Westfälische Ortsansichten sogar in New York gefunden – Alte Stadtsilhouetten erscheinen in zehn Bänden

Von Bernd Berke

Im Westen. Im Museum von Växjo (Mittelschweden) gibt es ein Bild, das einen „Bärentanz“ zeigt. Im Hintergrund, kaum zu glauben, machten Kundige das Rathaus von Minden/Westfalen aus. Auf solch entlegene Fundstücke kann man stoßen, wenn man seit 1976 landauf, landab nach alten westfälischen Stadtansichten gefahndet hat, wie im Auftrag des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) geschehen und nun mit einem ersten Band (Olpe/Hochsauerlandkreis) zur Veröffentlichungsreife gebracht.

Allein in Westfalens Gefilden mußte das kleine Team unter Leitung von Dr. Jochen Luckhardt 70 000 km an Dienstreisen absolvieren, um den Bildern „detektivisch“ auf die Spur zu kommen. 340 einschlägig bestückte Sammlungen wurden für „Westfalia Picta“ (Projektname) aufgetan, darunter viele (bis dato gar nicht erschlossene) Privat-Kollektionen. Nicht nur innerhalb der Landesgrenzen wurde man fündig, sondern z. B. auch in New York und Lissabon.

Rund 7500 westfälische Stadtansichten aus der Zeit zwischen dem 15. Jahrhundert und dem Jahr 1900 sind zusammengekommen. Sie werden 10 üppige Bände füllen, die nach und nach im Bielefelder Westfalen-Verlag erscheinen (je Band 98 DM). Nur Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein können bislang ähnliche Fleißarbeiten aufweisen.

Strikte Regel bei der Forschungsarbeit war es, möglichst immer an die Originale heranzukommen, um besser die Spreu von Weizen trennen zu können (und beispielsweise verfälschende Nachzeichnungen auszusondern).

Dortmund gehört zu den Städten, die am frühesten (um 1470) im Ansichtsbild festgehalten wurden – kein Wunder bei einer traditionsreichen ehemaligen Freien Reichsstadt. Von anderen Revierstädten wie etwa Gelsenkirchen gibt es hingegen erst nach 1800 Darstellungen. Vorher war Gelsenkirchen nur ein Dorf und seine Silhouette galt als nicht „bildwürdig“. Südwestfälische Ortschaften reizten die Künstler vergleichsweise früh zur Darstellung.

Neben zahllosen Gemälden, Stichen, Aquarellen und Graphiken gab es auch kuriose Ortsansichten, so etwa einen dreidimensionalen, im Vordergrund mit echten Baumblättern gefüllten Guckkasten mit dem Stadtbild von Hamm oder – typische, nirgendwo sonst vorgefundene Eigenart – Drahtgeflechte (Raumteiler) aus Hohenlimburg, in die auf kunstvolle Weise Ansichten der Stadt eingearbeitet wurden. Pfeifenköpfe, Porzellan, Gläser, Vasen – kaum ein Gegenstand, auf dem westfälische Städte nicht verewigt wurden.

Und so geht’s – nach der gestrigen Buchpremiere über Olpe und das Hochsauerland – weiter: 1987 erscheinen die Bände über den Ennepe-RuhrKreis, den Märkischen Kreis und Hagen (Band 2), über den Kreis Siegen-Wittgenstein (Band 3), über Unna und Hamm (Band 4). Es folgen Ostwestfalen und das Münsterland. Ganz zum Schluß, anno 1991, sind mit Band 10 die Revierstädte an der Reihe. Die Reihenfolge hat ihren Grund: Projektleiter Luckhardt stammt aus Gevelsberg und wollte mit Südwestfalen beginnen, weil er sich dort am besten auskennt.




Das doppelte Gesicht der Städte im Revier – Zwei Rheinländer auf Kunstreise durchs Ruhrgebiet

Von Bernd Berke

Essen. In Hagen erstiegen sie den Bismarckturm, in Dortmund begaben sie sich auf eine Anhöhe im grünen Süden der Stadt. An solch idyllischen Flecken breiteten die Künstler Jürgen Jansen (26) und Uwe B. Eßer (26) jeweils zwei exakt gleich große Leinwände aus und malten – von „ganz weit draußen“ – Stadtansichten, in punkto Perspektive vergleichbar mit alten Stadtansichten.

Jansen nahm sich stets die linke, Eßer die rechte Hälfte des Bildes vor. Bei solcher Arbeitsteilung kam es – auf ihrer Rundreise durchs Revier im Herbst ’85 – auch schon mal zu Diskussionen, in welcher Höhe denn zum Beispiel die Horizontlinie verlaufen solle. Sie einigten sich aber immer.

Einträchtig präsentieren sie jetzt auch das künstlerische Resultat ihrer Ruhr-Tour im Lichthof der Zentrale des Kommunalverbandes Ruhrgebiet (Kronprinzenstraße 35, Essen). Die Synchronbilder, aus Zeit- und Mobilitätsgründen mit schnelltrockender Acrylfarbe ausgeführt, laufen nicht auf Einebnung von Subjektivität hinaus. Obwohl beide Künstler nebeneinander arbeiteten und ihre Teilbilder einander abglichen, kommt doch der je besondere Blick deutlich zum Vorschein. Während bei Jansen die Szenerien eher in gewittrige Atmosphäre getaucht sind, wirken ein- und dieselben Orte auf Eßlers Bildhälften lichter und klarer, ja mitunter wie Ansichten aus Südeuropa. Die Städte bekommen so eine Art Doppelgesicht.

Wie schwer und langwierig es gewesen sei, die postkartenträchtigen Aussichten aufzufinden, wollen beide Künstler mit einem Videofilm von ihrer Kunstreise dokumentieren, der ebenfalls zur Ausstellung gehört. Da besteht das Revier hauptsächlich aus Asphalt, Lärmschutzzäunen, ödem Brachland und Starkstrommasten. Gründe für die beiden gebürtigen Rheinländer, nicht ins Herz der Städte zu gehen, sondern sie aus der Distanz abzubilden? Aus der Entfernung, so zeigt sich jedenfalls, gleichen sich die Stadtsilhouetten einander an, sie vermischen sich, werden vielleicht gar zu Bildern einer einzigen übergroßen Stadt.

Außer in Hagen und Dortmund machten die Künstler u. a. noch in Haltern, Essen, Bochum-Gerthe, Hattingen, Wetter und Witten Station. Hamm und Unna freilich kamen nicht in Frage. Diese Städte boten, weil nach Ansicht der Künstler „zu flach“ gelegen, keine lohnenden Aussichtspunkte.




Evangeliar Heinrichs des Löwen in Braunschweig – teuerstes Kunstwerk der Welt erstmals ausgestellt

Von Bernd Berke

Braunschweig. Heinrich der Löwe (1129 bis 1195) bekommt jetzt in Braunschweig „Personenschutz“. Zwei Polizeibeamte flankierten schon gestern die Vitrine mit dem teuersten Kunstwerk der Welt – dem am 6. Dezember 1983 in London für rund 32 Millionen DM ersteigerten „Evangeliar Heinrichs des Löwen“. Jetzt, genauer ab Samstag, wird das kostbare Stück, um dessen Finanzierung es seinerzeit so viele Querelen gab, erstmals der breiten Öffentlichkeit gezeigt.

Grandioser Rahmen ist die niedersächsische Landesausstellung „Stadt im Wandel“ im Braunschweigischen Landesmuseum (Vieweghaus) und in der Burg Dankwarderode (dort befindet sich das Evangeliar). Sie zeigt mit weit über 1100 Exponaten einen überwältigenden Querschnitt durch Alltag, Kunst und Kultur zwischen 1150 und 1650 im norddeutsehen Raum.

Das um 1175 herum entstandene „Löwen“-Evangeliar, dessen Präsentation nicht die einzige, wohl aber die hervorstechende Sensation dieser Schau ist, wird hier in breiter Darstellung des Zeithintergrunds, als Dokument einer – das Wort sei gestattet – „Wende“ der deutschen Geschichte vorgeführt.

Da das Evangeliar ein (seinerzeit dem braunschweigischen Dom gestiftetes) Buch ist, können nur zwei der 31 Farbbilder aufgeschlagen gezeigt werden. Das wohl wichtigste zeigt die Krönung Heinrichs des Löwen unmittelbar durch Gottes Hand – wobei die beauftragte Werkstatt des Benediktinermönchs Heriman kurzerhand überging, daß Heinrichs Vetter, Friedrich I. (Barbarossa), dazumal Kaiser war.

Die seit 1979 vorbereitete, 10 Millionen DM teure Ausstellung als Ganzes ist natürlich auch aller Rede wert. Noch nie wurden beispielsweise so viele religiöse Kunstwerke aus Norddeutschland zusammengetragen wie hier. Leihgaben aus aller Welt, darunter auch ein Bronzekruzifix (1120) aus dem Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte, machen es möglich.

Vom Spitzenkunstwerk bis zur scheinbaren Banalität (Dokumentation der Wasserversorgung einer mittelalterlichen Stadt) wird hier ein denkbar breites Panorama der Entwicklung von den frühen Stadtgründungen bis zur Zeit des Westfälischen Friedens ausgebreitet.

Hier ein grober Überblick: Sechs Abteilungen gliedern die riesige Fülle der Exponate. Am Beginn steht die Entwicklung der Städte, die wiederum in sieben Stadttypen untergliedert ist. Für diesen Teil wurden eigens einige Stadtmodelle neu gebaut. Alte Ansichten und Stiche veranschaulichen die zeitgenössische Sicht. Auch gemalte Szenen der christlichen Heilsgeschichte verraten manches über die Struktur mittelalterlicher Städte, da die Künstler das biblische Geschehen oftmals in ihre eigenen Umgebung verlegten.

Die zweite Abteilung gewährt einen Einblick in „Haus und Familie“. Ganze Ensembles, so die Wohnung eines Zinngießers aus Göttingen, vermitteln hier greifbares Ambiente. Hausrat, Kleidung und Schmuck sind weitere Stichworte dieser Abteilung. Aber auch Phänomene wie der Pesttod und Armut der Bevölkerung werden nicht ausgespart.

„Frömmigkeit und Bildung“: Vom Wallfahrts- und Pilgerwesen bis hin zum Tintenfaß wird das ganze Feld der zunächst kirchlich geprägten, dann zunehmend weltlichen Bildung abgeschritten. Für Revierbewohner interessant: Der Bergbau im Harz ist einer der Schwerpunkte der Abteilung „Handwerk und Handel“. Werkzeuge, Planzeichnungen und Produkte runden das Bild aus diesem Lebensbereich ab.

Die Abteilung „Rathaus und Politik“ widmet sich Bereichen wie Archivführung und Justiz, zeigt aber auch prachtvolles Ratssilber. Endpunkt und wohl auch Höhepunkt ist schließlich die „kirchliche Kunst des Mittelalters“. Reliquienbehälter, spätgotische Skulpturen, Ausstattungen von Altären und Buchmalereien des 12. und 13. Jahrhunderts sind hier zu finden.

Die Ausstellung dauert bis zum 29. November (täglich 10 bis 19 Uhr, freitags 10 bis 22 Uhr). Zwei Katalogbände 75 DM / zwei Aufsatzbände 61 DM / Kurzführer 10 DM.




Neuer Atlas stellt das Revier ohne Vorurteile dar – Kommunalverband schickt auch ein Exemplar an Lothar Späth

Von Bernd Berke

Essen. Im Jahr 1840 war alles ganz anders: Als im Ruhrgebiet noch Schafe grasten, machte sich im Märkischen Sauerland bereits die Industrialisierung bemerkbar. Damals bestand Oberhausen noch aus einem Gutshof, und Gelsenkirchen zählte ganze 600 Seelen.

Diese erstaunliche Fakten und weit mehr macht jetzt ein Ruhrgebiets-Atlas transparent – im wahrsten Wortsinn. Auf 28 durchsichtigen Folien wird das Revier in kartographisehen Übersichten dargestellt. Die Idee wurde geboren, als immer mehr Lehrer Kritik am herkömmlichen Unterrichtsmaterial übten, in dem das Ruhrgebiet schlechter als andere Gegenden behandelt werde.

Der jetzt vom Kommunalverband Ruhrgebiet (KVR) und einem Bielefelder Verlag als jederzeit ergänzbarer Ringbuchordner herausgebrachte Folienatlas soll also vor allem im Schulunterricht einen vorurteilsfreien Umgang mit dem größten Industriegebiet Europas erleichtern. Aber auch Bibliotheken und Volkshochschulen sollen sich der projizierbaren Folien bedienen.

„Nur vereinzelte Daten“ zur Umweltbelastung

Eingeleitet wird das Werk mit einem Satellitenbild. Die Region aus Weltraumperspektive, inklusive Dunstglocke. Es folgen, jeweils durch Wortbeitrage erläutert, Karten zur historischen Entwicklung, zur natürlichen Gliederung, zum Straßen- und Eisenbahnnetz, über Wasserversorgung, Bevölkerungsentwicklung, Industriestandorte, Kultur- und Freizeiteinrichtungen. An eine Übersicht in Sachen Umweltbelastung wagte man sich allerdings nicht. Begründung: Es stünden dazu nur vereinzelte Daten zur Verfügung.

Durch beliebige Kombinierbarkeit sind die Folien papiernen Atlanten überlegen. Zwei Folien ergeben, übereinander gelegt, etwa den augenfälligen Zusammenhang zwischen Bergbau und Stromversorgung.

Der vom KVR subventionierte, 198 DM teure Ordner wird (bei geringen Schuletats ist Vorsieht geboten) mit einer Auflage von 500 Stück gestartet. Das Ziel, mit diesem Band das Revier auch jenseits der NRW-Grenzen in günstigerem Licht zu zeigen, wird sich so vorerst kaum realisieren lassen.

Immerhin, so KVR-Direktor Dr. Jürgen Gramke gestern in Essen, soll auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth ein Gratis-Exemplar bekommen. Nachhilfe für den Landesvater, der in Japan das Revier als „sterbende Region“ madig machen ließ?




50 Künstler wollen Grenzen im Revier aufheben

Von Bernd Berke

Im Westen. Die Ruhr solle wohl nicht umgeleitet werden, aber sonst sei eigentlich „alles denkbar“. Thomas Rother, einer der Anreger des großangelegten Revier-Projekts „Grenzüberschreitung“, will den Spielraum der Phantasie nicht vorzeitig einengen und hofft auch auf Vorschläge aus der Bevölkerung.

So wurden denn beim gestrigen Künstlertreffen auf dem Gelände der stillgelegten Zeche Carl in Essen-Altenessen gerade die ersten Umrisse des Vorhabens deutlich. In den „Grauzonen des Reviers“, da wo eine Stadt in die andere übergeht, wollen ungefähr 50 Künstler aus dem ganzen Ruhrgebiet (u.a. aus Dortmund, Lünen, Selm und Bergkamen) „Grenzen überschreiten“ – Grenzen sowohl zwischen den Revierstädten als auch Grenzen in der Kunst.

Unterstützt werden sie vom Kommunalverand Ruhrgebiet und dem Verein pro Ruhrgebiet, der Spenden für die einzelnen Aktionen locker machen und bei rechtlichen Problemen helfen will. Vor allem Fragen baurechtlicher Art könnten sich stellen. Um nämlich die als künstlich empfundenen Revier-Grenzziehungen bewußt zu machen, will man sie eventuell sogar mit echten Brücken überwinden.

Eine der Zielsetzungen: Dem Revier, nachdem es die gemeinsame, identitätsstiftende Präsenz der Bergwerke verloren hat, ein neues, überörtliches Selbstbewußtsein zu verschaffen. Dabei soll, wie es hieß, die „Kaputtheit“ der Gegend, die ja auch ihre schönen Seiten habe, nicht unterschlagen werden.

„Spielerisch“ will man sich etwa auch mit unterirdischen Vernetzungen der Revierstädte (Bergwerksschächte, Kanalsystem) oder mit besonders sinnfälligen Grenzverläufen (z.B. trennende Jägerzäune zwischen Ortseingangsschildern) auseinandersetzen und damit „den Stadtplanern Anstöße geben“.




Revier-Lexikon ist nicht durchweg zuverlässig

Von Bernd Berke

Wer hat schon immer parat, daß der Schauspieler Heinz Drache in Essen geboren ist, daß Rudolf Platte aus Dortmund und der Groß-Verleger Gerd Bucerius aus Hamm stammt?

Und weiter: daß es schon 1925 ein Rundfunk-Landesstudio in Dortmund gab, daß in Bochum 1863 eine Shakespeare-Gesellschaft gegründet wurde, daß es im Revier ungefähr 4200 Sportplätze gibt, daß Sigi Held 422 Bundesliga-Einsätze für Borussia Dortmund bestritt?

Für alle, die schon immer besser übers Ruhrgebiet Bescheid wissen wollten, sollte es eine neue Informationsquelle und Gedächtnisstütze sein: das „Revier-Lexikon“ (326 Seiten, 24,80 DM), natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit und im Bielefelder Univers-Verlag erschienen. Von Aake (Frachtschiff der Ruhrschiffahrt im 18. und 19. Jahrhundert) bis Zymzicke („schnippische Person“) – der Band soll in (zu) knapper Form über Landschaft, Wirtschaft, Kultur, Sport, Städte und Menschen dieser Region Auskunft geben. Warum ist eigentlich bisher noch niemand auf diese Idee gekommen?

Auf einem anderen Blatt steht, wie der Einfall verwirklicht wurde. Herausgeber Alfred Lau, Ulrich Krause, leitender Redakteur, und ihr Team haben leider auch den begrenzten Rahmen nicht immer zur Zufriedenheit gefüllt. Die krause Mischung aus brauchbaren Informationen und schludrig aufbereiteten Stichwortartikeln läßt zwar hie und da Lesevergnügen aufkommen, aber es bleibt eher beim Vergnügen der unverbindlichen Art. Wäre man weniger gutwillig, könnte man sagen, daß hier die Grenzen zwischen seriöser Lexikondarstellung und unterhaltenden Teilen reichlich fließend sind.

Mit der Zuverlässigkeit, die man billigerweise gerade von einem Buch verlangen darf, das sich „Lexikon“ nennt, hapert es an zahlreichen Stellen. Nicht nur viele der mitgeteilten „Fakten“ über die Zeitungslandschaft des Reviers (bis hin zu Geburtsdaten) sind grundfalsch. Unsinnig z. B. auch die Behauptung, es habe im Mittelater „Schwerter aus Schwerte“, also Waffenschmieden in der Ruhrstadt gegeben. Solche groben Schnitzer sind einfach ärgerlich. Sie machen auch mißtrauisch gegenüber Informationen, die sich nicht unmittelbar nachprüfen lassen. Vor einer eventuellen zweiten Auflage muß dringend korrigiert werden. In der derzeitigen Form ist das Buch sein Geld nicht wert.

Im selben Verlag ist auch ein „Kleiner Kunst- und Kulturführer Ruhrgebiet“ (14,80 DM) erschienen. Durch die Beschränkung aufs Thema Kulturkann Autor Alfred Wolf mehr in die Details gehen als die Redaktion des „Revier-Lexikons“. Alphabetisch nach Städten geordnet, erweist sich der 144-Seiten-Band als nützlicher Führer durch den wahren „Dschungel“ an kulturellen Begebenheiten und Institutionen an Ruhr und Emscher. Dankenswerterweise werden nicht nur die „klassischen“ Sparten berücksichtigt, sondern auch Kabarett, „Alternativ“-Theater oder Rockmusik.




Künstler will 350 Kilometer langen Kreidekreis ziehen – Gunter Demnig kommt auch durch Dortmund und durchs Sauerland

Von Bernd Berke

Im Westen. „Spuren-Demnig“ ist ab Sonntag wieder unterwegs. Mit einer 350 Kilometer langen Linie aus Schlämmkreide“ (Titel: „Kreidekreis“) will Günter Demnig (35) binnen 14 Tagen eine abgezirkelte Spur um die Wuppertaler „Galerie Brusten“ ziehen.

Weil er sich dabei stets im 40-Kilometer-Abstand vom Kreismittelpunkt bewegt, wird er auch in Dortmund (Scharnhorst) und Iserlohn Kreide hinterlassen sowie an Altena, Lüdenscheid und Olpe vorbeikommen. Start und Ziel: der Kölner Kunstverein.

Demnig wird sein Plexiglaswägelchen, aus dem die Kreide (umweltfreundlich und bei trockenem Wetter eine Woche haltbar) rinnt, von Köln aus im Uhrzeigersinn durch die Lande schieben. Für den Kreidenachschub hat er Depots ausgeguckt, etwa Gaststätten am Streckenrand. Genächtigt wird im Zeit.

Was soll der Betrachter denken? Demnig will der Phantasie nicht vorgreifen, nennt aber Stichworte: „Meine Strecke ähnelt auf der Landkarte den Ziel- und Fadenkreuzen militärischer Planer.“ Mögliche Assoziation: Der Mittelpunkt als Ziel eines Angriffs, der Radius als Grenze der betroffenen Region. Gerade dieses abstrakte, lebensferne Szenario will Demnig, Assistent an der Kasseler Gesamthochschuie, durchbrechen, wenn er die „im Fadenkreuz“ liegenden Gegenden erwandert. Demnig: „Dabei löst sich die Abstraktion der Karte auf, und ich sehe eine konkrete Landschaft, begegne lebendigen Menschen.“ Solche Begegnungen will er auch zu Dokumentationszwecken nutzen; Neugierigen wird er seinen Fotoapparat in die Hand drücken. Das erspart Stativ und Selbstauslöser.

Demnig machte des öfteren mit aufsehenerregenden Spur-Gestaltungen von sich reden: So zog er 1981 eine „Blutspur“ von Kassel nach London und 1982 einen „Ariadne-Faden“ von Kassel nach Venedig. Relikte dieser Fern-Gänge sind ab morgen in der erwähnten Wuppertaler Galerie zu sehen.

Des Künstlers weitere Vorhaben für 1983: Im September schippert er mit einem polnischen Frachter nach New York und versenkt dabei mehrfach Flaschenpost im Atlantik. Antwort erbeten ans New Yorker Museum of Modern Art, das die Rückmeldungen sammeln will. Im November geht Demnig nach Köln und „hinterläßt besonders dauerhafte Spüren: Mit dem Brenneisen will er seine Signatur in den Schuhsohlen mutiger Interessenten verewigen. Etwaige Sorgen zerstreut er: „Das Brenneisen drückt zwar symbolisch Besitzergreifen aus, dringt aber nur 2 bis 3 Millimeter tief“.




Von einer hartnäckigen Linde und blitzschnellen „Blumen-Uhren“ – Kreis Kleve will weg vom Negativ-Image des „Schnellen Brüters“

Von Bernd Berke

Der Kreis Kleve hat Image-Sorgen. Allzu häufig, so meinen Offentlichkeitsarbeiter vom Niederrhein, hat allein der „Schnelle Brüter“ für (eher unrühmliche) Schlagzeilen gesorgt. Den Ruf des bloßen Sammelplatzes für Großdemonstrationen zu korrigieren, war denn auch der Zweck einer Pressefahrt, die das Amt für Wirtschaftsförderung des Kreises an der deutsch-niederländischen Grenze veranstaltete. Tenor: „Wir haben mehr zu bieten als teure Großtechnologie.“ Hier einige Eindrücke:

Wer auf dem Marktplatz von Kalkar steht, hat historischen Boden unter den Füßen. Die Pflastersteine sind dieselben, über die die Altvorderen im 16. Jahrhundert schritten. In jener Zeit wurde auch die ehrwürdige Gerichtslinde gepflanzt, die noch heute den Stadtmittelpunkt ziert. Eigentlich sollte der Baum schon längst gegen einen jüngeren „Nachfolger“ ausgetauscht werden, doch dank der Künste eines Nürnberger „Wunderdoktors“, der alljährlich heilsame Emulsion in den Stamm injiziert, hält sich die Linde immer noch.

Wenige Kilometer von diesem spätmittelalterlichen Idyll entfernt entsteht jenes Bauwerk, das nach Ansicht seiner Befürworter den Weg ins Jahr 2000 markiert: der „Schnelle Brüter“. Kalkars Stadtdirektor Rainer Jürgenliemk hält viel von dem Milliarden-Projekt, und das ist aus seinem Blickwinkel auch ganz verständlich, bringt doch der Koloß von Kalkar schon lange vor seiner Inbetriebnahme (frühestens 1986) einiges fürs Stadtsäckel. Rund ein Viertel der gesamten Gewerbesteuereinnahmen Kalkars kämen bereits jetzt von der Betreibergesellschaft des Nuklearriesen, die damit der bei weitem größte Steuerzahler des Städtchens sei – und das, obwohl von hier noch kein Kilowatt elektrischer Energie geflossen ist.

Kein Wunder also, daß der Verwaltungschef Proteste gegen das Mammut-Vorhaben beiseite wischt: „Die Bevölkerung unseres Kreises ist sowieso zu 95 Prozent neutral in dieser Angelegenheit“, meint er. Demonstranten kämen überwiegend von weither. Der „Brüter“ schaffe zunächst etwa 140, später dann 200 Arbeitsplätze. Stille Hoffnung: Jetzt könne sich Kalkar sozusagen am eigenen Schopfe aus dem Sumpf des Gemeinde-Defizits ziehen.

Rings um den neu 12 000 Einwohner-Ort Straelen findet man die dichteste Konzentration von Gewächshäusern im gesamten Bundesgebiet. Straelen selbst ist Schauplatz eines besonders farbenreichen Spektakels. Hier findet täglich die größte bundesdeutsche Blumenauktion statt. Etwa 15 Prozent aller in Westdeutschland umgesetzten Schnittblumen gehen hier den Weg vom Züchter zum Händler. Der Laie kann die hektische Auktion (1400 Verkäufe pro Stunde!) erst richtig verfolgen, wenn er sich mit den Geheimnissen der Straelener „Blumenuhren“ vertraut gemacht hat. Das sind zwei zifferblattähnliche elektronische Anzeigetafeln, die die wichtigsten Fakten zum Versteigerungsgeschehen innerhalb von Sekundenbruchteilen anzeigen. Für Statistiker: auf dem Straelener Versteigerungs-Großmarkt werden pro Jahretwa 250 MillionenEinzelblumen (Stiele) angeliefert, davon z. B. 30 Millionen Rosen.

Der sagenhafte Lohengrin würde vermutlich wohlgefällig nicken, wenn er von seiner Stammburg in Kleve heute das Land überblicken und eine weitere Attraktion des Niederrheins sehen könnte. Ein bei Wandervögeln beliebter Rheinarm von fast 5 Kilometer Länge, der zu versanden drohte, wurde mit einem Saugbagger entschlammt und führt jetzt wieder sauerstoffhaltiges Wasser. Das zwischen Emmerich und Rees gelegene Areal bietet nun etwa 60 000 Wildgänsen aus dem hohen Norden ein ideales Winterquartier.

Perfekte Fliesen aus Emmerich riefen Fälscher auf den Plan

Auch hochwertiges Kunsthandwerk kommt aus dem Kreis Kleve. Eine Keramik-Manufaktur in Emmerich hat neuerdings Fliesen und Kacheln im Programm, die originalgetreu nach alten Motiven handbemalt werden. Sogar die Haarrisse der Vorlagen werden nachgeahmt. In limitierter Auflage und mit Echtheitszertifikat ausgestattet, sind die Stücke zu begehrten Sammelobjekten geworden. Sorgen bereitet den Herstellern allenfalls die eigene Perfektion: die Fliesen sind so täuschend „auf alt gemacht“, daß Fälscher schon das Emmericher Firmenzeichen abschmirgelten und die dekorativen Produkte als „echte Antiquitäten“ zu Phantasiepreisen unter die Leute brachten.

Der Wallfahrtsort Kevelaer ist Sitz einer der bedeutendsten Werkstätten für Glasmalerei ganzen Bundesgebiet. Das Unternehmen hat sogar das althergebrachte, verbriefte Recht, sich mit dem Beinamen „päpstliche Hofglasmalerei“ zu schmücken. Jeder Arbeitsgang wird hier noch von Hand ausgeführt. Die Farbpalette läßt kaum Wünsche offen. Mehrere tausend Farbwerte in allen denk- und kaum noch sichtbaren Abstufungen sind als koloriertes Glas lieferbar. Ergebnisse sind weltweit zu besichtigen. In die Weltfriedenskirehe Hiroshimas wurden ebenso in Kevelaer gestaltete Fenster eingesetzt, wie in die Dome zu Trier und Köln. Besonders hat man sich auf die Restaurierung unersetzlichen alten Glases verlegt.

Vom Kunsthandwerk zur Kleinkunst:. Heinz Bömler (35) aus Goch ist Herr über die wohl kleinste fahrende Puppenbühne weit und breit. Das Mini-Theater wurde in einen Speditionswagen aus dem Jahr 1913 eingebaut, auf dessen 9 Bänken bis zu 50 Kinder Platz finden. Gezogen von einem DDR-Uralt-Traktor rollt die Wanderbühne von Ort zu Ort.

Zu nennen wären etwa noch die supermoderne Zuckerfabrik Appeldorn, in der täglich 5000 Tonnen Rüben verarbeitet werden oder das Niederrheinische Museum für Volkskunde und Kulturgeschichte in Kevelaer mit seiner umfangreichen Spielzeug-Sammlung.

Es mangelt also nicht an Attraktionen und Kuriositäten im Kreis Kleve, die den „Schnellen Brüter“ freilich nicht ganz vergessen machen können.

Nähere Informationen gibt’s bei der Kreisverwaltung Kleve, Amt für Fremdenverkehr, Postfach 1507, 4190 Kleve (Tel.: 02821/85340).

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(Sonderseite „Bilder und Berichte“)