Hier gibt es für Künstler nichts zu lachen – Milan Peschels „Das Vaudeville der Verzweiflung“ im Theater Dortmund

Szene mit Marlena Keil (liegend), Alexander Dakow, Linus Ebner, Anton Andreew, Bettina Engelhardt und Ekkehard Freye (von links). (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)

Leicht zugänglich ist dieses Stück nicht, trotz seines munteren Aufspiels. Vieles geht hier durcheinander, Zeitebenen und Rollenzueignungen bleiben unscharf, der Text trägt eher zu weiterer Verwirrung bei, als daß er die erklärenden Bezüge schaffte. Das Dortmunder Theater zeigt „The Head in The Door oder Das Vaudeville der Verzweiflung“; Milan Peschel hat das Stück geschrieben und führt nun auch Regie.

Das Theater steht im Dortmunder Fredenbaumpark

Die Bühne: Ein Vorhang hinter dem Vorhang und dort, auf der Drehbühne, ein holzlattiges Gebilde mit einem weiteren Vorhang. Dies soll das Vaudeville-Theater sein, das die Inszenierung, köstlicher Scherz, nach Äußerungen der Darsteller im Dortmunder Fredenbaumpark angesiedelt hat. Beziehungsweise sind es die Reste davon, denn schon lange verfällt das ganze, einen Besitzer gibt es nicht mehr, nur eine Gruppe von sieben Schauspielern und Schauspielerinnen harrt in den Kulissen aus und ist dabei pausenlos in Bewegung.

Szene mit Nika Mišković, Bettina Engelhardt, Anton Andreew, Alexander Darkow, Ekkehard Freye, Marlena Keil und Linus Ebner. (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)

Das Ende der Vorstadtbühnen

Der Programmzettel gibt eine historische Verortung, genauer gesagt gleich zwei. Einerseits soll das ganze mehr oder weniger in den 1920er Jahren spielen, als in Amerika der Film, der ja bald auch schon sprechen können würde, den kleinen, schäbigen Vorstadttheatern die Luft abschnürte. Daneben wird aber auch die Jahreszahl 1960 genannt – die Sechziger gleichsam als Symbol für den Verlust von Moral, Hoffnung, Vertrauen in der westlichen Welt, von vielem Althergebrachten, besonders im Showgeschäft. Die Filme veränderten sich, die Helden veränderten sich. Und das schauspielende Fußvolk mußte zusehen, wo es blieb. Doch diese Zeitbeschreibung entnehmen wir, wie gesagt, zunächst einmal nur dem Programmzettel.

Theatralische Erregtheit

All dies ist ja auch längst Vergangenheit, wenn wir die sieben Mimen in ihrem Fredenbaum-Vaudeville persönlich kennenlernen. Das Outfit einiger von ihnen läßt klassische Kinogestalten erahnen, Western-Helden, einen Charly Chaplin, eine Joan Crawford usf. Die Atmosphäre ist, so könnte man vielleicht sagen, mit theatralischer Erregtheit aufgeladen. Man schwelgt in Erinnerungen, man streitet darüber, wie Figuren anzulegen sind, wie die Haare frisiert sein müssen, wie man bestimmte Namen ausspricht. Mal auch, ziemlich zu Beginn, spielt man eine üppige Wildwest-Schießerei durch. In seliger Verklärung erinnert man sich an Rollen und Nebenrollen in trashigen Fernsehvielteilern, Ballerfilmen, Spaghettiwestern und so weiter.

Screwball-Komödie

Nach Art der Screwball-Komödien fliegen die Sätze hin und her; Nebensächlichkeiten werden immer wieder zu kontrovers diskutierten Zentralthemen, oft aber auch gleiten die Gespräche ins Absurde ab oder finden im Paradox ihr plötzliches Ende – es ist eine sehr amerikanische Form der Diskussion, Woody Allen oder auch die Marx-Brothers haben in Filmen manchmal ähnliche Dialoge gehabt. Das amerikanische Comic-Magazin MAD hat Gespräche wie diese zu gezeichneten Geschichten gemacht. Hier in Dortmund, in Peschels Stück, bleiben sie aber immer etwas fahrig, münden selten in zündende Pointen. Doch bleibt das Bühnenpersonal bei alledem heiter und immer unter Dampf, und das ist ja auch was.

Auf der etwas abschreckenden Vaudeville-Bühne (von links): Anton Andreew, Linus Ebner, Alexander Dakow. (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)

Blickwinkel ändert sich

Was haben wir noch? Lustige Tanzeinlagen zu gnadenlosen Ohrwürmern der Unterhaltungsmusik, Jonglage, witzige, schreiend bunte Kostüme. Doch den Personen kommen wir bei alledem in den ersten zwei Dritteln dieses Theaterabends nicht wirklich näher. Künstler eben.

Nach etwa zwei Dritteln der Spielzeit allerdings ändert sich der Blickwinkel dieses eigentümlichen Stücks. Aus schwadronierenden, hyperaktiven, pointengeilen Kunstfiguren werden relativ abrupt armselige, bedürftige Gestalten, die in ihrem (unbeheizten!) Vaudeville-Theater auch übernachten, weil sie sich keine Wohnung mehr leisten können. Und irgendwie ist es ja ein Wert an sich, im Theater zu sein, zumal, wenn da auch noch ein Publikum – Geste in den Zuschauerraum hinein – ist. Gepriesen wird nun ein Leben ohne Zeit- und Arbeitsdruck, ein Recht auf Faulheit und auf schlechte Laune. Warum soll man sich schinden? Franz Kafkas Käfer in Rückenlage, vormals bekannt als Mensch Gregor Samsa, bringt es unerwartet zum Ideal, wenn er überhaupt keine Lust hat, die scheinbar hilflose Position mit Fleiß und Zähigkeit zu überwinden. Nun gut. Allerdings kommt das recht unvermittelt und thesenhaft daher, wird nicht entwickelt oder argumentativ begründet. In einem „Vaudeville der Verzweiflung“ – mit der Betonung auf Verzweiflung – haben solche Vorstellungen eines alternativen Lebensentwurfs wohl eh kaum Chancen auf Verwirklichung.

Ob das stimmt?

Man ahnt Absicht und Anspruch, man fühlt sich kurzweilig unterhalten, aber die Message bleibt verschwommen. Vielleicht soll das ja auch so sein, trotz der Behauptung des Programmzettels, Milan Peschel habe Mitte der 60er Jahre „die Zusammenarbeit mit dem Ensemble des Schauspiel Dortmund“ begonnen, um „in einigen Gebieten des nördlichen Amerika aber vor allem in Europa“ für sein Stück zu recherchieren. Wir vermuten hier Fake, und außerdem: Was will er da recherchiert haben? Unzufriedenheit mit der Welt, wie sie eben gerade ist, war auch in den Sechzigern schon keine ganz neue Entdeckung. Die Verbindung aber von Leistungsverweigerung und Anspruchshaltung, heutzutage auch jenseits des Theaters häufiger wahrzunehmen und mit dem Diktum einer vermeintlichen Chancenlosigkeit eher unzulänglich und auch unzutreffend grundiert, muß nicht zwingend Zustimmung finden.

Überzeugendes Ensemble

Bleibt wieder einmal die Darstellerriege zu preisen, die ganzen Einsatz zeigt und sich durch einen Riesenberg Text hindurcharbeiten mußte: Anton Andreew, Alexander Darkow, Linus Ebner, Bettina Engelhardt, Ekkehard Freye, Marlena Keil und Nika Mišković. Sie bekamen reichlichen Applaus, und den haben sie auch verdient.




Eigenwilliges Informel: Neue Galerie Gladbeck würdigt Gerhard Hoehme

Mehr als 100 Jahre nach seiner Geburt rückt die Neue Galerie Gladbeck einen eigenwilligen und prägenden Künstler der Nachkriegszeit ins Blickfeld: „Relationen“ nennt sich die neue Ausstellung mit Werken von Gerhard Hoehme.

Gerhard Hoehme, Set your teeth on edge, 1981.
Acryl auf Leinwand, PE Schnüre,
178 x 174 x 25 cm.
© VG Bild-Kunst Bonn.
Foto: Kunstpalast, Horst Kohlberg, Artothek.

1920 in Greppin bei Dessau geboren und 1989 in Neuss gestorben, gehörte Hoehme zu den ersten Malern, die nach 1945 einen Neuanfang suchten. Seine Begegnungen mit den Pariser Informel-Künstlern Jean Fautrier und Jean Dubuffet –aber auch mit Persönlichkeiten wie Paul Celan und Pierre Boulez – führten ab 1952 zu seiner Hinwendung zur informellen Malerei, deren Vokabular er im Lauf der Fünfziger Jahre erweiterte und mit einer höchst subjektiven schöpferischen Kraft durchdrang. Bedeutsam wurde seine skulpturale, raumgreifende Malerei, die mit collageartigen Elementen über das Tafelbild hinausging und die er „Raumbeule“ oder „Farbpfahl“ nannte.

Hoehme kam 1952 nach einem kurzen Malereistudium auf Burg Giebichenstein in Halle an die Kunstakademie Düsseldorf, gründete gemeinsam mit Pierre Wilhelm 1957 die „Galerie 22“ und zählte zur Künstlervereinigung „Gruppe 53“ in Düsseldorf. 1959 war er Teilnehmer der documenta II in Kassel. Von 1965 bis 1984 leitete er an der Kunstakademie Düsseldorf als Professor eine Klasse für Malerei. Zu seinen Schülern gehören Sigmar Polke und Chris Reinecke.

Die Ausstellung legt einen Akzent auf das Spätwerk Hoehmes. 17 Werke stammen aus dem Bestand der Gerhard und Margarethe Hoehme-Stiftung. Unterstützt wird die Schau vom Museum Kunstpalast Düsseldorf und von der Stiftung Kulturwerk der VG Bild-Kunst.

Die Ausstellung in Gladbeck ist bis 20. März 2022 zu sehen. Die Neue Galerie Gladbeck hat mittwochs bis sonntags von 15 bis 20 Uhr unter Einhaltung der 2G-Regel geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Info: https://www.galeriegladbeck.de/




Eine frühere Kirche als Backstube und Sauna? – Das gibt es nur bei „Urbane Künste Ruhr“

Hier soll tatsächlich einmal gebacken und sauniert werden: Innenraum der ehemaligen Kirche St. Bonifatius in Gelsenkirchen-Erle. (Foto: Heinrich Holtgreve)

Was unter dem Label „Urbane Künste Ruhr“ in manchen Ecken des Reviers passiert, darüber lässt sich ohne Anschauung offenbar nur vage reden. Das hat sich abermals bei der heutigen Jahrespressekonferenz zum vielfältigen Projektbündel gezeigt. Fünf Statements waren angesagt – übrigens ausnahmslos von Frauen. Da hieß es erst einmal: den Überblick gewinnen, den zur Gänze vielleicht gerade mal die Insiderinnen haben.

Es war die einleitende Rede von künstlerischen Positionen, bei denen es letztlich um die zentrale Frage gehe: „Wie wollen wir leben?“ Ach so. – Anschließend rauschte die künstlerische Leiterin Britta Peters rasant durch Bisheriges und Künftiges. Fotografische Impressionen sollten gehabte künstlerische „Interventionen“ unter dem Generaltitel „Ruhr Ding“ vergegenwärtigen – zu den Globalthemen „Territorien“ (2019) und „Klima“ (2021). Im Vorgriff wurde verraten, dass das Leitthema für 2023 „Schlaf“ laute. Darunter kann man sich einstweilen alles oder nichts vorstellen. Wird schon werden.

Denn beim wolkig Globalen darf es ja nicht bleiben, im Gegenteil. Alle künstlerischen Äußerungen sollen regional und lokal verankert sein, sollen sich an konkreten Orten des Ruhrgebiets beweisen – ob nun als Installationen, Performance-Darbietungen oder artverwandte Aktionen.

Im Laufe der letzten Jahre haben die Projekte eine Wanderung vollzogen, es begann in der nördlichen Emscherzone und hat sich über die Mitte des Reviers gen Süden bewegt. Im Prinzip bleibt keine Stadt ausgespart. Und was es da nicht alles gibt: den zusehends anwachsenden „Emscherkunstweg“; den „Wandersalon“ als – Zitat – „mobiles Diskursformat“ (Gespräche, Lesungen, Konzerte etc.); Residenzprogramme, mit denen Künstler*innen (bei „Urbane Künste Ruhr“ ist der gender-gerechte Glottisschlag die Regel) ins Revier geholt werden. Und so fort. Insgesamt stehen jährlich 3,7 Millionen Euro bereit, um das Revier künstlerisch zu durchdringen. Auch mit der Ruhrtriennale besteht eine Kooperation.

Monumental und doch anheimelnd alltagsnah

Gut und schön. Und was gibt es in diesem Jahr? Nun, im Mittelpunkt steht ein ziemlich monumentales und doch anheimelnd alltagsnah anmutendes Vorhaben der in Belgrad geborenen und in New York lebenden Künstlerin Irena Haiduk, die 2017 mit der Aktion „Spinal Discipline“ auf der Kasseler documenta für Aufsehen sorgte. Für „Urbane Künste Ruhr“ hat sie die Anfangsgründe eines Projekts skizziert, das womöglich eines Tages in Dauerhaftigkeit überführt werden kann. In der (1964 erbauten und nun eigens angemieteten) ehemaligen Kirche St. Bonifatius zu Gelsenkirchen-Erle will Irena Haiduk eine raumgreifende Situation schaffen, die die Tätigkeiten des Backens und des Saunierens verbindet; auf welche Weise, das soll sich erst noch zeigen. Denn mit der geplanten Eröffnung Anfang Juni 2022 beginnt die Sache erst so richtig. In etlichen Workshops und Begegnungen soll sich das Konzept konkretisieren und eventuell in eine feste Einrichtung münden. Der Titel „Healing Complex“ dürfte auf leibseelische Heilsamkeit durch Genuss hindeuten, auch eine soziale Komponente und die allüberall beschworene Nachhaltigkeit werden mitgedacht, so dass vielleicht gar die Abwärme des Backens für Sauna-Hitze sorgen könnte. Der Phantasie sind zunächst kaum Grenzen gesetzt, die Realisierung steht auf einem anderen Blatt. Idealerweise würden Kunst und Leben ineinander übergehen. Bevor wir es vergessen, sei nüchtern festgestellt: In der ehemaligen Kirche arbeitet bereits ein gewerblicher Bäckereibetrieb.

Und so ufert Kunst, teilweise an verschwiegenen Orten der postindustriellen Landschaft, zuweilen aber auch in den Zentren, nach und nach geradezu aus. Vieles bleibt, etwa in Form von Skulpturenparks, erhalten. Manches muss im Lauf der Zeit einer Revision unterzogen und restauriert oder verändert werden. Anderes existiert nur temporär und flüchtig. Das Revier, so lässt sich inzwischen sagen, wird allmählich mit einem Netz von Kunst überzogen, wird mit Kunst durchsetzt. Es gibt Schlimmeres.

Freilich hilft alles Gerede nichts: Statt sich verbal im Irgendwie und Irgendwann zu verlieren, müssen sich die Leute halt an die entsprechenden Orte begeben, vielleicht auch selbst zum imaginären Teil mancher Kunst-Werke werden. Ideen zur Tourenplanung und weitere Hinweise finden sich auf der Homepage der „Urbanen Künste Ruhr“.




Warten auf Macbeth – Schauspielhaus Bochum plant eine zweite Saisonhälfte in Omikron-Zeiten

Bochums Intendant Johan Simons (links) und sein Chefdramaturg Vasco Boenisch stellten das Programm für die zweite Hälfte der Spielzeit 2021/2022 auf einer Video-Pressekonferenz vor. (Foto: Daniel Sadrowski/Schauspielhaus Bochum)

„Das schaffen wir nicht“, hat Johan Simons immer deutlicher gespürt, „das bekommt nicht die Qualität, die es haben muß“. Und deshalb wird die Premiere der Macbeth-Inszenierung des Bochumer Intendanten ein zweites Mal verschoben. Vorgesehen war sie für Freitag, 28. Januar, das neue Datum steht noch nicht fest. „Ich mußte einfach diese Entscheidung treffen“, legt Johan Simons nach, und natürlich hieß und heißt der Grund für die Verschiebungen Omikron. Auch den Chef selbst hatte es erwischt, er hat es gut überstanden, aber viel Zeit ging verloren.

Er macht weiter und weiter und weiter

Also Macbeth: Auf dieser Spielzeit-Pressekonferenz spricht Simons von seinem Projekt mit einer Ernsthaftigkeit, die im Theater nicht mehr selbstverständlich ist. Das Prototypische an diesem Shakespeare-Schurken hat es ihm angetan, der zutiefst menschliche Drang, zu beherrschen, unbeschränkt, gewalttätig. Nach dem ersten Mord fällt der nächste schon nicht mehr so schwer, „wenn er einmal angefangen hat, macht er weiter und weiter und weiter“.

Die Menschheitsgeschichte ist reich an monströsen Despoten wie Macbeth, und das Theater ist der geeignete Ort, sich mit ihnen zu befassen. Aber die Erwartungen an Johan Simons’ Bochumer Inszenierung sind deshalb besonders hoch, weil Ensemble-Star Jens Harzer den Macbeth spielt, jener oft etwas abwesend, etwas träumerisch wirkende Mime, den man auch aus dem Fernsehen kennt und der im Bochumer „Iwanow“ 2020 Schauspielkunst von höchster Güte zeigte. Harzer ist ein Typ, ist immer derselbe, wie bei aller Wandlungsfähigkeit auch Lars Eidinger oder Joachim Meyerhoff, um einmal zwei weitere Größen zu nennen, immer dieselben sind, keine Rollenspieler eben. Paßt das? Was für ein Macbeth wird Jens Harzer sein?

Schwarzes Loch

Jens Harzer, hier als Iwanow in Johan Simons‘ gepriesener Inszenierung. (Foto: Monika Rittershaus/Schauspielhaus Bochum)

„Das ist ein Blick in ein schwarzes Loch“, gibt Johan Simons zur Antwort. „Wird er nachvollziehbar?“ setzt sein Chefdramaturg Vasco Boenisch nach. Nach einer langen Pause sagt Simons „Ja“. Und fügt als gleichsam letzten Satz noch an: „Wie jemand zum Morden kommt, ich selber kenne es nicht. Gewalt sieht eigentlich scheußlich aus, aber im Theater…“ Wir sind sehr gespannt.

Maja Beckmann gastiert

Die weiteren Ankündigungen auf dieser Spielplan-Pressekonferenz sind weniger spannend. Zu den schöneren Nachrichten zählt auf jeden Fall, daß Maja Beckmann mal wieder nach Bochum kommt. Etliche Jahre war sie im Bochumer Ensemble, man erinnert sich an sie noch gerne in Stücken wie „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ nach dem Film Aki Kaurismäkis oder Elmar Goerdens eigenwillige Einrichtung von Shakespeares „Wie es euch gefällt“. Sie hatte so ihre eigene Art, auf die Fresse zu fallen (ja, wirklich!), ohne daß dies erkennbare Spuren hinterließ, außerdem ist sie die Schwester von Lina Beckmann, die am Hamburger Deutschen Schauspielhaus wirkt, als „Richard the Kid and the King“ in Salzburg umjubelt wurde und mit Charly Hübner verheiratet ist. Maja Beckmann, um auf sie zurückzukommen, ist jetzt in Zürich engagiert, und das Züricher Theater wird sechs Mal in Bochum mit Christopher Rüpings „Einfach das Ende der Welt“ zu Gast sein, erstmalig am 3. Februar. Die Geschichte dreht sich um einen jungen Künstler, der sterbenskrank in die Kleinstadt seiner Kindheit zurückkehrt und dort, statt über sein baldiges Ableben berichten zu können, einen heftigen Kulturschock erleidet.

Die erste „Hermannsschlacht“ seit Peymann

Überhaupt, äußerst jugendlich ist es hier überall, und ohne Musik, so scheint es, geht gar nichts. Intendant Simons kommt einem da fast vor wie der gütige Opa, der milde über die Nachgeborenen wacht und sie in seinem Theater an ganz langer Leine laufen läßt. Aber ob immer Gutes dabei herauskommt? Viele Ankündigungen, wie gesagt, vermögen nicht wirklich zu überzeugen. Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ gibt es (auch aus Zürich) als Zweipersonenstück mit Musik, Kleists „Hermannsschlacht“, an die sich in Bochum seit Peymanns Zeiten keiner mehr herantraute, erfährt humoristische Berücksichtigung mit Minimalbesetzung und viel poppiger Musik. Es gibt Theater, das von einem jungen Fußballer erzählt und konsequenterweise in den Vereinsheimen von Fußballvereinen aufgeführt werden soll (auch im Dortmunder Fußballmuseum), es gibt ein Bevölkerungsprojekt mit Laien, das polnischen und türkischen Migrationshintergrund reflektieren soll, außerdem einiges im Jugendbereich in der Prinzregentstraße. Interessierten sei die Internetseite des Bochumer Schauspielhauses sowie die durchaus beeindruckend geratene Programmzeitung empfohlen, die vielerorts ausliegt.

Grönemeyer muß warten, Simons will bleiben

Was es übrigens bis auf weiteres nicht geben wird, ist das einst vollmundig angekündigte Grönemeyer-Projekt. „Nicht bei Pandemie“, vermerkt der Chef einsilbig. Und dann wird Johan Simons noch gefragt, was er von einer Vertragsverlängerung in Bochum hält. „Aber gerne“, sagt er einfach. Der Rat entscheidet demnächst über weitere drei Jahre Intendanz.

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Mit Selbstbezügen durchwebt: Frank Castorf ehrt Molière mit einem ausschweifenden Abend am Schauspiel Köln

Katharine Sehnert und Bruno Cathomas in Frank Castorfs „Molière“-Hommage am Schauspiel Köln. (Foto: Thomas Aurin)

Der schwere Mann hustet und droht sich zu übergeben. Heftig schüttelt ihn der Anfall. Die schwarzen langen Perückenhaare wirken verklebt, die Augen blutunterlaufen.

Ganz dicht hält die Kamera auf das Gesicht, zeigt den Schmerz, die Spuren des Verfalls. Es tut weh, wenn sich das Würgen laut, rauh und quälend lange aus der Kehle presst.

Frank Castorf erspart uns in seiner neuen Produktion am Schauspiel Köln nicht, dem tödlichen Martyrium des Mannes zuzusehen, dem er die fünfeinhalb Stunden im Depot 1 gewidmet hat: Jean-Baptiste Poquelin, später unter dem Namen Molière weltbekannt. Bruno Cathomas, eine Zeit lang im Ensemble Castorfs an der Volksbühne, spielt sich in diesem Moment existenziellen Grauens, aber auch der fesselnden Poesie die Seele aus dem Leib. Eine melodramatische Sterbeszene erspart Castorf sich und uns. Molière, in königlichem Hermelin mit blauem Samt, stürzt sich mit einem Beatmungsgerät in seinen alten Citroën-Kastenwagen und braust davon. Von seinem Tod wird nach Art der antiken Tragödie nur berichtet.

Castorfs Hommage gilt dem vor 400 Jahren am 14. oder 15. Januar geborenen Dramatiker, der die Komödie auf eine bis dahin kaum erreichte Höhe gehoben hat. Seine Stücke haben den Anspruch, in der Deutung der menschlichen Existenz mit der Tragödie gleichzuziehen. Es war nicht zu erwarten, dass Castorf ein Biopic auf die Bühne bringen würde – oder eine erzählende Handlung wie in Michail Bulgakows Molière-Schauspiel „Die Kabale der Scheinheiligen“, das Castorf 2016 an der Volksbühne selbst inszeniert hatte. Sondern er erfüllt die Erwartungen seiner Fans und entwirft ein riesiges Panorama von Molière-Texten, assoziativen Kommentaren, bildgewaltigen Auftritten, exzessivem Spiel. Und das alles immer wieder unterbrochen und verbunden durch die großartige Musikauswahl von William Minke.

Castorf provoziert spannungsvolle Langeweile, gelassene Dichte und atemlose Intensität. Er spielt mit Zitaten, Selbstzitaten, manchmal beiläufigen, manchmal ironischen Verweisen auf eigene Inszenierungen. Und das alles wäre nur halb so sinnlich reizvoll, gäbe es nicht die Kostüme von Adriana Braga Peretzki: showverliebt schillernde Stoffe, laszive Schnitte, betont sexuell konnotierte Weiblichkeit oder verunklartes Geschlecht. Dazu ein bisschen 17. Jahrhundert und viel, viel Erfindungsgabe.

Die Imagination ist unerschöpflich

So entsteht ein semiotischer Tsunami, gespeist aus der ausschweifenden, unerschöpflichen Einbildungskraft des Frank Castorf. Das Leben Molières selbst wird nur rudimentär thematisiert: Bei der Geburt des „bedeutenden Säuglings“ wirft sich Bruno Cathomas in voller königlicher Gewandung auf die Bühne, begleitet von einem greinenden Chor mit „Mutter“ Katharine Sehnert als Koryphäe. Der gelbe Kleinlaster spielt auf die wandernde Theatertruppe „L’illustre Théâtre“ an, das Molière mit der Schauspielerin Madeleine Béjart gegründet hatte. Davor reiht sich das Personal des Abends auf uns lässt sich erst einmal herunterputzen. Text nicht gelernt, Text vergessen, keine Textbücher: wiederkehrende Motive bei Castorf, lustvoll vorgeführt. Und Cathomas ereifert sich als Schauspieler-König mit unverkennbaren Anleihen an der Cholerik eines Theaterprinzipals. Unwillkürlich denkt man an Castorf selbst.

Zwischen lustvoller Gaukelei und poetischer Dichte: Das Ensemble des Schauspiels Köln bleibt fünfeinhalb Stunden in großer Form. (Foto: Thomas Aurin)

Der bestreitet den Hauptanteil des Abends mit Bruchstücken aus Molière-Komödien; der rote Faden in der Reihung und die Herkunft der Texte bleiben sein Geheimnis. „Der Bürger als Edelmann“ taucht auf, auch „Die gelehrten Frauen“. Andere Bausteine könnten aus „Der Geizige“ stammen. Und klingen nicht auch „Die lächerlichen Preziösen“ und „Der eingebildete Kranke“ an, nach dessen vierter Vorstellung der historische Molière, noch im Kostüm der Hauptrolle, gestorben ist?

Zitiert – nein, eindrücklich gelesen – wird auch Michail Bulgakow, so der demütigende Brief an Stalin, in dem er zuerst um eine Regieassistenz bittet und am Ende der „Sowjetmacht“ alle Verfügungsgewalt über sich einräumt. Ein von Jeanne Balibar und Justus Maier beklemmend vorgetragenes Zeitdokument. Sein Verweischarakter ist deutlich: Wie Molière vom „Sonnenkönig“ abhängig war, der ihn vor Angriffen aus Teilen des katholischen Klerus schützte, war auch Bulgakow der unberechenbaren Gunst des Sowjetdiktators ausgeliefert.

Virtuos bespieltes Panorama

So virtuos wie stets die Bühne von Aleksandar Denic – Ausstatter u.a. von Castorfs Bayreuther „Ring“ – in ihrer Breite auch bespielt wird: In den Monologen der Schauspieler, in Momenten konzentrierter Intimität schafft es Castorf nicht zuletzt dank der Lichteinfälle von Lothar Baumgarte, den Raum genau auf die Szene zuzuschneiden. Auch Denic zitiert: Den Thespiskarren mit einem kleinen Kulissentheater gab es schon in Castorfs Münchner „Don Juan“ (2018), die Zimmerchen, die sich hinter der monumentalen Fotowand mit vier zeitungslesenden Pariser Bürgern des 19. Jahrhunderts verstecken, erinnern an den „Baal“ von 2013. In einem davon spielt sich ein „Klassiker“ der Castorfschen Formensprache ab: eine Badeszene in einem raumfüllenden Zuber, mitsamt den nackten Leibern der Darsteller nur im Live-Video einsehbar und Schauplatz einer aufgedrehten Kunstdebatte, in der dann sogar der Primat der Fechtkunst eingefordert wird. Später sollte in einer halb drögen, halb komischen Molière-Szene das Ausformen der Vokale studiert werden.

Im Zentrum des Ensembles: Jeanne Balibar, hier mit Paul Basonga. (Foto: Thomas Aurin)

„Molière“ ist – mit Gast Jeanne Balibar als unverkennbares Kraftzentrum – ein Abend des Kölner Ensembles. Eine Reihe junger Darsteller, die sich immer lockerer freispielen, im Sprechen, Schreien, Deklamieren mit den Worten Emotionen hinausschleudern, mit ihren kratzenden Kehlen genauso rotzig wie die Szene, auf die ein „Arc de Triomphe“ als „Arsch mit Ohren“ gerollt wird. Und immer authentisch, sogar große Sprech-Kunst streifend: Alexander Angeletti und Paul Basonga, Justus Maier in Slip und weißen Strümpfen in großartigem Monolog, Lola Klamroth als hoch gewachsenes, blondes Pendant zu Balibar. Das junge Ensemblemitglied Kei Muramato aus Japan, zwischen Geschlechtern changierend, hat einen großen Auftritt, wenn er sich in den Butoh-Tanz versenkt und minutenlang japanisch rezitiert, während alte US-Filme über die Wirkung eines Atombombenabwurfs laufen. Das sind dann die Momente, in denen Castorf seine Assoziationsketten allzu arg strapaziert.

Ein Dämon, als Mensch verkleidet

Am Ende wird berichtet, warum das Grab des „Königs der dramatischen Kunst Frankreichs“ unauffindbar verschwunden ist, während Marek Harloff welke Blätter zusammenkehrt: Ein melancholisches Bild der Vergänglichkeit, das gleich wieder ironisch-vielsagend konterkariert wird, wenn das Ensemble als buntschillernde Schlange über die Bühne kriecht, ein Gaudiwurm oder ein chinesischer Drache. „Ich bin ein Dämon, Fleisch geworden und als Mensch verkleidet“ betitelt Castorf seinen Molière-Abend. Es ist ein in die Ich-Form gebrachtes Zitat aus einer zeitgenössischen Quelle über Molière, mit dem ihn seine kirchlichen Gegner verdammt haben.

Dabei haben sie übersehen, dass sich der als „pietätloser Libertin“ verschriene Molière mit seinem wohl berühmtesten Stück, dem „Tartuffe“, nicht gegen Glauben, Kirche oder Moral gewandt hatte, sondern gegen ihren Missbrauch durch Machtgier, falsche Frömmigkeit, religiöse Heuchelei und Gewalt im Gewand vermeintlicher Wohltat. Castorf könnte – das ist problemlos anzunehmen – den „Dämon“ genauso auf sich selbst beziehen wie auf den großen Franzosen. Denn mit seinem Kölner Abend hat er nicht allein Molière ein Denkmal gesetzt, sondern auch sich selber und seiner mit Selbstbezügen durchwebten Kunst.

Weitere Vorstellungen: 28. Januar, 4., 6.,  Februar, 5. März. Info: https://www.schauspiel.koeln/spielplan/a-z/moliere/




Wild wucherndes Roman-Gestrüpp – Hanya Yanagiharas „Zum Paradies“

Berühmt wurde Hanya Yanagihara mit dem Roman „Ein wenig Leben“. Jetzt hat die in New York lebende Autorin mit familiären Wurzeln auf Hawaii, die sich in ihren Büchern mit Missbrauch und Ausbeutung auseinandersetzt, einen 900-seitigen Roman veröffentlicht: „Zum Paradies“, ein wild wucherndes Gestrüpp literarischer Fantasien, eine Reise ins Herz der sozialen Abgründe und sexuellen Tabus.

Die Welt: eine Erfindung, die sich über 200 Jahre (mit Grüßen von Henry James) rund um den New Yorker Washington Square abspielt und drei Romanhandlungen zu einem riesigen Literaturberg aufstapelt. Einige Namen tauchen immer wieder auf, David, Charles, Edward, Bingham, Griffith, Bishop. Ob sie miteinander verwandt sind, bleibt ungewiss.

Die große Freiheit in New York

Der erste Teil spielt im Jahr 1893: New York hat sich von der Union abgespalten, Frauen und Männer, Ethnien und Religionen haben die gleichen Rechte, es ist erwünscht, dass homosexuelle Paare heiraten.

Im Mittelpunkt steht David Bingham, dessen Eltern früh starben und der jetzt bei seinem Großvater Nathaniel lebt, einem Mitbegründer des Freistaats, der für seinen homosexuellen Enkel eine standesgemäße Heirat mit Charles Griffith arrangieren will. Doch David mag den reichen, aufgedunsenen Witwer nicht, er ist verliebt in Edward Bishop, einem mittellosen Klavierlehrer, Luftikus und Lügner, der David überreden will, mit ihm nach Kalifornien zu flüchten, in ein Land, wo Homosexuelle verfolgt werden.

Von 1893 über 1993 bis ins dystopische Jahr 2093

Der zweite Teil spielt im Jahr 1993: Die AIDS-Epidemie fordert in der New Yorker Schwulen-Szene viele Tote: Charles Griffith, ein älterer Rechtsanwalt, lebt mit dem deutlich jüngeren David Bingham zusammen: David kommt aus Hawaii, ist Nachfahre einer verarmten Königsfamilie. Just am selben Tag, als Charles und David eine Abschieds-Party für einen todkranken Freund geben, erhält David einen Brief von seinem Vater, der seit Jahren auf Hawaii in einem Pflegeheim vor sich dämmert und in einem Moment geistiger Klarheit seinem Sohn erklärt, warum er ihn immer lieben wird und es gut heißt, dass er die Familie verlassen und seinen eigenen Weg gegangen ist.

Allgegenwärtige Pandemie, Internet abgeschaltet

Der dritte Teil führt ins Jahr 2093. Pandemien haben die Welt im Würgegriff, Amerika ist ein Überwachungsstaat: Das Internet ist abgeschaltet, es gibt keine Informationen, was in der Welt vor sich geht. Ein junge Frau, Charlie Griffith, berichtet von ihrem Alltag als Angestellte in einem Seuchen-Labor. Ihre Mutter hat die Familie verlassen. Ihr Vater, Mitglied einer Widerstandsgruppe, ist bei einem Anschlag gestorben. Ihr Großvater, Charles Griffith, hat das Regime lange bei der Pandemie-Bekämpfung beraten, bevor er in Ungnade fiel und hingerichtet wurde. Verheiratet ist Charlie mit Edward Bishop, einem Homosexuellen, der die Ehe als Tarnung nutzt, um in dem schwulenfeindlichen Staat nicht verhaftet zu werden. Eines Tages lernt Charlie einen Mann kennen: David, der angeblich von einem Freund ihres getöteten Großvaters geschickt wurde, um sie zu befreien. Alles nur Lüge?

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt

Mit überbordender Fantasie führt uns Yanagihara durch einen literarischen Dschungel, beschreibt üppig die Lebensumstände und seelischen Abgründe ihrer Protagonisten, zeigt, wie schmerzlich Einsamkeit ist und Sehnsucht die Menschen auffrisst, dass uns Scham überfällt, wenn wir Familie und Kultur verleugnen und unsere Überzeugungen verraten. Auch wenn (mit Grüßen von Orwell und Huxley) unsere saubere, digitale Welt in einer ärmlichen, verseuchten Dystopie zu enden droht, so könnte doch auch alles ganz anders kommen: Am Ende eines jeden Teils bricht jemand in ein neues, unbekanntes Leben auf, macht einen ersten Schritt hin „zur Freiheit, zur Geborgenheit, zur Erhabenheit – zum Paradies“. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Hanya Yanagihara: „Zum Paradies“. Roman. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Claassen, Berlin 2022, 900 Seiten, 30 Euro.




Alles so schön bunt hier – „Das Spiel ist aus“ nach Jean-Paul Sartre in Dortmund

Pierre und Eve (Adi Hrustemović und Sarah Yawa Quarshie) sind fast ein Traumpaar. (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dotmund)

Bunte Neonröhren an Wänden und Decke illuminieren in rhythmisch getaktetem Aufleuchten die Bühne, Wandflächen konturieren sich in pulsierenden Lichtrahmen, harte, schnelle Beats wummern durch den Raum.

Endlich betreten die beiden Hauptpersonen die Bühne. Sie sind, das wird bald klar, durch Farb-, Licht- und Klangwirren hindurch im Totenreich angelangt, wo nun Nummern aufgerufen werden, mit denen die Neuen sich zur Registratur zu begeben haben. Ordnung muß schließlich sein. Man prüft, man sieht: etwas ist hier nicht in Ordnung, ein Fehler der Verwaltung, der korrigiert werden muß. Das ganze nimmt Fahrt auf, und nur am Rande irritiert, daß das Stück „Das Spiel ist aus“ heißt. Denn ganz im Gegenteil folgt nun eine relativ fest gefügte Handlung, die auch Azeret Kouas Inszenierung auf der Studiobühne des Dortmunder Schauspiels nicht verschweigt.

Film aus dem Jahr 1947

Vorlage für diesen Theaterabend ist der Film gleichen Titels aus dem Jahr 1947, für den Jean-Paul Sartre das Drehbuch schrieb und den die Kritik bis heute einhellig lobt. Lediglich das „Handbuch der katholischen Filmkritik“ glaubte 1960 anmerken zu müssen, daß der Film „aber nur für wirklich reife Menschen von Nutzen“ sei. Diese sauertöpfische Einlassung muß man verstehen, geht es doch darum, daß der existentialistische Philosoph Sartre hier den Zwang der Verhältnisse über die gleichsam göttlichen Regelungen von Leben und Tod stellt, die bekanntermaßen zur Kernkompetenz der Kirchen gehören.

Queen und King of Nebenrolle, hier zu sehen im Bürokratiehäuschen des Totenreichs: Antje Prust und Raphael Westermeier. (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)

Eve und Pierre

Die Geschichte erzählt von Eve und Pierre, die beide ermordet wurden und nun im Totenreich aufeinandertreffen. Es stellt sich heraus, daß sie eigentlich füreinander bestimmt waren und ihre Verbindung auf Erden durch einen (quasi himmlischen) Verwaltungsfehler unterblieb; daher bekommen sie die Möglichkeit, innerhalb von 24 Stunden das Versäumte auf Erden nachzuholen. Und was in Hollywood eine himmlische Komödie hätte werden können, endet bei Sartre – zwei Jahre nach Kriegsende recht nachvollziehbar – im Desaster. Zurück auf Erden will Pierre, Arbeiterführer und Revolutionär, seine mißtrauischen Genossen zunächst von einem Aufstand abhalten, von dem er weiß, daß er verraten wurde; Eve muß feststellen, daß ihr Mann sie ermordete, der lange schon ein unbemerktes Techtelmechtel mit ihrer Schwester hatte. Wie unter diesen Umständen die große Liebe finden? Bevor sich Eve und Pierre final in die Arme fallen können ist die Zeit um, und zurück geht es ins Totenreich. Dumm gelaufen.

Streit mit Schwester und mörderischen Gatten, beide links im Bild. Darsteller von links: Raphael Westermeier, Antje Prust, Sarah Yawa Quarshie und Adi Hrustemović (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)

Einiges zu klären

Heutzutage, da das Fernsehen überquillt von soften Liebesgeschichten mit garantiertem Happy End, wirkt das Scheitern der Liebe von Pierre und Eve auf das Publikum möglicherweise irritierend. Da wäre von der Theaterinszenierung einiges zu erklären, einiges auch zunächst zu klären. Die Dortmunder Produktion jedoch zeigt wenig Interesse daran, Motiv- und Problemlagen ernstlich auszuleuchten. Dabei, es soll nur ganz leise angedeutet werden, ist doch gerade die Liebe zwischen Mann und Frau oft eine recht komplizierte Angelegenheit. Gern bemüht man zur Verdeutlichung das Sprachbild vom Wechselbad der Gefühle; und wenn es die erste (große) Liebe ist, wird es noch schwieriger.

Nach Art des Hauruck-Kaspers

Aber Psychologie kommt auf der Dortmunder Studiobühne nicht vor. Ganz nach Art des Hauruck-Kaspers auf der Kirmes wird die Geschichte in 80 Minuten atemlos und hoch motorisch durchgebolzt. Laut und grell ist das ganze, aber nicht wirklich lustig und auch nicht tragisch, weil den Figuren die individuelle Zeichnung vorenthalten bleibt. Möglichkeiten der Intensivierung durch den direkten Kontakt zum Publikum, über die nur das Theater verfügt, bleiben ungenutzt. Das Geschwurbel schließlich vom „patriarchalen Kapitalismus“ auf dem Programmzettel, mit dem das alles irgendwie zu tun haben soll, wirkt gänzlich abwegig.

Sportlichkeit und Präsenz

Wenn aber Schauspielkunst kaum nachgefragt wird, haben es die Schauspieler schwer. Auf jeden Fall ist Adi Hrustemović, Antje Prust, Sarah Yawa Quarshie und Raphael Westermeier viel Sportlichkeit und Präsenz zu attestieren. Ihnen zu wünschen bleiben Inszenierungen, in denen sie mehr von ihrem Können zeigen können.

  • Weitere Termine
  • 25., 26. Januar, 2., 19. Februar, 5., 24. März
  • www.theaterdo.de



Kultur mit Kick: Martin Suter legt Roman über „Schweinis“ Leben vor

Miteinander einverstanden: Martin Suter (li.) und Bastian Schweinsteiger (Foto: © Marco Grob)

Der in Zürich beheimatete Diogenes-Verlag zählt zu den renommiertesten in deutschsprachigen Landen. Nun aber diese Diogenes-Pressekonferenz in Berlin. Auch und gerade Journalist*innen von Bild, RTL und Radio Schlagerparadies stellen ihre Fragen. Nicht gerade die kultursinnigsten Medien. Was ist denn da los?

Martin Suter, Schweizer Schriftsteller von einigen Graden und Gnaden, hat ein Buch über den weltmeisterlichen Fußballer Bastian Schweinsteiger geschrieben. Da wittert halt auch der Boulevard womöglich knackige „Geschichten“. Ein „Bild“-Mann – schon spürbar gierig auf die Schlagzeile – will gar Näheres zu einer Roman-Sequenz wissen, in der sein Blatt vorkommt. Derlei Begehrlichkeiten mag Martin Suter denn doch nicht bedienen.

Warum hat sich Suter das überhaupt angetan? Sind ihm etwa die fiktionalen Themen ausgegangen? Wohl kaum. Er stellt es so dar: Ein Schriftsteller solle jede Art des Schreibens einmal ausprobiert haben. Also auch einen von der Hauptperson freudig abgenickten und autorisierten biographischen Roman, der sich nach Suters Bekunden eng an der Wirklichkeit orientiert. Nicht das „Was“ habe er erfunden, allenfalls das „Wie“. Und so habe er sich denn präzisionshalber etliche Spielszenen mit „Basti“ Schweinsteiger angesehen, um auch ja im Roman z. B. den Passgeber zum Soundso-Tor korrekt zu benennen oder um nicht einen Volleyschuss mit einem Dropkick zu verwechseln. Damit ihm bloß keine Beschwerden von Fußballfans kommen! Übrigens habe das Buch weitaus mehr Arbeit bereitet als anfangs angenommen. Zweimal musste der Erscheinungstermin verschoben werden. Jetzt ist es am 26. Januar so weit. Die turmhohen Buchstapel dürften dann kaum zu übersehen sein.

„Unmöglich“? Gibt’s nicht!

Wie kam es überhaupt zu diesem Romanprojekt, das offenbar als eine vorwiegend heitere „Heldensage“ gelten darf? Verlag und Autor verbreiten unermüdlich diese Version: Schweinsteiger (heute 37 Jahre alt) habe es lange Zeit abgelehnt, Gegenstand einer Lebensbeschreibung zu werden – bis eines Tages ein guter Freund (den er nicht nennen möchte) meinte, dass eine literarische Biographie doch etwas anderes wäre. Er sagte auch gleich, dass Martin Suter ein idealer Schriftsteller für eine solche Aufgabe wäre. Freilich setzte er hinzu: „Unmöglich, das macht der nicht.“ Darauf Schweinsteiger mit seinem sonnigen Gemüt: „Was ist das, unmöglich?“ Sprach’s, lachte optimistisch und leitete eine entsprechende Anfrage ein. Martin Suter erinnert sich, er habe nur eine Stunde überlegen müssen und sei angetan gewesen. Bastian Schweinsteiger sei einer, der sich nicht für etwas Besonderes halte; ein „Jetzt-Mensch“ und „Moment-Mensch“. Ein erstes Treffen auf dem Zürcher Flughafen habe ihn vollends überzeugt. Man sei einander gleich sympathisch gewesen, habe sich nach ein paar Minuten geduzt und viel gelacht. Ja, man habe einander – es war zu Beginn der Corona-Pandemie – tatsächlich die Hände geschüttelt.

Es beginnt mit einem kuriosen Eigentor

Es folgten viele weitere Gespräche und Nachfragen, vor allem per Videokonferenz. Auch lange Gespräche mit Schweinsteigers Vater gehörten zum Recherche-Pensum. Kindheit und Jugend spielen folglich eine gehörige Rolle in dem Roman, der mit einem kuriosen Eigentor des jungen „Basti“ beginnt. Gleich der erste Entwurf, seinerzeit rund 340 Seiten lang, habe ihm bestens gefallen, sagt Bastian Schweinsteiger. Als „Geschenk für mich“ betrachte er das Buch heute. Und überhaupt: Das Leben und die Freude daran seien ihm stets wichtiger gewesen als der bloße Fußball. Dennoch erfährt man aus dem Buch beispielsweise auch, welche Trainer „Basti“ im Laufe der Karriere weniger gut gefallen haben. Positiv hebt er indes Hitzfeld und Heynckes hervor.

Den Heiratsantrag exklusiv geschildert

Auf der (übrigens vom TV-Kommentator a. D. Marcel Reif moderierten) Pressekonferenz tauschte man heute gar viele Nettigkeiten aus – vor allem, als auch noch Schweinsteigers Frau Ana Ivanovic, die aus Serbien stammende Tennisspielerin und einstige Nummer Eins der Damen-Weltrangliste, aufs Podium gebeten wurde. Da kamen dann auch solche Fragen wie die, was Schweinsteiger von ihr über die Liebe gelernt habe. Hach ja. Wie rührend. Die beiden sind ja auch ein sympathisches Paar. Apropos: Martin Suter ist ein wenig stolz darauf, dass er „Bastis“ originellen Heiratsantrag exklusiv in den Roman einbauen durfte. Sonst gebe es jedoch keine „Enthüllungen“.

Dass allerdings der Buchtitel, um ihn endlich zu nennen, „Einer von euch“ lautet, mutet denn doch etwas merkwürdig an. Mag auch „Basti“, wie der Roman unentwegt nahelegt, ganz normal aufgewachsen sein und die Bodenhaftung nicht verloren haben, so sind er und seine Gattin doch als Multimillionäre in andere Sphären entrückt. Zu hoffen wäre, dass Suter nicht den Mythos befördern möchte, jede(r) von uns könne einen solchen Weg beschreiten. Aber wenn etwa Kinder daraus (gerade in diesen Zeiten) Zuversicht schöpfen, ist es natürlich in Ordnung.

Millionenschweres „Bestseller-Marketing“

Bastian Schweinsteiger, der früher einmal gesagt hat, er lese lieber tausend Spiele als ein Buch und dem die auch Suter-Lektüre über sich selbst („So viele Seiten am Stück“) erklärtermaßen schwergefallen ist, möchte künftig deutlich öfter zur gepflegten Lektüre greifen. Seine Frau sei eine begeisterte Leserin und man habe daheim viele Bücher im Regal. Seinerseits möchte er z. B. den einstigen Bayern- und National-Mitspielern Thomas Müller und Oliver Kahn Exemplare des Suter-Romans zueignen.

Freimütig gebe ich zu, den Roman über „Schweini“ nicht zur Gänze gelesen, sondern nur einige Passagen via pdf-Download überflogen zu haben. Viel mehr Bedarf habe ich auch nicht. Die Seiten lasen sich recht leicht, aber nicht seicht und mögen – wie es zwischendurch aus Schweinsteigers Sicht hieß – durchaus als „Mutmacher“ mit gelegentlichem Tiefgang taugen. Nicht unbedingt das Kerngeschäft eines traditionsreichen, literarisch ausgesprochen ambitionierten Verlages. Aber bitteschön. Vielleicht können sie von den Einnahmen ja ein paar hoffnungsvolle Debütanten fördern.

Diogenes stößt mit diesem Roman in bislang ungekannte Dimensionen vor. Man lasse sich die folgenden Stichworte zum „Bestseller-Marketing“ auf der Zunge zergehen. Wir zitieren auszugsweise:

„Infoscreens und Citylights 5,7 Mio. Kontakte
instagram.com/bastianschweinsteiger 10,5 Mio. Follower
facebook.com/bastianschweinsteiger 8,6 Mio. Fans
Große Online-Kampagne…“

Seid umschlungen, Millionen!

Martin Suter: „Einer von euch. Bastian Schweinsteiger“. Roman. Diogenes-Verlag. 384 Seiten, 22 Euro.

 




Wässeriger Humor-Transfer: Gilbert & Sullivans „Piraten von Penzance“ als biederer Operetten-Jux

Joslyn Rechter als Queen Elizabeth in der Wuppertaler Inszenierung von Gilbert & Sullivans „The Pirates of Penzance“. (Foto: Jens Großmann)

In der englischen Architektur gibt es seit dem 18. Jahrhundert die sogenannten follies, exzentrische, aber nutzlose Bauwerke. Sie ziehen den Blick auf sich und werfen Fragen auf, die sie nie beantworten.

Als eine solche „folly“ in musikalischer Form ließe sich auch William Schwenck Gilberts „The Pirates of Penzance“ begreifen: Literarisch perfekt gezirkelter Nonsens, kongenial in Musik gefasst von Arthur Sullivan. Eine der schimmernden Perlen des musikalischen Unterhaltungstheaters, deren Glanz auch nach 140 Jahren noch nicht ermattet ist.

Wer Gilbert & Sullivans „Piraten“ mit gesundem Menschenverstand oder gar Maßstäben dramatischer Logik auslotet, wird sich unausweichlich vermessen. So etwas gibt es im imaginären Penzance von 1879 nicht. Das Städtchen in Cornwall, damals schon direkt von London Paddington aus mit dem Zug erreichbar und entsprechend touristisch geflutet, verdankt nicht zuletzt dem ziselierten Unsinn der Operette seinen Ruf.

Was also anfangen mit einem 21jährigen Jungpiraten, der wegen seines schwerhörigen Kinderfräuleins statt zum „pilot“ (Lotse) zum „pirate“ ausgebildet wird und diesen Irrtum als „Sklave der Pflicht“ geduldig durchzieht? Was will uns ein „modellhaft moderner“ Generalmajor sagen, der sich auf nächtlichem Friedhof wegen einer Sünde gegen seine mit einem neuen Landsitz zusammen eingekauften Ahnen grämt? Und was sollen Piraten, die das hehre Prinzip pflegen, jedes Waisenkind von ihrem blutrünstigen Geschäft zu verschonen, daher beim Stichwort „orphan“ in friedliche Starre verfallen und folglich erfolglos bleiben?

Nur das Gelächter löst alle Fragen

Großes Pech, mit Pflichtgefühl getragen: Frederic (Sangmin Jeon) wird durch einen Hörfehler seines Kindermädchens Ruth (Joslyn Rechter) statt ein ehrenwerter Lotse („pilot“) ein anrüchiger Pirat. In der deutschen Version kommt er statt auf eine „Privat“-Schule in die Lehre als „Pirat“. (Foto: Jens Großmann)

Die Lösung könnte dem Vorbild der „folly“ in der Architektur entsprechen: Man nehme das Bauwerk ernst und stelle es in die Landschaft, „als ob“ es seriös gemeint sei. Nur so bietet es dem Fragenden Grund zum Anstoß und erlöst die Ratlosigkeit durch Gelächter. Bei der Wuppertaler Premiere der „Piraten von Penzance“ ist das nicht gelungen – und das liegt nicht am spezifischen englischen Humor; sondern daran, dass Regisseur Cusch Jung aus dem Material von Gilbert & Sullivan einen biederen Klamauk formt, der – wie in seinen Arbeiten an der Musikalischen Komödie Leipzig zu besichtigen – mit der deutsch-österreichischen Operette vielleicht gerade noch funktioniert, mit dem grotesk aufgezäumten Blödsinn der Briten aber ebenso wenig fertig wird wie mit der Ironie Jacques Offenbachs.

Dabei haben die Piraten auf der düster-dunstigen Bühne von Beate Zoff in ihren an die „Pirates of the Caribbean“ erinnernden Kostümen zunächst einen fulminanten Auftritt. Aber schon die dauerkreischende Töchterschar des Generalmajors gleitet ab in die Niederungen der Konfektionskomik, die sich dann – begleitet von stummen Nichtreaktionen der Zuschauer – auch in der Charakterzeichnung der Figuren durchsetzt. Ob der von seinem unbedingten Pflichtgefühl gebeutelte Piratenlehrling Frederic, der allzu trottelige Generalmajor, die kaum mehr als weinerliche Gouvernante Ruth oder der reaktionsarme Polizeisergeant mit seiner in hübschen weißen Gamaschen tanzenden Bobby-Truppe: Sie alle überwinden die komisch intendierte, aber nur harmlose Vordergründigkeit nicht.

Die Queen als rosa Übermutter der Nation

Es ist hoch anzuerkennen, wenn ein Regisseur Operette erzählen möchte, ohne sie mit gezwungener Konzept-Gewalt zu verbiegen. Aber gerade bei satirischen, mit zeitgenössischen Anspielungen operierenden Werken bedarf es einer Übersetzung. Die 1879 gesellschaftlich selbstverständlichen Voraussetzungen wären, soll der Humor gerettet werden, in treffenden aktuellen Analogien neu zu lesen. Cusch Jung ist das nur am Ende geglückt: Gilbert & Sullivan huldigen im Finale mit einer absurden Wendung der damaligen Übermutter der Nation, Queen Victoria. Sie zitieren damit den längst überholten Operntrick vom „deus ex machina“ und nehmen schlitzohrig aufs Korn, wie die Monarchie ideologisch zur Überbrückung kaum vereinbarer Gegensätze eingesetzt wurde. Die quietschrosa Elizabeth II., die Jung auftreten lässt, setzt diese Aspekte gegenwärtig und sorgt überdies mit putzigen Anspielungen für die längst fälligen Lacher. Dass die Piraten einem Einfall gelangweilter, blaublütiger Oberhaus-Mitglieder entstammen, geht allerdings im Geflöte der Bühnen-Queen (Joslyn Rechter) beinahe unter. Ein „höchst kurioses Paradox“.

So viele hübsche Mädchen auf einmal! Da werden auch hartgesottene Seeräuber schwach (Opernchor der Bühnen Wuppertal). (Foto: Jens Großmann)

Musikalisch hat der ehrgeizige Arthur Sullivan, der eigentlich lieber ein seriöser Opernkomponist geworden wäre (und auch solche Versuche hinterlassen hat), melodischen Esprit und solides Handwerk zu bieten. Er operiert vergnüglich mit rhythmischem Elan á la Auber und Offenbach, lässt die kurzen Noten mit den Silben der Wörter stolpern, was eine adäquate deutsche Übersetzung des englischen Textes ziemlich unmöglich macht, treibt das „very model of a modern major-general“ mit seinen rhythmisch ratternden Worthackschnitzeln nach der Art italienischer Plapperarien in ein aberwitziges Tempo. Bei den lyrischen Szenen mit ihrer geschmeidig-schmeichelnden Melodik denkt man an die leuchtende Transparenz eines Adolphe Adam, aber auch an Mendelssohn und an den leider vergessenen Erfolg „The Bohemian Girl“ des Iren Michael William Balfe.

Herzerweichender Belcanto und trocken gestricheltes Staccato

Johannes Witt und das Sinfonieorchester Wuppertal setzen das alles ansprechend und adrett um, finden den Ton der herzerweichenden Pseudo-Dramatik aus der Belcanto-Oper ebenso wie trocken hingestrichelte Staccato-Passagen. Warum aber ausgerechnet die Ouvertüre ein Kürzungsopfer werden musste – der schräge Piraten-Marsch wird so zur musikalischen Fußnote – und wozu man eine Bearbeitung (von William Shaw) spielt, erschließt sich nicht.

Die Solisten tun sich manchmal schwer, denn auch in der neuen deutschen Übersetzung von Inge Greiffenhagen und Bettina von Leoprechting sind die Wortsalven nicht einfacher abzufeuern als im englischen Original. Überraschend gut macht das Sangmin Jeon, der als Frederic sein naives Pflichtbewusstsein auch mit einem klaren und präsenten Tenor unterstreichen kann. Simon Stricker hat als Generalmajor eine komische Paraderolle, die er aber als bommelmütziger Trottel eher nach bieder deutscher als nach hintergründig englischer Art ausgestalten muss.

Ralitsa Ralinova ist als Mabel die stimmlich am prominentesten ausgestattete unter den Töchtern des hohen Offiziers: Während die Damen des Chores allerliebst übers Wetter schnattern, darf sie ihrem auserwählten Frederic amouröse Avancen in leuchtend lyrischen Kantilenen entgegenbringen. Sebastian Campione ist ein mit Bart wie Stimme eindrucksvoll ausgestatteter Piratenkönig, der mit Yisae Choi als Polizeisergeant keinen ernsthaften Gegenspieler hat. Oleh Lebedyev (Samuel) und Joslyn Rechter als altersdiskriminierte Ruth mit vergeblichen erotischen Erwartungen an ihren Schützling Frederic hätten in der entsprechenden Regie sicher noch einiges an Potential zuzulegen. Am Ende überwog der Eindruck, dass der Transfer von Humor aus der Musikalischen Komödie Leipzig, wo die Produktion 2016 Premiere hatte, ins Tal der Wupper so recht nicht geklappt hat. An Gilbert & Sullivans „folly“, das sei versichert, liegt`s nicht!

Weitere Vorstellungen: 6. Februar, 19. März, 29. April, 14. Mai, 12. und 25. Juni 2022. Info: https://www.oper-wuppertal.de/oper/programm/detailansicht-auffuehrung/auffuehrung/14-05-2022-die-piraten/




Die tiefe Wahrheit der Komödie: Vor 400 Jahren wurde der Dramatiker Jean-Baptiste Molière geboren

Es ist sicher nicht übertrieben, Molières „Tartuffe“ als eine der wichtigsten Komödien der Weltliteratur zu bezeichnen. Bei ihrem Erscheinen 1664 erzeugte sie einen gewaltigen Skandal. Ihr Autor wurde als Jean Baptiste Poquelin am 15. Januar vor 400 Jahren getauft*. In seiner Bedeutung als einer der großen dramatischen Autoren der Literaturgeschichte ist er William Shakespeare an die Seite zu stellen.

Jean Baptiste Molière im Jahr 1664. Stich von Charles Courtry nach einem heute verlorenen Gemälde von Michel Corneille d. J.

„Le Tartuffe“ wird bis heute häufig aufgeführt. Die Geschichte eines gerissenen Betrügers, der sich der Religion bedient, um mit vorgetäuschter Frömmigkeit und demonstrativem Glaubenseifer eine ganze Familie unter Kontrolle zu bringen, ist nach wie vor aktuell. Denn Molière beleuchtet in seinen Figuren die Mechanismen der Manipulation. Er führt die psychologischen Ursachen vor, die Menschen dazu bringen, ihre Einsichtsfähigkeit auszuschalten.

Der wohlhabende Herr Orgon und seine auf religiöse Perfektion fixierte Mutter Madame Pernelle unterwerfen alles, was sie erfahren und erleben, einem auf Tartuffe bezogenen Erklärungsmuster. Die Menschen in ihrem familiären Umfeld entlarven die Täuschung unschwer. Aber ihre Kritik führt dazu, die eigene Anschauung noch hartnäckiger zu verteidigen und sich an ihrer Wahrheit festzuklammern. Das Ende ist ein menschliches Desaster und der Bankrott der bürgerlichen Existenz. Ein Phänomen, das nur allzu bekannt wirkt. Doch in der Realität gibt es, anders als bei Molière, keinen wissenden König, dessen Eingreifen eine Katastrophe verhindern könnte.

Molières „Tartuffe“, eine bissige Abrechnung mit falscher Frömmigkeit und religiöser Heuchelei, wird im Frankreich Ludwigs XIV. als Angriff auf Glauben und Kirche missdeutet. Die Königinmutter Anna erwirkt, ganz im Sinne einer katholischen gegenreformatorischen Geheimgesellschaft, der Compagnie du Saint-Sacrement, ein Aufführungsverbot. Molière wird verdammt als ein „in Fleisch gehüllter, als Mensch verkleideter Dämon“, als „pietätloser Libertin“. Fünf Jahre kämpft er beim König, der ihm eigentlich gewogen ist, für sein Stück, bis es endlich nach der Entmachtung des alten Hofstaats 1669 mit riesigem Erfolg öffentlich in Paris aufgeführt werden kann.

Verblendung und Realitätsverlust

Dass Tartuffe erst im dritten der fünf Akte persönlich auftritt, ist mehr als ein spannungsfördernder Theaterkniff, den schon Goethe bewundert hat. Er gibt Molière den Freiraum, die Unzulänglichkeiten der Charaktere zu entwickeln, die auf ihre eigenen Gedankenkonstruktionen und Illusionen hereinfallen. Er führt dem Zuschauer schmerzlich vor, wie sich Menschen verrennen und von der Realität verabschieden.

Nicht nur in „Tartuffe“ überwindet Molière das possenhafte Unterhaltungstheater seiner Zeit. Seine Komödien haben den Anspruch, in der Deutung der menschlichen Existenz mit der Tragödie gleichzuziehen. Molière nimmt charakterliche Schwächen aufs Korn und kritisiert soziale Verhältnisse seiner Zeit. Ironie und karikierende Verzeichnung sollen die Zuschauer jedoch nicht nur lachen lassen, sondern dienen dazu, den Blick in die menschliche Seele zu vertiefen.

Als Molière 1659 mit seiner Komödie „Der verliebte Arzt“ auf Einladung seines Förderers Herzog Philippe von Orléans in Paris gastiert, gewinnt er das Wohlwollen des jungen Königs. Davor lagen für ihn fast zwei Jahrzehnte Theater in der Provinz. Molière hatte als Zwanzigjähriger darauf verzichtet, das erfolgreiche Geschäft seines Vaters, eines Tapissiers (Raumausstatters) zu übernehmen, und gemeinsam mit seiner langjährigen Gefährtin Madeleine Béjart eine Theatertruppe gegründet. Dieses Unternehmen geht nach zwei Jahren Bankrott und Molière wandert in Schuldhaft.

Komödien für den König

In den folgenden 13 Jahren lernt er das Theater von Grund auf kennen: Er leitet eine Theatertruppe, betätigt sich als Schauspieler und Autor. Mit „Die lächerlichen Preziösen“ karikiert er das exaltierte Verhalten von Pariser Mädchen, die gerne adelig und gebildet wären, und erzielt einen viel beachteten Erfolg, den er mit „Die Schule der Frauen“ fortsetzt. Wie der „Tartuffe“ ist dieses Stück über eine sich selbst bewusst werdende junge Frau und ihr Recht auf Liebe Anlass für eine heftige Kontroverse.

Für den König entwickelt Molière in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Jean-Baptiste Lully unterhaltsame Ballettkomödien, bleibt aber auch dem Genre der Charakterkomödie treu. Bis heute gespielt werden etwa „Der Geizige“, „Der Bürger als Edelmann“ oder „Der eingebildete Kranke“. Die Titelrolle dieses Stücks über naive Medizingläubigkeit und unfähige Quacksalber sollte am 17. Februar 1673 sein letzter Auftritt auf dem Theater werden: Während der Vorstellung attackiert den seit Jahren an Krankheiten laborierenden Molière ein schwerer Hustenanfall. Mit Fieber und Schüttelfrost bringt man ihn nach der Vorstellung nach Hause, wo er einen Blutsturz erleidet und stirbt. Nur auf Drängen des Königs gewährt die Kirche ihrem exkommunizierten Kritiker ein Begräbnis in aller Stille.

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* Geburtsdatum vermutlich einen Tag vor der Taufe, am 14. Januar 1622.

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Von den über 30 Stücken Molières ist in seinem Geburtsjahr an den Theatern in der Region so gut wie nichts zu finden. Lediglich die Burghofbühne Dinslaken spielt den „Tartuffe“  (Premiere war am 10.01.2020) in drei Vorstellungen in Limburg, Goch und Kamp-Lintfort.

Das umfangreiche Werk und die schillernde Persönlichkeit Molières stellt Frank Castorf ab 21. Januar 2022 ins Zentrum eines Abends im Depot 1 des Schauspiels Köln: „Ich bin ein Dämon, Fleisch geworden und als Mensch verkleidet“ ist der Titel der Produktion, zu der Aleksandar Denic die Bühne geschaffen hat. Tickets gibt es unter Tel. (0221) 221 28 400.

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Zum Tod von Herbert Achternbusch: Bayerischer Suff – auch im alten Griechenland

Betrübliche Nachricht: Der Dichter, Filmemacher, versierte Biertrinker, Lebenskünstler usw. usw. Herbert Achternbusch ist mit 83 Jahren gestorben. Und was finde ich dazu in meinem Archiv? Ausgerechnet eine Art „Verriss“ – vom 21. Mai 1996. Aber sei’s drum. Schmeicheleien waren seine Sache eh nicht. Passt scho‘. Hier der Text von damals, gesudelt anlässlich der Mülheimer Theatertage. Nehmt’s halt als Nachruf, sanft möge er ruhen:

Herbert Achternbusch beim 33. Filmfest in München, 2015. (Foto: © Wikimedia Commons/Harald Bischoff) – Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Nein, der „Nabel der Kultur-Welt“ ist Mülheim gewiß nicht. Dieses (von manchen keck beanspruchte) Prädikat wies auch Hans-Georg Specht, Oberbürgermeister der Stadt, in aller Bescheidenheit zurück, als er jetzt die Mülheimer Theatertage eröffnete. Doch immerhin steht nun gleichsam wieder ein Wanderpokal des deutschen Feuilleton-Betriebs an der Ruhr. Denn zum 21. Mal geht es beim allzeit interessanten Dramatikerwettbewerb ums beste neue deutsche Stück.

Alkoholische Hirnzertrümmerung

Der Aufgalopp der Inszenierungen begann mit A wie Achternbusch, Herbert. Der hat mit seinem Drama „Letzter Gast“ sozusagen bayerische Kneipenatmosphäre ins klassische Griechenland verpflanzt. Treffen sich also ein alter Ägypter, ein Grieche und der Wirt, („zugroaster“ Römer) in einem Lokal zu Hellas. An der ägäischen Bucht ist das Bier grün, es verfehlt aber seine Wirkung nicht. Und wenn hernach der lebensgefährliche „Selbstgebrannte“ zum Einsatz kommt, zucken gar Blitze über die Bühne, die schlagartige alkoholische Hirnzertrümmerung signalisieren.

Und so salbadern sie denn auch, einer nach dem anderen seinen delirierenden Monolog abliefernd. Groteske Parodie auf die altgriechische Kunst der Rede und des Dialogs? Mag sein. Zwölf Lokalrunden werden binnen zwei Stunden Spielzeit geschmissen, und jede wird eingeläutet wie ein Boxkampf.

Wie viele Hügel hat das antike Rom? Ist die Erde eine Scheibe oder eine Kugel? Wie wäre es, wenn die Menschen statt der vielen Götter nur noch einen einzigen verehren? All das und noch vieles mehr wird beredet am promillo-philosophischen Stammtisch, der später – welch sinnfälliger Kommentar zum Stück – im überquellenden Theaterschaum versinkt.

Auftritt der Tierkopf-Götter und des kleinen Krokodils

In Alexander Langs Einrichtung (Münchner Kammerspiele) wird dem verbalen Wirrwarr mit Fez und Karneval Genüge getan. Da defilieren die ägyptischen Tierkopf-Gottheiten (Horus, Anubis & Co.) stumm und gravitätisch durch die Szenerie, da rennen bayerische Polizisten samt Nikolaus hinterdrein, und überm Tresen, der an einen Altarschrein erinnert (schönes Bühnenbild: Caroline Neven Du Mont), reckt auch schon mal ein kleines Spielzeugkrokodil sein Haupt. Tri-Tra-Trullala.

Achternbusch scheint sich stets auf die Gnade des frühesten Einfalls verlassen zu haben. Schreib’s halt gleich hin, ‘s ist sowieso egal. Geradezu verschwenderisch gut muten die schauspielerischen Leistungen an. Thomas Holtzmann als vierschrötiger Wirt, Michael von Au als tuntiger Grieche Semel, Regisseur Alexander Lang selbst als stocksteifer Ägypter Ptah und Jörg Hube als lachender „letzter Gast“ Thukydides – das ist schon ein Ensemble, auch mit Trinksprüchen aller Ehren wert.

Sechs weitere Autoren und ihre Stücke sind noch im Wettbewerb. Man wird sehen, wem am Schluß zugeprostet wird.

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P. S.: 1996 hat Achternbusch den Dramatikerpreis nicht errungen. Allerdings war er in Mülheim 1986 mit „Gust“ und 1994 mit „Der Stiefel und sein Socken“ erfolgreich. Die Fülle seiner weiteren Preise und Ehrungen wollen wir hier nicht aufzählen.

 

 




„…hat es keinen Zweck etwas anzufangen, / nicht einmal einen Satz.“ – „Winterrezepte“ der Nobelpreisträgerin Louise Glück

Die Erinnerung scheint aus einem Traum oder Märchen zu stammen, nicht aus wirklichem Erleben: „Jedes Jahr, wenn der Winter kam, gingen die alten Männer / in den Wald, um Moos zu sammeln, welches / auf der Nordseite mancher Wacholdersträucher wuchs.“

Waren ihre Säcke voll, machten sie sich mühsam auf den Heimweg. Die Frauen fermentierten und präparierten das Moos, bestrichen es „mit wildem Senf und kräftigen Kräutern“, machten daraus ein belebendes Winterbrot. Sie verkauften die „in Wachspapier gewickelten Brote auf dem Marktplatz, / während der Schnee fiel“. Das Buch, in dem sie einst die Zutaten und die Zubereitung der Brote notierten, und das Buch, das die Lyrikerin jetzt mit ihren eigenen Worten nacherzählt, als würde sie einer fernen mythischen Zeit ihre Stimme verleihen, enthält „nur Rezepte für den Winter, wenn das Leben schwer ist. Im Frühling / kann jeder ein feines Mahl zubereiten.“

„Winterrezepte aus dem Kollektiv“ ist das Titel gebende Gedicht der Lyriksammlung, die Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück wie ein sanftes Ruhekissen, gefüllt mit zeitlosen Weisheiten und naturphilosophischen Reflexionen, dem Leser übereignet. Es ist das erste Buch der zurückgezogenen lebenden Dichterin, seitdem sie im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht. In ihrer US-amerikanischen Heimat ist sie längst eine feste literarische Größe, hierzulande aber noch immer ziemlich unbekannt und unverstanden.

Ob sich das jetzt ändern wird, scheint fraglich. Denn die Verse, die Louise Glück mit weltflüchtiger Fantasie und kontemplativer Verdichtung schmiedet, künden von depressiver Verstimmung und existenzieller Verlorenheit, oft nahe am Verstummen. Manchmal verrutschen der Dichterin auf der Suche nach einem Du und einem mitfühlenden Kollektiv auch die Bilder, schrammen nur knapp am Kitsch vorbei. Von Bonsai-Bäumchen („Wir haben sie ihres Ursprungs beraubt, / daher brauchen sie uns jetzt“) ist die Rede, von der untergehenden Sonne, von einer Reisenden, die, als die Freundin sie wortlos verlässt, in einem abgelegenen Hotel strandet und niemals ans Ziel kommt.

Ein „Concierge“ wird zum Zen-Meister des Wartens und der Reise ins eigene Selbst: „Du hast deine eigene Reise begonnen, / nicht in die Welt wie dein Freundin, sondern zu dir und deinen Erinnerungen.“ Als wäre das nicht schon esoterisches Geraune genug, ist die auf Erleuchtung hoffende und sich nach Erlösung sehnende Dichterin vom pseudo-chinesischem Gefasel ihres Meisters regelrecht verzückt: „Alles ist im Wandel, sagte er, und alles ist verbunden. / Auch kommt alles wieder, doch ist, was wiederkommt, nicht, / was ging.“

Immer wieder versucht die Stimme ihre geliebte Schwester und die Gegenwart ihrer verstorbenen Mutter heraufzubeschwören, gräbt aus der verschütteten Kindheit einen Tag im Park aus, hört den Wind rauschen, sieht sich im Blätterhaufen mit der Schwester herumtoben. Doch die Mutter weiß es besser und erinnert sich anders: „Ihr habt nie getobt. / Ihr wart brave Mädchen“. Die Zeit vergeht, die Erinnerung verblasst, die Wahrheit ist nur eine vage Vermutung, das Leben nur ein Warten auf den Tod: „Alles ist zu Ende, sagte ich. / Und ist das der Fall, / hat es keinen Zweck etwas anzufangen, / nicht einmal einen Satz.“

Doch dann beginnt sie wieder von neuem, spricht gegen das langsame Verdämmern an. Oft mit großer poetischer Anstrengung und musikalischem Gespür für den Klang der alltäglichen Sprache. Leider hat Übersetzerin Uta Gosmann kein Gefühl für den Rhythmus des mäandernden Erzähl-Flusses. Steifes Nacherzählen, statt freier Variation sklavische Worttreue. Zum Glück ist die mit chinesischen Schriftzeichen geschmückte Ausgabe zweisprachig. Das englische Original entschädigt für manchen Missgriff der knorrigen deutschen Sprach-Vergeblichkeit.

Louise Glück: „Winterrezepte aus dem Kollektiv“. Gedichte. Zweisprachig. Aus dem amerikanischen Englisch von Uta Gosmann. Luchterhand, München 2021, 80 Seiten, 16 Euro.

 




Früher war einfach mehr Kneipe!

Schankraum der Gaststätte Lohsträter, Herringen (Hamm), um 1920. (Gustav-Lübcke-Museum/Sammlung Heinz Hilse)

Ach, wo sind sie nur geblieben, die vielen Eckkneipen Westfalens, zumal im Ruhrgebiet? Wo sind die knarzigen, urigen Typen, die dort Abend für Abend gehockt und frei von der (wohl arg strapazierten) Leber weg geredet oder stundenlang schweigend gesüffelt haben?

Früher war’s nicht besser, aber anders. Da gehörten mindestens zwei Dinge zwingend zum Kneipenwesen: eine Jukebox und ein Flipper. Aber halt! Das war ja schon eine Weiterentwicklung für die damals jüngeren Jahrgänge. Noch vorher zählten zum unverbrüchlichen Inventar die gemeinschaftlichen Sparkästen mit nummerierten Fächern – und Soleier im Glas, das möglichst auf der Theke zu stehen hatte. Zuallererst natürlich stets das „Grundnahrungsmittel“: frisch gezapftes Bier, zünftiger noch in Form des „Herrengedecks“, also Bierchen und Schnäpschen in ritueller Abfolge.

Richtige Arbeiterkneipen habe ich kaum noch kennengelernt. Eine Frage des Jahrgangs und des Wohnviertels. Immerhin hat mein Vater mich (es muss wohl 1958 gewesen sein, zur Fußball-WM in Schweden) im Schatten der Dortmunder Zeche Germania als Kind mal zum Fußballgucken in eine solch proletarische Kneipe mitgenommen. Da flackerte einer der frühen Fernsehapparate – und es ging ziemlich hoch her, wenn ich mich recht entsinne.

O grelles frühes Tageslicht!

Die Zeit, als ich öfter in Kneipen gegangen bin, ist auch schon lange her. Die Lokale hatten sich allerdings schon damals verändert. Wir haben uns meist im vormals kleinbürgerlichen Dortmunder Kreuzviertel herumgetrieben, wo sich in den 1970er Jahren allmählich Szenekneipen herausbildeten, also eher studentische Treffs. Ein abendlicher Lebensmittelpunkt war für uns der „Bunker“, tatsächlich ein ehemaliger Weltkriegsbunker, in dem man sich – buchstäblich unterirdisch – ganze Nächte um die Ohren schlug. Frühmorgens gegen vier ließ der Wirt nach all dem Rock-Gedöns unversehens „Guten Morgen Sonnenschein“ von Nana Mouskouri laufen. Ein Schock. Draußen zwitscherten schon die Vögel. O grelles frühes Tageslicht im Sommer!

Wirtin Ingrid Brede in der Hammer Kneipe „Blauer Affe“, 1962. (Gustav-Lübcke-Museum/Sammlung Ludger Moor, Hamm)

An solche harmlosen Eskapaden bin ich jetzt durch eine Ausstellung im Hammer Gustav-Lübcke-Museum erinnert worden: „Treffpunkt Kneipe“ erzählt die Geschichte, die mit allerlei klösterlichen und privaten Braustätten (wenn etwas übrig war, stellte man halt Bänke auf und bat Gäste hinzu) als Kneipen-Vorläufern beginnt. Anno 1719 hat es allein in Hamm rund 50 Braustellen gegeben, mit der Industrialisierung wuchs die Isenbeck-Brauerei, die mittlerweile auch Geschichte ist. Warsteiner hat die Marke gekauft.

Funktionen gewonnen, Funktionen verloren

Die Kneipe, so erfährt man in der Schau, hat im Laufe der Zeit viele Funktionen gewonnen und nach und nach wieder verloren. Ehedem dienten die Lokale als politische Versammlungsstätten, als Vereinsheime, Orte für Gymnastik und Boxsport (im Rahmen der Arbeiterbewegung), Proben- und Auftrittsräume für Chöre oder sonstige Musikensembles. Überhaupt gab’s hier Kultur sämtlicher Sparten. Etliche Kneipen hatten Theaterbühnen oder dienten mangels Museum als Ausstellungsräume. Zeitweise fanden Modenschauen oder Auktionen statt, es wurden bizarre kleine Weltwunder vorgeführt, auch schauten Zahnärzte nebst anderem ambulanten Gewerbe vorbei. Das ganze bunte Leben.

Bergleute der Zeche Radbod beim Umtrunk, 1913. (Gustav-Lübcke-Museum/Sammlung Christa Weniger)

Zwei westfälische Stätten haben sich mir vor Jahren besonders eingeprägt: zum einen das gediegene, urgemütliche Gasthaus Porten Leve in Warendorf – und die ganz anders geartete „Klosterkanne“, ein bahnhofsnaher Schuppen just in Hamm. Heute kann man’s ja freimütig zugeben: In dieser Spelunke sind auch gewisse Lokaljournalisten verschiedener Blätter gelegentlich schon mal untertags „versackt“. Alle Gäste rauchten wie die Teufel, aus der Jukebox plärrten damals Gassenhauer wie „Waterloo“ von Abba und „Sugar Baby Love“ von den Rubettes, wahlweise auch Schunkler wie „Drink doch eine mit“ von den Bläck Fööss oder „Die kleine Kneipe“ von Peter Alexander. Andere Zeiten, andere Songs, andere Sitten.

Wie es wohl weitergehen wird?

All das war nicht annähernd vergleichbar mit dem, was wir zu jener Zeit in Irland erleben durften. Das war eine andere Kneipen- oder eben Pub-Kultur! Wenn zu so manchem „Pint of Guinness“ der ganze proppenvolle Laden zusammen aus voller Brust Folk-Songs anstimmte, wurde es einem auch ums westfälische Herz recht warm.

Inzwischen hat es einigen Niedergang oder jedenfalls Wandel gegeben. Ganze Kneipenquartiere, wie etwa jenes um den Dortmunder Ostwall herum, sind praktisch restlos verschwunden. Ob das Bochumer „Bermuda-Dreieck“ ein Ersatz ist? Nun ja, es ist nicht dasselbe. Ansonsten sind reine Kneipen vielfach Speiselokalen mit internationaler Anmutung gewichen. Statt von Kneipen redet man öfter von Clubs. Im Gefolge der Corona-Pandemie und erst recht seit Aufkommen der Omikron-Mutation ächzt die gesamte Gastronomie nicht nur unter Personalnot.

Wie es weitergehen wird? Hoffentlich bald wieder vital und betriebsam. Darauf heben wir die Gläser und bringen den landesüblichen Trinkspruch aus: „Wohlsein!“

Lokal fokussierte Ausstellung zum Thema: „Treffpunkt Kneipe. Hammer Lokalgeschichten“. Gustav-Lübcke-Museum, Hamm, Neue Bahnhofstraße. Noch bis 20. März. Mehr Infos:

https://www.museum-hamm.de/ausstellungen/aktuell/treffpunkt-kneipe/
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Der Text ist zuerst im Kulturmagazin „Westfalenspiegel“ (Münster) erschienen. www.westfalenspiegel.de




Hier ist sie – die wohl dämlichste Schlagzeile der Woche…


Ihr könnt es kaum noch erwarten, die dusseligste Schlagzeile der Woche zu lesen? Gemach! Hier steht sie.

Die Überschrift scheint mir nicht nur dämlich, sondern auch verantwortungslos zu sein, wenn man mal die ganze aufgeheizte Stimmung dieser Tage mitbedenkt. Denn natürlich sitzt der Mann nicht etwa im Gefängnis, w e i l er keine Maske getragen hat. Das glauben allenfalls Verschwörungs-„Theoretiker“ oder Kreuz- und Querschwurbler. Und just solche Leute bzw. jene, die dafür anfällig sind, werden den zugehörigen Artikel wahrscheinlich gar nicht mehr lesen, weil für sie ohnehin ausgemacht ist, dass Ungeimpfte Opfer einer „Diktatur“ und einer gleichgeschalteten Presse seien.

Die Zeile aus der Werkstatt der Dortmunder Ruhrnachrichten (Stadtteilzeitung West), übernommen in die örtliche WAZ-Ausgabe, suggeriert just einen direkten Zusammenhang. Dabei ist der Betreffende lediglich aufgefallen, weil er keine Maske getragen hat. Eigentlich wurde er wegen Einbruchsdiebstahls per Haftbefehl gesucht – aufgrund eines rechtskräftigen Urteils. Wegen dieser Sache muss er „sitzen“, nicht etwa wegen der fehlenden Maske. Aber das verklicker mal einem, der den Medien eh nichts mehr glaubt.




Heilig, heilig, heilig – mitten im Lokal

Prösterchen mit Sekt im (einstmals) kirchlichen Kontext. (Foto: Bernd Berke)

Kurz vor dem Dreikönigstag ist mir abermals aufgefallen, dass eine weitere Gaststätte sich mit einem dreidimensionalen Heiligenbildnis schmückt. Daran knüpfen sich Fragen:

Erstens würde es mich interessieren, ob es Deko-Lieferanten gibt, die solche Figuren eigens für Lokale herstellen – oder ob es sich um Objekte aus aufgegebenen Kirchen handelt. Der stellenweise beschädigte Zustand der Figur auf dem großen Foto deutet darauf hin, dass man das Stück aus einer Kirche oder einem entsprechenden Depot geholt hat. Nicht ganz auszuschließen wäre freilich, dass solche Skulpturen im Sinne eines „used look“ eigens so hergestellt werden. Vintage rules. Man kennt das aus anderen Bereichen.

Zweitens möchte ich gern wissen, woraus sich dieser Trend herleitet, wenn es denn einer ist. Sind die Gastronomen darauf aus, allerhöchsten Beistand zu erflehen – erst recht „seit Corona“? Oder gilt derlei Schmuck einfach als „cool“, weil er eine Bildwelt ausbeutet, die bisher noch nicht an der Reihe war, jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang?

Anderes Lokal, anderes Bildnis: hier nicht auf Augenhöhe, sondern deutlich über den Sitzen schwebend. (Foto: Bernd Berke)

Eifrige Kneipengänger werden sicherlich noch mehr Beispiele aufführen und daraus vielleicht genauere Schlüsse ziehen können. Wahrscheinlich ist die Chose z. B. in Berlin längst durch und das Ruhrgebiet gesellt sich mal wieder zu den Nachzüglern. Es mag aber sein, dass es sich ganz anders darstellt.

Und wie hält man es wohl in Bayern? Wäre es nicht verständlich, wenn jemand ein gewisses kulturkonservatives Unbehagen verspürt, auf solche Weise fromme Figuren ins Profane herabgezerrt zu sehen?

Aber nein! Es ist ja längst alles so vermischt und verwurstet, dass den meisten Leuten die Unterschiede kaum noch auffallen. Wenn es wenigstens dämmert, wenn also die verschiedenen Ebenen überhaupt zur Kenntnis genommen werden, so ist es schon viel.

Bemerkenswert die ersten Äußerungen bei Facebook (FB), wo ich die beiden Bilder ebenfalls eingestellt habe. Ein FB-Freund scherzt, hier wandle sich wohl „Wasser wieder zu Wein“. Ein derart biblischer Vorgang wäre in der Tat günstig für Wirtsleute. Eine Freundin sagt, bei dem Anblick vergehe ihr – aus welchen Gründen auch immer – der Appetit, eine weitere meint, angesichts solcher Statuen traue man sich ja gar nicht mehr, „über die Stränge zu schlagen“. Noch eine Stimme: „Offensichtlich sind die Betreiber seeeehr weit weg davon und konnotieren NICHTS (mehr) damit…“ Genau. Siehe oben.

Uuuuund noch eine Reaktion, getragen von Verständnis für die Heiligen: „Die wollen doch auch mal unter Leute und gesehen werden. In die Kirchen kommt ja kaum noch jemand.“