Blickrichtung rückwärts – Ruhrtriennale 2019 mit groß angelegter Multimedia-Produktion von Heiner Goebbels

Szene aus Christoph Marthalers Audimax-Inszenierung „Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend“ (Foto: Matthias Horn/Ruhrtriennale)

Bestimmt ist das völlig ungerecht, aber Assoziationen machen ja, was sie wollen: Wenn Stefanie Carp die Produktion „Everything That Happened and Would Happen“ von Heiner Goebbels erläutert, wandern die Gedanken zu Thomas Bernhard und seinem „Theatermacher“, der in Utzbach, wo man tot nicht überm Zaun hängen möchte, sein Stück „Das Rad der Geschichte“ herausbringen will.

Intendantin Stefanie Carp bei der Auftakt-Pressekonferenz der Ruhrtriennale 2019 (Foto: Daniel Sadrowski/Ruhrtriennale)

Anders als er jedoch beginnt Heiner Goebbels, der auch Ruhrtriennale-Intendant der Jahre 2012 bis 2014 war, mit dem 1. Weltkrieg und nicht schon irgendwo in der Antike. Aber dann werden Mittel nicht und Wege gescheut, das Elend der letzten 100 Jahre in einer „neuen, großformatigen Arbeit“ auf die Bühne zu stellen, „in der Musik, Licht, Performance, Sprache, Objekte und Filme zu einer multimedialen Installation vereint sind“. Als die drei wesentlichen „Inspirationsquellen“ werden erstens der Text „Europeana“ des tschechischen Autors Patrik Ourednik genannt, zum Zweiten das Bühnenbild aus Goebbels’ Inszenierung von John Cages „Anti-Oper“ „Europeras 1 & 2“ (Ruhrfestspiele 2012) und zum Dritten unkommentierte, tagesaktuelle Nachrichtenbilder des Fernsehsenders Euronews.

Projekt macht neugierig

Schließlich erwähnt seien 17 Bühnenkünstler beiderlei Geschlechts, und mit einer solchen Mannschaft ist Goebbels dem Theatermacher Bruscon natürlich haushoch überlegen. Doch Scherz beiseite: Wenn Goebbels auch nicht so gefeiert wurde wie seine Vorgänger Flimm, Mortier und, mit Abstrichen, Decker, so hat er doch als Triennale-Intendant etliche sehr bemerkenswerte Produktionen zur Aufführung gebracht, aus eigener, wenn man so sagen darf, wie auch aus fremder Feder. Man muß gespannt sein, was zwischen dem 23. und dem 26. August in der Bochumer Jahrhunderthalle abgeht. Anders gesagt: Das Goebbels-Projekt macht neugierig, anders als viele andere Produktionen der diesjährigen Triennale.

Von Jan Lauwers stammt das Stück „All the Good“ (Foto: Phile Deprez/Ruhrtriennale)

Musik bis zuletzt

Gewiß, bei Christoph Marthaler wird es wieder sehr schön werden, elegisch, stimmig und traurig, auch wenn sein Spielort diesmal das Audimax der Bochumer Universität ist. Hier werden Kompositionen von aus Prag und Wien von den Nazis vertriebenen Komponisten zu hören sein, die emigrieren mußten, ermordet wurden, im Konzentrationslager Theresienstadt landeten. Hier, in Theresienstadt, fand eine schauerliche Musikproduktion statt, verzweifelt wurde musiziert und komponiert bis zum letzten Moment, der für viele der Abtransport nach Auschwitz war. Vieles blieb Fragment, in den Kapellen spielte zusammen, was nach der klassischen Lehre nicht zusammengehörte. Und doch entstand – auch – Schönheit.

Das Weltparlament schaut zu

In Marthalers Einrichtung ist das Audimax ein imaginiertes Weltparlament, das Rückblick hält auf die Zerstörungen des vergangenen Jahrhunderts. So lesen wir es in den Ankündigungen, so erfahren wir es von Stefanie Carp im Pressetermin, und sogar ohne Videoeinspieler haben wir eine Vorstellung davon, wie es wohl werden wird „Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend“ (Titel der Produktion).

Auf einen schönen Abend darf sich freuen, wer Karten für György Ligetis Requiem  hat, das zwischen dem 5. und dem 14. September sechsmal zu hören sein wird; Steven Sloane dirigiert die Bochumer Symphoniker, die freie Theatergruppe Proton Theater und der Staatschor Latvija wirken überdies in „Evolution“ mit.

Manchmal auch bunt. Ebony Bones macht genreübergreifende Musik (Foto: Antonello Trio_1984 Recordings Ltd./Ruhrtriennale)

Autobiographisches Erzählen

„All the Good“ heißt das Stück von Jan Lauwers und der Needcompany, das das „autobiographische Erzählen“ pflegt und dessen Protagonist der ehemalige israelische Elitesoldat Elik Niv ist, der Tänzer wurde. Eine Chronik von Verlust und Hoffnung wird angekündigt, grundiert vom Terror in der Welt und der Kraft des Alltäglichen.

Es gibt, wie immer, Tanz, Schauspiel und Musiktheater, Angebote für Jugendliche, Installationen. 164 Veranstaltungen sind angesetzt, 35 Produktionen und Projekte, davon 16 Eigen- und Koproduktionen. Mehr als 800 Künstler und Künstlerinnen aus 35 Ländern wirken mit.

Enger Themenkanon

Alle würden sie wohl für sich in Anspruch nehmen, mit ihrer Kunst an den radikalen Rändern unterwegs zu sein, sie gar zwangsläufig oder absichtsvoll zu überschreiten. Doch drängt sich auch ein etwas lähmender Eindruck von Gleichförmigkeit auf, oder sagen wir lieber, falls es das Wort denn gäbe: Ähnlichförmigkeit. Gewalt, Emanzipation, Solidarität sind Schlüsselbegriffe des Themenkanons, ebenso Sexismus, Rassismus, Diskriminierung aller Art. Im Vergleich zu den Ruhrfestspielen, wenn der  einmal gestattet sei, wirkt die Blickrichtung stärker rückwärtsgewandt und etwas allgemeiner.

Das ungeliebte Festival

Verkauft sind derzeit, ist zu erfahren, mehr als 50 Prozent der Karten. Damit sei man „zufrieden“, doch Begeisterung sieht anders aus. Allerdings hat die Ruhrtriennale auch mit der völlig absurden Situation zu kämpfen, daß sie als Landesfestival von der Landesregierung ignoriert wird. Stefanie Carp hatte, wie bekannt, in ihrem ersten Jahr eine israelkritische Künstlergruppe engagiert, die sich bei BDS („Boycott, Divestment and Sanctions“) engagierte. Es folgten, kurz gesagt, einige wenig souveräne Diskussionen, und seitdem herrscht Funkstille. Keine gute Situation.

Der Gigantenfries erklingt

Doch enden wir mit einer Installation, auf die man besonders gespannt sein kann: In der Bochumer Turbinenhalle baut Cevdet Erek „Bergama Stereo“ auf, was nichts weniger ist als, stilisiert, der in Berlin befindliche Pergamon-Altar im Maßstab 1:2. Den berühmten Gigantenfries dieses Monuments hat er durch eine Klanginstallation ersetzt, 34 Lautsprecher machen das Relief zu einem Klangerlebnis. Im kultigen Berliner Club „Berghain“ soll es Vergleichbares geben. Zweimal trommelt der Chef selbst, sonst machen andere Programm. Übrigens ist Bergama das türkische Wort für Pergamon, und gleich im Anschluß an die Bochumer Präsentation wird „Bergama Stereo“ im Hamburger Bahnhof in Berlin aufgebaut.




Ein Mammut als „Puzzle“ und tonnenschwere Vorzeit-Brocken – Dortmunder Naturkundemuseum füllt sich allmählich wieder

Ein ziemlich großes „Puzzle": das Dortmunder Mammut. (Foto: Bernd Berke)

Ein ziemlich großes „Puzzle“: das Dortmunder Mammut. (Foto: Bernd Berke)

Das Mammut ist da! Zwar eröffnet – wenn nun endlich alles glatt läuft – Dortmunds Naturkundemuseum doch erst im nächsten Jahr, aber es treffen nun sozusagen Tag für Tag neue Schaustücke ein. Wohl das spektakulärste ist just das fast vollständige Skelett eines weiblichen Wollhaar-Mammuts mit immerhin 2,45 Metern Schulterhöhe.

Europas führender Mammut-Experte, Dick Mol aus den Niederlanden, erläuterte heute bei einer Pressekonferenz in Dortmund die Geschichte hinter diesem imposanten Tier aus der Weichsel-Kaltzeit (vor rund 30.000 bis 40.000 Jahren). Es handelt sich nämlich nicht um ein einzelnes Wesen, sondern quasi um ein Puzzle aus vielen, vielen Einzelteilen.

Vor sechs Jahren von den Dortmundern befragt, ob er wisse, wo Mammuts auf dem Markt seien, musste Dick Mol zunächst passen. Zumal in Sibirien wird schwunghafter (und nicht immer ganz legaler) Handel mit Überresten der Vorzeit-Wesen betrieben. Doch darauf wollte man sich nicht einlassen. Statt dessen griff man auf Abertausende von Einzelteilen zurück, die mit Schleppnetzen aus der Nordsee (Küste der niederländischen Provinz Zuid-Holland) geborgen wurden. Zur Zeit der Mammuts war das Gebiet trockenes Festland, durch das der Ur-Rhein als mächtiger Strom geflossen ist. In der Steppe ringsum lebten damals auch Wollhaar-Nashörner, Antilopen und Wildpferde.

Lauter Einzelteile aus der Nordsee

Aus all den Partikeln aus der Nordsee setzte man – unter Dick Mols Anleitung – tatsächlich nach und nach in langwieriger Kleinstarbeit (siehe Zeitraffer-Film am Ende des Beitrags) die Mammut-Kuh zusammen. Sämtliche Teile mussten sorgsam ausgewählt werden, sie mussten von einem weiblichen Tier bestimmten Alters und von jeweils passender Größe stammen. Männliche Exemplare wuchsen lebenslang, während die weiblichen, sobald einmal trächtig gewesen, das Wachstum einstellten und ungleich kleiner blieben. Genau das aber war das richtige Maß für Dortmund, wo die relativ geringe Deckenhöhe keinen Platz für den monumentalen Knochenbau eines ausgewachsenen Mammut-Bullen geboten hätte.

Man schaue sich das an! Das Dortmunder Mammut ist allem Anschein nach dermaßen kundig zusammengesetzt worden, dass wohl nur Experten auf den Puzzle-Gedanken kommen würden. Einzige Ausnahme von der Regel: Während alle Teile von wirklichen (aber eben vielen verschiedenen) Mammuts stammen, handelt es sich beim rechten Stoßzahn um eine Nachbildung. Wer bemerkt den Unterschied zum linken? Fest steht, dass das Dortmunder Mammut bundesweit seinesgleichen sucht.

Nebenher räumt Dick Mol gleich mit ein paar Legenden auf: Anders als vielfach kolportiert, hätten solche Mammuts keineswegs gleichzeitig mit den Sauriern gelebt, sondern viel später. Auch haben sie nicht in einer veritablen Eiszeit existiert.

Und wer hat den ganzen Mammut-Spaß bezahlt? Zum großen Teil die Sparkasse Dortmund, die 150.000 Euro beisteuerte. Wir vermelden es pflichtschuldigst.

Kraft- und Maßarbeit: Anlieferung eines 2,8 Tonnen schweren versteinerten Baumstamms. (Foto: Bernd Berke)

Kraft- und Maßarbeit: Anlieferung eines 2,8 Tonnen schweren versteinerten Baumstamms. (Foto: Bernd Berke)

Seit 2014 eine schier endlose Umbau-Geschichte

Das Narrativ vom Mammut kann freilich nicht ganz und gar von der misslichen Geschichte des Museums-Umbaus ablenken. Jeglichen Vergleich mit der endlosen Geschichte um den Berliner Flughafen BER wollen wir uns tunlichst verkneifen. Aber eine Gemeinsamkeit gibt’s leider doch: Auch das Dortmunder Naturkundemuseum, im September 2014 für vermeintlich nur zweijährige Umbau- und Renovierungsmaßnahmen geschlossen, wartet und wartet immer noch auf seine (Wieder)-Eröffnung.

Eigentlich hätte es (nach einer Firmeninsolvenz sowie etlichen Planungs- und Bauproblemen) in diesem Sommer endlich so weit sein sollen, doch müssen wir uns noch ein weiteres Jahr gedulden. Ab Sommer 2020 (genaueres Datum folgt vermutlich im nächsten Januar), so Museumsleiterin Dr. Dr. Elke Möllmann, sollen die Besucher wieder in jenes Museum strömen, das vor der Schließung mit rund 80.000 Besuchern im Jahr das meistbesuchte der Stadt gewesen ist – und diesen Spitzenplatz künftig wieder erobern dürfte.

Schade, schade. Durch all die Verzögerungen mussten beispielsweise einige Grundschul-Jahrgänge ohne diesen Museumsbesuch auskommen, der doch gerade mit kindgerechten Themen und Exponaten (lebensgroßes Dino-Modell der Gattung Iguanodon mitsamt passenden Original-Fußspuren usw.) aufwarten kann.

Nach Jahren endlich aus der Schutzfolie heraus: Dino-Modell der Gattung Iguanodon. (Foto: Bernd Berke)

Nach Jahren endlich aus der Schutzfolie heraus: Dino-Modell der Gattung Iguanodon. (Foto: Bernd Berke)

Wenn der Dino erzählen könnte…

Besagter Dino, stattliche fünf Meter hoch, steckte in all den Umbau-Jahren unter einer Schutzfolie. Wenn der Bursche erzählen könnte! Elke Möllmann jedenfalls stellt unumwunden fest, dass die Verzögerungen „eine Belastung für unser ganzes Team“ gewesen sind.

Nun aber der Blick nach vorn. Jetzt seien die Bauarbeiter „ausgekehrt“ (Möllmann). Und jetzt kann das Haus endlich wieder eingeräumt werden. Stück für Stück. Gerade heute wurde von einer Fachspedition ein 210 Millionen Jahre alter, 2,8 Tonnen schwerer versteinerter Baumstamm angeliefert und mühsam auf ein Podest gehievt. Ebenfalls frisch eingetroffen und gleichfalls tonnenschwer: ein mächtiger Steinkohlebrocken, der nicht mehr von der Lore genommen werden darf, weil er sonst in seine Bestandteile zerfiele. Er repräsentiert einen Aspekt des Karbon-Zeitalters, wie denn überhaupt weite Teile der gänzlich neu konzipierten und vielfach auch neu „möblierten“ Schau eine imaginäre Reise durch die Erdzeitalter ermöglichen sollen. Auch Exponate, die man schon zu kennen glaubt, werden dabei in andere Kontexte gestellt.

Neues Konzept mit entschieden regionaler Ausrichtung

Neu ist die entschieden regionale und oft gar lokale Ausrichtung des Museums. Wo irgend möglich, wurden Exponate aus Dortmund und Umgebung beschafft. Nur zwei Beispiele: Das erwähnte Kohlestück etwa stammt aus der 1987 geschlossenen Zeche Minister Stein in Dortmund-Eving. Versteinerte Ammoniten (längst ausgestorbene, schneckenförmige Kopffüßler) kamen beim Bau der Dortmunder U-Bahn zutage.

Insgesamt soll der Vermittlungs-Ansatz nicht so trocken und lehrhaft daherkommen wie ehedem, sondern „ganzheitlicher“, ökologischer und lebensnäher. So werden auch Fragen des Klimawandels durch die Jahrmillionen und Jahrtausende eine gewichtige Rolle spielen. 1500 Quadratmeter Ausstellungsfläche stehen für all das zur Verfügung.

Das Haus braucht einen anderen Namen

Die erste Sonderausstellung nach der Wiedereröffnung wird sich um die Fährnisse der Umbauzeit ranken. Sicherlich kein Blick zurück im Zorn, sondern Erinnerungen mit leichten Seufzern und nachträglichem Goldrand. Außerdem wird’s ein Buch über das Dortmunder Mammut geben. Wenn das nicht elefantös ist!

Museumsleiterin Elke Möllmann möchte dem geänderten Konzept auch in der Namensgebung gerecht werden. Gesucht wird also eine neue Bezeichnung für das Haus. Vorschläge können bis zum 6. September 2019 an folgende Adresse gemailt werden:

NeuerNameMuseum@dortmund.de

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Ein Zeitraffer-Video vom Aufbau des Mammuts ist bei YouTube zu sehen. Hier der Link:

 

 

 




Erlösung ist möglich: Tobias Kratzer lässt in seinem erfrischenden Bayreuther „Tannhäuser“ Raum für die Hoffnung

Dieses Foto von Enrico Nawrath prägt sich ins Gedächtnis ein und könnte einmal repräsentativ für Tobias Kratzers Bayreuther Neuinszenierung des "Tannhäuser" stehen: Stephen Gould als Tannhäuser und Elena Zhidkova als Venus. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Dieses Foto von Enrico Nawrath prägt sich ins Gedächtnis ein und könnte einmal repräsentativ für Tobias Kratzers Bayreuther Neuinszenierung des „Tannhäuser“ stehen: Stephen Gould als Tannhäuser und Elena Zhidkova als Venus. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Muss Erlösung scheitern? In Richard Wagners „Tannhäuser“ in der erfrischend neuen und schlüssigen Inszenierung von Tobias Kratzer in Bayreuth bleibt die Frage weniger offen als andernorts.

Während Tannhäuser und Wolfram von Eschenbach die blutbefleckte Leiche Elisabeths in ihren Armen bergen, öffnet sich auf einer zweiten Ebene ein neuer Horizont. Zu den Erlösungsgesängen des Fernchores ist ein Video zu sehen, das in seiner Ambivalenz zwischen Kitsch und Pathos eine Alternative, eine Utopie oder zumindest eine Hoffnung zulässt. Happy End ist möglich, „Erlösung ward der Welt zuteil“ nicht ausgeschlossen.

Regisseur Tobias Kratzer. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele 2019

Regisseur Tobias Kratzer. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele 2019

Damit unterscheidet sich Tobias Kratzers so sinnlich einnehmende wie gedanklich durchdrungene Arbeit von vielen Inszenierungen, deren Regisseure mit Wagners Erlösungsthema wenig anzufangen wissen. Kratzer sieht das Reich der Venus auch nicht wie üblich als Totalentgrenzung des Sexuellen. Das Thema hält er zu Recht für abgearbeitet. Sondern er definiert es viel entschiedener gesellschaftlich: Tannhäuser ist mit einer Gruppe von Außenseitern unterwegs, die körperlich, sexuell, in ihrer Lebensform und im künstlerischen Selbstausdruck „anders“ sind: Ein Kleinwüchsiger und eine schwarze Drag Queen gehören dazu.

Verbunden durch Lebenslust und Lebensgier scheitern die modernen Nomaden schon in der Ouvertüre, als es einen Toten gibt: Bei Benzinklau und Zechprellerei erwischt, überfährt Venus mit ihrem alten Citroën-Kastenwagen – eine Anspielung auf die Performance-Künstlerin Marina Abramović – einen Polizisten.

Das traurige Gesicht des Clowns

Das ist für Tannhäuser „zu viel, zu viel“. Der Sänger im Narrengewand wendet sich von der Truppe ab: Die Tränen im traurigen Gesicht des Clowns, in Großaufnahme auf die Projektionswand der Bühne geworfen, ist unvergesslich – der erste von vielen ergreifenden Momenten. Hinter ihm erscheint eine Ikone der Kunst, die „Venus“ von Sandro Botticelli: die Göttin – ein bloß projiziertes Ideal. Mit einer ähnlichen Bildmetapher brechen Kratzer und sein Bühnengestalter Rainer Sellmaier auch die Begriffe von Romantik und Erlösung auf: Das Zitat von Caspar David Friedrichs „Das Kreuz im Gebirge“ rechnet mit dem Ideal der Romantik ab, rückt christliche Erlösungshoffnung gleichzeitig nahe und in weite Ferne.

In der Premiere ausgebuht, später gefeiert: Le Gateau Chocolat. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

In der Premiere ausgebuht, später gefeiert: Le Gateau Chocolat. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Das bis dahin so humorvolle, leichtgängige, schwerelose Roadmovie endet auf einem Parkplatz mit Märchenland-Plunder: Ein niedliches Wetterhäuschen, aus dem Frau Holle ihr Bett ausschüttelt und vor dem der Kleinwüchsige, der das Aussehen der Protestfigur Oskar Matzerath aus Günter Grass‘ „Blechtrommel“ angenommen hat, mit der kitschigen Herabwürdigung durch Gartenzwerge konfrontiert wird. Der Versuch, Tannhäuser zurückzuhalten, scheitert trotz eines märchenhaft glitzernden Lichtgespinstes, mit dem Le Gateau Chocolat – der schwarze Travestiekünstler ist in dieser Inszenierung er/sie selbst – beeindrucken will. Die mythische Fahrt endet vor dem Festspielhaus, zu dem vornehm gekleidete Besucher hetzen; eine Weihestätte der Kunstreligion.

Wagner als Mythenstifter und Revolutionär

Kratzer positioniert den Autor des „Tannhäuser“ mit solchen Bildern als Mythenstifter und als Revolutionär: Das Programmheft zitiert Texte aus der Zeit, in der Wagner in Dresden mit Bakunin sympathisierte und ethisch beflügelte Worte voll zerstörerischer Wut gegen die herrschenden Verhältnisse schleuderte. Ein Zitat daraus bringt Venus am zentralen Balkon des Festspielhauses an; es wird vorher schon von ihrer reisenden Truppe als Plakat im Märchenland geklebt: „Frei im Wollen, frei im Thun, frei im Genießen“, lautet der Wagner-Spruch von 1849, und er wirkt wie ein Motto: Venus beileibe nicht als blonde Göttin der Liebe, sondern in ihrem schillernd grüngeschuppten Kostüm eine Kreuzung aus anarchischer Schlange, subversiver Artistin und lockendem Weibchen.

Die Performance am Teich unterhalb des Festspielhauses in der ersten Pause des "Tannhäuser". Was wie ein Gag daherkommt, hat im Ganzen der Inszenierung einen präzisen Sinn. Foto: Werner Häußner

Die Performance am Teich unterhalb des Festspielhauses in der ersten Pause des „Tannhäuser“. Was wie ein Gag daherkommt, hat im Ganzen der Inszenierung einen präzisen Sinn. Foto: Werner Häußner

Der Drang zum Anderssein lebt sich zunächst in der ersten Pause in einer Performance am Teich unterhalb des Festspielhauses aus. Le Gateau Chocolat singt mit rauchig-schrägem Bass „Dich teure Halle grüß‘ ich wieder“, während Manni Laudenbach mit Wagner-Barrett in einem Boot rudert und aus vollem Halse revolutionäre Sprüche des späteren „Meisters“ kräht. Venus umschleicht das Setting, malt ihr Plakat und erkundet das hohe Haus mit dem Feldstecher, während die schräge schwarze Performancerin in einer rosa Wolke und mit einem Kitsch-Kostüm á la „Arielle die Meerjungfrau“ tanzt und plärrt.

Was wie ein grotesker Gag serviert wird, hat im Ganzen der Inszenierung einen präzisen Sinn: Erst im Video im zweiten Akt, in dem in herrlich witziger Weise die „Eroberung“ der Wartburghalle – sprich, des Festspielhauses – geschildert wird, wird klar, dass Venus ihren Überfall vorbereitet und ihre Vasallen die bevorstehende Kunst-Religions-Feier mit ihrem lustvollen Gegenprogramm konfrontieren. Noch feiert sich das „Anderssein“ in vollen Zügen. Im dritten Akt wird es damit vorbei sein: Der Citroën, mit ausgeschlachteter Motorhaube seiner Bewegungsfähigkeit beraubt, ist nur noch eine Ruine; der Zwerg reißt verächtlich von einem der so optimistisch bedruckten Plakate Papierstreifen ab und verschwindet in eindeutiger Absicht hinter dem Fahrzeug. Die Rom-Pilger sind eine Herde aufgescheuchter Menschen, und Tannhäuser kehrt langhaarig, abgewetzt und mit ein paar Plastiktüten zurück – ob aus Rom oder wer weiß woher, wird nicht mehr klar.

Hinreißende und präzise Bilder

Was in der Bayreuther Neuproduktion des Jahres 2019 also scheitert, sind Konzepte, die sich im Aussteigen wie im Beharren manifestieren. Kratzer, Sellmaier und der Videokünstler Manuel Braun zeigen das in hinreißenden, beziehungsvollen, auch ironischen Bildern, die gleichwohl nicht im Vergnügen am bloß assoziativen Zitieren, in der sinnlichen Überwältigung oder in der Visualisierung von Privatmythologien aufgehen, wie das in Frank Castorfs und Aleksandar Denićs „Ring“ die Gefahr war.

Von der ironisch getönten Dekonstruktion bleiben auch die „teure Halle“ und die wackeren Sänger nicht verschont. Sellmaier baut einen düsteren, stilisierten Wartburg-Festsaal nach, hoch an der Wand wieder ein Verweis auf das Ideal des Sängers in Form einer halb an Naumburger Stifterfiguren, halb an nazarenische Altarskulptur erinnernden Sängerplastik. Auch die Kostüme zitieren historische Vorbilder: In dieser Gesellschaft soll alles so bleiben, wie es ist; umso nachhaltiger wird sie vom Einbruch des Sinnlichkeit preisenden Tannhäusers und der Venustruppe erschüttert.

Die "teure Halle" im zweiten Akt des Bayreuther "Tannhäuser", ein vermeintlicher Hort der Beständigkeit und unveränderlicher Traditionen. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Die „teure Halle“ im zweiten Akt des Bayreuther „Tannhäuser“, ein vermeintlicher Hort der Beständigkeit und unveränderlicher Traditionen. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Gerade in solchen Momenten, in denen es aufs Detail so sehr wie auf die übergreifende Konzeption ankommt, zeigt sich die handwerkliche Stärke des 1980 geborenen Regisseurs, wie sie in anderen seiner Inszenierungen (Nürnberg: Meyerbeers „Les Huguenots“; Karlsruhe: Meyerbeers „Le Prophète“ und Wagners „Meistersinger“; Frankfurt: Meyerbeers „L’Africaine“; Berlin: Zemlinskys „Der Zwerg“) zu außerordentlichen Ergebnissen geführt hat. Das unterscheidet die diesjährige Neuinszenierung am Grünen Hügel vom „Lohengrin“ Yuval Sharons im letzten Jahr. Trifft eine versierte Regiehandschrift auf eine tragende, so komplex wie eingängig das Stück durchziehende Idee, ist das Ergebnis, wie es in Bayreuth 2019 zu bewundern ist: festspielwürdig.

Ein Fest des Vibrato

Jetzt wäre es befriedigend, die musikalische Seite in ähnlichen Worten bewundern zu können. Sicher: Das „Handwerk“ war weitgehend perfekt, das Orchester wie stets ohne Fehl und Tadel, der Chor Eberhard Friedrichs nur in zwei, drei Millisekunden nicht so traumsicher wie sonst, auch klanglich im dritten Akt nicht so geschlossen, wie es bei einer sängerfreundlicheren Aufstellung möglich wäre. Die Solisten boten weithin ein Fest des Vibrato. Elena Zhidkova als körperlich geschmeidige, umwerfend komische wie verstörende Darstellerin hielt die Amplitude ihrer Töne immer weniger unter Kontrolle, konnte im dritten Akt kaum mehr verständlich artikulieren und ersetzte durch undifferenzierte Lautstärke, was für Venus an vokaler Biegsamkeit und Färbung nötig wäre.

Stephen Gould, der in diesem Jahr am Hügel auch seine Paraderolle, den Tristan singt, lässt das Vibrato allzu breit schwingen, hat Probleme mit einer konzentrierten Fokussierung von Legato, wirkt auch in der Phrasierung und dem fiebrigen Brio von Tannhäusers Bekenntnis-Strophen im zweiten Akt holprig. Dafür bewältigt er die gefürchteten „Erbarm dich mein!“-Rufe mehr als achtbar und hat seinen gestalterischen Höhepunkt in der wortbewussten Rom-Erzählung im dritten Akt, in der er die ganze Resignation, Gebrochenheit und grelle Verzweiflung des unversühnten Erdenpilgers herausbrechen lässt.

Glänzt in der kurzen Rolle des Hirten: Katharina Konradi. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele 2019

Glänzt in der kurzen Rolle des Hirten: Katharina Konradi. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele 2019

Markus Eiche kann als Wolfram von Eschenbach für sich einnehmen. Er ist nicht der salbungsvoll entsagende Anbeter des Liebesbronnens: Die beobachtende Videokamera verfolgt seine verzweifelten Ausbrüche hinter den Kulissen, als die alte Liebe zwischen Tannhäuser und Elisabeth im Duett des zweiten Akts wieder aufkeimt. Im dritten Akt verlässt er – berechnend oder überzeugt – die gesellschaftliche Konvention der Wartburg, zieht das Narrengewand und die Perücke Tannhäusers über und erringt so, wenn vielleicht auch nicht die Seele, so wenigstens den Körper Elisabeths. Eiche singt passend zur Inszenierung seinen Wolfram nicht lyrisch verschattet, sondern präsent und viril, mit klarem Timbre und präziser Diktion. Stephen Milling prunkt als Landgraf mit einem stets abgesicherten Bass. Sehr überzeugend war Katharina Konradi in der kleinen Rolle des Hirten.

Fragen zur Jahrhundertstimme

Schon jetzt als Jahrhundertstimme gehandelt wird die Elisabeth Lise Davidsen. Rechtzeitig zum Debüt am Hügel erschien ihr erstes Doppelalbum mit Wagner- und Strauss-Aufnahmen. Die Elisabeth hatte die junge Norwegerin bereits 2019 in Zürich ausprobiert. Ein gut kalkuliertes Debüt also. In der Tat sind ihr sattfarbiges Timbre, ihre Flexibilität im Piano, ihre gewinnende Innigkeit in der zweiten und ihre strahlende Präsenz in der Hallen-Arie bemerkenswert. Aber auch sie kommt nicht ohne erhebliches Vibrato aus; außerdem scheint es, als verliere sie beim Übergang vom Piano ins Forte die Souveränität über den Atem – es klingt, als müsse sie auf die Stimme Druck ausüben. Bei aller Bewunderung für dieses Debüt sei vor allzu schnellem Hochstilisieren gewarnt.

Die Verpflichtung des internationalen Jet-Set-Dirigenten Valery Gergiev lässt sich nur als Fehlgriff qualifizieren: Selten noch spielte das Festspiel-Orchester eine so marginalisierte Rolle, selten noch brachte ein Dirigent so wenig persönliche Note ein. Sicher gab es bezaubernde lyrische Momente, öfter aber irritierend flaue Konturen. Es fehlt Tiefenschärfe, Entschiedenheit im Zugriff und spannungsvolle Steigerungen. Gergiev hat – so ist bei seinem Terminkalender zu vermuten – die Proben weitgehend seinen Assistenten überlassen. Keine Rede von der früheren „Werkstatt“ Bayreuth, in der auch ein Dirigent „seine“ Produktion von Anfang bis Ende betreute und über die erste Spielzeit hinaus am Ausdruck feilte.

Nächstes Jahr bereits wird der Düsseldorfer GMD Axel Kober den „Tannhäuser“ übernehmen; Gergiev hat das Festspielhaus in der Liste seiner berühmten Auftrittsorte abgehakt – Schluss. Dies zu beklagen, ist keine Nostalgie; bei Wolfgang Wagner hätte es das nicht gegeben. Auch deshalb mag es gut sein, dass mit dem „Ring“ 2020 ein unverbrauchter und vielleicht engagiert für und in Bayreuth arbeitender junger Dirigent, Pietari Inkinen, betraut wird. In der Premiere gab es verständliche Buhs für Gergiev und weniger verständliche für Le Gateau Chocolat; in der zweiten Vorstellung beklatschte ein enthusiastisches Publikum alle Künstler gleich begeistert.




„Stadtbeschreiber*in 2020“ in Dortmund ausgeschrieben – Halbherziges Sponsoring schlägt kluges Mäzenatentum

Erst hatte das Ruhrgebiet gar keinen Stadtschreiber, nun hat es gleich drei, wenn  auch in wechselnder Gestalt: den Stadtschreiber Ruhr, den Straßenschreiber Oberhausen sowie die neu ausgeschriebene Autorinnen- und-Autoren-ABM in Dortmund, die genderkorrekt als „Stadtbeschreiber*in“ etikettiert wurde. Dieses Literaturstipendium ist nicht allzu schlecht ausgestattet, doch wird der/die „Stadtbeschreiber*in“ kräftig ins Korsett von Marketing und Kulturbetrieb geschnürt – wie so viele Stadtschreiber anderswo auch.

Jürgen Brocan bei der Literaturpreisverleihung Ruhr 2016. Foto: Jörg Briese

Jürgen Brôcan bei der Literaturpreisverleihung Ruhr 2016. Foto: Jörg Briese

Es ist erst wenige Tage her, da hat der Dortmunder Schriftsteller Jürgen Brôcan (Literaturpreis Ruhr 2016) hier bei den Revierpassagen in einer Polemik Dortmund eine Stadt genannt, „die auf ihre Schriftsteller sch….“. Eine Abwasserkanalsanierung und der dazugehörige Lärm machten ihm für Wochen jeden Schreibversuch in seiner Wohnung zur Höllenqual. Brôcan konterte mit Lesungsboykott und buchstäblicher Dortmund-Abstinenz:

„Eins weiß ich aber sicher: Ich werde in Dortmund keine Lesung aus meinen Büchern mehr veranstalten – außer der einen bereits vertraglich vereinbarten – und ich werde keine weiteren Texte mehr über diese Stadt schreiben, die ich mehr als einmal zu einer der interessantesten der Welt erklärt habe; denn ein solches Prädikat verdient sie nicht länger.“

Vollmöbliert

Ganz unabhängig davon, aber vor allem um des guten Rufs, sprich: Stadtmarketings willen, möchte die Stadt  Dortmund jetzt eine „Stadtbeschreiber*innen“-Stelle einrichten: „Deutschsprachige Autorinnen und Autoren sind eingeladen, sich bis zum 30. September 2019 zu bewerben, um im Folgejahr sechs Monate in Dortmund zu leben und zu arbeiten.“
Na, wenn das keine Verlockung ist.
„Es wird eine möblierte Wohnung entgeltfrei in der Nähe des Literaturhauses zur Verfügung gestellt (voraussichtlich von Mai bis Oktober 2020). Das Stipendium beinhaltet eine monatliche Zahlung in Höhe von 1.800 Euro. Es besteht Residenzpflicht während der Dauer des Stipendiums.“

Wohnhaft in DO

Über solche Stipendien ist viel gelästert worden. Obwohl Dortmund hier finanziell (brutto!) mehr bietet als viele andere Stadt(be)schreiber-Anbieter des öffentlich subventionierten Literaturbetriebs, drängt sich eine Frage unweigerlich auf: Wie soll z.B. ein verheirateter Autor aus Berlin oder München die laufenden Kosten für Wohnung, Familie, Steuern, Sozialabgaben und Versicherungen am Heimatort noch angemessen bestreiten, wenn Dortmund den Autor gern für ein halbes Jahr ganz für sich allein hätte – und zwar mit Haut und Haar?

„Das Stipendium wird vom Kulturbüro Dortmund in enger Kooperation mit dem Literaturhaus Dortmund vergeben und fördert die Einführung (sic! GH) des/der Stadtbeschreiber/in in die Stadtgesellschaft und die regionale Literaturszene. (…) Eine engagierte Kontaktaufnahme in die (sic! GH) lokale Literaturszene wird vorausgesetzt und unterstützt (mehrere Lesungen – zum Teil mit anderen Autoren/innen, Zusammenarbeit u.a. mit der Volkshochschule Dortmund, der Stadt- und Landesbibliothek, Schulen und weiteren Akteuren/innen der Stadtgesellschaft).“

Solch Über-Forderungskatalog riecht ziemlich streng danach, dass man sich den Stadtbeschreiber als vogelfreien ledigen Knecht vorzustellen hat, der Formen der Selbstausbeutung unter dem Mäntelchen der Literaturförderung bereitwillig hinnimmt. Dem Schrift- als Bittsteller wäre dann wohl deutlich eher Resilienz als Residenz dringend anzuraten.

Abgestandene Aufbruchsrhetorik und Innovationssimulation

Screenshot „Stadtbeschreiber*in“

„Das Stipendium bezieht sich auf die Transformation der Stadt Dortmund vom Produktionsort der Montanindustrie zum Standort von Wissenschaft, IT, Logistik und Dienstleistungen sowie den damit verbundenen ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüchen.“

Gemeint ist wahrscheinlich: Das Schreiben des Stipendiaten soll möglichst Bezug nehmen auf … Doch warum sich mit Sprache abmühen, wenn es um Literatur geht? Wundern kann das nur jene, die nicht ahnen, was alles schiefgehen kann, wenn Politik sich in den Kopf gesetzt hat, Literaten zu fördern oder jene Subventionspoeten, die sie dafür halten. Doch es geht immer noch schlimmer:

„Die Ausschreibung richtet sich an Autor/innen, die sich – nicht im Sinne einer Chronik, sondern in literarischer Form – mit der Transformation des Urbanen und ihren Mentalitätsverschiebungen, alternativen Lebensentwürfen und Sinnkonstruktionen im Wandel auseinandersetzen.“ Dass Autoren sich in literarischer Form auseinandersetzen, hätte man getrost voraussetzen dürfen, aber was genau setzt man voraus, wenn man von „Transformation des Urbanen“, „Mentalitätsverschiebungen“ oder „Sinnkonstruktionen im Wandel“ philosophastert? So schnattern Gänse, die dazugehören wollen, jedenfalls zu jenen Gänsen, die auch so schnattern und auch nicht wissen, was sie eigentlich mitteilen wollen. Siehe dazu auch das Imponiervokabular von Urbane Künste Ruhr oder den Jargon der Peinlichkeit bei Ecce.

Sprachmüll und Impuls-Verleih

Ganz im Nebel des Ungefähren entschwindet die Ausschreibung mit den folgenden Worten: „Ihre schöpferische Qualität soll den Diskursen der Neuen Urbanität aktuelle Impulse verleihen.“ Kürzt man diesen Satz, wird der Bullshit nur umso deutlicher: Qualität soll Diskursen Impulse verleihen! Ja, wenn’s weiter nichts ist. Richtig übel aber dürfte es werden, wenn Kommunalpolitiker und Kulturbeamte irgendwann den Stadtbeschreiber an diesem Sprachmüll messen und also einfordern werden, dass er neben ihrer Aufgeblasenheit auch Selbstgeblähtes medienwirksam vertritt.

No content to go, please!

Es ist aber nicht die Aufgabe der Autoren, der Literatur und Literaturförderung, die Schmiermittel für Wirtschaftsförderung und Politikrepräsentation zu liefern. Stadtwerbung, Marketing-Kompatibilität und daraus notwendig folgende Political Correctness waren noch nie Gütekriterien für Literatur, ganz im Gegenteil. Marketing will immer gelungenen Image-Transfer. Städte möchten in der Außendarstellung gern als jung, dynamisch und zukunftsweisend wahrgenommen werden. Literatur ist dies alles bestenfalls mit ironischem Gestus. Literatur spricht eher übers Scheitern, über Abgründe und Krisenverlierer. Mit Literatur ist kein Staat und keine Stadt zu machen, auch keine sofort lösliche Wirtschaftsförderung.

Literatur nützt einer Stadt nicht unmittelbar; am besten wirbt die noch mit toten Autoren, siehe „Goethestadt Bad Lauchstädt“. Bestenfalls aber nützt es einer Kommune, wenn dort eine ästhetisch wie politisch komplexe Literatur entsteht, gelesen und diskutiert wird. So wächst kritisches Selbstbewusstsein der Bürger. Dies zu fördern, setzt allerdings ein mäzenatisches, also Freiräume für Fantasie schaffendes Verständnis von Kunst und Kultur voraus, damit auch souveräne und sprachfähige Politiker, die wiederum selbst zu fördern bereit wären, was uns alle intellektuell nicht unterfordert.




Zum Tod von Brigitte Kronauer – eine Impression aus dem Herbst 2005

Ein großer Verlust für die deutsche Gegenwarts-Literatur: Die in Essen geborene Schriftstellerin Brigitte Kronauer ist mit 78 Jahren gestorben. Hier noch einmal eine kurze Impression von einer Lesung in Dortmund. Es war im November 2005. Brigitte Kronauer hatte kurz vorher den Büchner-Preis erhalten:

Brigitte Kronauer im November 2013 im Düsseldorfer Heine-Haus. (Wikimedia Commons: Udoweier / Link zur Lizenz:https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

Brigitte Kronauer am 13. November 2013 im Düsseldorfer Heine-Haus. (Wikimedia Commons: Udoweier / Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

Von Bernd Berke

Dortmund. Erst seit wenigen Tagen ist Brigitte Kronauer (64) Trägerin des Büchner-Preises. Mit derlei höchsten Weihen versehen, war sie jetzt zu einer Lesung der Dortmunder Reihe „Kultur im Tortenstück“ zu Gast.

Man darf die Veranstaltung im Harenberg City-Center getrost als Rarität bezeichnen. Wie die Autorin im persönlichen Gespräch sagt, scheut sie vor längeren Lesereisen aus guten Gründen zurück. Sich dermaßen öffentlich preiszugeben, vertrüge sich nicht mit dem innigen Wunsch, die eigene Wahrnehmung der Welt in Ruhe reifen zu lassen.

Kronauer liest u. a. aus dem soeben bei Klett-Cotta erschienenen Sammelband „Feuer und Skepsis – Einlesebuch“. Auch hat sie ihr Reclam-Bändchen „Die Tricks der Diva“ bei sich. Dass sie in dieser gelben Heftreihe erscheint, ist ein Signal: Achtung, Klassikerin der Gegenwart! Sehr gepflegte Sprache! Bei ihrem Vortrag scheint hin und wieder die Lehrerin durchzuschimmern, die die gebürtige Essenerin einst (bis 1974) gewesen ist. Also lauscht man brav.

Deuten auf eine Art Klassikerstatus hin: Texte im Reclamheft. (© Reclam)

Deuten auf eine Art Klassikerstatus hin: Texte im Reclamheft. (© Reclam)

Manchen Kritikern galt sie zu Zeiten als „abgehoben“ und weltabgewandt. So ziemlich das Gegenteil ist der Fall. Alltägliches Frauendasein, Tiere, Natur, Kinder – sind das etwa entlegene Sujets? Sie greift zunächst mitten ins Leben hinein, wendet es freilich um und um, legt feinmaschige Sprachnetze darüber.

Es öffnen sich somit Blicke in andere Sphären des Bewusstseins, durch die Ritzen gewohnter „Wirklichkeit“ hindurch: Man vernimmt in Dortmund eine schwermütige und doch trostreiche Kindheitserinnerung über existenzielle Hilflosigkeit vor einer allzu üppigen Portion Griesbrei. Eine Kindergarten-Geschichte handelt von verwöhnten, sündhaft teuer herausgeputzten Sprösslingen piekfeiner Mütter. Gleichsam als „Untote“ geistern die vordem so goldigen Kleinen schließlich umher. Ein nobles Viertel in Kronauers Wohnort Hamburg bildet hierfür die Folie.

Eine weitere Passage spielt auf der Frankfurter Buchmesse, wo eine glamouröse Filmschönheit ihre gehabten Liebschaften öffentlich ausbreitet. Hier gleitet die Perspektive aus der vermeintlich banalen Außenansicht ins Innenleben. Aber geht es dort wesentlich reicher zu? Ein kurzer Absatz der Natur-Ekstase, für den Kronauer sich beim Dortmunder Publikum vorab entschuldigt („Es dauert auch nur eineinhalb Minuten“), klingt denn doch gar nicht so exzessiv. Nein, abgehoben schreibt sie nicht, sondern durchaus erdnah; behutsames Entschweben inbegriffen.

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Der Text stand am 14. November 2005 in der Westfälischen Rundschau.




Die Landschaft des Schreibens kartographieren – „Literarische Orte im Ruhrgebiet“ jetzt als Buch

Gastautor Daniel Kasselmann über einen literarischen Ruhrgebietsführer:

Die Literaturkarte Ruhr wurde an der Ruhr-Universität Bochum erstellt. Im Oktober 2015 fand dort ein Seminar in den Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaften zusammen und setzte sich das Ziel, die vielseitige Literaturszene des Ruhrgebiets übersichtlich organisiert und für jeden zugänglich zu präsentieren.

Nach fünf Monaten der Recherche und der Erstellung von über 200 Markern stellte das Wissenschaftsteam die Karte online (www.literaturkarte.ruhr). Seitdem kann diese Karte ständig erweitert werden. Das Team der Literaturkarte Ruhr ruft dazu auf, weitere literarische Schauplätze, Institutionen oder Autoren des Ruhrgebiets zu ergänzen.

Schon über 300 Markierungspunkte

Die Wissenschaftler der Literaturkarte Ruhr haben inzwischen nicht nur über 300 Marker an Orten auf der Karte gesetzt (wo sich Literatur entweder institutionell konstituiert, das Ruhrgebiet als Schauplatz von Literatur dient oder Wohnort von Autoren ist), sie vermessen darüber hinaus das Format der literarischen Szene des Ruhrgebiets.

Nun hat der Klartext-Verlag für alle Leser 1.0 und Papierbuchliebhaber einige dieser Literaturschauplätze in Buchform herausgebracht, ausgewählt und aufbereitet von den Redaktionsmitgliedern Philip Behrendt, Anna Brendt, Tina Häntzschel, Stephanie Heimgartner, Leonie Hohmann, Caroline Königs und Sofie Mörchen.

Texte aus drei Jahrhunderten zeigen die literarische Vielfalt und Wandelbarkeit des Ruhrgebiets. Anhand von über 30 Orten kann man die literarische Seite des Ruhrgebiets mit dem Buch „Literarische Orte im Ruhrgebiet. Wegweiser zu Schauplätzen der Literatur“ entdecken.

Nicht nur „Klassiker“, sondern auch Geheimtipps

Zu jedem Ort gibt es einen Literatursteckbrief mit Angaben zu Ort, Adresse, Koordinaten, ÖPNV-Anbindung und dem bezugnehmenden literarischen Werk.  Aufmacher ist sodann jeweils ein Text über das literarische Werk, es folgen Hintergrundinformationen zu Ort und Autor, außerdem Verweise zur weiteren Literatur und allgemeine Infos.

Die Reihenfolge der Orte ist streng alphabetisch – von Bochum über Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, Hattingen, Marl, Oberhausen, Recklinghausen bis Wetter. Das ist deshalb gewöhnungsbedürftig, weil zum Beispiel auf Frank Goosens „Sommerfest“ (Bochum) die „Jobsiade“ von Carl Arnold Kortum (ebenfalls Bochum) folgt. Es macht die Lektüre aber auch spannend, wird man doch literarisch von einem Jahrhundert in ein anderes katapultiert.

Neben den Klassikern wie „Jobsiade“ und „Milch und Kohle“ finden sich literarische Geheimtipps wie „Endstation Emscher“, „Ruhrtal-Sagen“ und „Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte“.

„Literarische Orte im Ruhrgebiet“ ist ein weiterer Beleg dafür, dass wir es mit einer sehr lebendigen und geschichtsreichen Szene zu tun haben. Das Ruhrgebiet hat eine eigene Tradition, eine genuine „Handschrift“.

Behrendt / Brendt / Häntzschel / Heimgartner / Hohmann / Königs / Mörchen: „Literarische Orte im Ruhrgebiet. Wegweiser zu Schauplätzen der Literatur.“  Klartext Verlag, Essen 2019. 144 Seiten, Broschur 16,95 €.




Er ist allein – Hamlets traurige Einsamkeit, von Johan Simons in Bochum so kühl wie tiefgründig inszeniert

Hamlet (Sandra Hüller) ganz allein in seiner Not. Foto: JU Bochum

„Er ist allein“! Das ist der Schlüsselsatz. Wie ein Mantra wird er durchs gesamte Drama getragen, ernst, fast maschinenhaft ausgesprochen.

Vor allem fehlt jegliches Pathos. Wie eben im ganzen Stück zwar der hehre Ton und der flapsige Ton, der schnoddrige Ton und der inbrünstige Ton sich ausbreiten, Schwulst oder Manierismus aber gänzlich ausbleiben. Kühl wirkt das bisweilen, klingt nach Verlorenheit und Einsamkeit. Ja, er ist allein, Shakespeares „Hamlet“ in Johan Simons’ Inszenierung am Bochumer Schauspielhaus.

Der Blick auf den rechteckigen, weiß getünchten Bühnenboden, darauf die Figuren sich oft in Grüppchen formieren, in einer Art minimalistischer Choreographie, zeugt ebenfalls von Kälte, Abstraktion, Reduktion. Zumal diese weit aufgerissene Bühne, von Johannes Schütz erdacht, nichts weiter birgt als einige Eisenkugelfelder im Hintergrund und eine Art Riesenmobile im Zentrum. Ein wuchtiges Gestänge hält vorn einen großen, weißen Ballon, hinten ein gewaltiges Bronzeblech. Sonst ist da nichts. Und wenn in diesem „Nichts“ die Beteiligten des Dramas zu Beginn nebeneinander Aufstellung nehmen, dann wirken sie allesamt wie Verlorene, Alleingelassene. Jeder mit seiner Tat, seinem Fühlen, seinem Gewissen.

Simons, der schon in seiner „Penthesilea“-Deutung auf äußerste Verknappung setzte – als Zweipersonendrama hinter einem blendend weißen Lichtstreifen –,  reduziert auch den „Hamlet“ auf eine wie unter dem Mikroskop zu beobachtende Folge von Personenkonstellationen. Oft unterstreicht Stille das zuvor Gesagte, illustrieren abgezirkelte Zeichen das Gesprochene. Dazu Mieko Suzukis wabernde, flirrende, rauschende elektronische Klänge, allemal unheimlich wirkend, aber auch fremd wie vom anderen Planeten. „Hamlet“ in Bochum – ein Drama unter Laborbedingungen.

Wundersame Zeichen: Ophelia (Gina Haller), Hamlets alter Ego im hellen Licht. Foto: JU Bochum

Den Schluss daraus zu ziehen, hier herrsche die gefühlsarme Askese, hier dominiere nahezu klinische Sterilität, käme jedoch einem verengten Blickwinkel gleich. Simons’ Inszenierung erwächst vielmehr aus dem Geist der Einsamkeit, des Zweifels. Nicht spektakuläre Action setzt das Publikum unter Spannung, sondern das Bemühen der Figuren, mittels Maskerade ihre Schwäche und Schuld zu kaschieren. Einzig Hamlet spricht die Wahrheit aus, die er in der Theater-auf-dem-Theater-Szene nachstellt: wie seinem Vater Gift ins Ohr geträufelt wurde, von dessen eigenem Bruder. In diesem „Spiel“ indes wird alle Distanz abgestreift, herrschen Raserei und Hysterie.

Sandra Hüller ist Hamlet. Sie gibt sich sanft, fast schüchtern, ist umflort von düsteren Gedanken, scheut andererseits nicht zurück vor messerscharfen Erkenntnissen, formuliert aus dem Geist der Logik. Nur dann schlägt ihre Stimme ins Monströse um, wenn der gemeuchelte Vater aus ihr, aus Hamlet spricht. Hüller spielt dezent, erlaubt sich kaum emotionale Entäußerung. Dieser Hamlet wägt ab, zögert, kalkuliert und berechnet, wann es Zeit ist, seinen Onkel, Claudius, den Vatermörder, zu töten. Stefan Hunstein verleiht diesem Emporkömmling wackelige Würde, will dem angeblich wunderlich gewordenen Hamlet helfen, wird dabei aber zum tragischen Herrscher, der die Jugend nicht versteht. Der die tiefe Trauer des Vaterlosen nicht sieht, dessen Alleinsein, und ihn deshalb zum Verrückten erklärt.

Hamlets Mutter Gertrud mag ähnlich denken, doch Mercy Dorcas Otieno glänzt mit standhaftem Selbstbewusstsein. Beider Begegnung ist von unwirklicher Art: pendelnd zwischen Hass, Sorge und wilder Kabbelei. So wird Hamlets erstes Opfer, aus einer Unachtsamkeit heraus, der königliche Berater Polonius. In Gestalt von Bernd Rademacher entpuppt er sich freilich als Intrigenschmied, der von oben herab und arrogant seine Weisheiten von sich gibt, wenn auch gern in freundlichsten Tonfall gehüllt. Derart aalglatt verbietet er kurzerhand seiner Tochter Ophelia den Umgang mit Hamlet.

Totengräbers Stunde im Reich der Abstraktion – Jing Xiang rollt metallene Kugeln, Symbole für längst verblichene Schädel. Foto: JU Bochum

Die sich freilich, verkörpert durch die so wunderbar verspielte wie ernste, mitunter etwas zu burschikose Gina Haller, zunächst wenig sagen lässt, an Hamlets Seite vielmehr wie dessen alter Ego auftritt. Es ist eine seltsame Liebe, die beide verbindet, die letzthin in Zweifel und Distanz, in Ophelias Wahn und Tod mündet. Wie am Ende ohnehin die Stunde der Totengräber kommt: der somnambulen Ann Göbel, die Hamlets Alleinsein als einzige erkennt sowie der draufgängerischen Jing Xiang. Der helle Bühnenboden wird zum Duellplatz von Hamlet und Ophelias rachegetriebenem Bruder Laertes (Dominik Dos-Reis), die sich wechselseitig mit vergiftetem Degen umbringen. Zugleich ist diese Stätte Gertruds und Claudius’ Grab.

Auch dieses letzte Bild ist trotz aller bedeutungsvollen Tragik von kühler Eleganz. Johan Simons’ Inszenierung zeigt ein Labor verlorener Seelen. Sein Verzicht auf Drastik ist zugleich ein Gewinn an Ausdruckstiefe und Größe.

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(„Hamlet“ wird in der Spielzeit 2019/20 wieder aufgenommen. Die nächsten Vorstellungen gibt es am 17., 20. und 24. Oktober. www.schauspielhausbochum.de)




„Was dann nachher so schön fliegt …“ – Hilmar Klutes Roman startet durch, schwebt, kommt ins Trudeln und stürzt doch nicht ab

Ruhrprovinz der 80er-Jahre, jüngere deutsche Literaturgeschichte, Literaturbetrieb und Autoreneitelkeiten: Das sind nur einige der Themen des erfrischenden und nur gelegentlich nervenden Klute-Romans, dessen Ungereimtheiten ein guter Lektor hätte ausbessern müssen.

Der Schriftsteller Hilmar Klute (Foto: © Jan Konitzki)

Der Schriftsteller Hilmar Klute (Foto: © Jan Konitzki)

Was für ein schöner und ärgerlicher Text ist doch der 365 Seiten starke Roman Hilmar Klutes, der in der Süddeutschen Zeitung die Kolumne „Streiflicht“ mitverantwortet und neben einem Kriminalroman auch eine lesenswerte Ringelnatz-Biografie vorgelegt hat. Den Titel seines Romans hat sich Klute bei Peter Rühmkorf ausgeborgt, er lautet wie die Anfangszeile des Parlandogedichts „Phönix voran“: „Was dann nachher so schön fliegt…“ heißt es da und entzaubernd-lakonisch in der zweiten Zeile: „wie lange ist darauf rumgebrütet worden.“

Lange gebrütet haben dürfte der 1967 in Bochum geborene Klute auch an seinem hochfliegenden Entwicklungs-(Verzeihung: Coming of Age-)Roman, der bereits 2018 im Galiani Verlag erschien und mittlerweile seine vierte Auflage erlebt.

Der Roman wurde von der Kritik gelobt bis gefeiert, vor allem Christine Westermann gab sich im Literarischen Quartett gewohnt sturzbetroffen: „Ich bin total begeistert. Es ist immer so blöd, wenn man sagt ,Mein Lieblingsbuch des Jahres’, aber das kommt dicht dran. … Dieser Mann hat eine unglaublich feine Sprachkraft.“ Ja, hat er, aber auch eine Kritik verdient, die ein paar Argumente böte.

Drei Erzählebenen, ineinander verwoben

Herbst 1986, Orte und handelnde Personen der ersten Ebene stammen vor allem aus dem Ruhrgebiet. Der Zivildienstleistende Volker Winterberg hat ein eher mäßiges Abitur abgelegt, versteht sich als Lyriker und erklärt gleich zu Beginn des Romans „Ich wollte schreiben und irgendwann mit dem Schreiben mein Auskommen finden.“ Das ist sympathisch größenwahnsinnig, vor allem für einen Lyriker, zumal die wenigen Gedichte Winterbergs, die uns der Roman präsentiert, noch weit entfernt sind von dem, was dann auch immer so schön „eine eigene Stimme“ heißt.

Klute zeichnet seinen janusgesichtigen Möchtergernschreiber zwischen Selbstbehauptung und Wachstumsschmerzen mit viel Sympathie. Winterberg scheint ein Womanizer zu sein, hat Charme, Witz, zeigt gelegentlich sogar Selbstironie, hat aber lieber noch beißenden Spott für seinen Mitmenschen übrig. Dass er mitunter auch zum literarischen Scharfrichter werden kann, ist einer der rigorosen Züge Winterbergs, der vorschnelle Urteile nicht scheut.

Artist im Altenheim, ratlos

Nach einem Kurztrip des irrlichternden Jünglings, dessen Ziel Paris ist, wird er als Berufslyriker in spe zunächst einmal zwischengelagert: als Zivi im funktionalen Leerlauf eines Bochumer Altenheims. Was er dort erlebt, in welcher Sprache er davon erzählt, das findet der Leser in den stärksten Passagen des Romans. Das Altenheim bietet ein Panoptikum der Debilen und Dementen im Wartezimmer des Todes. „Ich betrachtete Herrn Feist und begann mich in die Idee der Verblödung zu verlieben. Wenn sich die Argumente selbst genügen und keinen Abgleich mit den Argumenten der anderen benötigten, hatte man sich dann nicht ein Königreich zurückerobert?“, so beschreibt Winterberg die Lage an der Arschabwischfront.

Die Pfleger halten sich das Elend der Alten durch Routine, Verachtung und Zynismus vom Leib. Mit einer dreizehn Jahre älteren Pflegerin fängt Winterberg ein pragmatisches Verhältnis an: „Ich hatte keine große Lust auf den Sex mit Erika. Mein Schwerpunkt lag ja auch mehr auf der Lyrik (…)“. Die dröhnend-antifaschistische Erika liest dem Jüngling nicht nur die politischen Leviten, man trifft sich in einem Liebesnest und Erika ist es auch, die dem 20-Jährigen beisteht, wenn Gegenwind aufkommt, weil er sich als unsicher-arroganter Kotzbrocken mal wieder offiziell über die Kollegen beschwert, sie direkt abmeiert oder sich zum Schluss von Freunden mit dem Transparent „Hier regiert die Mittelmäßigkeit“ verabschieden lässt. Doch wo Arbeitstristesse lauert, wächst das Rettende auch: In der WAZ liest Winterberg von einem Jungautoren-Wettbewerb der Berliner Festspiele, bewirbt sich und wird tatsächlich eingeladen.

Hauptstadtzirkus mit Nebenwirkungen

Die Reise nach Berlin, die Begegnungen rund um ein Schreibseminar im Literaturhaus an der Fasanenstraße gehören zur zweiten Erzählebene des Romans, verwoben mit der dritten, jenen Tagträumereien, in denen sich Winterberg zwischen den Nachkriegsgrößen der westdeutschen Literatur auf Treffen der Gruppe 47 imaginiert, mal als Teilnehmer, mal als Organisator, aber nie auf dem berüchtigten elektrischen Stuhl neben Hans Werner Richter.

In Berlin trifft Volker Winterberg, „aufgeladen (…) mit der Erwartung an ein anderes Leben“, auf Katja, „eine Servicekraft der Literaturförderung“. Zwischen beiden wird sich im Laufe des Romans so etwas wie eine Liebesgeschichte entwickeln, die nach der Rückkehr ins Ruhrgebiet und einem neuerlichen Besuch in Berlin sachte versandet. Winterberg findet aber auch einen Gegenspieler, Freund, schwulen Verehrer, ausgebufften Karrieristen, romantisch-sensiblen Schreiber, Großtöner: Thomas heißt der und Klute zeichnet ihn differenziert und verletzlich. Irgendwann versucht Thomas vor dem Kleist-Grab Volker zu küssen und muss danach mit der Abfuhr leben.

Sind Katja und Thomas noch komplexe Figuren des Berliner Personals, so finden sich neben ihnen viele überzeichnete Typen, Karikaturen des Literaturbetriebs allesamt. Leiter von Schreibworkshops erhalten ebenso ihr Fett weg wie die jungen Kollegen und Konkurrenten Winterbergs: Sensibelchen, die Blümchen-Lyrik schreiben, junge Wilde, Science-Fiction-Nerds oder Dichterdarsteller mit Ewigkeits-Anspruch. Dass Texte in den Achtzigern bitteschön „Suchbewegungen“ zu vollführen haben, wird ebenso veräppelt wie impotente Schriftsteller, die sich aufs Trösten junger Poetinnen spezialisieren.

Er sieht das Ruhrgebiet endlich aus größerer Distanz

Winterberg selbst scheint an seinen Reisen nach Paris und Berlin zu wachsen, er lernt Facetten der Liebe kennen, sieht das Ruhrgebiet endlich aus größerer Distanz, setzt sich meinungsfreudig mit Texten und Theorien auseinander und lernt bei Berliner Losern: „Langsam und freundlich verrückt zu werden – das war auch eine Möglichkeit, ohne Schmerzen durchs Leben zu kommen.“

Bei den Bochumer Alten erlebt er andererseits, dass es „ungeheuer schwer“ ist, „im Alter ohne den Schatten der Demütigung zu leben“. Sein geliebtes Notizbuch, in dem er seine „Vorstellung vom alleinreisenden Dichter“ kultiviert, „der die Fremde sucht und aus der Fremde großartige Texte destilliert“, verbrennt Winterberg zum Schluss seiner Reisen, die ihn auch in die Nähe von Lebensorten Nicolas Borns führen. Er ist jetzt um Erfahrungen reicher und um Gewissheiten ärmer, und tritt doch neu und etwas pathetisch ein in den ewigen Kreislauf von Illusion und Enttäuschung: „Jetzt konnte ich endlich anfangen.“

Überfrachtung und Verstiegenheit

Unbestritten: Es ist wirklich beachtlich, wie Klute in „Was dann nachher so schön fliegt“ Roadmovie, Liebesgeschichte, Entwicklungsroman, fragmentarischen Künstlerroman, Satire und Personenporträts gekonnt montiert. Doch bei der oft gelungenen Montage unterlaufen ihm leider auch Konstruktionsfehler.

Der erste besteht darin, dass Klute seinen 20-jährigen Protagonisten in jeder Hinsicht mit literarischer Bildung und kritischer Weltsicht überfrachtet. Zu oft zieht da der Romancier seinen Helden an der kurzen Leine zu sich herüber, bis Winterberg als Figur und Sprecher immer unglaubwürdiger wird, weil er so alt und klug fabuliert, wie er es nie und nimmer sein kann. Das erinnert an jene enervierenden Kinderbücher, in denen der Autor die Kinder zum Sprachrohr eines pädagogisch-aufklärerischen Programms macht und ihnen so die Luft zum Atmen nimmt.

Dabei kann man noch einverstanden sein mit dem, was Klutes Winterberg zu fiktiv-realen und erträumten Begegnungen mit seinen Idolen Rühmkorf, Heiner Müller oder Günter Eich zu erzählen weiß. Aber wenn dem Leser nach vielfach ermüdendem Name-Dropping auf zwei Buchseiten noch einmal fünf Lyriker und Zitate (Born, Rilke, Benn, Fried, Bachmann; S. 244/45) um die Ohren gehauen werden, klingt all das mehr nach Seminararbeit als nach virtuosem Roman.

Solche Verstiegenheit schlägt sich auch sprachlich nieder, wenn Winterberg etwa räsoniert: „,Du gehörst in eine richtige Autorenschule, lieber Volker‘, sagte er wie ein C3-Professor, der einem leicht bräsig wirkenden, aber mit vielen Talenten gesegneten Studenten eine miserabel bezahlte HiWi-Stelle anbieten will.“ Und über Erika gründelt er: „(…) Erika, die jetzt neben ihrem alten Lebensgefährten schlief, ohne schlechtes Gewissen, weil die Promiskuität eine Gratisbeigabe ihrer Generation war.“

Das und vieles mehr sagt ein 20-Jähriger? Wer’s glaubt. Jedenfalls scheint die Figurenperspektive eines zugegeben aufgeweckten Jünglings reichlich oft durchlöchert und es ist der Autor, der als Bescheidwisser durch eben diese Löcher grüßt. Da hilft es auch nicht, wenn Winterberg – kritischen Einwänden vorbeugend – von seiner „kleinen dandyhaften Verächtlichkeit des verblasenen Klugscheißers“ sprechen darf. Das gibt zwar erzählerischen Spielraum für allerhand Bildungsprotzerei mit Angelesenem, erlaubt aber beileibe nicht, den Horizont der Figur durch den des Autors zu ersetzen.

Tagträumen als Vorwand

Genau dies führt direkt zum zweiten Konstruktionsfehler des Romans. Klutes Hang, dem Jungautor der 80er-Jahre auch eigene Ansichten unterzujubeln, führt oft zu einer Kulissen- und Figurenschieberei, bei der Klute ganz nach Belieben die Mitglieder der Gruppe 47 oder kleinere Literaturlichter des Ruhrgebiets wie Hugo Ernst Käufer bloß als grob geschnitzte  Marionetten auftreten lässt, Kritikerschelte übt und ganze Literaturströmungen abmahnt.

Zwar wird dies alles im Roman als Tagträumerei des Protagonisten ausgewiesen, scheint dem Autor von heute aber vor allem Lizenz dafür zu sein, angelesenes oder eigenes Insider-Wissen über die Gruppe 47, Nachkriegsliteratur, die literarische Szene des Ruhrgebiets und den Literaturbetrieb insgesamt auszustellen, weit über jede Lebens- oder Lese-Erfahrung eines 20-Jährigen hinaus. Wie das tapfere Schneiderlein erledigt Winterberg alias Klute z. B. die wichtigsten Vertreter der konkrete Poesie mit nur wenigen Zeilen, Jandl lässt er gar mit einem Satz verschwinden: „Die Sprache ist doch viel, viel schöner als alle deine Gedichte, Ernst Jandl.“

Problematisch auch, wenn Hilmar Klute den jungen Winterberg übers Ruhrgebiet immer mal wieder so sprechen lässt, wie es einst der bewunderte Nicolas Born tat. In solchen Romanpartikeln kommt Klute selten über mittlerweile veraltete Stadt- und Landschaftsschilderungen Borns hinaus, wie man sie kennt aus dessen Gedichten, Briefen oder ersten beiden Romanen „Der zweite Tag“ und „Die erdabgewandte Seite der Geschichte“. Da, wo Winterberg per Intercity das Ruhrgebiet verlässt oder wieder ins Revier einfährt und dies kommentiert, tönt es fast wie beim frühen Born selbst, geschrieben aber ist es eben Jahrzehnte später.

Jungautor als Poetenschreck demontiert vor allem sich selbst

Tatsächlich peinlich berührt ist man als Leser da, wo Klute seinen Winterberg über Erich Fried schwadronieren lässt, den er im Sommer 1986 in Recklinghausen sieht und hört. „Fried war eine groteske Erscheinung, ein übergroßer Kopf auf einem kleinen gedrungenen Körper – der Mann sah aus, als sei er aus zwei verschiedenen Menschen zusammengeschraubt worden. Er gab sich betont gebrechlich, kam immer erschöpft lächelnd in den Raum, auf einen hellen Stock gestützt, in der anderen Hand eine Plastiktüte mit seinen Gedichtbänden, die er alle bereits signiert hatte.“

(Nun, das sei dem sprachverliebten Romanhelden, dessen Autor wie dessen Lektor doch vorgehalten: Es muss zu Anfang selbstverständlich heißen: „- der Mann sah aus, als wäre er“, bitte ändern!)

Arg verspätetes Fried-Bashing, dreist aufgebügelt

Fried-Bashing findet man noch einige Male in Klutes Roman, ein alter Hut des bundesdeutschen Feuilletons, schäbig und abgetragen, hier noch einmal ohne Not dürftig aufgebügelt. Warum ein 2018 erscheinender Roman seinen Protagonisten dieses Zeugs noch einmal aufsagen lässt, bleibt unerklärlich, da wird kraftmeierisch nachgetreten ins Leere. Zudem: Die körperlichen Besonderheiten des aus Nazi-Deutschland geflohenen Fried so abgeschmackt zur Sprache zu bringen, das ist schlicht stillos vorgetragen, wenn nicht vom ahnungslosen Protagonisten, so doch vom Autor.

Hilmar Klute hat bei einer Lesung im Literaturhaus Herne Ruhr erzählt, dass er als junger Mann (anders als sein Protagonist) Erich Fried „toll“ fand. Die Frage steht dennoch, ob man als Autor auf Effekte spekulierend einen Fried-Popanz aufbauen darf, um der eigenen Figur mehr dreiste Kontur zu geben. Was Klute seinem Jungautor in den Mund legt, kann und muss Klute einfach besser wissen, zumal der Roman und sein Held an Besserwisserischem sonst nicht sparen. Erich Fried jedenfalls hat im Sommer 1986 bereits zwei Darmkrebsoperationen hinter sich, er „gab“ sich nicht gebrechlich, er war gebrechlich. Er „kam immer erschöpft lächelnd in den Raum“? Ja, sicher, vielleicht, weil er oft erschöpft war?

Aber vielleicht wissen das Winterberg und sein Erfinder nicht? Jedenfalls geben sie pathetisch vor, John Donnes Gedichtzeile „Each man’s death diminishes me“ ernst zu nehmen, aber im Falle Frieds scheinen sie fahrlässig bloß damit zu spielen.

Hilmar Klute: „Was dann nachher so schön fliegt“. Roman. Verlag Galiani, Berlin. 365 Seiten, 22 Euro.




Nach dem Schaulaufen der Hochschulen: „Exzellenz“ im Ruhrgebiet? Nu ja ja, nu nee nee…

Als einzige Ruhrgebiets-Uni im Rennen um die elf Exzellenz-Plätze: die Ruhr-Uni Bochum (RUB). (Luftbild: © RUB/Marquard)

Als einzige Ruhrgebiets-Uni in der Endausscheidung um die elf Exzellenz-Plätze: die Ruhr-Uni Bochum (RUB). (Luftbild: © RUB/Marquard)

Mal etwas übertrieben gesagt: Es ist fast wieder wie zu Kaiser Wilhelms Zeiten, als es im Revier keine Alma Mater gab und auch keine geben sollte, damit die Malocher nicht geistig aufgewiegelt wurden. Und jetzt? Verhält es sich auf vielen Gebieten ganz anders. Aber eins gilt offenbar immer noch: Deutschland hat seit gestern offiziell elf Exzellenz-Universitäten – und keine einzige liegt im Ruhrgebiet.

Überregionale Blätter (sowohl die Frankfurter Allgemeine als auch die Süddeutsche Zeitung) lassen heute in ihren Kommentaren gehörige Skepsis erkennen, was das Verfahren und überhaupt die Sinnhaftigkeit einer solchen Bestenauswahl angeht. Zitat aus der FAZ: „Kriterien für die Kür gibt es ohnehin nicht, es entscheidet das Dafürhalten beim Betrachten von Folien und Prospekten.“ In der langwierigen Bewerbungsphase, so die FAZ glaubhaft weiter, kämen die Rektorate kaum zu etwas anderem als zur Entwicklung von Konzepten, die den Juroren gefallen könnten.

Ganz ohne Netzwerk geht die Chose nicht…

Man darf wohl argwöhnen, dass Lobbyarbeit und nicht zuletzt persönliche Beziehungs-Geflechte hier ebenso wichtig waren wie wissenschaftliche Einschätzungen. Auch stellt sich ja seit jeher die Frage, ob wirklich ganze Unis gekürt werden müssen oder ob es nicht sinnvoller wäre, bestimmte Forschungsbereiche auszuwählen und gezielt zu fördern. Aber nein! Auch hier hat sich der allgegenwärtige Ranking-Wahnsinn breitgemacht. Und die Sache mit den „Exzellenz-Clustern“ schwillt zusehends an: In der ersten Runde wurden vor Jahren drei Unis ausgeguckt, dann sechs, jetzt eben elf.

Ein paar Milliönchen (gar nicht so doll, nämlich je 10 bis 15 Mio. pro Gewinner) fließen nun für die nächsten sieben Jahre (lyrische Assoziation nach Fontane: „Ich hab‘ es getragen sieben Jahr, und ich kann es nicht tragen mehr…“) zusätzlich in die angeblich eh schon besonders exzellenten Hochschulen.

Ungleiche Verhältnisse werden bekräftigt

Zuletzt war häufig von den (un)gleichen Lebensverhältnissen in der Republik die Rede, werden hier nun die herrschenden Verhältnisse tendenziell zementiert? Wer laut Bewertung eh schon hat und kann, dem wird gegeben. Also driften die Universitäten womöglich noch weiter auseinander. Man kann darauf wetten, dass die Exzellenz-Unis nun schnellstens Ausschreibungen herausbringen, um sich mit Extra-Argumenten die (vermeintlich) allerbesten oder wenigstens die renommiertesten Fachkräfte zu sichern. Auch die „Süddeutsche“ befindet: „Kleine Unterschiede zwischen den Unis werden so immer größer. Die Breite verblasst. Die Hochschullandschaft zerfällt in zwei Klassen.“

Zurück ins Ruhrgebiet: In der Berichterstattung werden Duisburg/Essen sowie Dortmund nicht einmal erwähnt, sie standen überhaupt nicht zur Auswahl. Bielefeld und Siegen stehen auch nicht auf der Liste. Bundesweit kamen jedenfalls 19 Unis in die Entscheidungsrunde. Die Ruhr-Uni Bochum (RUB) hat sich dabei nicht durchsetzen können, die Rede ist von einem knappen Scheitern, trotzdem ist man in Bochum gelinde enttäuscht. Kaum tröstlich: In NRW blieben Münster und Köln ebenfalls auf der Strecke, Köln verlor sogar seinen bisherigen Exzellenz-Status. Nur Aachen und Bonn vertreten somit die Farben des einwohnerstärksten Bundeslandes. Die WAZ, die sich stets gern als Stimme des ganzen Ruhrgebiets geriert, redet die Niederlage schön. Auch die bloße Bewerbung habe schon Kräfte freigesetzt. Mögen sie recht behalten.

„Cooperating for a Sustainable Future“

Hat das Revier mit seinen Unis also etwa nicht genug „Exzellenz“ vorzuweisen? Da fällt einem vielleicht jene legendäre Nicht-Antwort ein, die Gerhart Hauptmann im „Weber“-Drama seiner Figur Ansorge in den Mund legte: „Nu ja ja, nu nee nee…“

Und nun zu den Pokalen. Auf der geradezu gähnträchtigen bundesweiten Siegerliste stehen vor allem die üblichen Verdächtigen: Heidelberg und Tübingen natürlich, ebenso Hamburg, München (zweifach) und selbstverständlich die Hauptstadt Berlin (mit einem Dreier-Verbund aus Humboldt, FU und TU). Von Aachen und Bonn war die Rede. Hinzu kommen, um das südwestliche Übermaß vollzumachen, Konstanz und Karlsruhe. Das Alibi im Osten heißt TU Dresden.

Ziemlich grotesk hören sich übrigens einige Wortfetzen aus der (erfolgreichen) Hamburger Bewerbung an. Offenbar wollte man mit Harvard gleichziehen – oder so ähnlich. Angetreten war man demnach als „Flagship University“, und zwar unter dem Etikett „Innovating and Cooperating for a Sustainable Future“. So inhaltsleer schwafeln manche Sieger.




„Ich schreibe auch Gedichte“ – die ziemlich späte „Entdeckung“ eines Lyrikers

Gastautor Heinrich Peuckmann über einen Lyriker aus Kamen, der seine Gedichte erst sehr spät publiziert hat: 

Früherer Polizist mit poetischer Begabung: Bernhard Büscher. (Foto: Oliver Lückmann)

Früherer Polizist mit poetischer Begabung: Bernhard Büscher. (Foto: Oliver Lückmann)

Es ist noch kein Jahr her, da lernte ich durch einen Zufall in einem Kamener Café die Schriftstellerin Nora Gold kennen, die Frauenromane schreibt und damit bei Amazon tolle Verkaufsränge erreicht. Es war ein munteres, frisches Gespräch, das plötzlich noch eine unerwartete Wende bekam, als mein Freund Bernhard Büscher vorbeikam. Ob wirklich nur ich es war, der ihn anlockte, oder vielmehr die charmante Nora, weiß ich nicht, jedenfalls sagte Bernhard in dem Gespräch plötzlich einen folgenschweren Satz: „Ich schreibe auch Gedichte.“

Knapp und präzise

Ich kenne Bernhard seit fast 40 Jahren, er war bis zu seiner Pensionierung Bezirkspolizist in Kamen, machte soziale Projekte, Prävention mit gefährdeten Jugendlichen, Schülerwettbewerbe zu Toleranz, Demokratie und Freiheit. Nahezu jeder in der Stadt kennt ihn, und ich glaubte, ich kenne ihn besonders gut. Aber dieser Satz hat mich völlig überrascht. Bernhard und Gedichte, darauf wäre ich nie gekommen.

Zuerst dachte ich an die typischen Schrebergarten-Jubiläumsgedichte („…und dann kam Onkel Karl, dem ist alles egal, wie schon beim letzten Mal…“), war dann aber doch neugierig und bat ihn, mir mal welche zuzuschicken. Kurz drauf fand ich eine Datei mit acht Gedichten auf meinem Rechner, und als ich sie öffnete, traute ich meinen Augen nicht. Die Gedichte waren gut, wirklich gut, sie thematisierten oft Erlebnisse aus seinem Berufsalltag, sie waren knapp, sehr präzise und wirkten überhaupt nicht überanstrengt. Oft hatten sie eine überraschende Pointe am Schluss.

Durchbruch mit einer Leipziger Lyrikreihe

Ab und an musste ich ihm ein Wort oder einen Halbsatz streichen, weil er seinem eigenen lyrischen Bild nicht traute und es erklären wollte. Ich habe sie auch zu Strophen strukturiert, den Rhythmus leicht verbessert – und die Gedichte dann Bernhard zurückgeschickt mit der Bemerkung, dass sie mir sehr gefallen hätten und er weiterschreiben solle. Es war ein einfaches Lob, das aber bei Bernhard eine Lawine auslöste. Bernhard schrieb, als hätte er nur auf diesen Startschuss gewartet, durchforstete seine Erfahrungen und brauchte schnell keine Hilfe mehr.

Gut einen Monat später bekam ich den Aufruf, mich an einer bekannten Lyrikreihe, die in Leipzig herausgegeben wird und bei der viele prominente Autoren mitmachen, zu beteiligen. Ich schickte vier Gedichte von mir, aber auch probeweise vier von Bernhard. Die Reaktion war unglaublich. Von mir nahm der Herausgeber zwei, von Bernhard alle, worauf sich unsere Freundschaft zum ersten Mal in einer schweren Krise befand.

Mit über 70 Jahren einen Traum erfüllt

Bernhard geriet nicht einfach in einen Rausch, sondern geradezu in einen Taumel. Sein alter, heimlich gehegter Traum war in Erfüllung gegangen. Er wollte immer mal mit Gedichten Erscheinung treten. Alle, die von dieser Geschichte erfuhren, staunten so wie ich. Inzwischen ist von ihm in einem Leipziger Verlag ein Lyrikband als E-Book erschienen: „Das sind die Hände“. Dazu folgten in unglaublichem Tempo Veröffentlichungen von Gedichten in Zeitschriften und Zeitungen. Mit einem Fotografen bereitet er, der erst mit über siebzig anfing, wirklich zu schreiben, eine große Ausstellung vor, er bekommt Einladungen zu Lesungen. Zuerst im direkten Umfeld, aber es deuten sich schon Lesungen in entfernteren Städten an.

Die Leute in Kamen, die ihn kennen, haben zuerst spöttisch gefragt: „Was, jetzt schreibt der auch Gedichte?“ Seit seine Texte aber kursieren, hat sich der Tonfall völlig geändert. Respekt schwingt bei den Bemerkungen mit. Im Herbst soll von Bernhard Büscher ein zweiter Lyrikband erscheinen, wahrscheinlich als Hardcover, mindestens wieder als E-Book.

Da hat jemand sei Leben lang mit dem Gedanken geliebäugelt, Gedichte zu schreiben und zu veröffentlichen; spät, aber nicht zu spät hat er damit begonnen.

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Zwei Beispiele aus Bernhard Büschers Gedichtband:

Sehen, hören

Er sagte: sieh mal

die Schönheit des Blattes

den Glanz des Grases

die Schönheit im Gesicht

der alten Frau

Hör nur die Musik des Windes

 

Spüre den Frieden im Wald

die Liebe der Kinder

Hörst du  das Konzert der Vögel

Ich war mit ihm

auf dem Weg

in die Psychiatrie

 

Helga

Sie fährt mit ihrem  Rollstuhl

durch die Stadt. Seit ihrer Kindheit

ist sie darauf  angewiesen, für alles

in ihrem Leben braucht sie Hilfe.

 

Sie beschwert sich nicht

sie ist dankbar. Wenn sie fährt

lauscht sie den Vögeln erfreut sich

am Lachen der Kinder

 

Sieht den Menschen zu, freut sich

über ein Hallo, ein kurzes

Gespräch schließt mit ihrem Lächeln

das dem anderen hilft




Ein kleines Weltwunder aus Westfalen: der in den Baum eingewachsene Roller

Da steckt der alte Roller in der Rinde... (Fotos: Bernd Berke)

Da steckt der alte Roller in der Rinde… (Fotos: Bernd Berke)

Das Schuljahr ist seit ein paar Tagen vorüber, die Sommerferien haben nun auch in Nordrhein-Westfalen begonnen. Die Theater sind ferienhalber dicht, die Museen zeigen erst einmal nichts Neues. Ergo tut sich das von allen Medien (und deren Konsumenten) gefürchtete „Sommerloch“ auf.

Mit anderen Worten: Die „Sauregurkenzeit“ bricht an – und man ist dankbar für jeden Sack, der in Peking oder sonstwo umfällt, enthalte er nun Reis oder anderes Zeug.

Was macht man da? Oder noch kürzer: „Was tun?“, wie schon Lenin fragte. Man grabbelt beispielsweise in der Bilderkiste. Und siehe da: Sensationelles kommt ans Licht. Ein neuntes Weltwunder aus Westfalen – oder so ähnlich.

„Hinter eines Baumes Rinde…“

„Hinter eines Baumes Rinde / wohnt die Made mit dem Kinde…“ So hob einst das vielleicht bekannteste Gedicht des unvergessenen Heinz Erhardt an. Wir wissen nicht, ob hinter unseres Baumes Rinde auch eine Madenfamilie wohnt und Tragisches erlebt, wir wissen aber: Hier ist ein veritabler alter Roller eingewachsen.

Weiß der Himmel, wie das zugegangen ist. Ob jemand ihn dorthin gehievt und sodann lange, lange gestützt hat, bis sich die Rinde drumherum gelegt hat und allmählich über dem Metallrohr zusammengewachsen ist? Egal.

...und noch eine Ansicht des wundersamen Wuchses.

…und noch eine Ansicht des wundersamen Wuchses.

Es muss, zieht man das altertümliche Rollermodell in Erwägung, wohl schon etwas länger her sein, dass dies geschah. Vielleicht in den 1960er Jahren? Mag sein. Vielleicht hat aber auch jemand viel später den längst ausgedienten Roller genommen und dem naturnahen Experiment ausgesetzt.

Der Baum jedenfalls, der übrigens auf Dortmunder Boden wurzelt, vereinnahmt geradezu liebevoll das Utensil aus hoffentlich glücklich gewesenen Kindertagen.

Das Arrangement, so will es scheinen, darf wohl als kleines Kunstwerk gelten. Es kündet nicht nur von zuwartender Geduld, sondern auch von traulicher Verschwisterung zwischen Fabrikation und Natur.




50 Jahre „danach“: Mit Donald und Dagobert Duck, Daniel Düsentrieb und der Westfälischen Rundschau zum Mond

Dortmunder Blatt mit historischen Schlagzeilen: die Westfälische Rundschau vom 21. Juli 1969. (Repro: Bernd Berke)

Dortmunder Blatt mit historischen Schlagzeilen: die Westfälische Rundschau vom 21. Juli 1969. (Repro: Bernd Berke)

Ja, das war schon ein Ding, als vor rund 50 Jahren die ersten Menschen den Mond betreten haben. Abermillionen Erdbewohner fieberten vor den Fernsehgeräten mit. „Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit“.* Oder so ähnlich. Naja, ihr wisst schon.

Man kann das Jahrhundertereignis (hier stimmt der Ausdruck mal) vom 21. Juli 1969 unter zig verschiedenen Aspekten betrachten. Wir haben uns en passant zwei herausgesucht: einen regionalen und einen komischen.

Zunächst die Region. Schließlich sind wir hier bei den Revierpassagen und allenfalls nebenberuflich im Komik-Kontor. Harr, harr.

Dortmunder Zeitung kündete vom „Spaziergang“

Durch Zufall habe ich jüngst in meinen Beständen eine alte Ausgabe der Westfälischen Rundschau aufgetrieben, und zwar just die vom 21. Juli 1969. Leider hat sie einen Riss auf der Titelseite. Nehmen wir’s als Zeitzeichen und Patina. Der „Mond-Spaziergang“, wie es dort heißt, stand noch unmittelbar bevor, zum Redaktionsschluss – am späten Abend des 20. Juli – konnte das Dortmunder Blatt „nur“ von der vollbrachten Mondlandung berichten.

Weniger zufällig weiß ich, dass damals jemand an höherer Stelle ziemlich neu zur Rundschau gekommen war, der sich Machart und Schlagzeilen gewisser Boulevard-Gazetten zum Muster genommen hat. Allein in der oberen Hälfte der Titelseite finden sich drei Ausrufezeichen hinter den oft rot unterstrichenen Zeilen. Ganz so, als hätte man all das herausbrüllen müssen. Nun ja, das gab sich in den folgenden Jahren.

Schmierereien und Waffenlieferungen

Alles in allem genommen, waren es noch die Ausläufer der großen Zeit dieser Zeitung, deren Verbreitungsgebiet einst vom Emsland bis an den Rand von Rheinland-Pfalz gereicht hatte. Als schnellere Medien hatte man 1969 allenfalls Hörfunk und Fernsehen zu fürchten, doch die waren vielfach recht betulich – und noch hielten fast alle Haushalte ein regionales Tageszeitungs-Abonnement. Von einer nachrichtlichen Beschleunigung wie beim Internet hat man (trotz Mondlandung) nicht einmal geträumt. Es war noch die Zeit der mechanischen Schreibmaschinen, des Bleisatzes, der ratternden Fernschreiber („Ticker“) und der ganz allmählich aus dem Empfänger kriechenden, schwarzweißen Funkbilder.

Aufschlussreich ist immer, welche Nachrichten sich – rein zufällig? – in einer solchen Ausgabe noch so zeigen. Manches mutet fürchterlich heutig an: Hakenkreuzschmierereien am Berliner Mahnmal für Widerstandskämpfer. Kämpfe am Suezkanal. Sodann die Zeile „Kirchentag endet mit hitzigen Debatten“ (Evangelischer Kirchentag in Stuttgart), u.a. ging es um deutsche Waffenlieferungen in „Entwicklungsländer“. Na, und so weiter. Solcherart war also das Hintergrundrauschen zur Mondlandung. 1968 war gerade erst vorüber.

Und das Fernsehprogramm an jenem Tage? Natürlich sehr mondlastig. Außerdem: Manche Filme liefen noch mit deutschen Untertiteln, Hochkultur kam teilweise zur allerbesten Sendezeit – und das bei insgesamt nur drei Programmen!

Sommerferien auf dem Trabanten

Nun aber endlich die Komik! Am 16. Juli kommt mal wieder ein LTB (Lustiges Taschenbuch) von Egmont Ehapa in den Handel, es ist bereits die Nr. 522, umfasst 256 Seiten und kostet 6,50 Euro. Übrigens fällt auf, dass die Klimafrage mit unterschwelliger Macht in diese dicken Hefte drängt. Man weiß halt, was die junge Kundschaft bewegt.

Lustiges Taschenbuch Nr. 522 zur Mondlandung. (© 2019 Disney / Egmont Ehapa Media)

Lustiges Taschenbuch Nr. 522 zur Mondlandung. (© 2019 Disney / Egmont Ehapa Media)

Ganz offensichtlich haben die Chefs ihren Story-Schmieden und Zeichnern (bzw. deren Kolleginnen) eingeschärft, dass die neue Edition unbedingt etwas mit dem Jubiläum der Mondlandung zu tun haben müsse. So prangt denn auf der Vorderseite die Schlagzeile „Sommerferien auf dem Mond“.

Die Titelgeschichte hebt so an: Onkel Dagoberts Versuche, auf dem Mond massenweise Gold zu schürfen, sind grandios fehlgeschlagen. Eine neue Geschäftsidee muss schleunigst her. In einem lichten Moment entfährt es Donald, dass sich der Mond vielleicht als Urlaubsgegend eignen könne. Im selben Augenblick leuchtet die berühmte Ideen-Glühlampe über Dagoberts Kopf auf: Das ist es! Geld scheffeln, indem man Mond-Tourismus für schwerreiche Leute anbietet! Aber die sind überaus anspruchsvoll – und ausgerechnet Donald soll sich um ihr Wohlergehen kümmern… Doch der Enterich hat unverschämtes Glück.

Invasion der Außerirdischen

Auch sonst ist das Buch überwiegend mit Weltraum-Abenteuern angefüllt. Na gut, die Einfälle sprühen nicht immer grenzenlos. Gar oft tauchen in diversen Geschichten jede Menge Aliens und Außerirdische auf. Beim schnellen Durchblättern scheint es so, als sei an jeder Ecke zu jeder Zeit mindestens eine Rakete startklar. Mit anderen Worten: Die Abenteuer sind ein wenig wiederholungsträchtig. Etliche Male werden beispielsweise Scherze mit der geringen Schwerkraft auf dem Mond getrieben. Trotzdem muss man den Machern eines lassen: Sie hauen immer mal wieder ein paar gehörige Gags ‚raus.

Auch das neueste Micky Maus-Magazin No. 15/19 (52 Seiten, 3,70 €) aus demselben Verlagshaus trägt auf dem Titel den Schriftzug „50 Jahre Mondlandung“, das Heft liegt bereits seit heute (12. Juli) vor. Hier müssen Donald & Dagobert gleich mit einem uralten Mondfluch fertig werden, der in einem magischen Ring gesteckt hat, nun fatal ins Freie dringt und den Trabanten so verformt, dass er auf die Erde zu stürzen droht. Daniel Düsentrieb muss einige Geistesblitze flackern lassen, um allein die technischen Schwierigkeiten zu meistern. Und dann gibt’s auch noch arge „menschliche“ Probleme mit den Mondbewohnern…

Micky Maus flog schon Ende 1968 in den Weltraum

Im selben Heft verschlägt es Micky Maus sogar auf den Mars. Eigentlich kein Wunder. Die Maus war ihrer Zeit schon etwas voraus, als am 18.12.1968 im Lustigen Taschenbuch Nr. 6 „Mickys Reise zum Mond“ begann – also rund ein halbes Jahr, bevor Neil Armstrong und Buzz Aldrin dann wirklich und wahrhaftig den Mond betraten (was manche Verschwörungstheoretiker bis heute bezweifeln und zum Mega-Fake aus dem Filmstudio erklären). Jedoch: Micky in allen Ehren, aber Donald fand ich persönlich immer zehnmal lustiger als die Maus. Ihr nicht auch?

Übrigens: Keinen Monat nach der Mondlandung gab’s dann schon das nächste legendäre Ereignis mit langer Nachwirkung: das Rockfestival von Woodstock, vom 15. bis 17. August 1969. Aber das ist eine völlig andere Geschichte.

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* Originalzitat von Neil Armstrong: „That’s one small step for [a] man, one giant leap for mankind.“




Die Stadt, die auf ihre Autoren sch… – eine Polemik des Dortmunder Schriftstellers Jürgen Brôcan

Gastautor Jürgen Brôcan, u. a. Träger des Literaturpreises Ruhr, ist gar nicht gut auf die Stadt Dortmund zu sprechen. Eine Polemik des Autors:

Der Dortmunder Schriftsteller Jürgen Brôcan mit seinem Kater Whitman. Brôcan hat für den Hanser-Verlag Walt Whitmans berühmte Gedichtsammlung „Grasblätter" übersetzt. (Foto: privat)

Der Dortmunder Schriftsteller Jürgen Brôcan mit seinem Kater Whitman. (Foto: privat)

Die Stadt Dortmund ist innerhalb und außerhalb der Bundesrepublik leider nicht unbedingt für die gegenwärtig in ihr lebenden Schriftsteller bekannt. Ein wenig zu Unrecht, möchte man protestieren, denn es gibt hier durchaus eine Handvoll sehr wichtiger und sehr guter Autorinnen und Autoren, die Bedeutung über das Regionale hinaus haben. Doch das ist dem Oberbürgermeister und anderen Institutionen völlig gleichgültig, das kulturelle Renommee dieser Stadt wird sich also auch weiterhin im eher Unbedeutenden verlieren müssen. Wieder einmal hat sich die viel beklagte Provinzialität selbst geschaffen. Aber eines nach dem anderen…

Ich schreibe seit einigen Wochen in winzigsten Intervallen. Nicht weil mein Gedankenfluß immer wieder stocken würde, sondern weil ich auf die Augenblicke warten muß, in denen die Lärmmaschinen schweigen. Für das Warten auf diese Augenblicke braucht man Nerven, die dicker und haltbarer sind als Stahlseile. Noch ist man geschädigt von einer monatelangen Renovierung im Nachbarhaus, da lauten die Schreckensworte nun: „Abwasserkanalsanierung“, „Verdichter“, „Bagger“.

Baulärm ermordet Texte

Die Baustelle schleicht die Straße hinauf, hat jetzt fast mein Haus erreicht, doch schon zittern Fußböden und Wände, der Monitor auf meinem Schreibtisch wackelt gut sichtbar, die Bücherregale stöhnen, Gläser klirren, die Fensterrahmen knacksen, heute morgen gab sogar die Uhr an der Wand ungewohnte Geräusche von sich. Und einzelne, unrhythmische Stöße haben die Wirkung eines Tritts gegen das Schienbein; geschähe etwas Ähnliches auf der Straße, würde man vielleicht von Körperverletzung sprechen. Aber als Anwohner ist man jeglicher Rechtsmittel beraubt.

Und wessen man auch beraubt ist, neben dem Nervenkostüm, das ist die Kreativität. Unmöglich, unter solchen Umständen halbwegs konzentriert zu arbeiten. Für den freiberuflichen Schriftsteller stellt eine solche Situation eine Existenzbedrohung dar – monatelang nicht schreiben zu können bedeutet, monatelang kein Einkommen zu haben. Für solche Fälle müsse man vorsorgen, empfiehlt die Rechtssprechung vollmundig z.B. den von Straßenbaumaßnahmen betroffenen Unternehmen. Dem Schriftsteller, der sich von einem Monat zum anderen müht am unteren Ende der Fahnenstange, klingt das wie bitterster Hohn. Ich spreche erst gar nicht von den vielen Texten, die wie ungeborene Säuglinge abgetrieben oder gar nicht erst gezeugt werden –: Textmorde, Textdürre.

Wäre die Stadt Dortmund stolz auf ihre Schriftsteller, würde sie in solchen Fällen eine irgendwie geartete unbürokratische Hilfe anbieten. Aber sie ist nicht stolz. Sie haßt die Schriftsteller andererseits auch nicht, jedenfalls nicht erkennbar. Sie sind ihr einfach nur schnurzpiepegal.

Ein Brief an den Oberbürgermeister

Am 1.7.2019 habe ich dem Oberbürgermeister der Stadt Dortmund einen Brief geschrieben, in dem ich meine Situation erläutere, mit Verweis auf meine verschiedenen Auszeichnungen; unter anderem heißt es dort:

„Sehr geehrter Herr Sierau, ich möchte Sie bitten, im Rahmen Ihres Amtes als Oberbürgermeister, dem auch der Tiefbau untersteht, einmal darüber nachzudenken, in welche mißliche Lage solche Baumaßnahmen den auf eine gewisse Ruhe angewiesenen Kulturschaffenden bringen. Mir ist die Notwendigkeit dieser Maßnahmen natürlich – leider – durchaus bewußt, ich finde aber, sie dürfen nicht allein zu meinen Lasten und damit zu Lasten der Kultur stattfinden. ,Stadt Dortmund saniert Abwasserkanal – Schriftsteller kann sein Haus nicht mehr bezahlen und muß ausziehen‘: soll am Ende der Maßnahmen eine solche Schlagzeile stehen?

Würden Sie und die Stadt Dortmund ein irgendwie geartetes Entgegenkommen finden, um mir die gegenwärtige, ganz textarme Situation zu erleichtern, können Sie sich meines Dankes sicher sein. Wäre es nicht schön, ich könnte einmal z.B. in einer international gelesenen Zeitung darüber berichten, daß sich die für Kultur nicht sonderlich bekannte Stadt Dortmund der Probleme eines Schriftstellers annähme?“

Notwendigkeit der Instandhaltung

Bereits am 4.7. erreicht mich ein Brief von einer leitenden Stelle der Stadtentwässerung Dortmund, an die meine „Zuschrift“ zuständigkeitshalber zur Beantwortung weitergeleitet worden sei. Der Unterzeichner betont die Notwendigkeit der Instandhaltung von Abwasseranlagen (die von mir nie bezweifelt wurde) – in einer recht phrasenhaften Sprache. Er geht nicht im geringsten auf mein Anliegen ein und bittet mich zum Schluß pauschal um „Verständnis“. Ist es echter Hohn, ist es nur Desinteresse, die da sprechen? Wer kann das entscheiden?

Immerhin freundlich und mitfühlend hat mir das Kulturbüro geantwortet. Doch auch ihm sind die Hände, sprich: die Mittel gebunden. Man verweist mich auf soziale Hilfeträger oder auf die verschiedenen Lesesäle. Also: einen Laptop kaufen und jeden Tag mit mehreren schweren Taschen voller Bücher – denn ich arbeite stets an einigen Projekten gleichzeitig – in die Busse und Straßenbahnen steigen. Unkosten und Aufwand, zu denen mich eine von mir nicht erwünschte Kanalsanierung nötigt. Außerdem: selbst schuld, wer so sensibel ist, daß er sich erst mühsam an eine neue Schreibumgebung gewöhnen müßte.

Also doch lieber zu Hause bleiben, mir den Verstand durchrütteln lassen und aufpassen, daß nicht ein Regal beim Gesang der Verdichter aus den Fugen gerät? Natürlich, täglich gehen Tausende Menschen zu ihrem Arbeitsplatz – aber der ist wahrscheinlich kein Exil, in das sie geschickt werden, ohne Entschuldigung, eiskalt, gleichgültig.

„Am Ende muß ich Mundraub begehen…“

Am Ende werde ich vielleicht mein Haus verlieren, weil ich die monatlichen Raten an die Bank nicht mehr aufbringen kann. Am Ende wird mich vielleicht das Finanzamt der Steuerhinterziehung beschuldigen, weil es nicht glauben kann, wie wenig ich in diesem Jahr verdient habe. Am Ende muß ich Mundraub begehen, weil ich mir nicht mehr leisten kann, etwas zu essen zu kaufen. Vielleicht sollte ich mir überlegen, ein paar Arbeiter schwer zu verletzen, denn im Knast wäre ich zumindest versorgt – am Ende allemal besser, als hier zu sitzen und nichts tun zu können.

Eins weiß ich aber sicher: Ich werde in Dortmund keine Lesung aus meinen Büchern mehr veranstalten – außer der einen, bereits vertraglich vereinbarten – und ich werde keine weiteren Texte mehr über diese Stadt schreiben, die ich mehr als einmal zu einer der interessantesten der Welt erklärt habe; denn ein solches Prädikat verdient sie nicht länger.




Ernst, streng und abgeklärt: Evgeny Kissin mit reinem Beethoven-Programm beim Klavier-Festival Ruhr

Konzentration und abgeklärter Zugriff: Evgeny Kissin interpretiert Beethoven. Foto: Sven Lorenz

Evgeny Kissin galt als Wunderkind. Er selbst hat diese Bezeichnung freilich abgelehnt. Sie roch ihm zu sehr nach Drill, vordergründiger Brillanz. Und doch: Wenn ein 12Jähriger beide Chopin-Klavierkonzerte hintereinander öffentlich aufführt, wenn er damit nicht nur, ja, brilliert, sondern zugleich Zeugnis beseelter Musikalität ablegt, wenn ihm dazu technisch fast alles gelingt, kann die Bezeichnung Wunderkind nicht ganz abwegig sein.

Allerdings ist schon mancher junge Stern am Pianistenhimmel schneller als gedacht verglüht. Nicht aber Kissin: Der Russe ging seinen Weg so kontrolliert wie konzentriert, behutsam erarbeitete er sich zunächst das romantische Repertoire, gewann Schritt für Schritt an Ausdruckskraft und technischer Souveränität. Die Entwicklung mündete schließlich in der meisterhaften Beherrschung der Klangwelten eines Konzertflügels.

So fand er schnell sein Publikum in den berühmten Sälen der Welt, eroberte sich geradezu eine Fangemeinde zumeist russischsprachiger Natur. Kissin bezauberte, überwältigte, riss die Menschen schon nach den ersten Stücken von den Sitzen. Legendär sind seine Zugabenblöcke, ausufernd, kaum enden wollend, getragen von wahren Anfeuerungen aus dem Auditorium. Nun, bei aller Seriosität, ein bisschen Zirkus durfte es bei Kissin schon sein.

Ernster Blick, seriöse Aura: Kissin am Klavier. Foto: Sven Lorenz

All dies Beschriebene ist ein Blick zurück. Tritt der Pianist heute auf, umgibt ihn eine Aura von unbedingter Ernsthaftigkeit, künstlerischer Reife bis hin zur Abgeklärtheit, nicht zuletzt von Strenge. Der nunmehr 47Jährige hat alles Jungenhafte hinter sich gelassen, verlangt vom Publikum mehr als nur berauschten Taumel, verknappt die Zugaben. Entsprechend mag sich das alte Kissin-Feeling auch während seines diesjährigen Klavierfestival-Auftritts nicht mehr einstellen. Dabei spielt  freilich die Programmauswahl eine Rolle: Der Russe konzentriert sich allein auf Sonaten und Variationen Ludwig van Beethovens.

Lange hat Kissin gebraucht für die Annäherung an den Komponisten. „Beethoven fand ich viele Jahre sehr schwer“, bekannte der Pianist in einem Interview. Kein Wunder, dass er nun, in Essens Philharmonie, mit gehörigem Respekt vor dem Klassiktitanen ans Werk geht, Überzeichnungen ebenso meidet wie die große Geste. Gleichwohl wird es ein spannungsreicher Abend, bereichert durch traumschön poetische Momente. Im Wechselspiel von Klang und Motorik stößt Kissin eine Tür auf,  die den Blick freigibt auf die musikalische Romantik und Moderne.

Seien es die gravitätisch schreitenden Einleitungsakkorde der „Pathétique“ oder die sanften Arpeggien, die am Beginn der „Sturm“-Sonate aufleuchten – die Verdichtung der Klänge erinnert an nahezu impressionistische Farbspiele. Abrupte Stimmungswechsel, ausgelöst durch dynamische Eruptionen oder motorisches Hämmern, reißen uns jedoch schnell los von allem Schwelgen. Beethovens Werk ist eben geprägt von drangvoller Nervosität, nicht selten auch von energiegeladener Wucht.

Am Ende gibt’s Blumen für den Solisten und drei Zugaben fürs Publikum. Foto: Sven Lorenz

Gefordert ist ein ebenso sensibler wie kraftvoller Interpret. Der zudem das Virtuose beherrscht, ohne damit sinnfrei glänzen zu wollen. Dafür ist Kissin die richtige Adresse. Wie er die sich immer mehr verquirlenden Eroica-Variationen meistert, wie er manch improvisatorische Passage auskostet und die finale Fuge (Beethovens Verneigung vor Bach) ausdrucksvoll gestaltet, zeugt von großer Klasse.

Dabei entpuppt sich der Pianist als ökonomischer Gestalter, der auch in den teuflisch schweren Momenten der Waldstein-Sonate nie den Überblick verliert. Sauber und klar konturiert erklingen die pochenden Staccati zu Beginn, ohne Hast perlen die Figurationen. Das Adagio bekommt eine nahezu grüblerische Note, die sich auflöst im poetischen Thema des Finales. Und so sehr Kissin all die Sprünge, Trillerketten oder wuchtigen Ausbrüche dieses Rondos beherrscht, so geschmeidig, ja fast elegant formt er die Sonate als Ganzes.

Ein ungewöhnliches Hörerlebnis in einem außerordentlichen Konzert. Und am Ende gibt es dann doch den großen Jubel im ausverkauften Saal. Freilich ohne die sonst schon ritualisierte frenetische Ausgelassenheit. Kissin wiederum belässt es bei drei Zugaben. Die Abende mit ihm haben sich gewandelt. Sie sind toll, vor allem aber anspruchsvoll. Auf der Stuhlkante haben wir einst jedenfalls öfter gesessen.




Wenn man vom Rathaus kommt, ist man klüger – ein lehrreicher Rundgang durch die Dortmunder Mitte

Teilansicht der Fassade des Alten Stdthauses – mit allegorischen Figuren zur Hanse (links) und zur Industrialisierung (rechts). (Foto: Bernd Berke)

Teilansicht der Fassade des Alten Stadthauses – mit allegorischen Frauenfiguren zur Hanse (links) und zur Industrialisierung (rechts). (Foto: Bernd Berke)

Es ist schon seltsam bestellt um die Wahrnehmung. Da geht man jahraus, jahrein an imposanten Gebäuden entlang – und bemerkt doch rechts und links des Weges nur wenig. So erging’s mir jetzt mal wieder: Bei einer Führung durchs alte und durchs neue Dortmunder Rathaus bzw. Stadthaus war manches zu bemerken, woran man sonst achtlos vorübergeht.

Innenansicht: Treppenhaus des Alten Stadthauses. (Foto: Bernd Berke)

Ich hätte bislang nicht sagen können, dass auf der Fassade des Alten Stadthauses (von 1899, für Verhältnisse im zu 95 Prozent kriegszerstörten Dortmund schon historisch) die Köpfe von drei Kaisern prangen (Karl der Große, Karl IV., Friedrich II.) und – auf eine viel spätere Epoche verweisend – die Namen anderer Hansestädte wie Hamburg, Bremen, Lübeck, Münster und Soest eingemeißelt sind. Außerdem steht da seitwärts noch der stolze Wahlspruch der Stadt in dieser Version: „so fast as doerpen“ („So fest/unbesiegbar wie Dortmund“). Auch das war mir bisher entgangen. Dabei habe ich mir die Außenhaut des Gebäudes doch häufig genug angesehen. Oder habe ich vielleicht nur wie durch einen Schleier hingeguckt und an kurzfristige Vorhaben gedacht?

Ratssilber und Goldenes Buch

Auch habe ich nicht gewusst, dass im 1989 eröffneten neuen Rathaus der einstigen Freien Reichs- und Hansestadt am (hansegerecht rotweiß gepflasterten) Friedensplatz eine gut zugängliche Ausstellung u. a. von Gastgeschenken der internationalen Partnerstädte zu sehen ist, als da sind: Amiens, Leeds, Xi’an, Buffalo, Rostow am Don, Netanya, Novi Sad, Trabzon. In einigen Rathaus-Vitrinen auf den Fluren funkeln überdies Kostbarkeiten wie das altehrwürdige Ratssilber, die kiloschwere Amtskette des Oberbürgermeisters und das Goldene Buch der Stadt. Man muss es eben nur wissen und die Sachen gezielt aufsuchen. Bei eiligen Terminen, die einen sonst hierher führen, nimmt man so etwas einfach nicht zur Kenntnis. Ähnliches dürfte für Bewohner aller Städte gelten; erst recht dort, wo es Unmengen an sichtbarer Historie gibt.

Das Goldene Buch (Gastbuch) der Stadt Dortmund. (Foto: Bernd Berke)

Das Goldene Buch („Gastbuch der Stadt Dortmund“). (Foto: Bernd Berke)

Beim Dortmunder Gruppen-Rundgang mit Anja Hecker-Wolf, die diese und etliche andere Führungen seit vielen Jahren unternimmt, hat man jedoch die nötige Ruhe, um dergleichen Dinge endlich einmal richtig anzusehen.

An diesem Tag nehmen keine Gäste von außerhalb teil, sondern lauter alteingesessene Dortmunder, die schon viel über die Stadt wissen. Trotzdem erfahren auch sie noch so allerlei. Und auch sie haben bis heute gar manches im häufigen Vorbeigehen nicht bemerkt. Wir verraten hier natürlich nur einen Bruchteil und reichen sozusagen ein paar Appetit-Häppchen.

Kleine Tierschau mit Eber, Adler und Nashorn

Nur zum Beispiel also diese quiztaugliche Frage für Lokalpatrioten und solche, die es eventuell werden wollen: Welches Wappentier trug die begüterte und historisch einflussreiche Patrizierfamilie Berswordt, nach der der 2002 eröffnete Hallenanbau zum Alten Stadthaus benannt ist? Na? Nun, es war ein Eber. Das kam nicht von ungefähr: Die Berswordts betrieben u. a. einen lukrativen Schweinehof. Das Motiv des Schweins kehrt in mehreren Kirchen der Stadt wieder und findet sich auch mit einer Berswordt-Namensinschrift auf einer der mächtigen Säulen im Alten Stadthaus.

Ganz schön brutal: Konzerthaus-Symboltier Nashorn spießt im neuen Rathaus das Stadtwappen mit dem Adler auf. (Foto: Bernd Berke)

Ganz schön brutal: Konzerthaus-Symboltier Nashorn – hier im Zebra-Look – spießt im neuen Rathaus das Stadtwappen mit dem Adler auf. (Foto: Bernd Berke)

Historisches Wappentier der ganzen Stadt ist hingegen der Adler, der sich freilich im neuen Rathaus einer geradezu bestürzend brutalen Attacke ausgesetzt sieht. Von einem Symboltier viel jüngeren Datums, nämlich einem Nashorn (um 2002 mit Eröffnung des Konzerthauses aufgekommen), wird der Adler aufgespießt – siehe schonungsloses Beweisfoto. Dabei wurde das Nashorn doch erkoren, weil es ein so empfindsames Gehör haben soll. Aber die Schreie des Adlers stören diesen Dickhäuter offenbar nicht…

Stadtpatron Reinoldus, mit Nägeln übersät

Noch einmal zurück in den Altbau: Dort steht (als Nachbildung des ursprünglichen Exemplars) eine 2,20 Meter hohe Statue des Reinoldus. Die Figur des Heiligen, seit dem 11. Jahrhundert Stadtpatron von Dortmund, ist mit Nägeln übersät. Martialischer Hintergrund: Im Ersten Weltkrieg konnten kriegswillige und siegesgewisse Leute für einen Reichsmark-Obolus solche Nägel einschlagen. Der Erlös floss in die weitere Kriegsführung… Doch das war ein übler Missbrauch in neuerer Zeit. Allein um die mittelalterlichen Reliquien von Reinoldus ranken sich indes einige Geschichten der jenseitigen Ausrichtung. Oder sollen wir hier das Modewort „Narrativ“ verwenden?

Reinoldus-Statue im Alten Stadthaus. (Foto: Bernd Berke)

Reinoldus-Statue im Alten Stadthaus. (Foto: Bernd Berke)

Bei all dem wäre anzumerken: Der Titel „Altes Rathaus“ gebührt recht eigentlich dem steinernen Bau, der früher am heutigen Alten Markt gestanden hat. Ursprünglich wohl nach 1232 (verheerender Stadtbrand) errichtet, war es das älteste steinerne Rathaus im gesamten deutschen Sprachraum nördlich der Alpen. Es wäre heute ein Tourismus-Ziel ersten Ranges.

Umso betrüblicher, dass das teilweise kriegszerstörte Nachfolge-Gebäude von 1899 im Jahr 1955 endgültig abgerissen wurde. Im Zuge der „Wiederentdeckung“ historischer Stadtkerne (Münster, Berlin, Frankfurt etc.) hat sich 2018 in Dortmund eine Bürgerinitiative gebildet, die sich für einen Wiederaufbau dieses alten Rathauses stark macht. Auch in den Revierpassagen war davon zu lesen, und zwar hier.

Im nächsten Jahr beginnt die große Renovierung

Aber was heißt hier überhaupt „neues“ Rathaus? Im übertragenen Sinne sieht das auch schon recht „alt“ aus. Der 1989 vollendete Bau, von manchen als überdimensionale „Bierkiste“ verspottet, muss bereits gründlich renoviert werden, vor allem die technische Ausstattung und der Brandschutz genügen längst nicht mehr den Anforderungen.

Und so wird dieses Rathaus ab 2020 bis (mutmaßlich) 2022 für umfangreiche Bauarbeiten geschlossen bleiben. Der Rat und alle sonstigen Gremien müssen sich samt Mitarbeitern temporäre Ausweichgebäude suchen. Man kann derweil nur inständig hoffen, dass es beim Kostenpunkt von angepeilten 34 Millionen Euro bleiben möge. Aber Moment mal: hoffen? Nein. Man könnte und sollte es auch sorgsam kontrollieren.

Und so schließen wir themengemäß mit jenem altbekannten Sprüchlein, das sich hin und wieder bewahrheitet haben soll: Wenn man vom Rathaus kommt, ist man klüger.

Das neue Rathaus von 1989 am Friedensplatz mit Friedenssäule. (Foto: Bernd Berke)

Wird bald umfassend renoviert: das neue Rathaus von 1989 am Friedensplatz mit Friedenssäule. (Foto: Bernd Berke)




Das Revier als Spannungsfeld: Die Schweizerin Barbara Frey wird von 2021 bis 2023 die Ruhrtriennale leiten

Die künftige Ruhrtriennale-Chefin Barbara Frey (rechts) mit NRW-Kultur- und Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen. (Foto: Ministerium)

Die künftige Ruhrtriennale-Chefin Barbara Frey (rechts) mit NRW-Kultur- und Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen. (Foto: Tobias Kreutzer/MKW)

„Das ist also der Rhein“, sagt Barbara Frey und schaut interessiert aus dem Fenster des NRW-Landtags, an dem der Fluss so behäbig vorbeifließt. „Als Baselerin erinnert er mich an meine Heimat.“

Heute wurde die Theaterregisseurin und ehemalige Intendantin des Zürcher Schauspielhauses von NRW-Kultur- und Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen als künftige Leiterin der Ruhrtriennale für die Spielzeiten 2021-2023 in Düsseldorf vorgestellt – just nach der Sitzung des Aufsichtsrats der Kultur Ruhr GmbH, die Barbara Frey soeben ernannt hatte.

Schon bald erfolgt dann ihr Umzug an einen weiteren Fluss, nämlich die Ruhr: Frey will während der von ihr verantworteten Triennale in Bochum Wohnung nehmen, in diesem Herbst beginnen bereits ihre Vorbereitungen für ihre drei Triennale-Spielzeiten.

Besonders beeindruckt zeigte sich Frey von den Spielorten der Triennale, die sie im Vorfeld besucht hatte: „Man spürt dort immer noch, dass die Menschen damals einen Aufbruch in eine neue Zeit unternommen haben, das Zeitalter der Industrialisierung“, sagt sie. „Gleichzeitig atmet alles eine bleierne Vergangenheit“. Diese Spannung erfülle sie mit künstlerischer Energie, die sie mit ihrem Team in lebendiges (Musik-)Theater umsetzen will.

Viele Erfahrungen, viele Kontakte

Konkretes zum Programm konnte heute naturgemäß noch nicht genannt werden, doch ihre ästhetischen Antennen sind bereits ausgerichtet. Als Musikerin, genauer Schlagzeugerin, philosophierte Frey sogleich über das Spannungsfeld Krach und Stille: „Was für ein Lärm damals in diesen Hallen geherrscht haben mag und wie still sie heute daliegen, das hat mich sofort fasziniert.“ Die Trommel gilt ihr dabei als universelles Instrument: „Sie schlägt unseren Puls – überall auf der Welt.“

Für die Findungskommission und den Aufsichtsrat waren sowohl Freys interkulturelle und interdisziplinäre Ausrichtung zwischen Kunst und Wissenschaft sowie ihre langjährige erfolgreiche Arbeit sowohl als Schauspiel- wie als Musiktheaterregisseurin ausschlaggebend, wie die Ministerin betonte. Nicht zuletzt spreche für die 1963 Geborene, dass sie schon allein als Intendantin des Zürcher Schauspielhauses zehnjährige Erfahrung in der Leitung eines Hauses besitze. In ihrer Ära dort wurde das Schauspielhaus Zürich mehrmals zum Berliner Theatertreffen eingeladen und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Vom Burgtheater über die Semperoper, quer durch Europa bis nach China und Taiwan – Freys Kontakte reichen weit.

Klingt nicht schlecht für die Zukunft der Triennale: Eine renommierte Theaterfrau mit Erfahrung und neugierigem Blick. Nicht total experimentell und „abgespaced“ vielleicht, aber das muss das Ruhrgebiet ja auch nicht unbedingt haben – wir bleiben ja gerne am Boden, oder? Weiße wenichstens, wat dat alles soll!




„Sei Teil unserer Bücherwelt!“ – Wie sich der Piper Verlag seine Rezensenten wünscht

Was Goethe wohl zu all dem gesagt hätte? Wahrscheinlich wieder sein berüchtigtes „Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent." (Foto: Bernd Berke)

Was Goethe wohl zu all dem gesagt hätte? Wahrscheinlich doch wieder sein berüchtigtes „Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.“ (Foto: Bernd Berke)

Der Piper Verlag hat sicherlich seine langjährigen Verdienste. Doch jetzt, in Zeiten der Digitalisierung (*gähn*), bricht er offenbar zu neuen Ufern auf. Auch für Blogger(innen) zeigt sich das Münchner Haus neuerdings aufgeschlossen; allerdings nur unter gewissen Bedingungen, die auf der Piper-Homepage unter der nüchternen Zeile „Unsere Kriterien zur Zusammenarbeit“ dargelegt werden.

Zusammenarbeit also. Nicht etwa kritische Öffentlichkeit oder dergleichen Schmonzes von vorgestern. Und wohl auch kaum ein Gedanke an herkömmliche Rezensionen, die vielleicht mal weniger günstig ausfallen könnten. Gefragt ist allenfalls das, was manche neckisch „Rezis“ nennen – ganz so, als würden sie „Supi“ sagen.

Wohin die Reise bei Piper geht, lässt sich im weiteren Verlauf ahnen. Alle Zitate mit Hervorhebungen wie im Original:

  • „Dein Blog oder Youtube-Kanal existiert länger als ein Jahr und verfügt über ein gültiges Impressum.
  • Du schreibst und postest regelmäßig auf Deinen Kanälen.“

So weit sicherlich nachvollziehbar. Der Piper Verlag, seit März 2016 von der vormaligen FAZ-Literaturchefin Felicitas von Lovenberg geleitet, will sich halt nicht mit gar zu flüchtigen sozialmedialen Erscheinungen oder Phantomen plagen, die womöglich nur Rezensions-Exemplare einsacken wollen und dann ihre Portale löschen oder verwaisen lassen.

Am liebsten total virale Influencer?

Allerdings fällt hier schon auf, dass man es eben auch – und vielleicht ganz besonders? – auf YouTuber(innen) abgesehen hat. Wäre es denkbar, dass dem Hause Piper mittlerweile jene „Influencer“, die ein Buch ohne hochtrabendes Gelaber empfehlend in die Kamera halten, lieber sind als kritische Geister, die sich mit wirklichen Rezensionen abmühen? Hätten sie eventuell am allerliebsten hipstermäßige Leute mit der viralen Mega-Power eines Rezo, die ein Buch kurzerhand als „cool“ oder „geil“ bezeichnen?

Nun, ganz so hoch (bzw. eigentlich tief) liegt die Latte nicht. Wir lauschen weiter und erfahren etwas über die Mindestanforderungen:

  • „Dein Instagram Account hat mindestens 2.000 Follower, auf Facebook und Twitter folgen Dir mindestens 1.000 Fans und mindestens 5.000 Abonnenten schauen Deine Videos auf Youtube.“

Instagram, Facebook und Twitter scheinen also schon mal Pflicht zu sein, desgleichen YouTube. Aber das alles genügt noch nicht. Die jeweiligen Gefolgsleute müssen auch möglichst zahlreich und lebhaft reagieren, am besten trampeln und johlen, wenn das denn ginge:

  • „Damit wir sehen können, dass Deine Follower an Deinen Inhalten interessiert sind, ist uns auch eine gute Interaktionsrate wichtig.“

Damit wäre die intellektuelle Spreu vom kaufmännischen Weizen gesondert. Es würde einen schon interessieren, welche Verlags-Kontrollettis auf welche Weise die Interaktionsrate ermitteln und beurteilen. Überdies wäre es interessant zu erfahren, was nach ein oder zwei negativen Besprechungen geschähe. Dann wäre doch höchstwahrscheinlich Schluss mit lustig.

Aber selbst im Falle des Wohlverhaltens bleibt noch mehr zu tun, nämlich dies:

  • „Deine Besprechungen pflegst Du in die gängigen Online-Shops und Communities ein.“

Sprich: Die Empfehlungen soll man z. B. auch bei Amazon, Thalia usw. verbreiten – mit ganz, ganz vielen ***** Sternchen, versteht sich. Womit man dann endgültig ein verlängerter Arm oder besser ein nützliches Sprachrohr der Piper-Presse- und PR-Abteilung wäre. Wie lautet doch gleich die in eine rosarote Wolke gepackte, geradezu enthusiasmierende Überschrift auf der entsprechenden Web-Seite:

„Sei Teil unserer Bücherwelt!“

Nein, danke!




Von der Eiszeit bis zur Digitalisierung – eine umfangreiche Geschichte der Ostsee

Seltsame Wesen sollen einst an den Gestaden der heutigen Ostsee gelebt haben. Der römische Naturforscher und Universalgelehrte Gaius Plinius Secundus Maior (ca. 23-79 n. Chr) vermochte über mutmaßliche Menschen des hohen Nordens freilich nur vom Hörensagen zu schreiben: 

Man erzähle von Inseln, „auf denen Menschen mit Pferdefüßen geboren werden (…) und von anderen, auf denen die Bewohner ihre sonst nackten Körper durch ihre übergroßen Ohren völlig bedecken sollen.“

Klingt ein bisschen spekulativ, oder? Die Landstriche wurden von Süden her erst recht spät entdeckt. Dieser Umstand ließ viel Raum für Phantasien, die das gänzlich Unbekannte und Fremde zu imaginieren suchten. Erst 1539 fertigte der Schwede Olaus Magnus, Bischof von Uppsala und Kartograph, eine einigermaßen brauchbare Landkarte an, die den wirklichen Umrissen schon ähnelt.

Heute wissen wir’s etwas besser. Manche, wie der Kieler Historiker Prof. Martin Krieger (Spezialgebiet: Geschichte Nordeuropas), kennen sich so gut mit der Materie aus, dass sie ein Buch daraus machen, welches über weite Strecken als Standardwerk gelten darf und sich als vorbereitende oder begleitende Lektüre zum nächsten Ostsee-Urlaub empfiehlt: „Die Ostsee. Raum – Kultur – Geschichte“ ist eine umfassende Darstellung so gut wie aller Aspekte, die das relativ kleine Meer (es würde ungefähr zweimal in die Nordsee und rund 300 Mal in den Atlantik passen) betreffen. Manches kann freilich nicht tiefgreifend erläutert, sondern nur gestreift werden. Wie denn auch anders?

Lange unter einer Eisschicht verborgen

Zunächst die erdgeschichtliche Dimension: Als im heutigen Frankreich und Spanien schon die Höhlenmaler zugange waren, lastete auf dem späteren Ostsee-Areal noch eine dicke Eisschicht. Die nachfolgende Erderwärmung war dazumal eine günstige Entwicklung, sie ermöglichte Leben und später die dauerhafte Besiedlung des europäischen Nordostens. Die Ostsee-Anrainer hießen später Norddeutschland, Dänemark, Schweden, Polen und Baltikum sowie Finnland, auch gehörte ein Teil Russlands um St. Petersburg hinzu.

Im Vergleich zu südlichen Gefilden des Kontinents war der Nordosten stets mit ziemlicher Verspätung an der Reihe, auch die Christianisierung vollzog sich hier erst mit großer Verzögerung. Kehrseite: Die Gegenden rund um dieses oft stille, zuweilen aber auch tosend gefahrvolle Meer galten mitsamt den Bewohnern als urtümlich. Ein rätselhafter Ostsee-Fund, nämlich eine Buddha-Figur aus dem 6. Jhdt. n. Chr., scheint jedoch darauf hinzudeuten, dass es schon zu jener frühen Zeit keine völlige Isolation von aller Welt gegeben haben kann.

Als Schiffe in Heringsschwärmen steckenblieben

Und so entwirft der Kieler Professor ein historisches Ostsee-Panorama, das über die Stein-, Bronze- und Eisenzeit sowie die (auch nicht so leicht einzugrenzende) Wikingerzeit zunächst bis zur Hanse reicht. Hier halten wir kurz inne. Wir erfahren, dass es sich gar nicht um einen festgefügten Städtebund gehandelt habe, sondern eher um lose Verbindungen ohne Gründungsakt oder übergreifende Verträge. Deshalb könne man auch nicht exakt sagen, welche Stadt zu welcher Zeit dazugehört hat. Jedenfalls begann im 13. Jahrhundert der Aufstieg Lübecks, und die Hansekogge ersetzte alsbald zunehmend die alten Formen der Wikinger-Schiffe, denn in den bauchigen Koggen ließ sich erheblich mehr Ware transportieren, was den aufblühenden Handel begünstigte.

Eine vielleicht nur unwesentlich übertriebene zeitgenössische Darstellung des dänischen Geschichtsschreibers Saxo Grammaticus besagt, die Heringsschwärme seien damals so ungeheuer dicht gewesen, dass Schiffe sie kaum durchdringen konnten, manche seien buchstäblich im Fisch steckengeblieben…

Backsteingotik, Reformation und Aufklärung

Und weiter geht’s durch die Epochen: die Zeit des Deutschen Ordens (Besiedlung und Kolonisierung ostwärts), das Aufkommen der Backsteingotik, die auch im Norden furchtbar grassierende Pest, sodann die Reformation, der Dreißigjährige Krieg, der Fernhandel im Zeichen des Kolonialismus (in dem die Ostseeregion wegen der gar zum umständlichen Seewege nach Indien eher eine Nebenrolle spielte). Allerdings gab es auch dänische Sklavenhändler, die Waffen produzierten, für den Gegenwert in Afrika Sklaven kauften, die wiederum auf karibischen Inseln beim Zuckeranbau ausgebeutet wurden. Eine schreckliche Frühform der „Globalisierung“.

Großen Anteil an der Entwicklung eines Regionalbewusstseins (nicht nur rund um die Ostsee) hatte in der Aufklärung Johann Gottfried Herder, der jeder Region einen unvergleichlichen Eigenwert beimaß. Dass mit Immanuel Kant einer der größten Köpfe der Aufklärung just an der Ostsee, nämlich in Königsberg höchst sesshaft war, dürfte sich herumgesprochen haben.

1793 eröffnet mit Heiligendamm das erste Seebad

1793 beginnt eine bis heute reichende Entwicklung, die auch einen Ausgangspunkt des Buches bildet, nämlich die Entstehung der Urlaubsregion Ostsee. Im genannten Jahr eröffnete das Seebad Heiligendamm in Mecklenburg. Auch hierbei pflegte man sorgsam das Bild von der Ostsee als einer unverdorbenen und ursprünglichen Landschaft.

Allerdings ging auch die Industrialisierung nicht spurlos an der Ostsee vorbei. Kanäle und Eisenbahnbau durchschnitten die Landschaft, es wurden große Werften und andere Betriebe gegründet.

Relativ kurz abgehandelt werden die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts. Dazu heißt es, die Ostsee sei – mit wenigen Ausnahmen (Stichwort: Kieler Matrosenaufstand) – eher ein Nebenschauplatz gewesen. Wahrscheinlich ergibt es ja auch wenig Sinn, im Rahmen einer Gesamtschau näher auf grundstürzende Ereignisse einzugehen, für die man keine einzelnen Kapitel, sondern ganze Bücher braucht.

Weiterer Haltepunkt ist die „Wende“ um 1989, in deren Gefolge rund um die Ostsee alte, im Kalten Krieg abgeschnittene Handelswege wieder bedeutsam wurden. Man kann nur hoffen, dass das so bleibt.

Im Schlussteil, der „Bedrohungen und Chancen der Zukunft“ abwägt, geht Krieger seltsamerweise nicht auf den Klimawandel und einen womöglich ansteigenden Meeresspiegel ein, sondern – für sich schon bedrohlich genug – auf Vermüllung und Überfischung der Ostsee. Und die Chancen? Sieht Krieger vornehmlich darin, dass rund um Helsinki und Stockholm, aber auch in Dänemark und im Baltikum die Digitalisierung rasante Fortschritte mache. Deutschland wird dabei nicht eigens erwähnt…

Übrigens: Gerade angesichts der hervorragenden Druckqualität hätte man sich noch mehr prägnante Bebilderung gewünscht. Vielleicht in einer späteren Auflage?

Martin Krieger: „Die Ostsee. Raum – Kultur – Geschichte“. Reclam Verlag, 296 Seiten mit 7 Karten und 65 Abbildungen, Literaturverzeichnis und Register. Gebundene Ausgabe, Großformat (ca. 27 x 21 cm). 39 €.

 




Bevor der Tonfilm das Kino entzauberte – die poetischen Kritiken von Ernst Blass zwischen 1924 und 1933

Ernst Blass ist vor allem als Lyriker im Umfeld des Expressionismus in Erscheinung getreten. Dass er in den Jahren 1924–1933 für verschiedene Berliner Zeitungen als Theater- und Filmkritiker tätig war, dürfte nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt sein. Das könnte sich durch die Auswahl seiner Essays und Kritiken im Berliner Elfenbein Verlag nun ändern.

Der schöne, von Angela Reinthal herausgegebene Hardcover-Band mit mehreren Abbildungen historischer Filmplakate und einem Anhang, der neben dem kenntnisreichen Nachwort der Herausgeberin auch ein Namensregister sowie eine Liste der im Band besprochenen Filmkunstwerke umfasst, schafft die besten Voraussetzungen, um die literarisch herausragenden Texte des „Lyrikers unter den Filmkritikern“ (so Michael Mendelssohn über Ernst Blass) erneut im alten Glanz erstrahlen zu lassen.

Der Band führe uns, wie Dieter Kosslick, der langjährige Leiter der Berlinale, in seinem Geleitwort schreibt, in (…] „die goldene Ära des ,Weimarer Kinos‘ zu einer poetisch-cineastischen Reise in ein instabiles Land, das sich nach dem Ersten Weltkrieg mit größtmöglicher Lust, Freiheit und Kreativität neu erfinden wollte.“

Vitale Kinolandschaft um den Ku‘damm

Im Umkreis der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche eröffneten immer neue Filmpaläste – das „Capitol“, der im Barockstil erbaute „Gloria-Palast“, der „Ufa-Palast am Zoo“ mit 2.165 Sitzplätzen, der Tauentzien-Palast“ oder das „U. T. Kurfürstendamm“. Wie aus einer Anmerkung zum Nachwort hervorgeht, gab es 1925 in Berlin 342 Kinos mit 147.126 Sitzplätzen; im Jahr 2018 war es noch 71 mit 48.595 Plätzen.

Ernst Blass, so brillant und professionell seine Kritiken geschrieben sind, teilt gern die Erwartungen des großen Publikums an gute Unterhaltung und beschreibt die „Ferienstimmung“, die sich einstellt, wenn der erwachsene Mensch die schnell vorbeifliegenden Bilder mit ihren lustigen Streichen genießen kann. So schreibt er im Berliner Tageblatt vom 05.07.1925 (Beiblatt Lichtspiel-Rundschau):

„Man sitzt im Dunkel und auf der Bildfläche wird es hell. Dort geschieht irgend etwas federleicht und ohne Verantwortung. Ein dicker Mann ist da mit seinem kleinen Bruder, ein Hutgeschäft soll in Gang gebracht werden. Der Kleine verbirgt sich irgendwo und wirft den Vorübergehenden die Hüte vom Kopf, sowie der Hut auf der Straße liegt, kommt der Dicke auf einer Dampfwalze angefahren und vernichtet den Hut. Der Mann kauft sich einen neuen, dieser fliegt wieder herunter, wieder kommt der Dicke mit der Dampfwalze, auch der neue Hut ist zermalmt. So jagt ein heiterer Scherz den anderen, aber der heiterste von ihnen ist vielleicht, daß man vor diesen Schuljungenphantasien selbst wieder zum Schuljungen wird. (…) In diesen schwachen Stunden haben wir eine dankbare Empfänglichkeit für alles, was wir mit unserem Schwamm leicht wieder auslöschen können. Von den Lichtspielereien haben wir eine Hingabefähigkeit, die vielleicht dem Universum gegenüber gleichfalls nicht unangebracht wäre.“ 

Große Zeit des Slapstick

Es war die Zeit der Slapstick Comedies, mit dem fabelhaften Chaplin, dem todernsten Buster Keaton oder dem tollkühnen Fassadenkletterer Harold Lloyd, der selbst bei riskantesten Aktionen ohne Stuntman auskam – die meisten kennen ihn, in schwindelerregender Höhe am Zeiger einer Uhr hängend. Ernst Blass bewundert Ernst Lubitsch, der ab 1916 in seinen Stummfilmkomödien regelmäßig die heute fast vergessene, damals vom großen Publikum geliebte Ossi Oswalda einsetzte – neben Henny Porten und Asta Nielsen einer der ersten großen weiblichen Stars des deutschen Films. Zu einem etwas späteren Film mit ihr (Niniche von Victor Janson) schreibt er: „Ossi Oswalda ist zwar zu schelmisch, aber doch graziös und niedlich. Man sieht sie gern, ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob ihr Spiel und ihr Gehaben ästhetisches Niveau hat.“ (Berliner Tageblatt vom 15.2.1925)

Mauritz Stiller, der im August 1924 zur deutschen Premiere seines Films Gösta Berling (nach dem Roman von Selma Lagerlöf) nach Berlin kam, ist für Blass der „menschlich und künstlerisch ernsthafteste Filmregisseur Europas“. Die achtzehnjährige Greta Gustafsson tritt in dem schwedischen Film erstmals unter dem Namen Garbo auf. Mauritz Stiller und Greta Garbo gingen 1925 gemeinsam nach Hollywood; „die Göttliche“ Garbo machte Karriere bei Metro-Goldwyn-Mayer; ihr Entdecker und Mentor ging sang- und klanglos unter und starb mit nur fünfundvierzig Jahren. Ihm widmet Ernst Blass einen ausführlichen Nachruf.

All die späteren Klassiker des Stummfilms

Im vorliegenden Band sind viele der ersten Besprechungen jener großen Filme vertreten, die heute bekannte Klassiker sind. Robert Wienes Kabinett des Dr. Caligari und Paul Wegeners Golem-Filme sind für Blass „einige der besten deutschen Filmtaten und Erfolge“. Von Fritz Lang ist Blass‘ Favorit nicht Metropolis (1927) – für ihn „ein Koloss auf tönernen Füßen“, „… leider kein Ganzes“ – und auch nicht Frau im Mond (1929), dessen „gewalttätige Regie“ er rügt, sondern der frühe Film Der müde Tod (1921), den er auch nachträglich bei verschiedenen Gelegenheiten hervorhebt.

Zu Carl Theodor Dreyers Die Passion der Jungfrau von Orleans von 1928 notiert er begeistert: „Diese Antlitze, anwesend mit den fremdartigen Furchungen und absonderlichen Rundheiten einer ganz fernen Zeit, mit anderen Augen, Lidern, Blicken, Nasen – inmitten einer fernen und ewigen Tragödie. Ein Geheimnis. Das Geheimnis, um dessentwillen es sich lohnt, Kunst zu machen. Nicht ein Spiel nur, sondern eine bekennende Kontemplation. Solche also vermochte der (stumme) Film.“

Enthusiamus, aber auch gnadenlose Verrisse

Seine Begeisterungsfähigkeit lässt sich höchstens mit Sergei Eisensteins Revolutionsfilm Panzerkreuzer Potemkin steigern, dessen Premiere Blass am 29. April 1926 im „Apollo-Theater“ verfolgte. Am darauffolgenden Morgen steht im Berliner Tageblatt: „Nicht begreifbar ist, daß ein einzelner Mensch etwas derart Wunderbares zustandebringt. Es sind kaum Szenen darin, die nicht von einem machtvollen und menschlichen Genie stammen müssen. Welche Hingabe muß notwendig sein, um solche Darstellung nur zu ersinnen, und erst sie auszuführen! Eisenstein hat hier den gewaltigsten und kunstvollsten Film geschaffen, den die Welt sah.“

Wer so enthusiastisch lobpreisen kann wie Ernst Blass, der kann auch gnadenlos verreißen. Unter den Historienfilmen gab es auch viel Unhistorisches, Übertriebenes. Der ironische Titel des Auswahlbands bezieht sich auf eine Besprechung des Kolossalfilms Quo vadis? mit Emil Jannings als Nero, den die Unione Cinematografica Italiana 1924 in Rom hergestellt hat – die damals bereits dritte Verfilmung des gleichnamigen Romans von Henryk Sienkiewicz. „Das Rom Neros ist hier aufgebaut ungefähr im Stil unserer Nationalgalerie, und die auftretenden Römer machen den Eindruck außerordentlich später Römer. Sie könnten etwa sagen: in kino veritas!“

Über die Ausdruckskraft des Hundes „Rin Tin Tin“

Um Künstlichkeit oder übertriebenes Theaterspiel musste sich zumindest einer der Filmhelden aus der Stummfilmzeit keine Sorgen machen: der Schäferhund Rin Tin Tin. 1918 in Lothringen geboren,1932 in Los Angeles gestorben, wurde er mit 26 Schwarz-Weiß-Filmen in den 1920er Jahren zum Star und hat inzwischen einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame erhalten. Die spätere Fernseh-Kinderserie aus den 50er-Jahren kann keinen Eindruck von den spannenden Abenteuerfilmen aus den Zwanzigern vermitteln, mit dem Tier, das – so die Filmlegende – unter Wölfen aufwuchs und in der abgelegenen Natur Kanadas in einem gesellschaftlichen Außenseiter seinen Herrn findet.

„Der Hund aber drückt sich völlig aus. Es ist ein Wunder der Regie, daß bei all diesen gespielten Dingen der Hund wie ein unmittelbar Erlebender wirkt. Gar nicht dressiert und gar kein Schauspieler, sondern in allen Einzelheiten sieht er genau so aus, wie dieser (vorgestellte) Hund bei diesen Szenen aussehen müßte, wenn sie wirklich wären. Fast wie ein Wolf, dunkel und gefährlich, als er dem Mörder begegnet. In der Haltung und in der Miene. Oder der Ausdruck der Traurigkeit, als er, hungrig, einen abgenagten Knochen findet. Oder das Erstaunen, als sein Herr die Geliebte wiederfindet. Oder die Siegesfreude nach der ersten Rettung. Das ist alles sehr feinfühlig aufgefaßt und rätselhaft gut wiedergegeben. (…)

Die Wirklichkeit dieses Hundes inmitten gespielter Imagination, die völlig unzweideutige Teilnahme einer so seelenvollen Kreatur an einer nur vorgespiegelten Handlung – das ergibt eine Märchenwirkung von verwirrender und unergründlicher Tiefe; es ist ein schlechthin wunderbares Zwielichtspiel.“

Filme brachten die große weite Welt in die deutschen Kinos. Da gab es zum einen die Ufa-Naturfilme im Beiprogramm. Erfolgreich waren aber auch abenteuerliche Reiseberichte wie etwa die Kameraaufnahmen des Seglers und Flugpioniers Gunther Plüschow, der auf einem kleinen Segelboot den Atlantik überquerte und mit seinem Wasserflugzeug, einer Heinkel HD 24, als erster Flieger Patagonien und Feuerland aus der Luft erkundete.

„Der Tonfilm naht mit Brausen“

Technische Neuerungen fanden nicht nur im Flugwesen statt; für den Film ließ der Tonfilm Ende der Zwanzigerjahre ein neues Zeitalter anbrechen. „Der Tonfilm naht mit Brausen. Daß er nicht schon lange in unserer Mitte tönt und redet, das liegt an allgemeinen Verhältnissen. Immerhin: jüngst hat ein Kommerzienrat gesagt, der Tonfilm stehe vor den Toren wie eine Braut“, schreibt Ernst Blass am 31.5.1929 in der Literarischen Welt. Ein gutes Jahr später, im September 1930, resümiert er: „Der Tonfilm also brachte im ersten Jahr keine Vermenschlichung des Films, aber seine Entzauberung. (…) Eine Weiterentwicklung des stummen Films ist der Tonfilm nicht. Aber er ist etwas anderes. (…) Der Mensch hier nun spricht, – aber fast nur Schales und Klamottiges. (…) Höhere Werte, menschlichere, sind auch im Film denkbar. Aber sahen wir im Sprechfilm bereits Ansätze zu ihrer Verwirklichung? Nicht im geringsten.“

Seine Prognose: „Nun, der Apparat wird sich sehr verbessern, höchstwahrscheinlich auch die Form. Aber was werden die Menschen singen und sagen, das sich messen könnte mit dem Geheimnis und der Zauberkraft des Ungesprochenen? Wenn nicht neben den Schauspieler der Dichter tritt oder der echte Komponist oder doch zumindest ein Zauberer? Und da dies Ausnahmen und Glückszufälle sein werden, wird der Film durch den zugeordneten Ton im ganzen mehr verlieren als gewinnen.“

„in kino veritas“. Essays und Kritiken zum Film. Berlin 1924—1933. Ausgewählt, mit einem Nachwort versehen und herausgegeben von Angela Reinthal. Mit einem Geleitwort von Dieter Kosslick. Elfenbein Verlag, Berlin. 286 Seiten, 22 Euro.

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Aktuelle Stummfilm-Vorführungen:

Zu keiner Zeit war der Stummfilm stumm. Er war immer von Musik begleitet, mindestens von einem (manchmal automatischen) Piano, oft von einer Kinoorgel, wie es sie auch heute noch in einigen Kinos gibt, manchmal aber auch von großen Orchestern. Stummfilm-Vorführungen waren immer auch Konzerte.

An diesem Samstag, 29.6., zeigt das Filmmuseum in Düsseldorf in seinem Kino Black Box um 20:00 Uhr den deutschen Historienfilm Anna Boleyn (1920) von Ernst Lubitsch mit Henny Porten und Emil Jannings in den Hauptrollen. Daniel Kothenschulte (Köln) begleitet das Lichtgebilde am Klavier – und auf der Guillotine.

Nach der Sommerpause geht es im Filmmuseum weiter mit Klassikern der Stummfilmzeit; am 24.9. wird in der Reihe „Stationen der Filmgeschichte“ Germaine Dulacs Kurzstummfilm Die Muschel und der Kleriker gezeigt (Originaltitel: La Coquille et le Clergyman – 1927, nach einem Drehbuch von Antonin Artaud).

Am 28.9. folgt in der Reihe „Stummfilm + Musik“ von Friedrich Wilhelm Murnau Faust – eine deutsche Volkssage (1926; mit Gösta Ekman als Faust, Emil Jannings als Mephisto und Camilla Horn als Gretchen).

Am 26.10. ist zu sehen: Anders als die Andern, ein Spielfilm von Richard Oswald zum Thema Homosexualität aus dem Jahr 1919, der unter Mitwirkung von Magnus Hirschfeld entstand, und anschließend am selben Abend die Komödie Ich möchte kein Mann sein (1918) von Ernst Lubitsch mit Ossi Oswalda.

Weitere Termine: 30.11.: Das Grabmal einer großen Liebe / Shiraz (Regie: Franz Osten; 1928) und 21.12.: Carl Theodor Dreyer: 1928: Die Passion der Jungfrau von Orleans (La passion de Jeanne d’Arc).

Der Veranstaltungsort ist jeweils die Black Box im Filmmuseum Düsseldorf, Schulstraße 4, 40213 Düsseldorf.

 




Oh, schreckliche Sportart Völkerball – Sofort verbieten!

Ach, könnte man sich doch gegen alle Zumutungen des Lebens beschirmen... (Foto: Bernd Berke)

Ach, könnte man sich doch gegen alle Zumutungen des Lebens beschirmen! (Foto: Bernd Berke)

Dies vorangeschickt: Wir reden hier gewiss nicht über alle Kinder aller Eltern. Manche, ja viele, sehr viele wachsen auch in Deutschland unter unwürdigen oder gar gewaltsamen Bedingungen auf. Doch andererseits…

Andererseits gibt es in gewissen beflissenen Mittelschichts-Kreisen die Tendenz, den Nachwuchs (und sich selbst) quasi unbeschränkt vor allem Zumutungen des Lebens geradezu demonstrativ behüten zu wollen – zumindest, was den äußeren Anschein betrifft.

Das Helikopter-Phänomen ist zwischen Latte und SUV so oft geschildert worden, dass es längst zum komischen Klischee geronnen ist. Es verbindet sich aufs unfreiwillig Lächerlichste mit politischer Korrektheit und Unduldsamkeit, sollte da mal eine gegenläufige Meinung auftauchen.

Widersprüche will man einfach nicht hinnehmen und nicht wahrhaben. Ja, man hält sie nicht einmal mehr aus. Welch eine lebensferne Einstellung! Das Nicht-mehr-Aushalten anderer Auffassungen ist überhaupt ein Grundproblem dieser Gesellschaft. Zu dem Themenkomplex hat jüngst auch die Feministin und Philosophin Svenja Flaßpöhler der TAZ ein wichtiges Interview gegeben.

Genug der weitschweifigen Vorrede. Werden wir konkret. Denn wieder einmal haben wir ein neues Beispiel, natürlich – wie immer in derlei Fällen üblich – von „Experten“ aus dem Wissenschaftsbereich angestoßen und mitgetragen. Die Standard-Überschrift beginnt diesmal nicht mit „Experten warnen vor…“, sondern mit „Forscher fordern…“ Und was sollen sie schon fordern? Verbote natürlich. Man hat’s gern rigoros.

Verlierer*innen soll es gar nicht mehr geben

Kanadische Wissenschaftler*innen also (wir gendern hier ganz bewusst, um dem Kontext zu entsprechen) haben demnach für gutes Geld festgestellt, dass das seit Generationen in Schulen und anderswo gespielte, mehr oder weniger beliebte Völkerball (artverwandt in Nordamerika: Dodgeball) ein „Mittel der Unterdrückung“ und „legalisiertes Mobbing“ sei. Weil man nämlich laut Regelwerk Leute des gegnerischen Teams mit dem Ball treffen soll… Man könnte denken, dass damit Völkerball fast schon an Völkerschlacht grenzt. Jedenfalls, so die rigide Forderung, gehöre die Sportart abgeschafft.

Donnerwetter! Man könnte also einen Ball abkriegen und sich danach ganz, ganz schlecht fühlen. Denkt Euch nur: Es soll schon vorgekommen sein, dass böse Buben (oder Mädels) im Spiel absichtlich auf Mitschüler*innen gezielt haben. Doch nun wird uns endlich Gutes verheißen. Ganz klar: Wird kein Völkerball mehr gespielt, hört derlei übles Mobbing sofort auf, Lamm und Wolf lagern nett beieinander und der ewige Frieden bricht aus. Aber so was von!

Es gibt ja tatsächlich auch schon Leute, die überhaupt jedwedes Spiel ablehnen, bei dem es Gewinner und Verlierer gibt. Verlieren! O nein! Was für eine Schmach, die sich nimmermehr verwinden lässt! Den Herzchen ist es einfach egal, ob man dabei was fürs spätere Leben lernen könnte. Sie meiden jede mögliche „Verletzung“. Auch so kann man später ausbrechende Aggressionen züchten.




Lupenreine Demokratie gegen Pharaonen – ein bescheuerter Fußball-Kommentar zum Afrika-Cup

Warum müssen manche Fußball-Kommentatoren solche Kleingeister sein? Heute Abend war wieder ein Stratege zugange. Zufällig bin ich beim Sender DAZN für eine halbe Stunde in die Fußballpartie Ägypten – Kongo geraten, eine Begegnung im Rahmen des Afrika-Cups, als Kontinental-Meisterschaft in etwa vergleichbar der EM. Also keine Kreisklasse.

Screenshot aus dem erwähnten Spiel. (© DAZN)

Screenshot aus dem erwähnten Spiel. (© DAZN)

Okay, beim Fernsehen kommt es vielfach eh in erster Linie auf Antennen fürs Populäre und auf ausgeprägten Sinn für nette Bildchen an. Auch versendet sich dieses oder jenes Gefasel ohne Rücksicht auf Rechtschreibung. Allenfalls stört manche falsche Aussprache. Ich sage nur „Emm-Bappee“ (so behämmert klingt gar häufig der Name Mbappé).

Doch ich verplaudere mich. Zurück zum besagten Spiel. Der deutsche Kommentator entblödet sich nicht, ungefähr in jedem dritten Satz zu betonen, dass hier die Demokratische Republik Kongo auf dem Platz stehe. Und immer wieder: „Demokratische Republik“. Auch ohne den Kongo-Zusatz: „Die demokratische Republik…“ Du meine Zeit, was muss das für eine vorbildliche, lupenreine Demokratie sein! Ja, denkste! Schon ein flüchtiger Blick auf den weltweiten Demokratie-Index von 2018 hätte den Sprecher eines Schlechteren belehren können. Da steht das Land auf Platz 165 von insgesamt 167. Dahinter folgen nur noch Syrien und Nordkorea…

Wenn man weiß, dass man ein solches Spiel zu kommentieren hat, zieht man doch vorher möglichst ein paar grundlegende Erkundigungen ein. Oder man hält sich verbal geflissentlich zurück. Aber nein! Da wird drauflos geredet, dass die Schwarte kracht. Und es reicht wieder mal nur für ein paar gewichtig hervorgepresste Spielernamen, für dumpfes 1:0-Gelaber und für bestürzend dümmliche Bezeichnungen wie „die Pharaonen“ für die ägyptische Mannschaft.

Damit wir uns recht verstehen. Gerade bei DAZN hatte ich oft einen etwas besseren Eindruck von der Sprechergilde. Besonders, wenn sie dort zu zweit kommentieren, ist es zuweilen ganz erträglich – auch verglichen mit „Sky“ oder ARD, ZDF und RTL (wenn die denn mal was übertragen dürfen).

Heute aber saß der Bursche am Mikro, dessen Namen zu eruieren mir nicht lohnend erscheint. Er brachte solche abenteuerlichen Satzfolgen wie jene (über einen aus der Mannschaft geworfenen Spieler) zustande. Sinngemäß: „Er soll mehrere Frauen belästigt haben. Das sieht man bei seinem Verband natürlich nicht gerne. Was man gerne sieht, sind Torchancen…“




Der Mensch ist nur ein flüchtiger Schatten – Lars Gustafssons letzte Gedichte: „Etüden für eine alte Schreibmaschine“

Es ist, als solle einen schon der Titel unserer Zeit entrücken: „Etüden für eine alte Schreibmaschine“ heißt der (erst) jetzt bei uns erschienene Lyrikband von Lars Gustafsson. In Schweden ist das schmale, doch gehaltvolle Buch bereits 2016 herausgekommen, also im Todesjahr Gustafssons, der am 3. April 2016 gestorben ist. Diese Gedichte sind kein großes Vermächtnis, sondern wirken wie ein letzter, elegischer, wissend lächelnder Abschiedsgruß, der eben schon auf andere Sphären verweist.

Das erste Gedicht „Der Mann, der Hund, die Schatten“ lässt vage, schattenhafte Erscheinungen vorüberhuschen. Auch die weiteren Seiten enthalten vielfach Zeilenfolgen, die sich beinahe im Nichts verlieren und entschwinden, vor allem in nächtlichen und winterlichen Landschafts-Kulissen.

Etliche Gedichte sind so federleicht wortsparsam wie Haikus. Bloß nichts Überflüssiges hinsetzen! Unscheinbar, bescheiden, ja nahezu demütig und wie nebenher verfasst kommen einige dieser kleinen Schöpfungen daher. Aber das kann ja nicht stimmen. Der Dichter hat gewiss noch einige Mühen darauf verwendet. Das lyrische Ich sucht dabei nicht zuletzt Orte der Kindheitserinnerungen auf. Wie es gegen das Ende hin so zu sein pflegt.

Auf den Titel des Bandes kommt ziemlich früh das äußerlich fassbarere Gedicht „American Typewriter“ zurück. Es beschwört den länger zurückliegenden Augenblick, in dem am Metropolitan Desk der New York Times eine einsame Remington-Schreibmaschine betätigt wurde, nein: „…in einer Kaskade von Anschlägen aufbrauste“. Sodann heißt es:

„Es war eine Zeit,
als man die Menschen
noch denken hörte.“

Ja, es war noch eine ganz andere Materialität im Spiel, als beim vergleichsweise „lautlosen“ Geklapper auf Computern, bei dem freilich inhaltlich oft genug Getöse herauskommt.

Ansonsten geht es luftiger zu. Da erahnen wir beispielsweise: Verlassene Dinge, vorzugsweise in der schwedischen Provinz, von denen die Farbe abgeblättert ist; den Möglichkeits-Moment, bevor ein Solist im Konzert den ersten Ton spielt; die längst „erledigten“, niemals eingelösten Verheißungen abgelaufener Kalender; die Buchstelle, die ein vergilbtes Lesezeichen von 1929 noch markiert und hinter der vielleicht eine ganze Lebensgeschichte aufscheint…

Mehrfach werden Grenzgelände erwähnt: Grenzen des Erzählens, Grenzen der Galaxis, des Universums gar. Hinaus, hinaus ins Endlose? Im allerletzten Gedicht, dem „Epilog für die Ratlosen“, lesen wir jene Aufforderung, die in eine andere Welt führen könnte:

„Komm, müder Körper!
Komm, müde Seele!“

Und wie vergänglich waren Tun und Trachten im Leben! Gustafsson resümiert sein Metier, seine viele Jahrzehnte währende, wahrlich fruchtbare Autorenschaft im lyrischen Zuschnitt so lakonisch:

„Ich habe mein Leben damit verbracht
die Buchstaben des Alphabets
auf verschiedene Arten zu ordnen.“

Mehr noch: Einem anderen Gedicht zufolge scheint die ganze – ziemlich groteske – Geschichte der Philosophie sozusagen hinter Schneegestöber zu verschwinden. Ist denn alles Geistige nur ein Sortiervorgang oder flüchtige Illusion? Sollte auch jeder Mensch nichts als ein letztlich einsamer Schatten sein, wie es im Gedicht „Solipsismus“ heißt?

Kein Wunder, dass in diesem Band entscheidende Fragen angeschnitten werden, die (eventuell) letzten Dinge betreffend, allerdings mit Drall zur Komik:

„Ich frage mich:
Wenn man also in der Hölle ankommt, woher weiß man, dass man wirklich in der Hölle angekommen ist?
Und nicht nur in einer Ecke des Üblichen?“

Lars Gustafsson: „Etüden für eine alte Schreibmaschine“. Gedichte. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Carl Hanser Verlag. 80 Seiten, 18 Euro.




Zum 80. Geburtstag des Aktionskünstlers HA Schult: Kurze Erinnerung an einen Auftritt in Dortmund

Waren nach und nach in aller Welt zu sehen: „Trash People" (Müllmenschen) – hier im April 2006 vor dem Kölner Dom. (Foto: Wikimedia Commons / Leonce 49 - Link zur Lizenz:https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/deed.en)

Waren nach und nach in aller Welt zu sehen: HA Schults „Trash People“ (Müllmenschen) – hier im April 2006 vor dem Kölner Dom. (Foto: Wikimedia Commons / Leonce 49 – Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/deed.en)

Du meine Güte, heute wird HA Schult auch schon 80 Jahre alt! Der Mann also, der recht frühzeitig, in den 1970er Jahren, Vermüllung und Ökologie zum plakativen Thema seiner Aktions- und Installationskunst machte. Offen gesprochen: Gemeinsam mit seiner Gefährtin Elke Koska, die früher stets „Muse“ genannt wurde (heute müsste man da wohl etwas umsichtiger sein), konnte Schult einem – dies- und jenseits seiner Kunstanstrengungen – ganz schön auf die Nerven gehen. Sollte es doch mehr Aktion als Kunst sein, die er betrieben hat?

Heute mal egal. Sein Geburtstag ist Anlass genug für eine kurze, willkürlich herausgegriffene Erinnerung an einen allerdings typischen Auftritt, den er vor rund 23 Jahren gemeinsam mit Elke Koska in Dortmund hatte. Der Text erschien am 6.7.1996 in der Westfälischen Rundschau:

Von Bernd Berke

Dortmund. Da eilte selbst Oberbürgermeister Günter Samtlebe herbei und hielt eine launige Ansprache. Denn nicht alle Tage gibt sich ein so prominenter Aktionskünstler wie HA Schult in Dortmund die Ehre. Mitten in die Empfangshalle des Hauptbahnhofs hat Schult ein Marmor-Auto postiert.

An diesem Kunstwerk werden bis zum 4. August wohl einige Millionen Menschen vorübergehen, denn täglich sind’s im Schnitt rund 120 000, die durch den Bahnhof hasten. Das meiste Aufsehen erregte gestern Schults schrille Muse Elke Koska, die übrigens aus Dortmund stammt und hier das Mallinckrodt-Gymnasium besucht hat. Sinnierte Günter Samtlebe: „Da kann man mal sehen, was aus den Leuten so wird.“

HA Schult 2018 vor seiner „Wall of Freedom" in der Ratingr Straße in Düsseldorf. (Foto: Wikimedia Commons / StagiaireMGIMO - Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/)

HA Schult 2018 vor seiner „Wall of Freedom“ in der Ratinger Straße in Düsseldorf. (Foto: Wikimedia Commons / StagiaireMGIMO – Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/)

Das gar nicht aus Marmor bestehende, sondern marmorierend bemalte Fahrzeug (besser: „Steh-Zeug“) prangte 1994 als Symbol des politischen Zeitenwandels auf einem Sockel vor dem Marmorpalast in St. Petersburg, wo es einen Panzerwagen Lenins ersetzte. Seither hat das gute Stück eine Tournee durch acht deutsche Städte hinter sich. Nun aber spricht Schult, dem Regionalstolz schmeichelnd: „Das waren nur Fingerübungen, um es endlich in Dortmund zeigen zu können.“

Auch für Nutten und Penner

Warum der Bahnhof? Schult: „Weil hier so viele Leute sind, und weil hier auch Nutten oder Penner meine Kunst sehen können.“ Und die Finanzen? Schult läßt sponsern. Denn sein Auto ist nicht irgendeins, sondern ein Mittelklassemodell aus Kölner Fabrikation, welche mit dem Spruch „Die tun was“ beworben wird. Man muß sie nicht nennen, man kann getrost fortfahren…

Nein, man habe sich mit dem Auto keine Konkurrenz ins Haus geholt, meinte gestern Ernst Liedschulte von der Deutschen Bahn AG. Man begreife das Automobil als sinnvolle „Ergänzung“ zur Schiene. Und Dortmunds Oberbürgermeister Günter Samtlebe befand launig, mit HA Schult und Elke Koska habe man sich ein „Power-Paar“ in die Stadt geholt. Ökologisch korrekt, empfahl er Schult jedoch, bald ein Marmor-Fahrrad herzustellen.

Derweil bildete sich beim Eröffnungs-Zeremoniell eine neugierige Menschenmenge, angelockt auch vom gewohnt schrillen Erscheinungsbild Elke Koskas. Die erschien mit einem großen schwarzen Hund und trug statt eines Handtäschchens einen kleinen Silberkessel. Todschick. Mancher Urlauber machte hier gleich beim Reisestart sein erstes Erinnerungsfoto, und auf die Erläuterungstafel zu „Marmorne Zeit“ (Werktitel) hatte schon einer gekritzelt: „Schult, laß dich nicht unterkriegen, deine Kunst ist klasse“.

Stimmt das? Mal ehrlich: Mag das Auto in St. Petersburg noch von historischer Aura profitiert haben, so wirkt es in Dortmund relativ schlicht. Erst wenn Schult und seine Elke live dazu auftreten, wird s spektakulär. Sie selbst sind das Kunstwerk.




Abenteuer eines Wundermusikers: Jaromír Weinbergers Oper „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ in Gelsenkirchen

Die Untertanen der Eiskönigin sind von Schwandas Spiel entzückt (Foto: Monika Forster)

Diese Oper ist ein Kuriosum. Ihr Titelheld, Schwanda, ist ein spielfreudiger Dudelsackpfeifer aus einem südböhmischen Dorf. Aber aus seinem Instrument klingt bis zum Schluss nicht ein einziger Ton. Vielmehr zieht das Orchester alle Register, wenn der sagenumwobene tschechische Wundermusiker auf der Bühne die Backen aufbläst. Statt brummender Borduntöne und durchdringender Pfeifen dringt Symphonisches ans Ohr: folkloristische Melodien und feurige Tanzrhythmen, dicht verwoben in die üppige, teilweise expressiv aufgeraute Sprache der Spätromantik.

Der Räuber Babinsky (Uwe Stickert, Mitte) drängt sich zwischen Schwanda (Piotr Prochera, l.) und dessen junge Frau Dorota (Ilia Papandreou. Foto: Monika Forster)

Mit „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ gelang dem jüdisch-tschechischen Komponisten Jaromír Weinberger 1927 ein Welterfolg. In 17 Sprachen wurde das Werk des Schülers von Max Reger übersetzt. Mehr als 2000 Aufführungen im In- und Ausland erlebte der Zweiakter bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten, die Weinbergers Karriere beendete. Versuche, diese märchenhafte Volksoper wiederzubeleben, gab es in Augsburg (2007), Dresden (2012) und Gießen (2018).

Im Gelsenkirchener Musiktheater erhielt die einst höchst populäre Oper jetzt heftigen Premierenbeifall. Dieser wurde freilich auch durch ein Finale forciert, das den im Ruhrgebiet gerne kultivierten Lokalpatriotismus knüppeldick auftrug – ob mit ironischer Absicht oder nicht, blieb ärgerlich unentschieden.

Babinsky (Uwe Stickert, r.) überredet Schwanda, seine Frau Dorota (Ilia Papandreou) zu verlassen und als Künstler Karriere zu machen. (Foto: Monika Forster)

Doch bis es so weit kommt, findet der niederländische Regisseur und Bühnenbildner Michiel Dijkema spektakuläre optische Entsprechungen für Weinbergers farbige und lebenspralle Musik. In diese Partitur hat der 31-Jährige Komponist solche Mengen verschiedener musikalischer Stile gegossen, dass sie schier aus allen Nähten platzt. Dijkema setzt sie in Bilder um, die dem Publikum manch erstauntes Raunen, ja sogar spontanen Szenenapplaus entlocken. Der Räuber Babinsky überredet Schwanda zu einer abenteuerlichen Reise, die ihn vom bäuerlichen Zuhause ins Reich der Eiskönigin und schließlich in die Hölle führt. In Gelsenkirchen entwickelt sie sich zu einem Farb- und Kostümrausch sondergleichen.

Mit seiner an phantastischen Stoffen geübten Hand entwirft der Niederländer märchenhafte, großartige Tableaus. Er lässt den Chor, als Untertanen der Eiskönigin in leuchtend blaue Kostüme gekleidet, so lange in erstarrter Pose verharren, bis Schwandas Dudelsackspiel das Menschenmeer in Bewegung bringt. Zur zauberischen Atmosphäre trägt auch die Beleuchtung von Thomas Ratzinger bei, der die aufwendig und mit größter Liebe zum Detail gestalteten Röcke, Mäntel, Häubchen und Zylinder auf schneebedecktem Grund zum Strahlen bringt (Kostüme: Jula Reindell).

Platzmangel in der Hölle: Schwanda (Piotr Prochera, vorne rechts) wird für eine freche Lüge bestraft (Foto: Monika Forster)

Über die meterhohe Pyramide aus dicht gedrängten Teufeln und über die große Höllenfuge, bei der Satan persönlich versucht, dem Dudelsack ein paar brauchbare Töne zu entlocken, sei hier nicht allzu viel verraten. Für Auge und Ohr gibt es reichlich zu tun, bis Schwanda mit Hilfe des Räubers Babinsky den Weg zurück zu seiner geliebten Frau Dorota findet. Wo sich das Stück an Motive aus Faust, Orpheus und Robin Hood anlehnt, mag ein jeder für sich herausfinden.

In der nahezu hypertrophen, mehr als zehnminütigen Ouvertüre zeigt die Neue Philharmonie Westfalen zunächst einige Anlaufschwierigkeiten. Aus dem dichten Geflecht der Mittelstimmen klingt manches zunächst behäbig, ja unbeholfen. Aber unter der Leitung von Dirigent Giuliano Betta entwickeln die Musiker zunehmend Schwung und Kolorit. Mit immer größerem Nachdruck machen sie sich zu Anwälten der Partitur, die über alle Wagner-, Puccini- und Janacek-Anklänge hinaus Eigenständiges zu bieten hat und immer wieder mit Überraschungen aufwartet. Mit Beginn der Höllenszene ist dann eine Expressivität erreicht, die durchaus spüren lässt, dass diese Oper zwei Jahre nach der Uraufführung von Alban Bergs „Wozzeck“ entstand. Das akustische Pandämonium, das Weinberger hier auf das Publikum loslässt, wird zu einem teuflischen Hörvergnügen.

Der Teufel (Joachim G. Maaß) versucht, Schwandas Dudelsack ein paar brauchbare Töne zu entlocken (Foto. Monika Forster)

Die Partie des Räubers Babinsky, der mehr als nur ein wohlgefälliges Auge auf Schwandas junge Frau Dorota wirft, ist mit Uwe Stickert überragend gut besetzt. Es ist ein Genuss, wie lyrisch und doch kraftvoll sein Tenor über das Orchester hinweg strahlt – bei größter Natürlichkeit des Ausdrucks. Ebenfalls als Gast ist die Griechin Ilia Papandreou zu erleben, die Dorota einen wendigen, temperamentvollen Sopran verleiht. Diesen kann sie bei Ausbrüchen des Zorns wirkungsvoll erkalten lassen, in der Trauer um den vermeintlich verlorenen Gatten aber auch in Klänge von Schmerz und Sehnsucht tauchen.

Der polnische Bariton Piotr Prochera als Schwanda (Foto: Monika Forster)

Der Bariton Piotr Prochera erweist sich einmal mehr als tragende Säule des MiR-Ensembles. Er gibt einen Schwanda, der sich mit viel Selbstvertrauen in die Brust wirft, im weitgehend fröhlichen Forte aber auch ein wenig eindimensional bleibt. Ob der Titelheld nicht auch andere Facetten abwerfen könnte, bleibt am Premierenabend offen. Petra Schmidt setzt sich als auftrumpfende Eiskönigin wirkungsvoll in Szene, und als Teufel lässt Joachim G. Maaß seiner Lust am Komödiantischen vollen Lauf.

Der von Alexander Eberle glänzend vorbereitete Chor, der viel zum Erfolg des Abends beiträgt, demonstriert Geschlossenheit und Spielfreude. Überlaut klingt seine Stimmgewalt erst in der „Daheim-Apotheose“. Mit ihr pfropft der Regisseur eine Schluss-Szene auf, in welcher der Chor in Alltagskleidung an die Rampe stürmt, während bekannte Gelsenkirchener Stadtansichten auf einen Vorhang projiziert werden. Worauf das Publikum in vorhersehbarer Verzückung tobt. Ja ja, zu Hause ist es doch am schönsten.

(Informationen und Termine: https://musiktheater-im-revier.de/#!/de/performance/2018-19/schwanda-der-dudelsackpfeifer/)




Auf falscher Spur unterwegs? – Ein paar völlig laienhafte Zeilen über Elektro-Autos

Nun gut, dise Vitrinen-Ansicht weist mich als hoffnungslosen Automobil-Nostalgiker aus. Aber eine Klimapreis werde ich damit nicht gewinnen. (Foto: Bernd Berke)

Ich geb’s zu: Diese private Vitrinen-Ansicht weist mich als hoffnungslosen Automobil-Nostalgiker aus. Einen Klimapreis werde ich damit nicht gewinnen. (Foto: Bernd Berke)

Dies vorweg: Von Technik habe ich wenig bis gar keine Ahnung, erst recht nicht von deren Feinheiten. Trotzdem stelle ich mir als Laie die Frage, ob „wir“ mit dem politisch forcierten E-Auto nicht auf der völlig falschen Spur unterwegs sind. Und nein: Wir reden hier weder über die gängige (Hoch)-Kultur noch über Laufkultur (von Motoren).

Wie ich überhaupt darauf komme? Hübsch der Reihe nach. Beispielsweise las ich dieser Tage u. a. online in der „Welt“, dass Audi (Slogan seit 1971: „Vorsprung durch Technik“) rund 7000 bereits ausgelieferte E-Fahrzeuge, die sogenannten E-Tron-Modelle, zurückrufen muss. Unter sehr ungünstigen Umständen (Strom-Betankung bei Regen) könne die Batterie feucht werden. Beim dann möglichen Kurzschluss könne sie sogar Feuer fangen. Oha! Wie schaut es denn wohl in dieser Hinsicht bei den anderen Marken aus?

…und wenn sie mal Feuer fangen?

Zweiter Vorfall, ähnlicher Sachverhalt, aber noch mehr zugespitzt. Neulich lief die regionale Nachricht, dass ein Elektro-Auto Feuer gefangen hatte. Als die Feuerwehr ohne detaillierte Vorab-Infos eintraf, konnte sie nicht wie gewohnt gleich zum Löschen schreiten, sondern musste offenbar besondere Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, die wertvolle Zeit kosteten. In der kurzatmigen Nachricht wurde das zwar erwähnt, aber nicht weiter hinterfragt. Dabei wäre das nicht nur mal eben eine Nachfrage wert, sondern es dürfte sich dahinter ein weitaus größeres Thema verbergen, kann man doch vermuten, dass sich hier ein generelles Problem mit E-Autos auftut. Was, wenn wir erst zigtausend dieser Fahrzeuge auf den Straßen haben?

Drittens kann man vielfach nachlesen, dass die Öko-Bilanz der Elektro-Fortbewegung gar nicht so übermäßig günstig ausfällt. Die Herstellung der Akkus/Batterien verschlingt eine Menge an Ressourcen, die in die Gesamtrechnung mit einfließen müssten. Auch entstehen bei der Produktion etliche Schadstoffe. Klingt nicht gerade nach strikter Klima-„Neutralität“. Weitere Stichworte: Es gibt viel zu wenig Ladestationen und falls dann mal eine zur Verfügung steht, dauert das Laden ziemlich lang, die Reichweite des Fahrzeugs ist hingegen immer noch recht kurz. Kulturbeflissene mögen an dieser Stelle ein bildungshuberisches „Vita brevis, ars longa“ einflechten. Wir wollen sie nicht hindern.

In eine Technik geradezu verbissen

Doch zurück zum Thema: Wäre es möglich, dass sich Politik und Gesellschaft insgesamt spät, aber dann auf einmal doch panisch, vorschnell und gleichsam „alternativlos“ (furchtbares Totschlage-Wort) auf eine spezielle Technik festgelegt, ja geradezu darein verbissen haben, die einige gravierende Schwierigkeiten mit sich bringt? Wäre es ferner möglich, dass verstärkte Forschung (und entsprechender Einsatz von Finanzmitteln) auf anderen Gebieten weiter führt? Doch kaum denke ich dabei ganz naiv an Wasserstoffantrieb, lese ich akut, dass eine Wasserstoff-Tankstelle explodiert sei. Es ist wirklich kompliziert.

Ein Signal ist immerhin, dass sich manche Aktien-Investoren den Titeln zuwenden, die mit Wasserstoff und Brennzellentechnik Brennstoffzellentechnik arbeiten. Sobald sich damit Gewinn machen lässt, bekommt die Sache wohl ihre Eigendynamik. Wie man hört, leben wir nämlich immer noch in kapitalistischen Verhältnissen.

Es sieht freilich ganz so aus, als müsste noch sehr, sehr viel nachgedacht und zielgerichtet experimentiert werden. „Greta“ und die freitäglichen Klima-Katastrophen-Kohorten allein werden da mit ihren wohlfeilen Maximalforderungen (mögliches Motto: „Alles – und zwar sofort“) kaum Abhilfe schaffen können. Lindnersche Arroganz nach dem gegenläufigen Motto „Lasst mal die Experten ‚ran“ allerdings auch nicht.

P. S.: …und bei all dem haben wir noch gar kein Wort über Arbeitsplätze in der Autoindustrie verloren. Aber das interessiert ja eh nur noch die IG Metall und deren Mitglieder, oder?

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Im unten stehenden Kommentarbereich wird der Beitrag en détail schon korrigiert. Bei Facebook, wohin ich den Text verlinkt habe, gibt es – wie üblich – mehr Wortmeldungen.

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Mal sehen, vielleicht wird hieraus noch eine Serie. Arbeitstitel: „Sachen, von denen ich keinen Schimmer habe, über die ich aber trotzdem schreiben möchte“. Ich wäre in der Medienlandschaft beileibe nicht der Einzige, der nach dieser Parole verfährt.




Wie gefährdet ist unsere Demokratie? Eine Diskussion beim Evangelischen Kirchentag in Dortmund

In der Dortmunder Martinskirche (von links): Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, Moderator Wolfgang Kessler und die Integrationsforscherin Prof. Naika Foroutan aus Berlin. – Verdeckt hinter Ramelow: der Soziloge Prof. Hartmut Rosa aus Jena. (Foto: Bernd Berke)

Auf dem Podium in der Dortmunder Martinskirche (v. li.): Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, Moderator Wolfgang Kessler und die Integrationsforscherin Prof. Naika Foroutan aus Berlin. – Verdeckt hinter Bodo Ramelow: der Soziologe Prof. Hartmut Rosa aus Jena. (Foto: Bernd Berke)

Nun gut, wenn schon mal der Evangelische Kirchentag in Dortmund gastiert, kann man ja eine der rund 2000 Veranstaltungen aus dem rund 600 Seiten starken Programmkatalog aufsuchen. Wenn die dann noch in der nächstgelegenen katholischen (!) Kirche stattfindet, fällt’s einem wegen des kurzen Weges noch leichter. Zumal ein leibhaftiger Ministerpräsident zugegen war, nämlich Bodo Ramelow (Die Linke) aus Thüringen.

Man debattierte in der Kirche St. Martin über Gefährdungen der Demokratie – und darüber, ob selbige sich allenfalls noch marktkonform, aber nicht mehr wirklich frei entfalten könne. Der Wahrheit die Ehre: Die hier geäußerten Meinungen kamen ziemlich überein, es gab keine harsche Gegenposition, höchstens Nuancen. Und der Wahrheit noch mehr Ehre: Es war leider Gottes eine Veranstaltung mit einem 60-plus-Publikum. Interessieren sich die Jüngeren nicht mehr für solche Fragestellungen? Dabei haben sie sich doch im Zuge der Klimafurcht angeblich so sehr „politisiert“.

Verunsicherung und Vertrauensverlust

Prof. Hartmut Rosa, Soziologe von der Uni Jena, sprach in seiner ersten Diagnose von einer Wutgesellschaft – bis in die Spitzen großer Nationen (USA, Brasilien, Indien, Italien und England) hinein; von einem Vertrauensverlust nicht nur in politische Institutionen, sondern in die Hoffnung, dass man die Welt überhaupt noch gestalten könne. Hier klang – in negativer Wendung – das Leitmotto des gesamten Kirchentags an: „Was für ein Vertrauen“. Freilich ganz so, als müsse man dahinter ein großes Fragezeichen setzen.

Die Welt (oder auch: die Natur, die „zurückschlägt“), so Rosa weiter, werde zunehmend als bedrohlich wahrgenommen. Inzwischen gebe es vielfach geradezu eine Sehnsucht danach, dass die Natur dem Menschen Grenzen setzt. Als Triebkraft hinter all dem Vertrauensverlust machte er den neoliberalistischen Umbau der Wirtschaft mit allen Merkmalen des verschärften Wettbewerbs, der Beschleunigung und des schrankenlosen Wachstums aus – eine Gemengelage, die viele Menschen zutiefst verunsichere.

Wer wollte da auf dem Podium schon groß widersprechen? Eigentlich niemand.

Die andere Meinung einfach mal „aushalten“

Immerhin brachte Prof. Naika Foroutan, aus Berlin angereiste Integrationsforscherin von der Humboldt-Universität, weitere Tönungen ins Spiel. Sie sieht demokratische Institutionen gefährdet, weil sie von ihren Gegnern ausgehöhlt werden könnten. Dass diese Institutionen bislang weitgehend reibungslos funktionieren, besage noch nicht viel. Es gebe inzwischen Anzeichen für eine präfaschistische Entwicklung der Gesellschaft. Besondere Sorge bereitet ihr der harsche Dualismus, der weithin herrsche – entweder die eine Meinung oder die andere. Es werde immer gereizter diskutiert und nicht mehr zugehört, wenn eine andere Auffassung geäußert wird. Man solle jedoch Ambivalenzen und Widersprüche „aushalten“ können. Im Grunde eine Selbstverständlichkeit, die aber zu schwinden droht.

Zum leidigen Thema Integration sagte Frau Foroutan, es gelte, letztlich die gesamte Gesellschaft zu integrieren, nicht nur Migranten, sondern auch (benachteiligte) Deutsche. Es gehe um Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben für möglichst viele Menschen. Zur AfD-Klientel vermeldete sie Erstaunliches. Bei den Mitgliedern der Rechtspartei handle es sich vielfach um ausgesprochen gut verdienende Leute, längst nicht nur um „Abgehängte“. Und: Die AfD erhalte zwar im Osten mehr Wählerstimmen, werde aber überwiegend von Funktionären aus dem Westen gesteuert.

Zigtausend Hassmails an Ministerpräsident Bodo Ramelow

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (übrigens gebürtiger Niedersachse), aus sicherlich guten Gründen mit Personenschutz erschienen, ließ das Ausmaß des (durchs Internet befeuerten) Hasses ahnen, der sich – beileibe nicht nur – gegen ihn richtet. Als er kürzlich mit einem Fleischermeister eine Aktion zur koscheren Bratwurst eingeleitet habe, habe er rund 100.000 überwiegend hasserfüllte Botschaften erhalten.

„Trotzdem gehe ich aufrecht durch die Stadt und fahre manchmal auch mit der Straßenbahn“, sagte der Erfurter Regierungschef, der kürzlich – ein absolutes Novum in Deutschland – dafür gesorgt hat, dass ein Thüringer Schloss (Reinhardsbrunn) enteignet werden konnte, weil die Besitzer es verfallen ließen. Er nahm es als ein Beispiel unter vielen, dass man politisch eben doch noch gestalten könne. Noch allgemeiner gefasst: „Wo kommen wir hin, wenn wir an Umverteilung nicht mal mehr denken dürfen?“

Sehnsucht nach dem Guten, Versuchung zum Bösen

Ramelow erwähnte auch einige Nadelstiche, mit denen man Rechtsrock-Veranstaltern in Thüringen das Leben schwer mache. Von Visionen mochte er einstweilen nicht sprechen, es gilt wohl zunächst, die Mühen der Ebene zu bestehen. Auch Ramelow glaubt derweil, dass es eine konkrete faschistische Gefahr im Lande gibt und führte den oft zitierten Brecht-Spruch an: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Prof. Rosa schwenkte schließlich sozusagen auf die Glaubensspuren des Kirchentags und der Nächstenliebe ein. Es gebe unter den Menschen eine (zuweilen unterdrückte?) Sehnsucht, Gutes zu tun. Demgegenüber machte Prof. Foroutan einen starken Drang zum Bösen aus. Alle Menschen wollten Anerkennung, manche hätten gemerkt, dass sie sich diese auch durch Machtausübung verschaffen könnten… Womit die von Wolfgang Kessler (Ex-Chefredakteur des Publik-Forums) moderierte Debatte auf dem weiten, weiten Felde zwischen Gut und Böse angekommen war. Sage niemand, dass dafür nur die Bibel zuständig sei.

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Infos zum Evangelischen Kirchentag in Dortmund: https://www.kirchentag.de/aktuell_2019/




Heine Glas vom VfL Kamen gestorben – eine Fußball-Legende aus den unteren Klassen

Ein kurzer Nachruf von unserem Gastautor Heinrich Peuckmann:

Alle reden von Mats Hummels und andern Fußballgrößen. Aber in niedrigen Klassen gibt es große Fußballer, auf ihre Weise ebenfalls Stars. Der Fußballheld meiner Kindheit, Heine Glas vom VfL Kamen, ist nun gestorben.

Heine war ein großartiger Techniker, ein Halbstürmer, der die Angriffe des VfL aus dem Mittelfeld heraus aufbaute und der dabei immer torgefährlich war.

Hans Tilkowski, damals als blutjunger Mann Torwart bei SUS Kaiserau und später neben dem Russen Lew Jaschin der beste Torhüter der Welt, erinnert bis heute gerne an ihn. „Wer hat die besten Elfmeter geschossen?“, fragt er manchmal und wer bei der Antwort an den Weltmeister Bobby Charlton oder an Franz Beckenbauer denkt, der irrt. Von Heine Glas hat er nie einen Elfer gehalten, wobei Heine sein Silberblick zugute kam. Heine konnte in Ruhe die Ecke anpeilen, in die er den Elfer setzen wollte, ohne dass der Torwart auch nur ahnte, wohin Heine gerade schaute.

Hans Tilkowski und Horst Szymaniak schätzten ihn

Heute würde er, normal gefördert, sicherlich im Profibereich Fuß fassen können, zu seiner Zeit aber wurde so manches Talent übersehen. So profitierte der VfL Kamen, damals eine Spitzenmannschaft in der Landesliga, von seinem Können. Noch als er schon Mitte dreißig war, hat er niemand anderen als Horst Szymaniak, einen der besten Fußballer seiner Zeit, von seinem Können überzeugt.

Szymaniak trainierte den SV Steinheim, der hochklassig spielte und Interesse an einem jungen Außenstürmer des VfL Kamen hatte. Um ihn beim Probetraining richtig einzusetzen, fuhr Heine Glas mit, und hörte nach dem Training ein völlig überraschendes Urteil von Szymaniak. Der junge Mann interessiere ihn nicht, hat Szymaniak geurteilt, aber den Alten wolle er haben. So hat Heine noch für ein oder zwei Jahre höherklassig bei einem anderen Verein gespielt.

Vor einigen Jahren ist ein Bruder Berni, ein bekannter Fußballtorwart gestorben, nun ist Heine ihm gefolgt. In Hamburg, war zu hören, hat er sich nie so wohl gefühlt wie in Kamen, in der Nähe seines VfL.




Zwischen Mineralwasser-Imperium und Hambacher Forst: Jacques Offenbachs „Großherzogin von Gerolstein“ in Köln

Im Lager der gerolsteinischen Armee, die in Köln zu Besetzern des „Hambi“ mutiert sind (von links): Miljenko Turk (Baron Puck), Jennifer Larmore (Die Großherzogin), Vincent Le Texier (General Boum), umrundet von Tanzensemble und Chor der Oper Köln. Foto: Bernd Uhlig

Mit „Piff-Paff-Puff“ stellt sich der Herr vor. Es ist der Sound von Platzpatronen, aber zur Vorsicht geht man doch erst einmal in Deckung. Der Mann ist kommandierender General der großherzoglich gerolsteinischen Armee, die sich in akuten Kriegsvorbereitungen befindet. Sein Name, General Boum, ist Programm: Ein „boum“ ist nicht nur der Knall einer Kanone, sondern auch die Bezeichnung für eine nicht immer von Schlüpfrigkeiten freie Fete.

Was um alles in der Welt den französischen Regisseur Renaud Doucet geritten hat, diese ambivalente Offenbach-Figur als einen Art Öko-Turnvater-Jahn in den gelbgrünen Dress eines Senioren-Marathons zu stecken und in einem Hambi-Besetzerlager umhertappen zu lassen, ist die erste von zahlreichen Fragen, die sich mit der Neuinszenierung von Jacques Offenbachs genialer Operette „La Grande-Duchesse de Gérolstein“ in Köln verbindet. Klar: Wir sind nicht mehr in der Zeit von 1867, der militärische Zauber der Montur ist ebenso verblasst wie die unkritische gesellschaftliche Begeisterung für uniformierte Hierarchen. Auch die von der Zentralstaat-Metropole Paris aus belächelte deutsche Kleinstaaterei mit ihren wichtigtuerischen Fürsten – die sich damals gerade rund um die Weltausstellung an der Seine amüsierten – ist passé.

Aber was dann die Operettenarmee des fiktiven Eifelstaates mit der Hambi-Bewegung und dem Widerstand ökologisch beflügelter Aktivisten gegen den Braunkohleabbau zu tun haben soll, worin der Mehrwert einer Verwandlung der Großherzogin zur Herrscherin eines Mineralwasser-Imperiums bestehen soll, das bleiben uns die Herren Doucet (Regie) und Barbe (Bühne und Kostüme) schuldig. Denn der „gesellschaftskritische“ Ansatz versickert im Dekorativen, die sowieso nur mit knirschender Gewalt aufgesetzte „Aktualisierung“ zerfließt spätestens im zweiten Akt vor der goldenen Monumentalstatue eines Frosches in Belanglosigkeit. Wenig Piff-Paff und ein großes „Puff“.

Einer der besten Momente der Kölner Offenbach-Inszenierung: das Reiterballett des dritten Akts. Foto: Bernd Uhlig

Einer der besten Momente der Kölner Offenbach-Inszenierung: das Reiterballett des dritten Akts. Foto: Bernd Uhlig

Aber wer Renaud Doucet und André Barbe verpflichtet, bekommt den Stil des Teams auch. Und der zeigt in der Kölner „Großherzogin“ zum 200. Geburtstag von Jacques Offenbach genau die Schwächen, die auch bei anderen Inszenierungen der beiden auffallen: Da sind zwar Cécile Chaduteaus Choreographien flott und auf den Punkt gearbeitet – das Reiterballett im dritten Akt ist herzerwärmend putzig –, aber sie bleiben Dekor im geschickten Aufbau von Bewegungsbildern. Da wird ein Transfer in die Gegenwart versucht, bleibt aber halbherzig, weil die Begriffe unscharf sind: Am Ende landen wir mit einem schräg gestellten, üppigen Bild in Plastik-Barock und einem hübsch ausstaffierten Bett eben doch in der „guten“ alten Operettenwelt.

Unverbrüchliche Liebe unter einfachen Menschen: Soldat Fritz (Dino Lüthy) hält seinem Bauernmädchen Wanda (Emily Hindrichs) die Treue, auch als Aufstieg, Macht und aristokratische Zuneigung locken. Foto: Bernd Uhlig

Unverbrüchliche Liebe unter einfachen Menschen: Soldat Fritz (Dino Lüthy) hält seinem Bauernmädchen Wanda (Emily Hindrichs) die Treue, auch als Aufstieg, Macht und aristokratische Zuneigung locken. Foto: Bernd Uhlig

Dorthin weisen auch die Figuren, selbst wenn sie zwischen fantasievoll-opulenten Kostümen auch mal den mittlerweile üblichen blauen Banker- oder Trump-Anzug tragen wie der durchtriebene Baron Puck, bei Miljenko Turk ein eher harmloser Vertreter politischer Ibiza-Fraktionen. Dass diese Offenbach’schen Verschwörer komisch und gefährlich sind, wird nicht berücksichtigt. Stattdessen macht der orgelnd tremolierende Vincent Le Texier aus General Boum einen chargierenden Trottel, dessen Auftreten sich aus dem Repertoire überzogener Komödien-Affektiertheit bedient, ohne hintergründig, witzig oder wenigstens lustig zu sein.

Und bei allem Respekt vor der Lebensleistung von Jennifer Larmore: Die altersmilde Generosität ihrer Großherzogin holt weder die unbekümmerte Naivität der von sich selbst überzeugten Potentatin ein, noch ihre pralle erotische Energie. Doch als die Gerolsteinische First Lady dem mit ökologisch korrektem Naturhaar ausgiebig bepelzten Ex-Gefreiten Fritz – dem tenorblassen Dino Lüthy – ihre Sehnsucht nach authentischer Beziehung offenbart, gelingt der Sängerin ein berührender Moment. Offenbach, der Satiriker, der Spötter, der über den Blumen des Frivolen flatternde Schmetterling, kannte das zarte Sentiment: Er war eben auch ein Familienmensch, der den Wert von Zuneigung, Liebe und Treue zu schätzen wusste.

François-Xavier Roth lässt das Gürzenich-Orchester Köln durchaus mit der leichten Phrasierung und den pointierten Noten spielen, die der Musik ihren unverwechselbaren Esprit geben. Er überzieht auch die Tempi nicht in Richtung hastiger Eile. Es dürfte der Saal im Staatenhaus sein, dessen Akustik Transparenz, deutliche Konturen in den Bläsern und trennscharfe Bässe behindert. Für die Momente der Parodie, für das aufgeblasene Pathos der Szene mit dem „Säbel vom Papa“, für die lustvoll schaurige Verschwörungsszene bringt Roth die Lust an der sanften, aber wirksamen Übertreibung nicht mit. Die Musik klingt, als sei sie ernst gemeint.

Ein umfangreiches Festival zum 200. Geburtstag des Kölner Komponisten

Jacques Offenbach um 1870, Reproduktion Rheinisches Bildarchiv Köln

Jacques Offenbach um 1870, Reproduktion Rheinisches Bildarchiv Köln

„Piff-Paff-Puff“: Das Couplet des Generals gibt auch den Events in Köln rund um den 200. Geburtstag von Jacques Offenbach am 20. Juni das Motto. Das Jubiläum stürzt derzeit nicht nur seine Geburtsstadt in einen ausgiebigen Offenbach-Taumel. Von Argentinien bis China würdigen Opernhäuser den Jubilar mit Aufführungen – meist allerdings nur seiner bekannten Werke wie „Les Contes d’Hoffmann“ oder „Orphée aux Enfers“.

Doch der Schwerpunkt der Offenbach-Feiern liegt in Frankreich und im deutschsprachigen Raum. In Köln sind derzeit in der Volksbühne am Rudolfplatz die beiden durchgeknallten Einakter „Herr Blumenkohl gibt sich die Ehre“ und „Die Insel Tulipatan“ zu sehen – letztere eine unverständlicherweise lange Zeit unbeachtet gebliebene Parodie auf vorschnelle Zuordnung von Geschlechtern, ein passendes Thema also zur Gender-Debatte.

Ein Symposion in Köln und Paris widmet sich ab 19. Juni den Forschungsfragen rund um Offenbachs Biografie und das längst nicht erschöpfend entdeckte und bearbeitete Œuvre des „Mozart der Champs-Elysées“. Bis 27. Juni hat die Kölner Offenbach-Gesellschaft ein vielfältiges Programm auf die Beine gestellt. Die Oper Köln zeigt zwischen 22. Juni und 9. Juli unter dem Titel „Je suis Jacques“ eine Jubiläums-Offenbachiade von Christian von Götz auf der Baustelle des Opernhauses.

Über das ganze Jahr werden sich die Veranstaltungen hinziehen, unter anderem mit der Kölner Erstaufführung der satirischen komischen Oper „Barkouf“, in der ein Hund an die Macht kommt. Der Abschluss wird romantisch: Das Theater Hagen setzt ihn mit einer Neuinszenierung von „Hoffmanns Erzählungen“ ab 30. November.

Die nächsten Vorstellungen von „La Grande-Duchesse de Gérolstein“ am 20., 23. und 26. Juni. Nähere Infos hier.




Kinder für Kultur gewinnen, Digitalisierung voranbringen – Neues Konzept beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe

LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger führt einen digitalen ZUgang zum archäologischen Fund (Gebeine einer 5300 bis 4500 v. Chr. gestorbenen Bäuerin) vor: Auf dem Tablet-Bildschirm sieht man, wie sich die Bäuerin die Gelenke ruiniert hat. (Foto: Bernd Berke)

LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger führt einen virtuellen Zugang zum archäologischen Fund (Gebeine einer 5300 bis 4500 v. Chr. gestorbenen Frau) vor: Auf dem Tablet-Bildschirm sieht man, wie sich die Bäuerin ihre Gelenke ruiniert hat. (Foto: Bernd Berke)

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) will die Kultureinrichtungen seines weitläufigen Einzugsgebiets mit einem neuen Langzeit-Konzept unterfüttern, das im fertigen Druck rund 150 illustrierte Seiten umfassen wird. Zeitliche Zukunftsperspektive der Planung: die nächsten zehn Jahre. Eine Zwischenbilanz ist nach fünf Jahren vorgesehen. Und was steht drin im Konzept?

LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger schickt voraus, dass es nicht um strikte Richtungsangaben gehe: „Wir verstehen das Konzept als Kompass und nicht als starren Fahrplan.“ Sie hat die wesentlichen Grundzüge heute im Herner Archäologiemuseum vorgestellt – ein Haus, das sie vormals selbst geleitet hat und das jetzt eine gewisse Vorreiterrolle auf dem Parcours der Reformen einnimmt.

Zwei von insgesamt zehn Punkten gelten als besonders wichtig: Wie gewinnt man Kinder und Jugendliche für Museen und sonstige Kultur, wie hält man sie bei der Sache? Und natürlich läuft auch hier, wie allerwärts, eine weitere Leitlinie auf „Digitalisierung“ hinaus. Auf diesem Felde will man zahlreichen kleineren Museen, die über wenig Mittel verfügen, beratend zur Seite stehen. Rüschoff-Parzinger: „Wenn die Schulen digitalisiert werden, müssen auch die Museen mitmachen. Sonst versteht man sich nicht mehr.“ Kinder und Digitalisierung also. Klingt zunächst noch nicht so furchtbar originell.

Fragebogen-Aktion in rund 1200 Schulen der Region

Doch zunächst zum Nachwuchs. Der LWL hat Fragebögen an alle westfälischen Schulen (rund 1200 an der Zahl) verschickt. Rund 1600 Bögen kamen zurück, weil nicht nur ganze Schulen, sondern auch einzelne Klassen teilgenommen haben. Es wurden so grundlegende Fragen gestellt wie die, was nach Auffassung der Schüler(innen) eigentlich mit Kultur zusammenhängt. Hier ragten – kein Witz – Reiz- und Schlüsselwörter wie Schloss (15,3% der Nennungen) und sogar Blaskapelle hervor. Nicht ganz leicht, daran sinnreich anzuknüpfen. Aber es gibt ja auch noch etliche andere Zugänge, die stets „auf Augenhöhe“ mit den Kindern eröffnet werden sollen.

Der genauerer Blick auf die virtuelle Szene mit der Bäuerin vermittelt einen Eindruck von der mühsamen steinzeitlichen Art des Getreidemahlens. (Foto: Puppeteers / Sebastian Heger)

Der genauere Blick auf die virtuelle Szene mit der Bäuerin vermittelt einen Eindruck von der steinzeitlichen Art des Getreidemahlens. (Foto: Puppeteers / Sebastian Heger)

90 Prozent aller Befragten hatten laut LWL-Umfrage schon mal ein Museum besucht, die allermeisten mit der Schulklasse, viele auch mit der Familie, wobei sich hier schichten- und schulformenspezifische Unterschiede abzeichnen. Kinder und Jugendliche wünschen sich weit überwiegend andere, zeitgemäßere Darbietungsformen in den Museen – weniger klassische Führungen und mehr kreative Aktionen, eigene Erfahrungen inbegriffen, etwa beim Herstellen einschlägiger Objekte. Auch sollen die vermittelten Inhalte möglichst mit dem eigenen Leben zu tun haben – und sei’s auf indirekte, aber nachvollziehbare Weise. Dass hier auch digitale Annäherungen ins Spiel kommen, versteht sich beinahe von selbst.

Eintritt frei, Anfahrt kostenlos

Seit 1. April lief die Versuchsphase, in der Kinder und Jugendliche in den 18 LWL-Museen keinen Eintritt mehr bezahlen mussten. Die Besucherzahlen mancher Häuser haben sich seither so rasant nach oben entwickelt, dass die Vergünstigung jetzt dauerhaft sein soll. Manche NRW-Städte haben es ja bereits in ähnlicher Weise vorgemacht. Kaum minder wirksam: Nach unbürokratischem Antrag (Formular auf der LWL-Internetseite) wird eine Klassen-Anfahrt zum gewünschten Museum vom LWL bezahlt – auch schon mal über mittlere Strecken wie von Detmold nach Herne. 300.000 Euro stehen für solche Bustouren vorerst bereit.

Doch der Verzicht auf Eintrittsgeld und die subventionierten Anfahrten genügen nicht. Die Museen müssen halt Attraktionen bieten. Inhalte und Formen der Darstellung sollen zur Zielgruppe passen, Spaß machen, spannend sein.

Original-Exponat plus virtuelle Darstellung

Und die Digitalisierung der Museumslandschaft? Nun, wohin die Reise in den nächsten zehn Jahren geht, kann eigentlich noch niemand genau wissen, denn die Technik entwickelt sich bekanntlich rasend schnell.

Einstweilen steuert man auf Installationen zu, die im Herner Archäologiemuseum auch schon an mehreren Stationen zu besichtigen sind: Ein Original-Vitrinenstück, beispielsweise ein Faustkeil, wird geradezu „geisterhaft“ holographisch ergänzt. Da sieht man im bewegten virtuellen Bild, wie das Stück in der Steinzeit verwendet worden ist. Auch eine in der Vitrine schwebende Textprojektion gehört dazu. Fraglich bleibt, ob und wie rasch sich solche Effekte abnutzen.

Frappierend auch die Möglichkeit, mit dem eigenen Smartphone oder Tablet ein Museums-Exponat wie jene Gebeine einer vor etwa 7000 Jahren gestorbenen Bäuerin anzusteuern und mit einer virtuellen Erscheinung („Augmented Reality“) auf- oder jedenfalls umzuwerten. Da sieht man, mit welchen Dauerbewegungen beim Getreidemahlen sich die Frau damals ihre Gelenke ruiniert hat. Solche technischen Zaubereien in allen Ehren. Ohne die Aura des Originals wären sie jedoch wenig wert.

Aufwertung des ländlichen Raumes

Unterdessen wird auch schon darüber nachgedacht, ob künftige Ausstellungen als virtueller Rundgang gespeichert werden sollen, sprich: Man könnte eine Schau, die längst geschlossen ist, noch Jahre später durchstreifen, beispielsweise auch zu Hause, mit einer Spezialbrille für Virtual Reality (VR) ausgestattet. Man ahnt schon, dass im Zuge einer solchen Entwicklung kiloschwere gedruckte Kataloge an Bedeutung einbüßen könnten.

Weitere gewichtige Zielvorstellung, die im Konzept dargelegt wird: die Stärkung des ländlichen Raumes auch auf kulturellem Gebiet. Außerdem in Planung: der Ausbau der Burg Hülshoff zum (anglo-neudeutsch so benannten) „Center for Literature“ (CfL) sowie die Stärkung von historischen „Erinnerungsorten“ wie dem Kriegsgefangenenlager Stalag 326 in Schloß Holte-Stukenbrock (Kreis Gütersloh).

Politisch schon beschlossene Sache

All dies und ein maßvoll erweiterter Stellenplan sind Kostenfaktoren. Doch es handelt sich beim Konzept nicht um Traumgespinste, sondern um regionalpolitisch bereits einmütig beschlossene Maßnahmen. Barbara Rüschoff-Parzinger erwähnt in diesem Kontext eigens den Dortmunder Stadtdirektor Jörg Stüdemann, der Kulturdezernt und Kämmerer in Personalunion ist und vom neuen LWL-Konzept angetan sei. Und tatsächlich: Stüdemann dürfte qua Doppelamt nicht nur wissen, zu welchem Zweck man Kultur finanziert, sondern auch: woher das Geld kommen könnte.

Wie im gegenwärtigen Kulturmanagement üblich, ist in derlei konzeptuellen Zusammenhängen immer wieder von Bedarfen (in der Mehrzahl), Evaluierung, Vernetzung, Akteuren oder gar „Stakeholdern“ der Kultur die Rede. Man merkt allenthalben, dass Frau Rüschoff-Parzinger, der dieser Jargon nicht fremd ist, die Dinge systematisch und strategisch angeht. Dennoch betont sie, dass manches auch dem Geschick überlassen bleibt, dass wohl nicht alle Experimente gelingen werden. Auch hier gelten eben Bert Brechts legendäre Songzeilen: „Ja, mach nur einen Plan…“




Von der Primzahlenforschung bis zur Kanaldeckel-Kunde: Enzensbergers kurzweilige „Experten-Revue in 89 Nummern“

Erst durch die immer mehr verfeinerte Arbeitsteilung habe sich die Gattung Mensch zur Weltbeherrschung aufschwingen können. Diese Hypothese ist der Ausgangspunkt von Hans Magnus Enzensbergers „Experten-Revue in 89 Nummern“. Ob es im Verlauf dieser Entwicklung auch Verlierer gegeben hat? Das wäre ein anderes Thema. Insgesamt habe Arbeitsteilung die Menschheit stetig vorangebracht, befindet der Schriftsteller.

Schritt für Schritt erfahren wir hier, in welche Bereiche, Nischen, Höhen oder Abgründe sich menschliche Leidenschaften und Fähigkeiten verzweigt oder auch verstiegen haben. In diesem durchaus kurzweiligen, weil denkbar abwechslungsreichen Buch des inzwischen 89-jährigen (!) Enzensberger geht es nach und nach so ziemlich um alles. Um nur ein paar Beispiele fürs allfällige Spezialistentum zu nennen:

Da wird das „Wettrüsten“ zwischen Tresor-Produzenten und Panzerknackern geschildert. Sodann geht’s um die Erfindung des Fahrrad-Vorläufers durch Drais und um den erstaunlichen Hintergrund. Stichwortartig: Verdunkelung auch des europäischen Himmels durch indonesischen Vulkanausbruch, daher Mangel an Pferdefutter mit entsprechenden Folgen, deshalb neue Transport- und Fortbewegungsmittel nötig…

Wissenswertes über Taschendiebe und Henker

Ferner lässt Enzensberger – stets im angenehm unaufgeregten Duktus – den Blick z. B. über folgende Gebiete und die jeweiligen profunden Kenner der Materien schweifen: Pigment-Spezialisten, Schaben-Experten, mathematische Unendlichkeit(en), Geheimnisse der Primzahlenforschung und der Eulerschen Zahl (Enzensberger kann und mag sein Faible für Mathematik nicht leugnen). Außerdem spürt er dem Fachwissen der Wachszieher und Feuerwehrleute, der Vogel-Präparatoren und der Falkner nach, er berichtet von der immensen Vielfalt der Hobel, der Schrauben und der Mausoleen, der Parfüme, Äpfel (rund 1500 Sorten), Kaleidoskope, Helme, Matratzen, Fahnen und Flaggen.

Auch unternimmt der Autor kurze Streifzüge etwa durch die Lebenswelten der Taschendiebe, der Müßiggänger, der Hochstapler oder der Henker. Letztere brauchten – gleichsam ex negativo – gehörige medizinische Kenntnisse und mussten oftmals von den Hinterbliebenen der Hingerichteten entlohnt werden. Auf gewisse Weise ebenso bizarr: Wer hat schon mal von Dolologie gehört? Nun, das ist die von manchen Leuten mit flammendem Eifer betriebene Kanaldeckel-Kunde. Man glaubt ja nicht, was es da auf Erden so gibt!

Offenkundige Tatsache ist, dass jedes, aber auch wirklich jedes Fachgebiet nicht nur skurrile Formen annehmen kann, sondern vor allem auch weitaus komplizierter, vielfältiger und spannender ist, als es zunächst den Anschein hat. Überall haben sich besondere, hie und da bis ins Groteske reichende Fachvokabulare herausgebildet. Enzensberger dazu: „Mit den Worten der Spezialisten tut sich eine Welt auf, von deren Reichtum der Laie keine Ahnung hat.“

Der Mann, der unbedingt Busfahrer werden wollte

Überdies hält das Buch ungemein viel Erzählstoff bereit. Die meisten Kapitel handeln von besonderen Passionen, so etwa die Geschichte vom Hochbegabten, der alle Gymnasial-Empfehlungen in den Wind schlug und partout Busfahrer werden wollte. Als das nach vielen Berufsjahren nicht mehr so weiter ging, heuerte er bei einer Modellbaufirma an und entwarf originalgetreue Busse, mit denen er sich so gut auskannte wie sonst niemand. Man muss sich diesen Mann wohl als glücklichen Menschen vorstellen.

Ähnlich brannte auch der Rotwelsch-Spezialist Siegmund Andreas Wolf für sein Wissensgebiet. Niemals mit einem Professorentitel dekoriert, wusste er mehr über diese frühere Gaunersprache als wohl alle anderen. Mit ungeheurem Fleiß hat er Wörterbücher und Lexika zusammengestellt, die noch heute von Belang sind. Doch er starb ohne sonderliche akademische Weihen – übrigens abseits der Metropolen in Lünen, nördlich von Dortmund. Auch von dem Augsburger Feuerkopf Johann Most wird man bislang noch nicht viel gehört haben. Er verdingte sich als Journalist, sozialistischer Politiker und schließlich zusehends radikaler Anarchist mit Neigung zum Bombenbau samt praktischer Anwendung. Kein System, mit dem er sich nicht angelegt hätte. Enzensberger sieht in ihm einen Ahnherren des Terrorismus.

Von manchen genial wahnwitzigen Leuten, die hier vorkommen, würde man gern noch mehr erfahren, doch es ist Enzensberger just um die vielfältige Fülle zu tun. Das und nicht das Beharren auf wenigen Aspekten kommt seinem immer noch höchst beweglichen Geist entgegen.

Rückblick auf einen bewegenden Briefwechsel

Wer auf die Zeiten der literarischen Anfänge Enzensbergers zurückkommen möchte, sollte sich einen vor wenigen Monaten gemeinsam von den Verlagen Suhrkamp und Piper herausgebrachten Band besorgen, der den Briefwechsel mit der gewiss nicht minder einflussreichen Ingeborg Bachmann enthält. Es ist eines jener Bücher, in denen die Anmerkungen und Kommentierungen aus gutem Grund mehr Raum einnehmen als die Primärtexte, gilt es doch, Zusammenhänge zu erschließen, die längst nicht mehr zum Allgemeingut gehören.

Aber welch ein Gewinn ist das, wenn man tiefer eintaucht! Im Vergleich zur häufig grübelnden Bachmann erscheint einem Enzensberger in seinen Briefen geradezu jungenhaft unbekümmert, aber natürlich auch schon geistig fundiert und intellektuell so wendig, wie man ihn kennt und schätzt. Eben diese Mischung mag für Ingeborg Bachmann aufmunternd und tröstlich gewesen sein. Ihre Briefe lesend, bangt man geradezu nachträglich noch um sie; so wie man seinerzeit atemlos ihren Briefwechsel mit Paul Celan verfolgen konnte, sich unentwegt fragend, ob sie seiner ungeheuren Verletztheit und Verletzlichkeit hat gerecht werden können. Aber wer, wenn nicht eine wie sie? Und wer wiederum hätte sie zuweilen beruhigen können, wenn nicht jemand wie Enzensberger?

Solche Briefbände sind jedenfalls inzwischen Denkmäler, wenn nicht Monumente der letzten (oder meinetwegen vorletzten) Generation, die sich überhaupt noch dermaßen der Mühsal des Briefeschreibens unterzogen hat. Wir gedenken dieser Zeiten mit großem Respekt, ja mit Ehrfurcht und Sehnsucht.

Hans Magnus Enzensberger: „Eine Experten-Revue in 89 Nummern“. Suhrkamp-Verlag, 336 Seiten, 24 €.

Ingeborg Bachmann / Hans Magnus Enzensberger: „Schreib alles was wahr ist auf“. Briefe. Suhrkamp-Verlag/Piper Verlag, 480 Seiten, 44 €.

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P. S.: Zwei Korrekturen am Experten-Buch erlaube ich mir noch: Auf Seite 326 wird der Universalgelehrte „Anastasius“ Kircher genannt. Er heißt aber Athanasius. Das weiß ich auch deswegen, weil ich im selben Dörfchen geboren wurde wie der ruhmreiche Mann.

Auf derselben Seite ist dem Lektorat noch ein kleiner Lapsus durchgegangen. Die Zeile aus dem Beatles-Song „Lucy in the sky with diamonds“ ist geringfügig falsch zitiert. Ein „the“ ist überflüssig: „A girl with kaleidoscope eyes“ wäre richtig gewesen.




Händels „Rodelinda“ als Trauma eines Kindes – und ein Ausblick auf die Frankfurter Spielzeit 2019/20

Unheimliche Bilder kindlicher Alpträume: Szene aus Händels "Rodelinda" an der Oper Frankfurt. Foto: Monika Rittershaus

Unheimliche Bilder kindlicher Alpträume: Szene aus Händels „Rodelinda“ an der Oper Frankfurt. Foto: Monika Rittershaus

Wer sich in der internationalen Opernwelt umsieht, kann nur feststellen: Du, glückliches Frankfurt, juble! Es gibt weltweit höchstens eine Handvoll Städte, deren Opernhaus eine so abwechslungsreiche, ausgiebige und kontinuierliche Pflege von Repertoire und Raritäten gleichzeitig betreibt. Dazu noch auf einem stets enttäuschungsfreien Niveau, verbunden mit vorbildlicher Ensemblearbeit.

Bernd Loebe und seine Teams erwirken diese Erfolgsgeschichte uneitel und ohne das Glamour-Getue, das sich um jede Premiere etwa in Wien oder München entwickelt. Und die Spielzeit 2019/20 verspricht eine bruchlose Fortsetzung dieser im Künstlerischen wie in der Publikumsresonanz erfolgreichen Arbeit.

Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt. Foto: Maik Scharfscheer

Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt. Foto: Maik Scharfscheer

Elf szenische, eine konzertante Premiere, davon drei jenseits des Guckkastentheaters im intimeren Bockenheimer Depot, wieder eine Uraufführung und vier ausgesprochene Raritäten, davon drei von Gioachino Rossini: Allein die pure Quantität lässt es zu, einen Spielplan flexibel und abwechslungsreich zu gestalten und auch einmal ein Risiko einzugehen.

Zum Vergleich: Das Essener Aalto-Theater ist froh, wenn es die Hälfte der Premieren realisieren kann. Loebe bindet zudem Kreativität an sein Haus und bedient sich selten aus dem inzwischen europaweit kreisenden Topf von Austausch-Inszenierungen und Koproduktionen: Nur eine, Gioachino Rossinis „Otello“ zur Eröffnung der Spielzeit, ist eine Übernahme, in diesem Fall einer Inszenierung von Damiano Michieletto aus dem Theater an der Wien.

Puccini, Wagner und Strauss erweitern das gängige Repertoire

Natürlich bedient Frankfurt auch das gängige Repertoire: Àlex Ollé setzt Puccinis „Manon Lescaut“ in Szene. Er ist einer der Protagonisten der katalanischen Theatergruppe La Fura dels Baus, die in den letzten Jahren mit virtuosen, verspielten, bildmächtig-kulinarischen Inszenierungen Furore gemacht haben. „Tristan und Isolde“ hat mit Frankfurts nun im zwölften Jahr amtierenden GMD Sebastian Weigle, Katharina Thoma (Inszenierung) und Johannes Leiacker (Bühne) ein hochkarätiges Team zu bieten. Mit Strauss‘ „Salome“ bringt Barrie Kosky nach „Carmen“ eine zweite „femme fatale“ auf die Frankfurter Bühne; am Pult steht Joana Mallwitz, die ihre Grenzen als Orchesterchefin in Nürnberg inzwischen von Oslo bis München erweitert hat.

Die Oper Frankfurt pflegt eine weltweit kaum vergleichbare Vielfalt des Repertoires. Foto: Werner Häußner

Die Oper Frankfurt pflegt eine weltweit kaum vergleichbare Vielfalt des Repertoires. Foto: Werner Häußner

Zeitgenössisches kommt in Frankfurt nicht zu kurz: Wie in den vergangenen Jahren gibt es auch 2020 wieder eine Uraufführung. Die 1963 geborene Lucia Ronchetti beschäftigte sich im Auftrag der Oper Frankfurt mit Dantes „Divina commedia“ und schuf einen Zwitter aus Oper und Schauspiel, ein „Roadmovie“, das musikalische Klanglandschaften durchkreuzt. Regie führt gemeinsam mit Marcus Lobbes der scheidende Dortmunder Schauspielintendant Kay Voges. Zwei Klassiker der Moderne sind Dmitri Schostakowitsch und Hans Werner Henze: In „Lady Macbeth von Mzensk“ verkörpert Anja Kampe die verzweifelte Mörderin in einer Regie von Anselm Weber; mit „Prinz Friedrich von Homburg“ hält Frankfurt die Erinnerung an Henze wach. Der frühere Duisburger Orchesterchef Jonathan Darlington steht am Pult; über die Szene wacht der Ex-Dortmunder Jens-Daniel Herzog.

Drei Mal Rossini

Eine zwischen Mythos, Symbolismus und Wagnerismus changierende Oper richtet einen fin-de-siècle-Blick auf eine der großen Frauengestalten der Literatur: Gabriel Faurés „Pénélope“ von 1913 ist ein seltenes, kostbares Juwel für Liebhaber, dessen Relevanz für das 21. Jahrhundert Corinna Tetzel in ihrer Regie erweisen soll.

Schutzlos unbehauste Menschen in Christian Schmidts Herrenhaus für Händels "Rodelinda". Foto: Monika Rittershaus

Schutzlos unbehauste Menschen in Christian Schmidts Herrenhaus für Händels „Rodelinda“. Foto: Monika Rittershaus

In Sachen Rossini wagt sich Frankfurt weit vor in ein bisher fast nur von Festivals erkundetes Terrain: „Otello“ war einst populär, bis die Oper mit den drei schwindelerregend virtuosen Tenorpartien von einer veränderten Gesangskultur und vom moderneren Drama Giuseppe Verdis und Arrigo Boitos verdrängt wurde; „Bianca e Falliero“, ebenfalls gesanglich exorbitant anspruchsvoll, verbindet politische Ranküne mit einer bedrückenden Familienfehde; „La Gazzetta“, eine neapolitanische opera buffa aus Rossinis erfolgreichem Jahr 1816, erweitert das in Frankfurt nicht eben üppige Repertoire komischer Opern.

Fortgeführt wird in Frankfurt auch eine Händel-Tradition, die seit 2012 kontinuierlich aufgebaut wird: Für „Tamerlano“ holt Frankfurt einen jüngeren amerikanischen Opernregisseur ans Haus, der bisher – außer in Spanien und England – fast ausschließlich in den USA tätig ist und dort von der New York Times bis zum Wall Street Journal mit Lobeshymnen überhäuft wird. Georg Friedrich Händels düstere, kompositorisch kühne und emotional bewegende Geschichte auswegloser Exzesse von Macht, Begehren und Verblendung ist die inzwischen achte Händel-Produktion, seit Johannes Erath 2012 einen „Teseo“ im Bockenheimer Depot realisierte. Die Folge der Opern seither, darunter „Radamisto“ (wird am 25. August 2019 wieder aufgenommen), „Xerxes“ und „Rinaldo“, machten Frankfurt in den letzten Jahren neben Göttingen, Halle und Karlsruhe zu einem Zentrum der Beschäftigung mit Händels Bühnenwerken.

Unheimlich moderne Sogwirkung

Dafür steht auch „Rodelinda“: Seit sie 1920 die Göttinger Händel-Festspiele eröffnet hatte, wurde die Händel-Oper vor allem in den Zwanziger und Dreißiger Jahren häufig und auch an kleinerer Stadttheatern gespielt – eine Serie, die erst Ende der Fünfziger Jahre endete. In Frankfurt zeigt Claus Guth in einer minutiös ausgefeilten Personenregie, wie Händels Dramen um Macht, Beziehungen und Begehren, verbunden mit dem Motiv der Wiederkehr eines Totgeglaubten eine unheimlich moderne Sogwirkung entwickeln können. Guth wertet die stumme Figur des Flavio auf: Aus der Sicht des Kindes, Sohn des verschwundenen Herrschers Bertarido und seiner zurückgelassenen, unter Druck gesetzten Frau Rodelinda, werden die Intrigen zu monströsen Alpträumen, die es mit Zeichnungen (die beeindruckenden, mit dem Medium Video virtuos spielenden Projektionen sind von Andi A. Müller) zu bewältigen versucht.

Fabián Augusto Gómez Bohórquez (Flavio) ist in seiner sprachlosen Präsenz der Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung. Er zeigt das namenlose Entsetzen über das für das Kind unbegreifliche Geflecht der Ereignisse, die schutzlose Verlorenheit in einem unheimlichen Geisterhaus. Christian Schmidt hat in das weite Schwarz des Bühnenraums ein klinisch weißes Herrenhaus im „Georgian Style“ der Händel-Zeit gebaut, dessen Fassade repräsentativ intakt wirkt.

Kulinarische Anmutung und Irritation

Aber die kulinarische Anmutung löst sich in Irritation auf, wenn sich der Bau dreht und ein gefährlich offenes Treppenhaus, angeschnittene Gänge und Zimmer offenbart. In diesem Bau bleiben die Menschen unbehaust; an schummrig erleuchteten Fenstern wandeln immer wieder geheimnisvolle Gestalten vorbei: Edgar Allan Poe und Alfred Hitchcock, die englische „gothic novel“ und Ambrose Bierces sinistre Kurzgeschichten lassen grüßen. Zeitweise verwandeln sich die Personen im Umfeld des Kindes in bedrohliche Spukgestalten mit riesigen Köpfen, Entsetzen bringende Vogelscheuchen, die auch das „glückliche“ Ende vergiften: Für Flavio ist das Trauma nicht zu Ende.

Auch musikalisch kann sich die Frankfurter Aufführung mit den Zentren der Händel-Pflege messen. Andrea Marcon dirigiert das vorzüglich konzentrierte, auf modernen Instrumenten spielende Frankfurter Orchester, bringt Elemente der historisch informierten Aufführungspraxis mit ein, lässt farbenreich, vor allem im Lyrischen mit viel Gespür für Phrasierung, Linie und Atem musizieren, könnte aber die dramatischen Akzente durchaus geschärfter betonen.

Lucy Crowe bleibt als Rodelinda eine starke Frau mit berührenden Momenten der Krise. Katharina Magiera und Martin Mitterrutzner demonstrieren mit disziplinierter Tongebung, dass es keiner „barocken“ Gesangstechnik bedarf, um sich Händels Stil erfolgreich anzunähern. Andreas Scholl beeindruckt mit seiner gestalterischen Erfahrung und einem stets frischem Timbre. Der Countertenor Jakub Józef Orliński singt die Rolle des Unulfo spannungsfrei und ausgeglichen. Božidar Smiljanić (Garibaldo) setzt zu sehr auf geradlinige Durchschlagskraft statt auf subtil kontrollierte stimmliche Feinarbeit. Ausverkaufte Vorstellungen und Begeisterung im Publikum.

Info: www.oper-frankfurt.de




Ist er Magister oder sinister? – Woher kommt bloß auf einmal diese Titelflut?

Nanu? Sollte dieser Doktorhut am Ende nicht echt sein? (Foto: BB)

Nanu? Sollte dieser Doktorhut am Ende nicht echt sein? (Foto: BB)

Über Doktortitel lässt sich gelegentlich streiten. Immer mal wieder werden – zumal im „politischen Raum“ – Titelträger offenbar, anscheinend (oder auch nur scheinbar) entlarvt, weil sie wissenschaftlich nicht sauber gearbeitet haben sollen.

Eine Folge ist vielleicht nachlassender Respekt vor jedweder Promotion. Und so manche Leute geraten in Verdacht, bloß ein Dr. Copy & Paste zu sein. Sinistre Machenschaften.

Tatsächlich gibt es ja nicht wenige dümmliche Doktoren/Doktorinnen oder andererseits, wie zum gerechten Ausgleich, außerordentlich kluge Sterbliche ohne jegliche Weihen solcher Art. Wer wüsste das nicht?

Neuerdings ist immer öfter zu gewärtigen, dass (beispielsweise in Job-Netzwerken) studierte Leute etwas minderen akademischen Grades ihre Magister-Titel stolz dem Namen voranstellen, etwa so: Mag. Karl Napf, Mag. Erna Puvogel. Verzeiht mir bitte die saublöden Beispielnamen. Sie sollen ja eben nicht realistisch sein. Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist Zufall.

Auf einmal scheinen also Magister bzw. Magistra eine gewisse Wertschätzung zu genießen. Liegt es etwa daran, dass Bachelor und Master nicht so recht überzeugt haben? Dass man nicht so viel Verdacht weckt wie mit einem Doktorgrad? Erlebt das Goethische, das Faustische „Heiße Magister, heiße Doktor gar…“ hinterrücks eine Renaissance? Oder haben wir hier schlichtweg ein weiteres Beispiel für Geltungssucht, fürs offensive Herzeigen auch der paar geistigen Habseligkeiten? Wobei man bedenken muss: Beim Magister ließe sich theoretisch ebenso schummeln wie beim Doktor.

Soll ich Euch etwas verraten: Auch ich habe ich grauer Vorzeit einen Magister Artium erworben – rechtmäßig, im Schweiße meines Angesichts, ich schwör‘. Soll ich deshalb als Mag. auftreten? Oder als M. A., wie es ehedem hieß? Weniger wohlwollend betrachtet, klingt das nach (schwarzer?) Magie, es könnte auch auf Namens-Verhunzung hinauslaufen. Und neutral betrachtet? Lasse ich den Humbug einfach bleiben.

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P.S.: Was die Titelvergabe und die Benennungen angeht, bin ich nicht mehr auf dem aktuellen Stand. Ist Mag. dasselbe wie M. A.? Ist das eine die österreichische, das andere die deutsche Variante? Oder gibt es da anderweitig haarfeine Unterschiede? Ich mag es nicht googeln.

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Auflösung des Bilderrätsels: Das schlaue Schweinchen trägt die Kappe eines Pfefferstreuers auf dem Kopf. Hehe!




Vom üblen Abwasserkanal zum munteren Bächlein – eine Radtour entlang der Emscher

Impression vom Emscherquellhof in Holzwickede bei Dortmund. (Foto: Gerd Puls)

Impression vom Emscherquellhof in Holzwickede bei Dortmund. (Foto: Gerd Puls)

Gastautor Gerd Puls über den renaturierten Wasserlauf, der früher so dreckig war wie kein anderer:

Unscheinbar, aber idyllisch. Ein Gehöft, ein Quellteich am Rande Holzwickedes. Emscherquellhof. Zuerst ein paar Tropfen, ein Rinnsal bloß, ein schmaler Bach, ein Graben, mehr nicht. Holzwickede, vor den Toren Dortmunds. Tor zum Sauerland nennen manche ihre schmucke Gemeinde. Gerade mal 17.000 Menschen leben hier, viele pendeln zur Arbeit ein. Im Norden der Dortmunder Flughafen, Stadtteil Wickede, wenige Meter von hier zum Holzwickeder Bahnhof.

Zurück zur Emscher, etwas südlich geht es, der Bachlauf schlängelt sich durch den Ort. An der Sparkasse das kleine Denkmal, die Emscher, Quelle und Verlauf, die Orte rechts und links des Flüsschens, ein Schulkind mit Ranzen, hier geboren, hier zu Haus.

Der Holzwickeder Markt. Nur am ersten Adventswochenende findet hier vor dem historischen Rathaus ein rummeliger, dennoch stimmungsvoller Weihnachtsmarkt statt, ausgerichtet von Holzwickeder Vereinen, Schulen, Organisationen. Zusammengehörigkeit, Heimatverbundenheit, hier trifft man sich. Wen es im Laufe seines Lebens woandershin verschlagen hat, der kommt oft extra zum Weihnachtsmarkt von weither angereist.

Schaurig schöne Anblicke, doch es gibt Abwechslung

Der kleine Emscher-Park, der schöne Baumbestand, an der Kirche vorbei, weiter Richtung Westen. Du kannst prima mit dem Rad die Emscher entlang, lautete die Empfehlung. Emscher-Radweg. In Nullkommanix durch Sölderholz, Sölde, alles längst Dortmund, Aplerbeck, und zack, bist du am Phoenixsee. Also versuch ich es und halte die Augen auf. Schön hier, schaurig schön, manchmal ein wenig uniform und trist bei der dichten Bebauung. Doch Abwechslung gibt es, vom Rad aus gut zu registrieren: alte Industrie, neue Logistikflächen, Straßenzüge, Siedlungen, Wohnblocks und schmucke Einfamilienhäuser.

Die Dortmunder Stadtgrenze ist rasch erreicht, Westfalens größte Stadt, flächenmäßig weit vorne bei Deutschlands Städten. Eine ganze Menge Stadtteile, etliche mit dörflichem Charakter. Von Barop, Brackel, Bövinghausen über Lanstrop und Lindenhorst bis Wambel, Wellinghofen, Westerfilde.

Ich radle. Sölde, Sölderholz, Aplerbeck. Als ich in den 1970ern in Dortmund studierte, Kunst und Pädagogik, schanzte mir ein Professor einen kleinen Auftrag zu. Die Kranich-Apotheke in Aplerbeck möchte ein neues Emblem. Für Briefbögen und Schaufenster, kannst du das machen? Also pingelte ich einen stilisierten Kronenkranich hin für 50 Mark, und der Apotheker hatte ein billiges hübsches Erkennungszeichen, heute noch prangt es in Gold prächtig und filigran an Fenster und Fassade.

Früher hieß es: „Der gehört nach Aplerbeck“

Dann die psychiatrische Landesklinik, später im Lehrerberuf hatte ich hin und wieder dort zu tun. Irgendein gemeinsames Gutachten, ein Kind, dem man dort helfen konnte. Als ich selbst Kind war, klang das manchmal gar nicht schön. Der gehört nach Aplerbeck, hieß es, wenn einer mal ein wenig Unsinn gemacht und über die Stränge geschlagen hatte. Toleranz und Akzeptanz sahen anders aus.

Links der Phoenixsee im Stadtteil Hörde, an Wochenenden beliebtes Ausflugsziel. All die Parkplätze dann knüppelvoll. Ruhrgebietsfreizeit, einmal den Rundweg, oder halb und dann ins Eiscafé. Mit der Emscher hat der Phoenixsee nichts zu tun, sie fließt bloß nah vorbei. Sumpfiges Gelände noch vor 200 Jahren. Eine Mulde, Sumpf, Morast und Mücken. Bevor man hier das gigantische Stahlwerk errichtete, das vor ein paar Jahren dem künstlichen Teich seinen Namen gab. Ein flaches Gewässer, das künstlich mit Sauerstoff versorgt werden muss, damit es nicht umkippt. Von der gewaltigen Stahlschmiede steht längst nichts mehr, nur die Thomasbirne an der Promenade als Wahrzeichen und Erinnerungsstück.

Stahlwerk wanderte von Hörde nach China

Das Stahlwerk ist längst demontiert, ab per Schiff, in China wieder aufgebaut. Hörde, Dortmund, das Ruhrgebiet hat es verkraften müssen. Der Niedergang, Verlust von Kohle und Stahl. Die Hörder Burg, direkt am See, das Gebäude der ehemaligen Stiftsbrauerei, damals die biertrinkenden Mönche, sich zuprostend, fett an der Fassade. Der frühere Dortmunder Dreiklang: Kohle, Stahl und Bier.

Ich sehe mich um. Wohin ist die Emscher entschwunden. Verläuft sie unterirdisch? Nachdem das Stahlwerk platt war, hat der See etwas gebracht für den Stadtteil Hörde. Quadratische Häuser säumen das Ufer, hier wohnen Fußballer des BVB und andere Leute, die es sich leisten können. Moderne Architektur, viel Glas nach Süden hin, Sonnensegel und Weinreben gar. Fast wie im Urlaub, Eisdielen locken. Büroflächen, Gewerbeansiedlungen, die Sparkasse hat ein großzügiges Schulungszentrum errichtet.

Rostiger Hochofen als „Tatort“-Kulisse

Weiter die Pedale treten, es geht durch Hördes Zentrum. Die Überreste von Phoenix West, immer noch eindrucksvolle Industrieruine. Endlos die braunen Backsteinmauern, Hallen sind neu zu nutzen. Flächen reichlich, eine neue, überbreite Zubringerstraße, hier sind Ansiedlungen möglich. Die rostigen Streben des letzten Hochofens locken Fotografen an. Schaurig bizarre „Tatort“-Kulisse bei manchem Sonntagskrimi. Zwischendurch dröhnen Motoren bei illegalen Autorennen, surren ferngesteuerte Drohnen hoch in die Dortmunder Luft. Zeichen dafür, dass man alt geworden ist. Damals, in Kindertagen, als die Emscherbrühe dreckig und stinkend in ihrem Kanalbett schwappte, ließen wir harmlose Papierdrachen steigen.

Neu nebenan die kleine Brauereimanufaktur, Bergmann-Bier, alte Tradition. An guten Wochenenden und wenn Borussia spielt, ist der Schankraum proppenvoll. Das Bier schmeckt gut. Ich könnte noch ein Stück weiter radeln durch Dortmunds Süden, Hombruch, Lütgendortmund, bevor die Emscher das Stadtgebiet verlässt, sich nach Norden windet und doch die Richtung hält, nach Westen, zum Rhein hin.

Bitte keine brüllendheißen Sommer

Besser zurück, für heute reicht es. Bewegung an der frischen Luft. Ein Stück Heimat, ein schöner Weg die Emscher entlang. Früher der dreckigste Fluss überhaupt. 80 Kilometer stinkender Abwasserkanal, Kloake, Köttelbecke. Transportvehikel für Schlamm, Dreck, Gestank und Giftmüll, den es überall gab, wo viele Menschen waren, wo mächtig malocht wurde, egal ob Kohle oder Stahl, Chemie oder sonst was, und bei Hochwasser überschwemmte die übel riechende Brühe ganze Stadtteile. Vergangenheit.

Heute ein munterer Bach, die Abwässer unter die Erde verbannt. Renaturiert lautet das Zauberwort, egal ob in Holzwickede, Aplerbeck, Hörde oder den Ruhrgebietsstädten, die bis zur Mündung folgen.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Sommer nicht dauernd brüllendheiß und knüppeltrocken werden und die Emscher eines Tages versiegt und verschwindet.

Verlauf der Emscher quer durchs Ruhrgebiet – Hinweistafel der Emschergenossenschaft. (Foto: Gerd Puls)

Verlauf der Emscher und der Radstrecke quer durchs Ruhrgebiet, dargestellt auf einer Hinweistafel der Emschergenossenschaft. (© Emschergenossenschaft / Foto Gerd Puls)

 




Rauschende Partys, gnadenloser Heiratsmarkt: Tschaikowskys „Pique Dame“ – ins Hollywood der 50er Jahre verlegt

Szenenbild aus „Pique Dame“ in Düsseldorf. (Foto: Hans Jörg Michel/Rheinoper)

Der kleine Indianer geht traurig über die Bücke, von der sich die unglücklich verliebte Lisa gleich stürzen wird. Dabei ist er gar nicht real, sondern die Kopfgeburt des Drehbuchautors Hermann, der für die Traumfabrik Hollywood Ideen produziert, aber zu seiner High Society nicht wirklich dazugehört: Denn er besitzt weder einen Swimmingpool noch eine mondäne Villa, geschweige denn einen Pfennig Geld. Nur seine leidenschaftliche Liebe zu Lisa, für die er zu arm und die auch bereits mit einem Fürsten verlobt ist.

Für die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf und Duisburg (dortige Premiere am 28. September 2019) hat die amerikanische Regisseurin Lydia Steier Tschaikowskys russische Oper „Pique Dame“ kurzerhand ins Hollywood der 50er Jahre verlegt und diese Interpretation funktioniert überraschend gut. Denn die Mechanismen des Jet Set gleichen sich, ob es sich nun um die russische Aristokratie oder die Hollywood-Schickeria handelt.

Die „alte Hexe“ und das Kartengeheimnis

Rauschende Partys, ein gnadenloser Heiratsmarkt, unglückliche Leidenschaften, Geldgier und Spielsucht sind in beiden Sphären zu finden und wer nicht mithalten kann, wird schnell zum Außenseiter. Deprimiert sitzt nun Hermann (Sergey Polyakov) im ausgebeulten Breitcord-Anzug am Rande der Poolparty und kann seine Angebetete Lisa (Elisabet Strid) nur von Ferne anschmachten, denn ihr Verlobter Fürst Jeletzki (Dmitry Lavrov) weicht ihr nicht von der Seite.

Da erzählt ihm sein Freund Graf Tomski (Alexander Krasnov) eine abenteuerliche Geschichte: Die Großmutter Lisas, inzwischen über 80 Jahre alt und in ihrer Jugend in Paris eine gefeierte Schönheit, kennt ein Kartengeheimnis: Wer die drei geheimen Karten spielt, gewinnt immer. Nur dass die alte Gräfin, grandios gesungen von Hanna Schwarz und als eine Art alternder Stummfilmstar inszeniert, das Geheimnis natürlich partout nicht verraten will. Denn die Prophezeiung sagt: Der nächste, der es ihr entreißen wird, tötet sie. Also vergräbt sie sich lieber in ihre Villa, lässt sich stundenlang maniküren und schönheitsbehandeln und zickt ihre Enkelin Lisa an, die beim Jungesellinnenabschied mit ihren Freundinnen zu viel Lärm macht.

So kann die „alte Hexe“ eigentlich gar keiner mehr leiden, dabei war sie in ihrer Jugend doch so schön und begehrt, wie das überlebensgroße Porträt über ihrem Bett zeigt. Für das großartige Bühnenbild mitsamt Pool, Villa und Spielcasino zeichnet Bärbl Hohmann verantwortlich, die Kostüme à la 50er Jahre mit Petticoats, Cowboy- und Indianer-Statisterie und Badenixen-Flair besorgte Ursula Kudrna.

Da bleibt ihm nur der Selbstmord

Musikalisch ist die Düsseldorfer „Pique Dame“ ebenfalls extrem packend: Das Orchester unter Aziz Shokhakimov und die Sänger transportieren die Leidenschaftlichkeit, die emotionalen Höhen und Tiefen und die Zerrissenheit der Charaktere, die sich im Falle Hermanns bis in den Wahnsinn steigert, sowohl mit fiebriger Energie als auch tiefer Melancholie über die Rampe. Wer da nicht mitleidet, hat kein Herz und schon gar kein russisches. Herausragend dabei die Hauptpartien von Elisabet Strid und Sergey Polyakov, aber auch die kleineren Rollen sind gut besetzt und das Ensemble agiert als harmonisches Ganzes.

Leider geht die Sache, man ahnt es schon, nicht gut aus: Hermann und Lisa verlieben sich zwar, sie löst ihre Verlobung mit dem Fürsten und will mit ihm durchbrennen. Doch um die nötigen Mittel dafür zu erhalten, bedrängt Hermann die Großmutter zwecks des Kartengeheimnisses. In einer gespenstischen Szene will die Alte ihn dabei vernaschen, doch das macht ihr Herz nicht mehr mit – sie stirbt. Und Lisa gibt Hermann die Schuld daran. Nachts am Fluss wollen sie sich aussprechen, doch Hermann hat nunmehr die drei Gewinnkarten im Kopf und eilt in den Spielsalon. Lisa stürzt sich von der Brücke und der kleine Indianer guckt traurig.

Doch Hermann bringen die drei Karten auch kein Glück: Er verliert alles, weil er statt einem Ass die „Pique Dame“, so der Spitzname der Großmutter, zieht. Da bleibt ihm nur der Selbstmord mit dem Revolver. Ein großes Melodram, fast wie im Film.

Karten und Termine: www.operamrhein.de




Grübeleien in Zeitlupe: Donna Leons 28. Brunetti-Krimi „Ein Sohn ist uns gegeben“

Es kommt nur selten vor, dass der in seinem venezianischen Palast residierende Conte Falier seinen Schwiegersohn eindringlich, ja fast flehentlich zum Gespräch bittet. Commissario Guido Brunetti fürchtet schon, dass er seinem oft in dunkle Geschäfte verwickelten Schwiegervater aus einer kriminellen Patsche helfen soll. Doch es kommt anders.

Der zerbrechlich gewordene Conte ist eher melancholisch gestimmt, fast ein wenig traurig. Lange Zeit räsoniert er über Freundschaft und Familie, Tradition und Werte. Es dauert – für den irritierten Brunetti genauso wie für ungeduldige Leser – eine gefühlte Ewigkeit, bis der Conte seine Sorgen offen auf den Tisch legt: Gonzalo Rodríguez de Tejeda, ein in Spanien geborener Freund aus alten Kindertagen, der es zunächst als Viehzüchter in Südamerika, später als Kunsthändler in Europa zu einem Vermögen gebracht hat und jetzt seinen Lebensabend in Venedig verbringt, scheint eine riesige Dummheit zu begehen. Als bekennender Homosexueller ist er zeitlebens ohne Kinder geblieben. Nun aber will er seinen jungen Liebhaber, den kaum jemand richtig kennt und der manchen etwas halbseiden vorkommt, als Sohn adoptieren.

Ist der junge Schnösel ein Erbschleicher?

Das späte Liebes- und Familien-Glück sei dem alten Mann von Herzen gegönnt. Doch mit der Adoption fiele im Todes-Fall das gesamte Vermögen an den jungen Schnösel. Was ist, wenn der junge Mann sich als Erbschleicher entpuppt und es nur darauf abgesehen hat, seinen reichen alten Liebhaber unter die Erde zu bringen?

„Ein Sohn ist uns gegeben“ ist Commissario Brunettis achtundzwanzigster (!) Kriminalfall, den er unter der Regie von Autorin Donna Leon lösen muss. Doch bis sich der mit einem langwierigen und verklausulierten Gespräch über familiäre Bande und freundschaftliche Verbindungen beginnende Roman wirklich zu einem „Kriminalfall“ entwickelt, fließt sehr viel Wasser durch den Canal Grande.

Als Liebhaberin der Antike hat Donna Leon ihren Commissario oft mit philosophischen Gedanken bekränzt, als Fan barocker Musik hat sie ihn gern in die Oper geschickt. Neid und Hass, Mord und Mafia: Das waren manchmal nur Beigaben zu einer intellektuellen Schnitzeljagd. Die war fast immer ziemlich spannend und überraschend. Das kann man jetzt leider nicht behaupten: So zeitlupenhaft und – Donna Leon möge es verzeihen – langweilig war wohl noch keiner ihrer Venedig-Romane.

Von den Schweizer Bergen herab auf Venedig blicken

Vielleicht ist ihr die Puste ausgegangen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie – angeekelt von der Zerstörung ihrer Wahlheimat durch Massentourismus und Billigläden – Venedig nach Jahrzehnten verlassen hat und jetzt von den Schweiz Bergen aus auf ihre hassgeliebte Lagunenstadt hinunterblickt. Ihre Trauer und Melancholie haben auch alle Romanfiguren, insbesondere den Conte und Brunetti angesteckt. Rasender Stillstand. Und dann geht auch noch Signorina Elettra in Urlaub und kann den Commissario nicht mehr mit Informationen aus den Untiefen des Internets versorgen. Damit Brunetti nicht einschläft, traktiert ihn Vice-Questore Patta mit seinen privaten Nöten. Aber auch das sind nur Randnotizen, die zu nichts führen.

Irgendwann stirbt der reiche Gonzalo tatsächlich. Fällt einfach auf der Straße tot um. Herzversagen. Wieder kein Mord. Doch gemach. Als alles gesagt scheint und betrauert ist und der in einen arglosen Dämmerzustand versetzte Leser sanft weg döst, geschieht auf der Zielgeraden des Romans doch noch etwas. Eine fast aus dem Nichts auftauchende Person, die mit dem verstorbenen Gonzalo gut bekannt war, wird erwürgt. Ihr Tod und die Motive ihrer Ermordung werfen plötzlich ein ganz Neues Licht auf die Adoption und die Erbschaft.

Die makabre Pointe wirkt schließlich wie aus dem Hut herbei gezaubert, als wäre Donna Leon nicht besseres mehr eingefallen, um das grüblerische Tableau und das Nachdenken über alte Liebe und neues Leid, selbstbestimmten Lebenswandel und familiäre Abgründe in einen echten Krimi zu verwandeln.

Donna Leon: „Ein Sohn ist uns gegeben“. Commissario Brunettis achtundzwanzigster Fall. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Werner Schmitz. Diogenes Verlag, Zürich. 309 Seiten, 24 Euro.




Vom religiösen Kult zum Massensport – über die Anfänge des Fußballspiels

Abgelegenes Fußballfeld in einem Dortmunder Vorort. (Foto: Bernd Berke)

Torgestänge mit Patina: abgelegenes Fußballfeld am Rande von Dortmund. (Foto: Bernd Berke)

Aus gegebenem Anlass zum Auftakt der Frauen-WM an diesem Wochenende: Gastautor Heinrich Peuckmann mit einem Beitrag zur Vorgeschichte des heutigen Fußballs.

Wie ist eigentlich der Fußballsport entstanden, jenes Spiel, das rund um den Erdball alle Menschen fasziniert – egal, in welchen Kulturen sie leben? Über welche Zwischenschritte hat er sich entwickelt zu jenem Spiel mit ausgeklügelten Taktiken, das  heute die Massen rund um den Globus fasziniert?

Wie so oft bei großen Entwicklungen der Menschheit liegen die Ursprünge im Kult, also in der Religion. Im 2. Jahrtausend vor Chr. gab es ihn schon in China. Tsu Chu hieß er und diente zuerst vermutlich der körperlichen Ertüchtigung der Soldaten, bevor er vom Volk übernommen wurde, wodurch sich sein Zweck Gott sei Dank änderte.

Die sanfte Variante, made in China

Ziel wurde nun die perfekte Beherrschung des Balles durch den einzelnen Spieler, der den Ball hoch halten, ihn mal mit dem einen, mal mit dem anderen Bein spielen sollte. Wertevorstellungen für ein harmonisches Zusammenleben wurden durch ihn vermittelt. Rudi Gutendorf, Weltenbummler in Sachen Fußball und zwischendurch natürlich auch Trainer in China, hat dieses ursprüngliche Ziel mehr als 3000 Jahre später leidvoll erfahren. Den Chinesen fehle der Biss, sie hätten keinen Drang zum Tor, hat er resignierend geurteilt. Es war eben Tsu Chu, die sanfte, unaggressive Variante, die er gesehen hatte, nicht Bundesliga-Fußball.

In Japan ist der Bezug zur Religion bis heute erkennbar, denn dort ist Fußball Teil des Shinto-Kultes. Kemari heißt er und wird im Tempelbezirk von Männern in ritueller Kleidung durchgeführt. Den geweihten Ball zum Spiel bringt der Priester. Auch die Mayas und Azteken kannten den Fußballsport, wo es galt, den Ball durch einen Steinring an einer Mauer zu treten.

Im antiken Griechenland finden wir Abbildungen von Fußballspielern auf Vasen und Tellern. Bei den Spartanern diente Fußball wieder zur körperlichen Ertüchtigung der Jungen, weil die Spartaner eben Wert auf kriegerische Stärke legten und nicht auf Kultur. Weshalb, als Folge dieser Ausrichtung, von ihnen wenig erhalten ist, so dass wir heute, wenn wir nach Griechenland fahren, Athen besichtigen und nicht Sparta. Irgendwie ist die Welt halt doch gerecht.

Den Ball bis ins eigene Dorf vorantreiben

Im nördlichen Europa waren seine Anfänge wirr. Beim Volksfußball in England ging es anfangs darum, den Ball ins eigene Dorf zu schießen, auf den Markplatz, durchs Stadttor oder gegen den Kirchturm. An manchen Orten soll es sogar Ziel gewesen sein, den Ball auf den Friedhof zu schießen. Tobende Jungen in wildem Durcheinander muss man sich vorstellen. Auch Shakespeare erwähnt in einem seinem Stücke dieses wilde Spiel, verständlicherweise mit abfälligem Tonfall.

Erst später wurde der heutige Kampfsport mit zwei gegeneinander spielenden Mannschaften daraus. Ziel wurde nun das Tor des Gegners, in das es fortan zu treffen galt. Die Anzahl der Spieler schwankte lange.

Häufig gab es dabei Ärger mit der Polizei, denn Zeit zum Spielen hatten die ersten Fußballer nur sonntags. Und da, fanden die Puritaner, sollte Gott verehrt werden, nicht ein Lederball oder eine Schweinsblase. Bestraft wurden aber oft nur die Zuschauer, die sich zum Spiel eingefunden hatten, die Fußballer selbst konnten der Polizei entwischen. Schnelligkeit und Kondition spielten schon damals eine Rolle.

Verheiratete gegen unverheiratete Frauen

In einem englischen Dorf war es sogar Brauch, dass einmal im Jahr die verheirateten Frauen gegen die unverheirateten antraten. Wobei, wie die Chroniken verraten, meistens die verheirateten gewannen. Sie hatten in der Ehe vermutlich gelernt, wie man sich durchsetzt. Das waren, wenn man so will, die Anfänge des Frauenfußballs. Sind die deutschen Spielerinnen bei der diesjährigen Fußball-WM eigentlich verheiratet? Wer weiß, welchen Vorteil man andernfalls verschenkt.

Die heutigen Regeln mit Abseits, Spielerzahl usw. wurden erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts festgelegt, in England, wo der moderne Fußball seinen Anfang nahm. Ein Prozess von mehr als 3000 Jahren lag da hinter ihm. Von da an dauerte es nicht einmal mehr hundert Jahre, bis er seinen Siegeszug um die Welt vollendet hatte.




Überraschung: Dortmunds Schauspielchef Kay Voges geht ans Wiener Volkstheater

Sein Weg führt von Dortmund nach Wien: Schauspielchef Kay Voges. (Foto: Marcel Urlaub)

Sein Weg führt von Dortmund nach Wien: Schauspielchef Kay Voges. (Foto: Marcel Urlaub)

Das darf man wohl eine Überraschung nennen: Kay Voges, noch amtierender Dortmunder Schauspielchef, geht nicht etwa nach Hamburg oder Berlin, sondern nach Wien. Ab der Saison 2020/21 wird er dort Direktor des Volkstheaters sein – als Nachfolger von Anna Badora.

Laut Pressemitteilung des Dortmunder Schauspiels sagte Voges in einer ersten Stellungnahme zu seinem bevorstehenden Wechsel, er empfinde es als Ehre, die Führung dieses bedeutenden Hauses „in der theater-verrückten Stadt Wien, im theater-verrückten Land Österreich“ übernehmen zu dürfen. Und weiter: „Theater ist die fünfte Macht im Staate und es ist wichtig, dass das Volkstheater die Stellung ein- und wahrnimmt, die dem Haus unter den führenden Bühnen Europas zusteht“. Das klingt beinahe draufgängerisch.

Man kann wohl davon ausgehen, dass Voges bereits den Begriff „Volkstheater“ deutlich fortschrittlicher auslegen wird, als es manche Wiener Bühnenfreunde bevorzugen. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen: Völlig konfliktfrei wird seine Wiener Tätigkeit mutmaßlich nicht vonstatten gehen. Aber auch das gehört in Wien unbedingt dazu. Es soll dort Leute geben, die dem „Piefke“ Claus Peymann noch heute grollen…

Wie die Wiener Zeitung „Die Presse“ berichtet, hat Voges in ersten Überlegungen angekündigt, ein „niederschwelliges Theater“  anzustreben, eine – so wörtlich – „Factory für Theaterkunst in ästhetischer und politischer Auseinandersetzung mit der Gegenwart“. Auch Performance-Elemente und Musik würden dabei wichtig sein. Zudem dürfte Voges seine in Dortmund so entschieden vorangetriebenen Digitalisierungs-Projekte nicht von heute auf morgen aufgeben.

Kay Voges wird sich schon vor Beginn seiner Wiener Intendanz als Regisseur in der Donaumetropole vorstellen. Am Burgtheater soll er in der ersten Spielzeit unter Martin Kusej eine „Endzeit-Oper“ in Szene setzen. Titel der Produktion: „Dies irae – Tag des Zorns“.

Voges‘ Nachfolge in Dortmund wird – wie mehrfach berichtet – zur nächsten Saison die 34-jährige Julia Wissert antreten.




„Maschinen wie ich“ – Ian McEwan zeigt uns, dass Roboter auch nur Menschen sind

Charlie Friend ist Anfang Dreißig, Geld verdient er so schnell, wie er es wieder verliert. Derzeit zockt er von Zuhause aus mit windigen Transaktionen an der Börse.

Weil er sich seit Kindertagen für Elektronik und Informatik begeistert, hat er seine letzten Ersparnisse ausgegeben, um einen der ersten frei verkäuflichen Androiden zu bekommen: Roboter, die aussehen und denken wie Menschen und die alles können, was wir können. Nur vielleicht etwas besser, schneller und kompromissloser. Denn sie schlafen nie, durchforsten in Windeseile das Internet, verknüpfen Datenberge und schließen Wissenslücken. Sie helfen, wo sie nur können, sind lernfähige, selbstständige Wesen, voller Empathie und Güte. Sind die Maschinen vielleicht sogar die besseren Menschen?

Der britische Bestseller-Autor Ian McEwan, bekannt für Geschichten, die zwischen makabrer Situations-Komik und subtiler Existenz-Philosophie irrlichtern, hat jetzt mit „Maschinen wie ich“ sein literarisches Meisterstück vollbracht: einen Roman, der elegant und lässig zwischen Vergangenheit und Zukunft jongliert und ein abgründiges Szenario entwirft, in dem der verlogene und fehlbare Mensch konkurriert mit der rechthaberischen und gradlinigen Vernunft der Maschine, ein Wettstreit, den er kaum gewinnen kann. Es sei denn, er zertrümmert sein künstliches Ebenbild. Aber ist das dann nur Maschinenstürmerei oder nicht vielleicht doch, weil die Maschine auch nur ein Mensch ist, Mord?

Er duldet kein Unrecht, das Böse ist ihm verhasst

Adam, Charlies neues Spielzeug, ist viel mehr als nur ein Produkt Künstlicher Intelligenz. Adam hilft nicht nur beim Abwasch und trägt klaglos den Müll vor die Tür. Er verschafft mit seinen rasanten digitalen Verbindungen seinem Besitzer auch satte Gewinne an der Börse. Nachts, wenn Charlie friedlich schläft oder sich mit seiner Freundin Miranda vergnügt, zieht Adam sich den gesamten Shakespeare rein und schreibt hunderte Haikus: eine Intelligenzbestie mit literarischem Feingefühl und sexuellen Bedürfnissen, der einwilligt, als Miranda Lust hat, mit ihm zu schlafen.

Der perfekte und liebenswerte Roboter hat nur ein Problem: Er hat hohe moralische Standards und anspruchsvolle ethische Prinzipien. Er duldet kein Unrecht, das Böse ist ihm verhasst. Die Gesellschaft kann für ihn nur funktionieren, wenn Verfehlungen und Verbrechen gesühnt und bestraft werden. Da kennt er keine Gnade. Deshalb wird er dafür sorgen, dass Miranda, die er doch eigentlich inniglich liebt, ihre Schuld begleichen muss. Denn sie hat, um die Vergewaltigung und den Selbstmord einer Freundin zu rächen, dem Täter eine Falle gestellt und ihn mit einer Falschaussage ins Gefängnis gebracht.

Wenn die technischen Helfer verzweifeln

Als Miranda jetzt selbst hinter Gittern verschwindet, rastet Charlie aus und schlägt seinem Androiden den Schädel ein. Die unsterblichen Überreste der Maschine bringt er zu Alan Turing, dem mathematischen Genie und Vordenker der digitalen Moderne, der einst den Geheimcode der Nazis knackte, aber nach dem Krieg wegen seiner Homosexualität verfemt und als Verbrecher abgestempelt wurde.

Turing starb 1954. Doch bei Ian McEwan hat er überlebt und inspiriert die jungen Computer-Nerds noch immer. Warum auch nicht: Denn obwohl von drohender Klimakatastrophe und bevorstehendem EU-Austritt der Briten die Rede ist, sind wir nicht im Hier und Heute oder in der nahen Zukunft, sondern in der Vergangenheit. Wir schreiben das Jahr 1982: Die Beatles haben sich nach 12 Jahren Trennung wieder zusammen gefunden, ihr neues Album wird überall gespielt, John Lennon, der doch eigentlich seit zwei Jahren Tod ist, singt eine neue Hymne auf die friedensbringende Kraft der Liebe. Das ist auch nötig, denn Maggie Thatcher ist Premierministerin und führt einen Krieg um die Falkland-Inseln, von dem die britischen Truppen – anders als in der Wirklichkeit – geschlagen und gedemütigt wieder nach Hause kommen.

Was heißt hier schon „Wirklichkeit“?

Aber was ist schon die Wirklichkeit und der Tod, wenn Geist und Materie sich vermischen, Maschinen das Denken übernehmen und versuchen, die Menschen zu verstehen und zu verbessern? Dass die Maschinen an der Machtübernahme vielleicht scheitern, weil sie die menschliche Kommunikation in ihrer Mehrdeutigkeit nicht entschlüsseln können, weil Halbwahrheiten und Notlügen ihrem auf Ja und Nein, Gut und Böse, Recht und Unrecht programmiertem Hirn fremd sind; dass vielleicht die Maschinen an den Menschen verzweifeln und sich, zu Tode betrübt, selbst abschalten, ist nur eine der vielen Möglichkeiten, die der ebenso humorvolle wie melancholische, mal lächelnd in die Zukunft, mal kopfschüttelnd in die Apokalypse schauende Autor für uns parat hat.

Ian McEwan: „Maschinen wie ich“. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes Verlag, Zürich. 416 Seiten, 25 Euro.

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  • Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot (Hampshire), lebt in London.
  • Für sein umfangreiches Werk hat er vielen Auszeichnungen erhalten, den Booker-Preis genauso wie den Shakespeare-Preis, immer wieder wird er auch als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt.
  • Viele seiner Romane wurden verfilmt: „Abbitte“ (mit Keira Knightley), „Am Strand“ (mit Saoirse Ronan), „Kindeswohl“ (mit Emma Thompson).



So herrlich radikal und eigenmächtig – Kolumnist*innen drehen durch

Was haben wir denn da? Das schwache Licht der Aufklärung? Na, hoffentlich. (Foto: Bernd Berke)

Was haben wir denn da? Beinahe erloschene Lichter der Aufklärung? (Foto: Bernd Berke)

Wenn man so kreuz und quer in Texten stöbert, merkt man sich bestimmt nicht alle. Aber die richtig radikalen Sachen, die gehen einem vielleicht noch ein Weilchen nach. Mööönsch, hast du gelesen, wie rabiat diese(r) XYZ wieder polemisiert hat? Deshalb werden solche heftigen Zeilen überhaupt geschrieben: damit sie bemerkt werden und damit die Verfasser(innen) so richtig geil abheben können – ein Effekt, der sich freilich schnell abschleift.

Ob solche Beiträge nachvollziehbaren Sinn ergeben, ist bestenfalls zweitrangig. Dieser Tage sind mir zwei hanebüchene Artikel begegnet. Auf der Internet-Seite von Deutschlandfunk Kultur (überhaupt eine Speerspitze politisch „korrekter“ Denke, die oft alles andere als „korrekt“ ist) ist eine rotzfreche Selbstermächtigung von Vladimir Balzer zu lesen, der nichts Geringeres als die sofortige und komplette Abschaffung aller Autos postuliert und alle Leute möglichst umgehend aufs Fahrrad zwingen will. Auch Elektro reicht ihm nicht. Das ganze Zeug soll weg – vielleicht in ein großes, großes Loch? Vielleicht schon morgen früh?

Der Heilsbringer ruft: Alle Autos abschaffen!

Zitat aus dem besinnungslosen, von keinerlei Ironie angekränkelten Elaborat, sämtliche Automobile betreffend: „Ich sehe nur eine Möglichkeit: Alle aus dem Verkehr ziehen. Alle!“ Hach, wie herrlich radikal! In seiner glorreichen Eigenschaft als Pedalist verlangt der Verfasser auch noch, dass man ihm quasi huldigt: „Ich als Fahrradfahrer bringe den Frieden. Ich erwarte dafür (…) auch etwas Dankbarkeit.“ Von dem Zeug, das dieser Friedens- und Heilsbringer mutmaßlich geraucht hat, möchte mancher Freund des gepflegten Rausches vielleicht auch etwas haben… Übrigens soll es auch aggressive Radfahrer geben, denen die Unversehrtheit von Fußgängern schnurz ist.

Kruden Machteroberungs- und Beiseiteräum-Phantasien lässt auch die TAZ-Kolumnistin Johanna Roth (Eigen-Kennzeichnung: „Schreibt am liebsten über Innenpolitik und Abseitiges“) die Zügel schießen. Sie schlägt allen Ernstes vor, nicht nur „unten“ das Wahlalter herabzusetzen, also mehr Jugendliche mitentscheiden zu lassen, sondern auch „oben“ zu kappen, sprich: Rentner bzw. über 60-Jährige sollen kein Wahlrecht mehr haben, sie sollen es abgeben – wie manche den Führerschein.

Bloß kein Wahlrecht mehr für Rentner…

Maßlos regt sich Roth in ihrem mit verkrampften Gender-Fügungen („er*sie“) verzierten Text über Unfälle auf, die in ihrer arg begrenzten Weltsicht offenbar fast ausschließlich von Senioren verursacht werden. Geradezu schwachsinniger Kurzschluss: Senioren gefährden nicht nur den Verkehr, sie gefährden auch unsere Zukunft, indem sie etwa konservativ wählen (was meines Wissens noch nicht verboten ist, aber auch längst nicht auf alle Älteren zutrifft). Aufblitzende Selbsterkenntnis, die allerdings gleich wieder beiseite gewischt wird: „Das kann man jetzt demokratiefeindlich finden…“ Jo. Kann man.

Die Alten mithin nicht mehr an die Urnen, sondern möglichst bald in die Urnen? Irgendwie muss sich doch die eigene Meinung an die Macht zwingen lassen. Klar, dass nach solchem (Un)-Verständnis eh die vielzitierten „alten weißen Männer“ an allem schuld sind. Dumm nur, dass es auch um betagte Frauen und just um die Generation geht, die Frau Roths Schulzeit und Studium mitfinanziert hat. Sollte das denn alles vergebens (allerdings nicht: „umsonst“) gewesen sein?

Wollte man ähnlich radikal sich gerieren wie die beiden selbstgerechten Tastatur-Maniaks, so müsste man vielleicht Berufsverbot für sie fordern. Oder Umerziehungs-Maßnahmen. Was hier selbstverständlich nicht geschieht. Denn wie schon angedeutet: Derlei rücksichtslose Forderungen lassen sich eben nur mit rigider Bevormundung, also mit undemokratischen, wenn nicht gar diktatorischen (oder im Extremfall faschistoiden?) Mitteln durchsetzen. Mit solchen Umtrieben sollte sich niemand gemein machen. Nicht mal ansatzweise.




Onkel Dagoberts Traum: Deutschlands größter Geldspeicher steht neuerdings in Dortmund

Aus der Distanz besehen: der (fast fertige) größte Geldspeicher Deutschlands. (Foto: Bernd Berke)

Aus der Distanz betrachtet: der (fast fertige) größte Geldspeicher Deutschlands. Was man hier nicht sieht, ist der Wassergraben rings um die Gebäude. (Foto: Bernd Berke)

Wo wird in Kürze der größte Geldspeicher Deutschlands eröffnet (wobei „öffnen“ eigentlich nicht das richtige Wort ist)? Gewiss doch in Frankfurt am Main. Nein, falsch. Dann aber in Berlin, Hamburg oder München? Auch nicht. Er steht in einer Stadt, bei deren Nennung man nicht gleich an ungeheure Bargeldmassen denkt: Dortmund.

Hier, genauer an der verkehrsreichen Bundesstraße B 1 (Kreuzung Marsbruchstraße), hat die Deutsche Bundesbank in den letzten Jahren ein Bauensemble hochziehen lassen, das Phantasien weckt: Immer wieder heißt es, hier würde Dagobert Duck seine helle Freude haben, weil er in riesigen Geldhaufen baden könnte.

Auch zeigen sich etliche Medien elektrisiert von der Vorstellung, hier sei ein deutsches „Fort Knox“ aus dem westfälischen Boden gewachsen, ein Pendant zum berühmten US-Goldspeicher also. Da wir nun einmal im Ruhrgebiet sind, fand sich flugs das Kosewort „Pott Knox“. Auch hat die überaus gewitzte Journaille schon den Spruch geprägt, es komme bald endlich wieder „Kohle aus dem Pott“. Hahaha, im übertragenen Sinne, ihr versteht… Zwinker, zwinker! Sozial Bedürftige können sich allerdings nichts dafür kaufen.

Kläglich nüchterne Baulichkeit

Architektonisch ist das ganze, rund 300 Millionen Euro teure Projekt wahrlich kein großer Wurf geworden. Die nicht gerade bitterarme Bundesbank hat es schmählich versäumt, hier – am östlichen Entrée der Stadt – ein Zeichen zu setzen und womöglich renommierte Architekten zum Zuge kommen zu lassen. Wir reden hier nicht von Protzerei, sondern von stilistisch zeitgemäß ansprechender Baulichkeit. Statt dessen wirkt die elf Fußballfelder große Anlage wie ein x-beliebiger Ingenieursbau, geradezu kläglich nüchtern und funktional. Gerade diese Stadt hätte anderes gebrauchen können, als eine solche Wucherung aus Beton.

Natürlich ist alles dem Sicherheitsaspekt untergeordnet. Geradezu überdeutlich steht dafür der rund 1 Kilometer lange Wassergraben, der die Hauptgebäude umschließt wie eine mittelalterliche Trutzburg. Man kann davon ausgehen, dass es viele, viele weitere Sicherheitsmaßnahmen gibt, denn hier werden Abermillionen Euro lagern und umgeschlagen werden.

Prüfen, sortieren, schreddern, neu austeilen

Vor allem Maschinen neuester Bauart sollen in der 10.000 Quadratmeter großen Zentralhalle das angelieferte Geld prüfen, sortieren und dann entweder schreddern oder neu in den Verkehr bringen – auch in Zeiten des anwachsenden elektronischen Zahlungswesens eine keineswegs überflüssige Aufgabe. Der Zuständigkeitsbereich umfasst weite Teile von NRW, rund 12 Millionen Menschen (und zahllose Firmen) befinden sich im Einzugsgebiet, wie man hie und da nachlesen kann.

Apropos Sicherheit: Es wird partout nicht verraten, wo auf dem Gelände sich jener Tresor ungefähr befindet, der mit 23 Metern Höhe und mit einem Volumen, das 25 Einfamilienhäusern entspricht, wahrhaft imposante Ausmaße haben soll. Mag sein, dass da auch manche Ganoven ihre Phantasien spielen lassen. Um indirekt auf Onkel Dagobert zurückzukommen: Die Panzerknacker („Harr, harr!“) sollen an und erst recht in diesem Geldbunker jedoch keine Chance haben.