Paul Nizon und die Goldadern der Kunst

Paul Nizon lebt und schreibt aus voller Brust elitär, die allermeisten Verhältnisse lässt er weit hinter sich liegen. Er grenzt sich streng ab, hält sich heraus aus dem gängigen Streit der Zeit, besteht auf „Niemandszugehörigkeit“. Kritiker, die ihm weniger gewogen sind, halten ihn für einen prätentiösen „Dichterdarsteller“. Nach üblichen Maßstäben ist der 1929 in Bern geborene Nizon ein Bewohner des Elfenbeinturms.

Jetzt sind seine Journale der Jahre 2000 bis 2010 erschienen. Sie erheischen langsame, einlässliche Lektüre und häufiges Innehalten.

Es gibt nur wenige, die ihr ganzes Dasein so sehr mit Mühsal und Triumph der Schriftlichkeit gleichsetzen, die so unbedingt das Künstlertum im althergebrachten Sinne beschwören. Zitat: „Nur das Wort gewordene oder besser Poesie gewordene Leben ist lebenswertes Leben.“ Konsequenz: „Und darum verachte ich all die kleine Verbrauchskunst, so amüsant oder bestechend oder interessant sie auch sein mag…“ Unerbittliche Forderung: „Nur das Bis-an-die-Grenze-Gehen zählt oder genügt in Sachen Kunst.“

Paul Nizons geistesaristokratischer Dünkel geht freilich einher mit ausgesprochener Sympathie für die Clochards und Verzweifelten. Auf den ersten Blick findet man seine Texte vielleicht nicht sonderlich „welthaltig“, doch kann man, seinen Schilderungen aus der Nahsicht folgend, bei jedem Schritt und jeder Wendung den Atem anhalten. Satz für Satz klingt seine augenblickliche Staunensbereitschaft an, er selbst sagt es so:  „…daß ich am Morgen beim Hinausgehen und Tagbegrüßen immer noch wie ein Kind voller Wundererwartung einhergehe…“ Daraus erwächst dann wortwörtlich „Sagenslust. SPRACHLUST.“

Die Journale nehmen einen sogleich gefangen, wenn er etwa zu Beginn rückblickend von den frühen Jahren in Paris spricht, wo er als „Lebensanwärter“ auf den „offenen Markt des Lebens“ tritt und sich alles vor schierer Erwartung anspannt, erhöhte Verletztlichkeit und drohendes Scheitern inbegriffen. Man fühlt sich hier nah am Zauber allen Anfangs, am schöpferischen Quell, doch auch im Zwiespalt. Das Schreiben gerät zur permanenten Selbst-Erfindung, darauf spielt wohl auch der Titel des Bandes („Urkundenfälschung“) an, der im gesamten Buch ansonsten nicht vorkommt. Das Ich ist eine fragile Fiktion, es muss jederzeit errungen werden, aus Worten hervorgehen.

Immer wieder vergleicht Nizon seine Art des Schreibens mit dem breiten, nie versiegenden Erzählstrom von Peter Handke und sieht sich selbst eher als Verschweiger, der nur wenigen Goldadern nachspüre; hingegen als manischen „Verschwender“ in den Journalen, „die den Seitenflügel meines Werks ausmachen“.

Nizons Fähigkeit zu rühmen zeigt sich auch und gerade in den Journalen. Die französische Lebensart, leuchtende Momente in Paris oder Rom, der „Schönheitsanfall“ angesichts der Erscheinung einer Frau – all das wird aus flüchtigen Momenten geborgen und als Kostbarkeit aufgehoben. Die Kehrseite: Zutiefst erschrocken notiert der Schriftsteller, dass vielleicht alles nur im relativ schmalen Werk bewahrt sei, dass er hingegen im äußeren Leben versagt habe.

Im Zeitrahmen dieser Tagebücher leidet Nizon an den Folgen einer Ehescheidung, andererseits gibt ihm die glückhafte Vollendung des Romans „Das Fell der Forelle“ Auftrieb. Hochgemutes Emporschwingen, quälerische Selbstzweifel und Selbstmitleid wechseln einander flackernd ab. Skepsis, den eigenen Ruhm betreffend und folglich auch Einkommens-Panik gehören zur Nachtseite der vogelfreien Existenz. Auch macht das Alter sich zunehmend bemerkbar, es sterben Freunde, jeder Tod bedeutet einen Weltverlust. Gallig bemerkt Nizon zudem, wie er sich etwa der gegenwärtigen Musikszene entfremdet habe, während ihn 1968 mit seinen kulturellen Begleiterscheinungen immerhin noch gestreift hatte.

Die künstlerischen Leitsterne Nizons erstrahlen in etlichen Passagen, in erster Linie Vincent van Gogh und Robert Walser, außerdem – schon widersprüchlicher gefasst – Elias Canetti, mit dem Nizon befreundet war und den er als wichtigste Begegnung seines Lebens bezeichnet, wenngleich er ihn auch als bedrohlich empfunden hat.

Zumal die Anfänge („künstlerische Inkubationszeit“) werden noch einmal eingehend bilanziert. Einige Essenzen klingen ehern kulturkonservativ. So stellt der einstige Museumsmann Nizon über die Kunst seit Kandinsky fest: „Das Abstrakte war wohl doch ein Irrweg.“ Verächtlich erwähnt er Rap und Poetry Slam als niedere Formen. Und er spricht sich vehement gegen Kulturrelativisten aus, die beispielsweise die nordafrikanische Rai-Musik in einem Atemzug mit Schubert nennen. Er selbst weiß, dass seine Haltung eurozentrischem Hochmut entspricht – und steht dazu.

Überhaupt gleichen die Journale über weite Strecken dem Versuch, auf dem Felde der Künste so etwas wie großbürgerliche Dignität, jedenfalls hochveredeltes Herkommen zu behaupten. Ein solches Unterfangen steht quer zur Jetztzeit, es  kann geradezu heroisch genannt werden. Wohlfeile Bekräftigungen landläufiger Meinungen finden sich anderswo zuhauf. Hier aber geht es um Werte jenseits des Tages.

Paul Nizon: „Urkundenfälschung. Journal 2000-2010“. Suhrkamp Verlag. 376 Seiten. 24,95 Euro.




„Stilvoll und lichtdurchflutet“ – Maklerdeutsch ist pure Poesie

Wer sich auf Wohnungssuche begibt, der lernt nach und nach die sprachlichen Bemäntelungen kennen, die in der Maklerzunft üblich sind. Sie lassen sich in manchen Punkten mit den notdürftig beschönigenden Formeln in Arbeitszeugnissen vergleichen.

Hier wie da werden Texte nach Baukastenprinzip aus Standardfloskeln gefügt. Hier wie da verständigt man sich gleichsam im ironisch gebrochenen Modus mit kaschierten Hintergedanken. Es gibt sozusagen eine imaginäre Interlinearversion, die den eigentlichen Sinn enthält.

Damit driftet das Genre der Immobilien-Annonce in literarische Gefilde. Nicht, dass jemand von Rosstäuscherei spreche! Nein, hier sickert Poesie in den tristen Alltag, die Makler schildern uns in herzerwärmenden Worten die herrlichsten Idyllen.

Der Befund ist gewiss nicht neu – und doch staunt man immer wieder über die Chuzpe, pardon, über die dichterische Freiheit, mit der hier die Tatsachen aufs Prächtigste verwandelt werden.

So ahnt man ja längst, dass eine Bleibe, die „mit inneren Werten“ angepriesen wird, just der äußeren Werte ermangelt, sprich: Es herrscht umfangreicher Renovierungsbedarf. Ähnliche Unbill verheißt die Formulierung, bei diesem Objekt könne der Mieter/Käufer seine Phantasie spielen lassen. Dann erfordert es enorme Vorstellungskraft, sich die Behausung als bewohnbar auszumalen. Ähnliches gilt, wenn vom „Potenzial“ einer Wohnung die blumige Rede ist.

Hier schmieden sie betörende Texte... (Foto: Bernd Berke)

Hier schmieden sie betörende Texte... (Foto: Bernd Berke)

Im gängigen Maklersprech kehrt eine an sich schon hübsch-hässliche Vokabel häufig wieder, nämlich „stilvoll“. Damit werden beileibe nicht nur Jugendstilfassaden, Stuckornamente oder dergleichen historische Reminiszenzen bezeichnet, sondern das nostalgische Anwandlungen evozierende Wort wird nahezu wahllos ausgestreut. Selbst die triste Baulichkeit lädt in dieser Lesart „zum Verweilen ein“.

Zu den Klassikern im Maklerianischen, die man geradezu liebgewinnen kann, zählt natürlich „lichtdurchflutet“. Das Wort benennt eigentlich alles, was nicht eben stockfinster ist. Jedes Fensterlein erfährt damit seine Würdigung. Kurzum: Die frei fabulierende Maklersprache lehrt uns, auch die kleinen, unscheinbaren Dinge wieder zu schätzen. Obwohl: Was heißt denn hier klein? Eigentlich ist ja per se immer alles „großzügig“. Darunter tun sie’s nur höchst ungern.

Aus immer gern genommenen Versatzstücken lässt sich – fast ohne näheres Ansehen einer konkreten Wohnung – eine idealtypische Anzeige generieren. Ich probier’s mal:

„Absolute Rarität: Repräsentative, lichtdurchflutete XYZ-Zimmer-Wohnung mit besonderem Charme, rundum stilvoll, äußerst großzügig geschnitten. Ruhig und doch zentral gelegen, optimal angebunden. Parkähnliches Grundstück in bevorzugter, gehobener, durchgrünter Lage in Waldnähe, traumhafter, unverbaubarer Fernblick mit idealer Südwest-Ausrichtung. Mit viel Liebe zum edlen Detail aufwendig und hochwertig kernsaniert. Gönnen Sie sich den Luxus, Sie haben es sich verdient: Diese Wohnung besticht mit einzigartigen Elementen, wird höchsten Ansprüchen gerecht und lässt keine Wünsche offen…“

Na, und so weiter. Doch wehe, wenn man die Hütte besichtigt.

Selbstverständlich beschränkt sich die Flunkerei nicht auf die Sprache, sondern setzt sich kongenial in der Bebilderung fort. Man muss das Geschick bewundern, mit dem unliebsame Schattenseiten ausgeblendet werden. Und man kann im Umkehrschluss mutmaßen: Was nicht im Bild auftaucht, liegt wohl besonders im Argen. Die Defizite ließen sich beim besten Willen nicht mehr ausbügeln, also ließ man sie kurzerhand weg.

Aber was soll’s? In allen Zweifelsfällen tritt eh dieser klein gedruckte, doch eherne Kernsatz in Kraft: „Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben wird keine Haftung übernommen.“




Denkwürdige Vokabeln (5): Alternativlos

Sie hatte es zum Unwort des Jahres geschafft, das war 2010. Kanzlerins Lieblingsvokabel, unbedingt merkbar: „alternativlos“. Ganz geriet sie danach nie in Vergessenheit, weil Frau Merkel immer wieder mal etwas, was sie oder der unverzichtbare, aber ungeliebte Kollege Schäuble sich ausgedacht haben, oder eben mangels anderer, auf der Entscheiderhand liegender Möglichkeiten für unumgänglich (auch eine Möglichkeit, das zu beschreiben, was gemeint sein könnte) halten. Aber, dem Alltag sei Dank, seltener benutzt wurde das finale Abschusswort einer jeden kontroversen Diskussion indes schon.

Wir sehen einmal davon ab, dass eine Alternative ursprünglich und ausschließlich einmal gedacht war, um die Wahlmöglichkeit zwischen mindestens zwei Lösungen zu beschreiben – es ist der Lauf der Zeit, dass sprachliche Formen nun einmal lebendig sind und damit auch vielfältiger genutzt werden können. So bürgerte es sich spätestens mit dem vermehrten Auftreten neuer Bewegungen in der Politik ein, davon zu sprechen, dass sogenannte „Alternative“ sich einmengen in das, was drei Traditions-Gruppierungen für ihr ureigenes Geschäft hielten, in eben die Politik. Die „Grünen“ wurden, wohl auch, damit sich Journalisten im Text nicht wiederholten, immer häufiger zu „Alternativen“.

Ich interpretiere das wohlmeinend mal so: Die Damen und Herren Kolleginnen und Kollegen wollten mit diesem Etikett „alternativ“ andeuten, dass diese neue politische Bewegung immer eine andere Möglichkeit auf dem Weg zu richtigeren Lösungen anböte als die anderen Parteien – sie eine neue, bisher nicht bedachte Möglichkeit skizzierte. Also kann es in den Vorstellungen der Grünen die Vokabel „alternativlos“ nicht geben. Eigentlich…

Wie wenig Spaß NRW-Landesgesundheitsministerin Barbara Steffens versteht, wenn es ums Rauchen geht, weiß ja auch ich, als Mehr-als-ein-Jahr-Nichtraucher und dennoch konsequenter Raucher-Mitfühler. Dass sie, Frau Steffens, aber sogar die Basis (ich meine damit die Grundfesten) der eigenen Partei verlässt und wesentliche Teile des kühnen Streitens gegen die Raucher als solche – auch nee, sie streitet ja mehr für die Nichtraucher – aber, dass sie ein Verbot von E-Zigaretten als „alternativlos“ beschreibt, gibt mir zu denken.

Wenn schon, dann richtige Zigaretten... (Foto: Bernd Berke)

Wenn schon, dann richtige Zigaretten... (Foto: Bernd Berke)

Ich persönlich halte diese Möchtegern-Kippe zwar für blöd. Wenn, dann muss es ordentlich Knarzen beim Inhalieren. Ich halte deren Bekämpfung unter anderem auch für eine Nettigkeit gegenüber der Tabakindustrie, die mit Recht fragt, warum das elektrisch ans Köcheln gebrachte Nikotin steuerfrei bleibt, das aus Tabak verbrannte indes durch Tabaksteuer unsere äußere Sicherheit mitfinanziert. Alternativlos empfinde ich das Verbot dieses Methadonprogrammes für Kettenraucher aber nicht.

Immerhin, ein Wort, dessen Notwendigkeit ich allein deshalb anzweifele, weil es, bei Gebrauch, jedes Gegenüber davon überzeugen soll, dass weitere Gedanken zum Thema wertlos seien, dieses Wort wird so noch breiter salonfähig gemacht. Denn nun nehmen es auch „Alternative“ in den Mund. Und doch nehme ich mir die Freiheit, mit dem Denken fortzufahren … und würde mir dabei mitunter gern eine anstecken, aber eine richtige, eine Aktive.




Moden und Marotten im Journalismus (2): Stocksteife Scheinobjektivität

Beim Deutschlandfunk halten sie traditionell große Stücke auf sich. Doch auch außerhalb der eigenen Reihen gilt der Sender viel. Gar mancher glaubt, er sei die Hörfunk-Entsprechung zur FAZ. Das lassen wir mal dahingestellt.

Höchst schätzenswert sind – nehmt alles nur in allem – die thematisch breit gefächerten Hintergrundberichte des DLF. Gerade in Zeiten des sonst weithin grassierenden Dudelfunks mit seinen lachhaften Kürzestbeiträgen, sind die ausführlichen Wortstrecken, die hier gepflegt werden, umso wohltuender. Noch auf jedem meiner Radios habe ich die Station gespeichert, um sie nach einfachem Knopfdruck hören zu können. So weit, so gut.

Nun aber, ach: die Nachrichten! Diese stets offiziös, ja vielfach halbamtlich und staatstragend klingenden Bulletins. Immer mal wieder wundert man sich, welche News hier in den Vordergrund geschoben werden. Wenn nichts Gravierendes geschehen ist, so rückt hier in der Regel ein Sachverhalt nach oben, zu dem Minister(in) XYZ oder ein Spitzenverband Stellung genommen haben.

Hier zählen Politikerworte noch etwas, hier werden sie getreulich und konjunktivisch einwandfrei referiert; oft genug auch dann, wenn sie von minderem Gewicht sind. Hier schafft es zwischendurch auch schon mal der Hinterbänkler mit zwei oder drei gestanzten Sätzchen an die Spitze der Neuigkeiten. Da wird „betont“, „eingeräumt“ und „nicht ausgeschlossen“, dass es nur so seine Art hat. Zudem gewinnt man den unguten Eindruck, hier werde ängstlich vorauseilend nach Parteienproporz austariert. Nie erlauben sie sich saloppe Ausdrucksformen, niemals ein Augenzwinkern. Wo käme man da hin?

Auf den Skalen älterer Radios werden Stationen noch namentlich genannt. (Foto: Bernd Berke)

Auf den Skalen älterer Radios werden Stationen noch namentlich genannt. (Foto: Bernd Berke)

Wie soll man das steifleinene Gebaren im Rahmen unserer Reihe nennen? Um eine Mode handelt es sich bei dieser betulichen Nachrichtengebung wahrlich nicht. Eher schon um eine Marotte, um etwas Verschrobenes. Es lassen sich tatsächlich Parallelen zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung ziehen. Man schaue sich nur allwochentäglich deren staubtrockene Anti-Schlagzeilen über dem Aufmacher der Titelseite an, beispielsweise gestern: „Russland lobt Assad: Sie sind sich Ihrer Verantwortung bewusst“. Dem entspricht im drögen Duktus etwa die DLF-Nachricht vom 7. Februar um 23 Uhr: „Syriens Staatschef Assad hat zugesichert, die Gewalt in seinem Land zu beenden.“

Der Unterschied zwischen den beiden mehligen Mitteilungen: Während man der FAZ-Zeile noch einen empörenden Nebensinn ablauschen kann, tönt der DFL-Satz in seiner Scheinneutralität schmerzlich falsch. Nein, das ist keine Objektivität, das ist erst recht keine liebenswerte Knarzigkeit und Knorrigkeit mehr, sondern kritikloses Herbeten vorgegebener Positionen – welchen Ursprungs auch immer.




Gespräche als Teil des literarischen Werks

 

 

 

 

 

 

Seit Eckermanns Gesprächen mit Goethe wissen wir, dass es Schriftstellergesprächsbücher geben kann, die man fast schon zu den Werken der betreffenden Schriftsteller zählen darf. Manchmal gelingt eine solche Werkausweitung auch heute. In den letzten Jahren bis hin in die allerletzte Zeit sind mir mindestens vier Gesprächsbücher untergekommen, bei denen dies der Fall ist.

Sie alle bieten Ergänzung wie Einstiegshilfe in das namhafte, manchmal etwas sperrige Werk der jeweiligen Schriftsteller… . Sie erleichtern gleichermaßen Zugänge für (unbedingt!) wünschenswerte Neuleser und vervollständigen, bestätigen oder korrigieren das vielleicht schon vorhandene Bild, das wir uns bereits konkret von Ilse Aichinger, W. G. Sebald, Julien Gracq und Ernesto Sábato durch eigene Lektüre gemacht haben.

In all diesen Büchern wird ein facettenreich reichhaltiges, ganz eigenes, in wirklich jedem Falle hochinteressantes Spektrum vermittelt.

Und wenn man zuguterletzt das große Buch der elf Gespräche Carlos Catanias mit Ernesto Sábato gelesen hat, kann man noch eines draufsetzen und auch noch den neuesten Essayband von Claudio Magris hinzunehmen, der recht viele sehr anregende und kundige Essays enthält und unter ihnen eben auch jenen, der in unseren Zusammenhang besonders gut passt, seinen Essay über Sábato: „Ernesto Sábato und das zweierlei Schreiben“. Wie Magris darin eine grundlegende Unterscheidung trifft zwischen der Essayistik Sábatos, seinem aufklärerisch eingreifenden, humanitätsorientiertem Schreiben, und seinem visionären Romanwerk, leuchtet mir ein, ich kann es durch eigene Sábato-Lektüre bestätigen. Nur eine einzige wesentliche Ergänzung hätte ich zu machen: In einem bestimmten, mich menschlich besonders bewegendem Kapitel im Schlussteil seines überragenden Romans mit dem unmöglichem Titel „Über Helden und Gräber“ gelingt es Sábato, mit einem Male wie nebenbei seine Tages- und Nachtdimensionen miteinander zu verbinden.

W. G. Sebald: „Auf ungeheuer dünnem Eis“. Gespräche 1971 bis 2001. Hrsg. Torsten Hoffmann. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 2011. 9,99 €

Ilse Aichinger: „Es muss gar nichts bleiben“. Interviews 1952 – 2005. Mit beigelegter CD. Hrsg. Simone Fässler. Edition Korrespondenzen, Reto Ziegler, Wien 2011. 23,00 €

Julien Gracq: Gespräche. Aus dem Französischen von Dieter Hornig. Literaturverlag Droschl. Graz/Wien 2007. 23,00 €

Ernesto Sábato: Zwischen Schreiben und Leben. Gespräche mit Carlos Catania. Aus dem Spanischen übersetzt von Erica Engeler. Verlag im Waldgut, Frauenfeld 1998. 25,50 €

Claudio Magris: „Das Alphabet der Welt. Von Büchern und Menschen“. Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend, Edition Akzente Hanser. München 2011. 21,90 €




Moden und Marotten im Journalismus (1): Kunterbunte Spielzeugwelt

An dieser Stelle sollen ab jetzt in loser Folge Moden und Marotten des journalistischen Handwerks aufgegriffen werden; vorwiegend aus dem Print-Bereich, aber auch schon mal aus anderen Medien. Frisch ans Werk:

Aus dem Arsenal der journalistischen Illustration (Foto: Bernd Berke)

Aus dem Arsenal der journalistischen Illustration (Foto: Bernd Berke)

Schon seit Jahren fällt die Neigung auch intelligenter Blätter auf, mehr oder weniger komplizierte Themen mit Spielzeug zu bebildern, vorzugsweise mit Playmobil-Figuren (oder artverwandten Produkten anderer Marken). So wird etwa ein Krankenhaus-Set herangezogen, um medizinische oder gesundheitspolitische Beiträge zu bebildern. Modellautos und Modellbahnen mitsamt den zugehörigen Spielzeuglandschaften liefern ebenfalls reichlich Anschauungsobjekte.

Die unterschwellige Botschaft lässt sich einigermaßen klar herauspräparieren: Hier, lieber Leser mit dem Laienverstand, wirst du (welch’ schreckliche Chefredakteurs-Formel) „da abgeholt, wo Du bist“. Hier wird dir ein schwieriges Thema auf leichthändige, ja geradezu kinderleichte Weise näher gebracht. Du wirst Spaß und Freude an der Lektüre haben. Steig ein, lies mit!

Die Frage ist, ob sich solche Bilder insgeheim auf den Text auswirken und sich die Wortjournalisten zu Simplifizierungen hinreißen lassen. Mal ganz abgesehen davon, dass sich die Methode eigentlich längst verbraucht hat und nur noch streng dosiert eingesetzt werden sollte.

Vielleicht wäre es noch interessant herauszufinden, wer damit eigentlich angefangen hat. Haben Bildredakteure und Fotografen diese Möglichkeit entdeckt und seither weidlich ausgereizt, oder haben Texter die ersten Anstöße gegeben?

Ausschnitt aus der heutigen FAZ-Sonntagszeitung (Sportteil)

Ausschnitt aus der heutigen FAZ-Sonntagszeitung (Sportteil)

Gleichklang auf Biegen und Brechen

Weeil wir schon einmal dabei sind, folgt hier gleich eine zweite Marotte aus dem Geiste der „flotten Schreibe“:

Sie ist just heute mal wieder in der FAZ-Sonntagszeitung (am Fuß der ersten Seite im Sportteil) zu besichtigen. In der dortigen Ankündigungsleiste stehen die Worte „Anmut“, „Armut“ und „Unmut“, die auf völlig verschiedene Themen verweisen, nämlich auf Pole Dancing als Fitnesstrend, auf den Handballnachwuchs und auf den in Ungnade gefallenen Fußballer Cacau vom VfB Stuttgart. Schwankt da nicht das sprachliche Gerüst?

Der Dreiklang der Anreißer soll freilich suggerieren, dass hier „aus einem Guss“ gearbeitet worden ist. Die Redaktion hat konferiert und ein übergreifendes Konzept entwickelt, das nicht zuletzt am sprachlichen Feinschliff zu erkennen ist. Es könnte allerdings auch sein, dass hier die Chefetage nach unten „durchregiert“ und die Wortreihe angeregt hat, um es euphemistisch zu formulieren.

Das häufig verwendete, meist arg bemüht wirkende Mittel erweist sich ja auch schnell als unguter Zwang. Nicht nur die Worte werden in ein Schema gepresst, sondern oft genug auch die Sachverhalte. Solche Vereinheitlichungswut kann geradezu den Eindruck erwecken, die Worte sollten strammstehen.




„Haus der Löcher“: Ödnis im Porno-Paradies

Keine Frage: Es wäre eine hehre Aufgabe der Literatur, der überall waltenden Pornographie etwas entgegenzusetzen oder beizugesellen, durchaus des Schweißes der Edlen wert. Es warten wohl insgeheim viele auf den großen Anti-Porno, der geil und reflektiert zugleich sein müsste. Und er müsste weit über bloße Akte hinausweisen.

Doch wie soll man’s anfangen? Soll man die gängigen „Schweinereien“ zu übertrumpfen oder gezielt zu konterkarieren suchen? Soll man sich der Flut entgegenstemmen oder auf ihrem Kamm mitschwimmen? Soll man tiefer in die Materie eindringen oder leichthändig die Oberflächenphänomene parodieren? Oder, oder, oder. Eins darf man ohne weiteres argwöhnen: Wer auf diesem Gebiet noch Gehör finden will, muss sich zumindest schon mal ein paar aberwitzige Stellungen ausdenken.

Ein schwieriges Feld, fürwahr. Und so hat sich der 1957 in Rochester/New York geborene, vom Feuilleton ungemein hoch gehandelte Nicholson Baker, der schon mit ambitionierten Erotika zu Telefonsex und Voyeurismus hervorgetreten ist („Vox“, „Die Fermate“), mit seinem neuen Roman „Haus der Löcher“ im Prinzip an etwas Gigantisches gewagt.

Doch ach! Besagtes „Haus der Löcher“ ist eine sexuelle Wellness-Oase brünstiger Phantasien, zuvörderst den schönen und jungen Menschen vorbehalten wie nur je im handelsüblichen Porno. Im Klartext: Ein paar tolle Titten, ein Prachthintern oder ein beachtlicher Schwanz sollten schon vorhanden sein, um in diesem Möchtegern-Pornotopia mitspielen zu dürfen, in dem ansonsten selbst Kalauer-Figuren wie das „Ungeheuer von Cock Ness“ verbal willkommen sind. Männer müssen für den Aufenthalt auch schon mal kräftig zahlen. Das kommt einem doch irgendwie bekannt vor, und zwar nicht aus utopischen Romanen.

Je nach mentaler Disposition wird man/frau beispielsweise durch den Trockner im Waschsalon, eine Kuli-Mine oder halt durchs Loch in der Eichel ins rundum permissive Porno-Paradies eingesogen. Wir lesen von einigen Transfers solcher Art. Auch das verbraucht sich rapide. Wie überhaupt das wogende Rein und Raus oder Auf und Ab von hoher Redundanz ist, darin ganz dem hundsgewöhnlichen Porno verhaftet. Das rein körperliche Repertoire ist ja auch begrenzt, spätestens der Marquis de Sade hat es schon ziemlich komplett durchkonjugiert.

Im Haus der Löcher überwiegt bei weitem die Damenwahl, doch wie versessen sind die Frauen hier aufs primäre maskuline Geschlechtsmerkmal! Typisches Zitat: „Ich muss jetzt von einem Schwanz gebohrt werden.“ Man verzeihe die Wortwahl, doch es ist annähernd die des Buches: Die Frauen wollen sich stets gleich eine Phalanx von ragenden Gemächten einverleiben, ganze Kohorten von zuckenden Gliedern, Kompanien von unentwegt spritzenden Dödeln. Ganz egal, in welche Körperöffnung. Es ist buchstäblich penetrant.

Immerhin herrscht ein höflicher Umgangston und es wird niemand gegen seinen/ihren Willen missbraucht. Freilich schweben auch schon mal vollends kopf- und körperlose Geschlechtsteile in der Gegend herum. Es geht aber auch so: Gleich zu Beginn macht sich ein vereinzelter Arm nützlich, der die weiblichen Lustpunkte perfekt bedient. Man ahnt schon: Hier sind keine Individuen zugange, sondern pornographische Prototypen.

Nun mag man immerhin mutmaßen, dass die deutsche Sprache in diesen Dingen zu grob und ungelenk, also einfach nicht geeignet sei, um derlei surreal sich gebende und doch rasch monoton wirkende Vorstellungswelten nachzuzeichnen. Doch das wäre erstens eine Ausrede vom Kaliber, dass der Rasenzustand an der 0:5-Niederlage schuld war. Und zweitens: Auch im US-Original („House of Holes. A Book of Raunch“) wird sich wohl so manches unfreiwillig lachhaft anhören. Bemerkenswert an manchen deutschen Rezensionen ist, wie diesem Autor sogar zugestandene Langeweile oder Lachhaftigkeit kurzerhand just als Stärken zugerechnet werden. Zitat aus der „Süddeutschen Zeitung“ (Ina Hartwig): „Großartig, wie er nebenbei eine Müllhalde sprachlicher Geschmacklosigkeiten auftürmt…“ Lobhudelei im Handumdrehen, wie beim billigen Zaubertrick. Warum eigentlich?

Hier muss man ein paar Zitate anführen, um den Tenor zu erhaschen (empfindsame Gemüter sollten bitte darüber hinweg lesen):

„Tendresse fuhr mit der Zunge über Neds runzlige Sackigkeit, dann sog sie das ganze linke Ei wie eine neue Kartoffel in den Mund.“

„Schon kam die Gewaltigkeit von Chucks Dödel herausgeschnellt…“

„Sie warf den Kopf zurück und öffnete den Mund für Chucks Schwanzheit… Stopf mir dein Fickvieh in den Mund…Chucks Donnerrohr von Dödelfleisch schob sich in sie hinein…dann rammte er ihn wieder in ihren Kopfbahnhof.“

„Und alle würden sie sagen: ‚Ja, du Fickgenie, wir wollen diesen soßensatten Fleischklops von einem Schinkensteak von einem Dödel.“

In der Peniswaschanlage (ja, so was gibt’s hier) heißt die Losung fürs weibliche Dienstpersonal: „Schrubbeln, nicht rubbeln.“

„Sie überlegte und runzelte die Stirn. ‚Ich werde ihre Schwanzpfähle vergöttern.’“

Fragt sich, was es in solch forciert frivolen Kontext noch zu überlegen und zu runzeln gibt. Wer wird sich denn da noch zieren?

Genug, es reicht. Man hält es mit wachsendem Missvergnügen vielleicht über 100 oder 120 Seiten aus; zur Not auch noch über 150 Seiten, versehen mit dem Porno-Prinzip Hoffnung („Vielleicht kommt ja doch noch etwas richtig Scharfes“). Doch vergebens. Ich habe mich bei diesem eintönigen Endlos-Gerammel zunehmend gelangweilt und bin schließlich kurz vor den Schlussnummern ausgestiegen. Und wahrlich: An keiner einzigen Stelle kommt man in Versuchung, Lektüre begleitende Maßnahmen zu ergreifen.

Wo der Autor vielleicht frohgemut ausgezogen ist, neue Formen der Sinnlichkeit zu erkunden, tut sich auf Dauer weites Ödland auf. Da hilft auch die Mühsal nicht, den Penis mit etlichen putzigen Namen zu belegen. Auch der „Schniedel“ ist keine (Er)lösung. Erst recht nicht der „Fotzenspalter“, der „Pollock“, der „Lincoln“, der „Malcolm Gladwell“ oder der „Johnnystock“, der unverdrossen Austern knackt.

Das imaginäre „Flugzeug, das herumfliegt und aus den Städten schlechten Porno absaugt“, hat in diesem Roman seine Hauptlast gleich schon wieder abgeworfen. In vielen Phasen wird man Zeuge eines wahren Taylorismus der Lust, Akkordarbeit im Geschlechtsverkehr inklusive. Da sind schon niedliche Sportarten wie „Muschisurfen“ auf dem See eine kleine Erholung.

Eine Essenz des ganzen Geschiebes wird auf Seite 233 gezogen: „Ich will wohl nur einen gutaussehenden Mann für hirnlosen Spaß in der Kiste.“ In Ordnung. Dann tut’s doch einfach. Aber müsst ihr uns damit dermaßen zuschwallen?

Nicholson Baker: „Haus der Löcher“. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Eike Schönfeld. Rowohlt Verlag, 317 Seiten. 19,95 Euro.




Unwort des Jahres: Warum nicht der „Rettungsschirm“?

Insgeheim hatte ich ja eine ganze Palette von Un-Wörtern auf dem Schirm. Nun ist es eine Vokabel geworden, deren zynischen Inhalt ich an dieser Stelle unlängst als unwürdig, wenn auch des Denkens, des Überdenkens, des Bedenkens wert erachtete. Die unfehlbare Jury hielt am Morgen des 17. Januar 2012 „Dönermorde“ für das Un-Wort des Jahres 2011. Zu viel der Ehre, meine ich, für ein menschenverachtendes Sprachgebilde, das sich gedankenlose Schlagzeiler einfallen ließen. Zuwenig auch den Kriterien unterworfen, die normalerweise dazu führen, in die zweifelhafte Hall of Fame der verschleiernden Ungebilde deutscher Alltagssprache aufgenommen zu werden. „Dönermode“, das ist ganz einfach eine schlimme Entgleisung, derer sich zuvorderst Journalisten, also Kollegen (oder etwa nicht?), schuldig machten, und die man eilends wieder aus dem Sprachschatz tilgen sollte, anstatt sie den Vokabeln anzugliedern, mit denen sich die jeweils Beteiligten zwar gehörig blamierten, aber nicht als verbale – propagandistische – Übeltäter zeigten.

(Foto: Bernd Berke)

(Foto: Bernd Berke)

„Rettungsschirm“, wäre mir persönlich viel lieber gewesen. Das ist eine Verquasung, das ist das Musterbeispiel der Verschleierung. „Rettung“ – ist doch prima, guter Begriff. „Schirm“, auch gut, wird der Mensch nicht nass, oder plumps nicht tödlich auf den harten Erdboden, spendiert man dem „Schirm“ noch ein „Fall“ als Vorsilbe. „Rettungsschirm“, der wird uns alle europäischen Finanznöte nehmen, jetzt und immerdar. Das ist ein wahres Un-Wort, eines, mit dem seine Erfinder heucheln, was das Zeug hält, und sie sich alles von einer anonymen Masse namens Steuerzahler finanzieren lassen. Freu‘ Dich, Griechenland, der „Schirm“ sorgt nicht nur für gutes Geld, sondern rettet Dich auch noch. Toll, was!

So gesehen haben wir noch nie ernsthaft darüber nachgedacht, dass das Un-Wort „Un-Wort“ auch Un-Wort des Jahres werden könnte. Kurt Tucholsky stellte auch schon einmal fest: „Meine Sorgen möchte‘ ich haben…“




Christian Wulff und das „Stahlgewitter“

Wenn man der Süddeutschen Zeitung glauben darf (und das darf man meistens), so hat Bundespräsident Christian Wulff beim Neujahrsempfang für seine Mitarbeiter gesagt, er sei zuversichtlich, „dass dieses Stahlgewitter bald vorbei ist“. Damit meint er nicht etwa, er habe im Schützengraben um sein Leben gezittert, sondern er spielt auf die gelegentlich scharfe, wenn auch keineswegs lebensgefährliche Debatte um seine Amtsführung an.

Nur zur Erinnerung. Der Ausdruck „Stahlgewitter“ ist vor allem durch Ernst Jüngers Buch „In Stahlgewittern“ bekannt und berüchtigt geworden. Geschildert werden (teils rauschhaft empfundene) Fronterlebnisse aus dem Ersten Weltkrieg, an einer Stelle ist etwa von „Blutdurst, Wut und Trunkenheit“ die Rede.

Nach all den Diskussionen um günstige Kredite und Urlaube sowie über Wulffs Verständnis von Pressefreiheit, scheint der Noch-Bundespräsident nunmehr noch einen weiteren Schauplatz eröffnen zu wollen. Darf es denn wahr sein, dass unser oberster staatlicher Repräsentant die Kriegsmetapher dermaßen unreflektiert verwendet? Schon im Zusammenhang mit der „Bild“-Zeitung soll er ja das Wort „Krieg“ im Munde geführt haben. Geht es denn mal ein paar Nummern kleiner und weniger martialisch?

Wie ein Freund bei Facebook ganz richtig vorgeschlagen hat, sollte Christian Wulff mal einen Soldatenfriedhof aufsuchen. Vielleicht konmt er dort wieder zur Besinnung.

Soldatengräberfeld auf dem Dortmunder Hauptfriedhof (Foto: Bernd Berke)

Soldatengräberfeld auf dem Dortmunder Hauptfriedhof (Foto: Bernd Berke)




Denkwürdige Vokabeln (3): „Dönermorde“

Ein Kollege, häufig einer, der glaubt, sich besonders BILD-hafter Formulierungen bedienen zu müssen, tut es. Und dann tun es ihm viele andere nach. Ein Etikett ist erfunden, jedermensch bedient sich seiner in der unerschütterlichen Annahme, ungemein auf der aktuellen Höhe zu sein, und schon gibt es neue Bewerbungen um das Un-Wort eines Jahres.

Besonders dämlich, und daher halte ich es für nach wie vor brandaktuell darüber zu schreiben, kamen dieser Tage die „Dönermorde“ daher, die mutmaßlicherweise von frisch „ausgehobenen“ neonazistischen Terrorgruppenmitgliedern verübt worden sein sollen. Dabei sind nicht etwa erfolgreich verlaufende Anschläge auf Drehspieße gemeint, nein, Journalistenkollegen, ermittelnde Beamtinnen und Beamte, Politiker, Juristen – sie sind es, die sich neben allerlei anderen dieser drollig erscheinenden Vokabel bedienen – und sie umschreiben damit den Mord an Menschen.

Da die Opfer zum Teil einer in unserer famosen Republik lebenden Gruppe angehören, der die Mehrheit der in unserer famosen Republik Lebenden vorurteilend nachsagt, ihre Ernährung bestünde hauptsächlich aus am Drehspieß gegarten Fleisch, kam es kurzerhand zu dieser Tat-Umschreibung. Und es kam auch dazu, dass diejenigen, die die Taten beschrieben oder über sie schrieben, sprachlich zu Tätern wurden, weil sie ebenso gedankenlos wie in engstirniger Zeilengläubigkeit diese zynische und herabwürdigende Titulierung erfanden und bis auf den heutigen Tag nutzen.

Es ist schon schlimm genug, dass sich nun herausstellt, dass über ein Jahrzehnt Nazi-Terroristen quer durch unsere famose Republik Menschen ermorden konnten, ohne gefasst zu werden. Es ist schlimm genug, dass merkwürdige Fragen aus einer übel riechenden Gemengelage von brauner Gülle und verfassungsschützender V-Leute-Schaft quellen. Es ist schon schlimm genug, dass es erst solcher unumstößlicher Nachweise bedurfte, braunen Terror überhaupt als existierend in Betracht zu ziehen. Umso übler, schlimmer und unverzeihlicher ist es, mit dieser dämlichen Wortverbindung verniedlichend und in den Bereich der Randständigkeit drängend mit diesen Untaten in der Öffentlichkeit umzugehen. Ich schäme mich für die, die das Wort benutzen.




Endlich im Museum: Blaubär, Arschloch und der Föhrer

Käpt’n Blaubär, dieser behäbig-gutmütige Lügenbär aus der „Sendung mit der Maus“?

Ist von ihm, Walter Moers.

Dann das Kleine Arschloch, diese respektlose Comic-Figur, ein Elfjähriger mit großer Nase und baumelndem Schniedelwutz?

Von ihm, Moers.

„Adolf, die kleine Nazi-Sau“, die scheiternde Witzfigur aus dem Clip „Der Bonker“?

Moers’ Idee.

Der Kontinent Zamonien, ein düster-sagenhafter Schauplatz einer ganzen Roman-Reihe – von Käpt’n Blaubärs Abenteuern für Erwachsene über Rumo bis zu einäugigen Buchlingen, die tief unter der Erde leben?

Eine grafische und wortgewaltige Schöpfung von: Moers.

Endlich darf Moers ins Museum

„7 ½ Leben“ hat Walter Moers schon hinter sich gebraucht – zumindest legt die gleichnamige Ausstellung in der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen das nahe.

Zum ersten Mal darf das Gesamtwerk des Zeichners, Grafikers, Autors ins Museum. Skizzen und Vorab-Collagen sind zu sehen, Storyboards und fertige Clips, Tuschezeichnungen, Objekte und Bücher.

Richtig: Bücher. An den Bänken sind Moers’ Romane befestigt. Wer viel Zeit mitbringt, kann so auch in der zamonischen Welt versinken, die Moers seit 1999 erschafft. Aus Text, besonderer Typografie und eingefügten Zeichnungen.

Bedrückend. Und heiter

Für seine Romane schafft Moers mit Tusche Szenen, die beides sind: bedrückend und heiter. Viele Figuren wirken lächerlich und verbreiten doch Angst und Schrecken. Das ist die Kunst seiner Fantasie: Alles kann jederzeit ins Gegenteil umschlagen – in die schrecklichsten Höllenqualen oder in ein rauschendes Fest.

Viele der Original-Zeichnungen sind auch in Oberhausen zu sehen. Und stellen den Betrachter vor eben dieses Rätsel: Sind das nun Endzeit-Visionen wie bei Pieter Bruegel? Angsteinflößende Kreaturen im Stil eines Gustave Doré? Oder spielt Moers nur wieder mit den Vorlagen?

Respektlosigkeit gegenüber da Vinci? Gerne doch!

Moers liebt die Persiflage. Ein paar Respektlosigkeiten gegenüber da Vinci, Rembrandt, Picasso, Munch und Miró? Sind immer drin. Moers imitiert die Werke, kopiert sich durch all die Stile der Kunstgeschichte und setzt immer sein Kleines Arschloch in die Mitte.

Auf die vermeintlich antike Vase, als goldverzierte Ikone, als Mona Lisa, als Schrei, als Warhol’sche Campbell-Dose – selbst als Snoopy-Ersatz auf der Hundehütte. Über dem letzten Bild schwebt die Denkblase: „Hier sollte eine heiter-besinnliche Schlusspointe stehen, aber mir fällt keine ein.“ Treffender und gemeiner kann man Charles M. Schulz’ Comics nicht entlarven.

Ein kotzender „Bürger von Calais“

Andererseits: Selbst bei Werken, die ihrerseits Tabus brachen, dreht Moers die Schraube noch etwas weiter. Bei Jeff Koons „Made in Heaven“ hockt das Kleine Arschloch in eindeutiger Pose vor der Frau, die sich auf dem Gras räkelt. Wenige Meter weiter würgt eine großnasige Steinfigur ihren Magen-Inhalt heraus, Moers‘ Version von Auguste Rodins „Bürger von Calais“.

Nicht umsonst warnt ein Schild: Dieser Teil der Ausstellung ist nur für Besucher ab 16 geeignet.

Harmlose Blaubär- und Hein-Blöd-Puppen

Harmlos dagegen geht es in einem anderen Gebäudeteil zu. Die Puppen von Käpt’n Blaubär und Hein Blöd sind ausgestellt. Ein Film zeigt, wie die Puppenspieler arbeiten, wie es hinter den Kulissen aussieht. So wird ganz nebenbei deutlich, wie Moers’ Ideen eben auch funktionieren: mit dem Kern erfolgreich sein, dann vermarkten – vom Musical bis zur Kuschelpuppe.

Es wäre allerdings unfair, Walter Moers auf den breiten Merchandising-Aspekt zu reduzieren. Zumal der personenscheue Künstler eher das neue Ufer sucht, als am alten Ausverkauf zu betreiben.

Was Moers in den 80ern schon konnte

Die „7 ½ Leben“ zeigen seine Entwicklung. Moers hatte zwar schon immer Talent im Zeichnen, im detaillieren Umsetzen und im textlichen Verdichten. Viele Ideen aus den späteren Romanen hatte Moers schon in den 80ern. Es brauchte allerdings Jahre, bis er den exakten Einsatz von Illustrationen und pseudo-wissenschaftlichen Grafiken dosieren konnte.

Harte Arbeit war das, davon zeugt das Tipp-Ex auf einigen Entwürfen, die in Oberhausen zu sehen sind. Am Ende jedoch kommt so etwas heraus wie das „Tratschwellen-Alphabet“. Das dem Betrachter einfach ein Lächeln abverlangen muss.
Mindestens.

Walter Moers‘ 7 1/2 Leben sind noch bis zum 15. Januar 2012 zu sehen. Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, Konrad-Adenauer-Allee 46, geöffnet Di-So 11-18 Uhr. Katalog 29 Euro.

 

(Eine ähnliche Version dieses Textes ist im Westfälischen Anzeiger erschienen).




Ernst Meister: An den Grenzen des Daseins

Aus der Münsteraner Ausstellung (siehe Hinweis am Ende des Beitrags): Ernst Meister, Selbstporträt o. J., Pastell ung Kohle auf Papier (Foto: LWL)

Aus der Münsteraner Ausstellung (siehe Hinweis am Ende des Beitrags): Ernst Meister, Selbstporträt o. J., Pastell ung Kohle auf Papier (Foto: LWL)

„Abend erscheint.
Rauchig ist die Stadt
meiner Mutter, rauchig
die Stadt meines Vaters
von den Eisenöfen.“

Was haben wir da? Ruhrgebietsliteratur der bodenständigen, realistischen Art? Eigentlich ganz und gar nicht, obwohl sich die Verse auf Hagen beziehen. Es handelt sich um den Anfang eines Gedichts von Ernst Meister (1911-1979), der dieser Stadt sein Lebtag treu geblieben ist – wie der Maler Emil Schumacher. Da könnte man fragen: Was hatte Hagen, was andere Ruhrgebiets-Kommunen nicht hatten? Aus all den weiteren Revierstädten haben sich die Größen doch zeitig verabschiedet.

So fassbar konkret wie im anfänglichen Zitat klingt es im gesamten Auswahlband der Gedichte (Bibliothek Suhrkamp) kaum noch einmal. Statt dessen geht es um Ganze der flüchtigen Existenz – vor dem allgegenwärtigen, übermächtigen Horizont des Todes.

Die von Peter Handke getroffene Auswahl ist zur 100. Wiederkehr des Geburtstages von Ernst Meister erschienen. Vorlage war die 17-bändige (!) Ausgabe sämtlicher Gedichte Meisters (Rimbaud-Verlag, Aachen).

Handke schreibt im knappen Vorwort, er habe sich „spontan für die Gedichte in diesem Buch entschieden“. In Meister, so steht zu vermuten, verehrt er einen Vorläufer. Apropos: Zu den wichtigsten und fruchtbarsten Einflusslinien der gesamten Literatur im Ruhrgebiet zählt sicherlich, dass der junge Nicolas Born (aus Duisburg stammend) sich an den bereits etablierten Hagener Meister wandte, um vom Älteren zu lernen.

Meister ist allerdings unvergleichlich. Er steuert immer aufs Wesentliche zu. Jeder Zeile merkt man an, wie lang sie bedacht sein muss. Also muss man ihr gleichfalls lang nachhorchen, nachsinnen.

Auch ahnt man, wie viele mögliche andere Zeilen im Verlauf des Dichtens entfallen sein müssen, bis die Essenz übrig blieb. Diese ungemein komprimierte Lyrik bewegt sich nah und näher am Saum des Schweigens. Vielfach werden pflanzliche Kreatur oder Steine zu Zeugen des Daseins aufgerufen.

Wie ein Schock wirkt es, wenn in diesen Kontext unversehens Alltäglichkeit drängt:

GUTE NACHT

Gute Nacht
sagen sie abends um sechs
im Sägewerk.

Und ein Mann geht heute,
grau von sprühendem Holz,
satt die kreischenden Blätter,

nach Haus,

wo sein Kind schreit,
weil es Grimmen hat
und nicht
schlafen kann.“

Sonst aber geht es gleich bis zu den Grenzlinien des Lebens. Als Leser mag man sich vorkommen wie der Passagier eines Fährmanns, der sich weit, weit hinaus gewagt hat. Doch man kann ihm dort draußen vertrauen, auch wenn seine Stimme – im Höchsten und Tiefsten der Sprache – gelegentlich stammelt, stockt und strauchelt. Wer könnte denn geläufig reden, wenn es um die letzten Dinge geht?

Noch lebend, glaubt das lyrische Ich, schon die Totenschuhe anzuhaben („Anderer Aufenthalt“), „Ein lebend Tödliches“ lautet der bezeichnende Titel eines anderem Gedichts, wobei solche Überschriften stets in Versalien (Großbuchstaben) gesetzt erscheinen.

So rasch rauscht hier das Leben vorüber, dass es immer schon fast vorbei ist, der Jahreslauf eilt so:

„Daß man sah
des Jahres Zeiten,
die Blume geöffnet,
das Tropfen der Früchte,
der Äste Starrn.“

Die Totenwelt ragt unabweisbar in die lebende hinein. Und doch bleibt diese Lyrik vollkommen irdisch und diesseitig, sie wirft ihre Worte nichts leichtfertig ins Jenseits, will nicht visionär übers hiesige Leben hinaus reichen. Auch das Gedenken an die verstorbenen Eltern bescheidet sich so:

„…Vater und Mutter zum Beispiel,

grabsäuberlich,
Leben beglichen.
Ach, der Gedankensohn.“

Zeilen, die interpretierend schwerlich zu erschöpfen sein werden. Meister ist in Zonen gesegelt, in denen Genie an Scharlatanerie grenzen und unversehens parodierbar werden könnte. Es scheint jedoch, als hätte er solche Klippen samt und sonders umschifft.

Man sollte ihn von Mal zu Mal, man sollte ihn wieder und wieder lesen.

Ernst Meister: „Gedichte“. Ausgewählt und mit einem Vorwort versehen von Peter Handke. Bibliothek Suhrkamp. 150 Seiten. 13,90 Euro.

Bildnerische Ergänzung: Das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte zu Münster zeigt noch bis zum 27. November 2011 eine Studio-Ausstellung mit Aquarellen und Zeichnungen von Ernst Meister (geöffnet Di-So 10-18, Do 10-21 Uhr, Katalog mit Bestandsverzeichnis auf CD 19 Euro). Infos: http://lwl-landesmuseum-muenster.de




Ist die Finanzwelt etwa kulturlos?

Sie wird gern beschworen, die Gesprächskultur. Sie wird gern zitiert, die Unternehmenskultur. In vieler Munde ist sie, die Esskultur, oder auch die Tischkultur, beim Kochen spricht man häufig sogar von Kochkunst. Wir hätten auch noch die Diskussionskultur, Streitkultur oder sogar dann und wann Aussagen über Formen der politischen Kultur.
Auffällig indes ist, das mit keinem zusammengesetzten Wort eine Bankenkultur oder Finanzweltkultur erwähnt wird, und zwar nirgendwo. Offenbar handeln dort kulturlose Wesen.

Gänzlich abwegig finde ich meine Vermutung nicht. Ein Merkmal von Kulturen ist es doch, dass sie Werte erschaffen. Aus einem Grundstoff (Stein, Lehm, Farbe, oder, oder …) etwas Neues bilden, ja selbst der gute alte Kapitalismus, er sollte, und tat das, wenn auch unter gewissem Druck, er schuf Neues aus manchem und wandelte das am Ende in Mehrwert um, dass viel Geld daraus gewonnen werden konnte, mit dem entsprechenden Außendruck sogar dann und wann zum Wohle des Menschen.

Und was unternehmen heutzutage Banken, Banker oder Broker allermeistens? Sie unternehmen es, aus etwas vorgegeben, Geld nämlich, dasselbe zu erschaffen, nur mehr, viel mehr.

Sie machen also munter Wasser zu Wasser, so dass es schlussendlich ein Strom wird und nicht mehr als Flüsschen daher kommt. Eine bewundernswerte Leistung, genauso bewundernswert wie die Leistung, es bei diesem Bemühen zu vollbringen, dass aus dem Ursprungsgeld auch mal ein Nichts werden kann, dass dieses unversehens verschwindet.

Da fällt mir ein, die befrackten Herren, die früher albinöse Nager in Zylindern verschwinden ließen, nannte man Magier, nicht etwa Banker. Und die vollbrachten Kunststückchen – also doch eine gewisse Kultur?

Nein, denn sonst hätte unser Sprachgebrauch längst die Allmacht der Finanzwelt akzeptiert und den Begriff Großbank-Kultur erfunden. „… drum lernt‘ ich traurig den Verzicht, kein Ding‘ sei, wo das Wort gebricht.“ So dichtete Stefan George, dass es nichts gibt, wenn es keinen Begriff dafür gibt. Lernen wir also, dass alle an den Finanzmärkten Handelnde ohne Kultur sind, folglich ohne Sinn dafür, dass es einer gesellschaftlichen Gruppe besser oder vielleicht schlechter gehen könnte. Sie schaffen und produzieren nichts, allenfalls und ungünstigstenfalls ganze Länderpleiten, an denen man immer noch verdienen kann.

Sie sind halt kulturlos.

Wohin geht die kulturelle Reise? (Foto: Bernd Berke)

Wohin geht die kulturelle Reise? (Foto: Bernd Berke)




Alles muss wohl immer lustig sein

Kürzlich wurde das Modell für das zukünftige Fußballmuseum am Dortmunder Hauptbahnhof veröffentlicht. Mir hat das gläserne Stück gut gefallen – immerhin konnte man sich in der Regionalpresse ein Bild machen oder besser ansehen.

Eine typische Titelseite der FAZ


In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fand sich dazu ebenfalls etwas: Eine Acht-Zeilen-Meldung im Feuilleton mit der Überschrift „Ein Klotz am Bahnhof“.

Da sollte wohl eine lustige Assoziation an den Volksmund geschaffen werden, von wegen „Klotz am Bein“, aber im Text findet sich keinerlei Bezug in diese Richtung. Das Museum wird ja auch kein Klotz, wie man sah. Auch ist nicht abzusehen, dass das Museum eine Belastung für den Bahnhof darstellen könnte, wie eine Analogie zu dem Idiom nahe legen könnte.

Vielmehr folgt die FAZ einem Trend, in Überschriften krampfhaft Anlehnungen an Sprichwörter, Gedichte, Roman- oder Filmtitel zu produzieren. Alles soll immer lustig sein, und in der Süddeutschen Zeitung ist dieser Trend noch stärker zu sehen. Wenn es passt, ist dagegen ja nichts einzuwenden, aber meist wird die Assoziation nur geschaffen um der guten Idee willen. Der folgende Text gibt den Zusammenhang dann gar nicht mehr her, wie eben bei jenem „Klotz am Bahnhof“.

Die Leser sind doch überhaupt nicht so doof, die können auch mit ernsthaften Überschriften leben.




Geschichten vom Herrn Kaum (4)

IM SAAL DER VENUS MIT DEM HÜNDCHEN

Eine grazile Italienerin, die wie eine Russin sprach, vielleicht eine Russin war, jedenfalls eine russische Gruppe durch die Uffizien führte, inszenierte vor den Bildern, zumal der Venus von Urbino, sehr gesten-, pausen- und wortreich und doch dosiert, ein höchst wirkungsvolles Frage- und Antwortspiel … mit sich selber. –

Mit geschmeidiger,
mit insinuierend
schmeichelnd
schöner Stimme.

Höchst attraktiv
und anziehend. –

Wer hörte da nicht – wiewohl dieser fremden Sprache kaum mächtig … und doch sie jäh zutiefst verstehend – mit einem Male die Sprache Puschkins in Vollendung? –

Sie hörend
und sehend

wen denn?
die Sprache?
die Stimme?
die Frau?

Sie hörend
und sehend

ward Herr Kaum

– verliebt –

für einen noch so kleinen
Zeitpunkt bloß

zutiefst
zu einem Russen.




Geschichten vom Herrn Kaum (1)

HERR KAUM UND BRIGITTE KRONAUER

Einmal kam der junge Herr Kaum im Zug von Köln Hauptbahnhof nach Essen, über 40 Jahre ist das schon her, mit einer hübschen jungen Frau ins Gespräch, die sich als Autorin zu erkennen gab. Etwa 20 Minuten lang unterhielt sie sich mit Herrn Kaum über literarische Dinge, bis sie am Ende plötzlich sagte: „Wissen Sie eigentlich, daß Sie fortwährend nur Klischees bedienen? Ich bin das jetzt leid, mir das weiter anzuhören. Dafür ist mir meine Zeit zu schade.“
Herr Kaum fand sich im Mark getroffen. Er hatte sich doch so sehr ins Zeug gelegt und ganz ehrlich sein Bestes gegeben. Er verstummte verstört, ja geschockt, und redete fortan kein Wort mehr.
Die Angst vor den Klischees jedoch, die wohl in jeder Sprache lauern, ist ihm seitdem geblieben.




Vor 60 Jahren hieß „Steamboat Willie“ schon Mickey Mouse

Vor 60 Jahren erschien zum ersten Mal eines dieser bunten Heftchen, das viele in Europa – besonders aber viele in Bundesdeutschland fesselte, das die Erwachsenenwelt erschauern ließ, weil der kleine Held erstens wie sein Schöpfer aus den Vereinigten Staaten stammte (gegen die hatten wir doch den Krieg verloren) und zweitens die deutsche Sprache der alsbaldigen Ausrottung preisgab: war das, was das Heftchen verbreitete, doch ein comic strip. Mickey Mouse war allerdings nicht aufzuhalten, nicht einmal durch die ausdauernden Bajuwaren, die noch 1961 vor den schulischen Pforten Tornister-Visitationen anordneten, dass dergleichen Schund nicht in die heeren Hallen höherer Lehranstalten mitgeführt werde.

Nun fällt es sicher auch nach Ablauf von sechs Jahrzehnten manchen nicht leicht, dem Mickey-Mouse-Heft einen eigenen Kulturstatus zu verleihen, doch Kultstatus hat sich dieses Medium auf jeden Fall redlich erarbeitet – und der geradezu verwüstende Niedergang der deutschen Sprachkultur ist sicher anderenorts verantwortlich zu suchen, kaum aber dem bunten Heftchen anzuheften.

Ich gestehe im übrigen reinen Herzens, dass mir jede Enthaltsamkeit gegenüber dem als „Steamboat Willie“ im Jahre 1928 geborenen Helden Mickey Mouse, Donald Duck, dem reichen Dagobert, den fieselschweifenden Neffen Tick, Trick und Track und den vielen anderen Charakteren fern lag. Noch in den eigenen 40er Lebensjahren nutzte ich einen Aufenthalt in Florida, um feuchten Auges vor dem Haus zu verharren, das Mickey dort in Olando bewohnte. Ehrlich gesagt, ich war einige Tage später ähnlich stark berührt, als ich Thomas Alva Edisons Villa an den Golfküste den Sunshine States besuchte.

Mein Verhältnis zur Sprache hat nur geringen Schaden genommen, obwohl ich die Nase schon recht früh unter anderem in diese lappigen Druckwerke versenkte. Auch das Alltags-Sprachvermögen hat wenig Einbußen verzeichnen müssen, weil in den Sprechblasen Merkwürdigkeiten zu lesen waren wie „mmpf“ oder „groll“. Der bunte Kult hat einfach nur Spaß verbreitet, was im Laufe der Jahre immer seltener wurde, wenn Dinge aus den Vereinigten Staaten nach good old europe kamen.




Denkwürdige Vokabeln (2): „Märkte“

„Märkte“, sie herrschen, sie beherrschen Schlagzeilen, sie haben die Macht, politisches Handeln zu steuern – nur, wer oder was sind diese „Märkte“, namentlich die Finanzmärkte?

Nun, erst einmal sind sie in der Mehrzahl, was einerseits den Vorteil hat, dass sie Überzahl signalisieren, weiterhin den Vorzug mit sich bringt, Anonymität zu heucheln.

Dann scheinen sie ebenso menschenleer zu sein wie seelenfrei. Sie haben nur ein wirklich signifikantes Merkmal: Sie sind ungemein empfindsam und reagieren postwendend auf ein wie auch immer geartetes menschliches Fingerschnippen.

Weiterhin scheinen diese „Märkte“ ein stillschweigendes gemeinsames Einverständnis zu haben, jeden gegen sie gerichteten Angriff, wo er auch auf der Welt von wem geführt wird, mit einem Tsunamigleichen inneren Beben zu beantworten, und zwar weltweit im Gleichschritt. Wohlgemerkt, dies alles geschieht offenbar ohne jedes menschliche Zutun – „Märkte“ sind autonom und ihre Reaktionen kommen Naturereignissen gleich.

Dass möglicherweise hinter diesen Märkten doch noch so ein Pole Poppenspäler, so ein Josef Ackermann in jeweiliger Landestracht stehen könnte, muss natürlich ausgeschlossen werden. „Märkte“ lassen sich nicht von Menschen lenken, sie sind gelenkt, dass sie Menschen lenken.

Stelle ich mir nur solche blöden Fragen und gebe mir Antwort, oder unternehmen das auch die Kolleginnen und Kollegen, die so unverdrossen veröffentlichen, dass die „Märkte“ mal wieder nervös werden? Sicher nicht durch mein Geschreibsel.

Ausschnitt aus den heutigen Finanzmarkt-Tabellen der FAZ (Bild: Berke)




Denkwürdige Vokabeln (1): „Rechtspopulist“

Wieder einmal sorge ich mich – vermutlich ohne jeden Grund – um die Deutlichkeit der deutschen Sprache, sorge mich darum, dass sie da und dort einem Interessenmissbrauch unterliegt – vermutlich ebenfalls grundlos – sorge mich zudem, dass hinter dergleichen Missbrauch System stecken könnte – selbstverständlich auch ohne jeden Grund.

„Rechtspopulismus“ oder „Rechtspopulist“ – häufig gehört oder gelesen, nie ordentlich wahrgenommen oder selbst durchdacht. Was will diese sprachhistorisch noch frisch geborene Vokabel uns nur sagen? Also mir sagt der Begriff „Rechtspopulist“, dass es sich bei dergestalt bezeichneten Menschen um recht Rechte handelt, die indes im öffentlichen Meinungsbild nicht rechts genug sind, dass man sie mit dem „altertümlichen“ Faschist, Neonazi oder Nazi titulieren könnte. Jörg Haider im benachbarten Österreich wurde einst dieses Etikett verpasst, bisweilen wäre es auch für den deutschen Kollegen Jürgen Möllemann passend gewesen – allerdings eint beide der Umstand, dass sie von mittig einsortierten Parteien zwar skeptisch beäugt, jedoch nicht zurückgewiesen wurden. Schließlich wären oder wurden sie ja mal koalitionsfähig.

Beide sind nicht mehr, beide sozusagen Urväter des „Rechtspopulismus“, ihr definierender Begriff aber blieb. Und er änderte seinen Inhalt unmerklich. Merk- und denkwürdige Gestalten in den Niederlanden, in Dänemark, in Finnland oder auch Lendennachkommen des Herrn le Pen in Frankreich, sie alle hängen, in den Medien so beschrieben, dem „Rechtspopulismus“ nach. Also immer ein bisschen unterhalb der faschistischen Reizschwelle operierend.

Doch dann kam es zu Norwegens Breivik, der nicht nur wirres Zeug absonderte, sondern massenmordend auch noch Fanale in sein Land trompeten wollte. Auch diesen Menschen beschrieben die Medien als „Rechtspopulisten“. Da ich nun beim besten Willen nicht mehr erkennen kann, dass diesem Mann ein Handeln unterhalb irgendeiner Reizschwelle unterstellt werden darf, muss ich annehmen, dass große Teile der bundesdeutschen Medien Begriffe vollkommen unbedacht, unüberlegt, unkritisch benutzen. Ich werde sowohl die Medien als auch die Vokabel „Rechtspopulismus“ auch fortan kritisch begleiten. Muss ich mir Gedanken um mich machen…?

Abschnitt aus dem Duden-Universalwörterbuch (Foto: Bernd Berke)




„Anrührend, mitreißend, feinfühlig“ – die Prospekt-Prosa der Buchverlage

Klappentexte tendieren bekanntlich dazu, noch das vertrackteste Werk in rasch konsumierbare Formeln zu pressen. Da sind nicht selten Meister der gerade gängigen Floskeln am Werk. Ein lesenswerter „Zeit“-Artikel hat das Genre jüngst wieder aufgegriffen.

Ganz ähnlich, ja zuweilen wortgleich ergießt sich der Schwall aus der Prospekt-Prosa der Buchverlage. Ob nun Testimonials oder lobhudelnde Pressezitate ausposaunt werden, oder ob der Marktjubel direkt aus den PR-Abteilungen tönt – vieles scheint abrufbereit auf den Sicher-Hole-Tasten zu liegen. Manchmal hört sich das an wie auf dem Hamburger Fischmarkt, dann wieder raunt und säuselt es so filigran feingeistig, dass einem Rilke die Tränen kämen.

Die folgende kleine Kollektion aus Originalzitaten wird ganz bewusst ohne Ansehen der Einzelbücher präsentiert, es geht ja allgemein um den Sound solcher Werbung. Die Beispiele entnehme ich den aktuellen Herbstkatalogen einiger bekannter Verlage, wobei ich in kursorischer Durchsicht ausschließlich bei der Belletristik nachgeblättert habe. Mehr wäre über meine Kräfte gegangen.

Wie bitte? Doch, doch. In kleinen oder größeren Feuilletons finden sich immer mal wieder ähnliche Formulierungen. Es ist halt nicht leicht, dem jeweils waltenden Jargon zu entgehen. Und so wage niemand zu sagen, er wäre gänzlich frei davon. Als Essenz dieser laufenden Saison empfehlen sich übrigens Satzmuster, in denen wahlweise von bewegender, funkelnder oder schonungsloser Sogwirkung die Rede sein müsste. Oder so ähnlich.

Hier nun ein paar Beispiele, hilfsweise einsortiert:

Aufhebung der Gegensätze
„Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll, aber das macht nichts. Das Komische und das Tragische sind hier in höchster Form vereint.“ (Wagenbach)
„Ein Feuerwerk aus Mord und Schönheit“ (Galliani)
„Ein zeitdiagnostisches und ein Warnbuch also und doch auch ein Buch der Courage und der Glückserfahrung…“ (Suhrkamp)

Zielgruppenarbeit
„Ein herrlich lakonisches Buch für Rotweinliebhaber, in die Jahre gekommene Motorradfreaks, Geschiedene, Gelegenheitsphilosophen und Lebenskünstler…“ (Wagenbach)
„700 000 glückliche Leserinnen freuen sich“ (Knaur)

Dreifacher Ausruf
„Sogwirkung! Psychohölle! Grausige Faszination!“ (Droemer)
„Rasant, waghalsig, schonungslos“ (Hoffmann und Campe)
„Anrührend, mitreißend, feinfühlig“ (Kiepenheuer & Witsch)

Die Kunst des Vergleichs
„Der britische Philip Roth!“ (Daily Mail-Zitat bei DVA)

Schneller, höher, weiter
„Der härteste…, den es je gab“ (Grafit)
„Der ungewöhnlichste erotische Roman, den Sie je gelesen haben“ (Rowohlt)
„Der schönste Roman, den…je geschrieben hat“ (Hoffmann und Campe)
„Einer der lustigsten Romane aller Zeiten“ (Daniel Kehlmann-Zitat bei Suhrkamp)
„…läuft zur Höchstform auf“ (Kindler)

So sind sie, die Schriftsteller
„Wie kaum ein zweiter versteht er es, Spannung mit Tiefgang zu erzeugen, indem er Seelen in all ihren Schattierungen auslotet. Dabei erweist er sich zudem als schonungsloser Chronist unserer Zeit.“ (Grafit)
„…ist ein großer Kenner der Menschen und ihrer Einsamkeit“ (SZ-Zitat bei Suhrkamp)
„…ist ein Meister der Ambiguität und setzt mit seiner präzisen, schlichten Sprache Katastrophen wirkungsvoll in Szene“ (Wagenbach)
„…vibriert das Temperament einer wirklichen Erzählerin“ (Kunstmann)

Unverwüstliche Klassiker / Retro-Stil
„Eine bewegende Lebens- und Liebesgeschichte in Zeiten von Krieg und Revolution“ (Insel)
„Ein überraschendes Buch eines außergewöhnlichen Künstlers“ (Aufbau)
„Ein verstörender Roman, der wie ein konventioneller Thriller beginnt und sich langsam in einen surrealen Albtraum verwandelt.“ (Kunstmann)
„…tief anrührende Parabel über das Leben und die Liebe, das Schreiben und den Tod.“ (Kiepenheuer & Witsch)
„…klanglich genau komponierte und einen heimlichen Sog ausübende Gedichte“ (Luchterhand)
„Ihre Erzählungen sind von geradezu elementarer Wucht“ (Diogenes)

Ein weites Feld
„Natur- und Landschaftsbilder von äußerster Konzentration und eigentümlicher Stille“ (Suhrkamp)
„Ein groß entfalteter und bewegender Roman über die Möglichkeit des Bösen und die Unmöglichkeit einer Liebe“ (Insel)
„Ein Roman, der sich den Lesern in einem unausweichlichen Sog tief ins Gedächtnis gräbt“ (Rowohlt)

Tröstungen
„Dieses Buch dementiert die weitverbreitete Meinung, angesichts des Todes sei alles sinnlos.“ (Suhrkamp)
„…schlägt…einen großen Bogen von tiefer existentieller Qual zu Hoffnung und Versöhnung.“ (Luchterhand)

Alles drin, alles dran!
„Überdosis Leben. Der schonungslose Roman…über eine Generation zwischen Freiheit und Gleichgültigkeit“ (Rowohlt Berlin)
„Sex, Gewalt, Unschuld und die unbestimmte Sehnsucht nach Leben“ (Eichborn)
„…und liefert zugleich ein flirrend lebendiges, atmosphärisch beeindruckendes Zeitporträt“ (Kiepenheuer & Witsch)
„…als Zeitdokument, als anrührende Autobiographie und als sinnlicher Roman“ (Diogenes)

Der besondere Ratschlag
„Dieses Buch sollte man mehrmals inhalieren“ (Gary Shteyngart-Zitat bei Eichborn)

Das Gottesurteil
„Günter Grass ging beim gespannten Zuhören die Pfeife aus“ (FAZ-Zitat bei Rowohlt)

Was sonst noch unsortiert im Baukasten herumliegt
Kultstatus, unwiderstehlicher Sog, eines der schönsten Bücher des Jahres, die literarische Sensation des Herbstes, einer der besten spanischen Romane, der wahrscheinlich interessanteste Autor seiner Generation in der französischen Gegenwartsliteratur, Kultbuch aus Griechenland, der wichtigste Roman eines Amerikaners dieser Generation, ist in einem Atemzug mit dem großen Halldór Laxness zu nennen, das wohl persönlichste Buch des großen Erzählers, packender historischer Justiz-Thriller, beängstigend realistischer Politthriller, der Weltbestseller, es gibt keine Steigerung, herzerwärmender Roman, ein außergewöhnlicher Roman, sein letzter Roman, funkelnde literarische Kleinode, geschichtensatter großer Roman, aufrüttelndes Buch, ein literarisches Meisterwerk, einfach brillant, große deutsche Literatur, ein Frauenroman im allerbesten Sinne, kommt ein neuer Ton in die deutsche Literatur, taumelnde Allegorie, erzählt bei aller journalistischen Nüchternheit von berührenden Schicksalen, herzzerreißend komischer Roman, Lesevergnügen der amüsanten Art…

Bonus-Track: Debütanten
Berührender Debütroman, ein aufregendes Erzähldebüt, erfrischendes Romandebüt, ein begeisterndes Debüt, ein erstaunliches Debüt, umwerfendes Debüt, „Ein Debüt, das funkelt, flirrt und fiebert“




Dem Ruhrpott seine Sprache

Mit de Sprache in unserm feinen Pott der Ruhr iss datt ja sonne Sache! Viele tun datt Ruhrie-Dialekt ja sowatt von schmähen und finden et einfach nur schäbich! Ich sach Euch hier und heute: Tutto kompletto zu Unrecht! Wochenlang ham wa hier geforscht und phänomenale sprachwissenschaftliche Erkenntnisse zutage gefördert. Iss ja klaar.: Hochmoderne Fördertechnik war schliesslich schon imma die Domäne in unserm Revier! Ergebnis: Wer nämlich die hochkomplexen Strukturen des Ruhrpott-Deutsch nicht verstehen tut, der offenbart unflexible Bildungsgeschmeidigkeit und mangelnde Lateinkenntnisse! Jaha. So sieht datt nämlichst aus.

Tun wa ma ganz banal mit de Aussprache anfangen: Gelsenkirchen-Buer oder Oer-Erkenschwick spricht der Nichtwissende gerne mal als Bür oder Ör aus. Der Lateiner hingegen weiss sofort Bescheid. Datt ist wie von janz früher. Wir hier, wir halten Traditionen hoch. Et heisst Bu-er wie im lateinischen pu-er, der Junge. Und erst die Endungen diverser Ortsnamen, sie zeigen ebenfalls tiefe romanistische Verwurzelung. Bochum z.B. – eine klassische Endung. Kann sogar dekliniert werden nach lateinischen Vorbild (Genitiv Bochi, Dativ Bocho). Stadttteile wie Styrum, Karnap, Fulerum, Ardey, wenn das keine römischen Ursprünge sind, die hier bis heute geehrt werden. Ach, und alleine das Wort Ruhr. Es kommt vom lateinischen Wortstamm rurus. Rure bedeutet auf dem Lande, Rus Ruris kann das Land bedeuten, aber auch die Weite und der Raum.

Richtig interessant wird es aber, wenn man in die Tiefen der Grammatik eintaucht. Das klappt bei einem Neuzugang im Ruhrpott ohne Latein Kenntnisse sowatt von gar nie nich. Wer im Lateinischen nie den Vokativ geübt hat, der wird niemals heimisch werden hier. Der nicht Ruhrie-Kundige würde jede Anrede einleiten mit einem „Ey, Du Doower!“ Datt aber, verehrte Freunde der Sprachjonglierkunst, geht sowatt von überhaupt gar nicht. Hier sacht man „Ey, Du Doowen“ und nix, aber auch nix anderet!

Sehr wichtig sind auch Kenntnisse fein abgestufter Zeitnuancen, sprich Gerundium und Gerundivum: Er iss am spinnen. Ich bin am machen dran. Wir sind am machen dran am tun. Eine der schwierigsten lateinischen Finessen, der Hortativ, wird ebenfalls bis heute im Ruhrpott verwendet. Anderswo schon längst verschwunden, wir hier sind dessen mächtig. Ergo klassische Übersetzung der lateinischen Aufforderung Dicemus: „Womma so sagen ……….“

Ebenso sind im Ruhrpott-Sprech Dativ und Akkusativ nicht so leicht vorauszusagen. Die Regel lautet: Bei den Verben des Setzens, Stellens, Legens fragt man im Lateinischen „Wo“, im Deutschen „wohin“. Aber nicht überall in deutsche Landen. Wir innem Pott, wir können die Hochform: „Stell mich ma datt Glas auffen Tisch“ oder „Ich gehma im Bett.“. Umgekehrt kommt oft da, wo im Deutschen ein Dativ steht, im Lateinischen unerwartet ein Akkusativ. Ganz wie bei uns. „Datt Bad iss hinter die Tür.“ Der aufmerksame Leser ahnt jetzt schon, dass manche angeblich falsche Verwendung des dritten oder vierten Falls in Wirklichkeit der Ablativ ist. „Komma bei mich bei“ oder „ich geb ihm datt mit bei!“ Auch die Diskussion, ob es „zu Aldi oder nach Aldi“ heissen muss – überflüssig. Der Pötter iss da ganz Partizip Präsens Aktiv und geht ma flugs „ebent beim Aldi einkaufen“.

Fazit : Wer hier bei uns kommen will, der hat mit nem kleinen, feinen, schicken Latinum ’ne solide Basis. Den Rest, den kricht er von uns locker gelernt!




Georg Stefan Troller: „Tagebuch mit Menschen“

„Tagebuch mit Menschen“ –

unvergessen ein Artikel in einem der deutschen Eliteblätter – sei es nun
FAZ oder SZ oder, oder … zum „Buch der Tagebücher“,
also zum Tagebuch überhaupt.

Wofür braucht der Leser ein Tagebuch,
wofür möchte er darin lesen?

Private Schnulzenschau, oder darf es doch etwas mehr sein?

Dann irgendwie glitt der Autor ab in einen Rundumschlag,
warum auch immer.
Ach, diese Tagebücher, diese Rotzerei, dieses ewige Zurschaustellen.

An der Stelle mochte ich dem Journalisten nicht mehr folgen,
war er wohl Opfer seiner angedachten, phantasierten,
verinnerlichten Vorstellung von Objektivität geworden.

Vielleicht hatte er auch für jenen Artikel, dem das „Buch der Tagebücher“
zugrunde lag, sich mit einer Auswahl beschäftigen müssen,
die ihn einfach nicht begeisterte.

Vielleicht war er aber auch ein nicht begeisterungsfähiger Mensch?

Diesen Eindruck kann man häufig bei Journalisten antreffen.
Warum das so ist, bleibt zunächst dahin gestellt.

Ich erinnerte mich an das „Tagebuch mit Menschen“ – also
Georg Stefan Trollers Buch „Personenbeschreibung“ –
welches man durchaus als Sternstunde des deutschsprachigen
Journalismus bezeichnen kann und es auch tun sollte.

So wohltuend sich abhebend von journalistischer Überheblichkeit,
von den alltäglich niedergeschriebenen Gedankenfürzen
bis hin zu intellektuellen Akrobatiken,
denen kaum ein Mensch noch folgen kann, noch will,
außer der Journalist selbst,
der einen hohen Wert auf Selbstbefriedigung legt.

Bei Troller ticken die Uhren anders, weil sie in seinem Leben
schon immer anders getickt haben,
als es der Mainstream hergibt, verlangt, predigt und feiert.

Aufgrund biografischer Erfahrungen mit deutscher Überheblichkeit
und Arroganz, ihnen gegenüber kritisch eingestellt und sich dennoch dem
deutschsprachigem Raum heimatlich verbunden gefühlt,
hatte er, hat er Vergleichswerte, die der gemeine Journalist
so in der Regel nicht hat.
Und das merkt man beim Lesen…

Hier also – in seinen Personenbeschreibungen zu finden –
eine Art Zusammenfließen von subjektiven und objektiven
Wahrnehmungen, die miteinander auf vielfältige Art und Weise
verbunden werden,
also eben nicht jene gern praktizierte Aufspaltung
zwischen Individualität und scheinbar objektivierbaren Fakten,
die der Darstellung komplizierter, komplexer Vorgänge nicht würdig ist.

Da der Durchschnittsjournalismus,​ der bis in höchsten Etagen reicht,
mit einer zweifelhaften Geistes- und Fingerfertigkeit solche Probleme
im Handumdrehen erledigt, ist die Lektüre von Georg Stefan Troller
eine wohltuende Abwechslung, kurativ, aber eben keine leichte Kost.
Dennoch nie unterschlagend, mit einer guten Prise Humor versehen,
inklusive Selbstironie, eine erhellende wie erheiternde Reise
durch ein reichhaltiges Leben.

So musste man eben entdecken wollen,
dann würde man auch entdecken…

Und an manchen Stellen dieser Reise würde man einfach
nur schweigen, weil das Dargestellte es so verlangt.

Aber dieser Forderung nachzukommen, erscheint in heutigen Zeiten
ungefähr so unmöglich, wie die Abschaffung des Privatfernsehens,
sofern es sich nicht selbst abschafft,
indem es immer mehr Verrückte produziert,
die eben nicht ihre Klappe halten können,
sondern sich berufen fühlen und vor allem berufen werden,
sich öffentlich – und das alltäglich – auszukotzen,
ohne kurativen Wert.

So dann auch die Frage an die vermeintlich Intellektuellen gestellt,
was sie gedenken zu tun,
angesichts dieser Lage, die man ohne zu übertreiben als
dramatisch bezeichnen darf, aber eben auf eine andere Art als
schon bekannt.

Man müsste also hineingehen ins Desaster, was nie schön ist.
Aber genau da gehört der Journalist hin,
wenn er oder sie – Aussagekraft entwickeln möchte.
An dieser Wegkreuzung kann sich kein Journalist vorbeimogeln,
ohne Schaden zu nehmen und Schaden zu verursachen.

Foto / Text: Stefan Dernbach ( LiteraTour )

http://www.stefandernbach.​kulturserver-nrw.de/




Kulturhauptstadt Tallinn – nachhaltig eindrucksvoll und übersichtlich

Reisen ist kein Spaß. Man muss warten, man bekommt schreckliches Essen und wechselt die Verkehrsmittel, bevor man den Koffer in sein Hotelzimmer schiebt und erst mal schaut, welche sprachlich und inhaltlich nutzbaren Sender das Fernsehgerät bietet. Aber am Ende lohnt sich meist der Weg. Man ist halt woanders, wo es Gott sei Dank auch anders ist, mehr oder weniger. Zumindest die Sprache ist in diesem Fall eine Höraufgabe besonderer Qualität. Ziel ist eine der Kulturhauptstädte 2011, die Hauptstadt der Esten, Tallinn, je nach Route ca. 1800 Kilometer vom Ruhrgebiet entfernt. Gegenüber liegt Helsinki und die finnischen Nachbarn stehen am Strand und winken ihren estnischen Sprachverwandten zu. Nördlich von Helsinki liegt die andere nordische Kulturhauptstadt Turku. Finnland ist zu teuer – also Tallinn. Da gibt’s auch Finnen.
Tallinn antasten
Tallinn (früher Reval) ist eine alte Hansestadt und dies schlägt einem in der Altstadt in Form von Lokalen und Personal entgegen, die darauf hinweisen. Man kann also alte Hansebegriffe wieder aufgreifen. Da liest man an der Wand: Lübeck und Rostock. Auch Dortmund war mal Mitglied der Hanse, wie man es im Dortmunder Rathaus anhand einiger Reliquien besichtigen kann. Jugend beherrscht das Bild Tallinns. In der ersten Nacht sind die Hinweise auf die Kulturhauptstadt eher spärlich zu entdecken. Es herrscht Touri-Atmosphäre. Man serviert in Holz und trägt Tracht. Bezahlen muss ich aber mit Euro, nicht mit Holztalern.
Ich bin hoffnungslos over-dressed, habe nur einen schweren Mantel und Winterschuhe mit. Jetzt aber ist das da draußen kurz vor Finnland Mittelmeerklima.
Führung zum KGB
Das Hotel Viru Soros hat 23 Stockwerke. Das oberste war zu Sowjetzeiten gesperrt. Dort saß der KGB und hatte alles unter Kontrolle: Das Personal und die Gäste, besonders die internationalen. Jetzt gibt es dort „die erste Hotelausstellung“ in Estland. Eine Führerin mit wunderbarem „r“ in ihrem englischen Akzent erzählt der internationalen Besuchergruppe der Kulturhauptstadt 2011 komische Geschichten aus der Controletti-Zeit, die dort ehemalige Besucher abgeliefert haben. Man will die Absurdität des Systems zeigen und das gelingt. Alte Urkunden, die Abhöranlage, Fotos, Utensilien, die die Sowjets 1991 zurück gelassen hatten, als sie in einer Nacht mit Sack und Pack verschwanden. Eins von vielen 2011-Projekten, die was mit Geschichte zu tun haben und diese Stadt hat viel davon.
Kulturbüro Tallinn

Kunst am Meer - Experimentale

Am Meer gibt es Kunst von Nachwuchsgestaltern an der Sängerwiese, draußen und im großen Rund, viel beachtet von Presse und Publikum. Es soll eine Triennale entstehen, sagt die Medienfrau der KHS, Maris Hellbrand, die in München studiert hat. Im Vergleich zu Ruhr2010 arbeiten hier nur 30 Personen an allem. Das sind kurze Wege der Zuständigkeiten. 1000 Freiwillige sind gelistet, 300 sind ständig aktiv, jung und freundlich, nordisch und lieb. Das Büro ist in der dritten Etage eines von außen eher hässlichen Hauses untergebracht. Büroräume, die mit Kurzgeschichten tapeziert sind, Reste von Buchdruckstreifen. Man darf also während der Arbeit lesen.
Touristenströme zwischen Party und Kunst
Und die Touristen aus Großbritannien kommen in größeren Gruppen, sind zu 30% mehr vor Ort. Dazu die normalen Touristen, die Jungen, die bald die Altstadt verstopfen werden. Partytime im mittelalterlichen Ambiente. In der Stadt verteilt sind Kunstwerke zu besichtigen, manche davon sind gar keine – wie die Litfaßsäulen mit künstlerisch anmutenden Piktogramme. So verwirrend ist das heute mit der Kunst am Straßenrand. Kaum glaubt man, ein Werk entdeckt zu haben, kommt jemand und trägt es auf einen LKW. War nur ’n Straßenschild.

Holz, Stroh, Beton und Glas

Topfdeckelanimation

Es gibt eine Experimenta mit Kochtöpfen, Worte zum Fotografieren, Russenmarkt, Theater an jeder Ecke und Architekturirritationen allüberall. Tallinn ist erlaufenswert. Die große Kunsthalle allerdings muss man mit dem Bus aufsuchen, um dann auf einen Neubau zu stoßen, der Kunst ist, in dem Kunst ist. Mit Staunen sieht man hier die moderne und alte estnische Kunst. Der finnische Architekt Pekka Vapaavuori errichtete das Gebäude des Kumu (Kumu kunstimuuseum). Und man wandelt durch den Park am Weizenbergi und denkt: Ist denn hier Österreich? Gleich kommt der Herr Kaiser und winkt.
Sprach-Fotografie
Ich entfinde ein neues Genre: Die Wort- und Sprachfotografie. Autobus heißt „Autobussi“, ein Stadtteil „Ülemiste“, ein Turm „Kiek in de Kök“ und es gibt eine Haltestelle, die Kreuzbergi heißt. „Pikk“ heißt eine wunderbare Gasse in der Altstadt und ich betätige mich als Wortfotograf. Bin aber hier, um die Auswirkungen der Kulturhauptstadt zu erwandeln. Vom Viru Square fahren die Busse ab und man hat Freude an den Titeln der Haltestellen. Einfach einsteigen und irgendwo aussteigen. So entdeckt man die Stadt.
Vor dem Hotel rauche ich nach dem Frühstück. Immer stehen um diese Zeit ein paar Damen dort und rauchen auch, aber sie machen den Eindruck, nicht Hotelgäste zu sein, dies aber für kurze Zeit sein zu wollen. Aber man fantasiert zu viel, wenn man morgens noch nicht ganz auf der positiven Seite des Lebens ist. In Gedanken bin ich in einem Taschengeschäft mit einem Zollstock, um etwas zu finden, was von Ryan Air als Gepäck akzeptiert wird, wo ich meine Erinnerungen hineinbekomme – als Handgepäck. Heute Abend komme ich zufrieden ins Hotel zurück, wo mich in der Lobby freundliche Damen jeden Alters aus ihren Sesseln dezent anlächeln. Im Zimmer schaue ich in den Spiegel und bin sicher: Das Lächeln galt meiner Brieftasche und nicht meinem Gesicht.
Hintern Hinterhof

Grabsteine auf dem Flohmarkt der Russen

Hinter dem Bahnhof sitzt der Russenmarkt, so genannt von den Esten. Er sieht aus wie der Polenmarkt in Ungarn oder der Chinesen-Markt in Tschechien, nur eben mit Russen, die immer noch Armeemützen zur Verfügung haben und alte Fotoapparate. Da das Wort Stadt in Kulturhauptstadt vorkommt, muss man genau diese versuchen, von vielen Seiten zu erkunden, auch hinter dem Bahnhof oder in Vierteln, wo man fern der weithin sichtbaren Großhotels wandeln kann. In Nummer 60 sollen Hausbesetzer leben, zu sehen ist nichts. Vielleicht sind die Hausbesetzer gerade nicht zu Hause. Davor streitet sich ein dem Alkohol gegenüber offenes Paar über die Erziehung des Kindes, das im Kinderwagen döst.
Architektur

Baumhaus

Man trifft auf gewagte Architekturstile, die direkt nebeneinander sich gegenseitig auflehnen, das alte traditionelle Holzhaus, das immer eines Tages dem Zerfall entgegen rückt, Mietshäuser mit schwarzen Fensterrahmen und sachlichem Design, Häuser mit Schiebetüren aus Glas vor den Balkonen mit Meerblick. Tallinn scheint ein offenes Feld für architektonische Wagnisse, die meisten zumindest interessant. Entlang des Wassers führt ein neuer Kulturkilometer-Pfad, der im Sommer eröffnet werden soll. Ein Designer-Laden steht schon gegenüber einem kleinen Meeresarm mit blauen Fischkuttern. Im Herbst gibt es ein großes Design-Festival. Der Laden scheint gerüstet. Man sieht Autoreifen, die mit Wollfransen versehen sind und maritim anmutendes Klein-Gerät für den Geburtstagstisch.

Architektur-Wandel

Köler Prize
In einer ehemaligen Fabrik (kennen wir doch) ist eine Ausstellung sehr erfolgreich. Das Fernsehen dreht gerade dort. Der „Köler Prize“, kuratiert von wichtigen Künstlern, zeigt „Underground-Art“, wie man mir sagt, aber es ist geputzter Underground, falls es sowas gibt. Eine sehenswerte Ausstellung in Meeresnähe, deren Macher davon überrascht wurden.
Vor dem Café Boheme, wo man zum Kuchen pürierte Erdbeeren bekommt, will ein abgezotteltes Paar partout unsanft eine Anmache starten und bietet ein kurioses Schauspiel, das sich nicht in Text fassen lässt. Die Polizei ist freundlich und nimmt nur die Lady mit. Ihn treffe ich später wieder, an der Seite einer neuen Bummelfreundin.
In einem alten Elektrospannungswerk findet eine Schau zu Mythen Estlands statt. Sie ist offenbar überwiegend für Kinder, die dort in Rohre blasen und allerlei Sound verbreiten, den man so nicht wieder hören kann.Das Strohtheater ist der bisherige Höhepunkt des Jahres, wie man sagt. Das örtliche NO99 Theater ist seit 2006 Mit-Initiator dieser verrückten Idee, ein temporäres Theater aus Stroh zu bauen. Nun steht es auf einem Hügel neben der geschichtsträchtigen Altstadt – ganz in schwarz und brandgesichert. Das will man sehen und die häufigste Frage, ob es denn nicht gefährlich sei, wird immer wieder beantwortet. Das Stroh ist gepresst und brennt schlechter als Holz. Es bekommt keine Luft fürs Feuer. Zudem ist natürlich alles feuergesichert mit allen möglichen Chemikalien. Derzeit spielt man „Hirvekütt“ nach dem Film „The Dear Hunter“ mit Robert de Niro. Dramaturg Eero Epner erklärt in gutem Deutsch, dass der ursprüngliche Plan, das Theater im Oktober wieder abzureißen, noch nicht ganz endgültig ist. Plan war, die Flüchtigkeit des Theaters auch fürs Gebäude gelten zu lassen, eine eigentlich wunderbare Idee. Die Finnen zeigen Interesse, es in ihrem Land wieder aufzubauen. Hier, von schwarzem Stroh umgeben, sieht man bis Oktober die Festivalgruppen Deutschlands und Europas: She She Pop, Le Ballet C de la B oder Gob Squad.
Guerilla Kino

Kinoansage vor dem Gewächshaus

Was sich heute alles als Guerilla bezeichnet, wirft ein Bild auf die um sich greifende Verniedlichung für alles. In einem Gewächshaus stehen Flachbildschirme, auf denen ein Dokumentationsfilm gezeigt wird, der sich auf ehemalige Dissidenten bezieht, die sich hier als Gartenhelfer verdingten. Vorher muss man sich einer Führung unterziehen. Die Volunteers erzählen in dieser mir fremden Sprache von Pflanzen und deren Herkunft. Nun gut. Vielleicht gibt es bald irgendwo ein Guerillero-Ringelpietz mit Pustekuchen.
Ich treffe immer wieder eine Journalistin, die für den WDR in Tallinn unterwegs ist (Skala, Sendung am 23.6.), die offenbar die gleichen Wege nimmt wie ich, beide auf Erkundungsreise, sie mehr per Ohr. Ich hab noch die Augen dabei und riechen kann man das Meer nur in der Nähe. Es gibt ein Stück „Strand“, auf dem ein toter Hund auf Verwesung wartet, ein Ort, der nicht als Badestrand durchginge, wäre man auf Capri. Die Stadt beginnt, mir zu gefallen.Man stolpert geradezu über die zahlreichen Theater und Galerien. Jetzt, bei der Maihitze. Im Winter sind es wahrscheinlich Zufluchtsorte.
Häuser und Teilgebäude
Und immer wieder: die Architektur, vollendet, eingefügt oder abgebrochen. Eine Brücke, die geradezu ins Nichts führt, wird auch bald Ort für einen japanischen Künstler, der sich mit der Betonmasse angefreundet hat. Ich werfe mich wieder auf einen Markt, trinke einen äußerst fragwürdigen Cappuccino und sehe schlafende Biertrinker. Zwischen alten Holzhäusern und Backsteingebäuden schimmert das Neue. Ein ganzes Viertel in Shopping-Hochglanz wird so das alte erdrücken, das sich aber so entschlossen wehrt, dass man diese Mischung hinnimmt, ja, sie gar bewundert. Die Sonne steht über der stillen Altstadt. Ich erlebe ein Abendessen, das mir schmeichelt und ich trage den wunderbaren Geschmack bis heute am Gaumen. Ein kleines Lokal,

alt und neu

neben einem Kulturzentrum, aus dem Heavy-Metal-Musik dröhnt, bietet eine wunderbare Küche für geringes Entgelt. Später stehen vor dem Haus, aus dem es nun modernjazzt: Ein Althippie mit langem Bart, ein 40-jähriger Punk, ein Rocker mit Nietenjacke und zwei dunkle, depiercte Gothic-Emos, die sich fröhlich gegenseitig zuprosten. „õhtusöök!“ (Prost). Fragen Sie nur einen Esten, wie man das ausspricht. Tschüss heißt auf jeden Fall „Tschüss  Nägemist!“

Im Hintergrund: das temporäre Strohtheater in Tallinn

 




Verbrieft – Bekenntnisse eines Briefschreibers

Die Sondermarke prangt glänzend auf dem Umschlag.
Man denkt kurz an Ringelnatz und verabschiedet sich.
Ein Kulturwelt-Erbe befindet sich auf dem Rückzug.

Letzte Gefechte?

Noch ein Brief, nochmal an den Schreibtisch,
der diesen Namen auch verdient. Freies Sichtfeld.
Ein weißes Blatt Papier, jungfräulich schön.
Das Schreibgerät liegt gut in der Hand. Das sollte so sein.
Man hat ein paar Stunden zu tun. Das ist nicht immer so,
aber es ist eine Option, mit der man rechnen muss.

Man kann von einer langen Tradition sprechen.
Unzählige Kulturschaffende standen in Briefkontakt und pflegten ihn.
Schriftsteller schrieben Briefe, die den Vergleich mit Büchern nicht scheuen mussten.
Es ist hier nicht die Rede von Geschäftsbriefen, sondern von persönlichen Kunstwerken,

intimen Mitteilungen und „archäologischen“ Unternehmungen.

Die Reise zum Mittelpunkt des Ichs.

Es gibt Etappen-Briefe, es geht hinauf, es geht hinunter.
Einige Briefwechsel dauerten Jahre.
In solch kurzlebigen Zeiten wie heute, undenkbar.
Das ist Nostalgie, meinen manche, das sei längst überholt.
Was das Tempo anbetrifft, keine Frage.
In Sachen Qualität, siegt der Brief in mehrfacher Hinsicht,
ist dem Medium Internet überlegen.
Der Brief ist ein Akt der Wertschöpfung, auch wenn der Kurs dieser Währung im Keller liegt.

Dort liegt bekannterweise auch der gute Wein.
Man sieht ihn kaum, er darf ruhig reifen.

Und kommt er dann ans Tageslicht,
ist man betört von seinen Düften und Aromen.
Man geht behutsam mit ihm um.
Er verträgt kein Geschwätz.
Nein, es umgibt ihn eine mitunter feierliche Aura,
frei von Kreditkarten-, Auto- und War-Game-Werbung.

Der eigene Charakter steht im Mittelpunkt,
nichts von der Stange, keine Kopie.
Der Brief steht für sich, steht für das Wort,
steht für Qualität.
Geschmückt durch eine Marke, darf er in Ruhe verreisen.

Aber wer nimmt sich heute noch die Zeit, einen Brief zu schreiben?

Das ist nicht cool. Das ist out.
Wie lange, das wird man sehen…

Stefan Dernbach ( LiteraTour )




Gereimtes oder Ungereimtes

Ich möchte hier einen Versuch wiederholen. Beim für immer entschlafenen
Kulturblog Westropolis (2007-2010) hat es der entsprechende Thread über die
Jahre hinweg auf rund 1500 Wortmeldungen gebracht. Man verzeihe mir den preiswerten kleinen
Stolz, damit einen Rekord angestoßen zu haben, der dort nicht mehr gebrochen werden kann, weil jene Plattform der WAZ-Mediengruppe Anfang 2011
unwiederbringlich gelöscht worden ist.

Die Idee, wenn man sie überhaupt so nennen soll, ist denkbar
simpel und keineswegs originell:

Statt eines Kommentars hinterlässt man/frau hier just einen selbst verfassten Zweizeiler, Vierzeiler,
ein Sonett oder sonst etwas Gereimtes / Ungereimtes mit lyrischer Anmutung bis Zumutung.

Einstiegsschwelle niedrig, Skala der Ansprüche nach oben offen.

Als die A40/Bundesstraße 1 im Sommer 2010 fürs
kulturhauptstädtische „Stilleben“ gesperrt wurde, gab es etliche Stände, an
denen die Passanten Gedichtetes hinterlassen sollten, meist auf meterlangen
Textrollen. Ein Werk der Vielen. Es sollte „volkstümlich“ sein, und da ist – bei halbwegs strenger Observanz – peinliche „Volkstümelei“ nie allzu weit
entfernt. Kulturell etwas kleidsamer, doch ebenfalls zwiespältig, ist die immer wieder
gern kolportierte Auffassung von Joseph Beuys, jeder Mensch sei Künstler.

Hier möge es, wenn es denn in Gang kommt, vor allem freudig
zugehen. Gerade gereimte Zwei- oder Vierzeiler führen nicht selten zu (höherem) Nonsens und
blühendem Blödsinn.

Warum auch nicht? Wir werden sehen.




Der Name des Werkzeugs

(Möchtegern)-Intellektuelle halten sich etwas zugute – auf einen gewissen Wortschatz, auf ein hie und da, ja möglichst universell geschmeidig anwendbares, halbwegs hochgeschraubtes Reflexionsniveau nebst anhängendem Zynismus, der schon mal gar nichts gelten lässt. Und dann heißt es noch, die daraus resultierende Eitelkeit zu kaschieren. Eine Heidenarbeit, nicht immer von Nutzen gekrönt.

Solchen Leuten fehlt doch was?

Nein, nein, diesmal gibt’s keine Glaubenspredigt. Auch Hoffnung und Liebe wollen wir hier nicht aufrufen.

Aber denen, die mit Sprache zu schaffen haben, mangelt es beispielsweise oft am mathematischen, technischen und naturwissenschaftlichen Rüstzeug. Ein alter Hut, doch immer noch der Rede wert. Man schlage bei Hans Magnus Enzensberger nach, der immer wieder auf dieses Thema zurückgekommen ist und die Ignoranz der Geisteswissenschaftler gescholten hat.

Zudem fehlen den Sprachdrechslern nicht selten Bezeichnungen für die alltäglichsten, simpelsten Dinge. Einem Menschen,  dessen Name unwichtig ist, ging es nun so mit einem einfachen Werkzeug, das für eine kleine Montage benötigt wurde. Ein Gabelschlüssel war gefragt. Ein wie? Ein was?

Er hat das Wort stiekum in die Suchmaschine eingegeben und sich das Objekt besehen (siehe beigefügten Ausdruck). Ah! Ja so. Dass er darauf nicht ohne Internet-Krücke gekommen war. Er hatte immer gedacht, das hieße Schraubenschlüssel. Dabei kann man doch auf Baumarktschildchen nachlesen, welche Worte in der Welt des fraglosen Funktionierens gelten.




Keine Angst vorm Sagen! Synonymitis bei Pixi

Da wird gezwitschert, geklappert und gelacht.

Pixi und seine Freunde wollen ein Frühlingsfest feiern und müssen dazu nur noch den winterschlafenden Bären wecken, was mit Hilfe eines duftenden Blumenstraußes auch gelingt. Soweit der Plot von „Pixi und der Frühling“, erschienen im Carlsen-Verlag. Auf dem Umschlag des kleinen quadratischen Büchleins aus der Pixi-Serie glitzert der Frühlingshimmel glitzerfolienblau, so wie es Kleinkinder lieben. Und innen glitzern die Verben, so wie es Grundschul- und Deutschlehrerinnen lieben. Bloß nicht zu häufig „sagen“ schreiben! Am besten ganz vermeiden! Auf den 23 Seiten ist die Sagen-Synonymitis ausgebrochen: Es wird nicht gesprochen und nichts gesagt, sondern gerufen, gelacht, gekichert, gestaunt und gestrahlt. Mitunter auch gemurmelt, gezwitschert und geniest.

Hier die komplette Aufstellung:

… rief Hase Langbein
… nickte Pixi
… fragte Langbein
… lachte die alte Eule
… lachte Pixi
… gähnte der Igel
… rief Pixi
… jubelten sie
… klapperte der Storch
… lachte Pixi
… wollte Pixi wissen
… zwitscherte eine Schwalbe
… kicherte Hase Langbein
… schlug Pixi vor
… kicherte Pixi
… riefen die Freunde
… strahlte Pixi
… murmelte Umbärto
… lachte Pixi
… fragte Umbärto
… nieste er
… staunte Umbärto
… rief Pixie

Und jetzt kommt die gute Frage: Was ist so schlimm daran? Dafür muss ich ein wenig ausholen.

Es war irgendwann in der Sekundarstufe 1, vielleicht aber auch schon in der Grundschule. Wir sollten einen Aufsatz schreiben. (Obwohl ich immer gern geschrieben habe – bei dem Wort „Aufsatz“ gruselt es mich noch heute.) Passenderweise lautete das Thema „Gruselgeschichte“. Damit die Phantasie bloß nicht mit uns durchging, waren im Schulbuch Wörter und Wendungen vorgegeben, die man zur Herstellung eines ordentlich gruseligen Schulaufsatzes verwenden konnte und auch sollte: Signalwörter wie „plötzlich“ gehörten dazu, aber auch so originelle Vergleiche, Beschreibungen und Metaphern wie „die Haare stehen zu Berge“, „eine Gänsehaut bekommen“ oder „das Blut gefriert in den Adern“. Die Leistung bestand nun nur noch darin, eine halbwegs sinnvolle Reihenfolge für die Textbausteine zu finden. Und so durften die Lehrer 20 gleich lautende Texte lesen, in denen fortwährend der Atem stockte und die Protagonisten stocksteif und bleich wurden.

Sprachliche Originalität wird Schülern mit solchen Übungen systematisch ausgetrieben, die Entwicklung eines eigenen Stils unterdrückt. Stattdessen lernen sie, nach Schema F zu texten, und genau das tun sie auch weiterhin in der schriftlichen Kommunikation. Ihr Leben lang werden diese Schüler glauben, beim Schreiben einen Stil zu imitieren, eine Norm erfüllen zu müssen, was dann zu den bekannten Stilblüten und grauenvollen Satzkonstruktionen führt, die stets entstehen, wenn jemand eben nicht in seiner Sprache schreibt.

Hier glitzert es nicht nur außen: Gute-Laune-Buch aus der Pixi-Reihe.

Hier glitzert es nicht nur außen: Gute-Laune-Buch aus der Pixi-Reihe.

Und was hat das nun mit dem kichernd-nickend-lachend-sprechenden Pixi zu tun? Mit solchen Verben, auch das lernt man in der Schule, gewinnen Geschichten an Lebendigkeit und Farbe. Ein „A“ für „Ausdruck“ malen Lehrer an den Rand, wenn zwei Mal hintereinander etwas einfach nur gesagt wird. „Sagen“ ist nichtssagend, „rufen“ schon besser, „kichern“ grenzgenial. Die Wahrheit aber ist: Texte, in denen großzügig Sagen-Vermeidungsverben eingestreut wurden, wirken lächerlich. Die Absicht, den Text auf diese aufgesetzte Art lebendig zu machen, wird so überdeutlich, dass man sich für den Autor – in diesem Fall eine Autorin – beinah fremdschämen will.

Und ja: Das gilt auch für Kinderbücher. Wieso muss man Kinder mit ausgelutschten Formulierungen behelligen, wieso greift man bei ihnen zur billigsten Methode, Texte aufzupeppen? Wieso kann Pixi nicht erst etwas sagen und anschließend lachen, wenn er schon 23 Seiten lang lachen muss? Kichern und sprechen, das geht sowieso nicht gleichzeitig.

Kinder, die viele Sprachbilder und Wendungen der Erwachsenen übernehmen, nennt man oft „altklug“. Und bei altklugen Kindern, mal ehrlich, da läuft es mir eiskalt den Rücken herunter.




Sprache lieben, Sprache hassen

Gerade wenn man Sprache lieben gelernt hat, so kann man sie auch hassen; jedenfalls einige ihrer Ausprägungen. Wenn einem Schriftsteller erst einmal das süße Gift trefflicher Worte eingeträufelt haben, so erschrickt man umso mehr bei falschen Klängen. Haben einen Hölderlin, Rilke, Robert Walser, Kafka, Gernhardt oder Genazino (etliche andere Namen bitte freihändig einsetzen) mit ihren Tonfällen betört, so behagt manches aus den täglichen Niederungen nicht mehr. Dann muss man sich zuweilen klarmachen, dass doch längst nicht immer im hohen Ton gesprochen werden kann. Was wäre das für eine Welt? Man möchte doch bitte auch recht oft lax und nachlässig sein dürfen. Das ist Menschenrecht.

Doch es kann geradezu körperlich quälend sein, bewusstloses Gestammel zu vernehmen. Jetzt bloß kein wohlfeiles Wort über den Politikbetrieb und den journalistischen Jargon. Aber nehmen wir beispielsweise die seit Jahrzehnten immerzu großmäulig auftrumpfende Marktschreier-Sprache, die dich unentwegt mit Super, Mega, Turbo und Jumbo anbrüllt, dich aus grellrotgelben Prospekten anspringt. Viele sind gegen derlei Kanonaden abgestumpft, so dass die Dosis immer noch gesteigert wird. Den Konsumenten wird dabei immer weniger zugetraut. Satzlängen und Absätze, die man ihnen „zumutet“, werden tendenziell immer kürzer, die verbalen Anforderungen immer geringer. Das frisst sich vom gellenden TV-Privatsender allmählich in Bereiche hinein, die bislang noch immun zu sein schienen. Wo wird diese Nivellierung nach unten enden? Beim Bellen?

Doch auch an anderen Stellen des sprachlichen Spektrums wird Überdruss geschaffen. Ich denke an die in der Netzwelt gängigen, ach so coolen Bescheidwisser-, Dazugehörigkeits- und meinetwegen Zeitspar-Formeln wie „asap“ oder „aka“, Einwürfe wie „reloaded“ und „revisited“ oder das Getue um die jeweils allerneueste Echtzeit-Kommunikation, die recht zuverlässig mit dem Füllsel „2.0“ einhergeht. Vor der „Sprache 2.0“ kann einem allerdings bange werden. Freimütig sei’s zugegeben: Man ist selbst nicht völlig frei davon. Wie denn auch? Wie wollte man sich auch von allem fernhalten, was umgeht? Man kann ja nicht sämtliche Sozialmarken verwerfen. So einsam möchte kein Wolf sein.

Alle, die mit Sprache arbeiten und gar noch von komplexen Phänomenen der Kultur reden wollen, wandeln „auf schmalem Grat“. Ach, da sieht man’s bereits: Für diese Wendung müsste eigentlich eine Strafmünze ins „Phrasenschwein“ wandern. Dieses Tierchen wiederum wird mittlerweile so häufig bemüht, dass der Ausdruck „Phrasenschwein“ seinerseits ein Bußgeld zur Folge haben müsste. Und so fort. Im Grunde müsste man die Reflexionsschraube immer weiter drehen und sich jeden Tag eine neue, eine taufrische Sprache ausdenken, um solche „Klippen zu umschiffen“ (noch so eine verbrauchte Redefigur). Dann würde einen freilich niemand mehr verstehen.




Ürzung für Ürzung

Mit Abkürzungen hat man oft seine liebe Not. Erläuterungen füllen dickleibige Speziallexika. Einiges hat sich ja eingebürgert, doch vor allem Fachleute aller Art verstehen einander mit Kürzeln. Wenn umständliche Wörter häufig vorkommen, so empfiehlt sich halt eine knappe, möglichst prägnante Buchstabenfolge. Zum Exempel sagen sie beim Westdeutschen Rundfunk intern „Nami“ statt „Nachrichtenminute“. Warum auch nicht? Klingt doch putzig.

Eine spezielle Sorte von Abkürzungen zielt allerdings gerade nicht auf Experten, sondern eher auf unbedarfte Endverbraucher: Es sind jene furchtbar bemühten, sprachlich arg überstrapazierten Fügungen, deren ausgewählte Initial-Buchstaben mit Ach und Krach ein ganzes Wort ergeben, das man sich im Idealfalle leichter merken kann. Um einigermaßen Deckungsgleiche zu erzielen, denkt man sich irrwitzige Wortketten mit „passenden“ Anfangslettern aus. Für trockene bürokratische Akte darf dann schon mal gern ein Frauenname herhalten, der geradezu verführerisch klingt. Oder es wird ein womöglich heikler Sachverhalt verniedlicht. Fast immer kommt das Resultat gequält daher.

Beispiele gefällig? Bitte:

PFIFF = „Programm zur Förderung und zum Erhalt intellektueller Fähigkeiten für ältere Arbeitnehmer“ (Fortbildung älterer Arbeitnehmer bei Opel)

EGON = Erziehungsgeld online

IGEL = Individuelle Gesundheitsleistungen (Klartext: zusätzliche Einnahmequelle für Ärzte)

ELSTER = Elektronische Steuererklärung (hehe, was sagt man diesem Vogel nur nach?)

VerDi = Vereinigte Dienstleistungsgewerkschaft (mit peuso-kultureller Attitüde)

ZOPF = Zentrales OP- und Funktionszentrum (an den Dortmunder Kliniken)

ELENA = Elektronischer Entgeltnachweis

DAKOTA = „Datenaustausch und Kommunikationen auf der Basis Technischer Anlagen“… (müsste eigentlich Dakobata heißen).

Na, und so weiter, bis zum erschöpften Abwinken.

In schwachen Stunden habe ich schon einmal gedacht, man müsse derlei Beispiele systematisch sammeln, um daraus eine Typologie zu gewinnen. Doch dann hat sich die Vernunft gemeldet und mir zugeflüstert: „Es gibt Wichtigeres im Leben.“ Recht hat sie!




Stilp!

Es ist von einem seltsamen Phänomen zu berichten. Entfernt ähnelt es dem von Axel Hacke vielfach dargestellten „Wumbaba“-Effekt: Bei Liedtexten kann man sich gehörig verhören, so dass etwa in Matthias Claudius‘ „Abendlied“ („Der Mond ist aufgegangen“) die Zeilen „Und aus den Wiesen steiget / Der weiße Nebel wunderbar“ zum politisch nicht ganz korrekten „Und aus der Isar steiget / Der weiße Neger Wumbaba“ geraten.

Nun zur artverwandten Erscheinung, die einer Kippfigur gleicht, welche (je nach Betrachtungsweise) vexierbildhaft umschlägt: Seit Jahren widerfährt mir dies an der A 40 in Essen, wo ein abgestellter Anhänger für ein örtliches Möbelhaus wirbt, das „Stilphase“ heißt. In Worten: „Stil-Phase“. Doch diesen Aspekt muss ich mir eigens aufsagen. Denn unwillkürlich lese ich im Vorüberfahren stets nur „Stilp-Hase“ und martere mich seither mit der Frage, was das denn für ein Tier sei.

Zur Güte schlage ich vor, dass ein neues Verb „stilpen“ in die Wörterbücher aufgenommen wird. Ferner möge dort die Eigenschaft „stilpig“ festgehalten werden, meinetwegen auch in der Ableitung „stilphaftig“. Ein Mensch (oder Tier) von stilpiger Wesensart sollte kurzerhand als „Stilp“ bezeichnet werden. Beispielsweise als Stilp-Hase. Mehr will ich ja gar nicht.

Was „Stilp“ denn eigentlich bedeute? Nun, zu solchen Festlegungen kommen wir eventuell später. Warum denn immer gleich alles definieren?




„Tatort“-Buch: Mord an der Sprache

„Tatort“-Städte sehen im Fernsehen ganz anders aus als in der Wirklichkeit. Nun ja, man hat es sich wohl gedacht, dass uns bei der Gelegenheit keine 1:1-Realität dargeboten wird.

Doch mehr noch: Komplette Szenenfolgen werden gleich ganz woanders gedreht. So entstehen etwa Münsteraner „Tatorte“ der Logistik wegen (WDR-Zentrale mit allen Schikanen am Ort) weitgehend in Köln. Auch befinden sich alle (!) Tatort-Kommissariate des SWR in einem einzigen Gebäude zu Baden-Baden. Okay, das sind auch keine Sensationen, aber es klingt schon interessanter, weil konkreter. Doch die Verfasser eines neuen Sachbuchs mögen’s auf weite Strecken lieber wolkig.

In insgesamt 17 Beiträgen erscheint die populärste deutsche Krimireihe zumeist als schieres Konstrukt regionaler Zuschreibungen, die oft genug in Klischees abgleiten. Der Untertitel des Bandes lautet „Mediale Topographien eines Fernsehklassikers“. Damit deutet sich bereits das Elend eines „hochwissenschaftlich“ sich gebenden Jargons an, der das Gros der Beiträge infiziert hat, als hätte man sich zuvor ganz bewusst auf sprachliche Hässlichkeit geeinigt. Am Ende ist man als Leser reichlich verstimmt, denn man hat viel Zeit darauf verwendet, relativ überschaubare Erkenntnisse in verbal fürchterlich aufgeblasener Form zu goutieren. Hier müssen wir einfach ein paar beispielhafte Zitate anheften:

„Die verräumlichenden Filmerzählungen der Tatort-Reihe ordnen ihre lokalisierenden Elemente nämlich sowohl in topologisch relationierenden als auch in topographisch repräsentierenden Operationen an.“

Schon ganz gut, nicht wahr? Aber genießen Sie weiter, schlagen Sie zum Exempel Seite 56 auf. Sie werden es nicht glauben, aber Einstellungen zur Welt, die

„…aus sozialphänomenologischer Perspektive als ‚Doxa‘ bezeichnet worden sind, können allerdings zu ,Orthodoxien‘ werden, wenn ihre präreflexive Wirksamkeit infrage gestellt wird.“

Wie? Es reicht Ihnen schon? Nichts da! Hiergeblieben! Hergehört:

„Eher scheint es sich um einen filmischen Beitrag zur diskursiven Herstellung und räumlichen Verortung eines internen Anderen zu handeln, das erst in seiner referenziellen Alterität zum möglichen Objekt wird.“

Halt! Wozu und für wen wird hier eigentlich geforscht? Es beschleicht einen der Verdacht: Nur noch für die eigene (Uni)-Karriere, indem man ein lachhaftes verbales Imponiergehabe auf die Spitze treibt.

Ein so breitenwirksames Thema wie der „Tatort“ ließe sich wahrlich in anderem Stile behandeln, ohne dass man in der Denkschärfe nachlassen müsste. Hier aber will man offenkundig unter sich bleiben. Wohl deshalb wird der einfache Umstand, dass etwas vorher geschehen ist, in diesem Buch fast durchweg mit dem Verrenkungs-Wort „vorgängig“ umschrieben. Gern verwenden diverse Autoren auch Bescheidwisser-Vokabular wie „establishing shots“ und „televisuell“. Dass Handlungsorte der Krimis gelegentlich auf Stadtrundfahrten besucht werden, wird hier mit der Wortschöpfung „Thanatourismus“ belegt.

Selbst über die simple Tatsache, dass mit den „Tatort“-Folgen nach und nach eine (föderale) Krimi-Landkarte Deutschlands entsteht, kann man verquast und ungelenk schreiben, indem man drei „Hauptrichtungen der Topographie“ aufruft und gravitätisch feststellt:

„Die erste geht davon aus, dass den in der Karte manifest werdenden Bemühungen der Kartographen eine äußere Welt vorausgegangen sein muss, die durch eine Karte verstehend erfasst werden sollte…“

Donnerwetter!

Zur Selbstparodie gerinnt das Ganze, wenn die Verfasser eine Übersetzung gleich mitliefern: Wir lernen, dass ein Odenthal-Tatort

„…den Konstruktcharakter der fiktionalen Welt hervorhebt und so mit dem selbstreferenziellen Potenzial des Genres spielt. Anders gesagt: Solche Tatort-Folgen verweisen auf sich selbst.“ Stimmt. So hätte man’s auch sagen können.

Unfreiwillig komisch wirkt auch das Aufeinanderprallen verschiedener Sprachebenen in der Passage, die Einzeltitel von Duisburger Schimanski-Tatorten nennt, auch „solche, die assoziativ instantan mit dem Ruhrgebiet verbunden werden wie ,Der Pott‘ oder ,Schicht im Schacht‘.“

Ich fürchte, „instantan“ wird jetzt sogleich eines meiner Lieblingsworte. Und dies ist eine meiner Lieblingsstellen:

„…dass dieser Hamburger Tatort mit der hybriden, liminalen Figur des Batu neue, hybride Räume erschließt, die mit seiner auf Differenz gegründeten Figur korrelieren.“

Nein, das ist überhaupt kein Deutsch mehr. Auch ist es keine Ableitung aus dem Griechischen oder Lateinischen. Das ist Mord an jeglicher Sprache.

Julika Griem/Sebastian Scholz (Hrsg.): „Tatort Stadt“ – Mediale Topographien eines Fernsehklassikers. Campus Verlag. 329 Seiten. 34,90 Euro.




Wohltuend wortkarg

Nur selten ist Pathos mit allerlei verbalen Girlanden und Tremolo angebracht. Häufiger Gebrauch bedeutet allemal Entwertung, wenn nicht gar hohl tönendes Geschwätz.

Wenn etwas in wenigen, knapp gesetzten Worten aufblitzt, so ist das meist wirksamer. Dies macht auch den Reiz gelungener Werbeslogans aus.

Ein schönes Beispiel für lakonischen Witz ist die Äußerung des legendären Langstreckenläufers Emil Zatopek, der sein Metier so trennscharf umrissen hat:

„Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft.“

Mehr muss man nicht sagen.

Noch ein Ausspruch dieser erhellend knappen Sorte, der aus einem Interview mit Marlene Dietrich stammt. Ihre drei Worte taugen als Lebensmotto:

„Hingehen, machen, weggehen.“

Mehr muss man nicht sagen. Mehr muss man nicht tun.




Guido und das Grubenpferd quälen das Ruhrgebiet

Es wird mal wieder höchste Zeit für eine kleine kulturhauptstädtische Nestbeschmutzung. Diesmal geht’s um die manchmal unscheinbaren, beim ersten Hinhören halbwegs harmlos klingenden, doch im Grunde reichlich bescheuerten Ausgeburten der Sprach- und Lifestyle-Designer.

Gut möglich, dass häufig auswärtige Agenturen oder sonstige „Kreative“ zum Zuge kommen, die unser Leben im Revier noch cooler ausschildern sollen – sicherlich stets im Vollgefühl vermeintlich avancierter Zeitgeistigkeit. Oder wissen sie etwa zynisch genau, dass sie uns nur die Brosamen ihrer Brainstormings hinstreuen?

Nicht nur in dieser Hinsicht ist der idr-Pressedienst des RVR (Regionalverband Ruhr) eine verlässliche Fundgrube. Die getreulichen Essener Chronisten verzeichnen allwochentäglich aktuelle „facts und events“ aus der Möchtegern-Ruhrstadt. Zuweilen sind es bloße Peinlichkeiten, die allerdings nie als solche erscheinen dürfen. Da sei der Regionalstolz vor.

Beispiele gefällig? Bitte sehr, willkürlich herausgegriffen und jederzeit beliebig vermehrbar:

Vor ein paar Wochen wurde stolz die bevorstehende Eröffnung des „Aquapark“-Spaßbades in Oberhausen vermeldet: „Mittelpunkt des neuen Spaßbades ist der 18 Meter hohe Nachbau eines Förderturms mit integrierter Fallrutsche.“ Auch andere „Gestaltungselemente“ – beispielsweise „Bubi, das Grubenpferd“ – erinnerten an die „Bergbaugeschichte der Metropole Ruhr“, heißt es weiter.

Erinnern. An die Bergbaugeschichte. Da kann man nur noch stammeln.

Mit solchen Reminiszenzen verglichen, kommt einem selbst Disneyland noch authentisch vor. Und man fragt sich fassungslos, wer sich solche kumpelhaften Putzigkeiten ausdenkt. Vielleicht hat ja mal wieder der „Mann mit dem Koks“ geholfen.

Just gestern liefen gleich zwei Kopfschüttel-Nachrichten ein.

Die eine besagt, dass an der Dortmunder Uni ein „Kompetenz- und Dienstleistungszentrum“ (was sonst?!) für Ingenieurwissenschaften entstehe. Und wie heißt das gemeinsam mit Bochum und Aachen betriebene Projekt? „TeachING-LearnING.EU“. Geht’s noch grauslicher?

In der Sparte „unfreiwillig lächerlich“ rangiert auch die zweite Mitteilung ganz oben. Ein neuer „Ruhr-Gastro-Guide“ fimiert unter dem – haltet euch fest! – unglaublich witzigen Namen GUiDO. Jawohl, ihr habt richtig gelesen. GUiDO. Hahaha!

Wenn das keine spätrömische Dekadenz ist, dann weiß ich auch nicht.




Wie geil is d a s denn, Alder?

Wie muss man es sich wohl erklären, dass auf einmal neue Redewendungen auftauchen, zeitweise grassieren und dann mehr oder weniger rasch vergehen, um auf ewig im Orkus der Wörter zu modern – oder um vielleicht eines Tages neu belebt zu werden?

Beileibe nicht alles, was im sprachlichen Organismus entsteht, ist schätzenswert. Manche Formulierung geht einem sehr schnell gründlich auf die Nerven und müsste Zahlungen in die Floskelkasse zur Folge haben. Das Gegenmittel „Ohren auf Durchzug“ hilft nicht immer.

Woher kommt es beispielsweise, dass man irgendwann nicht mehr „Alter“, sondern „Alder“ gesagt und geschrieben hat? Hat ein Film oder ein Musiktitel diese Ausdrucksweise geprägt? Oder irgendein flachsinniger Brachialkomiker im Fernsehen? Wer weiß Näheres?

Inzwischen meiern sich schon Siebenjährige so an: „Ey, Alder…“ Beknackt. Bleibt ein Trost: Bald wird dieser sprachliche Spuk vorbei sein und dem nächsten Platz machen.

Noch dürftiger kommt mir derzeit diese inflationäre Standard-Redewendung vor:

„Wie geil is‘ d a s denn?“

Oder auch:

„Wie cool is‘ d a s denn?“

(Hausaufgabe: Finde weitere Beispiele!)




Deutsche Sprache – unverwüstlich: Bonner Haus der Geschichte illustriert den vielfältigen Wandel

Bonn. Absichtslos ins Blaue gezielt und trotzdem ein aktueller Treffer! Vor eineinhalb Jahren hatte das Bonner Haus der Geschichte begonnen, seine Ausstellung „Man spricht Deutsch” vorzubereiten. Da konnte noch niemand wissen, dass Ende 2008 eine fast hitzige Debatte darüber aufkommen würde, ob unsere vorwiegende Landessprache als Leitideal im Grundgesetz verankert werden soll.

Mal abgesehen von solchen Bestrebungen, hört sich auch folgender Befund zweischneidig an: Als „Geltungszwerg und Bedeutungsriese” könne das Deutsche (je nach Perspektive) gelten. Prof. Hans Ottomeyer fand die paradox klingende Formulierung, die ungefähr dies besagt: Weltweit spielt unsere Sprache nur eine Nebenrolle, doch hat sie sich so reich entfaltet wie kaum eine andere. Wenn das kein Grund genug zur Freude am geschliffenen Wort ist!

Der Geltungszwerg
gilt zugleich als
Bedeutungsriese

Ottomeyer leitet das Deutsche Historische Museum in Berlin, das diesmal eng mit dem Bonner Haus der Geschichte kooperiert und auch den selben Ausstellungs-Architekten engagiert hat. Vernünftige Arbeitsteilung: Bonn konzentriert sich jetzt auf den Sprachwandel seit dem Zweiten Weltkrieg, Berlin wird ab Januar bis in die Anfangsgründe der Sprachgeschichte zurückblicken.

Der Parcours ist ebenso eng wie kurzweilig geraten: Dicht an dicht sind rund 500 Exponate angehäuft, die so gut wie jeden Aspekt der deutschen Gegenwartssprache anklingen lassen. Einschlägige Tondokumente, Filmausschnitte (natürlich auch Gerhard Polts Satire „Man spricht deutsh”) und anspielungsreiche Gegenstände lockern die Abfolge der Schriftstücke auf.

Da geht es um frühkindlichen Spracherwerb, um ein- und ausgewanderte Ausdrücke, um die hässlichsten und schönsten (Libelle, Habseligkeiten) Wörter, den gar mächtigen Einfluss des Englischen, um Sprachprobleme der Migranten, deutsch-deutsche Vokabel-Differenzen und um die allzeit wechselhaften Jugend-Jargons seit dem flockigen Gerede der „Halbstarken” in den 50er Jahren („Zentralschaffe”) – bis hin zum türkisch-deutsch gemixten Straßen-Idiom „Kanak-Sprak”.

Auch Seitenblicke auf Gebärdensprache, Dichtkunst und Dialekte fehlen nicht. Werbe- und Polit-Sprache (längst nicht mehr so knackig wie bei Wehner und Strauß) geraten gleichfalls ins Visier. Vielerlei Stoff, fürwahr.

Etliche weitere Themen quellen aus dem Füllhorn. Auch der Einfluss von Fernsehen oder Internet auf Leselust und Lesefähigkeit wird angerissen, ebenso die Klischees vom Deutschen in anderen Ländern: harter Klang, Anmutung soldatischer Zackigkeit. Voltaire spottete schon 1750, Deutsch tauge „nur für Soldaten und Pferde”.

Bald weltweit auf
Werbetournee durch
die Goethe-Institute

Man bekommt zahlreiche kleine Denkanstöße – mit hübschen Details wie jenem Foto vom „Gastarbeiter”-Sprachunterricht der frühen 60er. Da steht an der Tafel ein zeittypisch kreuzbraver Übungssatz: „Der Herr gibt der Dame den Bleistift.” Nostalgisch auch die in langen Deutschstunden von Schülern verzierten und beschmierten Reclam-Hefte. Ein ähnliches Exemplar könnte wohl fast jeder beisteuern.

Sprache lässt sich nur umständlich bebildern, doch die Bonner lassen sich nicht lumpen. Die Erinnerung an die 50er wird etwa mit zeitgenössischen Comics und dito Kofferradios wachgerufen. Ein eigens gebauter Schreibroboter (der gleich nach Eröffnung der Schau den Geist aufgab) sollte mit metallischer Geisterhand (un)sinnige „Manifeste” zu Papier bringen, man hatte ihn mit Wortkaskaden und Satzbildungsregeln gefüttert. Immer wieder kann der Besucher sein Wissen testen – anhand von Quiz-Klappen mit aufgedruckter Frage und verborgener Antwort.

Die Schau versteht sich ausdrücklich als „Werbung” für die deutsche Sprache, sie wird anschließend einige Jahre lang vom Goethe-Institut auf Welttournee geschickt. Also gibt man zwar die eine oder andere kleine Bedrohung zu, doch im Grunde erscheint unsere Sprache als unverwüstlich und vital. Die Ausstellung gibt uns tröstlich zu verstehen: Das Deutsche habe schon manches verwunden und werde noch manches überstehen – auch steifen Bürokratenjargon, Anglizismen, SMS- oder Internet-Kürzel. Was die Sprache nicht abmurkst, kann sie bereichern.

„Man spricht Deutsch”. Haus der Geschichte, Bonn, Willy-Brandt-Allee 14. Bis 1. März 2009. Geöffnet Di-So 9-19 Uhr, Eintritt frei.

Die Sprachausstellung ergänzt die im selben Haus laufende Schau „Flagge zeigen. Die Deutschen und ihre Nationalsymbole” (bis 13. April 2009, ebenfalls Di-So 9-19 Uhr).

Die Berliner Sprachausstellung beginnt am 15. Januar 2009 im Deutschen Historischen Museum.




Rechtschreibreform: Blick zurück im Zorn

Hohenlimburg. Die Rechtschreibreform? Ist doch wohl eine weitgehend erledigte Sache. Man ereifert sich nicht mehr so sehr. Doch es herrscht keineswegs Zufriedenheit. Den in Hohenlimburg lebenden Professor Hermann Zabel lässt das Thema erst recht nicht los. Er hat sich über Jahrzehnte eingehend damit befasst. Die Reform ist ein Teil seines Lebenswerks.

Ab 1980 gehörte Zabel (Jahrgang 1935) der hochoffiziellen Kommission für Rechtschreibfragen an, die das umstrittene Reformpaket schnürte. Auch saß er im Internationalen Arbeitskreis für Orthographie. Seit fast einem Jahr gelten die Beschlüsse, verbindlich zumal in Schulen und Behörden. Ist also alles schön und gut? Lehnen sich wenigstens die Verfechter der Reform beruhigt zurück?

Gelehrtenstreit
ging oft unter
die Gürtellinie

Weit gefehlt. Es ist eher ein Blick zurück im Zorn: „Ich bin beim besten Willen nicht zufrieden”, sagt der bis zum Jahr 2000 an der Dortmunder Uni (heute TH) tätige Germanist Zabel. Weite Teile dessen, was man sich anfangs vorgenommen habe, seien entweder überhaupt nicht umgesetzt oder arg verwässert worden. Über den Daumen gepeilt: „Mit 33 Prozent unserer Vorschläge sind wir gescheitert.”

Ursprünglich, so erinnert sich der Professor, hatte man die gemäßigte Kleinschreibung angestrebt. Demnach hätte man nur noch Satzanfänge und Eigennamen mit Großbuchstaben schreiben müssen. „Die deutsche Orthographie ist weltweit die einzige, in der es Großschreibung gibt”, beklagt Zabel. Andere finden, dass gerade dies eine einzigartige Stärke des Deutschen sei. Lassen wir das.

Auch die Worttrennung am Zeilenende, sagt Zabel, sollte zunächst ungleich großzügiger gehandhabt werden, als dies nun der Fall sei. Und die Schreibung vieler Fremdwörter wäre laut Zabel vereinfacht worden – wenn es nur nach ihm und seinen Mitstreitern gegangen wäre.

Apropos Streit. Davon kann Hermann Zabel ein Lied singen: „Das ist ein ganz trübes Kapitel.” Die Auseinandersetzung um die Rechtschreibreform sei häufig unter die Gürtellinie gegangen. Manche Fachkollegen hätten üble Intrigen gesponnen, es sei zu schlimmen Feindseligkeiten und Beleidigungen gekommen. Verbales Hauen und Stechen im gelehrten Milieu? Ja, das gibt es offenkundig. „Das alles geht nicht spurlos an einem vorüber”, seufzt Zabel.

Er macht geltend, dass Konrad Duden höchstselbst zuerst Spezialisten wie Drucker und Setzer bediente, um das Jahr 1901 herum aber eigentlich schon wesentlich simplere Rechtschreibregeln im Sinn gehabt habe. „Er konnte sie nur nicht mehr verwirklichen.” Maßstab müssten jedenfalls auch heute die Menschen sein, die wenig schreiben. Ihnen müsse das Regelwerk einleuchten – und nicht etwa Schriftstellern. Letztere hätten alle Freiheiten, die alten Regeln für sich beizubehalten. Dies nehmen vor allem etablierte Autoren (wie etwa der leidenschaftliche Reformgegner Martin Walser) auch weidlich in Anspruch.

Seit die neuen Vorschriften in den Jahren 2004 und 2006 (ohne Zabels Zutun) stellenweise abermals verändert worden sind, herrscht auf manchen Feldern noch größere Verwirrung. So mancher hält sich nur noch an ganz persönlichen „Regeln”. Zabel kann sich nicht vorstellen, dass am jetzigen Stand so bald noch einmal gerüttelt wird. „Damit müssen wir für die nächsten Jahrzehnte leben.”

Ist der Professor denn selbst hundertprozentig firm auf diesem Gebiet? Zabels ehrliche Antwort: „Natürlich nicht. Auch ich muss öfter im Wörterbuch nachschlagen.”

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HINTERGRUND

Langwieriges Hin und Her

  • Die Rechtschreibreform gilt bundesweit und in den deutschsprachigen Nachbarländern seit dem 1. August 2006. Die einjährige Übergangsfrist endete am 1. August 2007.
  • Ein Gremium von rund 80 Germanisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hatte die Reform seit 1980 vorbereitet. Zu diesem Kreis gehörte Prof. Hermann Zabel.
  • Der langjährige, immer wieder aufflammende Streit entzündete sich unter anderem daran, dass Reformgegner sich gegen eine nach ihrer Ansicht unnötige „Verordnung von oben” wehrten. Doch auch Detailfragen bis hin zur Schreibweise einzelner Wort sorgten für Unmut.
  • In einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Allensbach-Umfrage zum Zustand der deutschen Sprache befürworteten nur 9 Prozent die Rechtschreibreform. 55 Prozent sind ausdrücklich dagegen.



„Die deutsche Sprache verkommt“ – finden 65 Prozent bei einer Allensbach-Umfrage

Spitzen wir es mal probehalber zu: „Hilfe, die deutsche Sprache verkommt!” Mit einem solchen Notruf kann man die Resultate der neuen Allensbach-Umfrage auf den Gipfelpunkt treiben. Doch es steht noch ein bisschen mehr drin. Mancher Befund ist zudem auslegungsbedürftig.

Um die leidige Rechtschreibreform geht es ebenso wie um die Vielzahl englischer Ausdrücke im Deutschen. Ferner wurde die bundesweite Beliebtheit bestimmter Dialekte ausgelotet (Bayerisch und Hamburgisch vorn, Sächsisch ganz hinten). Schließlich befasst sich die Studie mit der Ekelschwelle angesichts derber Kraftworte (siehe Anhang). Wahrlich Stoff genug.

Schlagzeilenträchtige 65 Prozent aller Befragten meinen, dass unsere Sprache im Niedergang begriffen ist, die über 60-jährigen Menschen denken dies sogar zu 73 Prozent. Die „Schuldigen” an der vermeintlichen Misere sind ausgemacht: Es werde weniger gelesen, und das wiederum liege vorwiegend an Fernsehen, Mobiltelefon und Computer.

Ohrfeige für die
Verfechter der
Rechtschreibreform

Es stimmt ja: Beim eiligen Verfassen von SMS-Botschaften oder E-Mails achten wohl die Wenigsten auf sonderlich veredelte Ausdrucksweise. Auch verludert in diesen Bereichen vielfach die ohnehin schon schüttere Rechtschreibung. Allerdings haben sich auf diesen Feldern ganz eigene Mitteilungssysteme entwickelt – mit (wildwüchsigen) Abkürzungen und so genannten „Emoticons”, die den Gemütszustand etwa durch gestrichelte Gesichter signalisieren. Auch die gewiefte Handhabung einer solchen Zeichen-Sprache erfordert ein gewisses Maß an Schläue.

Eine nicht geringe Minderheit sieht denn auch gar keine Dekadenz am Werk. Im Gegenteil: Der Wortschatz sei heute im Schnitt umfangreicher als früher (31 Prozent), außerdem werde mehr gelesen und geschrieben als ehedem (23 Prozent). Über die Qualität der Lektüre und eigener Texte ist damit freilich noch nichts gesagt.

Eine schallende Ohrfeige gibt es für alle Verfechter der lang umkämpften Rechtschreibreform: Lediglich 9 Prozent (!) der Befragten haben sich mit den neuen Regeln anfreunden können. „Bin dagegen” sagten 55 Prozent. 31 Prozent ist das Thema egal.

Dementsprechend weit verbreitet ist die Rechtschreib-Unsicherheit. Satte 79 Prozent aller Befragten bejahen diesen Satz: „Durch die Rechtschreibreform weiß man bei vielen Wörtern gar nicht mehr, wie sie richtig geschrieben werden.”

Es zeigen sich jedoch auch vage Hoffnungsschimmer. Zur Umfrage gehörte nämlich ein kleiner Rechtschreibtest mit kniffligen Worten – und mit Vergleichsdaten aus der Vergangenheit. Dabei stellte sich beispielsweise heraus: Das Wort „Rhythmus” wurde im Jahr 1957 nur von 11 Prozent korrekt geschrieben, jetzt sind es immerhin 31 Prozent. Über die Gründe ließe sich’s trefflich spekulieren. Vielleicht hat es sogar mit dem weithin verpönten Einfluss des Englischen zu tun. Es mag durchaus sein, dass sich das Schriftbild von „rhythm” eingeprägt hat.

Klagen über
Sprachverfall schon
bei antiken Griechen

Ansonsten sehen vor allem ältere Semester im Vordringen angloamerikanischer Worte wie Kids, Event oder Meeting ein dringliches Problem. 66 Prozent der über 60-jährigen fordern sogar, man solle dagegen vorgehen. Nach den probaten Mitteln (Quotenregelung? Gesetze?) wurde nicht gefragt.

Rudolf Hoberg, Vorsitzender der Gesellschaft für Deutsche Sprache, versuchte gestern ein wenig die Wogen zu glätten: „Klagen über Sprachverfall gibt es seit den alten Ägyptern und den alten Griechen . . .”

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FAKTEN

Abstoßende Kraftworte

  • Die repräsentative Allensbach-Umfrage entstand in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Deutsche Sprache (Wiesbaden). Befragt wurden 1820 Menschen ab 16 Jahre. Im Internet kann man die Studie nachlesen unter: http://www.gfds.de/
  • In Sachen „Kraftworte” ergab sich dieses Bild:
  • Als ärgerlichstes und abstoßendstes Wort auf einer Auswahlliste wurde „Ficken” (59 Prozent Ablehnung) empfunden. Dahinter folgen „Krüppel” (55 %) und „Titten” (49%).
    Worte wie „Scheiße” (19% Ablehnung) oder „geil” (20%) werden schon eher toleriert.



Zum Tod von Peter Rühmkorf: Hochseilartist der Sprache

Welch eine betrübliche Nachricht! Peter Rühmkorf ist tot, der wohl vielseitigste und wortmächtigste Gegenwarts-Lyriker deutscher Sprache. Man hat bang damit rechnen müssen, denn der 78-Jährige war seit längerer Zeit schwer krebskrank. In seinem letzten Lyrikband „Paradiesvogelschiß” hat er davon bewegendes Zeugnis abgelegt.

Zuletzt schrieb er von Angst getrieben, dass er dieses und weitere Werke nicht mehr werde vollenden können. Aus seinem geliebten Hamburg hatte sich der gebürtige Dortmunder bereits ins Lauenburgische Land zurückgezogen – fernab vom Lärm und Streit der Welt, dem der couragierte Mann nie ausgewichen war.

Just gestern hatte ihm die Stadt Kassel noch den „Literaturpreis für grotesken Humor” zugesprochen, der ihm nun posthum verliehen wird. Einer der früheren Preisträger war Robert Gernhardt gewesen, mit dem Rühmkorf eine enge Freundschaft und die unbändige Freude am Spiel mit der Sprache verband.

Entschieden links,
aber nie fanatisch

Rühmkorf war ein eminent politischer Kopf, ein ausgemachter Linker. Als Lektor beim Rowohlt-Verlag (ab 1958) mischte er kräftig im literarischen Betrieb mit. Legendär auch seine frühe Zeit beim einstigen Studentenkurier „Konkret”, wo er es auch mit dem späteren „Spiegel”-Chefredakteur Stefan Aust und der nachmaligen RAF-Terroristin Ulrike Meinhof zu tun bekam. Gerade selbstherrlich radikale, gewaltsame „Lösungen” waren Peter Rühmkorf jedoch zuwider. Und überhaupt: Die Literatur sollte nach seinem Verständnis nicht von Politik überwuchert werden.

In wenigen funkelnden Zeilen konnte er zuweilen das vermeintlich Niedrigste und das Höchste zusammenbringen – edelsten Wortklang und gewöhnlichsten Alltag. An solchen Bruchlinien bewegte er sich mit scharfer Intelligenz und mit einem ungeheuer differenzierten Wortschatz. Virtuos wie sonst keiner mehr, experimentierte er mit Versmaßen, Rhythmen und Reimformen. Ein ganz und gar staunenswerter Hochseilartist der Sprache.

Intensiv hat sich Rühmkorf mit der literarischen Tradition auseinandergesetzt – beginnend mit den Wurzeln in den „Merseburger Zaubersprüchen” und bei Walther von der Vogelweide, weiter über Klopstock und Hölderlin, bis hin zu seinen „Hausgöttern” Heinrich Heine und Gottfried Benn. Fürwahr eine weite Spanne.

Seine Lyrikbände sollten eigentlich zur literarischen Grundausstattung gehören. Die Tagebücher sind eine reiche Quelle deutscher Nachkriegsgeschichte aus linker Nahansicht. Vorwiegend war’s eine schmerzliche Bilanz der Enttäuschungen, die einem dennoch Mut einflößte. Mit seinem bereits 1967 herausgebrachten Band „Über das Volksvermögen” hat Rühmkorf zudem eine breite Schneise für überlieferte Volkspoesie geschlagen. Gar vieles geriet da zu frech-fröhlichen Inspirationsquellen: ordinäre Toilettensprüche, Kinderreime, Abzählverse, Reklameslogans und deren Parodien. Rühmkorf hat gezeigt, welches Widerstands-Potenzial in derlei (vorher übersehenen) Texten schlummert.

In einem Interview mit der „Zeit” hat Rühmkorf im Frühjahr sein Krebs-Martyrium geschildert und gesagt: „Ich habe keine Angst vor dem Absprung in andere Welten.”

In seinem letzten Gedichtband steht freilich dieser ebenso lapidare wie eindringliche Appell „An den Tod”:

„Fort – fort, /
dies kann die Welt noch nicht gewesen /
und bumms zu Ende sein. /
All diese Bücher wolln ja noch gelesen /
und die Hosen aufgetragen sein.”

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Peter Rühmkorf wurde am 25. Oktober 1929 in Dortmund geboren, wuchs in Niedersachsen auf und lebte mit seiner Frau Eva (frühere Landesministerin in Schleswig-Holstein) bis vor einiger Zeit in seiner Wahlheimat Hamburg.

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Wichtige Buchtitel:

„Irdisches Vergnügen in g” (1959, Gedichte)

„Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich” (1975, Essays/Gedichte)

„Haltbar bis Ende 1999” (1979, Gedichte)

„Bleib erschütterbar und widersteh” (1984, Essays)

„Außer der Liebe nichts” (1986, Gedichte)

„Lass leuchten!” (1993, Erinnerungen/Gedichte)

„Tabu I” (1995, Tagebücher von 1989 bis 1991)

„Wenn – aber dann. Vorletzte Gedichte” (1999)

„Tabu II” (2004, Tagebücher von 1971 bis 1972)

„Paradiesvogelschiß” (2008, Gedichte)




Die deutsche Sprache ist „schön, saftig und besonders geschmeidig“ – Wolf Schneiders Buch „Speak German“

Nicht ungeschickt: Wer das massive Eindringen englischer Ausdrücke ins Deutsche bremsen will, sollte zunächst einmal die englische Sprache loben. Sie klingt ja oft so klipp und klar.

Besonders die englischen Einsilber wie Team, Job und Sex haben es Wolf Schneider (82) angetan. Manche Wort-Importe seien eben belebend. Doch wenn es nach dem „Sprachpapst“ des deutschen Journalismus geht, soll’s damit auch weitgehend genug sein. In Frankreich setze man doch auch Grenzen!

Im großen Rest seines neuen Buches preist er vor allem das Deutsche, auf das man „stolz“ sein könne. Vielfach sei es treffender, geschmeidiger und saftiger als andere Sprachen, überdies oft kürzer (Mord statt murder, Geld statt money, Mut statt courage usw.). Auch werde in keine andere Sprache dermaßen viel übersetzt. Deutsch sei also das größte Sammelbecken der Weltliteratur. Na, bitte!

Zwischendurch spießt der Autor wahrlich absurde Anglizismen aus Werbewelt und Wissenschaft auf. Die Schuldigen sind rasch ausgemacht. Treibende Kräfte der Wortinvasion seien Fernsehen, Computer und Popmusik gewesen. Die Politik habe es lange versäumt, entschieden gegenzusteuern und das Deutsche beispielsweise als eine offizielle Amtssprache in der UNO durchzusetzen.

Wiederum eine geschickte Finte: Schneider sagt mitfühlend, man tue dem Englischen mit solchen willfährigen Übernahmen gar keinen Gefallen. Die Weltsprache verwässere dabei.

Worauf will er hinaus? Wo es nur irgend geht, soll man passende deutsche Ausdrücke vorziehen. Dies lasse sich sogar wirksam „von oben“ beeinflussen oder verfügen, findet Schneider. Als leuchtende Vorbilder nennt er Luthers Bibel-Übersetzung und Bismarcks Vorschriften von 1874, nach denen 760 postalische Begriffe eingedeutscht wurden. Ob das heute noch so einfach wäre?

Wolf Schneider: „Speak German – Warum Deutsch manchmal besser ist“. Rowohlt, 192 Seiten, 14,90 €.




So herrlich regellos – Ist Rechtschreibung etwa „spießig“?

Das Thema köchelt immer mal wieder hoch: Muss man diese lästige Sache namens Rechtschreibung etwa auch im Blog (ganz zu schweigen von Mails und Chats) beachten?

Keineswegs, meinen manche: Es würde nur jegliche Spontanität verhindern. Womöglich ist gar die „Freiheit des Wortes“ in Gefahr. Derlei Vorschriften seien überhaupt nur etwas für unverbesserliche Pflichtmenschen. Und was die historisch angerichtet haben, ist ja nur zu bekannt…

Also lässt man die Regeln fahren und tippt munter drauflos. Anschließende Korrektur ? Nö. Wozu denn ? Die Anderen werden schon wissen, was gemeint ist.

Ich finde: Von sonderlicher Neigung oder gar Liebe zur Sprache zeugt all das nicht. Und ich frage mich, ob sich diese laxe, wurschtige Haltung nicht zu einer Form der Unhöflichkeit steigern kann. Man verwirklicht sich (mal wieder) regellos selbst und fetzt seine Sätze so ungemein frei hin – nach dem rücksichtslosen Motto: „Fresst, Vögel, oder sterbt.“ Ganz toll!

Die Einhaltung gewisser sprachlicher Regeln dient nicht zuletzt der besseren Verständigung. Leider gilt diese Auffassung in weiten Teilen der Internet-Gemeinden als hoffnungslos veraltet und „spießig“.

Ich will jetzt nicht etwa die Verkehrsregeln als Analogie heranziehen. Und ich rede auch nicht von lässlichen kleinen „Verhackern“ oder Tippfehlern aus Müdigkeit, Überschwang oder sonstigen nachvollziehbaren Gründen. Erst recht meine ich keine kreativen Sprach-Verfremdungen und Wortspiele. Und auch nicht den ermüdenden Dauerstreit um Groß- und Kleinschreibung.