Kunst aus dem Verborgenen – Erstaunliche Kostproben aus Dortmunder Privatsammlungen

Von Bernd Berke

Dortmund. Zugegeben: Einen Mäzen wie Peter Ludwig, der komplette Museen aus seinen Kunstkollektionen bestücken kann, gibt es in Dortmund nicht. Doch auch hier wachsen hochkarätige Sammlungen.

Sie werden freilich – typisch westfälisch? – nicht mit Pomp und Getöse, sondern in aller Stille zusammengetragen. Jetzt bekommt man erstmals Kostproben zu sehen. Und man reibt sich erstaunt die Augen: Solche museumsreifen Exponate stammen also aus Dortmunder Privathäusern!

Bestand reicht für eine Fortsetzung

Mit der Ausstellung „Dortmund sammelt“ gastiert die bundesweit renommierte, vor allem mit Expressionisten hervorgetretene Galerie Utermann im Harenberg City-Center. Wilfried Utermann verfügt natürlich über vielfältige Kontakte zu Kunstsammlern. Er hat Einblick in die Schätze, die – zumal durch seine eigene Präsenz am Kunstmarkt – in Dortmund vorhanden sind. Er kennt so viele Kostbarkeiten, daß er sich schon jetzt eine Fortsetzung der aktuellen Schau vorstellen kann, etwa mit einer bislang weithin unbekannten Sammlung zum 18. Jahrhundert.

Deren Besitzer bleibt ebenso ungenannt wie die sieben Dortmunder, die zur jetzigen Schau exakt 101 sehenswerte Arbeiten aus dem Umkreis des Expressionismus und der Klassischen Moderne beigesteuert haben. Umso bekannter sind die Namen der Künstler: Max Beckmann, Lyonel Feininger, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Käthe Kollwitz, August Macke, Emil Nolde, Max Pechstein, Pablo Picasso, Christian Rohlfs, Emil Schumacher.

Max Beckmanns „Blühender Garten“

Besonders von Beckmann („Blühender Garten“, 1933 / „Stilleben mit Fingerhut“, 1943) und Kirchner („Kokotten auf dem Kurfürstendamm“, 1914) sind Spitzenstücke zu sehen. Und die imponierende Liste ist nicht einmal vollständig.

Der Hausherr des City-Centers, Bodo Harenberg: .„Am liebsten würde ich diese Kunstwerke für immer hier behalten.“ Doch selbstverständlich wird die Ausstellung hernach wieder aufgeteilt und kehrt zu den sieben Eigentümern zurück. Harenberg legt Wert auf die Feststellung, daß es sich um eine doppelte Privat-Initiative handelt: die der Dortmunder Sammler und die des Dortmunder Galeristen. Man hört heraus, daß er sich ähnliches Engagement von der öffentlichen Kulturpolitik wünscht…

„Dortmund sammelt“. Ausstellung der Galerie Utermann im Harenberg City-Center, Königswall 21 (am Hauptbahnhof). 1. September bis 1. Oktober. Täglich (auch sa/so) 11-18 Uhr. Eintritt frei, Katalog 38 DM.




Die schnelle Gegenwart ist wie ein Spuk – Milan Kunderas Roman „Die Langsamkeit“

Von Bernd Berke

„Weshalb ist das Vergnügen an der Langsamkeit verschwunden? Ach, wo sind sie, die Flaneure von einst?“ So klagt Milan Kundera in seinem neuen Roman. Weiß er auch Rat und Hilfe?

Wer aus einem schlichten Überhol-Vorgang mit dem Auto einen literarischen und philosophischen Exkurs über „Die Langsamkeit“ (Buchtitel) entwickelt, muß seiner Mittel sehr sicher sein. Bei dem berühmten Tschechen („Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“), der seit vielen Jahren in Frankreich lebt, muß man nicht bangen. Neben dem Schweden Lars Gustafsson ist Kundera derjenige Gegenwartsautor, der hohe Reflexion und pralle Handlung am souveränsten verknüpft. Kein Vergleich mit dem schönen, aber konventionellen Themen-Vorläufer des Deutschen Sten Nadolny, der vor Jahren „Die Entdeckung der Langsamkeit“ betrieb.

Kundera hält die Romanform ungleich durchlässiger, offener. Ein Auslöser ist Vivant Denons Novelle „Nur eine Nacht“ aus dem 18. Jahrhundert über die Ehefrau eines Marquis und ihre erotische Eskapade mit einem Zweit-Liebhaber. Dem sagt sie nicht eilends: „Geh’n wir zu mir oder zu dir?“ Nein, sie betreibt im Vorfeld des Liebesspiels raffinierte Konversation, somit lustvolle Verzögerung. Keine wilde Jagd nach schnellen Multi-Orgasmen, sondern sorgsame Steigerung des Verlangens, selbst bei einer Eintages-Beziehung.

Kundera folgert: Aus solcher Langsamkeit erwächst wohlige Erinnerung, die heutige Rasanz hingegen fördere nur das Vergessen und Verschwinden. Die Essenzen der alten Novelle spielt Kundera auf verschiedenen Gegenwarts-Ebenen durch. Beobachter ist ein Autor, der mit seiner Frau ein abgelegenes Schloß aufsucht, wo sich all seine Gestalten wie im Spuk begegnen: zum Beispiel Vincent, Abgesandter einer hochmütigen Intellektuellen-Clique. Er steht für jene Ungeduld, die stets auf Revolte aus ist. Ein Gegenpol ist Berck, nur noch auf TV-Kameras begieriger Politiker und Eintänzer populärer Meinungen. Er steht für die Hatz nach Ruhm.

Historische Umbrüche nur als Minutendramen

Eile, wohin man auch blickt. Und schließlich ist da ein gleichsam aus der Zeit gefallener – tschechischer Insektenforscher, der ehemals von Kommunisten des Amtes enthoben und auf den Bau geschickt wurde. Nun, beim West-Kongreß nach der „Wende“ wird er zunächst mit Rührung betrachtet, dann aber alsbald wie ein Tölpel verhöhnt. Denn selbst ein epochaler Vorgang wie der Zusammenbruch des Realsozialismus ist im Zeitalter der Geschwindigkeit nur noch ein historisches Minuten-Thema. Und überhaupt: Die Krisengebiete des Erdballs verdrängen einander im löchrigen Gedächtnis der Medien-Konsumenten durch das schiere Tempo der Katastrophen.

Und so geraten auch die Figuren in einen Zustand der Formlosigkeit. Als würden sie allesamt vom Sog oberflächenglatter Schnelligkeit erfaßt, kommen sie in einer Art Geister- und Hexentanz samt erotischer Walpurgisnacht zusammen. Die ganze Historie mit ihren ehemals feinen Unterschieden droht als einziger Klumpen im Orkus der Gegenwart zu verschwinden.

Gegen derlei „postmoderne“ Gefahren setzt Kundera beschwörend (und nur verhalten hoffend) seine Wunschbilder der Langsamkeit. Man möchte ganz genüßlich langsam lesen, um dem Titel zu entsprechen – und tut’s doch schnell, weil Kundera mitreißend schreibt.

Milan Kundera: „Die Langsamkeit“. Roman. Hanser-Verlag. München. 150 Seiten. 34 DM.




Hansgünther Heyme wird 60: Lektionen von der Bühne herab

Von Bernd Berke

Ein Theater, das sich bloß kulinarisch gibt oder psychologische Feinheiten ausspinnt, ist seine Sache nicht. Er will das Publikum belehren. Dabei hat der Regisseur Hansgünther Heyme, der heute 60 Jahre alt wird, den Zuschauern manchmal staubtrockene Lektionen unterbreitet.

In Zeiten der Beliebigkeit ist Heymes Festhalten am Theater als einer „moralischen Anstalt“ sympathisch zu nennen. Irgendwie muß man ihn mögen, diesen „Dickkopf“, der nicht davon abläßt, etwa antike Dramen und deutsche Klassiker auf ideologischen Gehalt zu überprüfen. Ästhetisch war es aber doch gelegentlich zum Verzweifeln, wenn er etwa Goethes/Fausts „Gretchen“ kurzerhand eine Rockgitarre umhängte oder Schillers „Räuber“ ohne große Umschweife mit Neonazis kurzschloß.

In der jüngsten Theatergeschichte des Reviers spielt Heyme eine bedeutende Rolle: Sein vehementes Eintreten für den Bestand hiesiger Bühnen mag dem einen oder anderen Politiker ein wenig die Augen geöffnet haben. Ab 1985 war er Schauspieldirektor in Essen, und seit 1990 leitet er die Ruhrfestspiele, die er zum „Europäischen Festival“ umgestaltete und die er nicht etwa mit seinem Stil dominiert. Verschiedenste Positionen haben dort Platz – ein Zeichen, daß Heyme Lust und Laune nicht verhindern will. Nur: Er selbst kann sie eben schwerlich herbeizaubern, das überläßt er klugerweise anderen.

Gütiger Chef und Opfer der Rezensenten

Am „grünen Hügel“ in Recklinghausen schwärmen sie jedenfalls vom besten Chef, den sie je gehabt haben.

Ganz schlimme „Verrisse“ der „Kritiker-Mafia“ (so Heyme damals verbittert) ereilten ihn von 1979 bis 1985 in Stuttgart, wo er Nachfolger des im Streit nach Bochum gewechselten Claus Peymann geworden war. Schmerzlich vermißte man Peymanns poetisches Theater, das nun von Heymes zuweilen knochigen Konzepten abgelöst wurde. Oberbürgermeister Manfred Rommel gerierte sich gar als Oberrezensent und befand, Heymes Inszenierungen seien „eine Katastrophe“. Seither schweigen einige überregionale Zeitungen Heymes Arbeit tot.

Weitere wichtige Stationen waren Köln (1968-1979), dessen Schauspiel er – zeitweise mit dem Gegenpol Roberto Ciulli – leitete, und Bremen, wo er nach einem Jahr die Intendanz aufgab.

Prägend war die Begegnung des 22jährigen Heyme mit dem berühmten Erwin Piscator, dem er alsbald assistierte. Nach und nach fand er zu einem entschiedenen „Regie-Theater“, das kein Stück für bare Münze nimmt. Stets muß ein verborgener Kern freigelegt werden. Und da geht’s bei Heyme allemal politisch zu. Gewiß kein Fehler – vorausgesetzt, die Menschen auf der Bühne werden nicht zu leblosen Marionetten der Beweisführung.




Neuer Grass-Roman erhitzt die Gemüter – Heftiger Streit nach Reich-Ranickis Verriß im „Spiegel“

Von Bernd Berke

Schon lange hat es keine solch heftige Debatte mehr über Literatur gegeben wie jetzt, anläßlich des neuen Grass-Romans „Ein weites Feld“. Anlaß zur Freude? Nicht bei näherer Betrachtung. Denn es geht ja kaum noch um Literatur.

Für Aufruhr sorgt der gestrige „Spiegel“. Marcel Reich-Ranickis mehr als barsche Kritik an dem Buch („ganz und gar mißraten“) lieferte die Titelgeschichte, und eine Fotomontage auf dem Cover zeigt den gefürchteten Rezensenten-Papst, wie er Günter Grass‘ 784-Seiten-Opus buchstäblich in der Luft zerreißt – ritsch, ratsch! Reichlich geschmacklos, fürwahr.

Offenbar geht das Kalkül auf: Das Hamburger Magazin provozierte genau die Reaktionen, die es wohl beabsichtigt hatte. Grass selbst hat dem „Spiegel“ gestern den Abdruck eines fertigen Interviews untersagt. Der Göttinger Grass-Verleger Gerhard Steidl ließ es sich nicht nehmen, Reich-Ranicki einen „Harald Juhnke der Literaturkritik“ zu nennen. Und vor dem „Spiegel“-Gebäude stellte sich ein Häuflein von Demonstranten ein, das besagtes Titelbild mit dem iranischen Mordaufruf gegen Salman Rushdie und mit der NS-Bücherverbrennung 1933 in vage Beziehung setzte. Andere waren umsichtiger mit ihren Vergleichen.

Sperrfrist wurde zur Farce

Steidl hatte nicht weniger als 4500 Vorab-Exemplare vom „Weiten Feld“ an Kritiker und Freunde des Hauses verschickt, viele Autoren kommen pro Buch nicht mal auf eine vergleichbare Gesamtauflage. Schon damit war die ursprünglich vom Verlag genannte „Sperrfrist“ für Rezensionen („nicht vor dem 28. August“) eigentlich zur Farce geworden. Es begann denn auch folgerichtig allüberall eine Art Schnellesewettbewerb. Als dann das ZDF-Kulturmagazin „Aspekte“ und „Das Literarische Quartett“ (Vorsitz: Marcel Reich-Ranicki) vorfristig zur kritischen Tat schreiten wollten, als dann gar der Band in den Schaufenstern des Buchhandels auftauchte, gab’s kein Halten mehr: Jeder wollte mit seiner Rezension zuerst am Start sein.

Der „Spiegel“ wiederum hatte mit dem Steidl-Verlag einen exklusiven Vorabdruck aus dem Roman vereinbart, der durch die frühzeitige Verbreitung des Buchs praktisch hinfällig war. Für den entgangenen Coup, so kann man mutmaßen, haben die Hamburger jetzt bittersüße Rache genommen. Hat etwa „Spiegel“-Kulturredakteur Hellmuth Karasek seinem Mentor und Mitstreiter vom „Literarischen Quartett“, Reich-Ranicki, eine furiose Titelstory versprochen, wenn, ja wenn er nur gnadenlos gegen Grass zuschlage? Natürlich ist es nicht so gewesen. Und es war gewiß nur Zufall, daß Reich-Ranicki noch im April ’95, als Grass in Frankfurt erstmals Auszüge aus dem Buche las, noch wohlabgewogene Lobesworte für den Autor gefunden hat…




Todgeweihter Mann mit Checkliste – Françoise Sagans Roman „Und mitten ins Herz“

Von Bernd Berke

Gleich auf der ersten Seite von Françoise Sagans neuem Roman „Und mitten ins Herz“ erfährt der Pariser Architekt Matthieu, daß er wegen Lungenkrebs höchstens noch sechs Monate zu leben habe. Schrecklich. Was wird er tun?

Er gerät nicht ins Stammeln, sondern hat sich sprachlich unter Kontrolle: „Von allem, was noch zu entdecken gewesen wäre, hieß es Abschied nehmen“, sinniert er in der Übersetzung gedrechselt. Nur selten denkt er wirr: „Die kommenden sechs Monate würden also nicht nur grausam, sondern auch noch unerquicklich werden“, findet er. Ist unerquicklich denn schlimmer als grausam?

Matthieu spürt seinen Empfindungen so systematisch nach, als habe er eine Checkliste: Noch einmal den vollen Rausch des Daseins genießen, endlich mit sich ins Reine kommen und „wesentlich werden“, Selbstmord begehen, bevor ihn die Schmerzen übermannen. All dies und vieles mehr hakt er routiniert ab. Von der Bedrängnis eines Todkranken spürt man wenig. Immerhin blinkt einmal schwarzer Humor auf: Matthieu freut sich diebisch, daß er nun keine Francs mehr in die Parkuhren werfen muß, denn die Mahnungen werden ihn eh zu spät erreichen…

Natürlich ist dieser Matthieu auch ein Frauenschwarm. Wir sind in Paris! Die mit etwas verblassendem Ruhm behangene Sagan („Bonjour Tristesse“, „Lieben Sie Brahms?“) bzw. die Übersetzerin gewinnen diesem Umstand solche Formulierungen ab: „Seit kurzem hatte er einen ziemlich heftigen Flirt mit diesem unbefangenen, hübschen Pflänzchen, das mit seinen Reizen nicht geizte.. .“ Oder solch einen Satz, wie von zerschlissenem Brokat: „Das Licht hatte sich durch die schweren Vorhänge gestohlen, die ihr Liebesspiel vor dem hellen Nachmittag verbargen.“

Mit der schlimmen Nachricht bei den Frauen hausieren

Jedenfalls klappert Matthieu an diesem einzigen Tag, den der Roman nahezu in „Echtzeit“ schildert, hübsch nacheinander die Hauptadressen seines Lebens ab, denn er will allen die medizinische Wahrheit über sich verraten: der jungen Geliebten Sonia, der etwas älteren Ex-Geliebten Mathilde, der Ehefrau Hélène und seinem besten Freunde auch.

Die Reaktionen enttäuschen Matthieu. Diese Menschen wissen seinen nahenden Tod nicht recht zu würdigen, sie sind im Grunde nur mit der Wirkung des drohenden Verlustes auf sich selbst befaßt – bis auf jene frühere Geliebte, die er nach etlichen Jahren der Trennung aufs Geratewohl besucht. Mathilde will sich, wie er wohlwollend zur Kenntnis nimmt, mütterlich um ihn kümmern: „Sie würde alles für ihn tun: Sie würde sein Leiden und Sterben mit ihm teilen und ihm die Augen schließen.“

Gar nicht nötig. Denn am Ende geschieht das, was jeder halbwegs versierte Leser spätestens nach der Hälfte des Buches ahnt: Matthieu bekommt einen Anruf und erfährt, daß die morgendliche Krebs-Diagnose ein bedauerlicher Irrtum gewesen sei. Der Tod ist wie ein „Ätsch!“-Effekt. Und der Roman nur ein Geplänkel.

Françoise Sagan: „Und mitten ins Herz“. Roman. Aus dem Französischen von Kirsten Ruhland-Stephan. Ullstein-Verlag, 188 Seiten, 34 DM.




Die Geschichte des Reviers mit den Ohren erleben – Tondokumente der Nachkriegszeit im Essener Ruhrlandmuseum

Von Bernd Berke

Essen. Mit mehreren Sinnen kann man jetzt in Essen die Vergangenheit des Reviers erleben. Als Ergänzung zur Fotoausstellung „Bildberichte – Aus dem Ruhrgebiet der Nachkriegszeit“ gibt es seit gestern ein akustisches Archiv zum selben Thema. Es macht im Essener Ruhrlandmuseum Originaltöne aus der Zeit hörbar. als die Region in Schutt und Trümmern lag.

Die auf historische Rückblicke spezialisierte Redaktion „Zeitzeichen“ des Westdeutschen Rundfunks hat tief in den Radio-Fundus gegriffen. Dabei kamen uralte Hörbilder und Reportagen zum Vorschein. So etwa die Straßenumfrage eines Hasso Wolf bei Schwarzmarkthändlern, die bereits im Kindesalter Zigaretten, Schnaps oder Nähgarn feilboten. Übrigens gingen damals stets die kompletten Namen der Beteiligten über den Sender. „Datenschutz“ war noch ein Fremdwort.

Museumsbesucher können sich nun anhand einer Liste eine Art „Wunschprogramm“ zusammenstellen lassen. Mitarbeiter des Hauses steuern dann die gefragten Tondokumente via DAT-Rekorder sekundenschnell an – und sogleich ertönen historische Stimmen von A wie Konrad Adenauer bis Z wie Peter von Zahn. Insgesamt stehen acht Stunden Bandmaterial an fünf Hörplätzen zur Verfügung.

Da kann man zum Beispiel noch einmal jene bangen und frohen Minuten nachempfinden, in denen zu Weihnachten 1955 die Züge mit den Kriegsheimkehrern aus der Sowjetunion eintrafen. Fußballfreunde werden vielleicht einen Stadion-Kommentar von anno 1945 abrufen. Nur die Spielpaarung (Auswahl Westdeutschland gegen Süddeutschland) ist bekannt. Wie das Match ausgegangen ist und wer der enthusiastische Reporter war, weiß niemand mehr. Immerhin ist das Band noch vorhanden. Etliche andere Zeitzeugnisse, weiß Hasso Wolf, sind unwiederbringlich verloren. Anfangs löschte und überspielte man zahlreiche Dokumente wegen Bandmangels, später sortierte man aus Platzgründen aus.

Aufschwung und Krise der Kohleindustrie, Personen und Probleme der ersten NRW-Landesregierungen, aber auch die Entstehung der heutigen Kulturlandschaft sind weitere Felder der akustischen Rückschau. Und schließlich gibt es auch echte Raritäten wie die Stimme jenes Autokonstrukteurs in Neheim-Hüsten, der dort nach 1949 mit der Produktion des Sauerland-Wagens „Kleinschnittger“ begann: Kaufpreis rund 2000 DM, 60 km/h Spitze und 2 Liter Kraftstoffverbrauch auf 100 Kilometer. Da hatten wir es also schon, das Öko-Mobil…

Ausstellung „Bildberichte – Aus dem Ruhrgebiet der Nachkriegszeit“ (Ruhrlandmuseum Essen, Goethestraße 41; verlängert bis 17. September, di-so 10-18 Uhr, do 10-21 Uhr, Eintritt 5 DM, Katalog 29,80 DM). Bis einschließlich 20. August: Hörarchiv (Audiothek) zur Geschichte des Ruhrgebiets, zugänglich in den Öffnungszeiten des Museums.




Jede körperliche Regung fließt ins Bild – Aquarell-Werkschau des 80-jährigen Hann Trier in Hamm

Von Bernd Berke

Hamm. Wenn der Maler Hann Trier zu Werke geht, so sieht das beinahe aus, als rühre ein Schlagzeuger die Trommeln. In jede Hand nimmt er einen Pinsel und macht sich sozusagen zweifach über Papier oder Leinwand her. Die Vibrationen des Körpers gehen als fein abgestufte Farb-Klänge ins Bild ein. Das Gustav-Lübcke-Museum in Hamm zeigt nun rund 100 Aquarelle des Mannes, der vor wenigen Tagen 80 Jahre alt geworden ist.

Der gebürtige Düsseldorfer Hann Trier gehört für Kunsthistoriker in die Reihe der großen „Informellen“, die nicht die Nachbildung der Außenwelt, sondern den Ausdruck ihrer Innenwelten im Sinn hatten. Der Hagener Emil Schumacher wird ebenso hinzugezählt wie Bernard Schultze und Gerhard Hoehme, wobei jeder von ihnen ureigene Wege beschritten hat.

Werkausschnitte von Schumacher und Schultze wurden unlängst in Hamm präsentiert. Über den Geburtstags-Anlaß hinaus ist es also ein Zeichen planvoller Kontinuität, wenn nun Hann Trier an die Reihe kommt.

Die Aquarelle, bevorzugtes Medium hauchzart verwehender Farb-Konzerte, werden in solcher Fülle erstmals gezeigt. Die meisten Stücke stammen aus dem sorgsam gehüteten Besitz des Künstlers, befinden sich mithin nicht auf dem Markt und werden so bald nicht wieder zu sehen sein.

Die Exponate reichen von 1946 bis 1986. Seither fertigte Trier kaum noch Aquarelle an. Erst im Vorfeld der Hammer Ausstellung begann er wieder damit. Diese neuesten Arbeiten setzen nun den Schlußakzent. Unmittelbar nach dem Krieg entstanden Bilder, die noch deutlich im Bannkreis des Kubismus und des Surrealismus stehen – Beispiele einer zeittypischen, noch nicht vollends persönlich ausgeprägten Figuration der späten 40er Jahre.

Freude an der puren Schnelligkeit

Der Kontakt zur „Ecole de Paris“ sowie ein längerer Aufenthalt in Süd- und Mittelamerika (1952-55) veränderten sodann die Bildersprache, die nun musikalischer, tänzerischer, duftiger wurde. Als Impuls kam die Faszination maschineller Geschwindigkeit hinzu, die sich hier freilich ganz als körperliche Aktion auslebt: Aus Bildern wie „Windpumpe“ (1950) oder „Schnellbahn“ (1951) spricht keine blinde Technik-Begeisterung, sondern Freude an purer Bewegung und Regsamkeit.

Irgendwann hat der Linkshänder Hann Trier angefangen, den Malgrund beidarmig zu bearbeiten. Daraus erwachsen oft schwebende Beinahe-Symmetrien, eigentümlich fragile Balancen, als sei’s eine munter wispernde Zwiesprache zwischen beiden Bildhälften. Kein Streit jedoch, sondern ein harmonisches Wogen.

Nicht Trend noch Zeitgeist, auch keinem vordergründig politischen Anspruch ist Hann Trier gefolgt, sondern sich selbst. Malen sei für ihn alltäglich wie essen, trinken oder einkaufen, hat er einmal gesagt. Und so entwickelt sich diese künstlerische Sonderwelt denn auch ganz selbstverständlich, ohne Aufhebens.

Nicht von ungefähr erinnern viele Bilder an biologische Formen, an fedrige Gewächse oder ungeahnte Anatomien aus haarfein „gestrickten“ Rippen und Wirbelsäulen. Körper wird Pflanze, diese wird Geist und so fort. Es ist, als habe der auch literarisch hochgebildete Hann Trier die unaufhörlichen mythischen „Metamorphosen“ (Wandlungen) des altrömischen Dichters Ovid vergegenwärtigen wollen. So naturhaft kann Kunst sein.

Hann Trier: „Metamorphose der Farbe. Aquarelle“ – Gustav Lübcke-Museum. Hamm. Neue Bahnhofstraße 9 – direkt am Hauptbahnhof). 6. August bis 10. September, tägl. 10-18, mi 10-20 Uhr, mo. geschlossen. Katalog 45 DM.