Kulturbörse in Essen erneut ein Erfolg – 14000 beim „Marktplatz Ruhrszene“

Von Bernd Berke

Essen. „Lesungen auf Wunsch“ gab es an einem Stand, ein paar Kojen weiter versuchte sich einer als Zauberkünstler, nur Schritte entfernt gab’s Marionettenballett. Aus der Halle schallte derweil harte Rockmusik. Vielfalt, aber kein Chaos: Der „Marktplatz Ruhrszene“, jene vom Verein pro ruhrgebiet aus der Taufe gehobene und von manchen als Rummelplatz bezeichnete Kulturbörse des Reviers, hat am Wochenende in der Essener Grugahalle seine zweite Bewährungsprobe bestanden.

Hatte es 1982 in Dortmund noch die eine oder andere kleine Premierenpanne gegeben, so war das Spektakel diesmal nahezu perfekt organisiert. Zeitverzögerungen waren gering, bei insgesamt 1000 Mitwirkenden lag nur eine einzige kurzfristige Absage vor. Niemand zweifelt daran, daß die Veranstaltung alljährlich zur Dauereinrichtung wird.

Gehofft hatte man, daß 10 000 kämen. Dann aber tummelten sich annähernd 14 000 Besucher am Samstag und Sonntag in der Halle und im Foyer, wo sich über 200 Amateur-Gruppen, Initiativen und Solisten aus 53 Städten vorstellten. Bunt das Programm: Rockmusik (einer der Höhepunkte: der Auftritt von „Herne3″ am späten Samstagabend), Kunsthandwerk, Varieté und Zirkuszauber, Theater, Fotografie, Zeichnungen, Autorenlesungen, Kabarett usw.

Zwar das Gros, doch längst nicht alle 200 Programmpunkte (die aus 500 Bewerbungen ausgewählt wurden) erfüllten den Anspruch, das eigenständige Kulturprofil der Ruhrregion zu dokumentieren. Warum zum Beispiel (von der Duisburger Gruppe Birds of Passage schlecht gespielte) Countrymusic hier unverzichtbar sein sollte, war kaum einzusehen.

Im Gegensatz zu Dortmund ’82 fand diesmal von Anfang an auch Laienpublikum Einlaß. Ebenfalls neu, daß diesmal Eintritt (5 DM, 2 DM für ermäßigte Karten, der Erlös geht an den Ruhrszenefonds zur Unterstützung hiesiger Künstler) berappt werden mußte. Doch das tat dem Besucherandrang keinen Abbruch. Ließ sich der Verkauf am Samstagmorgen noch schleppend an, so hatten bereits am ersten Tag 7000 Menschen die Halle durchstreift, darunter auch wieder einige professionelle Kulturmanager, so daß erneut einige Gruppen die Chance zu unverhofften Auftritten oder gar Studioproduktionen erhielten.

Füllten am Samstag vornehmlich Jugendliche die Halle, so lockte das mit Puppen- und Clownsdarbietungen bewußt familienfreundlich konzipierte Sonntagsprogramm auch zahlreiche Ältere an. „Bühne 4″ war freilich ein Flop. Gedacht als Forum für Spontanauftritte, blieben diese Bretter fast die ganze Zeit über gähnend leer. Erst am Sonntag wagten sich mehrere Mutige hinauf. In Dortmund war’s vor Jahresfrist beinahe umgekehrt gewesen: Dort hatte man mit plötzlichen Eingebungen kaum gerechnet, wahrend es an Auftrittswilligen nicht mangelte.




„Heartbreakers“ – die Aufbruchstimmung der frühen Beat-Jahre

Von Bernd Berke

Im Westen. 1966. Beim Stones-Konzert sind „die Brocken geflogen“. Eine Gruppe von Jugendlichen landet auf der Polizeiwache. Ein Beamter wagt es, Stones-Boß Mick Jagger zu beleidigen: „Warum wackelt dieser ,Mick Jäger‘ immer so mit dem Arsch? Hat der Hämorrhoiden oder ist der schwul?“ Das stößt den Jugendlichen übler auf als alle sonstigen Repressalien. Im Nu gleicht die Wache einem Tollhaus.

Die ersten Szenen von Peter F. Bringmanns neuem Film „Heartbreakers“ (Herzensbrecher) zeigen gleich, wo’s langgeht: Musik, so die nicht ganz abwegige Botschaft dieses Films, war in jenen Jahren, als gerade Who, Animals und Rolling Stones erste Ruhmeshöhen erklommen hatten, das, was die Welt der Jugendlichen im Innersten zusammenhielt.

Vor allem Dank der Tatsache, daß hier jugendliche Laiendarsteller agieren, kommt viel von der damaligen Atmosphäre zum Ausdruck: Beengtheit gleichermaßen wie die aus ihr resulitierende aggressive Aufbruchstimmung.

Die Story über eine Amateur-Beat-Band, die im Ruhrpott „alles niederbügeln“ will, zielt gleichermaßen auf die heute etwa 30- bis 35jährigen, denen vor Nostalgie der eine oder andere Schauer über den Rücken laufen wird, wie auf 14- bis 18-jährige. Ganz bewußt haben Bringmann und Drehbuchautor Matthias Seelig („Theo gegen den Rest der Welt“) Signale in den Film eingebaut, die beide Altersgruppen zur Identifikation auffordern: Die mittleren sechziger Jahre sind nicht nur in Gestalt von alten Automodellen präsent. Einiges gemahnt andeutungsweise auch an die Gegenwart, so zum Beispiel die „no future“-Attitüden des Bandleaders Freytag.

So schwankt der Film an einigen Stellen etwas unentschlossen zwischen dem Vorhaben, eine fast schon historische Stimmung zu dokumentieren und dem Ansinnen, den dazugehörigen Gefühlen neue Aktualität zu verleihen. Die Liebesgeschichte zwischen Freytag und Lisa wirkt leider sehr konventionell und wie nachträglich aufgepfropft. Gut hingegen die Kontraste zwischen Beat-Fieber und dem immer wieder als Kontrast am Rande erscheinenden Beharrungsvermögen der Revier-Umwelt mit Bergmanns-Skat, Männergesangsverein, Rumba-Tanzstunde und Kleingarten.




Wenn sich die Künstler drängeln – Die „Nacht der Lieder“ des ZDF in der Westfalenhalle

Von Bernd Berke

Dortmund. Weniger wäre wieder einmal mehr gewesen. Die „ZDF-Nacht der Lieder“ in der nicht ganz gefüllten Westfalenhalle bot nicht weniger als zehn Programmpunkte, die sich – im steten Wechsel zwisehen zwei Bühnen – schier endlos von 16 Uhr bis nach 2 Uhr früh hinzogen. Das macht bei einem Vorverkaufspreis von 25 DM schlappe 2,50 DM pro Gruppe. Wo gibt’s das schon?

Aber auch die Gegenrechnung hat einiges für sich: zehn Gruppen, das bedeutet neunUmbaupausen; es bedeutet, daß jede Formation nur kurz auftreten und sich nicht richtig entfalten kann; es bedeutet, daß das Publikum über eine Marathondistanz von 10 Stunden ausharren und diesmal – wollte es nicht um die ersten Gruppen geprellt werden – wochentags zur frühen Nachmittagsstunde auf der Matte stehen mußte. Schließlich dürfte es auch dem gewieftesten Veranstalter schwerfallen, zehn Auftritte zusammenzustellen, die mehr miteinander zu tun haben, als daß jeweils Stimmen und Instrumente erklingen. „Lieder“ ist ein sehr dehnbarer Begriff.

Ein eindeutiger Glanzpunkt, wie ihn vor Jahresfrist Angela Branduardi setzte, fehlte diesmal. Es gab freilich auch keine „Ausfälle“. Randy Newman, der zynische Beschreiber US-amerikanischen Spießerlebens, dessen Live-Auftritte so rar sind, konnte einem leid tun. Die große Halle war sicher nicht das richtige Forum für seine Lieder, die intimere Atmosphäre brauchen. Newman war denn auch der einzige, dem keine Zugabe abgefordert wurde. Zuvor hatte Stefan Waggershausen, seit Beginn seiner Plattenkarriere erstmals auf der Bühne, ein passables Live-Debüt gegeben. Die holländischen „Bots“ mühten sich, mit ihren friedensbewegten Liedern die allmählich sattsam bekannten Rituale („Aufstehn!“) auszulösen.

Sally Oldfields Gruppe bot wohltuend entspannte und entspannende Musik. Zu später Stunde folgten die drei Auftritte, die am meisten umjubelt wurden: Chris de Burgh, Wolfgang Ambros und der Italiener Lucio Dalla brachten den lang entbehrten Schwung in die Halle. Dallas Anlage war freilich so großzügig ausgesteuert, daß man in Lautsprechemähe das große Ohrenflattem bekam. Seine Titel, so mitreißend sie auch sind, weisen sämtlich ein Einheitsstrickmuster auf. Nach Mitternacht erzeugte „Zupfgeigenhansel“ mit leiseren Folkloretönen noch einmal „alternative Nestwärme“, bevor Klaus Lage & Druck für Kehraus-Klang in der schon halbleeren Arena sorgten.

Das ZDF sendet Ausschnitte aus dem Konzert am 26. März




Rock-Reader umfaßt 259 Bands des Reviers

Von Bernd Berke y

Essen. Eine Dortmunder Rockgruppe hatte sich gerade aufgelöst, da kam ein Anruf vom Verein „pro ruhrgebiet“: Man wolle ein Handbuch über die Musiker der Ruhr-Szene herausgeben. Fixe Reaktion der Dortmunder Band: „Was? Das Buch erscheint? Dann machen wir doch weiter!“

Mit solch‘ hochgesteckten Erwartungen sahen Teile der „Szene“ jener Neuerscheinung entgegen, die gestern in Essen vorgestellt wurde: „Ruhr Szene Rock & Lieder im Ruhrgebiet“, so der offizielle Titel des 208 Seiten starken Readers, stellt 259 Gruppen mit annähernd 1000 Musikern vor, die zwischen Duisburg und Hamm beheimatet sind. Das Buch soll, im Gefolge des Dortmunder Treffens „Marktplatz Ruhrszene“, sowohl den Kontakt der Musiker untereinander als auch Verbindungen zwischen Konzertveranstaltern und Bands erleichtern.

Wolfgang Rühl, Geschäftsführer von pro ruhrgebiet e. V. , hofft, daß der Band darüber hinaus von zahlreichen Musikfans erworben wird: Der Verkaufserlös (Traumziel: 50 000 DM Überschuß bei einer Auflage von 10 000 Stück) bildet nämlich zugleich den Grundstock für einen neuen Künstlerfonds, aus dem junge Talente im Revier gefördert werden sollen. Rühl: „Wir wollen zum Beispiel Ausfallbürgschaften bei riskanten Platten-Produktionen geben“. Der Fonds solle allerdings kein „Selbstbedienungsladen“ für fianzschwache Musiker werden, die weiterhin ein gewisses Eigenrisiko tragen müßten. Hat eine geförderte Platte großen Erfolg, soll ein bestimmter Anteil (man spricht von 50 Pfennig bis 1 DM pro verkaufter Scheibe) in den Fonds zurückfließen, sozusagen als „Dankeschön“ für die Investitionshilfe.

Das Handbuch der Musikszene ist alphabetisch aufgebaut und präsentiert Selbstdarstellungen der Bands. Die „große Qualitätslatte“ habe man seitens der Herausgeber nicht angelegt. Dieter Zienau, der die Buchredaktion leitete: „Unsere Recherchen waren nur zum Teil ergiebig“. Man schätze die Dunkelziffer der noch nicht erfaßten Bands auf etwa 1000. Die große Fluktuation – allein 68 Bands lösten sich während der Recherchen auf oder gaben sich neue Namen – zwang zu höchster Aktualität. Redaktionsschluß war der 1. Dezember.

Wolfgang Rühl sieht optimistisch in die Zukunft. „Die nächste Auflage wird bestimmt doppelt so dick“. Außerdem sollen in absehbarer Zeit vergleichbare Nachschlagewerke über freie Theatergruppen und Kleinkunst im Revier erscheinen.

Das neue Buch (14.80 DM) ist zu beziehen über den Kommunalverband Ruhrgebiet, Kronprinzenstraße 35, 4300 Essen 1.




„The Wall“: Mitreißende Bilderfluten

Von Bernd Berke

Die britische Rockgruppe „Pink Floyd“ war mit ihrer Show „The Wall“ („Die Mauer“) 1981 auf Tournee. Es erschienen das dazugehörigen Platten-Album (Auflage 12 Millionen) und ein einschlägiges Buch. Nun wird das Spektakel auf Zelluloid vermarktet. Ab morgen kann man das Ergebnis in den Kinos sehen. Dann läuft der Film „The Wall“ an, in Breitwandformat und Dolby-Stereo versteht sich.

Regisseur Alan Parker hat laut Presseheft nur ein einziges „Wall“-Konzert von „Pink Floyd“ gesehen, jenes in der Dortmunder Westfalenhalle. „The Wall“ ist als Film aber kein Produkt geworden, das die Bühnenshow nochmals originalnah für die Kinozuschauer reproduziert. Parker ließ sich vielmehr von der Musik dazu inspirieren, die Geschichte des von Eltern und Erziehern „kaputt“ gemachten Rockstars Pink (Bob Geldof) neu zu gestalten. Dabei ist ein mitreißender Film entstanden.

Parker hat nach dem Drehbuch von „Pink-Floyd“-Chef Roger Waters in 16-wöchiger Dreharbeit einen opulenten Augenschmaus angerichtet. Spielfilmelemente wechseln mit aufregend choreographierten, wortlosen Szenen, zwischendurch gibt es fulminante Trickfilmeinlagen. Stets gilt: die Bilder schmiegen sich eng an den Ablauf der Musikstücke. Der Sound strukturiert das Geschehen. Meist bedeutet das (vor allem zerstörerische) Aktion und ein ungeheuer hohes Tempo. Die Alptraumgestalten, die Pink halluziniert, verkörpern Visionen ziellosen Hasses. Endlich zerbirst die „Mauer“, die der Frustrierte um sich aufgebaut hat – Symbol für psychische Panzerungen. Am Ende steht – tja, was eigentlich? – Befreiung und/oder Irrsinn.

Man müßte den Film eigentlich viermal sehen (was wohl nur altgediente „Pink-Floyd“ Fans ihrem Geldbeutel zumuten werden): einmal, um die Bilderflut zu bewältigen, von der man sofort in Bann gezogen wird, als gerate man selbst in den Strudel des Geschehens. Ein zweites Mal, um die Musik zu genießen. Ein drittes Mal, um den Gehalt der Texte wahrzunehmen, die als deutsche Untertitel laufen und ständig von den Bildern ablenken. Ein viertes Mal schließlich, um das alles zusammen auf sich wirken zu lassen.

Gerade weil der Streifen die Sinne also vielfach bestürmt, beschleicht mich ein ungutes Gefühl. Man wird nämlich nicht nur in Anspruch, sondem auch gefangengenommen von diesem Werk des ehemaligen Werbefilmers Parker. Für eigene Phantasie bleibt kein Platz. Das Stakkato der Bilder tenorisiert oft mehr, als daß es anregt. Genau darauf spekuliert der Film wohl auch: daß der Zuschauer sich ausliefert und nur noch aufnahmebereiter Konsument ist.




Neil Young – Besuch aus der Zukunft

Von Bernd Berke

Köln. Neil Young-Fans in Dortmund und Umgebung dürfen sich auf das Gastspiel des 36-jährigen Kanadiers am kommenden Montag in der Westfalenhalle freuen. Doch die Freude wird nicht ungetrübt bleiben. „Testfall Köln“: Das Publikum in der ausverkauften Deutzer Sporthalle erlebte schmerzhafte musikalische „Wechselbäder“. Young hat eine denkbar unglückliche Auswahl aus einem riesigen Repertoire getroffen.

Das Programm zerfällt in drei Teile: Neil Young solo, mit akustischer Gitarre und Mundharmonika oder allein am Klavier. Melancholische Balladen und Country-Songs: „Old Man“, „The Needle and the Damage Done“, „Comes a Time“, „Sugar Mountain“. Unverwechselbare Lieder, manche beinahe „zum Heulen schön“. Genau das ist die Musik, die keiner besser macht als Young, und deshalb waren die 5000 in die Halle gekommen. Der orkanartige Beifall nach den leiseren Nummern ließ nicht den mindesten Zweifel.

Auch der zweiten Stilrichtung kann man noch manchen Reiz abgewinnen: die Begleitband, aus der Youngs langjähriger Weggenosse Nils Lofgren (Gitarre) und „Crazy Horse“-Drummer Ralph Molina hervorragen, liefert ein solides Klangfundament für Youngs Ausflüge in die Gefilde des Blues und Rock. Traumhaft das Zusammenspiel von Young und Lofgren bei Nummern wie „Like a Hurricane“, „Southern Man“ und „Out of the Blue / Into the Black“.

Zwischendurch aber immer wieder – und das veranlaßte die Fans zu lauten Buh-Rufen –einige der jüngsten Kompositionen Youngs: Dutzendware für Diskotheken, mit elektronischer Stimmverzerrung. Frostige Grüße aus der „Computerwelt“. Natürlich ist es legitim, wenn ein Musiker neue Stilmittel erproben will. Als Disco-Musiker ist Young aber einer unter vielen – und bei weitem nicht derbeste.

Solche unbedarften Schöpfungen ins Programm einzustreuen, grenzt überdies an „Vorspiegelung falscher Tatsachen“. Kaum jemand im Publikum hatte wohl mit solcher Art von Berieselung gerechnet. Sollte das der Neil Young der Zukunft sein, müßte er sich andere Zuhörer suchen. Schließlich die Plazierung! Wenn eine dieser monotonen Nummern unvermittelt hinter das leise „After the Goldrush“ gestellt wird, muß man an Youngs vielgerühmter Sensibilität zweifeln.

Wenn Young es nur über sich brächte, für den Dortmunder Auftritt die Disco-Einlagen zu streichen – die Westfalenhalle wäre am 11. Oktober (Karten gibt’s noch) Schauplatz eines der besten Konzerte der letzten Jahre!




Walzermusik sollte Fans besänftigen – Zweimal Rock in der Westfalenhalle 1, mal hart, mal deutsch

Von Elias Bierdel und Bernd Berke

Dortmund. Wenn es noch eines Beweises bedurfte, so wurde er am Wochenende in der Westfalenhaiïe 1 erbracht: Rock mit deutschen Texten (etwa 13 000 Zuschauer, ausverkauft) rangiert im Urteil der Fans derzeit eindeutig vor anglo-amerikanischen Hard-Rock-Formationen, die diesmal „nur“ 9000 Leute ins Hallenrund lockten.

Allseits wurde Erfreuliches vermeidet: Die Polizei nahm bei der zweitägigen Mammutschau nur einen Mann fest, der gegen das Waffengesetz verstoßen hat“te; für die Sanitätsdienste verlief die Veranstaltung normal, und die Tontechniker des ZDF sprachen von „hervorragenden Aufnahmebedingungen“. Also wird man Bei Fernsehaufzeichnungen von „Rock-Pop in Conzert“ (voraussichtliche Sendetermine: 19. Juni Hard-Rock, 10. Juli Deutsch-Rock) auch die Texte verstehen, die beim Live-Konzert nicht immer deutlich über die Rampe kamen.

(EBi) Der erste Tag des Spektakels, der harten Rock-Musik gewidmet, gewann gerade durch die kurzfristige Änderung des Programms. Vor allem die nachträglich „nominierte“ Band Jethro TulI konnte – inmitten wüster Phon-Orgien – eigene, anspruchsvollere Akzente setzen. Zuvor erwiesen sich Joan Jett & The Blackhearts als mittlerer Flop.

Bevor die Stars des Abends, die zwanzig Jahre alte Gruppe „Status Quo“, die frenetischsten Beifallsstürme einheimsten, lief über Lautsprecher Walzermusik – offenbar, um die Rockfans zu besänftigen. Eines kann man Status Quo jedenfalls nicht nachsagen: Daß es an Lautstärke mangelt. Es folgte „Heart“ mit langweilig dargebotenen Phantasielosigkeiten. Nach 2 Uhr beendete „Saxon“ das Programm. Auffälligstes Show-Requisit: ein riesiger Silbervogel, der die Fans mit blitzenden Augen fixierte.

(bke) Am zweiten Tag bestieg mit „Ideal“ die bekannteste Gruppe gleich zu Anfang eine der beiden Bühnen. Fazit: Auf Platte sind die Berliner um Annette Humpe besser. Es fehlte der „Draht“ zum Publikum. Ganz anders Wolfgangs Niedeckens BAP, die mit fetzigem Kölschrock das Publikum der 12- bis 35-jährigen zu Begeisterungsstürmen hinriß. Stärkeres wurde während der ganzen Nacht nicht mehr geboten. Bei Joachim Witt, dem „goldenen Reiter“, der wie ein Roboter über die Bühne wackelte, ähnelte ein Lied dem anderen. Sein 12minütiger Singsang vom „Herbergsvater“ ging immerhm in die Beine. Prädikat: Konsequent monoton.

Die Münchner „Spider Murphy Gang“ („Skandal im Sperrbezirk“) brachte musikalisch eher biedere, konventionelle Kost, UKW sah sich nach technischen Pannen und langer Umbaupause unter Wert verkauft. Ohnehin warteten alle nur noch auf „Extrabreit“ aus Hagen. Deren Anlage war entschieden zu laut ausgesteuert, und man hörte fast nur noch brutale Gitarrenschlachten.

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WR-Lokalteil Dortmund




Ovationen für die „Bots“ und ein Kuß für Lerryn

Von Bernd Berke

Die holländischen „Bots“, Kultgruppe der Friedensbewegung und seit ihrem Auftritt im November 1981 auch in Dortmund keine unbekannte Größe mehr, gaben in der vollbesetzten Westfalenhalle II erneut ihre musikalische Visitenkarte ab. Mit von der Partie: Der Frankfurter Liedermacher Lerryn, der nebenbei deutsche Texte für die „Bots“ schreibt, Klaus Lage mit der Rockgruppe „Druck“ und Karl-Heinz Hansen, SPD-Dissident, der Attacken gegen die Bundesregierung vortrug.

Gemeinsamer Nenner aller Mitwirkenden war der Slogan „Frieden schaffen ohne Waffen“. Die Qualität der Beiträge war unterschiedlich. Während bei Klaus Lage und „Druck“, die allerdings laut Ansage erst zweimal zusammen gespielt hatten, so gut wie nichts „über die Rampe kam“, heizten die „Bots“ dem überwiegend jugendlichen Publikum ein. In ihrem geschickt bis routiniert aufgebauten Auftritt kamen die Zugnummern („Aufsteh’n“, „Entrüstung“, „Was wollen wir trinken?“) zum Schluß und entfachten Tanzlust.

Die Gruppe ließ dabei eine erstaunliche Vielfalt musikalischer Formen erkennen: Von Folk-Anklängen bis hin zu Hard-Rock und Jazz-Rock reichte die Bandbreite. Leider verstand man, der unzureichenden Akustik wegen, nicht immer die kompletten Texte. Doch die meisten Zuschauer kannten den Wortlaut wohl ohnehin aus’wendig. So ging es dann bei der „Bots“-Darbietung eher um Solidaritätsgefühle als um kritische Neuanstöße. Die hatte zuvor Dr. Dieter Dehm alias „Lerryn“ gegeben, der sich nicht scheute, einige taktische Entscheidungen der „Grünen“ bei der Auseinandersetzung um die Frankfurter „Startbahn West“ zu kritisieren. Das freilich trug ihm den Unmut einiger Zuschauer ein, die eine klärende Richtigstellung verlangten. Lerryn erhielt aber auch den unmittelbarsten Beilfall des Abends: Als sein Lied gegen ein behindertenfeindliches Gerichtsurteil verklang, fuhr ein Rollstuhlfahrer an die Bühne heran und gab dem Liedermacher einen Kuß.

Die größten Ovationen aber wurden erwartungsgemäß den „Bots“ zuteil. Zu ihrem Lied, das zum Aufstehen ermuntert, mußte sich keiner mehr erheben, denn es standen oder tanzten schon alle. Dem Quintett wurden schließlich mehrere Zugaben abverlangt.

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WR-Lokalteil Dortmund




Singende Kinder – ebbt die Welle ab?

Von Bernd Berke

Als Heintje in die Jahre kam, gab es eine Austrittswelle: Der Dortmunder Heintje-Fanclub, einst der größte seiner Art in der Bundesrepublik, schrumpfte zusehends. Innerhalb weniger Monate kehrten über 100 Fans des holländischen Kinderstars ihrem Hörder Verein den Rücken. Im Umland machten von 29 Heintje-Clubs zehn dicht.

Dr. Riemer vom Deutschen Institut für Jugendforschung in München erklärt sich das so: „Es scheint, als könnten sich die Fans mit einem erwachsenen Heintje nicht mehr abfinden. Sie können ihre geheimen Wünsche nicht mehr auf den Jungen übertragen.“

Manager poltert gegen früheren Schützling

Heute ist man Heintje richtig böse. Manager Gerd Rothenbusch (33), der bis vor kurzem noch landauf, landab Reklame für ihn machte, poltert gegen seinen früheren Schützling los: „Den würd‘ ich nicht mehr auftreten lassen. Der hat doch genug Geld verdient, der Knabe!“ Als hätte Rothenbusch es gerochen: Einen Tag später verpatzt Heintje – angeblich von Grippe geplagt – seinen Auftritt bei der Löwenverleihung in der Westfalenhalle. Rothenbusch freut sich: „Das geschieht ihm recht. Unser Club gönnt ihm keinen Erfolg mehr. Warum muß Heintje auch so viel Malteser saufen. Klar, daß ihn das fertigmacht!“

An Heintjes Stimmbruch und an der Tatsache, daß er seinen größten Club im Stich ließ. indem er ihn nicht mehr mit Informationen versorgte, wäre beinahe der Club eingegangen. Gerade noch rechtzeitig kam Clubchef Rudolf Omnitz (18) die rettende Idee: um weiter auf der Kinderstar-Welle mitreisten zu können, nahm er die heute zwölfjährige Norwegerin Anita unter die Fittiche des 500köpfigen Clubs.

Heintje als Ersatzkind?

Das fällt auf: Der Club, der sich um Kinderstars kümmert, hat sehr viele Mitglieder über 40 Jahre. Und es gibt sogar eine Art „Dunkelziffer“. Manager Rothenbusch: „Viele Mütter und Omas lassen ihre Sprößlinge in den Club eintreten, weil sie sich schämen, es selbst zu tun.“ Den Grund kann man nur vermuten. Beim Clubtreff ruft ein älterer Mann im Überschwang: „Den Heintje, den mag ich, der ist nicht so überheblich.“ Der Mann ist nicht verheiratet, hat kein Kind. Heintje als Ersatzkind?

Jedenfalls ist der Fan etwas „hinter dem Mond“. Für seinen Club nämlich ist Heintje „gestorben“. Und schon drohen Sorgen mit dem blonden Heintje-Ersatz Anita („Schön ist es, auf der Welt zu sein“), denn auch von der kleinen Roy-Black-Partnerin hört man kaum noch etwas. Letzte Chance: Clubgründer Rudolf Omnitz will einen Blitzbesuch in ihrer norwegischen Heimat machen und sie zu neuen Aktivitäten überreden. Und wenn’s nicht klappt, ist es auch nicht schlimm.

Flexibler Fanclub: von Anita zu Jürgen Marcus

Fanclubs sind flexibel: Schon ist Rudolf Omnitz mit einem Bein aus der Kinderwelle raus. Seme Fanclubzeitung (Auflage: 3000 Stück), die einst naiv bejubelte, daß sich „unser Heintje“ eine Villa mit 26 Zimmern leisten kann und dann Anita in den Schlagerhimmel hob, feiert heute in erster Linie Jürgen Marcus („Schmetterlinge können nicht weinen“).

Auch die Schallplatten-Industrie sieht den Boom der deutsch singenden Kinderstars abflauen. Bei der Ariola-Tochter „M Records“, die den zehnjährigen „Nicki“ unter Vertrag hat, heißt es: „Wir haben keinen anderen Kinderstar mehr. Der Nicki reicht uns.“ Auf andere Weise will die Firma Bellaphon nach Worten von Manager Helmut Kersting das Problem in den Griff kriegen: „Wir werden die Fanclubs straffer organisieren.“ Kersting betreut das britische Kinderduo „James Boys“.

Wie deprimierend auch das neue Clubleben aussehen kann, läßt ein Auftritt Jürgen Marcus im Dortmunder Clublokal „Kaiser“ in Sölde vermuten: Für 25 DM Eintritt „dürfen“ die Fans über eine Stunde lang auf seinen Auftritt warten. Und dann singt er nicht etwa, sondern wünscht nur einen guten Abend. Dann muß er weiter zu Fernsehaufnahmen.

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Rundschau-Wochenendbeilage