Griechischer Finanz-Krimi: Weiße Rosen waren gestern

Faule Kredite
In die Zeit, in der um die Verabschiedung des zweiten Griechenland-Hilfspaketes gerungen wird, Finanzmärkte stündlich die Farbe wechseln, Anleihen keine Option mehr sind, genau in diese Zeit fällt die deutschsprachige Veröffentlichung von Petros Markaris sechstem „Kostas Charitos“-Roman. In „Faule Kredite“ schickt der Autor seinen Kommissar mitten in die Athener Bankenwelt.

Die griechische Finanzwelt steckt in einer der schlimmsten denkbaren Krisen. Die Stimmung in Athen ist aufgeheizt. Täglich wird auf den großen Plätzen demonstriert, Aufrufe zum Bankenboykott werden in der ganzen Stadt plakatiert. Als ob das nicht Bewährungsprobe genug wäre, erschüttert eine Mordserie an Bankern und Finanziers die Stadt. Vier ranghohe Manager, allesamt Symbolfiguren für Korruption und Mißwirtschaft, werden nacheinander mit einem Säbel enthauptet. Charitos glaubt an einen persönlichen Rachefeldzug. Der Tod in Athen kommt heutzutage auf Kredit und bringt keine mythologisch verklärten Märtyrer mehr hervor. Mit dieser Meinung steht der Herr Kommissar zunächst einmal recht alleine da. So darf er sich zu allem Überfluss auch noch mit der Terrorabwehr mehrerer Staaten, diversen Ministerien und Botschaften herumschlagen. Darüberhinaus ist auch sein Privatleben nicht gerade von Spannungen frei. Die Krise hinterlässt auch hier ihre Spuren.

„Nur die ersten 80 Jahre sind hart. Ab dann hast Du für immer Deine Ruhe“ – sagt Charitos‘ lebenskluge Gattin Adriani. Sein Kollege greift zu noch drastischerem Trost “ ….wir zählen doch zu den PIIGS Staaten. Aber im Schweinestall lebt es sich immer noch besser als im Haifischbecken. Bislang haben wir versucht, dort mitzuschwimmen, aber wir sind kläglich abgesoffen. Schweine können eben nicht schwimmen.“ So kann man die aktuelle griechische Tragödie natürlich auch kurzfassen. Mit diesen und ähnlich schicken Wortbildern läßt Markaris seine Protagonisten über die aktuelle Krise diskutieren und an ihr leiden.

Markaris – intellektueller Weltbürger, einer der wichtigsten Autoren zeitgenössischer griechischer Literatur, als Übersetzer von Goethe und Brecht der deutschen Sprache fließend mächtig – ist durch seine Kostas-Charitos-Krimis europaweit bekannt geworden. Wie kein anderer ist er gerade hierzulande als Interviewpartner gefragt, wenn es darum geht, den Deutschen zu erläutern, wie die Griechen ticken. Nur folgerichtig, dass der Diogenes Verlag die deutschsprachige Veröffentlichung dieses allerersten Romans überhaupt zur Krise auf Anfang Juli vorgezogen hat. Die Zeit, die deutsche Fassung höchstpersönlich gemeinsam mit der sorgsamen Übersetzerin Michaela Prinzinger durchzusehen, hat der Autor sich dennoch genommen. Faule Kredite ist erst der Auftakt. Wie Markaris in mehreren Interviews ankündigte, arbeitet er an einer Trilogie der Krise, welche diese als Alltagsphänomen betrachtet wissen will. Da passt es gut, dass bereits in Teil eins das Renteneintrittsalter für hellenische Polizisten um fünf Jahre heraufgesetzt wurde. Nun hat er also noch genug Zeit, der Brunetti Griechenlands, für die Herkules-Aufgabe, die Krise zu beschreiben und zu reflektieren.

Der Roman ist im Präsens geschrieben. Somit ist klar – an eine Reflexion wagt Markaris sich (noch) nicht. Vielmehr serviert er dem Leser eine kriminaltechnisch aufbereitete Bestandsaufnahme neugriechischer Befindlichkeiten. Markaris erzählt unaufgeregt lakonisch, ohne larmoyant zu sein. Mit einem leichten Augenzwinkern blickt er auf sein Land. Der Zeigefinger ist manchmal mahnend, aber immer charmant erhoben. Sein Resümee ist eher humorvoll satirisch als zynisch resigniert. „Ob Krise oder nicht, die Griechen konsumieren gerne im Voraus, leben gerne von Vorschüssen und Vorauszahlungen. Ein Kredit ist nichts als eine übliche Einnahmequelle.“

Die kriminelle Rahmenhandlung jedoch ist ihm eher Mittel zum Zweck. Die eigentliche Handlung ist streckenweise hölzern konstruiert, Ausflüge in die Halbwelten dopingverdächtiger Leistungssportler und illegaler Migranten erzeugen Längen und erschweren die Abrundung des Plots. Der entlarvte Drahtzieher erweist sich zum Schluß als – wer hätte das gedacht – moralisch bewegter Täter. Nur sein Motiv ist arg weit hergeholt. Nicht umsonst schickt er der Erläuterung seines Motivs den Zusatz „Ich will es Ihnen erklären, obwohl Sie mich möglicherweise nicht verstehen werden“ voraus. Gut verständlich aufbereitet hingegen die sorgfältig recherchierten wirtschafts- und finanzpolitischen Hintergründe.

Das letzte Wort im Roman hat Gattin Adriani: „Da kann die Troika sagen, was sie will. In Athen kann kann Dir Vitamin B das Leben retten“. Ja, so ist das wohl. Weiße Rosen waren gestern.

Petros Markaris: „Faule Kredite“. Diogenes Verlag, Zürich. 397 Seiten. € 22,90




Georg Stefan Troller: „Tagebuch mit Menschen“

„Tagebuch mit Menschen“ –

unvergessen ein Artikel in einem der deutschen Eliteblätter – sei es nun
FAZ oder SZ oder, oder … zum „Buch der Tagebücher“,
also zum Tagebuch überhaupt.

Wofür braucht der Leser ein Tagebuch,
wofür möchte er darin lesen?

Private Schnulzenschau, oder darf es doch etwas mehr sein?

Dann irgendwie glitt der Autor ab in einen Rundumschlag,
warum auch immer.
Ach, diese Tagebücher, diese Rotzerei, dieses ewige Zurschaustellen.

An der Stelle mochte ich dem Journalisten nicht mehr folgen,
war er wohl Opfer seiner angedachten, phantasierten,
verinnerlichten Vorstellung von Objektivität geworden.

Vielleicht hatte er auch für jenen Artikel, dem das „Buch der Tagebücher“
zugrunde lag, sich mit einer Auswahl beschäftigen müssen,
die ihn einfach nicht begeisterte.

Vielleicht war er aber auch ein nicht begeisterungsfähiger Mensch?

Diesen Eindruck kann man häufig bei Journalisten antreffen.
Warum das so ist, bleibt zunächst dahin gestellt.

Ich erinnerte mich an das „Tagebuch mit Menschen“ – also
Georg Stefan Trollers Buch „Personenbeschreibung“ –
welches man durchaus als Sternstunde des deutschsprachigen
Journalismus bezeichnen kann und es auch tun sollte.

So wohltuend sich abhebend von journalistischer Überheblichkeit,
von den alltäglich niedergeschriebenen Gedankenfürzen
bis hin zu intellektuellen Akrobatiken,
denen kaum ein Mensch noch folgen kann, noch will,
außer der Journalist selbst,
der einen hohen Wert auf Selbstbefriedigung legt.

Bei Troller ticken die Uhren anders, weil sie in seinem Leben
schon immer anders getickt haben,
als es der Mainstream hergibt, verlangt, predigt und feiert.

Aufgrund biografischer Erfahrungen mit deutscher Überheblichkeit
und Arroganz, ihnen gegenüber kritisch eingestellt und sich dennoch dem
deutschsprachigem Raum heimatlich verbunden gefühlt,
hatte er, hat er Vergleichswerte, die der gemeine Journalist
so in der Regel nicht hat.
Und das merkt man beim Lesen…

Hier also – in seinen Personenbeschreibungen zu finden –
eine Art Zusammenfließen von subjektiven und objektiven
Wahrnehmungen, die miteinander auf vielfältige Art und Weise
verbunden werden,
also eben nicht jene gern praktizierte Aufspaltung
zwischen Individualität und scheinbar objektivierbaren Fakten,
die der Darstellung komplizierter, komplexer Vorgänge nicht würdig ist.

Da der Durchschnittsjournalismus,​ der bis in höchsten Etagen reicht,
mit einer zweifelhaften Geistes- und Fingerfertigkeit solche Probleme
im Handumdrehen erledigt, ist die Lektüre von Georg Stefan Troller
eine wohltuende Abwechslung, kurativ, aber eben keine leichte Kost.
Dennoch nie unterschlagend, mit einer guten Prise Humor versehen,
inklusive Selbstironie, eine erhellende wie erheiternde Reise
durch ein reichhaltiges Leben.

So musste man eben entdecken wollen,
dann würde man auch entdecken…

Und an manchen Stellen dieser Reise würde man einfach
nur schweigen, weil das Dargestellte es so verlangt.

Aber dieser Forderung nachzukommen, erscheint in heutigen Zeiten
ungefähr so unmöglich, wie die Abschaffung des Privatfernsehens,
sofern es sich nicht selbst abschafft,
indem es immer mehr Verrückte produziert,
die eben nicht ihre Klappe halten können,
sondern sich berufen fühlen und vor allem berufen werden,
sich öffentlich – und das alltäglich – auszukotzen,
ohne kurativen Wert.

So dann auch die Frage an die vermeintlich Intellektuellen gestellt,
was sie gedenken zu tun,
angesichts dieser Lage, die man ohne zu übertreiben als
dramatisch bezeichnen darf, aber eben auf eine andere Art als
schon bekannt.

Man müsste also hineingehen ins Desaster, was nie schön ist.
Aber genau da gehört der Journalist hin,
wenn er oder sie – Aussagekraft entwickeln möchte.
An dieser Wegkreuzung kann sich kein Journalist vorbeimogeln,
ohne Schaden zu nehmen und Schaden zu verursachen.

Foto / Text: Stefan Dernbach ( LiteraTour )

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