Stell Dich der Klassik! Die neue Dortmunder Konzerthaus-Saison fordert das Publikum heraus

Stell dich der Klassik (verschoben) 1

Das Nashorn, einst nettes Konzerthaus-Wappentier, will nun gezähmt werden. Geigerin Anne-Sophie Mutter nimmt’s mutig an die Kette. Foto: Konzerthaus Dortmund

Beginnen wir mit dem Nashorn. 2002 wurde es in Dortmunds Kulturleben heimisch, als Wappentier des Konzerthauses. Mit großen Ohren, den gewichtigen Attributen des Hörens, und zwei Flügeln. Ein trotz seiner Masse putziges Maskottchen, das durch Musikgenuss offenbar in der Lage sein soll, sich zu neuen Höhen aufzuschwingen. Bald waren in der Stadt diverse, mehr oder weniger geschmackvoll ausstaffierte Nachbildungen zu entdecken.

Doch nun ist Schluss mit niedlich. Im Internet-Trailer, zur Vorstellung der neuen Konzerthaus-Saison (2014/15), bricht das Urviech durch die Kulisse, wie wild geworden, als wollte es uns das Fürchten lehren. Dann taucht in großen Lettern der Satz auf „Stell Dich der Klassik!“. Und mancher im geneigten Publikum, der seine Stars sehen und sich mit gepflegter Musik unterhalten lassen will, dürfte zurückzucken – welche Herausforderung.

Konzerthaus-Intendant Benedikt Stampa, der nun diese neue, seine zehnte Spielzeit vorgestellt hat, unterfüttert die kantige Aufforderung, Stellung zu beziehen, mit weiteren markigen Worten: „Wir machen ein Programm für die Stadt, wollen das Publikum aber auch fordern.“ Es müsse an die Klassik herangeführt werden, doch gelte es zudem, den Menschen reinen Wein einzuschenken. Soll heißen: „Diese Musik ist komplex. Manches muss man sich erobern.“

Das ist nichts weniger als ein Paradigmenwechsel im Werben um die Hörer/Zuschauer. Denn das Prinzip, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen (ein so anbiederndes wie törichtes Anliegen), verliert nun seine Gültigkeit. Stampa spricht bewusst von einer Kampagne, die über mehre Jahre laufen soll. Die Vermarktung von Komplexität, das sei schließlich auch für den Veranstalter eine Herausforderung. Doch er gibt sich zuversichtlich: „Wir verkaufen Sinnlichkeit und Anspruch. Eine unschlagbare Kombination in der Welt des schnellen Konsums.“ So jedenfalls wird er zitiert, aus seiner Rede während einer Tagung von Konzerthaus-Intendanten in Heidelberg.

Stampa kann sich diese klaren Worte erlauben. Und dem Publikum ein entsprechend exquisites, facettenreiches, auch schwieriges neues Programm zumuten. Denn das Konzerthaus ist eine Größe im Dortmunder Kulturleben. Die Auslastung kreist seit einigen Jahren konstant um die 72 Prozent, die Abos verkaufen sich außergewöhnlich gut, die Reihe „Junge Wilde“ hat die Nachwuchsnische längst verlassen, ist zum Renner geworden. Stampa sagt: „Wir können es uns inzwischen leisten, Künstler und Programm zusammenzudenken.“ Dass also ein „Star“ lediglich das Programm seiner jüngsten CD abspult, dürfte bestenfalls als Ausnahme durchgehen.

Der Dirigent und Dortmunder Exklusivkünstler Yannick Nézet-Séguin wagt den Ritt.

Der Dirigent und Dortmunder Exklusivkünstler Yannick Nézet-Séguin wagt den Ritt. Foto: Konzerthaus Dortmund

Vom Allgemeinen zum Konkreten, das viel Besonderes in sich birgt: Die neue Konzerthaus-Saison beginnt am 10. September 2014 mit einem Gastspiel der Staatskapelle Dresden unter dem Dirigat Christian Thielemanns. Gleich hier das erste Ausrufezeichen: Gidon Kremer wird das 2. Violinkonzert der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina spielen, einer Avantgardistin, die sich etwa auf Schostakowitsch oder Alfred Schnittke beruft. Und ausklingen wird der Abend mit Bruckners hymnischer, gottesfürchtiger 9. Symphonie.

Nehmen wir weitere Herausforderungen: Ivan Fischer und das Budapest Festival Orchestra widmen sich der monumentalen Turangalila-Sinfonie des französischen Mystikers Olivier Messiaen. Oder die beiden Zeitinseln: Die erste gilt dem Russen Sergej Prokofjew. Gespielt werden an einem Abend alle fünf (!) Klavierkonzerte, tags darauf die Oper „Die Verlobung im Kloster“ (konzertant), zum Abschluss die mächtige (Film)-Musik „Ivan der Schreckliche“. Um authentische Wiedergabe werden sich Chor, Orchester und Solisten des Mariinsky-Theaters bemühen, allen vorweg Valery Gergiev. Die zweite Zeitinsel wiederum ist dem Jazzposaunisten Nils Landgren gewidmet.

Natürlich wird dem Publikum Mozart, Beethoven oder Brahms nicht vorenthalten. In den Auftritten des dirigierenden Exklusivkünstlers Yannick Nézet-Séguin erklingen etwa Brahms’ 2. Klavierkonzert (Solist: Lars Vogt) oder dessen 3. Symphonie. Andererseits aber wird, mit dem Konzerthaus-Debütanten namens Philadelphia Orchestra, die Geigerin Lisa Batiashvili das erste Violinkonzert von Schostakowitsch interpretieren (Die bekenntnishafte Musik des Russen steht übrigens nicht selten auf dem Spielplan). Und wenn Nézet-Séguin mit Dortmunder Chören Carl Orffs beliebte „Carmina Burana“ realisiert, steht die etwas sperrige Fassung für zwei Klaviere und Schlagwerk auf dem Programm. Zuvor gibt’s die Sonate für zwei Klaviere und Perkussion von Béla Bartók.

Aug' in Aug' mit dem Urviech: Dirigent Valery Gergiev.

Aug‘ in Aug‘ mit dem Urviech: Dirigent Valery Gergiev. Foto: Konzerthaus Dortmund

Die Linie also ist klar: Das Konzerthaus will sein Publikum fordern, mit Qualität, berühmten Künstlern und vielversprechendem Nachwuchs. Dabei nimmt es den geneigten Hörer so fürsorglich wie wiederum anspruchsvoll unter seine Fittiche. Etwa mit einer neuen Auflage der Vorlesungsreihe des Dortmunder Musikwissenschaftlers Michael Stegemann, die sich ganz Werken des 20. Jahrhunderts zuwenden wird. Auch hier darf  Intendant Benedikt Stampa durchaus zuversichtlich sein: Stegemanns aktuelle Reihe über das Ende der Klassik, die Romantik und die aufkeimende Moderne läuft blendend – der Saal des Orchesterzentrums ist stets proppevoll.

Noch einmal zum Nashorn: Wenn es sich uns also herausfordernd in den Weg stellt, sollten wir ihm die Stirn bieten. Wie das gelingen kann, zeigt die kernige Werbekampagne mit reizenden Bildern. Die Geigerin Anne-Sophie Mutter nimmt den Dickhäuter einfach an die Kette, Dirigent Valery Gergiev zeigt, mit dem Urviech Aug’ in Aug’, keine Furcht, Yannick Nézet-Séguin wiederum setzt sich drauf zum wagemutigen Ritt. Wenn das keine Vorbilder sind!

Das komplette Programm für die Saison 2014/15 findet man unter www.konzerthaus-dortmund.de

 




„Mittelalter“ als Mummenschanz für Millionen

Am Sonntag hat Familie B. ein paar Stunden auf einem so genannten „Mittelalterfest“ verbracht. Nun könnte man das unter dem bewährten Blutdrucksenkungs-Motto „Hingehen – gucken – weggehen“ abhandeln. Doch dann stünden hier nur wenige Zeilen.

Das Festival hat in Dortmund volle fünf Tage gedauert. Täglich strömten viele Tausend zum Fredenbaum, dem weitläufigen Grün in der Nordstadt. Man wüsste gern, was die Kommune den Veranstaltern abknöpft und wie dann die Umsätze und Gewinne so aussehen. Wahrscheinlich kann man beim Schätzen ziemlich hoch greifen, denn die ganze Chose ist – allem beschaulichen Retro-Anstrich zum Trotz – auf sehr heutige Weise kommerzialisiert. Nur, dass die meisten Verkaufsstände wie notdürftig gezimmert und beschriftet wirken. Aber das gehört zum Konzept.

Ritter auf dem Turnierplatz (Foto: Bernd Berke)

Ritter auf dem Turnierplatz (Foto: Bernd Berke)

Man kann hier alle möglichen Accessoires kaufen, um sich dem „Mittelalter“ gemäß auszustaffieren. Die Sparsamen behängen sich einfach mit einem Fell und/oder laufen barfuß übers Gelände. Andere betreten in schwerer Ritterrüstung, als Kreuzfahrer, Mönche, Bettler, Gaukler, Hofnarren, Piraten, Burgfräulein, Mägdelein, Marketenderinnen oder „mittelalterliche“ Handwerker die Szenerie. Auch stakst der Tod höchstpersönlich übers Areal. Dazu wummert im Hintergrund „keltisch“ inspirierte Rockmusik oder dergleichen.

Rüstungs-Geschäft (Foto: Bernd Berke)

Rüstungs-Geschäft (Foto: Bernd Berke)

Manchen steht die historisierende Kleidung ausgesprochen gut, anderen eher nicht. Man sieht lange, wallende Gewänder und rauschende Bärte sonder Zahl, auch imponierend große und umfängliche Gestalten. Überhaupt laufen nicht wenige originelle „Typen“ herum, die hier eine Ausdrucksform gefunden haben. Und ganz offenkundig haben sich zahlreiche Paare über diese spezielle Gemeinsamkeit gefunden. Glück zu!

Die passenden Kostüme (Foto: Bernd Berke)

Die passenden Kostüme (Foto: Bernd Berke)

Wir haben es natürlich nicht mit einem geschichtlich eingegrenzten Mittelalter zu tun, die Kostümierungen spielen auf etliche verflossene Jahrhunderte an, vom Wikinger bis zum Barockfürsten ist alles möglich. Überdies kann der Mummenschanz in allerlei Stilrichtungen großzügig erweitert werden, es fließen auch Zeichen aus Genres wie Fantasy, Science-Fiction, Gothic, Metal, Punk und Horror ein.

Stilistische Variante (Foto: Bernd Berke)

Stilistische Variante (Foto: Bernd Berke)

Manche Feinheiten erkennen sicherlich nur Eingeweihte. Da schiff’ ich mich auf meine älteren Tage nicht mehr ein. Da geh’ ich doch lieber hinüber zum Turnierplatz und schaue halbedlen Rittern beim Kampf Mann gegen Mann zu, ob zu Pferde oder im Staube. Im Zeitalter der ferngesteuerten Drohnen kann man sich solche direkten Duelle ja kaum noch vorstellen. Mag es also ein Einspruch gegen virtuelle Welten sein.

Ach so, ja. Auch politisch lässt sich hier nichts eindeutig „festmachen“, wenn auch manche das vielleicht gerne hätten. Eher linke oder grüne Authentizitäts-Folklore scheint ebenso kompatibel wie am anderen Rand martialische Erscheinungsbilder, Runen und Frakturschrift. Dazwischen ergeht sich das ganze Spektrum bundesdeutscher Bürgerlichkeit. Jekami heißt die Parole. Wo hat man das sonst noch?

Man muss sich also gar nicht wundern, dass praktisch an jedem Wochenende irgendwo in Deutschland ein solches Zusammentreffen stattfindet. Die vielfältige Szene, die da ansprechbar ist, scheint in die Hunderttausende zu gehen, wenn nicht in die Millionen. Migranten sind dabei übrigens eindeutig unterrepräsentiert. Ohnehin fragt man sich, ob es das Phänomen auch in anderen europäischen Ländern so ausgeprägt gibt.

Auf zur nächsten Bühne (Foto: Bernd Berke)

Auf zur nächsten Bühne (Foto: Bernd Berke)

Insgesamt ist das alles ein vorwiegend harmloses Verkleidungs- und Anverwandlungsspiel für Erwachsene, an dem aber auch Kinder ihre Freude haben. Karnevalstauglich ist offenbar der Verbrauch an alkoholischen Getränken. An jedem zweiten oder dritten Stand kann man sich gepflegt vollaufen lassen – auch schon mal mit „Met“ oder ähnlich auf Gestern getrimmten Flüssigkeiten. Im Mittelalter war Saufen halt nicht verpönt, sondern eher die Regel. Ob man aber nach ein paar Humpen noch beim allfälligen Bogenschießen oder Axtwerfen trifft? Und wenn ja: wohin?

Etwaigen historischen Besserwissern nimmt man beim „Mittelalterlich Phantasie Spectaculum“ ® den Wind gleich aus den Segeln, indem das Motto lautet: „nicht authentisch, sondern phantastisch“. Was das eingekreiste Trademark-„R“ soll? Nun. Das laut Eigenwerbung weltweit größte reisende Festival seiner Art hat seinen Namen beim Deutschen Patent- und Markenamt als eingetragene Wortmarke registieren lassen. Damit das klar ist.

Phantasie oder nicht: Etliche Teilnehmer haben als Hobby-Historiker wohl auch Wissen über längst vergangene Zeiten angesammelt. Vielfach bemüht man sich, einen irgendwie „altdeutschen“ Zungenschlag zu imitieren. Und bis sie abends zum Parkplatz zurückkehren, geben sich viele gern den Anschein, als trügen sie nicht einmal ein neumodisches „Zeiteisen“ am Handgelenk…