Lungern und hecheln – „Journalismus“, der entgeistert

Bei manchen Journalist*innen herrscht immer Alarmstufe Rot. (Foto: BB)

Manchmal kann einem dieses ganze journalistische Gewerbe, kann einem der ganze (kommerzielle) Medienbetrieb schwerstens auf den Senkel gehen.

Da ist beispielsweise der Lungerjournalismus in Gestalt von Kolleg*innen („man“ soll ja füglich gendern), die stundenlang auf Fluren herumhängen, um wenigstens einen einzigen knackigen Satz aus dem Munde hochwichtiger Polit-Darsteller*innen einzufangen. Ein paar Stunden später ist dies entweder der Talkshow-Aufreger No. 255 oder halt schon das Geschwätz von gestern. Solche Warte-Jobs mögen teilweise gut bezahlt sein, aber ach: Wie öde sind sie doch! Wenn sie sich nach einem solchen Tag ehrlich selbst befragen würden („Was hast du heute bewirkt?“), wie müsste die Antwort dann wohl lauten?

Twitter schlägt Tagesschau

Auch weiß man gar nicht mehr, worauf sich speziell die Fernsehleute so mächtig viel einbilden. Das Fernsehen hat sich als lineares, an Sendezeiten gebundenes Programmzeitschriften-Medium weitgehend erledigt, auf gewissen Kanälen werden die vielfach kläglichen Bildchen-Häppchen nur noch für Senioren versendet. Derweil heimsen YouTuber, TikToker, Influencerinnen und derlei hippes Völkchen mit fortwährender Selbstdarstellung die wahren Quoten und Followerzahlen ein. Manche Tweets haben mehr Zugriffe als die „Tagesschau“ um 20 Uhr, die früher einmal als Maß der Dinge gegolten hat. Und unversehens rückt der Hörfunk in Form von teilweise sehr intelligenten Podcasts wieder nach vorn, während auf mancher Radiowelle der eine oder andere Kulturabbau betrieben wird. Alles im Dienste der Quote, versteht sich.

…und immer nackt

Eine weiteres Phänomen, längst nicht nur bei den Boulevardblättern, könnte man Hecheljournalismus nennen. Den gab’s immer schon, doch er hat sich bis zum Wahnwitz beschleunigt und gesteigert. Da wird versucht, immerzu die Aufregung am Kochen und Brodeln zu halten. Da ist es immer mindestens „fünf nach zwölf“. Unverkennbare Signale sind Formulierungen wie „Die Lage spitzt sich zu“, „Pandemie (oder was auch immer) und kein Ende“, „…nur die Spitze des Eisbergs“, „Das Netz erregt sich über…“, „Wirbel um…“ Was einst Wetterbericht gewesen ist, kommt nun als ständiger Katastrophen-Alarm daher – mit Angstwörtern wie „Russenpeitsche“ und „Blutregen“.

In den Boulevard-Produkten geht’s nur noch im Sex-, Gewalt-, Panik- oder Streit-Modus zur Sache (nein: weit an der Sache vorbei), da herrschen ständig Zoff, Beef, Randale und dergleichen, man fetzt sich unentwegt. Sagt jemand ein, zwei kritische Sätzchen, heißt es gleich: „er ledert“, „er nagelt“, „geht auf jemanden los“. So so gut wie alles ist „Chaos“, „Wahnsinn“, „irre“, „der Hammer“, ist ein „Beben“ oder „Erdrutsch“, ist „Mega“. Dazu nach Belieben Schüsse oder Stiche. Und immer nackt.




A ledert gegen B, der nagelt heftig zurück – die unerträgliche Dauer-Aggression im Boulevard-Journalismus

Man mag sie nicht mehr lesen, diese schnellfertig vorgestanzte, vermeintlich coole und trendige „Berichterstattung“ gewisser Nachrichtenportale. Doch was heißt hier „Nachrichten“? Wissenswerte Neuigkeiten erfährt man da nur sehr bedingt.

Konfrontation als Normalzustand. (Foto: BB)

Konfrontation als Normalzustand. (Foto aus dem wahren Leben: BB)

Nehmen wir nur mal diese allzeit auf Steigerung angelegte Inszenierung von Konflikten oder bloßen Meinungsverschiedenheiten, ob nun im Politikbetrieb, unter Chichi-Promis oder im Fußball. Da schreit’s einem dann schon die Überschrift entgegen – hier ein frei erfundenes Beispiel, natürlich ganz ohne Bezug aufs wirkliche Leben, oder sollte die Zeile wirklich irgendwo so ähnlich gelaufen sein?

„Rummenigge geht auf Lewandowski los“

Wahlweise auch umgekehrt. Klingt fast nach Schlägerei, ist aber oft nur eine relativ harmlose Äußerung. Wer immer seinen Standpunkt einigermaßen deutlich darlegt (also „klare Kante“ zeigt), muss mit derlei Überschriften rechnen. Ein Widerpart zur Konfrontation findet sich immer.

Nur in Anführungszeichen

Nach ähnlichem Übertreibungs-Muster heißt es dann gern „Völler tobt über…“, wahlweise auch „wütet gegen…“, „poltert gegen…“ oder – um mal nicht gar so persönlich zu werden – „X ledert gegen Y“. Dieses „Ledern“ gehört offenbar unumstößlich zum Sprachgebrauch des gängigen Boulevard-Journalismus, wobei das Wort Journalismus eigentlich ebenfalls zwischen Anführungszeichen gehören würde. Statt „ledern“ heißt es gelegentlich auch, noch eine Spur heftiger, „X nagelt gegen Y“. Heiliger Strohsack!

Kennzeichnend für dieses Deppendeutsch ist nicht nur schiere Dämlichkeit, sondern zuvörderst ein dauerhafter, so gut wie nie nachlassender Grundton der stets sprungbereiten Aggression. Adrenalin, Testosteron & Co., wie ein branchenüblicher Dreiklang lautet. Denn merke: Bei nicht weiter fortgeführten Aufzählungen heißt es am Ende stets „& Co.“

Weggeballert und abgeschossen

Immer attackiert jemand oder greift an, wobei diese Formulierungen noch die harmlosesten sind. Immerzu gibt es Zoff, ständig wird jemand verhöhnt und mit Häme übergossen. Und wenn’s um Sieg und Niederlage geht, so ist der Unterlegene allemal ein Loser, er wird – zumal im Sport – weggeballert, abgeschossen, zerlegt, pulverisiert, vernichtet. Ab einem Fußball-Ergebnis von 3:0 oder 4:0 redet der „Spocht-Repochter“ zudem gern von einer „Klatsche“.

Anschließend, so die Sprachregelungen, watscht jemand jemanden ab, dann ist Feuer unterm Dach und es brennt der Baum. Auch werden immerzu „Messer gewetzt“. All das, der ganze elende „Aggro“-Tonfall wirkt sich – schreiend oder schleichend – nicht nur auf den Pausenhöfen der Republik aus. Wen wundert’s noch, dass Fußballer neuerdings vereinzelt auch schon mal obszöne Masturbations-Bewegungen auf dem Platz vollführen. Und ins Politsprech ziehen derweil Kraftausdrücke wie „in die Fresse“ ein.

Guck mal, was deine Tussi tut…

Auf den „bunten“ Klatschseiten hat es sich unterdessen längst eingebürgert, nicht von Trennung zu sprechen, sondern (wer hat den Stuss nur erfunden?) von „Liebes-Aus“. Selbiges wird von Boulevardpresse und Yellow-Blättchen mitunter selbst herbei gefaselt, indem sie z. B. ein Promi-Männchen hämisch auffordern: „Guck mal, XY…, was deine YZ gerade tut!“ Natürlich rekelt sich die halbnackte Tussi mit einem anderen Typen am Pool, was auch sonst? So sind se halt. Die Mario Barths der Nation lachen sich ins Fäustchen.

Und wenn sich ein C-Promi oder D-Sternchen blamiert, heißt es immer mal wieder gern: „Ganz Deutschland lacht über…“ Ein paar Tage später darf sich das Objekt des Spotts äußern und sich dabei am liebsten noch tiefer `reinreiten. Dann lautet die Zeile vorzugsweise so: „Jetzt spricht…“

„Alles, was du jetzt wissen musst“

Betrüblich sind nicht nur die üblichen Verdächtigen des Gewerbes, sondern auf seine provinzielle Weise auch ein regionales Portal im Ruhrgebiet, das die User bedenkenlos duzt und sie mit jedem News-Geschrei halbschräg von der Seite her anmeiert. Sie machen einen auf soziales Netzwerk bzw. auf gute Freunde und blasen jedes Skandälchen auf mit Lebenshilfe à la „Alles, was du jetzt wissen musst“ oder gleich „Was du jetzt tun musst“. Sie sagen es einem. Besser wär’s, man pfiffe drauf.