„Ein fliehendes Pferd“: Beziehungsstress am Bodensee

Das ist fürwahr ein Alptraum, man stelle sich vor: Alter Schulkollege taucht nach 25 Jahren unverhofft auf – blutjunge Blondine im Schlepptau. Der Kerl gibt sich sturzvital, heftet sich penetrant an deine Fersen und gibt dir immer wieder nassforsch zu verstehen, wie falsch und fade du lebst. Und dann macht er sich flugs an deine Frau heran.

So erleidet’s in Martin Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“ (1978) der bedauernswerte Studienrat Halm. Rainer Kaufmann („Die Apothekerin“) bringt den behutsam umgemodelten Stoff jetzt mit prominenten Akteuren ins Kino. Sie holen aus der Tragikomödie tatsächlich etliche komische Nuancen heraus.

Klaus heißt die Kanaille. Mit jedem Wort lässt er den Deutsch- und Geschichtslehrer Halm spüren, dass dessen Alltag in blutleerer Routine erstarrt ist. Und er hat damit gar nicht so unrecht. Selbst im Urlaub löst und lockert sich nichts: Helmut Halm (Ulrich Noethen) und seine Frau Sabine (ihre wohl beste Rolle seit langem: Katja Riemann) verbringen seit vielen Jahren rituelle Ferien am Bodensee. Dort kann – anders als im Buch – der behäbige Halm in aller Frühe und Stille die heimische Vogelwelt beobachten. Der Ruf einer Rohrdommel als Höhepunkt des Tages. Nicht sonderlich aufregend. Der virile „Macher“ Klaus Buch (rasant: Ulrich Tukur) belustigt sich drüber und geht lieber auf Segeltörns – am liebsten bei gehöriger Gischt oder gar mitten im Gewittersturm. Heißa!

Jeder Satz ein Gegen-Satz, jede Tat ein Affront. Klaus drängt Sabine zur Untreue, während Halm sich eher verdattert in dessen Gespielin Helene (Petra Schmidt-Schaller) verguckt. So lädt sich die missliche Konstellation auch noch sexuell auf. Halm wahrt eine Zeit lang krampfhaft die Selbstbeherrschung. Aber dann! In dem bisher so stillen Mann schwellen Todeswünsche an. Ulrich Noethen macht den Zwiespalt erschütternd glaubhaft. Da tun sich Risse auf.

Drehbuch und Darsteller mussten die vielen inneren Monologe der Novelle in Handlung, Gestik und Mimik übertragen. Dem Ensemble-Quartett gelingt dies mit Bravour, auch Martin Walser soll’s gefallen haben.

Hinter all dem Dampf-Geplauder lässt der famose Ulrich Tukur Spuren von Verzweiflung durchscheinen, als nehme dieser Klaus gerade seine letzten Chancen wahr. Wie aus dem Nichts ist er aufgetaucht, wie ein Spuk verschwindet er schließlich. Das Ehepaar Halm ist wieder mit seinen (nunmehr aufgewühlten) Enttäuschungen allein. Gehen sie einander an die Gurgel? Beinahe. Doch dann fassen sie einen geradezu heldenhaften Entschluss . . .




Über Bücher reden, die man nicht kennt

Für die etwas edleren Anlässe könnte es ein nützlicher Leitfaden sein. Der französische Literaturprofessor Pierre Bayard weist uns in eine Kulturtechnik ein, die viele schon immer beherrschen wollten. Sein Buch heißt klipp und klar „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat.”

Nun ist der Monsieur, wie gesagt, Professor. Er bietet keine Larifari-Ratschläge an. Mit hochkarätigen Beispielen aus der Literatur beweist er Schritt für Schritt, dass Lektüre eine sehr relative Angelegenheit ist. Am Rande: Ich habe sein Buch komplett gelesen. War’s vergeudete Lebenszeit?

Die Lektionen beginnen mit dem Romancier Robert Musil. Der ließ im Jahrhundertwerk „Der Mann ohne Eigenschaften” einen Bibliothekar auftreten, welcher angesichts der schier unendlichen Masse möglichen Lesestoffs just nur noch wenige, streng ausgesuchte Bücher las. Welche? Nur noch die, die ihm „Überblicks-Wissen” boten, mit dem man alle ungelesenen Bücher souverän einordnen und bewerten kann.

Völlig ohne Anstrengung geht’s also nicht. Man muss etwas gelesen haben, um danach über Ungelesenes reden zu können. Doch es drängt sich diese etwas frivole Schlussfolgerung auf: Romanführer oder Rezensionen bringen schnelleren Bescheidwisser-Effekt als lästig lange Originalwerke. Da genügt es, wenn man flott querliest. Bestenfalls.

Auch der berühmte französische Lyriker Paul Valéry wird in den Zeugenstand gerufen. Dieser Dichter hat umfangreiche Aufsätze und Nachrufe ganz bewusst ohne Kenntnis der jeweiligen Werke verfasst. Ein paar Seiten Marcel Proust („Auf der Suche nach der verlorenen Zeit”) reichten ihm, um über dessen schriftstellerisches Verfahren so zu dozieren, dass es halbwegs kundig klang. Probate Methode: Man schlägt irgend eine beliebige Seite auf – und findet überall eine typische Essenz des Autors.

Weiter geht’s mit Lernschritten anhand von Umberto Eco („Der Name der Rose”), Shakespeare und Montaigne („Essais”), der jede Lektüre so rasch vergaß, dass sein Lesen bald dem Niemals-Gelesenhaben glich. Daraus folgert Bayard, dass man erst gar keine Gewissensbisse haben soll, wenn man ein Buch nicht kennt. Man vergisst es ja eh.

Sodann betrachtet der Professor mehr oder weniger knifflige Gesprächssituationen, in denen literarische Kenntnisse gefragt sein könnten. Frech gewagt ist halb gewonnen, ermuntert uns Bayard – in schlau eingefädelten, doch etwas weitschweifigen Übungen.

Wenn wir über Literatur sprechen, hat ohnehin jeder sein eigenes, höchst fragmentarisches „Phantombuch” im Sinn. Eben das macht Gespräche ja anregend. Und wenn man den fraglichen Band gar nicht goutiert hat, macht das nichts. Im Gegenteil: Dann hat man sogar noch mehr Freiheiten beim Reden.

Auch die klügsten Gesprächspartner wissen längst nicht alles – genau wie wir selbst. Bildungslücken hat jeder, man muss sie beim Plaudern nur geschickt und selbstbewusst umschiffen. Willkür-Beispiel, nicht von Bayard: Einfach mal keck behaupten, dass Günter Grass ein Stümper ist. Wenn Widerspruch kommt, wird einem schon eine Replik einfallen. Es reicht ja, wenn man Grass mal im Fernsehen erlebt hat und von der Person aufs Werk schließt. Falls das nicht wirkt? Geordneter Rückzug mit „wissendem” Lächeln…

Die Rezepte taugen auch für Berufskritiker. Honoré de Balzac hat es im Journalisten-Roman „Verlorene Illusionen” gültig vorexerziert. Ein wendiger Rezensent preist und verreißt dort nach Gutdünken – ohne jemals in die Bücher geschaut zu haben. Das Ganze erweist sich als zynisches Spielchen um Macht und Einfluss. Wer „das Sagen hat”, kann jeden Unfug in die Welt setzen. Hat da jemand „Literaturpapst” gerufen?

Zwischendurch funkelt es auch schon mal ironisch, doch im Grunde meint Bayard es ernst. Erst recht am Ende, wenn es sinngemäß heißt: Jedes Buch ist letztlich nur Anstoß für ein Gespräch über uns und unser Leben. Man soll sich deshalb nicht sklavisch an Texte halten, sondern selbst schöpferisch werden. Klingt doch human.

Pierre Bayard „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat.” Kunstmann Verlag, 220 Seiten, 16,90 Euro.

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  • Bayard ist nicht nur Literaturprofessor in Paris, sondern auch seelenkundiger Psychoanalytiker. Sein Buch war in Frankreich ein Bestseller und erscheint jetzt gleich in dreizehn Ländern.
  • Ein prägnantes Zitat aus dem Buch stammt vom Schriftsteller Oscar Wilde, der empfahl, sich höchstens zehn Minuten mit einem Buch zu befassen: „Um Lage und Wert eines neuen Weines zu bestimmen, braucht man kein Fass leerzutrinken.”



Höchst vergnügliche Spracherziehung – Überzeugende Inszenierung des Musicals „My Fair Lady“ in Dortmund

Von Bernd Berke

Dortmund. Gewiss: Von Risikofreude zeugt es nicht, die Theatersaison mit dem Musical-Klassiker „My Fair Lady“ zu eröffnen. Doch warum sollte man das Publikum auch gleich verprellen? Es wäre fahrlässig. Drum gab’s am Samstag keine schwere Kost, sondern eine leckere Lockspeise, mehr noch: einen Schmaus im Dortmunder Opernhaus.

„Chefkoch“ beim reichlichen Mahl ist Regisseur Michael Jurgons. Er hat alle Zutaten beisammen, die nun einmal zu einem solchen Stück gehören. Die allzeit frisch grünende Musik (Leitung: Ralf Lange/ Chöre: Granville Walker) wird mit dem nötigen Schwung und Schmiss dargeboten, die Dortmunder Philharmoniker reißen nicht nur das Publikum, sondern spürbar auch die Darsteller mit.

Dazu gibt es ein animierendes Wechselspiel aus opulenten, eleganten und eher melancholisch verhaltenen Bildern (Bühne: Vinzenz Gertler/ Kostüme: Mascha Braun). Der Szenenaufbau drängt sich nie vor, sondern lässt viel Raum für Gewimmel und Gewusel. Wenn alle Beteiligten gleichzeitig über die Bühne wirbeln (Choreographie: Baris Karademir), dann weiß man gar nicht, wohin man zuerst schauen soll. Es ist ein wohlgeordnetes Chaos, selbstironische Momente Inbegriffen.

Vor allem aber ist von einer eminent starken Hauptdarstellerin zu berichten. Die junge Sopranistin Martina Schilling (Eliza Doolittle) ist ganz neu im Dortmunder Ensemble. Anfangs, wenn sie als Blumenmädchen und „Rinnsteinpflanze“ breitmäulig berlinert (so dass Professor Higgins irgendwann auf die Idee mit dem Sprachunterricht kommt), erschließen sich ihre besonderen Fähigkeiten noch nicht so deutlich.

Doch kaum, dass sie ihr erstes Lied anstimmt, wird strahlend klar: Das ist eine! Herrlich entspannt, charmant und scheinbar mühelos bewegt sie sich durch jede Tonlage bis in feine Verästelungen, meistert auch schwierige Passagen mit sternenklarer Artikulation. .Durch allen Schönklang spürt man dennoch freche Widerborstigkeit hindurch. Und es ist, als belebe sich von nun an auch ihr Spiel in den reinen Sprechpassagen. Bravo!

Mixtur aus Sprachliebe und Menschenverachtung: Professor Higgins hat mit dem Dialektforscher-Kollegen Oberst Pickering (Thomas Hölzl) gewettet, dass er Eliza einzig durch rigiden Sprach-Drill zur feinen Dame ummodeln dein kann. Ihre arrangierten Auftritte beim piekfeinen Pferderennen in Ascot und beim Diplomatenball sollen Proben aufs Exempel werden.

Für die Rolle dieses eingefleischten Junggesellen Higgins, der mit Frauen (und Dienstpersonal) ruppig und selbstherrlich umgeht, kehrt ein altgedienter Dortmunder Publikumsliebling als Gast aus Hamburg zurück: Jürgen Uter ist zwar kein begnadeter Sangeskünstler, er hat eben seine Stärken im Schauspiel. Doch wie er sich hier mit zumeist lässigem Sprechgesang nicht nur aus der Affäre zieht, sondern seinen Part differenziert gestaltet, das ist schlichtweg souverän.

Als ein weiteres Kraftzentrum der Aufführung erweist sich Andreas Becker, der Elizas Vater breitbeinig und lebensprall auf die Bühne stellt. Wollte man der Inszenierung vorwerfen, sie „aktualisiere“ die sanft sozialkritischen Anteile des Stoffes nicht genügend, so hätte man hier zumindest einen Gegenbeweis. Dieser Doolittle wirkt fast wie eine Brechtsche Figur, so ungefähr zwischen „Dreigroschenoper“ und „Puntila“.

Verdienter Publikumsjubel für diesen beachtlichen Saisonauftakt.

Termine: 7., 16., 22. Sept. / 7., 12., 19. und 31. Okt. Karten: 0231/50 27 222.

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HINTERGRUND

Klassiker des Genres

  • „My Fair Lady“ stammt von Frederick Loewe (Musik) und Alan Jay Lerner (Texte).
  • Das Musical wurde am 15. März 1957 in New York uraufgeführt und war entscheidend für den weltweiten Erfolg der ganzen Gattung.
  • Deutsche Erstaufführung: 1961 im Berliner „Theater des Westens“.
  • Berühmt wurde die Verfilmung(1963) mit Audrey Hepburn als Eliza Dooljttle.
  • Der Stoff geht auf George Bernard Shaws Theaterstück „Pygmalion“ zurück, das wiederum einen antiken Mythos aus den „Metamorphosen“ des Ovid aufgreift.