Neuer Schub für die Revier-Bewerbung – Gespräch mit Oliver Scheytt über den Stand der Dinge in Sachen Kulturhauptstadt 2010

Von Bernd Berke

Essen. Wie steht’s mit den Aussichten des Ruhrgebiets in der Konkurrenz um die europäische Kulturhauptstadt fürs Jahr 2010? Die WR sprach mit Oliver Scheytt, der als so genannter „Moderator“ bei der Bewerbung federführend ist.

Frage: Es gibt Klagen, dass die Bürger noch nicht so recht begeistert seien von der Kulturhauptstadt-ldee.

Oliver Scheytt: Wir haben Leute befragt. Die meisten sagen bisher: Gut und schön, aber man weiß noch nicht viel darüber. Wir sind eben noch in der Bewerbungs-Phase. Wir können nicht dauernd Wind machen. Man kann nicht ständig über ein Programm reden, das erst 2010 stattfinden soll. In Kürze wird es aber einen neuen Schub geben: Es werden einige große Werbe-Kampagnen beginnen – auch mit viel Ruhrgebiets-Prominenz. Unser dreifaches Motto lautet: Wir wollen die Region mobilisieren, Meinungsführer überzeugen und Europa gewinnen.

Was ist in den letzten Wochen geschehen?

Scheytt: Wir haben uns darauf konzentriert, weiter Ideen und Geld zu sammeln. Es gab eine Sponsoren-Konferenz mit guten Resultaten. Jetzt kann wieder eine Mobilisierungs-Phase beginnen.

Was trägt die Region rund um Dortmund bei?

Scheytt: Im nächsten Jahr sind Regionalkonferenzen geplant, auch im östlichen Ruhrgebiet. Überhaupt ist Dortmund stets mit eingebunden – nicht nur durch den Kulturdezernenten Jörg Stüdemann. Der Kreis Unna bringt gute Kontakte in die Kulturhauptstadt des letzten Jahres mit, ins französische Lille. Wichtig auch das Zentrum für Lichtkunst in Unna. Lichtkunst ist ein zentraler Faktor der Bewerbung. Projekte wie das Hagener Schumacher-Museum, das „Dortmunder U“ (Museumspläne in einer Ex-Brauerei, d. Red.) oder der Umbau des Essener Folkwang-Museums sind ebenfalls starke Argumente. Wir wollen zeigen: Das Ruhrgebiet investiert in Kultur. Immerhin sind hier zwei neue Konzerthäuser in Dortmund und Essen entstanden.

Und wo bleibt die europäische Dimension?

Scheytt: Wir haben Vertreter aus den 196 europäischen Partnerstädten der 53 Kommunen und Kreise im Ruhrgebiet für Februar 2006 nach Dortmund eingeladen. Es liegen schon über 100 Zusagen vor. Ein solches Treffen hat es noch nie gegeben.

Werden dabei auch Themen wie die jüngsten Unruhen in Frankreich diskutiert?

Scheytt: Unbedingt! Schwerpunkte unserer Bewerbung sind ja Themen wie Migration, Strukturwandel und Stadtentwicklung. Hier kann das Ruhrgebiet wertvolle Erfahrungen einbringen.

Was sagen Sie zur Mahnung des NRW-Kulturstaatssekretärs Grosse-Brockhoff, dasRevier solle sich bloß noch nicht als Sieger über den Mitbewerber Görlitz wähnen?

Scheytt: Er hat völlig recht. Es gibt keinen Grund, überheblich zu sein. Unsere Bewerbung ist sehr viel komplexer als die von Görlitz. Daher ist sie vielleicht schwerer zu vermitteln. Andererseits ziehen wir unsere Kraft gerade aus der vielfältigen, dezentralen Struktur des Ruhrgebiets.

Wann könnte die Hauptstadt-Entscheidung fallen?

Scheytt: Wir rechnen mit dem Besuch einer siebenköpfigen EU-Jury im März 2006. Inzwischen stehen auch die Namen von vier Jury-Mitgliedern fest.

Werden Sie etwa versuchen, diese Damen und Herren zu beeinflussen?

Scheytt: Nein, nein! Aber wir informieren uns natürlich genau über ihre kulturellen Vorlieben.

Und was geschieht, wenn Görlitz gewinnen sollte?

Scheytt: Allein unsere Bewerbung ist bereits ein Erfolgsprojekt fürs ganze Ruhrgebiet, sie wirkt wie ein großer Durchlauferhitzer. Die Städte agieren schon jetzt immer mehr gemeinsam. Das wird bleiben und weiter wirken.

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Zur Person

Oliver Scheytt: Ein Mann mit vielen Ämtern

• Oliver Scheytt wurde 1958 in Köln geboren.

• Er hat Musik (Fach Klavier an der Essener Folkwang-Hochschule) sowie Jura studiert und ist promovierter Jurist. Seine Dissertation schrieb er über Musikschulrecht.

• Von 1986 bis 1993 war Scheytt in verschiedenen Funktionen für den Deutschen Städtetag tätig.

• Seit 1993 ist er Kulturdezernent der Stadt Essens und als solcher auch für Bildung zuständig.

• Seit 1997 ist er zudem Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, seit 1998 sitzt er im Vorstand des Kulturforums der Sozialdemokratie.




Bewerbung als „Kulturhauptstadt Europas“: Ruhrgebiet hat steinigen Weg vor sich

Von Bernd Berke

Im Westen. Das Revier strotzt auch kulturell vor Selbstbewusstsein. Wenigstens gilt dies für seine Verbandsfunktionäre. Etwa für Dieter Nellen vom Kommunalverband Rühr (KVR). Er schwenkte gestern in Essen ein Bündel Papiere und rief aus: „Hier habe ich erdrückende Zahlen und Fakten für die Kölner!“ Wie bitte?

Nun, beredet und in einem Grundsatzpapier fixiert wurde die Bewerbung des Ruhrgebiets um den Titel „Kulturstadt Europas“ fürs Jahr 2010. Und da konkurriert man mit der Domstadt (die WR berichtete).

„Als Region sind wir unschlagbar“

Doch die Kölner, da war man sich gestern im vom KVR moderierten Kreis der Revier-Kulturdezernenten einig, können wenig gegen die geballte Kraft einer ganzen Gegend ausrichten. Reinhard Frind, Kulturbeigeorndeter der Stadt Oberhausen, befand gar: „Als Region sind wir unschlagbar.“ „Als Region sind wir unschlagbar.“

Doch bis zur Entscheidung wird noch manches Gremium tagen müssen. Zuerst soll die Bewerbung in KVR-Arbeitskreisen gebilligt werden, dann will man sich langsam auf NRW-Ebene vorarbeiten, sprich: Die Düsseldorfer Landesregierung möge eine Empfehlung fürs Ruhrgebiet aussprechen. Dies könnte etwa 2003 der Fall sein.

Mit diesem Bonus versehen, müsste die Bewerbung (Name einer Stadt erforderlich) an die Bundesregierung weitergereicht werden, die auch mehrere deutsche Kommunen nominieren darf (Frist: 31. Dezember 2005). Das letzte Wort hat hernach der Europäische Rat.

Dezernenten geben sich optimistisch

Ein recht steiniger Weg, denn Frankfurt, München und Stuttgart zeigen auch schon Interesse. Doch die Kulturdezernenten des Reviers sind optimistisch. Zwar waren die Herren aus Dortmund, Duisburg und Hagen nicht anwesend, es wurde aber versichert, sie seien „mit im Boot“. Dieter Nellen: „Hagen ist mit seinem künftigen Emil-Schumacher-Museum ein Pfund, mit dem man wuchern kann.“

Die kleineren Städte wittern ebenfalls Morgenluft. Michael Makiolla, Kreisdirektor in Unna: „Allein hätten wir nie und nimmer die Chance, Kulturstadt Europas zu werden. Im Verein mit der Region schon.“

Triennale als ein Kernpunkt

Und die Kosten? Man wird halt noch viel darüber reden müssen, doch Harald Reimer (KVR-Fachbereich Europa) rechnet vor: 2005 sei Irland an der Reihe, die Stadt Cork habe gute Chancen und wolle dann 12,5 Mio. Euro für Kulturstadt-Belange bereitstellen, weitere 6,5 Mio. Euro könnten von der irischen Regierung kommen.

Ob solche Zahlen fürs Revier Aussagekraft haben, weiß kein Mensch. Doch Reimer kalkuliert schon jene vielen Millionen mit ein, die fürs Triennale-Festival unter Gerard Mortiers Leitung fließen sollen. Die Triennale, das zeichnet sich ab, dürfte ein Kernpunkt der Bewerbungs-Strategie werden.

Essens Dezernent Oliver Scheytt glaubt, dass man keine größeren Mittel „woanders abschöpfen“ müsse. Die bloße Bewerbung werde Kräfte freisetzen. Auch Bochums Dezernent Hans-Georg Küppers glaubt: „Das wird ein Sprung nach vorn.“




Noch ein Hut im Ring – Revier will „Kulturstadt Europas“ werden

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“ Nach diesem forschen Motto scheint man derzeit im Ruhrgebiet zu handeln. Man bewirbt sich kollektiv um alles, was nicht niet- und nagelfest ist.

Für die Olympischen Spiele des Jahres 2012 wirft man den Hut in den Ring. Nun soll die Region mit möglichst vereinten Kräften auch noch den Titel „Kulturstadt Europas“ anno 2010 holen. Wir erinnern uns: Kürzlich stand man an Ruhr und Emscher schon bereit, die „Loveparade“ kurzerhand von Berlin zu übernehmen.

Stets geht es dabei um den ganz großen Wurf, um „internationale Strahlkraft“ (NRW-Kulturminister Vesper über das künftige „RuhrTriennale“-Festival) oder am besten gleich um „Weltklasse“. Der immer etwas monströs wirkende Gedanke einer von Duisburg bis Dortmund reichenden „Ruhrstadt“, die angeblich mit Mega-Metropolen wie Berlin und New York vergleichbar wäre, dürfte häufig dahinter stecken.

Genugtuung und Skepsis

Man ist hin- und hergerissen zwischen Genugtuung und Skepsis. Wenn etwa, wie jüngst geschehen, eine Münchner Zeitung sich über Dortmunds vermeintliche Tristesse lustig macht, so war’s ja schön, dem Spott etwas entgegenzusetzen.

Doch allmählich fürchtet man um die Konzentration der Kräfte. Ist es wirklich so geschickt, immer „Hier!“ zu rufen, wenn ein Großereignis zu vergeben ist? Einfache Lebensweisheit: Wer alles will, steht nachher oft mit gänzlich leeren Händen da.

Die leidige Kostenfrage

Außerdem sollte man die Konkurrenz um die „Kulturstadt“-Ehren keinesfalls unterschätzen. Der Name Köln (Cologne) hat international erheblich mehr Klang als der jeder Revier-Kommune. Den Dom zu Köln kennen sie in ganz Europa, den in Essen wohl nicht. Dafür gibt es am Rhein nicht so viele kulturtaugliche Industriebauten und keine Triennale. Es wird also doch spannend.

Spannend könnte auch die Kostenfrage sein. Falls das Revier den Titel erringt, müssten die einzelnen Städte – weit übers übliche Maß hinaus – erhebliche Anstrengungen unternehmen, um kulturelle Bestände und Infrastrukturen auszubauen. Ob dann immer noch alle an einem Strang ziehen? Und wenn „wir“ nun Olympia bekämen und obendrein Kulturstadt Europas würden? Gar nicht auszudenken!

                                                                                                                     Bernd Berke