Übermut kommt vor dem Online-Crash

Gern schlage ich auch mal den Wirtschaftsteil auf, da geht es ja bekanntlich um die eigentlichen Triebkräfte des Gemeinwesens. Gestern brachte die FAZ-Sonntagszeitung (FAS) ein ganzseitiges Interview mit Nick Jue, dem Vorstandsvorsitzenden der Online-Bank ING Diba. Ja, das sind die, die seit etlichen Jahren mit dem Basketballer Dirk Nowitzki werben.

Handfestes analoges Geld, wenn auch nicht furchtbar viel. (Foto: BB)

Nix Smartphone! Handfestes analoges Geld, wenn auch nicht unfassbar viel. (Foto: BB)

Besagtes Institut ist „zufällig“ eine Bank meines Vertrauens. Und deren Chef zog im Zeichen des orangefarbenen Löwen (Markenzeichen des niederländischen Konzerns) ganz schön selbstbewusst, wenn nicht gar etwas übermütig vom Leder:

Die Zukunft des Bankwesens liege eindeutig im Internet, Filialen seien weitgehend überflüssig. Kernzitat: „Banking wird digital!“ Die ING Diba begreift sich (mit gewisser Berechtigung) als Vorreiter dieser Entwicklung.

Schon bald, so Jue, werde man Geldgeschäfte vorwiegend via Smartphone erledigen. Sein Haus sei in dieser Hinsicht bereits gut aufgestellt. Doch es gebe noch zu tun: „Ja. Wir brauchen die beste App, das sage ich meinen Leuten immer wieder.“ Weiter im Text: „Heutzutage kommt es vor allem auf Geschwindigkeit an.“ Die Kundschaft wolle nicht warten.

Auch damit nicht genug: Klassische Bankmitarbeiter benötige man „kaum noch“, denn: „Heute ist IT-Kompetenz gefragt.“ Jue setzte zusammenfassend noch einen drauf: „…die Kunden gehen nun mal nicht mehr in Bankfilialen, sondern erledigen fast alles online.“ Möglichst keine Scherze mit Namen, aber: Eigentlich erstaunlich, das Jue nicht den Künstlernamen Juchhuuu angenommen hat.

Screenshot von der ING Diba-Homepage

Screenshot von der ING Diba-Homepage

Warum ich seine goldenen Sätze zitiere? Warum ich mich daran geradezu weide und ergötze? Ihr habt es vielleicht ungefähr erraten. Just heute, am Tag nach der tönenden Sonntagsschau, gab’s bei der ING Diba, die quasi hundertprozentig aufs Internet setzt, einen stundenlangen Online-Ausfall. Nichts ging mehr. Jedenfalls nicht via PC. Haben sie sich bei den Sparkassen und Volksbanken, die – trotz fortlaufender Schließungen – noch ein paar Filialen vorhalten, etwa die Hände gerieben? Pfui, wie garstig! Falls es so gewesen sein sollte, wäre es wohlfeile, um nicht zu sagen billige Schadenfreude.

Aber halt! Noch feixe auch ich. Doch wenn ich beim Frankfurter Institut (deutscher Ableger der NL-Zentrale) wieder online gehen kann, sehe ich womöglich unangenehme Ziffern. Bestimmt eine optische Täuschung.

 




Soziale Miniaturen (2): Kontoauszug

Ein stilecht abgewrackter Punk schlurft daher, heftig tätowiert, flächendeckend gepierct. Wie es das Klischee verlangt.

Auf seinem rissigen Shirt prangt die Aufschrift „Ihr seid alle ätzend!“ Hasserfüllt die ganze Haltung, jeder Blick Abwehr und Angriff. Oh, der hat Schluss gemacht mit allen Übereinkünften. Der ist sternenweit entfernt von jedem Spießertum, von jeder Normalität. Fast könnte man ihn beneiden.

Doch was tut er jetzt? Er nestelt aus dem abgewetzten Rucksack seine EC-Karte der Volksbank hervor, verschafft sich routiniert Zutritt zum Raum mit den Geldautomaten seines Vertrauens. Zieht alsdann noch die Kontoauszüge, damit das gleichfalls seine Ordnung hat. Gewiefte Marketing-Strategen könnten mit ihm ein Filmchen drehen und so für die allseits tolerante Bank werben. Man will nicht wissen, über wie viel Geld er verfügt. Doch posiert er mit blindwütiger Verachtung gegen allen Besitz. Darf man das nicht Verlogenheit, gar Idiotie nennen?

Jaja, gewiss: „Das System hat alle vereinnahmt, man kann ihm nicht entrinnen.“ Welch eine betrüblich billige Schlussfolgerung aus solch einem winzigen Vorfall. Doch ist sie falsch?