Lehmbruck-Museum: Formfindungen zwischen Körper und Geist

In einem Skulpturenmuseum wirken auch solche Lautsprecher-Formationen skulpturenhaft: Blick auf die Klang-Installation „The Forty Part Motet“ (2001, hier noch in Montreal) von Janet Cardiff und George Bures Miller. (© The artists and Luhring Augustine, New York)

Im Duisburger Lehmbruck-Museum stehen für 2022 spannende Ausstellungen auf der Agenda. Das lässt jedenfalls die heutige Programmvorstellung erhoffen. Söke Dinkla, die Direktorin des Hauses, nennt als Leitlinie den Gegensatz (oder auch das Zusammenwirken) von Geist und Materie: Inwieweit bestimmen Gedanken oder eben Gegenstände unser Dasein? Es wird sich zeigen, in welcher Weise die Ausstellungen diesen Grundgedanken einlösen.

Als Skulpturenmuseum, so Dinkla weiter, befasse man sich mit der wohl materiellsten Kunstform überhaupt. Namensgeber Wilhelm Lehmbruck habe sich jedoch besonders die Gestaltung des Seelischen, nicht des Physischen zum Ziel gesetzt. Wir ahnen schon, dass man keinesfalls ohne Mischformen und Wechselwirkungen auskommen wird.

Der Reigen beginnt am 27. März – nicht mit herkömmlichen Skulpturen, sondern mit  vielgliedrig ausgreifenden Installationen von Janet Cardiff und George Bures Miller (beide Kanada), die 2020 den Lehmbruck-Preis bekommen haben. Schon ein paar kurze Filme vermitteln das Gefühl, hier in eine ganz eigentümlich wuchernde Welt einzutauchen. Markantes Beispiel: die Installation „Escape Room“ von 2021, die in Duisburg Europa-Premiere haben wird. Beim Herumgehen zwischen rätselhaften Architektur-Modellen und menschenleeren dystopischen Landschaften lösen die Besucher wechselnde Geräusche aus. Es dürfte eine geisterhafte Erfahrung sein. Und es ist sicherlich kein Zufall, dass eine solche Arbeit im Verlauf der Pandemie anwachsen konnte.

Auch Installationen wie „The Paradise Institute“ (2001 – ein ins Museum verpflanztes „Kino“ ohne lineare Erzählung, dafür aber mit ortlos wandernden Stimmen) oder „The Forty Part Motet“, ein wandelbarer Klangraum mit im großen Oval angeordneten Lautsprecher-Gruppen, verheißen Erlebnisse, wie man sie eben nur mit Kunst haben kann. Vollends erschreckend ist die Aussicht auf „The Killing Machine“ (2007), die einerseits von Jean Tinguely, zuinnerst aber von Franz Kafka („In der Strafkolonie“) inspirierte Vision einer Folter- und Tötungsmaschinerie, die noch dazu – mitsamt ihren schaurigen Klängen – von Besucherinnen oder Besuchern in Bewegung gesetzt wird. Wer der Aufforderung zum Knopfdruck folgt, macht sich gleichsam mitschuldig.

Der Niederländerin Rineke Dijkstra ist die nächste Ausstellung gewidmet. Sie hat sehr einlässlich junge Menschen, zumeist Mädchen, in der Phase ihrer Selbstfindung beobachtet und hält deren entschiedene Behauptungs-Versuche fotografisch und filmisch fest, so etwa bei mit großem Ernst vollführten Gymnastik-Übungen. Keine pure Körperlichkeit, sondern eine, die letztlich ins Geistige ragt.

Extensive Körperlichkeit, die ins Geistige weist: Antony Gormley „Field“ (© Antony Gormley)

Es folgt eine Präsentation des Engländers Antony Gormley, die auch Zeichnungen umfasst. Gormley ist ein bekennender Verehrer des Lebenswerks von Wilhelm Lehmbruck. Ganz bewusst knüpft er bei dessen Konzepten einer Versenkung ins Innere an und wird sich ausdrücklich mit Lehmbrucks berühmter Figur „Der Gestürzte“ auseinandersetzen. Eine Folgerung, die man auch aus dieser Werk-Begegnung ziehen könnte: Kontemplation und Körperlichkeit sind eben keine schroffen Gegensätze.

Schließlich der Vertreter einer früheren Generation: Norbert Kricke (1922-1984), einstiger Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie. Gezeigt werden einzelne Arbeiten aus dem noch gegenständlichen Frühwerk, sodann aber vor allem abstrakte Gestaltungen, die mit ihren Lineaturen kraftvoll und denn doch geradezu körperhaft in den umgebenden Raum ausstrahlen.

Und sonst? Gibt es ein digitales, einstweilen noch etwas wolkiges „Text-Adventure-Game“ zu Leben und Werk von Wilhelm Lehmbruck sowie Aktionen zur kulturellen Teilhabe, sprich: Es sollen mehr Migranten-Kinder Freude am Museum finden.

Janet Cardiff & George Bures Miller (27. März bis 14. August)
Rineke Dijkstra (13. Mai bis 24. Juli)
Antony Gormley (25. September bis 26. Februar 2023)
Norbert Kricke (18. November bis 26. Februar 2023).

Lehmbruck Museum, Düsseldorfer Str. 51
47051 Duisburg

 




Raum des blauen Wassers: Piero Vinciguerra schafft für Puccinis „Trittico“ in Essen eine magische Bühne

Die Bühne von Piero Vinciguerra für Giacomo Puccinis Dreiteiler „Il Trittico“ am Aalto-Theater Essen. Ein magischer Raum von Distanzierung, Verklärung und Selbstentäußerung. (Foto: Matthias Jung)

Was wäre bei Giacomo Puccini denn ein anderes Thema, das drei so unterschiedliche Opern wie in seinem „Trittico“ miteinander verbinden könnte, wenn nicht die Liebe?

So trivial die Feststellung klingt – denn fast alle Opern haben irgendetwas mit Liebe zu tun –, so grundlegend ist sie für Puccinis Experiment, drei Werke zu einem „Triptychon“ zu verbinden, die wie drei Flügel eines Kunstwerks einzeln stehen und doch zusammengehören. Aber Regisseur Roland Schwab hat in seiner dritten Inszenierung am Aalto-Theater Essen (nach Verdis „Otello“ und Leoncavallos „Pagliacci“) eine andere Antwort: der Tod.

Schwab entdeckt also, was Puccini in seiner letzten Oper „Turandot“ im schmerzlichen Scheitern letztlich bekräftigt hat. Doch schon das „Trittico“ beantwortet die Frage Friedrich Nietzsches, ob Liebe und Tod nicht Geschwister seien, in drei Versionen: dem gewaltsamen Mord, dem verklärenden Übergang und einem Satyrspiel mit dem Tod, dem Schwab durch den Suizid des Buoso zum Beginn von „Gianni Schicchi“ ein verstörendes Gewicht gibt. Aus dem Überdruss am Luxus – Buoso erschießt sich am Rand eines mondänen Pools – keimt die zerstörerische Gier nach Reichtum als Quelle materieller Völlerei. Von daher, und verbunden mit dem Blick auf die außerordentliche Qualität der Musik Puccinis, kann das „Trittico“ auf gleicher Höhe wie Verdis „Aida“ oder Wagners „Tristan und Isolde“ auf das unerschöpfliche Thema von Liebe und Tod blicken.

Die Scharniere zwischen den Werken interessieren Schwab bei seiner Neuinszenierung des „Trittico“ am Essener Aalto-Theater besonders. Am liebsten hätte er, so bekennt er im Programmheft-Interview, die drei Stücke ohne Pause aneinandergehängt, und begründet das tiefsinnig mit der Dreiteilung von Dantes „Göttlicher Komödie“: Der Beginn, „Il Tabarro“, als Abgrund der Welt, „Suor Angelica“, das ungeliebte Mittelstück, als das „Purgatorio“, den Reinigungsort. Und schließlich „Gianni Schicchi“, die rabenschwarze Komödie, als Verweis auf das Paradies. Abwegig? Sicher nicht, denn die einzige Liebe, die eine Chance auf Gelingen hat, ist die zarte, sich selbst sichere Beziehung zwischen den jungen Menschen Lauretta und Rinuccio.

Zerstiebt Hoffnung wie Seifenblasen?

Heiko Trinsinger (Gianni Schicchi), Lilian Farahani (Lauretta) in „Gianni Schicchi“. Foto: Matthias Jung.

Aber wer stärker ist, die Liebe oder der alles verbindende Tod, wird in „Gianni Schicchi“ Bild und Szene virtuos in der Schwebe gehalten. Zwar bekommt das kleine Luder Lauretta genau das, was sie will, aber hinter dem fröhlich posierenden Paar schäumen Seifenblasen auf. Und der Schelm Gianni Schicchi hält eine rote Kugel in der Hand, die während des gesamten „Trittico“ als Chiffre in der Szene präsent war. Ist es der Apfel der Eva, mit dem das Paradies unzugänglich und das Böse in der Welt wirksam wurde? Die verbotene Frucht, die den Menschen „wie Gott“ um sich selbst wissend, frei, aber auch der Mühsal unterworfen der Welt auslieferte? Und verheißt die Leuchtschrift „Addio Speranza“ nicht auch auf die vergebliche Liebesmüh‘? Die Hoffnung – addio, also „zu Gott“?

Schwab arbeitet gerne (und manchmal zu viel) mit solchen symbolischen Fingerzeigen, mit chiffrierten Hinweisen. In „Il Tabarro“ spielt ein Drehorgler einen verstimmten Walzer. Er sollte in den beiden anderen Teilen wiederkommen – stummer Repräsentant des Todes im Komödiantenkostüm und so ein Echo des „Leierkastenmannes“ Schuberts. Das Kleid in sanft abgestuften Rosa-Tönen – die Kostüme sind Gabriele Rupprechts sensible Schöpfungen – verbindet die Protagonistinnen der drei Opern, betont das Gemeinsame der Frauenfiguren, die bei Puccini von Manon bis Liu stets zu Opfern verurteilt sind.

Wesentlich getragen wird Schwabs jeden Realismus transzendierende Sicht von einem großen Wurf Piero Vinciguerras: Für diese erste komplette Realisierung des Puccini-Dreiteilers in Essen hat der international erfolgreiche italienische Bildmagier die Bühne mit einem riesigen Wasserbecken ausgefüllt. Doch was anderswo lediglich zum szenischen Aufreger taugte, erhält in Essen sinnliche fassbare Bedeutung: Das Wasser wird selbst zum symbolhaften Element von Zeit, Vergänglichkeit, Elendsstrom und Tränensee. Selbst in „Il Tabarro“, in dem der Verismo und das Sozialdrama Émile Zolas grüßen, illustriert es nicht das Ufer der Seine. Und in Verbindung mit dem meisterlich eingesetzten Licht wandelt es den Raum zur Sphäre. Hier geht es nicht mehr um Schauplätze, sondern um Seelenräume.

Das Licht schafft Verbindungen zwischen den Opern: Wenn Luigi im „Tabarro“ bitter feststellt, das Leben habe keinen Wert mehr, schimmert die Bühne in dem blauen Licht, das später Schwester Angelica umfließt, wenn sie sich vergiftet. Dieser Moment ist große Bühnenkunst: Der riesige Spiegel über der Wasserfläche senkt sich in der Hinterbühne und lässt die Zuschauer wie von oben auf die im Blau hingestreckte Angelica blicken. Der Moment des Sterbens als Selbstentäußerung, Transzendierung und Verklärung wird wie selten sinnlich fassbar. So legt Schwab Spuren aus, die sich im Lauf des Abends zu festen Banden zwischen den drei Teilen entwickeln. Puccini hätte seine helle Freude gehabt.

Sänger garantieren musikalische Qualität

Das Aalto-Theater kann mit einer Riege von Sängern aufwarten, die auch die musikalische Qualität des Abends garantieren. Bettina Ranch etwa spielt als Frugola den Frust einer derangierten Schönheit aus und streift die Spur des Naturalismus, ohne die Dichte der Szene zu durchbrechen. Als Fürstin in „Suor Angelica“ repräsentiert sie – bezeichnend mit der Chiffre des Lichts durch ihre Sonnenbrille spielend – die eiskalte Unerbittlichkeit, die empathielos auf das Erbe konzentriert schon die Gier der Nachfahren in „Gianni Schicchi“ präfiguriert. Jessica Muirhead ist ein Schatz im Ensemble des Aalto-Theaters: Die ganze Sensibilität, Verletzlichkeit und innere Qual der ins Kloster verbannten unehelichen Mutter legt sie für Schwester Angelica in ihre freie, blühende, im Piano reich schattierende Stimme.

Der Tod zerreißt das begrenzende Gespinst und öffnet den Raum: Jessica Muirhead in „Suor Angelica“. Foto: Matthias Jung.

Marie-Helen Joël hat als Äbtissin und vor allem als Zita in „Gianni Schicchi“ stimmlich sicher unterfütterte, szenisch dichte Auftritte. Auch die kleineren Rollen sind niveauvoll besetzt, etwa mit Liliana de Souza (Schwester Eiferin, La Ciesca), Giulia Montanari (Genovieffa) oder Christina Clark (Nella). Annemarie Kremer setzt als Giorgetta einen imposant-kraftvollen Sopran ein, aber den scharfen, vibratoreichen Tönen fehlt der sinnliche Schmelz einer Puccini-Stimme. Auch Lilian Farahani ist als Lauretta nicht optimal besetzt: „O mio babbino caro“, der Schlager des gesamten „Trittico“, erklingt zu leicht, zu soubrettig, und ohne fließende melodische Bögen.

Mit Heiko Trinsinger als Michele („Il Tabarro“) und als Gianni Schicchi kann sich das Aalto-Theater auf eine sichere Nummer verlassen. Er erfasst trotz eines nicht so sehr italienisch gefärbten Baritons die resignierte Trauer und den impulsiven mörderischen Ausbruch eines Mannes, der ratlos zusehen muss, wie ihm die immer noch geliebte Frau im Fließen des Schicksals entgleitet. Dem Gianni Schicchi gibt er weniger die Eleganz des gewitzten Betrügers mit, sondern eher virile Kraft, unbändige Komödiantenlust, aber auch einen Flash von Zynismus.

Sergey Polyakov (Luigi) und Annemarie Kremer (Giorgetta) im ersten Teil des Abends, „Il Tabarro“ („Der Mantel“). (Foto: Matthias Jung)

Sergey Polyakov ist ein standfester, zu kraftvollem Nachdruck fähiger Luigi, der dennoch die drückende Trostlosigkeit seiner Existenz und die leise Trauer in seiner Leidenschaft in flexiblen Tönen auszudrücken weiß. Baurzhan Anderzhanov (Il Talpa/Betto di Signa) fällt wie stets durch seine makellos geführte Stimme und den Wohllaut seines kühlen, aber schön abgerundeten Timbres auf. Zu hoffen ist, dass Christopher Hochstuhl aus dem Opernstudio NRW als Liedverkäufer künftig nicht auf ein paar Sätzchen und stumme Auftritte beschränkt bleibt. Zumal in „Gianni Schicchi“ machen die Sänger – mit Carlos Cardoso als erfrischendem Rinuccio und Uwe Eikötter als erfahrenem Gherardo – dem Begriff des „Ensembles“ alle Ehre. Opern- und Kinderchor des Aalto-Theaters unter Patrick Jaskolka bewältigen die schwierige Aufgabe, aus der Ferne und in ungünstiger Aufstellung zu singen, mit solider Sicherheit.

Im Orchester erklingt ein „moderner“ Puccini

Am Pult der Essener Philharmoniker waltet diesmal Roberto Rizzi Brignoli, Generalmusikdirektor in Santiago de Chile und häufiger Gast an Häusern wie der Mailänder Scala, Berlin, Hamburg oder Stuttgart. Er präsentiert einen „modernen“ Puccini, bedacht auf Transparenz und genaues Nachzeichnen der Komplexität von Puccinis Komposition. Das ist gerade für „Il Trittico“ ein passender Zugang. In „Il Tabarro“ betont er nach einem luftig-lockeren Beginn nicht die Qualitäten des Verismo-Reißers, sondern die diskret schattierten Töne, die lyrischen Momente, in denen sich die verletzten Seelen musikalisch äußern.

In „Suor Angelica“, die der Operntradition des 19. Jahrhunderts am nächsten liegt, hätte man sich stellenweise einen süffigeren Klang vorstellen können. Aber die Essener Philharmoniker bringen das mystische Kolorit zum Leuchten, funkeln in der differenzierten Instrumentierung in aparten Farben, spielen Lyrisches gelöst und ohne Druck. Beste Voraussetzungen für die agile Musik des „Gianni Schicchi“, in der die Moll-Klage ebenso geheuchelt klingt wie das heroische Preislied auf Florenz, und in der sich die Philharmoniker vergnügt auf punktierte Details und schräge Sprünge kaprizieren. Eine Burleske mit schaurigem Hintergrund – der Kreis ist geschlossen.

Vorstellungen am 13. Februar (mit Nachgespräch), 2., 20., 31. März, 24. April, 15. Juni 2022. Info: https://www.theater-essen.de/spielplan/2022-02/iltrittico/6384/




„Nervös wie ein Rennpferd in der Startbox“ – Paul Auster umkreist Leben und Werk des fast vergessenen Stephen Crane

Die (post)moderne Literatur hat Paul Auster entscheidend beflügelt. Die „New-York-Trilogie“ hat ihm einen Platz in der Weltliteratur gesichert. Mit „4,3,2,1“ schrieb er sein Opus magnum. „In Flammen“ heißt sein neues Buch, das „Leben und Werk von Stephen Crane“ untersucht: die Biografie eines fast vergessenen Autors, der im Jahr 1900 – mit nur 28 – an Tuberkulose starb. Ein früh gereiftes Genie, das vielen ein Rätsel blieb.

Auster will Crane dem Vergessen entreißen, spiegelt sich im geheimnisvollen Leben und disparaten Werk des Autors, ohne den die US-Literatur und seine eigene nicht denkbar wären. Auster hat sich unter Kollegen und Kritikern umgehört und war verblüfft: Kaum jemand kennt heute noch den Namen des Autors, der wie ein Komet am Literaturhimmel erschien und dem Naturalismus und Realismus neue Dimensionen eröffnete. Kaum jemand hat je einen Roman oder eine Novelle des Autors gelesen, der eine zeitlang im tiefsten Elend in den Slums von New hauste und sich, weil er notorisch pleite war, als Kriegsreporter verdingte und mehrmals in Lebensgefahr geriet.

Im Roman „Die rote Tapferkeitsmedaille“ hat Stephen Crane den Krieg auf radikal neue Weise beschrieben. Die vom eigenen Schiffsuntergang und Überlebenskampf handelnde Novelle „Das Offene Boot“ hat später Hemingway zu seiner Erzählung „Der alte Mann und das Meer“ inspiriert. Crane ist „Amerikas Antwort auf auf Keats und Shelley, auf Schubert und Mozart“, sein Werk, so Auster, sei nicht gealtert: „Hundertzwanzig Jahre nach seinem Tod leuchtet die Flamme Stephen Cranes noch immer.“

Gealterter Schriftsteller bewundert junges Genie

Auster umzingelt Crane nicht als Wissenschaftler, sondern als alter Schriftsteller, der das Genie eines jungen Schriftstellers bewundert, der fasziniert ist vom widersprüchlichen Leben, den spontanen Wagnissen, der starrsinnigen Hingabe an die Berufung als Schriftsteller, an der Crane festhielt: vom ersten Gedicht, das er als Kind schrieb, über die ersten Zeitungsreportagen, die er als Jugendlicher verfasste, bis zum letzten Atemzug, den Crane in Deutschland tat: Gestorben ist Crane im Kurort Badenweiler, wo er vergeblich hoffte, die Flamme seines Lebens vor dem Verlöschen zu retten, und wo nur eine kleine Zeitungsnotiz von seinem Tod Kenntnis gab.

Als Joseph Conrad, Henry James und H. G. Wells, die Crane bewunderten, von seinem Tod erfuhren, waren sie tief erschüttert. Und Willa Cather, die mit Crane eine wilde, von einem Schneesturm umtoste Nacht verbrachte, meinte: „Er wirkte so nervös wie ein Rennpferd in der Startbox. Er war ein Mann, der mit einer plötzlichen Abreise rechnet. Nie habe ich einen Mann mit so bitterem Herzen gekannt, wie er es mir in dieser Nacht enthüllte. Es war eine Abrechnung mit dem Leben, eine Anrufung des Hasses.“

Unter Tage und in den Slums von New York

Wenn Crane einen Artikel über die Ausbeutung der Bergbauarbeiter schreibt, fährt er mit ihnen in die Schächte hinunter und atmet Staub. Wenn er seinen Roman über „Maggie, das Straßenmädchen“ schreibt, lässt er sich durch New Yorker Slums treiben. Auster zitiert Crane ausführlich, kommentiert jedes Wort und jedes Stilmittel, verbeugt sich vor der Genialität. Wenn Auster ein Foto abdruckt, ist das nicht bloße Illustration, sondern Anlass, sich in das Kind, den Jugendlichen, den Mann hinein zu fantasieren: Warum sind die Augen so düster, warum ist das Gesicht so grimmig? Was hat er gedacht, wie hat er gelebt, als diese Fotos gemacht wurden?

Auster gräbt sich in die Bücher hinein, liest „Die rote Tapferkeitsmedaille“ nicht als Roman über den Krieg, sondern als Studie über die Auswirkungen des Krieges auf einen jungen Mann, als psychologisches Porträt der Angst, die von Feigheit in Hass umschlägt. Alles, was einen Kriegsroman eigentlich ausmacht, lässt Crane weg: Wer warum und gegen wen kämpft, politische Fakten, militärische Ziele, nichts davon wird berichtet. Von Interesse ist nur das Innenleben von Henry Fleming, was in ihm vorgeht, während die Kameraden sterben, warum er die Flucht ergreift und dann doch voller Scham zurück in die Schlacht stolpert, sich nach einer blutenden Wunde sehnt, eben nach einer „roten Tapferkeitsmedaille“. Auster zeigt, wie Crane eine neue Ästhetik in die Literatur einführt, eine reale Schlacht des amerikanischen Bürgerkrieges in ein mythisches Ritual verwandelt, so wie er auch das reale New York in eine mythische Stadt verwandelt, einen fiktiven Ort des Grauens, durch den das Straßenmädchen „Maggie“ bei ihrem Überlebenskampf ziel- und sinnlos taumelt.

Ein atemloses Kapitel über 600 Seiten

Paul Auster rätselt, wie Crane es schafft, vieles gleichzeitig zu machen: reiten, reisen, schreiben, lesen, sich verlieben, rauchen, trinken, sich prügeln, einen Roman und nebenher unzählige Zeitungsartikel und Gedichte schreiben. Auster versucht, Ordnung ins Chaos zu bringen. Doch dann schreibt auch er alles gleichzeitig und ohne jede Pause: Im Kapitel „Tempo der Jugend“ werden über 600 Seiten atemlos die kreativsten Jahre Cranes und viele seiner Werke abgehandelt. Ohne irgendeine Zwischen-Überschrift. Als Leser versinkt man im Literaturmeer, so wie Crane, als sein Dampfer bei der Überfahrt nach Kuba unterging und er tagelang in einem Rettungsboot übers Meer trieb. Wer mit der Biografie arbeiten, etwas nachschlagen will, hat es nicht leicht. Aber wahrscheinlich will Auster zeigen, dass wir Crane nur verstehen, wenn wir nicht in der Asche herumstochern, sondern die ganze Flamme lodern lassen.

Paul Auster: „In Flammen. Leben und Werk von Stephen Crane.“ Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Rowohlt Verlag, Hamburg 2022, 1184 Seiten, 34 Euro.

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  • Geboren wurde Paul Auster 1947 in Newark/New Jersey.
  • Seit vielen Jahren lebt der mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verheiratete Auster in New York.
  • Sein preisgekröntes Werk umfasst zahlreiche Romane, Essays, Gedichte und Übersetzungen zeitgenössischer Lyrik.
  • Bekannt wurde der Autor, der auch als Filmemacher („Smoke“, „Lulu On The Bridge“) arbeitet, mit einer Serie von experimentellen Kriminalromanen („New-York-Trilogie“).
  • Immer wieder umkreist er in seinen vom französischen Strukturalismus beeinflussten Büchern die Rolle des Zufalls, der unser Schicksal bestimmt: In „4,3,2,1“ nimmt das Leben des Helden, je nachdem, wie der Zufall es will, vier verschiedene Richtungen und wird aus vier verschiedenen Perspektiven erzählt.



„Die Jahre der wahren Empfindung“ – Helmut Böttigers anregendes Buch zur Literatur der 70er

Noch andere Leute hier, die hauptsächlich in den 1970er Jahren literarisch sozialisiert worden sind? Mir wurde es wieder bewusst, als ich jetzt Helmut Böttigers Buch „Die Jahre der wahren Empfindung“ gelesen habe, in dem die 70er laut Untertitel als „wilde Blütezeit der deutschen Literatur“ gelten (wobei es eigentlich „deutschsprachig“ heißen müsste, aber das wäre zu sperrig fürs Cover). Und tatsächlich: Wie reich an lesenswerten, ja aufregenden Büchern ist jenes Jahrzehnt gewesen!

Umschlag des besprochenen Buches: Auf dem rechten Foto sieht man übrigens Nicolas Born und Peter Handke beim gemeinschaftlichen Wassertreten. (Wallstein)

Man könnte jetzt schier endlos Namen und Buchtitel aufzählen. Den Exzess lassen wir mal bleiben. Aber ein paar Beispiele müssen doch genannt sein. Böll, Grass und Siegfried Lenz schienen seinerzeit „irgendwie“ schon ein bisschen vorbei zu sein, Walser noch nicht. Um es mal subjektiv anzugehen: Wahrhaftig habe ich damals vieles von dem gelesen, was Böttiger noch einmal unter die Rückblicks-Lupe nimmt. Peter Schneiders „Lenz“, Karin Strucks „Klassenliebe“, Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann, Jürgen Theobaldy, die Herren Piwitt und Delius, Fritz Zorn („Mars“) und Bernward Vesper („Die Reise“). Ja, sogar eine Verena Stefan („Häutungen“) stand seinerzeit weit oben auf dem Zeitgeist-Zettel. Von diversen Berühmtheiten mal ganz abgesehen. Natürlich einiges von Handke und Bernhard, Enzensberger, Arno Schmidt, Peter Weiss, dann aber auch Gernhardt, der frühe Genazino usw. usw. Jetzt aber Schluss mit dem Namedropping. Die Namen sollen ja nur ungefähr den Rahmen abstecken.

All die kleinen Literaturzeitschriften

Böttiger schreitet mehr oder weniger das ganze Jahrzehnt aus, er vergisst auch nicht zeittypische Phänomene wie die zahllosen hektographierten Literaturzeitschriften und die regen „Szenen“, die sich drumherum entfaltet haben. Selbstverständlich kommt auch die „Vaterfigur“ all dieser Kreise angemessen vor: der begnadete Netzwerker Josef Wintjes aus Bottrop, letztlich einer der literarisch wirksamsten Menschen, die das Ruhrgebiet bislang hervorgebracht hat.

Gewichtiger noch: Spezifische Grundzüge der DDR-Literatur werden ebenso ausführlich erläutert wie die der gleichfalls unverzichtbaren Werke aus der Schweiz und Österreich. Hin und wieder wird’s persönlich, so etwa, wenn harsche Auseinandersetzungen im Literaturbetrieb (Streithähne in der Gruppe 47, später dann der unversöhnliche Konflikt Wagenbach vs. Rotbuch) oder Vorgänge hinter den Kulissen (Marcel Reich-Ranickis unermüdliches Werben um Peter Rühmkorf als FAZ-Mitarbeiter) geschildert werden.

Als die Defizite der Achtundsechziger sichtbar wurden

Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen jedoch vor allem Werke, die die (nicht geringen) Defizite der 68er Polit-Revolte sichtbar gemacht haben. Einen weiteren Hauptstrang bilden verspätete Anknüpfungen deutschsprachiger Literatur bei popkulturellen Entwicklungen. Da gab es, verglichen mit anglophoner Literatur, eine Menge aufzuholen. Nicht nur der wüste Brinkmann, auch Handke hatte hierbei seine Verdienste. Zudem verweist der Buchtitel sowieso auf Handkes „Die Stunde der wahren Empfindung“.

Ab und zu lässt Böttiger diskret durchblicken, dass er manche der literarischen Protagonisten persönlich gekannt hat. Er breitet also nicht nur Bücher-, sondern auch Erfahrungswissen mit Ergänzungen vom Hörensagen aus. Das kann nicht schaden, wenn es so zurückhaltend und nicht auftrumpfend geschieht.

Die „blinden Flecken“ der Wahrnehmung

Man hat damals manches, aber längst nicht alles Wesentliche gelesen. Böttiger macht vielfach Lust darauf, bestimmte Bücher nachzuholen, die nach seinem Dafürhalten auch über ihre Zeit hinaus Gültigkeit besitzen. Nun gut, „Zettels Traum“ von Arno Schmidt werde ich auch jetzt nicht nachträglich durchackern. Doch Uwe Johnsons „Jahrestage“ sollte man sich noch einmal neu vornehmen. Auch habe ich mir speziell diese schmählich versäumten Schriftsteller notiert: Guntram Vesper, Jörg Fauser, Christoph Meckel („Licht“) und Manfred Esser („Ostend“), der mir bislang gar kein Begriff war.

Es gibt eben auch in der literarischen Wahrnehmung sozusagen „tote Winkel“. Übrigens hat Böttiger selbst seine „blinden Flecken“. Dass etwa Wolf Wondratschek nur einmal ganz kurz – wie versehentlich – gestreift wird und Franz Xaver Kroetz überhaupt nicht vorkommt, verwundert denn doch. Und wenn wir schon ein kleines bisschen nörgeln, so soll nicht verschwiegen werden, dass Böttigers absolutes, immer mal wieder verwendetes Lieblingswort offenbar „Suchbewegungen“ lautet. Eine Petitesse? Ja, gewiss. Und noch eins, schon etwas gravierender: Die gelegentlich eingestreuten Fotos sind teilweise hinreißend, aber leider deutlich zu klein geraten. Eine Kostenfrage, schon klar. Das war’s aber auch an Einwänden.

Botho Strauß und seine Abkehr von Adorno

Das Jahrzehnt klingt bei Böttiger mit dem Aufkommen von Botho Strauß und dem Erscheinen seines Bandes „Paare Passanten“ aus. In diesem Buch habe Strauß seine wehmutsvolle Absage an die Dialektik Theodor W. Adornos formuliert. Damit war wohl ein Weg in die so ganz anders gearteten 80er gebahnt. Dazu fällt mir spontan noch ein bezeichnendes Strauß-Zitat ein, es stammt aus seinem damals ebenso gefeierten Stück „Groß und klein“ (Uraufführung 1978, Regie Peter Stein) und lautet schlichtweg: „In den siebziger Jahren finde sich einer zurecht.“ Je nun, sie waren war halt auf ihre Weise so komplex und kompliziert wie jede andere Dekade.

Hinein in die Schlusskurve: Ich erinnere mich mit Befremden an einen Kommilitonen bei den Bochumer Germanisten, der damals mit arroganter Attitüde gesagt hat, bei Thomas Mann (!) höre für ihn die Literatur auf, Gegenwärtiges interessiere ihn nicht. Er ist denn auch ausgerechnet Studienrat für Deutsch geworden. Sagen wir mal so: In Thomas Bernhards Titel „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ würde er zumindest für den ersten Teil einstehen können. Wobei ich gerne zugebe, dass ich hernach nie wieder so entschieden „gegenwärtig“ gelesen habe wie just in der 70ern. Woran es wohl gelegen hat? Wir waren jung und brauchten die Bücher…

Helmut Böttiger: „Die Jahre der wahren Empfindung. Die 70er – eine wilde Blütezeit der deutschen Literatur“. Wallstein Verlag, Göttingen. 473 Seiten, 32 Euro.




Der BVB verteilt alljährlich über 155.000 Plastikkarten – muss das denn sein?

Hiermit oute ich mich als Mitglied des BVB – und möchte mich gleich in eine schwarzgelbe Angelegenheit einmischen. Nein, es geht nicht um die sportliche Situation. Auch nicht um irgendwas mit Corona. Sondern? Um die Öko-Chose.

Ich weiß nicht, wie das bei anderen Clubs läuft. Beim BVB bekommt man jedenfalls alljährlich eine neue Mitgliedskarte – aus Plastik. Moment mal! Das hört sich jetzt nicht allzu nachhaltig an, oder? Und was man da an Geld sparen könnte, wenn man die Dinger nur alle paar Jahre austauschen würde! Material- und Personalkosten. Postgebühren. Hallo, Herr Watzke?! Geld sparen…

Jedes Jahr eine neue schwarzgelbe Mitgliedskarte… (Foto: BB)

Liegt die Wechselfreudigkeit etwa daran, dass es jetzt ein anderes Trikot-Design mit geändertem Sponsor gibt, so dass das Foto auf der Karte nicht mehr damit übereinstimmt und der neue Sponsor sich beklagen könnte? Keineswegs. Auf meinem nagelneuen Mitgliedsausweis für 2022 ist ein Pokalsieger-Jubelfoto von 2012 zu sehen, also aus glorreichen Kloppo-Zeiten – mit Spielern wie Lewandowski, Kagawa, Gündogan, Kehl und Weidenfeller, die damals die Bayern im furiosen Finale mit 5:2 abgefertigt haben. Sie trugen Trikots, die inzwischen längst nostalgisch wirken.

Mal ehrlich: Ich muss nicht immerzu durch die Mitgliedskarte daran erinnert werden, dass wir jetzt 2022 haben. Und es geht ja um richtige Mengen. Der BVB hat über 155.000 Mitglieder, also werden dieser Tage mal wieder entsprechend viele Plastikkarten ausgegeben. Den bedrohlichen Berg muss man sich einmal bildlich vorstellen. Die abgelaufenen Exemplare werden ja mutmaßlich weit überwiegend weggeworfen. Devotionaliensammler vielleicht ausgenommen.

Zwei Unterschiede weist die neue Karte im Vergleich zur alten auf, von einer geringfügig geänderten Schriftart mal abgesehen: Zum einen fehlt diesmal die Nummer der Ticket-Hotline (warum?), zum anderen ist eine Art Prüfziffer hinzugekommen. Apropos: Die Frage nach der Gültigkeit – z. B. wegen des Vorrangs beim Ticketkauf – muss sich doch anders lösen lassen, als durch eine immer und immer wieder ersetzte Karte; zum Beispiel durch einen informativen Magnetstreifen (selbstredend unter strengster Beachtung des Datenschutzes). Giro- oder Kreditkarten werden doch auch nicht jährlich ausgewechselt.

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P. S.: Das Beratungshonorar nach üblichen BVB-Sätzen bitte auf mein Konto.

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Nachtrag am 11. März 2023:

Nanu! Soeben (pünktlich zum Tag des Revierderbys) ist der Mitgliedsausweis für 2023 ff eingetroffen – mitsamt einer Mitteilung, die tatsächlich auf Nachhaltigkeit hinausläuft. Zitat:

„Als Beitrag zum Klima- und Umweltschutz hat dieser Mitgliedsausweis eine Gültigkeit von 09 Jahren, also in diesem Falle für die Jahre 2023 bis 2031. Damit können wir über die Jahre hinweg gerechnet mehr als eine Million Plastikkarten einsparen.“

Bravo! Geht doch! Und, wie gesagt: Das Honorar zu den üblichen Sätzen… 😉




Zwischen Strenge und Witz: Flo Kasearu aus Estland – eine gar frühe Vorschau auf ihre Ausstellung bei den Ruhrfestspielen

Auf dem Dach ihres Hauses in Tallinn (Estland): Flo Kasearus metallische „Abwehr“ gegen russische Angriffe… (Filmstill: Jaan Kronberg)

Was die Kunstausstellung der Ruhrfestspiele betrifft, so muss man noch viele Details abwarten. Gar (zu) früh, schon rund drei Monate vor Eröffnung, hat die Festspielleitung jetzt bei einer Online-Pressekonferenz im Schnelldurchgang Bruchstücke des Konzepts vorgestellt. Es zeichnet sich denn auch nur in vagen Umrissen ab.

Die Künstlerin Flo Kasearu (Foto: Mark Raidpere)

Fest steht immerhin, dass die Ausstellung – unter dem geradezu kecken Titel „Flo’s Retrospective“ – von der Künstlerin Flo Kasearu (Jahrgang 1985) aus Estland bestritten wird. Sie wird nicht nur die Recklinghäuser Kunsthalle mit etwa 30 größeren Arbeiten „bespielen“, sondern auch Performance-Aktionen im Stadtraum ins Werk setzen. So sollen etwa „Patrouillen“ zu Pferde als (auch ironische) Machtsignale durch Recklinghausen reiten. In einer Art Spiel sollen Passanten Anweisungen und Verbote erteilt werden – von Menschen in eher absurden Uniformen. Klingt nach sanfter Irritation, die sich wohl schnell in Gelächter auflösen dürfte. Tiefere Erkenntnis gleichwohl nicht ausgeschlossen.

Ruhrfestspiel-Chef Olaf Kröck findet es gerade für dieses Festival angemessen, dass die Kunst in solcher Weise aufs Publikum zugeht und nicht im Elfenbeinturm verharrt. Überhaupt erhielt die bereits vielfach preisgekrönte Künstlerin, die online zugeschaltet war und auf Englisch kurze Statements abgab, viele Vorschusslorbeeren. Es scheint allerdings so, als könnte sie das Lob auch einlösen. Bleiben wir anglophon: Wait and see. Oder auch: Keep calm and carry on.

Flo Kasearu: Momentaufnahme der Performance „Disorder Patrol“ (etwa: Unordnungs-Patrouille) beim Steirischen Herbst 2021 in Graz. (Ruhrfestspiele/Steirischer Herbst)

„Abwehr“ gegen russische Angriffe

Zur Einstimmung zeigte der neue Kunsthallen-Direktor Nico Anklam Auszüge eines arte-Filmbeitrags, in dem man erfährt, dass und wie Flo Kasearu das einst enteignete und nach Jahren des Streits wiedererlangte Haus ihrer Familie im estnischen Tallinn zum besonderen Kunstort umgestaltet hat. Auf dem Dach hat sie eine spezielle „Abwehr“ gegen russische Flugzeugangriffe installiert, die im etwaigen Ernstfall selbstverständlich wirkungslos wäre. Auch hat sie eine Art Grenzwall mit temporärer Bewachung rund um das Anwesen gezogen. Das Ganze hat zwar wiederum auch eine spielerische Anmutung, kündet aber eigentlich von ganz realen Ängsten, wie denn die Künstlerin überhaupt zwischen Strenge und Witz changiert. Auch scheint es so, dass sich Flo Kasearu mit solchen Arbeiten sehr nah am wirklichen Weltgeschehen bewegt. Stichwort Ukraine, Stichwort Putin. Mehr muss man wohl nicht sagen.

Im Film gibt Flo Kasearu übrigens auch eine selbstironische Erklärung ab, derzufolge in ihrer Heimat Estland traditionell dermaßen viele Kartoffeln angebaut werden, dass das ganze Land mitsamt der Bevölkerung ziemlich „kartoffelig“ sei. Ach was! Genau das sagt man doch auch den „Bio-Deutschen“ nach.




Wie eine gute alte Freundin – Die Westfalenhalle wird 70 Jahre alt

Unverkennbare, verheißungsvolle Silhouette: die spätabendliche Westfalenhalle, aufgenommen am 15. März 2008. (Foto: Bernd Berke)

Es mag seltsam anmuten, wenn man dies über ein öffentliches Gebäude sagt, aber es stimmt: Die Westfalenhalle ist mir – wenigstens ein paar Jahrzehnte lang, immer mal wieder – wie eine gute Freundin erschienen und ans Herz gewachsen.

Vor 70 Jahren, am 2. Februar 1952, ist der imposante Rundbau (der ab 1925 schon einen eleganten, im Zweiten Weltkrieg zerstörten Vorläufer hatte) mit einigem Pomp nach Maß der frühen Nachkriegszeit eröffnet worden, der damalige Bundespräsident Theodor Heuss war selbstverständlich Ehrengast. Wie man nachlesen kann, hat es am allerersten Abend jedoch reichlich chaotisch begonnen, weil die Kartenaufdrucke nicht mit der Bestuhlung übereinstimmten.

Zum Beispiel… Santana. Man beachte die günstig erscheinenden Eintrittspreise. Doch damals war das nicht wenig Geld.

Seinerzeit galt die Westfalenhalle 1 mit ihrem damaligen Fassungsvermögen von bis zu 16.000 Leuten (wenn nur ein Boxring in der Mitte stand) als größte Sporthalle Europas. 2017, zum 65. Jubiläum der Halle, zitierte der WDR rückblickend die historisch-euphorische Stimme des Chefredakteurs von „Les Sports“ in Brüssel, der zur Eröffnung wie folgt in die Harfe griff: „Neben diesem fabelhaften Bauwerk“ habe „Köln eine Fabrik, Brüssel eine Garage und Paris eine Bahnhofshalle.“

Abermillionen Menschen haben hier Gipfelmomente des Show-Gewerbes erlebt. Um mal nur von Rock und Pop zu sprechen: Ich selbst habe hier zwar z. B. die Stones und Pink Floyd versäumt (und jeweils anderswo nachgeholt), aber beispielsweise Muddy Waters, Bob Dylan, Neil Young, Leonard Cohen, die Kinks, Santana oder auch Frank Sinatra in der Westfalenhalle gesehen und gehört. Es waren unvergessliche Abende, von denen man eben gern die Eintrittskarten aufhebt; jetzt mal abgesehen von weniger legendären Events wie etwa den Konzerten mit Eric Clapton, Mark Knopfler, Ideal oder den Toten Hosen (not my cup of tea).

Zum Beispiel… Bob Dylan. Damals gastierte er zusammen mit Tom Petty & The Heartbreakers.

Etliche Weltmeisterschaften (u.a. Eiskunstlauf, Eishockey, Handball, Tischtennis) kamen ebenso hinzu wie große Boxkämpfe, die alljährlichen Sechstagerennen sowie zahllose Fernsehshows und Messen, die immerhin ansatzweise internationales Flair nach Dortmund brachten. Auf unserem Schulweg kamen wir einige Jahre an der Halle vorbei und fanden zur Brauereimesse ringsum verstreute Bierdeckel sowie Kronkorken aus aller Welt. In unseren Taschen trugen wir sie nach Hause, aus purer Sammellust. Auch so eine Erinnerung. Nebensächlich und doch einprägsam.

Die goldenen Zeiten der großen Westfalenhalle sind leider vorüber, seit in Köln, Düsseldorf und Oberhausen ähnlich große, modernere Arenen entstanden sind, die mir allerdings bei weitem nicht so beseelt zu sein scheinen wie die Dortmunder Halle, in der so viele Größen gastiert haben. Es ist, als wäre von ihnen allen etwas geblieben, als würde da noch etwas Unnennbares im Raum schweben. Doch ach! Betrüblich, dass dieser genius loci nicht mehr waltet, sondern allenfalls noch in flüchtigen Spurenelementen vorhanden ist.

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Um das Ereignis chronologisch zu flankieren:

2. Februar 1952 Eröffnung der Westfalenhalle
6. Februar 1952 Elizabeth II. Königin – nach Tod ihres Vaters George VI.
7. Februar 1952 Wolfgang Koeppens Roman „Tauben im Gras“ erscheint.




Hier gibt es für Künstler nichts zu lachen – Milan Peschels „Das Vaudeville der Verzweiflung“ im Theater Dortmund

Szene mit Marlena Keil (liegend), Alexander Dakow, Linus Ebner, Anton Andreew, Bettina Engelhardt und Ekkehard Freye (von links). (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)

Leicht zugänglich ist dieses Stück nicht, trotz seines munteren Aufspiels. Vieles geht hier durcheinander, Zeitebenen und Rollenzueignungen bleiben unscharf, der Text trägt eher zu weiterer Verwirrung bei, als daß er die erklärenden Bezüge schaffte. Das Dortmunder Theater zeigt „The Head in The Door oder Das Vaudeville der Verzweiflung“; Milan Peschel hat das Stück geschrieben und führt nun auch Regie.

Das Theater steht im Dortmunder Fredenbaumpark

Die Bühne: Ein Vorhang hinter dem Vorhang und dort, auf der Drehbühne, ein holzlattiges Gebilde mit einem weiteren Vorhang. Dies soll das Vaudeville-Theater sein, das die Inszenierung, köstlicher Scherz, nach Äußerungen der Darsteller im Dortmunder Fredenbaumpark angesiedelt hat. Beziehungsweise sind es die Reste davon, denn schon lange verfällt das ganze, einen Besitzer gibt es nicht mehr, nur eine Gruppe von sieben Schauspielern und Schauspielerinnen harrt in den Kulissen aus und ist dabei pausenlos in Bewegung.

Szene mit Nika Mišković, Bettina Engelhardt, Anton Andreew, Alexander Darkow, Ekkehard Freye, Marlena Keil und Linus Ebner. (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)

Das Ende der Vorstadtbühnen

Der Programmzettel gibt eine historische Verortung, genauer gesagt gleich zwei. Einerseits soll das ganze mehr oder weniger in den 1920er Jahren spielen, als in Amerika der Film, der ja bald auch schon sprechen können würde, den kleinen, schäbigen Vorstadttheatern die Luft abschnürte. Daneben wird aber auch die Jahreszahl 1960 genannt – die Sechziger gleichsam als Symbol für den Verlust von Moral, Hoffnung, Vertrauen in der westlichen Welt, von vielem Althergebrachten, besonders im Showgeschäft. Die Filme veränderten sich, die Helden veränderten sich. Und das schauspielende Fußvolk mußte zusehen, wo es blieb. Doch diese Zeitbeschreibung entnehmen wir, wie gesagt, zunächst einmal nur dem Programmzettel.

Theatralische Erregtheit

All dies ist ja auch längst Vergangenheit, wenn wir die sieben Mimen in ihrem Fredenbaum-Vaudeville persönlich kennenlernen. Das Outfit einiger von ihnen läßt klassische Kinogestalten erahnen, Western-Helden, einen Charly Chaplin, eine Joan Crawford usf. Die Atmosphäre ist, so könnte man vielleicht sagen, mit theatralischer Erregtheit aufgeladen. Man schwelgt in Erinnerungen, man streitet darüber, wie Figuren anzulegen sind, wie die Haare frisiert sein müssen, wie man bestimmte Namen ausspricht. Mal auch, ziemlich zu Beginn, spielt man eine üppige Wildwest-Schießerei durch. In seliger Verklärung erinnert man sich an Rollen und Nebenrollen in trashigen Fernsehvielteilern, Ballerfilmen, Spaghettiwestern und so weiter.

Screwball-Komödie

Nach Art der Screwball-Komödien fliegen die Sätze hin und her; Nebensächlichkeiten werden immer wieder zu kontrovers diskutierten Zentralthemen, oft aber auch gleiten die Gespräche ins Absurde ab oder finden im Paradox ihr plötzliches Ende – es ist eine sehr amerikanische Form der Diskussion, Woody Allen oder auch die Marx-Brothers haben in Filmen manchmal ähnliche Dialoge gehabt. Das amerikanische Comic-Magazin MAD hat Gespräche wie diese zu gezeichneten Geschichten gemacht. Hier in Dortmund, in Peschels Stück, bleiben sie aber immer etwas fahrig, münden selten in zündende Pointen. Doch bleibt das Bühnenpersonal bei alledem heiter und immer unter Dampf, und das ist ja auch was.

Auf der etwas abschreckenden Vaudeville-Bühne (von links): Anton Andreew, Linus Ebner, Alexander Dakow. (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)

Blickwinkel ändert sich

Was haben wir noch? Lustige Tanzeinlagen zu gnadenlosen Ohrwürmern der Unterhaltungsmusik, Jonglage, witzige, schreiend bunte Kostüme. Doch den Personen kommen wir bei alledem in den ersten zwei Dritteln dieses Theaterabends nicht wirklich näher. Künstler eben.

Nach etwa zwei Dritteln der Spielzeit allerdings ändert sich der Blickwinkel dieses eigentümlichen Stücks. Aus schwadronierenden, hyperaktiven, pointengeilen Kunstfiguren werden relativ abrupt armselige, bedürftige Gestalten, die in ihrem (unbeheizten!) Vaudeville-Theater auch übernachten, weil sie sich keine Wohnung mehr leisten können. Und irgendwie ist es ja ein Wert an sich, im Theater zu sein, zumal, wenn da auch noch ein Publikum – Geste in den Zuschauerraum hinein – ist. Gepriesen wird nun ein Leben ohne Zeit- und Arbeitsdruck, ein Recht auf Faulheit und auf schlechte Laune. Warum soll man sich schinden? Franz Kafkas Käfer in Rückenlage, vormals bekannt als Mensch Gregor Samsa, bringt es unerwartet zum Ideal, wenn er überhaupt keine Lust hat, die scheinbar hilflose Position mit Fleiß und Zähigkeit zu überwinden. Nun gut. Allerdings kommt das recht unvermittelt und thesenhaft daher, wird nicht entwickelt oder argumentativ begründet. In einem „Vaudeville der Verzweiflung“ – mit der Betonung auf Verzweiflung – haben solche Vorstellungen eines alternativen Lebensentwurfs wohl eh kaum Chancen auf Verwirklichung.

Ob das stimmt?

Man ahnt Absicht und Anspruch, man fühlt sich kurzweilig unterhalten, aber die Message bleibt verschwommen. Vielleicht soll das ja auch so sein, trotz der Behauptung des Programmzettels, Milan Peschel habe Mitte der 60er Jahre „die Zusammenarbeit mit dem Ensemble des Schauspiel Dortmund“ begonnen, um „in einigen Gebieten des nördlichen Amerika aber vor allem in Europa“ für sein Stück zu recherchieren. Wir vermuten hier Fake, und außerdem: Was will er da recherchiert haben? Unzufriedenheit mit der Welt, wie sie eben gerade ist, war auch in den Sechzigern schon keine ganz neue Entdeckung. Die Verbindung aber von Leistungsverweigerung und Anspruchshaltung, heutzutage auch jenseits des Theaters häufiger wahrzunehmen und mit dem Diktum einer vermeintlichen Chancenlosigkeit eher unzulänglich und auch unzutreffend grundiert, muß nicht zwingend Zustimmung finden.

Überzeugendes Ensemble

Bleibt wieder einmal die Darstellerriege zu preisen, die ganzen Einsatz zeigt und sich durch einen Riesenberg Text hindurcharbeiten mußte: Anton Andreew, Alexander Darkow, Linus Ebner, Bettina Engelhardt, Ekkehard Freye, Marlena Keil und Nika Mišković. Sie bekamen reichlichen Applaus, und den haben sie auch verdient.




Eigenwilliges Informel: Neue Galerie Gladbeck würdigt Gerhard Hoehme

Mehr als 100 Jahre nach seiner Geburt rückt die Neue Galerie Gladbeck einen eigenwilligen und prägenden Künstler der Nachkriegszeit ins Blickfeld: „Relationen“ nennt sich die neue Ausstellung mit Werken von Gerhard Hoehme.

Gerhard Hoehme, Set your teeth on edge, 1981.
Acryl auf Leinwand, PE Schnüre,
178 x 174 x 25 cm.
© VG Bild-Kunst Bonn.
Foto: Kunstpalast, Horst Kohlberg, Artothek.

1920 in Greppin bei Dessau geboren und 1989 in Neuss gestorben, gehörte Hoehme zu den ersten Malern, die nach 1945 einen Neuanfang suchten. Seine Begegnungen mit den Pariser Informel-Künstlern Jean Fautrier und Jean Dubuffet –aber auch mit Persönlichkeiten wie Paul Celan und Pierre Boulez – führten ab 1952 zu seiner Hinwendung zur informellen Malerei, deren Vokabular er im Lauf der Fünfziger Jahre erweiterte und mit einer höchst subjektiven schöpferischen Kraft durchdrang. Bedeutsam wurde seine skulpturale, raumgreifende Malerei, die mit collageartigen Elementen über das Tafelbild hinausging und die er „Raumbeule“ oder „Farbpfahl“ nannte.

Hoehme kam 1952 nach einem kurzen Malereistudium auf Burg Giebichenstein in Halle an die Kunstakademie Düsseldorf, gründete gemeinsam mit Pierre Wilhelm 1957 die „Galerie 22“ und zählte zur Künstlervereinigung „Gruppe 53“ in Düsseldorf. 1959 war er Teilnehmer der documenta II in Kassel. Von 1965 bis 1984 leitete er an der Kunstakademie Düsseldorf als Professor eine Klasse für Malerei. Zu seinen Schülern gehören Sigmar Polke und Chris Reinecke.

Die Ausstellung legt einen Akzent auf das Spätwerk Hoehmes. 17 Werke stammen aus dem Bestand der Gerhard und Margarethe Hoehme-Stiftung. Unterstützt wird die Schau vom Museum Kunstpalast Düsseldorf und von der Stiftung Kulturwerk der VG Bild-Kunst.

Die Ausstellung in Gladbeck ist bis 20. März 2022 zu sehen. Die Neue Galerie Gladbeck hat mittwochs bis sonntags von 15 bis 20 Uhr unter Einhaltung der 2G-Regel geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Info: https://www.galeriegladbeck.de/




Eine frühere Kirche als Backstube und Sauna? – Das gibt es nur bei „Urbane Künste Ruhr“

Hier soll tatsächlich einmal gebacken und sauniert werden: Innenraum der ehemaligen Kirche St. Bonifatius in Gelsenkirchen-Erle. (Foto: Heinrich Holtgreve)

Was unter dem Label „Urbane Künste Ruhr“ in manchen Ecken des Reviers passiert, darüber lässt sich ohne Anschauung offenbar nur vage reden. Das hat sich abermals bei der heutigen Jahrespressekonferenz zum vielfältigen Projektbündel gezeigt. Fünf Statements waren angesagt – übrigens ausnahmslos von Frauen. Da hieß es erst einmal: den Überblick gewinnen, den zur Gänze vielleicht gerade mal die Insiderinnen haben.

Es war die einleitende Rede von künstlerischen Positionen, bei denen es letztlich um die zentrale Frage gehe: „Wie wollen wir leben?“ Ach so. – Anschließend rauschte die künstlerische Leiterin Britta Peters rasant durch Bisheriges und Künftiges. Fotografische Impressionen sollten gehabte künstlerische „Interventionen“ unter dem Generaltitel „Ruhr Ding“ vergegenwärtigen – zu den Globalthemen „Territorien“ (2019) und „Klima“ (2021). Im Vorgriff wurde verraten, dass das Leitthema für 2023 „Schlaf“ laute. Darunter kann man sich einstweilen alles oder nichts vorstellen. Wird schon werden.

Denn beim wolkig Globalen darf es ja nicht bleiben, im Gegenteil. Alle künstlerischen Äußerungen sollen regional und lokal verankert sein, sollen sich an konkreten Orten des Ruhrgebiets beweisen – ob nun als Installationen, Performance-Darbietungen oder artverwandte Aktionen.

Im Laufe der letzten Jahre haben die Projekte eine Wanderung vollzogen, es begann in der nördlichen Emscherzone und hat sich über die Mitte des Reviers gen Süden bewegt. Im Prinzip bleibt keine Stadt ausgespart. Und was es da nicht alles gibt: den zusehends anwachsenden „Emscherkunstweg“; den „Wandersalon“ als – Zitat – „mobiles Diskursformat“ (Gespräche, Lesungen, Konzerte etc.); Residenzprogramme, mit denen Künstler*innen (bei „Urbane Künste Ruhr“ ist der gender-gerechte Glottisschlag die Regel) ins Revier geholt werden. Und so fort. Insgesamt stehen jährlich 3,7 Millionen Euro bereit, um das Revier künstlerisch zu durchdringen. Auch mit der Ruhrtriennale besteht eine Kooperation.

Monumental und doch anheimelnd alltagsnah

Gut und schön. Und was gibt es in diesem Jahr? Nun, im Mittelpunkt steht ein ziemlich monumentales und doch anheimelnd alltagsnah anmutendes Vorhaben der in Belgrad geborenen und in New York lebenden Künstlerin Irena Haiduk, die 2017 mit der Aktion „Spinal Discipline“ auf der Kasseler documenta für Aufsehen sorgte. Für „Urbane Künste Ruhr“ hat sie die Anfangsgründe eines Projekts skizziert, das womöglich eines Tages in Dauerhaftigkeit überführt werden kann. In der (1964 erbauten und nun eigens angemieteten) ehemaligen Kirche St. Bonifatius zu Gelsenkirchen-Erle will Irena Haiduk eine raumgreifende Situation schaffen, die die Tätigkeiten des Backens und des Saunierens verbindet; auf welche Weise, das soll sich erst noch zeigen. Denn mit der geplanten Eröffnung Anfang Juni 2022 beginnt die Sache erst so richtig. In etlichen Workshops und Begegnungen soll sich das Konzept konkretisieren und eventuell in eine feste Einrichtung münden. Der Titel „Healing Complex“ dürfte auf leibseelische Heilsamkeit durch Genuss hindeuten, auch eine soziale Komponente und die allüberall beschworene Nachhaltigkeit werden mitgedacht, so dass vielleicht gar die Abwärme des Backens für Sauna-Hitze sorgen könnte. Der Phantasie sind zunächst kaum Grenzen gesetzt, die Realisierung steht auf einem anderen Blatt. Idealerweise würden Kunst und Leben ineinander übergehen. Bevor wir es vergessen, sei nüchtern festgestellt: In der ehemaligen Kirche arbeitet bereits ein gewerblicher Bäckereibetrieb.

Und so ufert Kunst, teilweise an verschwiegenen Orten der postindustriellen Landschaft, zuweilen aber auch in den Zentren, nach und nach geradezu aus. Vieles bleibt, etwa in Form von Skulpturenparks, erhalten. Manches muss im Lauf der Zeit einer Revision unterzogen und restauriert oder verändert werden. Anderes existiert nur temporär und flüchtig. Das Revier, so lässt sich inzwischen sagen, wird allmählich mit einem Netz von Kunst überzogen, wird mit Kunst durchsetzt. Es gibt Schlimmeres.

Freilich hilft alles Gerede nichts: Statt sich verbal im Irgendwie und Irgendwann zu verlieren, müssen sich die Leute halt an die entsprechenden Orte begeben, vielleicht auch selbst zum imaginären Teil mancher Kunst-Werke werden. Ideen zur Tourenplanung und weitere Hinweise finden sich auf der Homepage der „Urbanen Künste Ruhr“.




Warten auf Macbeth – Schauspielhaus Bochum plant eine zweite Saisonhälfte in Omikron-Zeiten

Bochums Intendant Johan Simons (links) und sein Chefdramaturg Vasco Boenisch stellten das Programm für die zweite Hälfte der Spielzeit 2021/2022 auf einer Video-Pressekonferenz vor. (Foto: Daniel Sadrowski/Schauspielhaus Bochum)

„Das schaffen wir nicht“, hat Johan Simons immer deutlicher gespürt, „das bekommt nicht die Qualität, die es haben muß“. Und deshalb wird die Premiere der Macbeth-Inszenierung des Bochumer Intendanten ein zweites Mal verschoben. Vorgesehen war sie für Freitag, 28. Januar, das neue Datum steht noch nicht fest. „Ich mußte einfach diese Entscheidung treffen“, legt Johan Simons nach, und natürlich hieß und heißt der Grund für die Verschiebungen Omikron. Auch den Chef selbst hatte es erwischt, er hat es gut überstanden, aber viel Zeit ging verloren.

Er macht weiter und weiter und weiter

Also Macbeth: Auf dieser Spielzeit-Pressekonferenz spricht Simons von seinem Projekt mit einer Ernsthaftigkeit, die im Theater nicht mehr selbstverständlich ist. Das Prototypische an diesem Shakespeare-Schurken hat es ihm angetan, der zutiefst menschliche Drang, zu beherrschen, unbeschränkt, gewalttätig. Nach dem ersten Mord fällt der nächste schon nicht mehr so schwer, „wenn er einmal angefangen hat, macht er weiter und weiter und weiter“.

Die Menschheitsgeschichte ist reich an monströsen Despoten wie Macbeth, und das Theater ist der geeignete Ort, sich mit ihnen zu befassen. Aber die Erwartungen an Johan Simons’ Bochumer Inszenierung sind deshalb besonders hoch, weil Ensemble-Star Jens Harzer den Macbeth spielt, jener oft etwas abwesend, etwas träumerisch wirkende Mime, den man auch aus dem Fernsehen kennt und der im Bochumer „Iwanow“ 2020 Schauspielkunst von höchster Güte zeigte. Harzer ist ein Typ, ist immer derselbe, wie bei aller Wandlungsfähigkeit auch Lars Eidinger oder Joachim Meyerhoff, um einmal zwei weitere Größen zu nennen, immer dieselben sind, keine Rollenspieler eben. Paßt das? Was für ein Macbeth wird Jens Harzer sein?

Schwarzes Loch

Jens Harzer, hier als Iwanow in Johan Simons‘ gepriesener Inszenierung. (Foto: Monika Rittershaus/Schauspielhaus Bochum)

„Das ist ein Blick in ein schwarzes Loch“, gibt Johan Simons zur Antwort. „Wird er nachvollziehbar?“ setzt sein Chefdramaturg Vasco Boenisch nach. Nach einer langen Pause sagt Simons „Ja“. Und fügt als gleichsam letzten Satz noch an: „Wie jemand zum Morden kommt, ich selber kenne es nicht. Gewalt sieht eigentlich scheußlich aus, aber im Theater…“ Wir sind sehr gespannt.

Maja Beckmann gastiert

Die weiteren Ankündigungen auf dieser Spielplan-Pressekonferenz sind weniger spannend. Zu den schöneren Nachrichten zählt auf jeden Fall, daß Maja Beckmann mal wieder nach Bochum kommt. Etliche Jahre war sie im Bochumer Ensemble, man erinnert sich an sie noch gerne in Stücken wie „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ nach dem Film Aki Kaurismäkis oder Elmar Goerdens eigenwillige Einrichtung von Shakespeares „Wie es euch gefällt“. Sie hatte so ihre eigene Art, auf die Fresse zu fallen (ja, wirklich!), ohne daß dies erkennbare Spuren hinterließ, außerdem ist sie die Schwester von Lina Beckmann, die am Hamburger Deutschen Schauspielhaus wirkt, als „Richard the Kid and the King“ in Salzburg umjubelt wurde und mit Charly Hübner verheiratet ist. Maja Beckmann, um auf sie zurückzukommen, ist jetzt in Zürich engagiert, und das Züricher Theater wird sechs Mal in Bochum mit Christopher Rüpings „Einfach das Ende der Welt“ zu Gast sein, erstmalig am 3. Februar. Die Geschichte dreht sich um einen jungen Künstler, der sterbenskrank in die Kleinstadt seiner Kindheit zurückkehrt und dort, statt über sein baldiges Ableben berichten zu können, einen heftigen Kulturschock erleidet.

Die erste „Hermannsschlacht“ seit Peymann

Überhaupt, äußerst jugendlich ist es hier überall, und ohne Musik, so scheint es, geht gar nichts. Intendant Simons kommt einem da fast vor wie der gütige Opa, der milde über die Nachgeborenen wacht und sie in seinem Theater an ganz langer Leine laufen läßt. Aber ob immer Gutes dabei herauskommt? Viele Ankündigungen, wie gesagt, vermögen nicht wirklich zu überzeugen. Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ gibt es (auch aus Zürich) als Zweipersonenstück mit Musik, Kleists „Hermannsschlacht“, an die sich in Bochum seit Peymanns Zeiten keiner mehr herantraute, erfährt humoristische Berücksichtigung mit Minimalbesetzung und viel poppiger Musik. Es gibt Theater, das von einem jungen Fußballer erzählt und konsequenterweise in den Vereinsheimen von Fußballvereinen aufgeführt werden soll (auch im Dortmunder Fußballmuseum), es gibt ein Bevölkerungsprojekt mit Laien, das polnischen und türkischen Migrationshintergrund reflektieren soll, außerdem einiges im Jugendbereich in der Prinzregentstraße. Interessierten sei die Internetseite des Bochumer Schauspielhauses sowie die durchaus beeindruckend geratene Programmzeitung empfohlen, die vielerorts ausliegt.

Grönemeyer muß warten, Simons will bleiben

Was es übrigens bis auf weiteres nicht geben wird, ist das einst vollmundig angekündigte Grönemeyer-Projekt. „Nicht bei Pandemie“, vermerkt der Chef einsilbig. Und dann wird Johan Simons noch gefragt, was er von einer Vertragsverlängerung in Bochum hält. „Aber gerne“, sagt er einfach. Der Rat entscheidet demnächst über weitere drei Jahre Intendanz.

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Mit Selbstbezügen durchwebt: Frank Castorf ehrt Molière mit einem ausschweifenden Abend am Schauspiel Köln

Katharine Sehnert und Bruno Cathomas in Frank Castorfs „Molière“-Hommage am Schauspiel Köln. (Foto: Thomas Aurin)

Der schwere Mann hustet und droht sich zu übergeben. Heftig schüttelt ihn der Anfall. Die schwarzen langen Perückenhaare wirken verklebt, die Augen blutunterlaufen.

Ganz dicht hält die Kamera auf das Gesicht, zeigt den Schmerz, die Spuren des Verfalls. Es tut weh, wenn sich das Würgen laut, rauh und quälend lange aus der Kehle presst.

Frank Castorf erspart uns in seiner neuen Produktion am Schauspiel Köln nicht, dem tödlichen Martyrium des Mannes zuzusehen, dem er die fünfeinhalb Stunden im Depot 1 gewidmet hat: Jean-Baptiste Poquelin, später unter dem Namen Molière weltbekannt. Bruno Cathomas, eine Zeit lang im Ensemble Castorfs an der Volksbühne, spielt sich in diesem Moment existenziellen Grauens, aber auch der fesselnden Poesie die Seele aus dem Leib. Eine melodramatische Sterbeszene erspart Castorf sich und uns. Molière, in königlichem Hermelin mit blauem Samt, stürzt sich mit einem Beatmungsgerät in seinen alten Citroën-Kastenwagen und braust davon. Von seinem Tod wird nach Art der antiken Tragödie nur berichtet.

Castorfs Hommage gilt dem vor 400 Jahren am 14. oder 15. Januar geborenen Dramatiker, der die Komödie auf eine bis dahin kaum erreichte Höhe gehoben hat. Seine Stücke haben den Anspruch, in der Deutung der menschlichen Existenz mit der Tragödie gleichzuziehen. Es war nicht zu erwarten, dass Castorf ein Biopic auf die Bühne bringen würde – oder eine erzählende Handlung wie in Michail Bulgakows Molière-Schauspiel „Die Kabale der Scheinheiligen“, das Castorf 2016 an der Volksbühne selbst inszeniert hatte. Sondern er erfüllt die Erwartungen seiner Fans und entwirft ein riesiges Panorama von Molière-Texten, assoziativen Kommentaren, bildgewaltigen Auftritten, exzessivem Spiel. Und das alles immer wieder unterbrochen und verbunden durch die großartige Musikauswahl von William Minke.

Castorf provoziert spannungsvolle Langeweile, gelassene Dichte und atemlose Intensität. Er spielt mit Zitaten, Selbstzitaten, manchmal beiläufigen, manchmal ironischen Verweisen auf eigene Inszenierungen. Und das alles wäre nur halb so sinnlich reizvoll, gäbe es nicht die Kostüme von Adriana Braga Peretzki: showverliebt schillernde Stoffe, laszive Schnitte, betont sexuell konnotierte Weiblichkeit oder verunklartes Geschlecht. Dazu ein bisschen 17. Jahrhundert und viel, viel Erfindungsgabe.

Die Imagination ist unerschöpflich

So entsteht ein semiotischer Tsunami, gespeist aus der ausschweifenden, unerschöpflichen Einbildungskraft des Frank Castorf. Das Leben Molières selbst wird nur rudimentär thematisiert: Bei der Geburt des „bedeutenden Säuglings“ wirft sich Bruno Cathomas in voller königlicher Gewandung auf die Bühne, begleitet von einem greinenden Chor mit „Mutter“ Katharine Sehnert als Koryphäe. Der gelbe Kleinlaster spielt auf die wandernde Theatertruppe „L’illustre Théâtre“ an, das Molière mit der Schauspielerin Madeleine Béjart gegründet hatte. Davor reiht sich das Personal des Abends auf uns lässt sich erst einmal herunterputzen. Text nicht gelernt, Text vergessen, keine Textbücher: wiederkehrende Motive bei Castorf, lustvoll vorgeführt. Und Cathomas ereifert sich als Schauspieler-König mit unverkennbaren Anleihen an der Cholerik eines Theaterprinzipals. Unwillkürlich denkt man an Castorf selbst.

Zwischen lustvoller Gaukelei und poetischer Dichte: Das Ensemble des Schauspiels Köln bleibt fünfeinhalb Stunden in großer Form. (Foto: Thomas Aurin)

Der bestreitet den Hauptanteil des Abends mit Bruchstücken aus Molière-Komödien; der rote Faden in der Reihung und die Herkunft der Texte bleiben sein Geheimnis. „Der Bürger als Edelmann“ taucht auf, auch „Die gelehrten Frauen“. Andere Bausteine könnten aus „Der Geizige“ stammen. Und klingen nicht auch „Die lächerlichen Preziösen“ und „Der eingebildete Kranke“ an, nach dessen vierter Vorstellung der historische Molière, noch im Kostüm der Hauptrolle, gestorben ist?

Zitiert – nein, eindrücklich gelesen – wird auch Michail Bulgakow, so der demütigende Brief an Stalin, in dem er zuerst um eine Regieassistenz bittet und am Ende der „Sowjetmacht“ alle Verfügungsgewalt über sich einräumt. Ein von Jeanne Balibar und Justus Maier beklemmend vorgetragenes Zeitdokument. Sein Verweischarakter ist deutlich: Wie Molière vom „Sonnenkönig“ abhängig war, der ihn vor Angriffen aus Teilen des katholischen Klerus schützte, war auch Bulgakow der unberechenbaren Gunst des Sowjetdiktators ausgeliefert.

Virtuos bespieltes Panorama

So virtuos wie stets die Bühne von Aleksandar Denic – Ausstatter u.a. von Castorfs Bayreuther „Ring“ – in ihrer Breite auch bespielt wird: In den Monologen der Schauspieler, in Momenten konzentrierter Intimität schafft es Castorf nicht zuletzt dank der Lichteinfälle von Lothar Baumgarte, den Raum genau auf die Szene zuzuschneiden. Auch Denic zitiert: Den Thespiskarren mit einem kleinen Kulissentheater gab es schon in Castorfs Münchner „Don Juan“ (2018), die Zimmerchen, die sich hinter der monumentalen Fotowand mit vier zeitungslesenden Pariser Bürgern des 19. Jahrhunderts verstecken, erinnern an den „Baal“ von 2013. In einem davon spielt sich ein „Klassiker“ der Castorfschen Formensprache ab: eine Badeszene in einem raumfüllenden Zuber, mitsamt den nackten Leibern der Darsteller nur im Live-Video einsehbar und Schauplatz einer aufgedrehten Kunstdebatte, in der dann sogar der Primat der Fechtkunst eingefordert wird. Später sollte in einer halb drögen, halb komischen Molière-Szene das Ausformen der Vokale studiert werden.

Im Zentrum des Ensembles: Jeanne Balibar, hier mit Paul Basonga. (Foto: Thomas Aurin)

„Molière“ ist – mit Gast Jeanne Balibar als unverkennbares Kraftzentrum – ein Abend des Kölner Ensembles. Eine Reihe junger Darsteller, die sich immer lockerer freispielen, im Sprechen, Schreien, Deklamieren mit den Worten Emotionen hinausschleudern, mit ihren kratzenden Kehlen genauso rotzig wie die Szene, auf die ein „Arc de Triomphe“ als „Arsch mit Ohren“ gerollt wird. Und immer authentisch, sogar große Sprech-Kunst streifend: Alexander Angeletti und Paul Basonga, Justus Maier in Slip und weißen Strümpfen in großartigem Monolog, Lola Klamroth als hoch gewachsenes, blondes Pendant zu Balibar. Das junge Ensemblemitglied Kei Muramato aus Japan, zwischen Geschlechtern changierend, hat einen großen Auftritt, wenn er sich in den Butoh-Tanz versenkt und minutenlang japanisch rezitiert, während alte US-Filme über die Wirkung eines Atombombenabwurfs laufen. Das sind dann die Momente, in denen Castorf seine Assoziationsketten allzu arg strapaziert.

Ein Dämon, als Mensch verkleidet

Am Ende wird berichtet, warum das Grab des „Königs der dramatischen Kunst Frankreichs“ unauffindbar verschwunden ist, während Marek Harloff welke Blätter zusammenkehrt: Ein melancholisches Bild der Vergänglichkeit, das gleich wieder ironisch-vielsagend konterkariert wird, wenn das Ensemble als buntschillernde Schlange über die Bühne kriecht, ein Gaudiwurm oder ein chinesischer Drache. „Ich bin ein Dämon, Fleisch geworden und als Mensch verkleidet“ betitelt Castorf seinen Molière-Abend. Es ist ein in die Ich-Form gebrachtes Zitat aus einer zeitgenössischen Quelle über Molière, mit dem ihn seine kirchlichen Gegner verdammt haben.

Dabei haben sie übersehen, dass sich der als „pietätloser Libertin“ verschriene Molière mit seinem wohl berühmtesten Stück, dem „Tartuffe“, nicht gegen Glauben, Kirche oder Moral gewandt hatte, sondern gegen ihren Missbrauch durch Machtgier, falsche Frömmigkeit, religiöse Heuchelei und Gewalt im Gewand vermeintlicher Wohltat. Castorf könnte – das ist problemlos anzunehmen – den „Dämon“ genauso auf sich selbst beziehen wie auf den großen Franzosen. Denn mit seinem Kölner Abend hat er nicht allein Molière ein Denkmal gesetzt, sondern auch sich selber und seiner mit Selbstbezügen durchwebten Kunst.

Weitere Vorstellungen: 28. Januar, 4., 6.,  Februar, 5. März. Info: https://www.schauspiel.koeln/spielplan/a-z/moliere/




Wild wucherndes Roman-Gestrüpp – Hanya Yanagiharas „Zum Paradies“

Berühmt wurde Hanya Yanagihara mit dem Roman „Ein wenig Leben“. Jetzt hat die in New York lebende Autorin mit familiären Wurzeln auf Hawaii, die sich in ihren Büchern mit Missbrauch und Ausbeutung auseinandersetzt, einen 900-seitigen Roman veröffentlicht: „Zum Paradies“, ein wild wucherndes Gestrüpp literarischer Fantasien, eine Reise ins Herz der sozialen Abgründe und sexuellen Tabus.

Die Welt: eine Erfindung, die sich über 200 Jahre (mit Grüßen von Henry James) rund um den New Yorker Washington Square abspielt und drei Romanhandlungen zu einem riesigen Literaturberg aufstapelt. Einige Namen tauchen immer wieder auf, David, Charles, Edward, Bingham, Griffith, Bishop. Ob sie miteinander verwandt sind, bleibt ungewiss.

Die große Freiheit in New York

Der erste Teil spielt im Jahr 1893: New York hat sich von der Union abgespalten, Frauen und Männer, Ethnien und Religionen haben die gleichen Rechte, es ist erwünscht, dass homosexuelle Paare heiraten.

Im Mittelpunkt steht David Bingham, dessen Eltern früh starben und der jetzt bei seinem Großvater Nathaniel lebt, einem Mitbegründer des Freistaats, der für seinen homosexuellen Enkel eine standesgemäße Heirat mit Charles Griffith arrangieren will. Doch David mag den reichen, aufgedunsenen Witwer nicht, er ist verliebt in Edward Bishop, einem mittellosen Klavierlehrer, Luftikus und Lügner, der David überreden will, mit ihm nach Kalifornien zu flüchten, in ein Land, wo Homosexuelle verfolgt werden.

Von 1893 über 1993 bis ins dystopische Jahr 2093

Der zweite Teil spielt im Jahr 1993: Die AIDS-Epidemie fordert in der New Yorker Schwulen-Szene viele Tote: Charles Griffith, ein älterer Rechtsanwalt, lebt mit dem deutlich jüngeren David Bingham zusammen: David kommt aus Hawaii, ist Nachfahre einer verarmten Königsfamilie. Just am selben Tag, als Charles und David eine Abschieds-Party für einen todkranken Freund geben, erhält David einen Brief von seinem Vater, der seit Jahren auf Hawaii in einem Pflegeheim vor sich dämmert und in einem Moment geistiger Klarheit seinem Sohn erklärt, warum er ihn immer lieben wird und es gut heißt, dass er die Familie verlassen und seinen eigenen Weg gegangen ist.

Allgegenwärtige Pandemie, Internet abgeschaltet

Der dritte Teil führt ins Jahr 2093. Pandemien haben die Welt im Würgegriff, Amerika ist ein Überwachungsstaat: Das Internet ist abgeschaltet, es gibt keine Informationen, was in der Welt vor sich geht. Ein junge Frau, Charlie Griffith, berichtet von ihrem Alltag als Angestellte in einem Seuchen-Labor. Ihre Mutter hat die Familie verlassen. Ihr Vater, Mitglied einer Widerstandsgruppe, ist bei einem Anschlag gestorben. Ihr Großvater, Charles Griffith, hat das Regime lange bei der Pandemie-Bekämpfung beraten, bevor er in Ungnade fiel und hingerichtet wurde. Verheiratet ist Charlie mit Edward Bishop, einem Homosexuellen, der die Ehe als Tarnung nutzt, um in dem schwulenfeindlichen Staat nicht verhaftet zu werden. Eines Tages lernt Charlie einen Mann kennen: David, der angeblich von einem Freund ihres getöteten Großvaters geschickt wurde, um sie zu befreien. Alles nur Lüge?

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt

Mit überbordender Fantasie führt uns Yanagihara durch einen literarischen Dschungel, beschreibt üppig die Lebensumstände und seelischen Abgründe ihrer Protagonisten, zeigt, wie schmerzlich Einsamkeit ist und Sehnsucht die Menschen auffrisst, dass uns Scham überfällt, wenn wir Familie und Kultur verleugnen und unsere Überzeugungen verraten. Auch wenn (mit Grüßen von Orwell und Huxley) unsere saubere, digitale Welt in einer ärmlichen, verseuchten Dystopie zu enden droht, so könnte doch auch alles ganz anders kommen: Am Ende eines jeden Teils bricht jemand in ein neues, unbekanntes Leben auf, macht einen ersten Schritt hin „zur Freiheit, zur Geborgenheit, zur Erhabenheit – zum Paradies“. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Hanya Yanagihara: „Zum Paradies“. Roman. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Claassen, Berlin 2022, 900 Seiten, 30 Euro.




Alles so schön bunt hier – „Das Spiel ist aus“ nach Jean-Paul Sartre in Dortmund

Pierre und Eve (Adi Hrustemović und Sarah Yawa Quarshie) sind fast ein Traumpaar. (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dotmund)

Bunte Neonröhren an Wänden und Decke illuminieren in rhythmisch getaktetem Aufleuchten die Bühne, Wandflächen konturieren sich in pulsierenden Lichtrahmen, harte, schnelle Beats wummern durch den Raum.

Endlich betreten die beiden Hauptpersonen die Bühne. Sie sind, das wird bald klar, durch Farb-, Licht- und Klangwirren hindurch im Totenreich angelangt, wo nun Nummern aufgerufen werden, mit denen die Neuen sich zur Registratur zu begeben haben. Ordnung muß schließlich sein. Man prüft, man sieht: etwas ist hier nicht in Ordnung, ein Fehler der Verwaltung, der korrigiert werden muß. Das ganze nimmt Fahrt auf, und nur am Rande irritiert, daß das Stück „Das Spiel ist aus“ heißt. Denn ganz im Gegenteil folgt nun eine relativ fest gefügte Handlung, die auch Azeret Kouas Inszenierung auf der Studiobühne des Dortmunder Schauspiels nicht verschweigt.

Film aus dem Jahr 1947

Vorlage für diesen Theaterabend ist der Film gleichen Titels aus dem Jahr 1947, für den Jean-Paul Sartre das Drehbuch schrieb und den die Kritik bis heute einhellig lobt. Lediglich das „Handbuch der katholischen Filmkritik“ glaubte 1960 anmerken zu müssen, daß der Film „aber nur für wirklich reife Menschen von Nutzen“ sei. Diese sauertöpfische Einlassung muß man verstehen, geht es doch darum, daß der existentialistische Philosoph Sartre hier den Zwang der Verhältnisse über die gleichsam göttlichen Regelungen von Leben und Tod stellt, die bekanntermaßen zur Kernkompetenz der Kirchen gehören.

Queen und King of Nebenrolle, hier zu sehen im Bürokratiehäuschen des Totenreichs: Antje Prust und Raphael Westermeier. (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)

Eve und Pierre

Die Geschichte erzählt von Eve und Pierre, die beide ermordet wurden und nun im Totenreich aufeinandertreffen. Es stellt sich heraus, daß sie eigentlich füreinander bestimmt waren und ihre Verbindung auf Erden durch einen (quasi himmlischen) Verwaltungsfehler unterblieb; daher bekommen sie die Möglichkeit, innerhalb von 24 Stunden das Versäumte auf Erden nachzuholen. Und was in Hollywood eine himmlische Komödie hätte werden können, endet bei Sartre – zwei Jahre nach Kriegsende recht nachvollziehbar – im Desaster. Zurück auf Erden will Pierre, Arbeiterführer und Revolutionär, seine mißtrauischen Genossen zunächst von einem Aufstand abhalten, von dem er weiß, daß er verraten wurde; Eve muß feststellen, daß ihr Mann sie ermordete, der lange schon ein unbemerktes Techtelmechtel mit ihrer Schwester hatte. Wie unter diesen Umständen die große Liebe finden? Bevor sich Eve und Pierre final in die Arme fallen können ist die Zeit um, und zurück geht es ins Totenreich. Dumm gelaufen.

Streit mit Schwester und mörderischen Gatten, beide links im Bild. Darsteller von links: Raphael Westermeier, Antje Prust, Sarah Yawa Quarshie und Adi Hrustemović (Foto: Birgit Hupfeld/Theater Dortmund)

Einiges zu klären

Heutzutage, da das Fernsehen überquillt von soften Liebesgeschichten mit garantiertem Happy End, wirkt das Scheitern der Liebe von Pierre und Eve auf das Publikum möglicherweise irritierend. Da wäre von der Theaterinszenierung einiges zu erklären, einiges auch zunächst zu klären. Die Dortmunder Produktion jedoch zeigt wenig Interesse daran, Motiv- und Problemlagen ernstlich auszuleuchten. Dabei, es soll nur ganz leise angedeutet werden, ist doch gerade die Liebe zwischen Mann und Frau oft eine recht komplizierte Angelegenheit. Gern bemüht man zur Verdeutlichung das Sprachbild vom Wechselbad der Gefühle; und wenn es die erste (große) Liebe ist, wird es noch schwieriger.

Nach Art des Hauruck-Kaspers

Aber Psychologie kommt auf der Dortmunder Studiobühne nicht vor. Ganz nach Art des Hauruck-Kaspers auf der Kirmes wird die Geschichte in 80 Minuten atemlos und hoch motorisch durchgebolzt. Laut und grell ist das ganze, aber nicht wirklich lustig und auch nicht tragisch, weil den Figuren die individuelle Zeichnung vorenthalten bleibt. Möglichkeiten der Intensivierung durch den direkten Kontakt zum Publikum, über die nur das Theater verfügt, bleiben ungenutzt. Das Geschwurbel schließlich vom „patriarchalen Kapitalismus“ auf dem Programmzettel, mit dem das alles irgendwie zu tun haben soll, wirkt gänzlich abwegig.

Sportlichkeit und Präsenz

Wenn aber Schauspielkunst kaum nachgefragt wird, haben es die Schauspieler schwer. Auf jeden Fall ist Adi Hrustemović, Antje Prust, Sarah Yawa Quarshie und Raphael Westermeier viel Sportlichkeit und Präsenz zu attestieren. Ihnen zu wünschen bleiben Inszenierungen, in denen sie mehr von ihrem Können zeigen können.

  • Weitere Termine
  • 25., 26. Januar, 2., 19. Februar, 5., 24. März
  • www.theaterdo.de



Kultur mit Kick: Martin Suter legt Roman über „Schweinis“ Leben vor

Miteinander einverstanden: Martin Suter (li.) und Bastian Schweinsteiger (Foto: © Marco Grob)

Der in Zürich beheimatete Diogenes-Verlag zählt zu den renommiertesten in deutschsprachigen Landen. Nun aber diese Diogenes-Pressekonferenz in Berlin. Auch und gerade Journalist*innen von Bild, RTL und Radio Schlagerparadies stellen ihre Fragen. Nicht gerade die kultursinnigsten Medien. Was ist denn da los?

Martin Suter, Schweizer Schriftsteller von einigen Graden und Gnaden, hat ein Buch über den weltmeisterlichen Fußballer Bastian Schweinsteiger geschrieben. Da wittert halt auch der Boulevard womöglich knackige „Geschichten“. Ein „Bild“-Mann – schon spürbar gierig auf die Schlagzeile – will gar Näheres zu einer Roman-Sequenz wissen, in der sein Blatt vorkommt. Derlei Begehrlichkeiten mag Martin Suter denn doch nicht bedienen.

Warum hat sich Suter das überhaupt angetan? Sind ihm etwa die fiktionalen Themen ausgegangen? Wohl kaum. Er stellt es so dar: Ein Schriftsteller solle jede Art des Schreibens einmal ausprobiert haben. Also auch einen von der Hauptperson freudig abgenickten und autorisierten biographischen Roman, der sich nach Suters Bekunden eng an der Wirklichkeit orientiert. Nicht das „Was“ habe er erfunden, allenfalls das „Wie“. Und so habe er sich denn präzisionshalber etliche Spielszenen mit „Basti“ Schweinsteiger angesehen, um auch ja im Roman z. B. den Passgeber zum Soundso-Tor korrekt zu benennen oder um nicht einen Volleyschuss mit einem Dropkick zu verwechseln. Damit ihm bloß keine Beschwerden von Fußballfans kommen! Übrigens habe das Buch weitaus mehr Arbeit bereitet als anfangs angenommen. Zweimal musste der Erscheinungstermin verschoben werden. Jetzt ist es am 26. Januar so weit. Die turmhohen Buchstapel dürften dann kaum zu übersehen sein.

„Unmöglich“? Gibt’s nicht!

Wie kam es überhaupt zu diesem Romanprojekt, das offenbar als eine vorwiegend heitere „Heldensage“ gelten darf? Verlag und Autor verbreiten unermüdlich diese Version: Schweinsteiger (heute 37 Jahre alt) habe es lange Zeit abgelehnt, Gegenstand einer Lebensbeschreibung zu werden – bis eines Tages ein guter Freund (den er nicht nennen möchte) meinte, dass eine literarische Biographie doch etwas anderes wäre. Er sagte auch gleich, dass Martin Suter ein idealer Schriftsteller für eine solche Aufgabe wäre. Freilich setzte er hinzu: „Unmöglich, das macht der nicht.“ Darauf Schweinsteiger mit seinem sonnigen Gemüt: „Was ist das, unmöglich?“ Sprach’s, lachte optimistisch und leitete eine entsprechende Anfrage ein. Martin Suter erinnert sich, er habe nur eine Stunde überlegen müssen und sei angetan gewesen. Bastian Schweinsteiger sei einer, der sich nicht für etwas Besonderes halte; ein „Jetzt-Mensch“ und „Moment-Mensch“. Ein erstes Treffen auf dem Zürcher Flughafen habe ihn vollends überzeugt. Man sei einander gleich sympathisch gewesen, habe sich nach ein paar Minuten geduzt und viel gelacht. Ja, man habe einander – es war zu Beginn der Corona-Pandemie – tatsächlich die Hände geschüttelt.

Es beginnt mit einem kuriosen Eigentor

Es folgten viele weitere Gespräche und Nachfragen, vor allem per Videokonferenz. Auch lange Gespräche mit Schweinsteigers Vater gehörten zum Recherche-Pensum. Kindheit und Jugend spielen folglich eine gehörige Rolle in dem Roman, der mit einem kuriosen Eigentor des jungen „Basti“ beginnt. Gleich der erste Entwurf, seinerzeit rund 340 Seiten lang, habe ihm bestens gefallen, sagt Bastian Schweinsteiger. Als „Geschenk für mich“ betrachte er das Buch heute. Und überhaupt: Das Leben und die Freude daran seien ihm stets wichtiger gewesen als der bloße Fußball. Dennoch erfährt man aus dem Buch beispielsweise auch, welche Trainer „Basti“ im Laufe der Karriere weniger gut gefallen haben. Positiv hebt er indes Hitzfeld und Heynckes hervor.

Den Heiratsantrag exklusiv geschildert

Auf der (übrigens vom TV-Kommentator a. D. Marcel Reif moderierten) Pressekonferenz tauschte man heute gar viele Nettigkeiten aus – vor allem, als auch noch Schweinsteigers Frau Ana Ivanovic, die aus Serbien stammende Tennisspielerin und einstige Nummer Eins der Damen-Weltrangliste, aufs Podium gebeten wurde. Da kamen dann auch solche Fragen wie die, was Schweinsteiger von ihr über die Liebe gelernt habe. Hach ja. Wie rührend. Die beiden sind ja auch ein sympathisches Paar. Apropos: Martin Suter ist ein wenig stolz darauf, dass er „Bastis“ originellen Heiratsantrag exklusiv in den Roman einbauen durfte. Sonst gebe es jedoch keine „Enthüllungen“.

Dass allerdings der Buchtitel, um ihn endlich zu nennen, „Einer von euch“ lautet, mutet denn doch etwas merkwürdig an. Mag auch „Basti“, wie der Roman unentwegt nahelegt, ganz normal aufgewachsen sein und die Bodenhaftung nicht verloren haben, so sind er und seine Gattin doch als Multimillionäre in andere Sphären entrückt. Zu hoffen wäre, dass Suter nicht den Mythos befördern möchte, jede(r) von uns könne einen solchen Weg beschreiten. Aber wenn etwa Kinder daraus (gerade in diesen Zeiten) Zuversicht schöpfen, ist es natürlich in Ordnung.

Millionenschweres „Bestseller-Marketing“

Bastian Schweinsteiger, der früher einmal gesagt hat, er lese lieber tausend Spiele als ein Buch und dem die auch Suter-Lektüre über sich selbst („So viele Seiten am Stück“) erklärtermaßen schwergefallen ist, möchte künftig deutlich öfter zur gepflegten Lektüre greifen. Seine Frau sei eine begeisterte Leserin und man habe daheim viele Bücher im Regal. Seinerseits möchte er z. B. den einstigen Bayern- und National-Mitspielern Thomas Müller und Oliver Kahn Exemplare des Suter-Romans zueignen.

Freimütig gebe ich zu, den Roman über „Schweini“ nicht zur Gänze gelesen, sondern nur einige Passagen via pdf-Download überflogen zu haben. Viel mehr Bedarf habe ich auch nicht. Die Seiten lasen sich recht leicht, aber nicht seicht und mögen – wie es zwischendurch aus Schweinsteigers Sicht hieß – durchaus als „Mutmacher“ mit gelegentlichem Tiefgang taugen. Nicht unbedingt das Kerngeschäft eines traditionsreichen, literarisch ausgesprochen ambitionierten Verlages. Aber bitteschön. Vielleicht können sie von den Einnahmen ja ein paar hoffnungsvolle Debütanten fördern.

Diogenes stößt mit diesem Roman in bislang ungekannte Dimensionen vor. Man lasse sich die folgenden Stichworte zum „Bestseller-Marketing“ auf der Zunge zergehen. Wir zitieren auszugsweise:

„Infoscreens und Citylights 5,7 Mio. Kontakte
instagram.com/bastianschweinsteiger 10,5 Mio. Follower
facebook.com/bastianschweinsteiger 8,6 Mio. Fans
Große Online-Kampagne…“

Seid umschlungen, Millionen!

Martin Suter: „Einer von euch. Bastian Schweinsteiger“. Roman. Diogenes-Verlag. 384 Seiten, 22 Euro.

 




Wässeriger Humor-Transfer: Gilbert & Sullivans „Piraten von Penzance“ als biederer Operetten-Jux

Joslyn Rechter als Queen Elizabeth in der Wuppertaler Inszenierung von Gilbert & Sullivans „The Pirates of Penzance“. (Foto: Jens Großmann)

In der englischen Architektur gibt es seit dem 18. Jahrhundert die sogenannten follies, exzentrische, aber nutzlose Bauwerke. Sie ziehen den Blick auf sich und werfen Fragen auf, die sie nie beantworten.

Als eine solche „folly“ in musikalischer Form ließe sich auch William Schwenck Gilberts „The Pirates of Penzance“ begreifen: Literarisch perfekt gezirkelter Nonsens, kongenial in Musik gefasst von Arthur Sullivan. Eine der schimmernden Perlen des musikalischen Unterhaltungstheaters, deren Glanz auch nach 140 Jahren noch nicht ermattet ist.

Wer Gilbert & Sullivans „Piraten“ mit gesundem Menschenverstand oder gar Maßstäben dramatischer Logik auslotet, wird sich unausweichlich vermessen. So etwas gibt es im imaginären Penzance von 1879 nicht. Das Städtchen in Cornwall, damals schon direkt von London Paddington aus mit dem Zug erreichbar und entsprechend touristisch geflutet, verdankt nicht zuletzt dem ziselierten Unsinn der Operette seinen Ruf.

Was also anfangen mit einem 21jährigen Jungpiraten, der wegen seines schwerhörigen Kinderfräuleins statt zum „pilot“ (Lotse) zum „pirate“ ausgebildet wird und diesen Irrtum als „Sklave der Pflicht“ geduldig durchzieht? Was will uns ein „modellhaft moderner“ Generalmajor sagen, der sich auf nächtlichem Friedhof wegen einer Sünde gegen seine mit einem neuen Landsitz zusammen eingekauften Ahnen grämt? Und was sollen Piraten, die das hehre Prinzip pflegen, jedes Waisenkind von ihrem blutrünstigen Geschäft zu verschonen, daher beim Stichwort „orphan“ in friedliche Starre verfallen und folglich erfolglos bleiben?

Nur das Gelächter löst alle Fragen

Großes Pech, mit Pflichtgefühl getragen: Frederic (Sangmin Jeon) wird durch einen Hörfehler seines Kindermädchens Ruth (Joslyn Rechter) statt ein ehrenwerter Lotse („pilot“) ein anrüchiger Pirat. In der deutschen Version kommt er statt auf eine „Privat“-Schule in die Lehre als „Pirat“. (Foto: Jens Großmann)

Die Lösung könnte dem Vorbild der „folly“ in der Architektur entsprechen: Man nehme das Bauwerk ernst und stelle es in die Landschaft, „als ob“ es seriös gemeint sei. Nur so bietet es dem Fragenden Grund zum Anstoß und erlöst die Ratlosigkeit durch Gelächter. Bei der Wuppertaler Premiere der „Piraten von Penzance“ ist das nicht gelungen – und das liegt nicht am spezifischen englischen Humor; sondern daran, dass Regisseur Cusch Jung aus dem Material von Gilbert & Sullivan einen biederen Klamauk formt, der – wie in seinen Arbeiten an der Musikalischen Komödie Leipzig zu besichtigen – mit der deutsch-österreichischen Operette vielleicht gerade noch funktioniert, mit dem grotesk aufgezäumten Blödsinn der Briten aber ebenso wenig fertig wird wie mit der Ironie Jacques Offenbachs.

Dabei haben die Piraten auf der düster-dunstigen Bühne von Beate Zoff in ihren an die „Pirates of the Caribbean“ erinnernden Kostümen zunächst einen fulminanten Auftritt. Aber schon die dauerkreischende Töchterschar des Generalmajors gleitet ab in die Niederungen der Konfektionskomik, die sich dann – begleitet von stummen Nichtreaktionen der Zuschauer – auch in der Charakterzeichnung der Figuren durchsetzt. Ob der von seinem unbedingten Pflichtgefühl gebeutelte Piratenlehrling Frederic, der allzu trottelige Generalmajor, die kaum mehr als weinerliche Gouvernante Ruth oder der reaktionsarme Polizeisergeant mit seiner in hübschen weißen Gamaschen tanzenden Bobby-Truppe: Sie alle überwinden die komisch intendierte, aber nur harmlose Vordergründigkeit nicht.

Die Queen als rosa Übermutter der Nation

Es ist hoch anzuerkennen, wenn ein Regisseur Operette erzählen möchte, ohne sie mit gezwungener Konzept-Gewalt zu verbiegen. Aber gerade bei satirischen, mit zeitgenössischen Anspielungen operierenden Werken bedarf es einer Übersetzung. Die 1879 gesellschaftlich selbstverständlichen Voraussetzungen wären, soll der Humor gerettet werden, in treffenden aktuellen Analogien neu zu lesen. Cusch Jung ist das nur am Ende geglückt: Gilbert & Sullivan huldigen im Finale mit einer absurden Wendung der damaligen Übermutter der Nation, Queen Victoria. Sie zitieren damit den längst überholten Operntrick vom „deus ex machina“ und nehmen schlitzohrig aufs Korn, wie die Monarchie ideologisch zur Überbrückung kaum vereinbarer Gegensätze eingesetzt wurde. Die quietschrosa Elizabeth II., die Jung auftreten lässt, setzt diese Aspekte gegenwärtig und sorgt überdies mit putzigen Anspielungen für die längst fälligen Lacher. Dass die Piraten einem Einfall gelangweilter, blaublütiger Oberhaus-Mitglieder entstammen, geht allerdings im Geflöte der Bühnen-Queen (Joslyn Rechter) beinahe unter. Ein „höchst kurioses Paradox“.

So viele hübsche Mädchen auf einmal! Da werden auch hartgesottene Seeräuber schwach (Opernchor der Bühnen Wuppertal). (Foto: Jens Großmann)

Musikalisch hat der ehrgeizige Arthur Sullivan, der eigentlich lieber ein seriöser Opernkomponist geworden wäre (und auch solche Versuche hinterlassen hat), melodischen Esprit und solides Handwerk zu bieten. Er operiert vergnüglich mit rhythmischem Elan á la Auber und Offenbach, lässt die kurzen Noten mit den Silben der Wörter stolpern, was eine adäquate deutsche Übersetzung des englischen Textes ziemlich unmöglich macht, treibt das „very model of a modern major-general“ mit seinen rhythmisch ratternden Worthackschnitzeln nach der Art italienischer Plapperarien in ein aberwitziges Tempo. Bei den lyrischen Szenen mit ihrer geschmeidig-schmeichelnden Melodik denkt man an die leuchtende Transparenz eines Adolphe Adam, aber auch an Mendelssohn und an den leider vergessenen Erfolg „The Bohemian Girl“ des Iren Michael William Balfe.

Herzerweichender Belcanto und trocken gestricheltes Staccato

Johannes Witt und das Sinfonieorchester Wuppertal setzen das alles ansprechend und adrett um, finden den Ton der herzerweichenden Pseudo-Dramatik aus der Belcanto-Oper ebenso wie trocken hingestrichelte Staccato-Passagen. Warum aber ausgerechnet die Ouvertüre ein Kürzungsopfer werden musste – der schräge Piraten-Marsch wird so zur musikalischen Fußnote – und wozu man eine Bearbeitung (von William Shaw) spielt, erschließt sich nicht.

Die Solisten tun sich manchmal schwer, denn auch in der neuen deutschen Übersetzung von Inge Greiffenhagen und Bettina von Leoprechting sind die Wortsalven nicht einfacher abzufeuern als im englischen Original. Überraschend gut macht das Sangmin Jeon, der als Frederic sein naives Pflichtbewusstsein auch mit einem klaren und präsenten Tenor unterstreichen kann. Simon Stricker hat als Generalmajor eine komische Paraderolle, die er aber als bommelmütziger Trottel eher nach bieder deutscher als nach hintergründig englischer Art ausgestalten muss.

Ralitsa Ralinova ist als Mabel die stimmlich am prominentesten ausgestattete unter den Töchtern des hohen Offiziers: Während die Damen des Chores allerliebst übers Wetter schnattern, darf sie ihrem auserwählten Frederic amouröse Avancen in leuchtend lyrischen Kantilenen entgegenbringen. Sebastian Campione ist ein mit Bart wie Stimme eindrucksvoll ausgestatteter Piratenkönig, der mit Yisae Choi als Polizeisergeant keinen ernsthaften Gegenspieler hat. Oleh Lebedyev (Samuel) und Joslyn Rechter als altersdiskriminierte Ruth mit vergeblichen erotischen Erwartungen an ihren Schützling Frederic hätten in der entsprechenden Regie sicher noch einiges an Potential zuzulegen. Am Ende überwog der Eindruck, dass der Transfer von Humor aus der Musikalischen Komödie Leipzig, wo die Produktion 2016 Premiere hatte, ins Tal der Wupper so recht nicht geklappt hat. An Gilbert & Sullivans „folly“, das sei versichert, liegt`s nicht!

Weitere Vorstellungen: 6. Februar, 19. März, 29. April, 14. Mai, 12. und 25. Juni 2022. Info: https://www.oper-wuppertal.de/oper/programm/detailansicht-auffuehrung/auffuehrung/14-05-2022-die-piraten/




Die tiefe Wahrheit der Komödie: Vor 400 Jahren wurde der Dramatiker Jean-Baptiste Molière geboren

Es ist sicher nicht übertrieben, Molières „Tartuffe“ als eine der wichtigsten Komödien der Weltliteratur zu bezeichnen. Bei ihrem Erscheinen 1664 erzeugte sie einen gewaltigen Skandal. Ihr Autor wurde als Jean Baptiste Poquelin am 15. Januar vor 400 Jahren getauft*. In seiner Bedeutung als einer der großen dramatischen Autoren der Literaturgeschichte ist er William Shakespeare an die Seite zu stellen.

Jean Baptiste Molière im Jahr 1664. Stich von Charles Courtry nach einem heute verlorenen Gemälde von Michel Corneille d. J.

„Le Tartuffe“ wird bis heute häufig aufgeführt. Die Geschichte eines gerissenen Betrügers, der sich der Religion bedient, um mit vorgetäuschter Frömmigkeit und demonstrativem Glaubenseifer eine ganze Familie unter Kontrolle zu bringen, ist nach wie vor aktuell. Denn Molière beleuchtet in seinen Figuren die Mechanismen der Manipulation. Er führt die psychologischen Ursachen vor, die Menschen dazu bringen, ihre Einsichtsfähigkeit auszuschalten.

Der wohlhabende Herr Orgon und seine auf religiöse Perfektion fixierte Mutter Madame Pernelle unterwerfen alles, was sie erfahren und erleben, einem auf Tartuffe bezogenen Erklärungsmuster. Die Menschen in ihrem familiären Umfeld entlarven die Täuschung unschwer. Aber ihre Kritik führt dazu, die eigene Anschauung noch hartnäckiger zu verteidigen und sich an ihrer Wahrheit festzuklammern. Das Ende ist ein menschliches Desaster und der Bankrott der bürgerlichen Existenz. Ein Phänomen, das nur allzu bekannt wirkt. Doch in der Realität gibt es, anders als bei Molière, keinen wissenden König, dessen Eingreifen eine Katastrophe verhindern könnte.

Molières „Tartuffe“, eine bissige Abrechnung mit falscher Frömmigkeit und religiöser Heuchelei, wird im Frankreich Ludwigs XIV. als Angriff auf Glauben und Kirche missdeutet. Die Königinmutter Anna erwirkt, ganz im Sinne einer katholischen gegenreformatorischen Geheimgesellschaft, der Compagnie du Saint-Sacrement, ein Aufführungsverbot. Molière wird verdammt als ein „in Fleisch gehüllter, als Mensch verkleideter Dämon“, als „pietätloser Libertin“. Fünf Jahre kämpft er beim König, der ihm eigentlich gewogen ist, für sein Stück, bis es endlich nach der Entmachtung des alten Hofstaats 1669 mit riesigem Erfolg öffentlich in Paris aufgeführt werden kann.

Verblendung und Realitätsverlust

Dass Tartuffe erst im dritten der fünf Akte persönlich auftritt, ist mehr als ein spannungsfördernder Theaterkniff, den schon Goethe bewundert hat. Er gibt Molière den Freiraum, die Unzulänglichkeiten der Charaktere zu entwickeln, die auf ihre eigenen Gedankenkonstruktionen und Illusionen hereinfallen. Er führt dem Zuschauer schmerzlich vor, wie sich Menschen verrennen und von der Realität verabschieden.

Nicht nur in „Tartuffe“ überwindet Molière das possenhafte Unterhaltungstheater seiner Zeit. Seine Komödien haben den Anspruch, in der Deutung der menschlichen Existenz mit der Tragödie gleichzuziehen. Molière nimmt charakterliche Schwächen aufs Korn und kritisiert soziale Verhältnisse seiner Zeit. Ironie und karikierende Verzeichnung sollen die Zuschauer jedoch nicht nur lachen lassen, sondern dienen dazu, den Blick in die menschliche Seele zu vertiefen.

Als Molière 1659 mit seiner Komödie „Der verliebte Arzt“ auf Einladung seines Förderers Herzog Philippe von Orléans in Paris gastiert, gewinnt er das Wohlwollen des jungen Königs. Davor lagen für ihn fast zwei Jahrzehnte Theater in der Provinz. Molière hatte als Zwanzigjähriger darauf verzichtet, das erfolgreiche Geschäft seines Vaters, eines Tapissiers (Raumausstatters) zu übernehmen, und gemeinsam mit seiner langjährigen Gefährtin Madeleine Béjart eine Theatertruppe gegründet. Dieses Unternehmen geht nach zwei Jahren Bankrott und Molière wandert in Schuldhaft.

Komödien für den König

In den folgenden 13 Jahren lernt er das Theater von Grund auf kennen: Er leitet eine Theatertruppe, betätigt sich als Schauspieler und Autor. Mit „Die lächerlichen Preziösen“ karikiert er das exaltierte Verhalten von Pariser Mädchen, die gerne adelig und gebildet wären, und erzielt einen viel beachteten Erfolg, den er mit „Die Schule der Frauen“ fortsetzt. Wie der „Tartuffe“ ist dieses Stück über eine sich selbst bewusst werdende junge Frau und ihr Recht auf Liebe Anlass für eine heftige Kontroverse.

Für den König entwickelt Molière in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Jean-Baptiste Lully unterhaltsame Ballettkomödien, bleibt aber auch dem Genre der Charakterkomödie treu. Bis heute gespielt werden etwa „Der Geizige“, „Der Bürger als Edelmann“ oder „Der eingebildete Kranke“. Die Titelrolle dieses Stücks über naive Medizingläubigkeit und unfähige Quacksalber sollte am 17. Februar 1673 sein letzter Auftritt auf dem Theater werden: Während der Vorstellung attackiert den seit Jahren an Krankheiten laborierenden Molière ein schwerer Hustenanfall. Mit Fieber und Schüttelfrost bringt man ihn nach der Vorstellung nach Hause, wo er einen Blutsturz erleidet und stirbt. Nur auf Drängen des Königs gewährt die Kirche ihrem exkommunizierten Kritiker ein Begräbnis in aller Stille.

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* Geburtsdatum vermutlich einen Tag vor der Taufe, am 14. Januar 1622.

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Von den über 30 Stücken Molières ist in seinem Geburtsjahr an den Theatern in der Region so gut wie nichts zu finden. Lediglich die Burghofbühne Dinslaken spielt den „Tartuffe“  (Premiere war am 10.01.2020) in drei Vorstellungen in Limburg, Goch und Kamp-Lintfort.

Das umfangreiche Werk und die schillernde Persönlichkeit Molières stellt Frank Castorf ab 21. Januar 2022 ins Zentrum eines Abends im Depot 1 des Schauspiels Köln: „Ich bin ein Dämon, Fleisch geworden und als Mensch verkleidet“ ist der Titel der Produktion, zu der Aleksandar Denic die Bühne geschaffen hat. Tickets gibt es unter Tel. (0221) 221 28 400.

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Zum Tod von Herbert Achternbusch: Bayerischer Suff – auch im alten Griechenland

Betrübliche Nachricht: Der Dichter, Filmemacher, versierte Biertrinker, Lebenskünstler usw. usw. Herbert Achternbusch ist mit 83 Jahren gestorben. Und was finde ich dazu in meinem Archiv? Ausgerechnet eine Art „Verriss“ – vom 21. Mai 1996. Aber sei’s drum. Schmeicheleien waren seine Sache eh nicht. Passt scho‘. Hier der Text von damals, gesudelt anlässlich der Mülheimer Theatertage. Nehmt’s halt als Nachruf, sanft möge er ruhen:

Herbert Achternbusch beim 33. Filmfest in München, 2015. (Foto: © Wikimedia Commons/Harald Bischoff) – Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Nein, der „Nabel der Kultur-Welt“ ist Mülheim gewiß nicht. Dieses (von manchen keck beanspruchte) Prädikat wies auch Hans-Georg Specht, Oberbürgermeister der Stadt, in aller Bescheidenheit zurück, als er jetzt die Mülheimer Theatertage eröffnete. Doch immerhin steht nun gleichsam wieder ein Wanderpokal des deutschen Feuilleton-Betriebs an der Ruhr. Denn zum 21. Mal geht es beim allzeit interessanten Dramatikerwettbewerb ums beste neue deutsche Stück.

Alkoholische Hirnzertrümmerung

Der Aufgalopp der Inszenierungen begann mit A wie Achternbusch, Herbert. Der hat mit seinem Drama „Letzter Gast“ sozusagen bayerische Kneipenatmosphäre ins klassische Griechenland verpflanzt. Treffen sich also ein alter Ägypter, ein Grieche und der Wirt, („zugroaster“ Römer) in einem Lokal zu Hellas. An der ägäischen Bucht ist das Bier grün, es verfehlt aber seine Wirkung nicht. Und wenn hernach der lebensgefährliche „Selbstgebrannte“ zum Einsatz kommt, zucken gar Blitze über die Bühne, die schlagartige alkoholische Hirnzertrümmerung signalisieren.

Und so salbadern sie denn auch, einer nach dem anderen seinen delirierenden Monolog abliefernd. Groteske Parodie auf die altgriechische Kunst der Rede und des Dialogs? Mag sein. Zwölf Lokalrunden werden binnen zwei Stunden Spielzeit geschmissen, und jede wird eingeläutet wie ein Boxkampf.

Wie viele Hügel hat das antike Rom? Ist die Erde eine Scheibe oder eine Kugel? Wie wäre es, wenn die Menschen statt der vielen Götter nur noch einen einzigen verehren? All das und noch vieles mehr wird beredet am promillo-philosophischen Stammtisch, der später – welch sinnfälliger Kommentar zum Stück – im überquellenden Theaterschaum versinkt.

Auftritt der Tierkopf-Götter und des kleinen Krokodils

In Alexander Langs Einrichtung (Münchner Kammerspiele) wird dem verbalen Wirrwarr mit Fez und Karneval Genüge getan. Da defilieren die ägyptischen Tierkopf-Gottheiten (Horus, Anubis & Co.) stumm und gravitätisch durch die Szenerie, da rennen bayerische Polizisten samt Nikolaus hinterdrein, und überm Tresen, der an einen Altarschrein erinnert (schönes Bühnenbild: Caroline Neven Du Mont), reckt auch schon mal ein kleines Spielzeugkrokodil sein Haupt. Tri-Tra-Trullala.

Achternbusch scheint sich stets auf die Gnade des frühesten Einfalls verlassen zu haben. Schreib’s halt gleich hin, ‘s ist sowieso egal. Geradezu verschwenderisch gut muten die schauspielerischen Leistungen an. Thomas Holtzmann als vierschrötiger Wirt, Michael von Au als tuntiger Grieche Semel, Regisseur Alexander Lang selbst als stocksteifer Ägypter Ptah und Jörg Hube als lachender „letzter Gast“ Thukydides – das ist schon ein Ensemble, auch mit Trinksprüchen aller Ehren wert.

Sechs weitere Autoren und ihre Stücke sind noch im Wettbewerb. Man wird sehen, wem am Schluß zugeprostet wird.

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P. S.: 1996 hat Achternbusch den Dramatikerpreis nicht errungen. Allerdings war er in Mülheim 1986 mit „Gust“ und 1994 mit „Der Stiefel und sein Socken“ erfolgreich. Die Fülle seiner weiteren Preise und Ehrungen wollen wir hier nicht aufzählen.

 

 




„…hat es keinen Zweck etwas anzufangen, / nicht einmal einen Satz.“ – „Winterrezepte“ der Nobelpreisträgerin Louise Glück

Die Erinnerung scheint aus einem Traum oder Märchen zu stammen, nicht aus wirklichem Erleben: „Jedes Jahr, wenn der Winter kam, gingen die alten Männer / in den Wald, um Moos zu sammeln, welches / auf der Nordseite mancher Wacholdersträucher wuchs.“

Waren ihre Säcke voll, machten sie sich mühsam auf den Heimweg. Die Frauen fermentierten und präparierten das Moos, bestrichen es „mit wildem Senf und kräftigen Kräutern“, machten daraus ein belebendes Winterbrot. Sie verkauften die „in Wachspapier gewickelten Brote auf dem Marktplatz, / während der Schnee fiel“. Das Buch, in dem sie einst die Zutaten und die Zubereitung der Brote notierten, und das Buch, das die Lyrikerin jetzt mit ihren eigenen Worten nacherzählt, als würde sie einer fernen mythischen Zeit ihre Stimme verleihen, enthält „nur Rezepte für den Winter, wenn das Leben schwer ist. Im Frühling / kann jeder ein feines Mahl zubereiten.“

„Winterrezepte aus dem Kollektiv“ ist das Titel gebende Gedicht der Lyriksammlung, die Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück wie ein sanftes Ruhekissen, gefüllt mit zeitlosen Weisheiten und naturphilosophischen Reflexionen, dem Leser übereignet. Es ist das erste Buch der zurückgezogenen lebenden Dichterin, seitdem sie im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht. In ihrer US-amerikanischen Heimat ist sie längst eine feste literarische Größe, hierzulande aber noch immer ziemlich unbekannt und unverstanden.

Ob sich das jetzt ändern wird, scheint fraglich. Denn die Verse, die Louise Glück mit weltflüchtiger Fantasie und kontemplativer Verdichtung schmiedet, künden von depressiver Verstimmung und existenzieller Verlorenheit, oft nahe am Verstummen. Manchmal verrutschen der Dichterin auf der Suche nach einem Du und einem mitfühlenden Kollektiv auch die Bilder, schrammen nur knapp am Kitsch vorbei. Von Bonsai-Bäumchen („Wir haben sie ihres Ursprungs beraubt, / daher brauchen sie uns jetzt“) ist die Rede, von der untergehenden Sonne, von einer Reisenden, die, als die Freundin sie wortlos verlässt, in einem abgelegenen Hotel strandet und niemals ans Ziel kommt.

Ein „Concierge“ wird zum Zen-Meister des Wartens und der Reise ins eigene Selbst: „Du hast deine eigene Reise begonnen, / nicht in die Welt wie dein Freundin, sondern zu dir und deinen Erinnerungen.“ Als wäre das nicht schon esoterisches Geraune genug, ist die auf Erleuchtung hoffende und sich nach Erlösung sehnende Dichterin vom pseudo-chinesischem Gefasel ihres Meisters regelrecht verzückt: „Alles ist im Wandel, sagte er, und alles ist verbunden. / Auch kommt alles wieder, doch ist, was wiederkommt, nicht, / was ging.“

Immer wieder versucht die Stimme ihre geliebte Schwester und die Gegenwart ihrer verstorbenen Mutter heraufzubeschwören, gräbt aus der verschütteten Kindheit einen Tag im Park aus, hört den Wind rauschen, sieht sich im Blätterhaufen mit der Schwester herumtoben. Doch die Mutter weiß es besser und erinnert sich anders: „Ihr habt nie getobt. / Ihr wart brave Mädchen“. Die Zeit vergeht, die Erinnerung verblasst, die Wahrheit ist nur eine vage Vermutung, das Leben nur ein Warten auf den Tod: „Alles ist zu Ende, sagte ich. / Und ist das der Fall, / hat es keinen Zweck etwas anzufangen, / nicht einmal einen Satz.“

Doch dann beginnt sie wieder von neuem, spricht gegen das langsame Verdämmern an. Oft mit großer poetischer Anstrengung und musikalischem Gespür für den Klang der alltäglichen Sprache. Leider hat Übersetzerin Uta Gosmann kein Gefühl für den Rhythmus des mäandernden Erzähl-Flusses. Steifes Nacherzählen, statt freier Variation sklavische Worttreue. Zum Glück ist die mit chinesischen Schriftzeichen geschmückte Ausgabe zweisprachig. Das englische Original entschädigt für manchen Missgriff der knorrigen deutschen Sprach-Vergeblichkeit.

Louise Glück: „Winterrezepte aus dem Kollektiv“. Gedichte. Zweisprachig. Aus dem amerikanischen Englisch von Uta Gosmann. Luchterhand, München 2021, 80 Seiten, 16 Euro.

 




Früher war einfach mehr Kneipe!

Schankraum der Gaststätte Lohsträter, Herringen (Hamm), um 1920. (Gustav-Lübcke-Museum/Sammlung Heinz Hilse)

Ach, wo sind sie nur geblieben, die vielen Eckkneipen Westfalens, zumal im Ruhrgebiet? Wo sind die knarzigen, urigen Typen, die dort Abend für Abend gehockt und frei von der (wohl arg strapazierten) Leber weg geredet oder stundenlang schweigend gesüffelt haben?

Früher war’s nicht besser, aber anders. Da gehörten mindestens zwei Dinge zwingend zum Kneipenwesen: eine Jukebox und ein Flipper. Aber halt! Das war ja schon eine Weiterentwicklung für die damals jüngeren Jahrgänge. Noch vorher zählten zum unverbrüchlichen Inventar die gemeinschaftlichen Sparkästen mit nummerierten Fächern – und Soleier im Glas, das möglichst auf der Theke zu stehen hatte. Zuallererst natürlich stets das „Grundnahrungsmittel“: frisch gezapftes Bier, zünftiger noch in Form des „Herrengedecks“, also Bierchen und Schnäpschen in ritueller Abfolge.

Richtige Arbeiterkneipen habe ich kaum noch kennengelernt. Eine Frage des Jahrgangs und des Wohnviertels. Immerhin hat mein Vater mich (es muss wohl 1958 gewesen sein, zur Fußball-WM in Schweden) im Schatten der Dortmunder Zeche Germania als Kind mal zum Fußballgucken in eine solch proletarische Kneipe mitgenommen. Da flackerte einer der frühen Fernsehapparate – und es ging ziemlich hoch her, wenn ich mich recht entsinne.

O grelles frühes Tageslicht!

Die Zeit, als ich öfter in Kneipen gegangen bin, ist auch schon lange her. Die Lokale hatten sich allerdings schon damals verändert. Wir haben uns meist im vormals kleinbürgerlichen Dortmunder Kreuzviertel herumgetrieben, wo sich in den 1970er Jahren allmählich Szenekneipen herausbildeten, also eher studentische Treffs. Ein abendlicher Lebensmittelpunkt war für uns der „Bunker“, tatsächlich ein ehemaliger Weltkriegsbunker, in dem man sich – buchstäblich unterirdisch – ganze Nächte um die Ohren schlug. Frühmorgens gegen vier ließ der Wirt nach all dem Rock-Gedöns unversehens „Guten Morgen Sonnenschein“ von Nana Mouskouri laufen. Ein Schock. Draußen zwitscherten schon die Vögel. O grelles frühes Tageslicht im Sommer!

Wirtin Ingrid Brede in der Hammer Kneipe „Blauer Affe“, 1962. (Gustav-Lübcke-Museum/Sammlung Ludger Moor, Hamm)

An solche harmlosen Eskapaden bin ich jetzt durch eine Ausstellung im Hammer Gustav-Lübcke-Museum erinnert worden: „Treffpunkt Kneipe“ erzählt die Geschichte, die mit allerlei klösterlichen und privaten Braustätten (wenn etwas übrig war, stellte man halt Bänke auf und bat Gäste hinzu) als Kneipen-Vorläufern beginnt. Anno 1719 hat es allein in Hamm rund 50 Braustellen gegeben, mit der Industrialisierung wuchs die Isenbeck-Brauerei, die mittlerweile auch Geschichte ist. Warsteiner hat die Marke gekauft.

Funktionen gewonnen, Funktionen verloren

Die Kneipe, so erfährt man in der Schau, hat im Laufe der Zeit viele Funktionen gewonnen und nach und nach wieder verloren. Ehedem dienten die Lokale als politische Versammlungsstätten, als Vereinsheime, Orte für Gymnastik und Boxsport (im Rahmen der Arbeiterbewegung), Proben- und Auftrittsräume für Chöre oder sonstige Musikensembles. Überhaupt gab’s hier Kultur sämtlicher Sparten. Etliche Kneipen hatten Theaterbühnen oder dienten mangels Museum als Ausstellungsräume. Zeitweise fanden Modenschauen oder Auktionen statt, es wurden bizarre kleine Weltwunder vorgeführt, auch schauten Zahnärzte nebst anderem ambulanten Gewerbe vorbei. Das ganze bunte Leben.

Bergleute der Zeche Radbod beim Umtrunk, 1913. (Gustav-Lübcke-Museum/Sammlung Christa Weniger)

Zwei westfälische Stätten haben sich mir vor Jahren besonders eingeprägt: zum einen das gediegene, urgemütliche Gasthaus Porten Leve in Warendorf – und die ganz anders geartete „Klosterkanne“, ein bahnhofsnaher Schuppen just in Hamm. Heute kann man’s ja freimütig zugeben: In dieser Spelunke sind auch gewisse Lokaljournalisten verschiedener Blätter gelegentlich schon mal untertags „versackt“. Alle Gäste rauchten wie die Teufel, aus der Jukebox plärrten damals Gassenhauer wie „Waterloo“ von Abba und „Sugar Baby Love“ von den Rubettes, wahlweise auch Schunkler wie „Drink doch eine mit“ von den Bläck Fööss oder „Die kleine Kneipe“ von Peter Alexander. Andere Zeiten, andere Songs, andere Sitten.

Wie es wohl weitergehen wird?

All das war nicht annähernd vergleichbar mit dem, was wir zu jener Zeit in Irland erleben durften. Das war eine andere Kneipen- oder eben Pub-Kultur! Wenn zu so manchem „Pint of Guinness“ der ganze proppenvolle Laden zusammen aus voller Brust Folk-Songs anstimmte, wurde es einem auch ums westfälische Herz recht warm.

Inzwischen hat es einigen Niedergang oder jedenfalls Wandel gegeben. Ganze Kneipenquartiere, wie etwa jenes um den Dortmunder Ostwall herum, sind praktisch restlos verschwunden. Ob das Bochumer „Bermuda-Dreieck“ ein Ersatz ist? Nun ja, es ist nicht dasselbe. Ansonsten sind reine Kneipen vielfach Speiselokalen mit internationaler Anmutung gewichen. Statt von Kneipen redet man öfter von Clubs. Im Gefolge der Corona-Pandemie und erst recht seit Aufkommen der Omikron-Mutation ächzt die gesamte Gastronomie nicht nur unter Personalnot.

Wie es weitergehen wird? Hoffentlich bald wieder vital und betriebsam. Darauf heben wir die Gläser und bringen den landesüblichen Trinkspruch aus: „Wohlsein!“

Lokal fokussierte Ausstellung zum Thema: „Treffpunkt Kneipe. Hammer Lokalgeschichten“. Gustav-Lübcke-Museum, Hamm, Neue Bahnhofstraße. Noch bis 20. März. Mehr Infos:

https://www.museum-hamm.de/ausstellungen/aktuell/treffpunkt-kneipe/
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Der Text ist zuerst im Kulturmagazin „Westfalenspiegel“ (Münster) erschienen. www.westfalenspiegel.de




Hier ist sie – die wohl dämlichste Schlagzeile der Woche…


Ihr könnt es kaum noch erwarten, die dusseligste Schlagzeile der Woche zu lesen? Gemach! Hier steht sie.

Die Überschrift scheint mir nicht nur dämlich, sondern auch verantwortungslos zu sein, wenn man mal die ganze aufgeheizte Stimmung dieser Tage mitbedenkt. Denn natürlich sitzt der Mann nicht etwa im Gefängnis, w e i l er keine Maske getragen hat. Das glauben allenfalls Verschwörungs-„Theoretiker“ oder Kreuz- und Querschwurbler. Und just solche Leute bzw. jene, die dafür anfällig sind, werden den zugehörigen Artikel wahrscheinlich gar nicht mehr lesen, weil für sie ohnehin ausgemacht ist, dass Ungeimpfte Opfer einer „Diktatur“ und einer gleichgeschalteten Presse seien.

Die Zeile aus der Werkstatt der Dortmunder Ruhrnachrichten (Stadtteilzeitung West), übernommen in die örtliche WAZ-Ausgabe, suggeriert just einen direkten Zusammenhang. Dabei ist der Betreffende lediglich aufgefallen, weil er keine Maske getragen hat. Eigentlich wurde er wegen Einbruchsdiebstahls per Haftbefehl gesucht – aufgrund eines rechtskräftigen Urteils. Wegen dieser Sache muss er „sitzen“, nicht etwa wegen der fehlenden Maske. Aber das verklicker mal einem, der den Medien eh nichts mehr glaubt.




Heilig, heilig, heilig – mitten im Lokal

Prösterchen mit Sekt im (einstmals) kirchlichen Kontext. (Foto: Bernd Berke)

Kurz vor dem Dreikönigstag ist mir abermals aufgefallen, dass eine weitere Gaststätte sich mit einem dreidimensionalen Heiligenbildnis schmückt. Daran knüpfen sich Fragen:

Erstens würde es mich interessieren, ob es Deko-Lieferanten gibt, die solche Figuren eigens für Lokale herstellen – oder ob es sich um Objekte aus aufgegebenen Kirchen handelt. Der stellenweise beschädigte Zustand der Figur auf dem großen Foto deutet darauf hin, dass man das Stück aus einer Kirche oder einem entsprechenden Depot geholt hat. Nicht ganz auszuschließen wäre freilich, dass solche Skulpturen im Sinne eines „used look“ eigens so hergestellt werden. Vintage rules. Man kennt das aus anderen Bereichen.

Zweitens möchte ich gern wissen, woraus sich dieser Trend herleitet, wenn es denn einer ist. Sind die Gastronomen darauf aus, allerhöchsten Beistand zu erflehen – erst recht „seit Corona“? Oder gilt derlei Schmuck einfach als „cool“, weil er eine Bildwelt ausbeutet, die bisher noch nicht an der Reihe war, jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang?

Anderes Lokal, anderes Bildnis: hier nicht auf Augenhöhe, sondern deutlich über den Sitzen schwebend. (Foto: Bernd Berke)

Eifrige Kneipengänger werden sicherlich noch mehr Beispiele aufführen und daraus vielleicht genauere Schlüsse ziehen können. Wahrscheinlich ist die Chose z. B. in Berlin längst durch und das Ruhrgebiet gesellt sich mal wieder zu den Nachzüglern. Es mag aber sein, dass es sich ganz anders darstellt.

Und wie hält man es wohl in Bayern? Wäre es nicht verständlich, wenn jemand ein gewisses kulturkonservatives Unbehagen verspürt, auf solche Weise fromme Figuren ins Profane herabgezerrt zu sehen?

Aber nein! Es ist ja längst alles so vermischt und verwurstet, dass den meisten Leuten die Unterschiede kaum noch auffallen. Wenn es wenigstens dämmert, wenn also die verschiedenen Ebenen überhaupt zur Kenntnis genommen werden, so ist es schon viel.

Bemerkenswert die ersten Äußerungen bei Facebook (FB), wo ich die beiden Bilder ebenfalls eingestellt habe. Ein FB-Freund scherzt, hier wandle sich wohl „Wasser wieder zu Wein“. Ein derart biblischer Vorgang wäre in der Tat günstig für Wirtsleute. Eine Freundin sagt, bei dem Anblick vergehe ihr – aus welchen Gründen auch immer – der Appetit, eine weitere meint, angesichts solcher Statuen traue man sich ja gar nicht mehr, „über die Stränge zu schlagen“. Noch eine Stimme: „Offensichtlich sind die Betreiber seeeehr weit weg davon und konnotieren NICHTS (mehr) damit…“ Genau. Siehe oben.

Uuuuund noch eine Reaktion, getragen von Verständnis für die Heiligen: „Die wollen doch auch mal unter Leute und gesehen werden. In die Kirchen kommt ja kaum noch jemand.“




Kein richtiger Rückblick, aber die besten Wünsche für 2022!

Kater Freddy wirft einen Blick zurück. (Symbolbild: Bernd Berke)

Zum Ende eines vielfach so ernsten Jahres darf es auch mal halbwegs albern sein. Keine Angst also, hier gibt es keinen der landesüblichen Jahresrückblicke mit obligatorischem C-Schwerpunkt und blinkender Ampel. Alles, was wir vorrätig haben, ist ein über die Schulter zurückblickender Kater namens Freddy. Na, immerhin!

Übrigens geht es Freddy zur Zeit nicht so gold. Er bekommt ein Antibiotikum, damit sich bei ihm nicht noch eine Lungenentzündung entwickelt. Erste Besserung hat sich schon eingestellt. Aber stopp! Jetzt reden wir schon wieder über Krankheit und Genesung.

Wie ist im Vorfeld spekuliert worden, ob wir ab 2020 noch einmal „Roaring Twenties“ oder dergleichen erleben würden; wilde, entfesselte Zeiten, eine Dekade wie damals in den 1920ern. Es ist bislang ein wenig anders gekommen.

Nun doch noch etwas gaaaaaaaanz weit Rückblickendes: Höchst spannend finde ich alles, was sich aus dem kürzlich erfolgten Start und dem künftig hoffentlich erfolgreichen Einsatz des Weltraumteleskops „James Webb“ ergeben könnte. Gleich 13 Milliarden Jahre soll die phantastische Apparatur zurückschauen – „fast“ bis zum Urknall. Ob wir dann wohl erfahren werden, was die Welt im Innersten zusammenhält?




Kaum Licht im Dickicht der Verschwörungstheorien – „Dunkle Mächte“ von Sineb El Masrar im Westfälischen Landestheater

„Dunkle Mächte“ – Szene mit (v.l.) Oliver Möller, Bashar Al Murabea, Sima Laux und Talisa Lara Schmid (Foto: Westfälisches Landestheater/Volker Beushausen)

Wir werden alle von Bill Gates manipuliert, Corona ist nur eine Erfindung zur vollständigen Kontrolle der Menschheit, die „Umvolkung“ ist im vollen Gange – so oder so ähnlich lauten einige aktuelle Verschwörungsmythen, dazu noch hässlich rassistisch grundiert und als vermeintliches Rebellentum etikettiert. Hat es immer schon gegeben, könnte man sagen, in Zeiten Kalten Krieges wurden wir von den Kommunisten unterwandert und desinformiert, später schickte der Neoliberalismus seine Sachwalter vorbei.

Bei scheinreligiösen Organisationen wie beispielsweise Scientology kann man ja wirklich ins Grübeln kommen. Doch so schlimm wie heute war es früher doch nicht, oder? Das Westfälische Landestheater (WLT) jedenfalls hat sich nun des nicht mehr ganz taufrischen Themas Verschwörungstheorien angenommen und das Stück „Dunkle Mächte“ von Sineb El Masrar auf die Bühne gestellt.

Szene mit (v.l.) Sima Laux und Talisa Lara Schmid (Foto: Westfälisches Landestheater/Volker Beushausen)

Kreuzbraves Vierpersonenstück

Doch wird es uns die Augen öffnen? Wer auf Enthüllung und Erklärung setzte, gar dunklen Mächten leibhaftig zu begegnen hoffte, wird enttäuscht. Ein zunächst einmal kreuzbraves Vierpersonenstück nimmt auf der Bühne (Ausstattung: Anja Müller) seinen Lauf, naturalistisch gespielt, fast ein wenig boulevardesk.

Zwei Schwestern lernen wir kennen, Musliminnen mit und ohne Kopftuch, Influencerin die eine (Sima Laux), Schneiderin die andere (Talisa Lara Schmid); ein junger Mann (Oliver Möller) – Biodeutscher, reicher Industrieerbe – betritt die Schneiderei, um bestellte Hemden seines verstorbenen Vaters abzuholen, schließlich tritt auch sein muslimischer Diener (Bashar Al Murabea) auf, das Personal ist komplett.

Oliver Möller und Talisa Lara Schmid (Foto: Westfälisches Landestheater/Volker Beushausen)

Schwer zu folgen

Der freundliche Kammerton hat nur kurzen Bestand. Bald schon beleidigt man einander nach Kräften, besteht auf seinen Vorurteilen, formuliert bizarre Weltkonzepte aus Kapitalismus und Antisemitismus, usw.

Doch auch nach längerem Zuschauen wird nicht ganz klar, wer für welche Hass- und Verschwörungsbotschaften zuständig ist. Immer monströser und verschwurbelter wird das ganze, und die Bemühungen der eigentlich vernünftigen Schwester Schneiderin um Erdung des erhitzten Personals misslingen. Strukturen sind in dieser Auseinandersetzung schwer auszumachen, was natürlich auch am Fehlen einer rationalen Diskussionsebene liegt. Anzuerkennen ist aber fraglos die Leistung des Ensembles, in endlos langen Sätzen einschlägige Behauptungen zum Vortrag zu bringen. Der Unterhaltungswert dieser Vorträge indes ist, zurückhaltend ausgedrückt, gering.

Die eigene Situation

Die Auseinandersetzung mit dem Internet, mit rassistischen „sozialen Netzwerken“, „Echokammern“ und ähnlichem hätte gern ausführlicher ausfallen können, auch Wechselbeziehungen zwischen verpeilter Weltsicht und eigener Lebenssituation wären von Interesse gewesen. Gewiss, einiges erfahren wir schon. Die ältere Schwester – Schneiderin, kein Kopftuch – wurde von den Eltern inniglich geliebt und durfte immer bei ihnen bleiben, die jüngere Schwester – Influencerin, Medizinstudentin, Kopftuch – wurde zu den Großeltern gegeben und fühlt sich ungeliebt. Religion spielt eine Rolle, doch ob und in welchem Ausmaß biographische Details die Weltsicht prägen, steht dahin, und es wird nicht ganz klar, ob das an der Textvorlage oder vielleicht doch eher an der etwas unentschlossenen Art der Inszenierung (Christian Scholze) liegt.

Kasperle und Hakawati haben rote Hüte auf

Kein Happy End, keine Handlungsanweisungen an das Publikum; statt dessen beginnt und endet das Stück mit dem Auftritt zweier Gestalten mit roten Kopfbedeckungen. Es sind, wie der Programmzettel verrät, Kasperle und Hakawati, zwei volkstümliche, eigentlich fröhliche Figuren aus zwei verschiedenen Kulturkreisen, die sich (hier) gar nicht unähnlich zu sein scheinen und dem ganzen mit bedauerndem Humor zusehen. In der Tat: Gegen seelische Verhärtungen hilft oft Humor. Etwas mehr davon hätte man sich auch in der Inszenierung gewünscht.

  • Termine:
  • 14.01.2022 19.00h, Velbert, Theater Schloss Hardenberg
  • 14.01.2022 11.00h, Velbert Theater Schloss Hardenberg
  • 24.11.2022 20.00h, Nordhorn Konzert- und Theatersaal



Eine Stimme für die Leidenden: Seit 50 Jahren leisten die „Ärzte ohne Grenzen“ weltweit medizinische Hilfe

2010 erschütterte ein katastrophales Erdbeben Haiti. Geschätzt 100.000 Menschen starben, 200.000 waren verletzt, rund eine Million verloren ihre Wohnungen. Die Ärzte ohne Grenzen halfen wie hier im Krankenhaus Carrefour. Die Patientin im Bild hatte zwei gebrochene Beine. Auf dem Foto: Doktor Adesca aus Haiti, der Chirurg Paul McMaster und die deutsche Krankenschwester Anja Wolz. (Foto: Julie Remy/Médecins Sans Frontières/MSF)

Die Älteren erinnern sich noch an die Bilder: Große Augen schauen aus abgemagerten Gesichtern. Ausgemergelte Körper strecken dürre Ärmchen aus. Auf dem Arm verzweifelter Mütter kauern kleine Kinder, die Skeletten gleichen.

Es war 1969, als die Fotos aus Biafra die Welt aufrüttelten. Die Provinz in Nigeria hatte sich für unabhängig erklärt. Ein Krieg und eine Hungerblockade waren die Folge. Biafra ist seither ein Symbol für Hunger und Leid.

Damals beschlossen Ärztinnen und Ärzte, die mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Einsatz waren, nicht länger zu der humanitären Katastrophe zu schweigen. Zwei Jahre später, am 22. Dezember 1971, gründete eine Gruppe von 12 französischen Ärzten und Journalisten eine Organisation, die Menschen in Not helfen sollte und nannte sie „Médecins Sans Frontières“ – Ärzte ohne Grenzen. Aus der Initiative entstand eine Bewegung, die heute ein weltweites Netzwerk bildet. In diesem Verbund leisten rund 41.000 Menschen in mehr als 70 Ländern medizinische Nothilfe. 25 Mitgliedsverbände bilden fünf „operationale Zentren“, die Projektentscheidungen treffen, qualifiziertes Personal entsenden und die Finanzierung organisieren. Die 1993 gegründete deutsche Sektion gehört zum Zentrum Amsterdam.

„Wir wissen, dass Schweigen töten kann“

Die Gründungsversammlung der Médecins Sans Frontières in Paris 1971. Beteiligt waren Dr. Marcel Delcourt, Dr. Max Recamier, Dr. Gerard Pigeon, Dr. Bernard Kouchner, Raymond Borel, Dr. Jean Cabrol, Vladan Radoman, Dr. Jean-Michel Wild, Dr. Pascal Greletty-Bosviel, Dr. Jacques Beres, Gerard Illiouz, Phillippe Bernier, Dr. Xavier Emmanuelli. (Foto: D.R./MSF)

Die Organisation hat sich verpflichtet, unparteiisch und unabhängig zu helfen. „Die Hilfe orientiert sich allein an den Bedürfnissen der Notleidenden“, heißt es in ihren Leitsätzen. „Ärzte ohne Grenzen“ helfen Menschen ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft, politischen und religiösen Überzeugungen sowie ihres Geschlechts. Damit stehen sie oft zwischen den Fronten. Doch neutral zu handeln heißt für die „Ärzte ohne Grenzen“ nicht, stillschweigend zu helfen. Zur humanitären und medizinischen Hilfe tritt die sogenannte Témoignage (französisch für ‚Zeugnis ablegen‘).

Sie gehört zu den Satzungsaufgaben: „Wir sehen uns selbst in der Pflicht, das Bewusstsein für Notlagen zu schärfen. Wenn wir also konkret miterleben, wie Menschen extrem leiden, wenn ihnen der Zugang zu lebensrettender medizinischer Versorgung verwehrt oder systematisch behindert wird oder wir Zeugen von Gewaltakten gegen Individuen oder Bevölkerungsgruppen, von Missstände oder Menschenrechtsverletzungen werden, machen wir dies, wenn möglich, öffentlich.“ So beschreiben die „Ärzte ohne Grenzen“ ihre Rolle als Anwalt und Sprachrohr derer, die keine Stimme bekommen. „Wir sind nicht sicher, dass Reden Leben rettet. Wir wissen aber, dass Schweigen töten kann“, heißt es in der Dankesrede für den Friedensnobelpreis, mit dem die Vereinigung 1999 ausgezeichnet wurde.

Herausforderungen für die humanitäre Hilfe

Ein historisches Bild aus dem Krieg mit der Sowjetunion aus Afghanistan. (Foto: MSF)

Einige Stationen aus der Geschichte: Beim Erdbeben in Nicaragua 1972 leisteten die „Ärzte ohne Grenzen“ schnelle medizinische Soforthilfe. In Honduras richteten sie nach einem Hurrikan das erste langfristig angelegte medizinische Hilfsprojekt ein. In großen Konflikten wie den Kriegen im Libanon und in Afghanistan halfen Ärzte oft unter Einsatz ihres eigenen Lebens. So überquerten nach 1979 kleine Teams die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan. Mit Maultieren versuchten sie, abgelegene Bergregionen zu erreichen und der Zivilbevölkerung zu helfen. In Thailand unterstützten sie Anfang der achtziger Jahre Kambodschaner, die vor dem Pol-Pot-Regime geflüchtet waren. Hunger in Äthiopien, Bürgerkrieg in Liberia, Krieg in Bosnien, Genozid in Ruanda, der verheerende Tsunami 2004 und das Erdbeben in Haiti 2010, schließlich Aids-Programme in Asien und Afrika und die Covid19-Pandemie des Jahres 2020 waren riesige Herausforderungen für die humanitäre Hilfe.

Schwester Séraphine unterzieht sich dem ersten Schritt der Dekontamination nach ihrer Runde durch die Hochrisikozone des Hospitals in Mangina in der Demokratischen Republik Kongo während eines Ebola-Ausbruchs. (Foto: Carl Theunis/MSF)

Das Preisgeld des Friedensnobelpreises nutzten die „Ärzte ohne Grenzen“, um Menschen den Zugang zu medizinischer Behandlung zu erleichtern. Ihre „Medikamentenkampagne“ tritt dafür ein, Arzneien, Tests und Impfungen erreichbar, bezahlbar, für alle geeignet und an den Orten, an denen die Patienten leben, verfügbar zu machen. Seit mehr als 30 Jahren setzt sich die Organisation auch für die Behandlung von Menschen mit seltenen tropischen Krankheiten ein. „Hunderttausende wurden behandelt, die sonst nicht überlebt hätten“, heißt es in einem zum Jubiläum erschienenen geschichtlichen Überblick.

Außerdem suchen die Ärzte nach einer Antwort auf den tödlichen Ebola-Virus. Dazu gehören Methoden, einen Ausbruch zu begrenzen und die Übertragung zu vermeiden. Migrationsströme, Flüchtlingsrettung auf See, aber auch die Folgen von Naturkatastrophen, verursacht durch Klimawandel, Ressourcenknappheit und Naturzerstörung durch den Menschen sind neue Herausforderungen für die Organisation, die sich aus Spenden finanziert – 2020 waren das weltweit 1,9 Milliarden Euro von mehr als sieben Millionen Spendern – und die in Deutschland im letzten Jahr mehr als 770.000 Spender mit 204,5 Millionen Euro unterstützten.

Weitere Informationen im Internet unter www.aerzte-ohne-grenzen.de

Ein Überblick über die Geschichte mit vielen Fotos unter 50years.msf.org/home/de




Trotz alledem: Die Revierpassagen wünschen frohe Weihnachten und einen guten Jahreswechsel

Weihnachtliche Szenerie im Dortmunder Rombergpark. (Foto: Bernd Berke)

…auf dass – nach nahezu zwei Jahren – bald endlich wieder leichtere Zeiten anbrechen mögen. Nicht nur, aber auch für „die Kultur“, sprich: die Kulturschaffenden und ihr Publikum.




Szenisch demontiert, musikalisch erhöht: Mozarts römischer Kaiser Titus an der Rheinoper Düsseldorf

Maria Kataeva als Sesto in Mozarts „La Clemenza di Tito“ an der Rheinoper in Düsseldorf. (Foto: Bettina Stöß)

Ein Fest der noblen Töne und der durchgearbeiteten Details: Die Dirigentin Marie Jacquot hebt in luziden Klang, was Wolfgang Amadé Mozart in seine kurz vor der „Zauberflöte“ uraufgeführte Krönungsoper „La Clemenza di Tito“ an kompositorischen Kostbarkeiten eingeschrieben hat.

Trotz der Herkunft des Stoffs aus der Opera seria des Wiener Hofdichters Pietro Metastasio ist die alte Manier an vielen entscheidenden Stellen überschrieben. Äußerlich mag die Folge von Arien und Rezitativen noch an Althergebrachtes erinnern; innerlich haben es Librettist Caterino Mazzolà und Mozart mit seiner Kunst des Ensembles, aber auch mit der Aufwertung der Rolle des Orchesters gründlich hinter sich gelassen. Da ändern auch die Rezitative nichts, die vermutlich aus Zeitmangel von Mozarts Schüler Franz Xaver Süßmayr in Töne gesetzt wurden.

Die „Milde des Titus“ also. Zuletzt im Mozartjahr 2006 in Düsseldorf, diesmal unter dem so analytischen wie leidenschaftlichen Blick der jungen französischen Kapellmeisterin, die sich gerade an der Deutschen Oper am Rhein und bei einer Reihe von Gastdirigaten erfolgreich ihre Sporen verdient. Mit dem „Barbier von Sevilla“ war sie zu Beginn der Spielzeit schon mit viel Willen zu lockerer Beweglichkeit und witzig-spritziger Rossini-Verve unterwegs, ausgebremst freilich von einem nicht entsprechend alert reagierenden Orchester und einer wenig inspirierten Inszenierung von Maurice Lenhart.

Staatsaktion mit beseelten Menschen

Jetzt kommt ihr in diesem Lehrstück eines exemplarisch-idealen Regierungsstils die Regie von Michael Schulz ebenfalls nicht gerade entgegen. Aber die Düsseldorfer Symphoniker verstehen sich auf Mozart weit einfühlsamer als auf den trockenen Humor des Italieners. Und so wird der Abend in erster Linie ein musikalisches Erlebnis. Man mag sich den Kopf heiß reden über die Frage, ob das innere Pathos der Musik dem rückwärtsgewandten Auftragsstoff geschuldet ist – die böhmischen Stände als Auftraggeber wollten unbedingt einen „Titus“ haben –, oder ob Mozart nicht doch ein feines Ohr für die aus Frankreich kommende, neue musikalische Ausdruckssphäre hatte. Spannend auch zu hören, was Mozart seinen Zeitgenossen Christoph Willibald Gluck und Antonio Salieri an die Seite stellt, die beide auf ihre Weise bewegende Seelentöne trafen, ohne Mozart in seiner unendlich einfallsreich variativen musikalischen Sprache zu erreichen.

Marie Jacquot. (Foto: Werner Kmetitsch)

Marie Jacquot jedenfalls treibt das Pathos nicht auf die Spitze, entdeckt aber die Subtilität der Komposition, wie sie sich in der Ouvertüre nach der Dreiklangseröffnung und einem gekonnt gesteigerten Mannheimer Crescendo in der Verarbeitung des eigentlich simplen Themas mit seinen schreitenden, durch Pausen getrennten Achteln zeigt. Bei ihr klingen diese Momente nicht kühl poliert, sondern erfüllt mit lyrischer Wärme – denn es geht ja nicht (nur) um eine Staatsaktion oder ein Herrscherideal, sondern ebenso um beseelte Menschen. Jacquot lässt sie in sensibler Finesse und Liebe zum Detail vor unser musikalisches Ohr treten: Man hört das Fagott im Aufzugsmarsch des Kaisers, man folgt den Halbtonschritt-Sequenzen, die Titus als abgeklärten, in sich ruhenden Charakter in die Nähe Sarastros rücken. Wolfgang Esch mit seiner Bassettklarinette und Ege Banaz mit dem Bassetthorn haben den Raum, den Reiz des Instrumentalklangs wunderschön zu entfalten.

Auch die hohe Kunst der Ensembleführung wird vom Dirigentenpult aus gepflegt. Ob im Finalquintett des ersten Akts, das Friedrich Rochlitz ein „großes Meisterstück“ nannte, oder in der erregten Hektik des Terzetts „Vengo! Aspettate …“: Marie Jacquot übertreibt die Ausdrucksmittel nicht, hält Tempi und Dynamik stets ausgewogen im Zaum, ergreift aber gerade dadurch die Chance, sie mit innerem Leben und mit eleganter Expressivität zu erfüllen. Da sie die Sänger diskret und rücksichtsvoll begleitet, haben sie die Chance, sich stimmlich ohne Druck zu entfalten.

Utopische Milde contra Zynismus der Macht

Das glückt nicht durchgängig: Immer wieder setzen sie sich unter Spannung, wo die Dirigentin eigentlich locker führen will. Aber Maria Kataeva singt sich schon nach dem ersten, noch etwas gehemmten Einstand frei und gestaltet vor allem ihre Arie „Parto, parto“ und das große, zum Finale überleitende Rezitativ „Oh Dei, che smania e questa“ mit dramatischem Gespür und flexibler Beweglichkeit. Das Freundschafts-Duettino mit Annio leidet unter der Manier von Anna Harvey, Töne zu „stoßen“ statt gleichmäßig auf dem Atem zu führen; in der Arie „Tu fosti tradito“ im zweiten Akt gelingt es Harvey besser, den Ton zu fokussieren und strömen zu lassen.

Als eine mit allen kriminellen Wassern gewaschene Zynikerin der Macht hat Titus‘ Gegenspielerin Vitellia ein breites Spektrum von Affekten vokal zu bewältigen, von zupackender Aggressivität über fiebrige Erregung bis hin zu – für die Figur erstaunlichen – Äußerungen weicher Empfindung. Dem strahlkräftigen, mit funkelndem Metall angereicherten Sopran von Sarah Ferede kommen die energischen und dunklen Seiten dieses Charakters eher entgegen; gleichwohl gelingt es ihr, ihre erste Arie („Deh, se piacer mi vuoi“) differenziert zu singen.

Jussi Myllys hat die undankbare Aufgabe, mit dem Kaiser eine Figur ohne innere Entwicklung und Handlungsmacht darzustellen. Der Edelmut des Herrschers – ganz im Gegensatz zum historischen Titus Flavius Vespasianus, wie ihn der römische Historiker Sueton sicher in tendenziöser Absicht schildert – ergießt sich in Betrachtungen etwa über die Rolle der Wahrheit vor Fürstenthronen, macht aber auch den Schmerz und die Enttäuschung deutlich, über die Titus dennoch seine „clemenza“ siegen lassen will. Die trocken-unbeteiligte Farbe des Tenors von Jussi Myllys und eine introvertierte, öfter belegt wirkende Tongebung mache die Rolle nicht eben interessanter. Auch Beniamin Pop als Publio kann – anders als Lavinia Dames als anmutige Servilia – keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Dirk Beckers Bühne zu Mozarts Oper. Foto: Bettina Stöß

Für seine Inszenierung hat der erstmals an der Rheinoper inszenierende Gelsenkirchener Generalintendant Michael Schulz genau eine Idee – und die stellt sich nach langen, umständlichen Auftritten und Abgängen in einem unspezifischen, für alle möglichen Werke recycelbaren Bühnenaufbau von Dirk Becker erst am Ende ein. Milde, Verzeihung, Menschlichkeit? Alles nur Show. Mit dieser Desavouierung von Mozarts hochgestimmtem Fürstenspiegel entlässt Schulz die Zuschauer in eine Realität, die leider allzu oft einen ähnlichen Eindruck nahelegt. Ob allerdings auf diese Weise „Macht, Güte, Milde und Weisheit als Korruption, Schmeichelei und devoter Untertanengeist“ enttarnt werden, wie Wolfgang Willaschek in einem provokanten Programmheftbeitrag meint, bleibe dahingestellt.




Katze im Sack und ein früher Weihnachtsbaum – Lerne staunen mit der Stadtteilzeitung!

Warum lässt man im Lokalteil oft erst so spät „die Katze aus dem Sack“? Die Auflösung gibt’s erst im Text… (Symbolbild: Bernd Berke)

Schon öfter habe ich mich über die Dortmunder Stadtteilzeitung geärgert, die von den Ruhrnachrichten erstellt wird und – oh, wunderbare Pressevielfalt in einer Stadt mit rund 600.000 Einwohnern – auch in der WAZ-Lokalausgabe und in der seit fast neun Jahren redaktionslosen Phantomzeitung „Westfälische Rundschau“ erscheint.

Gewiss: Gelegentlich gibt’s auch mal interessante Artikel. Gar oft aber finden sich z. B. Senioren, die auf einen mehr oder weniger geringfügigen Missstand deuten (buchstäblich: Auf den Fotos zeigen sie gern demonstrativ drauf, etwa auf Schlaglöcher), welcher dann länglichst bekakelt wird. Überhaupt ist die Qualität der Fotos oft erbärmlich. Man merkt, dass vielfach Amateure am Werk sind. Die Zeilen- und Bildhonorare für freie Mitarbeit sind ja auch dementsprechend geringfügig.

Textlich hat sich, seit die Parole „online first“ gilt, quer durch den Lokalteil die früher verpönte Unart breitgemacht, mit entscheidenden Infos 1.) nicht in die Überschrift zu gehen, sondern dort noch alles offenzuhalten und 2.) selbige Infos auch im Fließtext erst weit hinten zu bringen, am liebsten ungefähr im vorletzten Absatz. Dass man derart hinter dem Berg hält, erklärt sich daraus, dass das geneigte Publikum mit der wortgleichen Online-Version möglichst lange bei der Stange bleiben soll. Also lässt man die redensartliche Katze erst ganz spät aus dem Sack. Das kostet auf Dauer richtig Lese- und Lebenszeit.

Baum schon geschmückt? Wow! Das ist der Aufmacher…

Ein anderweitiger Tiefpunkt ist mit der heutigen Ausgabe erreicht. Wenn jemand mal ganz groß in der hiesigen Stadtteil-Ausgabe rauskommen will, muss er/sie lediglich bereits den Weihnachtsbaum aufgestellt und geschmückt haben. Ja, das reicht offenbar schon. Dann kommt sogar der Redaktionsleiter höchstselbst und widmet dem ungeheuren Umstand zwei Drittel der Seite, garniert mit nicht weniger als drei Fotos. Die Frau, die da alle Einzelheiten zu ihrem Weihnachtsbaum ausbreiten darf, sagt auch noch, dass frühzeitiger Baumschmuck eh ein Trend zu sein scheine. Ganz normal also. Egal. Die Sache wird trotzdem riesig aufgemacht, fünfspaltig, nahezu blatthoch! Gegen Schluss kommt auch noch die (im Lokalen häufiger übliche) Werbung geschlichen. Ja, die Tannenbaum-Frau betreibe bei Instagram auch noch eine Ernährungsseite. Wie überaus schade, dass man in der Print-Ausgabe nicht direkt darauf verlinken kann…

Diese ganz gewöhnliche Petitesse soll das Wichtigste im gesamten Dortmunder Nordosten gewesen sein? Is‘ eh wurscht, wenn es am Ort keine nennenswerte Medienkonkurrenz mehr gibt. Wie geht nochmal das Emoticon für bitteres Auflachen?




Goethe-Institut – auf Wellenlänge der neuen Außenministerin

Nein, die neue Außenministerin Annalena Baerbock hatte noch keine Zeit, sich eingehend um Belange des Goethe-Instituts zu kümmern.

Prof. Carola Lentz, Präsidentin des Goethe-Instituts, beim Statement zur Jahrespressekonferenz. (Screenshot aus der Zoom-Konferenz)

Antrittsreisen nach Paris, Brüssel und Warschau standen für Baerbock ebenso an wie ein G7-Gipfel. Wir haben davon lesen können. „Große Politik“ also. Doch beim Goethe-Institut ist man zuversichtlich, was den künftigen Kurs des Auswärtigen Amtes angeht, denn im Koalitionsvertrag stehen einige Sätze, die auf eine Stärkung der auswärtigen Kulturpolitik und damit des Instituts hinauslaufen sollten.

Institutspräsidentin Prof. Carola Lentz betonte ihre Vorfreude auf die Zusammenarbeit mit der neuen Regierung. Solche Schönwetter-Freundlichkeit durfte man allerdings erwarten, denn das Institut muss ja gut mit dem Außenamt auskommen. Das scheint auch überhaupt nicht schwerzufallen. Wahrscheinlich werde im Januar Gelegenheit zu ausführlichen Gesprächen sein, hieß es.

Weniger Präsenz, mehr Digitalität

Es war eine der aktuellen Kernaussagen bei der heutigen Jahrespressekonferenz des Goethe-Instituts, die hybrid abgehalten wurde, also mit (geringer) Präsenz in Berlin und hauptsächlich online. Ähnliches trifft auch im zweiten „Corona-Jahr“ für die globalen Aktivitäten des Instituts zu, sprich: Viele Veranstaltungen konnten nicht physisch stattfinden. Stattdessen hat sich die Zahl der virtuellen Zugriffe auf die Angebote (wie z. B. deutsche Sprachkurse) spürbar gesteigert. So sieht’s gerade draußen in der weiten Welt aus: 86 Goethe-Institute sind komplett geöffnet, 32 sind teilweise und 27 ganz geschlossen. Schon morgen kann es wieder anders sein.

Zahl der Problemländer hat zugenommen

Mancherorts finden die Goethe-Institute ausgesprochen schwierige Arbeitsbedingungen vor, Carola Lentz sprach von zunehmend „illiberalen Kontexten“. Klartext: Man hat es mit einigen Autokraten oder Diktaturen zu tun, zum Beispiel (aber längst nicht nur) in Belarus, wo das deutsche Institut derzeit gar keine Kulturarbeit mehr leisten darf. In anderen problematischen Ländern stellt man die „Goethe“-Räume nach Möglichkeit für nicht öffentliche Veranstaltungen zur Verfügung. Manches Treffen muss dann recht diskret vonstatten gehen. Digitalität könnte theoretisch weitere Verbreitung sichern, erleichtert aber leider auch die Überwachungs-Möglichkeiten durch gewisse Staaten. Ansonsten: tun, was man kann, um Partnerorganisationen und Einzelpersonen in den jeweiligen Ländern zu unterstützen und zu schützen.

Stichworte im Geiste des „grünen“ Programms 

Im gerafften Geschäftsbericht des Generalsekretärs Johannes Ebert fielen praktisch alle gängigen Stichworte, die sowohl Annalena Baerbock (Grüne) als auch die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth (ebenfalls Grüne) auf gleicher Wellenlänge ansprechen dürften: Klima, Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Feminismus (bzw. Feminismen), Diversität (Vielfalt aller Art), Respekt, Teilhabe, Bereicherung durch Einwanderung. Es scheint da Schnittmengen mit grüner Programmatik zu geben.

Unter dem Leitmotto „Mein Weg nach Deutschland“ wolle man insbesondere die Einwanderung qualifizierter Fachkräfte begleiten – vor allem durch Sprachunterricht, aber auch durch frühzeitig einsetzende Integrationskurse. So betreue man beispielsweise ein Projekt, mit dem vietnamesischen Pflegekräften auch deutsche Fachbegriffe und Gepflogenheiten des Metiers vermittelt werden. Hintergrund: Schon jetzt fehlten – nicht nur, aber besonders im Pflegebereich – in Deutschland insgesamt rund 400.000 Fachkräfte. Für die nächsten 40 (!) Jahre gebe es Berechnungen, nach denen jährlich 260.000 Zuwanderungen nötig sein werden. Mal eben den Taschenrechner bemüht: 40 mal 260.000 – macht 10,4 Millionen.

Apropos Inland: In fünf Städten sollen „Anlaufstellen für die internationale kulturelle Bildung in Deutschland“ eingerichtet werden. Es handelt sich um Bonn, Dresden, Hamburg, Mannheim und Schwäbisch Hall. Ist es kleinlich zu fragen, warum z. B. das gesamte Ruhrgebiet mit seinen rund 5 Millionen Einwohnern aus allen möglichen Herkunftsländern mal wieder nicht vertreten ist?

Außenperspektiven auf Deutschland

Es soll nicht nur Kultur- und Sprachexport betrieben werden, sondern man will umgekehrt auch von Menschen aus anderen Weltteilen lernen. Deswegen werden vor allem Künstlerinnen und Künstler sowie Intellektuelle aus vielen Ländern eingeladen; nicht zuletzt, um andere, womöglich aufschlussreiche Außenperspektiven auf Deutschland zu gewinnen und somit die hiesige Diskussion zu „beflügeln“. Diversität habe man sich auch intern als Institut vorgenommen, unterstreicht Prof. Carola Lentz. So sei es beispielsweise sehr wahrscheinlich, dass demnächst Mitarbeiterinnen mit afrikanischer Lebensgeschichte Goethe-Institute in Asien leiten. Sagen wir mal so: Zu früh wäre man damit nicht dran. Trotzdem klingt es noch ungewohnt.

Unterdessen muten manche Projekte wie die vielzitierten Tropfen auf heiße Steine an, so unter anderem ein schulisches Unterfangen, das sich an junge Russen wendet und die in Putins Reich vielfach gängigen Formen der Maskulinität zur Debatte stellen soll. Nun ja, besser kleine als gar keine Schritte.

Übrigens: Johannes Eberts Einlassung, das Goethe-Institut sei eine „NGO“ (Nicht-Regierungs-Organisation), trifft es nicht so ganz. Schließlich ist das Haus abhängig von Bundesmitteln, speziell via Außenministerium. Ein bisschen Regierung ist also doch „drin“. Was ja nicht per se verwerflich sein muss.

 

 




Die helle Pracht im Kohlenbunker – „Eine Klasse für sich. Adel an Rhein und Ruhr“ auf Zeche Zollverein

Hell und transparent: Blick in die Mittelachse der Essener Adels-Ausstellung. (© Ruhr Museum / Deimel + Wittmar)

In wessen Namen wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts einer der ersten Hochöfen im später so genannten Ruhrgebiet (genauer: Oberhausen) betrieben? Kaum zu glauben, aber historisch verbürgt: Es war die Fürstäbtissin des Reichsstifts von Essen, Maria Kunigunde von Sachsen, die bereits eine andere Hütte besaß. Und wer hat die hernach so imposante Henrichshütte in Hattingen begründet? Graf Henrich zu Stolberg-Wernigerode aus dem Harz. Zwei bedeutsame Beispiele für den Einfluss des geistlichen und weltlichen Adels in der Ruhrregion.

Das Plakatmotiv der Ausstellung: Abb. Anna von der Horst, geb. von Palandt († 1585), nach 1560. (© Förderverein Schloß Horst e. V. / © Ruhr Museum, Gestaltung Uwe Loesch)

Dies und natürlich viel mehr erfährt man jetzt in einer umfangreichen Ausstellung des Ruhr Museums auf Zeche Zollverein in Essen: „Eine Klasse für sich. Adel an Rhein und Ruhr“ bringt vermeintlich unvereinbare Sphären zueinander. Doch der Adelsbegriff kann in diesen Breiten keinesfalls nur auf „Arbeiteradel“ oder „Schlotbarone“ bezogen werden, sondern bezeichnet generelle Geschichtslinien – zumal auf der langen Strecke vom Mittelalter bis zum Ende des Ersten Weltkriegs.

Besagte Äbtissin verlor jedoch alsbald das Interesse am Hüttenwesen und verkaufte anno 1805 ihre Anteile an die Brüder Franz und Gerhard Haniel. Aus all dem erwuchs später die Gutehoffnungshütte (GHH) – und der Name Haniel stand seither für eine der großen industriellen Dynastien.

Eigentlich müßig zu sagen, doch oft wird es ausgeblendet: Das Revier hat nicht nur eine Industriegeschichte, es hat auch lange Zeiten davor gegeben. Und die waren nun mal überwiegend feudalistisch geprägt, von gewissen (temporären) Ausnahmen wie der Freien Reichsstadt – und späteren Hansestadt – Dortmund einmal abgesehen, wo sich zeitweise ein selbstbewusstes Patriziertum entwickeln konnte.

Als das Bürgertum noch nicht unbeschränkt wirtschaften durfte

Bevor zu Beginn des 19. Jahrhunderts die allgemeine Gewerbefreiheit eingeführt wurde, durften Menschen aus dem Bürgertum nicht einfach Unternehmen gründen. Also war es am Adel, die frühesten Weichen in Richtung Industrialisierung zu stellen. Umso mehr legte es das begüterte Bürgertum später darauf an, den adligen Lebensstil nachzuahmen oder sich – besser noch – durch (wiederum dem Adel abgeschaute) Heiratspolitik mit dem Adel zu vermählen. Namen, die auf „höhere“ Abkunft hindeuteten, schmückten ungemein: Man denke nur an Krupp von Bohlen und Halbach.

…und noch ein etwas näherer Blick in die Ausstellung. (© Ruhr Museum / Deimel + Wittmar)

Größere Herrschaftsgebiete entwickelten sich in und nach dem Mittelalter vor allem in rheinischen Landen, rund um die Ruhr blieben auch die Adels-Verhältnisse recht kleinteilig, was sich nachhaltig auf die zerfaserte Struktur des Reviers ausgewirkt hat. Ließen sich hier auch nicht so übermächtige Herrscher mit großen Ländereien nieder, so entstanden doch zahllose kleinere Adelssitze – in einer Dichte wie sonst kaum irgendwo in Europa. Allerdings hielt sich hier der repräsentative Anspruch in Grenzen. Als Beispiele für Um- oder Neubauten vom 16. bis ins 18. Jahrhundert (im Stil der Renaissance oder des Barock) wären im Revier zu nennen: Schloss Horst in Gelsenkirchen, Schloss Bodelschwingh in Dortmund, Schloss Herten oder Schloss Strünkede in Herne.

Über 800 Objekte von 160 Leihgebern

Die Ausstellung breitet über 800 Objekte von rund 160 Leihgebern aus, viele Stücke stammen aus Privatsammlungen und sind teilweise noch nie öffentlich gezeigt worden. Die Versicherungssumme für all die Preziosen beträgt 30 Millionen Euro. Es finden sich hier alle möglichen Hinterlassenschaften früherer Adelsherrschaft – Original-Fragmente von Bauten ebenso wie Mobiliar, Gemälde und Skulpturen, liturgische Gerätschaften, Urkunden, Münzen, Waffen, Rüstungen oder auch Spezialitäten wie die Kinderkutsche des Grafen von Bentheim-Tecklenburg und ein Löwenfell, mit dem es seine adelige Bewandtnis hat. Und so fort…

Der Aufwand war beträchtlich. Zwei Kuratorinnen und ein Kurator haben drei Jahre lang an der Vorbereitung gearbeitet: Magdalena Drexl, Reinhild Stephan-Maaser und Axel Heimsoth haben dabei auch wertvolle Forschungsarbeit geleistet, so dass der Katalog wohl für längere Zeit als Standardwerk gelten kann.

Totenbild des Conrad von Romberg (1535-1605) zu Bruninghausen (heutiger Dortmunder Ortsteil Brünninghausen), um 1605/06. (Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund / Foto: Jürgen Spiler)

Prof. Heinrich Theodor Grütter, der Direktor des Ruhr Museums, kommt – wie so häufig – aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Seit 1989 betreue er Ausstellungen im Ruhr Museum (vormals Ruhrlandmuseum), dies sei eine der schönsten überhaupt. Besonders stolz ist er auf einige Kostbarkeiten aus dem Essener Domschatz, auf Exponate wie ein Karolingisches Evangeliar oder einen in Cappenberg verwahrten, rundum vergoldeten Barbarossa-Kopf (hier als Replik zu sehen), die erste vollplastische Darstellung eines lebenden Menschen im Mittelalter. Bis dahin waren nur Heilige so dargestellt worden.

Gläserne Transparenz

Der österreichische Architekt Bernhard Denkinger, nicht zum ersten Male fürs Ruhr Museum tätig, hat die Adelsschau gestaltet. Im fensterlosen früheren Kohlenbunker auf der 12-Meter-Ebene hat er staunenswert lichte Installationen vollbracht und allseits für gläserne Transparenz gesorgt. Die Mittelachse, an der sich fünf Epochen („Vor 1000 n. Chr.“, 1000-1500, 1500-1800, Preußischer Adel, „Nach 1918″ bis heute) chronologisch aufreihen, soll ganz feierlich an einen Zeremonienweg erinnern. Tatsächlich könnte die dezent edel gehaltene Inszenierung dazu verführen, durch diese Ausstellung geradezu zu schreiten. Seitwärts, in kleineren Kabinetten, werden typische Elemente des adeligen Lebens aufbereitet, beispielsweise geht es um Schlösser, Burgen und Parks, um Wohnkultur, Kindererziehung, Kunstsammlungen und „Wunderkammern“, um die hochherrschaftliche Jagd oder um rauschende Festivitäten.

Kindererziehung des Adels, hier anhand des Gemäldes „Wilhelm von Westerholt und Gysenberg mit Steckenpferd und Peitsche“, unbekannter Maler, 1846, Privatbesitz (© Ruhr Museum / Foto: Christoph Sebastian)

Nicht nur feierlich

Doch halt! Die Stimmungslage ist nicht durchweg feierlich. Die höchst zwiespältige, wenn nicht abgründige Rolle großer Teile des Adels in der NS-Diktatur (der man sich vielfach weitaus willfähriger anbequemte als der Weimarer Republik) kann selbstverständlich nicht ausgespart werden. Die vorherige Rolle des Adels beim preußischen Militär erfährt ebenfalls kritische Betrachtung. Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wird dem Adel freilich bescheinigt, nicht nur mit karitativem und kulturellem Engagement seinen Anteil an der Demokratisierung gehabt zu haben. Ohne Glanz und Gloria.

Das Konzept durfte nicht auf bloße Glorifizierung hinauslaufen, musste aber einigermaßen aus- und abgewogen sein, sonst wären viele Leihgaben wahrscheinlich nicht nach Essen gelangt. Überhaupt galt es zu Beginn, etliche vertrauensbildende Gespräche zu führen. Offenbar mit Erfolg. Zur Eröffnung sollten jedenfalls zahlreiche Gäste mit adeligen Stammbäumen erscheinen…

Die bleibende Sehnsucht nach Pomp und Prunk

Zudem kommt eine solche Ausstellung eben nicht ohne Schauwerte aus. Also hat man es vor allem auf gediegene Prachtentfaltung abgesehen. Wer will’s den Ausstellungsmachern verdenken? Mit Grau in Grau lockt man kein größeres Publikum – erst recht nicht bei diesem Thema, dessen Ausläufer bis hin zur Rolle des Adels in der Werbung und in der Yellow Press verfolgt werden. Die Sehnsucht nach Pomp und Prunk ist in unserer ach so nüchternen Republik noch nicht vorüber.

Und wie steht’s mit dem heutigen Adel? Ist er wirklich „verarmt“, wie es manchmal vermutet wird? Oder hat er nur seine alten Vorrechte verloren? Heinrich Theodor Grütter: „Verarmter Adel ist uns nicht untergekommen.“ Nun ja. Verhandlungen mit ärmeren Blaublütigen hätten allerdings auch keine kostbaren Leihgaben nach sich gezogen. Man dürfte sich wohl von Anfang an auf vielversprechende Kontakte konzentriert haben. Übrigens: Selbst nach der Revolution von 1918 ist der Adel nicht enteignet worden. Da ist also eine „solide Basis“ geblieben, wenn man es so nennen will.

Viele Adelige arbeiten heute halt in bürgerlichen Berufen, vorzugsweise als Selbstständige. Der Erhalt ihrer Adelssitze kommt sie vielfach teuer zu stehen, so dass zumindest partielle Umnutzungen (z. B. zu Museen) eher die Regel sind. Apropos: Einst gab es an Rhein und Ruhr etwa 400 Adelssitze. Rund 200 davon sind noch aufzufinden, gar manche jedoch nur noch als Ruinen.

Festessen auf der fürstlichen Hochzeit in Düsseldorf (1585), Garten aus Zuckerwerk – Franz Hogenberg in Dietrich Graminäus „Beschreibung derer Fürstlicher Güligscher ec. Hochzeit“, Köln 1587 (Archiv Schloss Hugenpoet, Essen / © Ruhr Museum / Foto Christoph Sebastian)

„Eine Klasse für sich. Adel an Rhein und Ruhr“. Ruhr Museum, Essen (12-Meter-Ebene in der Kohlenwäsche des Unesco-Welterbes Zollverein, Gelsenkirchener Straße 181). Vom 13. Dezember 2021 bis zum 24. April 2022 31. Juli 2022 (verlängert). Geöffnet Mo-So 10-18 Uhr.
Eintritt 7 Euro, ermäßigt 4 Euro, Leute unter 18 Jahren sowie Studierende unter 25 Jahren frei. Katalog (384 Seiten, über 400 Abbildungen) 29,95 Euro.

Infos und Buchung (Mo-Fr 9-16 Uhr): Tel. 0201 / 24 681 444.
besucherdienst@ruhrmuseum.de

www.ruhrmuseum.de
www.tickets-ruhrmuseum.de




Trainer, der stressigste aller Jobs – ein neues Standardwerk von Dietrich Schulze-Marmeling

Wären wir in anderen Gefilden als in denen des Fußballs, müsste man wohl gravitätisch von einem Opus magnum sprechen, von einem wahrhaftigen Hauptwerk. Ob wir’s ’ne Nummer kleiner haben? Ja, klar: Dietrich Schulze-Marmelings Buch „Trainer! Die wichtigsten Männer im Fußball“ (mit Ausrufezeichen) dürfte für längere Zeit d a s deutschsprachige Standardwerk zum Thema bleiben.

Es handelt sich um nicht weniger als eine profunde Geschichte des nationalen und internationalen Trainerwesens von den Anfängen bis heute. Obwohl das Personenregister am Ende des Bandes zahllose Namen umfasst, erschöpft sich das Buch keineswegs im Namedropping. Im Gegenteil: Der Autor, der über ein umfangreiches Archiv verfügen muss, bearbeitet seinen Gegenstand ausführlich, gründlich, gewissenhaft und durchweg ernsthaft. Hin und wieder verzeichnet er zwar unterhaltsame Vorfälle, doch versagt er sich den flotten oder fruchtlos humorigen Zugriff, der ihm ohnehin nicht entspräche. Fußball ist ja auch eine furchtbar ernste Sache, wie wir spätestens seit dem unsterblichen, oft und gern zitierten Diktum des schottischen Liverpool-Erfolgstrainers Bill Shankly wissen: „Einige Leute halten Fußball für eine Sache auf Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist!“ 

Der 1956 in Kamen geborene Schulze-Marmeling hat seit 1992 schon regalmeterweise Fußballbücher verfasst. Er zählt zweifellos zu den führenden deutschen Fachleuten. Zudem hat er selbst (unterklassige, aber offenkundig wertvolle) Erfahrungen als Trainer gesammelt. Er hebt mit einer längeren Vorbemerkung an, in der einige Grundzüge des Profi-Trainerjobs, der ihm zufolge stressigsten aller Tätigkeiten, dargestellt werden. Deutliche Kritik ist inbegriffen – an Managern, Funktionären und sonstigen Vereinsbossen, die bei Misserfolgen rasch den vergleichsweise unterbezahlten Trainer, aber nicht die immens teuren Spieler feuern, die es schließlich auf dem Platz vergeigt haben. Sei erst einmal angepfiffen, könne der Trainer nicht mehr allzu viel bewirken. Herbe Kritik übt Schulze-Marmeling auch an neu-gierigen Medien, die nach Trainerentlassungen geradezu jiepern, wenn sie sie nicht gleich selbst mit herbeiführen.

Der Autor Dietrich Schulze-Marmeling (Verlag Die Werkstatt)

Sodann geht es durch all die vielen Jahrzehnte seit der Entwicklung des Spiels im „Mutterland“ England. Alsbald schwärmten englische Trainer auf den Kontinent aus, um dort fußballerische „Entwicklungshilfe“ zu leisten, so wie dies (viel später, phasenweise wechselnd und mit anderen geographischen Zielrichtungen) Übungsleiter z. B. aus Ungarn, den Niederlanden oder neuerdings Deutschland (Klopp, Tuchel) getan haben. Ein Leitmotiv, das sich durch das Buch zieht, ist auch die allmähliche Evolution der Spielstile vom anfänglichem Gebolze hin zu späteren Raffinessen wie Zirkulation, Ballbesitzfußball, Pressing und Gegenpressing sowie zunehmend datengestütztem Laptop-Trainertum. Doch geht es ohne Empathie und Emotionen? Nein und nochmals nein.

Aber noch einmal zurück. Hand aufs Herz: Hat jemand den Namen Richard Girulaitis schon einmal gehört? Der darf nach Schulze-Marmelings Ansicht als Ahnherr aller späteren deutschen Fußballtrainer gelten. Näheres lese man im Buche nach.

Und so geht es weiter durch die Zeitläufte. Der Autor schildert jede Menge spannende Episoden und Epochenbrüche, spart selbstverständlich auch politische Verwicklungen und Abgründe nicht aus. So hat der einstige „Reichstrainer“ Otto Nerz es fertiggebracht, sich vom Sozialdemokraten zum Nazi zu entwickeln, der sich als Zuchtmeister mit Kasernenhofton gerierte und Spieler nicht als Individuen respektieren mochte. Ähnliche Typen (wie Hans „Bumbes“ Schmidt) waren damals leider bei Schalke am Werk.

Nicht zuletzt jüdische Shoa-Überlebende aus Ungarn – wie z. B. Ernö Erbstein – haben nach dem Zweiten Weltkrieg als Trainer Fußballgeschichte geschrieben, haben letztlich auch dafür gesorgt, dass Ungarns Nationalteam seinerzeit selbst das lange als unschlagbar geltende England überflügelte und damals das neue Maß aller Dinge war – bis zum Endspiel der WM 1954… Nach dem Ungarn-Aufstand und dessen Niederschlagung (1956) gingen auch viele Fußballer ins Exil. Selbst der legendäre brasilianische WM-Sieg von 1958 (u. a. mit Pelé und Garrincha) hatte danach ungarische Miturheber.

Über die gar spät erfolgte Gründung der Bundesliga (Spielbetrieb ab 1963) und die unselige Erfindung des Betonfußballs (Catenaccio) geht’s weiter in die 1970er, in denen auch der Fußball so manche Fessel abstreifen und Johan Cruyff seine Ideen vom offensiven „Totaalvoetbal“ entfalten konnte. England war inzwischen in die Zweitklassigkeit abgerutscht. Bevor sich die dortigen Vereine und die Nationalmannschaft wieder berappeln konnten, musste – wie wir anschaulich erfahren – erst einmal die vehemente „Saufkultur“ in den Kabinen ausgetrocknet werden.

Schließlich rücken wir an die Gegenwart heran – mit den Reformern Klinsmann und Löw, mit der Rivalität zwischen Mourinho und Guardiola…

Genug der angerissenen Einzelheiten. Man kann hier nur skizzieren, was Schulze-Marmeling sehr instruktiv ausbreitet. Bei dieser Lektüre lässt wirklich einiges lernen. Gar nix zu meckern? Doch. Ein kleines bisschen. Das Cover hätte man sich etwas geschmackvoller gewünscht. Und an dieser oder jener Stelle ließe sich gut und gerne ein wenig nachredigieren.

Was gäbe es noch zu sagen? Ach so, ja: Hier haben wir ein ziemlich ideales Weihnachtsgeschenk für Fußballanhänger mit gewissem Anspruch.

Dietrich Schulze-Marmeling: „Trainer! Die wichtigsten Männer im Fußball“. Verlag Die Werkstatt, Bielefeld. 384 Seiten, Paperback, mit zahlreichen Fotos. 29,90 Euro.




Chinas Raubbau an der Natur – Fotografien von Lu Guang im Bergbau-Museum Bochum

Gespenstischer Anblick: Als Ersatz für Rinder und Schafe, die es dort immer weniger gibt, stellte die Bezirksregierung auf dem Weideland Horqin Tierplastiken auf. (Aufgenommen in Holingol, Innere Mongolei, April 2012 – Photograph © Gu Luang – Contact Press Images)

Das Deutsche Bergbau-Museum in Bochum will sich jetzt und mittelfristig (vorerst „in der nächsten Dekade“) vermehrt ökologischen Themen widmen. Das kündigte Museumsleiter Prof. Stefan Brüggerhoff heute geradezu pflichtschuldigst an. Nah am waltenden Zeitgeist, griff er dabei auf Worte wie „Anthropozän“ (gegenwärtiges Zeitalter, in dem der Mensch die Erde gar zu gründlich verändert) und Nachhaltigkeit zurück. Da dürfte er richtig liegen.

Mit techniklastigen Darstellungen zur Geschichte des Kohleabbaus im Ruhrgebiet ist es also längst nicht mehr getan. Das Bochumer Ausstellungs-Institut, so Prof. Brüggerhoff weiter, sei schließlich nicht von ungefähr eines von bundesweit acht Leibniz-Forschungsmuseen (zuständig für Geo-Ressourcen), ziele mithin aufs Allgemeinere, wenn nicht aufs Globale. Da kommt die Ausstellung „Black Gold and China“ mit Fotografien des Chinesen Lu Guang gerade recht, der seit Jahrzehnten geradezu investigativ mit der Fotokamera verfolgt, wie Landschaften in seiner Heimat vor allem für den Kohleabbau zutiefst verwundet und verpestet werden. Das betrifft letztlich den ganzen Erdkreis, denn rund 50 Prozent der weltweiten Kohlegewinnung fallen in China an. Die Schadstoffe verbreiten sich grenzenlos.

Der Fotograf Lu Guang, im Mai 2006 in Peking. (© Fundang Sheng – Contact Press Images)

Rund 100 Farb- und Schwarzweißfotografien von Lu Guang (Jahrgang 1961) sind in Bochum ausgestellt, erstmals außerhalb von China. Kuratorin Sandra Badelt sagte, eine Ausstellung dieses Fotokünstlers habe ihr schon 2018 vorgeschwebt, als sie sich um die Stelle am Bergbau-Museum beworben hat. Folglich hat sie Kontakt zum späteren Ko-Kurator aufgenommen, dem US-Amerikaner Robert Pledge (Editorial Director bei Contact Press Images, New York/Paris), der just dabei war, ein Buch über Lu Guang herauszubringen. Sie konnten aus Zigtausend Bildern auswählen, die der Fotograf in den letzten 22 Jahren aufgenommen hat.

Manche Fotografien massenhaft rauchender Schlote kommen einem aus früheren Revier-Zeiten „irgendwie“ bekannt vor, doch hat das Desaster offenbar noch einmal ganz andere, ungleich gigantischere Dimensionen. Tatsächlich kann einen beim Anblick vieler Fotografien kaltes Grausen erfassen. Dass vor industrieller Kulisse keine echten, sondern nur noch künstliche Schafe stehen, bringt die rabiate Naturzerstörung auf einen bildlichen Begriff. Auch hierbei kann man sich ans Ruhrgebiet von (vor)gestern erinnert fühlen: Lu Guang zeigt hin und wieder von Schwerstarbeit ausgemergelte Bergarbeiter, die direkt mit ihrer Gesundheit bezahlen, während andere Menschen mittelbar von den Folgen des Raubbaus ereilt werden.

Ohne unken zu wollen, fragt man sich beklommen, ob Lu Guangs schonungsloser Blick auf die ökologischen Verhältnisse von offiziellen Stellen in China goutiert wird. Seine Fotografien zeugen nicht nur von technischer Könnerschaft und ästhetischem Vermögen, sondern wohl auch von Courage.

„Black Gold and China. Fotografien von Lu Guang“. Deutsches Bergbau-Museum, Bochum, Erweiterungsbau, Am Bergbaumuseum 28. Vom 10. Dezember 2021 bis zum 17. April 2022 (verlängert bis zum 24. April 2022). Geöffnet Di-So 9.30 bis 17.30 Uhr, Mo geschlossen. Eintritt 3 Euro. Katalog 40 Euro. Weitere Hinweise (auch zu den gültigen Corona-Regeln) auf der Homepage: 

bergbaumuseum.de

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P. S.: Wir würden in den Revierpassagen gern weitere Foto-Beispiele zeigen, sind aber in diesem Falle als Online-Medium rechtlich gehalten, nur ein einziges Bild plus Porträt des Fotografen zu veröffentlichen.

 




Vokale Spitzenklasse: Händels Oratorium „Theodora“ mit Joyce DiDonato in der Philharmonie Essen

Joyce DiDonato als Irene in Georg Friedrich Händels
„Theodora“ in der Philharmonie Essen. Foto: Sven Lorenz

Wien, Paris und am Ende Essen: Die Philharmonie war Endstation einer Fünf-Städte-Tournee von Orchester und Chor „Il Pomo d’Oro“ unter Maxim Emelyanychev und einer luxuriös besetzten Solistenriege, an ihrer Spitze Mezzosopran Joyce DiDonato. Nach dreidreiviertel Stunden erlesener Musik von Georg Friedrich Händel gab es begeisterungsfrischen Jubel.

Joyce DiDonato, die zuletzt im Juni dieses Jahres mit einem Lied- und Arienabend in Essen zu Gast war, präsentiert sich diesmal ähnlich vollendet in der Kunst, die Affekte und Subtilitäten der Vokalmusik des 18. Jahrhunderts zu gestalten. In Händels „Theodora“ geht es nicht um Koloraturenprunk und den Rausch jäher Leidenschaften. Das 1750 uraufgeführte Oratorium beschreibt das Martyrium einer standhaften jungen Frau in der diokletianischen Christenverfolgung am Ende des dritten Jahrhunderts.

Händel erfindet dazu über weite Strecken eine intime, verinnerlichte, komplex durchgearbeitete, aber allen äußeren Effekten abholde Musik. Nicht das, was seine Zeitgenossen erwartet hatten: „Theodora“ war ein krachender, für Händel schmerzlicher Misserfolg. Er zählte die Geschichte mit ihrem düsteren Ausgang – Theodora und ihr Geliebter Didymus gehen „zerstört von unglücklicher Standhaftigkeit“ ihrer Hinrichtung entgegen – zu seinen besten Werken. Heute legt der historische Abstand einen Grund nahe: Händel nähert sich bereits der „Empfindsamkeit“ der nächsten Generation, schafft also ein „modernes“ Werk, das wohl die Erwartungen seines Publikums irritiert hat. Dass Händel eine christliche Heiligengeschichte zum Sujet gewählt hat, mag dazu zusätzlich beigetragen haben.

Brutale Staatsmacht, widerlicher Wohlstand

Was war die beklagte „Standhaftigkeit“? Theodora weigert sich, die verordneten Opfer für Jupiter zu leisten, und der römische Statthalter Valens erklärt klipp und klar alle, die den Staatskult – aus welchen Motiven auch immer – nicht mittragen können, zu Feinden des Kaisers. Theodora soll an den „üblen Ort, an dem Venus ihre Hof hält“ gebracht werden, als Prostituierte, wie Valens ohne Umschweife erklärt. Und sollte sie dort nicht fügsam sein, wisse er schon ein paar der schäbigsten seiner Gardisten, die mit lüsternem Vergnügen über ihre Züchtigkeit triumphieren werden. Er droht also mit einer Massenvergewaltigung. Ein Befreiungsversuch misslingt, weil Theodora nicht bereit ist, ihren Retter Didymus an ihrer Stelle sterben zu lassen.

In den Texten der 72 Nummern hat Librettist Thomas Morell nicht nur ein bemerkenswertes Plädoyer für die Gedanken- und Glaubensfreiheit eingestreut („Sollten wir nicht den frei geborenen Geist des Menschen frei belassen?“) und Gnade, Wahrheit und Liebe als Quell jeden Glücks qualifiziert. Er lässt auch indirekt Kritik an der staatstragenden Rolle der Religion zu – der König ist gleichzeitig Oberhaupt der anglikanischen Kirche –, und er stört die Idealisierung des römischen Imperiums, das die aufgeklärten politischen und philosophischen Geister der Epoche als Vorbild für das britische Empire sahen. In „Theodora“ ist die römische Staatsmacht barbarisch und brutal. Kaum auf Gefallen bei Händels Publikum dürfte auch die Attacke auf den Wohlstand gefunden haben: Irene, Theodoras Gefährtin erklärt „prosperity“ durch das Pathos der Musik unterstrichen zur Nährmutter widerlicher Leidenschaften und übler Neigungen.

In dieser wunderbaren Arie („Bane of virtue“) gestaltet Joyce DiDonato den Gegensatz von leerer Befriedigung und erfülltem Glück allein mit der Vielfalt ihrer stimmlichen Mittel: mit feinen Differenzierungen in der Dynamik, mit Akzenten durch die Farben der Töne, mit einem Spektrum von vibratoarmer Helle bis zu einem gesättigten, vital vibrierenden Leuchten. Damit ist sie den weißgekalkten, geradegezogenen, kopfverankerten Stimmchen, die oft als vorbildhaft „barock“ gepriesen werden, grundsätzlich überlegen. Ihre ausgereifte, den beschriebenen Idealen des Belcanto nahekommende Stimme verströmt jene kunstvolle Natürlichkeit, die mit leichter, aber substanzvoller Tonproduktion und unverkrampfter Emission vergessen lässt, wie viel Disziplin und Mühe dazu gehört, ein solches Niveau zu erreichen und zu halten.

Große Kunst, kontrolliert und reflektiert

Aber der Lohn ist süß: So kann DiDonato in der Arie „As with rosy steps the morn“ das rosige Morgenrot als Widerschein ewigen Lichtes in allen Piano-Schattierungen aufgehen lassen und mit einer schwebend-ätherischen Kadenz abschließen. Große Kunst, so kontrolliert und reflektiert gesungen wie aus dem inneren Impuls des Gedankens heraus gestaltet. Auch das Air „Defend her, Heav’n“, eigentlich ein Gebet um Beistand für die angefochtene Theodora, kleidet Joyce DiDonato in verhaltenen Klang, intensiviert mit diskretem Vibrato. In solchen Momenten zeigt auch der Dirigent Maxim Emelyanychev, wie er die Sänger atmend trägt statt sie in Tempo oder Metrum zu dominieren.

Debüt an der Met und bald Premiere an der Scala: Lisette Oropesa als Theodora in der Philharmonie Essen. Foto: Sven Lorenz

In der Titelrolle von Händels vorletztem Oratorium ist die in New Orleans geborene Lisette Oropesa zu hören. Sie debütierte bereits mit 22 Jahren an der Metropolitan Opera New York als Susanna in Mozarts „Nozze di Figaro“ und spannte ihre Karriere über die Scala (Verdis „I Masnadieri und jetzt Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“) und Paris (Marguerite in Meyerbeers „Les Huguenots“) bis Covent Garden (Donizettis „Lucia di Lammermoor“). Im März/April 2022 soll sie – nach einem Zarzuela-Programm in Madrid – Konstanze und Lucia an der Wiener Staatsoper singen.

Oropesa hat eine dunkel getönte, sinnlich-füllige Sopranstimme, die man eher mit dem Belcanto des 19. Jahrhunderts als mit Händel verbindet. Aber schon ihre Auftrittsarie, in der Theodora der „flatt’ring world“ zugunsten von „Gottes Verheißung“ Adieu sagt, offenbart eine vorzügliche Beherrschung des Tons und ein schmelzend flutendes Timbre, das weniger der präzisen Artikulation von Händels Musik entgegenkommt als ihren sinnlichen Qualitäten. In der flehentlichen Bitte, die „Angels, ever bright and fair“ mögen sie vor der Schmach der Prostitution bewahren, entfalten sich die Vorzüge dieses Singens frei und faszinierend. Die edle, beherrschte Tongebung Oropesas lässt allerdings nicht vergessen, dass ihre auf Vokale konzentrierte Artikulation dem Text nicht entgegenkommt.

Glanzvoller Ton, unverkrampfte Höhe

Mit Michael Spyres steht als Septimius ein ausgewiesener Spezialist für die Epochenwende vom 18. zum 19. Jahrhundert auf dem Podium, der mit Rossinis „Otello“ (derzeit in Gelsenkirchen zu erleben) beim Festival „Rossini in Wildbad“ auf sich aufmerksam machte und seither neben dem Belcanto auch das französische Repertoire für sich erschlossen hat. Er agiert stimmlich nicht so geschmeidig wie Joyce DiDonato, hat aber in der sicher-unverkrampften Höhe, in einer glanzvollen Mittellage und in unerschütterlicher Geläufigkeit alle Voraussetzungen, um Händels Musik souverän zu gestalten.

Solches gelingt auch dem Bariton John Chest als mitleidlos zynischem Römer, auch wenn er eher eine robust feste Tonbildung pflegt. Counter Paul-Antoine Bénos-Djian als von Theodora bekehrter römischer Offizier Didymus zeigt in elaborierten Rezitativen, wie er mit seiner ausgeglichenen, elegant geführten Stimme den Inhalt der Worte in Musik fassen kann. In der Tiefe funkelt sie wie golddurchwirkter Brokat, in der Höhe leuchtet der unforcierte Ton wie schimmernde Seide. Nur einzelne dunkle Vokale lösen sich manchmal aus der Kontrolle und wirken unvermittelt heftig.

Die 16 Sängerinnen und Sänger des von Giuseppe Maletto geleiteten Chors versetzen mit bravouröser Phrasierung und lupenreiner Intonation in pures Entzücken. So war zu hören, warum Händel den Chor „He saw the lovely youth“, der mit Verweis auf den von Christus auferweckten Jüngling von Naim dem bevorstehenden Martyrium eine hoffnungsvolle Perspektive gibt, dem „Halleluja“ aus dem „Messiah“ vorgezogen hat. „Il Pomo d’Oro“, erst im Juni 2021 mit Händels „Oreste“ in der Philharmonie, bewegt sich unter der agilen Leitung Emelyanychews auf gewohntem Niveau und gleicht einige pauschal klingende Momente in Händels schweifendem Streichermelos mit spritziger Präsenz und akzentuiertem dramatischem Zugriff aus. Ein Abend der vokalen Spitzenklasse, wie er nicht häufig zu erleben ist.

Die Philharmonie Essen war auch Ort einer Live-Aufnahme des Händel-Oratoriums, die demnächst auf CD erscheinen soll.




Sozialer Aufstieg hat seinen Preis – Theater Dortmund zeigt „Der Platz“ nach dem Roman von Annie Ernaux

Marlena Keil, Antje Prust, Mervan Ürkmez, Linda Elsner, Lola Fuchs, Raphael Westermeier (Foto: Theater Dortmund/Birgit Hupfeld)

Was, so könnte man zu Beginn vielleicht fragen, macht den Wert einer Biographie aus? Bei Herrschern, Künstlern oder Verbrechern, beiderlei Geschlechts sie alle natürlich, fielen uns schnell Antworten ein; stets gilt es von der Lebensleistung zu berichten, von großen Taten oder großen Irrtümern, von Wahnsinn oder tragischer Verstrickung.

Macht und Reichtum begünstigen fraglos die Entstehung von Biographien, doch auch arme Leute können ein interessantes – und somit berichtenswertes – Leben geführt haben. Wenn aber nur ein zu jeder Zeit ausgesprochen durchschnittliches Leben gelebt wurde, es bis zum etwas frühen Tod mit 68 keine dramatischen Brüche und Wendungen gab – ja was soll man da erzählen? Und vor allem: warum?

Musikerin Houaida (links) (Foto: Theater Dortmund/Birgit Hupfeld)

Laden und Kneipe

Annie Ernaux (Jahrgang 1940), französische Schriftstellerin mit starker Neigung zum Autobiographischen, hat es in ihrem Buch „Der Platz“ (1983) getan. Sie erzählt die Geschichte ihres Vaters, der zuerst Knecht auf einem normannischen Bauernhof war, später Industriearbeiter, und sich schließlich mit einem kleinen Laden nebst Kneipe selbstständig machte. Die kleinbürgerliche Selbstständigen-Existenz wird als sozialer Aufstieg gesehen, wenngleich die Einkommensverhältnisse bescheiden bleiben. Der Vater bemüht sich um ein gewandtes Auftreten, um seine vermeintlich bessergestellte Kundschaft zu beeindrucken, doch Minderwertigkeitsgefühle und die Angst vor dem Zurücksinken in eine proletarische Existenz bleiben lebenslang.

Das ist im Grunde die Geschichte. Erzählt wird sie rückblickend von der erwachsenen Tochter, die Gymnasiallehrerin geworden ist und durch ihre Verbeamtung Teil der bewunderten, beneideten, privilegierten Mittelschicht. Vom Vater hat sie sich dadurch entfremdet, beklagt sie.

Und nochmal, von links: Antje Prust, Linda Elsner, Raphael Westermeier, Lola Fuchs, Marlena Keil, Mervan Ürkmez (Foto: Theater Dortmund/Birgit HupfeldEEei

Endlich im Großen Haus

Im Schauspiel Dortmund hat Julia Wissert Annie Ernaux’ Buch „Der Platz“ nun als Stück auf die Bühne gebracht. Es ist dies die erste Inszenierung von Dortmunds immer noch neuer Intendantin im Großen Haus, wenngleich sie schon seit der vergangenen Spielzeit im Amt ist, Corona hat Schuld.

Gleich sechs Darstellerinnen und Darsteller bietet sie für den Monolog der Annie Ernaux auf, um das Leben des Vaters in recht straff geordneten Rückblenden zu erinnern. In etwa, ganz genau ist das nicht immer zuzuordnen, stehen verschiedene Akteure für die unterschiedlichen Entwicklungsstadien der heranwachsenden, später erwachsenen Tochter. Ihr Leiden unter der Nicht-Intellektualität des Elternhauses, ihre Minderwertigkeitsempfindungen gegenüber Kindern aus dem bürgerlichen Milieu, ihre Trauer um die Förderung, die das eigene Elternhaus ihr trotz gutem Willen nicht geben konnte – das sind, wenn man einmal so sagen darf, wesentliche Befindlichkeiten dieses Vortrags, der die Tochter (oder auch, wenn man so will, die Romanautorin) weitaus gründlicher zum Gegenstand autobiographischer Betrachtung macht als den Herrn Papa: Der schwere Aufstieg aus dem proletarischen Milieu – voilà.

Peinlicher Alter

Noch einmal ketzerisch nachgefragt: Sind solche Biographien es wert erzählt zu werden? Wie gesagt, Besonderes geschieht angeblich nicht. Oder könnte es sein, daß die Tochter an ihrem Vater vieles nicht oder nicht hinreichend wahrgenommen hat? Oder daß sie gar Dinge weggelassen hat, die nicht in das letztlich recht schlichte Konzept von ungebildetem Vater und zu kurz gekommener Tochter paßten? Ein dialektisch grundiertes Verfremdungsgeschehen ist nicht zu erkennen, und das häufige Hantieren mit Zentralbegriffen wie Scham und Entfremdung vermag nicht gänzlich zu überzeugen. Der Alte war ihr peinlich, könnte man respektlos vermuten, auch weit über die Pubertät hinaus. Mehr jedenfalls wird uns nicht berichtet.

Die Frage nach den Ressourcen wird nicht gestellt

Dabei wäre die Frage nach den Ressourcen der erfolgreichen Tochter wichtig gewesen, von denen es ja auch einige gegeben haben muß. Warum zum Beispiel kommt die Mutter mit wenigen kleinen Ausnahmen in all den Lebenserinnerungen nicht vor? Sie dürfte doch auch wichtig gewesen sein für das Kind – und übrigens auch für den gemeinsamen, mutigen Beschluß der Eheleute, eine selbstständige Existenz aufzubauen. Beim Vater wird zumindest deutlich, daß er, wenn er seine Tochter auch nicht intellektuell fördern konnte, doch stolz auf sie war und ihr den sozialen Aufstieg gönnte.

Etwas somnambul und etwas rätselhaft: das Ensemble in steter Bewegung (Foto: Theater Dortmund/Birgit Hupfeld)

Recht ordentlich

Wenn man so schnell bei den inhaltlichen Valeurs eines Stückes anlangt, dann spricht das für die Qualität der Inszenierung. Zwei Männer und vier Frauen tragen in sachlich-engagiertem Ton vor, machen neugierig auf zukünftige Taten des neuen Ensembles: Antje Prust, Linda Elsner, Lola Fuchs, Marlena Keil, Mervan Ürkmez, Raphael Westermeier.

Ihre Körperlichkeit steht dabei in einem gewissen Widerspruch zum nüchternen Textprotokoll. Alle sind sie mehr oder weniger immer in Bewegung, getrieben suchend, schematisch agierend, ein wenig rätselhaft, ein wenig somnambul. Etwas emotionale Aufladung durch feinen Gesang hier und da (Musik: Houaïda) wirkt entspannend. Glücklicherweise widersteht die Inszenierung der Versuchung, Motive von Ausgrenzung, Rassismus, Klassengesellschaft oder ähnlichem einzuflechten. Kluge Theaterbesucher kommen auch von alleine darauf, daß es da Bezüge gibt.

Wenig Publikum

Leider kann nicht unerwähnt bleiben, daß zur fünften Aufführung kaum 30 Zuschauer den Weg ins Dortmunder Theater (Großes Haus!) fanden. Vermutlich war es keine gute Idee, in den letzten Wochen der Spielzeit 2020/2021 nicht mehr zu spielen, als dies bei Beachtung der Hygieneauflagen wieder möglich gewesen wäre. Auch ein abgespecktes Sommerprogramm wäre vorstellbar gewesen, um für Aufmerksamkeit zu sorgen. In Dortmund aber herrschte zu lange zu viel Ruhe. Zudem haben Intendantenwechsel, wie eben in Dortmund, oft auch den Verlust von Teilen des alten Stammpublikums zur Folge. Und Korona hat seinen Schrecken noch nicht verloren. Heißt: Das Theater Dortmund muß sein Publikum zurückgewinnen. Wünschen wir ihm Glück dabei.

 

 




Artig, emsig und so weiter – Worte von damals, längst außer Kraft

Als Kinder meistens noch „artig und folgsam“ waren… (der Verfasser dieser Zeilen nicht ausgenommen). (Bild: Privat)

Der Befund ist nicht neu. Im Gegenteil. Wahrscheinlich haben seit den späten 1960er Jahren Kolumnistinnen oder Glossenschreiber schon tausendfach darüber sinniert und gesudelt. Aber jetzt hab‘ ich halt auch gerade mal Lust darauf – und wer will’s mir verwehren?

Wohlan denn!

Gewisse Worte sind so gut wie restlos aus der Sprache verschwunden. Sie „gehen“ sozusagen nicht mehr, sie sind außer Kraft geraten, haben sich verflüchtigt wie ein gasförmiger Stoff. Hält man sie sich vor Augen und Ohren, so klingen sie ganz und gar fremdartig, sie kommen als muffig riechende Verbal-Überbleibsel aus einer anderen Zeit daher, als Mädchen noch den Knicks und Jungen noch den Diener machen sollten. Wie bitte? Was war das nochmal? Es ist fast so weit entfernt wie Kratzfuß und Kotau aus feudalistischen Zeiten.

Die fraglichen Worte betreffen vor allem die einst so besinnungslos gerühmten „Sekundärtugenden“ und lauten beispielsweise:

anstellig
artig
brav
dienstbar
diensteifrig
ehrfürchtig
ehrgeizig
eifrig
eilfertig
emsig
fleißig
folgsam
gehorsam
ritterlich
strebsam

Genug. Es gibt noch ein paar andere. Zusammen ergeben sie ein garstiges Geflecht.

Einst, vor der vielleicht allzu gründlichen 180-Grad-Umwertung, haben derlei Vokabeln hoch im Kurs gestanden, in der Schule gab’s die sprichwörtlichen „Fleißkärtchen“. So sehr sind diese Worte in der gesellschaftlichen Versenkung verschwunden, dass es seltsam anmutet, sie überhaupt für einige Momente ins Gedächtnis zurückzurufen. Werden sie denn noch im Duden registriert? Sind sie nicht Zeichen autoritärer Bevormundung, stehen sie nicht im Ruch des Diktatorischen oder gar des potentiell Faschistoiden?

Auch Worte wie anständig, höflich oder rücksichtsvoll sind inzwischen teilweise kontaminiert – und mit ihnen die entsprechenden Verhaltensweisen. Vielfach werden sie nur noch herablassend, mitleidig, ironisch oder verächtlich erwähnt. In Zeiten des Wutbürgertums, der allzeit „kurzen Zündschnur“ und des ständigen sofortigen Habenwollens gelten sie manchen Menschen kaum noch etwas. Oft scheint es so, als könnte die ach so entspannt zur Schau getragene „Coolness“ jederzeit in Aggression umschlagen. Und das nicht nur, aber verschärft in pandemischen Zeiten.




Wie ich einmal Sylvester Stallone verpasst habe (obwohl er seine Gemälde in Hagen zeigt)

Offenbar gut gelaunt: Sylvester Stallone beim morgendlichen „Medienevent“ im Hagener Osthaus Museum – vor einem seiner Gemälde. (© sabinebrauerphotos)

Um die Überschrift gleich klarzustellen: Natürlich sehe ich den weltbekannten Sylvester Stallone auch sonst nicht, habe ihn überhaupt noch nie leibhaftig gesehen. Doch heute hätte es eine Gelegenheit gegeben, und zwar – man höre und staune – in Hagen.

Im dortigen Osthaus Museum werden jetzt einige seiner Gemälde gezeigt. Der Mann malt, wenn seine Zeit es erlaubt, seit Jahrzehnten leidenschaftlich. Der Hagener Termin wurde denn auch nicht als schnöde Pressekonferenz oder kreuzgewöhnliche Ausstellungs-Vorbesichtigung angekündigt, sondern als „Medienevent“ mit Pressecounter, Check-In, 2G-Regel und sonstigem Zipp und Zapp. Wow!

Als Jungredakteur wäre ich sogleich elektrisiert gewesen. Doch als nunmehr etwas älterer Knabe bin ich, obgleich akkreditiert (dafür Dank) und füglich dreifach geimpft, dann doch nicht hingefahren. Als ich die Wetterprognose (Nullgrade, Glatteisgefahr) hörte und auch noch vernahm, dass Hagen vor Innenstadt-Baustellen derzeit nur so strotze, dachte ich bei mir: Selbst für Stallone möchte ich mir das nicht antun und mir erst recht nicht die Gräten brechen. Sorry.

Das ist ja das Schöne, wenn einem kein Chef-Darsteller mehr etwas vorzuschreiben hat: Man kann manche Dinge auch einfach mal bleiben lassen. Ein solches Versäumnis schmälert das Leben nur ganz unwesentlich; wenn überhaupt.

Sylvester Stallones Gemälde „Hercules O’Clock“. (© Courtesy Galerie Gmurzynska)

Kleiner Rückblick nach dem Motto „Was bisher geschah“: Vor ein paar Jahren hat mich ein wilder Haufen männlicher Nachbarn gedrängt, allen etwaigen Feinsinn fahren zu lassen und endlich einmal ein Video von „Rambo“ anzuschauen. Widerstrebend habe ich mich darauf eingelassen, hab’s tapfer durchlitten und mich beim gemeinsamen Videoabend mit Jacques Tati („Mon Oncle“) als zweitem Programmpunkt revanchiert – ein nahezu größtmöglicher Kontrast zum vorherigen Action-Geballer. Was ich damit sagen will? Ich bin „vorgeschädigt“, was Sylvester Stallone angeht, der bekanntlich „Rambo“ verkörpert hat.

Was habe ich heute wohl versäumt? Mit Sicherheit ein ziemliches Medien-Gerangel, ein Blitzlichtgewitter, wie es Hagen höchstens alle paar Jahre erlebt. Dazu Kameras und Mikrofone sonder Zahl. Es dürfte auf diesem Planeten nur wenige geben, die es an globaler Bekanntheit mit Sylvester Stallone aufnehmen können, der ja u. a. auch den legendären Boxer „Rocky“ Balboa gespielt hat. Nach ersten Vorberichten („Stallone kommt nach Hagen“) haben sich denn auch etliche Menschen aus der Region angelegentlich erkundigt, wie und wo sie Sylvester Stallone in Hagen live erleben können. Das vorherrschende Lokalblatt (Westfalenpost) gelobte daraufhin maximale Zurückhaltung in seiner diesbezüglichen Informationspolitik.

Selbige Zeitung begleitete heute Syvester Stallones Erscheinen ganz aufgekratzt. Rund 100 Fans des Filmstars hätten sich denn doch am Osthaus Museum eingefunden (von wem hatten sie wohl die Tipps?). Stallone sei einer schwarzen Limousine entstiegen, von Bodyguards abgeschirmt worden und habe dennoch ein paar Autogramme geschrieben. Nett von ihm. Die Vermutung steht im Raum und ist kaum von der Hand zu weisen: Die meisten Menschen wollen vielleicht gar nicht so sehr Stallones Bilder sehen, sondern den Filmstar himself.

Stolz auf den Coup: Hagens Museumsdirektor Tayfun Belgin mit Sylvester Stallone vor dessen Gemälde „Finding Rocky“. (© sabinebrauerphotos)

Den vorab versandten Presseunterlagen habe ich staunend entnommen, dass die rund 50 Bilder umfassende Stallone-„Retrospektive“ aus Anlass seines 75. Geburtstages (Geburtsdatum 6. Juli 1946) gezeigt werde. Die Gemälde seien „action-geladen“ wie seine Filme, doch auch „feinnervig und vielschichtig“. Zitiert wird Sylvester Stallones Auffassung von der Malerei als der unmittelbarsten aller Künste, die das Seelenleben unverfälschter ausdrücke als etwa die Literatur. Vom Film ganz zu schweigen. Darüber könnte man lange reden. Oder auch nicht.

Demnach hat Sylvester Stallone schon in den später 1960er Jahren mit dem Malen begonnen, als er noch längst nicht der große Kinostar gewesen ist. Schon vor dem Filmscript habe er zuerst auf der Leinwand die berühmte Figur entworfen – auf dem Bild „Finding Rocky“ (1975).

Bisher wurden seine Werke in St. Petersburg (2013) und Nizza (2015) gezeigt. Keine ganz gewöhnliche Abfolge. Jetzt also Hagen. Über die künstlerische Qualität der Bilder erlaube ich mir – aus der Distanz – selbstverständlich keinerlei Urteil. Osthaus-Direktor Tayfun Belgin wird sicherlich nichts dagegen haben, dass sein Institut einmal so richtig starke Publicity-Effekte außer- und oberhalb des sonst Üblichen erzielt. Er hat denn auch ein passendes russisches Sprichwort gefunden, um Stallones Mehrfach-Begabung zu unterstreichen: „Ein talentierter Mensch ist in jeder Hinsicht talentiert.“ In seinem Text „Der Zauber des Seins“ preist Belgin die expressiven Qualitäten dieser Malerei, dieser Zeit- und Gedankenbilder, wie er sie nennt.

Mh. Na gut. Eventuell gehe ich doch noch einmal hin. In aller Ruhe. Wenn der Medienrummel abgeklungen ist.

Sylvester Stallone. Retrospektive zum 75. Geburtstag. Osthaus Museum, Hagen, Museumsplatz 1. Vom 4. Dezember 2021 bis 20. Februar 2022. Di-So 12-18 Uhr. Tel.: 02331 / 207 2138. Derzeit 2G-Regel (geimpft oder genesen) mit Ausweispflicht.

www.osthausmuseum.de




Woran die geliebte Freundin zerbrochen ist – Roman „Die Unzertrennlichen“ aus dem Nachlass von Simone de Beauvoir

Jean-Paul Sartre fand diesen Text seiner Gefährtin Simone de Beauvoir „zu intim“ für eine Veröffentlichung. Wer weiß, was ihn zu diesem Urteil bewogen hat. Jedenfalls schildert die Beauvoir in „Die Unzertrennlichen“ (Original: „Les inséparables“) ihre erste Liebe – zu einer Schulfreundin, die sie mit neun Jahren kennenlernte und die am 25. November 1929 mit nur 21 Jahren jämmerlich gestorben ist – offiziell an viraler Enzephalitis. Nach Erlaubnis der Adoptivtochter Sylvie Le Bon de Beauvoir kam das Manuskript aus dem Nachlass erst 2020 heraus und ist jetzt auf Deutsch erschienen.

Cover des besprochenen Buches: Freundinnen „Zaza“ (links) und Simone des Beauvoir im Jahr 1928. (© Rowohlt Verlag, Umschlaggestaltung Anzinger und Rasp, München – Fotografie: Éditions de L’Herne)

Diese Élisabeth Lacoin, genannt „Zaza“ (im Buch: Andrée) muss schon als Kind ein ausgemachter Freigeist gewesen sein, sehr klar und bestimmt in ihren spontanen Äußerungen. Einerseits scherte sie sich nicht darum, was „die Leute“ (wie Lehrer und Mitschülerinnen) dachten. Doch sie war und blieb eingeschnürt in ein großfamiliäres, erzkatholisches Korsett, aus dem sie sich in jenen starren Zeiten dann doch nicht befreien konnte. An diesem Widerspruch, so könnte, ja müsste eine plausible Lesart lauten, ist sie zerbrochen und schließlich zugrunde gegangen. Weitet sich der Blick übers Individuelle hinaus, so dürfte es sich hierbei um einen – leider arg verspätet vorliegenden – Gründungstext der neueren feministischen Bewegung handeln, in dem Motive anklingen, die Beauvoirs Oeuvre prägen. Immerhin sind ein paar Einzelheiten in ihre „Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“ eingeflossen.

Simone de Beauvoir (im Buch: Sylvie) hat Zaza auf den ersten Blick bewundert. Mit der Zeit wurde ihr bewusst, dass es wohl nicht nur die übliche Mädchenfreundschaft, sondern eine besondere Art von Liebe sein musste. Inwieweit irgendwann auch sexuelles Begehren hineingespielt hat, wird nicht erwähnt oder erwogen. Ohne Zaza konnte sich Simone ihr Leben jedenfalls nicht mehr vorstellen. Doch die schien über derlei „Gefühlsduseleien“ lange Zeit erhaben zu sein. Schlimmer noch: Als Zaza sich mit 15 Jahren in einen Jungen namens Bernard verliebt (hoffnungslos, weil ihre strenge Mutter den Kontakt unterbindet), ist Simone zutiefst enttäuscht, zeigt sich aber gleichwohl großmütig bereit, der Freundin in seelischer Not zu helfen. Jahrzehnte später hätte man einen solchen Stoff bis hierhin vielleicht als „Coming of Age“-Erzählung bezeichnet. Aber egal. Derlei Zuordnungen führen nicht weit.

Es stellt sich dann auch die „Frauenfrage“

Das zweite Hauptkapitel setzt nach bestandener schulischer Reifeprüfung ein. Zaza trifft Simones philosophisch beschlagenen, doch recht verschrobenen Studienfreund Pascal Blondel (im wahren Leben: Maurice Merleau-Ponty) und scheint an seiner zuversichtlichen Wesensart zu gesunden, woraus sich – wie es so gehen kann – Liebe entfaltet. Simone verspürt nun keine Eifersucht mehr, die Freundin bedeutet ihr nicht mehr alles. Doch immer noch sehr viel. Jener Pascal will seinem alten verwitweten Vater kein weiteres Einsamkeits-Leid bereiten und lehnt vorerst eine Verlobung mit Zaza ab, die eine Perspektive eröffnet hätte. Doch nun soll Zaza nach dem Willen ihrer Eltern für zwei Jahre ins edle englische Cambridge gehen. Zur Probe ihrer Gefühle. In Wartestellung. Vielleicht zur „Abkühlung“. Eine so lange Trennung von Pascal, das will und kann sie nicht aushalten… Als alle Hoffnung schwindet, befällt ein wahnhaftes Fieber Zaza. Ihr ist auf Erden nicht mehr zu helfen.

Nicht nur die genannten „Hauptpersonen“ spielen eine Rolle, skizzenhaft kommen auch andere Frauenleben in den Blick: beispielsweise Zazas ältere Schwester, die partout schnellstens verheiratet werden soll, und zwar mit einem Mann nach Wahl der Eltern; sodann just auch Zazas Mutter und Großmutter. All die gesellschaftlichen Zwänge und Unfreiheiten haben sich ja über Generationen hinweg fortgesetzt. Da stellt sich eben die generelle „Frauenfrage“.

Bedauerlich, dass uns dieser „autofiktionale“ Roman avant la lettre bislang vorenthalten geblieben ist. So überaus lebendig, dialogisch markant aufbereitet, schildert Simone de Beauvoir die betrüblichen Geschehnisse, dass man vor dem inneren Auge gleichsam einen jener französischen (Liebes)-Filme mit tragischem Ausgang ablaufen sieht; wie denn überhaupt dieser Stoff nach kongenialer Verfilmung ruft. An solchen Eindrücken hat sicherlich auch die Übersetzung ihren Anteil.

Die Beauvoir muss in der fraglichen Zeit (1916 bis 1929) ausgiebig Tagebuch geführt haben, so detailreich sind ihre im Roman dargelegten Erinnerungen gefasst. Zweifellos handelt es sich um das Werk einer famosen Schriftstellerin. Da fragt sich abermals, warum Sartre (den Beauvoir im Juli 1929 kennenlernte) von einer Publikation abgeraten hat. Sollten etwa seine höchstpersönlichen Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten…?

Simone de Beauvoir: „Die Unzertrennlichen“. Roman. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mit einem Vorwort von Sylvie Le Bon de Beauvoir sowie einem Anhang mit Schwarzweiß-Fotografien und ausgewählten Briefen. Rowohlt Verlag, 144 Seiten (plus nicht paginierter Anhang), 22 Euro.

 




Ruhrgebiet, Behörden, Berlin, Humor, Tod und Leben – neue Bücher über (fast) alles

Nicht jedes Buch kann hier ausführlich besprochen, manche können aber empfehlend vorgestellt werden. Also sichten wir mal einen kleinen Stapel:

Wie geht’s weiter im Revier?

Da wäre zunächst die Anthologie „wie weiter – 25 literarische aussichten zum ruhrgebiet“ (eichborn verlag, 222 Seiten, 12 Euro), die freilich nur auf dem Cover die Kleinschreibung pflegt. Der Band enthält satte 25 Beiträge mehr oder weniger prominenter Autorinnen und Autoren, die sich mit dem Revier auskennen und dieser Region einiges abgewinnen. Stellvertretend genannt seien Frank Goosen, Thomas Gsella, Nora Gomringer, Feridun Zaimoglu und Lütfiye Güzel. Die hier nicht Genannten mögen nachsichtig sein, eine komplette Liste läse sich nicht so prickelnd. Die literarischen Zugriffe sind jedenfalls ausgesprochen vielfältig, womit schon eine Stärke des Buches benannt wäre. Prosa steht neben Lyrik, auch das Genre der Graphic Novel kommt in Betracht, wenn es darum geht, wie wir im Sosein des Hier und Jetzt gelandet sind und wie es nun womöglich weitergehen könnte – nicht nur, aber auch „nach Corona“. Zwischen tiefem Ernst, Satire und freischwebendem Jux gibt es hier ebenso viele Spielarten wie Mitwirkende. Ein allemal anregendes, streckenweise auch aufregendes Kaleidoskop von Revier-Phantasien. Allein schon einige Zwischentitel machen Appetit, zum Beispiel: „Das Leben…ein Hinterhof“, „TikTok Meiderich Süd“ oder „Kurze Abhandlung über das Verschwinden der Dinge“. Geradezu unverschämt hoffnungsvoll klingt Frank Goosens Überschrift: „Alles ist gut und es wird noch besser.“ Echt jetzt?

Funktionierende Verwaltung

Um mal einen herzhaften Kontrast zu setzen, wenden wir uns nun einem Buch übers trocken anmutende Thema Verwaltungshandeln zu – aber was für einem! Der ruhmreiche Soziologie-Professor (und studierte Jurist) Niklas Luhmann ist, wie nicht allgemein bekannt sein dürfte, in jüngeren Jahren in der niedersächsischen Ministerialverwaltung tätig gewesen und hat ab Anfang der 60er Jahre an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer gewirkt. Theoretische Durchdringung der Materie und praktische Erfahrungen kommen also zusammen in seiner profunden Untersuchung „Die Grenzen der Verwaltung“ (Suhrkamp Verlag, 254 Seiten,  28 Euro), die selbst heute – rund 60 Jahre nach der Niederschrift – noch erhellende Einsichten bereithält. Allen Wandlungen zum Trotz, gibt es ja einen Kernbestand des Verwaltungshandelns, der sich nicht so rasch ändert. Dass funktionsfähige Verwaltungen auch und gerade gegenwärtig ein virulentes (!) Thema sind, wird wohl niemand bestreiten. Bei Luhmann finden sich dazu beispielhafte gedankliche Grundlagen.

Wilde Hauptstadt

And now to something completely different, wie einst die universell taugliche Überleitungs-Formel von „Monty Python“ lautete. Die Hauptstadt Berlin sieht sich immer mal wieder gern bespiegelt, auch rückblickend gibt sie einiges her. Erfolgsserien wie „Babylon Berlin“ zeugten neuerdings davon. Ebenfalls in den 1920er Jahren, allerdings verfasst aus authentischer Sicht der damaligen Zeit, spielt dieser Roman aus dem Jahr 1929. Yvan Goll: „Sodom und Berlin“ (Manesse, 184 Seiten, 20 Euro). Ein grandioses, herrlich grotesk überzeichnetes Zeitpanorama aus den „wilden Zwanzigern“. Der gebürtige Lothringer Yvan Goll bewegte sich, wann immer es möglich war, geläufig zwischen der französischen und deutschen Kultur und hat diesen Roman auf Französisch geschrieben. Gerhard Meier hat das allseits überbordende, geradezu brodelnde Werk neu übersetzt, das unbedingt eine Wiederentdeckung lohnt. Dafür plädiert auch Hanns Zischler in seinem Nachwort.

Inspirierendes Lesebuch

Gerd Herholz, langjähriger Leiter des Literaturbüros Ruhr in Gladbeck und gelegentlich auch Mitarbeiter der Revierpassagen, darf wohl als einer der besten Kenner des Werks von Sigismund von Radecki gelten. Wiederholt und sehr einlässlich hat er sich mit dem Autor befasst, der 1891 in Riga geboren wurde und 1970 in Gladbeck gestorben ist. Jetzt hat Herholz ein „Lesebuch Sigismund von Radecki“ (Aisthesis Verlag, 162 Seiten, 8,50 Euro) herausgegeben, dessen Textauswahl einen inspirierenden Ein- und Überblick zum Oeuvre erlaubt. Herholz‘ ausführliches Nachwort erschließt zudem einige wesentliche Aspekte des gesamten literarischen Schaffens, das in den 1920er Jahren einsetzte. Sigismund von Radecki pflegte zwar eine Freundschaft mit Karl Kraus, er ist aber beileibe kein typischer Vertreter des Literaturbetriebs gewesen. Studierter Ingenieur, schlug er sich als Schauspieler und Porträtzeichner durch, bevor er sich als Journalist und freier Autor verdingte, aber auch (kurz) Forstaufseher auf Usedom war. Seine oft anekdotisch verdichteten, humorvoll zugespitzten und zeitkritischen Alltags-Feuilletons sind vielfach noch heute lesenswert. Gewiss: Der zeitliche Abstand ist nicht zu verkennen, doch man merkt auch, wie pointiert Sigismund von Radecki die Verhältnisse seiner Zeit erfasst und stilsicher aufgezeichnet hat.

Was bleibt

Nach dem Tod ihrer Eltern hat Louise Brown ihr Leben geändert und sozusagen der Vergänglichkeit gewidmet. Sie ist Trauerrednerin geworden und hat sich im Laufe der Jahre eben nicht nur mit dem Tod, sondern gerade auch mit dem Leben und der Sinngebung befasst. In ihrem Buch „Was bleibt, wenn wir sterben“ (Diogenes, 252 Seiten, 22 Euro) versucht sie, Fragen zu den „letzten Dingen“ zu beantworten, die auf eine vertiefte Bejahung des Lebens hinauslaufen. Doch kein billiger, vorschneller Trost wird hier gespendet, sondern es sind offene, ehrliche und einfühlsame Worte, die dann eben doch tröstlich sind. Und schließlich kommt auch in diesem Buch die Trauer „in Zeiten von Corona“ zur Sprache.

 




Im Schlepptau der Tourismus-Werbung: Wenn die Badische Zeitung einen Trip nach Dortmund empfiehlt

Kommt en passant auch vor: Kreativzentrum „Dortmunder U“. (Foto von 2019: Bernd Berke)

In der „Badischen Zeitung“ blättern wir nicht allzu häufig, auch nicht online. Das Blatt erscheint in der gemeinhin als besonders edel, schön und gut geltenden Stadt Freiburg. Ausgerechnet die dortige Redaktion lockt nun ihre Leserschaft nach – Dortmund. Nanu?

In einem längeren Artikel, der am letzten Wochenende erschienen ist, wird die größte Stadt Westfalens als lohnenswertes Reiseziel – zumindest für einen Tag – gepriesen. Die Revier-Metropole sei „mit 63 Prozent Grünfläche eine der grünsten Europas“. Schon wollen wir uns lokalpatriotisch geschmeichelt fühlen, jedoch…

Im Rahmen des Erwartbaren, beginnt die Tour gleich mit dem BVB-Stadion „Signal-Iduna-Park“. Autorin Katharina Hensel wäre freilich noch etwas besser beraten gewesen, hätte sie zumindest erwähnt, dass der Fußballtempel im hiesigen Volksmund unbedingt Westfalenstadion genannt wird. Reisende aus der Freiburger Gegend, die demnächst nach dem Dortmunder Stadion fragen, sollten möglichst die zweite Variante wählen. Sonst fällt die Antwort vielleicht etwas einsilbig aus. Oder gönnerhaft.

Es folgen nach und nach weitere Attraktionen, sozusagen die „üblichen Verdächtigen“, wie etwa der familienfreundliche Westfalenpark (aber nicht der ungleich schönere und noch dazu kostenlos zu besuchende Rombergpark), der vor einigen Jahren künstlich angelegte Phoenixsee auf dem früheren Hoesch-Stahlwerksgelände, das beliebte Kreuzviertel mit angrenzendem Südwestfriedhof und Westpark. Dann geht’s flugs in die Innenstadt zum Westenhellweg und zur Shopping Mall „Thier Galerie“ (die ich persönlich nach Kräften meide), rasch zum Deutschen Fußballmuseum und diversen Kirchen sowie zum Wochenmarkt. Von ruppigeren, aber auch markanteren Ecken wie Nordstadt oder Brückstraßenviertel erfährt man nichts. Da schickt man ja auch keine Freiburger*innen hin…

Aber die Kultur? Wird punktuell abgehakt. Das imposante Kreativzentrum „Dortmunder U“ mit Ostwall-Museum, die schmucke Zeche Zollern als Zentrale des Westfälischen Industriemuseums. Theater und Konzerthaus kommen hingegen nicht vor. Ganz offenkundig hatte die Verfasserin abends keine Zeit mehr. Wahrscheinlich musste sie den Zug nach Freiburg erwischen, den sie am Ende erwähnt.

Und woher hatte Katharina Hensel die Tipps für die Sehenswürdigkeiten? Vielleicht auch aus einem Reiseführer. Vor allem aber wohl von Sigrun Späte von der Agentur „Dortmund Tourismus GmbH“. Wenn man all die unentwegt eingestreuten, natürlich durchweg empfehlenden Späte-Zitate zur Kenntnis nimmt, muss man argwöhnen, dass Frau Hensel ihr auf Schritt und Tritt gefolgt ist. Andere Quellen werden erst gar nicht zitiert. Die Lesenden in und um Freiburg müssen sich ganz und gar auf Sigrun Späte verlassen. Ob nun berechtigt oder nicht: Das Lob für die Stadt erweist sich quasi als Eigenlob.




„Die Brücke“ und „Der Blaue Reiter“ – ein opulenter Vergleich in Wuppertal

Alexej von Jawlensky: „Mädchen mit Pfingstrosen“ (1909), Öl auf Pappe auf Sperrholz, 101 x 75 cm (Von der Heydt-Museum, Wuppertal)

Von den Künstlergruppen „Brücke“ und „Blauer Reiter“ glaubt man schon so manches gesehen zu haben. Wie aber, wenn nun Kernbestände dreier bedeutender Sammlungen eine neue, teilweise ungewohnte Sicht auf die vermeintlich altbekannten Werke erlauben würden? So wie jetzt in Wuppertal, wo das Von der Heydt-Museum seinen einschlägigen Eigenbesitz mit etlichen Leihgaben der Kunstsammlungen Chemnitz und des Buchheim Museums in Bernried anreichert.

Insgesamt 160 Werke, 90 Gemälde und 70 Arbeiten auf Papier, kann Wuppertals Museumschef Roland Mönig als Kurator der Ausstellung „Brücke und Blauer Reiter“ zeigen. Etwaige Lücken der drei genannten Sammlungen werden durch ergänzende Einzelstücke aus anderen Museen sinnvoll geschlossen.

Erich Heckel: „Der schlafende Pechstein“ (1910), Öl auf Leinwand, 110 x 74 cm (Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See)

Die Schau ist in eine Raumfolge mit neun Kapiteln gegliedert. Sie soll Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede beider Gruppierungen erschließen. Solche Unterschiede markiert gleich der Auftakt im ersten Raum. Auf Erich Heckels Gemälde „Der schlafende Pechstein“ (1910) sieht man den Freund und Künstlerkollegen ganz ungebrochen in praller Farbigkeit und Sinnlichkeit, vollkommen entspannt in erfüllter Gegenwart. Demgegenüber wirkt Gabriele Münters Bild „Kandinsky am Tisch“ (1911) distanziert, es ist ersichtlich die reflektierte Darstellung eines Intellektuellen. Heckel zählt zur „Brücke“, Münter zum „Blauen Reiter“.

Auch weitere Gegenüberstellungen lassen die These plausibel erscheinen, die den „Brücke“-Künstlern eine spürbar stärkere Unmittelbarkeit zuschreibt. So etwa der erotisch knisternde „Mädchenakt im Atelier“ (1909) von Ernst Ludwig Kirchner („Brücke“) und als Vergleichsstück Franz Marcs „Akt mit Katze“ (1910), der eine Vereinigung mit der Natur beschwört, dabei jedoch ungleich durchgeistigter und weniger direkt, weniger physisch-körperhaft wirkt.

Freilich können längst nicht alle Bilder säuberlich in dieses Schema einsortiert werden, gar manche weisen als autonome Kunstwerke darüber hinaus. „Brücke“ sinnlich, „Blauer Reiter“ geistig – eine derart simple Gleichung geht selbstverständlich nicht restlos auf. Doch es gibt eben gewisse Tendenzen, die in diese Richtung weisen.

Dresden, Berlin und der Norden vs. München mit Alpenvorland

Allerdings existieren auch rein äußerliche Unterscheidungsmerkmale. Vom „Blauen Reiter“ gibt es weitaus mehr theoretische Äußerungen, während die „Brücke“-Mitglieder über all die Jahre ziemlich „mundfaul“ geblieben sind, wie Ausstellungsmacher Roland Mönig sagt. Zur „Brücke“ scheint sich die kunstgeschichtliche Etikettierung „Expressionismus“ im landläufigen Sinne eher zu fügen als zum divergierenden „Blauen Reiter“.

Ernst Ludwig Kirchner: „Frauen auf der Straße“ (um 1914), Öl auf Leinwand, 126 x 90 cm (Von der Heydt-Museum, Wuppertal)

Mehr noch: Die „Brücke“-Gruppe erwies sich für einige Zeit als recht fester Zusammenhalt und kann – grob gesagt – dem deutschen Norden und Berlin zugeordnet werden. Speziell die für damalige Verhältnisse sehr freizügigen Bilder badender Menschen (z. B. Ernst Ludwig Kirchner „Vier Badende“, 1909/10) ähneln einander doch sehr, zuweilen bis zum Verwechseln.

Die wesentlichen Gruppenphasen in Dresden (1905 bis 1911) und Berlin (1911 bis 1914) werden in getrennten Räumen behandelt. In Berlin treten urbane Motive (Kirchners „Frauen auf der Straße“, um 1914) neben weiterhin übliche Naturdarstellungen (Erich Heckel „Szene am Meer“, 1912). Wie Kurt Tucholsky Jahre später (1927) einmal in ganz anderem Zusammenhang schrieb: „…vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße…“ Man halt halt so seine Assoziationen.

Marianne von Werefkin: „Artisten“ (1909), Gouache auf Papier, 19,5 x 24,6 cm (Museum Wiesbaden, Dauerleihgabe aus Privatbesitz)

Während also die „Brücke“ eine zeitweise ziemlich eingeschworene und gemeinschaftlich vital bekräftigte Vereinigung war, formierte sich der „Blaue Reiter“ allenfalls lose und kristallisierte sich eher temporär um München und das Alpenvorland herum. Kulminationspunkt war der legendäre sommerliche Aufenthalt von Gabriele Münter und Marianne von Werefkin mit ihren Gefährten Wassily Kandinsky und Alexej von Jawlensky im bayerischen Örtchen Murnau, anno 1908. Auch aus diesem gruppendynamischen Kontext kann Wuppertal einige prachtvolle Bilder Aufbieten, darunter Jawlenskys „Mädchen mit Pfingstrosen“ (1909), Werefkins „Abend in Murnau“ oder Kandinskys „Riegsee – Dorfkirche“.

„Vorbilder und Wahlverwandte“

Und die Gemeinsamkeiten? Nun, die Künstlerinnen und Künstler lebten und malten nun einmal im selben Zeitfluidum und nahmen ähnliche Einflüsse auf, die in Wuppertal unter der Überschrift „Vorbilder und Wahlverwandte“ beleuchtet werden. Zuvörderst orientierte man sich an Frankreich, zumal an den seinerzeit neuartigen Malweisen eines Henri Matisse, Paul Cézanne und Paul Gauguin. Hinzu kamen Anregungen aus Kubismus und Futurismus (z. B. erkennbar bei Franz Marcs Bild „Im Regen“, 1912).

Und so kann man – jenseits aller Differenzen und Differenzierungen – den gesamten Rundgang vielleicht wie ein orchestrales Zusammenstimmen verschiedener Instrumente und Temperamente erleben, besser noch: genießen. Hierzu gesellen sich auch die besonderen „Stimmen“ von Paul Klee und Alfred Kubin, die in einem eigenen Graphik-Kabinett präsentiert werden, oder vom etwas älteren Emil Nolde, der von den „Brücke“-Künstlern heftig als Galionsfigur umworben wurde.

Wassily Kandinsky: „Improvisation Sintflut“ (1913), Öl auf Leinwand, 95,8 x 150,3 cm (Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München)

Die damalige Entwicklung legt es nahe, auch dem Weg in die Abstraktion ein eigenes Kapitel zu widmen. Zwischen Gegenständlichkeit und Gegenstandsferne suchten alle ihre je eigene Position. Wassily Kandinsky ging dabei entschieden am weitesten, seine furiose, vollends chaotisch (und damit themengerecht) anmutende „Improvisation Sintflut“ (1913) ist geradezu eine Ikone der frühen Abstraktion. Zuvor hatte er mit seiner theoretischen Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ (1911) den Weg skizziert. Spürbar verhaltener und vorsichtiger näherte sich beispielsweise der gleichfalls dem „Blauen Reiter“ zugerechnete August Macke dem Grenzbereich. Seine Bilder wie „Fingerhut im Garten“ (1912) oder „Mädchen mit Fischglas“ (1914) wirken vergleichsweise klar konstruiert, beherrscht und geordnet. Nicht nur aus unserem zeitlichem Abstand wird klar, dass natürlich beide Herangehensweisen ihre Berechtigung, ihre Vorzüge und Risiken haben. Viele Wege führen zur Kunst.

August Macke: „Mädchen mit Fischglas“ (1914), Öl auf Leinwand, 81 x 100,5 cm (Von der Heydt-Museum, Wuppertal)

Eigentlich müßig festzustellen: Die Ausstellung endet folgerichtig mit dem Jahr 1914. Der Beginn des Ersten Weltkriegs war ein solch tiefgreifender Epochenbruch, dass sich fortan auch alle Kunst ganz neu ausrichten musste.

Interessant übrigens, was der Ko-Kurator und Direktor der Kunstsammlungen Chemnitz, Frédéric Bußmann, über deutsch-deutsche Unterschiede in der Rezeption beider Künstlergruppen sagt. Schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg hätten die Spielarten des Expressionismus im SED-Staat bis in die 1970er Jahre hinein als volksferner „Formalismus“ gegolten, mithin als dekadent und bürgerlich. In Westdeutschland hingegen sei der Expressionismus zur vermeintlichen Widerstands-Kunst umgedeutet worden, mit der man das eigene belastete Gewissen habe reinwaschen wollen. Doch das ist wahrlich ein Themenblock für sich.

„Brücke und Blauer Reiter“. Wuppertal, Von der Heydt-Museum, Turmhof 8. Bis zum 27. Februar 2022. Di-Fr und Sa/So 11-18, Do 11-20 Uhr, Mo geschlossen. Katalog 29 Euro. Tel.: 0202 / 563 2500.

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www.von-der-heydt-museum.de