Carla Bley auf dem Moers Festival

An der Uraufführung von Carla Bleys neuster Komposition „La Leçon Française“ gäbe es nichts zu kritisieren, hätten die Veranstalter nicht – in Absprache mit der Künstlerin oder ohne ihr Wissen? – in der Programm-Ankündigung die Frage gestellt, ob es sich bei dem neuen Stück um „eine Fortsetzung zu ihrem epochalen Werk ‚Escalator Over The Hill‘“ handeln könnte. Die überspannten Erwartungen taten der Aufführung nicht gut.

Vergleiche mit der vor vierzig Jahren als Dreifachalbum erschienenen Jazz-Oper verbieten sich schon wegen der ungleichen Voraussetzungen. Nicht nur, weil eine solche Aufführung heute ohne Don Preston auskommen muss, den inzwischen bald achtzigjährigen Pionier am damals noch neuen Moog-Synthesizer, und ohne die Gitarrenlegende Jack Bruce, ohne den gerade frisch bekehrten „Mahavishnu“ John McLaughlin, ohne einen Charlie Haden am Bass, ohne den Schlagzeuger Paul Motian, ohne Don Cherry, ohne die aus Andy-Warhol-Filmen bekannte „Viva“ und so viele andere. Das war ja bei der Bühnenfassung von „Escalator over the Hill“ von 1997 in Köln oder 2006 in der Philharmonie Essen nicht anders.

Von der Länge her und im Programmablauf des Moers Festivals eingebettet zwischen einem bezaubernden Solo-Auftritt des Cellisten Erik Friedlander und den experimentierfreudigen und wirklich neue Musik schaffenden „Rocket Science“ mit dem Trompeter Peter Evans, dem Saxofonisten/Klarinettisten Evan Parker, dem radikalen Craig Taborn am Piano und Sam Pluta an der Elektronik aber war die als Höhepunkt des Festivals angekündigte 45-minütige Weltpremiere von „La Leçon Française“ nur ein guter Act zwischen anderen.

Dass die ausgezeichneten Musiker der schwedischen Bohuslän Big Band noch nicht genügend Gelegenheit hatten, sich dem Ruhm der Alt-Stars, die 1971 an den Aufnahmen zum „Escalator“ beteiligt waren, anzunähern, kann man ihnen nicht vorwerfen. Die Soli wie das Ensemble der Bläsergruppe waren exzellent.

Eine besonders gute Idee war es, für die Aufführung der simulierten Französischstunde echte Schüler zu wählen, die auf das Zeichen des Dirigenten – stellvertretend für den Lehrer – zu ihren Einsätze aufstehen und sich anschließend wieder hinsetzen mussten. Wer wie der gequälte Zehnjährige mit den mittellangen blonden Haaren das Pech hatte, auf der Stufe des schmalen Podests direkt hinter dem Dreifuß des Mikrofonständers zu sitzen, dürfte mehr Sorge gehabt haben, gegen das wacklige Gestell zu stoßen, als dass er die Ehre hätte genießen können, gemeinsam mit der berühmten Carla Bley an der Uraufführung eines möglicherweise epochalen Werks beteiligt zu sein.

Von meinem Sitzplatz aus hatte ich den Knabenchor der Chorakademie Dortmund (im Programmheft als „Dortmund Choral Academy Boys Choir“) direkt vor Augen, während Carla Bley die meiste Zeit von ihrem Konzertflügel verdeckt war. Vielleicht lagen die Dortmunder Schulknaben – soweit ich die Gelassenheit auf ihren Gesichtern nicht fehlinterpretiere – in ihrer Einschätzung der Bedeutung des Werks ganz richtig, wenn sie, anders als die Musiker der Bohuslän Big Band, aus dem zwischendurch immer wieder aufbrausenden Applaus des Publikums keinerlei Bestätigung zu erfahren schienen. Sie sangen sauber und gut und erfüllten ordentlich ihre Aufgabe, inklusive des schulmäßigen Auftretens und Abgehens und der eingeübten Verbeugung beim Schlussapplaus. „La Leçon Française“ – nicht epochal, aber nett.

Einer der langjährigen Mitstreiter Carla Bleys war übrigens doch an der Aufführung beteiligt: Ihr Lebenspartner am gütigen E-Bass, Steve Swallow, mit dem die Komponistin bereits am Freitagabend neben dem ebenfalls routinierten Andy Sheppard (Saxofon) als Trio aufgetreten war. Beide Konzerte Carly Bleys auf dem Moers Festival bewiesen einmal mehr ihre Weltklasse. Die Musik neu zu erfinden aber haben andere Kreative übernommen.

Carly Bley: „La Leçon Française“
Carla Bley cond + p, Steve Swallow, b (us)
Bohuslän Big Band (se) & Dortmund Choral Academy Boys Choir (de)
Moers Festival

Carla Bley in Moers, 27. Mai 2012, Foto: W. Cz.

Knabenchor der Chorakademie Dortmund auf dem Moers Festival 2012 neben Musikern der Bohuslän Big Band aus Schweden; Foto: W.Cz.




Romy Schneider starb vor 30 Jahren: Sie war eine große Künstlerin

30. Oktober 1974: Boxlegende Bubi Scholz, Schauspieler und Regisseur Burkhart Driest, dessen durchaus freundlich wirkende Augen aus einem Gesicht blicken, das anmutet, als habe es 12 Profirunden mit eben jenem Bubi überstanden und Romy Schneider talken sich (souverän geführt von Dietmar Schönherr) durch den Abend, der ja bekanntlich immer später wird, je schöner die Gäste sind.

Ein Gast indes wird an diesem Abend im Minutentakt schöner und beginnt langsam, aber sicher unverhohlen den Herrn Driest anzuglühen, was mir als Betrachter der Szene missbehagt und mir mal wieder Illusionen raubt, denn schon geraume Zeit glühe ich sie an, die Diva, den Superstar, die Kultschauspielerin Romy Schneider – natürlich nur aus der Ferne. Und dann entschlüpfen ihr die legendären Sätze: „Sie gefallen mir! Sie gefallen mir sogar sehr!“ Wobei sie mit der zarten Hand auf Burkhart Driests lederbejackten Arm tappt.

Vor 30 Jahren, acht Jahre nach diesem TV-Auftritt, starb Rosemarie Magdalena Albach, wie Romy Schneider bürgerlich gerufen wurde, weil ihr Talentgeber väterlicherseits Josef Albach-Retty war, den sie aber ebenso wenig als Vater erlebte wie Magda Schneider (der man heftiges Führer-Anhimmeln nachsagte) als ihre Mutter. Mehrheitsdeutschland verlor die „Sissi“, unseres Landes kleinerer Bevölkerungsanteil und ganz Europa eine brillante Schauspielerin, die in Frankreich sowohl vom Publikum als auch von der Kollegenschaft geradezu verehrt wurde.

Und doch, dahoam wurde sie bis heute mit den Kinokassenschlagern von Ernst Marischka verbunden, assoziiert noch immer schier jedermann und jede Frau die süße „Sissi“, wenn ihr Name fällt. Dabei freuten sich Regisseure wie Luchino Visconti, Claude Sautet, Orson Welles oder Otto Preminger, wenn sie Romy Schneider für eine Rolle verpflichten konnten. Und selbst so eine deutsche Filmikone wie Hans Albers japste einst nach dem gemeinsamen Spiel: „Das war nicht mein Film, das war ihr Film!“

Und während sie zum Unwohlsein vieler Deutscher, der gesamten deutschen Filmindustrie und eines einzelnen Herrn, gemeint ist ihr geschäftstüchtiger Stiefvater Hans Herbert Blatzheim, dem väterliche Freude über das Glück der (Stief)tochter fremd war, dafür aber die fremdverantwortete Überfüllung des eigenen Portemonnaies lieber, während sie dem „Sissi“-Image entsagte, weitere Aufgüsse dieses Jugenderfolgs ablehnte wurde sie beruflich immer besser und persönlich schöner. Unvergessen unter vielen anderen Filmen – zumindest für mich – ihre böse Laszivität in „Der Swimmingpool“ mit Alain Delon, dem sie Jahre zuvor sehr nahe war. Delon sorgte vor 30 Jahren dafür, dass Romy würdig ins Grab kam, er war ihr Freund geblieben.

Irgendwie straft deutsches Publikum Stars ab, die nicht heimattreu und blutbodenhaftend genug sind. So jedenfalls hat es den Anschein, z.B. auch Marlene Dietrich. Ziemlich still und wenig bewundernd vergehen Gedenktage unter anderem von Romy Schneider. Allenfalls käme irgendein Fernsehsender auf die großartige Idee, die „Sissi“-Trilogie zu wiederholen. „Trio infernal“ hingegen kennen zwar manche Ältere noch, aber dass der auch mit Romy Schneider war, kommt bisweilen überraschend.

Romy Schneider, sie führte ein ungeheures künstlerisches Leben und hat jeden ihrer Tagebucheinträge aus der Jugendzeit eins zu eins in Realität umgesetzt. Sie führte privat ein trauriges Leben, mit selbstsüchtigen Eltern, Stiefvätern, Liebhabern und musste liebste Menschen sterben sehen, obwohl noch viel vor ihnen lag. Wohl deshalb umkränzte man in der Öffentlichkeit ihren Tod mit „gebrochenem Herzen“. Lassen wir es dabei.