Buddhistische Antwort auf das Leid: „Awakening“ von Param Vir an der Oper Bonn uraufgeführt

Eine Szene mit Cody Quattlebaum, Martin Tzonev, dem Chor, Tänzern und der Statisterie des Theaters Bonn. (Foto: Max Borchardt)

Anfang April drohte US-Präsident Donald Trump dem Iran, eine ganze Zivilisation auszulöschen. Vier Wochen vorher brennt in der Oper Bonn bereits Kulturgut: In der Oper „Awakening“ von Param Vir hat ein Feind ein ungenanntes Land besetzt, überzieht es mit Hass und Streit.

„Die Flammen, die ihr draußen seht, sind unsere brennenden Bücher, unsere Tempel auch, unsere Orte des Lernens …“, beklagt der Direktor einer Theatertruppe. Sie hat sich in einer leeren Schleusenkammer unter geflohenen Menschen versammelt, um im Spiel die Worte ihres „Großen Lehrers“ zu bewahren. Mündliche Überlieferung als einziger Weg in einer Tyrannei, um die Weisheit des Prinzen Gautam weiterzugeben, der später der Buddha werden sollte.

„Awakening“ ist der Titel der Oper, mit der sich der aus Indien stammende Komponist Param Vir und der fast 90jährige englische Dramatiker David Rudkin seit 1993 befassen und die nun nach zehnjähriger Kompositionsarbeit in Bonn im Rahmen der verdienstvollen Reihe „Fokus `33“ uraufgeführt wurde. Eine Schauspieltruppe zeigt in einer dystopischen Gegenwart eine sorgfältig aus Originalquellen recherchierte Geschichte, die 2500 Jahre zurückliegt: den Lebensweg Siddhartha Gautamas und seine Transformation zum Buddha. Durch den Bezug zu gegenwärtigen Bildern von Krieg und Zerstörung soll das Publikum Distanz zum Spiel wahren; gleichzeitig versuchen die Autoren so, historisierendes Erzähltheater aufzubrechen und eine epochale Gestalt wie Buddha nicht fern gerückt oder illusionistisch erzählt auf die Bühne zu stellen.

Dieses Konzept der zwei Ebenen funktioniert zunächst nachvollziehbar: Drei Musiker stellen schweigend Notenständer auf; zum Streichtrio erhebt eine schwarze Gestalt in einem Sessel die Stimme – der Darsteller des Gautam. Drei gespenstische Wesen erweisen sich als Alter, Krankheit und Tod: Sie nehmen Daseinsillusionen weg, offenbaren die Endlichkeit des Lebens.

Den Schleier der Welt beiseiteziehen

Auch das fröhliche Fest zur Geburt seines Sohnes kann Gautam nicht abhalten, seinen Weg allein weiterzugehen – eine „dunkle Straße durch die Nacht“ auf der Suche nach dem wahren Leben, nach einer Antwort auf das Leid. Priester, Philosoph und Asket versuchen eine Lösung – vergeblich. Dem Pragmatismus eines Pflügers entgegnet der zum Buddha transformierte Gautam, er habe die Wurzel menschlichen Leids und einen Weg gefunden, „den Schleier der Welt beiseitezuziehen“.

Kurze Illusion eines Palastes auf der atmosphärisch superb gestalteten Bühne von Zinovy Margolin. Foto: Max Borchardt

Kurze Illusion eines Palastes auf der atmosphärisch superb gestalteten Bühne von Zinovy Margolin. (Foto: Max Borchardt)

Die Zuschauer, die sich um einen in der Schleuse gestrandeten Frachtkahn scharen, und die Sphäre des Spiels, in einer der Szenen unterstützt durch eine entrollte bilderreiche Kulisse wie die eines Wandertheaters, sind auch durch die stilisierten Alltagskostüme von Olga Shaishmelashvili deutlich voneinander abgesetzt. Das ändert sich im Lauf der Handlung, wenn sich der hervorragend agierende Chor der Oper Bonn sich mit den Darstellern der Buddha-Geschichte vermischt und in der Kleidung angleicht.

Vasily Barkhatov bei den Proben zu „Awakening“. (Foto: Linda Heide)

Regisseur Vasily Barkhatov, der in Bonn und Düsseldorf verdienstvolle Inszenierungen gestaltet hat und demnächst Verdis „Stiffelio“ am Theater an der Wien und 2028 den „Ring“ in Bayreuth inszenieren wird, hat nicht nur den Chor virtuos geführt. Er stellt jede der vielen kurzen Szenen unter einen eigenen Spannungsbogen und verliert doch den großen Zusammenhang nicht aus den Augen.

Was er trotz glänzenden Handwerks nicht vermeiden kann, ist das langsame Erschlaffen des dreistündigen Werks: David Rudkin hat weniger ein Opernlibretto geschaffen als eine Sammlung von Weisheiten und Lehrsätzen aus historischen Quellen wie dem Pāli-Kanon, den ältesten schriftlichen Lehrreden des Buddhismus. Mit den kostbaren Worten auf den Lippen schreitet Cody Quattlebaum als Gautama/Buddha zunehmend enthoben durch die Szene, in seinem orangefarbenen Gewand erinnert er an die Bhagwan-Jünger der 1970er-Jahre. Das wirkt ein wenig wie die inszenierte Erhabenheit alter Jesus-Filme, tendiert zu oratorienhafter Kundgebung.

Erleuchtung mit politischer Stoßrichtung

Die Episoden verlieren an dramatischer Kraft, scheinen dem wachsenden Zustand der Läuterung des Buddha zu entsprechen, bis „in uns der Brennstoff restlos verbrannt ist“ und Alter, Tod, Trauer, Bedingtheiten verschwinden zum „Nib-bā-na“, während sich die Töne der Streicher in höchsten Höhen verlieren. Am Ende gibt Barkhatov dem „Awakening“ eine politische Stoßrichtung: „Wir sind Zahllose. Was unveränderlich erscheint, können wir verändern“, singt der Chor, während sich von oben Bomben herabsenken. Die Utopie eines gewaltfreien Widerstands ist in ein konkretes, eindrucksvolles Bild gefasst.

Das Finale von „Awakening“. (Foto: Max Borchardt)

Virs Musik trägt nicht dazu bei, den epischen Charakter der Szenen zu dramatisieren. Die Harmonik ist atonal und folgt einem einsichtigen Konzept der Verwendung von Intervallen. Vir verzichtet auf postmodernes Zitat-Patchwork, auch der Reiz tonaler Schichtungen und Klangfelder darf sich entfalten. Für die Sänger schreibt er, ohne die Grenzwerte des Stimmumfangs zu strapazieren. Entsprechend kantabel sind die meisten Partien angelegt.

Mark Morouse, seit über 30 Jahren eine zuverlässige Stütze des Bonner Ensembles, fügt seinem gewaltigen Repertoireregister eine weitere Eintragung hinzu: Als Theaterdirektor verströmt er Autorität und Festigkeit trotz aller Erschütterungen. Für Cody Quattlebaum liegen die Sentenzen des Buddha oft zu hoch: Seine Stimme verliert die Stütze im Körper und wirkt in der Höhe larmoyant ausgedünnt. Ralf Rachbauer, Martin Tzonev, Giorgos Kanaris, Christopher Jähnig, Susanne Blattert, Yannick-Muriel Noah und Katerina von Bennigsen verkörpern verschiedene Personen, ergänzt durch ein halbes Dutzend Darsteller in peripher auftauchenden Rollen. Die Statisterie ist ebenso gefordert wie der Kinder- und Jugendchor, aber Barkhatov gelingt es, die Menschenmenge souverän zu bewegen.

Souveränität strahlt auch Daniel Johannes Mayr am Pult des Beethoven Orchesters Bonn aus. Die Klänge brodeln und strömen, leuchten und erblassen, aber aller Einsatz kann nicht verhindern, dass sich die Musik schnell erschöpft.

Noch eine Vorstellung am 2. Mai. Info und Tickets: https://www.theater-bonn.de/de/programm/awakening/227938

 




Keine Nachrufe mehr – und warum nicht?

Grabstätten-Impression vom Dortmunder Ostfriedhof (Foto: Bernd Berke)

Jürgen Habermas. Alexander Kluge. Mario Adorf. Welche immensen Verluste waren in letzter Zeit fürs Kultur- und Geistesleben in diesem Land zu beklagen! Immerhin hatten alle drei ein langes und erfülltes Leben. Doch waren an dieser Stelle keine Nachrufe zu lesen. Warum nicht?

Nun, ehedem, als man noch bei der Zeitung gearbeitet hat, versetzten einen solche Nachrichten in gelinde Panik. Würde man vor Redaktionsschluss noch eine halbwegs passable Würdigung zustande bringen? Und wenn man’s nicht selbst anpacken konnte oder wollte: Welche Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter standen bereit und waren kurzfristig erreichbar? Von Fragen der Illustration ganz abgesehen.

Die Kulturseite war fast fertig, als Karajans Tod bekannt wurde

Mein hektischstes Erlebnis war in dieser Hinsicht ein solo absolvierter Sonntagsdienst in der Kulturredaktion. Als die Seite am späten Nachmittag fast fertig war, kam die Nachricht vom Tode Herbert von Karajans. Es muss also am 16. Juli 1989 gewesen sein. Da hieß es jedenfalls: hurtig alles „umwerfen“.

Es war ja nicht so wie bei den großen überregionalen Blättern, die die gewichtigen Nachrufe nur aus der Schublade holen und in Druck geben mussten. Übrigens: Es ist noch gar nicht so lange her, dass man sich beim (Gähn-Hinweis: nicht immer zuverlässigen) Wikipedia munitionieren kann. Von etwaiger KI-Hilfe vollends zu schweigen.

Worauf die Welt nicht unbedingt gewartet hat

In letzter Zeit bin ich zu dem Entschluss gelangt, nur noch in Ausnahmefällen Nachrufe zu verfassen. Einerseits schreibt man ja immer deutlicher dem eigenen Tod entgegen, indem man vom Ableben der Berühmtheiten kündet und ihnen mehr oder weniger hilflose Worte nachsendet. Außerdem hat, um ehrlich zu sein, die Welt nicht unbedingt darauf gewartet, dass auch hier posthume Girlanden geflochten werden.

Damit es gedeiht, kann man doch nicht von sich verlangen, den Dahingeschiedenen einmal oder mehrmals persönlich begegnet zu sein. Allerdings sollte ein näherer – innerer oder äußerer – Bezug oder Anklang vorhanden sein, sonst wird es zwangsläufig leeres Gerede. Nun gut, ich durfte mal bei einem Abendessen direkt neben Alexander Kluge sitzen und mühte mich nach (begrenzten) Kräften, zu meinem berühmten Tischnachbarn halbwegs intelligente Dinge zu sagen. Puh! Frei nach Goethe: Das Unzulängliche, hier wurd’s Ereignis…




Die Mechanikerin und das Räderwerk des Fluchs: „Elektra“ von Richard Strauss an der Rheinoper Düsseldorf

Ingela Brimberg als Elektra. Foto: Sandra Then

„Elektra“ hat für die Deutsche Oper am Rhein eine besondere Bedeutung: Dem abgründigen Werk galt die erste Premiere zur Eröffnung des neuen Opernhauses 1956. Die letzte Inszenierung 2012 stammte von Christof Nel. Nun hat sich der vor allem im Schauspiel bekannt gewordene Stephan Kimmig der Rachetragödie angenommen.

Das Beil! Bei Zeus, hat sie doch das Beil vergessen! Doch der Schreck Elektras ist unbegründet: Ihr Bruder Orest hat sich das Werkzeug selbst geschnappt, um seine mörderische Mutter abzumurksen. Elektras rachegefühlverursachter Demenzmoment ist zum Schmunzeln: Hatte sie doch das Beil erst kurz vorher aus einem Kofferraum geholt und an das Mäuerchen der Blumeninsel im Zentrum der Bühne gelehnt.

Ja, richtig, aus dem Kofferraum! In der Neuinszenierung von Richard Strauss‘ „Elektra“ an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf ist der Schauplatz, den Katja Hass der antiken Tragödie in musikalischer und literarischer Fin-de-Siècle-Einkleidung verordnet, der Innenhof einer Villa. Ziegelmauern und eine Betonbrüstung auf halber Höhe repräsentieren den Geschmack von Emporkömmlingen der siebziger Jahre: Im Hintergrund ein Carport, aus dem das Heck eines aufgebockten Wagens aus bayerischer Qualitätsfertigung ragt. Freilich: Der Kofferraumdeckel schließt nicht mehr; Bremslichter, Blinker und Rückfahrleuchten brennen unentwegt gleichzeitig.

Da muss Automechanikerin Elektra ran. Die taucht im Blaumann auf, in der Hand einen monströsen Schraubenschlüssel, verfolgt von einer Doppelgängerin (Ulrike Schild), die eine Kamera draufhält. Schöne neue Regiewelt, längst abgelebt und ausgelaugt. Wer will die Videos noch sehen, die bedeutungshuberisch Gesichter, Münder, Augen und Nasen auf ein Stück Stoff projizieren. Das mag noch so sehr nach Selbstreflexion gieren – der Effekt ist längst dahin, der Mehrwert gleich Null.

Ausgebleichte Regie

Mechanikerin Elektra also hält das Räderwerk des blutigen Atridenfluchs am Laufen. Dem Verbrechen folgt die Rache, der wieder ein neues Verbrechen – und so weiter. Agamemnon, Opfer seiner Frau Klytämnestra, scheint darüber zu verzweifeln. Er marschiert vor Beginn maskenhaft bemalt im Gleichschritt mit Menelaos in einem Video von Lisa Reutelsterz durch einen Tunnel – wohl gen Troja. Später rotiert er als geschminkter Akrobat durch die Szene, halb böser Clown, halb Gespenst (Aliaksei Liubezny). Nur dieser eine Moment, wenn er sich windend mit Fäusten an seine Schläfen trommelt, ist nicht überflüssig – eine der wenigen erhellenden Andeutungen in der ausgebleichten Regie von Stephan Kimmig.

Eine andere ist die Idee, der Mord an Klytämnestra und ihrem Gespielen Aegisth – ein farbloser Typ, der vielleicht gerade aus seinem Verwaltungsbüro nach Hause kommt – könnte so etwas wie eine Wiedervermenschlichung der von Schuld, Schmerz und Rache gepeinigten Personen bewirken: Die Leiche Klytämnestras wird feierlich aufgebahrt herausgetragen; Elektra wäscht ihr in gleißendem Licht beinah ehrfurchtsvoll die Füße. Wenigstens die Toten verdienen Respekt. Am Ende wird’s kitschig: Die Wand öffnet sich, gibt den Blick auf blauen Himmel frei. Ein Hoffnungssignal, das es im düsteren Zusammenbruch von Strauss‘ Musik nicht gibt.

Wozu die wochenlangen Proben?

Kimmigs Regie taumelt dahin zwischen Andeutungen, aus denen Deutung erwachsen könnte, und langen Passagen, in denen allein den Sängerinnen überlassen bleibt, Leerstellen mit Persönlichkeit füllen. Ein Zuschauer nannte die Produktion „wiederaufnahmefreundlich“. So wird’s wohl sein: Das Setting lässt sich noch in Jahren reibungslos füllen. Wozu man so etwas allerdings wochenlang probt, erkennt man nicht.

Die Einspringerin für die kranke Magdalena Anna Hofmann, Ingela Brimberg, hatte kein Problem, mit einer exzellenten vokalen Leistung musikalisch auszufüllen, was ihr die Regie an szenischer Präsenz vorenthält: Sie füllt lange Phrasen leuchtend und unangestrengt, kann Bögen singen und muss nicht forcieren, wenn sie das Orchester nicht dazu zwingt. Ihr erstes Wort „Allein“ hat eine schauderhafte Farbe, ihre Bitte, Agamemnon möge sich seinem Kind zeigen, klingt flehentlich zärtlich. Brimberg ist eine Meisterin der Zwischentöne und der musikalischen Expression psychischer Gefährdung.

Ausgezeichnete Stimmen

Liana Aleksanyan als Chrysothemis. Foto: Sandra Then

Das Dauer-Forte ist dann eher Sache von Liana Aleksanyan, einer im Teenie-Alter steckengebliebene Chrysothemis, blondgelockt im himmelblauen Outfit, die räumlich denkbar weit entfernt von Elektra auftritt. Ihre Stimme ist stählern, aber das Ausdrucksspektrum begrenzt. Die Angst, die Sehnsucht nach Normalität, die Bedürftigkeit nach Liebe bleiben in den gewaltigen Tönen unbelichtet. Als Klytämnestra kehrt Linda Watson an die Rheinoper zurück, wo sie alle großen dramatischen Sopranpartien – auch Elektra – gesungen hat und beim Abschied aus dem Ensemble 2022 zum Ehrenmitglied ernannt wurde. Das flirrende Grün ihrer Robe (tolle Erfindung von Kostümbildnerin Anja Rabes) lässt sie wie ein versehrtes Reptil erscheinen. Mit ihrem frischen und in allen Nuancen kontrollierten Singen gestaltet sie keine zynische Mörderin, sondern eine tief zerrissene, von inneren Qualen erschütterte Frau.

Linda Watson, vor 14 Jahren eine gefeierte „Elektra“, kehrt nun in der Rolle der Klytämnestra nach Düsseldorf zurück. (Foto: Sandra Thein)

In Düsseldorf sind auch die gerne aus dem abgenutzten Charakterfach genommenen Männerstimmen ausgezeichnet besetzt: Cornel Frey ist ein dekorativ aufgeputzter Aegisth ohne quäkende Komik, Richard Šveda ein erschreckend normaler Orest mit wohltönendem Bariton. Auch sein Vertrauter Thorsten Grümbel steht seinen Mann ohne forcierten Durchsetzungswillen. Mara Guseynova (Vertraute) und Charlotte Langner (Schleppträgerin) lassen in den wenigen Momenten ihrer Auftritte ihre Stimmen leuchten; auch das Quintett der Mägde um die Aufseherin (Romana Noack) bleibt vokal gelassen und damit klangschön.

Vitali Alekseenok, Chefdirigent noch bis 2027, besteht die Feuerprobe dieser hitzigen Partitur mit Bravour. Er kostet den fülligen Klang der Düsseldorfer Symphoniker aus. Die phonstarke Opulenz flutet den Raum hin und wieder auf Kosten der grell geschnittenen Dissonanzen in Strauss‘ wohl modernster Partitur, aber wenn es darauf ankommt, kann Alekseenok zurücknehmen lassen. Gedämpfte, drohende Holzbläser, schleichende Streicher, ahnungsvoll neblige Akkorde (auch der Impressionismus lässt grüßen), genau beobachtete Rhythmen, aber manchmal eine zu klangverliebte, unscharfe Artikulation und Momente pauschaler Überwältigung statt detaillierter Durchdringung: Die Düsseldorfer zeigen einige Schwächen, aber alle Stärken ihres individuellen Klangs und sorgen so für einen musikalisch spannenden Premierenabend. Entsprechend werden Musiker und Sänger gefeiert; das Produktionsteam sieht sich einem hartnäckigen Buh-Sturm ausgesetzt.

Weitere Vorstellungen: 18., 24., 30. April; 3., 29. Mai; 4. Juni. Info: https://www.operamrhein.de/spielplan/kalender/2026-04/elektra/2862/




„Krimi um Timmy“ – wie „Bild“ den Überlebenskampf des Ostsee-Wals ausschlachtet

Natürlich nicht der bedauernswerte Ostsee-Wal, sondern ein gesunder Buckelwal mit Kalb im natürlichen Habitat – im November 2024 fotografiert vor der Insel Moorea (Französ. Polynesien). Wikimedia Commons / © Charles J. Sharp – sharpphotography.co.uk / Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.en

„Bild“ glaubte ja schon immer, ein Gespür für die Seelenlage und die „Stimme des Volkes“ zu haben, so auch jetzt beim selbst atemlos angestachelten Drama um den in der Ostsee gestrandeten Wal, den sie „Timmy“ nennen. Inzwischen dauert die Sache vor der Insel Poel schon 22 Tage – und die Boulevard-Journaille lässt einfach nicht locker. Sie beschert der Kundschaft (mitunter im Minutentakt) ein andauerndes Wechselbad zwischen Bangen und Hoffen.

Unterdessen hat das mediale Dauerfeuer bewirkt, dass sich um den Todeskampf des Buckelwals eine wahre Hysterie mit Demonstrationen und bis hin zu Morddrohungen gegen Hilfskräfte entwickelt hat – und das in einer Zeit bedrohlicher Weltkrisen. Anders besehen: Verhandelt da womöglich eine Gesellschaft ihre Haltung zu ökologischen Fragen und zum Kreatürlichen neu? Oder wird hier besinnungslos Tierliebe ausgeschlachtet und trivialisiert? Kann sie jemand erinnern, dass einem menschlichen Wesen in letzter Zeit solche Aufmerksamkeit zuteil wurde? Und was ist eigentlich mit all den anderen Tieren, die anderswo unter teils elenden Umständen verenden? Überdies: In einer Reportage über die vielfach eigens angereisten „Wal-Fans“ in Poel zieht „Spiegel online“ das vielsagende Fazit, nicht nur der Wal sei „gestrandet“, sondern auch…

Jetzt genügt es…

Man lese und staune fassungslos – oder lasse es halt bleiben, denn man muss stark (Neudeutsch: resilient) sein, um sich den Tort anzutun. Wir dokumentieren jedenfalls eine Auswahl aus der schier endlosen „Bild“-Online-Schlagzeilen-Orgie vom Live-Ticker, Stand 21. April, 11.13 Uhr. Leporello wurde bis jetzt fortgesetzt, aber jetzt reicht es: Diesen Wahnwitz machen wir nicht länger mit. Den Rest entnehme man bitte anderen Medien.

Was bisher geschah:

„Krimi um Timmy, den Ostsee-Wal“

Wir beginnen mit neueren Schlagzeilen (Achtung, zunehmende Inflation der Ausrufezeichen!) und arbeiten uns sukzessive in den Irrsinn der vergangenen Tage vor:

Wird jetzt die Sandbank unter Timmy weggespült?

Timmy bäumt sich auf

Weitere Geräte zum Sandspülen

Timmy wird wieder nass gemacht

Fisch-Menü für Timmy

Backhaus war „bis 1.30 Uhr beim Wal“

Herzzerreißende Bilder

Nur noch eine Person beim Wal

Versucht Timmy, sich freizuschaufeln?

Nächster Helfer schmeißt hin

Bedrohung für Timmy!

Timmy sorgt für Walpatenschaften

Hawaii-Tierärztin hat hingeschmissen 

Timmy, deine Zeit wird knapp

Gurte für Timmy

„Ruhige Aktion durchrühren“

Timmy „ruht sich aus“

Sturmböen in der Bucht

Timmy bläst tapfer weiter

Wal muss Bogen schwimmen

Timmy liegt wohl auf Sandbank

Greenpeace: „Megastress für das Tier“

Timmy, was tust du?

Ostsee-Wal sitzt schon wieder fest

Peilsender schnellstmöglich

Und wieder Stillstand!

Wal hat „Orientierungsschwierigkeiten“

Weiter geht’s – aber in die Falsche Richtung!

Timmy liegt fest

Wieder Pause

Es geht weiter

„Eines meiner größten Ereignisse“

Enge Angelegenheit für Timmy

Dieser Wal macht Deutschland verrückt!

Dieser Wal macht Deutschland verrückt!

Ja, jetzt aber!

Wieder die Falsche Richtung

Aufpassen auf das Netz!

Auf dem richtigen Weg

Jetzt greift Plan B

Enger Kreis um Timmy

Mehr Boote geordert

„Ein Glücksmoment“

Timmy macht Pause, dann geht es weiter

Von links nach rechts

Boote sollen Timmy guiden

Kein Peilsender

Wal-Fans jubeln

Sehen Sie, wie der Wal schwimmt

Keine Helfer in Sicht

Timmy schwimmt!

Backhaus: Einzigartiges Ereignis in Deutschland

Backhaus: „Wir sind an Recht und Gesetz gebunden“

Die Pressekonferenz der Walhelfer

Wasserpegel steigt dramatisch

„Robin Hood“ soll Timmy in die Freiheit ziehen

Hawaii-Tierärztin bei Timmy

Timmys Reiseroute geheim

Taucher sind mit Spülarbeiten beschäftigt

Millionäre wollen Timmy um jeden Preis retten

Jetzt zeigen sie Timmy sein Abschlepp-Netz

Timmy wird beruhigt

„Reisebett“ wird zu Timmy gebracht

Timmy wieder deutlich aktiver

So soll Timmy transportiert werden

DLRG macht sich bereit

Ponton wird bereit gemacht

MediaMarkt-Gründer: „Wal antwortet Team“

Zeitplan offenbar erneut in Verzug

Band Santiano verurteilt Rettungsaktion

Baggerarbeiten an Fahrrinne laufen

Erste Wal-Visite des Tages

Erste Wal-Visite des Tages

Luftbild zeigt Timmys Pflegemaske

Polizei auf Timmy-Streife

Hier wird Timmy eingesalbt

Darum ist Timmys Rücken heute weiß

Greenpeace: Timmy würde in der Nordsee ertrinken

Tücher wieder abgenommen

Backhaus steht jetzt in der Pflicht

Weiterer Versuch, Timmys Maul zu öffnen

Tierärztin wird von Zuschauer bedrängt

„Das ist keine Todeskampf“

Immer wieder Bürokratie

Jetzt wird Timmy freigespült

Stress, Befreiungsversuche, Todeskampf? Meeresbiologe über das Verhalten des Wals

Bald entschlüsseln wir das WALphabet

Tücher werden entfernt

Pontons werden zusammengefügt

Pontons werden zu Wasser gelassen

Timmy rudert heftig mit seinen Flippern

Video! Hier wird Timmy nachgesalzen

Salzwasser-Kur für Timmy

Timmy bedeckt und benetzt

Rettung nicht genehmigt, nur geduldet

Mysteriöser Irrweg

Verzögerungbei Wahlrettung möglich

Wal in Schlauchstück verfangen 

Rettungsinsel zieht sich zurück

Der Free-Timmy-Plan

Chef-Taucher erklärt die komplizierte Aktion mit Baggern, Pumpen, Schläuchen und Planen

Immer mehr Timmy-Fans kommen

Ponton nähert sich Timmy

Mann in Schutzzone abgefangen

„Wie haben viel Energie gespürt“

Timmys Haut kann heilen

„Er kann aus diesem Gefängnis raus“

Es wird „machbar“ sein, Wale zu verstehen

Wie geht es dem Wal?

Wal im Nebel

Gunz schläft kaum noch

Tommy in Aktion: Schwanzflosse schlägt und er dreht sich

Hatte Timmy Angst?

Wal bleibt „ein schwer kranker Patient“ 

Wal-Rettung auf morgen verschoben

Helfer befeuchten Timmy mit Gießkannen

Verzögerten Juristen Tommys Rettung?

Timmys Sonnenschutz entfernt

Timmys „Rettungsboot“ bereit

Visite beim Wal

Nächster Wal in der Ostsee im Video

„Positiver Eindruck“ von Timmy

Darum wird Timmy mit Tüchern bedeckt

Rettungs-Equipment abgeladen

Timmys Rettung! Luftkissen sollen ihn anheben

Biologe hat Zweifel

Guck mal Deutschland, so geht’s!

Australier retteten Wal in wenigen Stunden

Timmys möglicher Weg zurück in den Atlantik 

Sechs Helfer bei Timmy

Polizeiboot begleitet Fähre

Timmy wird bewässert

Taucher benetzen Timmy mit Wasser 

Reaktion der CDU

Bergung ganz dicht am Wal

Es geht los!

Timmy bläst Fontänen

Plötzlich verzögert sich die Rettung …und keiner will verraten, warum

Timmy atmet relativ stabil

Wird hier Geschichte geschrieben?

Rettung, obwohl Tommy schwer krank ist?

So wollen Experten den Wal retten

Zwei Millionäre wollen Timmy retten

„Es ist ein Wunder! Er schafft das!“

Jubel am Strand über geplante Timmy-Rettung

Tiermedizinerin soll Timmy begleiten

Steinmeier spricht mit Wal-Experten

Backhaus von Wal-Fans bejubelt

So wurde der Rettungsplan genehmigt

Was kostet die Walrettung?

Bundespräsident zur Wal-Debatte

Timmy bläst und Tausende verfolgen ihn im Stream

Du guckst es doch auch! Wal Timmy im Bild-Livestream

Polizei-Schutz für Timmy

Vor Ort ist es ruhig

Timmys herzzerreißende Klagerufe

Zweiter Wal in der Ostsee aufgetaucht

Was ist gut für das Tier?

Timmy lebt

Timmy wird wieder bewässert

Woher kommt die Wut um den Wal?

Wal-Wahnsinn! Wer blickt noch durch?

Das Hin und Her zwischen Experten, Wichtigtuern und Helfern

Sicherheitszone um Timmy verstärkt

Warnung vor falschen Spendenaufrufen

Timmy gibt Lebenszeichen von sich

Wir haben Wal-Wut!

Timmy-Entscheidung verschoben!

Weitere Eilanträge machen Hoffnung

Eilantrag zurückgezogen

Timmy hat Wasser in der Lunge

Blick in Timmys trauriges Gesicht

Keine Aktionen

„Schlimmste Hölle“

Nächste Lagebesprechungen

Bagger sind weg

Heute Entscheidung

Tommy hält weiter durch

Dienstag könnte Schicksalstag werden

Blick in Timmys trauriges Gesicht – So krank ist seine Haut

Plötzlich hebelten sie den Zaun aus

Demonstranten noch am Ufer

Polizei stellt Demonstranten

Erst Demo, dann Durchbruch

Lage turbulent

Polizei schnappt Durchbrecher

Polizei verfolgt Demonstranten

Wieder Durchbruch bei Timmy

Schon wieder! Dutzende durchbrechen den Zaun bei Timmy

Bagger rollt an!

Minister: Wasser sammelt sich in Lunge

Demo für Timmy

Gericht hat Klage von Helfer angenommen

Schlauchboot soll Wal-Aktivisten stoppen

Timmy wird bewässert

Eilantrag für Timmy-Rettung bei Gericht eingegangen

Minister heute wieder bei Timmy

Timmy atmet weiter

Bundespräsident mischt sich ein (Steinmeier plant Gespräch mit Wal-Experten)

Sprengung zu grausam?

Wäre Sprengung grausamer als ein langsamer Tod?

Timmy liegt vor Insel Poel fest

Einschläfern mit Medikamenten

Kann man Timmy erschießen?

Ist Sprengung eine Erlösung?

Fähre von Polizei bewacht

Bagger startklar, warten auf Urteil

Nächster Eilantrag eingegangen

Lagebesprechung um 10 Uhr

Timmy hat sich bewegt!

Lebenszeichen von Timmy

Aktuelle Lageeinschätzung

Was passiert mit dem Kadaver?

Öffentlicher Druck

Frage nach einem zweiten Gutachten

Die Rolle von MediaMarkt-Gründer Gunz

Juristische Verantwortung

Das Bild vom „Hospiz“

Hoffnung auf Selbstrettung des Wals

Niendorf nicht mit Poel vergleichbar

Land hatte eigene Bergungs-Idee

Würde Sprengung Timmy erlösen?

Timmys aktueller Zustand

Kritik an Rettungskonzepten

Frau springt ins Wasser zu Timmy

Schwache Atmung

Voraussetzungen für Rettungsmaßnahmen

Flut an Rettungsvorschlägen

Backhaus: „Das Tier in Frieden gehen lassen“

Timmys Atmung schwächer

Wieder Demo auf Poel

Nach Durchbruch: Walwacht verstärkt

Versuch mit Wal-Gesang wirkungslos

Ministerium: Timmys Atmung schwächer

Tiefes Seufzen

Feuerwehr spielte Timmy Walgesang vor

Timmy atmet schwer

Deutliche Fontäne

Wassersprenkler ist Referenzpunkt

Timmy bewegt sich und pustet

Wie geht es mit Timmy weiter?

Frau versucht, zu Timmy zu schwimmen

Einsatzkräfte bedroht

Forderung: Timmy soll frei sein

Timmy soll singen

Feuerwehr bewässert Timmy

Konsequenzen für Zaun-Brecher?

Timmy wird weiterhin bewässert

Weiteres Lebenszeichen von Timmy

Zahlreiche Spendenaufrufe

Menschenkette für sterbenden Wal

Demonstranten laufen zu Timmy

Schutzzaun durchbrochen

Demo-Teilnehmer laufen Richtung Weitendorf

Demo für Timmy

Backhaus veröffentlicht Wal-Gutachten

200 Demonstranten in Wismar

„Wal spürt die Präsenz von uns Menschen hier“

Bayer hat bei Timmy geschlafen

Was ist los, Timmy?

Timmy kämpfte am Mittwoch

Video zeigt: Hier bewegt sich Timmy

Timmy bläst und brummt regelmäßig

Timmy wird wieder bewässert

Backhaus sprach mit Bürgern

Timmys Irrweg

Timmy bläst!

War das eine Bewegung?

Lebt Timmy noch?

Bucht noch dunkel

Minister: Fake News über Timmy in Umlauf

Christin Schaffner: „Der Wal gehört uns nicht“

Ministerium prüft Anzeigen wegen Drohungen

Minister: Keine weiteren Rettungsversuche

Schaulustige und TikToker auf Poel

Timmy zeigt deutlich Lebenszeichen

Diskussion um Bagger in Lagebesprechung

Timmy bläst weiter

Leichte Bewegungen am Donnerstagabend

Wal macht wieder Buckel-Bewegungen

Kräftige Wasserfontäne am Morgen

Timmy hat die Nacht überlebt

Insel-Bürgermeisterin schaltet sich ein

Timmy reagiert nicht auf Boote

Ideen zum Schutz von Walen




Meistens leise und lakonisch – Cartoons von Hauck & Bauer

Zweierteams im Comic- und Cartoon-Bereich sind ein spezielles Phänomen. Man fragt sich, wie genau beim Zusammenwirken eins ins andere greift, ob es nun z. B. um die Asterix-Erfinder Uderzo und Goscinny geht oder um die wechselnden Kooperationen und Gruppenarbeiten der unsterblichen „Neuen Frankfurter Schule“ (Gernhardt, Waechter, Bernstein).

Gegenwärtig bilden etwa Katz & Goldt oder Hauck & Bauer großartige Duette. Letztere (beide Protagonisten sind vom Jahrgang 1978) legen jetzt einen neuen Sammelband vor. Streckenweise kommt man aus dem Lachen, Kichern, Schmunzeln oder Feixen gar nicht mehr heraus. Die Pointen kommen keineswegs polternd und krachend, sondern gleichsam auf leisen Pfoten daher. Ich gestehe freimütig, dass ich Hauck & Bauer – vielleicht auch wegen solcher Zurückhaltung – lange etwas unterschätzt habe. Doch diese trüben Zeiten sind vorbei.

Kongenial in Frankfurt und Berlin

Über Elias Hauck und Dominik Bauer teilt der Kunstmann-Verlag mit: „Bauer denkt sich die Witze in Frankfurt am Main aus, Hauck zeichnet sie in Berlin.“ Das glaube ich nicht ganz. So aus einem Guss wirken diese Cartoons („Witze“ ist wohl nicht der richtige Begriff), dass die Arbeitsteilung schwerlich so eindeutig sein dürfte. Hypothese, aus dem Bauchgefühl heraus: Bauer muss durchaus feinen Sinn für die zeichnerische Umsetzung seiner Einfälle haben, Hauck wiederum erfasst Nuancen der Spruchblasen-Texte geradezu traumwandlerisch. Er ist ein Meister der mit wenigen hingeworfenen Strichen zielsicher erfassten Gesichtsausdrücke.

Während sich die erwähnten Stephan Katz und Max Goldt hinreißend schräge Geschichten aus allen denkbaren gesellschaftlichen „Szenen“ ausdenken, bewegen sich Hauck & Bauer zumeist eher im gewöhnlichen Durchschnitts-Alltag, den sie freilich hintersinnig, ja manchmal hinterhältig parodieren. Vielfach tauchen Figuren auf, die sich unfreiwillig komisch in ihren eigenen Macken und Neurosen verstricken. Das Themenfeld geht uns wohl alle an. Man kann das kaum rein verbal beschreiben, man muss sich halt die Resultate anschauen. Explizit politisch sind übrigens beide Arbeitsgemeinschaften nicht, sie loten ungleich tiefer, sozusagen im Ur- und Untergrund unseres Gemeinwesens. Aber das gilt ja für alle guten bis exzellenten Cartoonisten (und Comedians).

Nur ein paar Stichworte: Wir sehen, wie Noah partout keine Menschen auf seine Arche lassen mag. Der Herr „Feminist“ im feinen Zwirn betont großzügig, dass auch Frauen dazugehören und stets „mitgemeint“ sind. Oder dieser Dialog zwischen Interviewer und dem ungemein wichtigen Befragten: „Es tut mir leid, da muss ich noch mal nachhaken.“ – „Es tut mir leid, da muss ich noch mal ausweichen.“ Oder solch‘ grandiose Lakonie: „Hält hier der autonome Bus?“ – Antwort: „Wenn er will.“

Nein, nein, man kann das alles nicht mal ansatzweise nacherzählen, das Visuelle gehört unbedingt dazu. Ja, was machen wir denn da? Genau. Dafür haben wir Geld.

„Dafür haben sie Geld – Das Hauck & Bauer Taschenbuch“. Kunstmann Verlag, 256 Seiten, 14 Euro.




Ein „offener Fall“: Judith Hermanns schwierige Spurensuche nach dem SS-Großvater

Vom Großvater gibt es diese furchtbare, zugleich banale Fotografie, auf der er 1941 mannesstolz mit einem SS-Motorrad in Polen posiert. Was, so fragt sich die bestürzte Autorin, gibt so einer wie ihr Großvater an seine Nachkommenschaft weiter? Was hat er getan? Und was kann man eigentlich über ihn erfahren?

Die Autorin ist Judith Hermann. Sie legt einen autobiographisch grundierten Text vor: „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist keiner Gattung zuzurechnen. „Zurückgehen“, um so etwas wie die den Anschein von Wahrheit zu finden. Aber wie schwer, wenn nicht unmöglich ist das! Vor allem davon zeugt das Buch. Anders gesagt: Es erschöpft sich darin. Buchstäblich. Es zehrt an der, die sich auf die Suche begibt. Und sie kann mögliche Antworten nur umkreisen.

Bitte nicht „literarisieren“

„Damals“, im August 1941, war der Großvater im polnischen Radom, wo das zweitgrößte Ghetto des Landes „aufgelöst“ wurde und die deutschen Besatzer abertausende Menschen entweder an Ort und Stelle exekutiert oder in den sicheren KZ-Tod geschickt haben. Der Großvater muss an diesen bestialischen Untaten beteiligt gewesen sein, anders ist es nicht denkbar. Doch wenn die Autorin von ihrer Mutter, also der Tochter des SS-Mannes, Näheres erfahren will, bleibt es beim notorischen Schweigen – wie in so vielen deutschen Familien. Judith solle das alles doch bitte nicht „literarisieren“, lautet der deutlichste Bescheid der Mutter. Tatsächlich merkt die Autorin nach und nach, dass über all dies kein „gelingender“ Text möglich ist. Es ist einfach kein Erzählstoff. Was aber dann? Und wieso erscheint ein Buch, das eingestandenermaßen misslungen sein müsste? Vielleicht gerade deshalb.

Vergangenheit ist nicht vorbei, sie huscht aber vorüber

Judith Hermann fährt ins winterlich unwirtliche Radom, wo sie einsam umherirrt, ja herumgeistert und wo sie – fast schon plakativ – als Lektüre u. a. Alexander Mitscherlichs „Die Unfähigkeit zu trauern“ bei sich trägt, dazu Bücher von Gombrowicz, Richard Ford und etlichen anderen. Im Laufe ihres seltsamen Aufenthalts (gleichermaßen ein Versuch des „Eintauchens“ und distanzierte Betrachtung einer Fremden, Unbehausten) empfängt und schildert sie atmosphärische Eindrücke, wie es eben eine Schriftstellerin vermag. Doch was hilft es, wohin führt es? Mehrmals erfährt sie bei ihrer  Suche unwirsche Zurückweisung. Die deutsche Schuld ist keineswegs vergessen und vorbei. Spuren und Schichten der Vergangenheit wollen sich allerdings nicht zueinander fügen, sie bleiben vage und huschen offenbar folgenlos vorüber. Zunehmend dringlich fragt sich, was überhaupt beglaubigte „Geschichte“ sei und was lediglich literarische Zutat.

Es folgt gleichsam eine „Erlösung vom Osten“ (Zitat): Aus dem neblig-kalten Radom reist die Schriftstellerin weiter und weiter – bis ins bereits vorfrühlingshafte Neapel, wo ihre jüngere Schwester mit Mann und Kindern lebt. Auch dort haben die Deutschen im Weltkrieg gewütet, sie sind aber von todesmutigen Partisanen vertrieben worden.

„Möglicherweise entkommen wir unseren Prägungen nicht“

Familiäre Geschwister- oder auch Cousin(en)-Konstellationen (jeweils jüngere vs. ältere) werden ebenso durchkonjugiert wie die Generationenfolge und ihre Bezüge zu einem Altvorderen wie dem SS-Großvater. An einer Stelle heißt es vielsagend: „Möglicherweise entkommen wir unseren Prägungen nicht, wir landen immer in einem ähnlichen Umfeld…“ Doch haben sie sich nicht allesamt weit von dem schrecklichen Vorfahren entfernt? Immerhin: Die Schwester ist Archäologin, sie betreibt Ausgrabungen in Pompeji – ein für allemal „geschlossene Fälle“, wie sie befriedigt feststellt. Auch so kann man sich der Geschichte versichern. Doch der bedrohliche Vesuv schlummert ja nur, kann jederzeit wieder ausbrechen und alles unter seinem Auswurf begraben. Auch das ist gar nicht vorbei.

Diese seltsamen Schlupflöcher in der Zeit

Was bleibt, ist flimmernde, flirrende Erinnerung, die sich nicht konkretisieren und festlegen, schon gar nicht ruhigstellen lässt. Rätselhaft sodann im Schlusskapitel das dänische Wort Tidslomme, das Judith Hermann mit „Zeittäschchen“ überträgt. Dazu erzählt sie die Episode zweier alter Leute, die für Tage völlig verschwunden waren und dann einfach wieder auftauchten wie aus einem „Schlupfloch in der Zeit“, ohne jede Erklärung. Ähnlich sodann eine Amnesie der Mutter, die spurlos vorbei ging. Lauter Geschichten mit Leerstellen, offene Fälle. Und was nun?

Judith Hermann: „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“. S. Fischer Verlag. 158 Seiten, 23 Euro.




Faszination des meisterlichen Gesangs: Countertenor Franco Fagioli in der Philharmonie Essen

Der Countertenor Franco Fagioli war in der Essener Philharmonie zu Gast. Foto: Igor Studio/DG

Kaum jemand kennt sie noch, aber in den zwei Jahrzehnten zwischen Mozarts Verlöschen und dem Aufgehen von Rossinis Stern bestimmten sie das Opernleben und versetzten halb Europa in Verzückung: Carlo Coccia, Giovanni Simone Mayr, Giuseppe Nicolini, Ferdinando Paër und Niccoló Zingarelli in Italien, Luigi Cherubini und Étienne-Nicolas Mehul in Paris, Joseph Weigl in Wien.

Einer der weltweit gefragtesten Countertenöre, Franco Fagioli, hat sich einiger dieser Komponisten angenommen – und zwar solcher, die für den letzten großen Kastraten-Opernsänger Giovanni Battista Velluti geschrieben haben. In der Philharmonie Essen gastierte er zusammen mit dem Orchestre de l’Opera Royal de Versailles unter Stefan Plewniak. Der Abend basiert auf Fagiolis Hommage an Velluti, mit der er u.a. in Florenz, Toronto und Versailles aufgetreten ist. Schwerpunkt ist Gioachino Rossini, der mit „Aureliano in Palmira“ 1813 ein einziges Werk für den damals 33jährigen Starsänger Velluti geschrieben hat.

Das Programm zeigt: Auch ein Rossini ist nicht vom Himmel gefallen, aber der „Schwan von Pesaro“ perfektionierte die musikalischen Entwicklungen seiner Zeitgenossen und bereitete mit seinen melodisch-rhythmischen Zutaten eine Götterspeise zu, die schon die Zeitgenossen als fiebertreibendes Suchtmittel beschrieben haben. Die Szene und Cabaletta des Arsace „Dolci silvestri orrori … Ah! Che sento … Non lasciarmi in tal momento“ aus dem zweiten Akt verlangt vom Sänger die feinen Lasuren eines zärtlich-lyrischen Schwärmens und die strahlend-heroische Brillanz für die Gedanken an Ruhm und Liebe.

Agile Verve für eine kämpferische Liebesvision

Die Musik für die kämpferische Liebesvision hat Rossini für die Auftrittsszene der Rosina im „Barbiere di Siviglia“ wiederverwendet. Fagioli setzt agile Verve ein, hütet sich aber davor, die feine Ironie der Rosina-Szene zu streifen: Rossinis Musik, der oft Beliebigkeit im Ausdruck vorgeworfen wurde, zeigt in ihrer absoluten Form, dass es eines gestaltenden Sängers bedarf, der ihre situative Expressivität ausdeuten kann. Fagioli versteht das meisterhaft.

Die Libretti dieser Zeit schicken gerne alle möglichen Feldherren in alle denkbaren Winkel der Welt: In einer 1807 für Rom geschriebenen Oper folgen Giuseppe Nicolini und sein Librettist Michelangelo Prunetti dem Kaiser Trajan nach Dakien. In seiner Arie „Ah se mi lasci o cara“ hofft der Gegner des Römers, der Dakerkönig Decebalo, auf die Treue und Liebe seiner Frau. Fagioli zeigt alle Vorzüge seiner tadellos positionierten Stimme: ausgeglichener Ton im Zentrum und der Höhe, dynamische Flexibilität, kunstfertige Schattierungen und ein magisches, lang ausgesponnenes Gleiten ins Pianissimo. Vor allem verzichtet er auf die verbreitete Unsitte, einen Ton flach anzusingen und dann mit einem aufgesetzten Vibrato intensivieren zu wollen. Das Feuerwerk der Verzierungen im Finale, das eine glückliche Hoffnung imaginiert („felicitá“), lässt ahnen, wie die Kastraten damals ihr Publikum bezauberten – eine Faszination, die heutige Countertenöre mit ihren vokalen Mitteln wieder hervorrufen.

Franco Fagioli (links) und Stefan Plewniak beim Schlussapplaus in der Philharmonie Essen. (Foto: Werner Häußner)

Dutzendware von Kleinmeistern – so geringschätzig blickte die ältere Musikliteratur auf die viel beschäftigten Komponisten dieser Ära herab. Mag sein, dass es – wie im 18. Jahrhundert und in der heutigen zeitgenössischen Musik – viel Austauschbares gibt. Aber eine Szene und Arie wie die des Lotario aus der Oper „Attila“ von Paolo Bonfichi belegt, wie konventionelle Formen zu erstaunlich lebendigen Ausdrucksträgern werden: Dank der musikalischen Imagination eines exzellenten Sängers bekommen sie individuelles Profil und emotionale Tiefe. Franco Fagioli gelingt das in der an Simon Mayr und Gaetano Donizetti erinnernden Musik des Ordensmanns Paolo Bonfichi, der vornehmlich als Komponist Geistlicher Musik hervorgetreten ist. Er findet den erregten Ton des Rezitativs ebenso wie das erfüllt leuchtende Legato des Arioso „Dolenti e cari immagini“. Fagioli schafft mit subtilen Pianissimi Übergänge, in denen man den Atem anhält. Seine Phrasierung ist meisterlich, der Verzicht auf billige Effekte adelt die Musik.

Mit Belcanto nach Westfalen

Mit ebensolchem Ernst und stilistischer Sicherheit nähert er sich einer Szene aus Giuseppe Nicolinis „Carlo Magno“, einer 1809 entstandenen Oper über den Sachsenkrieg Karls des Großen, die vielleicht wegen der lokalen Bezüge einmal eine Aufführung in einem der vielen Theater des heutigen Westfalen lohnte. Wie selbstverständlich Fagioli die Grammatik des Belcanto verinnerlicht hat, demonstriert er mit „Ah! Quel giorno ognor rammento“ aus dem ersten Akt der „Semiramide“ Rossinis als Zugabe. Da sitzen die Verzierungen, ist die Tiefe nicht unangenehm überbrustet, sind auch die Spitzentöne ohne Pression gebildet. Im einstigen Paradestück von Marilyn Horne besteht Fagioli den Vergleich mit dieser einzigartigen Rossini-Sängerin.

Die Partner des Countertenors sind das Orchestre de l’Opera de Versailles“ und der polnische Dirigent und Geiger Stefan Plewniak. Seinen wirkungsvollen Auftritt als Solist bestreitet Plewniak in einem togaähnlichen, satinschimmernden Gewand wie einer der Hexenmeister der Verführungskünste á la Paganini. Die Polonaise aus dem d-Moll-Konzert (Nr. 1 op. 3) des frühromantischen Virtuosen Pierre Rode wirkt aber eher wie aus der Trickkiste eines Stehgeigers: Plewniak hopst und tanzt, führt den weichen, diskreten Ton seines Instruments vor, bleibt aber in der Artikulation verwaschen, reiht die Perlen der kurzen Noten nicht trennscharf auf den Schnüren virtuoser Melodik.

Der Komponist und Violinist Pierre Rode (1774-1830) auf einer vor 1860 entstandenen Zeichnung von Henri Grévedon.

Als Dirigent kann Plewniak mehr, wenn auch nicht vollkommen überzeugen. In der Sinfonia zu „Tancredi“ achtet er auf Transparenz und vermeidet das für Rossini gerne strapazierte Lärmen – nicht zuletzt, weil er das Orchester die Crescendi vorbildlich aufbauen lässt. Aber die Violinen suchen nach dem federnden Charakter der kurzen Noten, die Tutti sind trotz der mirakulösen Bläser nicht durchsichtig. Die finale Tanzsequenz aus „Il Viaggio a Reims“ vertrüge in ihrer Walzereleganz und dem älplerischen Ländler-Dreiertakt deutlichere Ironie. Niccolò Antonio Zingarellis Ouertüre zu „Giulietta e Romeo“ macht in ihren vom Orchester expressiv gestalteten frühromantischen Düsternis ebenso Eindruck wie in ihrem dramatischen Pomp. Wieder spielen die Bläser – diesmal die Oboen – eine markante Rolle. Aber Zingarellis Musiksprache lässt auch den Unterschied erkennen, der die dreißig Jahre bis zu Vincenzo Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ zum Quantensprung machen.

Anmerkung: Die Zeit des Belcanto rückt auch andernorts wieder in den Fokus des musikalischen Welt: So erinnert das bisher leider zu unbemerkt gebliebene Festival „Il belcanto ritrovato“ in der Region Marche in Italien seit 2022 jeweils an einen Komponisten aus der Zeit des Belcanto des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Die fünfte Edition des Festivals stellt den Komponisten Carlo Coccia (1782-1873) in den Mittelpunkt seiner Aktivität in Fano, Urbino und Pesaro. Weitere Infos: www.ilbelcantoritrovato.it