Kunst aus klirrender Kälte – Archäologische Ausstellung über sibirische Waljäger vor 3000 Jahren

Von Bernd Berke

Hamm. Reichlich nachgedunkelt und arg ledrig sieht das Boot aus. Doch es macht einen intakten Eindruck. Denkbar gar, daß es noch für eine Paddelfahrt taugt. Der älteste komplette Kajak der Welt ist Prunkstück einer archäologischen Schau in Hamm und gehörte zur Ausrüstung arktischer Waljäger, die vor 2500 bis 3000 Jahren an der Nordostküste des heutigen Sibirien den Naturgewalten getrotzt haben.

Jagd auf die Großsäuger wurde freilich nicht in solchen Solo-Kajaks gemacht, sondern mit vereinten Kräften in „Siebenern mit Steuermann“. Während einer die Kommandos gab, stießen die anderen Männer mit Speeren und Harpunen aus Walroß-Elfenbein zu. Da werden viele Stiche nötig gewesen sein, bis der Wal erlegt war.

Die tollkühnen Herren hatten denn auch, so vermutet man, riesigen Respekt vor dem Tier und seiner Seele, mit der sie sich nach vollbrachter Tat rituell „versöhnt“ sehen wollten. Die ostsibirischen Ureinwohner jagten nur zum Überlebensbedarf, nicht für schnöden Gewinn wie heutige Fänger – und sie warfen nichts weg. Die Sehnen der Tiere wurden Z.B. zu Bindfäden verarbeitet oder in Bogenschußgeräte gespannt, die Häute dienten zur Abdichtung der hölzernen Behausungen und Boote.

Die meisten Gegenstände bestehen jedoch aus dem Elfenbein der Walroßzähne, das mit Hilfe von Steinwerkzeug bearbeitet wurde. Die rund 370 Fundstücke, die jetzt im Hammer Gustav-Lübcke-Museum zu bestaunen sind, wurden in den letzten Jahren zumeist aus Bestattungsanlagen geborgen. Die Objekte lassen auf ein entbehrungsreiches Dasein der sibirischen Eskimos schließen.

Kein Matriarchat gab’s in der eisigen Zone: Die Frauen blieben damals wohl brav in den Hütten und bereiteten die Mahlzeiten zu. Derweil müssen besagte Wal-Kämpfe für die Männer stets lebensgefährlich gewesen sein.

Magische Praktiken

Hinzu kam just die klirrende Kälte, fast das ganze Jahr über. Davon zeugen elfenbeinerne Schneebrillen und Schlittenkufen. Die Gleiter wurden von Rentieren gezogen.

Offensichtlich übten die damaligen Eskimos, wie bei naturnahen Völkern die Regel, magische Praktiken aus. So jedenfalls deuten Fachleute die vielen phantastischen Tierfiguren, Masken und Verzierungen der Waffen. Rätselhaft die Art der Bestattung: Den Verstorbenen wurden die Köpfe gewaltsam um 180 Grad gedreht, der Rücken wurde gar durchbohrt.

Ganz schmucklos liefen die Menschen auch damals nicht herum. Kämme und Gürtel deuten auf jenes Mindestmaß an Eitelkeit hin, ohne das unsere Gattung seit Urzeiten nicht auskommt.

„Arktische Waljäger in Sibirien vor 3000 Jahren“. Hamm, Gustav-Lübcke-Museum, Neue Bahnhofstraße  – Bis 21. Mai, tägl. (außer Mo) 10-18, Mi 10-20 Uhr. Katalog 38 DM.




Holzfäller im Zauberwald – Sewan Latchinian inszeniert Shakespeares „Sommernachtstraum“ in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Beim Griechen um die Ecke wird Ouzo gesoffen und dann Sirtaki auf dem Tisch getanzt, weil Clan-Chef Theseus es so haben will. Was’n das wieder für’n Stück? Na, Shakespeare natürlich, sein „Sommernachtstraum“. Der spielt ja in und um Athen – und da denken wir gleich an Gyros, Tsatsiki & Co. Hier knüpft das Dortmunder Theater an.

Wie gut, daß diese Zauberkomödie vom erotischen Begehren und seinen dunklen Urgründen so unverwüstlich ist. Da schadet es nicht viel, daß Regisseur Sewan Latchinian sie durchstöbert hat. Doch braucht man wirklich Alltagsklamotten, Funktelefon und Rave-Rhythmen, um dieses Stück auf „modern“ zu trimmen? Steckt nicht schon (und immer noch) im Text die ganze Klimakatastrophe der Beziehungen, wie sie heute kaum anders durchlitten wird?

Als sei man in der Bundesliga, sucht man in Dortmund vor allem den schnellen Erfolg. Die zuweilen arg gröbliche Übersetzung Frank Günthers (wo sich „Fo…“ auch schon mal auf „Kotze“ reimt) durchdringt das Geschehen nicht so sehr, sondern pflanzt Gags obenauf. Wie soll da eine Inszenierung wesentlich tiefer greifen? Da darf halt auch einmal gejodelt werden.

Das große „U“ gerät ins Wackeln

Was ja so fern von Shakespeare nicht liegen muß. In seinem magischen Traumreich ist vieles erlaubt – sogar ein Esel, der beim Akt mit Elfenkönigin Titania (Iris Atzwanger) aus gigantischem Glied ejakuliert, so daß das große „U“ (Dortmunder Brauerei-Wahrzeichen) ins Wackeln gerät.

Sehr sinnfällig wird gezeigt, wie geschlechtliche Lust und Verachtung, Glück und Ekel ineins fallen können. Solche Mixturen sind eine Stärke dieser Inszenierung. Lysander (Michael Fuchs) bekommt schließlich seine Hermia (Anja Kirchlechner), Helena (Sylvie Rohrer) ihren Demetrius (Jörg Ratjen). Das bedeutet hier freilich keine Erlösung: Haben sich – nach all den Liebes-Wechselfällen im diesmal baumlosen Zauberwald (eine Öko-Pflichtübung) – die „passenden“ Paare gefunden, so fügen sie sich alsbald wieder ganz körperlich in jene altgriechische Säulen-Ordnung ein, aus der anfangs Herrscher Theseus (Alexander Muheim) und seine Amazone Hippolyta (Doina Weber) hervorgestiegen waren.

Nachdem der spukhafte „Puck“ (Ines Burkhardt) im Superman-Kostüm auf Flugreise gegangen ist, erleben wir die Anverwandlung eines weiteren trivialen Mythos: Denn es ist der reinste Vampirismus, mit dem Elfenkönig Oberon (Helmut Rühl) unter den Menschenkindern gehaust hat. Blutleer erstarren sie und werden am Ende zu kaltem Marmor. Sobald die I.iebeswogen sich gelegt und zu festeren Verbindungen geführt haben, versteinern die Verhältnisse.

Zuvor haben wir ein Liedchen gehört über Treue, die keinen Spaß bereite. Einzig die fortgesetzte Untreue hält also schmerzhaft lebendig, könnte man meinen. Leicht angewidert sagt’s der ,Puck“: „Jeder Hengst kriegt seine Stute. Alles Gute!“

Lachstoff zum baldigen Verzehr

So recht bei sich angekommen ist die Inszenierung mit jenen sechs unbedarften Handwerkern (u.a.: Jürgen Uter, Claus Dieter Clausnitzer, Günther Hüttmann), die die traurige Komödie zur Farce auflösen. Da gibt es Lachstoff zum alsbaldigen Verzehr. Je blöder, desto besser – die Rechnung geht auf. Und sind die Liebenden auch dumm, so sind die Dummen eben liebenswert.

Ein gutes Ensemble kommt über schwache Momente hinweg. Dies ist hier der schöne Fall. Es mindert die Leistung der anderen nicht, wenn man hervorhebt: Ines Burkhardt als weiblicher „Puck“, eine Dreh- und Angelfigur, mit variantenreich modulierter Geisterstimme. Kennt den ganzen Weltenlauf schon tausendfach, tut um des lieben Zaubers Willen mit. Sodann Sylvie Rohrer mit einem Hauch von Hysterie als Helena; schon jetzt, in jungen Jahren, eine Schauspielerin von Rang.

Alles in allem verdienter, recht animierter Premierenbeifall. Die Sache verspricht Erfolg – auch beim Abo-Publikum.

Nächste Vorstellungen: 1, 4., 5., 11. und 12. März, jeweils 19.30 Uhr. Tel.:0231/163041.




Kunst-Stoff für Christo – Fabrik in Emsdetten fertigt das Gewebe für die Reichstags-Verhüllung

Von Bernd Berke

Emsdetten. Es rattern und rattern die Webmaschinen. Sie machen Lärm für die Kunst, Tag und Nacht. In einer Emsdettener Fabrik entstehen jene 110.000 Quadratmeter Textil mit denen der Verhüllungskünstler Christo im Juni den Berliner Reichstag in ein magisches Zeichen der Geschichte verwandeln will.

Hart war die Konkurrenz. Gleich 19 Betriebe wollten den Stoff anfertigen, aus dem der l gigantische Kunst-Traum besteht. Den Zuschlag erhielt die Firma im Münsterland: Die J. Schilgen GmbH hat ihre Arbeit fast erledigt. Vier Monate lang sind zwei elektrische Webstühle rund um die Uhr nur für Christo gelaufen. Außerdem ging natürlich die übliche Produktion weiter.

Insgesamt 75 Tonnen wiegt die Fracht. Der Zeitplan ist strikt: Sobald wieder ein paar Rollen fertig sind, gehen sie gleich auf die Reise. Ende nächster Woche werden die letzten Stoff-Bahnen die Emsdettener Fabrik in Richtung Herbolzheim verlassen, wo sie mit einer hauchdünnen Aluminiumschicht (nur acht Kilogramm zur Bedampfung der gesamten Stoffhaut) versehen werden, bevor im sächsischen Taucha die Näh-Arbeiten beginnen. Nach der Alu-Behandlung glitzert das zuvor unscheinbar mausgraue Geflecht silbrig in der Sonne. Da kann man sich ausmalen, welch ungeheuren Effekt ein derart eingekleideter und von Licht umspielter Reichstag abgeben wird – auch bei Nacht, wenn Scheinwerfer ihn anstrahlen.

Stephan Schilgen (44), Chef des 1873 gegründeten Emsdettener Familienunternehmens, hatte sein Christo-Erlebnis mit 16 Jahren: „Damals ging’s mit dem Kunstlehrer auf Klassenfahrt zur documenta in Kassel.“ Ein Wahrzeichen der Weltkunstschau von 1968 war Christos 85 Meter hoch in den Himmel ragende Ballon-Wurst. Der Jugendliche aus Emsdetten, wo derlei ästhetische Wagnisse keine Heimstatt haben, war fasziniert.

Reißfest und feuerbeständig

Die alte Begeisterung erwachte wieder, als das Reichstags-Projekt spruchreif wurde. Schilgen: „1992 habe ich an Christo geschrieben und ihm unsere Faser angeboten.“ Christo, der schon seit Beginn der 70er Jahre auf eine Verhüllung des Reichstags sann, war interessiert. Als Vorlage hatte Schilgen ihm ein Gewirk namens Polypropylen geschickt, das sonst profanen Zwecken wie der Filter-Abdichtung dient. Es besaß aber schon einige der von Christo verlangten Eigenschaften.

Zwar hat sich der weltweit umtriebige Künstler nicht in Emsdetten blicken lassen, doch in Absprache mit seinen Mitarbeitern wurde das Material verfeinert. Es mußte noch reißfester werden, feuerbeständig sein, dabei aber luftdurchlässig bleiben und möglichst wenig wiegen. Eine Art Zauberstoff war gefragt. Doch schließlich waren alle Härtetests bestanden – und beim Wettbewerb konnte kein anderer Hersteller besser und billiger (5 DM pro qm) produzieren.

Anfangs hätte all das noch vergebliche Liebesmüh‘ sein können, denn erst am 25. Februar 1994 entschied der Bundestag nach heftigen Debatten, daß Christo zum Zuge kommt.

Die 250 Schilgen-Mitarbeiter sprechen mit Stolz von ihrem reißfesten Beitrag zur Kunstgeschichte. Wenn Christo und seine vielen Helfer sich ab 17. Juni an die Verhüllung des Reichstages machen, gibt’s gleich zwei Betriebsausflüge: nach Berlin!




Der wütende Hrdlicka: Jeder Strich ein Hieb – Zeichnungen des umstrittenen Österreichers in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Manchmal genügt ein Funken, um aus seinem wienerischen Charme die schiere Weißglut strömen zu lassen. Der Künstler Alfred Hrdlicka (66) kann zum Berserker werden – beim Meißeln des Steins und im wirklichen Leben. Gestern war er in Dortmund, zur Eröffnung der bislang größten Ausstellung seines zeichnerischen Werks.

Ungehemmte Kraft und das Leiden an ihr – zwischen diesen Polen bewegen sich seine künstlerischen Arbeiten. Sexuelle Gewalt, ausgeführt bis ins pornographische Detail, ist eines der beherrschenden Themen. Auch mit seinen Boxer-Bildern und biblischen Szenen wirft sich Hrdlicka in furiose Farb- und Formen-Kämpfe. Jeder Strich ein Hieb.

Besonders grimmig verleiht Hrdlicka, der dem Kommunismus nicht abgeschworen hat wie die meisten Ex-Genossen, seiner politischen Mordswut Ausdruck. Ungeheurer drastisch zeichnet er Kriegs- und Folterszenen, so auch serbische Kämpfer beim Grillen nackter Babys. Wenn solche Schrecknisse mit überlieferten religiösen Bildformeln verschnitten werden, so hat man ein wahrhaft explosives Gemisch.

Kaum zu leugnen, daß der Mann, der vornehmlich mit Bildhauerei hervorgetreten ist (und sich über Denkmäler schon mit so mancher Stadt angelegt hat), als Zeichner von etlichem künstlerischen Vermögen zehrt. Doch oft bleibt schon perspektivisch seltsam unklar, mit wem sich Hrdlicka notfalls identifizieren könnte: Mit den Tätern? Mit den Opfern? Mit der Zerrissenheit zwischen beiden?

Verzweifelt aggressiv ist ja auch die Machart. Meist erzeugt gerade der Zwiespalt irritierende Spannung, manches gleitet aber auch in Kolportage ab oder bekommt zweifelhaften Hintersinn. Was Fülle, Vielfalt und vorteilhafte Plazierung der Auswahl betrifft, so hat die Schau im „City-Center“ Museumsqualitäten. Hrdlicka war davon sichtlich angetan.

Der Künstler, notorisch auf alle Formen (oder Deformierungen) des Menschenleibs versessener Naturalist und flammender Feind der Abstraktion, sieht in vielen öffentlichen Museen eine „Gleichschaltung“ (Hrdlicka) am Werke. Mit etlichen arroganten Kunst-Experten, so sagt er selbst, habe er sich mittlerweile überworfen. Verbitterung, weil ihn die Fachwelt nicht genug hofiert?

Eines darf man nicht Verschweigen: Kürzlich hat Hrdlicka, um den PDS-Abgeordneten Gregor Gysi gegen Angriffe Wolf Biermanns zu verteidigen, dem Sänger (dessen jüdischer Vater von den Nazis ermordet wurde) in einer fürchterlichen Aufwallung die „NS-Rassengesetze an den Hals“ gewünscht. Eine durch nichts zu entschuldigende Ungeheuerlichkeit, von der Hrdlicka freilich nicht abrücken mag, wie er gestern bekundete.

Kein Grund, zum Boykott seiner Kunst aufzurufen, wie dies manche getan haben. Doch man kann nicht umhin, daran zu denken, wenn man durch die Ausstellung geht. So spürt man den Schmerz der Bilder doppelt und dreifach.

Alfred Hrdlicka. Zeichnungen. Dortmund, Harenberg City-Center (Königswall 21). Bis 31. März, tägl. (auch Sa/So) 10-18 Uhr. Eintritt frei, Katalog 68 DM.




Richard Serra gab Dortmund da Ja-Wort

Von Bernd Berke

Dortmund. Großes Aufatmen gestern Nachmittag in Dortmund. Der durch Stahlplastiken weltbekannte Künstler Richard Serra (55) hat der Stadt sein Ja-Wort gegeben.

Vermutlich ab 7. Juli können seine großformatigen Zeichnungen im Ostwall-Museum ausgestellt werden.

Serra war erstmals in der Westfalenmetropole. Er ist nahezu berüchtigt dafür, daß er sich Museums-Räume sehr kritisch anschaut, bevor er seine Werke hergibt. Spannend genug: Er sagt entweder ja oder nein. Kompromisse gibt es nicht.

Drei Dortmunder Orte kamen in Frage: Der Kunstverein schied sofort aus, weil er für die überdimensionalen Zeichnungen zu klein ist. Das Harenberg-Hochhaus fiel für tonnenschwere Plastiken gleichfalls aus dem Rennen. Serra gefällt zwar die Architektur des ,,City-Centers“, doch sie paßt, wie er gestern spontan befand, nun mal nicht zu seiner Art von Kunst. Auch hätte die Statik wohl Probleme bereitet.

Also ruhten alle Hoffnungen auf dem Ostwall-Museum. Und hier gefiel Serra sogleich der Lichthof, der schon so viele Künstler vor ihm überzeugt hat. Ingo Bartsch, der Leiter des Hauses: „Bei dieser Entscheidung ist mir ein Stein vom Herzen gefallen.“

Am Ostwall also wird Serra von Juli bis September eine Gruppe von acht riesigen Zeichnungen (jeweils ca. 2,50 mal 4 Meter) zeigen, und zwar – man muß es sich auf der Zunge zergehen lassen – zwischen den Stationen Lissabon und Rom. Die Schau unter dem Titel „Weight and measure“ (Gewicht und Maß) firmiert als Gastspiel des örtlichen Kunstvereins im Museum.

Serra, dessen Stahlskulptur „Terminal“ am Bochumer Hauptbahnhof bundesweit zuden imponierendsten zählt, ist und bleibt Plastiker, auch wenn er zeichnet. Mit dicken Schichten aus schwarzer Ölkreide verleiht er dem Papier eine in die dritte Dimension drängende, geradezu körperhafte Material-Qualität.

Kunstvereins-Leiter Burkhard Leismann hegt unterdessen weiter gehende Hoffnungen: „Wenn der Kontakt zu einem solchen Künstler erst mal hergestellt ist, kann noch mehr daraus werden.“

 




Inseln der Kunst im Sauerland – Rundfahrt zu aktuellen Ausstellungen in Arnsberg, Lüdenscheid und Schwerte

Von Bernd Berke

Arnsberg/Lüdenscheid/Schwerte. Sage niemand, daß es im Sauerland keine interessanten Ausstellungen gebe. Nur sind hier die zeitlichen und örtlichen Zwischenräume etwas größer als im Ruhrgebiet oder gar in Köln. In Südwestfalen sind es eben Inseln der Kunst. Ein paar Beispiele:

Der rührige Kunstverein Arnsberg, beflügelt auch von der Konkurrenz durch die mäzenatisch betriebene Stadtgalerie im nahen Sundern, zeigt derzeit großformatige Bilder des in Köln lebenden Klaus G. Gaida (geb. 1950). Der Ausstellungstitel „Erdrandbewohner“ bezieht sich selbstverständlich nicht aufs Sauerland, sondern auf Feuerland. Dort hat der Forscher Martin Gusinde um 1918 Sitten und Gebräuche eines bald darauf (durch Masern) ausgestorbenen Indianervolkes fotografisch festgehalten. Diese Dokumente dienten Gaida als Vorlagen. Man sieht phantastische Wesen wie von anderen Sternen, zu strengen Haltungen erstarrte Rituale der Geisterbeschwörung.

Ritual wie beim Fußballteam

Nach striktem Farbschema hat der Künstler diesen so ganz eigenen Menschen-Kosmos mit Kalkfarben und Sand-„Nestern“ auf Textilunterlagen gebannt. Als Mitteleuropäer sucht man nach vertrauten Mustern – und meint eines gefunden zu haben, wenn man z. B. eine Indianer-Gruppe aufgestellt sieht wie eine Fußballelf zum Meisterschaftsfoto. Doch damit sitzen wir bereits dem vorgeprägten Blick auf, den deutsche Fotograf arrangiert hat und den Gaida weitergibt. Vertraute Form, höchst fremdartiger Inhalt – eine irritierende Wechselwirkung.

Weiter geht’s: nach Lüdenscheid. Fast 60 Kilometer sind es von Arnsberg aus über die kurvige B 229. Lüdenscheid kann mit dem schmucken Städtischen Museum, der Stadtgalerie und dem Kulturzentrum schon als Sammelpunkt gelten. Für Kontinuität und Konzepte bürgt Uwe Obier, der jetzt Arbeiten des Lüdenscheiders Heinz Richter (geb. 1924 in Berlin) präsentiert. Die Schau beschließt eine geschichtlich zentrierte Erinnerungs-Trilogie. Der Titel („Steinzeit“) lässt sich beziehen auf kriegerische Ausbrüche, die immer wieder vorzeitlich anmuten. In redlicher Absicht, doch gelegentlich allzu plakativ, warnt Richter vor Neonazis und einer schrecklichen Wiederkunft von „Stalingrad“, wobei er auch auf Skizzen zurückgreift, die er nach dem 2. Weltkrieg angefertigt hat. Besonders im Gefolge des Golfkrieges (1991) hat ihn das Kriegsthema gepackt.

Bekenntnisse auf einem Tuch

Da fordert er auch schon mal flammende Bekenntnisse gegen Gewalt ein, die der Besucher in einer Flügelaltar-Installation per Unterschrift auf einem langen Tuch bekunden soll. Andererseits taucht Richter auf Farbwolken-Bildern in unbewußte oder mythische Regionen und findet mit Metall-Durchbrüchen innigere Bilder der Gewalt.

Einige hundert Meter weiter befindet sich jene Galerie Friebe, die die rigorosen Jury-Maßstäbe der Kölner Kunstmesse „Art Cologne“ erfüllt. Hier sind nun Arbeiten des renommierten Münsteraner Kunstprofessors Joachim Bandau (geb. 1936) zu sehen. Es ist eine sparsam, jedoch überlegt getroffene Auswahl. Die kleinen Wandplastiken aus patiniertem Blei oder Kupfer, in rhythmischer Folge angebracht, offenbaren ihre formalen Qualitäten bei geduldiger Betrachtung. Ähnliches gilt für die „Schwarz-Aquarelle“, die unaufdringlich mit sanften Überlagerungen, Übergängen und Schattierungen spielen.

In Richtung Dortmund empfiehlt sich ein Abstecher nach Schwerte, dem – je nach Blickrichtung – Vorposten des Reviers oder des Sauerlands. Auch der dortige Kunstverein genießt überregionalen Ruf.

Schichten der Erinnerung

Im stattlichen neuen Domizil zeigt man gegenstandsfreie Bilder des Belgiers Ivan Popovic. Die Auswahl umfaßt vor allem eine Serie von „Mauerbildern“. Diese sind schichtweise aufgebaut und ähneln Hauswänden oder eben Mauerstücken, von denen der Putz abgeplatzt ist wie nach einer großen Regenzeit. Die Verwitterung legt dem Betrachter Erinnerung an Vergangenes nahe. Zuweilen eincollagierte alte Briefe mit nicht mehr gebräuchlichen Schriften verbreitern diesen Zugangsweg. Doch auch der frisch-kalkige Duft der Bilder lenkt die Wahrnehmung. Subtile Kunst im Spannungsfeld von Graffiti und politischen Mauerstürzen.

  • Kunstverein Arnsberg, Königstraße 24: Klaus G. Gaida „Erdrandbewohner“. Bis 12. März. Mi.-Fr. 17-19. So. 11-13 Uhr (Tel.: [029 31] 2 11 22).
  • Museen der Stadt Lüdenscheid, Sauerfelder Str. 14: Heinz Richter „Steinzeit“. Bis 26. Februar. Di-So 11-18 Uhr. [023 51] 17 14 96).
  • Galerie Friebe. Lüdenscheid, Parkstraße 54. Joachim Bandau. Bis 10. März. Mo.-Fr.10-12 und 16-18 Uhr. Tel.: [02351] 3 89 24).
  • Kunstverein Schwerte, Kötterbachstraße 2. Ivan Popovic. Bis 3. März. Di.-Fr. 16-19 Uhr [02304] 22175).

 




Fröhlicher Ritt durch Ibsens traurigen Text – Carsten Bodinus inszeniert „Die Wildente“ in Oberhausen

Von Bernd Berke

Oberhausen. Die kleine Hedvig hakt sich mit den Beinen an die Treppe und schaukelt kopfüber. Ein Bild der kindlichen Unschuld, bedroht von Sturzgefahr. Von Zeit zu Zeit dringen Stimmen wie aus der Tiefe herein und rufen ihren Namen. Sind’s böse Geister?

Ja, etwas gespenstisch ist es schon, wenn man, wie Regisseur Carsten Bodinus am Theater Oberhausen, Henrik Ibsens „Wildente“ völlig vom ersten Akt befreit. Schnapp! Damit ist die gesellschaftliche Sphäre getilgt, verschwunden also die Einbettung des Geschehens. Bodinus hat das Stück auf familiäre Vorgänge verengt, hat ein Psychodrama der Lebenslügen daraus gemacht – und dessen Parodie geliefert.

Fotograf Ekdal (beleibter Gemütsmensch: Gerhard Fehn) lebt in den Tag hinein. Der Faulpelz faselt von einer lukrativen Erfindung, die er „demnächst“ machen werde. Seine treusorgende Gattin Gina (Elenor Holder) hält ihm alle banalen Sorgen vom Hals, der pflegeleichte Opa (Dieter Oberholz) süppelt nur ein bißchen, und die fast 14jährige Tochter Hedvig (Jacqueline Roussety) ist kreuzbrav. Umgeben von lauter sanften Sand-Farbtönen (Bühne: Robert Ebeling) sonnen sie sich im kleinen Glück. Gemeinsam spielen sie ein naiv-harmonisches Blockflötenliedchen. Trautes Heim, niedliches Theater.

Doch Ekdal verdankt sein halbwegs auskömmliches Dasein nur dem Ortspatriarchen, Grubenbesitzer Werle (Hartmut Stanke). Der schanzt Gina insgeheim Geld zu, denn er hat mal was mit der Frau gehabt und dabei wohl auch Hedvig gezeugt. All das erfährt Ekdal von Werles verbittertem Sohn Grcgers (Germain Wagner).

Ein Fall von Tugend-Terror

Miesmacher Gregers stakst schwarz gewandet durch die Szenerie. Er verkörpert das bedingungslose „Rechtschaffenheits-Fieber“, wie es bei Ibsen heißt. Hartnäckig verfolgte Idee: Wenn Ekdal alles wisse, könne er endlich dem reinen Ideal zustreben, seine „gefallene“ Frau gnädig verzeihend zu sich emporheben. Heute würde man so etwas Tugend-Terror nennen.

Die Sympathie des Regisseurs wendet sich denn auch Ekdal zu. Eine Parteinahme fast wie im Kindertheater. Geradezu liebevoll geht Bodinus mit der Männerfigur um, die ihrer Illusionen so schändlich beraubt wurde. Als Ekdal schon zornbebend seine Familie verlassen will, hält er inne angesichts einer leckeren Mahlzeit, die seine Frau rasch bereitet hat. Er ist hin- und hergerissen zwischen Idealismus und Appetit. Man muß ihn einfach bedauern.

Zu sonderlichem Feinsinn versteht sich die Inszenierung nicht. Sie gleicht einem fröhli- chen Ritt durch Ibsens Text und bekümmert sich nicht groß darum, ob er das wohl aushält. Im großen und ganzen macht es freilich Spaß, dabei zuzusehen. Denn gespielt wird mit blanker Lust und achtbarem Können. Nur: Es ist nicht immer Ibsen, was da gegeben wird, sondern auch schon mal Klamotte.

Gelegentlich scheint der Umgang mit der Vorlage allzu sorglos. Oder ist es etwa doch Hinterlist, wenn diese Aufführung gewisse Schwächen und Eigenheiten des Stückes auf fast schon unerhörte Art hervortreibt? Die symbolische Überfrachtung der auf Ekdals Dachboden gehaltenen Wildente und des Blindheits-Motivs ward selten so deutlich. Und wie hohl tönen hier die pathetischen Männersprüche!

Weitere Termine: 3., 19. und 25. Februar. 0208/85 780.