„Weiße Rose“ in Detmold: Musiktheater wider die Spaßgesellschaft

Fast siebzig Jahre ist es her, dass Sophie und Hans Scholl am 18. Februar 1943 in der Universität München verhaftet und wenige Tage später hingerichtet wurden. Und nach wie vor bleiben Mut, Entschlossenheit und Charaktertiefe der christlich motivierten Jugendlichen aus der „Weißen Rose“ ein Stachel im Fleisch einer saturierten Gesellschaft.

Der Film „Sophie Scholl – die letzten Tage“ von Marc Rothemund hatte 2005 diese uns so fernen Menschen wieder einmal nahe gerückt: Ihre philosophisch reflektierte, vom Glauben geprägte Lebenseinstellung, die sich in der letzten Konsequenz des Todes bewährt, steht quer zu pragmatischen und hedonistischen Lebensmodellen, stellt unserer Spaß- und Karrieregesellschaft unbequeme Fragen.

"Weiße Rose" in Detmold: die Eröffnungsszene. Foto: Landestheater/Klein

„Weiße Rose“ in Detmold: die Eröffnungsszene. Foto: Landestheater/Klein

Schon lange vor dem Film hat sich der Dresdner Komponist Udo Zimmermann mit der Widerstandsbewegung „Weißen Rose“ beschäftigt und ein dokumentarisches Stück Musiktheater geschaffen, das er 1986 für eine Hamburger Aufführung grundlegend umarbeitete. In dieser Form ist „Weiße Rose“ über viele deutsche Musiktheaterbühnen gegangen – jetzt wieder einmal in einer Premiere am Landestheater Detmold.

Zimmermanns etwa 75-minütiges Stück für zwei Sänger und fünfzehn Musiker auf ein Libretto von Wolfgang Willaschek verzichtet fast ganz auf historische Konkretion. Hans und Sophie Scholl stehen für Menschen, die ihren gewaltsamen Tod vor Augen sehen. Willaschek hat Zitate aus Briefen und Tagebüchern der Geschwister, aber auch Texte anderer Autoren wie Dietrich Bonhoeffer zu Szenen zusammengefasst, die in ihrer distanzierten Lyrik manchmal zu ästhetisch, beinahe abgehoben wirken. Es ist das Verdienst des 29-jährigen Regisseurs Sebastian Gruner, die abstrakte Konstellation an den historischen Ort rückgebunden zu haben, ohne eines der üblichen Nazi-Zeitstücke zu liefern.

Zu Beginn, als harte Akkordschläge im Orchester einen eisernen Rhythmus vorgeben, lässt Gruner auf der Bühne des Detmolder Sommertheaters zwei blutrote Hakenkreuzfahnen von oben herabrauschen. Vier Jugendliche marschieren mit an HJ- und BDM-Uniformen angelehnten Kostümen auf, heben die Hand zum Hitlergruß. Die unheimliche Zeit wird dramatisch vergegenwärtigt. Dann wankt Sophie Scholl und bricht zusammen.

Die Bühne von Hans-Günther Säbel – er ist Leiter des Malsaals am Landestheater – bildet zu der konkreten politisch-zeitgeschichtlichen Exposition einen abstrakten Rahmen, der im Lauf des Stücks bestimmend werden soll. Hans und Sophie wechseln die Kleider: Mit schlichten blaue Kombinationen hebt Tatiana Tarwitz – die Leiterin der Kostümabteilung zeichnet verantwortlich – den zeitgeschichtlichen Bezug auf, erinnert an Gefangenenkleidung, ohne sie zu aufdringlich historisch zu verorten. Das entspricht dem Stück, das ins Allgemeine ausholt und die menschliche Situation der Angst, gesteigert bis zur Panik Sophies, einholt.

Gruner arbeitet mit Mitteln der Distanzierung und Metaphorik, indem er etwa ein Karussellpferd einführt, oder einen Clown, der sich zur Todesfigur wandelt, konzentriert sich aber vornehmlich auf die Psychologie der Personen. Darin folgen ihm seine Darsteller Sarah Davidovic (Sophie) und Kai-Ingo Rudolph mit engagiertem Einsatz von Körpersprache und Mimik. An der szenischen Übersetzung der bildhaften oder kommentierenden musikalischen Chiffren Udo Zimmermanns erkennt man Gruners sichere Hand für die Erfordernisse des Musiktheaters.

Unbeschwerte Jugend als Kontrast zur Panik der Todesangst. Foto: Landestheater/Klein

Unbeschwerte Jugend als Kontrast zur Panik der Todesangst. Foto: Landestheater/Klein

Um den Kontrast zu steigern, baut er eine kurze Szene ein, in der Hans und Sophie in Abendkleidung ausgelassen zu einem Schlager der Grammophonzeit tanzen – abrupt herausgerissen von den knallenden Akkorden von Zimmermanns Musik. Eine Szene, die bestürzend verdeutlicht, wie der Stahltritt der Stiefel die unbeschwerte Jugend von Millionen Menschen zertreten hat.

Auch die Motivation der Scholls aus ihrem christlichen Glauben wird szenisch angesprochen, wenn Sophie mit der Bibel in der Hand an die Rampe tritt: „Mein Gott, ich kann nichts anderes als stammeln …“. Das Ende führt Gruner wieder in die Konkretion zurück: Die weiß bespannten Wandelemente des Bühnenbilds bilden zwei Einzelzellen, in denen die Todeskandidaten letzte Gedanken fassen, bevor sie brutal abgeführt werden. „Freiheit“ ist das letzte Wort des Abends – übertragen aus einem Lautsprecher wie ein Vermächtnis. „Es lebe die Freiheit“ war der Abschiedsruf Hans Scholls auf dem Schafott.

Musikalisch kann sich die Detmolder Premiere der „Weißen Rose“ hören lassen: Matthias Wegele leitet das Kammerorchester im Bühnenhintergrund, von der Handlungsebene durch eine Gazewand getrennt, die erst am dramatischen Wendepunkt des Stücks durchscheinend wird. Zimmermann verlangt viel Solistisches, behutsame Klangmischungen in vielfältigen Piano-Schattierungen, aber auch schneidende Staccato-Akzente. Die Detmolder Musiker sind stets auf der Höhe der Partitur.

Kai-Ingo Rudolph setzt einen passend jugendlichen, manchmal in der Stütze gefährdeten, aber stets locker gehaltenen lyrischen Tenor ein und artikuliert ausgezeichnet. Die junge Sängerin Sarah Davidovic, Mitglied des Opernstudios Detmold, passt von der Erscheinung her ideal zum Bild der historischen Sophie Scholl. Ihr Sopran ist klangvoll und kräftig, aber ihre unfreie Tonproduktion führt zwangsläufig zu erheblichen Problemen mit der Bildung der Konsonanten und der Färbung der Vokale.

Viel Beifall für eine packende Produktion, die Udo Zimmermanns „Weiße Rose“ wieder einmal als ein fast schon klassisch gewordenes Stück gegenwärtiges Musiktheater ins Bewusstsein hebt.




Der Weg zu den Oscars (Teil 2): Die Filme von Michael Haneke und Quentin Tarantino

„Amour“: Mein absoluter Favorit. Darf alle fünf Nominierungen gewinnen, wenn’s nach mir ginge. Aber besonders Michael Haneke („Best Director“), Emmanuelle Riva („Best Actress“). Mein ausführlicher Bericht steht hier: http://leah-live.blogspot.de/2012/10/liebe-ein-film-von-michael-haneke.html)

„Django Unchained“: Ach, Quentin Tarantino! Wie immer: Ironie, Spaß und rasante Action mit dem Tarantino-üblichen Maß an Schießen, Prügeln und Messerstecherei. Es muss nicht immer Sinn ergeben, es dürfen Fragen offen bleiben. Oder anders, Fragen sollten gar nicht gestellt werden. Einfach so hinnehmen, wie es angeboten wird.

Warum sollte ich mir Gedanken darüber machen, wieso so plötzlich und vor allem so bequem der etwas merkwürdige deutsche Zahnarzt Dr. King Schultz (Christoph Waltz, nominiert für „Best Supporting…“, den Golden Globe hat er schon) mitten im Wald auf einen Sklavenhändler trifft, und der ausgerechnet diesen Django im Angebot hat, der genau weiß, wo die vom Zahnarzt (und dem Sheriff) gesuchten Verbrecher„dead or alive“ sind, und wie sie aussehen? Dr. Schultz ist hauptamtlich als Kopfgeldjäger unterwegs, und er praktiziert die in Western weitverbreitete Regel: „Erst schießen, dann fragen“ oder „Nur ein toter Verbrecher ist ein guter Verbrecher“. Oder waren das die Indianer? Sein Gegenspieler ist der berüchtigte und gnadenlose Sklavenhalter Calvin Candie (Leo diCaprio).

Warum Tarantino nicht als „Best Director“ nominiert wurde, ist mir schleierhaft, aber wenigstens doch noch für „Best Original Screenplay“. Jamie Foxx (als Django) geht auch leer aus. Dass diCaprio, das Hollywood-Zugpferd, nicht nominiert wurde, ist eine Überraschung. An dieser Stelle empfehle ich gern noch mal „Lincoln“ zum besseren Verständnis des historischen Hintergrunds. Christoph Waltz schätze ich schon seit vielen Jahren sehr. „Parole Chicago“ – unvergessen. In der Rolle des Dr. Schultz ist Waltz ein hervorragender „Guter“. In Tarantinos „Inglourious Basterds“ ist Waltz ein hervorragender „Böser“. Ich nehm ihm beides ab. Tarantino hat Waltz zum Weltstar gemacht. Waltz hat „seinen“ Regisseur gefunden.

Es herrscht allgemeine Aufregung über den mindestens hundertfachen Gebrauch von „Nigger“. Heute möchte das zu Recht niemand mehr hören, aber „them was the times“, so hieß das Schimpfwort jener Zeiten eben. Wenn heutzutage hier (oder anderswo) ein Film über das Dritte Reich gedreht wird, dann spricht niemand über „Menschen mit unterschiedlicher Religion“ oder „…mit Migrationshintergrund“. Das ist so, als würde man in neueren Filmen, die vor 100 Jahren spielen, von einem „Smartphone“ sprechen, wenn man ein Morsegerät meint. In „Django unchained“ spricht man eben die Sprache, die zu Zeiten des Sklavenhandels üblich war.

Man darf, ja man muss sich allerdings darüber empören, wenn dieses Wort heute (mit der vollen Absicht zu beleidigen und erniedrigen) noch immer benutzt wird. Und es wird ja. Leider.

– Fortsetzung folgt –