Béla Réthy: Zum Schluss ein paar kleine Lektionen

Fußballreprter Béla Réthy im April 2018 bei einer Pressekonferenz. (Wikimedia Commons, © Olaf Kosinsky / http://www.kosinsky.eu / Link zur Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)

Staatsaffäre höchsten Ranges: Ein deutscher Fernseh-Fußball-Reporter hört auf. Nach Jahrzehnten. Im ZDF. Béla Réthy. Ach, du meine Güte!

Im WM-Halbfinale Frankreich – Marokko (2:0) hat er seine letzte Messe gelesen. Gottlob gemeinsam mit dem vor nicht allzu langer Zeit emeritierten Ex-Fußballstürmer Sandro Wagner. Der kennt sich nämlich verdammt gut aus und weiß es auch zu kommunizieren. Herrlich, wie dieser Jungspund dem Beinahe-Rentner Béla Réthy auf dessen alte Tage noch ein paar kleine Lektionen erteilt hat, die dieser viel früher hätte gebrauchen können.

Vielleicht wäre Réthy einem ungleich sympathischer gewesen, wenn er einen anderen Job ausgeübt hätte. Synchronsprecher beispielsweise. Mit dieser Kettenraucher-Reibeisen-Stimme. Es hat nicht sollen sein (auch so ein üblicher Reporter-Spruch).

Wie zu lesen war, bekannte sich Béla Réthy bis zum Schluss zur „präsenten Prosa“, sprich: Er wollte spontan reden und mochte sich angeblich nicht groß vorbereiten – anders als der weitaus jüngere, furchtbar eingebildete WC Fuss, der sich auch in den sozialen Netzwerken umtut, bevor er kommentiert. Ungefähr so: „Spieler XY stellt seinen Kumpanen bei Instagram Buchstabenrätsel, schauen Sie mal rein. Es ist lustig.“

Nun ja, Béla Réthy hat sich ebenfalls vorbereitet. Aber eben nach Art seiner Generation. Eher so mit Karteikarten. Old school also. Unvergessen, wie er einst am Mikro das Aussehen eines Spielers mit einer Klobürste verglichen hat. Jetzt bedauert er derlei verbale Eskapaden.

Gerade heute, wo er Spielernamen hätte verwechseln dürfen, hat er es (offenbar) nicht so getan wie sonst. Schön aber, wie er in Katar über die Marokkaner gesagt hat: „Sie sind vielfach hier in Europa geboren.“ Is‘ klar, Béla. Schwamm drüber.

Unvergessliche Brüllwitz-Dialoge auch heute:

Réthy: „Sie (die Franzosen) sind ja auch Weltmeister…“
Wagner: „Du doch auch, oder?“
Réthy: „Noch nicht.“

Vielleicht ja jetzt. Parallel zur Rente. Wie alle, die das Berufsleben weitgehend hinter sich haben. Lauter Weltmeister.

Beide tippten übrigens auf Frankreich als neuerlichen Titelkandidaten. Messi hin, Messi her. Wir werden sehen.

Geradezu rührend Réthys Altersmilde: „Wir verteilen hier keine gelben Karten.“ Stimmt auffallend. Dafür sind tatsächlich andere Leute zuständig.

Schließlich dann doch noch der Köpper ins Klischee. Da die arabische Welt massiv beteiligt war, musste noch der Kracher von „1001 Nacht“ rausgehauen werden. Ehrensache. In diesen Kreisen. Neulich hat noch ein erbarmungswürdiger Kollege zu den Argentiniern „Dann Gute Nacht, Gauchos“ gesagt. Wie einst Heribert Faßbender. Aber 2022. Ich glaube, es war einer von „Magenta TV“ („Mehr WM geht nicht.“). Da sehnt man sich im Voraus fast schon nach Béla Réthy zurück.

Und was ist jetzt mit hundsgemeinen Facebook-Gruppen wie „Béla Réthy gefällt mir nicht“? Nun, irgendwen werden sie schon als Nachfolger(in) finden.

Nicht, dass uns am Ende doch noch seine Stimmlage fehlen wird…




Husaren, Helfersyndrom, Hahn im Korb, Huberty – noch ein paar Zeilen zur Fußball-WM

Ja, ist es denn zu glauben? Nur noch acht Partien, dann ist auch diese Fußball-WM schon wieder vorbei. Gegen derlei Flüchtigkeit muss man sich stemmen und wenigstens ein paar Kleinigkeiten festzuhalten suchen.

Ach, man könnte herrlich schwelgen in ausgelutschten Sätzen wie „Es gibt im Weltfußball keine leichten Gegner mehr“ oder „Es gibt auch interessante 0:0-Spiele“. Ja, diese WM gibt das alles her und sorgt somit für allzeit gut gefüllte Phrasenschweine.

Als es mal wieder in die Verlängerung ging - hier das Team aus Argentinien. (Foto: abgeknipst vom TV-Bildschirm)

Als es mal wieder in die Verlängerung ging – hier das Team aus Argentinien. (Foto: abgeknipst vom TV-Bildschirm)

Alle „Großen“, alle Favoriten haben sich bislang enorm schwer getan. Spielverlängerung ist die Regel. Es wird also keinen Weltmeister geben, der durchweg strahlend gespielt hätte. Aber gab es je solch einen unumwunden glänzenden Gewinner? Blättert mal ruhig in den Annalen, auch heute ist ein spielfreier Tag.

Ich habe ja gut reden, aber: Ich würde mir oft mehr bedenkenlosen „Husaren-Stil“ wünschen statt des gegenseitigen Belauerns und der rundum kontrollierten Taktik. Doch der Zwang zum zählbaren Erfolg überlagert die Spielfreude. Auf ein Match mit reichlich genialen Phasen, in denen alles ins Schweben geriete, warten wir einstweilen noch. Aber immerhin entgleisen manche Situationen in glühendes Chaos.

Fragen über Fragen: Hat Deutschland gegen Algerien tatsächlich „schlecht“ gespielt oder „hat es der Gegner nicht anders zugelassen“? (Noch’n Fünfer ins Phrasenschwein). Und weiter: Ist Joachim Löw stur oder nur konsequent? Hat er grundsätzlich etwas gegen Spieler aus Dortmund? Warum zieht er Lahm nicht in die Verteidigungslinie zurück, warum bringt er bisher weder Großkreutz noch Durm? Man könnte endlos schwadronieren. Und man tut es. Schließlich ist man ebenfalls privat bestallter Bundestrainer. Wie alle anderen auch.

Zuvor haben vor allem zahlreiche Frauen das Ausscheiden von Chile und Mexiko zutiefst bedauert. Es sind sozusagen die „Weltmeister der Herzchen“. Manche Damen halten es eben prinzipiell gern mit den vermeintlichen Außenseitern und Schwächeren, ohne alle fußballerischen Erwägungen.

Doch wehe, wenn sich dieser im Prinzip schöne Zug, wenn sich also die Ausprägung des Helfersyndroms auch noch mit der Ausschau nach „schönen Männerbeinen“ und dergleichen Qualitäten verknüpft, wobei der Latino schon als solcher Hahn im Korb ist. Dann tut sich doch wieder der tiefe Graben zwischen den Geschlechtern auf. Es soll Männer geben, die sich schon wieder nach der Bundesliga sehnen, die Welt- und Europameisterschaften genau deshalb nicht mögen, weil in diesen vier Wochen auch Frauen übers Kicken mitreden wollen. Ist ja unerhört!

Für Sekunden im "Weltbild" des Fernsehens: Anhängerin Argentiniens. (Foto: abgeknipst vom Fernsehbildschirm)

Für Sekunden im „Weltbild“ des Fernsehens: Anhängerin Argentiniens. (Foto: abgeknipst vom Fernsehbildschirm)

Man müsste generell mal untersuchen, warum jemand (abgesehen vom Team des Herkunfts- oder Einwanderungslandes) diese oder jene Mannschaft vorzieht. Man würde sicherlich nicht nur edle Motive finden, sondern auch Ressentiments. Wenn man das alles ausformulieren wollte…

Bemerkenswert, dass die vier Nachbarn Frankreich, Belgien, Holland und Deutschland noch dabei sind. Das heißt, auf ein paar (global betrachtet) recht kleinen Fleckchen Erde steht es offenbar nicht so übel um die Ballkünste und ums zugehörige Glück. Und nein: Das kann man jetzt wirklich nicht nur den Schiedsrichtern anlasten. Wie? Jaja, sicher, der Begriff „Nation“ muss heute eh ganz anders gefüllt werden. Geschenkt.

Jetzt also „gegen Frankreich“. Mon dieu! Allein dieser Benzema, dessen Namen ich mir immer hessisch ausgesprochen vorstelle, damit er nicht so erschröcklich wirkt. Nun, wir werden sehen.

Unterdessen geht das Kommentatoren-Elend mit anschwellenden Stimmen auf breiter Front weiter. Gewiss: Wer weiß, was wir alle vor einem Millionenpublikum verbal verzapfen würden. Wer sich da couchkartoffelig hinfläzt und dem Kommentator jede, aber auch jede missglückte Redewendung ankreidet, der soll sich was schämen.

Doch ach, es sind ja beileibe nicht nur einzelne Phrasen. Da stimmt oft der ganze Duktus nicht, die Haltung zum Spiel und zu den Zuschauern ist vollends verkorkst. Nein, man wünscht sich nicht die Namens-Aufzählerei aus Hubertys Zeiten zurück.

Doch ab und zu sollten Béla Réthy, Gerd Gottlob und Kollegen einfach mal den Schnabel halten und den Ball laufen lassen. Unser zeitweiliger Dank wäre ihnen gewiss. Wir müssten dann nicht bei jedem – auf welche Weise auch immer – abgewehrten Ball erfahren, er sei „geblockt“ worden. Wir müssten nicht bei jeglichem Fehlpass hören, es fehle noch an Präzision. Auch sollen uns diese Beschwörer des Offenkundigen nicht allweil sagen „Er kommt nicht dran“, wenn einer den Ball nicht erreicht.

Apropos Fernsehen: Ist da noch jemand, den das sogenannte „Weltbild“ nicht nervt, wenn haltlos jubelnde Fans entdecken, dass sie „drauf“ sind und wie verrückt winken, worauf die Regie rasch woanders hin schaltet? Es ist wie ein Katz-und-Maus-Spiel. Als dann freilich ein (bekleideter) „Flitzer“ mit einem Protest-Shirt auf den Rasen lief, hat die Weltregie noch ungleich schneller weggezappt. Die 15 Minuten Weltberühmtheit, die Andy Warhol einst jedem Erdbewohner prophezeite, wird man also auf anderem Wege bewerkstelligen müssen.

Übrigens: Kein Wort mehr zum Interview mit Per Mertesacker. Aber bitte auch nicht mehr so viele Interviews mit ihm, jedenfalls nicht von diesem koddrigen Kaliber. „Cool“ fand ich den zornigen reichen Mann nicht. Keineswegs. Einige Herren haben sich offenbar an Streichelbefragungen à la Katrin Müller-Hohenstein gewöhnt. Und was soll nur aus den wunderbar sinnfreien „Ja gut, äh“-Dialogen werden, wenn es jetzt beim leisesten Reporter-Zweifel immer gleich Saures gibt?

Aber jetzt wirklich kein Wort mehr darüber.

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