Flamenco zieht die Massen magisch an – beim Volksfest zur Eröffnung der Ruhrfestspiele

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Sieben Feuerwehrleute waren auf der Festspielwiese nahezu allgegenwärtig. Doch sie löschten keine Brände, sondern animierten mit munteren Sprüchen Hunderte zu Mitmach-Aktionen wie etwa der Herstellung von „Müllmonstern“. Die „Wehrmänner“, in Wahrheit Theaterleute, waren gestern einer der vielen bunten Programmtupfer zur traditionellen Eröffnung der Ruhrfestspiele rund um das Festspielhaus in Recklinghausen.

Begonnen hatte die Veranstaltung mit der DGB-Maikundgebung. Konrad Carl, Vorsitzender der IG Bau-Steine-Erden, betonte die Solidarität aller DGB-Gewerkschaften mit den derzeit im Tarifkonflikt befindlichen IG Metall und IG Druck und Papier: „Wer glaubt, die Gewerkschaften auseinanderdividieren zu können, hat sich in den Finger geschnitten“, rief Carl unter Beifall. Die von der Regierung gepriesene Marktwirtschaft laufe immer deutlicher auf pure „Machtwirtschaft“ und soziale Demontage hinaus. Ab 12 Uhr folgte das schier unüberschaubare Programm auf dem Freigelände, in dem Foyer und auf mehreren Bühneu. Dietrich Kittner war ebenso zur Stelle wie Hanns-Dieter Hüsch und die Kölner Gruppe „Bläck Fööss“.

An zahlreichen Bücherständen fielen neben Literatur zur Dritten Welt, zur Arbeitszeitverkürzung und zur Friedenspolitik vor allem Bücher über Lust, Liebe und Körperlichkeit auf – ein Trend, der wohl auch dem kuriosen Flamenco-Auftritt zugute kam. Als die „Compagnie Des Danses Espanols“ begann, ging so gut wie nichts mehr im großen Saal des Festspielhauses. Ab 14 Uhr nämlich, die Regenwolken hatten sich endlich etwas aufgelöst, strömten die Zuschauermengen herbei, die am Vormittag noch schmerzlich vermißt worden waren. Ersten Schätzungen zufolge waren es wieder rund 50 000 Besucher. Einige hundert von ihnen werden während der gesamten Festspielsaison der Öffentlichkeit präsentiert. Ihre Konterfeis, mit Sofortbildkamera aufgenommen, hängen seit gestem im Maibaum des Festspielhauses.

Während das Festspiel-Ensemble mit Ausschnitten aus seinen Produktionen kräftig die Werbetrommel in eigener Sache rührte und für Schlangen an den Vorverkaufskassen sorgte, erklangen Rockmusik und Folklore aus (fast) aller Herren Länder. Besonderheiten in diesem Jahr: Aktionen zum Thema Kabelfernsehen und das erstmals gestartete Filmfest „Leinwandfrei“. Das Programm des Abends bestritt im Zeit am Adenauerplatz der Circus Roncalli mit seiner „Dritten und letzten Reise zum Regenbogen“. Wir kommen darauf ausführlicher zurück.




Bochums OB: Aussichten für Peymanns Bleiben gestiegen – „Krisensitzung“ mit Kultusminister Schwier

Von Bernd Berke

Bochum/Düsseldorf. Ist er mit dem Wiener Burgtheater handelseinig geworden, oder bleibt Claus Peymann doch am Bochumer Schauspielhaus? Es darf weiter gerätselt werden – auch nach der dreistündigen „Krisensitzung“, zu der Bochums Oberbürgermeister Heinz Eikelbeck Peymann und (als Vermittler) NRW-Kultusminister Hans Schwier am späten Montagabend nach Wattenscheid gebeten hatte.

Manfred Gutzmer, Pressesprecher der Stadt Bochum: „Der Oberbürgermeister ist optimistisch und beziffert die Chancen dafür, daß Peymann bleibt, jetzt wieder auf über 50 Prozent.“ Das Gespräch mit dem OB und dem Kultusminister habe „Eindruck auf Peymann gemacht“.

Nach Auskunft von Michael Rüdell, Pressesprecher des Kultusministeriums, sind Peymann von keiner Seite aus bindende Zusagen gemacht worden. Insbesondere Peymanns kostspielige Forderung nach einer zweiten Schicht seiner Technik (nötig für häufige Auswärts-GastspieIe) könne vom Land ebensowenig erfüllt werden wie sein Wunsch, die Bühne zu einem höher bezuschußten „Staatstheater“ zu machen. Rüdell: „Zur Bereitstellung von ein paar Hunderttausend Mark würden sich Mittel und Wege finden.“ Man könne, um die notwendigen Mittel freizumachen, notfalls den gesamten Haushalt des Kultur-Ressorts auf Einsparmöglichkeiten durchforsten oder auch beim Finanzministerium sogenannte „überplanmäßige Mittel“ beantragen. Die Hauptlast der finanziellen Zugeständnisse müsse gegebenenfalls aber die Stadt Bochum tragen. Dort war zu erfahren, daß man sich „über gewisse Steigerungsraten“ beim 17,5-Mio.-Zuschuß fürs BO-Theater durchaus verständigen könne.

Bochums OB Eikelbeck ging gestern auf Reisen – dem Vernehmen nach nicht in Richtung Wien, sondern rein privat nach Paris. In Wien jedenfalls gehen alle beteiligten Stellen davon aus, daß Peymann an die „Burg“ kommt; es ist gar von einer „Zusage“ die Rede, wobei in der Schwebe gelassen wird, ob bereits Unterschriften geleistet wurden.

Schwiers Sprecher Rüdell faßt die in Wattenscheid gewonnenen Eindrücke bündig zusammen: „Ein Pokerspiel, und zwar auf fallen Seiten.“ Minister Schwier, der in Begleitung eines Finanzexperten erschienen war, habe Peymann nahegelegt, sich genau zu überlegen, „was er da eigentlich gegen seine Tätigkeit in Bochum eintauschen würde.“ Der Kultusminister wolle Peymann zwar in NRW halten, werde dem Intendanten aber „nicht nachlaufen“. Schwier habe mit seiner Vermittlerrolle Oberbürgermeister Eikelbeck „eine Gefälligkeit erweisen wollen“. Nun erwarte man in Kürze eine von Peymann angekündigte Erklärung. Da Peymann Eikelbeck versprochen hat, zuerst ihn persönlich von seiner Entscheidung in Kenntnis zu setzen, wird die Erklärung vermutlich frühestens nach der Rückkehr Eikelbecks am 5. April erfolgen. Bis dahin soll Rolf Paulin, Verwaltungsdirektor des BO-Theaters, mit Schwiers Finanzexperten Vorverhandlungen aufnehmen.




Täglich vier Stunden lokales Fernsehen – Projektleiter Erdmann Linde zum Dortmunder Kabelpilotversuch

Der neue Leiter des Kabelprojekts Dortmund, Erdmann Linde (zweiter von links), im Gespräch mit den Rundschau-Redakteuren Bernd Berke, Johann Wohlgemuth und Dieter Rosenkranz (von links nach rechts). (WR-Bild: Franz Luthe)

Von Bernd Berke und Johann Wohlgemuth

Dortmund. Spätestens zur Jahresmitte 1985 wird in Dortmund ein neues Funk- und Fernsehzeitalter beginnen. Bei einem Besuch der WR-Redaktion nannte Erdmann Linde, künftiger Leiter des Dortmunder Kabelpilotprojekts, seine Vorstellungen zu der bis 1988 dauernden Versuchsphase.

Folgende Programme sollen nach Lindes Angaben ins Kabelnetz eingespeist werden:

  •  ARD und ZDF in verbesserter Qualität, ein Querschnitt durch die verschiedenen Dritten Programme, dazu der „ZDF-Musikkanal“;
  • Ein lokales Fernsehen (täglich bis zu 4 Stunden);
  • Sogenannte „Spartenprogramme“ auf insgesamt vier Kanälen, d. h. zum Beispiel bis zu 14 Stunden täglich ausschließlich Sportsendungen, Kultur oder Bildung;
  • Ein „Offener Kanal“, in dem alle Bürger eigene Sendungen unterbringen können;
  • Ein lokales Hörfunkprogramm, das auch ohne Kabel empfangen werden kann;
  • Ein Kabel- oder Videotext-Informationsdienst mit bis zu 3000 „Seiten“.

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„Wir brauchen nicht mehr Denver-Clan“

„Mehr ,Denver-Clan‘ brauchen wir nicht!“ So umriß der neue Projektleiter für das Kabel-Pilotprogramm in Dortmund, Erdmann Linde, der von seiner Berufung „völlig überrascht“ war, seine Leitlinie zu den Programm-Inhalten. Da das Dortmunder Projekt im Gegensatz zu den anderen Kabelprojekten (Mannheim/Ludwigshafen, München, Berlin) unter dem Dach des Westdeutschen Rundfunks (WDR) öffentlich-rechtlich organisiert sei und ganz ohne Werbung auskommen werde, müsse man weniger Rücksichten nehmen. Der Zwang, etwa durch redaktionelle Beiträge ein „passendes Umfeld“ zur Werbung zu schaffen, entfalle.

Linde räumte ein. daß für das lokale TV-Programm noch zeitliche„Nischen“ gesucht werden müßten, da man nicht mit der ARD-„Tagesschau“ oder anderen Standardsendungen konkurrieren könne. Aktuelle Berichte und Kommentare würden ebenso zum Lokal-TV gehören wie der tägliche Veranstaltungskalender. Programm-Lücken könnten mit Auftragsproduktionen oder aus dem just von der ARD erworbenen Spielfilm-Paket der MGM/UA (Metro-Goldwyn-Mayer / United Artists) gefüllt werden. Linde: „Auch Dortmund profitiert also von diesem Millionen-Einkauf.“ Damit werde die Leistungsfähigkeit des öffentlich-rechtlichen Systems auch im Rahmen des Kabelprojekts bewiesen. Klaus Katz, der Linde als Programmdirektor des Dortmunder Kabelprojekts zur Seite stehen wird (dazu als Technischer Direktor: Herbert Schude), denke außerdem über ein Konzept für regelmäßige lokale Live-Sendungen nach, bei denen das Publikum mitwirken kann. Auch Linde erhofft sich davon eine Belebung: „Wir wollen ja niemanden zum Dauerfernsehen animieren, sondern zu Gesprächen und Aktivitäten anregen“.

Die „Spartenprogramme“ werden nicht allen (Wunschzahl: bis zu 30.000) Teilnehmern, sondern gegen Aufpreis nur einigen von ihnen ins Haus geliefert. Ohne Zusatzdecoder werden diese Spezialsendungen nicht zu empfangen sein. Lindes Ideen am Beispiel eines reinen „Sport-Kanals“: Übertragungen der Auswärtsspiele des örtlichen Bundesliga-Clubs Borussia Dortmund, wobei vorher mit dem DFB geredet werden müsse, oder auch zeitversetzte Ausstrahlungen von Sportsendungen anderer Anstalten, damit Schichtarbeiter nichts versäumen. Als Zulieferer für einen „Bildungs-Kanal“ könnten örtliche Weiterbildungseinrichtungen auftreten. Auch an spezielle Politik- bzw. Kulturprogramme werde gedacht.

„Offener Kanal“: Vom Ständchen bis zur Bürgerinitiative

Selbst senden können die Zuschauer via „Offenen Kanal“, dessen genaue Ausgestaltung noch erarbeitet werden muß. Im Gesetz über den Kabelversuch in Dortmund sind allerdings eindeutige Vorgaben schon formuliert. Strafrechtliche Unbedenklichkeit vorausgesetzt, soll hier niemand ein Blatt vor den Mund nehmen müssen. Wenn sich viele Interessenten melden, werden ihre Beiträge numeriert und in eine „Warteschlange“ eingereiht. Probleme, die noch zu klären sind: Höchstdauer der Einzelbeiträge; ausgewogenes Verhältnis zwischen Gruppen- und Einzelbeiträgen. Ansonsten aber sieht Erdmann Linde gerade im „Offenen Kanal“ den Versuch, ein inhaltlich nicht ausgewogenes Programm zu testen. Von Verlautbarungen einer Bürgerinitiative bis hin zum TV-Ständchen zu Omas Geburtstag wird alles erlaubt sein. Bei der Produktion werden Fachleute im Studio als Medienhelfer zur Verfügung stehen. Auch die sogenannte Infrastruktur (Kameras, Tonmaschinen und dergleichen) soll gegen geringe Gebühr den Nutzern „ausgeliehen“ werden können.

Wer nicht live auf Sendung geht, sondern eine Videoaufzeichnung bringen will, trägt die Materialkosten. Das Band bleibt Eigentum des Produzenten und geht nach einer gewissen Lagerungszeit auch wieder in seinen Besitz über. Allerdings kann es durchaus möglich sein, daß in Verhandlungen auch andere Möglichkeiten gesucht werden. Denn es ist durchaus vorstellbar, daß man solche privaten Bänder für spätere Dokumentationen auch im Kabel-Studio gebrauchen kann. Die Nutzer des offenen Kanals haben jedoch keinen Anspruch auf ein Honorar, wenn ihre Bänder ausgestrahlt werden.

Noch größere Erwartungen, was den „Offenen Kanal“ betrifft, setzt Erdmann Linde in den dafür vorbehaltenen Teil des auch ohne Kabelanschluß empfangbaren lokalen Hörfunkprogramms: „Mit einem einfachen Kassetten-Rekorder ist jeder dabei!“ Für den Lokalfunk plane man im übrigen eine Mischung aus Wort- und Musikbeiträgen, suche aber noch nach neuen Sendeformen, die sich von den herkömmlichen Magazinen abheben.

Zur personellen Ausstattung sagte Linde, das Kabelprojekt (Zentrale: Ehemalige Bergschule Dortmund) werde, „wenn wir voll auf Sendung sind“, rund 150 Mitarbeiter beschäftigen, darunter 50 Redakteure. Dienstherr werde vermutlich der WDR sein. Bei Einstellungen solle auf engere Bindungen an Dortmund Wert gelegt werden. Die Mitarbeiter würden teilweise bis 1988 befristete Verträge bekommen, zum Teil aber auch solche mit Garantieklauseln auf spätere Übernahme. Als mit „vielen Rechten ausgestattetes Organ“ werde ein 27köpfiger Projektrat die Testphase begleiten.

 

 




Neue Kulturstiftung Ruhr will das Revier auch im Ausland zum Begriff machen

Von Bernd Berke

Essen. Einen Chirurgen benötige die Kultur des Ruhrgebiets zwar keineswegs, „wohl aber immer wieder frische Blutzufuhr“. So bildhaft begrüßte Ministerpräsident Johannes Rau gestern in der Essener Villa Hügel den Start eines hocheingeschätzten Projekts: Seit gestern gibt es die „Kulturstiftung Ruhr“, die laut Satzung alle überörtlichen Maßnahmen fördern soll, die geeignet sind, das Revier als „einheitliche Kulturlandschaft von Rang“ im In- und Ausland darzustellen.

Die Initiative ging von der Krupp-Stiftung und ihrem Kuratoriumsvorsitzenden Berthold Beitz aus. Die Stiftung bringt in den nächsten zehn Jahren je 1 Million DM in die Kulturstiftung Ruhr“ ein. Prof. Paul Vogt, Direktor des Essener Folkwang-Museums und neben Beitz im Vorstand der Stiftung, umriß die Förderungs-Aufgaben der neuen Institution wie folgt:

  • Aus- und Weiterbildung eines qualifizierten künstlerischen Nachwuchses
  • Dokumentation herausragender ruhrgebietsspezifischer Ereignisse
  • Unterstützung von Pilotprojekten mit besonderer Bedeutung für das Ruhrgebiet
  • Ausstellungen oder ähnliche Veranstaltungen, die Maßstäbe für das Kulturleben im Revier setzen können und dessen internationales Ansehen fördern.

Wie gestern weiter mitgeteilt wurde, werden erste Projekte im Sommer dieses Jahres spruchreif. Einzelheiten wurden noch nicht verraten.

NRW-Kultusminister Hans Schwier gab sich in Essen zuversichtlich. Kulturförderung sei indirekt auch Wirtschaftsförderung. Mit Blick auf den Landeshaushalt meinte Schwier, man habe endlich die „Talsohle erreicht“ und werde sie durchschreiten, indem man künftig auch im Kulturbereich wieder schrittweise aufgestocken werde. Bei diesem Normalisierungsprozeß, so Johannes Rau, könnten private Initiativen wie die soeben gegründete Stiftung wichtige „Signalwirkung“ haben und öffentliche Anstrengungen beflügeln. Insofern sehe er in der Stiftung nicht nur einen Geldgeber, sondern auch einen „Hoffnungs-Stifter“. Kultur werde gerade in sozial weniger rosigen, zur Resignation neigenden Zeiten zur „Lebensfrage“. Das Revier sei eben nicht nur eine Region der Arbeit, sondern zähle zu den wichtigsten Kulturzentren der Welt.

Ein Wermutstropfen fiel gestern dennoch in den Freudenbecher. Berthold Beitz beklagte die nach seiner Ansicht kleinlichen Richtlinien des deutschen Stiftungsrechts. Ursprünglich habe man die „Kulturstiftung Ruhr“ mit einem Grundkapital von 10 Millionen DM ausstatten wollen. Dies sei aus steuerlichen Gründen nicht möglich gewesen. Nun müsse man den Betrag auf zehn Jahre verteilen, was enormen Zinsverlust bedeute. Beitz drastisch: Es sei steuerlich einfacher, afrikanische Fußballer zu fördern als einheimische Kultur. Um das Mindestkapital aufzubringen, griff Beitz in die Privatschatulle. Betrag: 100 000 DM. Da die Stiftung sich als „Sammelbecken“ verstehe, könne jedermann sein Scherflein beitragen.




Revier-Lexikon ist nicht durchweg zuverlässig

Von Bernd Berke

Wer hat schon immer parat, daß der Schauspieler Heinz Drache in Essen geboren ist, daß Rudolf Platte aus Dortmund und der Groß-Verleger Gerd Bucerius aus Hamm stammt?

Und weiter: daß es schon 1925 ein Rundfunk-Landesstudio in Dortmund gab, daß in Bochum 1863 eine Shakespeare-Gesellschaft gegründet wurde, daß es im Revier ungefähr 4200 Sportplätze gibt, daß Sigi Held 422 Bundesliga-Einsätze für Borussia Dortmund bestritt?

Für alle, die schon immer besser übers Ruhrgebiet Bescheid wissen wollten, sollte es eine neue Informationsquelle und Gedächtnisstütze sein: das „Revier-Lexikon“ (326 Seiten, 24,80 DM), natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit und im Bielefelder Univers-Verlag erschienen. Von Aake (Frachtschiff der Ruhrschiffahrt im 18. und 19. Jahrhundert) bis Zymzicke („schnippische Person“) – der Band soll in (zu) knapper Form über Landschaft, Wirtschaft, Kultur, Sport, Städte und Menschen dieser Region Auskunft geben. Warum ist eigentlich bisher noch niemand auf diese Idee gekommen?

Auf einem anderen Blatt steht, wie der Einfall verwirklicht wurde. Herausgeber Alfred Lau, Ulrich Krause, leitender Redakteur, und ihr Team haben leider auch den begrenzten Rahmen nicht immer zur Zufriedenheit gefüllt. Die krause Mischung aus brauchbaren Informationen und schludrig aufbereiteten Stichwortartikeln läßt zwar hie und da Lesevergnügen aufkommen, aber es bleibt eher beim Vergnügen der unverbindlichen Art. Wäre man weniger gutwillig, könnte man sagen, daß hier die Grenzen zwischen seriöser Lexikondarstellung und unterhaltenden Teilen reichlich fließend sind.

Mit der Zuverlässigkeit, die man billigerweise gerade von einem Buch verlangen darf, das sich „Lexikon“ nennt, hapert es an zahlreichen Stellen. Nicht nur viele der mitgeteilten „Fakten“ über die Zeitungslandschaft des Reviers (bis hin zu Geburtsdaten) sind grundfalsch. Unsinnig z. B. auch die Behauptung, es habe im Mittelater „Schwerter aus Schwerte“, also Waffenschmieden in der Ruhrstadt gegeben. Solche groben Schnitzer sind einfach ärgerlich. Sie machen auch mißtrauisch gegenüber Informationen, die sich nicht unmittelbar nachprüfen lassen. Vor einer eventuellen zweiten Auflage muß dringend korrigiert werden. In der derzeitigen Form ist das Buch sein Geld nicht wert.

Im selben Verlag ist auch ein „Kleiner Kunst- und Kulturführer Ruhrgebiet“ (14,80 DM) erschienen. Durch die Beschränkung aufs Thema Kulturkann Autor Alfred Wolf mehr in die Details gehen als die Redaktion des „Revier-Lexikons“. Alphabetisch nach Städten geordnet, erweist sich der 144-Seiten-Band als nützlicher Führer durch den wahren „Dschungel“ an kulturellen Begebenheiten und Institutionen an Ruhr und Emscher. Dankenswerterweise werden nicht nur die „klassischen“ Sparten berücksichtigt, sondern auch Kabarett, „Alternativ“-Theater oder Rockmusik.




Nach mancher Qual doch noch Glanzlichter – Ruhrfestspiel-Ensemble fünf Stunden lang im „Depot“

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Gleich vier neue Produktionen stellte jetzt das Ensemble der Ruhrfestspiele vor – und das erstmals in seiner neuen Spielstätte, einem ehemaligen Straßenbahndepot.

Das Depot ist ein vorzüglicher Ort fürs Theater. Es umfaßt eigentlich drei Spielstätten, so daß zur Einweihung zwei Stücke zeitlich parallel gegeben werden konnten (im „Magazin“ und in der „Werkstatt“). Das fünfstündige Mammutprogramm startete jedoch im Theatersaal des früheren Tramschuppens, und zwar mit „Prometheus und Herakles 5″ von Heiner Müller. An diesem gewichtigen Brocken hat man sich überhoben. Mag sein, daß die wahre Fließbandarbeit des Ensembles, deren erste Ergebnisse hier im Zusammenhang zu sehen waren (künftige Aufführungen erfolgen separat), einen Großteil jener Energie aufgesogen hat, die Müllers Aischylos-Bearbeitung kosten müßte.

Wolfgang Lichtensteins Inszenierung konzentrierte kaum, brachte wenig „auf den Punkt“. Im Prometheus-Teil (Hauptrolle: Bernd Köhler) mühte man sich, nicht immer sinnvermittelnd, mit Müllers hochkomplizierter, klassizistischer Sprache ab. Dann kam Herakles 5 (Meinhardt Zanger) mit Blaumann und Schutzhelm, befreite den Lichtbringer Prometheus und setzte zu einem Solo über die Reinigung des Augias-Stalls an, das wohl als Kabinettstückchen zu werten wäre, mit dem Beginn aber so gut wie nichts mehr zu tun hatte. Durch den allzu jähen Sturz auf die Alltagsebene wurden kaum fruchtbare Widersprüche aufgetan. Statt sich dialektisch zu entfalten, geriet das ganze Stück gleichsam in Schieflage.

Weiter ging’s mit „Die Wende“, einer mit Bochumer Opel-Arbeitern entwickelten Produktion, Szenen zum Thema Arbeitszeitverkürzung. Da zeitgleich „Antreten zum Doppelbeschuß“ (Produktionsleitung: Jürgen Fischer) lief, mußten sich die Besucher entscheiden. Meine Wahl fiel auf den „Doppelbeschuß“. Die Qual folgte prompt. Neckische Vergleiche gewisser Beate-Uhse-Produkte, die den Pershing-Raketen in punkto Stab-Form ähneln, mit eben jenen Atomwaffen, waren da noch das – in jeder Hinsicht – Harmloseste. Die gemeinsam mit Oberhausener Gewerkschaftern erarbeitete Szenenfolge läßt zwar hie und da „die Muskeln spielen“, erwägt gar Generalstreik gegen Stationierung, bleibt aber im Grunde bieder. Über die zentrale, immer wiedergekäute These „Kapitalismus = Krieg“, an der gewiß „etwas dran“ ist, kommt das nicht hinaus. So bleiben gut gemeinte Ansätze flach und eindimensional.

Doch noch ein versöhnender Ausklang: Im Hauptsaal beendet die 100-Minuten-Revue „Wer andern eine Grube gräbt“ (Leitung: Wolfgang Spielvogel) den Marathon. Schwachpunkte fallen hier weniger ins Gewicht. Mit insgesamt 20 „Nummern“, Texten so unterschiedlicher Autoren wie Loriot, Franz Xaver Kroetz oder Peter Alexander (seine Bergmannsschnulze „Schwarzes Gold“ wird der verdienten Lächerlichkeit preisgegeben), werden immer wieder Glanzlichter gesetzt. Vielleicht liegt in solchen Produktionen eine ganz spezielle Stärke und Zukunft des Ensembles.




Respektable „Zugabe“: Meister des 19. Jahrhunderts im neuen Dortmunder Museum

Von Bernd Berke

Dortmund. Dortmunds „Museum für Kunst und Kulturgeschichte“ kann schon zur volksfestlichen Eröffnung am Samstag (Beginn: 11 Uhr) mit einer respektablen „Zugabe“ aufwarten.

Im Zwischengeschoß des für 18 Mio. DM mit Um- und Anbau versehenen, ehemaligen Sparkassengebäudes an der Hansastraße (wir berichteten), sind bis 22. Januar Bilder französischer und niederländischer Maler aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu sehen. Die 22 Leihgaben für diese Sonderausstellung stammen aus dem Rijksmuseum Mesdag. Noch nie waren an einem Ort der Bundesrepublik so viele Werke aus der in Den Haag beherbergten Kollektion des Malers Hendrik W. Mesdag versammelt.

„…deutlicher als die Natur selbst“, lautet der Titel dieser Ausstellung. Er geht zurück auf einen bewundernden Ausspruch Vincent van Goghs, der sich wiederum auf mehrere der nun in Dortmund präsentierten Maler bezog.

Die Landschaftsbilder, Idyllen, Seestücke und Stilleben markieren Übergangsfelder zwischen realistischer und impressionistischer Darstellungsweise. Große Namen, vor allem bei den französischen Meistern: Camille Corot und Gustave Courbet beispielsweise. Maler und Sammler Mesdag spielte um 1870 eine wichtige Vermittlerrolle zwischen ihnen und den Niederländern Jozef Israels, Jacob Henricus Maris oder Anton Mauve („Haager Schule)“. Wie sie die Anregungen der Franzosen verarbeiten, läßt diese Ausstellung umrißhaft ahnen. Es ergeben sich auch Vergleichsmöglichkeiten zu Teilen der nun zu zwei Dritteln zugänglichen Eigenbestände, etwa zu Arbeiten von Max Liebermann oder Lovis Corinth.

Museumsdirektor Gerhard Langemeyer, der seinem Haus nicht nur mit dieser Schau „überregionale, ja internationale Bedeutung“ zu verschaffen hofft, will Wirbel in die nicht immer sehr an- und aufregende Dortmunder Ausstellungs-Szenerie bringen und verspricht bildhaft: „Wir machen Dampf!“ Coup zum Auftakt: Ein in Kürze erscheinender, erster Band eines Bestandskatalogs mit satten 675 Seiten, der dank knapper Verlagskalkulation im Museum nur wenig mehr als 40 DM kosten soll.




Duisburger Projekt: Gezielte Integrationshilfe in der Bibliothek

Von Bernd Berke

Duisburg. Duisburgs Stadtbibliothek verfügt über die mit 40 000 Titeln größte türkischsprachige Abteilung aller bundesdeutschen Büchereien. Wer soll sich da noch auskennen? Die türkischen Benutzer und die deutschen Bibliothekare haben den Überblick verloren. Die Qualität der Beratung sinkt zwangsläufig.

Dem Übelstand soll ein Projekt abhelfen, das von Duisburg aus als Service-Leistung für alle Büchereien (und Schulen) betrieben wird. Projektleiter Tayfun Demir erstellt einen Katalog besonders wichtiger und empfehlenswerter türkischer Literatur – vom Kinderbuch über den Klassiker bis hin zum Religions- oder Sachbuch. Wichtigstes Auswahlkriterium: Integrationsfördernde Werke sind gefragt, nationalistische Pamphlete verpönt. Seit die Militärs in Ankara an der Macht sind, gestaltet sich eine so motivierte Suche zunehmend schwieriger. Werke, denen der „Ruch des Liberalen“ anhaftet, erscheinen am Bosporus nicht mehr.

Stöbern in den Duisburger Regalen und Recherchen bei türkischen Verlagen förderte allein 50 Romane und Erlebnisberichte zum Thema „Leben in der Bundesrepublik Deutschland“ zutage – vielleicht für manchen Ratsuchenden eine Hilfe, die jedoch erst einmal erschlossen werden muß. Tayfun Demir hat da seine Erfahrungen. Zwei Jahre lang klapperte er mit dem Bücherei-Bus die Duisburger Stadtteile mit hohem Türkenanteil ab. Demir: „Erst seitdem weiß ich, welche Lektüre meine Landsleute brauchen“.

Etwa 1500 Bände werden bis zum Schluß des Projekts (Ende 1984) aufgelistet sein. Jeder Titel wird mit einem Kurzkommentar in türkischer und deutscher Sprache vorgestellt. Diese Orientierungshilfe soll von einem Berliner Verlag veröffentlicht werden. Bereits in diesem Herbst kommt eine Aufstellung mit 300 Kinderbüehern heraus. Demir: „Türkische Kinder sind die eifrigsten Bibliotheksbenutzer.“

Gefördert wird das in aller Stille verwirklichte, wichtige Projekt von der Krupp-Stiftung (220 000 DM). Vertreter der Duisburger VHS sitzen im Projektbeirat.




Makulatur für die Nazi-Flammen – In Dortmund verlief die Bücherverbrennung 1933 nicht reibungslos

Von Bernd Berke

Dortmund. In den Universitätsstädten hatte man die Sache am 10. Mai 1933 „erledigt“. Pg. (Parteigenosse) Woelbing sollte die Dinge in Dortmund vorantreiben. Seit März war Woelbing Leiter der örtlichen „Bibliotheks-Prüfungskommission“.

Mit Briefkopf der NSDAP-Gauleitung Bochum lud der Studienrat den Dortmunder Magistrat zu einem besonderen Schauspiel ein. Das Spektakel, so versicherte der Schreiber am 29. Mai 1933 ordnungshalber, werde „pünktlich um 21 Uhr“ beginnen. Am gleichen Tag erging in der Dortmunder „Tremonia“ eine an Lehrer und Erzieher gerichtete „dringende Aufforderung, dieser symbolischen Handlung beizuwohnen“.

Am Abend des 30. Mai war es soweit: Über 5000 Bücher, die überwiegend aus dem sozialdemokratischen Volkshaus in der Kampstraße stammten, wurden auf dem Dortmunder Hansaplatz verbrannt. Beteiligt: SA, SS, Hitlerjugend, BDM und NS-Lehrerbund sowie angeblich Tausende von Zuschauern. Die „Westfälische Landeszeitung/Rote Erde“ (Titel des gleichgeschalteten Ex-„Generalanzeigers“) jubelte am 31. Mai weisungsgemäß: „Undeutscher Geist ging in Flammen auf“, zitierte aus den Festreden und druckte einen von den Schülern des Bismarck-Realgymnasiums im Flammenschein vorgetragenen Sprechchor aus der Feder des Studienreferendars Kaiser ab, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ: „Wir aber wollen sie töten“, raimte Kaiser auf „falsche Propheten“.

„Undeutscher Geist“, „falsche Propheten“ – das waren für die Nazis u.a. Bertolt Brecht, Alfred Döblin, Sigmund Freud, Erich Kästner, Heinrich Mann, Kurt Tucholsky und zahllose weitere Autoren. Sämtliche Namen, die in der Literatur Rang hatten, tauchten auf den „Säuberungslisten“ auf.

Obgleich sie so genau zu wissen glaubten, was „undeutsche“, „marxistische“, „zersetzende“oder „Asphaltliteratur“ sei, verfingen sich die Faschisten anfangs in heillosem Chaos: Nicht weniger als 40 Staats- und Parteistellen sprachen bis 1934 über 4100 Buchverbote aus. Was die eine Stelle noch durchgehen ließ, setzte die andere schon auf den Index.

Dennoch waren die als „Bücherverbrennung“ bekanntgewordenen Barbareien straff organisiert. Nichts blieb hier dem Zufall überlassen. Der Zeitplan der deutschen Studentenschaften, die nach Winken aus dem Berliner Propaganda-Ministerium in allen Universitätsstädten für die „Durchfiihrung“ sorgten, war penibel: am 12. April hatte die Veröffentlichungskampagne zu beginnen, ab 26. April waren die für das Feuer bestimmten Bücher „einzusammeln“ (was unter Mithilfe oder Duldung der Polizeikräfte geschah), am 10. Mai sollte das Feuer lodern, und zwar nach reichseinheitlich vorgeschriebenem Ritual – mit Hetzreden, Absingen des Horst Wessel-Liedes und dem pathetisch formelhaften Spruch: „Ich übergebe der Flamme die Schriften von … “

In Dortmund hatten es die braunen Machthaber nicht ganz so einfach. Neben einer starken sozialdemokratischen Tradition gab es einen weiteren hemmenden Faktor: Dortmund hatte keine Hochschule mit rechtsgewirktem Studentenbund, sondern lediglich die Pädagogische Akademie – und die galt als links.

Auch die „Säuberung“ der Dortmunder Stadt- und Landesbibliothek erfolgte nicht reibungslos im Sinne der Nazis. Heinrich Schulz, damals Leiter der Volksbüchereien, legte zwar am 19. Mai 1933 „ergebenst in neun Durchschlägen“ eine schwarze Liste vor und bat um parteiamtliche Bestätigung, holte dann aber hauptsächlich Makulatur aus den Regalen, die ohnehin ausgelagert werden sollte. Die Brandstifter vom 30. Mai merkten nichts.

Die NS-Bücherverbrennung war kein isoliertes Ereignis. Sie reiht sich – als besonders inhumane Tat – in die lange Geschichte der Zensurakte ein. Heinrich Heine (auch seine Bücher wurden 1933 verbrannt) schrieb schon im 19. Jahrhundert prophetisch: „Das war ein Vorspiel nur; dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“




„Circus Roncalli“: Zweite Reise zum Regenbogen – mit Phantasie und Puderzucker

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Der „Circus Roncalli“ besitzt offenbar das sensibelste Nashorn nördlich des Mittelmeers. Bevor das gewichtige Tier in die Manege stürmte, wurde das hochverehrte Publikum (darunter NRW-Kultusminister Jürgen Girgensohn) dringlich gebeten, keine schrillen Laute zu erzeugen, sonst könne man für die Duldsamkeit des Dickhäuters nicht mehr garantieren. So blieb es also mäuschenstill – und der Koloß ließ es friedlich über sich ergehen, daß ein Tiger auf ihm ritt.

Der nicht als Sensations- und Leistungsschau, sondern eher durch seine phantastische Kombination von Spitzenartistik und märchenhafter Prachtentfaltung bekanntgewordene Zirkus bot im Umfeld der Ruhrfestspiel-Eröffnung eine „Weltpremiere“. Das Zelt am Recklinghäuser Konrad-Adenauer-Platz war denn auch am Sonntagabend bis auf den letzten Platz gefüllt; daran dürfte sich bis zum 15. Mai, nach dem der Zirkus die Revierstadt verläßt und auf Deutschlandtournee geht, nicht viel ändern. Die „Zweite Reise zum Regenbogen“ – so der Titel des am Sonntagabend erstmals gezeigten Spektakels – erwies sich über weite Strecken als gelungene Fortsetzung des fast schon legendären „Roncalli“-Programms „Reise zum Regenbogen“.

Der für mich aufregendste und beste Teil des zweieinhalbstündigen Programms liegt vor der Pause. Er wird auf Handzetteln mit der Zeile „Im Land des Drachens“ angekündigt. Absolut professionelle Manegenkunst (Jonglieren, Feuerschlucker, Sprung durch Reifen mit extrascharfen Messern usw.) geht hier in üppig ausgestattete Kostümszenen von traumhafter Farbschönheit über; abenteuerliche Phantasietiere stapfen, in alle (Scheinwerfer-)Farben des Regenbogens getaucht, durch die Reihen: Die Zuschauer werden von livrierten Requisiteuren pfundweise mit Konfetti bestreut (es dauert seine Zeit, bis man nach Schluß der Vorstellung die weißen Pünktchen aus Haaren und Kleidung entfernt hat!), so daß alles wie unter Puderzucker liegt.

Demgegenüber fallen andere Nummern etwas ab, so etwa die mit „Hohe Schule“ betitelte gegen Ende des Programms, ein eher betuliches Dressurreiten mit trivial-cremigen optischen Anleihen bei der k.u.k.-Monarchie. In ihrem gewallten Kitsch schon fast erhaben ist hingegen die „Tauben“-Szene: Weißer Nebel quillt über den Manegenboden, eine weißgewandele Marie-Jose Knie kommt auf weißem Pferd geritten und führt dressierte weiße Tauben vor.

Es versöhnen auch die Roncalli-typischen, leisen Momente – zum Beispiel die „Glasorgel“: Mit angefeuchtetem Finger wird auf den Rändem unterschiedlich gefüllter Gläser eine wunderschöne Sphärenmusik gespielt. Man könnte sich dabei richtig zurücksinken lassen, wenn nicht ständig draußen Züge vorbeidonnern würden. Die Nähe des Zelts zur Bundesbahnstrecke stört das Träumen empfindlich.

Frenetischen Beifall löste auch die Clownsnummer im zweiten Teil aus. Clowns – einmal wieder am angestammten Platz, nachdem sie mittlerweile (wie auch der Feuerschlucker) schon zur Grundausstattung jeder alternativen Straßenfestivität gehören…




„Ruhrdeutsch“ wird aufgewertet – Tagung in Duisburg

Von Bernd Berke

Duisburg. „Ruhrdeutsch“, von dem selbst hochkarätige Wissenschaftler noch nicht so recht sagen können, ob es sich dabei um einen Dialekt handelt oder nicht, ist Thema einer Fachtagung, die gestern an der Universität Duisburg begonnen hat. Noch nie war das Thema in dieser Intensität Gegenstand einer wissenschaftlichen Diskussion.

Der Duisburger Germanistik-Professor Arend Mihm, der der WR einige Thesen der Ruhr-Mundartforschung erläuterte, wird als Tagungsleiter zusammen mit neun Kollegen aus dem Revier, dem Rheinland und Heidelberg die hiesige Mundart analysieren. Ein Tagungsteilnehmer reist sogar aus Gent an.

Was andernorts schon vor etwa 100 Jahren unternommen wurde, nämlich eine eingehendere Beschäftigung mit dem jeweiligen Heimatdialekt, kam an der Ruhr nur schleppend in Gang. Grund: es gab bis in die 60er Jahre keine Universitäten in dieser Gegend, die sich des Idioms hätten annehmen können. Außerdem wurde „Ruhrdeutsch“, obgleich als Mischsprache schon näher am erstrebten Hochdeutschen als das vorher gängige südwestfälische „Holzschuhdeutsch“, von Anfang an vielfach als „Proletensprache“ verunglimpft. Bemerkenswert, daß dies innerhalb der Region sogar noch mehr der Fall ist als in anderer Landstrichen. Prof. Mihm zur WR: „Viele haben hier ein schlechtes Gewissen, wenn sie diese Sprache verwenden. Dabei tun sie es eigentlich gern.“ Selbst Studenten, des Hochdeutschen in der Regel mächtig, verfielen außerhalb der Seminare in heimische Diktion, denn „das vermittelt mehr Vertrautheit, Entspannung und Solidarität als formvollendete Hochsprache“.

Prof. Mihm tritt einer weitverbreiteten Meinung entgegen: „Ruhrdeutsch ist kaum von der polnischen Sprache beeinflußt worden“, dementiert er. Nur einzelne Wörter, wie etwa „Mottek“ (Hammer) hätten sich gehalten, „und auch die kennt heute nur noch jeder Zweite“. Die Zuwanderung aus dem Osten in der Industrialisierungsphase des 19., Jahrhunderts, zugleich Geburts-„Stunde“ der Revier-Sprache, habe kaum mehr Spracheinfluß gezeitigt als heute die Anwesenheit türkischer Gastarbeiter. Die polnischen Einwanderer seien im Gegenteil sehr rasch auf „Deutsch“ getrimmt worden. Es habe im letzten Jahrhundert eine „antipolnische Hysterie“ und rigorose „Germanisierungsprogramme“ gegeben.

Ohne Komplexe „Fahkahte“ sagen

Obwohl „Ruhrdeutsch“ erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit existiert, bildeten sich schon bald markante Unterschiede von Stadt zu Stadt heraus, ja, in den größeren Städten hat die Sprache am einen Ende sogar oft eine andere Färbung als am entgegengesetzten.

Die Duisburger Zusammenkunft soll dazu beitragen, daß Ruhrdeutsch aus seinem –verglichen mit anderen Mundarten – Mauerblümchen-Dasein herauskommt. Prof. Mihm: „Die Wissenschaft muß diese Sprachform endlich genau so ernst nehmen wie jeden anerkannten Dialekt.“ Auch für den Deutsch-Unterricht ergäben sich aus dieser Aufwertung Konsequenzen: Zwar bleibe das Erlernen des Hochdeutschen weiterhin Ziel der pädagogischen Anstrengungen, doch solle „kein Schüler Komplexe bekommen, weil er ,Fahkahte‘ statt ,Fahrkarte‘ sagt“. Das täten nämlich praktisch alle Leute, die hier länger wohnen. Solange die Rechtschreibung dadurch nicht heillos durcheinander gerate, könne man ruhig beim mündlichen Ruhrdeutsch bleiben.

Von der Expertentagung soll auch die Öffentlichkeit etwas haben. Zwar wollen die Gelehrten beim Kolloquium unter sich bleiben, doch findet heute Abend, 20 Uhr, in der Duisburger Stadtbibliothek (Düsseldorfer Straße 5) eine Podiumsdiskussion statt. Neben Prof. Mihm nehmen der Mundart-Schriftsteller Ernst Frank sowie Presse- und Rundfunkvertreter daran teil.




Kulturbörse in Essen erneut ein Erfolg – 14000 beim „Marktplatz Ruhrszene“

Von Bernd Berke

Essen. „Lesungen auf Wunsch“ gab es an einem Stand, ein paar Kojen weiter versuchte sich einer als Zauberkünstler, nur Schritte entfernt gab’s Marionettenballett. Aus der Halle schallte derweil harte Rockmusik. Vielfalt, aber kein Chaos: Der „Marktplatz Ruhrszene“, jene vom Verein pro ruhrgebiet aus der Taufe gehobene und von manchen als Rummelplatz bezeichnete Kulturbörse des Reviers, hat am Wochenende in der Essener Grugahalle seine zweite Bewährungsprobe bestanden.

Hatte es 1982 in Dortmund noch die eine oder andere kleine Premierenpanne gegeben, so war das Spektakel diesmal nahezu perfekt organisiert. Zeitverzögerungen waren gering, bei insgesamt 1000 Mitwirkenden lag nur eine einzige kurzfristige Absage vor. Niemand zweifelt daran, daß die Veranstaltung alljährlich zur Dauereinrichtung wird.

Gehofft hatte man, daß 10 000 kämen. Dann aber tummelten sich annähernd 14 000 Besucher am Samstag und Sonntag in der Halle und im Foyer, wo sich über 200 Amateur-Gruppen, Initiativen und Solisten aus 53 Städten vorstellten. Bunt das Programm: Rockmusik (einer der Höhepunkte: der Auftritt von „Herne3″ am späten Samstagabend), Kunsthandwerk, Varieté und Zirkuszauber, Theater, Fotografie, Zeichnungen, Autorenlesungen, Kabarett usw.

Zwar das Gros, doch längst nicht alle 200 Programmpunkte (die aus 500 Bewerbungen ausgewählt wurden) erfüllten den Anspruch, das eigenständige Kulturprofil der Ruhrregion zu dokumentieren. Warum zum Beispiel (von der Duisburger Gruppe Birds of Passage schlecht gespielte) Countrymusic hier unverzichtbar sein sollte, war kaum einzusehen.

Im Gegensatz zu Dortmund ’82 fand diesmal von Anfang an auch Laienpublikum Einlaß. Ebenfalls neu, daß diesmal Eintritt (5 DM, 2 DM für ermäßigte Karten, der Erlös geht an den Ruhrszenefonds zur Unterstützung hiesiger Künstler) berappt werden mußte. Doch das tat dem Besucherandrang keinen Abbruch. Ließ sich der Verkauf am Samstagmorgen noch schleppend an, so hatten bereits am ersten Tag 7000 Menschen die Halle durchstreift, darunter auch wieder einige professionelle Kulturmanager, so daß erneut einige Gruppen die Chance zu unverhofften Auftritten oder gar Studioproduktionen erhielten.

Füllten am Samstag vornehmlich Jugendliche die Halle, so lockte das mit Puppen- und Clownsdarbietungen bewußt familienfreundlich konzipierte Sonntagsprogramm auch zahlreiche Ältere an. „Bühne 4″ war freilich ein Flop. Gedacht als Forum für Spontanauftritte, blieben diese Bretter fast die ganze Zeit über gähnend leer. Erst am Sonntag wagten sich mehrere Mutige hinauf. In Dortmund war’s vor Jahresfrist beinahe umgekehrt gewesen: Dort hatte man mit plötzlichen Eingebungen kaum gerechnet, wahrend es an Auftrittswilligen nicht mangelte.




Peymann bleibt doch bis August 1986 in Bochum – SPD-Meinungskorrektur nach Spar-Zusage des Schauspieldirektors

Von Bernd Berke

Bochum. Gegen 21 Uhr waren die Würfel gefallen. Bochums SPD-Fraktion korrigierte ihr Votum vom Montag und entschied sich „mit großer Mehrheit“ dafür, den Vertrag des Schauspieldirektors Claus Peymann doch um zwei weitere Jahre zu verlängern.

Es gilt damit als sicher, daß Peymanns Vertrag nunmehr bis zum 31. August 1986 läuft und nicht bereits am 31. August 1984 endet. Wie Peter Hampel, der die Geschäfte der Bochumer SPD führt, gegenüber der WR erklärte, kann das Thema Peymann höchstens dann noch einmal zum Gegenstand der Ratssitzung am 10. Februar werden, wenn eine andere Fraktion – etwa die CDU – einen ausdrücklichen Antrag stellt. Andernfalls verlängere sich Peymanns Vertrag automatisch. Sollte wider Erwarten eine Abstimmung im Rat nötig werden, werde die SPD-Fraktion, so Hampel, sich ihrem gestern gefaßten Beschluß entsprechend verhalten.

Wie weiter zu erfahren war, war der gestrigen Abstimmung der SPD-Fraktion eine dreistündige, „sehr harte und hitzige“ (Hampel) Debatte vorausgegangen. Den Ausschlag hat schließlich vor allem die Tatsaehe gegeben, daß Peymann zuvor dem Bochumer Oberstadtdirektor Herbert Jahofer (SPD) zugesagt hatte, kooperativ an dem von der Stadt angepeilten Finanzkonzept für das Bochumer Theater mitzuwirken. Dies Konzept sieht nach einem ebenfalls in dieser Woche erfolgten Beschluß des Haupt- und Finanzausschusses vor, für 1983 den Zuschußbedarf der Bühnen bei 17,33 Mio. DM festzuschreiben. Das bedeutet, daß die Zuschüsse – verglichen mit 1982 – auf dem alten Stand „eingefroren“ werden. Mittelfristig sollen weitere Einsparungen durch Einnahme-Steigerungen bzw. Ausgabenkürzungen erzielt werden. Zielvorstellung: Einsparungen von einer bis 1,5 Mio. DM.

Peter Hampel wertete das Votum für Peymann in einer ersten Stellungnahme als „mutige Entscheidung“ angesichts der schlechten Finanzlage. Daß diese Entscheidung vertretbar sei, habe auch einzelnen Mitgliedern der SPD-Fraktion „erst noch vermittelt werden müssen“.




„Schön isst hier“ – aber die Krise ist gegenwärtig

Von Bernd Berke

Dortmund. Die nicht gerade leichtgewichtige Tana Schanzara wirbelt temperamentvoll über die Bühne im Hörder „Bollwerk-Eck“ und besingt die Schönheit eines Schrebergartens. Sie bekommt den größten Beifall des Abends.

Die Revier-Revue „Schön isset hier“, eine Produktion des Ruhrfestpielensembles (Regie: Corinna Brocher), die gestem Abend in Dortmund-Hörde Premiere hatte, präsentierte – abgesehen von jenem Schanzara-Auftritt – fast nur kritische, nachdenklich machende Texte. Der Titel täuscht somit. Davon, daß es sich zwischen Dortmund und Duisburg angenehm oder gar sorgenfrei leben ließe, hörte man in dem 100-Minuten-Programm so gut wie nichts. Wohl zu Recht. Die wirtschaftliche Lage ist zu ernst, um eine kunterbunte Show über diese Region zu veranstalten.

Der Abend war, wenn auch nicht bunt im Sinne von optimistisch, so doch farbenfroh im Sinne von vielfältig. Eigentlich zu viele Themen hat man hineingepackt: Zechen- und Stahl-Probleme sowieso; dazu Ausländerfeindlichkeit, apokalyptische Konsequenzen des hiesigen U-Bahn-Baus und der Automatisierung im Büro, „Dallas“-Fieber, Umweltzerstörung und, und, und…

Auch die Auswahl der Textquellen verriet nicht eben ein straffes Konzept: Klaffen nicht allzu große Lücken etwa zwischen der Art, wie Franz Kafka einen „Besuch im Bergwerk“ beschreibt, und Kroetz-Auszügen oder Slang-Szenen Elke Heidenreichs? Dennoch gab es Entdeckungen zu machen. Wer hätte zum Beispiel gedacht, daß man Franz Kafka überhaupt halbwegs plausibel in solch ein Programm einbauen könnte?

Für das heutige zweite Gastpiel (17 Uhr, „Bollwerk-Eck“) gibt es noch Karten.




Bochums Ensemble stellt sich hinter Peymann – Hektische Betriebsamkeit nach SPD-Abstimmung

Von Bernd Berke

Bochum. Hektische Betriebsamkeit hat gestern am Bochumer Schauspielhaus die Nachricht ausgelöst, daß die SPD-Fraktion sich – wie berichtet – mit einer Mehrheit von 20:19 Stimmen gegen eine Vertragsverlängerung für Schauspieldirektor Claus Peymann aussprach.

Um 15 Uhr begann eine Ensemble-Versammlung, die bis etwa 17 Uhr dauerte, danach tagte das Direktorium (Peymann, Kirchner, Beil, Jensen und Paulin) bis gegen 19.30 Uhr. Während das Direktorium noch keine Erklärung abgab, verfaßte das Ensemble einen Brief, der gestern abend Bochums Oberbürgermeister Heinz Eikelbeck überbracht wurde. In dem Brief steht ein einziger Satz: „Die Nichtverlängerung des Vetrags von Claus Peymann wird mit Sicherheit die Bochumer Theaterarbeit zerstören.“ Unter dem Brief stehen über 60 Unterschriften. Damit hat sich beinahe das gesamte Ensemble hinter Peymann gestellt. Etwa 10 Unterschriften fehlen, weil einige Schauspieler nicht erreichbar waren. In Peymanns Umgebung wird vermutet, daß andernfalls auch diese Ensemblemitglieder unterzeichnet hätten.

Das Direktorium des Schauspielhauses werde dem lakonischen Ensemble-Brief eventuell heute eine Erklärung folgen lassen, hieß es gestern abend. Claus Peymann selbst war den ganzen Tag über zu keiner offiziellen Stellungnahme bereit.

Unterdessen hat der Bochumer Landtagsabgeordnete Georg Aigner durchblicken lassen. auf welche Weise es zu dem ablehnenden Beschluß der SPD-Fraktion gekommen sein könnte. In der achtstündigen Fraktionsdebatte am Montag war es 4 Stunden lang um Etatfragen und weitere 4 Stunden lang vornehmlich um Peymanns Person gegangen. Etatfragen scheinen auch – zumindest im Vordergrund – eine Rolle beim Abstimmungsergebnis über Peymanns Vertrag gespielt zu haben. Aigner sagte, er sei zuversichtlich, daß Peymann in Bochum bleiben könne, falls der Schauspieldirektor bereit sei, über sein Sparangebot von 1,7 Millionen DM hinaus weitere Kürzungen am Theateretat hinzunehmen. Wie Aigner ergänzend mitteilte, hätten sich aber auch einige andere Meinungsverschiedenheiten zwischen Peymann und einer großen Anzahl von Ratsmitgliedern angestaut.

Bei den angedeuteten Differenzen zwischen Peymann und Stadtrat könnte es sich zum Beispiel um Peymanns Verhalten bei der Schließung der Spielstätte „BO-Fabrik“ handeln. Peymann hatte damals die Aktion einiger Jugendlicher gutgeheißen, die das Bochumer SPD-Büro besetzt hatten und war besonders mit dem Fraktionsvorsitzenden Hossiep in Streit geraten.




Muß Peymann Bochum verlassen?

Von Bernd Berke

Bochum. Die Vertragsverlängerung zwischen dem Direktor des Bochumer Schauspiels, Claus Peymann, und der Stadt Bochum ist stark gefährdet.

Wie gestern bekannt wurde, hat sich die SPD-Fraktion mit der denkbar knappen Mehrheit von 20:19 Stimmen gegen eine Fortführung des Vertragsverhältnisses ausgesprochen. Bochums Kulturausschußvorsitzender Hans-Dieter Kaulfuß meinte gegenüber der WR, er sehe „gewisse Möglichkeiten, die Fraktionsmitglieder noch umzustimmen“.

Peymanns Vertrag läuft, falls er nicht doch verlängert wird, am 31. August 1984 aus. Die endgültige Entscheidung fällt am 10. Februar im Rat.

Der Bochumer CDU-Pressesprecher Paul Schrader glaubt angesichts der Stimmungslage in seiner Fraktion, daß jetzt kaum noch Chancen für eine Vertragsverlängerung bestehen. Vermutlich am 7. Februar wird in der CDU-Fraktionssitzung abgestimmt. Die CDU verfügt im Rat über 27 Stimmen, die SPD über 44, die F.D.P, hat eine Stimme, die „Liberale Fraktion“ drei.

Bestandteil von Peymanns Vertrag ist eine beiderseitige Mitteilungspflicht darüber, ob der Vertrag verlängert werden soll. Eine solche Mitteilung muß eineinhalb Jahre vor Vertragsende erfolgen, hier also bis Ende Februar 1983.

Das genaue Abstimmungsergebnis in der SPD-Fraktion lautete: 20 Stimmen gegen Vertragsverlängerung, eine Enthaltung und die schriftliche Äußerung eines abwesenden Fraktionsmitglieds, das für Peymanns Verbleib votierte. Kulturausschuß-Vorsitzender Kaulfuß konstatiert „eine Art Patt-Situation“ und hofft auf einen Sinneswandel. Dadurch, daß vier SPD-Fraktionsmitglieder nicht an der Abstimmung teilnahmen, gibt es noch eine geringe Aussicht.

Peymann wurde noch nicht offiziell über das Abstimmungsergebnis in der SPD-Fraktion informiert und war bis gestern Abend auch nicht zu erreichen. Es hieß, er sei nach einer Probe direkt nach Düsseldorf gefahren.

Kürzlich hatte Peymann vergleichsweise maßvoll auf inzwischen aufgegebene Erwägungen reagiert, die Kammerspiele zu schließen.




Wenn sich die Künstler drängeln – Die „Nacht der Lieder“ des ZDF in der Westfalenhalle

Von Bernd Berke

Dortmund. Weniger wäre wieder einmal mehr gewesen. Die „ZDF-Nacht der Lieder“ in der nicht ganz gefüllten Westfalenhalle bot nicht weniger als zehn Programmpunkte, die sich – im steten Wechsel zwisehen zwei Bühnen – schier endlos von 16 Uhr bis nach 2 Uhr früh hinzogen. Das macht bei einem Vorverkaufspreis von 25 DM schlappe 2,50 DM pro Gruppe. Wo gibt’s das schon?

Aber auch die Gegenrechnung hat einiges für sich: zehn Gruppen, das bedeutet neunUmbaupausen; es bedeutet, daß jede Formation nur kurz auftreten und sich nicht richtig entfalten kann; es bedeutet, daß das Publikum über eine Marathondistanz von 10 Stunden ausharren und diesmal – wollte es nicht um die ersten Gruppen geprellt werden – wochentags zur frühen Nachmittagsstunde auf der Matte stehen mußte. Schließlich dürfte es auch dem gewieftesten Veranstalter schwerfallen, zehn Auftritte zusammenzustellen, die mehr miteinander zu tun haben, als daß jeweils Stimmen und Instrumente erklingen. „Lieder“ ist ein sehr dehnbarer Begriff.

Ein eindeutiger Glanzpunkt, wie ihn vor Jahresfrist Angela Branduardi setzte, fehlte diesmal. Es gab freilich auch keine „Ausfälle“. Randy Newman, der zynische Beschreiber US-amerikanischen Spießerlebens, dessen Live-Auftritte so rar sind, konnte einem leid tun. Die große Halle war sicher nicht das richtige Forum für seine Lieder, die intimere Atmosphäre brauchen. Newman war denn auch der einzige, dem keine Zugabe abgefordert wurde. Zuvor hatte Stefan Waggershausen, seit Beginn seiner Plattenkarriere erstmals auf der Bühne, ein passables Live-Debüt gegeben. Die holländischen „Bots“ mühten sich, mit ihren friedensbewegten Liedern die allmählich sattsam bekannten Rituale („Aufstehn!“) auszulösen.

Sally Oldfields Gruppe bot wohltuend entspannte und entspannende Musik. Zu später Stunde folgten die drei Auftritte, die am meisten umjubelt wurden: Chris de Burgh, Wolfgang Ambros und der Italiener Lucio Dalla brachten den lang entbehrten Schwung in die Halle. Dallas Anlage war freilich so großzügig ausgesteuert, daß man in Lautsprechemähe das große Ohrenflattem bekam. Seine Titel, so mitreißend sie auch sind, weisen sämtlich ein Einheitsstrickmuster auf. Nach Mitternacht erzeugte „Zupfgeigenhansel“ mit leiseren Folkloretönen noch einmal „alternative Nestwärme“, bevor Klaus Lage & Druck für Kehraus-Klang in der schon halbleeren Arena sorgten.

Das ZDF sendet Ausschnitte aus dem Konzert am 26. März




Rock-Reader umfaßt 259 Bands des Reviers

Von Bernd Berke y

Essen. Eine Dortmunder Rockgruppe hatte sich gerade aufgelöst, da kam ein Anruf vom Verein „pro ruhrgebiet“: Man wolle ein Handbuch über die Musiker der Ruhr-Szene herausgeben. Fixe Reaktion der Dortmunder Band: „Was? Das Buch erscheint? Dann machen wir doch weiter!“

Mit solch‘ hochgesteckten Erwartungen sahen Teile der „Szene“ jener Neuerscheinung entgegen, die gestern in Essen vorgestellt wurde: „Ruhr Szene Rock & Lieder im Ruhrgebiet“, so der offizielle Titel des 208 Seiten starken Readers, stellt 259 Gruppen mit annähernd 1000 Musikern vor, die zwischen Duisburg und Hamm beheimatet sind. Das Buch soll, im Gefolge des Dortmunder Treffens „Marktplatz Ruhrszene“, sowohl den Kontakt der Musiker untereinander als auch Verbindungen zwischen Konzertveranstaltern und Bands erleichtern.

Wolfgang Rühl, Geschäftsführer von pro ruhrgebiet e. V. , hofft, daß der Band darüber hinaus von zahlreichen Musikfans erworben wird: Der Verkaufserlös (Traumziel: 50 000 DM Überschuß bei einer Auflage von 10 000 Stück) bildet nämlich zugleich den Grundstock für einen neuen Künstlerfonds, aus dem junge Talente im Revier gefördert werden sollen. Rühl: „Wir wollen zum Beispiel Ausfallbürgschaften bei riskanten Platten-Produktionen geben“. Der Fonds solle allerdings kein „Selbstbedienungsladen“ für fianzschwache Musiker werden, die weiterhin ein gewisses Eigenrisiko tragen müßten. Hat eine geförderte Platte großen Erfolg, soll ein bestimmter Anteil (man spricht von 50 Pfennig bis 1 DM pro verkaufter Scheibe) in den Fonds zurückfließen, sozusagen als „Dankeschön“ für die Investitionshilfe.

Das Handbuch der Musikszene ist alphabetisch aufgebaut und präsentiert Selbstdarstellungen der Bands. Die „große Qualitätslatte“ habe man seitens der Herausgeber nicht angelegt. Dieter Zienau, der die Buchredaktion leitete: „Unsere Recherchen waren nur zum Teil ergiebig“. Man schätze die Dunkelziffer der noch nicht erfaßten Bands auf etwa 1000. Die große Fluktuation – allein 68 Bands lösten sich während der Recherchen auf oder gaben sich neue Namen – zwang zu höchster Aktualität. Redaktionsschluß war der 1. Dezember.

Wolfgang Rühl sieht optimistisch in die Zukunft. „Die nächste Auflage wird bestimmt doppelt so dick“. Außerdem sollen in absehbarer Zeit vergleichbare Nachschlagewerke über freie Theatergruppen und Kleinkunst im Revier erscheinen.

Das neue Buch (14.80 DM) ist zu beziehen über den Kommunalverband Ruhrgebiet, Kronprinzenstraße 35, 4300 Essen 1.




Nur ein leiser Hauch von Logik – Weiterer „Tatort“ mit Götz George als Schimanski

Von Bernd Berke

Nicht gerade nachsichtig ging der neueste „Tatort“ („Kuscheltiere“, ARD) mit der bundesdeutschen Wirklichkeit um. Das Drehbuch stammte von einem Niederländer (Chiem van Houweninge) und legte etwa einem Amsterdamer Kommissar den an ruppige deutsche Kollegen gerichteten Satz in den Mund: „W i r leben hier in einem Rechtsstaat!“

Auch sonst kam vieles vor, was faul ist im Staate: ein Mediziner, der mit auffallender Begeisterung Worte wie „Volksgesundheit“ hervorstieß, die danach in der Boulevardpresse auftauchten. Bürger, die, weil ein asiatisches Kind in Duisburg an Typhus gestorben war, gleich alle „Kanaken“ außer Landes wünschten und denunzierten. Schließlich die Adoptionspraxis: „Intim-Schnüffelei“ der Behörden treibe Ehepaare so weit, daß die sich lieber zum „Stückpreis“ von 30 000 DM bei kriminellen Vermittlern Kinder aus der Dritten Welt reservieren lassen.

Neben all dem verblaßte der eigentliche Kriminalfall, den Horst Schimanski (Götz George) zu lösen hatte. Der einzige Hauch kriminalistischer „Kombination“ bestand darin, daß Schimanski beim Anblick eines Hundepärchens einen asiatischen Doppelnamen entwirren und dahinter Zwillinge ausmachen konnte. Ansonsten verließ er sich, trinkfest und frauenheldisch wie gewohnt, auf das, was nun einmal am besten zu ihm paßt, nämlich auf mehr oder weniger legale Aktionen.

Dabei kamen, wenn es auch an Schlüssigkeit mangelte, immerhin einige schwungvolle Szenen zustande. Richtig langweilig wurde es nie, aber auch nicht wirklich interessant oder gar fesselnd. Krimifans haben ja in letzter Zeit gelernt, die Ansprüche an „Tatort“ herunterzuschrauben und in Sachen Logik nur noch Mindestanforderungen zu stellen.

Mit größerer Spannung erwarte ich jetzt allerdings die nächste „Tatort“-Folge mit Schimanski. Es sah zum Schluß fast so aus, als sei der rüde Kommissar nunmehr stolzer Ersatzvater eines Mädchens aus Hongkong. Ob er das Kind demnächst immer ins Präsidium mitnimmt?




Forum für mutige Freizeit-Autoren – Literaturzeitschriften im Ruhrgebiet

Titelseite der WR-Wochenendbeilage vom 2. Oktober 1982 mit Fotos von Bodo Goeke.

Von Bernd Berke (Text) und Bodo Goeke (Fotos)

Sie heißen „Spinatwachtel“, „Gießkanne“, „Schmankerl“ und „Galgenvogel“, nennen sich „Perlen vor die Säue“ oder auch „Geil & Fröhlich“. Die exotisch, versponnen, witzig oder provozierend titulierten Literaturzeitschriften – links ein Blick in die Redaktion des Essener Blattes „Schreibheft“ – sind Ausdruck einer Entwicklung, die in den letzten Jahren immer deutlicher zutage trat: Die Zahl der „Freizeitdichter“ nimmt stetig zu.

Auf dem Hamburger „Literatrubel“ beschwerten sich unlängst schon einige Berufs-Autoren über die unliebsame Konkurrenz und mahnten, man solle wieder mehr auf Qualität – was immer das heißen mag – achten. Etwa 200 kleine und kleinste Literaturzeitschriften teilen sich den höchst unübersichtlichen Markt des deutschsprachigen Raums. Viele dieser Druckwerke decken heute im weitesten Sinne das „alternative“ Themenspektrum ab, und ein Großteil stellt sich in den nächsten Tagen auf der Frankfurter „Gegenbuchmesse“ vor.

Die meisten Hefte vegetieren bei Auflagen von einigen hundert Stück dahin und sind Zuschußunternehmen. Daß in den jeweiligen Vorworten über die Finanzmisere geklagt wird, gehört schon zum Standard. Pleiten und Neugründungen sind an der Tagesordnung. Die wenigsten dieser Zeitschriften existieren über die ersten paar Nummern hinaus.

Selbst Josef Wintjes vom Literarischen Informationszentrum in Bottrop, seit 13 Jahren gewissenhafter Sammler aller Informationen aus der Szene, hat den Überblick verloren: Dennoch ist sein Büro (4250 Bottrop, Böckenhoffstraße 7, Tel.: 02041/ 20568, Anruf erwünscht‘) noch immer die wichtigste Anlaufstelle für alle, die mit Literaturzeitschriften zu tun haben (wollen).

Wie sieht die Lage im Ruhrrevier aus? „Wer sich länger als zwei Jahre halten kann, ist schon fast „etabliert'“, sagt einer, der sich bestens auskennt. Ulrich Homann gibt seit März 1977 in Essen das „Schreibheft“ (Auflage: ca. 1500, hauptsächlich Abonnements) heraus, dessen neunzehnte Ausgabe vor zwei Monaten erschien. Gemeinsam mit Norbert Wehr und Ulrich Bienek wollte er eigentlich ein Forum für alle Bevölkerungskreise schaffen, fiir jene zahllosen Zeitgenossen, die ansonsten nur für die berühmte „Schublade“ schreiben. Es brach eine wahre Flut von Texten über die Essener herein: Für eine Ausgabe schickten Freizeitautoren sage und schreibe 1500 Texte an das Herausgeberteam. Theoretisch hätte man schon mit diesem Schub für einige Jahre ausgesorgt. Höchstens 40 Beiträge finden in einer Ausgabe Platz. Zähneknirschend zog man die Konsequenz, legte seither strenge Maßstäbe an und verfiel dabei ins andere Extrem. Die letzten „Schreibhefte“ lesen sich wie hochkarätige Veröffentlichungen eines Spitzenverlags. Fast nur noch bundesweit bekannte Autoren, die bereits publiziert haben, sind vertreten, darunter etwa Eckhard Henscheid, Christoph Derschau, Walter Höllerer, Hans Christoph Buch.

Aus Kostengründen bekommt kein „Schreibheft“-Autor Honorar, weswegen es schon einigen Ärger mit erbosten Zulieferern gab. Ulrich Homann, mittlerweile sogar hauptberuflich als Zeitschriftenmacher tätig: „Wir sind leider ziemlich elitär geworden. Ich finde das nicht gut. Zur Zeit diskutieren wir, ob wir uns nicht wieder dem breiteren Publikum öffnen und auch Nicht-Profis schreiben lassen sollten“. Für Unverdrossene: Manuskripte können an den Verlag Homann & Wehr, Oberdorfstraße 53/55, 4300 Essen l (ab Dezember 1982: Stockenberger Straße 13-15, 4300 Essen 1), geschickt werden. Allerdings sollte man vorsichtshalber Rückporto beilegen.

Sind die Träume der späten 60er und frühen 70er Jahre, Zeitschriften zu machen, die die „Schwellenangst“ vor der Literatur senken, ausgeträumt? InBochum wurde 1979 ein Versuch gestartet, der diese Befürchtung widerlegen sollte. Die Leute, die dort den „Angler“ gründeten, kamen rein zufällig in einer Kneipe aufs Thema Literatur. Einer verriert schamhaft: „Ich schreibe in meiner Freizeit Gedichte“ und staunte nicht schlecht, als er vernahm, daß an der Theke noch andere standen, die ebenso verborgene  Dichterexistenzen führten.

Der Entschluß, sich mit Lyrik, Kurzgeschichten und Graphik gemeinsam an die Öffentlichkeit zu wagen, war schnell gefaßt. Doris Nickel: „Wir haben uns ganz heftig angagiert, haben Lesungen veranstaltet, haben Flugblätter verteilt, auf denen stand: ,Leute, schreibt!'“ Verblüffendes Ergebnis dieser Anstrengungen: Es kamen kaum Texte zusammen. Man hatte Mühe, die ersten Nummern (jeweils etwa 40 Seiten, Auflagen zwischen 500 und 1200 Stück, die vor allem im Handverkauf abgesetzt wurden) zu füllen.

Kaum zu glauben, wenn man die Manuskriptstapel sieht, die bei den Essener „Schreibheften“ eingingen. Doris Nickel: „Besonders Frauen waren kaum vertreten. Wahrscheinlich schreiben viele Frauen private Tagebücher, die sie nicht für veröffentlichungsreif halten, während Männer ihre eher politischen Texte gedruckt sehen wollen.“ Besonders gefreut hat sich Doris Nickel deshalb über die Texte einer 82-jährigen Frau, die nach Teilnahme an einem VHS-Schreibkurs dem „Angler“ literarische Betrachtungen über Alterseinsamkeit schickte. Gerade diese Blätter waren allerdings Anlaß für Streit in der „Angler“-Gruppe. Hie Vertreter einer politischen Linie, da jene, die auch „private“ Texte zulassen wollten, die ja keinesfalls unpolitisch sein müssen. Der Streit flackerte im Lauf der Zeit immer wieder auf – mit gleichen Fronten. Einige sprangen schließlich ab.

Der „Angler“ wird heute von einer Gruppe gemacht, die sich an jedem zweiten Montag eines Monats um 20 Uhr im Bochumer „Rotthaus“ trifft. Mit der angestrebten Volksnähe war es nicht so einfach. Die Verfasser der „Angler“-Beiträge sind fast ausnahmslos Studenten, oft auch noch solche der Germanistik. Lotte Ebers, die in der neuen Gruppe mitwirkt: „Wir haben immer noch Probleme, an gute Texte und Graphiken heranzukommen. Übrigens ist uns der Kontakt zu den Autoren sehr wichtig.“ Doris Nickel von der ehemaligen „Angler“-Gruppe plant unterdessen die Gründung einer neuen Zeitschrift und sucht ebenfalls Leute, die mitmachen. Kontakadresse: 463 Bochum, Karl-Friedrich-Straße 91.

Jürgen Kramer, Gelsenkirchener Maler, ließ am Anfang (1978) „wahllos jeden erreichbaren Text drucken“, wollte dann aber keine Kompromisse mehr eingehen. Seine Zeitschritt „Die 80er Jahre“ wendet sich jetzt – in dieser Ausschließlichkeit ein Unikum im Ruhrgebiet – bewußt nur an eierlesenen Kreis von Avantgarde-Künstlern. Die Tendenz – weg vom größeren Leserkreis, hin zum hohen Qualitätsanspruch – ist noch drastischer als bei den erwähnten Blättern aus Essen und Bochum. Ein Teil der etwa 1000 Exemplare (Startauflage vor vier Jahren: 200 Stück) kursiert in Frankreich, England, Italien und den USA. Kramer verabscheut Wiederholungen: „Jedes Heft sieht völlig anders aus, nur der Titel bleibt.“ Wer Schreibproben schicken wolle, könne das tun (Jürgen Kramer, Postfach 1142, 465 Gelsenkirchen). Jedoch: „Die Abdruckchancen halten sich in Grenzen“. Auch Jürgen Kramer muß einen Teil der Druckkosten aus eigener Tasche finanzieren.

Wenig ermutigendes Fazit: Zumindest im Ruhrgebiet sind die Möglichkeiten dafür, daß Geschriebenes aus der Schublade an die Öffentlichkeit gelangt, zur Zeit noch dünn gesät.

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TV-Team auf Kurzbesuch in Dortmund: Kulturabbau im „Pott“? Nichts wie hin!

Daß ein Kulturmagazin einmal ein paar Minuten fürs Revier, gar für Dortmund, übrig hat, ist verwunderlich genug. Kann man in so einem Fall nicht fast darauf wetten, daß von Düsternis, sozusagen von „Ruß am Kulturhimmel“ zu berichten ist? Aber ja! Dortmunds Schauspiel ist in Gefahr – das Team von „Aspekte“ (ZDF) wird hellhörig: N o c h weniger Kultur im „Pott“? Nichts wie hin!

Kein Einwand, hätten sich die Mainzer des Themas wirklich angenommen. Doch was die TV-Leute mit diesem Beitrag boten, war Kürze ohne Würze. Keine hinreichende Beschreibung der Probleme, schon gar keine fundierte Stellungnahme. Da huschte die Kamera mal fix über den oder jenen Zeitungsausschnitt, da ließ man Oberspielleiter Roland Gall nur sekundenlang zu Wort kommen, vollführte einen gelungenen Schwenk übers Große Haus – und damit hatte es sich dann auch schon. D e n „Aspekte“-Beitrag möchte ich sehen, der die Schließung auch nur eines einzigen größeren Sprechtheaters in München und Berlin ähnlich salopp abhandelt!

Fehlte nur noch, daß Moderator Alexander U. Martens das Kürzestfilmchen kommentierte. Schlimm nur: er tat’s wirklich! Die Dortmunder Vorgänge seien „bedauernswert“, doch die Stadt ächze halt unter Defizit und habe „über 10 Prozent“ Arbeitslose. Basta! Das hörte sich an, als seien „die“ Dortmunder schuld an der Misere, als sollten sie gefälligst ohne Murren den harten, angeblich unvermeidlichen Schnitt tun. Als habe es vor allem deshalb Arbeitsplatz-Verluste gegeben, weil in Dortmund Theater gespielt wurde. Daß bei Schließung der Sprechbühne ebenfalls Arbeitsplätze verschwinden, hielt Martens erst gar nicht für erwähnenswert. Auch weniger Greifbares – Stichwort „kulturelle Verödung“ – findet er offenbar halb so wild.

Näher am Zeitgeist wähnte sich der Moderator wohl gleich zu Beginn der „Aspekte“-Ausgabe. Im Gespräch mit Martens durfte der „Neokonservative“ Gerd Klaus Kaltenbrunner drauflos schwadronieren. Die Deutschen seien ein Kulturvolk – und das schon „seit 1000 Jahren“. Man möchte hinzufügen: Wenigstens eine Unterbrechung gab’s schon – und für die waren auch „1000 Jahre“ vorgesehen.                  Bernd Berke

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Leserbrief

Betr.: TV-Team auf Kurzbesuch in Dortmund

Auf den Beitrag „TV-Team auf Kurzbesuch in Dortmund: Kulturabbau im „Pott“? Nichts wie hin!“ von Bernd Berke in der Westfälischen Rundschau vom 20. September muß ich antworten, denn selten habe ich einen Bericht gelesen, der so durch Voreingenommenheit getrübt war. Herr Berke unterstellt, wir würden über das Ruhrgebiet nur berichten, wenn „Ruß am Kulturhimmel“ zu konstatieren sei. Wenn er unsere Sendüng besser kennen würde, würde er wissen, wie oft wir aus dem Revier – einschließlich einer 45minütigen Schwerpunkt-Sendung – berichtet haben. Daß dabei allerdings öfter vom Bochumer Theater oder von Kulturaktivitäten in Kamen oder Unna die Rede war als vom Dortmunder Schauspiel, liegt nicht an uns.

Der „Aspekte“-Bericht zu Dortmund war zweieinhalb Minuten lang – gewiß ein Kurzbericht als erste Information über eine Absicht. Ist das journalistisch nicht legitim? Wir werden auf das Thema schon noch zurückkommen. Wo aber sind in München oder Berlin bereits Sprechtheater geschlossen worden, über die wir hätten berichten können? Und ist das in Dortmund schon beschlossene Sache – Fakt oder Absicht?

Ganz schlimm ist, wie Herr Berke die Äußerungen meines Kollegen Martens zu dem Kurzbeitrag interpretiert. Aus dem Hinweis auf die schwierige wirtschaftliche Situation in Dortmund abzuleiten, wir hätten gemeint, die Dortmunder seien selbst schuld an ihrer Misere, ist ebenso absurd, wie die Unterstellung, wir würden eine Theaterschließung „halb so schlimm“ finden.                          Dr. Dieter Schwarzenau, „Aspekte“-Redaktion

 




Walzermusik sollte Fans besänftigen – Zweimal Rock in der Westfalenhalle 1, mal hart, mal deutsch

Von Elias Bierdel und Bernd Berke

Dortmund. Wenn es noch eines Beweises bedurfte, so wurde er am Wochenende in der Westfalenhaiïe 1 erbracht: Rock mit deutschen Texten (etwa 13 000 Zuschauer, ausverkauft) rangiert im Urteil der Fans derzeit eindeutig vor anglo-amerikanischen Hard-Rock-Formationen, die diesmal „nur“ 9000 Leute ins Hallenrund lockten.

Allseits wurde Erfreuliches vermeidet: Die Polizei nahm bei der zweitägigen Mammutschau nur einen Mann fest, der gegen das Waffengesetz verstoßen hat“te; für die Sanitätsdienste verlief die Veranstaltung normal, und die Tontechniker des ZDF sprachen von „hervorragenden Aufnahmebedingungen“. Also wird man Bei Fernsehaufzeichnungen von „Rock-Pop in Conzert“ (voraussichtliche Sendetermine: 19. Juni Hard-Rock, 10. Juli Deutsch-Rock) auch die Texte verstehen, die beim Live-Konzert nicht immer deutlich über die Rampe kamen.

(EBi) Der erste Tag des Spektakels, der harten Rock-Musik gewidmet, gewann gerade durch die kurzfristige Änderung des Programms. Vor allem die nachträglich „nominierte“ Band Jethro TulI konnte – inmitten wüster Phon-Orgien – eigene, anspruchsvollere Akzente setzen. Zuvor erwiesen sich Joan Jett & The Blackhearts als mittlerer Flop.

Bevor die Stars des Abends, die zwanzig Jahre alte Gruppe „Status Quo“, die frenetischsten Beifallsstürme einheimsten, lief über Lautsprecher Walzermusik – offenbar, um die Rockfans zu besänftigen. Eines kann man Status Quo jedenfalls nicht nachsagen: Daß es an Lautstärke mangelt. Es folgte „Heart“ mit langweilig dargebotenen Phantasielosigkeiten. Nach 2 Uhr beendete „Saxon“ das Programm. Auffälligstes Show-Requisit: ein riesiger Silbervogel, der die Fans mit blitzenden Augen fixierte.

(bke) Am zweiten Tag bestieg mit „Ideal“ die bekannteste Gruppe gleich zu Anfang eine der beiden Bühnen. Fazit: Auf Platte sind die Berliner um Annette Humpe besser. Es fehlte der „Draht“ zum Publikum. Ganz anders Wolfgangs Niedeckens BAP, die mit fetzigem Kölschrock das Publikum der 12- bis 35-jährigen zu Begeisterungsstürmen hinriß. Stärkeres wurde während der ganzen Nacht nicht mehr geboten. Bei Joachim Witt, dem „goldenen Reiter“, der wie ein Roboter über die Bühne wackelte, ähnelte ein Lied dem anderen. Sein 12minütiger Singsang vom „Herbergsvater“ ging immerhm in die Beine. Prädikat: Konsequent monoton.

Die Münchner „Spider Murphy Gang“ („Skandal im Sperrbezirk“) brachte musikalisch eher biedere, konventionelle Kost, UKW sah sich nach technischen Pannen und langer Umbaupause unter Wert verkauft. Ohnehin warteten alle nur noch auf „Extrabreit“ aus Hagen. Deren Anlage war entschieden zu laut ausgesteuert, und man hörte fast nur noch brutale Gitarrenschlachten.

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WR-Lokalteil Dortmund




Duisburg, Zentrum des Verbrechens – Erster „Tatort“ mit dem neuen WDR-Kommissar Götz George

Von Bernd Berke

Mit Götz George als neuem Kommissar versuchten die „Tatort“-Macher der ARD das angeschlagene Image der Krimiserie aufzupolieren. Eines wurde dabei auf keinen Fall aufpoliert, nämlich das Bild des Ruhrgebiets. Das Revier wurde einmal mehr als schmutzige Hinterhofregion präsentiert.

In die Geschichte von den Morden am Binnenschiffer Petschek und am türkischen Gewerkschafter Celik wurde hingegen recht viel investiert. Von den Mordtaten über wüste Schlägereien, Pistolenduelle, Haschisch und Waffenschmuggel bis zum politisch motivierten Attentat kamen so ziemlich alle denkbaren Arten von Verbrechen vor. Man fragte sich unwillkürlich, welche Schandtaten denn für die nächsten Folgen mit den Duisburger Verbrechensbekämpfern noch übrigblieben. Außerdem konnte man fast den Eindruck bekommen. als sei die Verbrechensrate in Duisburg-Ruhrort etwa so hoch wie in US-Metropolen.

Das Milieu der Hafenkneipen war offenbar ausgesucht worden, um dem Temperament Götz Georges zu entsprechen. Tatsächlich machte sich George stets dann besonders gut, wenn er eine Pinte betrat und den gewieften Zocker mimte, der auch dem Alkohol nicht abgeneigt ist und die eine oder andere Nacht „in fremden Betten“ verbringt.

Die eigentliche Krimihandlung war zwar chaotisch, aber leidlich logisch aufgebaut. In der Tat wußte man als Zuschauer mehr als der Kommissar. Das freilich bedeutete meist, daß man so gut wie nicht weiter wußte und die nächsten Aktionen der Polizei abwarten mußte, statt durch eigene Denkanstrengung dem Täter auf die Spur kommen zu können.

Nicht zu übersehen die Anspielung auf Götz Georges Vorgänger Hansjörg Felmy (alias Kommissar Haferkamp), als George sich demonstrativ vor einem Plakat die Schuhe schnürt, auf dem Felmy für eine Sofortbild-Kamera wirbt. Über die Bedeutung dieses Hinweises muß man allerdings rätseln: Sollte es ein Seitenhieb gegen Felmy sein, oder einfach ein schlichter Gag?




Erfolgreicher Arzt und Schriftsteller lernte das Alphabet mit Brezeln – Kortums „Jobsiade“ vor 180 Jahren in Dortmund erschienen

Von Bernd Berke

Wäre der Einfall mit den Brezeln nicht gewesen, so wäre Carl Arnold Kortum vielleicht niemals Schriftsteller geworden. Als Kind schien er weder Lesen noch Schreiben lernen zu wollen, bis endlich ein Student die Idee hatte, dem Jungen aus Brezeln Buchstaben zurechtzulegen.

Von nun an begriff Carl Arnold schnell. Als er 1760 – mit fünfzehn Jahren – auf das Dortmunder Gymnasium kam, gehörte er bald zu den besten Schülern. In Dortmund, das er später dankbar als „Musensitz“ bezeichnete, lebte er bei seinern Onkel, in dessen Apotheke er auch gleich die Grundbegriffe der Heilkunst erlernte. Ein paar Jahre später wurde er mit einer Arbeit über Epilepsie Doktor der Medizin und ließ sich mit seiner Praxis zunächst in Mülheim (Ruhr) nieder.

Dr. Kortum war fortan ein begehrter Arzt. In einem einzigen Jahr (1768) haben sich gleich 600 Patienten von ihm behandeln lassen. Für die damalige Zeit eine schier unglaubliche Zahl. Die „Stadt“ Bochum, in der Kortum ab 1770 bis zu seinem Tod wohnte, hatte damals zum Beispiel 1500 Einwohner. Schon bald „rissen“ sich andere Städte um den jungen Arzt. So hätten die Hagener ihn gern zu ihren Bürgern gezählt. Doch Kortum blieb Bochum treu, zumal seine Frau, die er 1770 heiratete, von dort stammte.

Niemand hätte dem erfolgreichen Mediziner zu dieser Zeit einen Ruhm als Schriftsteiler prophezeit. Auch Kortum selbst mißtraute dem eigenen Schreibtalent, bezeichnete seine Versuche in dieser Richtung als „Tändelei“ und war überzeugt, besser Leute kurieren als Sätze formulieren zu können.

Sein volkstümlicher Ton entsetzte die Kritiker

Selbst das Werk, das ihm bis heute einen Platz im Lexikon und auf Straßenschildern gesichert hat, nämlich die volkstümliche „Jobsiade“, war für Kortum nur ein medizinischer Kniff: Er habe es lediglich verfaßt, um seine eigene Hypochondrie zu vertreiben. Auch seine Zeitgenossen hielten nicht allzu viel von der holprig gereimten Geschichte, die vollständig erstmals vor genau 180 Jahren bei den Gebrüdern Mallinckrodt in Dortmund erschien (der erste Teil war bereits 1784 in Hamm und Münster herausgekommen). Einige waren sogar beleidigt, weil sie sich (wohl zu Recht) in den bissig-satirischen Versen wiederzuerkennen glaubten. Kortum hatte allerdings in weiser Voraussicht den Band unter dem Pseudonym „Caspar Sachs“ in Druck gegeben.

Worum geht es in der „Jobsiade“, deren vollständiger Titel „Leben, Meinungen und Taten von Hieronymus Jobs, dem Kandidaten“ lautet? Um Jobs, den Sohn eines Ratsherren, der unbedingt Theologie studieren soll, sich dabei aber lieber geistigen Getränken als geistlichen Studien widmet. Er führt ein abenteuerliches Leben, wird Lehrer, Bettler, Schauspieler und zum Schluß Nachtwächter, verkehrt zwischendurch mit Räubern und Falschspielern und spannt obendrein einem Grundherren die Geliebte aus.

Knittelverse in der Tradition von Hans Sachs

Kurzum: AIlein die Handlung war den braven Bürgern ein Greuel. Ein Kritiker verstieg sich gar zu der Behauptung, die „Jobsiade“ sei das „Schlimmste an Literatur“, das sich überhaupt denken ließe. Die, die sich für gelehrt hielten, rümpften außerdem die Nasen über den staksigen Kittelvers, den Kortum benutzt hatte (Bekanntes Beispie: „Über diese Antwort des Kandidaten Jobses / Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes“). Der Knittelvers war zwar gerade erst durch keinen Geringeren als Goethe wieder „hoffähig“ gemacht worden, doch Kortum füllte ihn wieder mit dem nicht so fein geschliffenen Volkston des Nürnberger Schuhmachers und Dichters Hans Sachs. Breite Schichten des Volkes mochten diesen derben Ton nach wie vor. Die meisten „Gebildeten“ aber – aus ihren Reihen stammten ja die Kritiker – hatten mittlerweile andere Vorstellungen von Literatur als das Volk.

Doch, wie so viele, setzte sich auch dieses Buch gegen alle hochtrabende Kritik durch, ganz und gar freilich erst um 1850, lange nach Kortums Tod. Erst jetzt erkannten auch die „Fachleute“, daß hier einer sehr treffend die Schwächen und Marotten der Kleinbürger beschrieben hatte und daß der volkstümliche Ton dazu ganz genau paßte. Einige Jahre später wurde auch Wilhelm Busch auf die „Jobsiade“ aufmerksam und verfaßte 1874 eine Nachdichtung. Der Stoff wurde danach Grundlage einer Operette und einer Schuloper. Die „Jobsiade“ ist inzwischen in viele Sprachen übersetzt worden, so etwa ins Schwedische, Polnische, Tschechische, Holländische und Englische.

„Hernetische Gesellschaft“ für Alchimie

Außer der „Jobsiade“ hat Kortum eine Reihe medizinischer Schriften publiziert, die heute aber überholt und bestenfalls von historischem Interesse sind. So schrieb Kortum unter anderem über die Wirkung von Tee und Kaffee, über die „Brotsorten der Völker“, über Maßnahmen gegen ansteckende Krankheiten, aber auch über nichtmedizinische Themen wie Graphologie und Bienenzucht. Schließlich erforschte er mit heute noch gültigen Resultaten die Geschichte Bochums und fertigte einen Stadtplan an, auf dem jedes einzelne Haus zu sehen ist. Seine heute vielleicht aktuellste Veröffentlichung ist eine Verteidigung der naturverbundenen Lebensart der „Wilden“ gegenüber den zivilisationsgeschädigten Europäern von 1778.

Zusammen mit dem Schwerter Kollegen Dr. Bährens hat sich Kortum über die zivilisierten Menschen lustig gemacht. Die beiden gründeten eine sogenannte „Hermetische Gesellschaft“ für Alchimie (künstliche Erzeugung von Gold), waren über Jahre hinweg deren einzige Mitglieder, taten aber in Aufrufen so, als seien sie ein riesiger Verein und verliehen sogar Diplome. Das Ziel der Gesellschaft hatte Bergarzt Kortum der Region angepaßt, in der er lebte: Es galt, Gold aus Steinkohle zu gewinnen.

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WR-Halbseite „Bilder und Berichte“

 




Ganovenjagd geht rund um Hochöfen – Hansjörg Felmy als neuer „Tatort“-Kommissar

Von Rudolf Horsmann (alias Bernd Berke)

Das könnte der Krimi-Hit des Jahres werden. Nachdem schon die Wiederholungen aus der „Tatort“-Serie von mehr Zuschauern gesehen wurden als fast alle Erstsendungen, jagt ab April Hansjörg Felmy als neuer „Tatort“-Kommissar Haferkamp die Verbrecher durchs Ruhrgebiet. Ständige Kulisse: die Industrielandschaft.

Titelseite der WR-Wochenendbeilage vom 23./24. Februar 1974 (Fotos: Hüneke)

Hochofen A dröhnt: Abstich. Rotglühender flüssiger Stahl fließt aus der Öffnung in schmale Abflußkanäle. Da kommt ein Mann gerannt, setzt zum Sprung über die heiße Stahlmasse an, ist hinüber und sprintet um den Hochofen herum.

,,Das ganze noch einmal“, pfeift Regisseur Wolfgang Becker seinen Star Hansjörg Felmy zurück. Der ist ein bißchen aus der Puste und friert – trotz Hochofen, denn es bläst ein kalter Wind auf dem Gelände der Oberhausener Thyssen-Werke.

Kurz darauf ist die Szene „im Kasten“. Das Münchner Bavaria-Filmteam ist mit der Dreharbeit für die neue „Tatort“-Folge einen Schritt vorangekommen. „Acht Jahre später“, so heißt die Episode, wird – nach den „Tatort“-Wiederholungen der letzten Wochen – den Neuanfang der Krimireihe bilden. Vermutlicher Sendetermin: 28. April (ARD, 1. Programm).

Die Bavaria-Leute, die die Serie im Auftrag des WDR Köln herstellen, wollen mit ihrem neuen „Tatort“-Kommissar Haferkamp (Hansjörg Felmy) einen Typ auf die Mattscheiben bringen, der sich deutlich von Kollegen wie ZDF-Renner Erik Ode („Der Kommissar“) unterscheidet.

Melancholisch und geschieden

Erste Besonderheit: Haferkamp arbeitet nicht in einer „schicken“ Stadt wie München oder Berlin, sondern in der Ruhrmetropole Essen. Weitere, zum Teil ungewöhnliche Eigenschaften:

  • Der Kommissar ist ein melancholischer Mann,
  • der Kommissar ist geschieden,
  • der Kommissar trinkt gern und hat eine umfangreiche Jazz-Plattensammlung.

Fragt sich, ob Hansjörg Felmy, der früher mit Vorliebe jugendliche Helden und Naturburschen spielte (,,Wir Wunderkinder“, ,,Und ewig singen die Wälder“, „Haie und kleine Fische“), der richtige Mann für diese Rolle ist. Die WESTFÄLISCHE RUNDSCHAU sprach in einer Drehpause mit dem 43jährigen Schauspieler.

Hat Felmy Erfahrung im Kommisisar-Spielen? „Ja vor zehn Jahren habe ich in ,Der Nebelmörder‘ ein Verbrechen aufgeklärt. Außerdem war ich in einem Edgar-Wallace-Film dabei.“

Glühender Stahl mildert klirrende Kälte beim Dreh

Macht ihm die Rolle des Kommissars Haferkamp Spaß? ,,Ich finde das Drehbuch sehr interessant Die Folge, die wir jetzt drehen, geht zum Beispiel völlig überraschend aus. Ganz anders als in anderen Krimis.“

Wie denkt Felmy über die Ruhrpott-Kulissen in Oberhausen und Essen? „Ich stamme aus Berlin. Und da finde ich das alles erstaunlich. Einen Hochofenabstich sehe ich heute zum ersten Male in meinem Leben.“

Angst vor dem Sprung über den flüssigen Stahl hat er nach eigenem Bekunden trotzdem nicht gehabt „Tat bei der Kälte sogar ganz gut“, meint er. Wie seine Verfolgungsjagd am Hochofen endet, möchte er natürlich nicht verraten.

Eines ist sicher: Haferkamp alias Felmy ist dem Täter sehr dicht auf der Spur. In Oberhausen wurde nämlich auch eine Szene abgedreht, in der der flüchtige ,,Schurke“ auf dem Gelände des Stahlwerks in einen fahrenden Bahnwaggon springt.

Ein Assistent mit miesem Charakter

Bei den Außenaufnahmen in Oberhausen und Essen und den Innenaufnahmen in München (wo im Atelier ein Kommissariat nachgebaut wurde) wirken außer Felmy andere bewährte Schauspieler mit: Willy Semmelrogge, Ulrich von Dobschütz (die beiden Assistenten des Kommissars). Etwas, was es bei Krimis selten gibt: Einer der beiden Assistenten, Kaslik (von Dobschütz), hat laut Drehbuch einen miesen Charakter. Er glaubt, er könne alles besser als sein Chef. Karin Eickelbaum spielt die ehemalige Frau des Kommissars. Als Gastkommissar schließlich ist bei dieser Folge ein alter „Tatort“-Bekannter dabei: Klaus Schwarzkopf.

Bis auf Hansjörg Felmy und den Darsteller, der den „Bösewicht“ mimt, war allerdings in Oberhausen kein Schauspieler dabei. Auch das ist drehbuchgerecht. Wenn es nämlich ernst wird, dann kommt eine weitere Eigenschaft des Kommissars Haferkamp zum Tragen: Er ist ein Einzelgänger.

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Rundschau-Wochenendbeilage