Kaltes Weltall und Leben im Stillstand – Fotoarbeiten von Thomas Ruff im Kunstverein Arnsberg

Von Bernd Berke

Arnsberg. Auf den Fotos von Thomas Ruff scheinen Leben und Bewegung zu gefrieren. Eine Bilderserie zeigt Ausschnitte von seltsam gestrigen Wohnungs-Interieurs. Da ist der mit Nippes vollgestopfte Schrank: angestaubtes Hochzeitsbild, Spitzendeckchen, Figur eines sich aufbäumenden Pferdes – zu Erinnerungen geronnene, liebevoll bewahrte und dennoch schon verwischte Lebensspuren.

Ein anderes Ruff-Foto zeigt verblaßte Kinderbilder auf grauslich-altmodischer Tapete. Man kann auf die ganze Wohnung schließen. Die Kinder sind außer Haus, es herrscht Stille und Einsamkeit, doch wohl auch Beschirmung vor hektischer Gegenwart.

Es ist dies denn auch eine Ausstellung im Arnsberger Kunstverein, die auf den ersten Blick fast klösterliche Stille ausstrahlt. Sinnfällig wird dies anhand der wandfüllenden Porträts. Ohne besondere Vorbereitung lichtet Ruff Bekannte und Freunde ab, als sollten nur notdürftige Paßbilder angefertigt werden. Doch dann vergrößert er die frontal aufgenommenen Gesiebter ins Riesenhafte (Standardgröße: 1,65 m Breite, 2,10 m Höhe). Und nun haben diese Bilder etwas Forderndes. Still und unbewegt, geradezu stoisch wird man von diesen gigantischen Gegenübern angeblickt. In innere und womöglich äußere Bewegung gerät indes der Betrachter. Wie lange kann er vor diesen Blicken bestehen, soll er flüchten oder standhalten?

Solche Ruhe der Bilder (die freilich Unruhe erzeugt), treibt Ruff ins Endlose: Eine weitere Serie sind nämlich jene im Observatorium gefertigten Bilder vom Weltall. Auch diese Fotos sind auf enorme Großformate gebracht. Da starrt einen sozusagen die ganze Leere und Kälte des Weltenraums an. Auch ein vorbeiziehender Komet wird hier nicht als bewegtes Objekt abgebildet, sondern“ als starrer Strich, der wie ein Riß quer durch das Bild geht.

Der in Düsseldorf lebende Ruff ist Schüler von Bernd und Hilla Becher, die besonders durch nüchtern abgelichtete Zechentürme bekannt wurden. Bei Ruff ist es nicht nur Nüchternheit, sondern oft geradezu Ernüchterung, die aus den Bildern spricht.

Die relativ kleine, aber konzentrierte Ausstellung, vom Künstler selbst gehängt, präsentiert auch Beispiele für Thomas Ruffs neues Interesse an Zeitungsfotos, die er seinerseits ablichtet und wiederum vergrößert. In Kunstform haben sie natürlich eine ganz andere Wirkung denn als Nachrichten-Illustration. Bilder aus dem Jahrhundert sind da versammelt: Hitler mit verzückt lauschenden Jugendlichen, der tote Chomeini, Festnahme eines Terroristen, untergehender Ozeanriese, Rheinfelsen, eine eiserne Hand usw.

Und der Zusammenhang? Jedenfalls ist es kein dokumentarischer. Thema ist eher, was Bilder überhaupt aussagen und vermitteln können.

Ruff, der zur Eröffnung der Ausstellung kommt (Sonntag, 11 Uhr), ist im Kunstbetrieb ziemlich „angesagt“. Er ist bei der zwar allseits herzhaft verrissenen, aber wohl doch den Marktwert steigernden Berliner Überblicksschau „Metropolis“vertreten, desgleichen 1992 bei der Kasseler „documenta“. Arnsbergs Kunstverein hat erneut einen guten „Riecher“ bewiesen.

Kunstverein Arnsberg, Königstraße 24. – Vom 28. April bis zum 7. Juni. Katalog 30 DM.




Kunst-Marathon in Weimar: Die „documenta“ wirft ihre Dias voraus

Von Bernd Berke

Man kennt das: Bekannte/Verwandte sind herumgereist, und nun wollen sie einem das Resultat zeigen beim ausgedehnten Diaabend. Der Belgier Jan Hoet und sein Team für die nächste Kasseler documenta halten es kaum anders. Von ihren Kunst-Streifzügen durch die fünf Kontinente haben sie abertausende von teilweise amateurhaften Dias mitgebracht. Also luden sie die Presse und den Troß der Getreuen zum bebilderten „Gesprächs-Marathon“ im Vorfeld der Mitte 1992 anstehenden Weltkunstschau. Ort der Kulthandlang: Weimar. Was natürlich eine Geste sein sollte.

Der Begriff „Marathon“ war teilweise wörtlich zu nehmen: Mit kurzen Pausen währten Podiumsrunden und Diaschau zwei Tage und eine ganze Nacht. Unentwegte hielten denn auch nur kurz Schlaf auf Stühlen der Weimarhalle.

Humanistisch gebildete Spötter vermerkten gleich, daß doch im antiken Marathon der Überbinger einer Siegesnachricht tot zusammengebrochen sei. Nun, so schlimm war’s nicht. Doch just an dem Ort, an dem Goethe einst seinen Satz „Bilde Künstler, rede nicht“ geschrieben hatte, wurde schier endlos über Kunst geredet.

Schon die Auftaktrunde (documenta-Macher Hoet, seine Vorgänger Harald Szeemann, Rudi Fuchs, Manfred Schneckenburger) litt unter Mangel an Kontroverse. Kaum Widerspruch von Podium oder Plenum. Da hackte keiner dem andern ein Auge aus. Deutlich wurde bei dem Insider-Gespräch (das für die raren Besucher aus Weimar vermutlich sieben Siegel trug), daß halt jede documenta unter einem anderen historischen Stern steht. Während Szeemann anno 1972 gleichsam noch den Rückenwind der ’68er Revolte hatte, blieben Fuchs und Schneckenburger nur bescheidene Träume. Fuchs präsentierte 1982 die „Wilden“ und führte Europa gegen die damalige Dominanz der US-Kunst ins Feld. Schneckenburger wollte 1977, einer gesellschaftlichen „Abkühlung“ gemäß, wieder Theorie und Ratio ins Spiel der Künste bringen und 1987 die „Brücke zu Architektur und Design schlagen“.

Und nun Jan Hoet. Nur zwischen den Zeilen wird sein Konzept erahnbar. Es geht ihm letztlich wohl darum, die von Werbung und Medien allseits nivellierte Kunst wieder zu entrücken – womöglich gar in eine Art magischen oder geheiligten Bezirk, in dem unmittelbares Gefühl mehr zu suchen hat als wägende Kritik. Allzu deutliche Spuren der Realität in der Kunst schätzt er nicht. Selbige müßten ganz „in der Form aufgehen“, sich vom Erzählenden weit entfernen. In seinen diversen, durch pure Menge ins Beliebige ausgreifenden Diaschauen ließ Hoet außerdem durchblicken, daß er teilweise wieder „von Europa weg“ will. Er möchte z. B. viele Künstler aus Brasilien, Argentinien, Kolumbien oder Indien einladen.

Man muß freilich erleben, wie Hoet über seine Lieblings-Künstler – etwa Mario Merz und Bruce Nauman -spricht. Seine beinahe kindliche Begeisterung ist, allen nebelhaften Formulierungen zum Trotz, ansteckend. Der Mann, da kann man ziemlich sicher sein, wird jedenfalls eine bemerkenswerte Schau ausrichten. Er selbst („Ich denke Tag und Nacht nur noch an die documenta“) gelobte gar eine Auswahl, die „unbelievable (unglaublich) sein werde.

Auf den nicht nur finanziell motivierten Rat von Rudi Fuchs, ausschließlich unbekannte Künstlerin Kassel zu versammeln, mag Hoet nicht hören. Man brauche einige „Große“ und Etablierte – als Stützen und Wegweiser für die Jüngeren. Immerhin hat Hoet bereits 47 documenta-Newcomer benannt.

Wie Staatsgeheimnisse wurden bis kurz vor Schluß der Veranstaltung Namen einiger Künstler gehütet, die 1992 dabei sein werden. Auszug aus der Liste: Reinhard Mucha, Louise Bourgeois, Christa Näher, Jonathan Borofsky, Per Kirkeby, Gerhard Richter, Ellsworth Kelly, Mario Merz, Yannis Kounellis, A. R. Penck, Matt Mullican, Sigmar Polke, Ilja Kabakov, Thomas Schütte. Alles klar? Natürlich nicht. Namen sind höchstens Ansätze zum Konzept. Man wird schauen müssen.




Guldas gesammeltes Granteln – Arrogante Plätschereien eines Weltklasse-Pianisten

Von Bernd Berke

Schon die dick aufgetragene Lobhudelei im Vorwort läßt ahnen, wo es langgeht: Dieses Buch über den Pianisten Friedrich Gulda ist eine Art Kult- und Opfergabe. Es handelt sich um Zusammenschnitte aus Gesprächen Guldas mit dem österreichischen Journalisten Kurt Hofmann.

Letzterer nimmt sich vollkommen zurück, der Text besteht nur aus den endlos aneinandergereihten Antworten Guldas. Hofmann verrät uns nicht einmal, auf welche Weise er sie protokolliert hat. Jedenfalls sieht es so aus, als a habe der Künstler reden dürfen wie ein Wasserfall, durch keinerlei Gegenfragen oder gar kritische Einwände gebremst. Offenbar hat er sich das ausbedungen, bevor er Hofmann die Huld seiner Äußerungen erwies.

Im Gegenzug hat Gulda-Verehrer Hofmann auch einige Griffe in des Tastenmeisters privates Fotoalbum tun dürfen. Doch wen interessiert es zu sehen, wie es beispielsweise „im Haus des Präsidenten des Gulda Fanclubs in Buenos Aires“ (Bildzeile) herging?

Manchmal möchte man am liebsten dazwischenfahren: „Bilde Künstler, rede nicht!“ Wieviel schöner ist es doch, Gulda Beethoven-Sonaten spielen als ihn salbadern zu hören. Denn was sich der Pianist da selbstgefällig zusammengrantelt und daherschwätzt, ist teilweise schwer erträglich. Da sortiert er als selbstherrlicher Richter jede Menge klassisch-musikalischer Prominenz in „oben“ und „unten“ ein, kaum jemand findet Gnade vor seinen Augen. Da thront Gulda selbst unter den allergrößten Genies („Damit muß ich leben, genau so wie der Michelangelo oder der Beethoven“) und natürlich turmhoch über der Zunftkonkurrenz („Sogar der Brendel … ist gegen mich immer abgestunken“, „Der Horowitz … hat mir immer weniger gefallen“) – von seiner PublikumsVerachtung zu schweigen.

Eines der Hauptthemen ist selbstverständlich Guldas Wanderschaft zwischen den Welten des Jazz und der Klassik, worauf sich der Meister sowieso viel zugute hält. Kaum jemand sonst habe halt einen derart weiten Horizont, daß er in beiden Musikrichtungen Weltklasse sei. Auch sein Verhältnis zur Weiblichkeit gerät in den eitlen Redestrom. Textprobe: „So habe ich mir bei der dritten Hauptfrau gesagt, sie soll sich als gleichberechtigte Partnerin fühlen.“ Und seine politischen Ansichten, etwa über die Folgen der Revolte von 1968, sind ebenso simpel-verkürzt wie unerheblich. Da will einer über alles und jedes reden. Und das ergibt nur stellenweise Sinn. Meist aber ist es (unfreiwillig?) komisch.

„Friedrich Gulda (Aus Gesprächen mit Kurt Hofmann)“. Langen-Müller Verlag, 232 Seiten, 38 DM.




Schwierige Kindheit im Land der Kaffeetafeln – Renan Demirkans Buch „Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker“

Von Bernd Berke

Die Türkei als Land, wo es den herrlichen „Schwarzen Tee mit drei Stück Zucker“ gibt, Deutschland als Land der reich gedeckten Kaffeetafeln – mit welchen Problemen wächst ein Mädchen auf, das aus der einen Welt in die andere kommt?

Renan Demirkan, Jahrgang 1955, früher u. a. am Dortmunder Schauspielhaus engagiert, dann vor allem durch die Hauptrolle in der TV-Serie „Reporter“ bundesweit prominent geworden, hat darüber aus eigener Erfahrung ein Buch geschrieben. Es ist lesenswert – nicht nur des Inhalts wegen.

Eine Frau in der Entbindungsstation. Es gibt Komplikationen, man wird ihr Kind „holen“ müssen. Sie wartet auf die Ärzte, zählt ungeduldig die Minuten. Doch immer wieder schweifen ihre Gedanken ab – in die eigene Kindheit und Jugend. Augenblicke für eine Zwischenbilanz ihres Lebens.

Die Frau ist schon als Kind aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Trotzdem ist sie hier immer etwas fremd geblieben. Aber ihrer Herkunft ist sie erst recht entfremdet. Das mag sich vielleicht etwas banal anhören, doch der Bericht, der nun folgt, füllt diesen Sachverhalt mit Leben und Bedeutung. Er ist ganz konkret und dürfte doch für viele Lebensläufe stehen.

Zwar bildet Renan Demirkans Biographie die Grundlage, doch kommt die Schauspielerei nur ganz am Rande vor. Es geht hier um andere Dinge. Die Eltern kommen als Arbeitsemigranten mit dem Mädchen und seiner Schwester nach Deutschland. Sie erwarten von sich und den Töchtern Anpassung und Wohlverhalten, sie sind beeindruckt von der „Sauberkeit und Ordnung“ der deutschen Straßen. Lärm, Hektik und Kälte in jederlei Hinsicht sind die Kehrseiten.

Der Vater, Ingenieur mit heimlicher Leidenschaft für Kultur, vergräbt sich in die Bücher deutscher Philosophen, über seinem Lesesessel hängt ein verpflichtender Spruch von Immanuel Kant – der Einwanderer denkt „preußischer“ als die Deutschen, hört Klassik statt orientalischer Musik. Als er bei einem Dorfschützenfest die Blaskapelle hört, ruft er irritiert aus: „Einen Beethoven haben sie. und was spielen die?“

Die Mutter klammert sich derweil verzweifelt-hilflos an den Koran. Die Töchter entdecken freilich ein ganz anderes Deutschland als dasjenige Kants und Beethovens, nämlich das Land des allsonntäglichen Kaffeetrinkens, das Land der Käse-Eckchen und der Messerbänkchen, das Land, in dem alte Jungfern aufblühen und sich extra fein machen, wenn Vico Torriani im Fernsehen kommt und wo zwischen den Mietskasernen Leute wie die „Underberg-Tante“ oder die „Bratwurst-Monroe“ ihr abstruses Leben aufführen.

Die Mädchen wollen rasch so sein wie deutsche Kinder sie wollen sonntags an der Kaffeetafel sitzen, zu Ostern Eier suchen und zu Weihnachten einen Tannenbaum haben. Die islamisch erzogenen Eltern können sich nur schwer mit solchen Wünschen abfinden.

Hierzulande noch unter den ersten schulpflichtigen Ausländerkindern, werden die Schwestern jedoch trotz ihrer Anpassung in keine Klassenclique aufgenommen, auch für die meisten Lehrer bleiben sie letztlich immer „die aus Ankara“. Ganz schlimm wird es in der Pubertät. Da machen die Deutschen locker ihre ersten Liebeserfahrungen, während die beiden türkischen Mädchen von den Eltern ängstlich zu Hause versteckt werden – und das am Ende der 60er Jahre, als der aufsässige APO-Geist („Make Love not War“ – Liebe statt Krieg) auch in die Schulen weht. Mit 18 zieht die Hauptfigur zu Hause aus, kellnert sich das Geld fürs Abitur zusammen – endgültiger Bruch mit den Eltern? Eine Erfahrung eint die Generationen jedenfalls: Sowohl Tochter als auch Vater stellen bei getrennten Fahrten nach Anatolien fest, daß sie dort längst nicht mehr heimisch sind.

Damit die Sicht nicht auf die beiden Mädchen und ihre Eltern verengt bleibt, hat Renan Demirkan immer wieder präzise Skizzen anderer Lebensläufe eingeblendet, die jeweils neue Aspekte deutsch-türkischen Lebens kurz aufleuchten lassen. Auch ein Freund in Dortmund spielt da eine Rolle.

Die schönsten Stellen des Buchs: jene Träume von der Vereinigung der verschiedenen Kulturen, die Hoffnung auf Heilung des Risses, der mitten durch jedes Leben geht. Da sehnt sich die werdende Mutter nach der Verpflanzung anatolischer Sonne und Maulbeerbäume ins komfortable Köln oder nach einer Verschmelzung der Religionen. Zitat: „Dann werden wir mit dem christlichen Tatendrang aufwachen, in liebevoller, moslemisch gelassener Art, die klugen jüdischen Weisheiten leben und abends mit der Hoffnung auf Wiedergeburt in Buddhas Schoß einschlafen“…

Renan Demirkan: „Schwarzer Tee mit drei Stück Zucker“. Kiepenheuer & Witsch. 139 Seiten, 28 DM.