„Grau“ von Jasper Fforde: Ansichten einer künftigen Diktatur

Ein Mann sieht rot.  Das ist auch gut so, denn Eddie Russett lebt in einer Welt, in der Farbe zu einer Ware geworden ist, welche die soziale Hackordnung bestimmt. Eine Welt, in der Machtbefugnisse alleine darauf basieren, welche Farbe man wie gut sehen kann.

Der walisische Autor Jasper Fforde (weltbekannt geworden mit „Der Fall Jane Eyre“ und weiteren „Thursday next“-Romanen) baut in seinem neuen Roman „Grau“ eine perfekt entworfene fiktionale Welt, überbordend vor Ideenreichtum und Phantasie. In seiner Anti-Utopie veranschaulicht er erschreckend, wie eine Diktatur funktioniert, was sie sympathisch macht und was angreifbar. Zum Beispiel die unüberschätzbare Macht der Neugier und der Wahrheit.

Vor kurzem machte das Bochumer Literaturmagazin Macondo sich selbst und zahlreich erschienenen Zuhörern in der Bochumer Rotunde die Freude einer ganz besonderen Lust am Hören. Jasper Fforde, den Macondo seit Anfang begleitet, inszenierte gemeinsam mit dem Schauspieler und Sprecher Oliver Rohrbeck eine bilinguale Lesereise. Fforde las aus der englischen Originalfassung „Shades of grey“ , Rohrbeck aus der von Thomas Stegers klug übersetzten deutschsprachigen Version.

Fforde erzählte eingangs von einem Hamlet-Experiment der besonderen Art. Vor etlichen Jahren habe es ein Treffen zahlreicher Hamlet-Darsteller aus etlichen Ländern gegeben, die jeder in ihrer eigenen Sprache Teile der berühmten Monologe darboten und trotz des babylonischen Sprachgewirrs sich in ihrer Darbietung blind verstanden. In Bochum erlebten wir die Premiere eines ähnlichen Experiments, in dem Fforde und Rohrbeck  einen Dialog aus „Grau“ zweisprachig vortrugen – was in der Tat erstaunlich gut funktionierte. Oliver Rohrbeck – bekannt als deutsche Synchronstimme Ben Stillers und vor allem durch seine Rolle des Detektivs Justus Jonas in der Hörspielserie „die drei ???“ – hat auch das Hörbuch zu „Grau“ eingelesen. Wie sehr ihm der widerspenstige Eddie Russett ans Herz gewachsen ist, zeigte seine wirklich Spaß machende Darbietung, die für mich ruhig hätte länger sein dürfen.

Dafür gab Fforde über die Lesung der grauen Kapitel hinaus spannende Einblicke in sein Schaffen. Die Tatsache, dass das Publikum trotz der Sprachbarriere wie gebannt an seinen Lippen hing, unterstrich eindrucksvoll, dass dieser Mann wahrhaft ein geborener Erzähler ist. So erzählte er von seiner Freude an ausgefallenen Gedankenspielen mit der „cold logic of the nonsense of the world“. In seinen bisherigen Werken habe er immer mit etwas gespielt, was bereits im Kopf der Leser sei und dabei versucht, die Vergangenheit zu ändern. Mit der Trilogie um Eddie Russett versucht er nun erstmals, eine Zukunft zu formen. Erschreckend einfach sei es gewesen, eine Hierarchie zu erfinden. Auf die Farbwahrnehmung als Grundlage für eine neue Gesellschaftsordnung kam er, weil Farben im Grunde nutzlos sind. Nichts als ein gutes Beispiel für „the way, we make a sense of the world“.

So ganz lässt ihn die Vergangenheit jedoch nicht los. Auch in „Grau“ findet man Anspielungen auf frühere Werke, so mit dem „red room/ green room“ auf Jane Eyre. Fforde ist ein Autor , der nicht nur in seinem Romanen gerne zwischen Welten gratwandert. Die vorgeblichen Grenzen zwischen „U“- und „E “ Literatur interessieren ihn nicht,  ein Autor von seiner Belesenheit und seiner Sprachmächtigkeit lässt sich davon nicht im Geringsten beeindrucken. Satz des Abends: „I love silly things. Silly! Not stupid.“

„Grau“ ist ein Buch, welches den Leser zwar so manches Mal in seiner Abstrusität befremdet, in seiner Konsequenz und vor allem in seinem Wiedererkennungswert fast schon genial ist. Darüberhinaus ist Fforde definitiv „einer der Glücksfälle, in denen gute Literatur und sympathischer Autor zusammentreffen.“ (Zitat Macondo).

Stimmungsvolle Bilder des Abends, welche unter anderem auch zeigen,  welche Konzentration unsere  „Revierpassagen“ bei der Widmung erforderten, bei Macondo.

Jasper Fforde: „Grau“. Roman. Eichborn Verlag, 490 Seiten, €19,95

 




Hurra, hurra, „KT“ ist wieder da!

Der Gnade eines herbstlichen Himmels sei Dank: Wir haben ihn zurück, unseren lächelnden, Demut chargierenden, Fehler eingestehenden, dem Haargel entsagenden, neu frisierten Freiherrn. Woher bitte sehr könnte sich auch sonst eine BILD politisch nach Sinn heischende und dennoch endpopuläre Bilder klauben, wie bitte sehr gelänge es den anscheinend ZEITlosen der gleichnamigen Gazette, dem als mega-intellektuell vorverurteiltem Blatt, einen Hauch von Boulevard zu verpassen. „KT“, mittlerweile wohlvertraute Kurzfassung eines ellenlang getauften Adelssprosses mit wilder Entschlossenheit zur Rückkehr in die Bundespolitik, ist wieder da, frisch wie ehedem, geliebt, was nur wenige freudig zugeben, gefürchtet, was nur Horst Seehofer zugibt und vermisst, was die Medien zwar nicht zugeben, aber so schreiben und titeln, dass der Eindruck sich aufdrängt.

Groß aufgemacht: Guttenberg-Story in der heute erschienenen "Zeit" (Foto: Bernd Berke)

Groß aufgemacht: Guttenberg-Story in der heute erschienenen "Zeit" (Foto: Bernd Berke)

Und wir Medialen, mal so als Ganzes betrachtet, wir tun so ziemlich alles dazu, dass diesem Abschreiber, diesem Gedankendieb, diesem blendend daher schreitenden Weltreisenden in Sachen Politik, auch noch verzeihende Zeilen gewidmet werden. Herrn zu Guttenbergs strafwürdige Plagiate werden „Affäre“ betitelt, so als wäre das ein Nebenher-Bumms gewesen. Staatsanwälte halten das Vergehen, das sie vermutlich bei Heinz Kasuppke mit einer einstweiligen Erschießung bedroht hätten, für wenig gesellschaftsbedrohlich, da „ja kein materieller Schaden entstanden“ sei. Obwohl gerade das beim Urheberrecht gar nicht relevant ist. Funk, Fernsehen und Printmedien überschlagen sich, weil der elder statesman mit jugendlicher Anmutung die Politik der Bundesregierung bekrittelt – kann man machen, aber er?

Seien wir mal nüchtern. Unsere Medien sind genauso konditioniert wie vor acht Monaten, als der copy-and-paste-Doktor ins Gerede kam. „KT“ ist genauso mittelmäßig wie vor 14 Monaten, als er in Mediengerede kam. Sowohl Medien als auch „KT“ als ihr Produkt, Objekt, Marionette haben kaum mehr von dem, was ihre Kaste einmal auszeichnete. Kompetenz und Qualität. Ob Kurt Schumacher oder Ludwig Erhard, sie hätten heute keinerlei Chance mehr auf öffentlich wirksame Darstellung – nicht glamourös genug. Und diejenigen, die über sie berichteten, hätten es bei den heutigen Medien extrem schwer: Sie verstanden, worüber sie schrieben.

Noch mal zurück zu „KT“ und der aktuellen Promotion-Kampagne. Bewahre uns alle bloß davor, einen Westentaschen-Berlusconi im Adelsformat an wesentliche Positionen gelangen zu lassen. Auch wenn Helmut Schmidt über sich selbst sagte, er habe sich bisweilen als „Staatsschauspieler“ gefühlt. Er, Schmidt, konnte sich selbst schnell wieder vom Kopf auf die Füße stellen. „KT“ traue ich in dieser wie in anderer Hinsicht so ziemlich nichts zu. Sagt die Klarheit, Medien: Der Mann ist ein Schaumschläger mit plagiativer Energie.