Wenn Autoren zu Autonarren werden – Bildband folgt berühmten Schriftstellern auf Fahrstrecken und in die Garagen

Von Bernd Berke

Literarischer Geist und Technik stehen einander fremd, ja feindlich gegenüber. So weit ein gängiges Vorurteil. Ein neues Buch räumt jetzt mit dem Unsinn auf. Es handelt von berühmten Schriftstellern, die Autonarren gewesen sind.

Viele Edelfedern gaben sich freilich nicht mit einem x-beliebigen Fahrzeug zufrieden. Aldous Huxley („Schöne neue Welt“) bevorzugte die Luxusmarke Bugatti, Hermann Hesse („Steppenwolf“) hielt es mit Mercedes, für Truman Capote musste es schon ein Jaguar sein. „Dschungelbuch“-Autor Rudyard Kipling und Krimi-Schriftsteller Edgar Wallace nahmen fürstlich im Rolls Royce Platz. Sie legten wohl auch Wert auf die hohe Lauf-Kultur der Motoren.

Der Pole Witold Gombrowicz („Ferdydurke“) hingegen schält sich – wie ein Foto zeigt –  aus einer verbeulten Citroën-„Ente“. Bescheidenheit war seine Zier, wenigstens in diesem Punkt. Motorradfan Samuel Beckett („Warten auf Godot“) fuhr ebenfalls diverse „Enten“, wegen arger Sehschwäche allerdings zuweilen fast im Blindflug.

Françoise Sagan war wohl die Schnellste von allen

Ulf Geyersbach hat für seinen mit aussagekräftigen Schwarzweiß-Fotos illustrierten Band „…und so habe ich mir denn ein Auto angeschafft“ (O-Ton Thomas Mann) liebevoll gründlich recherchiert. Er folgt den Geistesgrößen gleichsam bis in die Garagen. Auch schreibt er einen gepflegten, dem Gegenstand angegossenen Stil. Und so haben wir denn ein Weihnachtsgeschenk für kluge Autofans und aufgeschlossene Literaturliebhaber.

Reichlich perlen hier die Anekdoten. Im Verhältnis zum Auto zeigt sich stets ein Stück des Charakters. Françoise Sagan („Bonjour tristesse“) war, wie auch sonst im Leben, am Steuer rastlos; eine Raserin, die kein Risiko scheute und in diverse Unfälle verwickelt wurde. Sie lenkte u. a. Modelle von Maserati und Aston Martin.

James Joyce und Carl Zuckmayer galten nicht als Fahrkünstler, sondern als Könige des eleganten Aussteigens. Wenn sich der Wagenschlag öffnete, zelebrierten sie ihre Auftritte. Vladimir Nabokov nutzte ein Oldsmobile gar als Schreibstube: Auf der Rückbank soll er seinen Skandalroman „Lolita“ verfasst haben.

Als James Joyce im Taxi Marcel Proust ins Gesicht paffte…

„Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ glitt Marcel Proust gern mit etlichen PS durch die Landschaft, verguckte sich in den einen oder anderen Chauffeur und billigte dem Auto erheblich mehr Poesie zu als der Bahn. Doch als der Raucher James Joyce („Ulysses“) einmal zu ihm ins Taxi stieg und den Asthmatiker Proust anpaffte, war der pikiert. Genies unter sich…

Auch Thomas Mann („Buddenbrooks“) lenkte nicht selbst. Der Patriarch ließ sich von Frau Katia und den Kindern chauffieren. Tochter Erika brachte es später immerhin zu Rallye-Erfolgen zwischen Finnland und Marokko. Ihr Vater hingegen schätzte Autos als schützende „Austern“ – gegen die Zumutungen der schnöden Welt.

Einen expliziten Auto-Verächter gibt es auch in diesem Kabinett. Robert Musil („Der Mann ohne Eigenschaften“) konnte sich freilich von seinen spärlichen Einnahmen kein Kfz leisten. So war’s wohl auch Neid eines Besitzlosen.

Sodann die Fotos! Wer etwa den feinsinnigen Österreicher Arthur Schnitzler („Reigen“)in gen“) Beifahrer mit verwegener Rennbrille und Lederkappe sieht, dem wird dieses Bild bei künftigen Lektüren kaum aus dem Kopf gehen. Prächtig auch dieses Fundstück: Bert Brecht anno 1926 in hautenger Lederkluft, die Hände lässig in den Hosentaschen, Zigarre im Mundwinkel. Kurzum: coole Pose vor seinem neuen Opel.

Ein SteyrModell bekam der findige Brecht einst vom Hersteller als Gegengabe für gereimte Werbesprüche. Von ihm stammt aber auch dieses etwas garstige Gebrauchsgedicht: „Ford hat ein Auto gebaut / Das fährt ein wenig laut. / Es ist nicht wasserdicht / Und fährt auch manchmal nicht.“ So kann selbst aus Pannen Lyrik entstehen.

Ulf Geyersbach: „.. ..und so habe ich mir denn ein Auto angeschafft – Schriftsteller und ihre Automobile“. Nicolai Verlag. 126 Seiten Großformat, zahlreiche Schwarzweiß-Abbildungen. 34,90 €.

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ZITATE

Wie in der Höhlenzeit

  • Schriftsteller-Zitate zum Autofahren:
  • „Das Mindeste, was man von einem Großschriftsteller verlangt, ist darum, dass er einen Kraftwagen besitzt.“ (Robert Musil)
  • „Autofahren ist genau so ein Talent wie beispielsweise Dichten.“ (Walter Hasenclever)
  • „Leben ohne Auto in einer Welt ohne Pferde, das ist ein wenig unbequem…“ (Rudyard Kipling)
  • „Die Großmannssucht hat uns ja nun dahin gebracht, eine sehr prachtvolle 8cylindrige Horch-Limousine zu bestellen …“ (Thomas Mann)
  • „Bald werden wir auf unsere Vor-Auto-Zeit zurückblicken, wie wir jetzt auf unsere Höhlenzeit zurückblicken.“ (Virginia Woolf, 1927)
  • „Ich verwandelte mich in einen sehr schnellen Fahrer. In Arizona sieht man kaum je einen Verkehrspolizisten.“ (Raymond Chandler).

 




„Papa mit Grill“ und die Boxenluder – ein kleiner Streifzug durch die aktuellen Spielzeug-Kataloge

Von Bernd Berke

Spielzeugkataloge blättert man doch immer wieder gern durch – nicht nur vor Weihnachten. Über manche bunten Sachen freuen sich auch Erwachsene, denn die Welt des Spielens verheißt Entspannung.

In dieser Sphäre gibt es seit Jahrzehnten ein paar Ankerpunkte. Zum Beispiel auch in den neuesten Katalogen von Lego oder Playmobil: Bauernhof und Zoo, Klinik und Eisenbahn, Polizeirevier und Tankstelle, Ritterburg und Piratenschiff. Alles ein bisschen schnittiger als früher. Die Freibeuter der Meere scheinen übrigens, wohl auch wegen des Kinohits „Fluch der Karibik“, als Spielthema wieder besonders begehrt zu sein. Kaum eine Firma verzichtet darauf. „Harry Potter“ legt hingegen eine Pause ein, auch auf dem Spielzeug-Markt.

Indianer und Dinos aber bleiben wohl unverwüstlich. Und zur Puppenbühne gehören immer noch die klassischen Figuren Kasper und Krokodil. Solche Traditionspflege wirkt anheimelnd. Auch die (wirtschaftlich gebeutelten) Modellbahn-Herstelller Märklin, Trix und Fleischmann beschwören die gute alte Zeit und bieten mit Vorliebe Züge aus den Wirtschaftswunder-Jahren an – digital aufgerüstet, versteht sich. Wahrscheinlich sind sie pünktlicher als die „richtige“ Bahn von heute. Man wird jedenfalls den Verdacht kaum los, dass sie in erster Linie für Väter hergestellt werden.

Klare Bereiche für Mädchen und Jungen

In den Spielzeug-Prospekten sieht man selbstverständlich nur aufgeweckte und allzeit fröhliche Kinder. In diesem Leben ohne Nervensägen, Langeweile und Verdruss sind die Sphären der Jungen und Mädchen sehr deutlich voneinander geschieden. Es gibt immer was zu tun: Hier werden Jungs eben als Technik-Tüftler oder Hand- und Heimwerker gezeigt. Ob sie uns später den Samstag zur Lärmhölle machen werden?

Die Mädchen kümmern sich derweil putzmunter um Spielküche und Puppenstube. Ganz selbstverständlich. Im Karstadt-Prospekt lautet die lockende Zeile so: „Süße Puppen für kleine Mamas.“ Von wegen „neue Väter“ der Zukunft. Verfechter einer „politisch korrekten“ Pädagogik (Anhänger wertvollen Holz-Spielzeugs) wenden sich mit Grausen. Aber die Verwandtschaft schenkt ja doch, was diese Eltern nicht gutheißen.

Schon die Farbgebung signalisiert es: Wenn die Rosa-Töne anschwellen, sind garantiert Spielsachen für Mädchen dran. Kämmbare Pferdchen mit langer blonder Mähne, Barbie & Co, die herzallerliebste „Kutsche für 12 Prinzessinnen“. Das ganze Programm. Nicht wenige Mädchen entwickeln später trotzdem ästhetisches Empfinden. Womöglich sind sie ja irgendwann zu Lehrreichem wie dem Memory „Weltkulturerbe“ (ab 8 Jahre!) sanft überredet worden?

Bei näherem Hinsehen fallen im Stapel der Kataloge nette Details auf: So gibt es etwa die alltagsnahe Spielfigur „Papa mit Gril“ und zum Krankenhaus-Umfeld gehört das Set „Pflegerin mit Patient“. Wir spielen Gesundheitsreform, wer spielt mit?

Auf etwas andere Weise wirklichkeitsgetreu: An den Rändern der Carrera-Rennstrecken kann man spärlich bekleidete „Boxenluder“ aufstellen. Für den Mann im Kinde oder das Kind im Manne. Selbst eine antike Arena ist für gutes Geld zu haben: mit Imperator, Gladiatoren, Tigern und Löwen. Alles zum Kampf bereit. Große Geschichte.

Eigentlich klar, dass kein Spiel „Das kleine Finanzamt“ oder „Buchhaltung“ heißt. Grellere Action muss beim Spielzeug meist schon sein, gemäß dem Motto: Alles rennet, rettet, flüchtet. Möglichst knatschbuntes Plastik, elektronisch betrieben. Mindestens blinken soll es. So jedenfalls stellen es sich (erwachsene) Spiel-Produzenten vor, die ihre Angebote als „cool“ anpreisen. Man möchte in ihren gewiss gewichtigen Produkt-Konferezen mal Mäuschen spielen. Für Jungs haben sie jedenfalls beängstigend aggressiv dreinblickende Fahrzeuge und scheußlich geklonte Monster parat – wahrscheinlich zwecks unschädlicher Aggressionsabfuhr.

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HINTERGRUND

„Kein Spiel macht dumm“

  • Umsatz mit traditionellen Spielwaren in Deutschland pro Jahr: rund 2,3 Milliarden Euro.
  • In Großbritannien bzw. Frankreich werden jährlich je Kind über 200 Euro für Spielzeug ausgegeben, bei uns 145 Euro.
  • Vor allem die chinesischen Importe machen den deutschen Herstellern zu schaffen.
  • Kluge Sätze zum Spiel: „Atome spalten ist ein Kinderspiel, verglichen mit einem Kinderspiel.“ (Albert Einstein)
  • „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ (Friedrich Schiller)
  • „Etwas Gescheiteres kann einer doch nicht treiben in dieser schönen Welt als zu spielen.“ (Henrik Ibsen).
  • „Nur Arbeit und kein Spiel macht dumm.“ (Karl Marx).



Bei Luther fängt es an: Die kostbaren Bücher von Dortmund / Uni-Bibliothek zeigt erstmals ihre erstaunlichen Schätze

Von Bernd Berke

Dortmund. Wer hätte gedacht, dass in Dortmund solche Bücherschätze verwahrt werden: beispielsweise eine Ausgabe von Martin Luthers saftigen „Tischreden“ aus dem Jahr 1568.

Unter dem edlen lateinischen Titel „rara sunt cara“ (Seltenes ist teuer) zeigt die Dortmunder Uni-Bibliothek fetzt erstmals öffentlich einige ihrer Kostbarkeiten.

Moment! Die Dortmunder Uni ist doch erst 1968 gegründet worden. Auf welche Weise ist sie zu derart alten Büchern gekommen, wie man sie eher in Oxford oder Heidelberg erwarten würde?

Nun, früher gab’s einen speziellen Etat zur nachträglichen Anschaffung solcher Bestände. Außerdem haben inzwischen aufgelöste Institute (wie etwa die frühere, in den 1920er Jahren gegründete Pädagogische Hochschule) der Dortmunder Uni ihre Besitztümer vermacht.

Insgesamt umfasst die Raritäten-Abteilung heute rund 1000 Bände. Auch Handschriften (so etwa von Altkanzler Willy Brandt) werden hier sorgsam betreut.

Eins der jetzt unter schützendem Vitrinenglas präsentierten Bücher ist sogar noch ein Jahr älter als das erwähnte, jüngst prachtvoll restaurierte Luther-Werk. Der Katechismus aus dem Jahr 1567 hat allerdings sichtlich unter den Zeitläuften gelitten und wäre wohl fällig zur Aufarbeitung. Bibliotheksdirektorin Marlene Nagelsmeier-Linke beruhigt: „Im Vergleich zu anderen Universitäten ist unser Etat für Restaurierungen noch ganz passabel.“

Man sieht in der kleinen Ausstellung auch schmucke Raritäten aus etwas jüngerer Vergangenheit: Ein Bändchen mit Schriften des Romantikers Novalis (gedruckt 1815); einen Berufsratgeber („Was willst du werden?“) von anno 1840; Upton Sinclairs Roman „The Jungle“ (Ausgabe von 1906). Oder die erste deutsche Patentschrift (1877), die sich auf die Herstellung von roter Ultramarinfarbe bezieht. Auch die Technik hat ihre Historie.

All diese Werke vermitteln jedenfalls ein Gefühl für die althergebrachte Würde von Büchern. Und das dürfte auch die tiefere Absicht sein, die die Bibliothek zu dieser Schau bewogen hat. Angesichts finanzieller Probleme und vielfaltiger digitaler Konkurrenz kann man für herkömmliche Bücher wohl gar nicht genug die Trommel rühren.

„rara sunt cara – Seltenes ist teuer“. Universitätsbibliothek Dortmund (Vogelpothsweg 76), am Hörsaal E 5. Bis zum 19. Januar 2007. Öffnungszeiten der Bibtiothek: Mo bis Mi und Fr 8-20, Do 8-22, Sa 9-16 Uhr.

 




Helge – der Schamane des Unsinns / Programm „I Brake Together“: Auftakt zur langen Tournee in Paderborn

Von Bernd Berke

Paderborn. „Paaaderboorn – Bi-hie-lefeld – Minden.“ Der Kerl macht sogar aus den Ortsnamen seiner ersten Tournee-Stationen noch einen kleinen Song. Helge Schneider ist wieder unterwegs, und die Reise soll bis ins Jahr 2008 dauern.

Jetzt gab’s den Auftakt just im kreuzbraven Paderborn. Ein Testgelände abseits der kulturellen Hauptrouten. Helge treibt natürlich seine kleinen Scherze mit der Stadt. Mal nennt er sie „Kaff“, mal „kafkaesk“. Alles furchtbar nett gemeint. Daran, dass hier und andernorts nichts los ist, sei ohnehin nur Angela Merkel schuld, bemerkt er feixend.

„I Brake Together“ heißt sein neues Musikprogramm. Das kann man kaum übersetzen. Genau genommen, hieße es nicht „Ich breche zusammen“, sondern etwa „Ich bremse zusammen.“ Aber bei Helge Schneider darf man nicht zum Wortklauber werden. Kichernde Sinn-Zerstäubung ist seit jeher sein Pläsier.

Hauptsächlich besteht der Abend aus exzellent dargebotenen Jazz-Spielarten, Blues und traditionssattem Rock’n’Roll – meist in schön verjaulte Schräglage versetzt, was die Musik oft erst richtig auf den Begriff bringt.

Dass Helge (51) ein Virtuose auf vielen Instrumenten (Klavier, Saxofon, Trompete, E-Gitarre etc.) ist, hat sich herumgesprochen. Und wer einen Pete York in seiner (betagten) Begleitband hat, muss sich erst recht keine Sorgen um den Sound machen. Der seit den frühen 1960er Jahren aktive Drummer (Spencer Davis Group, Hardin & York etc.) bekommt auch bei Helge sein bärenstarkes Solo. Wow!

Vor allem aber lechzt das überwiegend junge Publikum nach Helge Schneiders Liedtexten und Überleitungen. Es giert nach herrlich hirnrissigen Titeln wie „Lady Suppenhuhn“ oder „Telefonmann“, die dieser Schamane des Unsinns schlichtweg gekonnt herunter-eiert. Sein neuer Hit vom „super-sexy Kä-Kä-Käsebrot“ zerrt einen biederen Tonfall („Käsebrot ist ein gutes Brot“ – das klingt wie aus den 50er Jahren) über alle Zwischenzeit hinweg ins Jetzt. Er bringt auch solche halsbreçherischen Sachen halbwegs heil um die Kurve.

Gipfelpunkt ist seine ingeniöse Parodie auf Udo Lindenberg. Da scheint tatsächlich „uns‘ Udo“ zu röhren – im schlingernden Dialog mit einem gewissen Helge Schneider. Der bringt es sogar fertig, beide Singstimmen (fast) auf einmal ertönen zu lassen. Und beim neuen Lied „Trompeten von Mexiko“ („sie laden dich ein“) spielt er dieses Blasinstrument und das Piano zugleich. Solche simultanen Zauberstücke macht ihm so leicht keiner nach.

Man spürt, dass er mittlerweile entspannt in sich ruht. Er muss sich und uns nichts mehr beweisen. Wo er ehedem schon mal etwas krampfhaft witzelte, lässt er’s heute durchweg locker laufen. Und es blitzen sogar Zwischentöne durch – allerhand Sottisen gegen Konsumwahn und TV-Flachsinn inbegriffen. Besser so. Heute ist heute, morgen improvisiert er gewiss wieder ganz anders. Und bei all dem wird dieser Chaot unversehens zum Perfektionisten.

Blöd ist er sowieso nicht. Es springen gar hinterhältige (Anti)-Weisheiten heraus. Etwa diese Erkenntnis über Einsamkeit, die auf Gelegenheiten lauert: Liebe bestehe doch oft darin, dass man jemanden „irgendwo abfängt“. Oder zum Ladenschlussgesetz: „Endlich kann man mal bis 20 Uhr pennen.“ Zur Weihnachtszeit mahnt er als oberstes Ziel „Zufriedenheit“ an. Was man jetzt überhaupt nicht gebrauchen könne, seien Leute, die „ins Tannenbaumzimmer rasen und in die Ecke pinkeln“. Ist doch wahr!

Das Publikum in der ausverkauften Paderhalle ist lachlustig. Die Fans goutieren ja praktisch alles, was Helge so treibt. Doch enthusiastisch steigert sich der Beifall nur stellenweise. Vielleicht liegt’s ander mitunter bedächtigen ostwestfälischen Wesensart?

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HINTERGRUND

Platte, Buch, Kinofilm und Tournee

  • Helge Schneider kommt jetzt in diversen Medien auf uns zu:
  • Die CD zur Tournee „I Brake Together“ kommt am 19. Januar 2007 heraus.
  • Kürzlich ist sein neues Buch „Die Memoiren des Rodriguez Faszanatas“ erschienen.
  • Am 11. Januar 2007 startet Dany Levys Kino-Tragikomödie „Mein Führer“ – mit Helge Schneider in der Rolle Adolf Hitlers…
  • Die langwierige Tournee führt u. a. nach Mülheim (16. und 17. Dez. 2006), Essen (15.2.2007) – und erst im Herbst 2007 nach Gelsenkirchen, Olsberg, Attendorn, Hamm, Dortmund und Hagen.

 




Schaffensrausch und Lebensdrama – „Kein Tag ohne Linie“: Furiose Spätwerke von Paul Klee im Kölner Museum Ludwig

Von Bernd Berke

Köln. Als Paul Klee unheilbar schwer erkrankte, ließ seine künstlerische Produktion zunächst betrüblich nach. 1936 schuf er nur noch 25 Arbeiten.

Doch dann hat sich eine Art Wunder begeben: 1938 war Klee wieder bei exakt 365 Werken angelangt, 1939 gar bei 1253 Blattern. „Kein Tag ohne Linie“ heißt denn auch die famose Schau, die im Kölner Museum Ludwig Belege für seinen späten Schaffensrausch auf Papier ausbreitet.

Wahrscheinlich hat Klee damals den nahenden Tod gespült. Dies hat den 1940 gestorbenen Künstler zuletzt wohl noch einmal furios angetrieben. Die Resultate zeugen keineswegs von nachlassenden Kräften, im Gegenteil. Klee ging mit einer Konzentration ohnegleichen zu Werke. Da rundet sich ein Lebenskreis, da kann man von Vollendung sprechen.

Geniale Einfälle auf Packpapier

Die Leihgaben stammen überwiegend aus dem reichen Fundus des Paul Klee Zentrums in Bern. Rund 200 Zeichnungen und Aquarelle sind in Köln zu sehen, viele davon auf gewöhnlichem Brief- oder Packpapier, die meisten im DIN-A4-Format. Vorteil: Der Katalog kann sie in Originalgröße zeigen.

Fast durchweg sind es stark reduzierte, skizzenhafte Bilder. Sie wirken wie spontan hingeworfen, sind freilich von ungeheurer Intensität. Mit wenigen Strichen vermochte es Paul Klee, Lebensdramen aufleuchten und verglühen zu lassen. Auf fast schon magische Weise werden die Linien auf dem Papier zu filigranen Wegstrecken bis in die Tiefe des Unbewussten. Die Serien und Zyklen geraten somit zu einem innigen Seelen-Tagebuch – mal bestürzend hellwach geführt, mal in seherischer Trance nach Erkenntnis tastend.

Hier der angstvolle Blick  inmitten einer ringsum zerstobenen Welt („Fliehendes Kind“). Dort die geheimen Kraftströme in einer aufgeregten Menschenansammlung („Zwischenfall in der Gruppe“) oder die bedrohlich aufgetürmte, violett gewitterndeEnergie des Zorns („Verfluchende Frau“).

Unglaublich frisches „Alterswerk“

Es ist, als könne Klees Linienführung jede haarfeine Mischform der Gefühle aufrufen. Doch auch die schockierend rohe, unbehauene Formensprache steht ihm zu Gebote („Hungriges Mädchen“). Noch die rüdesten Gestalten und Vorfälle kommen bei ihm mit einem Anflug lichter Heiterkeit daher. Es sind vielfach gesteigerte, traumwandlerisch das Wesentliche treffende „Cartoons“ zum menschlichen Dasein.

Chiffren der Höhlenmalei, die Kunst der so genannten „Primitiven“, Kinderbilder und Hervorbringungen von Geisteskranken sind gewiss Vorbilder gewesen. Doch Klee war kein schwankendes Rohr im wechselnden Wind der Einflüsse, sondern ein hochreflektierter Mensch. Wenn einer wie er am Ende wieder bei einer grandiosen „Naivität“ anlangt, so ist sie durch viele Gedanken, Freuden und Leiden hindurch gegangen. Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…

Dies sollen „Alterswerke“ sein? Dann müsste der Begriff ganz neu gefasst werden. Denn so radikal, so frisch und unvermittelt springen einen sonst vor allem Klees frühe Bilder an. Wie gut also, dass man jetzt den direkten Vergleich ziehen kann – in Kölner Nachbarschaft: Das Max-Ernst-Museum in Brühl präsentiert zeitgleich  die Gegenstücke aus Klees jüngeren Jahren. Was er damals ersonnen hat, hat er im Spätwerk wieder erweckt und nochmals verdichtet.

Paul Klee – „Kein Tag ohne Linie“. Museum Ludwig, Köln (direkt neben Hauptbahnhof und Dom). Bis 4. März 2007. Di-So 10-18, jeden 1 . Freitag im Monat 10-22 Uhr. Eintritt 7,50 Euro. Katalog 20 Euro.

„In Augenhöhe: Paul Klee Frühe Werke“. Max-Ernst-Museum, Brühl bei Köln (Comesstraße). Bis 4. März 2007. Di.So 11-18 Uhr. Eintritt 5 Euro. Katalog 34 Euro.

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ZUR PERSON

Tückische Krankheit der Haut

  • Paul Klee (Bild) wurde am 18. Dezember 1879 in Bern geboren.
  • Sein Vater war Musiklehrer, die Mutter Sängerin.
  • Ab 1921 war Klee Lehrmeister am Bauhaus.
  • Seine Werke wurden von den Nazis als „entartet“ verfemt.
  • Um 1935 erkrankte er an Sklerodermie, einer Haut- und Bindegewebsverhärtung, die im fortgeschrittenen Stadium auf die Organe übergreift.
  • Klee starb am 29. Juni 1940 in einer Klinik in Locarno an Herzlähmung.