Damit die alten Filme nicht zerbröseln – Archivare stemmen sich gegen den Verfall von historischen Dokumenten in NRW

Von Bernd Berke

Duisburg. Kaum zu glauben, dass dies einmal Filme gewesen sein sollen: Eine Dose enthält nur noch ein seltsam bräunliches Pulver, aus einer anderen riecht es übel nach Essigsäure. Was immer auf den Streifen drauf gewesen sein mag – sie sind unwiederbringlich dahin!

Gegen derlei optischen Gedächtnisverlust stemmt sich der „Arbeitskreis Filmarchivierung NRW“. Federführend ist Sabine Lenk, Leiterin des einzigen Filmmuseums im Lande. Sie hat die zerbröckelten Filme zur Anschauung mit nach Duisburg gebracht. In ihrem Düsseldorfer Institut befindet sich das größte Filmlager von NRW, das sich über 1000 Quadratmeter erstreckt und laut Lenk „noch Platz für neue Fundstücke bietet.“ Dort lagern bereits Tausende Spulen bei konstanter Temperatur und einer idealen Luftfeuchtigkeit von nur 25 Prozent. Filme könnten auf diese Weise – so eine erstaunliche Schätzung – theoretisch bis zu 1000 Jahre überdauern.

Auch Alltagsszenen auf „Super 8″ gesucht

Zahlreiche Filmschätze im Lande sind allerdings bedroht, darunter rare Dokumente zur Vergangenheit Westfalens und des Ruhrgebiets. Selbst in städtischen Depots werden sie oft nur unzureichend verwahrt. Um zu retten, was zu retten ist, bieten die Institutionen, die hinter dem Archivkreis stehen (siehe Infos am Schluss), sachkundige Hilfe an. Und sie suchen nun verstärkt nach verborgenen Kleinoden auf Zelluloid. Auch Alltagsszenen aus dem privaten Bereich sind gefragt. Hans Hauptstock vom WDR-Archiv: „Der Badeausflug der Dortmunder Familie zum Sorpesee kann auf seine Art ein historisches Belegstück sein.“ Also: Alle mal nachschauen, was sich seinerzeit (beispielsweise auf „Super 8″) so angesammelt hat…

Der Archivkreis wurde vor 15 Jahren auf Anregung des damaligen Kulturministers Hans Schwier gegründet und meldete sich gleich mit einer „Bielefelder Erklärung“ zu Wort, die zur Erhaltung filmischer Werte aufrief. Jetzt erneuert eine „Düsseldorfer Erklärung“ den Appell und bittet um finanzielle Förderung durchs Land. Denn schon die Restaurierung eines einstündigen Streifens kann leicht um die 10 000 Euro kosten.

Immerhin: Seit 1991 ist einiges geschehen. Der Archivkreis hat systematisch rund 400 wichtige Fundorte für Filme aufgespürt – vom Wirtschafts- und Polizeiacrhiv bis hin zu kirchlichen Sammlungen. Fast überall gammelten regionale Bestände vor sich hin. Farbtöne waren verblasst, ganze Filme zerbröselten allmählich, waren bereits  unauflöslich verklebt oder brüchig geworden. Einiges hat man bewahrt und teilweise auf neuere Medien umkopiert. Anfangs war Nordrhein-Westfalen mit solchen Aktionen bundesweit Vorreiter, inzwischen hat Baden-Württemberg gleichgezogen.

Ein ständiger Kampf mit der Zeit

Beim Sichten und Bewahren historischer Filme führen die Experten seit jeher einenKampf mit der Zeit, sprich: vor allem mit technischen Neuerungen. Nachdem der Tonfilm aufkam, sind etliche Stummfilme verrottet. 1957 wurden Nitratfilme verboten, weil sie so leicht entflammbar sind. Folglich interessierte sich kaum noch jemand für das Material, es wanderte häufig in die Mülltonne. Ähnlich erging’s der Normal-8- und der Super-8-Schmalfilmtechnik, als die Videokassette aufkam. Die wiederum wird von digitalen Speichermedien verdrängt: CD-ROM, DVD, Festplatte. Deren Verfallszeiten liegen bei wenigen Jahrzehnten. Zudem kommt ständig neue Software heraus, so dass bald niemand mehr mit früheren Varianten umgehen kann. Probleme genug.

Was aber geschieht mit den glücklich geretteten Filmen? Sie sollen nicht nur im Archiv schlummern, sondern wissenschaftlich ausgewertet und möglichst oft gezeigt werden. So manche TV-Dokumentation hat schon Honig aus diesem Fundus gesogen, so etwas Paul Hofmanns nostalgischer WDR-Dreiteiler „Als der Ruhrpott noch schwarz-weiß war“, der derzeit im „Dritten“ wiederholt wird (Teil 2 am 27. November).

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HINTERGRUND

Universitäten der Region ins Boot holen

  • Zum 1991 gegründeten NRW-Arbeitskreis Filmarchivierung gehören u. a. folgende Einrichtungen:
  • Das Filmmuseum Düsseidorf (Schulstraße 4, 40213 Düsseldorf, Tel.: 0211/899-3788).
  • Das NRW-Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf.
  • Das Archiv des Westdeutschen Rundfunks (WDR).
  • Die „Kinemathek im Ruhrgebiet“.
  • Das Medienzentrum des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL).
  • Die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen.
  • Das Duisburger Filmforum.
  • Das Wirtschaftsarchiv der Firma Mannesmann.
  • Dringend erwünscht, aber noch nicht verwirklicht ist eine engere Kooperation mit den regionalen Universitäten.



Unterwegs zur neuen Ehrfurcht – Erzählungen von Botho Strauß unter dem Titel „Mikado“

Von Bernd Berke

41 filigrane Stäbe hat ein Mikado-Spiel, 41 feingliedrige Geschichten enthält das neue Buch von Botho Strauß. Es heißt „Mikado“.

Strauß taucht abermals ein in die Niederungen, doch auch in die Mythen der Paarwelt. Was hier zwischen Männern und Frauen geschieht, erwächst aus dem Alltag, steigert sich aber zuverlässig ins Fabulöse, ins Sagenhafte. Manchmal führt die Erzähllinie auch steil hinauf zu Visionen und quasi-religiöser Verzückung, die fremd in die jetzige Welt hinein ragen. Dabei ist es zweitrangig, ob die Figuren etwa als Busfahrer oder Rohrleger bezeichnet werden. Wirklich „handfest“ erscheint hier kaum jemand.

Gleich die erste Geschichte gibt sich flirrend rätselhaft. Nach Zahlung eines hohen Lösegelds liefert die Polizei die entführte und nun freigelassene Fabrikantengattin ab. Doch der Mann erkennt sie nicht mehr: Ist es denn nicht eine Fremde, die sich da im Hause einnistet? Allerdings weiß sie über alle alten Ehevorfälle genau Bescheid.

Der Band wimmelt vor undeutlichen, verwechselbaren Menschen; ganz so, als seien sie und ihre Beziehungen durchlässig geworden für Metamorphosen aller Art. Aus solchen Schwebelagen gewinnt Strauß vielfältige Querbezüge zur Mythologie. Eine Episode spannt den Bogen epochenweit: von der antiken Fadenzieherin Ariadne über den Schriftsteller Jonathan Swift bis zu deren heutigen „Nachgeburten“ (Strauß), die sich nur noch im schwachen Abglanz der alten Typenmuster erschöpfen. Sie ähneln bleichen Wiedergängern.

Etliche Personen sind gar eremitisch oder mönchisch aus der verwahrlosten Gegenwart gefallen. Für Strauß seit jeher ein Zeichen: Sie sind zu Höherem berufen – als Vorboten  eines gänzlich anderen Daseins des ehrfürchtigen Schweigens und Schauens.

Da sind etwa die zweisam einsamen Paare, die nicht mehr gesellig „scharwenzeln“ und die niemand mehr besuchen mag. Oder jene Leute, die jegliche Liebesraserei mitsamt der Sexualität hinter sich gelassen haben. Alleinsein, Askese und milder Wahn geleiten hier auf fromme Königswege. An den Wegesrändern wabert zuweilen Weihrauch; auch in der stellenweise überaus kostbar klingenden Sprache mit allerlei Raritäten-Einsprengseln (Lexikon bitte bereithalten).

Dem manchmal salbungsvollen Ton zum Trotz, entfaltet Strauß ein reiches, oft schmerzlich präzises Panorama menschlicher Leidens-Verhältnisse. Da liegen auch einige Nerven blank, es schwelen oder lodern Aggressionen. So malt sich der eingangs erwähnte Fabrikant insgeheim aus, wie er der Frau an seiner Seite beim Mikadospiel irgendwann ein spitzes Stäbchen durch die Wangen stoßen wird…

Für Strauß‘ „Mikado“-Geschichten gilt hingegen: Er hebt die imaginären Stäbchen beim Erzählen sehr umsichtig an, als wär’s eine kontemplative Übung. Nichts ruckelt.

Botho Strauß: „Mikado“. Carl Hanser Verlag. 173 Seiten. 17,90 Euro.




Ein scheuer Bewunderer der göttlich fernen Frauen – Retrospektive über den Surrealisten Paul Delvaux in Bielefeld

Von Bernd Berke

Bielefeld. Viel nackte Haut gibt es in dieser Ausstellung zu sehen. Doch die erotisshen Obsessionen des belgischen Surrealisten Paul Delvaux (1897-1994) sind keineswegs Zeichen einer befreiten Sinnlichkeit, sondern im Gegenteil: malerische Signaturen einer großen Beklemmung.

Delvaux hat, im Leben wie in seinen Bildern, dem „Geheimnis der Frau“ (Ausstellungstitel in Bielefeld) gehuldigt; allerdings stets aus gemessener Distanz, ja aus angsterfüllter Ferne.

Als 32-Jähriger erlebte dieser enorm zurückhaltende Mensch seine erste Liebesgeschichte: mit Anne-Marie Demartelaere, genannt „Tam“. Seine dominante Mutter verbot ihm die Partie, er ließ es sich gefallen. Erst nach dem Ende einer lukrativen Zweckehe und dem Tod seiner Eltern kam er wieder mit „Tam“ zusammen – 19 Jahre nach der ersten Begegnung…

Natürlich lassen sich derlei biographische Hemmnisse nicht unmittelbar auf die Bilder anrechnen, doch eine starke Prägung ist unbestreitbar. Anfangs malte der Künstler am liebsten Züge und Bahnhöfe. Ungefähr ab 1930 rückte das Frauenthema in den Vordergrund. Delvaux schuf nun abgezirkelte architektonische Kunstwelten mit vorwiegend antiken Versatzstücken. In diesen Gefilden steht die Frau allemal imaginär auf dem Sockel der Verehrung. Unerreichbar, unergründlich, schweigend, abweisend, in sich gekehrt, oft geradezu göttlich fern. Männliche Figuren dürfen sich bestenfalls scheu am Rande zeigen, etwa in Gestalt unreifer Knaben, grotesker Greise oder gar schlotternder Skelette.

Seltsam feierlich und blutleer wirken diese geglätteten, marmorhaft polierten Szenarien, als sei alle Vitalität aus ihnen gewichen. Bloße Bühnen-Staffage und steife Posen herrschen vor. Das Leben ist anderswo. Und die Zentralperspektive, einst in der Renaissance entwickelt, um sichtbare Realität genauer zu erfassen, dient hier just der surrealistischen Verrätselung.

Die Malweise ist konventionell, mustergültig akademisch – und im Ergebnis nicht durchweg geschmackssicher. Beim unentwegten Frauen-Bestaunen unterliefen Delvaux gelegentlich ästhetische Ausrutscher in Richtung einer nahezu naiven Malerei. Hier sieht man schon mal entblößte Blondinen, die einem Klischee-Katalog entstiegen sein könnten.

Doch Bielefeld zeigt auch etliche grandios traumwandlerische Bilder. Überaus delikat hat Delvaux vor allem die Hauttöne der nackten Damen dargestellt. Mal seidig oder kreidig bleich, mal überirdisch leuchtend oder wie mit bronzenem Schimmer überzogen. Außerdem besaß dieser Künstler ein feines Gespür für subtil lockende weibliche Halslinien; wie es eben einem schüchternen Bewunderer eigen ist, der sich nichts weiter traut als nur heimlich zu betrachten.

Bis 21. Januar 2007 in der Kunsthalle Bielefeld. Katalog 24 Euro.




Erst das Chaos des Lebens, dann vielleicht die Kultur – Christoph Schlingensiefs wortreicher Auftritt im Dortmunder Konzerthaus

Von Bernd Berke

Dortmund. Konzerthaus-Chef Benedikt Stampa hat das Publikum gewarnt: Heute werde es kulturell „ans Eingemachte“ gehen. Kein leeres Versprechen. Denn der Mann, der danach die Bühne betritt, ist Christoph Schlingensief. Dieser umtriebige Aktionskünstler, Theater- und Filme-Macher („Terror 2000″) gilt vielen als „Provokateur“ und „Enfant terrible“ der Szene.

Wegen großen Andrangs war der Auftritt (in der Reihe „Lektionen zur Musikvermittlung“) vom Foyer in den großen Saal verlegt worden. Schlingensief (46), gebürtiger Oberhausener, kommt ‚rein, wirft Rucksack und Jacke achtlos hin, entert im Handstreich das Rednerpult. Eine Performance beginnt. Schlingensief spricht ohne Punkt: über Gott, Gesellschaft, Kindheit, Welt. Erst kommt das Leben mit Urängsten, Urantrieben. Dann vielleicht Kultur. Zum Schluss die blöden Kritiker.

Oft macht er den Klassenkasper, doch stellenweise erinnert er an einen sendungsbewussten Power-Prediger, freilich um Selbstironie bereichert. Schlingensief als „Maschinengewehr der Anarchie“? Mit Chaos und Taumel ist er jedenfalls per Du. „Deswegen mögen mich Leute mit Bausparvertrag nicht.“ Das Leben sei nun mal ungeordnet und rasch vergänglich. In sieben Jahren (so führt er ein Zitat von Joseph Beuys fort) könne sowieso alles zerstört sein, dann gebe es statt des Konzerthauses vielleicht wieder den Drogenstrich…

Und inhaltlich? Schwer zu sagen. Ein paar Vorlieben kristallisieren sich jedoch heraus. Alle Wege, die geradeaus führen sowie einfach belichtete Filme, Menschen und Dinge sind Schlingensief ein Graus. Schluss mit den Festlegungen! Her mit den vielfach überblendeten, undeutlichen Verhältnissen; mit dunklen Momenten zwischen den (Fîlm)-Bildern. Oder mit dem Übermaß, in dem man sich vor andrängenden Bildern nicht mehr retten kann. Hier geschehe, ob in Kunst oder Leben, das wahrhaft Spannende. Alles klar? Ach, ums bloße Vermitteln und Verstehen geht’s bei ihm ja kaum.

Sein manischer Redefluss gefällt nicht jedem. Alsbald stürzt ein erboster Herr aus dem Saal und ruft Schlingensief zu: „Machen Sie weiter mit Ihrem Geschwätz!“ So nennt er, was durch den kreativen Kopf kreist und schnell zur Zunge drängt. Dabei hat Schlingensief doch etliches erlebt und gelesen. Gewiss kein Dummkopf, sondern einer, der aus Wirrnis munter schöpft. Einer, der sich alle (Narren)-Freiheit nimmt und das wilde Denken zelebriert.

Zudem ist er ein Entertainer, begabt auch fürs spontane Impro-Theater. Wie er den Stil der Dirigenten von Bayreuth (Boulez, Thielemann) parodiert, wo er als Regisseur den „Parsifal“ in Bilderfluten getränkt hat! Auch Richard Wagner sei unsteter Chaot gewesen und somit lebensnah.

Wenn Schlingensief durch assoziative Achterbahnen saust, von Wagner auf seine eigenen Eltern, Marihuana und katholische Demut kommt, dann blitzt es zuweilen – oder läuft ins Leere. Egal. Den Spruch, er sei ein „Provokateur“, mag Schlingensief nicht mehr hören: „Wenn ich einer bin, was sind dann die Politiker?“ Für den wohlfeilen Satz gibt’s Szenenapplaus.

Schließlich noch sein kurzer Dialog mit Holger Noltze, der den Dortmunder Studiengang „Musikjournalismus“ leitet und tapfer versucht, Schlingensiefs Gedanken ein wenig zu sortieren. Zwecklos.




Das Buch als Ware – und als Kulturgut / Von Hagen aus steuert Michael Busch die Handelskette Thalia

Von Bernd Berke

Hagen. Hätten Sie’s gewusst: dass der vielleicht einflussreichste Buchmanager Deutschlands in Hagen arbeitet? Er heißt Michael Busch, ist 42 Jahre alt und leitet die Geschicke der Buchhandelskette Thalia. Die WR hat den „Herrn der Bücher“ in der Hagener Firmenzentrale besucht.

Die Gebäude im Gewerbegebiet Bathey wirken gediegen, doch schmucklos und gar nicht auftrumpfend. Von hier aus werden halt nüchterne Geschäfte gelenkt. Und wie! In Teilen der Branche hat der rasante Aufstieg von Thalia Befürchtungen geweckt. Thalia-Chef Busch äußert gewisses Verständnis: „Größe und Wachstum machen Menschen teilweise Angst. Wir können das nachvollziehen.“

Neuerdings ist Thalia freilich nicht mehr Marktführer, sondern die (gewichtige) Nummer zwei. Durch den Zusammenschluss von Hugendubel und Weltbild zur DBH ist ein noch etwas größerer Handelsriese entstanden. Busch: „Diese Fusion hat uns nicht überrascht, wir haben früher damit gerechnet.“ Die Konkurrenz belebe jedenfalls seinen sportlichen Ehrgeiz.

Einstieg in Dortmund „gut vorstellbar“

Allerdings, so Busch: „Marktführerschaft an sich hat ja erst einmal nur eingeschränkten Wert. Wichtiger ist die Qualität.“ Die Strategie seines Hauses bleibe wie bisher: „Einerseits die Eröffnung neuer Läden, andererseits die Integration und der Erwerb bestehender Buchhandlungen.“ Oft könne nur auf diese Weise das Weiterbestehen einer Buchhandlung gesichert werden. Busch versichert: „Thalia hat hier individuelle Lösungen umgesetzt.“ Wird Thalia eines Tages auch in Dortmund antreten, etwa im umgebauten Bahnhof? „Gut vorstellbar“, meint Michael Busch. Dortmund habe die nötige Größe und Kaufkraft.

Insgesamt wolle man das nationale Netz verdichten, doch nicht um jeden Preis: „Wir möchten vor allem rentable Standorte haben.“ Von einem Kampf der Konzerne um die besten Plätze mag Busch nicht reden: „Das wäre schematisch betrachtet. Alle Unternehmen wollen sich vernünftig und mit Augenmaß weiterentwickeln.“ Künftige Ladenschlusszeiten werde Thalia je nach Situation in den Städten regeln. „Unsere Leute vor Ort wissen am besten, was richtig ist.“

Literarische Vielfalt ade?

Einige Kritiker unken, die großen Buchhandelsketten könnten irgendwann bloße Verkaufsstationen für Bestseller werden – literarische Vielfalt ade? Busch sieht das ganz anders: „Wir glauben, dass wir sehr stark zum Thema kulturelle Vielfalt beitragen. Unsere Buchhandlungen sind in der Regel relativ groß. Sie sind deshalb groß, weil wir diese Fläche brauchen, um das Sortiment angemessen vielfältig darstellen zu können.“

Generell müsse der Buchhandel Innovationen nachholen, die in anderen Wirtschaftszweigen längst vollzogen seien. Das Buch konkurriere mit vielen anderen Warengruppen. Es müsse im Sinne des Erlebniskaufs attraktiv „inszeniert“ werden, u. a. mit Service, Freundlichkeit und Aufenthaltsqualität (Sitzecken, Cafés usw.) in den Buchhandlungen.

Irritationen bei einigen Verlagen

Ungefähr vor Jahresfrist gab es Irritationen bei einigen Verlagen, von denen Thalia Kostenzuschüsse für seine Neueröffnungen, Umbauten und Renovierungen forderte. Der Konflikt ist aus Buschs Sicht weitgehend ausgeräumt. Buchhändler und Veleger hätten ein gemeinsames Ziel: „Die Ware und das Kulturgut Buch zu verbreiten.“ Kulturgut? Richtig. Busch betont: „Ich bin ein uneingeschränkter Verfechter der Buchpreisbindung. Deren innerster Kern ist das Bekenntnis zum Buch als Kulturgut.“ Thalia setze aufs volle Sortiment. Überdies veranstalte man häufig Abende mit Autoren, und man engagiere sich auch in der Leseförderung.

In Hagen und Westfalen sei Thalia fest verwurzelt, dies sei auch ein (offenes) Geheimnis des Erfolgs, findet der Manager: „Wie haben hier eine tolle Mannschaft, die sich über Jahre hinweg entwickelt hat. Das ist ein ganz wichtiger Teil der Unternehmenskultur.‘ Auch auf logistischem Felde: Das Thalia-Zentrallager operiert von Holzwickede aus. Und was liest Busch selbst gerade? „Für die Freiheit sterben“, eine Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs. „Historische Zusammenhänge haben mich schon als Kind fasziniert“, sagt Busch. Geschäftlich allerdings blickt er, bei allem Respekt vor Traditionen, stets nach vorn.

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HINTERGRUND

Die großen Drei der Branche

  • Größte Handelsketten: DBH (Buch Handels GmbH), im August 2006 entstandene Fusion aus den Unternehmen Weltbild und Hugendubel. Jahresumsatz inklusive der Billiganbieter Weltbild plus und Jokers: rund 672 Mio. Euro.
  • Thalia: Jahresumsatz inklusive Österreich/Schweiz etwa 514 Mio. Euro. Jüngste Zukaufe: die kleineren Ketten Gondrom und Grüttefien. Thalia erzielt seine Umsätze nur mit Vollsortiment-Buchhandel.
  • Thalia gehört zur Hagener Douglas Holding mit Douglas (Parfümerien), Christ (Schmuck), Appelrath-Cüpper (Mode) und Hussel (Süßwaren).
  • Mayersche Buchhandlung: Beschränkt sich auf NRW und setzt ca. 115 Mio. Euro um. Durch den Einstieg bei Bücher Krüger eindeutiger „Platzhirsch“ in Dortmund.
  • Das Bundeskartellamt vermutet eine „marktbeherrschende Stellung“ erst ab 33 Prozent Marktanteil. DBH und Thalia liegen derzeit, bundesweit berechnet, bei je knapp über 7 Prozent. Sie könnten also noch kräftig expandieren.

 




Die Weisheit passt in wenige Worte – Hattingen als Zentrum für Aphorismen: Autorentreffen und neues Archiv

Von Bernd Berke

Hattingen. Kleine Kunstform, großer Aha-Effekt. Auf solche Wirkungen zielen Aphorismen ab. Im Idealfalle sind es geistreich zugespitzte Weisheiten in wenigen geschliffenen Worten. Irgendwie passend, dass eine kleinere Stadt sich anschickt, zum Zentrum der knappen Sinnsprüche zu werden: Hattingen hat’s mit Kürze und Würze.

Schon zum zweiten Mal (nach 2004) treffen sich jetzt deutschsprachige Aphoristiker in der Ruhrstadt. Zudem wird heute im Hattinger Stadtmuseum ein Aphorismen-Archiv eröffnet. Es soll mit der Zeit wachsen. Kulturamtsleiter Dr. Jürgen Wilbert (61), selbst Aphorismen-Schmied aus Passion, darf als Ideengeber gelten. Zündfunke war eine Eingebung des Schriftstellers Elias Canetti: „Die großen Aphoristiker lesen sich so, als ob sie einander gut gekannt hätten.“ Wilbert folgerte: Ihre gegenwärtigen Nachfahren sollten einander tatsächlich kennen lernen – und zwar in Hattingen.

Randfiguren des Buchmarktes

Im Literaturbetrieb tun sich Aphoristiker schwer. Viele publizieren auf eigene Kosten, denn die Verlage setzen in erster Linie auf Romane. Jürgen Wilbert meint allerdings: „Von Romanen bleibt doch oft nur eine Wendung im Gedächtnis.“ Geniale Prosa kann damit zwar nicht gemeint sein. Doch mancher dickleibige Band schnurrt im Resultat vielleicht wirklich auf ein paar Kernsätze zusammen. So gesehen gäbe es keinen Grund, als Aphoristiker in Sack und Asche zu gehen.

Kommen die Sprüche etwa einer kurzatmigen „Häppchen-Kultur“ entgegen? Wilbert: „Nein, nein, es sind eben wohldosierte Worte!“ Zudem habe der Aphorismus einehrwürdige Tradition (siehe Infokasten). Die Zunft dürfe sich jedoch nicht in Selbstgefälligkeit wiegen, mahnt Wilbert. Das Treffen von rund 40 Satzdrechslern soll das Qualitäts-Bewusstsein schärfen. Gar mancher rasche Einfall erweist sich als spitzfindige Wortspielerei ohne sonderlichen geistigen Nährwert.

„Der Aphorismus zwischen Wortspiel und Erkenntnis“ heißt denn auch das Motto der Tagung, die gestern mit einem Vortrag des umtriebigen Vorzeige-Intellektuellen Roger Willemsen begonnen hat.

Diskussionsthemen sind u. a. die Abgrenzung zum Sprichwort sowie „Aphoristisches in der Werbesprache“. Beispiel aus einer Möbelreklame: „Für Ihr gesundes Sitzen stehen wir gerade.“ Klingt ja halbwegs pfiffig, aber ist’s ein Aphorismus reinen Wassers?

Kluge Sentenzen im Rap-Rhythmus

Man will freilich in Hattingen nicht nur fachlich unter sich bleiben, sondern öffentlich wirken. 16 Autoren schwärmen heute in sieben örtliche Schulen aus, um dort Gedankensplitter auszustreuen. Jürgen Wilbert: „Gerade Schüler sind für Aphorismen empfänglich, sie mögen ja kesse und lockere Sprüche.“

Vor allem ans jüngere Publikum wendet sich heute auch das Experiment mit dem„Apho-Rap“: Ein Rap-Sänger will kluge Sentenzen im tanzbaren Stakkato-Rhythmus li- vortragen. Weisheit fetzt…

Mit Aphorismus-Projekten hat sich Hattingen beim bundesweiten Wettstreit als einer U. von 365 Orten im „Land der Ideen“ hervorgetan. Nächster Schritt: Auch in der „Kulturhauptstadt 2010″ will man die gesammelten Geistesblitze leuchten lassen.

Heute ist Publikumstag beim Hattinger Treffen: Morgens stehen Lesungen in Schulen an. Ab 20 Uhr tritt im Stadtmuseum der Kabarettist Wendelin Haverkamp auf, ab 21 Uhr gibt es Freiluftaktionen auf dem Marktplatz, u. a. einschlägige Lichtkunst und den Aphorismen-Rap.

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HINTERGRUND

„Sprachkürze gibt Denkweite“

  • Große Vorläufer in der deutschsprachigen aphoristischen Literatur waren u. a„ Lichtenberg („Sudelbücher“), Goethe („Maximen und Reflexionen“), Jean Paul, Schopenhauer („Aphorismen zur LebensWeisheit“), Karl Kraus, Elias Canetti und Kurt Tucholsky.
  • Zitat-Beispiele:
  • „Sprachkürze gibt Denkweite.“ (Jean Paul)
  • „Vom Wahrsagen lässt sich wohl leben in der Weit, aber nicht vom Wahrheit sagen.“ (Georg Christoph Lichtenberg)
  • „Einer, der Aphorismen schreiben kann, sollte sich nicht in Aufsätzen zersplittern.“ (Karl Kraus)
  • „Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt.“ (Erich Fried)