im Zentrum unserer Stadt.“

(Informationen im Internet: www.bochumer-symphoniker.de, Kartenbestellung: 0234/ 33 33 55 55.)

 




Das Ruhrgebiet war gegen Nazis nicht immun: Schon 1932 füllte Hitler die Westfalenhalle

Die Neonazis beunruhigen Dortmund – zu Recht. Ein kleiner historischer Abstecher zeigt nämlich, dass das Ruhrgebiet keineswegs immun war gegen die Nazis um Hitler.

Die alte Westfalenhalle (Foto: Stadtárchiv Dortmund)

Vor gut 85 Jahren, Mitte Juni 1926, kam der Anführer der Nationalsozialisten zum ersten Mal ins Ruhrgebiet. Wegen seiner persönlichen Kontakte zu den Hattinger „Parteigenossen“ begann Hitler seine Rundreise in der Stadt Hattingen. Im Lokal „Märker“ traf er sich mit den örtlichen NSDAP-Mitgliedern, und auf der Treppe vor dem Lokal entstand ein Erinnerungsfoto, auf dem zum ersten Mal auch die Mädchengruppe der NSDAP Hattingen zu sehen ist. Anschließend fuhr Hitler weiter nach Bochum, Elberfeld und Essen, wo er jeweils vor großen Versammlungen seine umjubelten Reden hielt. Die Polizei hatte darauf bestanden, dass diese Kundgebungen als „Mitgliederversammlungen“ aufgezogen wurden, was den Ortsgruppen natürlich entgegen kam. An den Eingängen mussten die Zuhörer Personalausweis, den Partei-Mitgliedsausweis und eine Einlasskarte vorzeigen, und dennoch waren die Versammlungen überfüllt. Wer noch nicht Mitglied war, wurde gleich an der Kasse aufgenommen. Allein für Bochum schätzte die Polizei die Teilnehmerzahl im Evangelischen Gemeindehaus auf etwa 1000.

Im März 1932 war Hitler wieder einmal im Ruhrgebiet, und diesmal sprach er in der Westfalenhalle vor mehr als 18.000 begeisterten Anhängern. Es ging um die Reichspräsidentenwahl, in der Hitler später gegen den Amtsinhaber unterlag.

Bei den letzten freien Reichstagswahlen am 6. November 1932 erhielt die NSDAP entgegen ihren Erwartungen „nur“ 33,1 Prozent der Stimmen. Sie verlor reichsweit 34 Mandate, allerdings lagen die Verluste der Nazis im Ruhrgebiet unter dem Reichsdurchschnitt. Es gibt also im Revier keinen Grund, von einer besonderen Resistenz auszugehen.