Schritt für Schritt zur Kunst – Dortmunder Galerie Utermann im neuen Domizil

Von Bernd Berke

Dortmund. Die Dortmunder Galerie Utermann zählt zu den feinen Adressen der Branche. Zumal mit ausgesuchten Expressionisten bewegt man sich im Edel-Segment des Marktes, in dem Preise oft nur „auf Anfrage“ genannt werden. Jetzt verfügt man über ein neues Domizil der Sonderklasse.

Das 1956 errichtete, behutsam und stilsicher umgerüstete Haus Silberstraße 22 bietet im ersten Geschoß einen fünf Meter hohen Ausstellungsraum, der den Kunstwerken auf rund 250 Quadratmetern Luft und „Atem“ verschafft. Zu den von der Ruhrkohle AG langfristig gemieteten Räumen gehört ein riesiger Tresor, der als Depot dient. Clou der Liegenschaft ist ein umfriedeter Garten, der Skulpturen zu besonderer Geltung kommen läßt. Selbst alteingesessene Dortmunder dürften dieses grüne Idyll mitten in der City bislang übersehen haben.

Als Wilfried Utermann und seine Frau vor etwa eineinhalb Jahren an dem Gebäude entlang flanierten, stand sogleich fest: „Dies wäre der ideale Standort für unsere Galerie“. Weil sich die Verhandlungen verzögerten, schaltete sich Oberbürgermeister Günter Samtlebe persönlich zugunsten Utermanns ein.

Samtlebe ist denn auch am Mittwoch, 29. April (18 Uhr), ein Eröffnungsgast der ersten Ausstellung am neuen Platze. Werke zweier Größen der Nachkriegskunst treten in einen subtilen Dialog ein: Ölbilder von Fritz Winter (1905-1976) und Bronzeskulpturen von Karl Hartung (1908-1967). Winters schwebeleicht wirkende Bildräume und Hartungs körperhafte Plastiken markieren zwei Königswege der Formensprache in den 50er Jahren.

Bei der Wandgestaltung ließ sich Utermann von Fotos aus New Yorker Galerien der 30er Jahre anregen. Dem weißen Anstrich zog er eine dezente Leinen-Bespannung vor, denn: „Wir wollten keine Wartesaal-Atmosphäre haben.“ Auch der Treppe zum Ausstellungsraum mißt er Bedeutung zu. Anders als in der bisherigen Ladengalerie an der Betenstraße, wo man sofort „mittendrin“ stand, könne man sich hier – Schritt für Schritt – innerlich auf die Kunst einstimmen.

Galerie Utermann, Dortmund, Silberstraße 22. Tel.: 0231 / 90 63 300). Ausstellung Winter / Hartung: 30. April bis 18. Juli. Di-Fr 10-18, Sa 10-14 Uhr.




Der Idiot auf der Klippe – Edith Clever inszeniert die Uraufführung von Botho Strauß‘ „Jeffers – Akt I und II“ in Berlin

Von Bernd Berke

Berlin. Botho Strauß, unser vielleicht empfindsamster, aber auch umstrittenster Theaterdichter. hat einen erlesenen Geistesverwandten gefunden – den amerikanischen Lyriker Robinson Jeffers (1887-1962). Ihm huldigt Strauß in seinem neuen Stück „Jeffers – Akt l und II“. Ebenso leichtgläubig wie schwerblütig hat Edith Clever die Uraufführung für die Berliner Schaubühne inszeniert.

Jeffers war – ganz wie Strauß – ein Eremit der Literatur. Aus der Abgeschiedenheit von Carmel an Kaliforniens Küste verdammte er die moderne Zivilisation und allen Gegenwarts-Plunder im Namen einer gleichsam überirdischen Schönheit der Steine, des Meeres und der Falken. Der Naturfriede gedeihe am besten ohne Menschen, befand Jeffers in langen Poemen. Ökologie radikal, sozusagen. Nur: Für wen denn eigentlich noch?

Solch entschiedene Abkehr vom schnöden Menschenalltag hat es auch Strauß seit langem angetan. War es ihm in früheren Stücken gegeben, aus haarfeiner Beobachtung gängiger Bewußtseins- und Beziehungs-Formen unvermittelt ins Mythische abzuheben, so setzt er diesmal gleich ganz oben beim Mythos an.

Auf der Bühne kreisen die Steine

In „Akt I“ vernehmen wir zwei lange Monologe von Jeffers (Bruno Ganz) und seiner todkranken Frau Una (Edith Clever). Zwischen ihnen besteht keine mindere „Appartement-Liebe“, sondern eine unendliche Kraft der Sehnsucht. Wie zwei alte Rosensträuche wachsen diese beiden Menschen immer mehr zusammen, heißt es an einer Stelle.

Nach Unas Tod sinniert Jeffers über derlei Schönheit bewegungslosen Gleiçh-Bleibens auf einer „Insel hinter der Zeit“ – und schmäht alle Intellektuellen, denen er als reaktionärer „Idiot auf der Klippe“ gilt. Während er still dasitzt, kreisen auf der Bühne die Steine. Siehe, das finale „Heil“ einer menschenleeren Welt scheint nahe…

Mit Hilfe etlicher Jeffers-Originalzitate vermag es Strauß, aus den Lebensbilanzen des Paares einen hochpoetischen Gesang von einfachem Dasein und Dauer zu destillieren. Edith Clever und Bruno Ganz, die Größen der guten alten Schaubühnen-Zeit, sind – wie ihre Figuren – zwei, die nichts mehr forcieren oder beweisen müssen. Sie müssen nur reden, schon leuchtet etwas auf. Da schwebt, aus Jeffers und Strauß Elfenbeintürmen, tatsachlich ein hauchzarter Geist. Ein Mirakel des Theaters – und ein wundervoll milder Nachklang der vergehenden Schaubühnen-Ära.

Dem milden Nachklang folgen die Nachwehen

Doch dann heben die doppelt so langen Nachwehen an. Leider hat Strauß es nicht beim kostbaren Kleinod „Akt I“ bewenden lassen, es drängte ihn, Jeffers Gedicht „Mara“ in szenische Form zu pressen. Das Unglück beginnt mit dem Explosions-Blitz eines Zeppelinabsturzes, den einige Farmer und Töchter des Landes saufend begaffen. Nach diesem Menetekel der Zivilisation sehen wir sie später noch bei einem Hillbilly-Tanzvergnügen. Strauß hochmögende Worte in einer Saloon-Atmosphäre – das ist arg und sorgt des öfteren für unfreiwillige Komik.

Kern der Geschichte: Farmer Bruce (Bruno Ganz) muß argwöhnen, daß es seine jungeFrau Fawn (Karoline Eichhorn) mit seinem Bruder treibt; eine Leidenschaft, die sich in gurrenden Ausrufen wie „Oh, du Tier!“ artikuliert. Man schreibt zudem dasJahr 1939. Jenseits des Ozeans hat Hitler-Deutschland Polen überfallen. Schmutz also aus den Radio-Nachrichten, Lüge und Schmutz auch in den Seelen – dies treibt Bruce allmählich in einen Wahn, in dem „alle Zeit stillsteht“.

Hoher Ton und niederes Tun

Noch so einer an der Kante zur menschenleeren Welt, bis zu deren Grenze ihn die einstige Wasserleiche und jetzige Algenteppich-Hure „Mara“ (somnambul: Corinna Kirchhoff) geleitet. Hoher Ton und niederes Tun geraten wirr durcheinander. Mystisches Raunen, bedeutungsschwere Erstarrung und derber Mummenschanz ergeben ein unfrohes Gemenge, in dem selbst Bruno Ganz unterzugehen droht. Groteske1 Geisterstunden.

Großer Beifall für „Akt I“, Buhkonzert für Regie und Autor am Schluß von „Akt II“. Ein Abend, zwei Weiten.

Termine der Schaubühnen-Produktionen im Hebbel-Theater, Stresemannstraße 29: am  23., 24., 25. April, 6., 7.. 8. Mai (20 Uhr).




Im Vollrausch durch die Techno-Szene – Rainald Goetz‘ wildwüchsiger Frontbericht „Rave“

Von Bernd Berke

Worum geht s eigentlich im Kern bei den Raves, jenen Endlos-Parties zu gewitternder Techno-Musik? Hören wir den 44-jährigen Veteran Rainald Goetz, der sich offenbar immer noch tapfer auf der Szene rumtreibt: „Mädchen kennenlernen. Drogen nehmen. Musik hören.“ Kommt einem bekannt vor.

Goetz weiß natürlich genau, wovon er redet, denn: „Ich ging hin und tanzte mit. Das Gefühl war toll.“ Geht’s vielleicht präziser? Aber ja: Es war – so Goetz – „schon hart. Aber irgendwie eben auch geil“.

Ist das der zeitgemäße literarische Sound der späten 90er Jahre? Oder stammelt da einer, der ein nahezu religiöses Erweckungs-Erlebnis gehabt haben muß und dem nun versierte Plattenaufleger („DJs“) wie Sven Väth oder Westbam als göttliche Wesen erscheinen? Jedenfalls durfte sich Goetz den Party-Gurus bis ins Allerheiligste nähern. Er stand gleich neben den Plattentellern – und er ruft dem Leser unablässig zu: „Ich war dabei“.

Immer sind sie die „Chefs im Exzeß“

Auf 271 Seiten seines wildwüchsigen, offenbar weitgehend unlektorierten Brachial-Buches „Rave“ nimmt uns der gleichsam „in Zungen“ redende Prophet Goetz mit durch die Techno-Clubs der Republik. Und er zeigt’s allen ahnungslosen Spießern mal so richtig. Denn er und seine weitverstreuten Cliquen sind, wie er auf Seite 224 stolz vermeidet, allemal „Chefs im Exzeß“.

Daran würde man nach der Lektüre nie zu zweifeln wagen. Denn mal hängen die Leute verdammt cool in München ab, dann wieder tanzen sie in Berlin bis zum nächsten Morgen – und gehen auch danach noch lange nicht auf ihre Zimmer, es sei denn zum Pim… nun ja, zur Triebabfuhr halt.

Und weiter geht’s: Mal werfen sie haufenweise Drogen in Köln ein, dann wieder saufen sie wie die Stiere in Frankfurt. Oder sie kombinieren gleich alle Rauschmittel. Auch Ibiza wird zwischendurch heftig heimgesucht. Echt stark, Alter!

Er kennt so viele schrille Leute 

Es dürfte schwerfallen, ein anderes Buch zu finden, dessen Personal sich mit Trunk, diversen Kräutlein und Chemie permanent so zielstrebig um den Verstand bringt wie hier. Prädikat: Zugeknallter geht s nicht. Seltsam nur, daß sich Goetz dermaßen über die Szene-Journalisten aufregt, die den Techno-Trends hinterherhecheln. Er selbst tut ja im Grunde nichts anderes.

Doch der Autor, der den Lesern schon so knallharte Bücher wie ,Irre“, „Krieg“ und „Kontrolliert“ vorsetzte, kennt so viele schrille Leute, also das gibt s gar nicht. Oftmals referiert Goetz den Saum des Wahnsinns streifende Dialogfetzen mit zahllosen Szene-Bekanntschaften, die immer hübsch namentlich aufgelistet werden (wobei die Mädchen meist als reichlich dusselige, aber zur Ausschweifung bereitwillige „Mäuse“ auftreten). Da lernt man, wie überaus „krass“ und „kaputt“ (Goetz-Zitat) es am Techno-Standort Deutschland zugeht. Freilich gibt’s trotzdem nichts Besseres: „Aber noch absurder und kaputter als jede noch so schlimme Drogenkaputtheit war natürlich generelle Abstinenz.“

Sprache zerhacken und in Trance fallen

Und so gerät das Buch streckenweise zur unreflektierten Feier sprachloser Trance. Es ist schon eine spezielle Art von Literatur. Seit sich der mit Gespür für Aufsehen begabte Ex-Medizinstudent Rainald Goetz vor Jahr und Tag beim Ingeborg-Bachmann-Autorenwettbwerb mit einer Rasierklinge die Stirn aufschlitzte, gilt er als Enfant terrible des belletristischen Betriebes.

Vielleicht läßt sich sein neues Werk ins beinharte Genre der Frontberichte eingliedern: Ganz früher erzählten die ergrauten Veteranen vom Weltkrieg, dann waren die 68er-Rebellen mit dem Prahlen an der Reihe, und jetzt sind eben die Techno-Heroen dran.

Phasenweise gelingt es Goetz, seiner atemlos zerhackten Sprache einen treibenden Rhythmus mitzugeben, der dem Thema durchaus entspricht und einen gewissen Sog ausübt. Doch die selbstgefälligen Endlos-Wiederholungen des „Ich war dabei“ zerren gehörig an den Nerven.

Rainald Goetz: „Rave“. Suhrkamp-Verlag, 271 Seiten. 38 DM.




In Paris die neue Leichtigkeit des Seins erfahren – Richard Fords beachtliche Novelle „Abendländer“

Von Bernd Berke

Ein Amerikaner in Paris: Charley Matthews aus Ohio hat gerade seinen Erstlingsroman „Das Dilemma“ herausgebracht und will nun seinen französischen Verleger besuchen. Doch der hat über Weihnachten plötzlich keine Zeit mehr für den Gast und das fällige Besichtigungsprogramm.

Nun müssen Charley und seine Begleiterin Helen selbst sehen, wie sie in der Metropole zurechtkommen. Mit dieser gelinden Ernüchterung beginnt „Abendländer“, das neue Buch des US-Autors Richard Ford, der zumal durch seinen grandiosen Roman „Der Sportreporter“ bei uns bekannt wurde.

Krise in der Lebensmitte: Fords trauriger Held Charley hat eine gescheiterte Ehe hinter sich. Ob er seine jetzige Gefährtin Helen liebt oder sie eben nur gern hat und mit ihr schläft, ist zunehmend fraglich. Auch so ein Dilemma.

Charley spricht lediglich ein paar Brocken Französisch und fühlt sich deshalb in Paris noch mehr auf sich selbst zurückgeworfen, zumal sich die von Historie allseits übersättigten Franzosen, wie Charley findet, so ganz anders bewegen und anders reden als US-Bürger. Abendland ist nicht gleich Abendland. Mißtrauische Seitenblicke auf vorlaute amerikanische (und deutsche) Touristen bestärken ihn in diesem Gefühl.

Zugleich fällt ein Schatten der Vergänglichkeit auf die Tage in Paris: Da Helens Krebskrankheit wieder auszubrechen scheint und sie schon tagsüber erschöpft im Hotel schläft, läßt sich Charley allein durch die Stadt treiben wie durch einen Ozean.

Schon bald genießt er es, die fremde Sprache nicht zu verstehen, denn es entlastet ihn von der sonstigen Bedeutungsschwere der Worte und verfeinert das Gespür anderweitig. Der ehemalige Dozent will die Chance ergreifen, vom trockenen Buchwissen zu ungeahnter Lebendigkeit zu finden.

Fühlt er sich zunächst unbehaglich, wie an einem seelischen Nullpunkt, so freut er sich bald darauf, in der Millionenstadt nur ganz am Rande vorzukommen und alle Eindrücke möglichst pur auf sich wirken zu lassen. Bloß keine Festlegung. Mal sehen, was mit einem geschieht, wenn man niemanden kennt und „unsichtbar“ ist. Neue Leichtigkeit des Seins.

Da ist einer (längst nicht mehr touristisch) unterwegs; unterwegs zum eigenen Leben. Scheinbare Belanglosigkeiten gewinnen nun plastische Bedeutung. Selbst ein Spielzeugkauf für seine schmerzlich vermißte Tochter wird zum Akt der Selbstfindung.

Richard Fords angenehm unaufdringlich instrumentierte Erzählung läßt Seite für Seite spüren, was es heißen kann, sich auf eine neue Lebensphase einzulassen. Ende offen – wie im wirklichen Dasein.

Richard Ford: „Abendländer“. Novelle. Berlin Verlag. 154 Seiten. 29,80 DM.




Betrübt vom Lauf der Welt – Lübcke-Museum in Hamm zeigt Karl Hofers Bilder aus der Sammlung Deyhle

Von Bernd Berke

Hamm. In der Mitte des Bildes steht der Künstler, ganz auf sich allein gestellt, die Hände zum Selbstschutz erhoben, aber eigentlich hilflos. Denn ringsum drohen maskenhafte Fratzen. „Selbstbildnis mit Dämonen“ hat Karl Hofer (18781955) diese Arbeit genannt. Und wahrlich: Er hat zeitlebens dämonische Erfahrungen machen müssen.

Die vielfältige Hofer-Werkauswahl, die jetzt in Hamm zu sehen ist, stammt aus der Sammlung des jüngst in Finanzprobleme geschlitterten Musical-Magnaten Rolf Deyhle, dem freilich das Land Baden-Württemberg just mit einer sicher hilfreichen Kreditbürgschaft zu Diensten war.

Zurück zum weniger lukrativen Leben des Künstlers Karl Hofer: Unglücklich verlief schon seine Kindheit. Kaum war er auf der Welt, starb sein Vater. Die Mutter verarmte und mußte als Haushaltshilfe ihr Dasein fristen. Bald konnte sie sich um den Sohn nicht mehr kümmern, und er kam ins Waisenhaus.

Auch nach dem Krieg ein Außenseiter

Zwar konnte er als junger Mann mit Hilfe von Mäzenen Kunst studieren, ja, er etablierte sich bis Ende der 20er Jahre als Meister der „Neuen Sachlichkeit“ und honoriger Akademie-Professor. Doch dann griffen die Nazis nach der Macht. Die Bilder Hofers, der schon 1931 vor dem heraufziehenden Unwesen gewarnt hatte, wurden als „entartet“ verfemt. 1936 malte er einen Hungernden, der verzweifelt an einem mageren Knochen nagt. Ein krasses Armuts-Zeugnis – und somit im „Dritten Reich“ mehr als mißliebig.

Nach dem Krieg, als nahezu alle Kunstwelt der Abstraktion frönte, geriet Hofer erneut in eine heftig befehdete Außenseiterposition, denn vom realistischen Abbild des Menschen und der Dinge hat er sich nie verabschiedet.

Kein Wunder, daß man vorwiegend freudlose Bilder zu sehen bekommt. Auch wenn Hofer Liebespaare oder Gruppen darstellt, wirken die Menschen seltsam vereinzelt. Nie schauen sie einander an, die Blicke irren betrübt ins Leere.

Von 1907 bis 1954 reicht die Auswahl der 66 Werke. Schon das früheste Ölbild, ein nackter „David mit der Schleuder“, kündet von Entfremdung: David steht nicht wirklich in der Landschaft, sondern davor wie ausgestanzt, von der Natur abgestemmt. Später sind die Figuren oft von knittrigen Höhlen-Formationen umgeben, aber nicht wohlig umhüllt, sondern ins schmerzliche Alleinsein gestellt.

Bildnis zweier sanftmütiger Schwestern

Für Hofers Verhältnisse ungewohnt idyllisch und delikat gemalt sind manche Landschaftbilder aus dem Tessin, doch eines läßt aufmerken: Da hat Hofer einen Bauzaun vors schöne Panorama plazierte. Die heile Welt ist abgeriegelt. Fast schon eine Vorform ökologischen Unbehagens.

In vielerlei Stilrichtungen hat sich Hofer umgetan. Die Bildnisse badender Mädchen lassen Einflüsse von Paul Cezanne ahnen, die Stilleben der 20er Jahre sind gewiß nicht ohne Kenntnis des Kubismus entstanden. Behutsame Auflösung plastischer Körper in Farbflächen war freilich schon das Höchste an Abstraktion.

Die oft resignierende, gelegentlich auch depressive Grundstimmung verdichtet sich – mit gutem Grund – in den Bildern aus der Trümmerzeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein brennender Hampelmann schreit vor Schmerzen. Kein Kinderspiel. Ein gebrochener Mensch geht durch eine zerstörte Stadt, ein anderer kriecht vollends am Boden.

Doch es gibt auch ergreifende Momente der Zärtlichkeit in dieser Ausstellung: Zwei Schwestern, sanftmütig sinnend, so zart wie von Botticelli hingehaucht. Gleichfalls in ihre Innenwelt versunken ist die junge Frau, die sich „Nach dem Bad“ (Titel, 1934) abtrocknet – ganz so, als suche sie nach einem tröstlichen Gefühl.

Karl Hofer. Gustav Lübcke-Museum, Hamm, Neue Bahnhofstraße 9. Tel.: 02381 / 17 57 01. Bis 28. Juni. Di-So 10-18, Mi 10-20 Uhr. Eintritt 7 DM. Katalog 25 DM.




Mit Melodien durch die Liebeswirren gleiten – Kinofilm „On connaît la chanson“ von Alain Resnais

Von Bernd Berke

Marc hat ganz gerötete Augen. Die Tränen fließen. Er schneuzt sich in sein Taschentuch. Camille will mit ihrer Schwester Odile eine Wohnung besichtigen und erscheint verfrüht am Treffpunkt. Sie glaubt, daß der Mann richtig weint – und schon beginnt sie, sich in den offenbar empfindsamen Menschen zu verlieben. Doch der Kerl erweist sich später als eiskalter Immobilienmakler. Und das Taschentuch? Nun ja, eine simple Erkältung.

Beileibe kein Einzelfall in Alain Resnais‘ Film „On connaît la chanson“ (etwa: „Man kennt das Lied“). Jede Geste ist schon ein halbes Mißverständnis – oder eine bewußte Maskierung wahrer Absichten und damit Quell des Unglücks.

Das Besondere an diesem Meisterwerk: Resnais verfremdet die vielfach verwobenen Episoden seines Liebesreigens sinnreich und kunstvoll mit Musik. Mitten in den Szenen und Sätzen legt er den männlichen und weiblichen Stadtneurotikern plötzlich lippensynchron Schlager und Chansons in den Mund. Danach, als sei nichts gewesen, reden die Leute weiter wie gehabt.

Die verwendeten Melodien kennt in Frankreich jedes Kind, und auch für unsere Ohren klingt mancher Ton vertraut. Völlig klar, daß ein solch spezifisch französischer Film im Original mit deutschen Untertiteln ins Kino kommt. Was klingt wohl zärtlicher: „Ich liebe die Mädchen“ oder „J’aime les filles“?

Tröstliche Floskeln des Liebeslebens

Hier also kann es sogar geschehen, daß auf einmal Sylvie Vartan oder France Gall einem verliebten Gockel ihre Stimmen leihen, daß eine Frau wie Charles Aznavour oder Gilbert Becaud singt. Anfangs nimmt man solche gezielten Stimm-Brüche mit leichtem Stirnrunzeln zur Kenntnis. Doch die Sache geht wundersam schwebeleicht auf.

Amüsiert vernimmt man die gelegentlich „trivialen“, zuweilen aber einfach tröstlichen Formeln und Floskeln des Gefühlslebens. Erhellend komisch sind die Kontraste zwischen der Schwerkraft des Lebens, und dem Leichtsinn der Lieder. Und man spürt: Sogar das Leiden an der Liebe ist manchmal zum Lachen, aber kein Liebender ist als solcher lächerlich…

Die Chemie der Beziehungen gerät jedenfalls schön durcheinander: Die anfangs erwähnte Camille (Agnes Jaoui), die sich mit Stadtführungen durch Paris ihr Studiengeld verdient, wird insgeheim von Marcs zerstreut-sensiblem Hilfsmakler Simon (André Dussollier) angebetet. Der gibt sich als Hörspielautor aus, weil das nicht so elend prosaisch klingt.

Wenn alle einander im Unklaren lassen

Camilles Schwester Odile (Sabine Azéma) begegnet derweil ihrer alten, längst verheirateten Jugendliebe Nicolas und gerät darob über ihren stets ermatteten Gatten Claude ins Grübeln: „Meine Ehe ist nicht übel. Eigentlich ganz normal“, sinniert Odile. Doch wie sehnsuchtsvoll sie dabei in unbestimmte Fernen blickt! Und dann spitzt sie die Lippen zu einem Liebeslied, das die laue Zufriedenheit vollends verneint.

Claude und Nicolas halten ihrerseits heimlich Ausschau nach neuen Frauengeschichten. Bei jener Party, mit der Odile und Claude am Ende ihre neue Wohnung einweihen, kulminieren und kollabieren all diese Verhältnisse. So lange es nur irgend ging, haben diese Menschen einander im Unklaren gelassen. Sie haben falsche Berufe erfunden und sich falsche Gefühle angemaßt. Aus Angst vor dauerhafter Verantwortung, aus Verstellungslust oder aus purer Depression.

Doch von derlei Erdenschwere spürt man kaum einen Hauch, so charmant und elegant gleitet dieser Film daher.




Sprache frißt Liebe auf – Goethes Trauerspiel „Clavigo“ im Essener Grillo-Theater

Von Bernd Berke

Essen. Mit seinem Trauerspiel „Clavigo“ machte Goethe 1774 nicht viel Federlesens. Nach einer Art Wette im traulichen Kreise hat er das Drama binnen einer Woche sozusagen „hingefetzt“. Doch das Stück hat Bestand. Goethe war eben gut. Nun eilt ihm das Essener Schauspiel hinterher und hält sich an die alte Fußball-Weisheit: „Das Spiel dauert 90 Minuten“. Schöne Kurzweil?

Clavigo (Denis Petkovic) befindet sich auf dem Karrieretrip, er rechnet sich Chancen beim spanischen Hofe aus. Als Star-Autor läßt er sich gern von liebenden Musen beflügeln, doch rasch langweilen sie den Sturm- und Drang-Menschen auch wieder. Folglich hat er die süße Französin Marie sitzenlassen, also schmählich entehrt.

„Daß man so veränderlich ist!“, staunt der Wankelmütige über sich selbst. Denn zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust. Auch ein romantischer Träumer glaubt er zu sein und als solcher meint er Gewissensbisse zu haben. Doch die werden ihm vom Einflüsterer Carlos (stark: Manfred Meihöfer) geradezu mephistophelisch ausgeredet – im Sinne schrankenloser Selbstverwirklichung, die dem Genie zustehe. Frauen schänden? Na, klar! Wenn’s dem eigenen Fortkommen dient…

Der Rechthaber als Springteufel

Gegenspieler Beaumarchais schnellt in Essen wie ein Springteufel auf die Bühne. Der Ehrenmann ist nach Madrid geeilt, um seine Schwester Marie (puppenhaft naiv: Sigrid Burkholder) zu rächen. Anders als bei Goethe, läßt er sich hier in diesem brennenden Wunsch nie erweichen. Seine erste Unterredung mit Clavigo beginnt mit gewundenen diplomatischen Floskeln, doch bald fällt die Maske: Mit blutroten Handschuhen angetan, will sich der Rechthaber am Feinde nur gewaltsam gütlich tun. Überhaupt verbirgt die schöne Sprache diesmal nur Falschheit, ja, sie erweist sich im Lichte der wahren Triebe und Interessen als Gesülze. Deutlich wird die liebes- und lebensfressende Gewalt wohlgesetzter Worte bei gleichzeitiger Seelenkälte.

Versöhnung gibt‘ s in der Essener Inszenierung (Regie: Erich Sidler) nicht, höchstens Kumpanei. Und wo bei Goethe die finalen Todesfälle empfindsam beredet werden, ist’s in Essen flugs getan: ein Stich, ein Satz, vorbei.

Am Ende die rohen Tat-Sachen. Unbehauste Welt: keine Möbel, fast keine Gegenstände (Bühne: Miriam Möller). Man sieht anfangs nur einen breiten, ganz flachen „Cinemascope“-Ausschnitt mit blaßblauem Hintergrund. Dieser Einblick, der Distanzen und Künstlichkeit betont, weitet sich langsam, zugleich sinken die Figuren allmählich zum Bühnenboden herab. Vom Himmel des Idealismus werden sie herabgeholt, stellenweise auch etwas achtlos herabgezerrt. Doch einen interessanten Ansatz, das Stück bei den Hörnern zu packen, hat man gefunden. Der Text hält es aus.

Termine: 9., 23. April, 2., 17. Mai. Karten: 0201/8122-200.




Mozarts Handschrift und die verrätselte Welt – Gerhard Roths Roman „Der Plan“

Von Bernd Berke

Konrad Feldt, Bibliothekar in der Nationalbücherei von Wien, leidet an einer Berufskrankheit Er ist vernarrt in Schriftgut jeder Sorte. Der Lesesüchtige betrachtet die ganze Welt wie einen Text, den man erst entziffern muß.

Diesen Buchstaben-Mann schickt der österreichische Autor Gerhard Roth (Romanserie „Die Archive des Schweigens“) in seinem neuen Opus „Der Plan“ durch Japan, wo Feldt Vortrage über die Wiener Bibliothek halten soll. Aber das ist nur ein Vorwand. Nichts Kulturbeflissenes hat Feldt im Sinn. sondern Kriminelles.

Jedenfalls versteht Feldt in Nippon auf einmal nichts mehr. Andere Sprache, fremde Schrift, verworrener Sinn. Fortan muß er sich alle Bestandteile der Wirklichkeit nach Art von Rebus-Rätseln zusammenreimen. Sein Text der Welt ist völlig durcheinander geraten.

Das macht Feldts Vorhaben um so gefährlicher: In Wien hat er einen unschätzbar wertvollen Papierfetzen mitgehen lassen, den Ausriß aus einer Notenhandschrift Mozarts zum „Requiem“. Den will er in Japan für eine Million Dollar an den Antiquitätenhändler Dr. Hayashi versilbern. Wie der aussieht, weiß Feldt nicht. Wird der Unbekannte etwa Mittelsmänner vorschicken, wird er versuchen, Feldt das Manuskript zu rauben?

Große Namen fallen wir reife Früchte

Die telefonische Verabredung verschwiegener Treffpunkte führt zu einem bedrohlichen Verwirrspiel, zu einer nicht mehr planbaren „Schnitzeljagd“, bei der es um Leben und Tod geht. Überall in diesem Labyrinth könnten Gefahren lauern, niemandem – vielleicht nur den eigenen Instinkten – kann man trauen.

Feldt legt sich die japanischen Eigenheiten nach Mustern zurecht, die ihm zu Gebote stehen: Immer wieder fallen ihm zu den Situationen, in die er gerät, Vergleichsmodelle aus europäischer Literatur und Malerei ein, was sich bei Roth vielfach zum „name dropping“ auswächst: Dante, Celan, Rimbaud, Pessoa, Botticelli und Pasolini werden flugs in einem Atemzug genannt – die großen Namen fallen auch sonst wie reife Früchte.

Seltsames geschieht: Frau Sato, einheimische Begleiterin, die man Feldt auf der Reise zur Seite stellt, wird seine Geliebte, entzieht sich dann aber auf ätherische Weise, um wie aus dem Nichts wieder aufzutauchen. Der Antiquar wird erschossen, Feldt entgeht dem Anschlag mit knapper Not.

Ein durch riskante Forschungen versehrter Erdbeben-Experte tritt auf wie ein Todesbote. Und siehe da: In heftigen finalen Erdstößen zersplittert am Ende die Welt wie beim Jüngsten Gericht – und damit verblassen auch die Rätselbilder von ihr. In den Momenten der Katastrophe scheint die Wirklichkeit gräßlich greifbar, nicht mehr verstellt vom Trug und Trost der Worte. Die Stunde der wahren Empfindung.

Roth erntet in diesem Roman (gelegentlich etwas unausgereifte) Früchte einer eigenen Lesereise durch Japan. Er wird nicht müde, etwa die Sitten in japanischen Schwitzbädern zu schildern. Und er mixt die Genres: Mal liest sich das Buch wie ein Reiseführer, dann wie ein Thriller, ein Kultur-Feature oder die Vorlage zu einem Katastrophenfilm. Ein Puzzlespiel für geübte Leser.

Gerhard Roth: „Der Plan“. Roman. S. Fischer Verlag. 301 Seiten, 39,80 DM.