Filmteam „belagert“ alte Burg in Lüdinghausen

Von Bernd Berke

Lüdinghausen. So eine Aufregung hat das Städtchen Liidinghausen schon lange nicht mehr erlebt. 1958 wurde dort das letzte nennenswerte Kinofilm-Team gesichtet – jetzt, volle 27 Jahre später, hat sich gleich ein ganzer Schwärm von Prominenz auf der Burg Vischering eingefunden, um dort die entscheidenden Szerien für Hans Christoph Blumenbergs neuen Streifen „Der Sommer des Samurai“ abzudrehen.

Dabei: Conny Froboess, erstmals seit den 50er Jahren („Conny und Peter machen Musik“) wieder mit Peter Kraus vor der Kamera; dazu Nadja Tiller, die auch schon seit zehn Jahren an keinem Kinoprojekt mehr mitgewirkt hat, Hans Peter Hallwachs (der „Fabian“ von Wolf Gremm) und Wojciech Pszoniak (der „Robespierre“ im „Danton“-Film Andrzej Wajdas). Auch auf der Besetzungsliste: Hannelore Hoger und Volker Lechtenbrink.

Verzweifelt hatte das 40köpfige Filmteam eine Burg gesucht, in der sich der exzentrische „Krall“, eine der Negativfiguren dieses Fantasy-Films, so richtig wild-romantisch verschanzen kann. Da der Streifen in Hamburg spielt, hielt man zunächst im norddeutschen Raum nach trutzigen Gemäuern Ausschau. Vergebens. Schließlich wurde man im Westfälischen fündig. Produzent Michael Bittins: „Burg Vischering ist genau das Richtige für uns!“

Der Festungsbau aus dem 13. Jahrhundert, auch schon mal als „Westeuropas schönste Wasserrundburg“ apostrophiert, ist nun Schauplatz des Schlußkampfes in einem Film, dessen Inhalt phantastisch anmutet: In Hamburg geht ein Phantom um, das an den Orten seiner Untaten japanische Schriftzeichen hinterläßt. Star-Reporterin Christiane Land (Conny Froboess) setzt sich auf die Fährte einer Verschwörung, deren Wurzeln bis ins japanische Mittelalter zurückreichen. Hauptbösewicht: besagter Lord Krall Wojciech Pszoniak).

Die Lüdinghauser Szenen des 110-Minuten-Films spielen hauptsächlich im Rittersaal und im Innenhof. Handzettel klärten die Bevölkerung über die neuzeitliche „Belagerung“, ihrer Burg auf. Besonders ältere Jahrgänge wurden hellhörig, als sie merkten, daß hier Stars wie Nadja Tiller agierten. Nadja Tiller ist es auch, die in einer spektakulären Szene durch eine „chemische Dampfschleuse“ in die Burg kommt. Sie ist als „Expertin für Intrigen“ Krall zu Diensten.

Blumenbergs zweiter Film (nach seinen in den Kinos glücklosen „Tausend Augen“) ist mit einem Budget von 2,2 Mio. DM ausgestattet. 637000 DM stammen  aus Kultur- und Wirtschaftsförderungsmitteln der Hansestadt Hamburg, 750000 DM vom Ko-Produzenten ZDF. Im Frühjahr ’86 soll das Werk mit 30 bis 50 Kopien in die Kinos kommen, ab 1988 ins Fernsehen.

Daß Conny Froboess und Peter Kraus (diesmal als Barkeeper) nach 25 Jahren wieder einmal vereint auf der Leinwand auftauchen, war, so jedenfalls Produzent Bittins, „nie als Werbegag gedacht“. „Conny und Peter“, seit ihrer Jugendzeit auch privat befreundet, hätten im Gegenteil .Ängste gehabt“, daß der Film ins falsche Fahrwasser geraten könne. Auf die Verleihwerbung für den Film darf man somit sehr gespannt sein…

 




Evangeliar Heinrichs des Löwen in Braunschweig – teuerstes Kunstwerk der Welt erstmals ausgestellt

Von Bernd Berke

Braunschweig. Heinrich der Löwe (1129 bis 1195) bekommt jetzt in Braunschweig „Personenschutz“. Zwei Polizeibeamte flankierten schon gestern die Vitrine mit dem teuersten Kunstwerk der Welt – dem am 6. Dezember 1983 in London für rund 32 Millionen DM ersteigerten „Evangeliar Heinrichs des Löwen“. Jetzt, genauer ab Samstag, wird das kostbare Stück, um dessen Finanzierung es seinerzeit so viele Querelen gab, erstmals der breiten Öffentlichkeit gezeigt.

Grandioser Rahmen ist die niedersächsische Landesausstellung „Stadt im Wandel“ im Braunschweigischen Landesmuseum (Vieweghaus) und in der Burg Dankwarderode (dort befindet sich das Evangeliar). Sie zeigt mit weit über 1100 Exponaten einen überwältigenden Querschnitt durch Alltag, Kunst und Kultur zwischen 1150 und 1650 im norddeutsehen Raum.

Das um 1175 herum entstandene „Löwen“-Evangeliar, dessen Präsentation nicht die einzige, wohl aber die hervorstechende Sensation dieser Schau ist, wird hier in breiter Darstellung des Zeithintergrunds, als Dokument einer – das Wort sei gestattet – „Wende“ der deutschen Geschichte vorgeführt.

Da das Evangeliar ein (seinerzeit dem braunschweigischen Dom gestiftetes) Buch ist, können nur zwei der 31 Farbbilder aufgeschlagen gezeigt werden. Das wohl wichtigste zeigt die Krönung Heinrichs des Löwen unmittelbar durch Gottes Hand – wobei die beauftragte Werkstatt des Benediktinermönchs Heriman kurzerhand überging, daß Heinrichs Vetter, Friedrich I. (Barbarossa), dazumal Kaiser war.

Die seit 1979 vorbereitete, 10 Millionen DM teure Ausstellung als Ganzes ist natürlich auch aller Rede wert. Noch nie wurden beispielsweise so viele religiöse Kunstwerke aus Norddeutschland zusammengetragen wie hier. Leihgaben aus aller Welt, darunter auch ein Bronzekruzifix (1120) aus dem Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte, machen es möglich.

Vom Spitzenkunstwerk bis zur scheinbaren Banalität (Dokumentation der Wasserversorgung einer mittelalterlichen Stadt) wird hier ein denkbar breites Panorama der Entwicklung von den frühen Stadtgründungen bis zur Zeit des Westfälischen Friedens ausgebreitet.

Hier ein grober Überblick: Sechs Abteilungen gliedern die riesige Fülle der Exponate. Am Beginn steht die Entwicklung der Städte, die wiederum in sieben Stadttypen untergliedert ist. Für diesen Teil wurden eigens einige Stadtmodelle neu gebaut. Alte Ansichten und Stiche veranschaulichen die zeitgenössische Sicht. Auch gemalte Szenen der christlichen Heilsgeschichte verraten manches über die Struktur mittelalterlicher Städte, da die Künstler das biblische Geschehen oftmals in ihre eigenen Umgebung verlegten.

Die zweite Abteilung gewährt einen Einblick in „Haus und Familie“. Ganze Ensembles, so die Wohnung eines Zinngießers aus Göttingen, vermitteln hier greifbares Ambiente. Hausrat, Kleidung und Schmuck sind weitere Stichworte dieser Abteilung. Aber auch Phänomene wie der Pesttod und Armut der Bevölkerung werden nicht ausgespart.

„Frömmigkeit und Bildung“: Vom Wallfahrts- und Pilgerwesen bis hin zum Tintenfaß wird das ganze Feld der zunächst kirchlich geprägten, dann zunehmend weltlichen Bildung abgeschritten. Für Revierbewohner interessant: Der Bergbau im Harz ist einer der Schwerpunkte der Abteilung „Handwerk und Handel“. Werkzeuge, Planzeichnungen und Produkte runden das Bild aus diesem Lebensbereich ab.

Die Abteilung „Rathaus und Politik“ widmet sich Bereichen wie Archivführung und Justiz, zeigt aber auch prachtvolles Ratssilber. Endpunkt und wohl auch Höhepunkt ist schließlich die „kirchliche Kunst des Mittelalters“. Reliquienbehälter, spätgotische Skulpturen, Ausstattungen von Altären und Buchmalereien des 12. und 13. Jahrhunderts sind hier zu finden.

Die Ausstellung dauert bis zum 29. November (täglich 10 bis 19 Uhr, freitags 10 bis 22 Uhr). Zwei Katalogbände 75 DM / zwei Aufsatzbände 61 DM / Kurzführer 10 DM.




Die sinnlichen Körperstudien des Henri Laurens

Von Bernd Berke

Wuppertal. Der „Kleinen Musikantin“ wächst das Instrument schier aus dem Körper heraus. Ihr Arm formt sich zum Rahmen einer Leier, deren Saiten wie Haare aus dem Mädchenkopf sprießen. So sinnlich, ganz in ihre Körperlichkeit eingesponnen und ohne alle intellektuelle Überformung, erscheinen die Skulpturen des Henri Laurens.

Laurens (1885-1954), an dessen Werk jetzt mit einer beachtlichen Retrospektive im Wuppertaler Von der Heydt-Museum erinnert wird, gehört zu den ganz Großen in der Bildhauerei dieses Jahrhunderts. So unaufdringlich wie seine Skulpturen war er jedoch auch selbst: Der Arbeitersohn, der nach einer Dekorateurslehre als Steinmetz arbeitete, blieb klaglos im Schatten seiner berühmten Freunde, darunter Pablo Picasso, Juan Gris und Georges Braque. Von diesem „Dreigestirn des Kubismus nahm er natürlich Anregungen auf. Zunächst zeichnerisch, dann in Reliefs und Plastiken bildet er die aufgesplitterte Perspektive der Kubisten nach. Das ganze „Inventar“ kubistischer Bilder ist da versammelt, freilich immer mit einem – mitunter beinahe leichtfertigen – Zug ins  Spielerische.

Sehr bald löste sich Laurens denn auch von seinen Vorbildern. Seine Figuren gewinnen zunehmend an Fülle und Rundung, sie schwellen gleichsam lustbetont an. Vor allem mit seinen zahlreichen Frauengestalten gelingt es Laurens, die unterschiedlichsten Stimmungslagen als Körperausdruck hervortreten zu lassen. Die voluminöse „Große Badende“ (1947) vermittelt mit herbem Charme das Behagen eines Sommertages, „Die Woge“ (1932) ist gleichermaßen Studie über Meeresbewegung und Frauengestalt.

In Wuppertal ist nachzuvollziehen, wie Laurens seine formalen Erfindungen immer wieder überprüft hat, indem er viele Motive als Zeichnung, als kleine und als große Plastik (rund 50 Skulpturen, vornehmlich Bronzen und Terrakotten, sind zu sehen) variierte.

Museumsleiterin Dr. Sabine Fehlemann hat die Ausstellung, die schon in Hannover gezeigt wurde, unter finanziellen Mühen nach Wuppertal geholt und um einige Akzente verändert. Sie legt großes Gewicht aufs zeichnerische und graphische Werk von Laurens. Interessant sind vor allem die (beharrlich auf antike, nicht aber auf christliehe Themen zurückgreifenden) Buchillustrationen, etwa zu Homers „Odyssee“. Viele Zeichnungen, oft traumhaft zielsicher in wenigen Schwüngen „hingeworfen“, streifen lustvoll die Grenze zur Karikatur.

Henri Laurens, Von der Heydt-Museum Wuppertal, bis 22.9. (mi-so 10-17 Uhr, di 10-21 Uhr), Katalog 38 DM.




Gegenbilder zur Adenauer-Ära – Werke von Ernst Wilhelm Nay in Münster

Von Bernd Berke

Münster. Was den Marktwert anbelangt, könnte man Ernst Wilhelm Nay plakativ als „Joseph Beuys der 50er Jahre“ bezeichnen. Er gehörte seinerzeit zum „festen Stamm“ der Kasseler documenta, auch auf der Kunst-Biennale in Venedig war er vertreten.

Mittlerweile, nachdem einige Dutzend Stile, Moden und -ismen an der Kunstwelt vorübergerollt sind, ist er zwar nicht in Vergessenheit, wohl aber an die Ränder des Erinnerns geraten. Diesem Zustand will jetzt, mit subjektiv-eigenwilligen Akzenten, eine Ausstellung des Kunstvereins Münster abhelfen.

Ausschließlich aus privaten Sammlungen stammen die 48 Bilder, die einen Querschnitt durch alle Werkphasen (1932 bis in Nays Todesjahr 1968) geben. Zu verfolgen ist ein beständiges Ringen um eine quasi „musikalische“ Rhythmisierung und Öffnung der Bildfläche durch einen zunehmend stärkeren Eigenwert der Farb-Komposition.

Bildtitel wie „Schwarze Rhythmen rot zu grau“ (1952), „Tanzende Perlen“ (1953), „Swing“ (1953) und „Rondo“ (1958) deuten in Richtung musikalischer Ausdruckswerte. Welch ein Widerspruch zum glatten Perfektionswillen der damaligen „Wirtschaftswunder-Kapitäne“, welche Gegenbilder zu den Einengungsversuchen der Adenauer-Ara!

Der Vergleich mit der Musik ist natürlich eine Hilfskonstruktion, die dem Ungegenständlichen eine gewisse Faßbarkeit abgewinnen soll. Zeitweise, vor allem nach Mitte der 50er Jahre, löste sich Nay vollkommen von figurativ-gegenständlichen Formen, die hingegen in seinen „Scheiben“- und „Augen-Bildem“ wieder präsent sind.

In einigen Werkphasen werden die Farbwerte zusehends dynamischer, sie übersprühen und überfluten das Bildgefüge. Dann wieder, phasenweise abwechselnd mit diesen eruptiven Bildern, zwingt sich Nay zu strengerem Bildaufbau – dies allerdings nicht immer ohne Gefahr einer bloß noch dekorativen Wirkung. Die Wechselfolge gleicht einem Ein- und Ausatmen, sie gleicht Anspannung und Erleichterung, der Angst und deren Überwindung.

Neue (oder zumindest verdrängte) Erkenntnisse in Münster: Der Weg in die Gegenstandslosigkeit war schon in den 30er Jahren vorgezeichnet (als Nay den Nazis als „entartet“ galt), und die „Scheibenbilder“, mit denen Nay heute am meisten identifiziert wird (in Münster hängt nur eines aus dieser Serie), haben ihren Platz in einem viel breiteren künstlerischen Konzept.

E. W. Nay -Kunstverein Münster (im Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Domplatz 10). Bis 22. September. Di.-So. 10-18 Uhr. Katalog 25 DM.




Aus den Schatzkammern der Sultane – Pracht-Schau in der Villa Hügel mit vielen Leihgaben aus der Türkei

Von Bernd Berke

Essen. Für außerordentliche Prachtentfaltung waren die Ausstellungen in der Villa Hügel seit jeher gut. Üppige Querschnitte durch fremde Kulturen sind die „Spezialität des Hauses“. In diese Tradition reiht sich nun, als insgesamt 39. Schau seit 1953, der Überblick „Türkische Kunst und Kultur aus osmanischer Zeit“ ein (bis 27. Oktober, zweibändiger Katalog 38 DM).

Mehr als 500 Leihgaben aus aller Welt sind zu sehen. Zum ersten Mal überhaupt wurden auch (bisher fürs Ausland gesperrte) Kostbarkeiten aus der Türkei freigegeben. Insgesamt 40 Prunkstücke sind Leihgaben des Museums für Islamische Kunst und des kaiserlichen Topkapi-Palastes in Istanbul.

Das Zeitspektrum reicht vom 14. Jahrhundert, als Osman I. den Grundstein für das nach ihm benannte, lange im Kampf mit christlichen Staaten befindliche Weltreich legte, bis 1922, als der letzte osmanische Sultan abgesetzt wurde. Nicht in chronologischer Folge werden die Exponate gezeigt, sondern in fünf thematischen Untergruppen:

Es beginnt ganz oben in der Gesellschaftspyramide: Die Abteilung „Der Großherr und sein Hof“ vermittelt mit Kronjuwelen, prachtvollen Gewändern, einem Sultans-Thron und Palast-Modellen einen Eindruck von Ausgestaltung und Dekoration höchster Machtentfaltung.

„Die Moschee und das religiöse Leben“ werden, so gut dies anhand von stummen Zeugen geht, in der nächsten Abteilung lebendig. Keramiken belegen einen weiträumigen Kulturaustausch bis hin nach China, Fliesen und Bronzegeräte lassen persische und ägyptische Einflüsse erkennen.

„Das Heerwesen“ wird besonders durch sogenannte „Türkenbeuten“ dokumentiert – Gegenstände, die sich abendländische Herrscher vor allem 1683 (nach der erfolglosen Türkenbelagerung vor Wien) aneigneten. Waffen wie Bogen und Speere sowie ein Wesirzelt gehören zu diesem Teil der Ausstellung. Der nächste Teil ist dem „täglichen Leben“ gewidmet. Hier sind Gegenstände versammelt, die vornehmlich bei der Mittel- und Oberschicht in Gebrauch waren – von Kosmetik-Utensilien über Musikinstrumente, Teppiche und Badetücher bis hin zu kostbarem Kaffeegeschirr und zum Brautgewand reicht die Palette.

Den Abschluß bildet ein Überblick zur Buch- und Schriftkunst, der allein einen Besuch lohnt. Ganz nebenbei werden auch noch sämtliche Münzen gezeigt, die in sieben Jahrhunderten osmanische Zahlungsmittel waren.

Figürliche Darstellungen sind, weil im Islam lange Zeit strengstes Abbildungsverbot herrschte, generell höchst selten. Umso reicher entwickelt sind pflanzenartige Ornamentformen. Faszinierend ist dabei die stilistische Einheitlichkeit, die sich, aller Vielfalt der Erfindungskraft zum Trotz, über Jahrhunderte gehalten hat. Ein Randaspekt der Schau, Einflüsse türkischer Ornamentalkunst auf Mitteleuropa, würde eine eigene Ausstellung verdienen.

Mit der Ausstellung, die seither nur geringfügig verändert wurde, war kürzlich das viel gerühmte neue Museum für Kunsthandwerk in Frankfurt eröffnet worden. Dort stahl der Rahmen, jener erstaunliche Bau des Architekten Richard Meier, den türkischen Schätzen die Hälfte der Schau. In Essen sind sie sozusagen erstmals die alleinige Hauptsache. Im Gegensatz zum lichten Frankfurter Bauwerk belassen die abgedunkelten Räume in Essen den Gegenständen eine eindrucksvolle Aura von Geheimnis.

Der „Verein Villa Hügel e. V.“, der nach dieser Großschau in die „Kulturstiftung Rühr“ eingeht, zeigt die osmanische Pracht nicht ohne Hintergedanken: Womöglich, so die stille Hoffnung und der Tenor des Grußworts von Bundesaußenminister Genscher, werde mit dieser Ausstellung die Toleranz der Deutschen gegenüber den hier lebenden Türken befördert.




Zeugnisse aus grauer Vorzeit: Auch Höhlen im Sauerland sind ergiebige Fundorte

Von Bernd Berke

Münster. Das seit 1980 gültige Denkmalschutzgesetz hat enorme Erleichterungen für die Wissenschaftler mit sich gebracht: Nicht nur historische Bauten, sondern auch zahlreiche Zeugnisse pflanzlichen und tierischen Lebens aus der Vorzeit konnten seither besser erhalten und ausgewertet werden. Diese Bilanz zog gestern in Münster der für ganz Westfalen zuständige Paläontologe des Westfälischen Museums für Archäologie, Dr. Jörg Niemeyer.

Seit 1980 gelten wichtige erdgeschichtliche Funde nämlich als „Bodendenkmäler“. So wird beispielsweise Fossilien-Findern eine Anmeldepflicht auferlegt. Wird sie eingehalten, so können sich Dr. Niemeyer und seine Mitarbeiter sofort auf den Weg „vor Ort“ machen. Sie könnten dort in dringenden Fällen sogar die Unterbrechung von Bauarbeiten veranlassen – gegen entsprechende Entschädigung. Zu diesem drastischen Mittel wurde bisher allerdings noch nie gegriffen, denn, so Niemeyer: „Damit würden wir mögliche Informanten abschrecken“.

Vor allem die zahlreichen Sand- und Kiesgruben in Westfalen gaben seit Bestehen des Gesetzes mehr her als je zuvor. Gerade Kiesgruben „konservieren“ aufgrund ihrer geologisehen Beschaffenheit prähistorisches Material außerordentlich gut. Schon mancher Grubenarbeiter lieferte wissenschaftlich interessante „Nebenprodukte“ vom Fließband weg an die Experten.

Dr. Niemeyer konnte gestern einige eindrucksvolle Kiesgruben-Funde präsentieren, darunter kapitale Mammutknochen, die Zahnreihe eines prähistorischen Riesenhirschen, das Skelettstück eines Bibers, der sich in grauer Vorzeit im damals noch feucht-sumpfigen Westfalen offenbar sehr wohl gefühlt hat. Auch Überbleibsel eines Fellnashorns kamen ans Tageslicht.

Das Alter dieser Funde schwankt zwischen 20 000 und 100 000 Jahren. Zur groben Orientierung: Vor 10 000 Jahren ging für Mitteleuropa die letzte Eiszeit zu Ende. Weitaus jüngeren Datums, vielleicht sogar erst mittelalterlich, sind jene menschlichen Schädel, die aus zwei benachbarten Kiesgruben bei Minden stammen. Einer weist einen Spalt auf, der vielleicht von einem derben Schwerthieb herrührt. All diese Funde werden demnächst ins Naturkundemuseum zu Münster wandern.

Nicht nur die (meist im Raum Minden gelegenen) Kiesgruben, sondern auch die sauerländischen Höhlen tauchen nicht selten als Fundorte in den Chroniken der Münsteraner Wissenschaftler auf. Kürzlich sind die sauerländischen Höhlen komplett aufgelistet worden. Man kam auf rund 600. Kein Wunder also, daß hier vor allem Reste von Höhlenbären gefunden wurden. Aber auch Menschenknochen, Werkzeuge und Mammut-Skelette wurden gesichert. Großes Problem Im Sauerland: Selbsternannte Höhlenforscher“, die sogar Stahltüren an den Höhleneingängen aufschweißen, um an vorzeitliche Relikte heranzukommen.




Neuer Atlas zeigt Westfalen in allen Einzelheiten – Erste Blätter sind erschienen

Von Bernd Berke

Münster. Wie hoch ist die Bettenkapazität für Touristen in Arnsberg? Wo herrscht im Sauerland „Reizklima“? An welchen Stellen in Westfalen kommen weiße Seerosen vor? l Diese und etliche andere Fragen soll der „Westfalenatlas“ beantworten, dessen erste Lieferung jetzt erschienen ist.

Mit dem „Jahrhundertwerk“, bundesweit als Kartenprojekt beispiellos, geht es langsam, aber stetig voran: Die ersten vier von 100 Blättern sind fertig. Pro Jahr sollen vier weitere hinzukommen. Bei diesem Tempo wird man das Jahr 2009 schreiben, wenn das Konvolut komplett vorliegt. Und aktualisieren will man zwischendurch auch noch.

Keine andere deutsche Gegend freilich wird dann dermaßen detailliert kartographiert sein wie Westfalen. Nahezu alle denkbaren Aspekte natürlicher, historischer und gesellschaftlicher Art sollen erfaßt werden. Das geht von der Mundartentwicklung über Siedlungsformen und Bevölkerungszahlen bis hin zur heimischen Tier- und Pflanzenwelt. Federführend ist die für dieses Mammut-Unternehmen eigens personell aufgestockte Geographische Kommission für Westfalen, die dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe untersteht.

Schon im Gründungsjahr der Kommission (1936) reiften Träume von einem derartigen Kartenwerk. Nach dem Krieg wurde die Idee wieder aufgegriffen. Zielgruppe sind vornehmlich die Schulen des Landes, deren Lehrpläne nun wieder verstärkt Bemühungen um regionalkundliches Wissen vorsehen. Die ersten Atlas-Blätter (je eine Haupt- und vier Nebenkarten, dazu Texthefte) sind von der nächsten Woche an über den Buchhandel zu beziehen. 100 Bestellungen liegen vor, die Startauflage soll 2000 Stück betragen.

Wie schwer es sein wird, wissenschaftliche Daten ganz unterschiedlicher Herkunft und Zuverlässigkeit anschaulich auf Karten darzustellen, schwante den Machern vermutlich schon, als sie versuchten, überhaupt erst einmal den Begriff „Westfalen“ einzugrenzen. Vergangene Jahrhunderte verstanden nämlich darunter ein nördlicher gelegenes Gebiet. Erst die Ausdehnung der Preußen-Provinz „Westfalen“ kommt heutigen Begriffen näher. So reichen denn die Karten auch von Oldenburg bis Marburg, wobei Westfalen als Kerngebiet hervortritt, das mit anderen Regionen eng verflochten ist.

Hier die Preise: Jahreslieferung 58 DM (im Voraus-Abonnement 46,40 DM), Einzelkarten 19,80 DM, Sonderrabatt für Schulklassen.