Verdünnung einer genialen Romanvorlage – Dostojewskijs „Der Idiot“ als Dramatisierung in Bochum

Von Bernd Berke

Bochum. Es ist wie einst in Hildegard Knefs Lied: Die Birke braucht offenbar „Tapetenwechsel“. Jedenfalls macht sie sich in der Dämmerung auf den Weg und zittert quer über die Bochumer Bühne. Ist es bloß eine rumpelnde Mechanik, oder sind wir am magischen Ort, an dem die Dinge ihre Plätze wechseln?

Falls Magie hier walten sollte, dann hält dieses Phänomen nur für Sekunden vor. Und das wird auch so bleiben in Hans-Ulrich Beckers Inszenierung nach Dostojewskijs Roman „Der Idiot“ (1867/68), dessen Bühnenfassung der Regisseur zusammen mit Klaus Mißbach selbst erstellt hat. Hin und wieder ahnt man in diesen dreieinhalb Stunden zwar die Wucht oder den Zauber der genialen Vorlage, doch nur verdünnt. Und obgleich sie den Roman verkürzt, hat die Dramatisierung ein paar arge Längen.

Nach Jahren medizinischer Behandlung wegen epileptischer Anfälle kehrt Fürst Myschkin aus der Schweiz nach Russland zurück. Er kommt ohne Absicht. Nur hat er sich vorgenommen, in allen Fragen ganz offen, ehrlich, klar und „rein“ zu sein. Eine Art Unschulds-Engel, ein „Narr in Christo“, über den man sich amüsiert, der aber bei den Empfindsameren – zumal den Frauen – auch Sehnsüchte nach Läuterung weckt.

Manuel Bürgin gibt diese Gestalt nicht etwa als leidende (Christus)-Figur, sondern als naiven großen Jungen, der ins geile und geldversessene Getriebe der Welt gerät. Charisma versprüht er nicht, auch weckt er kaum Mitleid. Um ihn herum kristallisieren sich alle anderen Figuren nicht wie um einen Kern, sondern wie um ein Vakuum. Ein Hauch von einem Menschen.

Somit hat die Aufführung kein Gravitationszentrum und trudelt konventionell dahin. Die meisten Figuren entfalten sich nicht mit Widersprüchen, sondern sind auch auf Dauer so, wie sie anfangs erscheinen. Interessanter, weil (gegen das ätherische Klischee) als etwas trampelige Göre besetzt, ist die junge Generalstochter Aglaja (Bianca Nele Rosetz). Auch sie vermag Myschkins allzeit bereites Mitleid nicht in Liebe zu wandeln.

Ein schauriger Abgrund zwischen Eros und Caritas

Abgewetzte Möbel, allerlei Ikonen: die Bühne (Alexander Müller-Elmau) ist vollgestellt. In Bochum weht diesmal der Geist eines oft etwas uninspirierten Realismus‘, der die Sachen weitgehend zum Nennwert nimmt. Das gilt auch für die Musik (Thomas Hertel), die sich in gar zu eingängigen russischen Volksweisen ergeht. Ästhetisch überzüchtet ist das alles nicht, sondern brav.

Myschkin, wegen seiner Krankheit nicht zur sexuellen Tat fähig, trifft seine Gegenbilder: lauter Getriebene und oder Erloschene, die um die Liebe allenfalls feilschen. Und so erleben wir die Umkehrung: Myschkin erscheint als der eigentlich Gesunde, während die anderen nervös, hysterisch oder gar debil wirken.

Der rabiate Rogoschin (Thomas Büchel) kauft sich die schöne Nastassja (Katharina Müller-Elmau) als Ehefrau. Diese einst früh geschändete, allen als verworfen geltende Lebedame ist von Myschkins Klarheit zuinnerst berührt, stürzt sich aber doch mutwillig ins Unglück mit Rogoschin. Der wird sie schließlich im Eifersuchts-Wahn erstechen und mit Myschkin nächtliche Totenwacht halten.

Im Schlussbild wird jenes so ungleiche Männer-Duo sozusagen ineins geblendet: zwei sozusagen Nekrophile, letzten Endes gleichermaßen zerstörerisch, nun über den Leichnam des geopferten Weibes gebeugt. Der eine kannte gar kein Mitleid, der andere nichts als Mitleid. So tut sich am Ende des Abends denn doch noch ein schauriger Abgrund zwischen Eros und Caritas auf.

Termine: 4., 8., 9. und 30. Mai. Karten: 0234/3333-111.




Die Luftgeister des Leidens – Bochumer Uraufführung von „Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia“

Von Bernd Berke

Bochum. Es war wohl das vornehmste deutsche Theaterereignis dieses Monats: Nicht der ursprünglich vorgesehene Peter Stein in Berlin, sondern Matthias Hartmann in Bochum inszenierte die Uraufführung des neuen Stückes von Botho Strauß. Und so herrschte am Samstag knisternde Spannung, als das Spiel begann.

Der Titel der 20-teiligen, in Bochum vierstündigen Szenenfolge passt komplett in kein Schauspielführer-Register: „Der Narr und seine Frau heute abend in Pancomedia“. Vermutlich wird man ihn aufs klangvolle Rätselwort „Pancomedia“ verkürzen – und darunter ist vielleicht die allumfassende (Tragi)-Komödie heutigen Menschseins zu verstehen, das sich (einem Stückzitat zufolge) „zwischen Ariel und Hiob“ spannt; ein Drahtseilakt also zwischen dem Luftgeist, der zum Höheren oder ins Flüchtige strebt, und der biblischen Figur erdenschweren Leidens.

Zentraler Ort ist die Empfangshalle des Hotels „Confidence“ (Vertrauen). In einem Saal des Etablissements, das in Erich Wonders magischem, durch und durch roten Bühnenbild an einen riesigen Uterus gemahnen mag, gibt es eine Dichterlesung. Die Schriftstellerin Sylvia Kessel (Dörte Lyssewski) nimmt etwas schüchtern am Tischchen Platz und trägt mit zunehmend brüchiger Stimme aus ihrem Roman „Rapunzelzopf oder Vom Ende der Greisenrepublik“ vor.

Bis zum Schluss in der Schwebe 

Diese gläsern empfindlichen, doch hin und wieder aufbrausenden Visionen aus einer überalterten Gesellschaft werden von einem notorischen Zwischenrufer unterbrochen. Es ist der Kleinverleger Zacharias Werner (Tobias Moretti), der das gesamte Programm seiner „edition 24″ in einem Rucksack bei sich trägt. Ständig mit dem Aufkauf durch einen großen  Buchkonzern des jovialen Großsprechers Brigg (Alexander May) bedroht, laviert sich dieser Mann durch eine geldverderbte, immerzu mit Handys und Börsenkursen befasste Welt.

Soll man diesem Werner glauben, dass er für die wirklich wichtigen Bücher kämpfen und sich auch für Sylvia Kessel bedingungslos einsetzen will? Oder ist er nur ein finanzieller und sexueller Filou? Wäre er am Ende gar nur ein unverdrossen durch die Zeit schweifender Narr? Es bleibt bis zum Schluss in spannender Schwebe, und das ist eine reife Leistung von Tobias Moretti, der mit der TV-Serie „Kommissar Rex“ halt sein gutes Geld verdient hat.

Eine grandiose Gesellschafts-Belauschung

Rings um die beiden Hauptfiguren, deren Liebes-Zukunft letztlich gleichfalls ungewiss, doch nicht gänzlich hoffnungslos bleibt (wie gut tut dies einmal, angesichts aller sonst so gängigen, pessimistisch-schwarzen Bühnen-Phantasien), entfaltet sich ein ungeheuer facettenreiches Panorama der Paare und Passanten. Die 31 Darsteller verkörpern in diesem rauschenden, manchmal zu Tableaus einfrierenden Reigen rund 100 Figuren in immer neuen Gruppierungen. Er ist eine grandiose Gesellschafts-Belauschung: Einmal geht eine Engels-Figur mit einem überdimensionalen Ohr in den Händen durch die Menschen-Pulks, allerlei markante Beziehungs-Satzfetzen einfangend.

Dies alles ist so sehr aus dem Heute geronnen und so unumstößlich zur Sprache gebracht, dass es zum Lachen reizt und gleichermaßen schmerzt. Botho Strauß zeigt hier ganz und gar, was das Theater vermag. Es ist, als spiele er dessen Möglichkeiten zwischen Alltags-Niederung und mythischem Fluge („Weltliebesbrand“, „Zerschlagt die Ideen“) bis zur Neige durch.

Wie in einem hellsichtigen Traum

Hartmann tut es ihm nach: Der allzeit gleitenden Bewegung des Textes folgend, wandelt er wie in einem hellsichtigen Traume durch all die Ticks und schrägen Manieren, die grotesken, innigen, sehnsüchtigen, absurden, witzigen, traurigen, desolaten, zu Tode bestürzten Momente.

Requisiten kommen wie von Zauberhand auf Rollen herein und hinaus. Mit Drehbühne und sphärischer Flüster-Musik (Parviz Mir Ali) ergeben sich daraus geradezu geisterhaft schön fließende Übergänge. Eins erwächst aus dem anderen und treibt das nächste aus sich hervor. Und wie die Narren bei Shakespeare, so spiegeln hier die beiden Varieté-Typen Alfredo und Vittoro (Fritz Schediwy, Ernst Stötzner) das Tun und Treiben. Man denkt an abstruse Dialoge eines Karl Valentin, doch auch an die urkomischen Verzweiflungen eines Samuel Beckett.

Wen dürfte man nur hervorheben aus dem starken Ensemble? Moretti und Lyssewski tragen das Gerüst. Sie haben sichtlich Bodenhaftung und vermögen dennoch – als leidvoll Freigesetzte – ins Jenseitige auszugreifen, ganz wie es Strauß entspricht. Doch ohne all die anderen gingen sie durch luftleere Räume.

Ein an Gedanken und Empfindungen, reicher, ein erhebender Abend. Frenetischer Beifall.

Termine: 15., 16., 22. April. 5., 6., 19., 20. Mai. Karten: 0234/33 33-111.




„Leo Kaplan“ – ein Romanheld in der erotischen Umlaufbahn

Von Bernd Berke

Leon de Winter kommt rasch zur Sache. Gleich auf den ersten Seiten ertappt er seinen Roman-Titelhelden Leo Kaplan beim Wesentlichen.

Der Enddreißiger, ein Autor in seiner bislang schlimmsten Schreibkrise, kann praktisch keinen lockenden Rockzipfel ungelüftet lassen. In den Worten de Winters: „Sollte er eine Seele haben, dann saß sie bei ihm zwischen den Beinen.“ Diesmal hat’s eine Studentin „erwischt“, die eine Arbeit über sein Werk verfassen will. Alsbald erkundet sie Sinnen und Trachten des Dichters auch auf physischem Terrain.

Im weiteren Verlauf der Handlung werden sich noch etliche Damen einreihen – von der hübschen Stewardess Paula, die Leo Kaplan im Flugzeug kennen lernt, über die diebische Hure in Kairo bis hin zur abgrundtief hässlichen einstigen Mitschülerin Roosje, mit der er es in einer Art „Gnadenakt“ treibt, weil sie doch so einsam geblieben ist. Dabei erfasst den zweifach Geschiedenen selbst die Rührung. Denn letztlich ist er ebenso allein. Dieses Gefühl lässt sich auch mit Sex nicht betäuben.

Die Eine, die Wahre nämlich, mit der er vor fast zwanzig Jahren als Student zusammen gelebt hat, die bekommt er dauerhaft nimmermehr. Dieser Ellen begegnet er nach all der Zeit in Rom wieder. Er ist auf Lesereise, sie mittlerweile Gattin eines treuherzigen niederländischen Diplomaten. Ein einziges Mal gehen Leo und Ellen dort noch miteinander ins Bett, als müssten sie einen Schlusspunkt unter dieses Lebenskapitel setzen.

Unter einer Glasglocke leben

Hals über Kopf hatte Leo sie damals in Amsterdam, in den wilden 60er Jahren, verlassen. Dabei hatten sie einander ergänzt – er als Nachfahre niederländischer Juden, sie als Abkömmling von Nazi-Kollaborateuren. Beide wollten loskommen von ihrer Abstammung, „unter einer Glasglocke“ wollten sie leben und nur der Liebe pflegen.

Aber plötzlich war ihm die „Revolution“ wichtiger gewesen. Zornig hatte Ellen ihm die rabiate Lüge entgegen geschleudert: Sie habe das gemeinsame Baby abgetrieben. Nun, in Rom, schmerzt der definitive Abschied so sehr, dass es Leo offenbar endgültig in eine erotische Umlaufbahn ohne Halt und Wiederkehr katapultiert. Weiblich bevölkerte Einsamkeit, sozusagen.

Für die ständigen Dreiecksverhältnisse drängt sich hier das Bild von drei Trapez-Artisten auf: Mann, Ehefrau und Geliebter in der Manege. Wie sie da schweben, sich fassen und lassen, das ist lebensgefährlich.

Das falsche Gehabe endlich ablegen

Gar nicht verquast kommen derlei Befunde daher, sondern saftig und beherzt zupackend. Der Niederländer Leon de Winter (46), bekannt durch Romane wie „Hoffmanns Hunger“, erzählt mit vielwissender Ironie, mit Bravour und vielfach melancholisch getöntem Witz von den fatalen Täuschungen der Liebe und von einem vielleicht zutiefst verfehlten Leben.

Der Held, der dieser drohenden Erkenntnis anfangs in allerlei seelische Bastionen, in Sex und Suff, in Genie-Phantasien, Attitüden und Posen ausweicht, legt solches Gehabe zusehends ab. Gestärkt durch seine allmählich wiederentdeckte jüdische Identität (und besänftigt durch eine Millionen-Erbschaft), stellt er sich seinem Schicksal schließlich mit offenem Visier, beseelt von höherer Heiterkeit.

So sehr steigert sich Leon de Winter zuweilen in seine Fabulierkünste hinein, dass die zahllosen Episoden und Ereignis-Ketten gleichsam ihre eigenen Bahnen ziehen – fast wie der bestürzend freie Leo. Am Ende löst sich alles dermaßen unverhofft ins Flüchtige auf, als würde sich der Roman in die Lüfte erheben. Ach, wer da mitfliegen könnte!

Leon de Winter: „Leo Kaplan“. Roman. Diogenes Verlag, 544 Seiten. 46,90 DM.

In einer Veranstaltung der Buchhandlung Krüger liest der Autor heute um 19.30 Uhr im Studio der Dortmunder Stadt- und Landesbibliothek (Königswall) aus dem Roman.