Ian McEwans Roman „Solar“: Verheddert und verkleistert

Michael Beard ist veritabler Nobelpreisträger für Physik. Doch sein Leben ist ziemlich verpfuscht. Seine Frau betrügt ihn – zunächst mit dem vierschrötigen Handwerker Tarpin, dann auch noch mit dem idealistischen Nachwuchs-Wissenschaftler Tom Aldous. Beruflich dümpelt Beard als Leiter eines unsinnigen Instituts nur noch halbwegs komfortabel dahin. Allmählich verfettet er und trinkt ohnehin zu viel Alkohol. Etwas Trost findet er beim einen oder anderen Weibe.

So ein Tropf ist die Hauptfigur in Ian McEwans Roman „Solar“. Der Titel verweist auf die allfällige Klimadebatte und auf die Sonnenenergie, welche die angebliche Apokalypse aufhalten soll. Beard ist in dieser Hinsicht äußerst skeptisch, wenn nicht gar zynisch. Er will sich einfach auf nichts mehr festlegen – weder wissenschaftlich noch erotisch. Auch eine (streckenweise hinreißend grotesk geschilderte) arktische Info-Reise im chaotischen Kreise wohlmeinender Klimakünstler überzeugt ihn nicht. Minus 26 Grad deuten nicht gerade auf Erderwärmung hin. Und die „grünen“ Traumtänzer können ja nicht mal in der kältegerechten Kleiderkammer Ordnung halten, geschweige denn auf dem Planeten.

Nun aber waltet das Schicksal: Wegen vorzeitiger Rückkehr von jener abenteuerlichen Tour ertappt Beard in seinem gar nicht mehr trauten Heim den erwähnten zweiten Liebhaber seiner Frau. Dieser lachhaft bezopfte Aldous schwadroniert sogleich von der nahenden Klimakatastrophe, die doch ungleich wichtiger sei als solcher Privatkram – und stürzt kurz darauf durch ein saublödes Missgeschick tödlich auf den Couchtisch. Beard überlegt kurz und handelt schnell: Falsche Spuren, die auf Liebhaber Nummer eins als Mörder hindeuten, sind im Nu gelegt. Tatsächlich kommt der unglückselige Tarpin in den Knast. Und Beard schickt sich unversehens an, die Ideen des Toten zur Sonnenenergie als seine eigenen zu verwerten. Künstliche Nachahmung der Photosynthese. Klingt doch gut und hat global Konjunktur. So endet der erste von drei Teilen, die anno 2000, 2005 und 2009 spielen.

Was haben wir da? Beziehungsdrama? Krimi? Gerichtsroman? Slapstick-Komödie? Wissenschafts-Klamotte? Öko-Satire?

Von allem etwas. Der sonst zumeist in allerhöchsten Rezensenten-Tönen gepriesene McEwan stochert und rührt mal hier, mal da. Er richtet ein diffuses Themen- und Genre-Ragout an. Für sich genommen, sind etliche Passagen unterhaltsam, stellenweise blitzt erzählerische Meisterschaft auf. In einigen Kapiteln fühlt man sich geradezu heimisch. Doch aufs Ganze gesehen, verliert und verheddert sich McEwan häufig in ziellosen, unproduktiven Abschweifungen. Er möchte seine Themenpalette breit ausmalen und zugleich fast alles hinterrücks ironisieren, ja pulverisieren, den Kuchen also gleichsam essen und behalten.

Im zweiten Teil finden sich unverständlich ausgiebige Exkurse zu Beards Ernährungssünden sowie über das bizarre „Duell“ um eine Chips-Tüte im Eisenbahnwaggon. Vollends unnötig ausufernd ist sodann die Schilderung eines Skandals im Zeichen der political correctness. Als Beard anzudeuten wagt, Männer seien womöglich aufgeschlossener für Physik als Frauen, stellt ihn eine Geisteswissenschaftlerin derart an den öffentlichen Pranger, dass er in den Medien bald nicht nur als Macho, sondern zudem als Rassist und Nazi gilt. Doch die rufmörderische Kampagne endet so plötzlich, wie sie begonnen hat. McEwan wollte halt nicht versäumen, auch diese Thematik noch abzuhandeln. Es ist, als hätte er Zeilen und Seiten schinden wollen. Manche Passage wirkt weniger erzählfreudig als geschwätzig.

Im dritten Teil spitzt sich das alles zu. Lauter lose Enden wollen jetzt entweder gekappt oder verknüpft sein. Vieles wird freilich nur verkleistert. Lediglich im Epilog des Romans (die einstige Nobelpreis-Lobrede auf Beard) steht, wie sich solch unentwirrbare Knoten aufs Glücklichste lösen lassen – nämlich verblüffend tänzerisch, indem alle Beteiligten im richtigen Moment loslassen.

Wahrhaftig kulminiert gegen Schluss die Wirrnis: Beards derzeitige Freundin Melissa erwartet (zu seinem Entsetzen) ein Kind. Tarpin wird aus dem Knast entlassen und heftet sich an Beards Fersen – gewiss doch mit rachedurstigen Mordgedanken? Mehr noch: Auf Beards Hand zeigen sich Symptome für Hautkrebs, die er lange ignoriert. Zwischendurch werden noch seine Kindheit und Jugend aufgerollt, als könnt’s ein Erklärmuster hergeben. Zudem wird erwogen, wie sich Natur- und Geisteswissenschaften zueinander verhalten – und die eigentliche Handlung muss ja auch noch vorangetrieben werden: Beard ist drauf und dran, ein vermeintlich weltweit beispielhaftes Energiezentrum in New Mexico (USA) zu gründen, wo er übrigens eine weitere Geliebte hat. Dreifacher Zangenangriff: Tarpin taucht mit finsterer Miene dort auf, gewiefte Anwälte wollen seine erschlichenen Patente anfechten und drohen mit hochnotpeinlichen Enthüllungen, Melissa und die inzwischen dreijährige Tochter sind gleichfalls im Anmarsch. Kommt es etwa zur zwischenmenschlichen Klimakatastrophe? Das wäre ja nicht auszudenken.

Ian McEwan: „Solar“. Roman. Diogenes Verlag, Zürich. 405 Seiten. 21,90 Euro.




Überall Bananen!

Heute ein weiterer Beitrag in der Reihe „Man muss nicht alle Künstler mögen.“

Vor einiger Zeit habe ich mich an dieser Stelle über Ottmar Hörl und seine Plastik-Viecher ereifert. Dessen Hervorbringungen sind aber noch gar nichts gegen die Monokultur des Thomas Baumgärtel. Der Mann hatte mal eine Idee, nämlich möglichst den ganzen Globus mit Bananen zu bedecken. Diesen Einfall verfolgt er seither mit Furcht erregender Besessenheit.

1983 begann es mit der „Kreuzigung einer Banane“. 1986 verzierte Baumgärtel erstmals einen Kunstort mit einer gesprayten Banane. Die gebogenen Schablonen hat er seither denkbar häufig eingesetzt. Man glaubt es kaum, wie sich dies zur Manie steigern konnte: Bis heute hat er rund 4000 Stätten (vornehmlich Museen und Galerien) bananig und bananisierend heimgesucht. Dafür ist er rastlos unterwegs zwischen Ruhrgebiet und New York, Berlin und Moskau, London und Mallorca. Und und und. Rette sich, wer kann.

Ziert eine Galerie in der Nachbarschaft: gesprayte Baumgärtel-Banane (Foto: Bernd Berke)

Ziert eine Galerie in der Nachbarschaft: gesprayte Baumgärtel-Banane (Foto: Bernd Berke)

Alles Banane: Baumgärtel schuf die Bananenwand und die Felsenbanane, er kreierte Bananenzimmer, Bananenautos und eine Bananenbrücke. Auch erfand er die Kunstrichtung des „Bananenpointillismus“, sorgte beizeiten für eine Bananensprengung und montierte eine Banane in die erhobenen Hände des Papstes. Er entwarf für seinen Wohnort Köln einen Karnevalswagen, auf dem eine Banane durchs Brandenburger Tor stößt bzw. (je nach Deutung) das berühmte Bauwerk vor dem Einsturz bewahrt. Zur Finanzkrise in Hellas gab’s von Baumgärtel die Griechenflagge mit dem gekrümmten Euro-Zeichen: € = Banane. Wenn das nicht subtil ist…

Auf seiner Internet-Seite http://www.bananensprayer.de dokumentiert Baumgärtel penibel jedes Projekt. Wer alles durchklickt, wird hinterher wahrscheinlich wochenlang keine Bananen mehr sehen wollen. Es ist, als würde man immer wieder den selben Witz hören.

Baumgärtel hat nicht nur Kunst (an der Fachhochschule Köln) studiert, sondern auch Psychologie an der Kölner Uni. Das mag ihm zupass kommen, wenn er Museumsleute und Galeristen von seinem immergleichen Tun überzeugen will. Sie müssen schließlich zustimmen. Bisher hat er noch die allermeisten überredet. Er ist wahrscheinlich ein netter Kerl. Einer, dem man halt die kleine Narrenfreiheit lässt. Nur, dass die sich auf Dauer penetrant potenziert.

Zudem finden sich notfalls immer ein paar Professoren, die – ob nun augenzwinkernd oder nicht – kunsthistorisch beglaubigte Gütesiegel ausstellen und Baumgärtel etwa in die Tradition von Dada, Duchamp oder Andy Warhol (Bananen-Cover für „Velvet Underground“) stellen. Geschenkt.

Mag sein, dass in der Inneren Mongolei noch keine Baumgärtel-Banane prangt. Sonst aber kann man seinen krummen Dingern schwerlich entkommen. Auch gleich bei mir um die Ecke leuchtet eine knallgelbe Frucht neben dem Eingang einer Galerie (siehe Foto). Immerhin halbwegs unaufdringlich, wenn auch herzlich nichtssagend. Doch just in Dortmund, das er leider besonders ins Herz geschlossen zu haben scheint, will Baumgärtel aufs Ganze gehen, indem er eine gigantische Bananen-Skulptur aus gelb eingefärbtem Stahl (ca. 30 Meter lang) in 65 Metern Höhe auf einem ausgedienten Hochofen anbringt. Sie wäre in weiten Teilen der Stadt grell sichtbar. Bewahre!

Während Baumgärtel für die Hochofen-Verhunzung noch Sponsoren sucht, ist gottlob ein anderes Vorhaben ähnlich monströsen Kalibers bereits abgelehnt worden: Aufs neue Wahrzeichen Dortmunds, das Kulturzentrum „Dortmunder U“, wollte er – na, was wohl?! – eine Riesenbanane setzen, die den goldenen Buchstaben „U“ penetriert hätte.

Es ist an der Zeit, die eine oder andere Bananigkeit (frei übersetzt: Banalität) zu verweigern. Und ich meine keineswegs die DDR, wenn ich ausrufe:

„Es lebe die bananenfreie Zone!“




Raddatz-Tagebücher: Im Haifischbecken der Literatur

Diese Lektüre hat sich hingezogen. 907 Seiten (plus Register) umfassen die Tagebücher der Jahre 1982-2001, die der Großkritiker, Autor und Publizist Fritz J. Raddatz jetzt vorgelegt hat. Es ist ein Wechselbad aus spannenden und ärgerlichen Passagen.

Frank Schirrmacher, FAZ-Mitherausgeber und früher FAZ-Kulturchef, wird auf der Rückseite des Buchs in goldenen Großbuchstaben zitiert: „Dies ist er endlich, der große Gesellschaftsroman der Bundesrepublik!“ Wie zum Dank für die jubelnde Empfehlung erscheint Schirrmacher in Raddatz‘ Tagebüchern nahezu als Lichtgestalt, als gebildet, höchst intelligent und allzeit gedankenschnell, überdies habe er zeitweise das beste Feuilleton der Republik geleitet. Beinahe so etwas wie eine jüngere Ausgabe seines Vorbildes Raddatz also.

Man kennt sich, man hilft sich? Nun ja. Meist ist das Gegenteil der Fall: Im grässlich eitlen, zunehmend verkommenen Kulturbetrieb, so jedenfalls der Grundtenor des gesamten Bandes, denke jeder nur an sich selbst. Hauen und Stechen, jeder gegen jeden. Da ist man als normalsterblicher Leser heilfroh, nicht mit bekannten Schriftstellern befreundet zu sein und nicht solche Imponier-Sätze notieren zu müssen: „Ich gebe auf dem Postamt Briefe an Grass, Botho Strauß, Hochhuth und Enzensberger auf…“ Pointe: Selbst der Postbeamte hieß (welch’ Zufall) Max Frisch.

Bloß nicht mit bekannten Autoren befreundet sein

Im Haifischbecken der egomanischen Literaten erkundigen sich selbst altgediente Freunde, wie etwa die Autoren Günter Grass oder Rolf Hochhuth, kaum einmal näher nach Arbeitsvorhaben und Befinden des Fritz J. Raddatz. Er leidet unter solcher Ignoranz wie ein Hund. Und nimmt permanent übel. Viele seiner Notizen sind (auch pekuniär besehen) buchstäblich „Abrechnungen“: Demnach würdigt man ihn stets zu wenig und lässt sich auch noch von ihm aushalten. Kaviar, Schampus oder edle Bordeaux-Weine gingen allzu oft auf seine Kappe. Ist er hingegen anderswo zu Gast, geht’s eher schäbig zu. Fast alle sind geizig, er ist großzügig. Du meine Güte!

Überaus leicht verletzliche Eitelkeit ist ein Wesenszug dieses Tagebuchschreibers, der darum ringt, nicht nur als erstklassiger Journalist, sondern als veritabler Schriftsteller zu gelten. Ergo: Ein eitler Pfau hält all den anderen Pfauen ihre Pfauenhaftigkeit vor. Und das über so viele Seiten hinweg. Es ist mitunter quälend. Gemildert wird die Suada bisweilen durch zerknirschte Selbsterkenntnis: „Ich habe mich in den Fäden der selbstgesponnenen Eitelkeit verfangen und finde nun aus diesem Netz nicht mehr heraus…“ Oder sogar: „Ich muß mich schon fragen, ob ich mich, meine angebliche Lebensleistung und meine nebbich Bedeutung, nicht enorm überschätze.“ Zwiespältiger Befund: „Weiß also nicht, was ich will. Man will ,beachtet‘ werden – und zugleich in Ruhe gelassen.“

Ungeachtet aller Widrigkeiten ging’s immer wieder frisch ins Getümmel. Über die Buchmesse jammern, aber sich jedes Jahr hinein stürzen. Auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten darf „man“ eben nicht fehlen. Doch manchmal übermannt Raddatz der Überdruss, der Ennui: In Zürich langweilen ihn die Museen, einschließlich der Cézanne-Bilder. Demonstrativer Seufzer des übersättigten Ästhetizisten: „Was soll man mir schon Neues bieten?“

Von 1977 bis 1985 war der frühere Rowohlt-Cheflektor Raddatz Feuilletonchef der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“. Es waren dort wohl die lebendigsten Jahre dieses Ressorts. Dank Raddatz‘ vielfältigen Verbindungen zu Akteuren des hassgeliebten Literaturbetriebs schrieben damals die erlauchtesten Geister regelmäßig für das Blatt. 1985 wurde Raddatz wegen eines gar nicht mal so gravierenden, sondern eher lässlich-lachhaften Fehlers als Ressortleiter geschasst (er hatte in einer Buchmesse-Glosse Goethe mit dem – seinerzeit noch nicht existierenden – Frankfurter Bahnhof in Verbindung gebracht), blieb aber Autor der Zeitung, mit offenbar bestens gepolstertem Spesenkonto.

„70. Geburtstag. Grabstein gekauft.“

Dennoch: Das Leiden am Karrierebruch füllt viele Seiten des Tagebuchs. Eigentlich kein Wunder, dass der zusehends wehleidige Raddatz die Entwicklung der „Zeit“-Redaktion fortan als Niedergang wahrnimmt; erst recht, als Sigrid Löffler das Feuilleton übernimmt. Sein Selbstwertgefühl ist angekratzt und muss mühsam behauptet werden, zudem verspürt Raddatz Anzeichen des Alters. Später heißt es einmal wunderbar lakonisch: „70. Geburtstag. Grabstein gekauft.“ Vergällte Lebenslust – allem Luxus zum Trotz. Gegen Melancholie helfen natürlich weder die kunstsinnig ausstaffierten Wohnungen in Hamburg, auf Sylt und in Nizza, noch die teuren Fahrzeuge (erst Porsche, dann Jaguar).

Und der „Gesellschaftsroman“? Raddatz zeigt uns zahllose Prominente aus Kultur und Politik in Nahansicht. Der Mann hat so gut wie alle gekannt, die Rang und Namen hatten. Wer mitunter brillant formulierte Sottisen über Deutschlands wirkliche und vermeintliche Elite sucht, wird reichlich fündig. Darüber hinaus bietet das Buch tatsächlich Bruchstücke oder Bausteine einer bundesrepublikanischen Sittengeschichte. Doch ein Roman ist das alles bei weitem nicht.

Schreckenskabinett betrüblicher Gestalten

Wollte man eine Negativ-Rangliste aufstellen, so wären „Spiegel“-Begründer Rudolf Augstein (angeblich auf seine älteren Tage ein erbärmlicher Alkoholiker), die einstige „Zeit“-Mitherausgeberin Marion Gräfin Dönhoff („Kuh“), der selbstverliebt schwatzhafte Rhetoriker Walter Jens, dito „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki, Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld und der hochmütige Germanist Hans Mayer einige der missliebigsten Figuren im Schreckenskabinett des Fritz J. Raddatz. Also vorwiegend Leute, die mit Raddatz um Kronjuwelen des Kulturbetriebs bzw. des Pressewesens rivalisier(t)en, so auch ein weiterer Kritiker-Kollege, der „miese Herr Karasek“ vom herzlich verachteten Schmutzblatt namens „Spiegel“. Namenlose Schreiberlinge sind in solchen Sphären ohnehin nicht satisfaktionsfähig.

Altkanzler und „Zeit“-Mitherausgeber Helmut Schmidt kommt nach Raddatz‘ Lesart – wie nahezu alle Politiker – als banausenhafter Simpel daher, TV-Promi Ulrich Wickert wird als ahnungsloser „Fernseh-Ansager“ vorgeführt. Raddatz bekundet, von tagtäglichen Politiker-Sorgen nichts wissen zu wollen, denn – so wörtlich – „man will ja auch nicht die Sorgen der Müllabfuhrmänner hören.“ Klar, mit denen kann man ja nicht über James Joyce oder die besten Bordeaux-Lagen reden. Zu solchem Dünkel passt diese Notiz von einer Lesereise: „Mich interessiert ‚mein Publikum‘ nicht; sie sollen lesen und die Klappe halten.“

Einmal in Fahrt, schmäht Raddatz auch Klassiker der Literatur als mindere Skribenten, so u. a. Tolstoi, Montaigne, Balzac, Proust und Roland Barthes. Wie denn überhaupt Frankreich vorwiegend mit Oberflächlichkeit assoziiert wird. Ein alter, erzdeutscher Topos, erstaunlich beim erklärten Linken Raddatz. Im Zuge der deutschen „Wende“ 1989/90 ereilt der Bannstrahl (Stichwort „Stasi-Connection“) auch Heiner Müller und Christa Wolf. Mehr Abschätziges gefällig? Nur wenige Beispiele: Dürrenmatt ist „etwas dumm“ (S. 83), Thomas Bernhard ein bloßer Literatur-Clown (S. 278), Adolf Muschg flach (S. 510), Fontanes Tagebücher sind nichtssagend (S. 579), Elfriede Jelinek ist läppisch und infam (S. 663), Kavafis banal (S. 724), das „Bürschlein“ Harry Rowohlt lediglich „von Beruf Erbe“ (S. 816).

Nur selten, aber immerhin blitzt zwischen all den harschen, längst nicht immer triftigen, ja oft haltlosen Urteilen auch Selbstkritik auf: „Oder irre ich mich aus Verdrossenheit?“ Zum Ausgleich werden ein Autor wie Kurt Drawert oder der eng befreundete Maler Paul Wunderlich in hohen Tönen gelobt. Stimmen hier noch die Maßstäbe?

Wenn Raddatz seine Schwester (Kosename „Schnecke“) schildert, genießt man einige der besten Passagen des Buches. Doch manchmal trägt er Privates unangenehm stolzgeschwellt zu Markte. So renommiert der schwule Kulturkritiker damit, dass er es in jüngeren Jahren u. a. mit Größen wie dem Beat-Poeten Allen Ginsberg oder dem Tänzer Rudolf Nurejew getrieben habe. Vollends peinlich ist das sexuelle Eigenlob auf dem Umweg über „Stimmen zum Spiel“: Raddatz lässt wissen, dass viele Herrschaften ihn als jeweils besten Liebhaber ihres Lebens bezeichnet hätten (S. 749).

Das üppige Textkonvolut hätte man kürzen können, es ist hie und da arg wiederholungsträchtig. Dann wäre Platz gewesen für erläuternde Anmerkungen (und aussagekräftige Fotografien), die man schmerzlich vermisst. Schon heute sind etliche Personen und Vorfälle nicht mehr vielen Menschen geläufig, in ein paar Jahren werden sie noch mehr verblasst sein.

Fritz J. Raddatz: „Tagebücher 1982-2001“. Rowohlt Verlag. 939 Seiten. 34,95 Euro.




Stilp!

Es ist von einem seltsamen Phänomen zu berichten. Entfernt ähnelt es dem von Axel Hacke vielfach dargestellten „Wumbaba“-Effekt: Bei Liedtexten kann man sich gehörig verhören, so dass etwa in Matthias Claudius‘ „Abendlied“ („Der Mond ist aufgegangen“) die Zeilen „Und aus den Wiesen steiget / Der weiße Nebel wunderbar“ zum politisch nicht ganz korrekten „Und aus der Isar steiget / Der weiße Neger Wumbaba“ geraten.

Nun zur artverwandten Erscheinung, die einer Kippfigur gleicht, welche (je nach Betrachtungsweise) vexierbildhaft umschlägt: Seit Jahren widerfährt mir dies an der A 40 in Essen, wo ein abgestellter Anhänger für ein örtliches Möbelhaus wirbt, das „Stilphase“ heißt. In Worten: „Stil-Phase“. Doch diesen Aspekt muss ich mir eigens aufsagen. Denn unwillkürlich lese ich im Vorüberfahren stets nur „Stilp-Hase“ und martere mich seither mit der Frage, was das denn für ein Tier sei.

Zur Güte schlage ich vor, dass ein neues Verb „stilpen“ in die Wörterbücher aufgenommen wird. Ferner möge dort die Eigenschaft „stilpig“ festgehalten werden, meinetwegen auch in der Ableitung „stilphaftig“. Ein Mensch (oder Tier) von stilpiger Wesensart sollte kurzerhand als „Stilp“ bezeichnet werden. Beispielsweise als Stilp-Hase. Mehr will ich ja gar nicht.

Was „Stilp“ denn eigentlich bedeute? Nun, zu solchen Festlegungen kommen wir eventuell später. Warum denn immer gleich alles definieren?