„Zeche Hannover“ in Bochum: Einst trutzige Burg für den Bergbau – heute ein Museum

Als vor gut 150 Jahren der Kohlebergbau im Ruhrgebiet immer mehr in die Tiefe ging, da wurde auch in der Bochumer Bauerschaft Hordel eine weitere Zeche gegründet.

Nach dem Wohnsitz des Bergwerk-Gründers im damaligen Königreich Hannover erhielt die neue Fördergrube den Namen Zeche Hannover. Um die Fahrt in Körben sicherer und schneller zu machen, bauten die Besitzer später den trutzigen Malakowturm, der noch heute steht und wie eine trutzige Burg in die Landschaft des Bochumer Nordens ragt.

Malakowturm der Zeche Hannover (Foto Pöpsel)

Der Malakowturm der Bochumer „Zeche Hannover“. (Foto: Hans Hermann Pöpsel)

Heute sind die Gebäude der längst stillgelegten Zeche ein Bestandteil des Westfälischen Industriemuseums – getragen und betreut vom Landschaftsverband Wetstalen-Lippe (LWL). Wie auch in anderen Alt-Zechen nutzt der Landschaftsverband die Räume für Ausstellungen. Zur Zeit kann man dort, bei freiem Eintritt, eine Zusammenstellung von Fotos, Gegenständen und Dokumenten über polnische „Displaced Persons“ sehen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Naziherrschaft lebten in Deutschland hunderttausende befreite Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus unterschiedlichen Ländern, die aus politischen Gründen nicht in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehren konnten oder wollten, zum Beispiel nach Jugoslawien oder in die Sowjetunion und eben auch nicht in das inzwischen kommunistische Polen.

Diese „Displaced Persons“, auch kurz DP genannt, lebten zunächst in Lagern, bis die deutschen Landesregierungen Anfang der 50-er Jahre dazu übergingen, gezielt neue Siedlungen für diese Personengruppen zu bauen. Außerdem wanderten zahlreiche DP in andere Länder aus, zum Beispiel nach Kanada oder in die Vereinigten Staaten.

Die Ausstellung im Bochumer Malakowturm zeigt sehr anschaulich, wie die polnischen DP lebten, wie sie das Lagerleben organisierten, welche kulturellen Aktivitäten es gab und wie die Katholische Kirche gezielt auf die Menschen zuging und half.

Interessant ist in der Zeche Hannover, dass man aus der kleinen Ausstellung ohne Übergang in den mächtigen Maschinensaal gelangt. Die dort stehende Fördermaschine aus dem Jahre 1893 ist die älteste noch am ursprünglichen Standort verbliebene Seilzuganlage  des Ruhrkohlebergbaus, und manchmal wird sie vom rührigen Förderverein der Zeche noch in Betrieb genommen – allerdings nicht mit Dampfkraft, sondern mit Elektromotoren.

LWL-Industriemuseum Zeche Hannover, Günnigfelder Straße 251 in Bochum. Mittwoch-Samstag 14–18 Uhr, an Sonn- und Feiertagen 11–18 Uhr. Eintritt frei. Internet: https://www.lwl.org/industriemuseum/standorte/zeche-hannover




Familienfreuden auf Reisen: „Einmal Apfelsaft mit Wasser, aber Wasser mit!“

Zauberei! (Bild: Nadine Albach)

Zauberei! (Bild: Nadine Albach)

Ein Kind zu haben, ändert meine Sicht auf die Welt. Klingt völlig platt. Ist es aber gar nicht. Weil damit winzige Momente gemeint sind, die ich nur durch Fiona so sehe und erlebe und die einen ganz eigenen Zauber bekommen.

„Und, was möchtest Du denn trinken?“ Fiona windet sich kurz, die Kellnerin beugt sich neugierig zu ihr runter. „Einmal Apfelsaft mit Wasser, aber Wasser mit“, sagt unsere Tochter schließlich.

Ich hätte es mitsprechen können. Fi bestellt ihr Getränk immer genauso. Nie würde sie schnöde eine Apfelschorle ordern. Nie dauert ihr diese Art der Bestellung zu lang. Es ist genau das, was sie will: Einen Apfelsaft mit Wasser und das Wasser mit Kohlensäure. Herrlich. Von Zeitoptimierung und Effizienz meilenweit entfernt. Kurz überlege ich, ob ich „ein Glas Sekt, aber den Sekt mit rot und orange“ bestellen soll, sage dann aber doch „Aperol Spritz“.

Wer lernt von wem?

Trotzdem, auch wenn ich es mich nicht getraut habe, frage ich mich in solchen Momenten, wer eigentlich von wem lernt. Denn ich käme nie auf die Idee, die Seite aus dem Rätselblock herauszureißen, die eigentlich dazu gedacht war, unterschiedlich gemusterte Tassen, Kannen und Schüsseln zu sortieren, und stattdessen jedes Teil sorgsam auszuschneiden und dann auf den Frühstückstisch zu legen. Die gepunkteten für Mama, die gestrichelten für Papa und die geblümten für Fiona. Kann ein Tisch schöner gedeckt sein?

Ich gebe zu, ich bin nicht in jeder Situation für den Zauber dieser Perspektive empfänglich. Wenn ich es gerade eilig habe, will ich nicht wie ein Hund auf der Erde herumwuseln und nach dem Schlüssel bellen, der wundersamerweise in einen Knochen transformiert wurde.

Ein Zauberreich

Aber jetzt gerade sind wir im Urlaub. Und deshalb darf sich alles um uns herum in ein Zauberreich verwandeln. Während die anderen Besucher des Freiluftmuseums staunend und eher schweigend die Wege abgelaufen sind, rennen Normen und ich Staub aufwirbelnd hinter Fiona her, spielen fangen und verstecken uns hinter in Würde und voller Spinnweben gealterten Gebäuden. Unsere Tochter können wir gerade noch davon abhalten, sich in die strohgedeckten historischen Schlafstätten zu werfen. Und ohne Frage schmeckt der friesische Klüntje-Tee hinterher besonders gut, sobald der Saft einer anderweitig entwendeten Orangenscheibe in ihn hineingedrückt ist. Das Leben ist ein Abenteuerspielplatz!

Irgendwann übermannt Fiona ob all der Ideen und fantastischen Möglichkeiten der Schlaf. Sie sackt im Fahrradkindersitz zusammen, der Kopf gondelt gefährlich nach rechts und links, an Erwachen ist auch beim Hinauszerren und in die Wohnung tragen nicht zu denken. Eine Stunde komatöser Schlaf. Dann Erwachen mit erberstend schlechter Laune. Tanzen, Geschichten erzählen, kitzeln – alles doof. Bis der Blick wieder auf den Rätselblock fällt und diesmal auf eine Seite mit verschiedenen Tieren. Eine halbe Stunde später verlassen wir das Feriendomizil. Jeder von uns nennt nun einen bunt angemalten Hund sein eigen, der einen Bindfaden um den Hals gebunden hat. Wir gehen jetzt Gassi mit unserem neuen Familienzuwachs. Was denn sonst?




Die Schulzeit als Geisterbahn – ein paar skizzenhafte Erinnerungen

Vor wenigen Tagen hat unser Gastautor Heinrich Peuckmann an dieser Stelle einige prägende Begegnungen aus seiner Schulzeit skizziert. Lauter kultivierte Lehrer haben sich demnach in Kamen und Unna die Klinke in die Hand gegeben. Das klang – wenigstens im Rückblick – alles sehr zielgerichtet und schicksalhaft vorherbestimmt; ganz so, als hätte es gar nicht anders kommen können, als dass Peuckmann selbst zum Lehrer und Schriftsteller wurde.

Nur als Beispiel fotografiert: ein altehrwürdiges Lehrinstitut - im Osten der Republik. (Foto: Bernd Berke)

Nur als Beispiel fotografiert: eine altehrwürdige Lehrstätte – weit im Osten der Republik; also keineswegs das im Revier liegende Institut, von dem im Text die Rede ist. (Foto: Bernd Berke)

Heinrich Peuckmann hat offenbar großes Glück gehabt. Ich glaube, dass nicht viele aus unserer Generation so gut und günstig über ihre Schuljahre sprechen können. Meistenteils war es doch ein Kreuz mit der Penne. Wir reden hier übrigens vornehmlich von den 60er Jahren. Die Grundschule und ein späteres Gymnasium in Bonn lasse ich mal beiseite, damit es halbwegs übersichtlich bleibt.

Angebliches „Elite-Gymnasium“

In medias res: Unser Institut galt innerhalb Dortmunds als „Elite-Gymnasium“. Zumindest sahen die Herrschaften des Lehrkörpers sich selbst gern so. Das Einzugsgebiet erstreckte sich bis weit in den schon damals „feineren“ Süden der Stadt. Koedukation war leider noch ein Fremdwort, also muss man es so sagen: Da gab’s schon einige Söhnchen aus begüterten Familien.

Mit solch einem gediegenen Hintergrund konnten ich (und etliche andere) nicht dienen. Ich bin im seinerzeit kleinbürgerlichen Kreuzviertel aufgewachsen, das erst sehr viel später schick und studentisch alternativ wurde. Meine Mutter war unter den Eltern der ganzen Klasse die einzige Frau, die arbeiten ging – ein Umstand, über den manche Lehrer die Nasen gerümpft haben. So beschränkt waren die Zeiten.

Wissensvermittlung Nebensache

Bert Brecht war es wohl, der sinngemäß geschrieben hat, Aufgabe eines Lehrers sei nicht so sehr die Wissensvermittlung. Vielmehr müsse sich der Pädagoge vor der Klasse möglichst schrankenlos ausleben, auf dass die Schüler verschiedene Menschentypen bis auf den Grund kennen lernten. In diesem Befund waltet Weisheit, die unter gewandelten Vorzeichen vielleicht heute noch gilt.

Anders als bei Heinrich Peuckmann, saßen bei uns neben- oder hauptberufliche Schriftsteller schon mal gleich gar nicht im Kollegium. Die Deutschlehrer mochten sich daheim in stillen Stunden von Herzen für Schiller, Hölderlin oder Rilke begeistern, wirklich gespürt haben wir derlei Leidenschaft nur in sehr seltenen Momenten. Wenn überhaupt.

Ach, Hubertus…

Eine recht junge Lehrerin, gerade dem Referendariat entronnen, besprach mit uns immerhin auch Lyrik von Enzensberger und Celan oder seinerzeit virulente Romane von Grass und Max Frisch. Damals beileibe keine Selbstverständlichkeit.

Freilich blieb auch sie der rein textimmanenten Interpretation jener Jahre verhaftet. Wenn wir über Klassenarbeiten brüteten, las sie am Pult geradezu demonstrativ die stocksolide und erzkonservative Frankfurter Allgemeine Zeitung, mutmaßlich vor allem Feuilleton-Riemen von Friedrich Sieburg oder Benno von Wiese. Ihr persönlicher Primus war ein Mitschüler mit Adelsnamen, welchen sie geradezu andächtig hauchte. Ach, Hubertus…

Als Geschichtslehrerin ließ sie am liebsten allerlei Jahreszahlen auswendig lernen. Gern hielt sie sich in frühen Epochen auf, weit von der garstigen Zeitgeschichte entfernt.

Käuze und Sonderlinge

Um schöne Nebensachen nur kurz zu streifen: Die Musiklehrer lebten auf ihrem eigenen Stern, sie waren vergleichsweise in Ordnung. Einer versuchte gar kurz, die Beatles zu thematisieren. Doch er drang damit nicht zu uns durch. Auf dem Gebiet mochten wir uns erst recht nicht von der Schule einfangen lassen.

Die beiden Bio-Lehrer waren eher groteske Käuze, irgendwie rührend in ihr Fachgebiet vernarrt. Harmlos also. Aber auch nicht allzu lehrreich. Später kam Chemie hinzu – bei einem veritablen Schleifer. Von Physik wollen wir schweigen und allenfalls andeutungsweise das Bild von der schiefen Ebene bemühen. Der Französischlehrer war eine Witzfigur, von keinerlei subtilem Geist angekränkelt.

Ostpreußische Orte suchen

Andere aber waren schlimmer. Ein froschhafter Fettmops von Mathepauker, der uns aus unerfindlichen Gründen auch in Sport quälen und trimmen durfte, krähte gern mal Sprüche wie „Häää, wer nich Schwimm‘-kann-kann-auch-keine-Mattmattik!“ Tatsächlich hatten die schlechten Schwimmer in Mathe von vornherein schlechtere Karten bei ihm. Erklären konnte er eh nix, nur abfragen und Urteile fällen. Danach suchte uns ein notorischer Säufer heim, der (im Krieg?) seinen Daumen verloren hatte und trotzdem gerade mit den Fingern jener Hand unverdrossen zählen wollte. Das Kichern zu vermeiden, glich einer Herkulesaufgabe.

Doch andere waren schlimmer. In Erdkunde hatten wir zunächst einen üblen Revanchisten, der aus Ostpreußen stammte, uns folglich immer wieder an der Landkarte der Ostgebiete strammstehen und Orte suchen ließ. Wehe, wenn man sie nicht fand… Wie? Ach ja, natürlich hat er uns vorgemacht, wie es im Schützengraben gewesen ist, als es gegen den Iwan ging. Ratatatata.

Mit der Faust ins Gesicht

Doch andere waren noch schlimmer: Der Lateinlehrer, ein Schmierlapp, der sich elend leutselig geben konnte und seinen Lieblingsschülern sogar schon mal zärtlich über den Kopf strich, konnte andererseits brutal mit der Faust zuschlagen – mitten ins Gesicht. Wenn man daran denkt, spürt man heute noch ein knotiges Unwohlsein in der Magengegend – und könnte ihm seinerseits die Fresse polieren. Warum soll ich’s vornehmer sagen? Und der Kerl hat nebenher auch noch katholische Religion gegeben. Ausgerechnet.

Gewaltausübung durch Lehrer war damals bei einigen Gestalten überhaupt an der Tagesordnung, heute müssten sich die Herren dafür hochnotpeinlich verantworten. Selbst ein Kunstlehrer (!) hatte eine üble Methode, uns heftig an den Ohren zu ziehen und selbige schmerzhaft zu zwirbeln. Möge er in Hieronymus Boschs Welten getriezt werden.

„Tack, tack, tack“ – „Werd‘ doch Friseur“

Ins Englische wurden wir gerade mal leidlich eingeführt – von einem drahtigen Schönling, der zu Zeiten der ersten Bond-Filme wie 007 Sean Connery aussah. Drum war auch der Sportunterricht seine eigentliche Domäne. Wollte er, dass wir uns beeilen, hackte er im militärischen Rhythmus mit seinem Schlüsselbund auf den Lehrertisch und rief dazu „Tack-Tack-Tack!“ In der Mittelstufe kam dann ein richtiger Englischlehrer, der über seinen Vorläufer mitleidig lächelte und sein geballtes promoviertes Wissen auf uns losließ. Er nötigte denn doch Respekt (und Furcht) ab, dachte zudem ausgesprochen elitär. Wer schlecht abschnitt, dem riet er unumwunden: „Werd‘ doch Friseur!“

Schäbige Rache der Pubertierenden

Nach all dem war es eigentlich kein Wunder, dass wir uns als Pubertierende für erlittene Unbill gerächt haben – bei den schwachen Figuren. So haben wir einen schwer zuckerkranken Erdkunde-Lehrer, der körperlich nur noch ein bedauernswerter Hänfling auf spindeldürren Beinchen war, bis zur Weißglut gereizt. Für diese feige Infamie schäme ich mich bis heute. Und nicht nur mir geht es so.

Noch immer frage ich mich, worauf eine solche Schullaufbahn (nein: Geisterbahn) eigentlich hinauslaufen sollte. Gewiss, wir haben ein paar Fakten, Formeln und Vokabeln gelernt. Doch von all dem Stoff konnte man später im Beruf ca. 95 Prozent getrost vergessen. „Non scholae, sed vitae discimus“ (Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir) war einer der lächerlichsten Sätze, die uns je untergekommen sind.




Im Chaos der Gerüchte und Nachrichtenfetzen: Der Angst nicht noch mehr Raum geben

Vom schrecklichen Münchner Amoklauf, Attentat (oder wie man es nun nennen soll) am Olympia-Einkaufszentrum habe ich erst gestern Abend erfahren und kann mich natürlich nur kläglich subjektiv äußern.

Fürwahr ein schwacher Trost - und doch beruhigt der Anblick des Meeres. (Foto: BB)

Fürwahr ein schwacher Trost – und doch beruhigt seit jeher der Anblick des Meeres. (Foto: BB)

Ein argloser Nachmittag

Wieder einmal wurden Brechts berühmte Gedichtzeilen wahr: „Der Lachende / Hat die furchtbare Nachricht / Nur noch nicht empfangen.“

Auf dem Ausflugsschiff, auf dem wir nachmittags arglos und ahnungslos fuhren, saß auch ein vor Selbstgewissheit strotzender Mann im Trikot von Bayern München, der breitesten Dialekt sprach. Auch er konnte noch nicht wissen, was in seiner Heimat vorfallen würde. Zunächst hatte ich ihn noch scherzhaft anpflaumen wollen – von wegen „Schluss mit Bayern-Meisterschaften“ und so weiter. Aber ach, wie bedeutungslos war das dann alles, welch eine Petitesse. Im Nachhinein war ich froh, kein Wort gesagt zu haben. Wer weiß, welche Ängste er später ausgestanden hat.

Die Stunde der Welterklärer

Abends habe ich lange der Versuchung widerstanden, mich über die chaotischen Informations-Brocken hinaus in den unaufhörlichen Nachrichten- und Gerüchtestrom einzuschiffen. Ganz bewusst habe ich in jenem „sozialen Netzwerk“ lediglich ein nachmittags aufgenommenes Foto vom beruhigenden blauen Meer eingestellt, dies- und jenseits aller rasenden Spekulationen über Tathergang, Opferzahl, mögliche Motivationen etc.

Wie rasch waren manche wieder mit Zuschreibungen bei der Hand. Es ist widerlich, wie einige notorische Welterklärer versuchen, in solchen Fällen sofort die Deutungshoheit zu gewinnen, und zwar unabhängig vom (un)politischen Lager.

Versuchung zum Eskapismus

Die Versuchungen zum Eskapismus oder gar zum Eremitentum sind dieser Tage groß. Man möchte sich mitunter in den hinterletzten Winkel flüchten, quasi biedermeierlich genügsam leben und den eigenen Garten pflegen, wie Voltaire einst schrieb. Schweigen und Rückzug wären so angemessen. Aber wohin?

Ausufernde „Tagesthemen“

Schließlich habe ich doch noch den Livestream der „Tagesthemen“ aufgerufen, ganz nach dem Leitsatz: Man kann sich ja nicht komplett ausklinken. Selbst der sonst so souveräne Thomas Roth wirkte hilflos. Er musste die Sendung über Stunden hinweg in einer Art Endlosschleife absolvieren. Immer wieder sah er sich genötigt zu betonen, man könne nur spekulieren – und spekulierte dann mit Hilfe des unvermeidlichen Terrorexperten zwangsläufig drauflos. Aber man musste ja auf Sendung bleiben, sonst hätte es ebenfalls Vorwürfe gegen die ARD gehagelt. Eine journalistische Zwickmühle, aus der es kein Entrinnen gab.

Auch ein Amateurvideo, das zunächst partout nicht richtig laufen wollte, kam dabei zum zweifelhaften Einsatz. Es war jenes, auf dem der mutmaßliche Täter auf einem Dach steht und ruft, er sei in Deutschland geboren, in der Hartz-IV-Gegend… Die Süddeutsche Zeitung entschied sich derweil dafür, nur Standbilder aus dem Film zu zeigen. Recht so.

Unbegriffenes Geschehen

Ich möchte so etwas eigentlich nicht mehr tun, möchte mich nicht mehr anhand von atemlosen Live-Tickern und Minutenprotokollen auf ein völlig unübersichtliches, unbegriffenes Geschehen einlassen. Es bedeutet, dass man der Sinnlosigkeit, dem Chaos und der Angst unnötig breiten Raum gibt. Gewiss: Für Münchner und alle, die um Freunde oder Verwandte in München gebangt haben, wird es sicherlich sinnvoll gewesen sein, auf jede erdenkliche Weise möglichst nah an den Ereignissen zu bleiben – wie wildwüchsig auch immer. Bei Facebook und Twitter gab es unterdessen auch viele tröstende, aufmunternde Worte. Auch das muss einmal gesagt sein.




Rückblick auf einen Lebenslauf, der schon in der Schulzeit auf Literatur hindeutete

Unser Gastautor, der Schriftsteller Heinrich Peuckmann, über menschlich und literarisch prägende Begegnungen in seiner Schüler- und Studentenzeit:

Meinen ersten Lehrer habe ich geliebt. Noch bis zu seinem Tode hatte ich brieflich Kontakt mit ihm, denn er war inzwischen nach England verzogen und hatte dort noch einmal geheiratet.

Der Autor Heinrich Peuckmann (Bild: privat)

Der Autor Heinrich Peuckmann (Bild: Homepage www.heinrich-peuckmann,de / privat)

Als es zu seinem 80. Geburtstag einen Empfang in der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei gab, ließ er auch mich einladen und wir hatten unser letztes Gespräch. Er erzählte mir, was er im letzten Jahr von mir gelesen hatte, wir witzelten dabei wie immer. Am Ende wollte er wissen, was unsere gemeinsamen Freunde machten, vor allem mein Autorenkollege Horst Hensel.

Grundschüler beim späteren Kultusminister

Jürgen Girgensohn hieß er, der das kleine I-Männchen Heinzchen Peuckmann 1956 an der Kamener Falkschule in seine Schullaufbahn einwies, der vor allem später, als ich Lehrer wurde, als Kultusminister mein oberster Chef war.

Wenn der Minister Girgensohn meine Schule besuchte, stand meinem Schulleiter der Angstschweiß auf der Stirn, ich dagegen freute mich. Es kam ja mein alter Lehrer und wir hatten immer etwas zu bereden. „Na, du Schlingel!“, rief er mir einmal zur Überraschung meines Schulleiters zu, als er mich auf dem Flur unserer Schule entdeckte. Es war ein guter, kreativer Schulanfang mit ihm, der sich auch so fortsetzte.

Verbindungen zu Hüsch und von Manger

Mein Lehrer im zweiten Schuljahr hieß Wolfgang Bär, und der war nun ein halber Künstler. Neben dem Unterricht baute er die Kamener Volkshochschule auf und gestaltete das Kulturprogramm der Stadt mit, in dem tatsächlich Hanns Dieter Hüsch seine ersten Auftritte hatte. Bevor er als Kabarettist seine großen Erfolge feierte, war Hüsch schon in Kamen gewesen.

Später entdeckte und förderte Bär auch noch Jürgen von Manger, schied für ihn sogar aus dem Schuldienst aus und wurde dessen Manager. Auf manchen Schallplatten, die von Manger veröffentlichte, ist als Ansprechpartner, etwa in „Die Fahrschulprüfung“ auch mein alter Lehrer Wolfgang Bär als Prüfer zu hören. Er war meine erste Begegnung mit einem Lehrer, der literarische Neigungen hatte, wenn auch nicht so ausgeprägte, dass es zu einem eigenen Werk gereicht hätte.

Die Aufsatzmappe des Rektors

Danach übernahm Rektor Ballhausen meine Klasse und es war mit dem Künstlerischen, so schien es mir, endgültig vorbei. Ballhausen war eher der strenge, preußische Lehrertyp mit grauem Anzug und Fliege. Wenn jemand zu laut in der Klasse war, winkte er ihn mit langem Finger aus der Bank, dann ging es in sein Rektorzimmer und es gab drei Schläge mit dem Rohrstock auf den Hintern.

Hans Ballhausen hatte die Eigenart, dass er sich Aufsätze seiner Schüler, die er für gelungen hielt, in eine schwarze Kladde eintragen ließ. „Dann habe ich etwas für meine Pensionszeit“, erklärte er. „Ich kann dann, wenn ich an euch denken will, eure schönen Aufsätze lesen.“

Alle wollten sich gerne in diese Mappe eintragen, alle wollten sich dadurch auszeichnen, auch ich. Aber meine Aufsätze fand er erst ganz zum Schluss für würdig, in seine Mappe eingetragen zu werden, vorher hat er mich nie berücksichtigt. Alle durften sich eintragen und waren entsprechend stolz darauf, ich durfte es nicht.

Oft bin ich später bei Schullesungen von Schülern (vor allem der Grundschule) gefragt worden, warum ich Schriftsteller geworden sei. Ich habe dann immer geantwortet, dass ich es so genau auch nicht erklären könnte, und dass ich es eigentlich gar nicht hätte werden dürfen. Mein Volksschullehrer jedenfalls hätte mich nicht verstanden. „Wahrscheinlich“, habe ich manchmal hinzugefügt, „hat dieser Lehrer nie einen Schüler unterrichtet, der später Schriftsteller wurde. Den einzigen, den er je hatte, hat er nicht verstanden.“

Es war eine Erklärung, bei der ich gut wegkam, die aber den entscheidenden Fehler hatte, dass sie nicht stimmte. Hans Ballhausen war, wie ich sehr viel später in einem westfälischen Autorenverzeichnis feststellte, selber Schriftsteller. Vor allem mit der westfälischen Schriftstellerin Margarete Windthorst, einer Autorin mit deutlich katholischem Anspruch, die 1946 den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis bekam (die sie denn auch neben Kleist als ihr Leitbild angesehen hat), hat er sich ausführlich beschäftigt. Ballhausen gilt als ihr Biograph in ihrer mittleren Lebensphase.

Tradition der Short Story

Zusätzlich gab er Anthologien zur Arbeiterliteratur heraus, ein Thema, mit dem auch ich mich später (zu) lange im „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“ beschäftigt habe. „Wir Werkleute all. Ein Querschnitt durch die soziale Dichtung nach der Jahrhundertwende“, hieß eine dieser Anthologien. Ein anderer Buchtitel lautet „Mutter Erde. Gedichte“. Es sieht ein bisschen so aus, als würde es unheilvoll raunen in seinen Büchern, aber das tut es nicht. Es ist das christliche, nicht das Nazi-Weltbild, das durchschimmert und das ihn wohl zu Margarete Windthorst hingezogen hat, die wegen ihrer christlichen Botschaft von den Nazis aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen wurde.

Ich war überrascht, als ich es später, sehr viel später erfuhr. Es war also nicht so, dass Ballhausen einen heranwachsenden Schriftsteller missverstanden hätte, weil er keine Ahnung von künstlerischer Arbeit gehabt hatte. Nein, er war selber ein Schriftsteller gewesen und hatte eine andere Autorin selbstlos gefördert.

Vielleicht, denke ich heute, war wirklich nicht viel dran an meinen ersten Aufsätzen. Vielleicht hatte Ballhausen recht und nicht ich. Er liebte es, das fiel mir wieder ein, wenn Aufsätze unmittelbar begannen, ohne lange Einleitung. Er folgte darin, so kommt es mir im Rückblick vor, der amerikanischen Short Story, während ich vermutlich brav jeden Aufsatz mit einer klaren Einleitung in Zeit, Ort und Handlung begonnen habe, die ich heute selbst bei meinen Schülern bekämpfe: „Es war an einem schönen Sonntagmorgen, als mein Vater die Fahrräder aus dem Keller holte …“

Man weiß, wie solche Aufsätze enden: im Regen am Sonntagnachmittag unter einem Baum stehend. Meine erste Begegnung mit einem Lehrer, der gleichzeitig Schriftsteller war, verlief also gar nicht glücklich.

Als Arbeiterkind nicht zum Gymnasium

Dazu passt auch das Ende unserer Begegnung, denn als es darum ging, welche Schule ich nach der vierten Klasse besuchen sollte, war Ballhausen gegen einen Wechsel zum Gymnasium. Arbeiterkinder (mein Vater war Bergmann) hätten am Gymnasium erfahrungsgemäß Probleme mit dem Englischunterricht. Nein, ich sollte besser zur Realschule wechseln.

Gertrud Bäumer, die große Pädagogin, hat ein paar Jahrzehnte vorher in Kamen unterrichtet und sie schreibt in einem ihrem Bücher sehr liebevoll, aber auch erschreckt über die Bergarbeiterkinder, die sie damals unterrichten musste. Wie mager sie waren, wie ärmlich gekleidet, wie fernab von jeglicher Bildung. Zu meiner Zeit hatte sich daran sicher einiges geändert, wenn auch nicht alles.

Natürlich trug ich, wie meine Mitschüler auch, gestopfte oder geflickte Kleidung, ein paar Mal musste ich sogar Pullover meiner Schwester auftragen, die meine Mutter „schick“ fand. Und unsere Sprache war deftig, mindestens gewöhnungsbedürftig: „Wo wohnst du?“ „Anne Ecke vonne Nordenmauer.“ „Wie heißt das?“ „Auffe Ecke anne Nordenmauer.“ (Originalton Klassenkamerad). Vielleicht war es das, was uns Schüler und speziell auch mich von Ballhausen trennte. Einer sittsam-katholischen Wohlanständigkeit entsprachen wir sicher nicht.

Das Wort eines Rektors galt damals noch etwas, jedenfalls in einer Arbeiterfamilie wie meiner, also wechselte ich zur Realschule Oberaden, wo ich – ein kleiner Trost – wieder auf Girgensohn traf, der sich inzwischen vom Volksschullehrer zum Realschullehrer fortgebildet hatte.

Bloß keine Verwaltungslaufbahn

Aber als ich dort immer öfter den Satz hörte: „Wenn ihr später mal bei einer Verwaltung arbeitet“, die klassische Realschullaufbahn damals, wusste ich, dass ich von dort weg musste. Verwaltung, darunter stellte ich mir dunkle Räume vor mit verstaubten Akten und mit Ärmelschonern womöglich, die ich tragen müsste.

Dabei war ich der ersten dunklen Alternative ja schon fast entkommen, einem Leben als Bergmann nämlich, das alle meine früheren Klassenkameraden erwartete, deren Väter Bergleute waren. Sich aus diesem Kreislauf herauszuarbeiten war damals fast unmöglich. Immerhin, mit der Realschule hatte ich den ersten Schritt dazu getan, jetzt wollte ich auch den nächsten tun. Weg von der Realschule, weg von der Aussicht, Bürokrat zu werden.

Ich machte die Aufnahmeprüfung am Aufbaugymnasium in Unna, bestand und wechselte mit einem anderen Klassenkameraden nach vier Jahren Realschule dorthin. In der neue Klasse wartete Gerd Puls auf mich, Kamener Schriftsteller, der schöne Gedichte und Erzählungen geschrieben hat.

Mit Dieter Pfaff in einer Klasse

Dieter Pfaff kam später hinzu, den ich von allen meinen Klassenkameraden, trotz seines Todes vor drei Jahren, bis heute am häufigsten sehe, nämlich mindestens einmal in der Woche im Fernsehen in allen möglichen Rollen, die bei ihm immer durch eines verbunden sind. Durch eine tiefe Menschlichkeit nämlich, die mich an sein, besser an unser damaliges politisches Engagement für eine humane Gesellschaft erinnert. Dieter ist sich auf seine Weise treu geblieben, vor allem hat er seinen damaligen Plan, Schauspieler zu werden, mit großem Erfolg umgesetzt.

Außerdem traf ich auf den zweiten Lehrer, der gleichzeitig Schriftsteller war, auf den Deutschlehrer Rudolf Schlabach, dessen Höspiele wir abends im WDR hörten und über die wir am nächsten Morgen in der Deutschstunde diskutierten.

Schon wieder ein Schriftsteller als Lehrer

„Herr Schlabach, warum haben Sie die eine Figur so und jene anders gestaltet? Warum haben Sie die eine Szene vorgezogen und die andere nachgestellt?“ Es waren Fragen zum Inhalt, aber auch zur Form, die uns in den Diskussionen bewegten und bei denen ich eines für meine spätere literarische Arbeit lernte: Literatur hat eine dezidiert handwerkliche Seite, es gibt keine feststehenden Regeln, man kann so oder auch anders machen. Wie es richtig ist, das ergibt sich immer neu aus dem Inhalt.

In diesem Sinne besprachen wir nicht nur Schlabachs Hörspiele, mit diesen Fragen gingen wir auch an die Literatur heran, die wir nach dem Lehrplan lesen musste: Kleist, Schiller, Fontane. Es waren anregende, kreative Deutschstunden, die wir erlebten und die nicht nur mich beeinflussten. „Schlabach war ganz wichtig für mich“, hat mir Dieter Pfaff später bestätigt, und er hat ihn auch angerufen, nachdem ich ihm dessen Telefonnummer gegeben habe und hat es ihm gesagt.

Schlabach hat später an der bekannten Hörspielreihe „Papa, Charly hat gesagt …“ teilgenommen, deren beste Texte in gleich mehreren Anthologien bei Rowohlt erschienen sind. Schlabach war an allen beteiligt. Er hat zudem einen Band mit dramatischen Texten veröffentlicht („Glänzende Aussichten“, Asso-Verlag Oberhausen) und den Roman „Die Bauweise von Paradiesen“. In Hude, wo er inzwischen, alt geworden, lebt, schreibt Schlabach weiter, aber es fällt ihm zunehmend schwer, in Verlagen unterzukommen. Ich versuche, ihm den einen oder anderen Tipp zu geben, denn die Verbindung ist nie abgerissen.

An der Ruhr-Uni bei Gerhard Mensching

An der Universität Bochum, im Nachhinein wundere ich mich nicht mehr darüber, traf ich auf dieselbe Konstellation: auf den Uni-Dozenten, der Schriftsteller war. Diesmal war es Gerhard Mensching, der nebenbei eine Puppenbühne betrieb, die Stücke dafür selber schrieb und zusammen mit seiner Frau auf Tournee ging. Eine Zeitlang war er sogar Präsident des deutschen Puppenspielerverbandes. „Lemmy und die Schmöker“ hieß seine Fernsehserie, die auf witzige Weise für Lesekultur bei Kindern warb. Etwas, das heute noch wichtiger wäre als damals, aber leider im Fernsehen der Doku-Soups keine Chance mehr hat.

Mensching lernte ich in seinem Seminar über Kafka kennen. Wir untersuchten Kafkas Erzählung „Beschreibung eines Kampfes“, zu der Kafka zwei Fassungen geschrieben hatte, untersuchten beide Abschnitt für Abschnitt in Form von Referaten, um herauszufinden, wie und warum Kafka die Überarbeitung vorgenommen hatte. Wir wurden auf diese Weise gut in genaue Textarbeit eingeführt.

Der Sohn des Stahl-Managers

Als ich zusammen mit einem Kommilitonen einen Abschnitt untersuchen sollte, haben wir beide den Ansatz des Seminars komplett über Bord geworfen. Es war ein guter Student, mit dem ich zufällig kombiniert worden war, sein Vater gehörte zum Management eines großen Stahlkonzerns und ich musste, wenn ich ihn anrufen wollte, mich über die Zentrale des Konzerns verbinden lassen. Ein Mann mit einer ganz anderen Sozialisation also, wie ich feststellte. Einmal in der Woche ging er zur schlagenden Verbindung, etwas, das in der Zeit der Studentenrevolte verpönt war und das auch er selbst kritisch beurteilte. Aber sein Vater verlangte es von ihm und solange er hinging, bekam er von ihm jede Unterstützung. Im Übrigen war er Marxist, also Materialist, und er konnte nicht verstehen, dass jemand wie ich Theologie studierte, also, in philosophischen Kategorien gedacht, Idealist war.

So diskutierten wir bei unseren Treffen zuerst stets über Feuerbach, Marx und die Bibel, dann gingen wir an die Textarbeit und fanden schnell heraus, dass beide Fassungen von Kafka so unterschiedlich waren, dass man nicht mehr von zwei Fassungen sprechen konnte, sondern dass es zwei unterschiedliche Erzählungen waren. Wir entwickelten Strukturbilder zu den Erzählungen, zeigten auf, welche Punkte in der zweiten Fassung deutlich ausgebaut waren und wie diese neue Schwerpunktsetzung die inhaltliche Aussage grundlegend veränderte.

Als wir vor Mensching das Referat vortrugen, musste ich den größten Teil übernehmen, mein Mitstreiter, der die besten Ideen beigesteuert hatte (schade, dass ich seine Spur verloren habe!) hatte am Abend vorher ein Verbindungstreffen gehabt und stand mit geröteten Augen neben mir. Ich weiß noch, wie Mensching immer erstaunter auf unser Strukturschema blickte, wie er schließlich begann, den Kopf zu schütteln und sagte: „Jetzt müsste unser Seminar neu beginnen. Das ist der Ansatz, nach dem wir eigentlich gesucht haben.“

Von nun an war ich in allen seinen Seminaren ein gern gesehener Student, immer ging es dabei um die Machart von Literatur, um einen ebenso textkritischen wie kreativen Ansatz, für den Mensching unter den Germanistikprofessoren und Dozenten offen oder versteckt kritisiert wurde. Sie wollten über Literatur forschen, dass einer der Ihren selber Literatur schreiben wollte und schrieb, ging ihnen nicht in den Sinn.

Folgenreiche Schreibseminare

Mensching richtete Schreibseminare an der Uni ein, ich weiß nicht, wie viele Studenten, die später Autoren und Journalisten wurden, durch diese Schule gingen. Einmal haben wir bei ihm das Strukturschema eines guten Unterhaltungsromans entworfen. Ein richtiges Rezept für einen solchen Roman haben wir entwickelt. Natürlich musste es ein politisches Thema sein, das gestaltet werden sollte, so etwas passte nicht nur zur 68er-Zeit, das passte auch zu Mensching. Mit Unterhaltung die Menschen aufzuklären, ein wunderbarer Gedanke, von dem wir heute so weit entfernt sind wie nie zuvor.

Am Romananfang, so entwickelten wir, musste eine kriminalistische Szene stehen, in der die Hauptfigur als Opfer vorgestellt wurde, dann musste die Gegenposition dargestellt werden, die aber noch nicht den Täter zeigte, dann sollte etwas Erotisches folgen, so etwas trug immer gut zur Unterhaltung bei, dann musste der eigentliche Täter vorgestellt worden. Es war ein richtiges Drehbuch für einen politischen Unterhaltungsroman, das ich leider danach verloren habe. Aber Mensching hatte es nicht verloren, wie ich viele Jahre später feststellen wollte.

Natürlich machte ich bei ihm Examen, natürlich durfte ich in meiner Examensklausur nachweisen, dass die Erzählhaltung bei einer Siegfried-Lenz-Erzählung viel zu umständlich war, eine verkappte Ich-Erzählung, wo es personal viel besser gegangen wäre, natürlich redeten wir zwischendurch immer wieder über eigene literarische Pläne.

Nach dem Examen verlor ich leider den Kontakt, bekam aber mit, dass Gerhard Mensching sehr erfolgreich begonnen hatte, Romane zu veröffentlichen, gute Unterhaltungswerke mit aufklärerischem Anspruch („Löwe in Aspik“) und auch er hatte irgendwie mitbekommen, dass ich publizierte, wenn auch lange nicht so erfolgreich wie er.

Das literarische Handwerkszeug

In achtziger Jahren nahmen wir wieder Kontakt auf, zuerst brieflich, dann telefonisch. Wir verabredeten, dass ich in einem seiner Schreibseminare, die er noch immer an der Uni veranstaltete, inzwischen mit Zustimmung seiner Fachkollegen, als Referent auftreten sollte, dass ich über das literarische Handwerkszeug referieren und es an eigenen Texten belegen sollte, während er zu meiner Lehrerfortbildung kommen wollte, die ich über viele Jahre für die Bezirksregierung Arnsberg in Hagen veranstaltete und in der ich kreative Schreibformen für den Deutsch- und Literaturunterricht an Gymnasiallehrer vermittelte.

Ich war froh, den Kontakt wieder gefunden zu haben, da starb Mensching ganz plötzlich. Es war eine völlig unerwartete Nachricht, die mich bewegt hat.

Meine Frau schenkte mir für die folgenden Ferien Menschings letzten Roman „E.T.A. Hoffmanns letzte Erzählung“, in der es darum ging, dass Hoffmann als Jurist dem Turmvater Jahn bei der Demagogenverfolgung einen fairen Prozess vermitteln wollte, was der Obrigkeit ganz und gar nicht gefiel und weshalb sie ihn nicht nur mit einem Disziplinarverfahren überzogen, sondern womöglich sogar vergiftet hatten.

Drehbuch für einen Unterhaltungsroman

In Überlingen, im Stadtteil Nussdorf in direkter Nähe zum Wohnhaus von Martin Walser, habe ich den Roman auf einer Wiese am Bodensee liegend gelesen und stellte zu meiner Überraschung fest, dass ich das Konzept des Romans kannte. Mensching hatte unser gemeinsames Drehbuch eines guten Unterhaltungsromans entweder verinnerlicht oder sogar noch schriftlich vorliegen gehabt, jedenfalls las ich einen spannenden, formal gut aufgebauten unterhaltenden Roman, der mich begeisterte. Ich weiß noch, dass meine Frau irgendwann rief: „Lass uns gehen, es zieht ein Gewitter auf!“ und dass ich antwortete: „Einen Moment noch. Jetzt kommt gleich ein erotisches Kapitel!“, was wiederum meine Frau verwunderte. „Kennst du den Roman etwa schon?“ Ich konnte sie beruhigen. Nein, ich kannte ihn nicht, ich kannte und liebte nur seine Machart.

Im Nachhinein bedauere ich es sehr, dass ich den Kontakt zu Mensching über einige Jahre verloren und erst kurz vor seinem Tode wieder gefunden habe. Mit ihm war es immer eine kreative, äußerst fruchtbare Zusammenarbeit, die meine Studentenzeit so sehr bereichert hat.

Die nächsten Generationen

An allen Bildungsinstitutionen, an denen ich gelernt habe, bin ich also auf Lehrer gestoßen, die selber geschrieben haben. Komisch, denke ich im Nachhinein, so viele von diesem Typus gibt es doch gar nicht. Aber während mir meine beiden ersten als Lehrer vorgesetzt wurden, während es mit dem ersten schlecht, dem zweiten dagegen sehr gut lief, habe ich mir den dritten an der Uni selbst ausgesucht. Ich hätte ja auch bei anderen Professoren studieren können, aber ich habe in jedem Semester den Kontakt zu Mensching gesucht.

Inzwischen bin ich das selber geworden, ein Lehrer, der gleichzeitig Schriftsteller ist und aus meiner Schreibschule am Bergkamener Gymnasium sind einige Schüler hervorgegangen, die schriftstellerisch tätig wurden. Vier, die ich unterrichtet habe, haben Bücher veröffentlicht, Jugendromane, Gedichtbände, Science-Fiction-Romane. Eine meiner Schülerinnen ist mit ihren Liebesromanen stets in der Bestsellerliste des Spiegel, bei amazon war sie für einen Tag auf Verkaufsrang 1. Einige sind Journalisten, auch beim Rundfunk, geworden, einer betreibt die bekannteste Internetseite zu Arno Schmidt. Erstaunt stelle ich fest, dass meine Schullaufbahn fast so etwas wie ein Weg durch die westfälische Literaturgeschichte ist. Und sogar noch einer, der sich fortsetzt.




Ruppig und rüde auf Rügen – ein Insel-Restaurant zum Davonlaufen

Nicht weit vom erwähnten Lokal: Wesen, die nur unwesentlich mehr versteinert sind, als das Personal. (Foto: Bernd Berke)

Nicht weit vom erwähnten Lokal: harte Gesellen, die nur unwesentlich mehr versteinert sind, als das Personal der Gaststätte. (Foto: Bernd Berke)

Dieser Tage in einem Strandrestaurant auf der an und für sich schönen Insel Rügen: Leider wussten wir nicht, wie diese Lokalität im Netz beurteilt wurde und wird. Nahezu alle Berichterstatter stellen unisono fest, dass das Personal extrem unfreundlich sei.

Und tatsächlich. Kaum haben wir die Gaststätte in Sassnitz betreten, kommen uns zwei verängstigte Mädchen entgegen, die im rüden Tonfall hinauskomplimentiert und geradezu weggedrängelt werden. „Hier sind keine öffentlichen Toiletten. Gehen Sie woanders hin.“

Im besagten Beurteilungsportal war sogar von Situationen die Rede, in denen Gäste bis auf die Toilette verfolgt und sodann des Hauses verwiesen worden seien. Klingt schon nach einem juristischen Konflikt. Hausrecht einserseits. Missachtung und womöglich Verletzung der Intimsphäre andererseits.

Als wir in den eigentlichen Gastraum gelangen, wird unsere kleine Tochter kurzerhand ruppig beiseite geschoben – mit einem äußerst lieblos gekrächzten „Vooorsicht!“ Und das, obwohl die Angestellte weder ein Tablett noch sonst etwas zu tragen hat. Mit Kinderfreundlichkeit hat man’s also auch nicht so. Im Gegenteil.

Zehn Schritte später empfängt uns eine Kellnerin schon von weitem mit dem dröhnenden Zuruf: „Nichts zu machen. Alles voll!“ Sie schaut drein wie sieben Tage Regenwetter oder (wie es auf besagtem Portal einmal heißt) als hingen ihre Mundwinkel in den Kniekehlen. Es muss sich wohl um dieselbe Person handeln, die uns soeben zurechtweist. Doch halt: Der Ungeist des Gästehassens hat hier offenbar alle Angestellten gleichermaßen erfasst. Auch dieser Fisch scheint vom Kopf her zu stinken.

Wie konnten wir es nur wagen, diese danteske Stätte des Missvergnügens aufzusuchen. Das Motto des Hauses könnte lauten: „Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren…“ Auch könnte man – eher humorvoll gestimmt – an jenen von John Cleese gespielten Basil („Basil the rat“) in der unsterblichen TV-Hotelserie „Fawlty Tower“ denken, der die hohe Kunst des Gästedüpierens zum Schreien komisch kultivierte.

Zurück zur weniger dramatischen, auch weitaus weniger komischen Realität. Die Gäste, bei denen die erwähnte Kellnerin gerade abkassiert, signalisieren uns, dass sie im Aufbruch begriffen sind und dass also der Tisch frei wird. Aber das nützt uns nichts. Und wir wollen hier auch gar nichts mehr zu uns nehmen.

Allerdings geben wir der Kellnerin noch leise zu verstehen, dass man eine Absage auch freundlicher vorbringen könne – und wenden uns zum Gehen. Da schimpft sie uns quer durch den Raum hinterher, hörbar für alle Gäste. Ein prachtvoller Stil. Auch aus der Küche ertönt eine Stimme „Was wollen Sie? Wir können nicht anbauen!“ Eigentlich erstaunlich, dass wir nicht auch noch Spießruten laufen müssen.

Und was will uns das sagen? Es war nicht einfach landläufige Unfreundlichkeit, wie sie gelegentlich überall vorkommen mag. Nein, es war eine spezifisch ostdeutsche Variante der von vornherein und allgemein Verbitterten, zudem ein Nachklang des uralten, grundsätzlich übellaunigen „Hammwa-nich! Krieg’n-wa-auch-nich!“

Soll man jetzt auch noch vermuten, dass diese rundweg ablehnende, gleichsam gepanzerte Haltung mit einer hohen Bereitschaft einhergeht, Fremde überhaupt erst einmal pauschal abzulehnen – je fremder, umso entschiedener? Was daraus weiterhin folgen könnte, möchte man sich indes lieber gar nicht ausmalen.




Insider sorgt für Krimi-Spannung: „Das Recht des Geldes“ von Olaf R. Dahlmann

Recht des Geldese Die angehende Juristin Katharina Tenzer beginnt ihr Referendariat in der renommierten Hamburger Kanzlei Hausner, spezialisiert auf Steuerrecht. Katharina stellt sich auf trockenes Aktenfressen ein, doch was sie bekommt, ist ein riskantes Spiel um Leben und Tod. Verschwundene CD’s mit brisanten Steuerdaten, ein ermordeter Anwalt in Liechtenstein und die Spuren weisen zu Friedemann Hausner und seinen Klienten, von denen der Erste ziemlich bald einen Ausweg nur in einer Kugel im Kopf sieht.

Da wird ihr Chef – zufällig? – in einen Autounfall verwickelt und liegt kampfunfähig im Krankenhaus. Aber seine Instinkte funktionieren und so muss er Katharina viel stärker einbinden als geplant. Eigentlich wäre es ihm am liebsten, wenn er die Fäden ziehen und Katharina wie eine Marionette lenken könnte. Doch da hat er die Rechnung ohne die zielstrebige Referendarin gemacht, die ihr eigenes Spiel beginnt. Als ihr klar wird, in welche Gefahr sie sich damit begibt, ist es längst zu spät. Ein Killer ist auf sie angesetzt. Kommt er von der Mafia oder vom Finanzamt? Die Auflösung wird verblüffen.

Mit „Das Recht des Geldes“ hat Olaf R. Dahlmann einen erstaunlichen Debütroman hingelegt. Dahlmann ist in Hamburg ansässig als Seniorpartner einer Rechtsanwaltskanzlei, welche – wer hätte das gedacht – auf Steuerrecht spezialisiert ist. Wie Dahlmann im Nachwort des Romans zu Protokoll gibt, sind zwar die Figuren und die Handlung des Romans frei erfunden, aber sein jahrzehntelanger „Umgang mit Richtern, Staatsanwälten, Steuerfahndern“ haben seine Fantasie nicht unbeeindruckt gelassen.

Hintergründe sind genau recherchiert und zeugen von einer akribisch erworbenen Detailkenntnis. So spannend Dahlmanns erdichteter Plot daherkommt – es ist vor allem diese Realitätsnähe, das Wissen, dass man hier ein Werk eines Insiders liest, welches den eigentlichen Gänsehauteffekt des Buches ausmacht.

Glücklicherweise ging die Liebe zur Realität sprachlich nicht soweit wie der sonstige Blick hinter die Kulissen. Die Loslösung vom trockenen „Juristensprech“ ist Dahlmann ausgesprochen gut gelungen. Er formuliert klar und griffig und sorgt so für einen steten Lesefluss.

Dafür ist er in seinem Erstlingswerk in Punkto Charakterzeichnung auf Nummer Sicher gegangen, da ist noch ziemlich viel Luft nach oben. Schon mit dem schmerbäuchigen Steueranwalt, der davon überzeugt ist, dass Macht alleine ausreicht, um sexy zu sein, hat der Autor tief in die Klischeekiste gegriffen. Gar nicht zu reden vom hölzernen Finanzbeamten, der sich nur mühsam vom Einfluss der verstorbenen Frau Mama befreit und dabei übers Ziel hinausschießt.

Auch die Figur Katharina bleibt in Teilen unbegreiflich. Was genau sie dazu treibt, ihre Zukunft aufs Spiel zu setzen, bleibt unerfindlich. Wird sie zu Anfang noch als kluge Studentin mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn und Idealismus eingeführt, spielt sie sehr schnell Vabanque und erkennt in all ihrer Klugheit nicht einmal, welcher Gefahr sie die aussetzt, denen sie vertraut.

Man darf gespannt auf weitere Werke sein, vielleicht steht mit Dahlmann ja der deutsche Grisham in den Startlöchern.

Olaf R. Dahlmann: „Das Recht des Geldes“. Grafit-Verlag, Dortmund. 374 Seiten, € 12,00.




Ich habe keine Lust mehr auf Turnier-Fußball

Nein, wenn es so läuft, habe ich keine Lust mehr auf diese großen Turniere des Fußballs.

Da sind wir uns sicherlich weitgehend einig: Bis auf ganz wenige Ausnahmen, war diese monströs aufgeblähte EM eine flächendeckende Enttäuschung. Die Chose mit den Isländern war hübsch, tröstet aber kaum.

Im Moment der Verletzung: Cristiano Ronaldo (Portugal). (ARD-Fernsehbild/Screenshot)

Im Moment der Verletzung: Cristiano Ronaldo (Portugal). (ARD-Fernsehbild/Screenshot)

Und wie schäbig ging es noch im heutigen Finale zu! Als hätten sie’s erst einmal nur darauf angelegt, säbelten die Franzosen gleich Christiano Ronaldo dermaßen ruppig nieder, dass er kurz danach unter Tränen aufgeben musste. Es war leider einer der größten, weil bleibenden Momente dieser Europameisterschaft.

Ich war bislang kein Ronaldo-Fan. Aber heute habe ich wirklich mit ihm gefühlt – und von Stund’ und Sekund’ an gehofft, dass die Portugiesen trotz aller Widrigkeiten gewinnen sollten. Und tatsächlich. Sie haben es geschafft.

Kein Wort mehr über die fortwährende Langeweile in der Vorrunde, die überwiegende Ödnis selbst noch in den allermeisten K.-o.-Partien. Der Zauber dieses Sports kam nur äußerst selten zur Geltung.

Vom Finale bleiben (neben Ronaldo) vielleicht nur die flatternden Motten in Erinnerung. Eine setzte sich, wenn ich’s richtig gesehen habe, für einen Moment sogar auf Ronaldos weinendes Auge. Das hatte denn doch nahezu mythische Qualität. Und dann noch der finale Jubel…

Aber nun mal Hand aufs Herz: Wer freut sich wirklich aufs nächste WM-Turnier 2018 in Russland oder gar auf 2022 in Katar? Da ist von vornherein der Wurm drin, um das Mindeste zu sagen. Die schon im Ansatz spürbare Idiotie der nächsten EM (anno 2020 mit 24 Teams, auszutragen in 13 ! Ländern) steht dem kaum nach.

Jetzt ist man zunächst dankbar für eine fußballfreie Zeit. Durchatmen. Der Kopf muss frei werden.

Es bleiben uns einstweilen oder auch auf längere Dauer wohl nur die nationalen Ligen, meinethalben auch die spanische, die englische und die italienische. Schade, dass die Bundesliga erst am 26. August wieder startet. Aber sei’s drum. Diesmal verspricht selbst die zweite Liga (schon ab 5. August) einige Spannung – mit Clubs wie Stuttgart, Hannover, Kaiserslautern, Nürnberg, St. Pauli, 1860 München usw.

In der Bundesliga interessiert mich beileibe nicht nur der gründlich umgekrempelte BVB; nein, ich möchte auch wissen, wie sich Werder und der HSV schlagen, was die Neulinge RB Leipzig und Freiburg anrichten. Na, zugegeben: Selbst Schalke ist einem nicht völlig schnurz.




Viele junge Indianer, kaum Häuptlinge: Muss man sich Sorgen um den BVB machen?

Greifen wir gleich die Überschriftenfrage auf: Muss man sich Sorgen um Borussia Dortmund machen? Ich glaube schon. Denn was war das in den letzten Wochen? Ein beunruhigender Ausverkauf von Leitfiguren.

Nicht genug damit, dass Mats Hummels zu den Bayern ging, zog es die beiden wichtigsten Kreativkräfte Ilkay Gündogan und Henrikh Mkhitaryan zu den zwei Krösus-Clubs in Manchester.

Hab' da noch so'n altes Trikot 'rumhängen. Soll ich's a) in die Tonne kloppen, b) verschenken oder c) testen, was es noch bei EBay bringt? (Foto: BB)

Hab‘ da noch so’n altes Trikot rumhängen. Soll ich es a) in die Tonne kloppen, b) vermodern lassen, c) verschenken oder d) testen, was es noch bei EBay bringt? (Foto: BB)

Ach, wie herzig hatte Mkhitaryan noch vor kurzer Zeit versichert, er werde Dortmund verlassen, wenn der Trainer Thomas Tuchel geht. Es hörte sich so an, als binde er sein Schicksal an das des Fußball-Lehrers, dem er einiges zu verdanken hat. Der Umkehrschluss freilich, dass er bleiben würde, wenn dieser Trainer bleibt, der war schon rein logisch nicht zulässig. Und wenn dann noch eine dieser parasitären Existenzen (genannt Spielerberater) am großen Rad dreht, dann zählt eh nur noch der Mammon. Wobei man ja auch in den Reihen von Borussia Dortmund nicht gerade Peanuts verdient…

Genug davon. Es ist passiert.

Was aber jetzt? Ungefähr parallel zum erwähnten Ausverkauf wurden, nahezu im Stakkato-Rhythmus, lauter Neuverpflichtungen verkündet; überwiegend Namen, die man bislang noch nicht so kannte. Doch diese Leute werden allesamt bereits als europaweit begehrte Supertalente bejubelt – zumindest von interessierter Seite. Man wird ja sehen.

Wir versuchen mal, die Übersicht zu gewinnen. Dies sind die bislang sechs Transfers zum BVB, namentlich nach Alphabet sortiert:

Der Spanier Marc Bartra kommt vom FC Barcelona nach Dortmund, der Franzose Ousmane Dembélé von Stade Rennes, der Portugiese Raphael Guerreiro vom französischen Club FC Lorient, der Spanier Mikel Merino von CA Osasuna, der Türke Emre Mor vom dänischen Club FC Nordsjaelland und der Deutsche Sebastian Rode von Bayern München.

Alles klar?

Ein so genannter „Leitwolf“, „Führungsspieler“ oder gar möglicher Kapitän ist jedenfalls nicht darunter. Wie denn auch? Die Hälfte der Neuen ist im zarten Alter von 18 (Mor), 19 (Dembélé) oder 20 Jahren (Merino). Auf sie warten beispielsweise der hochbegabte US-Amerikaner Christian Pulisic (17) und der schon vergleichsweise etablierte EM-Spieler Julian Weigl (20).

Viele Indianer, so gut wie keine Häutplinge. Wie soll man mit lauter „Jungen Wilden“ in der Bundesliga und in der Champions League bestehen? Schön wär’s ja… Doch das Ganze hört sich nach einem Abenteuer mit höchst ungewissem Ausgang an.

Auch ein gewiefter Trainer wie Thomas Tuchel wird aus diesem Kader höchstwahrscheinlich nicht im Eiltempo ein schlagkräftiges Team formen können; zumal mit Marco Reus (27) einer der verbliebenen Leistungsträger länger ausfällt. Da darf man schon dankbar sein, dass mit dem Polen Jakub „Kuba“ Blaszczykowski (30) ein erfahrener Spieler aus Florenz zurückkehrt. Hoffentlich bleibt er.

Stellt man den größten Umbruch seit mindestens einem Jahrzehnt in Rechnung, müsste man sich als Realist in der kommenden Saison auf eine Liga-Platzierung zwischen 5 und 12 sowie auf einen zeitigen Abschied von „Europa“ einrichten, oder? Falls sich das Team unfallfrei einspielt, können die dann folgenden Jahre vermutlich nur besser werden.

Es gibt Fans, die in dieser riskanten Situation notfalls einen Pakt mit dem Teufel schließen und/oder sogar zähneknirschend die Rückkehr von Mario Götze gutheißen würden, auf dass er mit Reus harmoniere wie in früheren Zeiten. Überdies halten sich Gerüchte, dass der BVB mit der jetzt prall gefüllten Kasse z. B. den Nationalstürmer André Schürrle aus Wolfsburg holen könnte; eine Perspektive, von der sich etwa www.schwatzgelb.de gar nicht begeistert zeigt.

Andere suchen sich in gewohnter Nibelungentreue mit den üblichen Durchhalte-Sprüchen zu trösten, der Verein sei größer und wichtiger als jeder einzelne Spieler. Ach was. Und wie viele Punkte kriegt man dafür?

______________________________

P.S.: Ich lasse mich – wie stets – gern eines Besseren belehren.




Ohne Schock-Orange – Programmheft der Dortmunder Philharmoniker in dezenter Optik

IMG_6806a

Dunkel der Gesamtspielplan des Theaters Dortmund, weiß der der Philharmoniker. (Foto: rp)

Kurz bevor sich Dortmunds Theaterbetrieb in die Sommerpause verabschiedete, lag noch ein Spielplanheft der Philharmoniker im Briefkasten. Der Anlaß für die Herausgabe dieses Heftes erschließt sich automatisch nicht, scheint doch das Programm unverändert geblieben zu sein. Gedruckt liegt es also schon seit der letzten Spielplan-Präsentation vor, als der dicke Gesamtplan verteilt (und hernach verschickt) wurde, der die Aktivitäten aller Sparten auflistet, neben den Konzerten also Schauspiel, Oper, Ballett und Kinder- und Jugendtheater.

Leistungsbeweis

Weil sie in der Pressestelle jetzt ja alle in Urlaub sind, bleibt für den Erkenntnisgewinn nur die Spekulation. Spekulation eins: Der Spielpan der Philharmoniker soll gezielt das Konzertpublikum ansprechen. Falls dem so ist, muß man die Entscheidung preisen. Denn das große, dicke Gesamtplanbuch ist zwar ein eindrucksvoller Leistungsbeweis, nicht aber unbedingt eine attraktive Einladung an Musikfreunde, für die eigenen Interessen das Richtige zu suchen und zu finden. In Dortmund wie wahrscheinlich auch anderswo sind die Sparten doch recht unterschiedlich akzentuiert, was für sich genommen kein Fehler ist. Trotzdem irritiert ein gemeinsames Programmbuch möglicherweise, weil das Programm eben kein gemeinsames ist, sondern die Versammlung der einzelnen Spartenprogramme.

Wortgefummel

Nicht zu preisen, um auch dies gleich loszuwerden, ist die Platzierung der Worte „zauber“, „märchen“ und „welten“ auf dem Titelblatt, die, so steht zu befürchten, zusammen gelesen sein sollen: „Zauber-Märchen-Welten“, „Zaubermärchenwelten“. Wenn dies der Programmschwerpunkt der kommenden Spielzeit ist, nun gut. Da sind wir gespannt. Aber das unsinnige Wortgefummel, das übrigens bei der Benamung der einzelnen Konzerte im Heftinneren eine ebenfalls wenig überzeugende Fortsetzung findet („schaffens_kraft“, „sonnen_strahl“ und so fort) möge man an zuständiger Stelle doch bitte einmal überdenken. Es ist peinlich und einfach auch unnötig.

Lichtstimmung des Konzerthauses

Was aber ebenfalls ins Auge sticht und das Wohlbehagen fördert: Das antiquierte Schock-Orange, Logo-Farbe noch des aktuellen Jahresspielplans 2016/17 von Theater Dortmund, fehlt. Offenbar, die zweite Spekulation in diesem Aufsatz, war jemand Wichtiges den Farbton leid. Das Programmbuch der Philharmoniker kommt nun weitestgehend ohne Zusatzfarbe aus, und wo denn doch mal eine nötig war, griff man zu einem weitaus weniger aufdringlichen Ton in etwa zwischen Braun und Gelb, der ein bißchen an Eichenparkett erinnert, aber auch die Farb- und Lichtstimmung der Fotografien aus dem Konzerthaus sehr schön aufnimmt. Eine nachgerade balsamische Gestaltung, für die den im Impressum unverständlicherweise ungenannten Graphik-Designern Lob und Dank zu zollen sind.

Print-Auftritt des Theaters

Es wäre – kleiner Schlußgedanke – sicherlich nicht falsch, wenn auch die anderen Sparten des Dortmunder Theaters bei ihren Spielplanankündigungen stärkere eigene Akzente setzten. Das Schauspiel pflegt ja schon seit Jahren während der Spielzeit einen eigenen, etwas wilderen Print-Auftritt, in Sonderheit in Zusammenhang mit der Ausweichspielstätte „Megastore“. Da wirkt das Jahrbuch nahezu anachronistisch. Und dieses fürchterliche Orange…

A propos Zusatzfarben: Kann vielleicht einem fußballtechnisch zugegebenermaßen gänzlich Ahnungslosen jemand erklären, warum die Fußballer immer verschiedenfarbige Schuhe tragen? Und ob das einem System folgt, und wer das bestimmt?

 




Holländer wird Chef im Dortmunder U

Das ist ein veritabler Coup: Pünktlich vor den großen Ferien kann Dortmund Vollzug verkünden. Ein neuer Chef fürs Dortmunder U (und somit auch fürs Museum Ostwall im U) ist endlich gefunden. Er heißt Edwin Jacobs, kommt aus den Niederlanden und ist derzeit Generaldirektor des Centraal Museum in Utrecht.

Als Chef im "U" zugleich auch Direktor des Museums Ostwall: Edwin Jacobs. (Foto: privat)

Als Chef im „U“ zugleich Direktor des Museums Ostwall: Edwin Jacobs. (Foto: privat)

Laut Mitteilung der Stadt Dortmund gilt der 56jährige als Museumreformer, der sich mit experimentellen Ausstellungskonzepten zu profilieren wusste und zudem besonderen Wert auf interkulturelle Prozesse und breitenwirksame Vermittlungsformen legt. Man wird abwarten müssen, wie solche Formeln in die Realität des Reviers umgesetzt werden. Jedenfalls ist Mijnheer Jacobs dabei Fortüne zu wünschen.

Die (wohl zu erwartende) Zustimmung des Stadtrates vorausgesetzt, soll Edwin Jacobs sein neues Amt in Dortmund Anfang 2017 antreten.

Schaut man in Jacobs’ Vita, findet sich als jüngstes Projekt (angekündigt für 2018) eine Auseinandersetzung mit Caravaggio und den (Utrechter) Caravaggisten, die just in Utrecht und in der Alten Pinakothek zu München gezeigt werden soll. Das klingt schon nach gehörigen „Hausnummern“. Vielleicht gelingt ja sogar noch ein Abstecher nach Dortmund…

In früheren Kunstschauen hatte sich Jacobs u. a. mit der Gruppe De Stijl und mit Theo van Doesburg im Zusammenhang der internationalen Avantgarde befasst.

Von Jacobs kuratierte Ausstellungen wurden u. a. vom Marta in Herford, vom ZKM in Karlsruhe und vom Haus der Kulturen der Welt (Berlin) übernommen. Der Mann, der auch schon als niederländischer Ko-Kurator bei der Biennale in Venedig fungiert hat, ist also in Deutschland kein Unbekannter. Mit ihm dürfte Dortmund höchst wünschenswerten Anschluss an internationale Vernetzungen in der Kunst- und Museumsszene finden.

Bevor er das Centraal Museum in Utrecht (zu dem auch ein Kindermuseum gehört) übernommen hat, hatte Jacobs schon das städtische Museum De Lakenhal in Leiden, das Museum Jan Cunen in Oss und das Kunstinstitut in Utrecht geleitet. Zu seinen Ausbildungsstationen zählten (bis 1982) eine Pädagogische Hochschule und (bis 1987) die Fakultät der Bildenden Künste (Universität Tilburg), die er jeweils mit Magisterabschluss verließ.

Mit der Suche nach einem Chef fürs „U“ hatte man sich in Dortmund lange Zeit recht schwer getan. Die Findungskommission zeigte sich so anspruchsvoll, wie der Posten es ja auch verlangt. Jacobs wird als Hausherr nicht nur fürs Museum Ostwall einstehen, sondern z. B. auch für die Uni-Etage und den renommierten Hartware Medienkunstverein.

Halb scherzhaft betrachtet, setzt sich mit der Dortmunder Personalentscheidung die „Hollandisierung“ beträchtlicher Teile des Kulturlebens im Ruhrgebiet zügig fort. Jacobs’ Landsmann Johan Simons leitet bekanntlich noch bis 2017 die RuhrTriennale und wird danach das Bochumer Schauspielhaus übernehmen.




Versäumtes nachholen: Es ist niemals zu spät, die Songs von Nick Drake zu hören

So ist es üblich, so ist es Brauch: In den jugendfrischen Lebensphasen, da man sich stark und manchmal gar unverwundbar (zwischendurch freilich umso verwundbarer) fühlt, hört man auch am intensivsten Rock- und Popmusik. Das, was die eigene Generation anbetrifft, entgeht einem dabei erst recht nicht. Im Großen und Ganzen.

Carlos Bottelho: Porträt-Bildnis von Nick Drake (Mischtechnik auf Leinwand - Foto: Bottelho. Wikimedia Commons, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.5/)

Carlos Bottelho: Bildnis von Nick Drake (Mischtechnik auf Leinwand – Foto: Bottelho. Wikimedia Commons, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.5/)

Doch hie und da versäumt man wohl doch etwas und erfährt vielleicht erst Jahrzehnte später staunend davon. So erging es mir jetzt, als im Rahmen einer „Langen Nacht“ des Deutschlandfunks (Dank an die findigen Hörfunkleute!) ein paar Songs gesendet wurden, bei denen ich sofort aufhorchte. Das war ja wundersam zartsinnige, feinstens versponnene, ausgesprochen originelle Musik. Von wem stammte sie nur?

Hatte man die Ansage verpasst, musste man früher umständlich an die Stationen schreiben, um zu erfahren, wer da zu einer bestimmten Uhrzeit zu hören gewesen war. Längst vorbei. Heute ruft man die Playlist auf und erfährt’s mit allen wissenswerten Grunddaten. So auch jetzt.

Es war also ein gewisser Nick Drake. Kenner schnauben jetzt vielleicht verständnislos oder sogar verächtlich: „Waaaas? Den kanntest du nicht? Ich habe den schon immer…“ Na, und so weiter. Die ehrliche Antwort lautet: „Nein. Bisher habe ich ihn nicht gekannt.“

Dieser Nick Drake hatte – grob gerechnet – in meiner und für meine Generation Songs geschaffen, gespielt und gesungen; vielleicht auch nur für sich selbst. Jedenfalls fühlt sich dieses Verpassthaben sehr seltsam an. Habe ich ihn damals, zwischen all den anderen, nur nicht sonderlich wahrgenommen oder ist er mir wirklich völlig unbekannt geblieben?

Gewiss, er galt Zeit seines kurzen Lebens (1948-1974) als Geheimtipp und als „Musiker für Musiker“, doch gerade auf solche war man damals doch versessen und ist es noch heute.

Man mag nicht daran denken, was aus den vielen früh Verstorbenen geworden wäre – aus Jimi Hendrix, Jim Morrison, Janis Joplin, Keith Moon, Brian Jones, eben Nick Drake und einigen weiteren. Vielleicht sähen die gesamten Musiklandschaften (oder wenigstens deren aufregendste Gefilde) mit ihnen deutlich anders aus.

Nachruhm war dem melancholischen Gitarrenkünstler Nick Drake, der zusehends in heillose Depressionen gestürzt sein soll, immerhin beschieden. Auf einer 2003 von der führenden Musikzeitschrift „Rolling Stone“ erstellten Liste der 500 besten Alben aller Zeiten standen alle drei (!) Studio-LPs, die er jemals herausgebracht hat: „Five Leaves Left“, „Bryter Layter“ und „Pink Moon“. Diese drei Platten schafften es auch samt und sonders auf die Bestenliste des Buchs „1001 Albums You Must Hear Before You Die“.

„Before You Die…“ Es ist also noch nicht zu spät, diesen großartigen Singer-Songwriter nachträglich kennen zu lernen. Und jetzt bitte Ruhe. Ich habe zu lauschen.




Island – das Wort der Stunde

Island ist das Wort und das Land dieser Tage. Fast niemand, der nicht die neueste Mode mitgemacht hätte, jeden Begriff mit einem angehängten „sson“ zu islandisieren.

Islands Kapitän Aron Gunnarsson, abgeknipst vom ZDF-Fernsehbild.

Islands Kapitän Aron Gunnarsson, heute abgeknipst vom ZDF-Fernsehbild.

Doch heute haben die sympathischen Nordländer bei der EM eine ehrenwerte 2:5-Packungsson (harrharr) gegen Frankreich kassiert und sind ausgeschieden. Schade, aber sicherlich auch verdient.

Die Zeiten, als das Wünschen – frei nach Peter Handke – noch geholfen hat, sind vorüber. Auch haben die Isländer ihre anfängliche Unbefangenheit verloren. Sie haben sich wohl aufs Gewinnenwollen versteift und sind dabei verkrampft. Es war zu erwarten.

Keine Gazette, die jetzt nicht ein Island-Special in ihre Spalten gerückt hätte. Beliebte Frage: Wie ticken die Wikinger? Naja. Jedenfalls wird man sich vor allem auch daran erinnern, wenn in zehn oder zwanzig Jahren von dieser EM noch einmal kurz die Rede sein sollte. War das nicht dieses Turnier mit den beherzt kickenden Trollen? Das, was bleiben wird, stiften die Geysire. Oder so ähnlich. Huh!

Es war ja auch ein schöner Traum. Erst haben sie in der EM-Qualifikation die Niederländer heimgeschickt. Dann haben sie bei dieser ansonsten oft so bräsigen EM den Favoritenschreck gegeben. Danke.

David gegen Goliath, das mag man allenthalben. Und ich bin ziemlich sicher: Auf dieses Island können sich insgeheim mancherlei politische Fraktionen einigen. Die Linke mag den Underdog, die Rechte die kernigen „Germanen“. Überschneidungen inbegriffen. So ungefähr. Oha!

Schon jetzt haben sich die Touristenzahlen des ehedem nur recht selten besuchten Eilands immens erhöht. Spätestens im nächsten Jahr dürfte auch so mancher Depp, der bislang nicht einmal die geographische Lage erahnt hat, aus bloßen Gründen des Trends dort einfallen. Arme Isländer. Man möchte schon jetzt um Entschuldigung bitten. Ballermann goes Reykjavik…




Dortmunder Institut für Zeitungsforschung: Neue Leiterin kommt aus Mainz

Was haben Borussia Dortmund und die Dortmunder Kulturbetriebe derzeit gemeinsam? Richtig, sie verpflichten lauter neue Leute, so dass man mit dem Notieren kaum noch nachkommt. Freilich reden wir von anderen finanziellen Dimensionen.

Kürzlich wurde Dr. Jens Stöcker als künftiger Direktor des Museums für Kunst und Kulturgeschichte präsentiert, auch Bibliotheksdirektor Dr. Johannes Borbach-Jaene ist erst seit relativ kurzer Zeit in diesem Job. Heute nun stellte sich die kommende Leiterin des bundesweit einzigartigen Institus für Zeitungsforschung vor: Die Historikerin und Kunsthistorikerin Dr. Astrid Blome (50) kommt vom Mainzer Gutenberg-Museum, wo sie als Kuratorin für die Themenschwerpunkte Zeitung und Presse zuständig ist.

Über historische Presseerzeugnisse gebeugt: Astrid Blome, künftige Leiterin des Instituts für Zeitungsforschung, flankiert von Kulturdezernent Jörg Stüdemann (li.) und Bibliotheksdirektor Johannes Borbach-Jaene. (Foto: Bernd Berke)

Über historische Presseerzeugnisse gebeugt: Astrid Blome, künftige Leiterin des Instituts für Zeitungsforschung, flankiert von Kulturdezernent Jörg Stüdemann (li.) und Bibliotheksdirektor Johannes Borbach-Jaene. (Foto: Bernd Berke)

Fehlt „nur“ noch eine neue Direktion für Dortmunder „U“ und somit auch fürs Museum Ostwall. So Gott und die offenbar höchst anspruchsvolle Findungskommission wollen, wird es bald oder irgendwann so weit sein.

Bundesweit einmalige Sammlung

Doch jetzt erst einmal zur Zeitungsforschung. Kein anderes deutsches Institut hat annähernd vergleichbare Bestände und konzentriert sich so intensiv auf Geschichte und Gegenwart der Presse. Da frohlockt der kulturgeneigte Lokalpatriot, denn selbst Berlin oder Hamburg können auf diesem Terrain nicht konkurrieren.

Auch die neue Leiterin, die ihr Amt am 15. August antreten wird, hat schon seit jeher Kontakt zur Dortmunder Einrichtung, die bereits 1926 gegründet wurde. Besonders während ihres Studiums in Bremen ging sie im damaligen „Schwester-Institut“ ein und aus, das sich mit Presseerzeugnissen der Frühen Neuzeit befasst, heute aber leider finanziell ausblutet. In Dortmund scheinen die Zeichen hingegen eher auf Ausbau zu stehen.

Frau Blome bringt alles mit, was für die neue Aufgabe verlangt wird – von der hochkarätigen wissenschaftlichen Qualifikation bis zur reichlichen Ausstellungs-Erfahrung. Ihr Promotionsthema war das Russland-Bild der deutschen Presse zur Zarenzeit Peters des Großen, auch eine Habilitation (Grundsätzliches über Lokalteile) und eine Juniorprofessur kann sie vorweisen.

Netzwerk der Wissenschaft

Das Institut, das sich in der Stadt- und Landesbibliothek befindet, soll künftig enger an die Netzwerke von Wissenschaft und Forschung angebunden werden; nicht zuletzt, um beispielsweise besser Fördermittel beantragen zu können. Es laufen bereits Gespräche mit der Dortmunder TU, wo es einen renommierten Studiengang für Journalistik gibt, der ebenfalls bundesweit seinesgleichen sucht.

Dass Frau Blome überdies ein breiteres Publikum ans Institut heranführen möchte, gehört in derlei Fällen zur üblichen Rhetorik, die nicht nur von Ratsherren gern gehört wird. Es ist ihr aber durchaus zuzutrauen, dass sie an den richtigen Stellschrauben drehen wird.

Die auch didaktisch beschlagene Astrid Blome will nicht nur mehr Studenten ins Institut holen, sondern auch eng mit den anderen Dortmunder Kulturbetrieben (Museen usw.) und den Schulen zusammenarbeiten. Sie ist überzeugt, dass – allen Problemen zum Trotz – keineswegs das Ende der Zeitungen bevorstehe. Gerade der stete Wandel der Zeitungslandschaft verlange nach genauer Beobachtung und Einordnung. Auch Online-Medien dürften dabei verstärkt in den Blick geraten, wenngleich Frau Blome klarstellt, dass man diese bestenfalls ansatzweise speichern und bewahren kann.

Bibliotheksdirektor Borbach-Jaene überreichte Blome als kleine Willkommensgabe eine Kopie des ältesten Dortmunder Blattes („Dortmundische vermischte Zeitungen“) von 1769. Darin heißt es vielsagend, dass eine Zeitung in dieser Stadt eine gar seltene Erscheinung sei.

Es klingt fast wie Prophetie über Jahrhunderte hinweg, kommen hier doch im Grunde nur noch die Ruhrnachrichten heraus, während die seit Anfang 2013 redaktionslose Westfälische Rundschau (WR) lediglich ein Phantomprodukt mit zugelieferten Inhalten ist. Blomes Vorgesetzter, Kulturdezernent Jörg Stüdemann, blätterte denn auch etwas versonnen in einem WR-Sammelband von 1968. Ja, das waren noch ganz andere Zeitungszeiten…




Film-Legende wird 100: „Vom Winde verweht“ machte Olivia de Havilland weltberühmt

Sie ist die älteste lebende Oscar-Preisträgerin und die letzte aus der „goldenen“ Zeit der Studios in Hollywood: Olivia de Havilland, heute zurückgezogen in Paris lebend, wird heute, am 1. Juli, 100 Jahre alt. Ihre Filme gemeinsam mit Errol Flynn haben sie einem breiten Publikum bekannt gemacht: Wer erinnert sich nicht an den männlich-feurigen Helden und die elegante Lady in „Unter Piratenflagge“ (1935), an die „Abenteuer des Robin Hood“ (1938) oder an Western wie „Land der Gottlosen“ (1940)? Ihr internationaler Durchbruch kam 1939 mit dem Technicolor-Farbfilm „Vom Winde verweht“ („Gone with the Wind“).

Olivia de Havilland (Publicity-Foto für den Film "Gone with the Wind" - "Vom Winde verweht" - MGM/EBay/Wikimedia Commons) - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Olivia_de_Havilland_Publicity_Photo_for_Gone_with_the_Wind_1939.jpg

Olivia de Havilland (Publicity-Foto für den Film „Gone with the Wind“ – „Vom Winde verweht“ – MGM/EBay/Wikimedia Commons)

An der Seite von Stars wie Vivien Leigh (Scarlett O’Hara) und Clark Gable (Rhett Butler) spielte Olivia de Havilland die Rolle der sanften und menschenfreundlichen Melanie, der Ehefrau des von Scarlett vergötterten Ashley Wilkes (Leslie Howard). Das monumentale Südstaaten-Melodram, basierend auf einem Roman von Margaret Mitchell, kam erst 1953 in die deutschen Kinos. Er erhielt als erstes Werk in Farbe einen Oscar für den besten Film und ist bis heute – nach inflationsbereinigtem Einspielergebnis – der erfolgreichste Streifen aller Zeiten.

Auch Olivia de Havilland war für einen Oscar als beste Nebendarstellerin nominiert. Der ging jedoch an Hattie McDaniel. Olivia de Havilland erinnerte sich in einem Interview, dass sie an dem Abend an Gott gezweifelt habe. Aber angesichts der historischen Bedeutung (McDaniel in der Rolle der Mammy war die erste afroamerikanische Schauspielerin, die einen Oscar erhielt), schien ihr die Niederlage nicht mehr so dramatisch. „Eines Morgens wachte ich auf und dachte: ‚Es ist wunderbar, dass Hattie den Preis bekommen hat!‘ Eine Welt, in der statt mir eine afroamerikanische Darstellerin einen Oscar bekommen kann, ist mir lieber.“ So sagte sie dem „Spiegel“ mit 88 Jahren, als 2004 die aufwändige DVD-Box „Vom Winde verweht“ erschien.

Rivalität unter Schwestern

Die Jubilarin ist nicht als einzige aus ihrer Familie berühmt geworden: Der Erfinder des „Mosquito“-Jagdflugzeugs, Geoffrey de Havilland, war ein Cousin ihres Vaters, des in Tokio arbeitenden Patentanwalts und Englischprofessors Augustus de Havilland. Olivias 1917 geborene Schwester Joan Fontaine wurde 1940 mit Alfred Hitchcocks „Rebecca“ prominent.

1942 waren beide Schwestern für einen Oscar in der Hauptrolle eines Films nominiert: Olivia für „Das goldene Tor“ („Hold Back the Dawn“), ein romantisches Drama von Mitchell Leisen; Joan für den Hitchcock-Thriller „Verdacht“ („Suspicion“). Als ihre 23-jährige Schwester ausgezeichnet wurde, soll Olivia de Havilland generös reagiert haben, sie sei aber sehr verletzt gewesen, als Joan Fontaine ihre Gratulation brüsk ablehnte. Der Konflikt zwischen den Geschwistern war ein Dauerbrenner unter den Klatschgeschichten in Hollywood. Er hatte den Biographen zufolge aber schon Wurzeln in der frühen Kindheit. So schrieb Olivia mit neun Jahren in ihr Testament, sie vermache all ihre Schönheit ihrer jüngeren Schwester, da diese selbst keine besitze.

De Havillands Mutter, Lillian Fontaine, war eine Schauspielerin und erzog ihre Töchter auf das Theater hin. Mit sechzehn Jahren trat Olivia erstmals in „Alice im Wunderland“ bei einem Amateurtheater auf. Einige Zeit später spielte sie Puck in „Ein Sommernachtstraum“ in Saratoga, wo sie aufgewachsen war.

Max Reinhardt erkannte ihr Talent und verpflichtete sie für seine Theaterproduktion von Shakespeares Stück. Die Verfilmung der Reinhardt-Inszenierung 1935 mit Olivia de Havilland als Hermia brachte ihr mit 19 Jahren einen Vertrag mit dem Studio von Warner Brothers ein. Noch im selben Jahr machte sie der Film „Unter Piratenflagge“ („Captain Blood“) zu einer Berühmtheit. Mit Errol Flynn bildete sie das Traumpaar des damaligen Hollywood-Films. Bis 1941 („Sein letztes Kommando“) sollten weitere acht Filme mit dem gefeierten männlichen Hollywood-Star folgen.

Zweimal „Oscar“

1944 erwirkte die Schauspielerin ein für die amerikanische Unterhaltungsindustrie bedeutsames Urteil: Es erklärte die bis dahin geübte Praxis für illegal, Verträge automatisch zu verlängern, wenn die Schauspieler suspendiert waren, weil sie eine Rolle abgelehnt hatten. De Havilland erstritt damit eine größere Freiheit der Darsteller gegenüber den Studios. Sie selbst konnte nun ohne feste Bindung an ein Studio arbeiten und sich ihre Rollen passender aussuchen.

Zuvor hatte Warner versucht, sie auf den eher eindimensionalen Typ der hübschen, begehrten Frau festzulegen. De Havilland dagegen interessierte sich für komplexere Charakterrollen, die sie dann ab 1945, zunächst in zwei Filmen für Paramount, auch ergattern konnte. In dieser Zeit las sie die Autobiographie von Konstantin Stanislavsky und eignete sich die Methode des russischen Theatermanns an.

„Gone with the Wind“ war der Start dieser Karriere in anspruchsvolleren Rollen, die ihrer disziplinierten und ausdrucksstarken Schauspielkunst angemessen waren. Dazu gehört das vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs spielende Drama „Mutterherz“ („To Each His Own“), für das sie 1947 ihren ersten Oscar als „beste Schauspielerin“ erhielt. Den zweiten erhielt sie 1950 für „Die Erbin“ („The Heiress“).

Bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig wurde sie 1949 für „Die Schlangengrube“ („The Snake Pit“) ausgezeichnet. Mit „Der schwarze Spiegel“ („The Dark Mirror“) von Robert Siodmak, einem Schwarz-Weiß-Psychothriller, begann eine Serie von Engagements, in denen sie zwielichtige, exzentrische und unheimliche Charaktere verkörperte – etwa in „Die Schlangengrube“ (1948), „Meine Cousine Rachel“ (1952) oder – ihr letzter überragender Erfolg – „Wiegenlied für eine Leiche“ („Hush … Hush, sweet Charlotte“) von Robert Aldrich, an der Seite der von ihr sehr verehrten Bette Davis.

De Havillands letzter Kinofilm war 1979 „Das Geheimnis der eisernen Maske“ („The Fifth Musketeer“); seit den sechziger Jahren hatte sie jedoch mit der Western-Serie „Big Valley“ auch eine Fernsehkarriere begonnen. Sie führte in den Achtzigern noch einmal zu Erfolgen wie in dem Film „Anastasia“ über die geheimnisvolle Anna Anderson, die beanspruchte, die Tochter von Zar Nikolaus II. zu sein. Für die Darstellung der russischen Ex-Zarin Maria Feodorovna bekam sie einen Golden Globe.

1988 zog sich Olivia de Havilland nach „König ihres Herzens“ von Bühne und Studio zurück. Ihren 100. Geburtstag, so erklärte die gläubige Christin im letzten Jahr, könne sie kaum erwarten. Jetzt peile sie die 110 an, sagte sie der Zeitschrift „Entertainment Weekly“. Auf ihre neue Autobiografie, an der sie nach eigenem Bekunden arbeitet, wird man gespannt sein dürfen.

_______________________________

Näheres zu den Bildrechten am Foto zu diesem Beitrag: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Olivia_de_Havilland_Publicity_Photo_for_Gone_with_the_Wind_1939.jpg