Mitteilungen aus der Studierstube – Patricia Dunckers hitziger Roman „Die Germanistin“

Von Bernd Berke

Eigentlich fängt dieser Roman vielversprechend an: Angetrieben von einer mysteriösen Germanistin, begibt sich der Ich-Erzähler, ein junger Romanistik-Student aus Cambridge, auf die Suche nach dem Menschen, der hinter seinem Examensthema steckt.

Er schreibt seine Abschlußarbeit über den französischen Autor Paul Michel, von dem er natürlich alles mehrfach gelesen hat. Wie sich erweist, ist Paul Michel nicht nur ein Mann, dem schrankenlose Freiheit über alles geht, er ist zudem offensiv und selbstbewußt schwul – und eines Tages hat man ihn wegen einiger Gewalt-Eskapaden in eine Irrenanstalt eingewiesen. Die Germanistin findet: Man muß den Mann da herausholen, ihn retten. Und sie schickt den Studenten vor.

Der also reist – in Patricia Dunckers Roman „Die Germanistin“ – von England nach Frankreich und dringt bis zu diesem Paul Michel vor, der von 1947 bis 1984 wirklich gelebt hat, zwischenzeitlich als kommende Größe der französischen Literatur galt, dann für verrückt erklärt wurde und an Aids gestorben ist.

Schwülstige Schwärmerei

Michels wirrer Blick und das aggressive Benehmen machen dem Studenten zunächst angst, doch schon bald freunden sich die beiden an. Resultat: Paul Michel wird aus der geschlossenen Anstalt entlassen, bekommt immer öfter Freigang und darf schließlich mit dem Studenten durch Südfrankreich reisen. Natürlich vermittelt all das dem Studenten ein ganz neues Lebensgefühl, so daß die Autorin ausgiebig Gelegenheit bekommt, über die Beziehung zwischen ihren beiden Helden wie eine törichte Jungfer in schwülstige Schwärmerei zu geraten.

Fragt sich nur noch: Welches Interesse hatte die Germanistin an all den Fährnissen? Mit dieser Frage hält die Autorin das Interesse wenigstens auf Sparflamme. Ihre Figuren aber bleiben blutleere Phantome, ihre Szenen wirken meist geschmäcklerisch arrangiert und zurechtgebogen.

Zudem muß man sich durch viel angelesenes Zeug quälen, durch kaum entschlackten Archiv-Stoff und Mitteilungen aus der Studierstube, um zu den wenigen anschaulichenPassagen zu gelangen. Ein Roman-Konstrukt aus dem Elfenbeinturm der literaturwissenschaftlichen Fachwelt, künstlich erhitzt mit einer ständig beschworenen, aber nie beglaubigten Sehnsucht nach dem „wirklichen Leben“.

Die stärksten Stellen stammen von fremder Feder. Es sind Real-Zitate aus dem Briefwechsel zwischen Paul Michel und dem französischen Denker Michel Foucault, der den Jüngeren als seinen einzigen wahrhaftigen Leser schätzte und zugleich fürchtete. Um dieses innige Autor-Leser-Verhältnis kreisen auch Patricia Dunckers heiße Hoffnungen. Ach, wie vergebens!

Patricia Duncker: „Die Germanistin“. Roman. Berlin Verlag. 235 Seiten, 38 DM.

 




Lebensbilanz mit Verlusten – Sibylle Mulots Roman „Das Horoskop“

Von Bernd Berke

Mit seinem Roman „Netzkarte“ ließ uns einst Sten Nadolny teilhaben an einer Fahrt kreuz und quer durchs Netz der deutschen Bahn. Natürlich kam es dabei vor allem auf die menschlichen Begegnungen an. Auch Sibylle Mulot schildert in ihrem Buch „Das Horoskop“ den Verlauf einer langen Bahnfahrt. Wieder geht es um eine Bekanntschaft, die die Ich-Erzählerin schließt.

Der Weg führt von Basel nach Paris. Eine ausgedehnte Strecke, auf der wir nach und nach einiges über jene verhalten elegante Mitreisende Edit erfahren, die ihre Kindheit in Ungarn und Wien verbracht hat, Solotänzerin gewesen ist und einen französischen Fabrikanten geheiratet hat. Zu ihm kehrt sie jetzt zurück, nachdem sie ihre todkranke Mutter besucht hat. Und sie hat eine ganze Tasche voller Marzipan im Gepäck, die sie ängstlich durch den Zoll schmuggelt.

Was diese Frau innerlich beschäftigt: Ihr Sohn, für den sie doch – in offenbar grandios vergeblicher Liebesmüh – all das Schöne Marzipan besorgt hat, hat seit vielen Jahren jeden Kontakt mit ihr abgebrochen, ohne jeden zwingenden äußeren Anlaß, aber gewiß mit inneren Beweggründen. Edit kennt mithin weder ihre Schwiegertochter noch ihre Enkelkinder. Dieser Verlustposten ihrer Lebensbilanz setzt ihr so zu, daß sie schon eine Wahrsagerin aufgesucht und ihr Horoskop nach Wiedersehens-Chancen befragt hat.

Familie als Keim des Übels und der Hoffnung

Kunstvoll verknüpft Sibylle Mulot die Fensterblicke auf die vorbeiziehende Landschaft mit der allmählich sich abzeichnenden, zum Teil verdorrten „Landschaft“ dieses Frauenlebens. Als schließlich Paris in Sichtweite kommt und die Häuser immer dichter beieinander stehen, verdichtet sich auch das imaginierte Netz der familiären Bezüge und Beziehungen.

Und der Blick weitet sich ins Allgemeinere: Am Beispiel der gelinde verzweifelten, aber unverdrossen ihre Glücksansprüche behauptenden Edit lernt man, wie sehr die Menschen seelisch an ihre Familien gekettet sind, auch und gerade wenn Beziehungen – als seien es Bahnstrecken – „stillgelegt“ zu sein scheinen. Familie als Keim des Übels und der Hoffnung.

Die Ich-Erzählerin, leider immer eine Spur überlegter als ihre Mitreisende (was dem Buch gelegentlich eine etwas besserwisserische Note verleiht), wehrt sich innerlich gegen Edits Anspruch auf den Sohn und versucht, sich in die Lage von Kindern zu versetzen, die ihren Eltern ein für allemal Adieu sagen. Einerseits herrscht allseits Wahlfreiheit in den Beziehungen, andererseits strebt jeder Mensch nach Sicherheit und Halt. Gefühle sind Widersprüche, sie folgen keiner Logik und sind oft furchtbar ungerecht.

Ein elegischer Ton zieht sich durch diese Erzählung. Mit der Ankunft des Zuges tritt – nicht so paradox, wie es klingt – jene Überraschung ein, die man als Leser die ganze Zeit über erwartet hat. Doch vielleicht setzt erst mit dieser Ankunft die Wirkung dieses Buches ein.

Sibylle Mulot: „Das Horoskop“. Diogenes-Verlag, 125 Seiten. 29,90 DM.