Sehnsucht nach der Sinnlichkeit des Südens – Barocke Schätze aus Budapest in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Gute Beziehungen zu Osteuropa tragen Früchte, auch kulturelle. Vor Jahresfrist konnte das Wuppertaler Von der Heydt-Museum Bilderschätze aus Bukarest („Von Cranach bis Monet“) zeigen, jetzt prunkt man mit Barock-Gemälden aus dem Budapester Museum der Bildenden Künste.

Wiederum locken ganz große Namen: Rembrandt, Rubens, Van Dyck, Frans Hals. Doch auch von weniger bekannten Künstlern sieht man Erstaunliches.

Aus einem üppigen Budapester Fundus von rund 3000 Gemälden (vor langer Zeit von den Dynastien Esterházy und Habsburg zusammengetragen) hat man 80 kostbare Stücke auf die Reise geschickt. Ohne Konzept wäre es pure Willkür gewesen. Leitlinie der Auswahl: Aus den Bildern soll die brennende Italien-Sehnsucht „nordischer“ Barockmaler sprechen.

Italien war als Vorbild Pflicht

Tatsächlich war es (nicht nur) im 17. Jahrhundert für flämische, niederländische und deutsche Maler Pflicht, entweder in Italien gewesen zu sein oder sich wenigstens an den dortigen Künstlern zu orientieren. Ob sie sich die Anregungen des Südens kraftvoll anverwandelt haben oder ihnen nur aufgesessen sind, daran bemißt sich die Qualität. Die Schau enthält Porträts, Stilleben, pralle Genrebilder aus dem täglichen Volksleben und Landschaften. Etliche Szenen wird man nur mit genauen mythologischen oder biblischen Kenntnissen aufschlüsseln können. Auch wirkt diese oder jene Ideallandschaft für heutige Betrachter vielleicht gar zu idyllisch.

Doch die allermeisten Werke sind von einer aufblühenden Sinnlichkeit, die uns unmittelbar angeht. Nicht nur nebenbei: Antike Mythen und Altes Testament sind aus dem Blickwinkel der Kunst bis zum Bersten mit Erotik angefüllt. Da erweist gar ein Mädchen dem ins Gefängnis gesperrten Vater ihre Tochterliebe, indem sie ihm die entblößte Brust zum Saugen reicht.

Schwarz in vielen Schattierungen

Wer das „Männliche Bildnis“ des Frans Hals sieht, muß sogleich begreifen, warum gerade dieser Künstler berühmt werden mußte. Wenn einer es auf diese Weise vermag, nachtschwarze Töne in verschiedensten Schattierungen erstrahlen, ja geradezu diamantenhaft gleißen zu lassen, gehört er eben zu den Allergrößten seiner Zunft.

Überragende Meisterschaft verrät auch jener „Männliche Studienkopf“ von Peter Paul Rubens, eigentlich bloße Vorübung zu einem größeren Altarbild und doch in sich vollendet. Das zerklüftete Gesicht des Greises tritt in grandioser Lebendigkeit hervor. Und man versteht: Rubens war keinesfalls nur ein Mann der großmächtigen dramatischen Effekte, sondern einer, der auch das intime Detail leuchten lassen konnte.

Rembrandts „Traum des heiligen Joseph“ vergegenwärtigt den Moment, in dem der Engel Joseph zur Flucht nach Ägypten überredet. Das Bild ist, auch wegen einer Anstückelung, inzwischen so fragil geworden, daß es als einziges unter Glas gezeigt werden muß. Dennoch kann man lange darin schwelgen: in den ungeheuer feinen Abstufungen goldbrauner Farbklänge, in der unmittelbar eingängigen Bildkomposition…

Wollust des Farbwechsels

Die italienischen Vorbilder werden freilich bei den weniger prominenten Malern wie Salomon Adler, Johann König, Jacob de Heusch oder Jan Lievens oft deutlicher. Da flammt zum Beispiel eine drastische Genreszene wollüstig in „venezianischen“ Farben auf. da werden komplette Bildschemata von Raffael übernommen und mit anderen Figuren gefüllt, oder es legen sich die harten Schlagschatten nach Art eines Caravaggio auf die Gestalten.

Ja, wenn der Norden den Süden nicht hätte! Dann wären Bilder und Gemüter finsterer.

„Rembrandt, Rubens, Van Dyck… – Italiensehnsucht nordischer Barockmaler“. Von der Heydt-Museum. Wuppertal-EIberfeld (Turmhof 8). 30. Juli bis 24. September, Di-So 10-17 Uhr, Do 10-21 Uhr. Eintritt 15 DM, Katalog 38 DM.




Acht Bilder und ein Name – „Weight and Measure Drawings“ von Richard Serra in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Eine Ausstellung mit acht Zeichnungen? Ja, lohnt sich denn da überhaupt der Weg zum Dortmunder Ostwall-Museum? Nun ja. Es sind Riesenformate, und sie stammen von einem Heros der neueren Kunst: dem Amerikaner Richard Serra.

Dortmunds Kunstverein, der mit dieser Schau am Ostwall gastiert, kann sich auch mit dem bloßen geographischen Verlauf der Wanderausstellung brüsten. Die bisherigen Stationen hießen New York, Baltimore und Lissabon. Nun ist Dortmund als einzige deutsche Stadt an der Reihe, es folgen Miami und eventuell Tokio. Da werden weltstädtische Träume wach.

Im Februar war Richard Serra kurz hier und hat den Ort des Geschehens inspiziert, die Hängung übernahm nun – nach exakten Vorgaben des Meisters – einer seiner Assistenten. Serras große Stahlskulpturen (für die er hierzulande weitaus bekannter ist) beziehen sich ebenso machtvoll wie subtil auf Außenräume. Auch seine Zeichnungen sollen nicht nur für sich bestehen, sondern Erscheinungsbild und Volumen der umgebenden Innenräume „gewichten“. Daher auch der Titel der Schau, „Weight and Measure“ (Gewicht und Maß).

Die acht gerahmten Hochformate, bis zu vier Meter aufragend, bringen dem Ostwall-Lichthof einen ausgeklügelten Rhythmus bei, der innig mit dem Raum zu tun hat und doch sanft von ihm absticht. Ein Wechselspiel aus Näherung und Abgrenzung, Wachstum und Schrumpfung von Flächen. Die schwarzen und weißen, in sich strukturierten Felder hat Serra mit Ölstiften teilweise zentimeterdick auf kostbares Japan-Papier aufgetragen. Es sind Zeichnungen, die nicht in der zweiten Dimension verharren, sondern heimlich, still und leise, aber doch entschieden in den Raum vordringen.

„Weight and Measure Drawings“. Zeichnungen von Richard Serra. Museum am Ostwall, Dortmund. 21. Juli bis 3. September, di-so 10-17 Uhr. Katalog 20 DM.




„Wo sind Sie, meine Null?“ – Schöne Stunden mit dem Übersetzungs-Computer

Kennen Sie sie auch – jene Zeitgenossen, die alles gar zu wörtlich nehmen und daher ziemlich unangenehm werden können? So einer sitzt jetzt bei uns auf dem Schreibtisch.

Er ist handtellergroß, besteht aus grauem Plastik, nennt sich „Hexaglot Square one“ und kostet stolze 699 DM. Seine Hersteller behaupten, es sei ein Übersetzungcomputer, der zwischen Englisch und Deutsch – in beiden Richtungen – ganze Sätze bewältige. Mal schauen.

Um die „Rohübersetzungen von hervorragender Qualität“ (Eigenwerbung) auf die Probe zu stellen, wollen wir dem Bürschchen mal ein paar einfache Fragen stellen. Was heißt „The United States of America“ auf Deutsch? Einschalten, Übersetzungsrichtung wählen, die Buchstaben auf winzigen Tasten eingehen. Das dauert ein bißchen. Dann drücken wir erwartungsvoll den Übersetzungsknopf „Translate“. Nach etwa zehn Sekunden verrät der Apparat: „Die vereinigten Zustände von america.“ Nanu. Meint er das etwa gesellschaftskritisch? Natürlich nicht: Er hat nur die „states“ nicht als Staaten erkannt, sondern, state (Zustand) in die Mehrzahl gesetzt. Kleines Dummerle!

Nehmen wir spaßeshalber ein paar Zeilen aus Popsongs, denn „We love rock music“ (was laut Gerät „Wir lieben Felsen Musik“ bedeutet). Das Antikriegslied „Where have all the flowers gone?“ wird hier zu „Wo sind alle Blumen gegangen?“ Ja, wo nur? Doch weiter, weiter! Es scheint lustig zu werden.

Die Liebe und das Angebot

Bob Dylans „The answer, my friend, is blowing in the wind“ erscheint auf dem kleinen Bildschirm-Display so: „Die Antwort, mein Freund, bläst Sie in dem (!) Wind.“ Bei Elvis Presleys „Love me tender, love me true“ (Lieb‘ mich zärtlich, lieb‘ mich treu) hat das Gerät seinen ersten Anfall und schlägt ernsthaft vor: „Lieben Sie mich Angebot, lieben Sie mich wahr.“ Jaja, Angebot und Nachfrage.

Nehmen wir an, ein Engländer oder Amerikaner, des Deutschen nicht mächtig, wolle seiner Angebeteten aus „Germany“ (ein Wort, bei dem der Apparat aufgibt) mit diesem Computer Avancen machen. Ist durch die Tipperei schon die Romantik dahin, ist sie’s erst recht mit solchen Sätzen: Aus „I need you so much“ (Ich brauche dich so sehr) macht die Elektronik „Ich brauche Sie so viel.“ Und dann wird das Kerlchen sogar beleidigend: „Where are you, my love?“ (Wo bist du, meine Lieb(st)e?) wird ausgespuckt als „Wo sind Sie, meine Null?“ Offenbar ein Tennisfan, der sich die Zählweise auf den Center Court („Love – fifteen“) zu eigen gemacht hat…

Elektronische Komplimente

Mehr Sprachwitze, bitte! Ganze Abende kann man damit verbringen. „You are so pretty“ (Du bist so hübsch) gerät zu „Du bist so ziemlich.“ Kein glühendes Kompliment, fürwahr. Und selbst, wenn’s – ähemm – richtig ernst wird, läßt uns der Helfer schmählich im Stich: „Let’s go to bed“ (Laß uns ins Bett gehen) schnurrt zu „Lassen ins Bett gehen“ zusammen. Lassen wir, lassen wir’s. Oder was?

Nicht nur Liebende, auch Touristen und Schüler wären mit so einem Ding wohl ganz schön aufgeschmissen. Da nützt es wenig, wenn man sich über Ohrhörer mit scheppernder Stimme englische Sätze vorsprechen läßt und die eingebaute Weltzeituhr aufruft, sollte man mal „far away from home“ („Weit auswärtig von Heim“) sein.

Drei Chancen kriegt der Schlawiner trotzdem noch. Wie überträgt er den alten James-Bond-Titel „Live and let die“ (Leben und sterben lassen)? Vollends erstaunlich: „Leben Sie und lassen Sie Würfel.“ Und die umstrittene RTL-Serie „Power Rangers“? Die heißt plötzlich „Strom Förster“. Na bitte, scheint ja ganz harmlos zu sein.

Und nun der große Trommelwirbel, denn es gibt tatsächlich auch korrekte Übersetzungen. Wichtige Frage des Reisenden: „Where is the next bar?“ – „Wo ist die nächste Bar?“ Man muß halt nur die richtigen Fragen stellen.




Passagen durch die Paarwelt – „Rendezvous in Paris“ von Eric Rohmer

Von Bernd Berke

Sie können nicht einfach lieben oder es lassen, sondern müssen alles ergründen. Nirgendwo sprechen die Menschen ausgiebiger über Feinheiten ihrer Gefühle, als in den Filmen von Eric Rohmer. Nun bittet der Altmeister zum „Rendezvous in Paris“.

Die Figuren der drei Episoden erleben Passagen durch die Paarwelt, sie sind am Ende jeweils allein. Der Titel könnte auch „Trennungen in Paris“ lauten. Zumal die Frauen fließen im Redestrom ungeklärter Gefühle. Im Zweifelsfalle sind sie es jedoch, die bewußter damit umgehen und sich einem Zustand kristalliner Klarheit nähern.

Wir sehen sie und ihre zeitweiligen Partner in einer Art Sonderwelt, ohne Ablenkung von amourösen Fragen. Allenfalls die Stadtlandschaft von Paris spielt vage hinein. Episode eins: „Rendezvous um 7″. Esther trägt den Keim der Eifersucht in sich. Ist ihr Freund Horace treu? Es hebt ein zauberischer Reigen der Zufälle an: Esther wird von einem jungen Mann angesprochen, der ihr beim Flirt die Geldbörse stiehlt. Ein anderes Mädchen findet das leere Portemonnaie und bringt es der Besitzerin. Sie nimmt Esther mit zu ihrem abendlichen Rendezvous – und ist ausgerechnet mit Horace verabredet. Wie im Fluge lösen sich nun die Verbindungen. Am Ende streben alle auseinander, hinweg ins Ungewisse. Es wirkt wie ein federleichtes Rokoko-Schäferspiel oder eine Liebes- und Lügen-Komödie von Marivaux.

Die Leiden der amourösen Festlegung

Episode zwei: „Die Bänke von Paris“. Ein Paar, beiderseits anderweitig gebunden, streift tagsüber ziellos durch verschiedene Parks. Ein mehr oder weniger poetisches Spiel der Liebe, eine Versuchung mit Grenzen, denn die Frau läßt sich nur hauchzart küssen. Sie scheut die Leiden der Festlegung, des Gewählthabens: Als sie ihren Gatten mit einer anderen in jenes Stundenhotel ziehen sieht, das sie eben – endlich zu allem entschlossen – selbst mit ihrem Liebhaber aufsuchen wollte, hebt sie diese Zweitbeziehung kurzerhand auf. Nun fühlt sie sich auf den Mann zurückgeworfen, der doch nur eine phantasievolle Ergänzung zum Ehealltag sein sollte.

Episode drei: „Mutter und Kind, 1907″. Ein Maler soll einer schwedischen Touristin Paris und besonders das Picasso-Museum zeigen. Doch schon bald ist er die unterkühlte Blondine leid. Vor Picassos Mutterbildnis sieht er ein brünettes Mädchen und folgt ihr wie magnetisiert durch die Straßen. Schließlich kommt sie mit in sein Atelier. Man spricht über Kunst und Leben, man versteht sich, man geht freundlich auseinander. Eine undeutliche Möglichkeit. Ein kurze flackernde Vision davon, wie das Leben verlaufen könnte. Mehr nicht – und doch ungeheuer viel. In wenigen Momenten leuchten ganze Biographie-Linien samt Nebenwegen auf.

Rohmer hat auch diesmal wieder diese frühlingshaften jungen Frauen für die Kamera entdeckt, die sich so natürlich bewegen, als sei gar niemand zugegen. Der Faun muß eine mythische Bachquelle kennen, der Nymphen entsteigen. Sein neues Werk hat wieder all diese kleinen Szenen zum Verlieben, dieses unvergleichliche Fluidum.

„Rendezvous in Paris“ ist abermals ein Rohmer-Film wie flirrendes Sonnenlicht zwischen Baumblättern. Es wird einem dabei ganz leicht zumute, obwohl es doch um lebenswichtige Angelegenheiten geht. Dies aber zeugt von höchster Kunst.




Wie sehr uns Heinrich Böll fehlt – Zum zehnten Todestag des Literaturnobelpreisträgers

Von Bernd Berke

So lang ist es schon her: Am 16. Juli 1985 (Sonntag vor zehn Jahren) ist der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll gestoben. Wirkt der „gute Mensch von Köln“ noch nach?

Seine Erben lassen gelegentlich bisher unbekannte Schriften ans Licht kommen, demnächst soll etwa ein 1936 verfaßter Text erscheinen. Man ediert immer schön stückchenweise, damit das Geschäft nicht abreißt. Ebenso regelmäßig geraten die Bölls in Hader mit der Böll-Forschungsstelle an der Uni Wuppertal. Aber kann man das Nachwirkung nennen?

Es gibt heute keinen Autor von Rang, der an den Nahtstellen zwischen Literatur und Politik auch nur annähernd so viel Aufsehen erregt oder gar zum Repräsentanten taugt wie einst Böll. Günter Grass hat sich durch seine vorschnelle und gar zu harsche Ablehnung der deutschen Vereinigung ein wenig ins Abseits manövriert. Martin Walser hat den Gegenkurs eingeschlagen und zählt heute auch CSU-Finanzminister Theo Waigel zu seinen Freunden. Siegfried Lenz, sowieso nie sonderlich aufs Scheinwerferlicht versessen, hat sich noch mehr zurückgezogen. Hans Magnus Enzensberger gefällt sich in intellektuellen Volten, ist buchstäblich nicht zu fassen.

Von Botho Strauß zu schweigen, der sich weigert, den Vorwurf der Nähe zum Rechtsextremismus zu entkräften. Und die ostdeutschen Autoren hatten meistenteils damit zu tun, einander diverse Stasi-Tätigkeiten vorzuhalten.

Daß heute kein Schriftsteller, sondern ein Kritiker und Showstar wie Marcel Reich-Ranicki die Debatte via Fernsehen maßgeblich, ja beinahe monopolistisch bestimmt, ist ein Krisenzeichen. Kurz und traurig: Einer wie Böll, dessen Werke noch von vielen Menschen kontrovers diskutiert wurden, fehlt uns wohl.

Stimmen aus der Literatur werden heute ignoriert

Aber es sind eben ganz andere Zeiten. Eher unwahrscheinlich sind heute solche Vorgänge wie in den 70er Jahren, als etwa der erzkonservative Journalist Matthias Walden Heinrich Böll geistige Mit-Urheberschaft am RAF-Terrorismus vorhielt. Schwer nachzuvollziehen auch, daß prominente CDU-Politiker vom Rednerpult des Bundestages herab gegen Bölls Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ zu Felde zogen. Heute ist man in Bonn geschickter und ignoriert kritische Stimmen aus der Literatur einfach.

Gewisse schrille Stimmen, die uns im Brustton einer „politischen Korrektheit“ aufklären wollen, kann man ja auch nur schwer ertragen. Böll war engagierter Moralist, nach seinen Kräften stets zum Helfen und Eingreifen bereit. Solche ehrenwerten Positionen sind nun vielfach zum Betroffenheits-Kult erstarrt, der sich nur noch rhetorisch über alle möglichen Themen ereifert.

Zurück zum Eigentlichen: Soll man Bölls Bücher erneut lesen? Ja, das sollte man. Seine kirchenkritischen Romane („Und sagte kein einziges Wort“, „Ansichten eines Clowns“): treffen auch heute noch manche wunden Punkte des Klerus und der falschen Frömmelei. Wichtiger wohl noch: Rund 50 Jahre nach Kriegsende, auch angesiçhts der deprimierenden Ereignisse in Ex-Jugoslawien, sollten wir uns zumal Bölls Erzählwerke aus der „Trümmerzeit“ noch einmal vornehmen: „Wanderer, kommst du nach Spa…“, „Wo warst du, Adam?“ und all die anderen. Man kann daraus ermessen, was Gewissen ist. Man kann Gedanken an Schuld und Sühne daran knüpfen. Auf daß uns die Empfindlichkeit für ideelle Werte nicht ganz abhanden kommt.




Bob Dylan und die Phantasie vom Jungsein – Auftritt in Dortmund vor kleinerem Publikum

Von Bernd Berke

Dortmund. Bob Dylan war hier, doch die ganz große Zugnummer ist er nicht mehr. Bei den vorigen Dortmunder Gastspielen, 1978 und 1987, konnte Dylan noch das weite Rund der Westfalenhalle 1 buchen. Diesmal mußte er sich mit der Halle 2 begnügen. Die Folk- und Rocklegende auf dem Abstellgleis?

Der mittlerweile 55jährige gilt als launisch. An einem Abend spielt er genial, am nächsten vielleicht lustlos und miserabel. Man wußte also nicht so recht, was man in Dortmund zu erwarten hatte. Doch dann durften die Auguren aufatmen. Erste Anzeichen der günstigen Stimmung: Dylan und seine Band begannen mit einer vergleichsweise moderaten halbstündigen Verspätung, und der Meister, der vorab jegliches Fotografieren untersagt hatte, war optimistisch hell gekleidet.

Ohne Ansage zur musikalischen Sache

Dylan mag keine Ansagen, keine verbale Zwiesprache mit den Zuschauern. Vielleicht will er sich ja nur nicht anbiedern. Jedenfalls ging es ansatzlos zur musikalischen Sache, und zwar so, als wolle man den Stones etwas streitig machen: laut, treibend, wummernd. Anfangs klangen einige Gitarren-Ausflüge noch etwas quallig und breiig aus den Boxen. Kein grandios entfesselter, sondern mit Mühsal beladener Krach. Da ließ sich auch technisch gegensteuern. Vor allem aber: Als hätte Dylan abwarten wollen, ob er die „richtige“ Sorte von Publikum vor sich habe, steigerte er sich samt Gefolge zusehends. Immer druckvoller wurde sein nasaler Sprechgesang, immer transparenter die Untermalung.

Klassisch schlanke Rock-Besetzung

Die Begleiter gingen tief mit hinein in seine Songs, loteten unverhoffte Melodie-Linien aus, verliehen dem berühmten Frontmann Fassung und Freiheitsraum zugleich. Da zeigte es sich wieder: Die klassisch schlanke Rock-Besetzung mit Lead- und Rhythmusgitarre, Baß und Drums ermöglicht die spontane Verständigung und damit das kompakteste Gruppenspiel.

Im ersten Teil des zweistündigen Konzerts (wahrlich die Pflichtlänge für 60 DM Eintritt) setzte nur „Señor“ einen sanfteren Akzent, Klassiker wie „All along the Watchtower“ wurden hingegen durch den Bluesrock-Wolf gedreht. Jubel kam auf, als die Einheizer-Phase beendet war und Dylan sich anschickte, das kollektive Gemüt zu streicheln. Im Mittelteil wurden die E-Gitarren beiseite gestellt. Für „Tangled up in Blue“ kam erstmals die Harmonika zum Einsatz – altgedienten Dylan-Fans ein Signal des Echten, das niemals vergehen möge. Es folgte eine der schönsten Passagen: ein wohlig ausschwingendes „It’s all over now, Baby Blue“, das wunderweiche Wellen warf.

So selig wurde es erst wieder bei den Zugaben, für die sich Dylan besondere Kostbarkeiten aufgespart hatte: „Stuck inside the Mobile with the Memphis Blues Again“ „Rainy Day Women“ und „Knockin‘ on Heaven’s Door“.

Doch eine Song-Zeile war den Fans (die wenigsten noch in der Maienblüte) die größte Labsal: „I was so much older then, I’m younger than that now.“ Damals war ich viel älter, jetzt bin ich jünger.“ Genau das wollten die meisten von Dylan bekommen: Nahrung für die Phantasie, daß ihre Jugend stetig wiederkehrt.




Verwehtes Menschenbild – Köln: Umfassender Querschnitt durch die Sammlungen des Peter Ludwig

Von Bernd Berke

Köln. Es läßt sich kaum ein Ausstellungs-Titel denken, der mehr ins Allgemeine spielt: „Unser Jahrhundert: Menschenbilder – Bilderwelten“. Unmöglich ist’s eben, die freischwebende Moderne mit allseits treffenden Schlagworten zu fassen. Auch um diese irritierende Vielfalt geht es jetzt in Köln, wo ein Querschnitt durch die famosen Sammlungen des Mäzens Peter Ludwig zu sehen ist.

Der gerade 70 Jahre alt gewordene Aachener Schoko-Magnat und promovierte Kunsthistoriker hat bekanntlich Bilder derart angehäuft, daß er sie auf ein ganze Kette von Museen verteilen konnte. Eine Essenz der Sektionen Gegenwart und jüngere Vergangenheit ist nun also vorübergehend an einem Ort beisammen. Die Leihgaben kommen aus den Ludwig-Museen in Oberhausen, Aachen, Koblenz, Wien, Budapest und St. Petersburg. Kölns Museum Ludwig steuert den Kernbestand bei und gibt die wohl unwiederbringliche Gelegenheit zur bündigen Gesamtschau.

„Ikonen“ der neuesten Zeit

Was Umfang und Anspruch betrifft, ist die Ausstellung mit Kölner Mammut-Unternehmungen der 80er Jahre („Westkunst“, „Bilderstreit“) vergleichbar. Auf den Kataloglisten finden sich 124 Künstlernamen aus 20 Ländern. 230 Arbeiten nahezu aller Größen des Jahrhunderts – von Picasso und Duchamp bis Warhol und Beuys – füllen die Räume. Besonders aus der Zeit nach 1945 enthält die Kollektion etliche „Ikonen“ wie die Suppendosen und Marilyn-Bildnisse des Andy Warhol oder die Monumental-Comics des Roy Lichtenstein. Die Auswahl wirkt, zumal auf dem Felde der Pop-Art, beinahe lexikalisch, hat aber auch aus dem Kreis derer zu Baselitz, Immendorff und Kiefer Spitzenstücke zu bieten.

Man mag den Kölner Museumsleuten vorhalten, sie hätten manches gar zu eng plaziert, so daß die Aura einzelner Werke leidet. Andererseits ergeben sich im dichten „Gewühl“ aufschlußreiche Gleich- und Gegen-Klänge. Da geraten etwa die gemalten bzw. gebauten Maschinenwelten eines Jean Tinguely und eines Konrad Klapheck ins optische Zwiegespräch, und der selbstironische Machismo eines Francis Picabia („Die spanische Nacht“, 1922) findet seine bonbonbunte Fortführung in Jeff Koons‘ Skulptur „Jeff and Ilona“ (1990), die den Künstler mit seiner Ex-Ehefrau, der früheren Porno-Darstellerin Ilona Staller, in flagranti auf dem Liebeslager zeigt.

Es lassen sich auch Leitlinien ziehen. Beispielsweise das Verwehen des herkömmlichen individualistischen Menschenbildes, etwa in seriellen Reihungen oder unter mikroskopisch-eindringlichen Künstlerblicken. Der Einzelne taucht im großen Ganzen unter oder löst sich (seit dem Kubismus) bildlich zur Collage anatomischer Teile auf.

Die Lockungen der Oberfläche

Die Lockungen glänzender Oberflächen und etwaige Untiefen dahinter sind ein weiteres Leitthema. Sie zeigen sich etwa in den hyperrealistischen Verspiegelungen der Wirklichkeit oder in der Pop-Art, die die zwiespältigen Genüsse der Konsumwelt feiert. Wenn freilich Christo, der’s damals noch ein paar Nummern kleiner gemacht hat, anno 1963 eine Rechenmaschine in Plastikfolie einwickelte, so war das eben noch keine Verhüllung, sondern wohl zorniges Packen – eine Geste gegen den Plunder der Zivilisation.

Entdeckung der Schau sind die jüngsten Erwerbungen des Peter Ludwig, der sich neuerdings vehement der chinesischen Kunst zuwendet. Zu nennen wären Fang Lijuns schmerzlich fratzenhafte „Gruppe 2″ und Huang Yongpings „Kiosk“ mit einem Papierbrei aus alten Zeitungen als Sinnbild der Vergänglichkeit. Es sind dies Bilder wie lang unterdrückte Aufschreie. China, so scheint es hier, schließt rasant zur Weltkunst auf.

„Menschenbilder – Bilderwelten“. Museum Ludwig, Köln (direkt am Dom). Bis 8. Oktober. Di-Fr 10-18. Sa/So 11-18 Uhr. Eintritt 13 DM. Katalog 49 DM.




Musik mit tiefen Wurzeln – Michelle Shocked in der Essener „Zeche Carl“

Von Bernd Berke

Essen. Manchmal singt sie glockenrein und mädchenhaft wie einst Joan Baez, dann wieder schwillt ihre Stimme an wie die einer Janis Joplin. Die Texanerin Michelle Shocked, jeder musikalischen Festlegung abhold, ist nach wie vor ein Geheimtipp. Sie hat aber eine treue Gemeinde um sich geschart. So auch jetzt in der Essener „Zeche Carl“.

Ihre Songs sind keine künstlichen Produkte. Wenn sie einen Refrain wie „I’ve come a long way“ singt, glaubt man ihr den langen Weg, den Staub auf den Stiefeln. Und wenn sie jenen „Cotton-eyed Joe“ hochleben läßt, fühlt man sich auf ein ländliches Fest in den südlichen US-Staaten versetzt.

Sie hat viel zu erzählen. Oft spricht sie sich in die Anfänge der Lieder hinein, oder sie unterbricht mittendrin den Fluß einer Melodie, berichtet von persönlichen Dingen, breitet ihr Leben vor dem Publikum aus.

Im braunen bodenlangen Kleid steht sie zwischen ihren beiden Begleitmusikern, eine schneeweiße E-Gitarre umgeschnallt, die sie hingebungsvoll handhabt. Sie wirkt zugleich verletzlich und doch „bodenständig“, kraftvoll, erdnah. Tatsächlich haben ihre Kompositionen tiefe Wurzeln im Blues und im Country-Genre. Doch Michelle Shocked verwandelt sich etliche Stilrichtungen an – vom Folk wie aus den 70er Jahren bis hin zu Anklängen an den ruppig-rauhen Lou Reed.

Erstaunliche Furcht auf offener Bühne

Ihre besten Songs aber klingen einfach wie Kinderlieder, gebaut aus wenigen einprägsamen Riffs: Aber sie kann eben auch entspannt swingen, schmerzhaften Blues von ganz unten heraufholen oder Rocknummern wahrhaftig „rollen“ lassen. So soll es sein. Auf eine solche Reise gehen wir mit.

Erstaunlich, daß sie ihrer eigenen Wirkung so wenig sicher zu sein scheint. Obwohl Songs wie „Anchorage“, „Homestead“ oder das wunderbar schwebende „5 a.m. in Amsterdam“ reichlich bejubelt werden, fürchtet sie plötzlich, „daß ich hier eure ganze Zeit vergeude“. Sie hoffe nur, haucht sie verlegen ins Mikro, daß ihr Auftritt „irgend einen Sinn“ habe. Wie untröstlich sich das anhört!

Doch wie um ihre eigenen Ängste zu bekämpfen, legt sie gleich darauf noch beherzter los. Und dann scheppern die zwei Gitarren mit dem Baß so grandios, daß keiner die Drums vermißt.

Vielleicht hat ihr Selbstbewußtsein unter dem Streit mit der Plattenfirma gelitten. Den Bossen war sie nicht kommerziell genug – und sie erhielt Studioverbot. Nun kann sie ihre auf eigene Faust aufgenommene CD „Kind Hearted Woman“ lediglich bei den Konzerten verkaufen. Das Elend einer Kreativen.




Hintergründiges Funkeln – Arbeiten des Farbtheoretikers Edgar Knoop in Hamm

Von Bernd Berke

Hamm. Wenn man vor den Bildem von Edgar Knoop steht, bleiben auch sie still, ja fast starr. Doch sobald man sich bewegt, nimmt man ein Flirren und Flimmern wahr. Was steckt dahinter?

Der gebürtige Dortmunder Knoop (Jahrgang 1936) lebt seit 1957 in München und ist dort seit 1972 Hochschullehrer für Farbtheorie. Hier ist also ein Fachmann und fundierter Theoretiker am Werke. Auch in der Praxis zeigt es sich: Gerade durch äußerst sparsam kalkulierten Einsatz bringt er die Farbe zur Wirksamkeit.

Knoops Ausstellung „Objekte – Projekte“ im Hammer Gustav-Lübcke-Museum (bis 16. Juli) enthält Collagen, Stelen (edel-schlanke Säulen), Reliefs, dickwollige Farb-Teppiche sowie Dokumente zu seinen Werken und Visionen für öffentliche Plätze.

Auf den ersten Blick wirkt die Zusammenstellung wie von aller Leidenschaft gereinigt, wie eine frostige Abfolge mathematisch vorberechneter Experimente mit Grundlagen der Kunst. Die geraden Linien verlaufen zumeist in Reih‘ und Glied, es herrscht vielfach quadratische Ruhe, oder es triumphiert der Goldene Schnitt.

Ist dies also Kunst vom Reißbrett, kühle Könnerschaft eines versierten Farb- und Formenforschers? Nein, das bewegende Moment der Emotion verbirgt sich nur, tritt nicht gleich in den Vordergrund. Derlei Zurückhaltung verweigert sich auch den Modeströmungen des Kunstmarktes. Knoop bleibt sich und – wenn man denn schon etikettieren will – der „konkreten Kunst“ treu, die zuletzt immer auf die Frage hinausläuft, was das Sehen überhaupt sei.

Insgeheim beginnen diese Arbeiten sich in der Phantasie des Betrachters zu regen: So hinterlegt der Künstler etwa breite dunkle Streifen mit einer glitzernden Spezialfolie. Das Licht trifft durch schmale Schlitze auf, wird gebrochen und ins Regenbogen-Spektrum zerstäubt. Daher also das besagte Flimmern und Funkeln. Und die quadratischen Formate werden so auf die Eckspitzen gestellt, daß – im Widerspiel mit Rahmung und Linien – eine eigentümlich kreisende optische Irritation entsteht. Hintersinnige Kopfkunst.




Oase in Hamm: Der Maxi-Park lockt mit Kultur und Natur

Von Bernd Berke

Hamm. Vom Kabarett bis zur Katzenschau, von der gewichtigen Dampflok bis zu federleicht flatternden Schmetterlingen aus aller Welt – der Hammer Maximilianpark lockt mit Kultur und Natur. Und das zu vergleichsweise zivilen Eintrittspreisen.

Am Haupteingang erhebt sich der 34 Meter hohe gläserne Elefant, längst ein Wahrzeichen der Stadt. Im Inneren ist das imponierende Tier über und über begrünt, und einige Kinetik-Kunstwerke des Elefanten-Erfinders Horst Rellecke verrichten hier ihre spielerische Tätigkeit, darunter ein „automatischer Fensterputzer“. Ein paar kleine Jungen stehen davor und finden es einfach „cool“. So kann man es sagen.

Hoch hinauf in den Kopf des Elefanten

Mit dem Fahrstuhl geht’s hinauf in den „Kopf“ des durchsichtigen Dickhäuters. Von hier aus kann man sich einen Überblick aufs Parkgelände verschaffen, das zur Landesgartenschau 1984 entstanden ist. Sieben Kilometer Spazierstrecken laden zum Erkunden ein. und immer wieder findet man am Wegesrand attraktive Haltepunkte.

Kaum zu glauben, daß sich auf diesem Areal einmal eine Zeche befunden hat. Immerhin zeugt noch eine schmucke alte Halle (Elektrozentrale) davon, die mit wechselnden Ausstellungen und Konzerten bespielt wird. Derzeit sind (bis 6. August) interessante Foto-Arbeiten von Michael Wissing und Gemälde von Harald Herrmann zu sehen. Über den ganzen Park verstreut sind jene Bronzeplastiken von Wilfried Koch. die sich so recht in die grüne Oase einschmiegen.

Musikalische Auftritte sind häufig, am 8. Juli steigt beispielsweise eine „Italienische Nacht“. Unter freiem Himmel findet sich ein kleines, aber feines Eisenbahnmuseum mit altgedienten Waggons und Lokomotiven (Prunkstück: eine Dampflok der 44er Reihe). Das ehrwürdige Bahnsteigdach stammt übrigens aus Hagen-Haspe.

Wo Ameisen den Weg kreuzen

Ein paar Ecken weiter stößt man unvermittelt auf das Warnschild „Ameisen kreuzen!“ – und das ist ökologisch ernst gemeint. Denn es gibt ganz ruhige Winkel im Park, in denen die Kreatur möglichst unbehelligt gedeihen soll. Ein naturnaher Wasserlauf schlängelt sich zwischen den idyllischen Fleckchen.

Es macht jedoch den besonderen Reiz dieses Parks aus, daß er vielfältige Abwechslung zwischen Ruhe und Anregung bietet. Es gibt – natürlich – ein Restaurant, einen Kiosk mit Seeterrasse, Eisstände und dergleichen Annehmlichkeiten. Es gibt Sportbereiche zum Bolzen und für Basketball. Vor allem aber locken gleich mehrere phantasievoll gestaltete Spielplätze Scharen von Kindern an.

An heißen Tagen ist besonders der Platz am Wasser begehrt. Der Form halber mahnt zwar eine Tafel „Baden verboten“, doch niemand hält sich daran, und keiner hat was dagegen. Überall wird geprustet und geplantscht. Obwohl das Naß nur knietief ist, paßt ein Park-Angestellter auf, daß nichts Arges geschieht.

Landesweit einzigartig ist das Tropenhaus des Parks. Nur hier sieht man – „live und in Farbe“ – so viele exotische Schmetterlinge aus allen Erdteilen durch eine üppig sprießende Pflanzenwelt flattern. Bunter geht’s nimmer. Das ist wahrlich etwas anderes, als die üblichen Sammlungen aufgespießter Exemplare.

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Tipps und Infos

  • Maximilianpark Hamm. Stadtteil Uentrop-Werries, Alter Grenzweg 2.
  • Erreichbar über Autobahn A 2 (Dortmund-Hannover), Abfahrt Hamm-Uentrop, rechts in die Uentroper Straße, links über die Lippebrücke, rechts Lippestraße Richtung Hamm-Mitte, links Ostwennemarstraße bis zu den Parkplätzen (der Weg zum Maximilianpark ist auch gut ausgeschildert).
  • Öffentliche Verkehrsmittel: Mit der Bahn bis Hamm Hauptbahnhof, dann Buslinie 1 oder 3 bis Maximilianpark.
  • Geöffnet April und September von 9 bis 21 Uhr (Kassenzeit 9 bis 19 Uhr).
  • Eintrittspreise in den Park: Kinder unter 4 Jahren frei, Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre 2 DM, Erwachsene 3 DM. Glaselefant: Kinder 50 Pfennig, Erwachsene 1 DM. Schmetterlingshaus 3 DM. Gruppenführungen (nach Vereinbarung) 30 DM. Für Sonderveranstaltungen wie Konzerte wird meist ein Extra-Obolus verlangt.
  • Informationen / Veranstaltungsprogramme unter: Tel. 02381/8 85 01 oder 8 85 02.

 




Reichstag inklusive: Mit dem Sonderzug zu Christo / Per Bahn vom Revier nach Berlin und zurück – eine Expedition in 19 Stunden

Der verhüllte Reichstag 1995. (Foto: Bernd Berke)

Der verhüllte Reichstag 1995. (Foto: Bernd Berke)

Von Bernd Berke

Dortmund/Berlin. „Tschuldigen Sie, ist das der Sonderzug zu Christo?“ Frei nach Udo Lindenberg hätte man’s trällern können. Denn die Bahn schuf am Wochenende zusätzliche Kapazitäten zwischen Ruhrgebiet und Reichstag. Auf zur Verhüllung also, ab Dortmund in aller Frühe – am Samstag um 5.58 Uhr.

Zu Beginn der Fahrt sehen die meisten Leute noch ein bißchen unausgeschlafen aus. Aber zur Frühstückszeit – etwa kurz hinter Bielefeld – gibt sich das, und es macht sich eine leicht aufgekratzte, aber doch wohlgesittete Stimmung breit. Schließlich ist man unter Kunstfreunden.

Das schließt kleine Boshaftigkeiten nicht aus: Ein launig-ironisch aufgelegtes Trüppchen im Großraumabteil zerpflückt genüßlich einen pompösen Feuilleton-Artikel. Sie zeigen weltläufige Kennermiene, reden von gehabten Kunsterlebnissen in New York oder anderswo und haben sich schon am Bahnsteig dementsprechend begrüßt. Doch es sitzen auch „ganz normale“ Menschen, die sonst nur selten der Kunst nachreisen, im Zug.

Alle haben ein gemeinsames Ziel

Das Schöne an einem Sonderzug ist, daß alle einem gemeinsamen Ziel zustreben. In diesem Fall haben alle Christo im Sinn. Man kommt also leicht ins Gespräch. Und da zeigt sich, daß Christos Sogkraft über die Maßen geht: Ein Künstler aus Velbert, der – kaum zu glauben – noch nie in Berlin gewesen ist, läßt sich durch die Verhüllungsaktion erstmals in die Hauptstadt locken.

Auch der städtische Beamte aus Gelsenkirchen war noch nie an der Spree. Jetzt zieht’s ihn hin. Nicht mal so sehr wegen der Kunst, sondern wegen des Spektakels an sich. Schließlich hat der Schalke-Fan vor zwei Wochen Borussias rauschende Meisterfeier in Dortmund miterlebt. Jetzt hofft er auf ein ähnliches Massenfieber in Berlin, wo sich am Wochenende wieder rund eine Million Menschen ums Reichstagsgebäude geschart haben. Und die Theater-Angestellte aus Dortmund ist zwar erst vor wenigen Tagen dort gewesen, jedoch: „Ich war so begeistert, daß ich gleich nochmal hin muß.“

...und noch eine Impression vom großen Ereignis. (Foto: Bernd Berke)

…und noch eine Impression vom großen Ereignis. (Foto: Bernd Berke)

Wie auf einer Pilgerreise

Allseits erwartungsfrohe Gesichter, als der Zug gegen Mittag in Berlin eintrifft. Es hat was von einer Pilgerreise. Und als die Wallfahrer aus dem Revier sich nachher im vielsprachigen Menschenstrom am Platz der Republik verlieren, als endlich der verhüllte Reichstag ebenso machtvoll wie feingliedrig am Horizont auftaucht, so ist es beinahe wie eine Erscheinung. Jeder will gleich mal den Verhüllungs-Stoff mit eigenen Händen greifen, alle reihen sich brav in die lange Schlange ein, an deren Ende es kleine Probestückchen des Textils gibt. Auch das ähnelt einer Liturgie.

Nur ist es keine gravitätische, sondern eine fröhlich-friedliche Kunst-„Religion“, der hier i gehuldigt wird. Überall treiben Kleinkünstler und Gaukler ihr buntes Wesen. Man kann sich (gegen Entgelt) in Goldfolie einwickeln lassen und oder eine Stehleiter auf der Wiese mieten, damit man beim Fotografieren über die Köpfe hinweg den „Reichstag pur“ aufs Bild bekommt.

Auf dem Grün rundum lagern viele Tausende, als sei’s das legendäre Rockfestival von Woodstock. So gewaltig der Auftrieb auch ist, man sieht keine aggressive oder auch nur mürrische Miene. Kein Zweifel: Christo hat mit seiner physisch vergänglichen, aber unvergeßlichen Aktion ein Stück Utopie heraufbeschworen. Und selbst wenn es keine Kunst wäre, so wäre es doch schönstes Leben.

Besser läßt sich ein Tag kaum nutzen

Wirklich jammerschade, daß der Sonderzug am Abend schon wieder zurück ins Ruhrgebiet fahren muß. Man hätte die gleißende Hülle so gern auch noch im Licht der untergehenden Sonne gesehen. Viele haben sich tagsüber mit Christo-Devotionalien eingedeckt – vom Katalog bis zum T-Shirt („Reichstag – ich war dabei“), vom Poster bis zur Telefonkarte.

Auspacken, herzeigen, schwärmen, Preise vergleichen. Aber das Gewimmel hört bald wie von selbst auf, weil die Leute vor sich hin dösen wollen. Ankunft 1.15 Uhr nachts in Dortmund. Wir waren über 19 Stunden unterwegs. Es herrscht wohlige, zufriedene Erschöpfung. Besser läßt sich ein Tag kaum nutzen.

 




Ein leuchtendes Beispiel – Wie eine Gruppe von Neheimer Künstlern zum Domizil in Museumsgröße kam

Von Bernd Berke

Arnsberg-Neheim. Bisher drängelten sich die sieben Mitglieder der Neheimer Künstlerguppe „Der Bogen“ auf 160 Quadratmetern Atelierfläche – Küche inbegriffen. Unter solcher Sardinen-Enge litt die Kreativität. Jetzt verfügen sie auf einen Schlag über 800 Quadratmeter. Mehr hat manches Museum nicht. Und die Leute vom „Bogen“ müssen nicht einmal Miete für ihr neues Domizil zahlen. Wie haben sie das bloß geschafft?

Ohne machtvolle Hilfe geht so etwas nicht. Auch die Stadt hat ein wenig mitgesponsert. Doch es ist der Leuchtenhersteiler Thorn-Licht, der als Mäzen buchstäblich mit leuchtendem Beispiel vorangeht und sich die Künstler mietfrei ins Haus holt. Diese hatten „einfach mal angefragt“. Dann ging alles ganz rasch über die Bühne: Auch aus der britischen Konzernzentrale gab es alsbald grünes Licht.

Verwandlung einer Lagerhalle

Eine von der Firma nicht mehr genutzte, helle und luftige Lagerhalle bietet nun reichlich Platz für Ateliers und für Gemeinschafts-Aktivitäten. Auch ein Fotolabor hat man untergebracht. Am Sonntag werden die kunsttauglich hergerichteten Räume, deren anregender Werkstatt-Charakter beim Umbau bewahrt wurde, mit einer Vernissage eröffnet.

Die Beschäftigten der Leuchtenfabrik waren anfangs skeptisch („Was wollen denn die Künstler bei uns?“), haben sich aber inzwischen schon an die neuen Nachbarn gewöhnt, die auch schon mal zu Zeiten ans Werk gehen, wenn nur noch der Nachtportier auf seinem Posten ist. Die Neheimer Thorn-Leitung möchte künftig den einen oder anderen Geschäftspartner durch die Ateliers führen – Kunst als Entspannung vor oder nach harten Verhandlungen.

„Der Bogen“ fand sich bereits 1980 in Neheim zusammen, damals noch 17 Mitglieder stark. Mit der Zeit hat sich die Spreu vom Weizen gesondert. Die Namen der aufrechten Sieben von heute: Haimo Hieronymus (26), Margareta Hesse (Professorin für Gestaltung an der FH Dortmund), John Hosse (27), Kahos (53; bürgerlich: Karlheinz Hosse), Peter Meilchen (46), Pit Schrage (34) und Axel Schubert (44).

Das Wort „Provinz“ kann man vergessen

Wenn man durch die neue Atelierflucht streift, fühlt man sich beileibe nicht wie in der künstlerischen Provinz. Mit Gefälligkeits- und Dekorationskunst will man hier nicht dienen. Die Neheimer Sieben beziehen durchweg zeitgemäße Positionen, und auch die handwerkliche Qualität der Bilder überzeugt. Es ist schon manchmal erstaunlich, was sich abseits der kulturellen Metropolen zuträgt. Selbst kunstverwöhnte Damen und Herren aus Köln oder Düsseldorf dürften einen Abstecher hierher nicht bereuen.

Es gibt beim „Bogen“ einen Gruppengeist, doch kein bindendes Konzept für alle. Die Zeiten kollektiver Festlegungen („Damals hatten alle lange Haare“) seien längst vorbei, finden die Neheimer, die mehrheitlich noch Brotberufe ausüben. Da haben sich also sieben Individuen zusammengefunden, jeder mit besonderen Ambitionen, aber ohne Konkurrenzneid.

„Der Bogen“ hat offenbar den Bogen raus. Und das Sauerland ist um eine kulturelle Attraktion reicher.

Ateliergemeinschaft „Der Bogen“. Arnsberg (Neheim). Möhnestraße 55. Tel.: 02932/81549. Eröffnung der neuen Räume am Sonntag, 2. Juli, ab 16 Uhr. Ausstellung bis 29. Juli, do 17-19, sa 14-18 Uhr.