Dunkle Rätsel aus dem Bergwerk der Bilder – Gemälde von Edgar Ende in Olpe

Von Bernd Berke

Olpe. Tragisches Schicksal eines Künstlers: Die Nazis verfemten Edgar Ende als „entartet“ und erteilten ihm Malverbot. Nach dem Krieg verlangte der Kunstbetrieb abstrakte Bilder, die Ende nicht liefern mochte. Doch seit ein paar Jahren wird er wiederentdeckt, denn er hat einen berühmten Sohn. Und der heißt Michael Ende.

In seiner „Unendlichen Geschichte“ hat Michael Ende dem Vater ein literarisches Denkmal gesetzt. Vom phantastischen „Bergwerk der Bilder“ ist da die ausführliche Rede. Tatsächlich hat Edgar Ende (1901-1965), von dem jetzt in Olpe eine Werkauswahl zu sehen ist, seine Motive gleichsam aus tiefer Finsternis heraufgeholt. Er zog sich tagelang in völlig abgedunkelte Stuben zurück, versehen mit Bleistift und Taschcnlampe, so daß er die Szenen, die aus seinem Inneren aufstiegen, sogleich skizzieren konnte. Später wurden Zeichnungen daraus, schließlich Ölbilder.

Die fast 40 Arbeiten in Olpe stammen allesamt aus Edgar Endes Nachkriegswerk. Man könnte sie leicht dem Surrealismus zuordnen, doch Ende hat nicht nur aus dem eigenen Unbewußten geschöpft, sondern vor allem aus mythologischen Quellen und der Bibel. Während der surrealistische Blick bei Salvador Dalí mit den Jahren zu oberflächenpolierter Glätte führte, ist bei Edgar Ende geradezu das Gegenteil der Fall. So achtlos trug er die düster-verwaschenen Farben auf, als gehe es ihm nur um die Inhalte und gar nicht um malerische Werte. So sind es denn meist eher seherische als künstlerische Offenbarungen.

Seltsame Kombinatorik: Edgar Ende stellt eine Madonnenfigur und biblisches Bcgleitpersonal neben Dutzende von roten Schuhen, die wiederum in einer Art Lederhaut stecken und wie Kugeln auf einem Rechenschieber angeordnet sind („Die roten Schuhe“), läßt aus einer giftig wirkenden Blüte einen Äskulapstab hervorwachsen („Die Mondblume“) oder malt ein leeres Geschäft, hinter dessen Theke ein abgeschlagener Kopf feilgeboten wird („Der verödete Laden“). Oft führt uns Edgar Ende zu den bedrohlichen Untiefen eines Ur-Wassers, auf dem rettende Flöße treiben, bevölkert er seine Szenarien mit geflügelten Wesen. Ein endlos weites Feld der Mystik tut sich auf, den Gedanken sind kaum Grenzen gesetzt.

Einige wenige Bilder scheinen sich etwas näher an der Zeitgeschichte zu orientieren. „Die die Heimat mit sich tragen“ (1947) könnte der Entwurf für ein Flüchtlings-Mahnmal sein, „De Profundis“ (1951) mag an versehrte Kriegsheimkehrer erinnern. Doch auch solche Bilder bleiben rätselvoll.

Michael Ende, der sich so nachdrücklich für seinen Vater stark macht (und ihn gar qualitativ mit René Magritte vergleicht), kann leider nicht zur Olper Ausstellungseröffnung (Sonntag, 11.00 Uhr) kommen, da er unter den Folgen eines Schlaganfalls leidet.

Edgar Ende – Kunstverein Südsauerland (Olpe, Altes Lyzeum, direkt neben dem Rathaus). 24. Juli bis 21. August. Werktags 16-18.45 Uhr, sonntags 15-18 Uhr, samstags geschlossen.




Als die alten Chinesen ihre Erfindungen machten – Ausstellung in Hildesheim spannt Bogen über 5000 Jahre

Von Bernd Berke

Hildesheim. Wir wissen nicht, wer Rad und Feuer erfunden hat. Wir wissen aber, wer zuerst Schießpulver und Papier hergestellt hat. Es waren Menschen im alten China. Eine große Ausstellung in Hildesheim zeigt nun, daß die Ostasiaten der übrigen Welt noch auf vielen anderen Gebieten weit voraus gewesen sind.

Kein Jahr ohne opulente China-Schau. Wenn Dortmund schon mal keine zeigt (wie 1990 und 1993), springen eben andere ein. „China – eine Wiege der Weltkultur“ heißt die Präsentation im Roemer- und Pelizaeus-Museum. Sie ist den Dortmunder Highlights an Bedeutung ebenbürtig, konzentriert sich aber nicht auf eine Epoche wie etwa die Tang-Dynastie, sondern spannt den Bogen vom Neolithikum bis ins 19. Jahrhundert. Mit rund 300 Exponaten aus einem Zeitraum von 5000 Jahren werden Resultate der ungeheuren chinesischen Erfindungsgabe vorgeführt.

Auch Papiergeld hielten zuerst Chinesen in den Händen. Auf einem ausgestellten Schein wird etwaigen Fälschern ausdrücklich mit Enthauptung gedroht. Die alten Chinesen waren nicht nur Urheber des Papiers, sondern auch – lange vor Gutenberg – des Druckes mit beweglichen Lettern. Sie haben nicht nur als erste Porzellan produziert, sondern auch Lack und Seide. Fast nebenbei setzten sie auch noch Maßstäbe in der frühen Medizin und der Astronomie. Außerdem waren sie wagemutige Seefahrer, die alsbald zu großen Entdeckungsreisen aufbrachen. Aus all diesen Bereichen hält Hildesheim etliche Kostbarkeiten bereit.

Verblüffend praktische Alltagsdinge

Doch nicht nur Großtaten sind zu preisen. Die Ausstellung enthält auch verblüffend praktische Alltagsdinge, etwa jene rundum vergoldete Dienerinnenfigur. (ca. 150 v. Chr.) aus der Han-Dynastie, die als Palast-Lampe fungierte und.im berühmten Grab der Fürstengemahlin Dou Wan gefunden wurde. Der Lampenruß wurde in den Arm der Dienerin geleitet und verschmutzte daher nicht den Raum.

Frappierend auch jene mannshohe Figur (Ming-Dynastie, um 1443), an der sich Lehrlinge der Akupunktur übten. Der bronzene Modellmensch ist mit numerierten kleinen Löchern übersät. Er wurde mit Wasser gefüllt und sodann gänzlich mit Wachs überzogen, so daß man die Stellen nicht mehr sehen und die Flüssigkeit nicht austreten konnte. Der Akupunktur-Nachwuchs mußte nun unter dem strengen Blick der Lehrer zustechen. Nur wenn die richtigen Punkte getroffen wurden, rann Wasser aus der Figur. Solche Prüfungen müssen ziemlich spannend gewesen sein.

Goldfäden und Doppel-Phallus

Prachtvollstes Schaustück ist wohl das Grabgewand besagter Fürstin Dou Wan. Es besteht aus über 2000 Nephrit-Plättchen (eine Art Jadestein), die von feinen Goldfäden zusammengehalten werden. Das hervorragend erhaltene Gewand hüllte die Verstorbene wie ein Schuppenpanzer ein und sollte ihr ein Fortleben im Jenseits garantieren. Im Grab ihres Gatten Liu Sheng fand sich auch Frivoles: der Doppel-Phallus aus Bronzeblech mag, wie der Katalog erwägt, schon dem Lebenden als Requisit beim Liebesspiel gedient haben. Als Grabbeigabe erlangte das Stück symbolisch-rituelle Funktion.

Bereits in Dortmund konnte man über Spontaneität und Alltagsnähe des Kunsthandwerks zumal aus der Tang-Dynastie staunen. In Hildesheim ist’s nicht anders.

Altchinesische Kaisergräber bergen unterdessen noch ungeahnte, seit Errichtung nie gesehene Schätze. Nicht einmal zu Maos Zeiten, weiß Hildesheims Museumsleiter Prof. Arne Eggebrecht, haben sich Archäologen ins Innere gewagt. So machtvoll wirkt die Ehrfurcht vor den Jahrtausenden.

„China – eine Wiege der Weltkultur“. Roemer- und Pelizaeus-Museum, Hildesheim (Tel.: 05121/93690). Ab Sonntag, 17. Juli., bis 27. November 1994. Eintritt 12 DM. Täglich (auch montags) 10-18, donnerstags 10-20 Uhr. Katalog 65 DM.




Die Phantome der Liebe – Richard Fords tragikomische Erzählung „Der Frauenheld“

Von Bernd Berke

Hier geht es offenbar ums Ganze. Zitat: „…er fragte sich, was möglich war zwischen den Menschen? Was war möglich, das wirklichen Wert hatte? Wie konnte man das Leben in den Griff bekommen, anderen geringen Schaden zufügen und doch mit ihnen verbunden sein?“ Zitat Ende.

Solche Worte kreisen wirklich um Grundfragen des Lebens. Doch keine Angst. Bei dem Amerikaner Richard Ford kommen die tiefsinnigen (und doch so einfach klingenden) Sätze erst ganz zum Schluß. Sie ergeben sich völlig ungezwungen aus einer Erzählung, die etliche Bedeutsamkeit mit wenig Erdenschwere verbindet.

Immerhin: Die Komplikation zwischen den Geschlechtern, die „Der Frauenheld“ Martin Austin erleidet, bilden sich zuweilen auch im verschachtelten Satzbau ab. Das liegt wohl nicht nur an der stellenweise etwas holprigen Übersetzung von Martin Hielscher.

Martin Austin jedenfalls ist ein Amerikaner in Paris. Zunächst kommt der Händler für Spezialpapiere dienstlich nach Europa, dann immer öfter und geradezu zwanghaft privat. Denn er lernt die französische Verlagslektorin Josephine kennen und – nein, nicht wirklich lieben, aber irgend etwas Verwandtes wohl doch. Er rätselt und rätselt an diesem „Etwas“ herum. Nun ja, man hat sich alsbald geküßt. Aber mehr geschieht – allen Treffs zum de Trotz – eigentlich nicht.

Austin bleibt in einem Stadium der Vorlust und Erwartung stecken. Immer wieder hämmert er sich ein, absolut „alles“ sei möglich, sein ganzes Leben könne sich mit Josephine über Nacht ändern, ohne daß er viel dazu beitragen müsse. Doch dieses „Alles“ gerinnt dann na wieder zu nichts. Josephine bleibt in ihrem ganzen Wesen für ihn undeutlich, denn sie ist gleichsam nur eine leere Fläche, auf die er seine flackernden Wünsche projiziert. Die ganze Sache mit der Liebe bleibt bis zum Schluß ein großes „Vielleicht“.

Ähnlich unentschieden, ohne rechte Zukunftsperspektive, ist Austins Ehe mit Barbara daheim in den Staaten. Bis Barbara schließlich die Trennung ausspricht. Als er erneut nach Paris flüchtet, ist auch Josephine seltsam reserviert. Und plötzlich ist dieser vermeintliche „Frauenheld“ mit den Phantomen seiner Einbildung furchtbar allein…

Richard Ford erzählt formal konventionell, aber was heißt das in diesem Falle schon. Die fortwährende Unentschiedenheit seines Anti-Helden hält das Geschehen in schöner Schwebe zwischen Tragödie und Komödie. Und alles klingt wahrhaftig, wie aus dem manchmal so undeutlichen Leben selbst geschöpft.

Richard Ford: „Der Frauenheld“. Aus dem Amerikanischen von Martin Hielscher. S. Fischer Vertag, Frankfurt am Main. 116 Seiten, 29,80 DM.




Für den Olymp kommt keiner in Frage – Marcel Reich-Ranicki über berühmte deutschsprachige Kritiker

Von Bernd Berke

Unser Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki hat ein Buch über seine berühmten Vorläufer seit Lessing geschrieben. Ja, gab es denn vor ihm überhaupt nennenswerte Kritiker?

Offenbar ja, denn der Band „Die Anwälte der Literatur“ (nein, nicht „Staatsanwälte“) umfaßt immerhin 23 Porträt-Essays. Und doch auch wieder nicht, denn die allermeisten finden vor Reich-Ranicki wenig Gnade.

Nehmen wir Gotthold Ephraim Lessing selbst, den vermeintlichen „Vater“ der deutschen Kritik. Der hatte zwar laut Reich-Ranicki einen aufrechten Charakter, verkannte oder unterschätzte aber viele literarische Talente seiner Zeit, schrieb etliche Rezensionen nur aus Gefälligkeit und hatte weder eine Antenne für Wieland noch für Goethe. Apropos: Goethe selbst sei der absolute Anti-Kritiker gewesen, denn er habe nur gefügige Leser gewollt.

Alfred Kerr war töricht, Walter Benjamin abseitig 

Und der berühmte Alfred Kerr? Nun gut, der lag oft intuitiv richtig. War aber ein unruhiger Geist, eitel bis dorthinaus, übersah Brechts Genie, urteilte töricht über Thomas Mann. Und Überhaupt: Er hat der Kunst kaum gedient. Schnell weggetreten, Kerr!

Das wohl krasseste Verdikt erlaubt sich Reich-Ranicki über Walter Benjamin. Dieser Egozentriker habe sich nur abseitige Themen ausgesucht, ansonsten aber alles verschlafen. Auch er kommt also keineswegs für den Rezensenten-Olymp in Frage. Wer aber dann? Friedrich Sieburg? War eher an kulturellen Seilschaften interessiert. Alfred Polgar? Ja, der vielleicht. War aber leider zu bescheiden. Es ist schon ein Kreuz. Der eine ist zu eitel, dem anderen fehlt’s an Arroganz. Und so passieren sie alle Revue: Heine, Börne, Tucholsky usw. Jeder hat gewisse Stärken, doch jedem läßt sich auch kräftig am Zeug flicken.

Am Ende einer großen Ahnenreihe

Besser ergeht’s dem nüchternen „Praktiker“ Theodor Fontane und Friedrich Luft, der auch „für den Gemüsehändler“ verständlich geschrieben habe. Unter den Heutigen nimmt Reich-Ranicki seine Jury-Freunde Walter Jens und Joachim Kaiser ins Visier. Sie kommen ungeschoren davon. Wie war das noch mit den Gefälligkeits-Kritiken?

Wer solch ein Buch verfaßt, stellt sich unausgesprochen selbst an den gloriosen Schluß der großen Ahnenreihe. Und wer seine Kollegen dermaßen durchschaut, wird doch wohl alle bei ihnen erkannten Fehler tunlichst vermeiden? Hier wollen wir höflich schweigen. Immerhin wird Reich-Ranicki an einer Stelle ungewohnt bescheiden: „Im Grunde müßte man wie Polgar schreiben können, um zu zeigen, wie er schreiben konnte.“

Nur wenige Worte über die jüngsten Vorwürfe (Tätigkeit für den polnischen Geheimdienst) an Reich-Ranickis Adresse. Da scheint es mehr um Entmachtung eines vielfach Ungeliebten als um Erkenntnis zu gehen. Hellmuth Karasek, Reich-Ranickis Mitstreiter beim „Literarischen Quartett“ im ZDF, hat im „Spiegel“ dieser Woche wenn schon nicht den Inhalt, so doch die Schwere der Vorhaltungen entkräftet, indem er den Zeitbezug wachrief. Auch das eine Gefälligkeit, aber eine notwendige.

Vorbildliche Kritiken von Reinhard Baumgart

Zurück zum Buch. Die besten Passagen sind jene, in den Reich-Ranicki die anderen Kri~ tiker ausgiebig zitiert. Die markantesten Stellen ergeben Ansätze zu einer Geschichte des Rezensionswesens. Die allerdings müßte noch – aus neutraler Position – geschrieben werden.

Eines der klügsten Porträts ü b e r Reich-Ranicki hat bereits 1964 Reinhard Baumgart verfaßt. Baumgarts gesammelte Kritiken sind jetzt in einem sehr lesenswerten Sammelband erschienen. Dieser Rezensent geht wohltuend behutsam und doch meinungsfreudig zu Werke. Er weckt zwar keine lautstarken Kontroversen wie Reich-Ranicki, ist aber ein leuchtendes Vorbild in Sachen angemessener Wahrnehmung von Literatur.

Marcel Reich-Ranicki: „Die Anwälte der Literatur“. Deutsche Verlagsanstalt (DVA). 360 Seiten. 39,80 DM.

Reinhard Baumgart: „Deutsche Literatur der Gegenwart“. Kritiken – Essays – Kommentare. Hanser Verlag, 600 Seiten, 68 DM.

 




Lachend die Zeichen der Zeit erkennen – Dicker Sammelband des vielseitigen Robert Gernhardt

Von Bernd Berke

Welcher deutsche Gegenwartsautor ist vielseitiger als Robert Gernhardt? Der 57jährige hat etliches auf Lager – von der Satire und dem niveauvollen Nonsens bis zum beachtlichen Roman; von der trefflichen Zeitkritik bis zum raffiniert gereimten Gedicht.

Mehr noch: Ohne Gernhardts Texte wäre Otto Waalkes nicht halb so gut gewesen. Und er ist einer der besten Cartoon-Zeichner. Wen wundert’s, daß der Vielfältige jetzt mit einem üppigen Sammelband zum Klassiker erhoben wird. Der Titel („Über alles“) weist schon auf Gernhardts kreative Bandbreite hin.

Seit seinen Anfängen beim Satire-Blatt „Pardon“ (frühe 60er Jahre), wo er mit F. K. Waechter und F. W. Bernstein „Welt im Spiegel“ schuf, jene legendäre Beilage für den  höheren Blödsinn, zählt Gernhardt zu den produktivsten Grenzgängern zwischen Ernst und Scherz, zwischen Sinn und Widersinn. Das ist – gerade in deutschen Landen – ein Vorzug sondergleichen.

Jenseits der gängigen Meinungen

Im Sammelband kann man genußvoll nachlesen, welch ein versierter Stilist dieser Mitbegründer der „Neuen Frankfurter Schule“ ist. Er läßt sich keine wolkigen Formulierungen durchgehen. Gerade indem Gernhardt seine kleinen Künstler-Eitelkeiten offen ausspricht, vermeidet er selbstgerechten Zungenschlag. Derlei stete Wachsamkeit macht auch den Zeitbeobachter aus, der sich schwerlich von gängigen Meinungen beirren läßt.

Im Rückblick ist es frappierend, wie behutsam und differenziert er z. B. 1982 eine Reise in die DDR beschrieben hat. Darin steckt schon das Unbehagen an der innerdeutschen Fremdheit, mit der wir uns heute plagen. Und Prägnanteres ist – zumal in dieser unterhaltsamen Kürze – auch über die deutschen „Fifties“ kaum geschrieben worden als Gernhardts mal eben neun Buchseiten langer Beitrag „Die geile Welt der 50er Jahre“.

Die neue Art der Geistes-Schnüffelei

Gernhardt geißelt nicht nur konservative Widersacher, sondern auch linke Auswüchse: Hinter manchen Spiegel gehören seine Texte über die Stellvertreter-Empörung, die im Namen von Minderheiten alle Geistesprodukte einschließlich Satire auf politische Korrektheit abklopft und dabei jedes Maß verliert. Verständlicher Seufzer: Da sei man mühsam der autoritären Schnüffelei der 50er Jahre entronnen und falle einer neuen, sich fortschrittlich gebenden Inquisition anheim, die einem gar noch die Mülltonnen inspiziert, um nachzusehen, ob man auch ja sortenrein gesondert hat.

Apropos Müll: Auch das ewig „betroffene“ Gewühle im Abraum der Psyche geht Gernhardt auf den Geist: „Daß Beziehungen problematisch waren, lag in ihrer Natur begründet, sie zusätzlich noch zu problematisieren war ungefähr so sinnvoll wie – ach, ihm fiel gar kein Vergleich für diesen Unfug ein … Die Panzerknacker problematisierten ihre Brüche doch auch nicht“.

Straßen, in denen Kanzler Kohl aufwuchs

Aufgelockert durch Zeichnungen und allerlei Gedichte (irgendeine Doktorarbeit wird gewiß mal seine lyrische Verwandtschaft zu Peter Rühmkorf nachweisen), werden mit Leichtigkeit, die bekanntlich so schwer zu erzielen ist, Grundfragen abgehandelt: Die Kapitel heißen „Kunst und Leben“, „Mensch und Tier“, „Mann und Frau“, „Wort und Bild“, „Zeit und Raum“, „Gott und die Welt“, „Spaßmacher und Ernstmacher“.

Gernhardt schlägt Funken aus unscheinbaren Dokumenten. So gewinnt er etwa den Unterwäsche-Seiten von Versandhauskatalogen eine kleine Nonsens-,,Philosophie“ der Geschlechter ab. Beim Gang durch die Straßen, in denen Kanzler Kohl aufwuchs, erspürt Gernhardt mehr vom Gepräge dieses Politikers als mancher Groß-Essayist. Oder er entlarvt Zeitgeist-Hanseln wie den Psycho-Autor Wilfried Wieck („Männer lassen lieben“) durch Vergleich mit dem großen christlichen Bekenner Augustinus. Da sieht Wieck ganz alt aus. Und der Leser hat abermals die doppelte Portion bekommen: Lachen und Erkenntnis auf einen Streich.

Robert Gernhardt: „Über alles“. Ein Lese- und Bilderbuch. Haffmans-Verlag, Zürich. 479 Seiten, 44 DM.




Impressionisten aus der „zweiten Reihe“ – Kölner Ausstellung präsentiert weniger bekannte Vertreter der Stilrichtung

Von Bernd Berke

Köln. Gleißendes Sonnenlicht überflutet die Landstraße. Man fühlt die Hitze förmlich aus dem Bilde steigen. Im Vordergrund geht ein mürrisch blickender Mann den beschwerlichen Weg hinauf. Das Gemälde von 1884 zeigt den berühmten Impressionisten Claude Monet.

Gustave Caillebotte hat die schweißtreibende Szene gemalt. Das war ein reicher Mann, der sich keine Sorgen um den Verkauf seiner Bilder machen mußte. Er war mit den Größen des Impressionismus befreundet, die ihn aber eher als solventen Käufer ihrer Werke denn als ebenbürtigen Kollegen schätzten. Jedenfalls tat er viel für die Verbreitung dieser luftigen Lichtmalerei.

Um sieben Bilder von Caillebotte gruppiert sich jetzt eine Kölner Ausstellung aus Beständen des Petit Palais in Genf, die weniger in die Tiefe als in die Breite der impressionistischen Kunstrichtung geht. Sie zeigt einige ihrer Verzweigungen und macht das deutsche Publikum mit Impressionisten „aus der zweiten Reihe“ bekannt. Man sieht keinen Manet, Monet, Renoir oder Seurat, statt dessen z. B. einen Dubois-Pillet, Le Sidanier, Loiseau oder Luce.

Lottogewinn ermöglichte künstlerische Muße

„Zweite Reihe“ heißt hier nicht in jedem Falle zweitrangige Qualität, aber mindere Popularität. Weiterer gemeinsamer Nenner: Die meisten dieser Maler verschrieben sich nicht vollends der Kunst, weil sie es nicht nötig hatten. Von Caillebottes Reichtum war die Rede. Arman Guillaumin, von Haus aus Beamter, fand zur künstlerischen Muße, nachdem er in der Lotterie gewonnen hatte. Andere hatten bürgerliche Berufe. Charles Angrand z.B. war Mathematiklehrer und zergliederte denn auch Licht und Farbe geradezu wissenschaftlich in einzelne Punkte – ein Verfahren, das unter dem Schlagwort Pointillismus bekannt ist. Bei Angrand gerät dies allerdings schon zur konfettihaften Verteilung von Punkten.

Überhaupt bietet die Ausstellung nicht durchweg hohe Meisterschaft. Gerade das macht sie interessant. Probleme des Impressionismus treten so deutlicher hervor als in berühmten Stücken.

Die 60 Bilder reichen zeitlich von 1870 bis 1905. In ihren letzten Ausläufern leitet die Auswahl zu anderen Stilen über: Henry Clemens van de Velde umrandet Flächen scharf, füllt sie mit stark kontrastierenden Farben und markiert bereits das Grenzgebiet zu Symbolismus und Jugendstil. Auch Henri Martin ist der Neigung des Pointillismus, die Bildflache ins gar zu Flüchtige aufzulösen, überdrüssig und will wieder faßbare Atmosphäre heraufbeschwören. Mit seinem Großbild „Die Pergola in Marquayrol“ (1895) ist er dabei jedoch geradewegs in leblose Jugendstil-Idyllik geraten.

Die Verteilung von Leere und Fülle

Ganz anders Gustave Caillebotte, die Zentralfigur der Schau. Gut vorstellbar, daß sein „Gelbes Feld“ (1884) den besessensten aller Gelb-Maler, Vincent van Gogh, beeinflußt hat. Caillebottes „Der Hase“ (1882) – Bildnis eines erlegten Tieres – zeugt von Mut zum kühnen Bildformat und in der Gestaltung des Fells von spontaner Sinnlichkeit, die sich auch angemessen mitzuteilen weiß. Über „Die Europa-Brücke“ (1876) gehen Menschen in streunender Großstadt-Einsamkeit. Ein sehr modern anmutendes Bild.

Bemerkenswert auch die Gemälde von Henri Le Sidanier, der mit originellen Ausschnitten und mit einer ganz eigenwilligen Verteilung von Leere und Fülle experimentiert. Da erstreckt sich ein gelb durchfluteter Garten rings um eine große leere Mitte, während die Baum- und Heckengrenzen als eine Art Rahmung fungieren. Gegenstück: Blütenpracht in Überfülle quillt aus seinem Bild „Rosenpavillon in Gerberoy“; nur ein winziges Fenster lugt zwischen den Blumen hervor. Dieses Werk gehörte übrigens eine Zeitlang dem großen französischen Filmkomiker Jacques Tati, es hat den Bildaufbau bestimmter Szenen in „Die Ferien des Monsieur Hulot“ inspiriert – wie denn überhaupt die Impressionisten zu den Anregern der frühen Filmkunst zählten.

„Bildwelten des Impressionismus“. Wallraf-Richartz-Museum, Köln (am Hauptbahnhof). Bis 4. September, Di.-Fr. 10-18, Sa./So. 11-18 Uhr. Katalog 28 DM.