TV-Nostalgie (34): Clemens Wilmenrod – Meister der köstlichen Übertreibung
Der Mann war kein Koch, er gestaltete aber die wohl erfolgreichste deutsche Kochsendung, die zum Vorläufer aller späteren kulinarischen Shows wurde. Dieser Clemens Wilmenrod (1906-1967) war eine schillernde, um nicht zu sagen flunkernde Figur.
Von Haus aus Theater- und Filmschauspieler, brachte es der aus dem Westerwald stammende Wilmenrod (bürgerlich: Carl Clemens Hahn) von 1953 bis 1964 auf immerhin 185 Sendungen. Wenn er beispielsweise Kabeljau zubereitete, so heißt es, sei dieser Fisch anderntags überall im Nu ausverkauft gewesen.
Drama um gefüllte Erdbeeren
Seinen ursprünglichen Beruf konnte er nicht verleugnen. Wahrhaft theatralisch präsentierte er die meist ziemlich simplen Rezepte. Legendär wurde sein melodramatischer Auftritt mit gefüllten Erdbeeren. Er zog den Stiel heraus und schob in den so entstandenen „entzückenden kleinen Hohlraum“ (Originalton) schlichtweg je eine Mandel. Wenn’s mehr nicht ist…
Doch dann kam’s: Er setzte sich vor laufender Kamera ein scharfes Messer an die Brust und gelobte, „dieses blitzende Ding in mein armes Herz hinein fahren“ zu lassen, wenn jemand nachweise, dass nicht er, Wilmenrod, die gefüllte Erdbeere erfunden habe… So ein Filou, so ein Hasardeur, so ein lukullischer Hochstapler, hätte man in solchen Momenten denken können. Tatsächlich gilt er als Erfinder eines Klassikers der 50er Jahre: Toast Hawaii genießt bis heute einen (längst ironisch gefärbten) Kultstatus.
Theatralische Gesten
Mit großer Geste schnitt der Charmeur Zwiebeln oder streute Gewürze über Fleisch und Salate. Die geduldigen Zuschauerinnen (Frauen bildeten damals bei weitem die Mehrheit) sahen praktisch jeden einzelnen Arbeitsgang in voller Länge. Dazu gab es teilweise hanebüchene, wenngleich unterhaltsame Geschichten.
Wilmrenrod gab sich gern weltläufig und konnte im sonoren Brustton der Überzeugung erzählen, dass sich die Esstische bogen. Derweil verwendete er für seine „Kreationen“ häufig Dosengemüse und Fertigsaucen. Gourmets wenden sich mit Grausen ab.
Frühe Schleichwerbung
Er war ein Meister der köstlichen Übertreibungen. Was er „Arabisches Reiterfleisch“ nannte, waren im Grunde Frikadellen. Panierte Schnitzel firmierten als „Venezianischer Weihnachtsschmaus“. Nun, in den frühen Fernsehjahren der Republik waren die Leute noch nicht so anspruchsvoll. Man konnte ihnen noch leichthändig etwas vormachen. Anfangs begrüßte Wilmenrod die Zuschauer(innen) mit dem ölig triefenden Spruch „Ihr lieben, goldigen Menschen“.
Der ungemein populäre Wilmenrod, der selbstbewusst das eigene Porträt auf der Kochschürze trug, erlag auch den Versuchungen des damals noch neuen Phänomens der „Schleichwerbung“. Reichlich ungeniert nannte er beim Kochen Markennamen. Als eines Tages sein Konterfei auf Fischdosen gezeigt wurde, gab’s einen tosenden Skandal – inklusive Titelgeschichte im „Spiegel“.
Wilmenrod, dessen Leben vom NDR fürs Fernsehen verfilmt wurde (Erstausstrahlung 2009), hat sich mit 60 Jahren in einer Münchner Klinik das Leben genommen, als er von seiner Magenkrebs-Diagnose erfuhr. Tragisches Ende eines Mannes, der vor der Kamera stets zum Tändeln neigte.
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Wilmenrod und die Erdbeere:
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Vorherige Beiträge zur Reihe:
“Tatort” mit “Schimanski” (1), “Monaco Franze” (2), “Einer wird gewinnen” (3), “Raumpatrouille” (4), “Liebling Kreuzberg” (5), “Der Kommissar” (6), “Beat Club” (7), “Mit Schirm, Charme und Melone” (8), “Bonanza” (9), “Fury” (10), Loriot (11), “Kir Royal” (12), “Stahlnetz” (13), “Kojak” (14), “Was bin ich?” (15), Dieter Hildebrandt (16), “Wünsch Dir was” (17), Ernst Huberty (18), Werner Höfers “Frühschoppen” (19), Peter Frankenfeld (20), “Columbo” (21), “Ein Herz und eine Seele” (22), Dieter Kürten in “Das aktuelle Sportstudio” (23), “Der große Bellheim” (24), “Am laufenden Band” mit Rudi Carrell (25), “Dalli Dalli” mit Hans Rosenthal (26), “Auf der Flucht” (27), “Der goldene Schuß” mit Lou van Burg (28), Ohnsorg-Theater (29), HB-Männchen (30), “Lassie” (31), “Ein Platz für Tiere” mit Bernhard Grzimek (32), „Wetten, dass…?“ mit Frank Elstner (33)
“Man braucht zum Neuen, das überall an einem zerrt, viele alte Gegengewichte.” (Elias Canetti)
Der Hochstapler, der die Nazis hasste – Jan Zweyers Roman „Eine brillante Masche“
Er besaß zweifelsohne ein hohes Maß an krimineller Energie, trat wechselweise unter sieben verschiedenen Namen auf, vor Gericht versuchte er aber dann den Biedermann oder gar den Helfer in der Not zu geben. Die Rede ist von Johann Bos, dem der Journalist und Schriftsteller Jan Zweyer sein neues Buch widmet.
Zweyer erzählt – nach wahren Begebenheiten – die Geschichte eines ausgebufften Betrügers, der in den Wirren der ersten Nachkriegsjahre „Eine brillante Masche“ (So der Titel des Buches) fand, um sich zu bereichern. Bos hatte es auf die engsten Angehörigen von Nazi-Funktionären abgesehen, die noch in Haft saßen. Der größte Wunsch der Familien bestand natürlich darin, ihre Männer oder Väter wieder frei zu bekommen. Da klammerte man sich an jeden Strohhalm und fiel auf Leute wie Bos schnell herein, dem es immer wieder gelang, sich das Vertrauen der Verwandten zu erschleichen und sie um große Mengen an Schmuck zu erleichtern.
Er gaukelte den Leuten vor, durch diese „Vorkasse“ bei Aufsehern oder Führungskräften von Gefängnissen die Freilassung erwirken zu können. Dazu erfand er glaubhafte Geschichten zu seiner eigenen Person, stellte sich als Kripobeamter oder einflussreicher Industrieller vor. Er hatte sich zuvor im Umfeld der späteren Opfer umgehört.
Die Kripo war zwar hinter ihm her, aber es kam dem Gesuchten anfangs sicherlich zugute, dass es im Polizeisystem um den Austausch an Informationen – beispielsweise über seine Aufenthaltsorte – nicht zum allerbesten bestellt war. Aber selbst, wen man ihn verhaftet hatte, was mehrfach geschah, sollte es dem wendigen Bos gelingen, aus dem Knast zu türmen.
Doch im Januar 1948 war dann das Spiel endgültig vorbei, der Mann hatte es offensichtlich zu weit getrieben. Handel mit gefälschtem Schmuck war es unter anderem, der die Polizei auf die Fährte von Johann Bos brachte. In der Anklageschrift war die Rede von Diebstahl, vollendetem Betrug in 45 und versuchtem Betrug in 20 Fällen. Auch Beamtenbestechung und Urkundenfälschung wurden ihm vorgeworfen.
Schon die Lebensgeschichte dieses Draufgängers, der neben seiner Frau noch zwei Verlobte hatte, ist fesselnd, spannend und unterhaltsam zugleich. Durch die Art und Weise, wie der Autor die Biographie des gebürtigen Osnabrückers aufbereitet hat, wird aus dem Buch ein Lesestoff, den man nicht mehr aus der Hand legen möchte. Zweyer hat nicht nur Gerichtsakten studiert, sondern vor allem auch die Presseberichte zu dem Prozess vor dem Arnsberger Landgericht im Jahr 1950 zur Hand genommen. Dadurch gelingt es ihm, das Bild eines äußerst zwiespältigen Menschen zu zeichnen: Während der Metzgerlehre bestiehlt er seinen Chef mehrfach, bis der ihn schließlich rauswirft, dagegen erweist er sich später als vertrauenswürdiger und liebevoller Vater.
Mit dem geklauten Geld hat er sich übrigens den ersten Besuch in einem Stripteaselokal finanziert. Als ihn während des NS-Regimes der Gestapo-Mann im KZ verschwinden lässt, den er beim Schäferstündchen mit seiner Frau erwischt hatte, bleibt seine Rolle im Konzentrationslager im Ungefähren. Dass er dort aber nicht zu den Tätern gewechselt ist, wie er später beteuert, mag man ihm schon glauben. Das Arnsberger Gericht versucht er auch davon zu überzeugen, dass er – bei allen seinen menschlichen Schwächen – doch eigentlich ein gutes Herz hatte. Nachprüfen ließ sich seine Beweisführung zum Zeitpunkt der Verhandlung nur nicht mehr, denn da waren die Lebensmittel, die er Mitmenschen gespendet oder an Kinderheime verteilt haben will, wohl schon längst verspeist gewesen sein.
Offen ließ es Bos, wo er sein ergaunertes Geld versteckt hatte, sofern überhaupt noch etwas vorhanden war. Für das Motiv seiner Taten legte er ein klares Bekenntnis ab: Er mochte die Nazis nicht leiden und „die meisten, die in den Internierungslagern sitzen, sind dort völlig zu Recht“.
Wenn der Leser am Ende des Buches erfährt, dass nicht alles, was er über Johann Bos erfahren hat, den Tatsachen entspricht, sondern vielmehr der Autor sich hier und da auch schriftstellerische Freiheiten gegönnt hat, ist das dem Band nicht abträglich. Im Gegenteil. So ist es wirklich spannend, sich mit einer solch schillernden Persönlichkeit zu befassen, wobei sich schon die Frage stellt, warum man so wenig über Johann Bos weiß, der auch in Städten wie Hagen und Herne sein Unwesen trieb.
Jan Zweyer: „Eine brillante Masche – Die fast wahre Geschichte eines Lügners“. Roman. Grafit Verlag, Dortmund, 221 Seiten, 9,99 Euro.
Manege frei für die Revierpassagen-Weihnachtsgeschichte(n)
Über uns der Rest vom Mond
oder
Siebenundzwanzig Geschichten ohne Sinn und Verstand
Eine erste Geschichte
Draußen im Schnee kleben drahtige Kerle
knallbunte Plakate mit Panther, Clown und Frau.
Der Zirkus ist da.
Und plötzlich des Nachts
trägt Wind Savannengeruch mir in die Träume –
fernes Löwengebrüll, Elefanten trompeten.
Des Morgens Freikarten, auf der Straße ruft einer:
„Zwangsarbeiter! Stechuhranbeter!
Hier ist er,
der Fehler mit Geschmack!
Probieren Sie das Abenteuer Ich!
Werden Sie Alltagskaiser!“
Eine zweite Geschichte
„Weg mit den Auf- und Zu-Gesichtern des Januar.
Gehen Sie mit uns auf die Gratisreise.
Tanzen Sie unter dem Seil
oder legen Sie Ihren Zopf
in den Rachen des Alligators.
Hereinspaziert, Mädchen und Jungen,
heute ist der Eintritt frei!
Erwachsene zahlen die Hälfte.“
Eine dritte Geschichte
Gern wär‘ der traurige Panther heut‘ Abend
das Drehorgeläffchen.
Gern stünde er
im Vorzelt des Zirkus, kurbelte Katzenmusik
und sammelte Münzen auf.
Gern sähe er die Kinder rufen:
„Owiesüß, owiesüß!“
Nur zwei, höchstens drei von ihnen
fräße er.
Gern verbeugte er sich
vor den anderen.
Eine vierte Geschichte
Vorhang auf!
Fünf wilde Hengste.
Manege frei!
Machen Männchen.
„Allez hopp!“
Auf den Pfiff
(„Allez, allez!“)
einer Frau.
(Zur Belohnung zwei Stück Zucker.)
Eine fünfte Geschichte
Schimmelpaare mit blutrotem Federschmuck
tänzeln grazil ihr Pferdeballett.
„Hüha!
Hüüühaaa!“
schreit da ein Kind,
und dann ein zweites, drittes …
Eine sechste Geschichte
„Ja, wo gibt’s denn das?
Ein Feuerschlucker
mit Schluckauf!
Der soll hier mal bloß nicht
so große Töne spucken.
Der soll gefälligst mal
die Luft anhalten.
Kommt der
jetzt etwa zu uns?“
Eine siebte Geschichte
Dummärrr August traurig.
Dummärrr August weint.
Tränen tropfen
in eine klitzekleine Tuba.
Die klitzekleine Tuba
hat riesengroße Löcher.
Mit der Tuba
geht der Au-Au-August
unter die Leute.
Und bläst hinein.
Manche Menschen
werden nass,
viele
klatschen vor Freude.
Eine achte Geschichte
Allein der Herr neben mir
gibt sich unbewegt.
Ist immer zu entgegnen bereit,
dass mit dem Handrücken er
(obwohl noch kaum in Tränen)
sich nur die Augen wische.
Er nicht wünsche
in Winkeln Weibliches.
Eine neunte Geschichte
„Wie die da balanciert!
Wie die da balanciert!
Wie die da die Balance hält!
Wie die dabei Bananen schält!
Ich glaub‘,
mir wird gleich schlecht.“
Eine zehnte Geschichte
Das Orchester verstummt.
Ein Trommelwirbel kommt auf.
Der Seiltänzer kniet.
Die Spannung steigt.
Der vierfache Salto mortale!
Ein Paukenschlag!
Ein Tusch!
Der neue Drummer
hält sich gut.
Eine elfte Geschichte
Das wunderschöne Mädchen
im Parkett.
Der Equilibrist –
völlig aus dem Gleichgewicht –
schwankt, stürzt
genau in den Schoß
der Schönen.
Alle atmen auf,
hörbar selbst sie.
Eine zwölfte Geschichte
Don Gazpacho Andaluz,
bärbeißiger Magier aus Sevilla (nahe Winsen an der Luhe),
zersägt Jungfrauen bis sie ihm ausgehen.
Als Zugabe lässt er vier Ehemänner verschwinden.
„Hochverehrte Damen aus dem Publikum,
Eintrittsgelder können heute an der Kasse
leider nicht erstattet werden.
Einen schönen Abend noch!
(Seh’n wir uns nachher, gnä‘ Frau?“)
Eine dreizehnte Geschichte
„Der da!
Ja, der da!
Der steht doch gar nicht
im Programm.
Ja, gibt’s denn das?
Ja, gibt’s denn den?
Is‘ das ´n Clown?
Oder warum lachen die da so?“
Eine vierzehnte Geschichte
In Windeseile
bauen die Requisiteure
einen kreisrunden Käfig.
Aaaahhh:
Die gemischte Raubtiergruppe.
Drei Löwen, vier Tiger,
die dralle Dompteuse.
Ein Löwe brüllt
und springt vor das Gitter.
„Simba, Simba!“, zischt
die Frau mit der Peitsche.
„Sie waren ein wunderbares und
charmantes Publikum“,
faucht der Löwe
hinüber zur Loge.
Eine fünfzehnte Geschichte
Die bunten Wagen.
Die bunten Lichter.
Die bunten Kostüme.
Das bunte Treiben.
Die bunten Träume.
Das blaue Zelt.
Der blaue Abend.
Mein blaues Herz.
(Pause.)
Eine sechzehnte Geschichte
Der Kunstschütze tritt auf.
Das Schießen als Kunst.
So geht es,
vielleicht
Zur Not.
Er trifft ja nur ins Herz.
Ins Herz der Herzdame.
(Zur Not
geht es so.)
Eine siebzehnte Geschichte
Hoppla,
der große Zastelli
jongliert mit zehn Fischen.
Traurig sieht der Seehund
seiner Mahlzeit
beim Fliegen zu.
Eine achtzehnte Geschichte
Die Schlangenfrau
im knappen Trikot.
Wie die sich
dehnt und biegt und
spreizt.
Plötzlich
erwachen die Väter.
Ein jeder von ihnen heute Abend
der stärkste Mann der Welt.
Eine neunzehnte Geschichte
Melancholisch geigt auf der Säge
der Weißclown
und singt mit den Augen,
was jede versteht.
Lauthals und ganz im Vertrauen:
Er sei ein Streu-eu-euner,
ohne Haus, ohne Katze.
Auf den Lippen Gesänge,
auf der Haut Maccheroni,
bissfest
und süß.
Eine zwanzigste Geschichte
„Wir bitten
um absolute Stille und Konzentration
für unsere Spitzenartisten am Trapez.
Wen’s nicht auf den Stühlen hält,
der darf stehen.
Die fliegenden Menschen
im Lichtkegel dort
zeigen Ihnen in wenigen Minuten
das schwebende Rad.
Weltpremiere,
heute Abend!
Nur für Sie.
Nur für Sie.
Wer’s nicht glauben will,
muss geh´n.“
Eine einundzwanzigste Geschichte
„Der Messerwerfer da,
der Stümper,
immerzu
trifft er
daneben.
Die Frau da
auf der rotierenden Scheibe,
die lebt ja noch.
Der Messerwerfer da,
früher war der
ein Ass.“
Eine zweiundzwanzigste Geschichte
Zum Finale
rollt der Große Wagen
übern nördlichen Zirkushimmel.
Drei Nilpferde
steigen noch zu.
Der Applaus
ist gewaltig.
Eine dreiundzwanzigste Geschichte
Seltsame Paare schreiten durch die Manege:
Der gelbe Mandarin und seine Mandarine
gleichauf mit Sultan, Sultanine,
dahinter Kamel und Chamäleon,
ein verliebter Hornist mit Hornisse,
ein dicker Tubist und seine Turbine,
zuletzt – im gläsernen Wasserbecken –
der Hammerhai mit seiner Hammer-Heike.
Die Frau mit den zwei Köpfen
kann es einfach nicht fassen.
Eine vierundzwanzigste Geschichte
Hochverehrtes Publikum!
Zum Schluss
entschuldigen wir uns
im Namen der Direktion
für der Ausfall
der sensationellen
Faultier-Darbietung.
Als kleiner Trost
gibt am Ausgang
der Eisbär
jedem Dritten von Ihnen
die Tatze und
sagt „Auf Wiedersehn“!
Eine fünfundzwanzigste Geschichte
„Achgottachgott!
Achgottachgott!
Die Dame
ohne Unterleib
ist mit der Kasse
durchgebrannt.
Hat jemand
Arthur, den Zwerg,
geseh´n?“
Eine sechsundzwanzigste Geschichte
Draußen ist es
schon dunkel.
In den Kleidern der Geruch
von Sägemehl,
Schweiß und Tier.
In den Ohren
das Brüllen der Affen.
In den Augen Keulen, Ball
und Sterne.
Über uns
der Rest vom Mond.
Eine „Was auch immer für eine“-Geschichte
Diese Nacht
träumte den Pferden
von der endlosen Steppe.
Den Tigern
erschien die Große Mutter
Antilope.
Die Elefanten
hatten sowieso
nichts vergessen.
Selbst den Pudeln
träumte
von ihren Ahnen,
den Wölfen
Am Morgen
steht der Zirkus
stumm
und verlassen.
Kommissar, Derrick und finstere Zeit: Herbert Reinecker vor 100 Jahren in Hagen geboren

Herbert Reinecker im Jahr 1995. Foto: ZDF/Hermann Roth
Jeder kennt ihn, wenn vielleicht auch nicht bewusst: Herbert Reinecker gehört zu den erfolgreichsten Drehbuchschreibern des deutschen Nachkriegsfernsehens. Er ist der Schöpfer von Figuren, die Fernsehgeschichte gemacht haben: „Der Kommissar“ und „Derrick“. Zwischen 1952 und 1958 schrieb er rund fünfzig Filmdrehbücher: Für „Canaris“ bekam er 1955 das Filmband in Gold.
Aber Herbert Reinecker ist nicht nur der Grandseigneur der bundesrepublikanischen Filmunterhaltung. Er hat seine Karriere im Deutschland Adolf Hitlers begonnen und bis April 1945 für die nationalsozialistische Propaganda gearbeitet – als Journalist, Theaterdramatiker und Filmautor. Das Buch „Reineckerland“ beschreibt die Karriere des Autors detailliert und zeigt auch, wie Reinecker die alten Nazi-Verbindungen geholfen haben, in der jungen Republik Karriere zu machen.
Anders als etwa sein Derrick-Hauptdarsteller Horst Tappert, aber auch anders als spätere „moralische“ Größen in der Bundesrepublik wie Günter Grass hat Reinecker aus seiner Vergangenheit nie ein Hehl gemacht. Der Sohn eines Eisenbahners aus Hagen in Westfalen, geboren am 24. Dezember 1914, aufgewachsen in schlichten Verhältnissen, macht 1934 das Abitur und greift zu dem, was ihm die „neue Zeit“ bietet: Nach Anfängen bei der lokalen Zeitung redigiert er eine Jugendzeitschrift und macht das so gut, dass er nach Berlin geholt wird.
Mit der SS in den Krieg
1940 zieht er mit der SS als Berichterstatter in den Krieg. Noch im April 1945 schreibt er für „Das schwarze Korps“. Sein Schauspiel „Das Dorf bei Odessa“ ist das erfolgreichste seiner vier Dramen: Die Nazis sahen in Reinecker einen kommenden Vertreter ihrer Bühnenkunst. Mit „Junge Adler“ (1944) schreibt er das Buch zu einem Film, der neben „Hitlerjunge Quex“ der wohl wichtigste Jugend-Propagandafilm der NS-Zeit wurde.

Eine der erfolgreichsten Figuren Herbert Reineckers: Kommissar Keller (Erik Ode). Foto: ZDF/Neue Münchner Filmproduktion
Nicht zuletzt durch die Unterstützung alter NS-Kameraden wie Alfred Weidenmann schafft es Reinecker, sich Anfang der fünfziger Jahre als Drehbuchschreiber für den Film und das junge Fernsehen zu etablieren. Sein erstes Fernsehstück „Abteilung für Notwohnung“ schreibt er 1953. Da hatte er schon mit „Weg in die Freiheit“ ein wichtiges Filmdrehbuch an den Mann gebracht.
Fortan gehörte er zu den vielbeschäftigten Schreibern im deutschen Film. Im Interview erinnert sich Reinecker an seine Auszeichnung für „Canaris“; „Als mir der Innenminister den Preis überreicht hat, hab ich zu Alfred Weidenmann gesagt, du, ich glaube, jetzt gehören wir wieder dazu. Dann ging’s los mit vielen, vielen Spielfilmen.“
Moral, Disziplin, Pünktlichkeit: So beschreibt Martin Betz in einem Portrait Reineckers Erfolgsgrundlagen. Dazu kommen ein Blick für die Stoffe, ein Gefühl für die Zeit und für das spannende Erzählen, eine ungeheure Erfahrung.
Ob „Anastasia, die letzte Zarentochter“ oder der Kriegsfilm „Stern von Afrika“, ob „Die Trapp-Familie in Amerika“ oder Edgar Wallaces „Der Hexer“: Reinecker konstruierte seine Handlungen stets übersichtlich, dramaturgisch zielsicher und – wenn irgend möglich – mit einem Blick auf die Moral einer Story, die sich nicht in der bloßen Handlung erschöpft.
Schuld und Sühne als wiederkehrende Themen

Szene aus der Derrick-Folge „Das absolute Ende“: Derrick (Horst Tappert) und Klein (Fritz Wepper) erleben eine böse Überraschung. Foto: ZDF/Michael Ewerbeck
Das zeigt sich wohl am deutlichsten in seinen großen Krimi-Serien. 97 Folgen schrieb Reinecker zwischen 1968 und 1976 für „Der Kommissar, 281 Mal ließ er zwischen 1973 und 1997 den einsamen Jäger Stephan Derrick auf Verbrechersuche gehen.
Schuld und Sühne sind immer wiederkehrende Themen. Die Frage nach dem Bösen im Menschen treibt Reinecker um: Wie wird ein Mensch zum Verbrecher? „Herzlich willkommen beim Jüngsten Gericht“ heißt ein Buch, das Reinecker fünf Jahre vor seinem Tod im Jahr 2002 vorlegte. „Was könnten wir sagen, um vor dem höchsten aller denkbaren Gerichte bestehen zu können?“, fragt sich darin ein Bühnenautor. Es gehöre nicht viel Phantasie dazu, in dem Bühnenautor ein Alter ego Herbert Reineckers zu erkennen, meinte Michael Seewald in der FAZ dazu.
Unabhängig von der Frage nach möglicher eigener Schuld, die sich der willige Mittäter öffentlich nie gestellt hat, schienen Reinecker solche Fragen nicht losgelassen zu haben. Schuldhafte Verstrickungen gehören zu seinen Hauptmotiven, auch wenn er von sich selbst rechtfertigend sagt, er habe sich die Zeit und die Verhältnisse nicht ausgesucht. Der Frage nach der Moral stellte er sich in seinem Leben freilich immer wieder.
Als Hochbetagter war er der Überzeugung, die Welt rolle der Apokalypse entgegen. Vielleicht hat er in seinen Kriminalgeschichten – von so manchem als „moralinsauer“ missgedeutet – versucht, sich dem „dunklen Kern“ im Menschen, in der Geschichte mit dem verzweifelten Blick auf eine gefährdete Humanität zu nähern. In den Depressionen seines Alters, so sagte der 2007 verstorbene Reinecker einmal in einem Interview, träume er in ruhelosen Nächten „vom Krieg, nur noch vom Krieg“.
Und schon wieder ist ein Großer gestorben: Joe Cocker goes „Up Where We Belong“
Ehrlich gesagt, die augenblickliche Mortalitätsrate meiner musikalischen Helden von einst empfinde ich derzeit als unangenehm hoch. Obwohl Joe Cocker, als Auge und Ohr meiner Person damals mit ihm in Kontakt gerieten, für mich eindeutig ein Kandidat zum unmittelbar bevorstehenden Eintritt in den Club der 27-er war, die eben so jung sterben.
Aber der liebenswerte Zappelphilipp mit dem unvergleichlichen Whiskey-Organ blieb stabil, überlebte Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrisson, Kurt Cobain, Amy Winehouse und Alexandra. Nur dem Lungenkrebs hielt seine erstaunliche Konstitution nicht stand. Der Star mit dem britischen Blues, an dessen Stimme kaum ein anderer reichte, der Held von Woodstock raspelt seine Riffs nun nicht mehr begleitet vom zupfenden Trema der Finger, die eine Luftgitarre spielten, als die noch unbekannt war. Joe Cocker starb im Alter von 70 Jahren auf seiner Ranch in Colorado.
„Vance Arnold and the Avengers“ hieß die Band, deren Frontman er war, wenn er nach einem langen Arbeitstag als Gasinstallateur die verrauchten Kneipen Sheffields überhitzte. Einmal, 1963 war’s, durften die Jungs aus der englischen Industriemetropole sogar platzend vor Stolz als Vorgruppe für die „Stones“ auf die Bühne. Aber den Raketenstart legte Joe Cocker hin, als er „With A Little Help From My Friends“ von den Beatles coverte. Nie zuvor und nie wieder später interpretierte ein Sänger dieses Lied so eindringlich und virtuos wie Joe (Ringo Starr wird mir diese Feststellung verzeihen).
Auch in Woodstock strahlte sein Stern über alle, und das waren damals, 1969, die Besten der Größten. Ein schmaler Junge, der schon fast so alt wirkte wie er einmal werden sollte (nur die Fülle der Haare verriet seine Jugend), ein fast zerbrechlich erscheinender Jüngling barst los, füllte mit einer einzigartigen Stimmgewalt die zerregnete Festivalwiese und ließ jede Sekunde seines Auftrittes die Besucher an seinen Lippen hängen.
Nach Woodstock und dem folgenden Stargerumpel um den Plumber (engl.: Installateur) aus Sheffield kam postwendend der Absturz. Joe Cocker kippte und rauchte in seinen Körper hinein alles, was berauschend zeitgemäß war, er betrieb Raubbau an seiner Physis und seinem Talent, war hilflos eigensüchtigen und gierigen Beratern ausgeliefert. „Wenn du erst mal in dieser Abwärtsspirale bist, dann ist es schwierig, da wieder rauszukommen. Ich brauchte Jahre, das zu schaffen“, erzählte er in einem Interview der „Daily Mail“.
Er brauchte Jahre, so viele Jahre, dass ich beinahe vergessen hätte, dass er noch am Leben war. Diese Zeit und eine Frau namens Pam Baker, die er später heiraten sollte, brauchte er, um sich gegen die Abwärtsspirale zu stemmen. Und gemeinsam schafften sie das auch.
„Geh‘ mal in ‚Officer And Gentleman'“, riet mir ein Freund damals. „Und wenn’s nur wegen des Soundtracks ist.“ Ich ging und sah mir die weinerlich-romantische Story mit dem jungen Richard Gere und Debra Winger an. Aber beide waren vergessen, wenn Joe Cocker mit Jennifer Warnes „Up Where We Belong“ anstimmten. Nicht der Plot des Filmes, sondern Joe’s künstlerische Auferstehung trieb mir Tränen in die Augen.
Ja, er war wieder da, voll da. „When The Night Comes“, „N’oubliez jamais“, „Unchain My Heart“ – nur ein paar der Comeback-Hits. Und es schien (mir zumindest), als wäre seine Stimme mit jedem Mal besser geworden. 40 Alben eines Fieberkurvendaseins im Haifischbecken des Showgeschäftes zeugen von Pam Bakers felsenfester Überzeugung, dass die Menschen Joe Cocker wieder und wieder hören wollten. Eine Überzeugung, die sie liebevoll auf ihn übertragen hatte. 2012 erschien mit „Fire It Up“ das letzte Cocker-Werk. Und es ist nicht lange her, da kündigte er noch an, im kommenden Jahr eine neue Produktion folgen zu lassen.
Da holte ihn jedoch der unbarmherzig ablaufende Sand des Uhrenglases ein. Bye, Joe!
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Zur Ergänzung: ein Cocker-Porträt von Klaus Schürholz.
Udo Jürgens lebt nicht mehr – doch so vieles klingt noch nach

Udo Jürgens singt „Siebzehn Jahr‘, blondes Haar“… (Screenshot aus: https://www.youtube.com/watch?v=2-g7bDHHEnA)
Irgendwie teilten wir uns allerlei im Leben. Obwohl er mir stets mit 15 Jahre voraus ging. Obwohl er „meine Musik“ nie machte, mochte ich vieles von dem, was er mit seiner Musik verbreiten wollte.
Udo Jürgens, der ewig jugendliche Musikant, der als Udo Jürgen Bockelmann zur Welt kam, der Mann, den ein glühender Antifaschismus befeuerte, der „sich für die Schweiz schämte“, als deren Bürger sich Anfang des Jahres 2014 mit knapper Mehrheit für die Vorstellungen der Eidgenössischen Volksinitiative „Gegen Masseneinwanderung“ aussprachen, er starb jetzt, am 21. Dezember des selben Jahres: Im Alter von 80 Jahren wollte sein Herz nicht mehr schlagen.
Ich höre noch, wie Robert Lembke ihn grantelnd fragte, nachdem das Schweinderl schwerer geworden war und der Ratetrupp Udo Jürgens Namen lauthals ins Studio posaunt hatte: Er möge ihm doch verraten, warum er diese entsetzlich langen Haare trüge, er sei doch sonst ein richtig netter Kerl. Udo begann freundlich und geduldig dem älteren Robert zu erläutern, dass es nun mal Mode der Zeit sei und es ihm zudem wirklich gefiele. Er konnte Lembke nicht nachhaltig überzeugen, aber für einen netten Kerl hielt er ihn doch.
Ich höre noch, wie er zum ungeteilten Entzücken des Publikums in der Theateraula zu Kamen „Siebzehn Jahr‘, blondes Haar“ schmetterte und ich in einem Ausbruch von Leidenschaft den Takt mit dem rechten Fuß stampfte. Zurück in der Redaktion tippte ich als erstes die Überschrift: „Spät kam er nach Kamen, aber er kam und kam nicht zu spät“. Tags drauf maulte mein damaliger Chef Günter Schaumann, dass in Überschriften Satzzeichen nichts zu suchen hätten. Er sollte in den folgenden Jahren nicht der Letzte sein, der sich darüber mokierte.
Ich höre noch, wie es an meinem 50. Geburtstag aus den Disko-Lautsprechern bedauernd scholl: „Ich war noch niemals in New York …“ Noch ahnte ich nicht, dass ich ein paar Stunden später genau dorthin abheben sollte.
Ich höre noch Bing Crosby, wie er für den Titel „Come Share the Wine“ bejubelt wurde, der als „Griechischer Wein“ europäische Charts in Serie stürmte und den damaligen Oberhellenen Karamanlis bewegte, Udo Jürgens und seinen Texter Michael Kunze mit rotem Teppich zu empfangen, weil sie so schön emotional gespiegelt hätten, was Gastarbeiter aus ihrer Heimat in deutscher Ferne so bewegte.
Ich höre noch das „Ehrenwerte Haus“ oder „Rot blüht der Mohn“, nur zwei Beispiel-Melodien dafür, dass Udo Jürgens und seine Texter (u.a. Eckart Hachfeld) Politik und gesellschaftliche Probleme nicht aus ihrer Form der populären Musik heraushalten wollten.
Und ich höre noch heute gern „Viel Dank für die Blumen“, das Lied, das eine jede Folge „Tom und Jerry“ einleitete und dessen unübertroffene Fröhlichkeit das vorweg nahm, was kurz darauf an einem Feuerwerk des gezeichneten Slapsticks abgebrannt wurde.
Der unverwüstlich wirkende Udo Jürgens, dessen Bruder Manfred ein ungemein begabter Fotograf war, zu dessen Familie mütterlicherseits der Dadaist Hans Arp zählte, der mehr als 1000 Titel schrieb und gleich mehrere Generationen in seinen Bann zog; nun ist sein schöpferisches Leben beendet. Und vor wenigen Wochen schrieb mein Freund Lars Reckermann noch, wie sehr es sich gelohnt habe, sein letztes Konzert in diesem Jahr besucht zu haben.
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Für die Revierpassagen hat Britta Langhoff im November eines der letzten Konzerte von Udo Jürgens besucht – in Oberhausen.
Borussia Dortmund und die Sehnsucht nach dem gefestigten Mittelmaß
Hält man es mit Borussia Dortmund, so leidet man seit Wochen und Monaten – wie eigentlich noch nie in den letzten Jahrzehnten. Und das nach all den Freuden und Erfolgen der vorherigen Spielzeiten…
Gewiss, es gibt weitaus Wichtigeres als den Fußball. Geschenkt. Und klar, man kann das alles – vor allem von außen her – hochkomisch, süffisant oder hämisch betrachten. Doch verkennt man dann, was Fußball in Dortmund bedeutet, nämlich mehr als in jeder anderen deutschen Stadt, Gelsenkirchen wohl inbegriffen. Dort kommen, schon geographisch bedingt, prozentual mehr Fans aus angrenzenden Städten. Egal.
Bayerns onanistische Meisterschaft
Hat man anfangs noch meinen können, die Misere der Borussia liege vor allem an der mangelnden Chancenverwertung, also am Glücksfaktor, so muss man sich längst eingestehen, dass derzeit beim BVB richtig schlechter, ja zuweilen schon erbärmlicher und wahrhaftig abstiegswürdiger Fußball praktiziert wird, und zwar schlimmstenfalls vom gesamten Team. Sind das wirklich dieselben Spieler, die vor nicht allzu langer Zeit als Rivalen der Bayern gegolten haben? Die Münchner werden diesmal auf geradezu onanistische Weise die Meisterschaft einfahren.
Nach und nach sind die vormals Verletzten zurückgekehrt, Nationalspieler zuhauf und auch ein paar – nun ja – „Weltmeister“. Doch die damit verbundene Hoffnung hat getrogen. Es hat sich nichts Grundlegendes geändert. Hie und da ein paar lichte Momente. Dann wieder Finsternis. Da kenne sich noch einer aus. Selbst die Fachleute in den Sportredaktionen rätseln hin und her.
Willkommene Winterpause
Wie gut, dass jetzt wenigstens Winterpause ist. Endlich Erholung vom wirkungslosen Gekicke. Heute haben die Dortmunder sogar noch Dusel gehabt, dass die Freiburger nur remis gespielt haben. So liegt der BVB „lediglich“ auf dem Abstiegsplatz 17 – mit hauchdünnem Ein-Tores-Vorsprung auf den allerletzten Rang. Doch wird man ab Ende Januar erleben, dass der BVB plötzlich wie Phoenix aus der Asche steigt? Man wagt es zu bezweifeln. Die psychologischen Nachteile sind nicht gering.
Bei etlichen Spielen hatte man den Eindruck, die jeweiligen Widersacher könnten jederzeit einen Treffer erzielen, der BVB hingegen sei nie mehr wieder dazu in der Lage. Vielfach fallen die Gegentore auf derart surreale, groteske und absurde Weise, als sei da ein teuflisches Verhängnis im Spiel. Auch in der Champions League, deren Verlauf zunächst Auftrieb verhieß, ging es nach und nach bergab. Die Krise kristallisiert und verfestigt sich.
Sie haben die „Seuche“
Sie haben die „Seuche“, wie man so sagt. Liegt die Mannschaft einmal hinten, bleibt es in aller Regel auch dabei. Die Angst vor Fehlern bringt Fehler hervor. Es scheint den unbegreiflich Verzagten schier unmöglich zu sein, sich einmal entscheidend aufzuraffen und ein Spiel in der Tendenz umzudrehen. In manchen Partien stimmt auch der bloße Einsatz nicht mehr durchweg, also das Mindestmaß dessen, was die Zuschauer erwarten dürfen. Die meisten von ihnen stehen dennoch nibelungentreu zum Verein. Noch immer kommen rund 80.000 zu den Heimspielen im Westfalenstadion. Eigentlich unglaublich.
Doch allmählich könnte die Stimmung kippen. Manche ertappen sich bei vielleicht gar nicht mehr so ketzerischen Gedankenspielen, die jetzt auch zunehmend in Online-Kommentarspalten Platz greifen: Demnach müsste jetzt schleunigst Trainer Jürgen Klopp das Feld räumen und in nobler Einsicht einem Nachfolger Platz machen. Aber wem nur? Mit Thomas Tuchel, dessen Name häufiger genannt wird, käme womöglich abermals einer, der vorher in Mainz war. Und was hieße das?
Wer glaubt noch an die Wende?
Tatsächlich nervt Klopps allwöchentlich neu angesetzte Mixtur aus Zerknirschung und Kampfansage. Erreicht er denn mit seinen Appellen die Spieler noch? Im Vergleich zu früher wirkt er an der Seitenlinie in gewissen Momenten hilflos und zuweilen resigniert, ja fast erloschen. Glaubt er wirklich selbst noch an eine Wende?
Doch was kann ein Trainer schon ausrichten, wenn die Spieler wieder und wieder so agieren wie seit Saisonbeginn? Es ist, als herrsche da eine ansteckende Bräsigkeit, die gar zu viele Mitstreiter erfasst. Wäre es da nicht besser, den einen oder anderen „Star“ (mit deutlich gesunkenem Marktwert) leichten Herzens ziehen zu lassen und auf einen Neubeginn mit Nachwuchsleuten zu setzen? Wollen wir über die Neueinkäufe der jüngeren Zeit reden? Nein, lieber nicht. Wollten sie uns nur eines Besseren belehren…
Kampfschweine für schmutzige Siege
Unterdessen wird hie und da der Zukauf weiterer Kräfte in der Winterpause gefordert. Ohne Anführungsstriche kommt man hier nicht aus: Die vom Erfolg verwöhnten, nicht mehr „hungrigen“, angeblichen „Schönwetter-Spieler“ sollen vorzugsweise durch „Arbeitstiere“ oder sogenannte „Kampfschweine“ ersetzt werden, die notfalls brachial zu Werke gehen, was man ja im Revier eh am meisten zu schätzen wisse.
Ach, ach! Und dabei hat der BVB in den letzten Jahren immer wieder just durch schönes, einfallsreiches Spiel begeistert. Und nun sollen, ja müssen statt der Ästhetik „schmutzige Siege“ her. Das tut schon sprachlich weh.
Die Leute mit (bislang) glanzvollen Namen werden ohnehin rasch das Weite suchen, wenn der BVB nicht mehr in der Champions League vertreten sein wird. Fast sehnt man sich schon nach ganz normalen Zeiten soliden, gefestigten Mittelmaßes mit Steigerungs-Potenzial. Wenn’s geht, dann aber bitte noch in der ersten Liga.
In diesem Sinne: Frohes Fest & Guten Rutsch – nur nicht zu tief!
Beinahe-Schönheitskönigin mit Schwächen: Nick Hornbys Roman „Miss Blackpool“
Es sind die bewegten 60er Jahre und kurz bevor Barbara, ein junges ehrgeiziges Mädchen, sich zur „Miss Blackpool“ krönen läßt, wird ihr klar, dass es nicht das ist, was sie will.
Ihr größter Traum ist es, in die Fußstapfen der bewunderten Komödien-Schauspielerin Lucille Ball zu treten. Kurzentschlossen verlässt sie das vom Arbeitermilieu geprägte Nord-England, geht ins swinging London, ändert ihren Namen in Sophie Straw und schon nach kurzer Zeit entzückt sie die britische Fernsehnation als frischer Stern am Comedy-Himmel in einer Sitcom, die in ihrem Herkunftsmilieu spielt und ausgerechnet Barbara (and Jim) heisst.
Diese Zeit, vor allem die hinter den Kulissen verbrachte Zeit mit allen Mitwirkenden, wird die beste Zeit ihres Lebens werden. Doch irgendwann lassen sie alle das Skript zu nahe an sich heran und sie beginnen, die Dramen aus der Serie auf ihr eigenes Leben zu übertragen.
Plötzlich sehen sie sich alle vor eine Wahl gestellt. Die Drehbuchautoren Tony und Bill, von Haus aus Comedy-Besesssene, verbergen beide ein Geheimnis. Doch während der eine Frau und Kind zu versorgen hat, fühlt der andere sich zu Höherem berufen. Regisseur Dennis hasst seine Ehe, aber er liebt seinen Job (und scheinbar aussichtslos Barbara/Sophie). Der männliche Co-Star Clive steht sich vor allem selbst im Weg. Sie alle müssen entscheiden, ob und wie sie weitermachen wollen oder ob sie sich für ein anderes Programm entscheiden.
Soweit der Inhalt von „Miss Blackpool“, den neuen Roman des britischen Kultautors Nick Hornby. Hätte man mir dieses Buch als „blind audition“ in die Hand gedrückt und mich gebeten: „Rate den Autor. Kleiner Hinweis: Du hast auch sonst jede Zeile von ihm gelesen“ – ich hätte mich schwer getan, dieses Buch einwandfrei als „einen Hornby“ zu identifizieren. Was an sich ja so schlecht gar nicht sein muss. Jeder Autor will sich weiterentwickeln, muss es sicher auch. Aber – was sich schon bei seinen letzt erschienenen Short Stories andeutete, ist jetzt zur Gewissheit geworden: Nick Hornby weiß ganz offensichtlich nicht, wohin er sich entwickeln soll oder (schwerwiegender) entwickeln kann.
Aber auch so war mein erster Gedanke: Was bitte gibt das jetzt? Mad Men für die englische Landbevölkerung? Muss jetzt unbedingt der Nächste auf den gerade so beliebten Zug der Sechziger-Jahre-Nostalgie aufspringen? Das Ganze dann auch noch gegossen in eine Gemengelage aus selbstmitleidigem Gejammere, möglicherweise autobiographisch gefärbten Problemen (die zerrissenen Drehbuchautoren Bill und Tony!) und Milieustudie. Nicht nur die titelgebende Beinahe-Miss-Blackpool gerät seltsam blutleer. Dass weibliche Figuren in Hornby Romanen oft zu holzschnittartig geraten, ist nichts Neues, aber dass das ganze Buch einem eigenartig fremd bleibt, schon.
Es ist auch das erste Mal, dass mit der Tradition gebrochen wird, einen Nick-Hornby-Roman in Deutschland mit demselben Titel zu veröffentlichen wie im Original. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, aber man kommt nicht umhin zu bemerken, dass es in diesem Fall angebracht war. Denn was Barbara/Sophie zum „Funny Girl“ (so der Originaltitel) macht, bleibt tatsächlich unklar. Der Autor erzählt uns unermüdlich von ihrem außergewöhnlichen komischen Talent, aber nicht ein einziges Mal kann man mit ihr oder über sie lachen.
Es ist wohl so, dass Dinge, die auf der Bühne oder auf einem Bildschirm lustig wirken, in einem Buch nicht witzig rüberkommen. Außerdem bleibt Hornby nicht bei seiner Hauptperson. Er mäandert von einem Charakter, von einer Nebenlinie zur anderen und Barbara/ Sophie wird eher zum Rahmen für die männlichen Psychodramen.
Die frische, leichte Überzeichnung und die daraus resultierenden Schrulligkeiten der handelnden Personen, für die Nick Hornby berühmt und geliebt wurde, fehlen fast völlig. Während Hornby das Buch erkennbar dazu nutzen möchte, sogenannte leichte und gut gemachte Unterhaltung zu verteidigen, geht ihm selber jegliche Leichtigkeit verloren. Ganz klar nutzt er seine eigentlichen Stärken nicht. Vielleicht liegt es daran, dass ihm die gewählte Zeit nicht vertraut ist und er zuviel Energie auf originalgetreue Darstellung verwendet hat. In seinen bisherigen Büchern schöpfte er im wesentlichen aus eigenen Erfahrungen und schrieb über Dinge und Zeiten, die ihm vertraut waren. Möglicherweise sind es deswegen auch die Figuren der Drehbuchautoren, die dem Leser am vertrautesten werden und mit denen er am meisten mitfiebert.
Seine schönsten Geschichten schrieb Hornby immer, wenn er von den Überraschungen erzählte, die das Leben für jeden von uns bereithält. Das zeigt auch der wehmütige, aber liebevolle und schöne Epilog. Man mag bemängeln, dass der eigentlichen Thematik des Buches ein richtiges Ende fehlt und es nur ein Kunstgriff ist, das Buch mit einem Epilog zu beenden, der in der Gegenwart spielt. Doch so gibt der Epilog dem Buch ein zwar melancholisches, aber versöhnliches Ende.
Miss Blackpool ist Hornby erster Roman nach 5 Jahren, in denen er hauptsächlich als Drehbuchautor gearbeitet hat. Bleibt die Hoffnung, dass er damit nicht einen weiteren Schritt „a long way down“ macht. Dennoch: Enttäuscht werden eher die eingefleischten Hornby-Fans sein, deren Erwartungen zugegebenermaßen sehr hoch hängen. Wer zu „Miss Blackpool“ greift und leichte, gut gemachte Unterhaltung sucht, wird sich mit diesem Buch nicht schlecht bedient finden.
Nick Hornby: „Miss Blackpool“. Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln. 429 Seiten, € 19,99.
Marco Reus gibt’s nicht mehr! Die ganze Wahrheit zur BVB-Krise!
Mal Klartext: Dieser „Marco Reus“, den sie da beim Fahren ohne Führerschein erwischt haben, das soll wirklich ER sein, der einzig wahre MARCO REUS vom Ballspielverein Borussia 09 e.V. Dortmund? Niemals!
Der Original-Reus würde das charakterlich überhaupt nicht durchhalten, so etwas Fahrlässiges und andere Menschen Gefährdendes wie jahrelangen Verkehr ohne. Und dieser gewiefte Taktiker soll zudem so blöd gewesen sein, einen gefälschten niederländischen Führerschein vorzuzeigen? Kann gar nicht. Unser aller echter Marco – ehrlich, authentisch, dribbelstark – stellte auf der BVB-Homepage früh klar: „Ich habe den besten Job der Welt. Viele wissen das nicht zu schätzen, lassen sich gehen und schlagen über die Stränge. Das ist nicht mein Ding“.
„Reus“ oder Reus? Transfer und Transplantat
Also, wenn der mehrfach radarfallen-geblitztdingste „Reus“ tatsächlich nicht der modell-athletische Reus sein sollte, den wir kennen, dann ergäbe alles plötzlich tiefen Sinn. Kein Wunder, dass „Reus“, also der Reus-Imitator, nicht nur keinen deutschen Führerschein hatte, er konnte ihn gar nicht haben, selbst wenn er einen gemacht hätte. Daher die vielen Ausreden: Der echte Reus, unser jugendlicher Stürmer und Dränger, dieser Reus ist seit Monaten längst bei einem anderen Verein unter Vertrag. So. Und jetzt komm‘ ich: Der ganze Transfer konnte nur gelingen, weil Reus sein Gesicht verlor, indem er sich sein Gesicht operieren ließ! Verstehen Sie? Nein? O.k., ist auch ganz schön abgezockt.
Gesichtskorrekturen
Also, ich frage Sie: Kennt sich der BVB etwa nicht aus mit OPs am Kopf? Na? Jetzt dämmert’s Ihnen, was? Ja! Genau! Jürgen Klopps Haartransplantation! Kloppo damals zur Bild: „ (…) zunächst schwoll mein Gesicht immer mehr an. Sechs Tage lang! Ich dachte: Was, wenn das nicht mehr weggeht?!“
Aber J.K. hat Glück gehabt. Zack, ein paar Wochen untergetaucht, und dann wieder auf, als neuer Mensch, jünger, irgendwie noch an Klopp erinnernd, aber unterm Strich doch ganz anders – vor allem in jüngster Zeit. So wurde Klopp zum Modell für Reus.
Der Mann, den sie Reus nannten
Von wegen! Reus und monatelanges Verletzungspech! Außenbandriss, Knochenödem… Dass ich nicht lache! Der Mann hat für Dortmund überhaupt nicht mehr gespielt, weil er schlicht nicht mehr in Dortmund war. Plötzlich wird völlig verständlich, warum der BVB dermaßen orientierungslos im Abstiegskampf herumstolpert. Nach dem Wechsel der BVBler Götze und Lewandowski zu Bayern läuft eben auch Reus längst nicht mehr für den BVB auf, sondern nur noch sein Körper-Double.
Ich jedenfalls bin ziemlich sicher, dass auch Reus heute schon bei … heraus damit … den Bayern spielt! Was wissen wir eigentlich genau über „Sinan Kurt“, der als 18-jähriger angeblich von Mönchengladbach (!) zu Bayern gewechselt ist? Nichts, wir wissen fast nichts. Gehen Sie mal unter Google-Bilder zu den Fotos von „Kurt“ und Reus, fällt Ihnen da nicht auch etwas auf? Diese frappierende Ähnlichkeit?
Spielerschutzprogramm
Die Wahrheit liegt mal wieder auf dem Platz herum: Marco Reus, und das ist so sicher wie das Amen in der Autobahn-Kirche, wird als „Sinan Kurt“ mit neuer Identität bei Bayern München Schritt für Schritt an das Leben als Rekordmeister gewöhnt. Jünger wirkt er, das ist schön, aber extrem nachgeschult werden muss er schon noch, gecoacht, therapiert, damit er nicht – wie Klopp – durch eine Transplantation traumatisiert unvermittelt in den Misserfolg schlittert.
Also: Wenn SIE diese Zeichen nicht lesen können, ich kann’s.
Bleibt allein die Frage offen, wer das Körper-Double ist, das da seit einiger Zeit als Spielerdarsteller „Marco Reus“ über den Platz und die Autobahnen simuliert, und der (oder für den man) jetzt die 540.000 € Bußgeld zahlt. Wie viel Spielgeld erhielt Uli Hoeneß vom Adidas-Chef? 20 Millionen? Ich frag‘ ja bloß – und wäre Ihnen dankbar, wenn auch Sie hier nicht weiter recherchieren würden. Da kämen Dinge ans Tageslicht, die will wirklich niemand wissen.
P.S.
Unter uns: Vertauschen Sie einmal die Buchstaben des Namens MARCO REUS. MARCOREUS = EURO R CMAS! Klar? EURO(S) ARE CHRISTMAS! Capito?
GELD, DAS IST WIE WEIHNACHTEN.
Da kann ich mich nur anschließen. Für Geld würde auch ich alles tun.
Im Gartenglück schwelgen: Kat Menschiks Bilderbuch „Der goldene Grubber“
Seit Zeitschriften übers Landleben erstaunlich reüssieren, riskieren auch Buchverlage wieder öfter einschlägige Publikationen. In diesen Zusammenhang gehört letztlich wohl auch „Der goldene Grubber“, höchst ansprechend gestaltet von der Zeichnerin und Illustratorin Kat Menschik.
Grubber? Aber ja. Gemeint ist das unentbehrliche Gerät zum Umgraben hoffentlich fruchtbaren Bodens. Frau Menschik, vielfach tätig für die FAZ und zumal deren Sonntagszeitung, aber auch für ambitionierte Buchprojekte, stellt hier das an Leib und Seele selbst erfahrene Gartenglück quasi in Form einer Graphic Novel dar, also als gezeichneten „Roman“. Oder sagen wir Erzählung.
Auch Schattenseiten werden nicht verschwiegen. Der bezeichnende Untertitel lautet „Von Grossen Momenten und kleinen Niederlagen im Gartenjahr“. Perfektionisten werden auf diesem Felde immer mal wieder enttäuscht. Macht nichts. Unverdrossen auf ein Neues.
Ich bin so ziemlich das Gegenteil von einem Gartenexperten, doch hat dieses (von der Stiftung Buchkunst gepriesene) Buch mich rasch überzeugt und angesteckt. Im Inneren gibt es ein paar vielfarbige Seiten, doch das Gros der Bilder ist in dezentem Grünton gehalten und wird hauptsächlich von Versalien und Schreibschrift durchzogen; mal schön ordentlich, mal lustvoll wuchernd und mäandernd.
Vor lauter Euphorie hat man leider eine Paginierung (Seitenzahlen) „vergessen“, die beim Wiederauffinden von Lieblingsstellen helfen könnte. Aber was soll’s. Dann blättert man halt auf rund 300 Seiten ein wenig hin und her. Vergnügen bereitet es allemal.
Die Zeichnerin schwelgt in allerlei pflanzlichen Formen und tierischem Gewimmel, das sich im Umfeld des Gartens wie von selbst regt. Kat Menschiks freimütig eingestandener „Blumenkaufrausch“ (angeblich ein Muss: Phlox, Cosmea & etliche andere) erfasst nicht nur Frühblüher und Stauden, sondern auch Gemüse, Kräuter und Obstbäume, ja eigentlich alles, was gedeihen kann.
Vorwiegend an Wochenenden tobt sich Kat Menschik auf – man mag es kaum glauben – weitläufigen 4000 Quadratmetern Gartenfläche in Brandenburg aus, und zwar offenbar nahezu im Alleingang. Dabei kommt es schon mal vor, dass an einem Tag 11 Schubkarren mit Gartenabfällen weggeschafft werden müssen. Oder es gilt, 500 Krokus-Zwiebeln einzeln einzupflanzen…
Doch Erschöpfung und Genuss halten einander mindestens die Waage. Ist es auch manchmal beschwerlich, so sind es doch meist lohnende Mühen. Seite um Seite erfährt man, allen Widrigkeiten zum Trotz, dass im Garten das wahre Glück zu haben sei. Unkraut hin, Maulwürfe her.
Unterwegs fallen etliche praktische Hinweise aus dem Erfahrungsschatz der Gärtnerin und ihrer Freundinnen an. Schon mal über tote Fische als Tomatendünger nachgedacht? Schon mal erwogen, wie man ohne infernalischen Gestank (Brennnesselsud) die Blattlausplage bekämpfen kann? Schon mal Unmengen von Pflanztöpfen aus Zeitungspapier gebastelt?
In Kat Menschiks Gartenkosmos kommen einem die ungemein gefräßigen Nacktschnecken wie Horrorwesen vor. Dennoch: Keinesfalls, so die Autorin, solle man so barbarisch sein und diese Tiere mit Salz berieseln (dann lösen sie sich auf), sondern als milderes, leidlich wirksames Mittel Schneckenlinsen wählen. Ferner findet man Hinweise zur richtigen Ausrüstung ebenso wie Erwägungen zum Vogelhaus- und Baumhausbau, zum Gelingen ländlicher Festivitäten, zur Pilzsuche und überhaupt zu giftigen Pflanzen.
Gewiss: Der Frühling ist – wie man sich schon denken kann – die größte Offenbarung im gärtnerischen Jahreskreis. Doch auch alle anderen Zeiten haben ihre eigenen Reize, wie es sie in dieser Form hauptsächlich in Europa gibt. Ganz nebenbei gerät so die Hommage ans Wachsen und Blühen auch zum Loblied auf unsere Breiten. Warum nicht?
Schon Voltaire hatte im „Candide“ gegen all das kriegerische Weltweh die Rückzugs-Formel geprägt: „Il faut cultiver notre jardin“ – Wir müssen unseren Garten bestellen. Weise oder töricht? Jedenfalls ist’s eine Ur-Versuchung, wahrscheinlich schon seit dem Paradiesgarten.
Pat Menschik: „Der goldene Grubber“. Verlag Galiani, Berlin. 304 Seiten, Spezialformat 21 x 21 cm. Durchgehend illustriert. 34,99 Euro.
Magische Momente mit „Magnum“ und mehr: Starker Start für C/O Berlin an neuer Stätte
Der einsame Mann, der sich auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens in todesmutiger Verzweiflung einer Panzer-Kolonne entgegenstellt und vergeblich versucht, ein Massaker zu verhindern. Che Guevara, der mit dem selbstbewussten Charme des siegreichen kubanischen Revolutionärs seine Zigarre pafft. Die lasziv auf einem U-Bahn-Luftschacht posierende Marilyn Monroe, deren Kleid im Wind flattert. Drei Momente, drei Bild-Ikonen, die sich ins kollektive Gedächtnis eingegraben haben.
Fotografen der berühmten Agentur Magnum haben im richtigen Moment auf den Auslöser ihrer Kameras gedrückt und die perfekte Synthese aus Sensibilität und Technik, Form, Zufall und purer Intuition geschaffen. Doch was geschah kurz vorher, und was sah der Fotograf kurz danach?
Die Kontaktbögen der Fotografen dokumentieren den Arbeitsprozess und die Entscheidung für den einen Moment und das perfekte Bild. Normalerweise werden diese Abzüge unter Verschluss gehalten. Dass sie jetzt unter dem Titel „Magnum Contact Sheets“ im Amerika Haus, der neuen Heimstatt der Fotogalerie C/O Berlin gezeigt werden, ist ein Tabubruch und eine kleine Sensation. Die grandiose Ausstellung gibt Einblicke in die Fotowerkstatt und wirkt wie ein Blättern im künstlerischen Skizzenbuch. Doch sie ist nur eine von vier Foto-Installationen, mit der C/O Berlin ihre frisch renovierte Herberge eröffnet.
Jahrelang war die international hoch angesehene Galerie auf Wanderschaft, hatte in einer leer stehenden Gießerei und im ehemaligen Postfuhramt in Berlin-Mitte neue Talente entdeckt und Bilder legendärer Künstler wie Annie Leibovitz oder Robert Mapplethorpe gezeigt. Nachdem ein Immobilien-Investor ihre letzte temporäre Bleibe aufkaufte, um sie profitabel zu vermarkten, zog C/O Berlin weiter, verließ das angesagte Szene-Milieu und landete ausgerechnet im West-Teil der Stadt, der seit der Wende als spießige Kunst-Einöde verpönt ist.
Doch nun, so scheint es, werden in Berlin die Kunst-Karten neu gemischt. Und C/O Berlin, inzwischen eine Stiftung mit einem 21 Jahre laufenden Mietvertrag, hat dem Amerika Haus, in dem einst den Berlinern Nachhilfestunden in Demokratie erteilt wurden, neues Leben eingehaucht. Es ist der passende Ort, um die Fotos von Will McBride zu präsentieren: „Ich war verliebt in diese Stadt“, sagt der inzwischen hoch betagte Fotokünstler, der in den 1950er Jahren aus Amerika nach Berlin kam und fasziniert war vom Freiheitsgefühl in der Frontstadt. Seine Schwarz-Weiß-Bilder zeigen eindringlich, wie zwischen Ruinen und Trümmerlandschaften neues Leben erblühte und eine freche und forsche Jugend sich Freiräume erkämpfte.
Luise Schröder und Hannah Petersohn, beide Jahrgang 1962, beschäftigen sich in „Arbeit am Mythos“ mit der Zerstörung Dresdens und übermalen fotografisch die Bilder von Tod und Leid. Bei „Picture Yourself“ schließlich können Besucher in eigens installierten Fotoautomaten Bilder im Stile der Magnum-Fotografen machen. Eine neckische Spielerei. Gespannt sein darf man, ob die Euphorie des Anfangs in die Niederungen des Alltags hinüber gerettet werden kann und C/O Berlin, nur einen Steinwurf vom maroden Bahnhof Zoo entfernt, ein dauerhafter Publikumsmagnet werden kann.
Alle erwähnten Ausstellungen bis zum 16. Januar 2015. C/O Berlin im Amerika Haus, Hardenbergstraße 22-24, täglich 11-20 Uhr, weitere Infos unter www.co-berlin.org
(P.S.: Die Illustrationen wurden Mitte Januar 2015 entfernt, weil die Leihgeber und Veranstalter das Publikationsrecht auf die Dauer der Ausstellung begrenzt haben).
Mensch-Maschine: Mozarts „Zauberflöte“ an der Rheinoper in Duisburg und Düsseldorf
Nosferatu kann kaum die wilden Höllenhunde zurückhalten und nicht nur Papagenos Katze sträuben sich dabei die Nackenhaare: Als Hommage an den Stummfilm zeigt die Rheinoper in Düsseldorf und Duisburg Mozarts „Zauberflöte“.
Was auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammenzupassen scheint, geht tatsächlich eine kongeniale Verbindung ein. Die filmischen Animationen ersetzen das Bühnenbild und führen mitten ins Herz von Mozarts fantastischem Märchen rund um Liebe, Weisheit und böse Mächte. Die Arien sind nach wie vor an ihrem Platz, nur der Sprechtext wird nach Art des Stummfilms in kurze Sätze gepackt und flimmert über die Leinwand. Regisseur des Ganzen ist Barrie Kosky, der Intendant der Komischen Oper Berlin, gemeinsam mit Suzanne Andrade und Paul Barritt von der Theatergruppe „1927“, die in ihren Shows mit filmischen Animationen arbeiten und so ein ganz eigenes ästhetisches Erlebnis schaffen.
Deswegen tritt Sarastros (Thorsten Grümbel) Oberaufseher Monostatos (Florian Simson) im Kostüm des Nosferatu auf, Papageno (Richard Sveda) erinnert an Stummfilmstar Buster Keaton und Pamina (Heidi Elisabeth Meier) trägt pechschwarzen Pagenkopf wie Filmstar Louise Brooks in der 20er Jahren. Die Königin der Nacht (stimmlich sehr überzeugend: Cornelia Götz) ist als übergroße Spinne konzipiert, deren stachelige Beine den Zuschauern Gänsehaut über den Rücken jagen: Hier driftet die Inszenierung ein wenig in Richtung Horror-Comic.
Und doch ist diese Lesart psychologisch überzeugend, denn die Königin der Nacht, in vielen Opernabenden als sternenumglänzte Kitsch-Queen angelegt, verkörpert bei Mozart ebenfalls das Reich des Bösen. Im Gegensatz zu Sarastro, der sich vom unerbittlichen Herrscher zum Hüter von Weisheit, Wahrheit und Gerechtigkeit entwickelt. Mit langen Bärten und hohen Zylindern herrschen er und seine Priester über ein Reich, das dem Film „Metropolis“ entsprungen scheint. Die Animationen, projiziert auf den Bühnenhintergrund, zeigen die ersten Maschinen-Menschen; Zahnräder und Dampfkolben treiben die Spezies der Roboter an. Rund hundert Jahre später durchdringen Computer unsere Welt erst recht – aber nicht mehr schwarz-weiß und mechanisch.
Und wie funktioniert das mit Mozarts Musik? Im Rhythmus der Klänge aus dem Orchestergraben (große Spielfreude beweisen hier die Duisburger Philharmoniker) tanzen Phantasmen, Tiere und technische Apparaturen über die Leinwand; die Sänger fügen sich ästhetisch stimmig ins Gesamtgeschehen ein. Da es immer etwas zu schauen und zu bestaunen gibt, gerät der Abend äußerst kurzweilig, ohne dass das Primat der Musik aufgegeben wird. Im Gegenteil: Es entsteht ein witziges, anrührendes und auch ein wenig respektloses Gesamtkunstwerk, das einfach Spaß macht.
Wiederaufnahme im Theater Duisburg am 17.12.
Weitere Termine und Karten: www.operamrhein.de
„Cabaret“ in Essen: Das Ende der Spaßgesellschaft
Schon nach wenigen Minuten schaut man erstaunt ins Programmheft: Hier steht wirklich das Schauspiel-Ensemble des Grillo-Theaters auf der Bühne? Keine ausgebildeten Musical-Darsteller? In Essen hat Reinhardt Friese „Cabaret“ einstudiert – und damit einen veritablen Hit gelandet. Der temporeiche Abend ist ein Genuss für Auge und Ohr: beste Unterhaltung, schöne Stimmen, gekonnte Choreografien, klug inszeniert.
Berlin in den 1920er Jahren: Am Vorabend des Nationalsozialismus werden die Nächte durchgefeiert. Es ist eine Zeit, für die der Begriff „Dekadenz“ geprägt wurde: Mitten in der Wirtschaftskrise wird gegen den Niedergang einfach angefeiert. Fett tönt die Tuba im Kit-Kat-Club, schmierig klingt dessen beleibter Conférencier (Jan Pröhl), der mit kaum verhohlener Geilheit die Tanz-Nummern seiner „Kit Kat-Girls and Boys“ ansagt. Was dieser Jan Pröhl mit seinem maskenhaft geschminkten Gesicht, dem angeklatschten Seitenscheitel und in seinem schlecht sitzenden Frack da beim Sprechen mit seiner lüsternen Zunge macht – das ist widerlich und großartig zugleich. Zur Live-Musik der achtköpfigen Kit-Kat-Band lässt er seine Cabaret-Puppen tanzen – allesamt Studierende an der Folkwang Hochschule der Künste.
Der Star des Clubs ist Sally Bowles (festes Ensemble-Mitglied Janina Sachau, ein singendes und tanzendes Multitalent). Sie verliebt sich in den erfolglosen amerikanischen Schriftsteller Clifford (Thomas Meczele) und treibt alsbald sein Kind ab. Auch sonst fallen Schatten auf das leichte Leben: Cliffords Zimmer-Wirtin, das spröde Fräulein Schneider (Ingrid Domann) findet ihr Glück mit Obsthändler Schultz (Rezo Tschchikwischwili) und lässt es wieder los, als ihr klar wird, dass ein jüdischer Gatte das Vermietungsgeschäft gefährdet.

Eine Ananas sagt mehr als rote Rosen: Herr Schultz (Rezo Tschchikwischwili) und das Fräulein Schneider (Ingrid Domann). Foto: Birgit Hupfeld
Regisseur Friese und Bühnenbildner Günter Hellweg verzichten wohltuend auf jegliche ausstatterische Opulenz. Eine Showtreppe aus Glasbausteinen und hunderte Glühlampen am Boden bilden die Bühne, über den Orchestergraben führt ein Steg. Die Spielfläche für das immerhin 15-köpfige Ensemble wird dadurch arg reduziert – trotzdem gelingt es den Darstellern virtuos, die große Show ebenso in Szene zu setzen wie kammerspielartige Szenen.
Wie filmische Überblendungen gehen die Szenen übergangslos ineinander über – Umbauten braucht es nicht, nur ein riesiger Zylinder fährt dann und wann herunter, verdeckt die Showtreppe und wird zur Pension des Fräulein Schneider. Diese fast leere Bühne, dazu die fast komplett in schwarz, weiß und grau gehaltenen Kostüme von Annette Mahlendorf und die Musiker unter Leitung von Hajo Wiesemann lassen das begeisterte Publikum von der ersten Sekunde an atmosphärisch eintauchen.
Stephan Brauer ist für die Choreografien verantwortlich. Mit sicherem Blick hat er charakteristische und durchaus anspruchsvolle Elemente aus den Tanz-Nummern aufgegriffen, die vor allem aus dem Musical-Film mit Liza Minelli bekannt wurden, ohne das Ensemble zu überfordern.
Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt, bevor kurz vor der Pause das wirkliche Leben in Gestalt von Nazis in die Blase dringt. Am Umgang mit dem Erstarken der Nazis scheiden sich Geister und Paare. „Berlin ist vorbei“, resümiert Clifford und reist zurück nach Amerika. „Wenn die Nazis kommen, was habe ich dann für eine Wahl?“, fragt Fräulein Schneider rhetorisch. „Das ist gar nichts, das ist ein Lausbubenstreich“, sagt der jüdische Obsthändler.
Sally will ihre Karriere jedenfalls nicht opfern und kehrt nach der Abtreibung auf die Bühne zurück. „Life is a cabaret“ singt sie inbrünstig und mit soulig-warmer Stimme, dreht sich dann erstaunt um – alles ist leer, alle sind weg. „Gute Nacht“, sagt der Conférencier, inzwischen ein Mephisto mit Hitler-Bärtchen. Trommelwirbel. Das Ende der Spaßgesellschaft.
Termine: 19., 26., 31. Dezember. Karten: 0201 / 81 22-200
Mit 66 zum ersten Mal in der Schwebebahn
Es soll sie ja geben, jene Menschen aus Nordrhein-Westfalen, die schon in Rente sind und doch noch nie in der Wuppertaler Schwebebahn gesessen und hoch über der Wupper das leichte Pendeln des Wagens genossen haben. Zu dieser Gruppe gehörten auch unsere Freunde aus dem südlichen Münsterland, die durch unsere Einladung mit ihren 66 und 63 Jahren zum ersten Mal dieses Technikwunder im Bergischen Land erlebten.
Einen gemeinsamen Besuch der sehr eindrucksvollen Pissarro-Ausstellung im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum verbanden wir also mit der Fahrt in der Schwebebahn von der Endstelle Oberbarmen bis nach Elberfeld. Döppersberg hieß die dortige Haltestelle früher, jetzt hat man sie großstädtisch in „Hauptbahnhof“ umbenannt. Gemeint ist damit allerdings der benachbarte DB-Bahnhof.
Schon der Aufstieg vom Straßenniveau auf die Einstiegsplattform ist gewöhnungsbedürfnis, und dann kommt die Bahn leicht ratternd tatsächlich wie schwebend angefahren. Allerdings schweben die Wagen ja nicht wirklich wie die Jungfrau im Zaubertrick, sondern sie hängen mit einem Stahlarm und einem Laufrad in einer Schiene, die fast durchgängig dem Flussverlauf folgt. Wegen dieser Konstruktion sagen Fachleute auch nicht „Schwebebahn“, sondern sie nennen das Gefährt eine „Einschienenhängebahn“.
Die Wuppertaler Bahn ist auch nicht die einzige ihrer Art in Deutschland, denn auch in Dresden gibt es so ein Schwebefahrzeug, das die Touristen auf einen Aussichtsberg befördert. Die beiden Bahnen sind jeweils zweigleisig und fast gleich alt: In Wuppertal ging sie am 1. März 1901 in Betrieb, und in Dresden fährt sie seit dem 6. Mai des selben Jahres. Konstruiert wurden sie von dem Ingenieur Eugen Langen.
Auch weltweit sind die deutschen Bahnen nicht einmalig: Seit 1982 verkehrt so eine „Einschienenhängebahn“ im amerikanischen Memphis und verbindet zwei Stadtteile rechts und liks des Flusses Mississippi , allerdings etwas komfortabler als bei uns: Sie „schwebt“ nämlich fast lautlos auf Gummirädern. Der berühmte Mephis-Bürger Elvis Presley konnte sie nicht jedoch mehr benutzen – er starb fünf Jahre zuvor, am 16. August 1977.
Aus der hiesigen Hotline-Hölle: Unitymedia
Buddha – zwei Finger am Tastentelefon verloren?
Foto: Gerd Herholz
Nach sechs Jahren ist unser TV-Receiver ins Wackelkoma gefallen. Schluss, aus, Elektroschott. Asocial freezing: Andauernd fror das Bild ein. Also resetten (vulgo: Stecker raus – Stecker rein), damit das Dingsbums zumindest für eine Weile bewegte Bilder flimmerte.
Nach Dutzenden Versuchen, Kontakt aufzunehmen, meinte vor zwei Wochen unser „Was kann ich für Sie tun?“- Kundenberater, tja, da müssten wir wohl den Receiver ersetzen, Kosten ca. 120 Euro. Hurra, der Kundendienst sei tot, es lebe der dienende Kunde. (Nein, das hat er natürlich nicht gesagt.)
Der neue Receiver – so der versierte Callcenter-Agent – würde am Dienstag, spätestens am Mittwoch eintreffen. 14 Tage sind vergangen – und wo sind sie, all die abgehetzten, unterbezahlten Paketboten, von denen man jetzt überall hört? Nicht einer klingelte uns raus aus unserer Lethargie. Mittlerweile schauen wir am liebsten Werbepausen, da ist es eigentlich schnuppe, wann das Bild einfriert. Am besten passt’s natürlich, wenn Tiefkühlspinat beworben wird.
Gestern habe ich endlich die Zähne zusammengebissen, um erneut mit einem Kundenverräter bei Unitymedia zu sprechen. So naiv hätte ich mich besser bei SETI beworben. Die lauschen seit Jahrzehnten aus amerikanischer Wüste auf Signale aus dem All, um in Teleskopschüsseln neben kosmischem Grundrauschen so etwas wie Antwort außerirdischer Intelligenz herauszufiltern. Ich Kleinmütiger habe dagegen nur 15 Minuten in der Warteschleife meines Premium-Anbieters durchgehalten, dann noch einmal fünf, bevor ich entnervt auflegte. Seitdem verwest meine Frau beim Versuch, einmal bei der Hotline des „alternativen“ lokalen Kundendienstes durchzukommen.
Übrigens: Immer, wenn ich mich zu dem für mich zuständigen Heißdrahtler durchtastelte, verblüffte eine Service-Stimme mit dem Satz: „Bitte beachten Sie, dass Gespräche zu Qualitätszwecken mitgehört werden können.“ Gespräche, welche Gespräche? Mit mir spricht doch überhaupt keiner. Nie hätte ich gedacht, dass ich einmal froh darüber wäre, wenn geschulte Profi-Abhörer dieses mich zermürbende renitente Schweigen, dieses stumme Stalking, aufmerksam mithören und zu Qualitätszwecken auswerten würden. Gut, dass wir auch in Deutschland dafür noch Spezialisten haben.
Und bitte – fragen Sie mich jetzt bloß nicht, wie ich’s in der Warteschleife ausgehalten habe bei elektronischer – sagen wir mal – Musik und dem Ohr- & Oralverkehr mit der verlockenden Stimme der automatischen Hinhalte-Tusse. Sonst müsste ich Ihnen nämlich in den Hörer hauchen:
Ich bin sofort für Sie da – Der nächste freie Mitarbeiter ist bereits für Sie reserviert – In wenigen Augenblicken bin ich für Sie da – Einen kurzen Moment noch – Ich bin sofort für Sie da – Der nächste freie Mitarbeiter ist bereits für Sie reserviert – In wenigen Augenblicken bin ich für Sie da – Einen kurzen Moment noch – Ich bin sofort für Sie da – Der nächste freie Mitarbeiter …
So. Und jetzt gehe ich Standbild schauen. Meditiere vorm TV wie einst Siddharta unterm Bodhi-Baum und hoffe auf plötzliches Erwachen – vor allem in jenem Callcenter, das die in die reine Leere führende Unitymedia-Hotline betreut. Wahrscheinlich liegt es bei Kushinagar, Indien, unweit der Stelle, wo selbst Buddha sterben musste, immerhin aber als Erleuchteter von Warteschleifen – also vom Kreislauf des Leidens – seitdem verschont geblieben.
TV-Nostalgie (33): „Wetten, dass…?“ – mit Elstner fing alles an (und jetzt hört es auf)
Zugegeben: Eigentlich habe ich die Show gar nicht so oft gesehen, noch seltener in voller Länge. Trotzdem fand ich es immer irgendwie beruhigend, dass es so etwas wie „Wetten, dass…?“ noch gab.
Eine familiäre Sendung, die mindestens von der halben Nation gesehen wurde, war das etwa nichts? Heute bringen das nur noch ganz große Fußballpartien zuwege.

Einladende Geste: Moment aus der allerersten Ausgabe von „Wetten, dass…?“ mit Frank Elstner vom 14. Februar 1981. (Screenshot aus: https://www.youtube.com/watch?v=jfCBKJI8R4M)
Gigantische Quoten hat die ZDF-Wettshow allerdings schon längst nicht mehr erzielt. Vor einigen Wochen, am 4. Oktober, waren nur noch 5,48 Millionen Zuschauer dabei – abermals ein Minusrekord für den umstrittenen Showmaster Markus Lanz, der denn auch am kommenden Samstag, 13. Dezember, die allerletzte Ausgabe präsentieren wird.
Rekord mit über 23 Millionen Zuschauern
Das Sehverhalten seit der Premiere (14. Februar 1981) hat sich grundlegend verändert. Zu Zeiten von Frank Elstner, des Erfinders und ersten Moderators von „Wetten, dass…?“, saßen manchmal über 20 Millionen Zuschauer vor den Geräten, der absolute Rekord wurde am 9. Februar 1985 mit 23,42 Millionen Zuschauern aufgestellt. Als 1987 Thomas Gottschalk übernahm, blieb man meist auch bei über 60 Prozent Marktanteil.
Nach einem Intermezzo mit Wolfgang Lippert (1992/93) wurde erneut Thomas Gottschalk engagiert – von 1994 bis 2011. Er pflegte einen anderen, flotteren und frecheren, auch glanzvolleren Stil als der allzeit nette, betont seriöse Elstner. Manchmal streifte „Tommy“ die Grenzen des guten Geschmacks, er wusste das aber meist mit Charme zu überspielen.
Redlich und bescheiden
Wahre Fernseh-Nostalgiker erinnern sich vielleicht am allerliebsten an die Anfangszeiten mit Elstner. Der einstige Moderator von Radio Luxemburg („Die vier fröhlichen Wellen“) hatte sich die Sache ausgedacht und alles in Schwung gebracht. Daraus wurde die größte Show Europas.
Im Internet ist noch ein Ausschnitt aus der Premierensendung von „Wetten, dass…?“ greifbar (siehe Link in der Bildzeile). Schon im Februar 1981 hatte Frank Elstner die nicht allzu weltmännische Ausstrahlung eines redlichen Sachbearbeiters. Er war freilich eine Vertrauensperson, ging einfühlsam und anständig mit seinen Gästen um, gab sich bescheiden und profilierte sich nicht auf Kosten anderer. Das ist keine intellektuelle Offenbarung gewesen, doch durchaus aller Ehren wert.
…und was kommt danach?
Wir wollen hier nicht lang und breit über Einzelheiten aus fast 34 Jahren reden, über Saal-, Städte-, Kinder- und Buntstiftwetten. Doch muss man den schrecklichen Unfall von 2010, bei dem sich der damals 23jährige Student Samuel Koch schwer verletzte und seither gelähmt blieb, wenigstens erwähnen. Danach mochte Thomas Gottschalk nicht mehr weitermachen, als wäre nichts gewesen. Es war gewiss ein Anfang vom Ende der Show. Samuel Koch wird übrigens am Samstag Gast der letzten Ausgabe sein. Hoffentlich bringt man es ohne Peinlichkeit über die Bühne.
Statistiken aller Art kann man im Internet nachlesen – von der längsten Sendezeit-Überziehung (Gottschalk mit 73 Minuten) über die häufigsten Wettpaten (11 Mal Iris Berben, 8 Mal u. a. Boris Becker, Veronica Ferres, Til Schweiger) und Musikauftritte (17 Mal Peter Maffay, 15 Mal Udo Jürgens). Doch was besagt das schon über Wert und Wirkung dieser Sendung? Das, was da nachkommt, wird wohl schwerlich besser sein, oder?
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Vorherige Beiträge zur Reihe:
“Tatort” mit “Schimanski” (1), “Monaco Franze” (2), “Einer wird gewinnen” (3), “Raumpatrouille” (4), “Liebling Kreuzberg” (5), “Der Kommissar” (6), “Beat Club” (7), “Mit Schirm, Charme und Melone” (8), “Bonanza” (9), “Fury” (10), Loriot (11), “Kir Royal” (12), “Stahlnetz” (13), “Kojak” (14), “Was bin ich?” (15), Dieter Hildebrandt (16), “Wünsch Dir was” (17), Ernst Huberty (18), Werner Höfers “Frühschoppen” (19), Peter Frankenfeld (20), “Columbo” (21), “Ein Herz und eine Seele” (22), Dieter Kürten in “Das aktuelle Sportstudio” (23), “Der große Bellheim” (24), “Am laufenden Band” mit Rudi Carrell (25), “Dalli Dalli” mit Hans Rosenthal (26), “Auf der Flucht” (27), “Der goldene Schuß” mit Lou van Burg (28), Ohnsorg-Theater (29), HB-Männchen (30), “Lassie” (31), „Ein Platz für Tiere“ mit Bernhard Grzimek (32)
“Man braucht zum Neuen, das überall an einem zerrt, viele alte Gegengewichte.” (Elias Canetti)
Erstickende Fürsorge: „The Turn of the Screw“ an der Folkwang Musikhochschule Essen

Unschuldige Opfer oder sündige Engel? Die Kinder Miles (Dan Tian) und Flora (Sina Jacka) in der glänzend gelungenen Hochschulproduktion von Brittens „The Turn of the Screw“ an der Folkwang Hochschule Essen. Foto: Seda Karaoglu
Schraubenköpfe sind gewöhnlich in der Mitte geschlitzt. Hier setzt der Dreher an, der die Kraft überträgt, mit der sie ins Material getrieben werden. So lange, bis sie fest sitzen. Würde man diesen Schlitz ins Monströse vergrößern, käme in etwa der langgestreckte Kasten heraus, mit dem Alexandra Tivig die Bühne in der Aula der Folkwang Hochschule für Musik kreuzt.
Für Benjamin Brittens Kammeroper „The Turn of the Screw“ ist dieser karge, auf wenige Grundlinien reduzierte Raum der Schauplatz, in dem und um den herum sich das Geschehen konzentriert. Und der Kasten wird bewegt, von den Geistern, den Kindern und den Frauen, die in den zwei dichten Stunden dieses Thrillers des Undeutbaren die „Drehung der Schraube“ vorantreiben, bis sie sich tief in die Seelengründe gebohrt hat, aus denen Britten die Ahnung unaussprechlichen Entsetzens aufsteigen lässt.
Wie die Vorlage der Oper, die Novelle von Henry James (1898), schafft Brittens Oper (1954) eine Atmosphäre des Unheimlichen, Ungreifbaren. Nichts ist eindeutig, der nachvollziehbare Zusammenhang von Ursache und Wirkung schält sich kaum aus nebelhaft Angedeutetem heraus. Selbst scheinbar unbezweifelbare Fakten und Beobachtungen verlieren ihre Evidenz, werden zu Schleiern in einem Bild, die sich nicht zu eindeutigen Konturen zusammenzwingen lassen wollen.
In diesem Gespinst aus Ahnung, Angedeutetem und Ausgesprochenem fängt sich die junge Gouvernante, die zwei Waisen auf einem abgelegenen Landsitz erziehen soll. Anfangs wirkt das harmonische Zusammenleben ungetrübt, aber dann schleichen sich seltsame Schatten in die Idylle. Die Haushälterin Mrs. Grose identifiziert sie als Peter Quint und Miss Jessel, Hausdiener und frühere Gouvernante, die beiden unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen sind. Auch die Kinder zeigen immer auffälligeres Verhalten. Entschlossen, den Geheimnissen auf die Spur zu kommen und überzeugt vom verderblichen Einfluss der Geister der Toten, will die junge Governess ihre Schützlinge retten – mit schlimmen Folgen …
In ihrer reflektierten, in jedem Detail folgerichtig ausgearbeiteten Inszenierung führt Helen Malkowsky nicht nur die Studierenden dreier Gesangsklassen der Essener Hochschule darstellerisch über sich selbst hinaus. Sie verdichtet die Indizien des Stückes auch zu einer Geschichte von Missbrauch und einer sich ins Pathologische steigernden Fürsorge, ohne die Deutungen allzu sehr festzulegen.
Die Kinder Miles und Flora – in Essen mit bewundernswertem Einfühlungsvermögen von zwei jungen Sängerinnen gegeben – sind Mitwisser im bösen Spiel. Nichts verraten!, signalisiert Flora der Haushälterin mit dem Finger auf dem Mund, als die ersten Ungereimtheiten die unbeschwerte Atmosphäre trüben.
Malkowsky hat sich offenbar mit der Psyche von Missbrauchsopfern beschäftigt: dem „Nachspielen“ des Schrecklichen, dem Gefühl des Schuldigseins, dem fürs seelische Überleben notwendigen Zwang zum Verdrängen. Wenn die Kinder am Ende des ersten Aktes in zweifellos sexuell konnotierter Umarmung auf dem Bett knien, ist zu ahnen, was mit ihnen geschehen sein könnte. Und ihr Umgang mit den Geistern erinnert an das Einverständnis, das Opfer mit ihren Peinigern entwickeln können. Sina Jacka (Flora) und Dan Tian (Miles) meistern die konzentrierten Spielszenen mit professioneller Bravour.

Zwielichtiges Verhältnis: Die Gouvernante (Christina Heuel) mit ihrem Schützling Miles (Dan Tian). Foto: Seda Karaoglu
Während die Figur der Mrs. Grose (Sandra Schares gibt ihr die Züge einer älteren, sehr wohl wissenden, aber verdrängenden Frau) in Malkowskys Konzept eher zurücktritt, schärft die Regie den Blick auf die psychische Entwicklung der Gouvernante: Christina Heuel zeichnet mit gut entwickelter Stimme und überzeugendem Einsatz ihren Verfall nach. Aus der zuversichtlichen, hoffnungsfroh die Selbstzweifel überwindenden, attraktiven jungen Frau wird ein zerrüttetes Gespenst, das wie eine der rothaarigen Furien von Johann Heinrich Füssli erschöpft im grellweißen Licht der Geistersphäre liegt.
Am Ende fällt Miles ihrer im wahrsten Sinne des Wortes erstickenden Fürsorge zum Opfer. Der untote Diener Quint (überzeugend und nicht nur dämonisch: Benjamin Hoffmann) zieht den toten Jungen an den Beinen hinüber in sein Totenreich. Von Miss Jessel, dem zweiten Geist, können wir dank einer differenzierten Darstellung durch Yeri Park ahnen, welches Martyrium diese Frau in ihrer irdischen Existenz durchgemacht hat.
So virtuos Helen Malkowksy die Balance zwischen psychischer Zerrüttung, transzendentaler Ahnung des Unfassbaren und sexualpathologischer Studie gelingt, so konsequent geht Xaver Poncette mit der Partitur Brittens um. Sein Zugang ist strikt analytisch; er zeigt, wie sich das Motiv der „Drehung“ der Schraube durch die Musik windet, wie das Echo der schwermütigen „Malo“-Rufe Miles‘ durch die verhaltene Faktur geistert, wie Britten mit der Verzerrung und Verfremdung von Kinderlied-Melodien Atmosphäre schafft und Vertrautes unheimlich bricht.
Die Studierenden im Orchestergraben folgen dem Dirigenten aufmerksam und meist mit charakteristisch gestaltetem Ton – von Klavier, Celesta und Harfe bis hin zum diskret eingesetzten, exzellent abgestimmten Schlagzeug-Apparat (Shiau-Shiuan Hung). An der Folkwang Hochschule ist so mit relativ einfachen Mitteln eine Produktion gelungen, die mit den letzten Inszenierungen in der Rhein-Ruhr-Region (Köln und Düsseldorf-Duisburg) den Vergleich nicht zu scheuen braucht.
Noch eine Vorstellung am Freitag, 12, Dezember, 19.30 Uhr, in der Neuen Aula der Folkwang Hochschule für Musik in Essen-Werden
Kulturzentrum Lindenbrauerei in Unna – immer noch keine handfeste Lösung in Sicht
Es wird für die Politiker Unnas über kurz oder lang nur eine wahre Alternative geben können, sich einer Wahlmöglichkeit zu stellen: Soll das Kulturzentrum „Lindenbrauerei“ seinen Betrieb langfristig fortsetzen, kann ebenso langfristig eine Lösung für das erkennbare Problem der strukturellen Unterfinanzierung gefunden werden – oder nicht? Und wenn nicht, dann würde ein Leuchtmittel der Unnaer Kulturarbeit aus den vergangenen Jahrzehnten aufgegeben, eine Akte zugeklappt, weil das Geld einfach zu knapp geworden ist?
Der Kulturausschussdes Unnaer Rates konnte da noch keine sinnfällige Antwort finden und sie den Freunden und Hegern der Brauerei anbieten. Wie auch?
Zahlen: 897.000 Euro im Jahr kann der Verein als Träger der Einrichtung auf der Einnahmeseite verbuchen. Runde 1,16 Mio. hingegen belasten die Ausgabenseite. 199.000 Euro gibt’s von der Stadt als Zuschuss, bleiben runde 70.000, die im Jahresplan für 2015 fehlen. Immerhin, eine leichte Verbesserung gegenüber dem laufenden Rechnungsjahr, das am Ende auf ca. 76.000 Euro Fehlbetrag kommen wird, dessen Deckung aber schon durch einen erhöhten Zuschuss der Stadt abgedeckt war.
Das kommende Brauerei-Jahr könnte über eine Rückstellung in Höhe von 70.000 Euro aus nicht verbrauchten Mitteln des laufenden Haushaltsjahres gesichert werden, wie der zuständige Dezernent Uwe Kornatz es vorschlug. Die sollten allerdings nur angefasst werden, falls es nötig und die politische Ampel auf Grün gestellt sein wird.
Damit wären akute Überlebenssorgen zwar beseitigt, indes könnte von einem zukunftssichernden Durchbruch auch keine Rede sein. Die Anregung zu einer fraktionsübergreifenden Arbeitstagung wurde zwar in den Raum gestellt, von CDU-Seite allerdings inhaltlich obsolet gemacht, weil deren Standpunkte unverrückbar formuliert wurden: Zusätzliche Mittel für die Brauerei nur aus Umschichtungen im Kulturetat, nicht abgezapft aus dem System des Gesamthaushaltes.
Solche Statements sollten allerdings endlich mal in Eindeutigkeit formuliert werden: Die konservative Linie kommt einer eindeutigen Akzeptanz der Folgen des worst case gleich. Klappen wir doch gleich zu, was uns schon geraume Zeit stört und populär einer opferbereiten Mainstream-Menge angeboten werden kann. Man kann am Ende sich ja immer darauf berufen, dass da falsch gewirtschaftet worden sei und andere das nachweislich ja besser gemacht hätten.
Kann man, aber sollte man? Die Zeit ist nicht mehr fern, da mutiert Unna von der einstigen Kulturstadt zum Kulturbeutel der Region. Ich menetekele mal so vor mich hin: Alsbald wird sich die Aufmerksamkeit der wirtschaftswissenden Polit-Fraktionen skeptischer als bisher formuliert in Richtung des Lichtkunstzentrums wenden. Festivals von internationalem Rang wie der „Mord am Hellweg“ binden doch auch nur teures Personal und organisatorische Kraft, die anderenorts besser genutzt werden könnten. Es reicht doch, wenn Unna wie einst Paläolithikum der Kulturarbeit am Ostrand des Reviers etwas Theater angeboten wird und hier und da mal Musik, oder? Zurück zu den Wurzeln, Besinnung auf das Wesentliche. Kernkompetenz fokussieren auf das, was sich rechnet.
Mir wird schon ganz schwindelig bei der Vorstellung, wie es aussehen könnte, wenn mit dem Dezernenten Uwe Kornatz die letzte Bastion der Kulturpolititik aus der Rathaus-Hierarchie in Unna weg pensioniert sein wird.
Der Berg als mythischer Ort der Freiheit: „Brokeback Mountain“ als Oper in Aachen

Die reduzierte Bühne von Christin Vahl verhindert das Absinken ins Illustrative. Foto: Wil van Iersel
Der Berg ist der entscheidende Ort der Tragödie. Ein dialektischer Ort: Stätte der Einsamkeit und des Zusammenkommens, der Freiheit und des Gefangenseins. Sinnbild einer gewaltigen Natur, deren Stürme und Gewitter im Inneren der Menschen widerhallen, aus ihren Seelen herausbrechen in die ungerührte, objektive Welt.
Der Berg nährt die Sehnsucht, die er einst zu erfüllen schien, er ist Verheißung und Vollendung, Lebensort des Alltags und Traumort einer unerreichten Zukunft. Der „Brokeback Mountain“ hat alles, was einen mythischen Schauplatz ausmacht.
Zeitlos und elementar ist das Drama auch, das die amerikanische Schriftstellerin Annie Proulx in der spröden Poetik einer Kurzgeschichte einfängt; ein grausames und zärtliches Stück Leben, das den lapidaren Verismus italienischer und französischer Literatur aus dem aufgewühlten 19. Jahrhundert in die lähmende Langeweile der Sixties im letzten Winkel Amerikas überträgt: großartige Landschaften, elende Schicksale. Man denkt an Catalanis „La Wally“ oder an Mascagnis „Cavalleria rusticana“. Nur: Diesmal geht es um die Liebe zwischen zwei Männern.
„Brokeback Mountain“: Die Story hat Ang Lee 2005 zu einem wunderbar ruhigen, tief tragischen Film verarbeitet, der drei Oscars – wenn auch nicht denjenigen des „besten“ Films – und zahlreiche andere Auszeichnungen errungen hat.
Proulx hat ihre beiden schwulen Cowboys nicht einfach erfunden. Wie sie selbst berichtet, hat sie ihre poetische Fantasie von zufälligen, alltäglichen Beobachtungen entzünden lassen: Szenen aus einer selbstverständlich homophoben Gesellschaft, die sich heute noch nicht überlebt hat. Die Reaktionen auf „Brokeback Mountain“ im konservativen Amerika waren harsch; kein Vergleich zu der eher gelassenen Aufnahme des Films im westlichen Europa.
Gerard Mortier gab den Auftrag – Uraufführung in Madrid
Charles Wuorinen, einer der prominenten Komponisten zeitgenössischer Musik in den USA, fand über Ang Lees cineastische Adaption den Weg zu Annie Proulx‘ kargem Original und konnte die Schriftstellerin dazu bringen, selbst ein Libretto zu verfassen. Gerard Mortier gab das Werk für New York in Auftrag und nahm das Projekt mit, als er statt der von der Finanzkrise gebeutelten City Opera das Teatro Real in Madrid übernahm. Am 28. Januar 2014 wurde diese dritte Oper Wuorinens in Madrid uraufgeführt; im März starb Mortier an Krebs.
Nun also die deutsche Erstaufführung in Aachen: Sie ist wohl GMD Kazem Abdullah zu verdanken, der Wuorinen beim Festival Zeitgenössischer Musik in Tanglewood kennengelernt hatte. Ludger Engels Inszenierung tut das einzig Richtige: Sie hält sich fern von den atmosphärischen Bildern des Films, zitiert Lokalkolorit nur in ironischen Bruchstücken wie einer „Wyoming“-Werbetafel und einem amerikanischen Show-Paar mit einem Go-Go-Girl (Keara Lindert-Knöppel) und einem Rodeo-Boy (Sidney Schamel).
Der Berg wird zum Symbol verdichtet: Er senkt sich auf die nüchterne Architektur der Bühne von Christin Vahl, taucht im Hintergrund als Projektion auf, lastet schneeglitzernd und unter einem Dach halb verborgen auf den bescheidenen Wohnräumen unglücklicher Menschen.
Distanz von der Verortung im ländlichen Wyoming
So gewinnt die Oper Distanz von der Verortung der Geschichte im ländlichen Wyoming, wächst zu einem Drama heran, das einem Mythos ähnlich Ort und Zeit nicht braucht. Nur die Kostüme Moritz Junges zitieren das Amerika der sechziger Jahre, spielen mit Cowboyhut und Rodeo-Hemd, mit Jeans und Stiefeln – oder mit dem unsäglich kitschigen Brautkleid, mit dem sich die Farmerstochter Alma einmal im Leben für teures Geld ein Pfand eines „besseren“ Lebens sichern will.
Die Spannung zwischen der Konkretion in den Kostümen und der reduzierten Bühne verhindert das Absinken ins Illustrative, stützt den musikalischen Ansatz, denn auch Wuorinen meidet „couleur locale“. Seine Musik bleibt abstrakt, bewegt sich bei aller dramatischen Zuspitzung neben den Emotionen der Personen, kommentiert ihre Konflikte und Träume, ihre Hoffnungen und Ängste mit Passion, aber auch mit dem grellen Gleichmut eines Strawinsky, der elaborierten Distanz eines Hindemith. Nur keine Illusion – und keine Konkurrenz zur Filmmusik von Gustavo Santaolalla.
Wer sich fragt, wozu ein gelungener Film noch veropert werden muss, erhält in der Musik die Antwort: Wuorinens „Brokeback Mountain“ thematisiert einen Konflikt, der so wenig an historische Konkretion gebunden ist wie Glucks „Iphigenien“, Händels Heroen-Opern oder Verdis Melodramen. Sie bewahrt die Geschichte auch davor, sich als schmalziges Coming-Out-Dramolett zu musikalisieren, relevant nur für Teile der Gay-Community.
Dass hier zwei Männer aufeinander treffen, die ihre Liebe zueinander entdecken, aber nicht offen leben können, ist nicht der allein entscheidende Punkt. Auch nicht das Schema der großen, reinen Liebe in einer feindlichen Gesellschaft, wie es andere Opern zur Genüge durchbuchstabiert haben. Denn Jack und vor allem Ennis, die beiden Protagonisten, können ihre Liebe nicht leben, weil sie selbst gefangen sind in ihren begrenzten Vorstellungen von dem, was ein gelingendes Leben ausmacht. Dass beide heiraten und Kinder zeugen, ist nicht nur die Erfüllung gesellschaftlicher Rollenerwartungen. Sondern auch der Ausdruck ihres Strebens, eben nicht „anders“ als die Anderen zu sein.
Der mythische Freiheitsort bleibt verschlossen
Das Scheitern dieser permanenten Selbstverleugnung ist das große, erschütternde Thema der Oper – und das betrifft jeden, gleich welcher sexueller Präferenz. Es wird aber, und damit hat die Fixierung auf ein schwules Paar ihren tiefen Sinn, durch die existenzielle Außenseiterrolle der beiden Männer verschärft. Die aggressive Angst der Gesellschaft vor Menschen, die ihrem Leitbild nicht folgen, und die inneren Hemmungen vor allem des traumatisierten Ennis – der in seiner Kindheit mit einem Lynchmord an einem für schwul gehaltenen Mann konfrontiert wurde – treiben zum tödlichen Ende: Jack fällt einem seltsamen Unfall zum Opfer. Mit einem Monolog Ennis‘ schließt die Oper: Zum ersten Mal kann er sich frei zu seiner Liebe bekennen. Aber der mythische Freiheitsort bleibt verschlossen: Jacks Asche darf nicht am Brokeback Mountain ausgestreut werden.
Das Aachener Stadttheater, wie andere im Existenzkampf erprobte kleinere Häuser eher an der Peripherie medialer Wahrnehmung, rückt mit dieser Erstaufführung ins Licht der Aufmerksamkeit: „Schwule“ Themen „ziehen“ immer noch; das Publikum war deutlich großstädtischer gemischt. Aber auch die Aachener Theatergänger zollten in Pausen- und Premierenfeier-Gesprächen viel Lob und geizten nicht mit Beifall. Der ist verdient, denn dem Team um den sensibel arbeitenden Regisseur Ludger Engels ist szenisch Eindringliches gelungen.

„Brokeback Mountain“ als deutsche Erstaufführung am Stadttheater Aachen: Mark Omvlee und Christian Tschelebiew sind die beiden schwulen Cowboys Ennis und Jack. Foto: Wil van Iersel
Das ist auch den Darstellern zu verdanken: Christian Tschelebiew stellt sich der Filmkonkurrenz Heath Ledger mit Bravour, vertieft die Figur des verschlossenen, mit seinen seelischen Verkrümmungen kämpfenden Ennis mit musikalischer Expression zwischen wortkarger Sprache und emphatischem Gesang. Mark Omvlee verleugnet als Jack nicht die Nähe zu Jake Gyllenhaal im Film. Sein strikt fokussierter, scharf konturierter Tenor macht die Dynamik glaubhaft, mit der Jack immer wieder versucht, den Ausbruch aus der lähmenden Konvention zu initiieren.
Antonia Bourvé zeichnet als Alma engagiert das Portrait einer jungen Frau in einer deprimierenden Lage, zerrieben zwischen dem Wissen um die heimliche Homosexualität ihres Mannes, dem materiellen Mangel und ihren unerfüllten Wünschen an ein erträgliches Leben. In ihren kurzen Auftritten zeigen die anderen Solisten – teilweise aus dem Aachener Opernchor besetzt –, wie intensiv sie Charaktere und Inszenierungsidee in gestaltetes Spiel umsetzen. Der Chor (Einstudierung: Andreas Klippert) tritt nur einmal als bedrohliche Masse auf – eine fast körperlich spürbare Mauer aus dumpfer Ablehnung und kaum verhohlener Aggression.
Im Orchestergraben waltet Kazem Abdullah über die zerklüftete, mit harten Akzenten und viel solistischer Reduktion arbeitende Partitur Wuorinens. Man hört brillante Technik, viel Einsatz bei den Orchestermusikern, bewusstes Anknüpfen an den Traditionen der europäischen Moderne.
Wuorinen ist keiner der amerikanischen Wohlfühl-Komponisten, er setzt eher auf die spröde formale Arbeit der Zwölftöner als auf deliziösen Klang. Das passt, denn es lässt in der Geschichte keine Sentimentalität aufkommen. Wuorinens „Brokeback Mountain“ könnte über die Erstaufführungs-Sensationshascherei hinaus eine Zukunft haben, weil es dieser Oper gelingt, ein zeitloses Thema in einer ungewöhnlichen Konstellation zur Sprache zu bringen.
Weitere Aufführungen im Dezember und Januar. Info unter www.theateraachen.de
TV-Nostalgie (32): Bernhard Grzimeks „Ein Platz für Tiere“ – Rituale der Possierlichkeit
Eigentlich hatten alle dauerhaften Fernseh-Erfolge mit erprobten Ritualen zu tun. So auch Bernhard Grzimeks „Ein Platz für Tiere“.
Die Sendung lief (ähnlich wie z. B. Robert Lembkes heiteres Beruferaten „Was bin ich?“) immer auf dieselbe, ungemein beruhigende Weise ab.
Schon die Begrüßung lautete stets gleich: „Guten Abend, meine lieben Freunde“, sagte Grzimek jeweils zu Beginn. Außerdem hatte er immer ein Tier aus dem Frankfurter Zoo mitgebracht, dessen Direktor er von 1945 bis 1974 gewesen ist.
Schlangen und Raubkatzen im Studio
Da die Sendung unter Live-Bedingungen entstand, gab es manchmal kleine Überraschungen, denn das Verhalten der Tiere war nicht immer vorhersehbar. Sie sprangen nicht nur unversehens über Grzimeks Tisch, sondern knabberten auch schon mal ein Sendemanuskript an oder nässten Grzimeks Jackett ein.

Gar nicht so gefährlich: Bernhard Grzimek und Gepard im TV-Studio. (Screenshot aus: https://www.youtube.com/watch?v=dvWD4MwkZrg)
Ansonsten aber war die Sendung auch schon mal ein bisschen einschläfernd. Und im Grunde konnte man sich von Anfang an getrost entspannen. Selbst wenn Grzimek sich etwa eine Schlange um den Hals hängte oder einen Geparden mit ins Studio brachte, passierte nie etwas Schlimmes. Es gab höchstens ein paar putzige Vorfälle mit Affen oder Echsen. Der studierte Tierarzt und Verhaltensforscher hatte alles unter Kontrolle.
Anreize zur Parodie
Am 28. Oktober 1956 wurde die erste Folge der possierlichen (ein Grzimek-Lieblingswort) Reihe des Hessischen Rundfunks ausgestrahlt. Bis zum Beginn der 80er Jahre kamen rund 175 Ausgaben ins ARD-Programm. Produzent war übrigens Martin Jente, der gleichfalls legendäre und mit Ritualen vertraute „Butler“ aus Kulenkampffs Show „Einer wird gewinnen“.
So unverrückbar eingefahren waren alsbald die Abläufe, dass Grzimek zur Parodie reizte. Am berühmtesten wurde jene von Loriot, der mit typischer Mimik sowie charakteristisch nasaler Stimme einen täuschend echten Grzimek spielte und also solcher die gefräßige „Steinlaus“ vorstellte.
Zeitweise war Bernhard Grzimeks Rolle in der NS-Zeit umstritten. Als Regierungsrat im Reichsernährungsministerium und als Veterinär bei der Wehrmacht hat er jedoch offenbar keine besondere Schuld auf sich geladen.
Oscar für Serengeti-Film
Moralapostel haben sich über sein Privatleben empört. Grzimek zeugte uneheliche Kinder und heiratete 1978 in zweiter Ehe ausgerechnet eine vormalige Schwiegertochter, die Witwe seinen verstorbenen Sohnes Michael. Doch das sind Tratsch-Geschichten von vorvorgestern.
Bleibende Verdienste hat sich Grzimek als Tierfilmer erworben: Die Dokumentation „Serengeti darf nicht sterben“ weckte das Bewusstsein für die Bedrohung der afrikanischen Tierwelt. Bei einem Flug zu den Dreharbeiten kam Grzimeks Sohn Michael im Januar 1959 ums Leben. Er hat nicht mehr erlebt, dass es 1960 für den Film sogar einen Oscar gab.
Pionier des Umweltschutzes
Prof. Dr. Bernhard Grzimek (1909-1987) gilt überdies als ein Vorläufer der deutschen Tier- und Umweltschutzbewegung, wenn nicht gar als ein Urahn der „Grünen“.
1970 machte ihn Kanzler Willy Brandt zum Bundesbeauftragten für Umweltbelange. Mit Horst Stern und anderen Aktivisten gründete Grzimek 1975 den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Auch setzte er sich zeitlebens für die artgerechte Haltung von Zootieren und für Schutzräume in den Herkunftsländern ein. Zudem zählte er zu den allerersten, die die massenhafte Haltung von Nutztieren anprangerten. Wenn das keine Lebensleistung ist!
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“Man braucht zum Neuen, das überall an einem zerrt, viele alte Gegengewichte.” (Elias Canetti)
Ringlokschuppen Mülheim: Pleite, Party oder Perspektive für Kunst und Kultur?
Die Lokalpresse in Mülheim hatte apodiktisch getitelt: „‘Ringlokschuppen‘ vor dem Aus“. Doch ob das Zentrum im MüGa-Park zum 31. Dezember 2014 tatsächlich seine Arbeit beendet oder ihm – nach personell-finanziellem Umbau – ein Neustart gelingen könnte, scheint zum Glück wieder offen. Und das ist gut so.
Für den Nikolaussamstag lud deshalb Holger Bergmann, als Künstlerischer Leiter zurückgetreten, zum Gespräch ein: „morgen um 19h im ringlokschuppen für alle, die mit uns reden möchten über das was war – was ist und was sein könnte…“
„Dem Volke zum Wohlgefallen“
Nicht ein Parkplatz war abends zu finden – dies aber war nicht regem Interesse an der Ringlok-Zukunft geschuldet. Nebenan am Schloss Broich feierte man die „Schloss Weihnacht“. „In mittelalterlichem Ambiente erleben die Besucher (…) besinnliche Stunden mit Mittelaltermarkt und dem einzigartigen Krippenspiel.“ „Für weiteren Zeitvertreib und ‚dem Volke zum Wohlgefallen‘ sorgen die Gaukler …“
Nicht ganz so besinnlich, sondern besonnen-sachlich ging es beim öffentlichen Gespräch mit Holger Bergmann zu – ihm zur Seite Matthias Frense, Geschäftsführender Dramaturg und wohl bald neuer Leiter des Hauses. Etwa 50 Interessierte waren gekommen, um zu hören, was die beiden (parallel zum Tanzstück „Solidarität“ von Gudrun Lange) zu sagen hatten.
Um den heißen Brei wurde nicht lang herumgeredet – und einiges hatte die WAZ zuvor aktuell berichtet. Ja, trotz kaufmännischer Geschäftsführung und Controlling seien handwerkliche Fehler gemacht worden. Nach Großprojekten wie dem Stadtjubiläum 2008 und der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr.2010 sei der Personalstamm nicht rechtzeitig reduziert worden. Zudem wären Entlassungen auch arbeitsrechtlich nicht ganz einfach zu machen gewesen. Tatsächlich sei es wohl so, dass die Schulden von rund 400.000 Euro (davon allein ca. 130.000 Euro Mietschulden bei der Stadt Mülheim) nicht rechtzeitig in dieser Größenordnung zu sehen gewesen wären. Der kaufmännische Geschäftsführer Peter Krause habe die Verantwortung für diese handwerklichen Fehler übernommen (und einem Auflösungsvertrag zugestimmt – so die WAZ.)
Von Peter Krause selbst konnte man in der WAZ vom 6.12. lesen: „‘Die finanzielle Situation war schon immer prekär‘, erklärte Krause gestern. Häuser wie der Ringlokschuppen, der schon seit Jahren kein soziokulturelles Zentrum, sondern ein Produktionshaus ist, seien chronisch unterfinanziert. Man erhalte zwar eine Förderung der Stadt (netto, abzüglich Miete für die MST 500.000 Euro) und vom Land, das reiche aber nicht, um die Fixkosten zu decken.“
Kulturschirmchen oder im Regen stehen?
Natürlich wunderten sich die Gäste am Nikolausabend über diese Bescherung, und wollten wissen, wann, wie, wo genau diese Schulden sich angehäuft hätten. Da müsse Transparenz her, auch, um ähnliche Fehler in Zukunft zu vermeiden. Viel Verständnis gab es dennoch für die prekäre Lage von Produktionsorten wie dem Ringlokschuppen. Und sicher wäre es nicht die erste Kulturinstitution, deren strukturelles Defizit durch Retter aus Stadt, Region, Land aufgefangen werden könnte, wenn es denn nur politisch gewollt wäre. Wo es für Bankenschirme in Milliardenhöhe reiche, da werde doch ein solches Defizit abzufedern sein, durch zinsgünstige Kredite, Zahlungsaufschübe, Ratenzahlung, Benefiz, Teil-Schuldenerlass und Personalabbau sowieso.
So viel wurde aber auch deutlich: Vor einem Neuanfang steht nicht nur Ursachenforschung, sondern viele Gespräche sind nötig – vielleicht im Rahmen eines Planinsolvenzverfahrens. Besser wäre jedoch, ein solches Verfahren könnte abgewendet werden, weil andere Lösungen gefunden würden.
Kurzschlüsse und „Licht aus“
In Mülheim aber wollen viele die Möglichkeiten eines Neustarts gar nicht erst prüfen. Da wird in Internet-Kommentaren nach dem Staatsanwalt gerufen, da wird die Rückkehr des Ringlokschuppens zur Event-Zone gefordert, wird behauptet, die exzellente Kunst- und Kulturarbeit des Zentrums sei ein Flop gewesen, da sei gekungelt und geprasst worden, Massenkompatibilität müsse jetzt her, überhaupt der ganze Laden solle Partylocation, Studentenwohnheim oder gleich durch einen Investor zu Lofts zerstückelt und verhökert werden. Die üblichen Besserwisser-Sprüche also. Das antikünstlerische und antiintellektuelle Ressentiment lebt sich aus und fühlt sich im Recht.
Perspektiven
Die Frage ist aber, ob die Diskussion um die Zukunft des Ringlokschuppens sich in populistischen Posen bereits erschöpft hat oder Perspektiven noch halbwegs sorgfältig durchdacht werden können. Und da gäbe es einige, wobei die Abwicklung des Hauses wohl die gedankenloseste Alternative wäre. Zwar „sparte“ die Stadt damit zukünftig städtischen Zuschuss, verzichtete aber auch auf Mieteinnahmen durchs Ringlok in sehr respektabler Höhe. Auch die aufgelaufenen Mietaußenstände könnten für den Gläubiger Stadt weitgehend verloren sein. Und nicht zu vergessen, selbst ein geschlossenes Haus verursacht erhebliche Kosten: Instandhaltung, Heizung, Strom, Wachdienst, Versicherungen, Ausbesserung der Schäden durch Leerstand und Vandalismus.
Hinzu käme bei einer Schließung das blamable Eingeständnis, dass in Mülheim als Stadt am Fluss vieles nicht mehr im Fluss ist. Als Theaterstadt verlöre Mülheim an Bedeutung, die renommierten, auch ins Land ausstrahlenden Produktionen des Ringlok fielen aus, das reichhaltige Kulturangebot in den Sparten Musik, Tanz, Kabarett, Literatur , Cross-Over ginge verloren, es gäbe einen Szene- und Jugendtreff weniger in der Stadt, eine zunehmend verödende Mitte.
Verwandlung – aber bitte nicht nur im Ringlokschuppen
Der Ringlokschuppen wird sich hoffentlich neu erfinden. Aber mit welchem Konzept genau? Der Ringlokschuppen ‚nur‘ noch als profilierter Theater-Produktionsort (neben dem Theater an der Ruhr und den Stücke-Tagen)? Warum nicht. Dennoch: Mülheim braucht das Haus auch als Ort gesellschaftlichen Lebens, als Ort geistigen Austausches, als Experimentierfeld für Kunst und Kultur insgesamt.
Es wird Zeit, dass die Kulturpolitiker in Mülheim hier ihrer eigenen Verantwortung gerecht werden und die in Mülheim – wie auch anderswo – längst überfällige kulturpolitische Diskussion über einen Kulturentwicklungsplan in ihrer Stadt zumindest organisierten – wenn sie denn schon nicht in der Lage sind, sie selbst zu führen. Und wer, wenn nicht die Kommunalpolitik, weiß, wie man Schulden macht und gelassen weiterlebt?
Unter dem Druck des Ringlok-Defizites und der Rahmenbedingungen einer überschuldeten Kommune darf Politik nicht die Gelegenheit beim Schopfe fassen, bloß noch abzuwickeln und Zuschüsse zu kürzen. Dies bedeutet den weiteren Niedergang einer Kulturpolitik im Ruhrgebiet, die übers Defizit im Ringlok nur ihre eigenes Politik-Defizit überspielt.
Dass mittlerweile vor und hinter den Kulissen um die Rettung des Ringlokschuppens gekämpft wird, machten Äußerungen Matthias Frenses gegenüber der WAZ deutlich. Man hofft auf „Hilfen des Landes oder einer Stiftung, um das Überleben zu sichern. Die Stadt, so viel steht fest, kann finanziell nicht helfen, zumindest nicht in der geforderten Größenordnung. Das hat die Bezirksregierung auf Anfrage des Kämmerers schon klar gemacht…“
Lehrstück Ringlokschuppen
Der Ringlokschuppen hat mit seine urbanen Eingreifprojekten, mit seinen Interventionen ins und Impulsen fürs städtische Leben Maßstäbe gesetzt. Wie sehr das national und international beeindruckt, kann man in den Solidaritätsbekundungen nachlesen, die der Ringlokschuppen zurzeit erhält. Nun ist er also selbst als urbanes Projekt in den Fokus geraten und aus dem Spiel um die Zukunft der Stadt wird bitterer Ernst. In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob der Ringlokschuppen als Kulturzentrum und Produktionsort der Künste verschwindet oder sich eine neue Perspektive erstreitet – und diese absichert. Zeitdruck und Geldmangel dürfen dabei nicht alles bestimmend sein. Am Umgang mit dem Ringlokschuppen in Mülheim selbst, aber auch in der Region, im Land wird sich zeigen, ob man sich längs der Ruhr in Zukunft die Gestaltung von kulturellen und künstlerischen Prozessen immer öfter erspart, oder ob man gemeinsam daran arbeitet, dass aus der einstigen Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr.2010 nicht die kommende Kulturnekropole Ruhr.2020 wird. Eine, die jetzt schon zu viel hat: zu viel Brot und Spiele, Feuerwerk und Stelzenläufer, zu viel Mittelalter und Krippenspiel. Vielleicht werden die Menschen hier bald nur noch ‚bespielt‘ und keiner weiß mehr, wie das geht, selbst spielen, selbst denken.
Krasser „Sanierungs“-Vorschlag: Kunst aus dem Hagener Osthaus-Museum verkaufen…
Im Sommer stach mir beim Einkauf ein Plakat ins tränende Auge, worauf die famose Gruppierung namens „Hagen aktiv“ die Forderung aufstellte, man möge sich doch durch Verkauf des Schumacher-Museums und der mit ihm verbundenen Kosten einiger Gelsorgen entledigen.
Ziemlich überflüssiger Gedanke, weil ohnehin nicht bis an sein finanzielles Ende durchdacht, dachte ich damals und schrieb es auch. Und, was ich noch dachte: Sie sind zwar aktiv, attestieren sie sich selbst, aber wie so häufig ist bloße Aktivität noch weit entfernt davon, vernünftige Gedanken zu entwickeln.
Nun dachte ich, das wär’s gewesen und nach Jörg Dehm, der mal Ferdinand Hodlers „Der Auserwählte“ über Christie’s vom Hohenhof auf den internationalen Kunstmarkt werfen wollte (10 Millionen Bruttoerlös taxierte man damals) und den „aktiven“ Hagenern käme niemand mehr auf Schnapsideen wie den Verkauf von Hagener Kunstwerken. Weit gefehlt: Nun muckt doch tatsächlich ein hoch erfahrener Politiker wie Dietmar Thieser (SPD) auf und merkt an, man könne ja den Verkauf von Magazin-Beständen des Osthaus-Museums ins Auge fassen, von Werken, die weder ein Hagener kennt noch so schnell zu Gesicht bekäme.
„Um den maroden städtischen Haushalt zu sanieren, hat Dietmar Thieser, heute Bezirksbürgermeister von Hagen-Haspe (und früherer Oberbürgermeister der Stadt), einen Verkauf von Kunstwerken aus dem Karl-Ernst-Osthaus-Museum ins Spiel gebracht. Darüber müsse man angesichts des Spardrucks und der von den Sportvereinen geforderten Hallennutzungsgebühr diskutieren: ,Es darf keine Tabus geben.’“ So heißt es im WAZ-Portal www.derwesten.de.
Flugs hat Thieser eine populäre Vokabel zur Hand, weil er mit dem energischen Schritt „Transparenz“ in den Magazin-Kellern herstellen wolle, flugs auch noch einen griffigen Vergleich, nicht weniger populär: Nur 7,8 Millionen Euro stecke die Stadt derzeit in die Sportförderung, 28,7 Millionen in Wissenschaft und Kulturförderung. Und nun wolle man die Sportler auch noch mit Nutzungsgebühren für ihre Sportstätten belasten. Wenn das nicht kracht.
Ich schrieb unlängst an anderer Stelle, dass es glatter Blödsinn sei, sich mit der Einführung von erfahrungsgemäß ziemlich erlösschwachen Sportstättennutzungsgebühren eine unselige öffentliche Diskussion an den Hals zu laden. Da isse! Klar, es verbietet sich, Ausgaben für Schule, Sport oder Kultur gegeneinander aufzurechnen. Wer so was beginnt, der wird mit der gestaltenden Politik alsbald aufgeben müssen, weil dann nämlich jede Gruppe mit subjektiv für unverzichtbar gehaltenen Einzelinteressen mit demselben Unsinn begänne.
„Es darf keine Tabus geben“, mahnt Dietmar Thieser via Medien. Natürlich nicht, aber dann gilt diese Aussage auch umgekehrt. Es darf dann auch keine Tabus bei der Sportförderung geben, es darf keine bei öffentlichem Nahverkehr geben, es darf keine bei den Grünflächen geben… usw. Wo hören wir denn da auf? Beim Hasper Kirmeszug? Ja, unbedingt, denn der ist meiner Ansicht nach ein unverzichtbares Stück Hagener Lebens. (Das meine ich ernst!)
Aber, Kunst, Kultur, innovative Sprünge in einer städtischen Lebensqualität, auch sie gehörten stets zu Hagen. Karl Ernst Osthaus, dessen Museumsmagazin Dietmar Thieser versilbern will, war ein Mann, der mit dem Geld seiner Bankiersfamilie viel Seliges für Hagen anstellte. Er begründete die Folkwang-Bewegung, schuf eine unvergleichliche Sammlung, ließ den Hohenhof entstehen, bescherte dem Bahnhof eine noch heute unschätzbare Glasmalerei von Jan Thorn Prikker. Renoir, Matisse, van Gogh, Czézanne, Christian Rohlfs gehörten zu seinem Bekannten- und Freundeskreis. Ohne ihn und die Muttererde Hagens gäbe es in Essen kein Folkwang-Museum.
Nein, wir dürfen keine Tabus setzen. Wir dürfen vor allem keine Angst davor haben, den götzenanbetenden Schwarzzahlenverehrern in Berlin zu sagen, dass sie es sind, die Städte und Gemeinden (namentlich in NRW) wortbrechend veröden lassen, dass sie es sind, die ihnen Lasten auferlegen, die der Bund zu tragen hätte, dass sie es sind, die versuchen, den eigenen finanziellen Sumpf trockenzulegen und gleichzeitig den Kommunen das Wasser bis zum Halse stauen.
Täte der Bund zeitnah das, was er den Städten und Gemeinden nach der zurückliegenden Wahl versprach, müsste in Städten wie Hagen niemand auf so blöde Ideen kommen, Sportstättengeühren als Zwietracht säendes Folterinstrument zu erheben, müsste andererseits auch kein Sportsfreund sich auf die unfaire Vergleichsdiskussion einlassen, wieviel Geld für was und wen ausgegeben wird in einer einstigen Kulturstadt von europäischem Rang.
Langer Rede kurzer Sinn: Macht lieber Vollfront gegen den Unsinn im Bund als darüber nachzudenken, was man alles versilbern könnte, das dann aber unwiederbringlich weg sein wird.
(Der Text ist zuerst in Rudi Bernhardts Blog http://dasprojektunna.de erscheinen)
Wärter im Museum Folkwang oder: Höchste Zeit für eine Frühwarnkultur im Kunstbetrieb
Ausgerechnet in Duisburg, der Stadt nahtlosen Mannesmann-Rohrs, sagte Oberbürgermeister Link im Sommer überraschend das Vorhaben einer begehbaren Röhrenskulptur ab. „Totlast“ hätte das sinistre Werk Gregor Schneiders heißen sollen. Dem OB (link-für-duisburg.de) schwante aber, Duisburg sei nach der Loveparade-Katastrophe „noch nicht reif für ein Kunstwerk, dem Verwirrungs- und Paniksituationen immanent sind und welches mit dem Moment der Orientierungslosigkeit spielt“. Verstörend-anakoluthe Sätze eines Kunstliebhabers und diplomierten Verwaltungswirts, der gern offen über das spricht, worüber er noch nachdenkt.
Aber vielleicht hat er irgendwie sogar Recht, der Link. Man sollte überhaupt viel mehr Kunst verbieten, zuallererst eben solche, die noch gar nicht zu sehen ist. Das wäre am einfachsten (außer in Duisburg) und man hätte oft das Schlimmste vermieden, bevor es einträte. Nebenan in Essen hinkt man da allerdings etwas hinterher. In der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 existiert leider immer noch real existierende Kunst. Umso wichtiger, dass das Folkwang-Museum jetzt seine Besucher endlich davor warnt, sich solche Kunst näher anzuschauen. Obwohl genau dieses Museum selbst sie ausstellt, im Rahmen seiner Schau „Monet, Gauguin, van Gogh – Inspiration Japan“. (Übrigens soll man „van Choch“ sagen und nicht „van Goch“. Jedenfalls spricht einem das Julia Roberts auf dem Audioguide so vor. Wie auch immer – ich könnte sowieso stundenlang nichts als Julias Hear-Alike hören, ohne mir auch nur ein einziges irritierendes Bild im Folkwang genauer anzusehen. Ich glaube, Sören Link wäre das recht.)
Ganz am Ende der „Inspirations“-Ausstellung findet sich ein kleines Kabinett mit dem schönen Titel: „Die Kunst ist niemals keusch“ – Picasso und der erotische Japonisme. An beiden Zugängen zum Kabinett warnt dann jedoch ein zweisprachiges Hinweisschild: „Einige Kunstwerke können aufgrund ihres erotischen Charakters irritierend wirken. The erotic nature of some works on display here may cause offence.“
Ich jedoch weiß wirklich nicht, was mich mehr offenzt. a) Die Tatsache, dass man im Ernst argwöhnt, heute eher harmlos wirkende Erotika könnten etwa jene über 12-Jährigen kopfscheu machen, die längst auf YouPorn surfen und ihre Nacktbilder online stellen. Oder b) die Gouvernanten-Haltung, die aufscheint hinter der Annahme musealer Sittenwächter, man müsse die Betrachter von Picasso-Radierungen und Japan-Farbholzschnitten schützen vor den mutmaßlichen Nebenwirkungen von Kunst. Mal ehrlich: Hält man den durchschnittlichen Besucher des Museums für psychisch gefährdet oder bloß für doof? IQ gerade über Zimmertemperatur?
Wahrscheinlich. Denn ich Idiot wähnte bis dato, Kunst solle genau dies auch: irritieren, subversiv sein, avantgardistisch, widerständig! In Essen aber taucht man die erotischen Kleinformate ins (durch eine Extra-Raumdecke) leicht abgedunkelte Licht von Raum 12 und hofft wohl, dass keiner sie dort findet. Ist aber nicht so. Gleich zwei gestandene Damen im Ulla-Popken-Übergrößen-Look waren gemeinsam mit mir im halbverschatteten Dark Room des Folkwang. Angesichts altjapanischer Ferkelei von Hokusai, Eishi oder Utamaro spöttelten sie bloß: „Die wussten damals auch schon, wie’s geht, nä?“ Und dann schlenderten sie vollkommen unirritiert weiter, einfach so. Ein Benehmen haben die Leute! Und erst die beiden amüsierten jüngeren Frauen, die um die Ecke bogen, als ich das Kabinettchen gerade verließ: „Hier trifft man die meisten Männer!“ Ich (auflachend): „Ne, ne, zählen Sie mal durch.“ Die Frauen (lachend): „Sorry.“
Warum auch künstlich aufregen. Auf den japanischen Farbholzschnitten sieht man Paare (+ Sonder-Konkubine) rund ums Vögeln – und es scheint ihnen halbwegs Spaß zu machen. Was nun aber mich etwas wundert. Denn die meisten stecken noch in voller Kimono-Montur – nackt nur die wuchtigen Geschlechtslandschaften – und so mancher Beischläfer scheint auch arg verrenkt. Vor allem aber sieht man für die verhältnismäßig kleinen – oder muss man politically correct sagen: vertikal herausgeforderten? – japanischen Menschen sehr prächtige Penisse und pralle Vaginen. Die Vaginen übrigens behaart – das allerdings könnte einen heute in der Tat sehr wundern, so kennt‘s kaum einer der Jüngeren mehr. Fazit: All das im Kleinen großartig, nicht aufdringlich, lebendig halt, voller Saft, Kraft, Farbe und gediegener Komposition.
Die Museumsleitung besteht aber nun einmal öffentlich darauf – hoffentlich nicht bedingt durch eigene Traumata –, präventiv dafür Sorge zu tragen, dass der labile Besucher keinerlei sexuellen Schaden nehme. Deshalb die beiden deutschenglischen Mini-Menetekel an der Wand, die allerdings – fahrlässig genug – auf anderssprachige Besucher keinerlei Rücksicht nehmen.
Und auch sonst werden Folkwangs nicht einmal ihrer eigenen Logik gerecht. Wenn sie schon Beipackzettel wider fahrlässigen Bildkonsum an die Wand pappen, dann bitte radikaler. An der Außenfront des Kunsttempels fehlen deutliche Mahnungen wie „Schauen fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu“, oder „Erhöhter Pigmentgenuss in der Schwangerschaft gefährdet Ihr Kind!“ und ergänzend gleich: „Hier finden Sie Hilfe, wenn Sie Museumsbesuche aufgeben wollen. Tel.: …“
Außerdem müsste man jeweils Handicap-bezogene Banderolen direkt auf den Werken anbringen. „Diese Giacometti-Skulptur kann die Gefühle von Magersüchtigen verletzen.“ Auf einem Botero oder bei Stillleben mit Früchtetellern müsste man natürlich ganz anders argumentieren. Egon Schieles „Schwarzhaariges Mädchen mit hochgeschlagenem Rock“ könnte man an sehr geeigneter Stelle so überkleben: „Austherapierte! Überwunden geglaubte Neigungen können durch Anschauen dieses Werkes erneut auftreten“.
Ach, es gäbe noch so viel zu verkleben. Denken Sie nur an all jene, die heute überall bereitstehen, sich jederzeit ihre religiösen Gefühle verletzen zu lassen. Ich sage nur: Salafisten! Die muss man auf jeden Fall vor Kunst schützen. Etwa vor Max Ernsts „Die Jungfrau züchtigt den Jesusknaben vor drei Zeugen“. Wie wär’s mit folgendem Hinweis: „Die prügelnde Madonna könnte aufgrund ihres gewalttätigen Charakters irritierend wirken. Maria/Maryam steht Ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach im Paradies als von höherer Stelle zertifizierte Jungfrau dennoch weiterhin zur Verfügung.“
Nicht nur im Folkwang-Museum also gäbe es alle Hände voll zu tun für eine politisch korrekte Frühwarnkultur im Kunstbetrieb. Ich persönlich träume darüber hinaus seit einigen Nächten von einer Art cleanem Wohlfühl-Museum – analog zu den staubfreien Produktionsstätten der Mikrochip-Hersteller. Politisch korrekte Kunst im sterilen Reinraum mit milbenfreiem Interieur, völlig irritations- und konfliktfrei. VolxWangAnWang-Museum. Das wär’s. Sogar für Allergiker.
Wie man im Ruhrgebiet spart – und kassiert
Dortmund ist ziemlich arm dran. In fast allen Statistiken, die Gutes besagen, liegt die westfälische Großstadt hinten (neuerdings sogar in der Bundesliga-Tabelle); wenn’s hingegen prekär wird, mischt die arg verschuldete Kommune zumeist in der Spitze mit. Doch es gibt hier auch einige, die ausgesorgt haben.
Beispielsweise Guntram Pehlke, Chef der Dortmunder Stadtwerke (DSW21). Der Mann wird auch im bundesweiten Vergleich überaus ordentlich bezahlt. Laut „Ruhr Nachrichten“ (RN) vom 3. Dezember 2014 liegen bei ihm derzeit jährlich 442 389,77 Euro an – mit allen Zusatzleistungen. Pehlkes Kollegen in Düsseldorf, Hamburg oder Stuttgart liegen weit unterhalb seiner Einkünfte. Nun soll, wie die RN weiter berichten, sein Vertrag auch noch in Windeseile vorzeitig verlängert werden, was wiederum mit weiteren Vergünstigungen verbunden wäre.

Wenn’s nach einigen politischen Platzhirschen geht, wird das Damwildgehege im Dortmunder Süggelwald geschlossen. Esparnis: gerade mal 4500 Euro im Jahr. (Foto: Bernd Berke)
Pehlke gehört als einstiger SPD-Schatzmeister im Unterbezirk Dortmund und als früherer Stadtkämmerer zu den Parteigenossen, die in Dortmund (und überhaupt im Ruhrgebiet) immer mal wieder an die Spitze kommunaler Unternehmen geraten.
Ob Energieversorger, Entsorgungsbetriebe, (stark defizitärer) Flughafen, Stadtsparkasse oder Messe/Westfalenhallen – stets steigen die Chancen auf lukrative Dortmunder Chefposten mit SPD-Parteibuch erheblich. Gewiss, andernorts gibt es Filz und Klüngel im Zeichen der CDU. Doch das Revier ist eben vorwiegend ein Selbstbedienungsladen für manche Sozialdemokraten. Ein Jammer für die vormals stolze Partei.
Das TV-Magazin „Monitor“ hat kürzlich (Ausgabe vom 20. November 2014) recherchiert, dass ausgerechnet die Ruhrgebietsstädte national meist weit vorn liegen, wenn es um kommunale Chefgehälter geht. Als Boss der Entsorgungsbetriebe kann man in Essen oder Dortmund deutlich mehr kassieren als etwa in Berlin oder Hamburg.
Bei der Dortmunder Entsorgungsgesellschaft EDG verdienen laut „Monitor“ drei (!) Chefs je etwa 266000 Euro, für ähnlich gelagerte Aufgaben reicht in Stuttgart ein Geschäftsführer, dessen Tätigkeit mit vergleichsweise bescheidenen 125000 Euro vergütet wird. Weitere verblüffende Einzelheiten sind auf der Monitor-Homepage nachzulesen.
Unterdessen muss die durch immense Sozialkosten gebeutelte Stadt ihre sonstigen Leistungen stetig reduzieren. Ein besonders groteskes Beispiel, wenn man mal vom schleichenden (und bald galoppierenden?) Kulturabbau absieht: Gerade mal 4500 Euro will Dortmunds Stadtkämmerer Jörg Stüdemann durch Schließung eines Damwildgeheges im Süggelwald (Stadtteil Eving) einsparen. Auch auf der Homepage der Stadt wird das Gehege bis heute als Möglichkeit für ansonsten vielfach benachteiligte Kinder der Nordstadt beworben, quasi in ihrer Nachbarschaft Tiere im naturnahen Raum zu erleben.
Egal. Der Posten soll gestrichen werden. Und was wird aus den Tieren? Da könnte man die polemische Frage stellen, ob anschließend noch der Wildbraten auf dem Tisch kommunaler Honoratioren kredenzt wird. Vielleicht gar beim nächsten Empfang des SPD-Oberbürgermeisters Ullrich Sierau?
Aber mal im Ernst: Drängt sich denn nicht die Idee auf, mit den Sparmaßnahmen auch bei den besagten kommunalen Spitzengehältern anzusetzen? Schon allein, um mal ein Signal zu setzen.
Unterdessen sehen sich die Städte des Ruhrgebiets gezwungen, auch noch Menschen abzuschrecken, die vielleicht trotz alledem hierher ziehen wollen – mit exorbitant steigenden Hebesätzen für die Grundsteuer B. Wie die WAZ heute berichtet, könnten ohnehin schon weniger attraktive Orte wie Duisburg und Witten, die eh schon Einwohner verlieren, auf diesem Gebiet demnächst Spitzenpositionen einnehmen. Duisburg hätte dann einen fast doppelt so hohen Hebesatz wie das benachbarte Düsseldorf, Witten könnte gar bundesweiter Spitzenreiter werden und selbst Berlin überflügeln. So gut wie alle Revierbürer sind betroffen. Per Umlage wirkt sich die Grundsteuer auch mietsteigernd aus.
Vor der Zukunft einer Region, in der just morgen das allerletzte Opel-Fahrzeug vom Bochumer Band laufen wird, kann einem gelegentlich angst und bange werden.
Liebe und Fußball – Paul Abrahams Operette „Roxy und ihr Wunderteam“ in Dortmund
Und schließlich ist Party in der Puszta – mit ungarischer Folklore samt Stehgeiger, mit treibendem Swing aus dem Orchestergraben und mit einer vielköpfigen Compagnie, die voller Energie und Tempo den Black Walk tanzt. Überschäumende Lebensfreude auf ihrem Höhepunkt, entfesselter Jazz, ein Ohrwurm, ein angesagter Modetanz und ein Liebespaar, das sich hoffentlich noch findet – aus solchem Material werden erfolgreiche Musikfilme bis heute gemacht. Oder Musicals. Oder – früher – Operetten wie „Roxy und ihr Wunderteam“, die im Dortmunder Opernhaus ihre umjubelte Premiere erlebte.

Roxy (Emily Newton) nebst einigen Herren ihres Wunderteams (Foto: Thomas Jauk / Stage Picture/Theater Dortmund)
„Roxy und ihr Wunderteam“ darf Fußball-Operette genannt werden, weil im Mittelpunkt eine zunächst reichlich sieglose Fußballmannschaft steht. Sie bezieht ihr Trainingslager im Schloss des zwielichtigen Trainers, wo dessen Gattin zeitgleich eine Gruppe junger Damen aus dem Mädchenpensionat unterbringt. Ein Drama mit der Brisanz eines Jugendherbergsaufenthaltes aus heutiger Sicht, aber damals…
Außerdem im Spiel ist Roxy aus Schottland, die den farblosen Loser Bobby heiraten soll und das plötzlich nicht mehr will, ihr Onkel und eine Menge Entourage. Die Fußballer verhelfen Roxy zur Flucht, Roxy macht das Team stark und am Ende steht der Sieg – auf dem Rasen und in der Liebe.
Bislang existierte diese Operette nicht in den Repertoires der deutschen Theater. Die Nazis hatten dem jüdischen Komponisten Paul Abraham (1892-1960), kaum dass sie an der Macht waren, Berufsverbot erteilt und seine erfolgreichen Werke („Viktoria und ihr Husar“, „Die Blume von Hawaii“, „Der Ball im Savoy“) mit Aufführungsverbot belegt. Uraufgeführt wurde „Roxy“ 1936 in Budapest, doch schon die Übernahme an die Wiener Volksoper scheiterte. Allerdings wurde die Operette in Österreich 1937 noch unter dem Titel „3:1 für die Liebe“ verfilmt, bevor das Land durch die Nazis „angeschlossen“ wurde.
Die Dortmunder Inszenierung, die somit auch deutsche Uraufführung ist, gestaltete sich nicht problemlos. Henning Hagedorn und Matthias Grimminger, beide Abraham-Spezialisten, mussten die Partitur aus verschiedenen Fundstücken zusammenfügen, da die Original-Partitur verschollen ist. Die Einrichtung selbst (Regie: Thomas Enzinger) strebt nach „historischer Aufführungspraxis“ und bemüht sich, in Bühnenbild, Kostümen (beide: Toto) und Choreographie (Ramesh Nair) dem alten Vorbild zu folgen, so weit man es denn noch kennt.
Herausgekommen ist dabei ein heiterer, streckenweise burlesker Abend mit hohem Unterhaltungswert. Kammersänger und „Homeboy“ Hannes Brock hat als Mixed Pickles-Fabrikant Sam Cheswick, als augenzwinkernder schottisch-sparsamer Welterklärer und Borussia-Versteher das Publikum, wie nicht anders zu erwarten, hinter sich. Emily Newton passt gleichermaßen geradezu perfekt in die Rolle der couragierten Mannschafts-Motiviererin. Fritz Steinbacher ist als weinerlicher Ex-Verlobter eine Lachnummer, gleiches gilt für Frank Voß und Johanna Schoppa, er Fußballtrainer, sie Internatsleiterin, die als zerstrittenes Ehepaar gleichsam Schicksal spielen. Großartig die steppende und singende Fußballtruppe wie auch die muntere Schar der Internatsmädchen, die die Kunst des modifizierten Kreischens geradezu perfekt beherrschen.

Roxy und die Internatsleiterin v. Tötössy (Johanna Schoppa) begegnen sich im Plattensee, der bekanntlich auch ein platter See ist… (Foto: Thomas Jauk / Stage Picture/Theater Dortmund)
Lucian Krasznec schließlich erledigt seinen Job als Mannschaftskapitän und Märchenprinz Gjurka Karoly untadelig, wenngleich die Liebesgeschichte zwischen ihm und Roxy nicht wirklich überzeugend herausgespielt wird. Aber das ist wohl auch zu viel verlangt. Es ist eben, wie es ist.
In den letzten Jahren ist einiges zu lesen gewesen von der Wiederentdeckung des jüdischen Komponisten Paul Abraham, von einem neuen Umgang mit der Gattung Operette, der ihr die Anteile jüdischer Künstler zurückgibt, welche die Nazis mit ihrer rassistischen Inszenierungspraxis eliminierten. Plötzlich gibt es hier auch wieder Jazz. Und vielleicht fragt sich der eine oder andere (möglicherweise ältere) Musikfreund bang, ob jetzt Schluß ist mit süßer vor- und nachkriegsdeutscher Operettenseligkeit.
Er möge sich entspannen. Auch die Wiederentdeckung „Roxy“ ist gut konsumierbare „leichte Muse“, gepflegte, süffige Abendunterhaltung. Zwar spielt die Operette einige Male ironisch auf aktuelle politische Verhältnisse an, auf das reaktionäre Frauenbild der Nazis zum Beispiel, das die Mädels in einem Song – samt hinreißender Sackhüpf-Einlage – verulken.
Keineswegs jedoch schwebt über diesem Abend bedrohlich das Hakenkreuz. Vielmehr erzählt uns die Inszenierung, was die Menschen damals möglicherweise mehr interessierte als das lange unterschätzte Erstarken der Nazis. Da war offenbar auch damals schon der Fußballsport sehr wichtig, aber auch die verführerisch lässige englische Sprache, die Begriffe für Dinge hatte, die man im Deutschen Reich kaum kannte, Whisky auf Eis zum Beispiel. Oder Cocktails. Ihnen widmet die Operette einen eigenen, hinreißend dargebotenen Song, einen Cocktailshaker-Step mit vielen Cocktailshakern.

Vorschriftsmäßiges Happy End: Roxy krault Gjurka (Lucian Krasznec). (Foto: Björn Hickmann / Stage Picture GmbH/ Theater Dortmund)
Gewiss ist das Frauenbild dieser Operette – trotz einer starken Roxy – völlig unakzeptabel, die Trennung der Geschlechter in Fußballmannschaft hier und Mädchenpensionat da albern und die brachiale Erzählweise nach Art des Hauruck-Kaspers eine Beleidigung des Intellekts. Doch denkt man beispielsweise an Filme mit dem jungen Heinz Rühmann wie „Die Drei von der Tankstelle“, ahnt man, dass Humor mit erotischer Aufladung in jenen Jahren so funktioniert haben mag.
Die „historische Aufführungspraxis“ bei dieser Operette – der Begriff ist aus dem Bereich der Alten Musik entlehnt – verhilft zu einem gesteigerten Verständnis der Entstehungszeit. Sie erzählt uns quirlig, bunt und jungendlich,. was vor 80 Jahren Eltern und Großeltern in den Bann schlug. Nehmen wir es also als Erkenntnisgewinn mit tragischer Note.
Zu loben schließlich sind die Dortmunder Philharmoniker unter Leitung von Philipp Armbruster, denen der Swing recht flüssig von der Hand ging, sowie der stimmungsvoll gewandete, oft die Bühne bevölkernde Chor unter Leitung von Altmeister Granville Walker und schließlich auch die Herren der Bühnentechnik, die ihre flotten Umbau-Jobs im Schiri-Outfit erldigten. Die schwarzen Sitzpolster, die sie bewegten, haben gelbe Streifen – dezenter Hinweis auf die hiesige Fußballmannschaft möglicherweise.
Termine: 7., 13., 21. 27. 31. Dezember 2014; 17., 29. Januar 2015; 7., 13., 18., 27. Februar 2015; 15. März 2015.
Karten Tel. 0231 / 50 27 222
www.theaterdo.de/detail/event/roxy-und-ihr-wunderteam/
Ermittlungen in der „verbotenen Stadt“ – beachtliches Krimidebüt aus dem Ruhrgebiet
Als ausgewiesener Schalke-Fan in der „verbotenen Stadt“ Dortmund arbeiten zu müssen, dann noch ein wandelndes Beispiel für die alte Fußballer-Weisheit „Knie heilt nie“ zu sein und als krönende Dreingabe einen Assistenten, der sich trotz oder wegen seines Atze-Schröder-Stylings als unermüdlicher Playboy gefällt – Kriminalkommissar Georg Schüppe hat mehr als ein Problem. Da fällt sein ungeliebter Spitzname „Der Spaten“ schon kaum mehr ins Gewicht.
Derart vom Leben gebeutelt, macht er sich eher widerwillig auf zu seiner neuesten Ermittlung. Ein toter Einbrecher in einem Dortmunder Zechenhaus verspricht nun auch nicht gerade die dollste Ablenkung. Weder für ihn noch für Polizeireporter Tom Balzack, der sich mehr schlecht als recht mit seiner kleinen TV-Firma als Sensations-Zulieferer für den Boulevard durchschlägt. Doch nicht lange und der kleine Routinefall wird undurchsichtig. Drei weitere Morde folgen und an den weit voneinander entfernten Tatorten finden sich DNA-Spuren des Einbrechers aus dem Zechenhaus. Der jedoch befand sich zum Zeitpunkt der drei Morde schon in fortgeschrittener Totenstarre.
Wer legt da eine falsche Fährte und vor allem warum? „Der Spaten“ sieht die Zusammenhänge nicht, vielleicht will er sie auch gar nicht sehen. Die vage Ahnung, dass dieser Fall etwas mit ihm und seiner traurigen Vergangenheit zu tun haben könnte, lässt er zunächst nicht zu. Somit schlägt die Stunde des Reporters. Balzack ist chronisch pleite, der Konkurrenzdruck groß, ihn kann nur noch die eine, die ganz große Geschichte retten. Er erkennt den Zusammenhang zwischen den Morden, er kennt „Die Abtaucher“ aus der sogenannten guten Gesellschaft, die nun in der verqueren Logik eines Killers für einen Augenblick der Unachtsamkeit bezahlen müssen.
„Die Abtaucher“ ist das gelungene Krimi-Debüt des Journalisten Thomas Schweres und weit mehr als nur ein weiterer halbwegs gelungener Regional-Krimi. Der gebürtige Essener Schweres lebt als Schalke-Fan „undercover“ in Dortmund und treibt sich mit seiner TV-Firma vorzugsweise auf dem Boulevard herum. Ähnlichkeiten zum Protagonisten Balzack dürften also nicht rein zufällig sein.
Thomas Schweres ist ein genauer Beobachter, den versierten Rechercheur merkt man durchgängig. Er weiß genau, worüber er schreibt, in seinen langen Reporterjahren ist er zum genauen Kenner der Ruhrgebiets-Szene geworden. Die Liebe zum Pott schimmert durch, aber auf nett gemaltes Lokalkolorit beschränkt er sich dabei dankenswerterweise nicht. Schweres scheut sich nicht, auch die unangenehmen, schwierigen Seiten des Ruhrgebiets aufzuzeigen. Ob es um Schutzgelderpressungen, den Tagelöhner-Strich, die vergifteten Monte Schlackos geht – Schweres redet Tacheles. Wer jemals länger in einem Stadtteil gearbeitet oder gelebt hat, in dem ganz eigene Gesetze herrschen und der von der Obrigkeit als aufgegeben bezeichnet werden darf, weiß, wovon Schweres redet und liest die entsprechenden Seiten mit einem sonderbares Gefühl der Dankbarkeit dafür, dass es endlich einer ungeschönt ausspricht. Dazu gönnt der Kenner des Boulevards dem Leser amüsante Einblicke in das umkämpfte Geschäft mit dem Sensations-Journalismus.
Thomas Schweres schreibt kurz, knackig und durchgehend flüssig. Wie man einen Plot aufbereitet und den Leser häppchenweise bei der Stange hält, weiß er aus seinem Tagesgeschäft und übertragt das gekonnt und mit gelegentlichem Augenzwinkern in die Romanform. Der Plot an sich ist stimmig, auch wenn man heutzutage anscheinend in keinem einzigen Krimi mehr auf persönliche Involvierung der ermittelnden Kommissare verzichten kann. Alles in allem spannende Lektüre, mit der nicht nur Ruhrgebiets-Liebhaber richtig aus dem Alltag abtauchen können.
Interessanterweise ist unter den Protagonisten kein einziger richtiger Sympathieträger, aber der Autor schafft das Kunststück, dass man dem Kommissar, dem Reporter und seinen Mitstreitern ein gutes Ende wünscht. Den meisten jedenfalls. Wahrscheinlich, weil man sie alle irgendwoher kennt. Im Zweifelsfall aus der Nachbarschaft.
Thomas Schweres: „Die Abtaucher“. Grafit Verlag, Dortmund, 220 Seiten, € 9,99
P.S.: Dass Schweres sich mit medialer Vermarktung auskennt, merkt man auch der professionellen Werbung für das Buch an. Der Song und der Trailer zum Buch machen richtig Spaß und Lust auf das Buch. Zu bewundern auf der Webseite des Grafit-Verlages.
Das Elend wird seziert – Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ im Dortmunder Schauspiel

Szene einer Ehe mit (v.l.) Sebastian Kuschmann, Julia Schubert, Uwe Schmieder und Bettina Lieder. (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)
Es ist so deprimierend. Vermeintlich freie Menschen in einer modernen, selbstbewußten Bürgergesellschaft haben alle Möglichkeiten, ihr Leben zu regeln, und sie schaffen es nicht.
Früher einmal konnte man die Ursachen vieler Probleme in überkommenen Tabus und im verdrucksten Umgang mit der Sexualität finden, lag die Lösung logischerweise in der Überwindung dieser Zwänge. Im schwedischen Mittelstandsmilieu jedoch, das Ingmar Bergman 1973 für einen Fernseh-Sechsteiler portraitierte, ist die Sexualität – oder das Geschwafel über sie – geradezu allgegenwärtig.
Doch der – vermeintlich – freie Umgang mit der Sexualität ist längst schon nicht mehr Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Denn persönliche Freiheit zu haben bedingt ja auch die Fähigkeit, sie sich nehmen zu können. Aber jetzt wird es vielleicht schon zu küchenphilosophisch. Blicken wir lieber zum Dortmunder Schauspielhaus, wo Bergmans „Szenen einer Ehe“ jetzt in einer recht umgangssprachlichen Umsetzung ins Deutsche von Renate Bleibtreu eine Bühnenpremiere erlebten.
Handlungsort ist ein Allerweltswohnzimmer mit eigenen Wänden und seitlichem Flur, eine Bühne auf der Bühne somit, angesiedelt vielleicht in einem Fernsehstudio, das ein Beleuchter ab und zu ausleuchtet (Bühne und Kostüme: Patricia Talacko). Die Mitwirkenden haben keine Rollennamen, was schlüssig ist, da die Rollen im gnadenlosen Partnerschaftsspiel immer wieder wechseln. Zudem zerlegt Regisseurin Claudia Bauer die Reaktionsmuster der Rollen höchst sorgfältig in ihre Bestandteile und ordnet sie verschiedenen Akteuren zu. Die Frau zum Beispiel, die ihr Mann verlassen will, reagiert mit Zorn, mit Klage, mit Flehen, mit dem verzweifelten Versuch, das ganze noch einmal neu auszuhandeln, mit scheinbar cooler Akzeptanz; und mit jedem Stimmungswechsel wechselt auch die Darstellerin. Ähnliches geschieht beispielsweise im Verhältnis von Mann und Frau, die es ebenso wenig miteinander wie ohneeinander aushalten.
Mal werden Paarbeziehungen in starken, tänzerischen Bildern vervielfacht, mal läßt die Inszenierung die Darsteller pantomimengleich agieren, während Sprecher außerhalb der Szene ihnen Stimmen verleihen, mal ist das Klo der Ort der Selbstbekenntnisse, mal haben alle Eselsköpfe aufgesetzt, mal wird, warum auch immer, das Handlungsentscheidende hinter der Kulisse gespielt und von einer Videokamera übertragen, kurz: das analytische Seziermesser ist gut beschäftigt in dieser Inszenierung.
Doch das macht den Zuschauer, wie gesagt, nicht glücklicher. Denn aus dem Bergmanschen Ehekosmos gibt es kein Entrinnen. Die sprichwörtlichen zehn Prozent Humor, die für den erfolgreichen Verlauf einer Psychotherapie unverzichtbar sind, würden auch hier helfen, aber Bergman gönnt sie uns nicht. Und Regisseurin Claudia Bauer, auch in diesem Punkt sehr auf Linie des Meisters aus Schweden, zeigt eine etwas leichtere, entspanntere Weltsicht lediglich in der Detailzeichnung mancher Paarsituationen, beispielsweise im komischen Geschlechtertausch eines der (rechnerisch) vier Paare.
Man könnte darüber nachsinnen, ob ein skandinavisch-protestantisches Milieu, das scheinbar nichts tabuisiert, aber alles zur Gewissensentscheidung des Einzelnen macht (und ihn in dieser scheinbar grenzenlosen Freiheit überfordert) zur hier inszenierten Ausweglosigkeit beiträgt. Aber kaputte Ehen gibt es nicht nur im hohen Norden. Nun ja.
Obwohl Erkenntnisgewinn nicht unbedingt das hervorstechende Merkmal dieser Einrichtung ist, besticht sie doch durch einige eindringliche Bilder. Wenn etwa nach der Pause das „Wohnzimmer“ verschwunden ist, die Videokamera dankenswerterweise Pause hat und das Ensemble der „Sprachlosigkeit“ (das Stück hat, wohl in Analogie zum Fernseh-Mehrteiler, Zwischentitel) in einer athletischen Choreographie Ausdruck verleiht, gewinnt sie doch erfreulich an Intensität.
Sehr zu loben sind wiederum Einsatz und Präsenz des Ensembles, das aus Frank Genser, Sebastian Kuschmann, Bettina Lieder, Carlos Lobo, Uwe Schmieder, Julia Schubert, Friederike Tiefenbacher und Merle Wasmuth besteht.
Herzlicher, anhaltender Applaus.
Die nächsten Termine: 4., 21. Dezember 2014, 9., 25. Januar 2015 (Karten 9 bis 23 Euro – Tel. 0231 / 5027 222). www.theaterdo.de



















