Schmerzliches Wunder einer Liebe – „Before Sunset“ mit Julie Delpy und Ethan Hawke

Von Bernd Berke

Ohne Rückblick gehts hier nicht: Vor genau neun Jahren brachte Richard Linklater seinen Film „Before Sunrise“ (Vor Sonnenaufgang) heraus. Damals lernten sich die Französin Celine und der Amerikaner Jesse kennen. Sie verlebten in Wien nur einen einzigen, jedoch himmlischen Tag miteinander.

Dann aber, so die Legende, haben sie einander just neun Jahre lang aus den Augen verloren. Nach dieser Distanz setzt nun Linklaters Fortführung „Before Sunset“ (Vor Sonnenuntergang) ein.

Die Fiktion wird also sozusagen in Echtzeit aufgegriffen. Abermals spielen Julie Delpy und Ethan Hawke die Rollen. Jesse macht auf einer Autorenreise Station in Paris, wo Celine seit Jahren lebt. Flammendes Erstaunen seinerseits, als sie in der Buchhandlung auftaucht. Jetzt hat er freilich nur noch ein paar Stunden bis zum Rückflug in die USA. Wird’s also erneut so ein allzu kurzes, schmerzlich süßes Wunder zwischen den zweien, die doch füreinander bestimmt zu sein scheinen?

Sofort ist die Vertrautheit wieder da

Selbst nach so vielen Jahren „fremdeln“ sie nicht. Sofort ist diese Vertrautheit wieder da; wie ein Fluidum, das nicht vergehen kann. Im Nu sprechen sie so innig über ihr Leben, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Warum sie einander „damals“ nicht wie verabredet wiedersahen? Das Drehbuch will es so: Celine musste zur Beisetzung ihrer Großmutter gehen, somit hat Jesse am Treffpunkt vergebens gewartet. Telefonnummern hatten sie aus jugendlichem Leichtsinn nicht ausgetauscht. Daher die endlose Funkstille. Hätte sie ihn denn nicht via Internet-Recherche oder über seinen Verlag erreichen können? Schwamm drüber. Glauben wir’s halt.

Film- und Handlungsdauer sind deckungsgleich: Unter der Fuchtel vermeintlichen Zeitdrucks eilen die beiden durch Pariser Straßen im flirrenden Licht, gehen ins Bistro, fahren mit dem Boot auf der Seine, bewundern aus der Ferne Notre-Dame, sitzen schließlich in Celines Wohnung – und reden, reden, reden. Ganz beseelt.

Neun Jahre des Lebens versäumt

Den Austausch übers Berufliche (sie arbeitet für eine Öko-Organisation, er ist eben Schriftsteller) bringen sie rasch hinter sich. Wie sich zeigt, sind sie beide privat nicht glücklich geworden. Er dümpelt lustlos durch seine Ehe, nur der kleine Sohn bindet ihn emotional.

Sie hat sich durch diverse Beziehungen gehangelt und ihre Illusionen verloren. Immer dringlicher schwebt die Versäumnis- oder Sonnenuntergangs-Frage über ihren Häuptern: Was wäre gewesen, wenn sie vor neun Jahren zusammen geblieben wären? Man möchte heulen über all die verschenkte Zeit. Wenn sie doch wenigstens jetzt die Gelegenheit ergreifen würden!

Zarter Zauber des Spätsommers

Ein solch handlungsarmer, aus getupften Impressionen, wehen Erinnerungen und Hoffnungsschimmer bestehender Film braucht Darsteller mit Ausstrahlung und einigem Esprit. Keine Frage, dass zumal die überaus charmante Julie Delpy darüber verfügt. Wenn sie so belebend spricht und so inständig singt (melancholisches Lied zur Gitarre – über den schönsten „One-Night-Stand“ des Lebens), dann schmilzt man(n) ziemlich dahin. Ethan Hawke hat keinen leichten Stand, behauptet sich aber mit immer noch jungenhaftem Charme.

Zarter Spätsommer-Zauber weht durch diesen Film. Und Jesse könnte seinen Abflug ja verschieben. Vielleicht sogar für immer? Am Ende bleibt es ungewiss. Ein Holzklotz, wer da nicht romantisch seufzt!

 




Wurzeln und Früchte des Terrors – Luc Bondys Inszenierung von Martin Crimps „Cruel and Tender“ bei den Ruhrfestspielen

Von Bernd Berke

Recklinghausen. Über Luc Bondys Inszenierung „Cruel and Tender“ (Grausam und zärtlich) stand kein guter Stern: Halb leer blieb zur Premiere das Ruhrfestspielhaus, trotz des ruhmreichen Regisseurs. Sodann fiel die Übersetzung der englischen Produktion mehrmals aus.

Überdies litt Darsteller Joe Dixon unter einer Halsinfektion, so dass er nur mit Mikro-Verstärkung antreten konnte. Dies freilich sorgte für einen Verfremdungseffekt, der zum sprachlich prononcierten (Anti-)Konversationsstück passt, in dem politische wie „private“ Sphäre in Elementarteilchen zerlegt werden.

Der Brite Martin Crimp hat „Cruel and Tender“ nach Vorbild geformt: Sophokles‘ Drama „Die Frauen von Trachis“ dient als Folie. Deianira wartet dort auf die Heimkehr des ! kriegerischen Herakles. Bei Crimp wartet Amelia (Kerry Fox, bekannt aus Patrice Chéreaus Film „Intimacy“) auf ihren Gatten, einen General, der in Afrika Terroristen bekämpft und offenbar kein Massaker auslässt.

Amelia verkündet schon anfangs redselig den Befund, dessen Untiefen dann allerdings eindringlich durchmessen werden: Terroristen und deren Widersacher zeugen stets neuen Terror, der tief ins Zwischenmenschliche reicht (weil er letztlich daraus hervorgeht). Auch geschlechtlich scheint das Übel vorgeprägt. Schon kleine Jungs wollen immerzu schießen.

Die Frau grausam genommen – wie einen Feind in der Schlacht

Die Tragödie begibt sich, weil der General das afrikanische Mädchen Laela (Georgina Ackerman) und deren Bruder als Vorboten schickt. Amelia soll sich um die beiden kümmern. Angeblich hat der General die Kinder aus humanen Gründen gerettet, tatsächlich will’s der Unhold nach seiner Heimkehr mit der Schwarzen treiben. Amelia lügt sich ‚was von toleranter Ehe vor, doch in ihr wimmert Eifersucht. Aus rasender Liebe wird sie ihren Mann vergiften. Sie hängt an dem Monster: Grausam zärtlich habe er sie ehedem „genommen“ – wie einen Feind in der Schlacht. Ein richtiger Mann also, findet sie. In derlei Sex-Gemenge lauert von jeher Gewalt.

Famose Kerry Fox! Indem sie zwischen Verzweiflung, Trotz, schier aus dem Nichtsgeschöpfter Kraft und etlichen anderen Emotionen oszilliert, beweist sie ungeheure Präsenz. Amelias „Warteraum“ beim Airport ist ein gestaltloser Ort des Transits zum Tode (Bühnenbild: Richard Peduzzi). Mit Kosmetik und Fitness-Übungen hält sie sich hier bereit für ihren Bezwinger, zankt sich mit widerspenstigem Personal, selbstgerecht taktierenden Einflüsterern und ihrem rüden Sohn.

Der General (Joe Dixon) kehrt erst nach Amelias Freitod zurück. Obgleich durchs Gift nur noch ein röchelndes Wrack, will er sogleich wieder herrschen und zwingen. Er ist durch die Hölle gegangen (irgend jemand musste es schließlich tun?!) und rühmt sich des Sieges über den Terror. Gleichzeitig wittert er überall Gefahr. Dieser paranoide Berserker weckt Furcht – und sogar Mitleid; fast so, wie antike Dramatiker es wollten.

Termine: 12. und 13. Juni. Karten: 02361/92 18-0

 




Die Welt der Sonderlinge – Carl Spitzweg in Wuppertal

Von Bernd Berke

Wuppertal. Um es nur gleich zu sagen: „Der arme Poet“, jenes millionenfach gedruckte Motiv, fehlt in der Wuppertaler Spitzweg-AusStellung. Wenn ein ambitioniertes Museum auf einen Künstler aufmerksam macht, so will es ja gerade nicht die gängige Sicht bestätigen, sondern möglichst neue Aspekte hervorheben.

Noch dazu ist es schier unmöglich, das verbliebene Münchner Exemplar (eine weitere Fassung wurde in Berlin gestohlen) auszuleihen. Also denn: Kunstkenner mit arroganten Avantgarde-Anwandlungen dürften die Nase rümpfen. Denn Carl Spitzweg (1808-1885) ist heute weithin als harmloser Idylliker des Biedermeier verrrufen, wird aber von vielen (konservativen?) Geistern recht innig geliebt. Hier darf die Betrachterseele ruhen, hier muss sie sich eben nicht mit ausgeklügelten Minimal-Differenzen zwischen monochromen Quadraten und dergleichen modernen Schwierigkeiten plagen.

Das Von der Heydt-Museum zeigt 75 Gemälde und 165 Zeichnungen Spitzwegs. Letztere stammen aus Münchner Privatkollektionen und wurden noch nie in solcher Breite präsentiert. Man gerät somit näher an den Moment der Ideenfindung als bei den sorgsam ausgeführten Ölgemälden. Und die Einblicke in Spitzwegs Skizzen-Werkstatt zeugen allemal von künstlerischer Redlichkeit.

Staunenswerte Akkuratesse

Der Münchner Kaufmannssohn Carl Spitzweg war zunächst wohlbestallter Apotheker. Bei einem Kuraufenthalt überlegte er sich’s anders und fing ein gänzlich neues Leben als Künstler an. Die Grundlagen erarbeitete er sich als Autodidakt, außerdem lernte er manchen Kniff von Malerfreunden wie Moritz von Schwind.

Spitzweg verfügte zweifellos über Talente, die ihn über die meisten Zeitgenossen erhoben. Der Mann konnte beachtliche Landschaften malen, in denen Menschlein nur noch als anekdotische Staffage dienen. Staunenswert auch seine Akkuratesse bei geradezu winzigen Bildformaten. Jedes Detail ist bis aufs Tüpfelchen ausgeführt und durchgestaltet, kleine Charakterstudien sind auf typisierte Weise gültig.

Für heutige Begriffe haltbarer wirken freilich die Werke, in denen es Spitzweg etwas legerer angehen ließ und wo er nicht auf jede Kleinigkeit versessen war. In manchen Partien nähert er sich gar einem nahezu abstrakten Verständnis der Bildfläche, was allerdings noch kein Verdienst an sich ist. Aber es erweitert das Spektrum.

Das Vergnügen kommt ganz leise

Der Rundgang führt, wie kaum anders zu erwarten, vornehmlich durch jene immer etwas versponnene, verschrobene Welt der Sonderlinge, Hagestolze, schrulligen Experten („Käfersammler“) und Einsiedler. Wenn Spitzweg menschliche Schwächen enthüllt, so verzeiht er sie zugleich. Ironie kommt nur in Spurenelementen zum Vorschein, doch gerade dieses unaufdringliche Moment bereitet zuweilen leises Vergnügen.

Fast immer wirken seine Ansichten so naturfriedlich, als hätte sich jemand behaglich aus einem Fenster gelehnt und die Welt mit einigem Wohlgefallen betrachtet. Balsamisch ist’s, man nimmt es leichten Sinnes hin. Unsere Welt ist ja ruhelos genug.

6. Juni bis 25. Juli. Von der Heydt-Museum, Wuppertal (Elberfeld, Turmhof 8). Geöffnet Di-So 11-18, Do 11-20 Uhr). Katalog 19,80 Euro.