Gegen die Idiotie der Teilung: „Berliner Sachen“ von Uwe Johnson in einer ausführlich kommentierten Neuausgabe
Bevor im August 1961 SED-Chef Walter Ulbricht die Mauer bauen ließ, pendelten die Menschen jeden Tag mit der S-Bahn zum Arbeiten und Einkaufen zwischen Ost- und West-Berlin hin und her. Der Schriftsteller Uwe Johnson, der sich 1959 mit dem realen Sozialismus überworfen hatte, wagte einen Neuanfang im Westen und fuhr einfach mit der S-Bahn von Pankow aus in die Freiheit.
Mit „Mutmaßungen über Jakob“, „Das dritte Buch über Achim“ und den vierbändigen „Jahrestagen“ schrieb er sich zwar in die gesamt-deutsche Literaturgeschichte ein, doch im realen Kapitalismus blieb er immer ein Eigenbrötler und Außenseiter, der die letzten Jahres seines Lebens zurückgezogen in Sheerness on Sea auf der englischen Insel Sheppey lebte und sich aus der Ferne an den deutschen Verwerfungen abarbeitete.
Die S-Bahn als Metapher
Vor allem die Berliner S-Bahn wurde für Johnson eine Metapher für die Idiotie der Teilung, die man nur im Dialog überwinden könne. Immer wieder verfasste er für „Zeit“ und „Kursbuch“ Aufsätze über die „gelbroten Züge der Stadtbahn“, die bis zum Mauerbau einer Lebensader glichen und dazu beitrugen, die politische Sprachlosigkeit der Systeme zu unterwandern: „Fünfhunderttausendmal täglich, von neun Bewohnern beider Berlin immer einer unterwegs, oft stellvertretend, hinüber und herüber. Die Städte blieben einander wenigstens bekannt, flüchtig verwandt, locker verwachsen.“
Als in Folge des Mauerbaus Westberliner Gewerkschaften und sogar Bürgermeister Willy Brandt zum Boykott der von der DDR-Reichsbahn betriebenen S-Bahn aufriefen, weil es unzumutbar sei, „dass die Westgeld-Einnahmen der S-Bahn für den Einkauf des Stacheldrahtes verwendet werden“, mahnte Johnson zu Vernunft und Gesprächsbereitschaft. Doch Johnsons Widerspruch verpuffte, viele S-Bahnhöfe im Westen verwahrlosten, wurden geschlossen und erwachten erst wieder nach dem Fall der Mauer zu neuem Leben.
Was die „guten Leute“ wollen
Die politisch hellsichtigen Interventionen, die Johnson zwischen 1961 und 1971 verfasste und 1975 im Essay-Band „Berliner Sachen“ versammelte, sind jetzt in einer fulminanten „Rostocker Ausgabe“ neu aufbereitet und umfangreich kommentiert worden. Zu erleben ist hier ein Autor, der sich politisch einmischte und dabei doch stets einen hohen literarischen Ton bewahrte. Den Zumutungen der Welt antwortete er mit einer klaren Sprache, die jedes literarische Wort auf die politische Waage legte.
Moralische Ambivalenz verurteilte Johnson. Den „guten Leuten“, die nicht müde werden, „öffentlich zu erklären, dass sie die Beteiligung ihres Landes am Krieg in Vietnam verabscheuen“, entgegnete er im „Kursbuch“: „Die guten Leute essen von den Früchten, die ihre Regierungen für sie in der Politik und auf den Märkten Asiens ernten. Die guten Leute wollen einen guten Kapitalismus, einen Verzicht auf Expansion durch Krieg, die guten Leute wollen das sprechende Pferd (…), die guten Leute sollen das Maul halten“ und aufhören, „zu reden von einem Gutsein, zu dessen Unmöglichkeit sie beitragen.“
Uwe Johnson: „Berliner Sachen“. Aufsätze. Hrsg. von Katja Leuchtenberger u.a., Suhrkamp, 686 Seiten, 45 Euro.
