Flimm: „Wir sind noch befreundet“: Nach Rollen-Absage erhebt Veronica Ferres Vorwürfe, doch Triennale-Chef bleibt gelassen

Von Bernd Berke

Zuerst hatte sich die Schauspielerin Veronica Ferres gar nicht weiter zu ihrer Rollen-Absage an die RuhrTriennale äußern wollen. Grund: Sie sei mit Triennale-Chef Jürgen Flimm befreundet. Jetzt freilich erhebt sie im Interview mit der Frankfurter  Allgemeinen Zeitung (FAZ, gestrige Ausgabe) recht bittere Vorwürfe gegen Flimm. Der wiederum empfiehlt im Gespräch mit der WR, die Sache niedriger zu hängen.

Flimm habe ihr die Triennale-Produktion „Courasche oder Gott lass nach“ als Chance zu einer großen Charakterrolle schmackhaft gemacht, so Ferres in dem FAZ-Interview. Der Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino sollte ihr das Stück eigens „auf den Leib“ schreiben. Im Juni habe sie die bis dahin fertigen Passagen des Dramas gelesen, dessen (einzige) Hauptfigur eine alternde Hure ist. Sie sei erschrocken und enttäuscht gewesen.

„Es geht ums ,Ficken’…“

Veronica Ferres zur FAZ über ihren Schock: „Um es deutlich zu sagen: Es geht ums ,Ficken‘, es geht seitenlang um Sperma…“ Die Absprachen mit Flimm seien seinerzeit in eine ganz andere Richtung gegangen. Ferres wörtlich: „Ich komme mir ein wenig vor wie die Figur im Stück – die Männer bestimmen: Friß oder stirb, du mußt die Beine breit machen.“

Wenn solche Aussagen im Raum stehen, sollte man denn doch die „andere Seite“ hören. Die WR erreichte Jürgen Flimm gestern telefonisch in Salzburg. Flimm: „Das Stück war doch noch nicht einmal fertig. Veronica hat den dritten Akt überhaupt noch nicht gekannt. Sie wusste gar nicht, wie sich die Figur am Ende entwickelt. Sie war viel zu ungeduldig mit ihrer Absage. Aber bitte: Sie hat natürlich das Recht zu einem solchen Schritt.“

Keinerlei Anlass für Rechtshändel also, zumal sich die Verluste für die Triennale in engen Grenzen hielten. Flimm: „Wir reden hier gerade mal über sechs von etwa 100 Triennale-Vorstellungen.“ Und man habe die Produktion ja frühzeitig stoppen können.

Der Text war noch gar nicht fertig

Jedenfalls, so Flimm, hätte es durchaus Möglichkeiten gegeben, den Text hie und da noch zu ändern: „Das ist theaterüblich. Ein Autor liefert die Textvorlage, dann geht es an die weitere Arbeit.“ Besonders den ersten Akt habe er selbst „sehr gut“ gefunden, ein paar Stellen hätten aber auch für seine Begriffe etwas zu deftig geklungen. Genazino wäre allerdings bereit gewesen, das Eine oder Andere zu streichen. Außerdem, so Flimm: „Ich könnte Sätze aus Becketts ,Warten auf Godot‘ zitieren, da käme einem das Stück ganz obszön vor. Oder nehmen Sie Shakespeares ,Titus Andronicus‘, da geht es richtig zur Sache…“

Was sagt Flimm zu Ferres‘ Vermutung, die RuhrTriennale hätte ihre Popularität als Verkaufsmagnet einsetzen wollen? Der Triennale-Chef: „Das stimmt überhaupt nicht. Da könnte ich jetzt eine halbe Stunde lang erzählen. Aber ich lasse es lieber.“

Ferres behauptet auch, man habe ihr anwaltlich verboten, öffentlich aus dem Genazino-Stück zu zitieren. Flimm: „Auch nicht richtig. Es ist gar nicht nötig. Hier greift schon das bloße Urheberrecht, solange ein Autor seinen Text noch nicht freigegeben hat.“ Die FAZ zitiert Veronica Ferres schließlich mit dem Satz: „Flimm hat mir geschrieben, daß es keinerlei Berührungspunkte mehr geben wird in unserem Leben.“ Jürgen Flimm zur WR: „Unsinn! Ich möchte mal wissen, woher sie das hat. Ich sehe es so, dass wir immer noch miteinander befreundet sind.“

Vielleicht wär’s Zeit für eine Aussprache zwischen den beiden? Flimm: „Die wird es wohl geben. Wir werden uns irgendwann mal im Café zusammensetzen und reden.“ Wahrscheinlich dann, wenn über die Angelegenheit ein wenig Gras gewachsen ist.

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HINTERGRUND

Ersatz für „Courasche“ wird gesucht

  • Nach der Absage von Veronica Ferres hat Triennale-Chef Jürgen Flimm die Duisburger „Courasche“-Produktion gestoppt. Es wird ein Ersatzstück gesucht.
  • Flimm hatte Ferres die Rolle Ende 2005 offeriert.
  • Wilhelm Genazino, Autor des strittigen Stücks, wurde 1943 geboren. Er war u. a. Redakteur beim legendären Satireblatt „Pardon“, ist seit 1971 freier Schriftsteller und bekam 2004 den Büchner-Preis. Genazino schrieb u. a. „Abschaffel“ (Trilogie, 1977), „Das Licht brennt ein Loch in den Tag“ (1996) und „Die Liebesblödigkeit“ (2005).
  • Der Barockdichter Grimmelshausen lieferte den „Courasche“-Stoff, den auch Bert Brecht nutzte.



Gemischte Gefühle beim Abschied von sämtlichen Dingen: „Später Spagat“ – die letzten Gedichte von Robert Gernhardt

Von Bernd Berke

Robert Gernhardt ist kein purer Spaßvogel gewesen. Der kürzlich an Krebs verstorbene Dichter hat zuletzt immer öfter auch tieftraurige Töne anstimmen müssen. Wenn einer reihenweise Chemotherapien erduldet, steht jeglicher Humor auf existenzieller Probe.

Mit den erschütternden „K-Gedichten“ hatte Gernhardt bereits 2003 einige Bezirke der drei großen „K“-Fragen durchschritten: Krankheit, Krieg und Komik. Jetzt liegt seine letzte Lyrik unter dem Titel „Später Spagat“ vor. Manche Zeile scheint schon von verzweifelter Entkräftung zu zeugen, doch viele Verse sind zum Heulen gut.

Gewiss: Der Hang zur Komik und die Freude an Wein und Weib regen sich noch, doch es wächst und wächst die unmittelbare Angst vor dem Sterben. Aus diesem Spagat zwischen „Standbein‘ und „Spielbein“ (so heißen die beiden Hauptteile des neuen Bandes) ergeben sich immer wieder andere Mischverhältnisse. Mal überwiegt dunkle Furcht, dann wieder grimmig lachlustiger Trotz oder unbändige Unsinnslaune. Häufig durchdringen die Gemütszustände einander, bis hin zum Aufglühen der Gegensätze. In einigen Passagen scheint es so, als könne eine überaus gelungene sprachliche Form sogar den Schrecken des Todes mildern.

Freilich erinnert irgendwann alles ans nahende Ende, nach und nach wird’s ein Abschied von sämtlichen Dingen: Sowohl das Vergehen als auch das Aufblühen der Natur in seiner geliebten Toscana gerinnen hier zu Mahnzeichen der Vergänglichkeit. Der kundige Traditionalist Gernhardt greift derlei Gedankengut auch schon mal in passend barocken Fügungen nach Art eines Paul Gerhardt auf – wie er denn überhaupt den Formenvorrat zwischen Choral und Sonett bedient (zuweilen auch lustvoll zerfasern lässt), dass es gelegentlich noch mal richtig rauscht.

„Durch die Landschaft meiner Niederlagen…“

Mit Gott, an den er wohl nicht hat glauben können, hat der sterbenskranke Gernhardt gehadert. Zornesruf zum (leeren?) Firmament hinauf: „Der sich das erdachte, war furchtbar / Sein Denken ging einzig darauf, daß die Menschheit voll Furcht war…“

Womöglich aufkeimendes Selbstmitleid bekämpft Gernhardt mit bitteren Scherzen:

„Nach dem Befund: / `s liegt Darmkrebs vor‘ / leckt keiner sich die Finger. / Auch Lebermetastasen sind / nicht grad der Riesenbringer…“

Angesichts des Todes befällt selbst den schöpferischen Gernhardt das Gefühl, im Leben fast nichts vollbracht zu haben: „Durch die Landschaft meiner Nîederlagen / gehe ich in meinen alten Tagen.“ Und dann rechtet er streng mit sich selbst: Als Maler und Zeichner habe er nie die volle Wirklichkeit des Lichts und der Farben bannen können. Herrje, was sollen wir alle da einst sagen?

Im „Spielbein“-Teil erprobt Gernhardt noch einmal mit geradezu kindlicher Freude Formen wie den Schüttelreim, der bis in absurde Wortschöpfungen getrieben wird: „Was seh ich, Weib? Ein Tränlein quillt? / Das trocknet, eh das Quänlein trillt.“

Dann aber wieder der Schatten des Todes – und dieses genial einfache Gedacht für künftige Lesebücher:

„Ich bin viel krank. / Ich lieg viel wach. / Ich hab viel Furcht. / Ich denk viel nach. /

Tu nur viel klug! / Bringt nicht viel ein. / Warst einst viel groß. / Bist jetzt viel klein.

War einst viel Glück. / Ist jetzt viel Not. / Bist jetzt viel schwach. / Wirst bald viel tot.“

Robert Gernhardt: „Später Spagat“. Gedichte. S. Fischer Verlag. 121 Seiten, 14,90 €.




Guggenheim: Weltklasse aus New York – Bonner Bundeskunsthalle und Kunstmuseum bieten Großereignis des Kultursommers

Von Bernd Berke

Bonn. Mit der Guggenheim-Sammlung verhält es sich ungefähr so: Wenn einer die bedeutenden Künstler des 20. Jahrhunderts aufzählen würde, so wären sie wohl fast alle in diesem Fundus vertreten. Als Besucher in Bonn, wo die famose Kollektion nun gastiert, befallen einen Schlaraffenland-Gelüste: So ungeheuer vieles ist hier und jetzt vorhanden, gar reichlich aus dem New Yorker Füllhorn geflossen.

Es beginnt gleich mit einem ganz großen Tusch: Ein Konvolut von Bildern des Wassily Kandinsky skizziert wie im Zeitraffer seine Entwicklung zur gegenstandslosen Kunst. Weg von der Abbildung der Wirklichkeit, hin zur freien Färb- und Formen-Erscheinung – daran richtete sich auch das ursprüngliche Sammelprogramm der New Yorker aus; damals, als die deutsche Künstlerin Hilla von Rebay den Kupfer- und Diamant-Magnaten Solomon R. Guggenheim becircte und zum fleißigen Sammeln abstrakter Kunst animierte.

Im Laufe der Jahrzehnte lagerten sich diverse andere Zeitschichten und Geschmäcker an die Bestände an, so dass „Guggenheim“ heute mit Fug und Recht als Weltklasse-Sammlung gilt. Das New Yorker Stammhaus ist nicht zuletzt durch die Schnecken-Architektur von Frank Lloyd Wright unverwechselbar. Der auftrumpfende Bau hat bislang den Blick für die immense Sammlung beinahe verstellt.

Man rechnet mit mindestens 600 000 Besuchern

Das Bonner Gastspiel ist so üppig geraten, dass man es auf zwei Häuser verteilt hat: die Bundeskunsthalle und das Kunstmuseum gleich nebenan. Die Schau kostet angeblich rund 10 bis 12 Millionen Euro, die Telekom sponsert kräftig. Man rechnet am Rhein mit mindestens 600 000 Besuchern. Sie können hier eine Art Kunst-WM erleben.

Van Gogh oder Picasso gefällig? Natürlich vorhanden. Lieber die Impressionisten? Bitteschön, da wären zum Beispiel Renoir, Manet und Monet. Oder halten Sie’s mit den Surrealisten? Nun, da hätten wir Werke von Magritte, Max Ernst, Dalí und Tanguy. Auch die Pop-Art ist ähnlich schwergewichtig vertreten. Warhol neben Lichtenstein und Rosenquist.

Harte Konkurrenz der Meisterwerke

Jetzt aber Schluss mit dem name dropping, wir können hier beileibe nicht alle nennen. Kaum zu glauben, dass dies bestenfalls ein Zehntel der gesamten Guggenheim-Besitztümer ist. Auch so gehen einem ja schon die Augen über. Hart ist die Konkurrenz der Meisterwerke, jedes ruft: Hier bin ich, komm her! Dabei ist man mit dem einen doch noch gar nicht fertig.

Viele dieser Richtungen haben einander im 20. Jahrhundert bitter bekämpft. Heute sind’s lauter Prachtstücke in friedlicher Koexistenz. Welch ein unfassbares Jahrhundert war das: So viele Aufbrüche, so viele Brüche! Man durchläuft auch als Besucher mancherlei Gemütszustände – bis hin zur Minimal Art, mit der man sich nach all den visuellen Aufregungen so wunderbar beruhigen kann. Neben solcher Fülle ist das schiere, stille Nichts verlockend.

Wer so viel zeigen kann, der muss gar nicht großartig inszenieren. Die Bilder sprechen für sich, sie müssen nur noch sinnvoll gruppiert werden. Einen grandiosen Doppel-Akkord setzt etwa der Raum mit einem dreiteiligen Schmerzensbild von Francis Bacon und der schrundigen Wildheit von Jean Dubuffet.

Kein Einwand? Doch! Im Kunstmuseum wird ausgebreitet, was die Guggenheimer aus der unmittelbaren Gegenwart bewahren wollen: Da wuchern private Mythologien, und es flimmern allerlei Videos. Dieser Ausblick wirkt wie ein etwas hilfloses Anhängsel. Ganz so, als hätte die Kunst heute ihre Kraft verloren. Oder die potenten Kunstsammler den Instinkt…

„Guggenheim Collection“. Bundeskunsthalle und Kunstmuseum, Bonn, Museumsmeile. Bis zum 7. Januar 2007.

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HINTERGRUND

Onkel und Nichte sammelten

  • Der New Yorker Industrielle Solomon R. Guggenheim (1861-1949) fing in den 1890er Jahren an, Kunst zu sammeln. Seine Begegnung mit der deutschen Malerin Hilla von Rebay weckte sein Interesse für europäische Avantgardisten.
  • Guggenheims Nichte Peggy (1898-1979) eröffnete 1942 die Galerie „Art of this Century“. Wie ihr Onkel gilt sie als bdeutende Sammlerin moderner Kunst. 1976 übereignete sie ihre Sammlung der Guggenheim Foundation, die so noch stark an Bedeutung gewann.
  • Die Guggenheim-Sammlungen kennzeichnete anfangs vor allem ihre Konzentration auf die umfassende Darstellung des Gesamtwerkes weniger Künstler in großen Werkgruppen – z.B. Kandinsky, Klee, Delaunay usw.



Der wahre und der falsche Rembrandt: Heute vor 400 Jahren wurde der Maler geboren – Über Echtheit seiner Bilder wird gestritten

Von Bernd Berke

Rembrandt-Touristen bringen den Niederlanden in diesem Jahr ordentlich Umsatz. Allein Amsterdam rechnet mit gut 90 Millionen Euro Extra-Einnahmen durch etwa 430 000 zusätzliche Besucher. Der Maler selbst, der heute vor 400 Jahren geboren wurde, ist „natürlich“ verarmt gestorben. Das Klischee von der großen Ungerechtigkeit wäre also wieder mal erfüllt.

Eigentlich weiß man von Rembrandts Biographie nicht allzu viel. Doch gegen Ende seines Lebens hatte sich der damals schon berühmte Künstler derart verschuldet, dass eine Art Insolvenz-Liste über sein Restvermögen erstellt werden musste. Sie lässt einige Rückschlüsse auf den Lebensstil zu.

Experte Aernout Hagen vom Rembrandthuis hat die Misere des Mannes so erläutert: „Wenn er etwas sah, musste er es haben, notfalls auf Abzahlung.“ Folge des kostspieligen Hangs zu raren Schätzen aus Kunst und Natur: Er konnte sein 13 000 Gulden teures Haus nicht mehr abbezahlen, also wurde seine Habe verpfändet.

Dabei war die Auftragslage nicht übel. Rembrandt war ein gefragter Porträtist wohlhabender Leute, er galt in gewisser Weise sogar als ein „Star“ seines Metiers. Deshalb drängten auch viele Schüler in sein Atelier, obwohl ein halbes Jahr Unterricht bei ihm 50 Gulden kostete. Zum Vergleich: Das Durchschnittseinkommen betrug damals pro Jahr 300 Gulden.

Die Sache mit den Schülern bereitet heute arge Probleme. Denn viele Bilder, die man früher fraglos Rembrandt zugeschrieben hat, hat er wohl gar nicht selbst gemalt, sondern es waren Nacheiferer aus seiner Werkstatt. Sie rechneten es sich just zur Ehre an, wenn ihre Arbeiten den Seinen zum Verwechseln ähnlich sahen. Lernziel erreicht. Ritterschlag und Markenzeichen in einem: Rembrandt setzte dann seine Signatur hinzu, damit sich die Bilder besser verkaufen ließen.

Etwa 280 Gemälde sind wohl von seiner Hand – nach jetzigem Stand

So mussten Heerscharen von Kunsthistorikern den Bildern mit Röntgen- und Infrarot-Aufnahmen oder Stilkritik zuleibe rücken. Viele, viele Werke sind Rembrandt seither „abgesprochen“ worden. Etwa 280 Gemälde gelten als echt – bis zur Stunde.

Selbst der weltberühmte „Mann mit dem Goldhelm“ stammt höchstwahrscheinlich nicht von des Meisters eigener Hand. Früher waren die Menschen vielleicht vom großen Namen und vom schimmernden Gold geblendet, im Nachhinein fielen den Fachleuten handwerkliche Schwächen an dem Bild auf. Wenn man vom Rathaus kommt…

Rembrandts Gemälde, Zeichnungen und Radierungen wirken ungleich persönlicher und intimer und intimer als etwa die Werke eines Rubens. Tradierte Bildformeln, pathetisch auftrumpfende Gesten oder vordergründige Dramatik waren Rembrandt fremd. Auch die erdig-dunkle Farbpalette und das subtile Spiel mit Licht und Schatten gelten als typisch für seine Kunstauffassung. Das alles ist ja nicht falsch. Wie man sich trotzdem im Urheber irren kann, haben selbst Kenner schmerzlich erfahren müssen. Längst hat sich die Frage, wie es in Rembrandts Werkstatt zugegangen ist, als eigener Forschungszweig etabliert.

Wie in derlei Fällen üblich (Mozartkugeln etc.), gibt es jetzt auch wohlfeile oder kommerzielle Annäherungen an den Mythos Rembrandt. In Hollands Städten ist es Usus, „lebende Bilder“ nach seinen Gemälden zu stellen. Und heute soll im Amsterdamer Theater Carré ein Rembrandt-Musical herauskommen (Aufführungen bis Februar 2007). Dieser Produktion dürfte es kaum schaden, dass man wenig Konkretes aus dem Leben des Künstlers weiß. Da lässt sich’s trefflich spekulieren und kolportieren.

Rembrandt-Ausstellungen (Auswahl): 

Berlin, Kulturforum Potsdamer Platz: Ab 5. August „Rembrandt – ein Genie auf der Suche“ (bis 5. Nov.) / Kassel. Schloss Wilhelmshöhe: 34 Gemälde aus eigenen Sammlungen (noch bis 20. August) sowie Landschaftsbilder (bis17.Sept) / Amsterdam, Rijksmuseum: Alle Zeichnungen – Teil 1, 11. August bis 11. Oktober).

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LEBENSDATEN

Hochzeit, Todesfälle, Finanzruin

  • Rembrandt Harmenszoon van Rijn wird am 15. Juli 1606 in Leiden geboren.
  • Als er 14 ist, schreiben ihn die Eltern an der Uni ein. Er geht nicht hin, sondern wird Lehrling bei einem Historienmaler.
  • 1625 erstes Atelier.
  • 1631 Umzug nach Amsterdam.
  • 1634 Heirat mit Saskia von Uylenburgh. Drei Kinder aus dieser Ehe sterben jeweils kurz nach der Geburt.
  • 1642 Tod Saskias. Beziehung mit Kindermädchen Geertghe Dircx, die nach der Trennung ins Zuchthaus kommt – auf Rembrandts Betreiben hin.
  • 1649 Rembrandt lebt mit der Haushälterin Hendrickje Stoffels zusammen.
  • 1656 Finanzieller Ruin.
  • 1663 Tod Hendrickjes.
  • 1669 Rembrandt stirbt am 4. Oktober.
  • Hauptwerke: „Anatomiestunde des Dr. Nicolaes TuIp“ (1632), „Nachtwache“ (1642),„Die jüdische Braut“ (1667).

 




„Die Chance darf man nicht verspielen“: Architekt Eckhard Gerber im Gespräch – nicht nur über Museumspläne fürs „Dortmunder U“

Von Bernd Berke

Dortmund. Die Pläne für ein großes Kunstmuseum im früheren Brauereiturm „Dortmunder U“ scheinen vorerst gescheitert zu sein. Jetzt will auch die Dortmunder SPD-Fraktion das Projekt aus Finanzgründen zumindest auf Eis legen. Auch über diese neue Entwicklung sprach die WR mit dem Dortmunder Architekten Prof. Eckhard Gerber, dessen Planungen zum Umbau des Turms weit vorangeschritten sind.

KUlturseite der WEstfälischen Rundschau vom 14.7.2006 – Bild: Architekt Prof. Eckhard Gerber mit seinem Modell des „Dortmunder U". (Foto: Bodo Goeke)

Kulturseite der Westfälischen Rundschau (WR) vom 14.7.2006 – Auf dem Bild: Architekt Prof. Eckhard Gerber mit seinem Modell des „Dortmunder U“. (WR-Foto: Bodo Goeke)

Was nun? Ist das Museums-Projekt etwa vom Tisch?

Eckhard Gerber: Ich denke nicht. Klar ist doch: Der „U-Turm“ steht. Es muss etwas mit ihm passieren. Das Museum wäre die beste Lösung. Die Zeit wird es wohl bringen, die Sache muss reifen. Die politische Diskussion darüber hat sich geradezu tragisch entwickelt. Das „U“ wäre doch eine ganz große Chance, ein auffälliges Bild von Dortmund in die Welt zu transportieren. Damit könnte man das Image der Stadt ruckartig verbessern. Eine Stadt wie Dortmund kann und muss so etwas wirtschaftlich verkraften.

Das sehen einige Politiker anders. Ihnen erscheinen Umbau und Folgekosten schlichtweg als zu teuer.

Gerber: Nun, jede Stadt versucht, ihr Image aufzupolieren. In Hamburg wird die Elbphilharmonie gebaut – für 160 Millionen Euro, davon wird etwa die Hälfte aus privatem Geld bestritten. Auch das „Dortmunder U“ müsste zu einer Gemeinschaftsaufgabe der Bürger und der Wirtschaft werden. Die Stadt kann es auch ohne Fördermittel des Landes schaffen, es ist eine Frage der Prioritäten. Das „U“ kostet 35 bis 38 Millionen Euro. Höhere Zahlen sind einfach aus der Luft gegriffen.

Und die Folgekosten?

Gerber: Auch die wird man stemmen können. Das Museum wäre das Dortmunder Highlight zur Kulturhauptstadt Europas 2010. Eine große Chance, die nicht verspielt werden darf.  Nur mit diesem Projekt könnte Dortmund, die siebtgrößte Stadt Deutschlands, seine Position z. B. gegenüber Essen behaupten und über den Fußball hinaus internationale Aufmerksamkeit erreichen. Andernfalls würden wir im provinziellen Schlaf versinken.

Dortmunds CDU und FDP hatten bereits einen Bürgerentscheid gegen die Museumspläne angesteuert.

Gerber: Die Sache darf nicht zum politischen Ränkespiel werden. Man muss den Bürgern vermitteln, dass das Museum im „U“ notwendig ist, um unser Bild in der Welt neu zu formulieren.

Der Dortmunder Fall hat Hintergründe. Jährlich gibt es neue Besucherrekorde beim, „Tag der Architektur“. Zugleich verschärft sich der Wettbewerb der Städte um Wahrzeichen. Ist Baukunst bedeutsamer geworden?

Gerber: Es gibt zwei wichtige Aspekte, die Architektur ausmachen. Zum einen die Bedeutung von Architektur als Imageträger, zum anderen Architektur als uns ständig umgebender Lebensraum: Wir leben stets in und mit Architektur. Sie kann uns motivieren, aber auch traurig machen.

Wie verhält es sich mit der Städte-Konkurrenz?

Gerber: Architektur war immer schon ein Träger von einprägsamen Bildern. Eine Stadt verkörpert sich als „Bild“. Bei Paris denkt man gleich an den Eiffelturm, bei Köln an den Dom, bei Sydney an die Oper, bei Bilbao neuerdings an das GuggenheimMuseum von Frank Gehry. Ein solches Bild von Dortmund gibt es nicht – bestenfalls mit der Westfalenhalle: Auswärtige sehen die Stadt zuerst immer noch als einen Ruhrpott-Ort der Zechen und Stahlwerke. Doch dieser Stadt ist längst ein Ort von High Tech, Dienstleistung, Kultur und viel Grün. Die Wirtschaft muss fähige Menschen in die Städte holen. Dabei ist Kultur ein wichtiger Faktor.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Ruhrgebiets?

Gerber: Die Region hat mit dem Niedergang von Kohle und Stahl eine enorme Entwicklung durchgemacht. Die neuen Universitäten waren treibende Kräfte. Trotzdem: Die Revierstädte sind noch zu unscheinbar. Eine Ausnahme wäre Essen mit der Zeche Zollverein, die ursprünglich abgerissen werden sollte. Heute ist sie ein international bekanntes Bild der Stadt, ein Ort der Kultur. Die neue Nutzung alter Industriegebäude stiftet neue Identitäten.

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HINTERGRUND

Es bleibt die Kostenfrage

  • Eckhard Gerber hat u. a. entworfen: Harenberg City-Center und RWE Tower (Dortmund), Stadthalle (Hagen), Marktplatzbereich der Neuen Mitte (Bergkamen, 1993), Neue Messe (Karlsruhe), King Fahad Nationalbibliothek (Riad/Saudi-Arabien).
  • Gerbers Museums-Entwurf fürs „Dortmunder U“ wird von der Stadtspitze favorisiert.
  • Das „U“ sollte nicht nur die Sammlungen des Ostwall-Museums (inklusive Depot) aufnehmen, sondern auch Medienkunst sowie Werke des 19. Jahrhunderts aus der Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz („Kleine Nationalgalerie“).
  • Bleibt die Kostenfrage: Zum „Dortmunder U“ strebten CDU und FDP letztlich einen Bürgerentscheid gegen die Museumspläne an, für den mindestens 90 000 Stimmen erforderlich wären.
  • Jetzt hat sich auch die SPD-Fraktion festgelegt: Ohne Fördermittel des Landes NRW könne Dortmund das Museum nicht finanzieren, heißt es.
  • Dortmunds Kulturdezernent Jörg Stüdemann, Befürworter des Museums, zur WR: „Da ist eine ungute Konflikt-Dynamik entstanden.“

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KOMMENTAR

Eine Hängepartie

Der Umbau des Dortmunder „U“-Turms zum Museum steht in allen Prospekten zur Revier-Bewerbung als Kulturhauptstadt 2010 – als sei er schon fertig. Mag sein, dass auch dieses ehrgeizige Projekt der Jury in Brüssel imponiert hat.

Bei aller Sympathie für kulturelle Visionen kann man die prekäre Finanzlage der Stadt nicht übersehen. Ohne Fördergeld des Landes und private Mittel dürfte das Großvorhaben kaum zu schultern sein. Beide Geldquellen sind noch nicht aufgetan. Man kann nur hoffen, dass sich dies ändert. Eine Hängepartie. Also Zeit für eine Denkpause.

Natürlich ist der Architekt Eckhard Gerber in diesem Falle auch „Partei“. Ganz klar, dass er das Wort fürs „U“-Museum ergreift. Doch hat der Mann Unrecht?

Eine solche Chance, bundesweit auf sich aufmerksam zu machen, kommt wohl so schnell nicht wieder. Und ein Fußball-Museum als „Ersatz“, von dem manche schon reden? Tja, das würde prima zum althergebrachten Dortmunder Image passen.

                                                                                                                               Bernd Berke

 




Im Lachen liegt die tiefste Weisheit – Klassiker mit Breitenwirkung: Zum Tod des großen Humoristen und Dichters Robert Gernhardt

Von Bernd Berke

Mag sein, dass er dem Schnitter ganz zuletzt noch ins Gesicht gelächelt hat. Doch welche Tröstung man sich auch vorstellt: Die Nachricht vom Tode Robert Gernhardts macht wohl alle seine Leser zutiefst traurig. Mit ihm verlieren wir den vielleicht wirksamsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart Seine Anhängerschaft reicht weit über die üblichen literarischen Gemeinden und Zirkel hinaus.

Es ist überhaupt kein Frevel am klassischen Erbe, wenn man Gernhardt in einem Atemzuge etwa mit Lichtenberg, Jean Paul oder Kurt Tucholsky nennt. Auch er gehörte zu den ganz großen Humoristen und Wortmeistern.

Szene vor Jahren am Schaufenster einer Dortmunder Buchhandlung: Ein paar Leute besahen sich die Auslagen, sie entdeckten Gernhardts Buch „Über alles“ nebst seiner gesammelten Lyrik. Nun ging’s aber hurtig zur Sache. Jeder kannte diverse Gernhardt-Zeilen und gab sie zum besten. Manchmal klang’s derb-lustig („Der Kragenbär, der holt sich munter / einen nach dem anderen ‚runter“), dann wieder äußerst feinsinnig. Und die Gruppe war durch die Verse derart animiert, dass die Fußgängerzone ein klein wenig „vibrierte. Da sage einer, Literatur könne nichts ausrichten.

Zwischen herrlichen Kalauern und lachender Weisheit, Drastik und Feingeist, die er unnachahmlich zu verknüpfen wusste, war Gernhardt nichts Menschliches, Komisches, Sprachliches fremd.

Das Elend mit den Rezensenten

Seine prägnanten Sinnsprüche zieren nicht nur etliche Anthologien, sie sind auch bereichernd ins verbale Volksvermögen eingeflossen. Vor allem ihm verdanken wir es, dass höherer Nonsens ungeahnte Breitenwirkung erzielen konnte. Selbst die Kinofilme eines Otto Waalkes wurden aus Gernhardts solider Ideen- und Wortmanufaktur beliefert.

Bei ihm stimmte stets der Tonfall des Geschriebenen, und viele Menschen haben das gespürt. Dass dieser ungemein sympathische, vielfach begabte Maler, Zeichner, Cartoonist und Dichter 68 Jahre alt war, wollte man irgendwie nicht wahrhaben, so frisch und hell war sein Geist. Und war es denn wirklich schon so lange her, dass Gernhardt (mit F. K. Waechter und F. W. Bernstein) reimend und zeichnend die legendären „Pardon“-Seiten „Welt im Spiegel“ („WimS“) schuf?

Nun ja. Das war tatsächlich zwischen 1964 und 1976, liegt also ein Stück des Weges zurück. Doch es ist noch gegenwärtig. Denn damals wurde der vordem meist biedere deutsche Nachkriegs-Humor auf eine neue Stufe gehoben. Diese Großtat der „Neuen Frankfurter Schule“ fruchtet bis heute. Ohne Loriot, Heinz Erhardt und eben Gernhardt& Co. wären ein Max Goldt oder Harry Rowohlt so nicht denkbar. Ohne den Mitgründer Gernhardt gäb’s wohl auch kein Satireblatt „Titanic“. Die Fackel wird also gottlob weiter getragen.

Tradition als Wegweiser und Widerstand

Schon gegen Ende der 60er Jahre; als der 1937 in Reval (heute Tallinn/Estland) geborene Robert Gernhardt noch unter dem Pseudonym „Lützel Jeman“ (Mittelhochdeutsch für: „Kaum jemand“) arbeitete, hätte man ahnen können, dass er keineswegs nur Scherze machen wollte. Da reifte ein eminent formbewusster Autor heran, der die Tradition als „Wegweiser und Widerstand“ begriff.

Doch die erste (undotierte) Jury-Auszeichnung bekam er erst mit 50 Jahren. Bis die Feuilletons sein Schaffen priesen, dauerte es elend lang. Erst seit Mitte der 80er, als sein Erzählband „Kippfigur“ erschien, gilt er hochmögenden Rezensenten als würdig. Zuletzt umwehte ihn gar eine Aura von Unantastbarkeit. Die erschütternden Gedichte über seine Herz- und Krebskrankheit dürften zu solcher Ehrfurcht beigetragen haben.

Auch als Kritiker war er eine Instanz. Manches gravitätische Werk hat er als puren Humbug entlarvt, doch hat er auch verborgene Pflänzchen ans Licht gezogen. Dichterische Hervorbringungen (etwa von Wolf Biermann) sezierte er so triftig und erhellend, dass ihm bestenfalls ein Enzensberger ebenbürtig war. Wie sonst nur noch Peter Rühmkorf, hat Gernhardt bewiesen, dass Gedicht und Reim sich auch heute nicht „beißen“ müssen. Willkürlich gehackter Zeilen-Salat eines krampfhaften Modernismus war ihm suspekt. In dem Band „Klappaltar“ hat er mit parodistischen Mitteln Goethe, Heine und Brecht auf ihre Substanz überprüft – und zwar „auf Augenhöhe“.

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GERNHARDT-ZITATE

Wie es der Wal treibt

  • Lyrische Kostproben:
  • „Dein Leben ist dir nur geliehn – / du sollst nicht daraus Vorteil ziehn, /Du sollst es ganz dem Andren weihn – / und der kannst nicht du selber sein. / Der Andre, das bin ich, mein Lieber – / nu komm schon mit den Kohlen rüber.“
  • „Paulus schrieb an die Apatschen: / ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.“ (im Gedicht „Weil’s so schön war“ im Band „Wörtersee“).
  • „Wenn einer eine Chemo macht / dann kann er was erzählen / und seine Umwelt Tag und Nacht / mit Selbsterlittnem quälen.“ (im Band „Die K-Gedichte“).
  • „Der Wal vollzieht den Liebesakt / zumeist im Wasser. Und stets nackt“‚ Gedicht“Animalerotica“, Band „Besternte Ernte“.
  • Die Basis sprach zum Überbau: Du bist~ja heut schon wieder blau! /Da sprach der Überbau zur Basis: Was is? (ïm Gedichtband „Besternte Ernte“).