Wie die Zukunft der Welt vergeigt wurde – Ian McEwans raffinierter Roman „Was wir wissen können“

Er ist ein Gigant der Gegenwartsliteratur. Ob „Abbitte“ oder „Kindeswohl“: Seine Romane haben Bestseller-Garantie und werden erfolgreich verfilmt. Ian McEwan hat für seine politisch brisanten und ziemlich bizarren Bücher unzählige Preise bekommen. Nur einen noch nicht: den Literaturnobelpreis.

In seinem Roman „Was wir wissen können“ entwirft er mit stilistischer Eleganz und lakonischer Ironie ein Bild davon, wie die Welt in einhundert Jahren aussehen könnte, wenn wir – wie leider anzunehmen – sehenden Auges in den Abgrund der Klimakatastrophe und der atomaren Kriege steuern.

Weil er aber kein trauriger Bänkelsänger ist, surft McEwan auf einer fast heiteren literarischen Welle durch die Zeiten, springt munter zwischen Heute und Morgen, verwickelt einen literarischen Stellvertreter in ein Erzähl-Geflecht, das zu einer abenteuerlichen Schnitzeljagd wird.

Der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe blickt mit dem Wissen des Jahres 2119 auf unsere Gegenwart zurück: Sein Spezialgebiet ist die Literatur zwischen 1990 und 2030, er will herausfinden, ob und wie die Werke dieser Epoche auf die nahende ökologische und politische Katastrophe reagiert hat. Thomas liebt diese Ära der Widersprüche und des Überflusses, in der die Zukunft noch rosig schien – und dann doch alles aus Überdruss und Dummheit vergeigt wurde.

Die Welt, in der Thomas lebt, ist trist und tödlich: Weil die KI entschieden hat, dass Angriff die beste Verteidigung ist, wurden mehrere Atomkriege geführt. Die Wucht der Explosionen löste ungeheure Tsunamis aus und setzte große Teile der Erde unter Wasser. Russland hat den aus dem Wasser ragenden Rest von Europa annektiert. England ist nur noch ein Archipel aus vielen kleinen Inseln.

Wenn Thomas von seiner Insel mit einem Boot zu jenem Eiland reisen will, auf der er ein verschollenes Gedicht vermutet, das ihm Antworten auf Fragen der Literaturgeschichte geben könnte, ist das ein gefährliches Abenteuer. Dieses Gedicht, das nur ein einziges Mal vorgelesen und niemals gedruckt wurde, ist für Thomas der Heilige Gral der Erkenntnis und Wahrheit. Francis Blundy, der größte Dichter seiner Zeit, hat es seiner Frau Vivien im Jahr 2014 geschenkt und bei ihrer Geburtstagsfeier vorgetragen. Danach verschwand es, wurde Stoff für Legenden und Vermutungen.

Thomas kennt alle Dokumente und Informationen, die jemals über das Gedicht verbreitet wurden. Aber wenn er seine Arbeit zu einem glücklichen Ende führen will, reicht es nicht, dass er Leben und Werk von Francis Blundy zu kennen glaubt und verliebt ist in Vivien und ihr geheimnisvolles Wesen. Um der Wahrheit näher zu kommen, muss er das Gedicht finden. Aber was er dann ausbuddelt, stellt seine Vorstellungen von dem, was wir wissen können, völlig auf den Kopf.

Ian McEwan holt – Abrakadabra – den literarischen Zauberstab heraus und zeigt uns lächelnd, dass wir rein gar nichts wissen, weil alle Beteiligten aus guten Gründen nur Lebenslügen verbreitet und ihre vertrackten Liebesaffären mit rhetorischen Finessen vernebelt haben. Ist der erste Teil des Romans bereits ein grandioses Puzzle über Fakten und Fiktionen, so ist der zweite Teil ein literarisches Meisterwerk bizarrer Enthüllungen und absurder Desillusionierungen. Seinem Spitznamen „Ian Macabre“ macht der Autor hier wieder einmal alle Ehre.

Ian McEwan: „Was wir wissen können“. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes Verlag, Zürich 2025, 480 Seiten, 28 Euro.




Befreiung von unten: Ilaria Lanzino deutet an der Rheinoper Verdis „Nabucco“ als abgründiges politisches Drama

Chor und Extrachor der Deutschen Oper am Rhein spielen in „Nabucco“ eine prominente Rolle. (Foto: Sandra Then)

„Nabucco“ ist eine von Verdis politischen Opern. Völker liegen miteinander im Streit, machtbewusste Führerfiguren treffen aufeinander. Die Liebesgeschichte rückt an den Rand, wird vor allem wegen ihrer gesellschaftlichen Konsequenzen bedeutsam. Religion wird politisch instrumentalisiert, Politik sakralisiert.

Kein Wunder, dass diese Oper 1842 eine ungeheure Wirkung hatte. Auch ohne ihre spätere Rückprojektion ins „Risorgimento“ ist deutlich, dass Verdi und sein Librettist Temistocle Solera den Nerv der Zeit trafen. Bei der Frage, wie die politische Brisanz des „Nabucco“ jenseits pompöser Arena-Umzüge vergegenwärtigt werden könnte, fallen vielen Regisseuren die Kriegsbilder von heute ein, nicht selten entstanden im Nahostkonflikt, der seit Jahrzehnten eine Quelle ständigen Leids im antiken Land der Hebräer ist. Aber die expliziten Zitate gegenwärtiger Konflikte bleiben allzu oft anspielungssüchtige Kulisse, treffen den Kern der Oper nicht und lassen ob der Fülle der medialen Bildeinflüsse kalt.

Ilaria Lanzino geht in ihrer Inszenierung an der Deutschen Oper am Rhein, die jetzt in Duisburg wieder aufgenommen wurde, einen anderen Weg. Bei ihr gibt es keine Intifada-Tücher oder Israel-Armeeuniformen, sondern zwei Völker, die Carola Volles beide in staubbedeckte Kleider von heute steckt. Wer ist aus Babylon, wer aus Jerusalem? Die Menschen, die auf der Bühne aus den Öffnungen von Dorota Caro Karolczaks umgestürzter Hausfassade kriechen, vereint das gemeinsame Elend.

Svetlana Kasyan (Abigaille) und Alexey Zelenkov (Nabucco) im dritten Akt der Oper Giuseppe Verdis an der Deutschen Oper am Rhein. (Foto: Sandra Then)

Den Traum von den frei fliegenden „Gedanken auf goldenen Flügeln“ singen sie gemeinsam. Denn die Trennungslinie verläuft zwischen Oben und Unten. Über die Völker spannt sich ein weiß-goldener Säulengang, auf dem die Mächtigen in Prunk und Glitter daher schreiten. Sie unterscheiden sich kaum: Ausübung und Insignien der Macht sind überall ähnlich. Diese Brücke wird einknicken, als Nabucco sich zum Gott ausruft und das Spiel der Macht aus dem Gleichgewicht gerät.

Verknüpfung von Politischem und Privatem

Lanzino verknüpft die Konfrontation der Völker mit den privaten Geschichten: Da ist die aus Staatsräson unmögliche Verbindung von Fenena (Babylonierin) und Ismaele (Hebräer). Und da ist die verkorkste Familienaufstellung der Nabucco-Sippe: Fenena die Lieblingstochter; Abigaille das zurückgesetzte Kind aus einer außerehelichen Affäre, die „Tochter einer Sklavin“. Lanzino lenkt den Blick auf die Kindheit der beiden Frauen und macht verständlich, warum Fenena ihre Humanität aus einer ungebrochenen, liebeserfüllten Kindheit speisen kann, während Abigaille ständig um ihre Position kämpfen und Kränkungen verwinden muss. Ihr Hass gegen ihre „niedere“ Herkunft wird verstörend deutlich, wenn sie nicht das verräterische Dokument zu ihrer Abstammung zerreißt, sondern ihre extra als stumme Rolle eingefügte Mutter erwürgt. So, als könne sie durch deren Tod den Makel ihrer Geburt ausradieren.

Eines von Lanzinos Darstellungsmitteln war schon bis zum Überdruss zu sehen, wirkt aber unter ihren sorgfältig ausführenden Händen frisch und überzeugend: Drei vorzüglich spielende Kinder, allen voran Lina Emilie Göke als Abigaille, aber auch Livia Matys (Fenena) und Jean Fabian (Ismaele) legen die psychologischen Wurzeln der Konstellationen frei, die im Drama aktuell werden. Jetzt wird klar, woher der Hass des älteren Mädchens auf ihren Erzeuger kommt: Sie gibt Nabucco das zurück, was er ihr angetan hat, bis hin zum letzten Schlag ins Gesicht.

Vorzüglich spielende Kinder

Kinder spielen auch in einer weiteren Bühnenchiffre eine erhellende Rolle: Im Vorspiel, wenn eine voyeuristische Kamera in die Fenster der noch intakten Hausfassade blickt, sind Kinder beim Spiel mit Musikinstrumenten zu sehen. Es sind das Mädchen und der Junge, die später die Barrikade zwischen den Gegnern zu überwinden versuchen, um gemeinsam Musik zu machen. Ein berührendes Detail, das die versöhnende Kraft der Musik und der kindlichen Unvoreingenommenheit ins Bild rückt, wenn es darum geht, zwischen Fronten zu vermitteln. Der Frieden erwächst bei Lanzino weniger aus Einsicht, sondern aus Erschöpfung. Die geknechteten Völker binden ihre Herrschenden an einen Scheiterhaufen; am Tisch der Mächtigen sitzen nun Menschen aus dem Volk.

Ein solches Konzept braucht engagierte Darsteller, und die stehen im Ensemble der Rheinoper zur Verfügung: Svetlana Kasyan tritt hoch über dem staubgrauen Dunst der Plebs (geniales Licht: Thomas Dick) in der geschmacklosen Haute Couture emporgekommener Potentatengattinnen auf, mit einer Handtasche, deren Volumen ihrer angestrebten Bedeutung entspricht. In ihrer großen Szene im zweiten Akt brütet sie über ihrem Plan zur Macht in einem bedrückend niedrigen Saal mit einem an Putins Kreml-Tafel erinnernden langen Tisch.

Vokal ist Kasyan zunächst unsicher: Sie setzt die Töne vorsichtig an, wo sie einen selbstbewusst vollen Ton zeigen müsste, sucht nach der Position der Stimme, lässt einzelne Phrasen von der Stütze rutschen und hat Mühe mit dem Wechsel zum tiefen Register. Im Lauf des Abends gewinnt die Sängerin an Sicherheit und damit auch an Ausstrahlung – die Figur wird zwischen Bosheit, innerer Leere, Machtstreben und Verzweiflung greifbar.

Balance der Stimmen fehlt

Bei ihrer Schwester Fenena macht das groteske rosa Kostüm schon die Rolle deutlich, die ihr aufgedrückt wird. Sie ist die verwöhnte, bevorzugte kleine Tochter, die sich auf ihre Weise aus der Umklammerung des Vaters lösen muss. Ramona Zaharia setzt ein dunkles Contralto-Timbre ein, um Fenena aus der undankbaren Ecke der passiven Randfigur zu lösen. Für Eduardo Aladrén ist Ismaele keine Figur, mit der er sich Lorbeeren erwerben könnte: Er steigt mit grober Tongebung ein, hat sich in der Höhe arg anzustrengen und sucht in den Ensembles nach der passenden Balance mit seinen Partnerinnen. Das große Ensemble und Finale des zweiten Akts mit seinem Kanon der Solisten will so nicht gelingen: Jeder versucht, seine Haut zu retten; eine klangvolle Balance der Stimmen stellt sich nicht ein.

Shavleg Armasi als Zaccaria mit dem Chor und Extrachor der Deutschen Oper am Rhein. (Foto: Sandra Then)

Shavleg Armasi als Zaccaria nutzt die Predigt im ersten, das berühmte Gebet im zweiten und die Prophezeiung im dritten Akt für eine Demonstration flexibler stimmlicher Mittel. Dass ihm balsamisches Timbre und souveräne messa di voce nicht gegeben sind, lässt seinen Zaccaria wegrücken vom Ideal des Belcanto. Aber sein Gebet trägt er würdevoll vor, erfolgreich bemüht um den großen Bogen, das suggestive Legato und einen wohltuend von kruder Verdi-Brüllerei entfernten Emission.

Sein Gegenspieler Nabucco lässt vom Rang aus einen goldbronzenen Bariton vernehmen, der mit herrlich gefluteten Phrasen das besiegte Zion in den Staub befiehlt. Alexey Zelenkovs mächtige, jedoch nie übertrieben eingesetzte Stimme ist auch in der Lage, den gebrochenen, halb wahnsinnigen Nabucco des dritten Akts glaubhaft zu gestalten. Valentin Ruckebier (Oberpriester des Baal) hat weniger Lockerheit zu bieten. Riccardo Romeo (Abdallo) holt das Beste aus seinen wenigen Sätzen heraus. Elisabeth Freyhoff kann als Anna ihre schöne Stimme nicht entfalten.

Hauptperson Chor

Hauptperson des „Nabucco“ ist natürlich der Chor (mit Extrachor) der Deutschen Oper am Rhein: Der „Gefangenenchor“ ist für Patrick Francis Chestnuts Ensemble ein Spiel in der Champions League, das die Sängerinnen und Sänger mit polierten Piani und makelloser Intonation glänzend bestehen. Aber auch der markant aggressive Chor der Babylonier und die Finalchöre gelingen mit Ehrgeiz.

Den Duisburger Philharmonikern gibt Kapellmeisterin Katharina Müllner die passenden Impulse zu knackigem Spiel – anfangs in der Ouvertüre noch etwas zu kantig und in der Dynamik abrupt, später flexibler und die kruden Seiten der Musik des jungen Verdi nicht überbetonend. Müllner dirigiert, gottseidank, keine Walzer, wenn Verdi einen Dreiertakt schreibt, bleibt in den Tempi angemessen moderat, zeigt Sinn für das Cantabile und achtet darauf, dass sich die Orchestersolisten (Celli, Flöten) entfalten können.

Aufführungen am 26. Dezember 2025 in Duisburg, am 14. und 20. Februar, 8. März, 19. April, 17. und 30 Mai sowie 14. Juni 2026 in Düsseldorf. Karten im Internet oder telefonisch unter (0211) 89 25 211.




Die Zeiten ändern sich: Neue Chefin im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte

Dr. Tanja Pirsig-Marshall, die neue Direktorin des Museums für Kunst und Kulturgeschichte (MKK), vor dem Eingang des Hauses. (Foto: © Benito Barajas/Stadt Dortmund)

„Die Neue“ trumpft nicht gleich auf, sondern spricht bedachtsam und eher leise. Doch man täusche sich nicht. Dr. Tanja Pirsig-Marshall (52) hat jede Menge Erfahrung im Museumswesen, sie ist auch international gut vernetzt. Einstimmig hat der Rat der Stadt Dortmund beschlossen, dass sie die Leitung des Museums für Kunst und Kulturgeschichte (MKK – mitsamt einer Reihe angegliederter Museen) übernehmen soll. Und nein: Als städtische Willkommensgabe wurde ihr kein BVB-Schal überreicht, wie bisher bei ähnlichen Anlässen oftmals üblich. Die Zeiten ändern sich. Oder weltläufiger, mit Bob Dylan zu singen: „The Times, They Are A-Changin'“.

Westfälisch bodenständig ist sie aber auch: Frau Pirsig-Marshall hat zuletzt viele Jahre am LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster (Domplatz) gearbeitet, seit 2015 war sie dort stellvertretende Direktorin und seit 2022 zuständig fürs zentrale Referat Ausstellungen, Sammlung und Forschung. Von daher bringt sie auch spezielle Expertise beim Neubau eines großen Museums und beim Aufbau eines Depots mit, die sie in Dortmund bestens gebrauchen kann. Denn auch hier soll gar manches neu entstehen, nicht zuletzt ein zeitgemäßes Depot.

Gründlicher Umbau dürfte fünf bis sechs Jahre dauern

Unter gewissen Aspekten ist es eigentlich schade, dass das Dortmunder Haus an der Hansastraße (Gründung 1883, seit 1983 in der früheren Sparkasse untergebracht) bald grundlegend saniert und dabei völlig neu ausgerichtet werden soll. Somit wird die neue Leiterin während einer Umbauzeit von schätzungsweise fünf bis sechs Jahren nicht sichtbar aus dem Vollen schöpfen und mit großen Schauen glänzen können, sondern vor allem mit ihrem Team im Hintergrund intensiv am veränderten Konzept arbeiten, was sie jedoch als Chance begreift, um innovative Ideen umzusetzen. Freilich soll, wie Dortmunds Kulturdezernent Jörg Stüdemann versichert, auch in der Übergangszeit eine Teilpräsenz des Museums erhalten bleiben, so dass es nicht etwa im Gedächtnis der Stadtgesellschaft verblasst.

Keine „Schutzzone“ wie in Münster

Tanja Pirsig-Marshall versteht die neue Aufgabe als Herausforderung. Münster sei vergleichsweise eine Schutzzone, eine „heile Welt“ mit recht intakten Strukturen und finanziellem Polster, aber im Grunde finde sie Dortmunds lebendige Vielfalt spannender. Das Museum solle denn auch ein Ort für die ganze Breite der Bevölkerung sein. Hierfür gelte es, neue Perspektiven herauszuarbeiten. Viel konkreter kann sie sich natürlich noch nicht äußern.

Empfang mit Blumenstrauß im Dortmunder Rathaus: Die neue Museumsleiterin Tanja Pirsig-Marshall, flankiert von Kulturdezernent Jörg Stüdemann (li.) und Stefan Mühlhofer, Leiter der Dortmunder Kulturbetriebe. (Foto: Bernd Berke)

Beste Verbindungen auf die britische Insel

Die Museumsfrau hat in Bonn und Bochum studiert und ihre Laufbahn 1999 am Essener Museum Folkwang begonnen, ist also nicht fremd im Revier. Weitere Stationen des Werdegangs waren Cardiff (Wales), Dortmunds langjährige englische Partnerstadt Leeds, Blackburn, München, Österreich sowie Tätigkeiten am Victoria und Albert Museum London und am Philadelphia Museum of Art. All das und wohl auch die Tatsache, dass sie mit einem Engländer verheiratet ist, lassen einen Fokus erwarten, der Kooperationen mit Institutionen auf der Insel in den Blick nimmt, wo sie etliche Jahre gelebt hat.

Seit einiger Zeit ist Tanja Pirsig-Marshall auch mit der Erstellung eines Werkverzeichnisses zum Expressionisten Otto Mueller befasst. Dies fügt sich ebenfalls zu einem Dortmunder Sammelschwerpunkt, der allerdings im Museum Ostwall im Dortmunder „U“ beheimatet ist. Aber die Grenzen in der inzwischen ziemlich reichhaltigen Dortmunder Museumslandschaft sind ja eh nicht so strikt gezogen, sondern zuweilen fließend.

Chance auf ein einzigartiges Comic-Museum

Kulturdezernent Jörg Stüdemann, der im März 2026 in den Ruhestand gehen wird, zog indirekt auch eine Bilanz des eigenen Wirkens, als er den überwiegend erfreulichen Zustand der gewachsenen Dortmunder Museumsszene skizzierte: Er pries z. B. die gestiegenen Besucherzahlen im Deutschen Fußballmuseum (bis zu 250.000 im Jahr), im Naturmuseum (rund 130.000), in Teilbereichen des Dortmunder „U“  und im kleinen Comic-Schauraum (30.000). Hier biete sich eventuell die Gelegenheit, mit dem Erwerb der Sammlung Alexander Braun ein in Deutschland einzigartiges Comic-Museum zu begründen. Von nicht-städtischen Erfolgs-Einrichtungen wie der DASA, dem virtuellen „Phoenix des Lumières“ oder einem fulminant besuchten Auto- und Motorenmuseum an der B 1 noch gar nicht zu reden.

Eigener Bereich für die Stadtgeschichte

Demgegenüber nimmt sich die jährliche Besuchszahl (etwa 30.000) im Museum für Kunst und Kulturgeschichte derzeit noch bescheiden aus. Genau hier soll Tanja Pirsig-Marshall ansetzen. In ihre künftige Verantwortung als übergeordnete Leiterin des Geschäftsbereichs Dortmunder Museen fallen zudem das Naturmuseum, das Deutsche Kochbuchmuseum, das Hoesch-Museum, das Brauerei-Museum, das Kindermuseum Adlerturm, das Westfälische Schulmuseum und die Kunst im öffentlichen Raum. Ein wirklich weites Tätigkeitsfeld, wenn man bedenkt, dass überdies die Stadtgeschichte aus dem MKK gelöst, in einem eigenen Ausstellungsbereich (rund 2000 Quadratmeter, gegenüber dem MKK) gebündelt und gründlich modernisiert werden soll. Dabei will man sich endlich von der bislang noch vorherrschenden Nostalgie rund um Kohle, Stahl und Bier verabschieden. Denn die Zeiten ändern sich.




Kurze Abschweifung zum Phänomen der „Ohrwürmer“

Ob Katzen auch ihre Ohrwürmer haben? Da müsste man mal unseren Kater fragen, der hier – mit gespitzten Lauschern (Luchspinseln) – auf einer Lautsprecherbox thront. (Foto: Bernd Berke)

„I’ve got a worm in my brain /And it brings me to my knees /It comes on like a thought /But it stays just like a disease…“

(The Weather Prophets: „Worm in my Brain“)

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Das vorangestellte Motto führt zwanglos zum Thema hin. Die täglichen „Ohrwürmer“, die einem so unversehens beikommen, nehmen keinerlei Rücksicht auf deinen Musikgeschmack. Wie aus einem tönenden, blubbernden Urschlamm, tauchen sie einfach auf, nehmen schwankende Gestalt an und verschwinden ebenso plötzlich, wie sie gekommen sind. Ob sie folgenlos bleiben, steht dahin.

Manche halten sich über Tage hinweg und kehren gelegentlich wieder zurück. Andere befallen dich nur für wenige Stunden. Sie kriechen durchs Gehirn, nisten sich ein wie Parasiten. Und manchmal summst du unwillkürlich mit. Was hat es damit nur auf sich? Vielleicht sind Ohrwürmer ja mit den Träumen verwandt.

Rückfall in die alten Zeiten

Für aktuelle Charts interessiere ich mich eh nicht mehr, diese Abstinenz prägt auch das Repertoire meiner Ohrwürmer. Sie stammen weit überwiegend aus den guten alten Rock- und Pop-Zeiten, zwischen den späten 50er und den frühen 80er Jahren, meistenteils konzentriert auf die 60er. Schlager zuweilen inbegriffen.

Beispiele? Nun, gestern erwischte mich ganz unvermittelt Drafi Deutschers herzlich unbedarftes Liedlein: „Heute male ich dein Bild, Cindy-Lou“. Wenn ich mich nicht irre, war es die B-Seite von „Marmor, Stein und Eisen bricht…“ Kurz fragte ich mich, warum damals der Frauenname Cindy so schlagergerecht zu sein schien. „Cindy, o Cindy, dein Herz muss traurig sein…“ Cindy-Lou hat etwas Niedlich-Mädchenhaftes mit einem winzigen Schuss Verruchtheit, wie es zu den Zeiten gerade noch erlaubt war, „als die kleine Jane gerade 18 war“ und unentwegt Bossa Nova tanzte. Aber ich schweife ab.

Von France Gall bis zu den Stones 

Zuvor behelligten mich tagelang die McCoys mit ihrem Pop-Gassenhauer „Hang on, Sloopy“ von 1966. Zwischendurch schlich sich frankophon „C’est si bon“ ein, auch die hinreißend junge, frühlingsfrische und naiv-optimistische Stimme von France Gall („Poupée de cire, poupée de son“) ging mir kürzlich erst nach ein paar Tagen wieder aus dem Sinn, obwohl eine Françoise Hardy sicherlich mehr Substanz und Charisma hatte. Und immer mal wieder erhebt sich das grandiose „You really got a hold on me“ (Smokey Robinson, Small Faces u. a.) wie aus dem Nichts – mit den wunderbaren Riffs und der weltweisen Eingangszeile „I don’t like you, but I love you“. Auch Eric Burdon schaut mit „San Franciscan Nights“ öfter mal vorbei.

Ein ziemlich wildes Durcheinander, fürwahr, gewiss keine bewusste Auswahl, meistens eben unwillkürliche Rückfälle in die 1960er Jahre. All die Klänge kommen hinterrücks angeschlichen. Kaum je entsprechen sie den Präferenzen bei wachem Bewusstsein. So kommt es leider nur selten vor, dass sich auch schon mal ein Titel der hochgeschätzten Go-Betweens, von Robert Forster, Neil Young oder ähnlichen Großkalibern einstellt. Die herrlich unverwüstlichen Beatles sind auch immer mal wieder dabei, freilich eher mit selteneren Songs („I’m only sleeping“); hinterdrein die Stones mit Oldie-Raritäten wie „She smiled sweetly“ oder „When blue turns to grey“.

Sich selbst auf die Schliche kommen

Recht häufig geschieht es, dass etwa ein Gus Backus („Da sprach der alte Häuptling…“), Peter Alexander („Salzburger Nockerln“) oder jene kölsche „Schaschlik-Bud“ („Isch bin versorcht, mir jeht et jut, denn isch han en Schaschlik-Bud“) und dergleichen Schunkel-Zeug aufploppt. Kinderlieder aus der Frühzeit („Wer will fleißige Handwerker seh’n, der muss zu den Kindern geh’n“) sind gleichfalls im regellos wechselnden Angebot. Puh!

Man müsste sich da selbst auf die Schliche kommen: Warum ausgerechnet heute just dieser Song? Wie sehr hat es mit Launen und Stimmungen zu tun? Gab es en passant einen Anklang, den man an der Oberfläche gar nicht richtig wahrgenommen hat, der sich aber in einen eingesenkt hat? Darüber hinaus: Gibt es eigentlich viele Leute, die Ohrwürmer aus der sogenannten E-Musik mit sich herumtragen? Falls ja: einzelne Tonfolgen (nein, nicht „Ta-ta-ta-taaa“) oder ganze sinfonische Sätze? Nun sagt!

Fragen über Fragen. Gibt es eigentlich schon eine Ohrwurmwissenschaft? Und wie hieße sie wohl, diese tiefgründige Wurmdeutung, vorzugsweise angelehnt ans Griechische oder Lateinische?

Wie bitte? Jetzt wollt ihr zürnen, weil ihr einen der genannten Titel als neuen Ohrwurm „am Hals“ habt? Macht nichts. Das vergeht.

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Ich verfolge das in der nächsten Zeit mal ein wenig weiter. Diese Titel – ein munterer Mix aus „Mundorgel“ und Rock History – kamen mir neuerdings zeitweise in den Sinn:

„Satellite of Love“ (Lou Reed)
„Weg da“ (Herman van Veen)
„Hoch auf dem gelben Wagen“ (Trad. / Altbundespräsident Scheel)
„White Rabbit“ (Jefferson Airplane)




Zwischen Ost und West: Hans Joachim Schädlich und die „Bruchstücke“ seines Lebens

Er wurde zum Doktor der Philosophie promoviert und hatte eine Stelle als Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften der DDR ergattert. Hans Joachim Schädlich hätte Karriere machen können. Doch mit der Diktatur der Einheitspartei hatte er nichts am Hut.

Dann fing er auch noch an, eigene Texte zu schreiben, in denen er ironisch und lakonisch den zermürbenden Alltag im realen Sozialismus sezierte und das ideologische Brimborium des Arbeiter- und Bauernstaates in seine verlogenen Einzelteile zerlegte. Die Verlage mieden seine Texte wie der Teufel das Weihwasser.

Bei privaten Zusammenkünften von ost- und westdeutschen Autoren in Ost-Berlin lernte er Günter Grass kennen. Der war sofort begeistert von den Prosastücken Schädlichs und meinte euphorisch: Seit Uwe Johnson habe niemand mehr „so eindringlich, aus der Sache heraus, die Wirklichkeiten der DDR angenommen und auf literarisches Niveau umgesetzt.“ Auf Vermittlung von Grass erschien 1977 im westdeutschen Rowohlt Verlag „Versuchte Nähe“, das literarische Debüt des in der DDR fortan als Staatsfeind verfolgten Autors, der, um nicht im Gefängnis zu landen, sein Heil in der Bundesrepublik suchte.

Auch jetzt, fast 50 Jahre später, kommt Schädlich immer wieder auf diese seltsame Zeit zu sprechen, als die DDR-Bonzen wild um sich schlugen und viele Künstler in den Westen ausreisten. Schädlich, inzwischen 90 Jahre alt, erinnert sich an „Bruchstücke“ seines bewegten Lebens. In knappen Erzähl-Fragmenten ist dabei auch mehrfach von Günter Grass die Rede: von der Hilfe, die er dem mittellos im Westen ankommenden Autor gewährt, von der Freundschaft, die nach der Wende schnell zerbricht.

Erst Freundschaft, dann Streit mit Günter Grass

Schädlich hatte in seinem Roman „Tallhover“ (1986) die fiktive Biografie eines Spitzels der politischen Polizei ausgebreitet, die Grass in „Das weite Feld“ (1995) aufgriff und fortschrieb. Aus Tallhover machte Grass, „im gewendeten Zustand“, einen Hoftaller und ließ den an der Wende verzweifelnden Fonty sagen: „Was heißt hier Unrechtsstaat! Innerhalb dieser Welt der Mängel lebten wir in einer kommoden Diktatur.“ Das bringt Schädlich in Rage, er schreibt an Grass: „Wie >angenehm< diese Diktatur war, hättest Du von Leuten wissen können, die Erfahrungen mit der Stasi gemacht haben.“

Von den Stasi-Opfern erzählt Schädlich in seinen „Bruchstücken“, seinen Begegnungen mit Sarah Kirsch, Jürgen Fuchs, Bernd Jentzsch, Gerulf Pannach, Christian Kunert. Oder er erzählt, wie Jurek Becker (der später in den Westen ausreiste und für seinen Freund Manfred Krug tolle Drehbücher schrieb) eine kleine Feier ausrichtete: „In der Mitte des Raumes“, schreibt Schädlich, „thronte Stefan Heym auf einem Sessel. Heym wusste von Becker, dass mein Buch ,Versuchte Nähe‘ im Westen erschienen war. Und er wusste, dass ich einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Er sagte zu mir: Was wollen Sie im Westen. Sie kennen sich nicht aus. Worüber wollen Sie dort schreiben. Boy loves Girl?“

Hans Joachim Schädlich: „Bruchstücke“. Rowohlt Verlag, Hamburg 2025, 191 Seiten, 24 Euro.




Theaterereignis und Gesamtkunstwerk: Giuseppe Spota inszeniert in Gelsenkirchen Glucks „Orpheus und Eurydike“

Constanze Jader als Orpheus und die MiR Dance Company in Glucks „Orpheus und Eurydike“. (Foto: Zoran Varna)

Es geht um Abschied, Verlust, Tod, um die Magie der Musik und die alles überwindende Kraft der Liebe: Christoph Willibald Glucks „Orfeo ed Euridice“ galt nicht umsonst bereits zur Entstehungszeit 1762 als ideale Wiederbelebung des antiken Theaters. In Gelsenkirchen hat Choreograf Giuseppe Spota das Gesamtkunstwerk zu seinem Abschied als Direktor der Tanzcompagnie inszeniert.

Für Gluck bedeutete die intensive Zusammenarbeit mit dem Dichter Ranieri de‘ Calzabigi, dem Choreografen Gasparo Angiolini und dem Bühnenbildner Giovanni Maria Quaglio eine einzigartige Chance. Er konnte die Musik zu einem Werk schaffen, in dem alle Aspekte des Theaters gleichwertig, eng verbunden und aufeinander bezogen realisiert werden konnten. Ein Konzept, das noch Richard Wagner und Hector Berlioz faszinierte und als „Reformoper“ in die Musikgeschichte einging.

Giuseppe Spota, seit 2019 Direktor der Dance Company des Musiktheaters im Revier, hatte sich 2020 bereits mit dem Orpheus-Mythos beschäftigt und mit seinem Ensemble Claudio Monteverdis Version auf die Bühne gebracht. Jetzt gestaltete er wie in einigen seiner Arbeiten zuvor auch Bühne und Kostüme, um Raum und Bewegung optimal aufeinander abzustimmen. Das ist voll und ganz gelungen.

Weltkugel oder Unterwelt

Giuseppe Spota. (Foto: Björn Heckmann)

Nach Spotas Entwurf hat Christopher Davies die Bühne konstruiert: eine hohe, nach vorne offene, grau-silbrige Kugelhälfte, mittig durch einen Spalt aufgebrochen. Er gibt den Blick frei auf einen leuchtenden Wasserfall, der sich in einen Feuerstrom verwandelt. Die monumentale Skulptur lässt viele Assoziationen zu: Eine gespaltene Weltkugel, der Krater der Unterwelt, die unüberwindliche Todesgrenze, die bösen Gräben von Dantes „Inferno“ oder eine Arena.

Wenn sich die Konstruktion dreht, fällt der Blick auf die stützenden Galerien der Rückseite. Spota füllt den Raum mit den Tänzerinnen und Tänzern seiner Truppe in weißen, am Saum verkohlten Brautkleidern. Sie vervielfältigen die Figur der Eurydike, die zunächst unauffällig auf einem Podest in halber Höhe der Kugelwand verharrt und sich dann allmählich aus der Schar der Tanzenden löst. Orpheus dagegen dominiert als einzelne Gestalt in weißem Anzug die Szene, unverkennbar die Hauptperson, deren Seelenregungen ebenfalls durch eine Gruppe von Tänzern verkörpert werden. Der Chor des Musiktheaters im Revier, straff artikulierend und mit kernigem Klang, kommentiert von den Seitenrängen und lässt im zweiten Akt die Furien und Geister wie aus einer anderen Sphäre erklingen (Einstudierung: Alexander Eberle).

Starke Symbole innerer Vorgänge

Expressive Kraft und Spannung fordernde Figuren: Die MiR Dance Company in Glucks „Orpheus und Eurydike“. (Foto: Zoran Varna)

Spota wandelt das statische Stück mit seinem ganz auf das Drama der Liebenden konzentrierten Verlauf zum lebendigen Theaterereignis. Das Tanzensemble, mal in voller Stärke, in intimen Szenen der Reflexion auch im pas de deux oder pas de quatre, illustriert nicht, sondern begleitet die Handlung in expressiven, Kraft und Spannung fordernden Figuren. Bewundernswert, wie fließend und geschmeidig die Tänzer die Bewegungsabläufe kontrollieren; atemberaubend, wie sie etwa eine Körperdrehung in der Luft, nur vom Fuß des Partners gestützt, mit Eleganz bewältigen. Wenn sich die Tänzer auf die ansteigende Kugelwand werfen, um den begehbaren Rundlauf auf halber Höhe zu erreichen oder zu erklettern, wird die Aktion zum starken Symbol innerer Vorgänge: Sehnsucht, Unerreichbarkeit, Vergeblichkeit, Verzweiflung.

Musikalisch hat Giuliano Betta das Heft in der Hand: Nach einer gehetzten Ouvertüre beruhigt sich das Tempo – und die Neue Philharmonie Westfalen glättet den zuvor durch störrische Bläsereinsätze aufgerauten Klang zu einem dezent bläserbetonten Gleichgewicht, in dem die Harfe als Soloinstrument – der Leier des Orpheus entsprechend – eine prominente Rolle spielt. Betta lässt das Orchester eher elegant als mit „historisch informiertem“ Schmirgel spielen. Indem er die Balance der Instrumente fein dosiert variiert, meidet er die „edle Einfalt“ des Gluck’schen Klassizismus, der gerne zu Langeweile führt.

Die drei Gesangspartien sind in Gelsenkirchen ansprechend besetzt: Constanze Jader hält mit einem kühl-dunklen Mezzosopran mit kernigem, aber nicht überzüchtetem Vibrato eine noble Distanz zu den existenziell aufwühlenden Schmerzen des Orpheus. Verzweifelt führt er den Kampf um die Kontrolle der schließlich alle Vernunft überwältigenden Emotionen beim Versuch, Eurydike aus der Unterwelt zu führen.

Misstrauen gegen glückliches Ende

Heejin Kim schärft das Profil der leicht in elegische Passivität abgleitenden Eurydike, die nicht verstehen kann, warum ihr geliebter Gatte auf die nonverbale Kommunikation durch den Blick verzichten muss. Diese Szene bis zur tödlichen Zuwendung Orpheus‘ gestaltet Spota mit den Sängern zum ergreifenden Höhepunkt seiner Inszenierung. Am Ende bleibt offen, ob Amors Eingriff in die Logik des Unglücks erfolgreich ist: Tamina Biber aus dem Opernstudio NRW verkündet mit leichter, strahlender Stimme den Triumph der Liebe über den Tod. Doch Orpheus und Eurydike bleiben getrennt – und man wünschte sich, die allgegenwärtige Skepsis gegen das „lieto fine“, das glückliche Ende, würde einmal der tröstlichen Botschaft weichen, dass die Liebe doch eine Chance habe.

Spota jedenfalls hat die Gunst der Stunde genutzt und Gelsenkirchen einen denkwürdigen Abschiedsabend beschert. Am 7. März 2026 wird er noch einmal als Choreograf zu erleben sein, wenn er einen der vier Teile des Tanzabends „Il Gran Finale“ gestaltet.

Weitere Vorstellungen: 14., 18. Dezember, 3., 25. Januar, 6., 22. Februar, 4. April. Karten im Internet oder telefonisch unter (0209) 4097 200.




Ein paar Worte zum allerletzten Westfalenspiegel

Da liegt er nun auf dem heimischen Tisch, der leider, leider allerletzte in Münster erscheinende, nein: erschienene WESTFALENSPIEGEL. Sehr betrüblich: Beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) meinte man, das stets liebevoll und professionell gemachte Magazin für (regionale) Kultur und Gesellschaft einstellen zu müssen. Das war wirklich keine gute Entscheidung.

Wie sehr die 1951 gegründete Zeitschrift fehlen wird, bezeugen auch zahlreiche Leserstimmen in dieser finalen Ausgabe, nicht zuletzt von Kulturprominenz wie dem Dortmunder Schriftsteller Ralf Thenior. Überdies werden noch einmal einige Autorinnen und Autoren kurz vorgestellt, die seit etlichen Jahren mitgearbeitet haben. Ich selbst schätze mich glücklich, im Laufe der Zeit mit einigen Texten dabei gewesen zu sein (und bin nun umso trauriger). Zum Schluss habe ich noch einen Text über die (gar nicht so) zwiegespaltene Dortmunder Identität zwischen Westfalen und Ruhrgebiet beisteuern dürfen.

Herzliche Grüße gehen noch an die langjährige Chefredakteurin Klaudia Sluka, die sich mit Schließung der Zeitschrift aus dem journalistischen Tages- und Monatsgeschäft zurückzieht. Die Zusammenarbeit mit ihr und der weiteren Redaktion war stets eine Freude.

 




Von Dichtung, Faschismus, Alltag, Jungsein und Schule – fünf neue Bücher über fast alles

Hier mal wieder ein paar bemerkenswerte Bücher – im Fünferpack, zum Selberlesen oder Verschenken. Naturgemäß nicht nur zur Weihnachtszeit.

Er hat sie fast alle gekannt

Unter den lebenden deutschsprachigen Verlags- und Büchermenschen dürfte es schwerlich noch so einen geben, der wohl alle wesentlichen Schriftsteller der Nachkriegszeit persönlich gekannt hat. Michael Krüger kann denn auch aus einem wahren Füllhorn von Erzählbarem schöpfen, wenn es um solche bezeichnenden Begegnungen geht. Allein schon das Foto auf dem Cover, 1981 in Australien entstanden, lässt es ahnen. Es zeigt Michael Krüger mit den gewichtigen Literaten Arnfrid Astel, Jürg Federspiel, Peter Rühmkorf, Hans Magnus Enzensberger und Reinhard Lettau – ein reiner Männerbund freilich, der heute mit Einsprüchen rechnen müsste. Michael Krüger: „Unter Dichtern“ (Suhrkamp, 618 Seiten, 34 Euro) lässt jene Zeiten und all die Gespräche noch einmal lebendig werden. Eitelkeit nicht völlig ausgeschlossen: Jede Begegnung adelt gleichsam auch den, der davon zu berichten weiß. Es sind gesammelte Texte aus den letzten Jahrzehnten, in denen Krüger (der übrigens am 9. Dezember 82 Jahre alt wird) sich seine Gedanken u. a. über Elias Canetti, Oskar Pastor, Hermann Lenz, Jürgen Becker, Botho Strauß, Nicolas Born, Peter Handke, die erwähnten Rühmkorf und Enzensberger, Ernst Meister und Ilse Aichinger macht. Überdies gibt es auch wenige Rückgriffe in frühere Epochen (Andreas Gryphius, Eduard Mörike). Eine Fundgrube für alle literarisch Begeisterten!

Es geschah und kann wieder geschehen

Es ist wohl eine der wichtigsten Neuerscheinungen des vergangenen Bücherherbstes: Götz Aly „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945″ (S. Fischer, 762 Seiten, 34 Euro) stellt die immer noch und für alle Zukunft brennende Frage, warum so viele Deutsche für Hitler und die NSDAP gestimmt haben und welche höllische Mischung aus sozialen Wohltaten und polizeilicher Willkür die Gewaltherrscher damals angerichtet haben. Die eigentlich kriegsmüden Deutschen ließen sich sodann in einen erneuten Angriffskrieg und unfassbare Verbrechen hineinziehen. Götz Aly versucht, die Beweggründe und Mechanismen solchen Widersinns zu ergründen. Er geht dabei auf zahlreiche Phänomene der NS-Machtergreifung und Machtsteigerung ein. Auch Kenner der Materie werden hier auf neue Einsichten gebracht. „In dankbarer Erinnerung“ widmet Aly das Buch u. a. dem lange Zeit (1968-1996) an der Ruhr-Uni Bochum tätigen Historiker und maßgeblichen NS-Spezialisten Prof. Hans Mommsen. Ein hauptsächlicher Antrieb seines Schreibens wird in Götz Alys letztem Kapitel deutlich, er nennt es mahnend „Was geschah, kann wieder geschehen“. Wenn doch nur Bücher dieser aufrüttelnden Art den bedrohlichen Befund etwas weniger wahrscheinlich machen würden! Als der Band endlich wieder lieferbar war und ich ihn erwerben konnte, lag er immerhin schon in der dritten Auflage vor. Das wiederum wird wohl mit unguten Vorgängen in unserer Gegenwart zu tun haben. Vielen Menschen ist offenbar bewusst, dass sie sich wappnen müssen.

„Ich blättre. Lilli bügelt.“

Wenn es in Nachkriegsdeutschland veritable Kult-Schriftsteller gegeben hat, so dürfte Arno Schmidt gewiss in vorderster Reihe zu nennen sein. Der Mann mit dem unvergleichlichen Schreibstil hat noch heute scharenweise eingeschworene Anhänger und willige Exegeten, die sich eingehend mit Leben, Werk und Wirkung befassen. Sie alle erhalten nun neue Nahrung, denn die Arno Schmidt Stiftung hat einen voluminösen Band mit Aufzeichnungen herausgebracht: Arno Schmidt: „Tagebücher der Jahre 1957-1962″ (Suhrkamp, 778 Seiten, 68 Euro). Schmidt führte mit seiner Frau Alice (genannt „Lilli“) seit 1958 in Bargfeld (Heidedorf in Niedersachsen) ein einsiedlerisches Leben, weit abseits von den Zumutungen allgemeiner Alltäglichkeit und doch tief in seinen eigenen Alltag vergraben, in selbstgewählte Begrenztheit. Hier erhalten wir nun Kunde bis hinein in fast schon bizarre und dennoch immer wieder aufschlussreiche Banalitäten. Beliebiges Beispiel aus dem März 1958: „Ich blättre. Lilli bügelt.“ Kurz darauf: „Ich wurmisiere. Lilli Aufräumen + Abwaschen / Kaffeerausch; und über mehreres nachgedacht (…) Lilli badet (…) / Noch lesen: {ich Herder} Lilli Kreuzworträtsel!“ Derlei Mitteilungen Zeile für Zeile und Zug um Zug über Hunderte von Seiten zu lesen, ist schon eine arge Herausforderung, zumal man den Mann keineswegs sympathisch finden muss. Man lese nur die teilweise hundsgemeinen Äußerungen über seine dienstbare Frau, deren Unterordnung ihm allerdings kaum je genügt… Register, Fotos, Fußnoten, Faksimiles und zeitliche Einordnungen erschließen dies und jenes, es handelt sich um eine (von Susanne Fischer herausgegebene) sorgfältige, ja geradezu liebevolle Edition; ganz so, wie es einem Arno Schmidt zukommen könnte. Was ER dazu wohl gesagt hätte? Wahrscheinlich hätte er haltlos geschimpft, wie beinahe über alles. Übrigens hatte, später ebenfalls von Susanne Fischer ediert, Alice Schmidt zuvor Tagebuch geführt und dies recht abrupt aufgegeben. Es gibt heutige Leser, die ihre Aufzeichnungen seinen Auslassungen bei weitem vorziehen.

Wie war das noch mit 16 Jahren?

Der Romantitel könnte vor allem Frauen ansprechen, die zu jener Zeit ihre Pubertätsjahre erlebt und durchlitten haben: Linn Ullmann „Mädchen, 1983″ (Luchterhand, 286 Seiten, 24 Euro) erzählt von einer damals 16-Jährigen, die einem Modefotografen erlauben wollte, in Paris Fotosessions mit ihr zu machen – gegen den Willen der Mutter, was ihren Freiheitsdrang jedoch erst recht befeuert hat. Nun, beinahe 40 Jahre später, will sie sich Rechenschaft über ihr Leben als junges Mädchen und die Zeit seither ablegen. Kann sie den Menschen verstehen, der sie seinerzeit gewesen ist? Der norwegischen Schriftstellerin Linn Ullmann wurde in einigen Rezensionen bescheinigt, sie gehöre in die Tradition der Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux. Immer diese Vergleiche! Jedenfalls weitet sich der Roman zu einer generellen, streckenweise furiosen Reflexion über Irrungen und Wirrungen eines exemplarischen (Frauen)-Lebens. Dabei beginnt der allererste Satz doch so unscheinbar und schlicht: „Ich bin sechzehn Jahre alt…“

Wider die Waldorf-Ideen

Ehemalige Waldorf-Schülerin übt grundsätzliche Kritik an der Waldorf-Pädagogik. Mit dieser knappen Feststellung und mit dem länglichen Untertitel des Buchs ist die Stoßrichtung umrissen. Bettina Schuler: „Der Waldorf-Komplex. Zwischen Mystik und Pädagogik: Die Schattenseiten des anthroposophischen Bildungssystems“ (Droemer Paperback, 218 Seiten, 20 Euro) hält mit den Absichten nicht hinter dem Berg. Die dem Plakativen nicht vollends abgeneigte Autorin (vorheriger Erfolgstitel: „Schlachtfeld Elternabend“) geht zurück auf die weltanschaulichen Herleitungen der anthroposophischen Pädagogik und findet dabei wissenschaftsferne und autoritäre Elemente zuhauf. Obwohl sich Bettina Schuler nicht ungern an die eigene Schulzeit erinnert, benennt sie doch typische Waldorf-Lehrinhalte, die schlimmstenfalls sogar die Demokratie gefährden könnten. Sie setzt daher ihre Hoffnungen auf einen kreativen Sinneswandel in den öffentlichen Schulen, denn Waldorf-Pädagogik sei kaum veränderbar, sofern sie auf Rudolf Steiners Ideen beharre. Und wenn sie diese Basis verlasse, sei es eben keine wirkliche Waldorf-Pädagogik mehr.

 




Ausgegrenzt in Wuppertal: Hanns-Josef Ortheils Kindheits-Roman „Schwebebahnen“

Eigentlich wollte der 1951 in Köln geborene Hanns-Josef Ortheil Pianist werden. Doch massive Sehnenscheidenentzündungen zerstörten den Traum. Also schrieb er Romane, gründete in Hildesheim den Studiengang für „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ und gehört seit vielen Jahren zu den meistgelesenen deutschen Gegenwarts-Autoren. Sein neuer Roman, „Schwebebahnen“, kreist um imaginäres und reales Schweben: Die Familie zieht Ende der 1950er Jahre von Köln nach Wuppertal.

Der sechsjährige Josef, ein leicht verfremdetes Abziehbild des Autors, ist sofort fasziniert von der Hochbahn, die über die Wupper dahin schwebt. Josef malt sich aus, wie die Bahn einfach in den Wolken entschwindet. Die Schwebebahn wird zur Metapher: für die von Kaltem Krieg und atomaren Wettrüsten gefährdete Welt; für den fragilen Zustand Josefs, der seit seinem dritten Lebensjahr Klavier spielt, täglich seine Gedanken aufschreibt, aber von seinen Mitschülern gehänselt und ausgegrenzt wird; schließlich gilt das existenzielle Verunsichertsein auch für Josefs von Trauer und Schweigen umwölkte Eltern. Ortheil schildert das Drama des begabten Kindes, das sich in künstlerische Fantasiewelten flüchtet, von seiner Umwelt aber zum schrägen Außenseiter abgestempelt wird.

Man darf annehmen, dass Ortheils Roman auf den schwarzen Kladden fußt, die er seit Kindertagen mit Notizen füllt: ein Fundus an Geschichten, Basis seiner Literatur. Im Umzugswagen von Köln nach Wuppertal denkt Josef darüber nach, was sein Vater gemeint haben könnte, als er zu jemandem sagte, sein Junge sei ein „stilles Kind, das zurückgezogen lebt“ und lieber Klavier spielt, anstatt viel zu reden. Der sich in Josef einfühlende Ortheil schreibt: „Weil er jeden Tag übt, hat er wenig Zeit, sich lange zu unterhalten. Er wüsste auch nicht worüber, andere Jungs haben Themen, von denen er wenig oder nichts versteht. Er unterhält sich mit sich selbst, das tut er leise und heimlich, aber auch mit dem Stift und auf Papier. Beim Schreiben ordnen sich die Gedanken und machen im Kopf sogar etwas Musik. Sie erscheinen wie lebendige Wesen, die anklopfen, auftreten und freundlich wieder verschwinden.“

Auch in Wuppertal wird Josef belächelt, weil er sich aus dem Unterricht wegträumt und Geschichten erfindet. Die Jungs im Wohnviertel finden ihn blöd, weil er sich nicht für Fußball interessiert. Im Mietshaus beschweren sich die Bewohner über sein lautes Klavierspiel. Aber zum Glück findet er in Mücke, die eigentlich Rosa heißt, eine Freundin und Vertraute. Sie kümmert sich um Josef, zeigt ihm ihre von geheimnisvollen Engeln bewohnte Höhle draußen im Wald und verbündet sich mit ihm gegen die Dummheit der Welt. Auch lernt Josef bei einem Musiker das Improvisieren und Komponieren und darf, wann immer er will, in der Kirche Klavier spielen. Aber die Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat, ist schnell vorbei. Nur die Faszination der Schwebebahnen wird bleiben.

Hanns-Josef Ortheil: „Schwebebahnen“. Roman. Luchterhand Verlag, München 2025, 320 Seiten, 24 Euro.