Chinesisch für den eiligen Menschen – Spielerischer Selbstversuch mit neuem Anfänger-Lehrbuch und Sprech-CD

Von Bernd Berke

„Chinesisch superleicht!“ heißt das neue Buch mit Sprech-CD. Nanu? Diese Verheißung ist doch wohl ein Widerspruch in sich. Da wird man misstrauisch. Mal schnell lesen und hören, was es damit auf sich hat.

Das aus dem Englischen ins Deutsche übertragene Bändchen (flockiger Originaltitel: „Easy Peasy Chinese“) ist schmal – und reich bebildert. Bestenfalls reicht’s am Ende für ein Gestammel beim Chinesen um die Ecke. Bitte, danke, schmeckt gut. Ob damit die Herausforderungen der Globalisierung bewältigt werden können, steht dahin.

Trotzdem frisch ans Werk. Denn Hochchinesisch (Mandarin) ist schließlich die bei weitem meistgesprochene Sprache der Welt – und außerdem stehen 2008 die OIympisehen Spiele in Peking an. Nein, mit müden Scherzen wie „Do Ping“ (angeblich Chinesisch für „Spitzenleistung“) kommen wir hier nicht weiter.

„Ma“ heißt zum Beispiel Mutter, Hanf oder Pferd

Ein paar Umstände könnten das Erlernen der chinesischen Sprache tatsächlich erleichtern. Es gibt offenbar ungemein viele Wörter mit nur zwei, drei oder vier Buchstaben (jedenfalls in lateinischer Umschrift). Dao (Gabel), cha (Messer), chi (essen), cha (Tee), ji (Huhn), yu (Fisch). Damit ist bei Tisch schon einiges gesagt. Mit dem Ausruf . „shu“ (Buch) geht’s in die Bibliothek, bevor man den „hu“ (Tiger) im Zoo anschaut.

Frohen Mutes vernimmt man, dass die Verben nicht gebeugt werden, so als wenn man im Deutschen sagen dürfte: „Ich bin, du bin, er bin…“ Prima. Weiter so. Dann werden wir’s bald können. Dann aber geht’s eben doch los mit den Schwierigkeiten.

Rund 40 000 Schriftzeichen gibt’s, etwa 2000 reichen angeblich fürs Gröbste. Aber die müsste man erst mal alle geläufig hintuschen können. Mindestens ebenso knifflig ist ein Phänomen, von dem man schon mal gehört hat: Ein und dieselbe Lautfolge nimmt bei wechselnden Tonfällen (lang – fallend – steigend – erst fallend, dann steigend – tonlos) ganz verschiedene Bedeutungen an. Was zunächst als „ma“ einfach Mutter heißt, wird mit fragend ansteigender Stimme „Hanf“, kann aber bei anderem Singsang auch „Pferd“ oder „schimpfen“ bedeuten. Man mag sich die möglichen Missverständnisse im täglichen Gebrauch nicht ausmalen. Übrigens: Die Buchstabenfolge „mao“ kann beispielsweise Katze oder Feder heißen.

Auf gerade mal 128 Seiten hangelt sich das Buch mit flotter Gebärde durch absolute Anfangsgründe – bis man auf Chinesisch solche Sätze sagen soll: „Das ist zu teuer“, „Ich spiele auch gern Tennis“ oder „Mit Stäbchen (zu) essen ist leicht“. Dabei kommt die CD mit Hörproben ins Spiel.

Schon verzagt man wieder. Denn was sich gerade noch munter weglesen ließ, verflüchtigt sich angesichts der tückischen Aussprache.

Immerhin. Selbst wenn man frühzeitig aufgibt, hat man Freude an Botschaften aus der gänzlich fremden Sprachwelt. „Gonggongqiche“ heißt Autobus, wobei „gonggong“ für „öffentlich“ steht. Eine gemeine Aufgabe wäre wohl dies: Bilde einen Mandarin-Satz mit „öffentlich-rechtliches Fernsehen“.

Zu denken geben auch zusammengesetzte Piktogramm-Schriftzeichen: Da ergeben die Signaturen für „Frau“ und „Kind“ in der Addition den Begriff „gut“, während „Kraft“ und „Feld“ miteinander den Mann ausmachen. Da blicken die uralten Ordnungen hindurch.

Nehmen wir schließlich die Ländernamen, wortwörtlich übersetzt. Da firmiert England als „Land der Helden“, die USA sind das „Land der Schönheit“ und schließlich gilt Deutschland als „Land der Tugend“. Wer’s glaubt…

„Chinesisch superleicht! – Für Anfänger“. Buch mit CD. Verlag Dorling Kindersley. 128 Seiten. 12,95 Euro.

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HINTERGRUND

Ohne Fleiß geht gar nichts

  • Chinesisch liegt „im Trend“ – auf bescheidenem Zahlen-Sockel:
  • Im Jahr 2002 belegten rund 5000 Deutsche Chinesisch-Kurse an Volkshochschulen, 2005 waren es rund 10 000.
  • Das Schwierigste ist die Schrift. Erst nach zwei Jahren Fleißarbeit, so sagen Experten, könne man Texte auf dem Niveau eines Zwölfjährigen lesen.
  • Einfache mündliche Unterhaltungen sind in der Regel nach 100 Stunden möglich.

 

 




Buergelmaschine: Mona Lisa trifft Krümelmonster

Das Problem kennt man nicht nur aus Kassel: Wenn Kunst selbst nicht mehr deutlich „spricht” (weil sie in „Konzepten” erstickt), dann müssen die Interpreten umso weitschweifiger reden. Allen voran der documenta-Chef Roger M. Buergel. Sein mit allerlei intellektuellem Lametta geschmückter Jargon beim Beschreiben der Kunst wird jetzt auf einer Internet-Seite trefflich verulkt.

Dem Manne fällt noch zu jedem Kunstprojekt eine sprachliche Wendung ein, die manchmal auf wolkige Art – so gut wie gar nichts besagt. Das hat auch die Leute des Blattes „Exot” (Zeitschrift für komische Literatur) dermaßen entnervt, dass sie ihre Computer mit den 50 geschwollensten Original-Phrasen gefüttert haben, die immer wieder neu zu irrsinnigen Sätzen komibiniert werden können. Das Resultat? Wohlfeil, aber vielfach auch witzig.

Das Verfahren im Netz ist simpel: Man lädt ein beliebiges Bild hoch, versieht es mit dem wirklichen oder einem Wunschtitel – und fordert per Mausklick die Deutung an. Und schon rattert sie, die zufallsgesteuerte „Buergelmaschine”, die jegliches Kunstwerk gründlich plättet – wie nur je eine Bügelmaschine.

Mehrere Nutzer haben Leonardos berühmte „Mona Lisa” eingestellt. Wir erfahren dazu im typischen Buergel-Sound, dieses Gemälde sei „die Projektion eines Gesellschaftskörpers im Sinne einer Gemeinschaft der Gleichen.” Passt nie und immer. Im zweiten Anlauf heißt es über dasselbe Bild, Leonardo versuche, „die Strukturen der digitalen Informationsgesellschaft zu verstehen.” Dieser Maler war eben weitsichtig.

Ein biedermeierliches Idyll von Carl Spitzweg wird so „erklärt”: „Grundthese der klimaveränderungsgebeutelten Arbeit ,Der Bücherwurm‘ ist die lyrische oder sogar ekstatische Seite der Kunst.” Gut, dass es mal einer sagt. Auch das mit dem Klima.

C. D. Friedrichs romantischer „Wanderer über dem Nebelmeer” bleibt auch nicht ungeschoren: „Trotz der Partydekadenz des Kunstmarktes ermutigt Caspar David Friedrich (dazu), Betroffenheitskitsch zu aktivieren . . .”

Richtig abstrus wird es aber erst, wenn die User keine anerkannten Kunstschöpfungen, sondern populäres Bildwerk hochladen. Ein Porträt des Krümelmonsters etwa, das lauthals „Kekse!” verlangt. Dazu heißt es ganz beherzt: „Das Spannungsfeld von Konvention und Imagination der konsumistischen Arbeit ,Kekse!‘ ist das bloße Leben.” Man hat es doch immer schon geahnt, oder?

Ein Briefmarken-Doppelbildnis der alten Existenzialisten-Haudegen Käpt’n Blaubär und Hein Blöd haben wir bisher freilich nie zu würdigen gewusst – bis wir diese durchtriebene Auslegung gelesen haben: „Im Rahmen von Performances fordert Hein Blöd, die Formentypologie der Moderne zu vernichten (…) Das bestimmende Moment der Irritation der leisen und differenzierten Arbeit ,Käpt’n Blaubär‘ ist Jean-Paul Sartre.”

Maus, Ente und Elefant aus der „Sendung mit der Maus” erfüllen gleichfalls eine Mission: „Das Verhältnis von Unterwerfung und Freiheit auslotend”, will das Trio nämlich den „negativen Raum als Provokationsstrategie” zur Debatte stellen, und das auch noch in der „traumlosen Hölle des Realen”. Mauseken, wie haste dir verändert!

Natürlich können es manche nicht lassen und setzen Bildnisse unbekleideter Damen völlig ungeschützt dem deutenden Zugriff aus. Eines heißt vielsagend „Höhepunkt”. Die Deutung erhebt sich weit übers Fleischliche: „Triviale Erkenntnis der unterkomplexen Arbeit ,Höhepunkt‘ ist das Grundgefühl der Verlorenheit in Kassel.”




Anstöße für besseres Amtsdeutsch – Beispielhaftes Projekt der Bochumer Uni: Germanisten beraten 17 Stadtverwaltungen

Von Bernd ßerke

Bochum. Leitfäden für „bessere“ deutsche Amtssprache gibt es schon seit rund 250 Jahren. Doch bei der Lektüre von Behörden-Briefen glaubt man zuweilen, dass solche Ratgeber nichts genützt haben. Ein bundesweit einmaliges Projekt an der Bochumer Ruhr-Uni stemmt sich gegen die offenbar hartnäckigen Unsitten.

Immerhin: „Ganz so schlimm, wie man meint, ist Amtsdeutsch eigentlich gar nicht mehr.“ Das sagt eine, die es wissen muss. Die Germanistin Michaela Blaha betreut das Projekt „Idema“ am Lehrstuhl von Prof. Hans-Rüdiger Fluck. Inzwischen berät man 17 Stadtverwaltungen in sprachlicher Hinsicht, darunter Bochum, Wuppertal und Witten.

Die Kommunen zahlen eine einmalige Gebühr und können dann dauerhaft auf diverse Dienste zurückgreifen. Eine Internet-Datenbank mit anschwellender (Un)-Wortliste zählt ebenso dazu wie komplett korrigierte Briefmuster oder eine Hotline für akute Zweifelsfälle.

Textbausteine aus dem Computer

Michaela Blaha ahnt, warum Amtsdeutsch noch heute vielfach so hölzern klingt: „Seit den späten 70er Jahren werden Textbausteine in Computern gespeichert und immer wieder verwendet.“ So pflanzen sich krude Wortschöpfungen über Generationen fort. Motto: Das haben wir schon immer so gesagt…

Es geht aber nicht nur um Schönheit, sondern auch um Genauigkeit. Manche Ausdrücke bleiben vor allem deshalb stehen, weil sie sich juristisch als wasserdicht erwiesen haben. Deshalb lassen die Bochumer Germanisten ihre Vorschläge auch von einer Anwaltskanzlei vorab prüfen – freilich ohne Garantie. Die Städte bleiben rechtlich verantwortlich. Beispielsweise dafür, ob sich der behördliche Begriff „Öberflächenwasser“ in jedem Falle schlicht durch „Regen“ ersetzen lässt.

Rund 1500 Behördentexte haben die Uni-Leute mittlerweile untersucht. Auf dieser stetig wachsenden Basis soll bald ein Buch entstehen.

„Beigefügt“ und „vorbezeichnet“

Einige Grundübel der landläufigen Behördensprache sind in einen ersten Leitfaden eingeflossen, der allerdings auch kleine Tücken hat: Häufig werden „amtlicherseits“ (auch so ein Wörtchen) kaum verständliche Abkürzungen oder Fachausdrücke verwendet. Da ist mitunter die verschleiernde Rede von „gesetzlich zulässigen Vollstreckungsmaßnahmen“. Die Sprachwissenschaftler empfehlen Klartext: Pfändung oder Erzwingungshaft. Überhaupt raten sie dazu, Sachverhalte konkret zu formulieren.

Partizipialkonstruktionen („anfallende“, „beigefügte“, „vorbezeichnete“) sind generell verpönt. Steif klingt der „Hauptwortstil“: Statt „Unter Bezugnahme auf…“ könnte es einfach heißen „Ich beziehe mich auf.“ Hässlich sind Bandwurmwörter wie Eignungsfeststellungsverfahren“. Für ganze Sätze gilt gleichfalls: Bloß nicht zu lang und zu verschachtelt. Die gesamten Texte sollten sinnvoll (das Wichtigste zuerst) und übersichtlich gegliedert sein.

Wie passiv darf’s denn sein?

Im schlechten Sinne ,amtlich“ muten anonym und passiv formulierte Schreiben an – mit Wendungen wie: „Es wird angeordnet“. Dann lieber so: ,Ich ordne an.“ Allerdings warnen die Fachleute an anderer Stelle auch vor einem allzu strikten „Ich-Stil“, der sich nach persönlicher Willkür anhören könnte. Statt „Ich erwarte von Ihnen“ soll es nun auf einmal heißen „Erwartet wird von Ihnen…“ Nicht ganz konsequent: Da lugt das Passiv wieder durch die Hintertür…

Etwas unbeholfen wirken auch die akademischen Tipps zur sprachlichen Geschlechter-Gerechtigkeit. Damit das Geeiere um „Beamten und Beamtinnen“ oder gar um „BeamtInnen“ aufhört, will Leitfaden neutrale „verbeamtete Personen“ aufleben lassen. Das ist noch nicht der Weisheit letzter Schluss.

Über Sprachfragen geht schließlich dieser Hinweis der Germanisten hinaus: „Einen höflicheren Stil erreicht man schon durch den Einsatz von Wörtern wie bitte oder danke.“

Quittieren wir’s mal so: Vielen Dank, dass Sie an die gute Kinderstube erinnern!

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HINTERGRUND

Gebühren nach Ortsgröße gestaffelt

  • Orte bis 1000 Einwohner zahlen einmalig 1000 Euro für die Uni-Sprachberatung, über 500 000 Einwohner sind 12000 Euro fällig. Für einige Städte ist dies offenbar schon ein Finanzproblem. Auch daher das schmale Projekt-Budget: 40 000 Euro für zwei Jahre.
  • „Idema“ ist eine Abkürzung. Volltext: Internet-Dienst für eine moderne Amtssprache.
  • Beispiele aus der Idema-Datenbank (Verbesserungstipps in Klammern):
  • Ablichtung (Kopie), Blockbeschulung (Blockunterricht), Eignungsfeststellungsverfahren (Eignungstest), entrichten (zahlen), fernmündlich (telefonisch), vorstellig werden (besuchen), zur Auszahlung bringen (auszahlen).
  • Info: 0234/32 27016.
  • Internet: www.moderneverwaltungssprache.de

 




Wo Kummer sich auf Nummer reimt

Poesie auf Straßen und Autobahnen? Das muss wohl ein Irrtum sein, denkt man spontan. Doch dann besinnt man sich: Es sind einem – auf Lkw und Lieferwagen – unterwegs doch schon manche muntere Sprüche begegnet. Oder etwa nicht?

Wenn man zu heftig danach Ausschau hält, wird es freilich nichts. Umweltschützer, bitte weghören: Auf der Suche nach poetischen, möglichst sogar gereimten Lkw-Botschaften bin ich eigens von Dortmund nach Arnsberg und Schwerte gefahren – mit recht magerer Ausbeute. Man muss sich eben Zeit lassen und Sätze sammeln. Es könnte ja auch ein (Familien)-Spiel zum Zeitvertreib werden.

Welche Texte sieht man also auf der Autobahn? Nun, allerhand Wegweiser natürlich – und die Nummernschilder der Autos, deren Anspielungsreichtum oft vergnüglich ist – beispielsweise im österlichen Stau. Nicht alle sind ja so simpel wie DO-SE, HA-SE, OE-SE oder EN-DE.

Hier aber geht es vor allem um die Aufschriften der Lastkraftwagen, die für Abwechslung auf langen Strecken sorgen könnten. Beim Feldversuch drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass die Tendenz zur Ernüchterung geht: Mindestens jedes dritte Lastfahrzeug, so scheint’s, führt etwas mit „Logistik” im Schilde – gern auch in coolen Verbindungen wie „intelligent logistics”, „logistic solutions worldwide” oder „temperature controlled logistics”.

Auch sonst häufen sich die Anzeichen der Globalisierung – mit ziemlich sinnfreien Prägungen wie „Innovation in motion” oder „Because we care”. Die Fahrzeuge der Filialketten sorgen für noch mehr verbalen Einheitsbrei.

Das Gros der Aufschriften ist nur sachlich: Firmenname, Branche, Internet-Adresse, Telefonnummer. Das war’s meist schon. Wo bleibt da die Vorstellungskraft? Mit lauen Sprüchen wie „Erfolgreich Hand in Hand” ist ihr kaum aufzuhelfen.
Angesichts solcher Ödnis schmunzelt man bereits, wenn eine Firma, die „Kater Planen” heißt, mit einer aufgemalten Katze wirbt. Vom Tierlaster herab grüßen glücklich lachende Comic-Schweine. Wenn man bedenkt, dass die Tour wohl geradewegs zum Schlachthof geht . . .

Von der bildenden Kunst zurück zur Literatur. Beliebt sind offenbar bescheidene Sprachspiele mit Mehrdeutigkeiten wie „Alles läuft gut” (für Mineralöl), „Der gute Ton beim Bauen” (das Material klingt freundlich mit an) oder „Carolinen – Aus gutem Grund” (die tiefe Mineral-Quelle ist eben mitgemeint).
Dann gibt’s noch die prolligen Klassiker wie diesen Lkw-Slogan: „Damen, aufgepasst: Meiner ist 18 Meter lang”. Just bei solchen Fahrzeugen prangt häufig noch das Namensschild „Manni” im vorderen Fenster. Tja, es geht doch nichts über richtig gut gepflegte Vorurteile.

Wir wollen keine Literaturtheorie daran knüpfen, aber: Auch die Abwesenheit von Text kann die Phantasie anregen. Denn was liefern eigentlich völlig unbeschriftete Lkw? Man darf rätseln und spinnen. Ebenso wie über die Worte etwa auf polnischen oder baltischen Wagen.

Mit Reimen aber haben die meisten gar nichts mehr am Hut. Früher erheiterten Slogans wie „Im Falle eine Falles / klebt Uhu wirklich alles” oder „Otto Mess / mit zwei ,s‘ / mit zwei ,o‘ / macht uns froh”. Dichter wie Peter Rühmkorf oder Robert Gernhardt haben später bewiesen, dass auch zeitnahe Lyrik Reime verträgt. Und Rolf Dieter Brinkmann hat einst mit dem „Gedicht auf einem Lieferwagen” das Genre literaturfähig gemacht. Warum also diese Nüchternheit? Kalauer frei: Dichter Nebel scheint schon der größte Dichter auf unseren Straßen zu sein. Hoho.

These: Reimschmiede jeder Güte toben sich fast nur noch auf den Lieferwagen der Handwerker aus – bevorzugt Elektriker, Installateure und TV-Reparaturfirmen. Die Verse, in denen sich „Kummer” auf „Nummer”, „fern” auf „gern” oder „verzagen” auf „fragen” reimt, sind poetisches Graubrot. Hübscher schon dies: „Ob groß, ob klein, ob steil oder flach / Mh-Mh (keine Schleichwerbung!) macht ihnen jedes Dach.” Oder: „Nur Döner macht schöner”. Und hier noch ein diamantenes Fundstück: „Zu Werner geh‘ ich gerner.”

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Sprüche im Internet:

Für Freunde der gereimten Werbelyrik gibt es eine Internet-Seite – auch mit vielen nostalgischen Sprüchen aus früheren Tagen: http://www.einzelhandelspoesie.de/
Offenbar authentische, mit Fundorten belegte Kostproben: „Beim Fußball ruft man freudig Tor! / Bei Fernsehsorgen ruft man Mohr!” Noch viel schöner: „Der Sommer naht – kauft Draht!”
Weiterer Internet-Tipp: www.ffhex.de/lkw.htm – dort werden allerlei Sprüche zum Thema Lkw gesammelt.




Die Weisheit passt in wenige Worte – Hattingen als Zentrum für Aphorismen: Autorentreffen und neues Archiv

Von Bernd Berke

Hattingen. Kleine Kunstform, großer Aha-Effekt. Auf solche Wirkungen zielen Aphorismen ab. Im Idealfalle sind es geistreich zugespitzte Weisheiten in wenigen geschliffenen Worten. Irgendwie passend, dass eine kleinere Stadt sich anschickt, zum Zentrum der knappen Sinnsprüche zu werden: Hattingen hat’s mit Kürze und Würze.

Schon zum zweiten Mal (nach 2004) treffen sich jetzt deutschsprachige Aphoristiker in der Ruhrstadt. Zudem wird heute im Hattinger Stadtmuseum ein Aphorismen-Archiv eröffnet. Es soll mit der Zeit wachsen. Kulturamtsleiter Dr. Jürgen Wilbert (61), selbst Aphorismen-Schmied aus Passion, darf als Ideengeber gelten. Zündfunke war eine Eingebung des Schriftstellers Elias Canetti: „Die großen Aphoristiker lesen sich so, als ob sie einander gut gekannt hätten.“ Wilbert folgerte: Ihre gegenwärtigen Nachfahren sollten einander tatsächlich kennen lernen – und zwar in Hattingen.

Randfiguren des Buchmarktes

Im Literaturbetrieb tun sich Aphoristiker schwer. Viele publizieren auf eigene Kosten, denn die Verlage setzen in erster Linie auf Romane. Jürgen Wilbert meint allerdings: „Von Romanen bleibt doch oft nur eine Wendung im Gedächtnis.“ Geniale Prosa kann damit zwar nicht gemeint sein. Doch mancher dickleibige Band schnurrt im Resultat vielleicht wirklich auf ein paar Kernsätze zusammen. So gesehen gäbe es keinen Grund, als Aphoristiker in Sack und Asche zu gehen.

Kommen die Sprüche etwa einer kurzatmigen „Häppchen-Kultur“ entgegen? Wilbert: „Nein, nein, es sind eben wohldosierte Worte!“ Zudem habe der Aphorismus einehrwürdige Tradition (siehe Infokasten). Die Zunft dürfe sich jedoch nicht in Selbstgefälligkeit wiegen, mahnt Wilbert. Das Treffen von rund 40 Satzdrechslern soll das Qualitäts-Bewusstsein schärfen. Gar mancher rasche Einfall erweist sich als spitzfindige Wortspielerei ohne sonderlichen geistigen Nährwert.

„Der Aphorismus zwischen Wortspiel und Erkenntnis“ heißt denn auch das Motto der Tagung, die gestern mit einem Vortrag des umtriebigen Vorzeige-Intellektuellen Roger Willemsen begonnen hat.

Diskussionsthemen sind u. a. die Abgrenzung zum Sprichwort sowie „Aphoristisches in der Werbesprache“. Beispiel aus einer Möbelreklame: „Für Ihr gesundes Sitzen stehen wir gerade.“ Klingt ja halbwegs pfiffig, aber ist’s ein Aphorismus reinen Wassers?

Kluge Sentenzen im Rap-Rhythmus

Man will freilich in Hattingen nicht nur fachlich unter sich bleiben, sondern öffentlich wirken. 16 Autoren schwärmen heute in sieben örtliche Schulen aus, um dort Gedankensplitter auszustreuen. Jürgen Wilbert: „Gerade Schüler sind für Aphorismen empfänglich, sie mögen ja kesse und lockere Sprüche.“

Vor allem ans jüngere Publikum wendet sich heute auch das Experiment mit dem„Apho-Rap“: Ein Rap-Sänger will kluge Sentenzen im tanzbaren Stakkato-Rhythmus li- vortragen. Weisheit fetzt…

Mit Aphorismus-Projekten hat sich Hattingen beim bundesweiten Wettstreit als einer U. von 365 Orten im „Land der Ideen“ hervorgetan. Nächster Schritt: Auch in der „Kulturhauptstadt 2010″ will man die gesammelten Geistesblitze leuchten lassen.

Heute ist Publikumstag beim Hattinger Treffen: Morgens stehen Lesungen in Schulen an. Ab 20 Uhr tritt im Stadtmuseum der Kabarettist Wendelin Haverkamp auf, ab 21 Uhr gibt es Freiluftaktionen auf dem Marktplatz, u. a. einschlägige Lichtkunst und den Aphorismen-Rap.

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HINTERGRUND

„Sprachkürze gibt Denkweite“

  • Große Vorläufer in der deutschsprachigen aphoristischen Literatur waren u. a„ Lichtenberg („Sudelbücher“), Goethe („Maximen und Reflexionen“), Jean Paul, Schopenhauer („Aphorismen zur LebensWeisheit“), Karl Kraus, Elias Canetti und Kurt Tucholsky.
  • Zitat-Beispiele:
  • „Sprachkürze gibt Denkweite.“ (Jean Paul)
  • „Vom Wahrsagen lässt sich wohl leben in der Weit, aber nicht vom Wahrheit sagen.“ (Georg Christoph Lichtenberg)
  • „Einer, der Aphorismen schreiben kann, sollte sich nicht in Aufsätzen zersplittern.“ (Karl Kraus)
  • „Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt.“ (Erich Fried)

 




Die Minute, da wir explodierten – Ein Fußball-Länderspiel zwischen religiöser Erwartung, Königsdrama und Farce

Von Bernd Berke

Dortmund. Die Kollegen der Sportredaktion haben ihre Teil getan, nun darf auch noch das Feuilleton ‚ran. Denn natürlich ist ein Fußball-Länderspiel, wie jetzt Deutschland – USA in Dortmund, letztlich auch ein geballtes Kulturereignis. Bei der WM werden wir’s sogar multi-kulturell erleben.

Man denke nur ans ganze Drumherum, an die vielen Rituale: vom eher pflichtschuldigen Absingen der Nationalhymnen bis zur permanenten chorischen Begleitung durch die Fans; von der mitunter opernhaften Arena-Situation (mit Vorläufern wie dem griechischen Amphitheater oder dem römischen Colosseum) bis hin zur sprachlichen Bewältigung des Geschehens durch Spieler, Trainer und Journalisten.

Sodann die Spielchen mit den historisch überkommenen National-Klischees („Die Amis“, „Die Urus“ usw.), stets frisch aktualisiert durch die Typengalerie der jetzigen Mannschaften.

Überdies wabert ein ständiges Krisengerede, welches Theater und Literatur seit Hunderten von Jahren begleitet – warum also nicht auch den vergleichsweise blutjungen Fußball? Vom Glauben an Mythos und Magie (wieder weiße statt rote Hemden = erhöhte Siegchance) ganz zu schweigen. Das Spektrum großer Spiele liegt denn auch irgendwo zwischen quasi-religiösen Erwartungen, Shakespeares schroffen Königsdramen und einer grotesken Farce.

In Dortmund gibt’s fürs Nationalteam offenbar kein Verlieren. 4:1 ging es bekanntlich aus, rein rechnerisch also die exakte „Wiedergutmachung“ fürs Florentiner Italien-Debakel. Lange blieb’s freilich abermals ideenlos und uninspiriert, so ganz und gar nicht künstlerisch. Schmerzlich yermisste man die Leichtigkeit des Seins, die ein Fußball-Ensemble hervorbringen kann und die Deutschlands Sache oft nicht ist, was wiederum gern mit der gesamten Befindlichkeit des Landes kurzgeschlossen wird. Fußball als Staatsaffäre, deren Akteure sich oft furchtbar ernst nehmen.

Kein Wunder, wenn die Jungs auf dem Spielfeld verkrampfen. Doch diesmal, vor allem aber der 73. Minute, „sind wir explodiert“ (O-Ton Oliver Kahn), und es gab auf einmal die gute alte Katharsis, sprich: die befreiende Reinigung vom Übel. Das waren endlich ein paar schöne, ästhetisch befriedigende Momente.

Wie sonnig geht’s doch in derlei Erfolgsfällen beim ZDF zu: „Analysen“, wie sie Franz Beckenbauer und Johannes B. Kerner liefern, brächte wohl jeder bessere Stammtisch zu- stande. Doch es ist nahezu pervers: Irgendwie giert man ja selbst masochistisch nach dem öligen Palaver von „Kaiser Franz“ oder auch nach den eher barschen Urteilen von Günter Netzer bei der ARD. Selbst ein „Literaturpapst“ wie Marcel Reich-Ranicki dürfte seine Freude daran haben. Und Harald Schmidt sowieso.

Zum Ritus gehört auch das Erscheinen des Bundestrainers, der traditionell Rede und Antwort stehen muss. Jetzt lacht er wieder, der „Klinsi“. War es etwa nicht amüsant, wie beflissen der Regisseur Klinsmann neben dem Generalintendanten (Beckenbauer) stand; wie er diesmal „die Herren Medien“ geißelte oder wie er den „Abnutzungskampf“ beschwor? Goldig auch sein Satz über die der letzten Tage vor dem Match: „Wer mich kennt, hat mich nach wie vor lächeln gesehen.“ Wahrscheinlich war’s daheim im Keller.




Deutsche Sprache ist der Superstar – In der Kölnarena absolvierten fast 15000 Menschen unterhaltsame Deutschstunden

Von Bernd Berke

Köln. Welch ein Fez und fröhlicher Lärm! So lässt sich Unterricht ertragen. Zur „größten Deutschstunde der Welt“ sind fast 15 000 Menschen in die Kölnarena gekommen, und zwar vorwiegend Schüler.

Das Lesefestival Lit.Cologne zählt seine Besucherscharen eh schon nach Zigtausenden. Doch diese Veranstaltung ist die Krönung, höchstwahrscheinlich reif furs Guinness-Buch der Rekorde. Der Aufnahmeantrag, versehen mit Beweisfotos und Teilnehmerlisten, hat beste Chancen. Chipstüten kreisen durch die Sitzreihen, stets klingeln irgendwo etliche Handys und „geschwatzt“ wird sowieso. Egal. Es stört niemanden, denn diese gigantische, rund 150 Minuten lange Deutschstunde ist ja eine flotte Show.

Moderator Thomas Bug (Ex-Juror bei „Deutschland sucht den Superstar“) mimt den strengen Oberlehrer, was natürlich neckisch gemeint ist. Denn diese Unterweisung soll vor allem Spaß machen. Die Sprache ist der Superstar.

Geht man nach, zu oder bei Aldi?

Anfangs schrillt die Glocke, auf der Bühne stehen Bänke wie in einer „Häschen-Schule“. Putzig. Hier gibt’s nun reihenweise Auftritte mit sprachlichen Aha-Effekten. Hauptakteur ist der populäre Sprachkritiker Bastian Sick („Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“). Er trägt Kapitel aus seinen Millionensellern vor. Lauthals bejubelt, denkt er über lebenswichtige Themen nach, etwa so: Heißt es nun „Ich gehe nach Aldi“, „Ich gehe zu Aldi“ oder gar „Ich gehe bei Aldi“? (wahlweise: Lidl, Schlecker, Karstadt etc.).

Weiter geht’s mit munterem Sinn: Joachim Hermann Luger („Lindenstraße“) hält eine bedeutungsschwere, gleichwohl völlig inhaltslose „Politikerrede“. WDR-Mann Frank Plasberg („Hart aber fair“) nimmt den NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers ins Gebet. Der gibt zu, dass auch er mal eine „Fünf“ in Deutsch gehabt habe. Das kommt an bei den Schülern. Zunächst mit Buhs empfangen, wird Rüttgers mit Applaus verabschiedet. Etwas steif wirkt Schulministerin Barbara Sommer, die die (passablen) Deutschkenntnisse einiger Fachlehrer testet. Sie ist nervös und dreht sich gernmal vom Publikum weg.

Warum Kaminer erst einmal lieber Englisch lernte

Fußballer-Zitate zeugen gelegentlich von limitierter linguistischer Kompetenz, sie sind auch in der Halle ein Lacherfolg. Gemein! Zum Ausgleich erweist sich Schalke-Torwart Frank Rost als Sprachfreund, der für die Stiftung Lesen und Alphabetisierungs-Programme eintritt. Dafür heimst er brave Komplimente seiner Interviewerin Bettina Böttinger ein. Zwischendurch lockert deutscher Rap der Kölner A-cappella-Formation „Basta“ die Sache auf. Auch diese Jungs sind auf ihre Weise sprachbewusst.

Die meisten Lachsalven gelten Wladimir Kaminer („Russendisko“). Der Autor schildert groteske Erlebnisse beim Erlernen der deutschen Sprache. In der Sowjetunion hat er einst das das ansonsten geschmähte Englisch („Entgleisung des Plattdeutschen“) vorgezogen, weil die Lehrerin erotisch verlockend, die Kollegin fürs Deutsche hingegen eine alte Krähe gewesen sei.

Dann aber hörte Kaminer Texte von „Rammstein“ und entdeckte so die krassen Seiten dieser Sprache. Deutsch kommt ihm seither wie ein Baukasten vor, dessen Teile man beliebig zusammensetzt, etwa in hübschhässlichen Nahverkehrs-Wörtern wie „Kurzfahrstrecke“ oder „Ausstiegsgelegenheit“.

Und der Effekt der ganzen Chose? Es ist doch ein herrlicher Wahnsinn, dass unsere gute alte Sprache für einen solchen Massenandrang sorgt. Auf dem Heimweg haben Tausende übers Thema geredet, wie wohl schon lange nicht mehr. Es möge nützen.

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ZUR PERSON

Bastian Sick – „Zwiebelfisch“ und Genitiv

  • Bastian Sick, Jahrgang  1965, studierte Geschichte und Romanistik.
  • Er war zunächst als Übersetzer (Französisch) und Verlagslektor tätig.
  • 1995 ging er als Dokumentations-Journalist zum „Spiegel“-Verlag.
  • Ab 1999 arbeitete er für den Internet-Auftritt www.spiegel.de
  • Seit Mai 2003 erscheint dort seine Kolumne „Zwiebelfisch“, die in unterhaltsamer Form allerlei Zweifelsfälle und Fehlentwicklungen der deutschen Sprache aufgreift.
  • Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ (inzwischen 2 Bände) basiert auf dem „Zwiebelfisch“ und wurde ein Überraschungs-Erfolg.
  • Ein „Zwiebelfisch“ ist ein Buchstabe aus einer anderen (falschen) Schriftart, der versehentlich in einen gedruckten Text rutscht.



Mit Herzblut für die wahre Freiheit – Einer unserer allergrößten Dichter: Vor 150 Jahren ist Heinrich Heine in Paris gestorben

Von Bernd Berke

Vielleicht treffen sie sich jetzt dort droben: Wolfgang Amadeus Mozart und Heinrich Heine. Falls ja, dann können der Komponist und der Dichter einander Hochachtung, aber auch wechselseitiges Mitleid bekunden. Allenthalben werden sie rituell gefeiert, weil sich biographische Daten „runden“. Heute vor 150 Jahren starb Heine nach langjährigen Leiden in seiner Pariser „Matratzengruft“.

Wie überaus betrüblich: Einer, der dem göttlich guten Leben im Diesseits derart zugetan war, musste so elendiglich enden. Nur zu verständlich, dass Heine zuletzt allen atheistischen Anwandlungen abschwor und um Gottgläubigkeit rang. Nur ahnungslose Schandmäuler können ihm dies verübeln.

Seine Werke gehören unverbrüchlich zur Weltliteratur. In Frankreich zählen die Bücher von „Henri“ ebenso zum ehernen Bestand wie bei uns – und mancher Japaner oder Russe kann wahrscheinlich das „Loreley“-Gedicht im deutschen Original aufsagen.

Sein Witz war kühn und treffsicher

Das berühmte „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ konnten nicht einmal die Nazis verschweigen. Allerdings schrieben sie die Zeilen einem „unbekannten Dichter“ zu.

Heine war Rheinländer jüdischen Glaubens, als junger Mann ließ er sich allerdings christlich taufen, denn: „Der Taufzettel ist das Entréebillet zur europäischen Kultur.“ Antijüdische Vorurteile gegen Heine steigerten sich schon bei einigen seiner Zeitgenossen zu erschreckenden Hasstiraden. Die üblen Klischees des 19. Jahrhunderts führten letztlich auch zur Bücherverbrennung von 1933.

Der Heißsporn Heine hat sich zu seiner Zeit mit nicht lauteren Mitteln gewehrt: Als der Dichter August Graf von Platen ihn mit antisemitischen Untertönen angriff, machte sich Heine öffentlich über dessen Homosexualität lustig – damals ein ungeheurer Skandal und wohl der schlimmste deutsche Dichterstreit überhaupt.

Nachwirkung zwischen Karl Kraus und Nietzsche

Heines Nachwirkung ist stets eine Streitfrage gewesen. Selbst ein ungemein kluger, doch hitziger Kopf wie Karl Kraus hat Heine als Vorläufer eines unverbindlich plaudernden Stils missverstehen wollen. Kraus-Zitat: „Ohne Heine kein Feuilleton. Das ist die Franzosenkrankheit, die er uns eingeschleppt hat.“ Heine habe „der deutschenSprache so sehr das Mieder gelockert (…), dass heute alle (…) an ihren Brüsten fingern können.“ Friedrich Nietzsche bezog die Gegenposition: „Man wird einmal sagen, dass Heine und ich bei weitem die ersten Artisten der deutschen Sprache gewesen sind …“

Die Vaterstadt Düsseldorf hat sich mit Heine schwer getan. Schier endlos währte das Gezerre darum, ob die Uni seinen Namen tragen sollte 1989 war es so weit. Ehrenbürger ist er bis heute nicht.

Mit Herzblut hat Heine einige der schönsten romantischen Gedichte geschrieben. Doch sein flackernder, treffsicherer Witz und seine oft kühnen Formulierungen (er reimte schon mal „ästhetisch“ auf „Teetisch“) ließen wehe Idyllen und Schauermärchen der Romantik weit, weit hinter sich.

Gemischte Gefühle fürs aufkommende Proletariat

Er hat nicht nur höchst sprach- und formbewusste, sondern aufsässige Texte geschrieben – mit satirischer Stoßrichtung gegen schläfriges Biedermeier, starres Preußentum und aggressiv dumpfen Nationalismus (nationale Einigung ja, aber bitte unter freiheitlichen Vorzeichen). Ach, wüsste man doch, was der Erz-Journalist Heine zum jetzt so akuten Streit um Karikaturen und Pressefreiheit gesagt hätte!

Mit gemischten Gefühlen sah Heine das Proletariat heraufkommen. Er begriff die Notwendigkeit dieser Entwicklung, fürchtete aber auch die Barbarei der neuen Klasse – eine Schreckensvision, die im Realsozialismus grässliche Gestalt annahm. Im Grunde blieb Heine Monarchist, freilich ein aufgeklärtes Königtum, das per Verfassung alle (bürgerlichen) Menschenrechte wahren sollte.

Mit Potentaten und Zensoren in Berlin hatte er ebenso Probleme wie mit kaufmännischen „Pfeffersäcken“ in Hamburg, wo sein reicher Bankiers-Onkel Salomon und sein Verleger Campe lebten – zwei Menschen, mit denen er oft um Geld gestritten hat.

Welch eine Befreiung muss Paris bedeutet haben, damals die konkurrenzlose Weltmetropole mit rauschendem Kultur- und Gesellschaftsleben, an dem Heine ausgiebig teilnahm. Hier traf er prägende Gestalten jener Zeit – von Richard Wagner bis Karl Marx, von Hector Berlioz bis Balzac und George Sand.

„Dicht hinter Hagen ward es Nacht.. .“

Seinen Büchern kann man entnehmen, dass er trotz alledem wehmütig an seiner Heimat gehangen hat. Er hatte „das Vaterland an den Sohlen“ – wären es doch nur befreite Lande gewesen! „Denk ich an Deutschland in der Nacht…“

Der Rheinländer Heine hat die geradlinige westfälische Wesensart sehr geschätzt. In Göttingen sang und trank er mit Studienfreunden aus hiesigen Breiten.

Die Zeilen, die jeden Westfalen rühren, stammen aus der ansonsten eminent politischen Dichtung „Deutschland. Ein Wintermärchen“ und schildern Heines Reise nach Hamburg (1843), die durch Westfalen führte:

„Dicht hinter Hagen ward es Nacht, / Und ich fühlte in den Gedärmen / Ein seltsames Frösteln. Ich konnte mich erst / Zu Unna, im Wirtshaus, erwärmen…/ Den lispelnd westfälischen Akzent / Vernahm ich mit Wollust wieder.“

Und nun kommt’s:

„Ich habe sie Immer so lieb gehabt, / Die lieben, guten Westfalen, / Ein Volk so fest, so sicher, so treu, / Ganz ohne Gleißen und Prahlen (…) / Sie fechten gut, sie trinken gut, / und wenn sie die Hand dir reichen, / Zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie; / Sind sentimentale Eichen.“

Beileibe nicht nur wegen dieser Verse: Der Weltbürger Heine verdient unbedingt auch die westfälische Ehrenbürgerschaft.

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LEBENSDATEN

Kaufmannslehre und Romantik

  • Heinrich Heine (Bild) wird am 13. Dezember 1797 in Düsseldorf geboren.
  • Er erwirbt kein Reifezeugnis, sondern wechselt zur Handelsschule.
  • Ab 1815 Kaufmännische Lehrzeit in Frankfurt und Hamburg.
  • 1816 Unglückliche Liebe zur Cousine Amalie.
  • 1817 Erste Gedichte unter Pseudonym.
  • Ab 1819 Jura-Studium in Bonn, Göttingen, Berlin. Auch philosophische Vorlesungen, u. a. bei Hegel.
  • 1825 Examen, Promotion, protestantische Taufe.
  • 1826 Erster Teil der „Reisebilder“ (u.a. „Die Harzreise“, „Die Nordsee“).
  • 1827 „Buch der Lieder“ (zu Lebzeiten 13 Auflagen). Reise nach England.
  • 1828Norditalien-Reise
  • 1829 Umzug nach Berlin
  • 1837 Heine zieht nach Paris, berichtet von dort für deutsche Zeitungen.-•1835 Verbot der Schriften Heines im Dt. Bund.
  • 1836 „Die romantische Schule“
  • 1840 Streitschrift gegen Ludwig Börne (Folge: Duell mit einem Börne-Fan).
  • 1 841 Heirat mit der 18 Jahre jüngeren Mathilde, die er 1834 kennen gelernt hatte. Heine schrieb: „Sie hat einen sehr schwachen Kopf, aber ein ganz vortreffliches Herz.“
  • 1843 und 1844 Reisen nach Hamburg.
  • 1844 „Deutschland. Ein Wintermärchen“.
  • 1847 „Atta Troll“
  • 1848 Feb./März: Bürgerliche Revolution in Frankreich und Deutschland. Heine ist ab Mai für den Rest seines Lebens durch Krankheit ans Bett gefesselt („Matratzengruft“).
  • 1851 „Romanzero“
  • 1854 „Geständnisse“
  • 1856 (17. Februar): Heinrich Heine stirbt in Paris.



Alte Schätze der Sprache – Das Grimmsche Wörterbuch auf CD-Rom

Von Bernd Berke

Man stelle sich vor: Hunderte von Chinesen, die in zwei großen Gruppen (unabhängig voneinander) je 300 Millionen lateinische Schriftzeichen zur digitalen Erfassung eintippen. Textvorlage war das gigantische Wörterbuch, das einst die Gebrüder Grimm begründet haben. Mit anderen Worten: d i e „Schatztruhe“ der deutsehen Sprache schlechthin.

Der Kraftakt in fernen Landen war nur eine von vielen Etappen auf dem beschwerlichen Weg zur elektronischen Ausgabe des berühmten Grimmschen Wörterbuchs, wie sie nun beim Verlag Zweitausendeins vorliegt. Eigens ausgefeilte Computer-Programme haben die chinesischen Gruppen-Versionen verglichen und offenkundige Irrtümer getilgt. Sodann war ein penibler Datenabgleich mit den konventionell gedruckten Büchern (320 000 Schlagwörter!) fällig. Und noch so mancher Arbeitsgang mehr.

Hoffnung der Macher: Wenn Chinesen solch „fremdartige“ deutsche Texte tippen, neigen sie nicht zu eigenmächtigen Schreibweisen, sondern achten (wie sie’s von ihrer Schrift kennen) auf haarfeine Formunterschiede – auch bei mannigfachen Sonderzeichen.

Die Fleißarbeit unter Federfühmng eines Trierer Germanisten-Teams und vieler weiterer Fachleute kann es fast mit den Mühen der Brüder Grimm aufnehmen, die ja keinesfalls nur Märchen aufgezeichnet haben. Mindestens ebenso bedeutsam ist ihr legendäres Wörterbuch-Projekt, das sie 1838 in Angriff nahmen. 1854 erschien der erste Band.Jacob und Wilhelm Grimm beschäftigten zur Fundstellen-Suche etliche Helfer in allen deutschsprachigen Regionen. Schließlich galt es, das Schriftgut seit Erfindung des Buchdrucks zu durchforsten und zudem Vorläufer (Althochdeutsch usw.) einzubeziehen.

Ergebnis von über 100 Jahren Arbeit

Wie man früher zu sagen pflegte, starben beide Brüder „in den Sielen“, also gleichsam bei der Arbeit. Wilhelm Grimm war bis zum Buchstaben „D“ gekommen, als er 1859 verstarb. Jacob Grimm saß vor seinem Tod (1863) über dem Stichwort „Frucht“. Generationen von Germanisten haben das Wörterbuch fortgesetzt, bis es (nach über 100 Jahren des Forschens und Sammelns) 1960 komplett erschien.

Doch was heißt hier „komplett“? Entgegen dem (eh schon etwas lädierten) Ruf, besonders effektiv zu sein, haben wir Deutschen ein zwar ungemein reichhaltiges, doch auch ziemlich chaotisches Wörterbuch. Der Oxford Dictionary fürs Englische und der „Trésor“ fürs Französische sind sehr viel ordentlicher aufgebaut als das „Grimmsche“. Hauptgrund: Weil sich das hiesige Unterfangen mehr als hundert Jahre hinzog, wechselten vielfach die Methoden, Vorlieben und Perspektiven.

Warum nun die elektronische Ausgabe? Ganz klar: Die Suchmöglichkeiten sind enorm. Man kann sekundenschnell nach jeder erdenklichen Wortkombination fahnden oder etwa gezielt Zitate aus bestimmten Quellen erschließen. Auch lassen sich systematisch ganze Wortfelder „abgrasen“ – mitsamt Definitionen, sprachgeschichtlicher Herleitung und edlen Fundstellen. Immens ist die Zahl der nicht mehr gängigen, jedoch ungeahnt kraftvollen oder auch zartsinnigen Worte. Ein Beispiel für Tausende: „liebefasernd“ aus einem Gedicht von Friedrich Rückert. „fühle wurzelnd dich hinein, liebefasernd ihr ins herz…“

Luther und Goethe am meisten zitiert

Zwei Größen standen für die Grimms beim Zitieren obenan: Luther (Bibelübersetzung) und Goethe. Doch auch Ausdrucke aus Mundarten oder Bauern- und Handwerkersprachen wurden als Bereicherung bewahrt. Leitlinie war das Grimmsche Ideal einer bildreichen, lebendigen, wandelbaren Sprache, die man durch „Gesetze“ nicht zu sehr einschnüren solle.

Übrigens: Die 33-bändige Buchausgabe kostete vordem 5010 Euro. Sie ist jetzt zwar als Paperback-Reprint für 499 Euro zu haben, doch die CD-Roms sind mit 49,90 Euro unschlagbar preiswert. Mit diesem Wörterbuch kann man so recht in der Sprache schwelgen, ja man kann in ihren (historischen) Tiefen versinken.

Das nur scheinbar paradoxe Schlusswort gebührt Jacob Grimm: „Die Sprache ist allen bekannt und ein Geheimnis.“

• „Deutsches Wörterbuch. Der digitale Grimm“. Elektronische Ausgabe der Erstbearbeitung von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. 2 CD-Roms. Benutzerhandbuch, Begleitbuch. 49,90 Euro. Versand/Läden des Verlags Zweitausendeins, Frankfurt/Main. 069/420-8000. Internet: www.zweitausendeins.de

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Hintergrund: Die Gebrüder Grimm

Jacob Grimm wurde am 4. Januar 1785 in Hanau geboren. Er arbeitete u. a. als Bibliothekar in Kassel und als Professor in Göttingen. Er gilt als eigentlicher Begründer der Germanistik.

Mit weiteren freiheitlich gesinnten Professoren protestierten er und sein Bruder Wilhelm (geb. am 24. Februar 1786, gleichfalls in Hanau) anno 1837 gegen einen Erlass des Königreichs Hannover. Sie machten Widerstandsrecht geltend. Die so genannten „Göttinger Sieben“ wurden deswegen ihrer Ämter enthoben. Danach reiften die Pläne zum deutschen Wörterbuch. Ein Leipziger Verleger hatte die Idee an die Brüder herangetragen.

Im bürgerlichen Revolutionsjahr 1848 gehörte Jacob Grimm zu den Abgeordneten im Frankfurter Paulskirchen-Parlament. Die berühmten „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm waren bereits von 1812 bis 1822 in drei Bänden erschienen.




Mit den Worten des Jahres auf Zeitreise gehen – schon seit den 70ern gibt es die Liste

Von Bernd Berke

Es ist schon ein liebgewordenes Ritual: Alljährlich ermittelt die Gesellschaft für Deutsche Sprache (Wiesbaden) die „Wörter des Jahres“. Im Rückblick erweist sich die Auswahl über Jahrzehnte hinweg als trefflicher Indikator des jeweiligen Zeitgeistes. Begeben wir uns zum Jahreswechsel auf eine kleine Reise durch die Wortgefilde, durch sprachliche Klimazonen.

Es überwiegen seit jeher bestimmte Bereiche: politischer Streit, wirtschaftliche Mängel, neue Ausprägungen des Lebensstils, Katastrophen, Skandale und Krankheiten. Regelmäßig gibt es die Liste seit 1977/78, doch versuchshalber kürte man bereits die Worte des (nicht allzu süffigen) Jahrgangs 1971. Da zitterte noch ein klein wenig Apo-Geist von ’68 nach, denn „aufmüpfig“ galt damals als besonders zeitgemäßer Begriff. Doch die vordem gefürchtete Revolte hatte damit schon einen eher putzigen Anstrich bekommen. Ansonsten befanden wir uns auch sprachlich im Vorfeld der Öko-Bewegung. Mit sanfter Macht kam das Wort „Umweltschutz“ auf. Und noch dazu die „heißen Höschen“.

Die albernen und die ernsten Wendungen

1977 setzte sich das seither fast zuschanden gerittene Wort „Szene“ an die Spitze, dahinter kamen (im „Deutschen Herbst“ der RAF-Morde) „Terrorismus“ und „Sympathisant“. Etwa seit 1978 reden wir vom „Geisterfahrer“, der sich seinerzeit mit den „Singles“ und den Tanzwütigen („Disco“) um die Plätze balgte, während „Die Grünen“ oben rangierten. 1979 gesellte sich das Schlagwort „alternativ“ hinzu.

1980 kam der „Asylant“ (eigentlich ein Unwort) zur Sprache, zudem betrieb man Rasterfahndung“ und debattierte über „Instandbesetzer“. 1981 machte sich die „Nulllösung“ breit – ursprünglich militärisch gemeint, später ironisch auch auf unfähige Amtsträger gemünzt. Im selben Jahr rappelte es zudem in der „Zweierkiste“, wie manche ihre wackligen Techtelmechtel seither nennen.

Die „Talfahrt der Wirtschaft“ geriet 1982 ins Visier der Sprachfprscher, 1988 folgte „Gesundheitsreform“. Von beiden können wir heute singen. Die Immunschwäche „Aids“ stand 1985 erstmals in der Tabelle und 1987 auf dem Spitzenplatz. 1985 war „Glykol“ (Weinpanscherei), 1986 „Tschernobyl“ Wort des Jahres.

Neuer Schub mit der deutschen Vereinigung

Wende und deutsche Vereinigung brachten einen Schub: „Reisefreiheit“, „Montagsdemonstration“, „Trabi“ (1989), „neue Bundesländer“ (1990), „Besserwessi“, „abwickeln“ (1991), danach „Fremdenhass“, „Rechtsruck“ sowie „Lichterkette“ (1992), doch auch „Ostalgie“ (schon 1993, lange vor einschlägigen TV-Shows). Enger können Hoffnungen, erste Enttäuschungen und ernste Gefahren kaum zusammenrücken.

Seit 1993 wird vermehrt vom „Sozialabbau“ gesprochen, seit 1996 vom „Sparpaket“; es waren – wie wir jetzt wissen – nur Vorgeplänkel. „Multimedia“ und „Datenautobahn“ etablierten sich 1995, ein Jahr darauf war’s die „Globalisierung“. Den deutschen „Reformstau“ beklagt man seit 1997, als auch jener „Ruck“ (aus der Rede des Bundespräsidenten Roman Herzog) durchs Land gehen sollte und der „Elchtest“ eine heimische Edelmarke blamierte.

Durch neuere Schöpfungen zieht sich oft eine Spur von Albernheit: 1998 hieß es lauthals „piep, piep, piep!“ (nach Guildo Hörn) und „Ich habe fertig!“ (nach Giovanni Trapattoni). Werden die Zeiten seitdem ernster, nimmt’s mit der Spaßgesellschaft ein Ende? Anno 2000 wollte man angeblich „brutalstmöglich“ die „Schwarzgeldaffäre“ aufklären, man regte sich über „Leitkultur“, „BSE-Krise“ und „Kampfhunde“ auf. Noch finsterer das Jahr 2001 mit der allfälligen Wendung „der 11. September“ und „Milzbrandattacke“. Da nehmen sich „Teuro“ und „Pisa-Schock“ (2002) fast harmlos aus.

Beim neuesten Wort des Jahres („Das alte Europa“) wird einem aber wieder warm ums Herz. Gewiss: US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat es nicht so nett gemeint. Doch mit einem Zusatzwörtchen klingt es behaglich: das gute alte Europa.

• Komplette Listen stehen im Internet unter: www.gfds.de




Das Erbe von „Tegtmeier“ wirkt weiter – Jürgen von Manger wurde vor 80 Jahren geboren

Von Bernd Berke

Nun ja, es stimmt: Nirgendwo sonst als in Koblenz wurde Jürgen von Manger am 6. März. 1923 (also morgen vor 80 Jahren) geboren. Die Stadt am Mittelrhein in allen Ehren, doch wir wollen sie nun ganz rasch ausblenden. Denn das, was Manger alias „Tegtmeier“ ausgemacht hat, begann, als er mit 9 Jahren nach Hagen kam. Hier, am Saum des Ruhrgebiets und von außen her kommend, hat er wohl ein besonders genaues Gespür für die Sprache dieser Region entwickeln können.

Der 1961 von ihm ersonnene und seither bodcnständig verkörperte Rcvier-Kumpcltyp „Adolf Tegtmeier“ hat die an Ruhr und Emscher gesprochene Mundart in die letzten Winkel Deutschlands getragen; auf zahllosen Tourneen, via Hörfunk, Fernsehen oder Schallplatte – und übrigens auch auf einer Scheibe, die er seinerzeit eigens für die Leser der Westfälischen Rundschau produzierte.

Die immensen Mühen der Bildungssprache

Es war kein redseliges Idiom, das Tegtmeier im Munde wälzte. Letztlich war’s eine Kunstsprache, freilich gespeist aus dem wirklichen Wortgebrauch der Gegend. Stets merkte man Tegtmeier die immensen Mühen des Satzbaus an, die Reibung der Alltagsausdrücke mit Hoch- und Bildungssprache. Aus solchen Nöten erwuchs Komik, jedoch keine hämische. Denn hier zeigten sich auch Wahrhaftigkeit und Würde der „kleinen Leute“. Nur deshalb konnte die Figur Identität stiften – bis heute, wo etwa ein Herbert Knebel die Tradition fortführt.

Anhand einer neuen CD-Edition (mit vier Scheiben) kann man ihn nun nachschmecken – diesen ureigenen Humor, der nie schnellfertig oder brachial daherkommt, sondern sich stets langsam entfaltet: Noch einmal sind hier die makabren Einlassungen des „Schwiegermuttermörders“ vor Gericht („Da hab‘ ich ’se gesächt“) zu hören; abermals erleben wir mit dem freudig-beflissenen Halb-Banausen Tegtmeier „Wilhelm Teil“ im Theater. Trefflicher ist die (überwindbare) Schwellenwirkung der hehren Kultur .selten geschildert worden. Der Gang zum „Heiratsvermittler“, Gedanken über „Feines Benehmen“ und „Die Mieterversammlung“ – all‘ dies und noch viel mehr ist drauf auf den Silberlingcn.

Jugendzeit und erste Auftritte in Hagen

Zurück nach Hagen: Hier hatte Jürgen von Manger das Fichte- und das Dürer-Gymnasium besucht, hier war er bereits von 1939 bis 1941 Statist (u. a. im „Tell“) beim Theater.

Von 1941 bis 1945 war Jürgen von Manger Soldat. Die bitteren Erfahrungen in Russland blitzten zuweilen auch in späteren Sketchen auf. Schon 1945 kehrte er ans Hagener Theater zurück, diesmal als regulärer Darsteller (Stücke von „Othello“ bis „Maria Stuart“). 1947 zog es ihn ans von Saladin Schmitt geleitete Bochumer Schauspielhaus, zeitweise spielte er auch in Gelsenkirchen. Parallel dazu absolvierte Jürgen von Manger zudem ein komplettes Jura-Studium in Köln. Es kam beizeiten auch Tegtmeier zupass: Sein Ringen mit Juristen- und Amtsdeutsch beruhte auf Kenntnis.

1985 erlitt Jürgen von Manger einen Schlaganfall und konnte fortan nicht mehr auftreten. Mit 71 Jahren starb er am 15. März 1994 in Herne, beigesetzt wurde er in Hagen-Delstern. Seine Witwe, Ruth von Manger, die heute bei Kassei lebt, hat dem Bochumer CD-Label Roof Music den gesamten Nachlass ihres Mannes anvertraut.

Jürgen von Manger: „Wunderbar“. 4 CDs (25,90 Euro) bei Roof Music, Bochum (Tel. 0234/29878-16). Indigo-Bestell-Nr.: 21612 / Internet: www.roofmusic.de




Die Sprachschützer sehen Dämme brechen – Hagen: Erste Regionalgruppe des Bundesverbandes formiert

Von Bernd Berke

Hagen. Sie waren bundesweit am schnellsten: Von allen Sektionen des „Vereins Deutsche Sprache e. V.“, der sich vornehmlich gegen ein Übermaß englischer Begriffe wendet, hat sich die Regionalgruppe im Postleitbezirk 58 als erste satzungsgemäß formiert. Sie nennt sich „Verein Deutsche Sprache – Grafschaft Mark“.

Der Name klingt konservativ, und auch die Forderungen, die zur Vereinsgründung im Hagener Lokal „Zum Bauernhaus“ („gutbürgerliche Küche“) erhoben wurden, hatten eher mit ängstlichem Bewahren zu tun. Eigentlich kein Wunder: Das Durchschnittsalter der Erschienenen lag bei 60 Jahren. Jedenfalls war unentwegt von der „Flut“ angloamerikanischer Wörter; die ins Deutsche eindringen, die betrübte Rede.

Vereinzelt vernahm man auch schon mal solche Töne: Warum nur solle man nicht stolz auf die deutsche Sprache sein? Das dürfe man ja heute nicht mehr laut sagen, bedauerte einer. Nun ja, wenigstens Patriot wolle er sein dürfen. So wie die Franzosen, die ihre Sprache ganz anders verteidigten als wir, die den Kindern das Englische bald schon im ersten Schuljahr beibringen würden. Dann, so das Lamento, wäre einer der letzten Abwehr-Dämme gegen fremdes Wortgut gebrochen.

Insgesamt hat der vom Dortmunder Professor Walter Kramer geleitete Verein fast 11000 Mitglieder. Zwischen Witten, Schwelm, Schwerte, Iserlohn und Lüdenscheid (besagter „58er“-Bereich) sind es etwa 150, davon kam rund ein Drittel zum allerersten Treff.

Lehrer ansprechen und die Medien beobachten

In Hagen konnte man alle Geburtswehen einer treudeutschen Vereinsgründung erleben: Wie wird abgestimmt, was gehört auf die Tagesordnung, ist der Vorsitzende automatisch Delegierter bei künftigen Bundesversammlungen? So sehr verhedderte man sich in derlei Fragen, dass sämtliche Sprachprobleme vorübergehend in den Schatten traten.

Rasch ging’s hingegen mit der Wahl des regionalen Vorsitzenden: Dr. Wilhelm Werth (74) aus Wetter hatte sich geradezu aufgedrängt; nicht zuletzt, weil der rüstige Herr offenbar tatendurstig ist. Vor Wochenfrist hatte er in seiner Heimatstadt Veranstaltungsplakate eines Seefestes („Fun-Sport“, „Livebands“, „Bungee-Jumping“) mit der Formel „Wir sprechen auch Deutsch!“ überklebt, was ihm prompt Rechtshändel mit den Veranstaltern einbrachte. Auch die Post missfällt Werth ganz besonders: „Die mit ihrem Englisch: ,Call-City‘ und wie der Quatsch alle heißt…“

Nun wollen er und seine Getreuen es dem Dortmunder Bundesvorstand, „der manchmal etwas lahm ist“ (Werth), so richtig zeigen: Infostände für allerlei Gelegenheiten müssen her. Lokalpolitiker, Lehrer und Germanisten müssen im Sinne der Vereinsziele angesprochen werden. Und sogleich ernannte man für jede Stadt Beauftragte, die die lokalen Medien eingehend „beobachten“ sollen. Wehe also, wenn ein Kollege etwa beim Kinderfest am Wochenende „coole Kids“ sichten oder auf dem Sportplatz „Highlights“ erblicken sollte. Dann könnte es Leserbriefe hageln, oder man steht bei den Redakteuren gleich „auf der Matte“

Der Vize-Vorsitzende Alfred Bielefeld (Witten) brachte das Thema Internet zur Sprache: Man müsse die eigene „Homepage“ zur Überzeugungsarbeit nutzen. Wie bitte? Bielefeld, ein wenig verlegen: „Oh, dafür fällt mir auch kein passender deutscher Begriff ein“.




Sprachpanscher, Plauderstündchen und Windmühlenflügel – der Kampf des Dortmunders Professors Walter Krämer

Der Dortmunder Professor Walter Krämer hat offenbar seinen Lebensinhalt gefunden: Unerbittlich zieht er zumal gegen englische Wörter zu Felde; die sich in die deutsche Sprache einschleichen.

Zum Zeichen der nationalen Aufgabe prangt in schwarz-rot-goldenen Lettern das Logo des „Vereins zur Wahrung der deutschen Sprache e. V.“ (VWDS). Vorsitzender: Walter Krämer. Mitgliederzahl: rund 5000. Ein zackiges Häkchen, vielleicht ein stilisierter Schutzzaun gegen fremde Spracheinflüsse, verunziert den Briefkopf des Vereins.

Nachdem die wackeren Wortwächter vordem Telekom-Chef Ron Sommer und die Hamburger Modeschöpferin Jil Sander zu „Sprachpanschern des Jahres“ gekürt haben, liegt nun die neue Vorschlagsliste auf dem Tisch. Hohe Tiere stehen mitsamt ihren Sünden darauf: Bahnchef Johannes Ludewig („Inter City Night“), Lufthansa-Boß Jürgen Weber („Check-in“), der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Ralf Breuer („Private Banking“), und VW-Lenker Ferdinand Piëch („Volkswagen foundation“). Ertappt hat man auch den Dortmunder RTL-Reporter Heiko Waßer, der sich bei Formel-1-Berichten Ausdrücke wie „warmup“ und „speed“ zuschulden kommen ließ. Schäm‘ er sich!

Niemand ist gegen die Sprachpolizei gefeit: „Verhört“ wurden auch Ilona Christen und Arabella Kiesbauer. Doch ausgerechnet diese Talk-Damen, denen sonst ihre ,Schmuddelthemen“ vorgehalten werden, sprechen laut Krämer „ein recht gutes Deutsch“. Na, dann ist ja alles in Ordnung. Übrigens: Ob Krämer und seine Mitstreiter wohl einen deutschen Begriff für Talkshow parat haben? „Sprechschau“? Plauderstündchen? Es gab Zeiten, in denen Sprachbewahrer gar Worte wie Motor („Zerknalltreibling“) und Nase („Gesichtserker“) eindeutschen wollten…

Gewiß ist es löblich, sich für den Erhalt deutscher Sprachkultur einzusetzen. Die Franzosen (die geschichtlich allerdings anders dastehen) sind auch nicht zimperlich, man kann dort für öffentlich verbreitete Anglizismen sogar belangt werden. Doch viele Dinge, die Krämer finster anprangert, erledigen sich durch pure Lächerlichkeit von selbst. Und manche seiner eifernden Bemühungen erinnern arg an Don Quijotes Kampf mit den Windmühlenflügeln. Wie ist der noch mal ausgegangen?

                                                                                                                 Bernd Berke




Iserlohn: Ein Hauch der weiten Welt im Goethe-Institut – abseits der Metropolen

Von Bernd Berke

Iserlohn. 140 Goethe-lnstitute gibt s in aller Welt, wo man die Menschen mit deutscher Sprache und Kultur bekannt machen möchte. Gelegentlich müssen aus Finanznot ein paar Standorte aufgegeben werden, doch in den ganz großen Metropolen bestehen die „kulturellen Botschaften“ weiter. Arbeitet ein solches Institut in New York? Natürlich. Und in Sydney? Selbstverständlich. In Rio de Janeiro? Na, klar. Nun kommt’s aber, was nur wenige wissen: Eine dieser Einrichtungen hat ihren Sitz in Iserlohn.

Munteres Stimmen- und Sprachengewirr an der Stennerstraße, wo das Iserlohner Goethe-Institut über zwei prächtige alte Villen verfügt. Gerade hat die Pause zwischen zwei Deutsch-Stunden begonnen. 130 Sprachschüler aus aller Welt büffeln derzeit hier meist im achtwöchigen Kursus, der 175 Unterrichtsstunden umfaßt. Im Sommer herrscht Hochsaison, denn die meisten Schüler kommen in ihren Ferien. Jene von der Südhalbkugel werden dann in unserem Winter anreisen.

Schon von der ersten Minute an wird ausschließlich Deutsch gesprochen, zuerst mit „Händen und Füßen“, später zunehmend versiert. Und es „hat“ schon etwas, wenn man erlebt, wie sich etwa Japaner und Afrikaner miteinander in unserer Sprache verständigen.

Leute aus allen Ländern der Erdkarte waren hier schon zu Gast, auch – müßige Testfrage – von den Tonga-Inseln. Warum gerade Iserlohn im Jahr 1960 als Standort auserkoren wurde, vermag auch der Leiter des Institutes, Dr. Günther Hasenkamp (41), nicht zu sagen. Nach Goethe-Lehr- und Wanderjahren, die ihn u. a. nach Budapest und Kalkutta führten, verschlug es den Anglisten und Slawisten erst im Vorjahr hierher.

Klassiker in allen Ehren – aber es zählt der Alltag

Die große Zeit des Instituts um 1990, in der bis zu 20 Lehrkräfte auch zahlreiche Aussiedler aus Osteuropa betreuten, hat er nicht mehr erlebt. Heute sind neun Lehrer hier tätig, denn die Förderung der Aussiedler-Kurse ist stark zurückgefahren worden.

Im Foyer steht zwar unübersehbar eine Goethe-Büste, und man hält den Klassiker auch sonst in hohen Ehren – als Schöpfer des Begriffes „Weltliteratur“ etwa, ganz im Sinne eines gleichberechtigten Gebens und Nehmens zwischen den Kulturen. Doch im Sprachunterricht legt man Wert auf die Verständigung in Alltagssituationen. Den „Faust“ kann man ja später immer noch lesen.

Meist sind es Stipendiaten oder Mittelschichtskinder, Studenten oder bereits Berufstätige, die sich in Iserlohn mit der deutschen Sprache befassen. Denn die Kursgebühren (2760 DM fürs achtwöchige Intensiv-Training) kann nicht jeder aufbringen, obwohl sie –umgerechnet auf die Stundenzahl – maßvoll sind.

Erlebnis-Programm in den größeren deutschen Städten

Kein Kurs ohne Begleitprogramm. Hasenkamp: „Die Schüler wollen ein Erlebnis-Deutschland kennenlernen“. Der Abstecher nach Berlin oder Frankfurt gehört deshalb ebenso dazu wie etwa die „Stadtrallye“ durch Iserlohn, der Besuch von Ausstellungen in ganz Westfalen, der Burg Altena oder der Disco in Dortmund. Und kürzlich saßen sie in Iserlohn multikulturell vor dem Kneipen-Fernsehschirm, um die Spiele der Fußball-WM zu sehen. Deutsch lernen von Heribert Faßbender…

Gute Erfahrungen hat man in Iserlohn mit der „Tandem“-Bildung gemacht, will heißen: Es kann sich jeder beim Goethe-Institut melden, der etwa sein Italienisch oder auch Chinesisch aufpolieren möchte. Irgend eine passende Sprach- und Hobby-Partnerschaft findet sich so gut wie immer.

Mit einem Jahresumsatz von rund 2,5 Mio. Mark ist das Iserlohner Goethe-Institut auch ein Wirtschaftsfaktor der Stadt. Vom Auswärtigen Amt gibt es keinen Zuschuß. Alles wird selbst erwirtschaftet.

Goethe-lnstitut Iserlohn, Stennerstraße 4.

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Nachtrag: Die Iserlohner Zweigstelle des Goethe-Instituts wurde zum 31. Dezember 1999 geschlossen – rund eineinhalb Jahre nach Erscheinen des obigen Beitrags.




„Königsberger Möpse“ und die Dichtkunst – Sprachpreis an Zyniker Harald Schmidt

Von Bernd Berke

Die ehrwürdige Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) feiert ihren neuen Preisträger: Der Mann habe außerordentliches Gespür für die „extensive Nutzung der unterschiedlichen sprachlichen Möglichkeiten“. Seine Texte zeugten von „geistiger Freiheit und politischer Widerborstigkeit“, er stehe in der Tradition von Dichtern wie Joachim Ringelnatz und Christian Morgenstern. Doch kein Belletrist wird hier gepriesen, sondern Harald Schmidt.

Der „Zyniker der Nation“ ist bekanntlich viermal in der Woche mit seiner Nacht-Show beim Privatsender SAT.1 im Programm. Er hat in diesem Jahr schon etliche Auszeichnungen kassiert: Ein Adolf-Grimme-Preis wurde ihm angetragen, und RTL beeilte sich, ihm einen „Goldenen Löwen“ zu verleihen. Im Vorübergehen nahm er eine „Bambi“-Figur mit, und am nächsten Wochenende könnte noch ein „TeleStar“ hinzukommen. Da mochte auch die in Wiesbaden ansässige Gesellschaft für deutsche Sprache nicht hintanstehen und vergab ihren „Medienpreis für Sprachkultur“ an „Dirty Harry“.

Spaßeshalber hat sich die WR daraufhin gestern von SAT.1 noch einmal eine Liste mit Schmidt-Sprüchen besorgt. Wir zögern nicht, daraus zu zitieren.

Beispiel eins: „Kennen Sie den Unterschied zwischen Panzerotti und Pavarotti? – Panzerotti sind gefüllte Nudeln und Pavarotti ist gefüllter Sänger…“ Beispiel zwei: „US-Präsident Bill Clinton läßt für ein gutes Footballspiel jede Sekretärin liegen“. Und wie definiert man den Exorzisten? Das ist einer, „der seinen Job macht auf Teufel komm raus“. Nicht sonderlich subtil. Auch jene „Königsberger Möpse“ in einem von Schmidt ersonnenen Erotik-Kochbuch sind eher rasch verderbliche Kicher-Ware.

Lassen wir also Ringelnatz und Morgenstern mal ganz beiseite, denn die haben mit der Sprache nicht gejuxt, sondern gezaubert. Konzentrieren wir uns auf Schmidt selbst, der ja übrigens auf Texte einer großen Schar von Gagschreibern zurückgreift und diese dann unnachahmlich präsentiert.

Die meisten seiner Scherze sind keine Sprachspiele, sondern blitzartige Witze, die ihre Einschlagwirkung aus dem aktuellen Hintergrund, dem Ritual des Vortrags und gezielten Tabubrüchen beziehen. Außerdem waltet das Lach-Gesetz der Serie, denn Schmidt greift sich Lieblingsopfer wie Model Claudia Schiffer oder Fußballer Lothar Matthäus immer wieder heraus.

So richtig werden sich wohl all jene über die Jury-Entscheidung ärgern, die Schmidt für einen Ausländerfeind (Polen-Witze) halten. Für diese und für die Gegenpartei haben wir noch einen gutnachbarlichen Spruch: „Prinz Wilhelm Alexander der Niederlande sucht eine Frau. Die Frau hat ein tolles Leben vor sich, sie wird die Herrscherin über acht Millionen Wohnwagen..“

 




Sabbel, Babbel, Schnüß und Goschen – Nützlich und vergnüglich zugleich: Das neue „Wörterbuch deutscher Dialekte“

Von Bernd Berke

Deutschlands geographische Fläche ist vergleichsweise klein. Da sollten eigentlich alle Mitglieder der Sprachgemeinschaft einander leicht verstehen. Sollte man theoretisch meinen. Doch wir alle wissen, daß es ganz anders sein kann. Wenn ein Bayer oder Ostfriese so richtig in ihrem Dialekt loslegen, verstehen andere Landsleute fast nichts mehr. Ein wenig Abhilfe schafft vielleicht das neue „Wörterbuch deutscher Dialekte“.

Am interessantesten ist wohl der mittlere Teil des Buches. Hier findet man das, was die Fachleute eine Synopse nennen. Auf deutsch: eine direkte tabellarische Gegenüberstellung der Ausdrücke aus zehn deutschen Hauptdialekten (wobei das Westfälische dem Westniederdeutschen zugeschlagen wird). Insgesamt 292 hochdeutsche Stichwörter und ihre jeweiligen Dialekt-Ausformungen werden erfaßt.

Man glaubt es kaum, welche herrliche Vielfalt entsteht, wenn all diese Mundarten ins Spiel kommen. Für eine einzige Sache hat jeder dieser zehn Dialekte oft sechs oder sieben verschiedene Worte. Etliche (wie etwa „Gaudi“ aus dem Bayerischen) haben via Radio und Fernsehen längst Eingang in die allgemeine Umgangssprache gefunden.

Gar viele Ausdrücke für Brötchen und Beule

Daß das „Brötchen“ nicht überall so genannt wird, ist einigermaßen bekannt. Dieses Backwerk heißt um Berlin herum Schrippe, in Bayern verlangt man Semmeln, in einem bestimmten Teil Bayerns allerdings auch Kipfeln, im Schwäbischen sagt man „Weck“, in Hamburg und Schleswig-Holstein beißt man ins „Rundstück“. Hauptsache knusprig.

Wahrend ein Wort wie „arbeiten“ fast im ganzen deutschen Sprachraum verwendet wird (nur Schwaben und Franken bevorzugen „schaffen“, Revierbürger auch schon mal „malochen“), wird etwa die Beule fast hinter jeder Autobahnabfahrt anders genannt: Knuppe, Knust und Brusche heißt sie in nordwestlichen Gegenden, Horn und Hübel in Sachsen, Knörzchen und Kneul in Hessen, Bühl oder Dotz im Rheinland, Bause und Baber im Pfälzischen, Binkel bei den Bayern. Und das ist nur eine winzige Auswahl der in diesem Falle oft spöttisch-schadenfroh gemeinten Begriffe.

Südlich der Weißwurstlinie wird’s deftig

Noch deftiger wird es bei der Wendung „Halt den Mund“. Im Nordwesten soll man Maul, Schnute, Sabbel oder Babbel halten, in Sachsen Gusche oder Labbe, im Rheinland die Schnüß – und in Bayern klingt s erst richtig derb: „Holt dei Fotzen.“ Wahlweise darf man dort auch die Pappen oder Goschen schließen.

Kurz und gut: Bei diesem Lexikon halten sich Nutzen und Sprachvergnügen aufs schönste die Waage. Und es bietet noch weitaus mehr als eine allgemeine Einführung, Übersichtskarten und besagte synchrone Wortlisten. In einem weiteren Teil werden die Dialekt-Wortschätze nach 15 Sachgruppen aus allen Lebensbereichen (Haus und Wohnung, Kleidung, Natur usw.) unterteilt. Und schließlich kann man eine ganze Menge Sprichwörter und Redewendungen kreuz und quer durch die Dialekt-Regionen miteinander vergleichen.

Allein die meist kernigen Sprüche, die dem „Volksmund“ beispielsweise zu einem Tier wie der Ziege oder einem Ort wie der Kneipe entschlüpft sind, füllen hier jeweils mehrere Seiten. Süffiges Beispiel aus dem Rheinland: „En deer Pint vekiire nuur Schnapsüüle“. Einen solchen Satz muß man sich natürlich ganz breit und genüßlich gesprochen vorstellen. Wie trocken hört sich im Vergleich die Übersetzung an: „In diesem Lokal verkehren nur Schnaps-Eulen“.

Ulrich Knoop: „Wörterbuch deutscher Dialekte“. Bertelsmann Lexikon Verlag. 478 Seiten. 69,90 DM.




„Mit Normen lässt sich Sprache nicht lenken“ – Gespräch mit Martin Walser, nicht nur über die Rechtschreibreform

Von Bernd Berke

Dortmund. Mit seinem Roman „Finks Krieg“ hat Martin Walser (69) tiefen Einblick ins Innenleben eines Ministerialbeamten gegeben, der im Zuge eines Regierungswechsels auf einen minderen Posten abgeschoben wird. Dieser Fink, einer wirklichen Person nachgebildet, aber literarisch zur Kenntlichkeit gebracht, wird zum angstgepeinigten Kämpfer für sein Recht. Walser stellte das bei Suhrkamp erschienene Buch jetzt mit einer Lesung im Dortmunder Harenberg City-Center vor. Dort traf ihn die Westfälische Rundschau zum Gespräch.

Sie haben die vor wenigen Tagen publizierte „Frankfurter Erklärung“ mitunterzeichnet, einen entschiedenen Protest vieler Autoren gegen die Rechtschreibreform. Kommt das nicht zu spät?

Martin Walser: Ich hatte immer mein Leid mit dem Duden und mußte mich immer gegen Lektoren durchsetzen, die unter Duden-Diktat meine Manuskripte korrigiert haben. Mit nachlassender Energie habe ich immer auf meinen Schreibungen beharrt.

Nennen Sie uns ein Beispiel?

Walser: Mein Paradebeispiel ist „eine Zeitlang“. Ich hab‘ stets „eine Zeit lang“ in zwei Wörtern geschrieben. Der Duden verlangt es in einem Wort, was ja völlig unsinnig ist. Es stimmt weder historisch noch rational. Nach der neuen Rechtschreibung dürfte ich’s auseinander schreiben. Das ist für mich ein Fortschritt. Nur: Es ist eine autoritär ausgestattete Reform. Sie behebt einige Idiotien und installiert dafür andere. „Rau“ ohne „h“, da möcht‘ ich mal wissen, wer sich das ausgedacht hat…

Und wieso erheben Sie erst jetzt Einspruch?

Walser: Nun, weil Friedrich Denk (Deutschlehrer und Literatur-Veranstalter in Weilheim, d. Red.), der die Sache angeregt hat, mich jetzt befragt hat. Ich selbst hätte gedacht: Na, schön. Das ist gut, das ist blödsinnig – und hätte es dabei belassen. Weil ich sowieso nicht praktiziere, was im Duden steht. Schauen Sie: In meinem Roman „Brandung“ steht die Wortfolge „zusammenstürzender Kristallpalast“. Das müßte ich in Zukunft auseinander schreiben: „zusammen stürzender“.

Eine Sinnverfälschung?

Walser: So ist es. Hoffentlich sehen die Leute nun, daß solche Sprachnormen relativ sind. Vielleicht bildet sich gerade dann ein bißchen mehr Freiheit gegenüber den Regeln. Denn Sprache ist doch Natur – und sie ist Geschichte. Beides läßt sich nicht mit Normen lenken. Ich schreibe ja mit der Hand, folge einem rein akustischen Diktat in meinem Kopf. Wenn ich das nachher lese: Das ist so unorthographisch, so grotesk. Wenn ich Ihnen das zeigen würde, würden Sie sagen: „Das ist ein Analphabet.“ V und F geht da durcheinander wie „Fogel und Visch“. Schreibend ist man eben nicht auf Duden-Niveau.

Mal abgesehen von der Rechtschreib-Debatte: Ansonsten hat sich – Stichwort: Deutsche Einheit, die Sie früh und vehement befürwortet haben – die Aufregung um Sie ein wenig gelegt.

Walser: Zum Glück. Aber ich krieg‘ immer noch genug ab. Ein Rezensent hat geschrieben, er höre in „Finks Krieg“, in der politischen Tendenz „Marschmusik“. Seit der Diskussion um die Einheit haben die mich in diese Richtung geschickt, diese Arschlöcher! Der Peter Glotz empfindet in meinem Roman „dumpf-deutsche Fieberphantasien“. Ein anderer hat sinngemäß geschrieben: „Der Walser hat sich vom linken Kämpfer zum CSU-Festredner der deutschen Einheit entwickelt.“ Und das in einer Buchbesprechung.

Worte, die sich in Sie hineinfressen?

Walser: Ja, ja, ja. Ich wandere geistig aus d i e s e r Art von Gesellschaft aus. Ich will damit nichts zu tun haben, mit diesen Einteilungen – links, rechts. Mein Hausspruch lautet: „Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr.“ In mir hat mehr als eine Meinung Platz. Ich hab‘ in den 70er Jahren erfahren, wie die Konservativen mit mir umgegangen sind. Damals hieß es: „Du bist ein Kommunist.“ Jetzt weiß ich, wie die Linken mit Andersdenkenden umgehen. Es ist noch verletzender. Und ich meine nach wie vor: Das größte politische Glück, das die Deutschen in diesem Jahrhundert hatten, ist diese Einheit. Die Misere steht auf einem anderen Blatt, aber sie hat Aussicht auf Behebung. Die Misere vorher war aussichtslos.

Und „Finks Krieg“, ist das der Roman über unsere politische Klasse?

Walser: Für mich ist es der Roman über einen leidenden Menschen. Übrigens war die Vorarbeit sehr quälend. Ich habe zwei volle Jahre Material studiert. Furchtbar. Immer nur notieren ist entsetzlich. Ein unguter Zwang. Ich bin auch nicht ganz gesund geblieben dabei. Ich habe manchmal gedacht: Vielleicht hört es überhaupt nicht mehr auf, vielleicht wirst du nie Herr des Verfahrens, vielleicht bist du nie imstande, frei zu schreiben. Mein neues Projekt hat deswegen gar nichts mehr mit Quellen und Recherchen zu tun. Es wird ein Buch über meine Kindheit – so, wie sie mir heute vorkommen möchte.




„Wo sind Sie, meine Null?“ – Schöne Stunden mit dem Übersetzungs-Computer

Kennen Sie sie auch – jene Zeitgenossen, die alles gar zu wörtlich nehmen und daher ziemlich unangenehm werden können? So einer sitzt jetzt bei uns auf dem Schreibtisch.

Er ist handtellergroß, besteht aus grauem Plastik, nennt sich „Hexaglot Square one“ und kostet stolze 699 DM. Seine Hersteller behaupten, es sei ein Übersetzungcomputer, der zwischen Englisch und Deutsch – in beiden Richtungen – ganze Sätze bewältige. Mal schauen.

Um die „Rohübersetzungen von hervorragender Qualität“ (Eigenwerbung) auf die Probe zu stellen, wollen wir dem Bürschchen mal ein paar einfache Fragen stellen. Was heißt „The United States of America“ auf Deutsch? Einschalten, Übersetzungsrichtung wählen, die Buchstaben auf winzigen Tasten eingehen. Das dauert ein bißchen. Dann drücken wir erwartungsvoll den Übersetzungsknopf „Translate“. Nach etwa zehn Sekunden verrät der Apparat: „Die vereinigten Zustände von america.“ Nanu. Meint er das etwa gesellschaftskritisch? Natürlich nicht: Er hat nur die „states“ nicht als Staaten erkannt, sondern, state (Zustand) in die Mehrzahl gesetzt. Kleines Dummerle!

Nehmen wir spaßeshalber ein paar Zeilen aus Popsongs, denn „We love rock music“ (was laut Gerät „Wir lieben Felsen Musik“ bedeutet). Das Antikriegslied „Where have all the flowers gone?“ wird hier zu „Wo sind alle Blumen gegangen?“ Ja, wo nur? Doch weiter, weiter! Es scheint lustig zu werden.

Die Liebe und das Angebot

Bob Dylans „The answer, my friend, is blowing in the wind“ erscheint auf dem kleinen Bildschirm-Display so: „Die Antwort, mein Freund, bläst Sie in dem (!) Wind.“ Bei Elvis Presleys „Love me tender, love me true“ (Lieb‘ mich zärtlich, lieb‘ mich treu) hat das Gerät seinen ersten Anfall und schlägt ernsthaft vor: „Lieben Sie mich Angebot, lieben Sie mich wahr.“ Jaja, Angebot und Nachfrage.

Nehmen wir an, ein Engländer oder Amerikaner, des Deutschen nicht mächtig, wolle seiner Angebeteten aus „Germany“ (ein Wort, bei dem der Apparat aufgibt) mit diesem Computer Avancen machen. Ist durch die Tipperei schon die Romantik dahin, ist sie’s erst recht mit solchen Sätzen: Aus „I need you so much“ (Ich brauche dich so sehr) macht die Elektronik „Ich brauche Sie so viel.“ Und dann wird das Kerlchen sogar beleidigend: „Where are you, my love?“ (Wo bist du, meine Lieb(st)e?) wird ausgespuckt als „Wo sind Sie, meine Null?“ Offenbar ein Tennisfan, der sich die Zählweise auf den Center Court („Love – fifteen“) zu eigen gemacht hat…

Elektronische Komplimente

Mehr Sprachwitze, bitte! Ganze Abende kann man damit verbringen. „You are so pretty“ (Du bist so hübsch) gerät zu „Du bist so ziemlich.“ Kein glühendes Kompliment, fürwahr. Und selbst, wenn’s – ähemm – richtig ernst wird, läßt uns der Helfer schmählich im Stich: „Let’s go to bed“ (Laß uns ins Bett gehen) schnurrt zu „Lassen ins Bett gehen“ zusammen. Lassen wir, lassen wir’s. Oder was?

Nicht nur Liebende, auch Touristen und Schüler wären mit so einem Ding wohl ganz schön aufgeschmissen. Da nützt es wenig, wenn man sich über Ohrhörer mit scheppernder Stimme englische Sätze vorsprechen läßt und die eingebaute Weltzeituhr aufruft, sollte man mal „far away from home“ („Weit auswärtig von Heim“) sein.

Drei Chancen kriegt der Schlawiner trotzdem noch. Wie überträgt er den alten James-Bond-Titel „Live and let die“ (Leben und sterben lassen)? Vollends erstaunlich: „Leben Sie und lassen Sie Würfel.“ Und die umstrittene RTL-Serie „Power Rangers“? Die heißt plötzlich „Strom Förster“. Na bitte, scheint ja ganz harmlos zu sein.

Und nun der große Trommelwirbel, denn es gibt tatsächlich auch korrekte Übersetzungen. Wichtige Frage des Reisenden: „Where is the next bar?“ – „Wo ist die nächste Bar?“ Man muß halt nur die richtigen Fragen stellen.




Lachend die Zeichen der Zeit erkennen – Dicker Sammelband des vielseitigen Robert Gernhardt

Von Bernd Berke

Welcher deutsche Gegenwartsautor ist vielseitiger als Robert Gernhardt? Der 57jährige hat etliches auf Lager – von der Satire und dem niveauvollen Nonsens bis zum beachtlichen Roman; von der trefflichen Zeitkritik bis zum raffiniert gereimten Gedicht.

Mehr noch: Ohne Gernhardts Texte wäre Otto Waalkes nicht halb so gut gewesen. Und er ist einer der besten Cartoon-Zeichner. Wen wundert’s, daß der Vielfältige jetzt mit einem üppigen Sammelband zum Klassiker erhoben wird. Der Titel („Über alles“) weist schon auf Gernhardts kreative Bandbreite hin.

Seit seinen Anfängen beim Satire-Blatt „Pardon“ (frühe 60er Jahre), wo er mit F. K. Waechter und F. W. Bernstein „Welt im Spiegel“ schuf, jene legendäre Beilage für den  höheren Blödsinn, zählt Gernhardt zu den produktivsten Grenzgängern zwischen Ernst und Scherz, zwischen Sinn und Widersinn. Das ist – gerade in deutschen Landen – ein Vorzug sondergleichen.

Jenseits der gängigen Meinungen

Im Sammelband kann man genußvoll nachlesen, welch ein versierter Stilist dieser Mitbegründer der „Neuen Frankfurter Schule“ ist. Er läßt sich keine wolkigen Formulierungen durchgehen. Gerade indem Gernhardt seine kleinen Künstler-Eitelkeiten offen ausspricht, vermeidet er selbstgerechten Zungenschlag. Derlei stete Wachsamkeit macht auch den Zeitbeobachter aus, der sich schwerlich von gängigen Meinungen beirren läßt.

Im Rückblick ist es frappierend, wie behutsam und differenziert er z. B. 1982 eine Reise in die DDR beschrieben hat. Darin steckt schon das Unbehagen an der innerdeutschen Fremdheit, mit der wir uns heute plagen. Und Prägnanteres ist – zumal in dieser unterhaltsamen Kürze – auch über die deutschen „Fifties“ kaum geschrieben worden als Gernhardts mal eben neun Buchseiten langer Beitrag „Die geile Welt der 50er Jahre“.

Die neue Art der Geistes-Schnüffelei

Gernhardt geißelt nicht nur konservative Widersacher, sondern auch linke Auswüchse: Hinter manchen Spiegel gehören seine Texte über die Stellvertreter-Empörung, die im Namen von Minderheiten alle Geistesprodukte einschließlich Satire auf politische Korrektheit abklopft und dabei jedes Maß verliert. Verständlicher Seufzer: Da sei man mühsam der autoritären Schnüffelei der 50er Jahre entronnen und falle einer neuen, sich fortschrittlich gebenden Inquisition anheim, die einem gar noch die Mülltonnen inspiziert, um nachzusehen, ob man auch ja sortenrein gesondert hat.

Apropos Müll: Auch das ewig „betroffene“ Gewühle im Abraum der Psyche geht Gernhardt auf den Geist: „Daß Beziehungen problematisch waren, lag in ihrer Natur begründet, sie zusätzlich noch zu problematisieren war ungefähr so sinnvoll wie – ach, ihm fiel gar kein Vergleich für diesen Unfug ein … Die Panzerknacker problematisierten ihre Brüche doch auch nicht“.

Straßen, in denen Kanzler Kohl aufwuchs

Aufgelockert durch Zeichnungen und allerlei Gedichte (irgendeine Doktorarbeit wird gewiß mal seine lyrische Verwandtschaft zu Peter Rühmkorf nachweisen), werden mit Leichtigkeit, die bekanntlich so schwer zu erzielen ist, Grundfragen abgehandelt: Die Kapitel heißen „Kunst und Leben“, „Mensch und Tier“, „Mann und Frau“, „Wort und Bild“, „Zeit und Raum“, „Gott und die Welt“, „Spaßmacher und Ernstmacher“.

Gernhardt schlägt Funken aus unscheinbaren Dokumenten. So gewinnt er etwa den Unterwäsche-Seiten von Versandhauskatalogen eine kleine Nonsens-,,Philosophie“ der Geschlechter ab. Beim Gang durch die Straßen, in denen Kanzler Kohl aufwuchs, erspürt Gernhardt mehr vom Gepräge dieses Politikers als mancher Groß-Essayist. Oder er entlarvt Zeitgeist-Hanseln wie den Psycho-Autor Wilfried Wieck („Männer lassen lieben“) durch Vergleich mit dem großen christlichen Bekenner Augustinus. Da sieht Wieck ganz alt aus. Und der Leser hat abermals die doppelte Portion bekommen: Lachen und Erkenntnis auf einen Streich.

Robert Gernhardt: „Über alles“. Ein Lese- und Bilderbuch. Haffmans-Verlag, Zürich. 479 Seiten, 44 DM.




Hat der alte Adam Schwedisch oder Deutsch gesprochen? – Umberto Eco begibt sich auf „Die Suche nach der vollkommenen Sprache“

Von Bernd Berke

Gründliche Bücher fangen oft bei Adam und Eva an. Nicht nur in Deutschland. Auch der Italiener Umberto Eco („Der Name der Rose“) hält es so. Sein neues Buch „Die Suche nach der vollkommenen Sprache“ ist eine streckenweise beschwerliche, manchmal fröhliche, zumeist spannende Reise durch den Dschungel der Wissenschaft vom Wort.

Mit Adam geht’s deshalb los, weil der laut Bibel (Genesis) von Gott die Lizenz bekam, allen Tieren im Erdenrund Namen zu geben. In späteren Jahrhunderten hat man rückwärts geträumt, dies müsse die vollkommene Sprache gewesen sein. Und lange, lange hat man sich damit abgequält, diese Sprache zu rekonstruieren, indem man das Hebräische auf seine Ursprünge hin abklopfte. Vergebliche Liebesmüh ganzer Generationen von Weisen!

Im Lauf der Zeit verstand man die verschiedensten Idiome als Fortentwicklung und Widerschein jener perfekten Ur-Sprache: neben dem Hebräischen natürlich das Griechische. Doch auch das Chinesische mit seiner aus Bildern entwickelten Schrift galt manchen als das Nonplusultra, viel später (im Zuge des Nationalismus) dann auch diverser Zungenschlag: Es gab sogar Leute, die – je nach Herkunft – behaupteten, schon der alte Adam habe auf jeden Fall Russisch bzw. Deutsch, Flämisch oder auch Schwedisch geredet…

Seit der Aufklärung gab es freilich einen zweiten Strang der Forschung. Nicht im Rückgriff, sondern im Vergriff wollte man die vollkommene Sprache finden, das heißt man wollte sie (mit gleichsam mathematisch-logischen Operationen oder auch mit magisehen Praktiken) überhaupt erst erzeugen. Anfangs war christliche Missionierung die Schubkraft, mit der man die Sprach-Zerstäubung seit dem Turmbau zu Babel überwinden wollte, hernach waren es zunehmend politische Bestrebungen zur Völkerverständigung. Das führte bis zu Kreationen wie dem Esperanto sowie 37 weiteren „Welthilfssprachen“ – und letztlich auch zu überall gebräuchlichen Wissenschaftssprachen wie etwa chemischen Formeln oder Befehlsketten der Computer-Programmierung.

Fülle der Fakten aus raren Büchern

Sogar die (De-)Chiffrierung von Geheimsprachen lag am Wegesrand dieser Wissenschaft. Ein umfassendes Thema also. Umberto Eco hat denn auch eine ungeheure Daten- und Faktenmenge aus vielerlei Büchern destilliert (bzw. von Assistenten und Studenten destillieren lassen). Das ist imponierend und manchmal ganz schön anstrengend, denn Eco verliert sich oft in skurrilen Einzelheiten.

Ähnlich wie in seinem Millionen-Bestseller „Der Name der Rose“, so kommt auch hier seine geradezu diebische Freude an Odysseen durch entlegene Bibliotheken und rare, vorzugsweise mittelalterliche Folianten zum Vorschein. Leider hat der Übersetzer (Burkhard Kroeber), der bestimmt eine Berserkerarbeit verrichten mußte, gewisse Fremdwort-Orgien nicht geglättet.

Was Eco an ans Licht hebt, ist allerdings spannend. Die abenteuerlichsten Schöpfungen hat es in der Geschichte gegeben, monströse Neu-Sprachen, die das Wort zum exakten, unfehlbaren Rechenspiel machen sollten – und dabei jeden Rest an Poesie, die ja eben aus Ungenauigkeit entsteht, austrieben.

Schon 1651 machte sich ein gewisser Hardörffer Gedanken darüber, daß man – alle möglichen Buchstabenfolgen durchspielend – rund 92 Millionen i (!) Wörter hervorbringen r könnte. Das aber hieß: Jedes Ding unter der Sonne könnte seine eigene, unmißverständliche Bezeichnung bekommen. Und danach waren die Sprachen auch, die die ganze Welt neu definieren wollten. In einem künstlichen Idiom hätte das zum Beispiel so ausgesehen: „pod“ heißt Wut, „pog“ heißt Scham, „pot“ bedeutet Beherztheit, „pon“ steht für Liebe, „pop“ für Achtung – und so weiter.

Wer so etwas lernen muß, dreht durch. Da erfreuen wir uns doch lieber an der vorhandenen Vielfalt der Sprachen – an English, Français, Español, Deutsch und allen anderen.

Umberto Eco: .Die Suche nach der vollkommenen Sprache“. C H. Beck Verlag, München. 388 Seiten. 48 DM.

 




Rhetorik ist mehr als nur Wortgeklingel – Zum 70. Geburtstag von Walter Jens

Zur alten Feuilleton-Zeit galt die Theaterkritik alles, die Fernsehkritik fast nichts. Das hat sich geändert. Maßstäbe für die TV-Renzension als achtbares Genre hat als einer der ersten Professor Walter Jens gesetzt, der viele Jahre lang in der Wochenzeitung „Die Zeit“ (unter dem Pseudonym „Momos“) das Bildschirmgeschehen kritisch begleitete. Es ist nicht das geringste Verdienst des Mannes, der heute 70 Jahre alt wird.

In seiner Wahlheimatstadt Tübingen hatte der Sohn eines Hamburger Bankiers bis 1988 den Lehrstuhl für Rhetorik inne. Das Wort „Rhetorik“ hat hierzulande einen schlechten Klang. Man argwöhnt, es gehe nur um schönes Wortgeklingel. Jedoch: Die Kunst der wohlgesetzten Rede zu veredeln und zu verbreiten – welch‘ eine notwendige Anstrengung in einem Land wie Deutschland. Man muß nur eine durchschnittliche öffentliche Ansprache hören und weiß Bescheid.

Als jemand, der wahrlich gut sprechen kann, hört sich Jens – verzeihliche menschliche Schwäche – recht gerne selbst reden, er genießt eben seinen eigenen Vortrag. Auch den Wohlmeinenden kommt er dann manchmal etwas penetrant vor, wie ein Besserwisser und Oberlehrer. Damit muß und kann er leben.

Es ging und geht Jens nie um die bloße Form der Rede. sondern um Inhalte. Er ist wohl das, was man einen Radikaldemokraten nennt. Viele beklagen oder bejubeln den „Tod der Aufklärung“. Doch Jens besteht darauf, daß die moralischen und freiheitlichen Ansprüche der Aufklärung endlich eingelöst werden. Oft hat er sich mit unbequemen Anmerkungen zu Politik und Kultur in der Bundesrepublik zu Wort gemeldet; manchen zum Verdruß, anderen zur Labsal.

„Feldzüge eines Republikaners“ heißt eines seiner Bücher. Manchmal beläßt er es (ähnlich wie seinerzeit Heinrich Böll) nicht beim verbalen Widerstand, sondern zieht handelnd zu Felde: So war der überzeugte Pazifist 1984 bei der Sitzblockade vor dem US-Raketendepot in Mutlangen dabei. Und so verbarg er US-Soldaten, die nicht am Golfkrieg teilnehmen wollten, in seiner Wohnung. Eine Haltung, die selbst dann Respekt abnötigt, wenn man seine Meinung nicht teilt. Sie ist mit persönlichem Risiko verbunden.

Der hochdekorierte Jens (Lessing-Preis, Heine-Preis usw.) hat den Acker der Sprache allseits gepflügt: Er ist nicht nur Redner, sondern auch Schriftsteller, Literaturhistoriker, Rezensent und Übersetzer. Mit dem Weggefährten Hans Küng, dem kritischen Katholiken, arbeitet der Protestant Jens seit Jahren an einer zeitgemäßen Übertragung des Neuen Testaments.

Auch im gesetzteren Alter ist Walter Jens kein bißchen leise. So empörte er sich kürzlich über einen Beitrag der Zeitschrift „Sinn und Form“, herausgegeben von der immer noch selbständigen Ostberliner Akademie der Künste. Dort hatte man unkommentiert einige Passagen aus Tagebüchern von Ernst Jünger gedruckt. Schon beim bloßen Namen des oft als kriegslüstern gescholtenen Autors von „In Stahlgewittern“ muß Jens rot gesehen haben. Er las den Abdruck als „gefährliches Symptom“ einer neuen nationalkonservativen Strömung und einer „unheiligen Allianz“. Seine Befürchtung: Die deutschen Intellektuellen könnten sich wieder einmal dubiosen Autoritäten hingeben. Man darf das nicht einfach als Hirngespinst abtun, da doch selbst ein Mann wie der Dramatiker Botho Strauß den Weltgeist neuerdings wieder „rechts“ wehen sieht.

Als Präsident der Berliner West-Akademie der Künste ist Walter Jens auch in die Wirren der deutschen Vereinigung geraten. In der Stasi-Debatte empfahl er, auch nach den Teil-Bekenntnissen von Christa Wolf und Heiner Müller, „Behutsamkeit, Nachsicht und Erbarmen“. Er meinte damit kein Verleugnen, sondern schlichte Menschlichkeit.

                                                                                                            Bernd Berke




„Sprachtelefon“ weiß Rat: Wo muß das nächste Komma stehen?

Von Bernd Berke

Im Westen. Wo setze ich bloß das nächste Komma? Schreibt man dieses Wort nun klein und zusammen? Muß es hier „daß“ oder „das“ heißen? Was ist ein „Schalander“?

Fragen über Fragen zur deutschen Sprache. Doch jetzt kann Ratsuchenden geholfen werden, denn ab nächsten Montag gibt’s ja in Essen das „Sprachtelefon“, die erste Einrichtung dieser Art im Revier. Am Apparat meldet sich Evangelia Karagiannakis (30), in Deutschland geborene Tochter griechischer Eltern. Zweisprachig aufgewachsen, wurde sie so wortbewußt, daß sie in Bonn Germanistik studierte. Nun betreut sie – vorerst als ABM-Kraft – das Sprachtelefon. Schon in der Testphase, als die Rufnummer noch kaum bekannt war, läutete es sehr oft.

Die eingangs genannten Zweifelsfragen wurden wirklich schon gestellt. Die meisten Anrufer saßen gerade vor ihren Texten und wußten nicht mehr weiter. Da konnte die Germanistin also gleichsam „Erste Hilfe“ leisten. Sekretärinnen riefen ebenso an wie Werbetexter, Lehrer, Studenten und Journalisten.

Die wahrhaft kniffligen Fragen hatten freilich wißbegierige Privatleute. Bei jenem geheimnisvollen „Schalander“ mußte auch Frau Karagiannakis, die sonst meist aus dem Stegreif antworten kann, erst einige Bücher wälzen. Sie fand, daß es sich um das Fachwort für den Pausenraum einer Brauerei handelt. Andere Anrufer fahndeten nach der Quelle einer Redensart („einen Bären aufbinden“) oder wollten zum Beispiel wissen: „Stimmt es, daß es im Deutsehen nur vier Wörter gibt, die auf -nf enden?“

Normierte Hochsprache erst durch Radio und Fernsehen verbreitet

Initiator des Sprachtelefons ist der Essener Germanistik-Professor Karl-Diefer Bünting, der 1990 (in seinem Buch „Grammatik null Problemo“) den zotteligen Fernsehstar Alf als Deutschlehrer einsetzte. Bünting erinnert daran, daß die normierte Hochsprache erst wirklich weit verbreitet sei, seit es Radio und Fernsehen gibt. Zwar sei der Duden bei der Rechtschreibung maßgeblich, nicht aber in Sachen Grammatik. Ob etwa das Wörtchen „wegen“ mit Dativ oder Genitiv einhergehe, darüber streiten sich die Experten. Die immer wieder diskutierte Sprachreform – generelle Kleinschreibung – läßt Bünting kalt: „Auch dann werden wir nicht arbeitslos.“

Unterdessen überlegt der Professor schon, wie er weiteres Geld für sein Sprachtelefon auftreiben kann. Eine Möglichkeit: Die Sache könnte mit einer einschlägigen Buchedition verknüpft werden.

Gar nicht so abwegiger Tipp: Vielleicht sollte die Bundespost/Telekom als Sponsorin auftreten. Schließlich wird sie nicht schlecht am Sprachtelefon verdienen.

Sprachtelefon: 02 01/183-42 55. Ab Montag, 15. Februar. Wochentags 10—12.30 Uhr, donnerstags zusätzlich 14-16 Uhr. Alle Auskünfte am Sprachtelefon sind kostenlos.

 




Ernst Jandl: Auch das Obszöne ist bodenlos traurig

Von Bernd Berke

Wenn Ernst Jandl zu öffentlichen Lesungen erscheint, kommen Zuhörerscharen wie sonst nur bei Popgruppen oder Opernstars. Es wird „Kult“ mit ihm getrieben.

Dem scheint er sich mit seinem neuen Gedichtband „Stanzen“ (Bezeichnung einer Strophenform) zu entziehen. Der Umschlag ist sinnigerweise in der Mitte gelocht, also ausgestanzt. Die Texte muß man sich, einem Wörterverzeichnis zum Trotz, erst einmal erarbeiten. Jandl hat seine Vierzeiler in einer – dem Niederösterreichischen entlehnten – Kunst-Sprache verfaßt, die abermals eher vorgesprochen als still gelesen sein will. Kostprobe samt Übertragungs-Versuch:

de schritt im fuazima / woan ned fun dia / glei bina aussä / s woitat kaana zu mia

(die schritte im Vorzimmer / waren nicht die deinen / gleich bin ich hinaus / doch es wollte keiner zu mir).

Dies Beispiel ist im Original noch relativ gut zu verstehen, bei anderen tut man sich schwerer. Dennoch ahnt man schon hier. welch einen Sprachverlust jeder „Übersetzung“-Versuch zwangsläufig bedeutet. Diese Differenz kennzeichnet Jandls Gedichte zugleich als wahrhaftige Sprach-Kunstwerke. Ohne Form ist hier der Inhalt nichts.

Jandl bewegt sich auf grenznahem Pioniergelände der deutschen Sprache. Er nutzt dabei eine volkstümliche Form für zuweilen derbkomische, im Grunde aber gar nicht so „volkstümliche“ Mitteilungen. Es geht nämlich unterschwellig fast immer um Alter,  Einsamkeit, körperliche Hinfälligkeit, Todesnähe. Verzweiflung ist der Grundton.

Selbst die auf den ersten Blick läppischen Sexual- und Anal-Scherze sind in diesem Zusammenhang bodenlos, auch das Obszöne kann hier jederzeit in Depression und Bitternis umschlagen. Der Kunst-Dialekt bewahrt gleichermaßen das dumpfe Brüten, ja die Brutalität der Mundart, aber auch ihren schlagenden Witz.

Das alles ist, um paradox mit einem Titel von Thomas Bernhard zu reden, „einfach kompliziert“, also scheinbar simpel und in Wahrheit schwierig. Dann und wann mischen sich auch hochdeutsche und englische Sprachbrocken hinein. Jandl mischt Elemente von Jazz und Rock, Rap-Gesang, Volksmusik und Bauerntheater. Er deutet dies im Anhang an, wenn er sein Verfahren erläutert – ein Umstand übrigens, der zeigt, wie sehr Jandl auf das Handwerkliche der Sprachgestaltung Wert legt. Er hat da nichts zu verbergen und braucht keine wolkige Geheimnistuerei.

Ernst Jandl: „Stanzen“. Luchterhand Literaturverlag. 150 Seiten, 48 DM (limitierte Auflage).




Grenzgänge zwischen Wörtern und Bildern – Ausstellung „In other words“ im Ostwall-Museum

Von Bernd Berke

Dortmund. Am Anfang war das Wort. Oder waren die Bilder doch vorher da? Gleichviel: Derlei Uralt-Fragen müssen wir nicht lösen, um uns mit Buchstaben-Gebilden der Kunst zu befassen. Für die neue und sehr interessante Ausstellung des Dortmunder Ostwall-Museums genügt zunächst der wache Blick.

Später kann man dann z. B. auch ein Englisch-Wörterbuch zu Rate ziehen, denn die meisten der Text-Bilder sind in dieser Sprache „abgefaßt“. Zehn der 13 vorgestellten (und teils recht prominenten) Künstler(innen) stammen aus den USA oder leben dort. Dort hatte Anna Meseure vom Ostwall-Museum auch die Idee zu dieser Präsentation, dort fiel ihr auch der Titel ein: „In other words“ (Mit anderen Worten).

Die bildhaften Sprach-Inszenierungen reichen vom Lachreiz (Richard Prince mit Witztexten auf einfarbigen Untergründen) bis zur vertrackten Philosophie, von plakativen Wörterlandschaften bis in jene Grenzbezirke, wo das Bild in „konkrete Poesie“ übergeht. Den Hauptstrang der Auswahl benennt das Schlagwort Konzept-Kunst. Dieser kopfbetonten Richtung, die sich neuerdings wieder besser gegen entfesselte Malwut behauptet, ist die Kunst-Idee allemal wichtiger als deren Ausführung in Werkgestalt.

In Dortmund steht freilich nicht die radikale Richtung der Konzept-Kunst zur Debatte, die sich mit Einfâllen beschied. Auffallend: Fast alle Künstler (Ausnahme: Ben Vautier) bedienen sich nicht der Schreibschrift, sondern unpersönlicher Formen wie etwa des Druckes oder gar der elektronischen Darbietung. Zeichen der Entfremdung?

Für plakatives, aber gleichwohl hintersinniges Vorgehen steht Les Levine, der zusätzlich reale Plakatwände im Stadtgebiet gestaltet hat. „Hasse dich selbst“, „Verführe dich selbst“ – solche Botschaften prangen einem da wie Werbung entgegen, intimste Regungen öffentlich machend.

Strenger und recht nah bei der Sprachwissenschaft (Linguistik) angesiedelt, sind die Arbeiten von Thomas Löcher, der Wortfelder zur eigenständigen Ordnungswelt/Weltordnung „stapelt“ oder auflistet – Sprache als reines Denksystem. Sprache aber auch als Lebens-Zeichen: On Kawara schickte aus verschiedenen Weltecken Ansichtskarten oder Telegramme: „I’m still alive“ (Ich lebe noch), lautet die lakonisch-postalische Mitteilung.

Mit Neonröhren stellt Maurizio Nannuci seine Kunstschriften in den Raum. Sie kriechen als Wortschlangen am Boden oder deckenwärts, sie erstrahlen als abstrakte Vierecke an der Wand, wobei der eigentliche Wortlaut aus Farblinien erst errätselt werden muß. Nancy Dwyer formt Lettern zu hohen, röhrenartigen Blöcken: „Your Face“ (Dein Gesicht) steht da wie ein ehernes Monument der Meditation.

Die früheste Arbeit stammt von Joseph Kosuth und verschränkt irritierend drei Ebenen der Realität: „One and three chairs“ (1965) besteht aus der wortwörtlichen Lexikon-Definition eines Stuhls, einem echten Stuhl und dem Foto eines Stuhls.

Übrigens: Endlich wieder eine veritable Kunst-Ausstellung im Ostwall-Museum und kein kulturhistorischer Exkurs! Letzteres gehört (wofür man sich am Ostwall auch stark machen will) ins Museum für Kunst und Kulturgeschichte an der Hansastraße.

(Bis 15.10., di-so 10-18 Uhr, Katalog 38 DM).




Warum Norbert Blüm die Schriftsteller beneidet – Diskussion über Sprache in Literatur und Politik

Von Bernd Berke

Düsseldorf. „Im Zentrum steht vielmehr der Dialog als Prozeß, in den sich jeder einbringen kann.“ Bekenntnis einer Selbsterfahrungs-Gruppe? Nein, das Zitat stammt aus einer Einladung der CDU. Die Christdemokraten baten zu einer prominent besetzten Kulturdiskussion in die Düsseldorfer „Rheinterrassen“, als Moderator fungierte Geert Müller-Gerbes (Talkmaster von RTL plus). Motto, ganz ohne Fragezeichen ausgedruckt:„Sprachlos: Politik und Literatur“.

„Kritikerpapst“ Marcel Reich-Ranicki argwöhnte gleich zu Beginn, „daß wir hier in den Wahlkampf eingespannt werden“. So sei es doch bisher immer gewesen: Nach dem Urnengang hätten die Parteien die Kultur sehr bald wieder ignoriert. Reich-Ranicki: „Aber heute wird uns sicher wieder gesagt, wie sehr diese Partei die Literatur liebt.“

Ihm gegenüber saß der, der sich angesprochen fühlen mußte: Norbert Blüm, Arbeits-und Gesundheitsminister sowie Vorsitzender der CDU in NRW. Blüm wich der Attacke aus, und zwar mit dem Knabber-Sprachbild, das er so gern benutzt: „Ich liebe die Literatur nicht. Manchmal geht sie mir sogar auf den Keks“. Warum? Nun, Geist und Macht ließen sich nicht vorschnell versöhnen. Die schreibenden Intellektuellen seien immer stärker im Kritisieren gewesen als im Bejahen. Das sei zwar ihre Rolle, die man akzeptieren könne, aber: „Manchmal werde ich da ein bißchen neidisch“. Denn ein Politiker müsse viel genauer auf Konsequenzen seines Redens und Tuns achten als ein Literat. Reich-Ranicki hatte das passende Böll-Zitat zur Hand: Der Schriftsteller müsse mitunter „zu weit gehen, um zu sehen, wie weit er gehen kann“.

Die Frage des Abends brachte Düsseldorfs Schauspiel-Intendant Völker Canaris auf den Punkt: Öffentliche Politiker-Sprache richte sich oft gar nicht mehr an den Zuhörer, sie sei vielfach zur puren Selbstdarstellung verkommen und geeignet, Realität zu verschleiern. Blüm räumte ein, daß die Politik Schaden nehme, wenn sie sich zu sehr von Alltags- und Literatursprache abkapsele. Aber: In den bestenfalls 90 Sekunden langen Fernseh-Statements könne ein Politiker auch nur schematisch reden. Komplizierte Entscheidungswege seien da kaum darstellbar, man müsse sich auf Resultate beschränken. Canaris: „Aber ihr Politiker erweckt doch den Eindruck, als könntet ihr in 90 Sekunden alles erklären“. Statt zur Schau getragener Selbstgewißheit wünsche er, Canaris, daß Politiker öfter mal Hilflosigkeit oder Angst eingestünden. Außerdem fehle die Dimension der Utopie, fehlten Visionen in der politischen Rede. Hier habe die Literatur eine wichtige Funktion.

Doch auch die Literatur, wortkarg vertreten durch Gabriele Wohmann („Ich weiß zu wenig über das Thema“), blieb nicht ungeschoren. Kritiker Reich-Ranicki: „Es ist schon viel politischer Unsinn aus Autoren-Federn geflossen“. Amt der Literatur sei es ja auch eher, „besser zu formulieren“. Blüm pflichtete bei: Er könne keine „höhere Autorität“ der Schriftsteller auf politischem Felde anerkennen.

Zu einem kleinen Eklat kam es, als Reich-Ranicki die „Unverantwortlichkeit“ von Literatar ausgerechnet am Beispiel Kurt Tucholskys verdeutlichen wollte: Tucholsky habe zu jenen gehört, die das Ende der Weimarer Republik herbeigeschrieben hätten. Volker Canaris: „Die Republik ist doch wohl von ganz anderen zerstört worden“. In einem war man sich dann wieder einig: Politiker müssen keine Literatur-Experten sein. Reich-Ranicki: „Bei meinem Arzt ist es mir ja auch lieber, wenn er Fachzeitschriften liest, als Rilke“.




„Denkmalschutz“ für das Sauerländer Platt – Wörterbuch-Autoren zu Besuch bei der Rundschau

Eigener Bericht

Arnsberg/Dortmund. (bke) „Roter Hund, raus!“ – ein Testsatz, der es in sich hat. Auf Sauerländisch Platt lautet er: „Räoe Ruie riut!“ Wer die halsbrecherische Folge kehliger R’s und die Diphtonge (Zwielaute wie „äo“ oder „iu“) nicht einwandfrei hinbekommt, der kann auch kein „Platt“ – zumindest nicht die kurkölnisch-sauerländischen Variante, wie sie im Hochsauerlandkreis und im Kreis Olpe „gekuiert“ (gesprochen) wird.

So richtig können es ja eigentlich nur noch die Alteingesessenen. Vor allem ältere Mitarbeiter waren es auch, die, auf Anregung des Sauerländischen Heimatbundes, von 1982 bis 1988 die Fleißarbeit für ein „Plattdeutsches Wörterbuch für das kurkölnische Sauerland“ leisteten. Das Ende 1988 erschienene Buch (Strobel-Verlag, Arnsberg, 272 Seiten; 24,80 DM) hat Erfolg. Die Startauflage von 1500 Stück war im Nu ausverkauft, jetzt ist die zweite im Handel. Zwei eifrige Zulieferer des Wörterbuchs, Dr. Maria Rörig und Ludwig Klute, bei ihrem Besuch im Dortmunder Rundschau-Haus: „Der Band ist wirklich ins Volk gegangen“.

Zwar hat die Kommission für „Mundart- und Namenforschung Westfalens“ (Münster) die rund 5000 Worte wissenschaftlich überprüft; doch das Resultat ist kein trockener Germanisten-Stoff. Dafür sorgt schon die Auflockerung durch Fotos und Redewendungen. Ludwig Klute: „Ganze Familien blättern gemeinsam in dem Wörterbuch.“

In den Wortkolumnen findet man viele Beleg-Sätze für die oft drastische Komik der Mundart. Maria Rörig charakterisiert Sauerländer Platt als besonders wortmalerisch. Im Unterschied zum bedächtigen Münsterländisch wirke das Sauerländische lebendiger, beweglicher – „wie eine Quelle, von denen diese Region so viele hat“. Daß Sauerländer gern foppten und Schabernack trieben, hat sich in die Mundart „eingeschrieben“. Ein Beispiel für die derbe Bildkraft: Den Umstand, daß eine junge Frau im Haus Männer anzieht, beschreibt eine Redewendung so: „Bai siek ne Hitte imme Hiuse höllet, matt leyen, dat de Bock düört Finster keyket“ — Wer eine Ziege im Haus hält, muß dulden, daß der Bock durchs Fenster (herein)schaut.

Sprachlich näher an Holland als am Siegerland

Eine Grenze zieht Ludwig Klute: „Wir haben sprachlich mehr mit Holland zu tun als mit dem Siegerland.“ Sauerländer Platt hat allerdings seinerseits etliche Spielarten. Beispiel „Braut“: Dem Wörterbuch zufolge sagt(e) man in Arnsberg-Sundern „Bruie“, in Brilon „Bröit“, in Elspe „Bröut“, in Schmallenberg „Bröüt“, in Attendorn und Olpe „Brut“ (mit langem „u“), in Olpe auch „Brüe“, in Balve „Bruite“…

Auch Maria Rörig (aus Endorf) und Ludwig Klute (aus Allendorf) mußten feststellen, daß sie als Kinder verschiedene „Platts“ gelernt haben. Das Wörterbuch solle jedoch auch zur Überwindung des Kirchturmdenkens beitragen. Da „Platt“ keine wirklich lebendige Sprache mehr sei und jüngere Leute es höchstens noch „streypelig“ (mit Hochdeutsch vermischt) beherrschten, gelte es „zu retten, was zu retten ist“. Der (sprach)-denkmalschützerische, konservatorische Aspekt steht also im Vordergrund.

Immerhin, so Maria Rörig, gebe es Anzeichen für eine Rückbesinnung („Platt“-Messen, Lesewettbewerbe usw.). Falsch sei es jedenfalls, die Mundart künstlich wiederzubeleben, indem man den Duden Wort für Wort in ein synthetisches Platt übertrage und Begriffe wie „Computer“ einschließe. Für das Wörterbuch ist man umgekehrt vorgegangen: Aufgrund bestehender Wortlisten wurde das tatsächlich gesprochene Platt ermittelt. Maria Rörig: Man habe gleichsam ein echtes Fachwerkhaus restauriert, statt es bloß nachzubauen.

So wird das Wörterbuch zum „Wort-Museum“, zum authentischen Dokument alter Volkskultur. Wenn Maria Rörig und Ludwig Klute von und auf Platt erzählen, kommen sie schnell auf alte sauerländische Originale und „Dönekes“ zu sprechen. Auch erschließt Platt die versunkene Lebenswelt der früheren Landwirtschaft und des einfachen Handwerks.




„Ruhrdeutsch“ wird aufgewertet – Tagung in Duisburg

Von Bernd Berke

Duisburg. „Ruhrdeutsch“, von dem selbst hochkarätige Wissenschaftler noch nicht so recht sagen können, ob es sich dabei um einen Dialekt handelt oder nicht, ist Thema einer Fachtagung, die gestern an der Universität Duisburg begonnen hat. Noch nie war das Thema in dieser Intensität Gegenstand einer wissenschaftlichen Diskussion.

Der Duisburger Germanistik-Professor Arend Mihm, der der WR einige Thesen der Ruhr-Mundartforschung erläuterte, wird als Tagungsleiter zusammen mit neun Kollegen aus dem Revier, dem Rheinland und Heidelberg die hiesige Mundart analysieren. Ein Tagungsteilnehmer reist sogar aus Gent an.

Was andernorts schon vor etwa 100 Jahren unternommen wurde, nämlich eine eingehendere Beschäftigung mit dem jeweiligen Heimatdialekt, kam an der Ruhr nur schleppend in Gang. Grund: es gab bis in die 60er Jahre keine Universitäten in dieser Gegend, die sich des Idioms hätten annehmen können. Außerdem wurde „Ruhrdeutsch“, obgleich als Mischsprache schon näher am erstrebten Hochdeutschen als das vorher gängige südwestfälische „Holzschuhdeutsch“, von Anfang an vielfach als „Proletensprache“ verunglimpft. Bemerkenswert, daß dies innerhalb der Region sogar noch mehr der Fall ist als in anderer Landstrichen. Prof. Mihm zur WR: „Viele haben hier ein schlechtes Gewissen, wenn sie diese Sprache verwenden. Dabei tun sie es eigentlich gern.“ Selbst Studenten, des Hochdeutschen in der Regel mächtig, verfielen außerhalb der Seminare in heimische Diktion, denn „das vermittelt mehr Vertrautheit, Entspannung und Solidarität als formvollendete Hochsprache“.

Prof. Mihm tritt einer weitverbreiteten Meinung entgegen: „Ruhrdeutsch ist kaum von der polnischen Sprache beeinflußt worden“, dementiert er. Nur einzelne Wörter, wie etwa „Mottek“ (Hammer) hätten sich gehalten, „und auch die kennt heute nur noch jeder Zweite“. Die Zuwanderung aus dem Osten in der Industrialisierungsphase des 19., Jahrhunderts, zugleich Geburts-„Stunde“ der Revier-Sprache, habe kaum mehr Spracheinfluß gezeitigt als heute die Anwesenheit türkischer Gastarbeiter. Die polnischen Einwanderer seien im Gegenteil sehr rasch auf „Deutsch“ getrimmt worden. Es habe im letzten Jahrhundert eine „antipolnische Hysterie“ und rigorose „Germanisierungsprogramme“ gegeben.

Ohne Komplexe „Fahkahte“ sagen

Obwohl „Ruhrdeutsch“ erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit existiert, bildeten sich schon bald markante Unterschiede von Stadt zu Stadt heraus, ja, in den größeren Städten hat die Sprache am einen Ende sogar oft eine andere Färbung als am entgegengesetzten.

Die Duisburger Zusammenkunft soll dazu beitragen, daß Ruhrdeutsch aus seinem –verglichen mit anderen Mundarten – Mauerblümchen-Dasein herauskommt. Prof. Mihm: „Die Wissenschaft muß diese Sprachform endlich genau so ernst nehmen wie jeden anerkannten Dialekt.“ Auch für den Deutsch-Unterricht ergäben sich aus dieser Aufwertung Konsequenzen: Zwar bleibe das Erlernen des Hochdeutschen weiterhin Ziel der pädagogischen Anstrengungen, doch solle „kein Schüler Komplexe bekommen, weil er ,Fahkahte‘ statt ,Fahrkarte‘ sagt“. Das täten nämlich praktisch alle Leute, die hier länger wohnen. Solange die Rechtschreibung dadurch nicht heillos durcheinander gerate, könne man ruhig beim mündlichen Ruhrdeutsch bleiben.

Von der Expertentagung soll auch die Öffentlichkeit etwas haben. Zwar wollen die Gelehrten beim Kolloquium unter sich bleiben, doch findet heute Abend, 20 Uhr, in der Duisburger Stadtbibliothek (Düsseldorfer Straße 5) eine Podiumsdiskussion statt. Neben Prof. Mihm nehmen der Mundart-Schriftsteller Ernst Frank sowie Presse- und Rundfunkvertreter daran teil.