Von Raubrittern und Kobolden im Revier – Kinder gruben uralte Sagen des Ruhrgebiets aus

Von Bernd Berke

Im Westen. Da behaupte noch einer, das Ruhrgebiet sei keine geschichtsträchtige Region! Bis zu 1000 Jahre haben Sagen und Märchen aus dem Umkreis des Reviers auf dem sprichwörtlichen Buckel, die im Rahmen eines Wettbewerbs von Kindern zwischen Duisburg und Dortmund ausgegraben worden sind.

8- bis 16jährige, vom Kommunalverband Ruhrgebiet (KVR) zu dieser Suche aufgerufen, haben pfiffig und vielfach nach allen Regeln der Kunst recherchiert. um „Raubrittern und Ko(hle)bolden“ auf die sagenhafte Spur zu kommen. Für die über 100 Einsendungen (auch ganze Schulklassen machten mit) waren natürlich in erster Linie die Großmütter, aber auch Gemeindepfarrer und Archive wertvolle Quellen.

Manchmal war schon ein Straßenname in der Heimatgemeinde Anlaß genug, dem historischen Kern einer Sage nachzuspüren. Die 39 besten – und bislang unveröffentlichten – Geschichten liegen jetzt in Buchform vor (im Handel zum subventionierten) Preis von 9,80 DM. Titel: „Von Raubrittern und Kobolden“.

Den ersten Preis des Wettbewerbs trug die zehajährige Cornelia Möhrig aus Bochum davon. Sie stöberte eine Version der Geschichte von der „ersten Zeche“ auf und erzählte sie mit eigenen Worten neu. Inhalt: Der kleine Michael stürzt in ein Loch, muß drunten einer zahnlosen alten Frau dienen und bekommt zum Lohn einen „schmutzigen Stein“, von dem sich allerdings nachher herausstellt, daß er wohltätige Wärme bringen kann. Michael hat „die Kohle entdeckt“ und für sein Leben ausgesorgt.

Überhaupt ranken sich die meisten Revier-Sagen, wie kaum anders zu erwarten, um das „schwarze Gold“. Der dritte Preis zum Beispiel, vergeben an den 16jährigen Jonas Rusky aus Hattingen, honoriert eine „Geschichte von der Zeche Dahlbusch in Gelsenkirchen“. Die Fakten, die er noch ausschmückte, erfuhr der Junge von seiner Großmutter, die wiederum aus Erfahrungen des Urgroßvaters schöpfte, welcher an der Entwicklung der berühmten Dahlbuschbombe mitgewirkt hatte. Kern der über drei Generationen tradierten Sage: Landwirte im Revier durften eines Tages keine SEnsen mehr verwenden, denn man vermutete, daß sonst auch unter Tage der todbringende Sensenmann umgehe. Fortan sorgten Schafe für kürzere Halme.

Allein schon die Titel der weiteren Geschichten machen Lust auf Lektüre. Da geht es etwa um den „hartherzigen Bäcker von Dortmund“ (der die Arman darben ließ und zur Strafe zwischen seinen Geldsäcken verhungern mußte), um „Mirsa, das Grubenpferd“, um die Mär vom Bochumer „Räuberhauptmann Korte“ oder um das im Siegerland beheimatete „Heinzelmännchen auf der Grube Hoffnung“.




Alles auf Plakaten: Private Probleme und Polit-Sprüche – Vorläufige Bilanz der Kölner Bemalungs-Aktion

Von Bernd Berke

Köln. „In Köln gibt es 5472 Plakatwände zu viel“. Da schreibt’s mal einer. Und ausgerechnet bei einer Aktion, die sich des Mediums „Plakat“ bedient. Genau 224 Wände hatte – wie berichtet – eine private Initiative in der Domstadt für je 70 DM Miete zwecks freier Meinungsäußerung reserviert. Was ist daraus geworden?

„Mein Mann betrügt seine Frau. Wer bin ich?“, schrieb eine Teilnehmerin in Riesenlettern auf „ihr“ Plakat. Ein offenbar wenig mitfühlender Zeitgenosse setzte als Antwortvorschlag „Mona Lisa“ darunter. Eine der ganz wenigen Beschwerden handelte sich der Autor ein, der den Pauschal-Spruch „Kölner Frauen sind weich, warm und willig“ überdimensional zu Papier brachte.

Die Plakattexter stießen jedoch beileibe nicht nur in zweideutige Bereiche vor. Die Bauwut in der Kölner City bleibt beispielsweise auch nicht unkommentiert: „Macht den Dom nicht jeck“, heißt es da in Anspielung auf die rund um den Gotik-Bau aufgetürmten Betonmassen.

Natürlich hat auch die Friedensbewegung für Inspiration gesorgt. In einem neonbeleuchteten Parkhaus findet sich eine gespenstische Malerei, auf der sich eine schwarze Tür öffnet und den Blick auf eine Explosion freigibt: „Es klopft – herein! – Lächelnd tritt der Ernstfall ein“, lauten die lapidaren Begleitworte.

Als besonders findig erwies sich der Mann, der unter Einsatz aller Mittel ein Dia auf seine Wand projizieren und die Umrisse auf plakatgroßem Fotopapier festhalten wollte. Der Schlauch furs Wasserbad und der Quast zum Auftragen der Fixierlösung lagen schon bereit – da machten voll aufgeblendete Autoscheinwerfer, die auf die Wand strahlten, das Werk zunichte. Verständlicherweise weniger Mühe gab sich eine Teilnehmerin, die kurzfristig erkrankt war. Sie ließ mitteilen: „Lungenentzündung statt Plakatbemalung“.

„Unsere Aktion ist leider etwas zögerlich angelaufen“, bedauert Hanne Zens (37), Mitorganisatorin der Plakatbemalung. Inzwischen seien immerhin 120 Wände gefüllt. Die Seniorenorganisation „Graue Panther“ (Plakattext: „Armut im Alter. Schande für Deutschland“) habe sich ebenso beteiligt wie die Selbsthilfeorganisation „Netzwerk“; auch Rentner, Taxifahrer, Ärzte, Hausfrauen und Redakteure seien eifrig zu Werke gegangen.

Die betrüblichste Erfahrung machte Clemens Böll (Neffe von Heinrich Böll) mit seinem Text „Mein Freund ist Türke“, der rechtsradikale Geister wachrief. Die handschriftlichen Zusätze auf dem Plakat sind nicht zitierwürdig.