Durch einen peinlichen Alltag stolpern – Wilhelm Genazinos Roman „Bei Regen im Saal“

Sein Tonfall ist längst nicht mehr verwechselbar, er schreibt vielleicht immer am gleichen Roman, der sich beharrlich fortspinnt.

Fast möchte man meinen, das geschehe inzwischen wie von selbst. Doch natürlich verdanken wir auch die neueste Prosa „Bei Regen im Saal“ einer steten Anspannung, der feinnervigen Beobachtungs- und Schilderungsgabe des Wilhelm Genazino. Gibt es da eine Entwicklung von Buch zu Buch? Oder handelt es sich um eine fortlaufende Suada?

Genazino_978-3-446-24596-9_MR1.inddDer Ich-Erzähler namens Reinhard hat über Kants Philosophie promoviert, doch auch in den Vierzigern hat dieser Mann – beileibe kein untypischer Lebenslauf – beruflich und auch sonst so gar nichts Greifbares aus sich gemacht. Er schwankt zwischen lauen Gelegenheiten und leidet darunter: „Ich hatte es satt, dass aus meinem Leben eine einzige lange Bedenkzeit wurde.“

Auch das Schweifen und Flanieren, für das doch genügend Zeit bliebe, will ihm keine Freude bereiten. Er stolpert durch einen diffusen Alltag, angefüllt mit seltsamen Peinlichkeiten. Überall lauern Anlässe zur Scham. Und die Jahre machen sich bemerkbar: „Eines meiner Probleme war, dass ich mich für fast alles zu alt fühlte (…) Jedenfalls war mir unklar, was ich inmitten der schnellverderblichen Welt noch anfangen sollte.“

Streckenweise atemlos folgt man auch diesmal den mikroskopischen Wahrnehmungen im Getriebe der Stadt. Man möchte keine Zeilen missen. Ringsum so viele desolate Gestalten. Wo die Armut früher privat sich zu verbergen suchte, zeigt sie sich heute allenthalben öffentlich. Dermaßen viele Beobachtungen drängen sich dicht an dicht auf, dass in dieser unguten Vielfalt eine Sehnsucht nach dem Gewöhnlichen, Unscheinbaren und Einfältigen aufkommt.

Reinhards Freundin Sonja arbeitet als eine Art Aufseherin beim Finanzamt. Offenbar bröckelt die Beziehung. Will sie ihn etwa loswerden? „In mir wuchs die Angst, dass wir allmählich in eine Schmerzverharrung hineinwuchsen, aus der wir nicht mehr herausfanden.“

Überhaupt ist dieser Mann niemals geflüchtet, sondern hat „alles ausgehalten: die Schule, die Eltern, die Armut, die kleine Wohnung, das Schweigen, die Ratlosigkeit, den Überdruss…“ Ja, es ergibt sich geradezu ein Einverständnis mit der Leere. Auch der Titel „Bei Regen im Saal“ hebt ja wohl auf Verzicht und Schwund ab. Ganz so, als wäre das volle Leben da draußen ohnehin nicht (mehr) zu haben.

Genazinos Erzähler sammelt wieder und wieder solche sonderbar geknüpften Wortfindungen: herumempfindeln, Gesamtschlichtheit, Halberlebnis, Verharrungslust, Problemruinen, Querfeldeinbegehren.

Wie zum Hohn auf eine zusammenhängende Biographie ergattert dieser Reinhard einen herzlich anspruchslosen Lokalredaktions-Job beim „Taunus-Anzeiger“, der offenbar mit links bewältigt werden kann. Da zeigt die Unzulänglichkeit auch ihre komischen Seiten; wie denn überhaupt das Abgründige hin und wieder zum ratlosen Lachen reizt.

Eine Kernfrage lautet, ob nicht alle im Leben das Falsche bekommen. Ein allgemeines Scheitern, durchaus romantauglich.

Es klingt wie vorauseilende Resignation, all das betreffend, was man auf dem Lebensweg nicht verstanden hat und was man Jahrzehnte später begreifen würde: „…wenn wir alle in Altenheimen herumsaßen und es nicht mehr darauf ankam, dass wir vor vierzig Jahren irgendetwas hätten verstehen müssen.“

Doch wer weiß. Vielleicht bedeutet eine solch passives Hinnehmen schon den befreienden Beginn einer (ganz und gar unheroischen) Überwindung. Als „Überwinder“ versteht sich zum Ende hin auch dieser Erzähler. Ob daraus gar so etwas wie scheues, leises Glück hervorgehen kann?

Wilhelm Genazino: „Bei Regen im Saal“. Roman. Hanser Verlag. 158 Seiten. 17,90 Euro.




Europäische Spitzenliga: Daniel Harding und Renaud Capuçon in der Philharmonie Essen

Weltklasse-Geiger: Renaud Capuçon. Foto: Paolo Roversi

Weltklasse-Geiger: Renaud Capuçon. Foto: Paolo Roversi

Dass Richard Strauss sich selbst als Held seines Lebens gesehen hat, dröhnte uns in den letzten Wochen im Ruhrgebiet von beinahe jedem philharmonischen Standort entgegen. Die Komposition „Ein Heldenleben“ von 1898 stand in diesem Herbst schon in Düsseldorf, Duisburg und Dortmund auf dem sinfonischen Programm. Auch Daniel Harding ließ sich die Chance des Strauss-Jahres nicht entgehen und präsentierte in der Essener Philharmonie das monumentale Werk des 34jährigen, kombiniert mit dem Violinkonzert von Johannes Brahms.

Aber wie das Schwedische Radio-Symphonieorchester den Helden einmarschieren ließ, war dann doch einmalig: durchdrungen bis ins Detail, strukturbewusst und gleichzeitig sinnlich, beherrscht im Klang und gleichzeitig frei und gelöst. Nicht die Spur von den gern unterstellten lärmenden Geschmacklosigkeiten: Gerade in den faustisch anmutenden Sätzen, in denen die „Taten“ des „Helden“ geschildert werden, zeigt Harding mit den vortrefflichen Musikern, wie genial Strauss als Komponist gewesen ist. Solche tief gestaffelte und gleichzeitig spontan und klangsinnlich wirkende Arbeit mit dem Material erreicht zu dieser Zeit höchstens noch Gustav Mahler.

Das schwedische Orchester kann entspannt in der europäischen Spitzenliga mitspielen. Seit acht Jahren währt die künstlerische Partnerschaft mit Daniel Harding – zu spüren im Einverständnis der Musiker mit ihrem Dirigenten. Wie sorgsam Harding die Dynamik aufbaut, bis die Hörner strahlend das „Helden“-Thema bestätigen, zeugt von genauer Analyse, aber auch der Freude an der Wirkung der Musik.

Beherrschtes Spiel mit leisen Tönen

Die Schweden beherrschen das Spiel mit den leisen Tönen: feinste Abstufung statt krachende Wucht, Innenspannung im Piano statt extrovertiertes Getümmel, ausgearbeitete Kontraste statt vordergründiger Mischklang. Hervorzuheben sind die Solisten von den Harfen bis zum Fagott, die blendende Horngruppe, die samtweichen Tuben. Vor allem aber Konzertmeister Tomo Keller, der mit entspanntem, genau dosiertem Ton die zärtlichen Kantilenen erfüllte und auch die ironischen Brechungen gestaltete: Strauss‘ Gattin Pauline, die in den Violinsoli angeblich charakterisiert wird, war bekanntlich weniger eine schwärmerische Romantikerin als eine resolute, manchmal peinlich triviale Frau.

Tomo Keller war vor mehr als zehn Jahren Konzertmeister der Essener Philharmoniker und spielte auch in der Westdeutschen Sinfonia Leverkusen, bevor er über London und jetzt Stockholm eine internationale Karriere beschritt. 2005 brillierte er unter Stefan Soltesz in Essen mit dem Brahms-Violinkonzert. Dieses Epoche machende Konzert stand auch jetzt auf dem Programm – diesmal mit Renaud Capuçon als Solist.

Einverständnis auf glücklichem Niveau

Und der Franzose bestätigte seinen Rang: Die Rede vom „Ausnahme-Geiger“ ist in diesem Fall keine Plattitüde aus der PR-Abteilung. Schon der leuchtend schlanke, ebenmäßige, aber nicht polierte Ton überzeugt. Das Lagenspiel ist makellos, die Durchbildung figurierter Teile oder der „marcato“-Passagen des ersten Satzes ohne Fehl. Capuçon phrasiert ruhig atmend, ohne Hektik auch im dritten Satz, den Brahms ausdrücklich nicht zu lebhaft gespielt haben will. Jenseits all dieser geigerischen Vorzüge zeichnet sich Capuçon durch sein sensibles Eingehen auf das Orchester aus. Die Reaktionen bei gemeinsamen Einsätzen sind perfekt kalkuliert, die Dynamik in jeder Nuance abgestimmt.

Sicher: Ohne einen so umsichtigen Gestalter wie Daniel Harding wäre eine solche minutiös kontrollierte und dennoch wie selbstverständlich fließende und schwingende Interpretation nicht möglich. Einverständnis auf höchstem, glücklichem Niveau. Es bleibt festzuhalten: So energisch und feinsinnig, so klangvoll und dynamisch kontrolliert, so klug in der weiträumigen Anlage spielt das Konzert momentan kaum ein anderer. Glückwunsch an Renaud Capuçon für einen unvergesslichen Abend!